Gegen den »Sumpf«: Lenins Bruch mit dem Opportunismus
Warum las Lenin Hegel, studierte Hunderte Bücher und Artikel und beschäftigte sich ausführlich mit dem Liberalen John A. Hobson, bevor er seine Imperialismusschrift vollendete? Die Entstehungsgeschichte der Broschüre zeigt, was Lenin unter konkreter Analyse als Voraussetzung revolutionärer Politik verstand.
Von Paul Oswald
Im Juli 1916, vor 110 Jahren, sandte Lenin das Manuskript seiner Imperialismusbroschüre an den Petrograder Verlag Parus. Erst nach der Februarrevolution, im April 1917, sollte Lenins bahnbrechende Studie über den Imperialismus erscheinen.
Innerhalb der revolutionären Arbeiterbewegung bestand seit mehr als einem Jahrzehnt eine heftige Kontroverse über die politische und ökonomische Analyse der neuen, wie Lenin darlegen sollte, revolutionären Epoche. Die praktische Konsequenz dieser ideologischen Auseinandersetzung zeigte sich spätestens mit dem Zusammenbruch der II. Internationale, der Etablierung des politischen Burgfriedens und der Integration der Sozialdemokratie in den imperialistischen Weltkrieg.
Lenin lieferte der Arbeiterbewegung mit seiner Studie über den Imperialismus das entscheidende ideologische Rüstzeug für ihren Kampf. Seine Untersuchung begründete die Notwendigkeit des Bruchs mit der Sozialdemokratie aus den veränderten Bedingungen des Kapitalismus selbst und wurde damit zu einer wichtigen theoretischen Grundlage der Oktoberrevolution und der Herausbildung der III. Internationale.
Lenins Analyse bleibt auch nach über 100 Jahren eine der wohl umstrittensten Schriften des wissenschaftlichen Kommunismus. Dies ist nicht verwunderlich. Wie in »Was tun?« (1902), »Staat und Revolution« (1917) und anderen Arbeiten verbindet Lenin die theoretische Analyse unmittelbar mit den konkreten Kampfbedingungen der Arbeiterbewegung: mit der Bestimmung ihrer Gegner und Verbündeten, ihrer Aufgaben und der Bedingungen revolutionärer Politik. Gerade deshalb ist die Auseinandersetzung um Lenin immer auch eine Auseinandersetzung um politische Schlussfolgerungen. Für den Opportunismus ist es von größter Bedeutung, diese konkrete Untersuchung zu verzerren und damit die Arbeiterbewegung in ihrem Kampf fehlzuleiten.
Das Wiederentflammen der Imperialismusdebatte, spätestens seit dem Ausbruch des Ukrainekriegs, hat eine Tendenz zur Verflachung und Dogmatisierung befördert. Schnell sind einzelne, aus dem Kontext gerissene Zitate aus der Imperialismusschrift parat, um den Gegner des Opportunismus zu überführen. Dieser weitverbreitete Katechismus und seine bekannten Kanzelprediger, die davor warnen, ihre heiligen Worte zu hinterfragen, führen dazu, dass heute weder eine systematische Beschäftigung mit Lenins Studien noch ernsthafte Versuche zu erkennen sind, diese Erfahrungen für die Gegenwart nutzbar zu machen.
Im Durchbrechen des »kommunistischen« Katechismus sah Lenin eine der zentralen politischen Aufgaben seiner Zeit. Auch heute bleibt dies eine der entscheidenden Aufgaben, und sie wird es so lange bleiben, wie es Klassen und Klassenkampf gibt.
Mit Blick auf den Lenin-Katechismus in der Imperialismusfrage besteht ein erster wichtiger Schritt darin, die Frage zu stellen, warum Lenin überhaupt an seiner Studie gearbeitet hat – hier setzt der folgende Artikel an. In einem weiteren Schritt könnte der Blick auf den damaligen Diskussionsstand innerhalb der Arbeiterbewegung erweitert werden, um anschließend zu überprüfen, worin Lenins genauer Argumentationsgang bestand und wie dieser vor dem Hintergrund seiner konkreten Kampfsituation zu verstehen ist – bzw. eben nicht zu verstehen ist. Eine solche Wiederaneignung von Lenins Imperialismusanalyse kann jedoch nicht die Aufgabe Einzelner sein, sondern bleibt eine kollektive Aufgabenstellung der kommunistischen Bewegung.
Ein politischer Auftrag
1915 gründete Maxim Gorki gemeinsam mit dem Verleger Alexander Trichonow und Iwan Ladyschnikow den Verlag Parus (Das Segel). Gorki knüpfte an eine Idee aus dem Jahr 1911 an und schlug eine Reihe mit dem Titel »Europa vor und während des Kriegs« vor, die als Anklageschrift gegen den Kapitalismus angelegt werden sollte. Die Publikationsreihe sollte den Ersten Weltkrieg und seine Hintergründe aus der Perspektive der verschiedenen Länder beleuchten. Lenins zugesagte Auftragsarbeit für die Reihe bot ihm politisch die Möglichkeit, erstmals legal und umfassend seine imperialismustheoretischen Überlegungen der russischen Arbeiterklasse darzulegen. Gorkis Publikationsreihe geriet ins Stocken. Außer Lenins Imperialismusschrift sind von der initiierten Publikationsreihe im Parus Verlag lediglich die Studien von Pawlowitsch über Asien und von Cheraskow über England publiziert worden.
Im Januar 1916 begann Lenin, an der Broschüre zu schreiben. Ab April 1916 stand er unter zunehmendem Zeitdruck durch den Verlag, die Broschüre endlich fertigzustellen. Im Mai und Juni 1916 konzentrierte sich Lenin ausschließlich auf die Fertigstellung, was ihm im Juni 1916 gelang – allerdings nicht in der vereinbarten Länge. Ein Jahr nach der Manuskripteinreichung, im August 1917, wurde Lenins Broschüre veröffentlicht, mit einer Auflage von 15.000 Exemplaren, die schnell vergriffen waren.i
Lenin liest Hegel
Lenins intensiver Forschung über den Imperialismus und der Erarbeitung einer strategischen Orientierung ging nach Beginn des Ersten Weltkriegs ein Studium der klassischen deutschen Philosophie voraus. Zwischen September 1914 und Mai 1915 studierte Lenin u. a. Ludwig Feuerbachs »Darstellung, Entwicklung und Kritik der Leibnizschen Philosophie«, Hegels »Wissenschaft der Logik«, unter Berücksichtigung der »Logik« in Hegels »Enzyklopädie«, Hegels »Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie«, Hegels »Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte«. Hinzu kam umfangreiche Sekundärliteratur. Lenins umfängliches Studium schlug sich in einer Vielzahl von Exzerpten und kommentierten Anmerkungen nieder, die als »Philosophische Hefte« im Band 38 der Lenin-Werke veröffentlicht wurden.
Der damals 44-jährige Lenin absolvierte in drei Vierteljahren ein umfassendes philosophisches Programm. Für Lenin bestand offensichtlich ein Zusammenhang zwischen dem theoretischen Rüstzeug der sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale und ihrem Verrat im Zuge des Ersten Weltkriegs. Sie hatten die wissenschaftlichen Grundlagen der marxistischen Theorie verdrängt. Lenins Anliegen bestand darin, diese wissenschaftliche Grundlage wieder in Erinnerung zu rufen, um dadurch die marxistische Theorie zurück zu einem politischen Instrument des Klassenkampfs zu entwickeln.
Lenins intensiver Hegel-Lektüre ging eine Marx-Lektüre voraus. Im September 1913 erschien eine vierbändige Auswahl des Briefwechsels zwischen Marx und Engels. Lenin arbeitete diese Bände in kurzer Zeit durch. Seine Anmerkungen zu dem Briefwechsel bezogen sich zu einem Viertel auf die Frage der Philosophie und der Dialektik, wobei die hegelsche »Logik« und Marx’ Auseinandersetzung im »Kapital« im Mittelpunkt standen. Indem Lenin die Briefe gegen die revisionistische Interpretation Bernsteins wandte, entdeckte er die Bedeutung Hegels für die marxsche Theorie.
Die vieldeutigen Metaphern aus dem Nachwort der zweiten Auflage des »Kapitals« sowie Engels’ Rede von dem auf den Kopf gestellten Materialismus Hegels sorgten bei Lenins Hegel-Lektüre anfänglich für ein Aschenputtel-Prinzip: die »schlechten« Passagen werden getilgt, die »guten« werden notiert. Im weiteren Verlauf seiner Lektüre ersetzte Lenin dieses Verfahren durch eine kritische Rekonstruktion und Aneignung. Je weiter sich Lenin durch die »subjektive Logik« Hegels arbeitete, desto umfangreicher wurden seine Exzerpte und Anmerkungen. Über die Hälfte Lenins Notizen beziehen sich auf die »Lehre vom Begriff«, von denen sich fast zwei Drittel auf den Abschnitt über die Idee beziehen. Lenin identifizierte das Kapitel über die absolute Idee als den eigentlichen »Kern« der »Wissenschaft der Logik«.ii
Gegen den »Sumpf«
Das Ergebnis von Lenins Hegel-Lektüre ist die Niederschrift von Merkposten, worauf es nach Lenin beim Gebrauch der dialektischen Methode ankommt. Sie finden sich innerhalb von Lenins Notizen und Anmerkungen zur »Wissenschaft der Logik« in 16 »Elementen der Dialektik«, die Lenin im Zusammenhang mit Hegels Darstellung der absoluten Idee als absoluter Methode niederschrieb.iii Zu finden sind sie auch in dem Fragment »Zur Frage der Dialektik«, in dem Lenin versuchte, seine Ergebnisse zu verdichten.iv
Der Zusammenhang von Lenins Dialektik-Studium und seiner Ausarbeitung der Imperialismusanalyse ist einerseits durch den zeitlichen Zusammenhang sowie eine Reihe philosophischer Notizen in den »Heften zum Imperialismus« belegt. Die Bedeutung der methodischen Auseinandersetzung wird auch daran ersichtlich, dass alle marxistischen wie nichtmarxistischen Autoren ihre Arbeiten auf demselben Tatsachenmaterial stützten, um den Imperialismus zu erklären, und dabei zu vollkommen unterschiedlichen Definitionen kamen. Lenin hatte die Methode der konkreten Analyse als eine Vereinigung von Totalität und Entwicklung bestimmt.v
In Lenins »Heften zum Imperialismus« findet sich ein »Entwurf zu einem Artikel über den Kampf gegen den ‚Sumpf‘ (Notizen über das Kautskyanertum)«. Dort ist zu lesen: »Eklektik statt Dialektik. ‚Mittelding‘: ‚Versöhnung‘ der Extreme, keine klare, bestimmte, eindeutige Schlussfolgerung, Schwankungen. Versöhnung und Abstumpfung der Klassengegensätze in Worten, während sie sich in Wirklichkeit verschärfen.«vi Lenin charakterisiert hier das Kautskyanertum, als eine der damals wichtigsten opportunistischen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie, an dieser Stelle methodologisch.
Methodologische Unklarheiten waren zu diesem Zeitpunkt weit verbreitet, etwa der Austromarxismus, der einen »Marxismus ohne Hegel« begründen wollte. Georgi Plechanow, der nach Engels’ Tod zur philosophischen Autorität unter den Kommunisten wurde, legte vor allem Wert auf die Kontinuität der materialistischen Tradition im Marxismus, behandelte Hegel jedoch nur am Rande. Karl Kautsky schrieb davon, dass Philosophie nie seine Stärke war und dass, auch wenn er auf dem Standpunkt des dialektischen Materialismus stehe, er doch daran glaube, »der ökonomische und historische Standpunkt von Marx und Engels zur Not auch mit dem Neukantianismus vereinbar ist«. Bereits Engels bemerkte, dass es, »um die Sache beim Namen zu nennen, […] weder Kautskys noch Bernsteins Sache« gewesen sei, sich auf Hegel einzulassen. Bernstein selbst ging noch weit über Kautsky hinaus und bezeichnete den Hegelianismus als etwas Schlechtes, was er darin begründet sah, dass Hegel für die revolutionäre Seite des Marxismus verantwortlich sei. 1899 warnte Bernstein in seinem Buch »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie« vor den »logischen Purzelbäume[n] des Hegelianismus«, mit denen man »im Sumpf« lande. Weiter heißt es dort, dass das, was »Marx und Engels Großes geleistet haben, […] sie nicht vermöge der Hegelschen Dialektik, sondern trotz ihrer geleistet« hätten. Bernsteins Buch veranlasste sogar Kautsky zu einer Verteidigung des Hegelianismus, wenn auch in einer verkürzten Form.vii
Im Mai 1920 erschien Bucharins Schrift »Ökonomik der Transformationsperiode«. Lenin rezensierte Bucharins Arbeit und fasste am Schluss seine Kritik an den philosophischen Grundlagen Bucharins zusammen. Lenin wirft Bucharin Eklektizismus vor, da Bucharin den dialektischen Materialismus mit der Organisationssoziologie Bogdanows verquickt habe. Lenin sah darin die Begründung, weshalb Bucharin sehr häufig in eine dem dialektischen Materialismus widersprechende Begriffsscholastik verfiel.viii
Die empirische Basis
Mit den »Heften zum Imperialismus« findet sich in den Lenin-Werken seine vollständige Forschungsarbeit über den Imperialismus. Die 21 Notizbücher sind ein anschauliches Beispiel dafür, welches umfangreiche Studium Lenin betrieb, um seine Broschüre vorzubereiten. Mit rund 800 Druckseiten sind seine Studien über den Imperialismus in einem ähnlichen Umfang wie sein vorhergegangenes intensives philosophisches Studium. Lenin studierte die bisherige bürgerliche und marxistische Literatur über den Imperialismus. Seine Hefte enthalten Auszüge und Statistiken aus 148 Büchern, Broschüren, Dissertationen und statistischen Sammelbänden sowie 232 Artikel aus 49 Zeitschriften und Zeitungen. Lenin las lediglich zwei der Bücher in russischer Übersetzung. Unter den Büchern waren 106 auf Deutsch, 23 auf Französisch und 17 auf Englisch.ix Somit kann gesagt werden, dass sich Lenin nach seiner intensiven methodologischen Beschäftigung auf den wissenschaftlichen Stand der Forschung über den Imperialismus brachte.
1915 begann Lenin seine unmittelbaren Vorarbeiten für seine Broschüre in Bern. Als Lenin Mitte Januar 1916 mit der eigentlichen Arbeit an der Imperialismusstudie begann, war die Mehrzahl der 21 »Hefte zum Imperialismus« bereits fertiggestellt. Da ihm zu diesem Zeitpunkt das vorliegende Material noch nicht ausreichte, begann er 1916, ein neues Heft anzulegen, und vervollständigte drei bereits bestehende. Die Hefte Alpha, Beta, Gamma und Theta wurden bei der Erarbeitung des Manuskripts besonders intensiv genutzt und bilden die Hauptquelle für Lenins Untersuchung.x
Das Heft Beta (β), dessen letzte Einträge Anfang 1916 in Zürich entstanden, ist Lenins umfangreichstes Heft, aus dem er die meisten Zitate für seine Broschüre übernahm. Es enthält Exzerpte und bibliographische Angaben von 131 Titeln, überwiegend zum Thema Banken. In seiner Imperialismusschrift zitiert Lenin 26 Werke, zu denen er in diesem Heft Auszüge notierte. Das Heft Gamma (γ) kann auf September 1915 und April 1916 datiert werden. Es enthält Angaben und Auszüge von 196 Titeln zu sehr unterschiedlichen Themen: französisches Finanzwesen, Kolonialpolitik, Einzelstudien zum amerikanischen, deutschen, englischen und französischen Imperialismus sowie zur Militärfrage und zum Krieg. Von den im Heft Gamma analysierten Titeln werden elf in der Imperialismusschrift zitiert.xi
Ein unerwarteter Verbündeter
Das mit weitem Abstand umfangreichste Konspekt in den »Heften zum Imperialismus« stellen Lenins Aufzeichnungen zu dem 1902 erschienenen Buch »Der Imperialismus« des linksliberalen John A. Hobson dar.
Der Kriegsberichterstatter des »Manchester Guardian«, John A. Hobson, begleitete den blutigen Burenkrieg 1899–1902. Hobson wollte seine Kritik an diesem Waffengang theoretisch fundieren. Er rechnete radikal mit dem Imperialismus ab.xii Im März 1915 entstand das Heft Chi, in dem Lenin sein Konspekt zu Hobsons »Imperialismus« anfertigte. Lenin schätzte den englischen Sozialreformer seit vielen Jahren. Bereits 1898 hatte Lenin die russische Übersetzung von Hobsons Werk »Evolution of modern capitalism« (London 1894) rezensiert. Lenin bemühte sich später, Hobsons Hauptwerk zu übersetzen. Lenins besonderes Interesse galt dem durch Hobson in seinen verschiedenen Ausformungen aufgedeckten »Parasitismus des Imperialismus«.xiii
Hobson stellt ausgehend von konkreten Daten die Kolonialpolitik ihrem Wesen nach als eine Politik der Ausbeutung der Mehrheit der Menschen durch eine kleine Gruppe von Großkapitalisten dar. Durch die Aneignung riesiger Kolonialprofite verwandelt sich die Bourgeoisie in eine parasitäre Klasse. Eine Kolonialpapiere besitzende Rentnerschicht entstand, und die imperialistischen Großmächte verwandelten sich in Rentnerstaaten. Hobson analysierte damit bereits 1902 treffend den Parasitismus und die Fäulnis der kapitalistischen Produktionsverhältnissexiv und übertraf damit viele Sozialdemokraten wie etwa Kautsky oder Hilferding – wie Lenin mehrfach in seiner Broschüre betont.
Hobsons »Imperialismus« sowie der Briefwechsel von Marx und Engels lieferten Lenin die entscheidenden Hinweise, anhand derer er die Entstehung der Arbeiteraristokratie – einer Schicht der Arbeiterklasse, die ebenfalls von der parasitären Kolonialpolitik profitiert – als Basis des Opportunismus wissenschaftlich herleitet. Damit erhält er den Schlüssel für die Charakterisierung des Imperialismus als Hülle des Kapitalismus, die unvermeidlich in Fäulnis übergeht, wenn ihre Beseitigung künstlich verzögert wird, die sich nach Lenin lange in diesem Fäulniszustand halten kann »wenn schlimmstenfalls die Gesundung von dem opportunistischen Geschwür auf sich warten lassen sollte«, aber unvermeidlich beseitigt werden wird.xv
Hobsons wird zu einer der wichtigsten Quellen Lenins im Kampf gegen Kautsky und das Kautskyanertum. Zur ökonomischen Falschheit von Kautskys Definition des Imperialismus schreibt Lenin, dass die Besonderheit des Imperialismus nicht die Herrschaft des Industrie-, sondern des Finanzkapitals sei, das nicht nur Agrarländer, sondern beliebige Länder annektiere. Kautsky trennt den Monopolismus in der Politik von dem Monopolismus in der Ökonomie, um dem plattesten bürgerlichen Reformismus wie »Abrüstung«, »Ultraimperialismus« usw. den Weg zu ebnen. Lenin fährt fort, dass die Verlogenheit Kautskys darin bestehe, dass er über Englands Kolonialmonopol schweige, obwohl bereits Engels vor über 34 Jahren genau auf dieses Monopol hingewiesen habe. Denn wenn das Industriemonopol Englands zerstört ist, so ist das Kolonialmonopol nach Lenin nicht nur geblieben, sondern hat sich verstärkt, da die ganze Erde bereits aufgeteilt ist. Durch dieses Verschweigen schmuggelt Kautsky den bürgerlich-pazifistischen Gedanken ein, »dass es nichts gebe, worum Krieg zu führen wäre«. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Kapitalisten müssen Krieg führen, da ohne eine gewaltsame Neuverteilung der Kolonien »die neuen imperialistischen Länder nicht die Privilegien erlangen können«, die die alten Mächte genießen. Die englische Monopolstellung liefert für Lenin die Erklärung für den zeitweiligen Sieg des Opportunismus in England, da durch das Monopol Extraprofite erzielt werden, mit denen die Bourgeoisie ihre Arbeiterklasse besticht, um eine Art Bündnis der Arbeiter der betreffenden Nation mit ihren Kapitalisten gegen die übrigen Länder zu schaffen.xvi
Perspektive der Revolution
Lenins Hervorhebung des Klassenkampfes in seiner Definition ist eine wichtige Trennungslinie zu anderen Sozialdemokraten zu dieser Zeit. Sieht man von Rosa Luxemburg ab, zeigt sich, dass Hilferding und Kautsky den Anspruch vertraten, eine »objektive« Erklärung des Imperialismus zu liefern, die sich lediglich auf der Ebene der Beschreibung und Analyse ökonomischer und politischer Phänomene bewegt, ohne dabei die Bedeutung und die Aufgaben des Klassenkampfes aufdecken zu wollen.xvii
Lenins theoretische und praktische Leistung besteht in der Erarbeitung einer revolutionären und wissenschaftlich begründeten strategischen Orientierung in einer Kampfetappe, in welcher die Opportunisten die Oberhand innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung erlangten und die Revisionisten alle entscheidenden Fragen des wissenschaftlichen Kommunismus zersetzten (die Frage der wissenschaftlichen Methode, die Frage der strategischen Orientierung und der Revolution usw.). Lenin rettete die Wissenschaftlichkeit in einer Zeit großer Verwerfungen und ideologischer Verwirrung und schuf eine programmatische Grundlage für die Vereinigung der revolutionären Elemente der internationalen Arbeiterbewegung.
i Hedeler, Wladislaw; Külow, Volker (2016): Die Entstehung und Veröffentlichung von Lenins Werk »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«. In: Wladislaw Hedeler und Volker Külow (Hg.): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss. Berlin: Verlag 8. Mai, S. 222 ff.; S. 228 f.; S. 247 ff.; S. 276
ii Arndt, Andreas (2023): Hegel in Marx. Studien zur dialektischen Kritik und zur Theorie der Befreiung. Dietz Verlag, S. 221 f.; S. 225 ff.
iii Lenin, Wladimir Iljitsch (1964a): Konspekt zu Hegels „Wissenschaft der Logik“. In: Wladimir Iljitsch Lenin (Hg.): Lenin-Werke. Band 38. Berlin: Dietz Verlag, S. 212 ff.
iv Lenin, Wladimir Iljitsch (1964b): Zur Frage der Dialektik. In: Wladimir Iljitsch Lenin (Hg.): Lenin-Werke. Band 38. Berlin: Dietz Verlag, S. 338–344
v Arndt, Andreas (1982): Lenin – Politik und Philosophie. Zur Entwicklung einer Konzeption materialistischer Dialektik. Germinal Verlag, S. 282; S. 298
vi Lenin, Wladimir Iljitsch (1972): Entwurf zu einem Artikel über den Kampf gegen den „Sumpf“ (Notizen über das Kautskyanertum). In: Wladimir Iljitsch Lenin (Hg.): Lenin Werke. Band 39. Berlin: Dietz Verlag, S. 5
vii Arndt: Hegel in Marx, S. 223 ff.
viii Lenin, Wladimir Iljitsch (1981): Bemerkungen zu Bucharins „Ökonomik der Übergangsperiode“. Frankfurt Main u.a.: VTK
ix Lemmnitz, Alfred (1983): Einführung in Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. 4. überarbeitete Auflage. Berlin: Dietz Verlag, S. 13 f.
x Hedeler und Külow: Die Entstehung und Veröffentlichung von Lenins Werk »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, S. 259
xi Ebd., 260 ff.
xii Bollinger, Stefan (2004): Imperialismustheorien. Historische Grundlagen für eine aktuelle Kritik. Wien: Promedia Verlag, S. 47
xiii Hedeler und Külow: Die Entstehung und Veröffentlichung von Lenins Werk »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, S. 255
xiv Lemmnitz: Einführung in Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, S. 34
xv Lenin, Wladimir Iljitsch (1974): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß. In: Wladimir Iljitsch Lenin (Hg.): Lenin-Werke. Band 22. Berlin: Dietz Verlag, S. 308
xvi Lenin, Wladimir Iljitsch (1972): Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus. In: Wladimir Iljitsch Lenin (Hg.): Lenin-Werke. Band 23: Dietz Verlag, S. 104; S. 111 f.
xvii Arndt: Lenin – Politik und Philosophie, S. 293