1956 – Ein Parteitag, seine Ursachen und seine Folgen

Themen: Partei und Kommunistische Bewegung

Vorwort

Die seit 1990 anhaltende Ära der Konterrevolution wurde 1956 auf einem Parteitag in Moskau eingeläutet. Vor genau 70 Jahren, am 25. Februar 1956, beendete Chruschtschow seine „Geheimrede“ über Stalin.

Die Sowjetmacht wurde unter der Ägide Chruschtschows mal offen, mal verdeckt erodiert. Ungefähr 30 Jahre sollte es dauern, bis die aggressive Liquidation des Sozialismus unter Gorbatschow dann volle Fahrt aufnahm. Der XX. Parteitag der KPdSU stellt ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung dar. Er traf und trifft die Kommunisten überall auf dem Globus ins Mark. In Folge des Parteitages begann ein neuer Kurs in Fragen des Parteilebens, der Ökonomie im Sozialismus und des proletarischen Internationalismus. Die Spaltung der Sowjetunion und Chinas ließ die Imperialisten von Washington bis Bonn aufatmen.

Mit Blick auf diesen Parteitag konstatiert Domenico Losurdo folgerichtig: „Hinter der sogenannten „Geheimrede“ verbirgt sich vor allem ein politischer Kampf, den es weitgehend noch zu erforschen gilt.“ Spätestens seit 1990 und bereits in Folge des XX. Parteitags brach ein Strang in der kommunistischen Bewegung ab, den wir bis heute nicht wieder aufnehmen konnten. Die Arbeiten von Marx und Engels sowie Lenins und Stalins bauten aufeinander auf und knüpften organisch aneinander an. Heute streiten sich die Kommunisten über die Bedeutung der einfachsten Lehrsätze des Manifests. Dass so etwas passiert, ist ein Anfang, aber es zeigt: Die Krise, in die sich die Kommunisten Europas seit Jahrzehnten hineinmanövriert haben, ist allgegenwärtig und wahrscheinlich tiefer, als wir es oft zu verstehen glauben – und sie hängt sehr stark mit den Entwicklungen seit 1956 zusammen. All das müssen wir besser verstehen, wenn wir uns vorwärtsbewegen wollen. Heute, wo die Jagd auf den Revisionismus häufig mit dogmatischen Phrasen und Leersätzen geführt wird, ist es unsere Aufgabe, selbstkritisch und tiefgründig unsere eigene Geschichte und unsere gegenwärtige Krise aufzuarbeiten. Heute ist man sich nicht nur über Stalins historisches Erbe uneinig, sondern auch über die Folgen Chruschtschows neuer Linie. Das betrifft Trotzkisten und Maoisten in besonderer Weise, aber auch die Organisationen und Parteien der marxistisch-leninistischen Strömung vertreten unterschiedlichste Standpunkte in Fragen der Bewertung des Revisionismus, der Parteifrage und der friedlichen Koexistenz, um nur mal drei prägnante Beispiele zu nennen.

Die Sammlung von Kommentaren und Rezensionen, die wir zusammengestellt haben, soll dazu dienen, die Literatur rund um Stalin, den XX. Parteitag und seine Folgen kennenzulernen. Sie dient gewissermaßen als Nachschlagewerk, das allen Interessierten erste Einblicke ermöglichen soll. Die Auswahl der Literatur oblag der Präferenz der Autoren. Dabei konnten wir bei weitem nicht alle Aufarbeitungen und Auseinandersetzungen mit dieser Frage verarbeiten – vor allem die Beschäftigung antikolonialer Denker und Kämpfer des globalen Südens mit der Politik der Sowjetunion unter Chruschtschow und seinen Nachfolgern stellt eine große Lücke dar. Nichtsdestotrotz gelang es uns, einige relevante Werke abzubilden. Ihr findet eine Übersicht in Form der Gliederung.


Grover Furr: Chruschtschows Lügen

von Julius Frater

Das aus dem Englischen übersetzte Buch Chruschtschows Lügen mit einem Vorwort von Domenico Losurdo erschien bereits vor mehr als 10 Jahren im zur Eulenspiegel-Verlagsgruppe gehörenden Verlag Das Neue Berlin. Der US-amerikanische Professor und Historiker Grover Furr, von bürgerlicher Presse und Historikern aufgrund seiner akribischen, kritischen Untersuchungen des hegemonialen Narrativs zur Sowjetunion als Stalin-Apologet verschrien, aber sehr selten mit tatsächlichen Fakten kritisiert, macht es sich darin zur Aufgabe, Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Sein Resultat ist, dass von den von ihm gezählten 61 Anschuldigungen gegen Stalin und Beria nur einige wenige nicht überprüft werden können – der Rest jedoch nachweislich Lügen bzw. Verdrehungen seien. Auch wenn der Titel es etwas reißerischer aufmacht, bleibt der Inhalt dennoch bahnbrechend.

Es gelingt Furr, nachdrücklich Stalin und dessen enge Vertraute wie Molotow oder Beria (der mit sieben seiner engsten Mitarbeiter 1953 laut Furr auf Anweisung Chruschtschows erschossen wurde) zu entlasten, indem er die Behauptungen der Geheimrede mit gegenteiligen Bezeugungen kontrastiert, Statistiken und Untersuchungen bürgerlicher Historiker nutzt, auf Ungereimtheiten und Widersprüche hinweist und mitunter durch Anführung vollständiger Zitate zeigen kann, wie Chruschtschow diese bewusst verfälscht und in ihrem Sinn verdreht hatte.

In der Vorbereitung auf den nahenden Zweiten Weltkrieg wurden zahllose schwerwiegende, große konspirative Zusammenschlüsse (oftmals mit regem Kontakt zu verfeindeten Geheimdiensten) enttarnt, in denen auch einige ZK-Mitglieder der KPdSU involviert waren. In Anbetracht dieser prekären Lage vor dem drohenden Angriff kamen die Massenrepressionen 1937/38 („Jeschowschtschina“) zustande, denen ein Großteil des Buches gewidmet ist. Dabei kristallisiert sich ein Bild heraus, das hohe NKWD’ler wie Jeschow und seine engen Verbündeten Frinowsky, Jagoda, Uchanow, Jewdokimow usw. nicht nur schwerster Verbrechen belastet – inklusive einiger regionaler Erster Sekretäre, die sich bereitwillig Jeschows Terror anschlossen; einer von ihnen: Chruschtschow – sondern auch überzeugend nahelegen kann, dass diese selbst Teil einer putschistischen Verschwörung waren, die mit ausländischen Geheimdiensten kooperierte, um die Sowjetunion vor dem Krieg zu zersetzen.

Furr kann zeigen, wie entgegen den Anschuldigungen von Chruschtschow und der bürgerlichen Geschichtsschreibung Stalin selbst und die zentrale Parteiführung des Politbüros die Repressionen begrenzt und gezielt halten wollten und diejenigen schließlich hinrichten ließen, die sie überführen konnten, Fälle gegen unschuldige Personen fingiert und sie massenhaft unter dem Vorwand ermordet und gefoltert zu haben, Teil einer Verschwörung gewesen zu sein. Wie die Statistiken der Jahre 1936 bis 1940 belegen, brachen die Verhaftungen nach Berias Übernahme des NKWD um über 90 % ein, die Exekutionen gingen auf unter 1 % des Jeschowschen Niveaus zurück. Mehr als 100.000 zu Unrecht beschuldigter Personen wurden freigelassen.

Furr argumentiert, die Gesamtheit der in der Geheimrede gemachten Anschuldigungen bilde das Fundament eines „Anti-Stalin-Paradigmas“, das seitdem weitgehend unhinterfragt akzeptiert wird, selbst in der kommunistischen Bewegung sehr präsent ist und auf dem etwa imperialistische Schreiberlinge wie Timothy Snyder ihre Karriere aufgebaut haben (siehe zu Snyder auch Furrs Entgegnung „Blood Lies“). Die in der Rede benannten Vorwürfe reichen vom „Personenkult“ um Stalin, der innerparteilichen Arbeit, den Massenrepressionen von 1937/38 und den darin verurteilten hochrangigen Mitgliedern der KPdSU bis hin zum Zweiten Weltkrieg, verschiedenen vermeintlichen oder tatsächlichen Verschwörungen bis hin zu den letzten Amtsjahren Stalins. Teilweise muss für die Anschuldigungen tief in innerparteiliche Konflikte und Details der damaligen Zeit eingetaucht werden, was für nicht damit vertraute Leser überfordernd sein dürfte.

Die Vorwürfe Chruschtschows zu entkräften gelingt ihm mal mehr und mal weniger gut, was einerseits an den teilweise vage vorgetragenen Anschuldigungen liegt, vor allem aber an der mitunter spärlichen Beweislage aufgrund weiter vom russischen Staat unter Verschluss gehaltener Dokumente, was eine abschließende und überzeugende Bewertung natürlich erheblich erschwert. Furr vermutet, dass die Akten auch nach dem Kriterium freigegeben wurden, ob sie Stalin be- oder entlasten. Seit der Geheimrede habe der sowjetische und folglich der russische Staat massig Ressourcen darauf verwendet, Stalin zu dämonisieren, weshalb anzunehmen sei, dass die fehlenden Teile eher zu einer Entlastung beitragen würden. Auch weist Furr auf massive Vernichtung von Dokumenten unter der Ägide Chruschtschows und von russischen Behörden verfälschte Dokumente hin. Der Überarbeitungsnotiz nach zu urteilen, befindet sich die bis dahin vorliegende Quellenlage etwa auf dem Stand von 2010 – ob dies noch der aktuelle Forschungsstand ist, kann von uns nicht beantwortet werden. Die im Anhang zitierten Dokumente waren bei stichprobenartiger Prüfung auch heute noch als Scan per Link aufruf- und somit überprüfbar.

Hier ist es allerdings wichtig, sich zu vergegenwärtigen, was das Buch leisten will – und was nicht. Dem Autor geht es, wie der Titel sagt, um die kritische Prüfung der in der Geheimrede vorgetragenen Anschuldigungen, zu denen es ihm gelingt, überall mindestens gut begründete Zweifel anzumelden, sie oftmals aber auch überzeugend zu widerlegen. Das führt jedoch dazu, dass der Text an vielen Stellen nicht erläutert, was laut Furr eine richtige Darstellung der Ereignisse wäre, sondern eher darauf eingeht, was unwahrscheinlich gewesen sein dürfte oder nicht gewesen sein kann. Für Leser, denen es weniger um die Geheimrede an sich, sondern um die Frage geht, wie eine bestimmte Periode war und was von ihr zu halten ist, ist vielleicht eines seiner anderen Werke zu spezifischen Themen geeigneter. Glücklicherweise ist Furr weiterhin aktiv und verlinkt auf seiner Website zu regelmäßig neu erscheinenden Veröffentlichungen.

Das Buch selbst liest sich aufgrund der wechselnden Thematiken und eines ausführlichen Anhangs, der zum besseren Verständnis und zur eigenen Überprüfung und Erweiterung des Geschriebenen immer parallel mitgelesen werden sollte, eher holprig. Es krankt naturgemäß an der dürftigen Quellenlage, liefert aber die wohl bestmögliche Interpretation auf Basis der vorhandenen Dokumente. Vielfach spekuliert Furr über die Faktenlage hinaus, kennzeichnet das dann aber auch entsprechend. Nur manchmal kann er zwar Dinge nahelegen, bezeichnet sie im nächsten Satz dann aber etwas polemisch implizit als gesichert. Das sind Wermutstropfen, die eine ansonsten lohnende Lektüre aber nicht zu sehr trüben können. Insgesamt ist „Chruschtschows Lügen“ weiterhin ein lesenswertes Buch und gutes Nachschlagewerk.

Nach der Lektüre des Buches weiß man, dass die Geheimrede von Lügen durchzogen war, steht aber weiterhin vor der eigentlich zentralen Aufgabe, die Domenico Losurdo im Vorwort benennt: „Hinter der sogenannten „Geheimrede“ verbirgt sich vor allem ein politischer Kampf, den es weitgehend noch zu erforschen gilt.“

Auch hierzu formuliert Furr im Resümee ein paar richtungsweisende Fragen und weist auf einige Folgen des Regierungswechsels unter Chruschtschow hin, die der unter Stalin verfolgten Politik widersprachen: Eine Verschiebung zu „marktorientierten“ Reformen und Abkehr von der Schwerindustrie und Produktionsmittelherstellung zugunsten der Konsumgüterproduktion, die Fokussierung auf „friedliche Koexistenz“ und parlamentarische Wege zum Sozialismus sowie die Zurückdrängung der bereits begonnenen Verschiebung der Machtmittel vom Parteiapparat auf die Regierungen und Räte, um die Sowjetunion nach der Periode äußerster Bedrohung wieder zu demokratisieren und den Karrierismus in der KPdSU zurückzudrängen. Dies zeigt: Es ging um mehr als um die Frage, welche Einzelperson dies oder jenes tat oder nicht tat. Die Geheimrede war eine Kampfrede, die dazu dienen sollte, eine politische Linie gegen andere Kräfte, etwa die weiterhin einflussreichen Vertrauten Stalins wie Molotow, Malenkow, Woroschilow und Kaganowitsch, durchzusetzen. Sie markierte einen scharfen Wechsel in der kommunistischen Weltbewegung. Umso wichtiger, ihren Wahrheitsgehalt, vor allem aber ihren Kontext und ihre Folgen genauer zu studieren.

Literatur:
Furr, Grover: Chruschtschows Lügen. Die Beweise, dass alle »Enthüllungen« über Stalins (und Berias) »Verbrechen« in Nikita Chruschtschows berüchtigter »Geheimrede« auf dem 20. Parteitag der KPdSU am 25. Februar 1956 nachweislich falsch* sind (*außer eine, die ich weder belegen noch widerlegen kann), Berlin: Das Neue Berlin 2014. 384 Seiten.


Domenico Losurdo über den XX. Parteitag der KPdSU

von Andreas Wehr

Das Buch „Stalin. Storia e critica di una legendera nera“ des italienischen Philosophen und Historikers Domenico Losurdo ist 2008 erschienen und wurde schließlich 2012 unter dem Titel “Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende” ins Deutsche übersetzt. [1] Das Buch reiht sich nicht etwa in die lange Reihe der Verurteilung Joseph Stalins ein, sondern versucht, ein objektives Bild des sowjetischen Herrschers zu zeichnen, und ordnet ihn hierfür in den historischen Kontext ein. Losurdo beschreibt dafür neben den in der Stalinzeit begangenen Verbrechen insbesondere auch die Leistungen und Verdienste Stalins, die er als Herrscher des ersten sozialistischen Landes erbracht und erworben hat.

Einleitend analysiert Domenico Losurdo die „Wende in der Geschichte des Stalinbildes“ im Jahr 1956 und beschreibt diese als einen totalen Bruch mit der bisherigen Sicht auf Stalin. Die Wende hat sich nach dem Tod des „geliebten Führers“ (1953) von ungebrochener Vergötterung hin zu einer Verurteilung eines als „Verbrecher“ anzusehenden gestürzten Helden vollzogen. Für diese Umkehrung der Sichtweise auf Joseph Stalin führt der Autor insbesondere die berühmt-berüchtigte Geheimrede Nikita Chruschtschows vom 25. Februar 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU an, auf die ich im Folgenden eingehen werde. Domenico Losurdo beschreibt die Bedeutung dieses Ereignisses wie folgt:

„Mehr als drei Jahrzehnte lang hat diese Geheimrede, die das Bild eines krankhaft blutgierigen, eitlen und recht mittelmäßigen oder auf intellektueller Ebene sogar lächerlichen Diktators skizziert, fast alle zufriedengestellt. Das erlaubte es der neuen Führungsspitze an der Macht in der UdSSR, sich als den einzigen Depositar der revolutionären Legitimität im eigenen Land, im sozialistischen Lager und in der internationalen kommunistischen Bewegung zu präsentieren, die in Moskau ihr Zentrum erblickte. Bestärkt in seinen alten Überzeugungen und mit neuen Argumenten zur Fortführung des Kalten Krieges ausgerüstet, hatte auch der Westen seine Gründe zur Zufriedenheit oder zur Begeisterung. (…)“

Diese Geheimrede hat vielen westlichen Intellektuellen, die lange Zeit Anhänger, ja Bewunderer der Sowjetunion gewesen waren, sprichwörtlich die Augen geöffnet. Die berühmten Intellektuellen können dank der „Enthüllungen“ aus Moskau das Interesse, die Sympathie und die Bewunderung vergessen, mit der sie auf die UdSSR Stalins geblickt haben. Insbesondere die Trotzkisten könnten sich bestätigt fühlen, da sie in jenen „Enthüllungen“ eine „Ermutigung“ fänden. Der Autor geht hierbei gezielter auf die Anhänger Trotzkis ein und merkt an, dass „über lange Zeit hinweg (…) gerade Trotzki für die Feinde der Sowjetunion die Schande des Kommunismus verkörpert und (…) vorzugsweise als der ‚Ausrotter‘, besser als der ‚jüdische Ausrotter‘ hingestellt noch 1933, als Trotzki schon seit einigen Jahren im Exil lebte, blieb er für Spengler immer noch der ‚bolschewistische Massenmörder‘. Von der Wende des XX. Parteitags der KPdSU an wurden nur noch Stalin und seine engsten Mitarbeiter ins Schreckenskabinett verbannt.“

Hatte man einmal alle negativen Erscheinungen in der Geschichte der Sowjetunion einem einzelnen Menschen, der zudem bereits tot war und sich daher nicht mehr wehren konnte, zugeschrieben, machten sich „gewisse marxistische Linke“ die Sache einfach. Sie sahen sich „der mühsamen Pflicht enthoben, die Theorie ihres Lehrers und ihre konkret entfaltete Wirkungsgeschichte neu zu überdenken. Statt abzusterben, hatte sich der Staat in den von Kommunisten regierten Ländern sogar über alle Maßen ausgeweitet; weit entfernt, zu verschwinden, spielten die nationalen Identitäten eine immer wichtigere Rolle in den Konflikten, die zur Zerrüttung und schließlich zur Auflösung des sozialistischen Lagers führten. Keine Zeichen für die Überwindung des Geldes und des Markts waren sichtbar, die mit der ökonomischen Entwicklung höchstens noch wichtiger wurden. Sicher, all das war unbestreitbar, aber schuld daran waren Stalin und der ‚Stalinismus‘! Es gab also keinen Grund, die Hoffnungen bzw. die Gewissheiten infrage zu stellen, die die bolschewistische Revolution begleitet hatten und die auf Marx verwiesen.“

Die Geheimrede stellte für die Antikommunisten eine willkommene Gelegenheit dar, weiter „zwanglos sowohl über die Geschichte des zaristischen Russlands als auch über den Zweiten Dreißigjährigen Krieg hinwegzugehen, in dem die widersprüchliche und tragische Entwicklung Sowjetrusslands und der drei Stalinjahrzehnte anzusiedeln ist“.

So nahm nach Losurdo „jeder der verschiedenen politisch-ideologischen Sektoren die Rede Chruschtschows zum Anlass, um die eigene Mythologie zu pflegen, ob es nun um die Reinheit des Westens oder um die Reinheit des Marxismus und des Bolschewismus ging. Der Stalinismus war der fürchterliche Bezugspunkt, der es jedem der Antagonisten möglich machte, sich selbst im Gegenzug in seiner unendlichen moralischen und intellektuellen Überlegenheit zu verherrlichen. (…) Ohne der objektiven Lage große Aufmerksamkeit zu widmen, leiteten sie bei ihrer Untersuchung des Terrors diesen von der Initiative einer einzelnen Persönlichkeit oder einer begrenzten Führungsschicht her, die entschlossen gewesen sei, ihre absolute Macht mit jedem Mittel durchzusetzen.“

Domenico Losurdos Schluss daraus lautet: „Der radikale Kontrast zwischen den verschiedenen Stalinbildern sollte den Historiker dazu bringen, nicht eines davon zu verabsolutieren, sondern vielmehr alle zu problematisieren.“

[1] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Mit einem Essay von Luciano Canfora, Köln 2012. Die Zitate im Text sind dem Vorwort auf den Seiten 7 bis 19 entnommen.

Literatur:
Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Mit einem Essay von Luciano Canfora, Köln 2012.  


Ludo Martens: Stalin anders betrachtet

von Marilu Molin

Mit seinem Buch „Stalin anders betrachtet“ erwies Ludo Martens der kommunistischen Bewegung im Jahr 1993 – in einer Zeit des schärfsten Antikommunismus im Zuge der Konterrevolution und des Zusammenbruchs der realsozialistischen Länder Europas – einen wichtigen Dienst. Martens, der bis zu seinem Tod Kommunist und Internationalist blieb, unternimmt in diesem Werk den Versuch, aus einer marxistischen Perspektive die Rolle Stalins in der Sowjetunion neu zu bewerten.

Das Buch gliedert sich in zehn Kapitel und setzt sich mit zentralen Vorwürfen und Kritiken gegenüber Stalin auseinander, die sowohl aus bürgerlichen als auch aus linken Kreisen stammen. „Stalin anders betrachtet“ ist dabei keine klassische Biografie, sondern eine wissenschaftliche Analyse von Stalins theoretischer und praktischer Haltung sowie deren Auswirkungen auf den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion.

Im ersten Kapitel behandelt Martens die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen Russlands vor der Oktoberrevolution sowie die Zeit des Bürgerkrieges danach. Er beleuchtet dabei auch die Rolle des jungen Stalin in dieser Phase, insbesondere seinen Einfluss auf militärische Fragen und die taktische Ausrichtung der Bolschewiki – Aspekte, die in gängigen Stalin-Debatten häufig kaum Beachtung finden.

Stattdessen wird in linken, insbesondere trotzkistischen Kreisen oft die angebliche Bedeutung des sogenannten „Testaments Lenins“ heraufbeschworen, um Stalin zu delegitimieren. Auch diesem Dokument widmet sich Martens ausführlich und ordnet es kritisch in seinen historischen Kontext ein.

Den Schwerpunkt des Buches bildet jedoch die Zeit des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion. Anhand zahlreicher Zeitzeugenberichte und einer umfassenden Literaturrecherche gibt Martens Einblicke in zentrale innerparteiliche Debatten, etwa zum Sozialismus in einem Land, zur Kollektivierung oder zum Kampf gegen Opportunismus. Dabei deckt er auch eine Reihe weit verbreiteter, teils offen antikommunistischer und faschistischer Narrative auf, die vielen Leserinnen und Lesern bislang kaum bekannt sein dürften.

Besonders eindrucksvoll gelingt es Martens, die konkreten Bedingungen innerhalb der Sowjetunion sowie die daraus resultierenden Schwierigkeiten und Widersprüche für die politische Führung nachvollziehbar darzustellen. Ein besonderes Augenmerk legt er auf die sogenannten „Großen Säuberungen“. Auch hier stützt sich der Autor auf eine Vielzahl von Quellen, darunter zahlreiche aus Westeuropa und den USA.

Darüber hinaus bezieht Martens Quellen wie die Schriften Trotzkis in seine Analyse ein und untersucht konkret die Auswirkungen von Trotzkis theoretischen Positionen und politischem Handeln auf die Entwicklung der Sowjetunion. Durch die Gegenüberstellung Stalins und Trotzkis werden die zentralen theoretischen Spaltungslinien innerhalb der kommunistischen Bewegung anschaulich gemacht. Zugleich bleibt es dem Leser überlassen, die Quellen selbst zu studieren und eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.

Im letzten Kapitel widmet sich Martens der Frage, wie es zur Ablösung Stalins durch den – aus Sicht des Autors revisionistischen – Chruschtschow kommen konnte. Damit eröffnet er wichtige Ansatzpunkte für eine Niederlagenanalyse. Martens kommt zu dem Schluss, dass Stalin bis zu seinem Lebensende gegen Opportunismus und Revisionismus vorging, es ihm jedoch nicht gelang, eine zusammenhängende Theorie über den Fortbestand von Klassen und Klassenkampf in der sozialistischen Gesellschaft zu entwickeln.

Bereits in einem früheren Kapitel betonen sowohl Martens als auch Stalin, dass frustrierte Kommunisten zu den gefährlichsten Feinden beim Aufbau des Sozialismus werden können – eine These, die auch heute noch zu weiterführenden Diskussionen anregt.

Warum also sollte man sich heute mit Stalin befassen? Um zu verstehen, wie es zur Niederlage der realsozialistischen Länder und zur heutigen Krise der kommunistischen Bewegung kommen konnte, ist eine kritische Analyse der Fehler auf praktischer wie theoretischer Ebene unerlässlich.

Das Buch von Ludo Martens bietet einen guten Einstieg in die zentralen Debatten rund um Stalin und die Führung der Sowjetunion zu seinen Lebzeiten. Wer ein tieferes Verständnis für die Herausforderungen und Widersprüche des sozialistischen Aufbaus gewinnen möchte, ist gut beraten, sich auch mit den von Martens angeführten Quellen auseinanderzusetzen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.


Luciano Canfora: Das Wendejahr 1956

von Andreas Wehr

2008 erschien in Italien das Buch „L’anno spartiacque“ von Luciano Canfora. 2012 wurde es unter dem Titel „Zeitenwende 1956. „Entstalinisierung, Suez-Krise, Ungarn-Aufstand“ im PapyRossa Verlag veröffentlicht.[1] Der Autor ist Altphilologe und Historiker und lehrte an der Universität Bari. Eines seiner bekanntesten Bücher ist „Eine kurze Geschichte der Demokratie“.

Luciano Canfora verband vieles mit dem 2018 verstorbenen Domenico Losurdo. Beide besuchten zeitgleich ein Gymnasium in Bari, arbeiteten wissenschaftlich als Historiker und fühlten bzw. fühlen sich der kommunistischen Bewegung verbunden. Sowohl Canfora als auch Losurdo lehnten stets eine vernichtende Verurteilung Stalins ab, sie erlaubten sich vielmehr eine eigene, differenzierte Meinung. Ausdruck dieser Gemeinsamkeit war der Text „Von Stalin zu Gorbatschow“ „Wie ein Imperium untergeht“ von Canfora, der dem Buch von Domenico Losurdo „Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“ [2] angefügt wurde und es ergänzte.

Canfora bündelt in seinem Buch „Zeitenwende“ ganz unterschiedliche historische Ereignisse, die sich aber – bei genauerer Betrachtung – gegenseitig beeinflussten, ja bedingten: Der 20. Parteitag der KPdSU führte mit der Geheimrede Chruschtschows im Februar 1956 zum Bruch mit dem Erbe Stalins, in dessen Folge im Oktober des Jahres, erst die polnischen und dann die ungarischen Kommunisten versuchten, eigene, nationale Wege zu gehen. Vor allem die Ereignisse in Budapest entwickelten bald eine solche Dynamik, dass sich die Sowjetunion gezwungen sah, mit militärischer Gewalt einzugreifen und den „Ungarn-Aufstand“ blutig niederzuschlagen. In jenen Tagen besetzten fast zeitgleich britische und französische Truppen mit Unterstützung Israels Port Said, um Ägypten den kurz zuvor verstaatlichten Suezkanal wieder zu entreißen. Das rief aber die USA auf den Plan, die darin den Versuch sahen, das britische und französische Kolonialreich wiederzuerrichten. Es kam zu einer Konvergenz der Positionen der USA mit denen der Sowjetunion: „Ein Draht hielt sowjetische und US-amerikanische Entscheidungen zusammen. Die Sowjets konnten ungestört in Budapest agieren (…); die Sowjets forderten die Franzosen und Engländer auf, sich aus Suez zurückzuziehen, und die US-Amerikaner gewährten ihnen dabei ihre volle Unterstützung. (…) Ein weiteres Mal also erwies sich dieser Draht zwischen Moskau und Washington als effektiv in einem Kontext der delikatesten und eventuell folgenschwersten Art.“ (72). Das Jahr 1956 sollte denn auch den Beginn der ersten Phase einer Entspannungspolitik zwischen den zwei Weltmächten darstellen.

Der Schwerpunkt des Buches „Zeitenwende“ ist dem 20. Parteitag der KPdSU gewidmet. Auf gut 50 Seiten beschreibt der Autor Vorgeschichte, Inhalt und Folgen der Geheimrede. Dabei kommt Chruschtschows nicht gut weg. So hatte er als Sekretär des Zentralkomitees noch auf dem vorangegangenen 19. Parteitag 1952 Stalin in höchsten Tönen gelobt: Eine Rede „im Stil der Zeit, gespickt mit Lobliedern auf die erleuchtete Führung Stalins, ‚unseres geliebten Vorsitzenden und Meisters‘ und ähnlichen Floskeln. Ständig wird der Name Stalins in diesem langen Bericht beschworen, und dessen Einlassungen, auch solche theoretischen Charakters, werden häufig zitiert.“ (37) Und da ist der von Canfora erwähnte sowjetische Historiker Dimitri Wolkogonow, wonach Chruschtschow vor Eröffnung des 20. Parteitags „in verschiedenen Archiven des ZK und anderer Abteilungen elf Kisten Dokumente habe einsammeln lassen und verbrennen lassen. Sie betrafen vor allem die Jahre 1954 und 1955.“ (38) Chruschtschow ließ damit ganz offensichtlich Akten vernichten, die ihn hätten belasten können.

Aus der Geheimrede selbst, die als „Rede über die Verbrechen Stalins“ bekannt wurde und bei der nur die sowjetischen Parteitagsdelegierten anwesend sein durften, die keine Notizen machen durften und von der es bis heute keine offizielle Version gibt, hebt Canfora drei Anklagepunkte hervor: Zum einen die Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergei Kirows, die Chruschtschow Stalin anlastete, allerdings „ohne Beweise anzuführen“ (50). Ein weiterer Vorwurf betraf den Prozess gegen den sowjetischen Marschall Michail Tuchatschewski, der zur Enthauptung fast der gesamten Armeeführung führte und das Land angesichts des deutschen Überfalls enorm schwächte. Heute aber weiß man, dass die Ankläger wahrscheinlich Opfer einer Intrige waren: Den Deutschen „gelang es, ins militärische, geheimdienstliche und politische Netzwerk der Sowjetunion Berichte einzuspeisen, mit denen einige hohe Persönlichkeiten der Armeeführung als deutsche Spione denunziert werden sollten.“ (53) Ein dritter Vorwurf betraf das „allzu blinde Vertrauen“ Stalins 1941 „auf die Loyalität des deutschen Partners und damit einhergehend die Zweifel an den Berichten über die bevorstehende Invasion.“ (52) Ein Vorwurf, den heute viele Historiker für berechtigt halten. Canfora kritisiert generell den „etwas grobschlächtigen“ Ansatz von Chruschtschows Rede: „Er besagt: Dieser Mann war böse, ein ganz übles Subjekt, folglich hat er alle Fehler, die er begangen hat, aus böser Absicht begangen. Ein mieses Subjekt macht eben miese Politik – ein äußerst simples, wiewohl politisch nützliches Vorgehen im Blick auf die Operation, die Chruschtschow im Sinn hatte, historiographisch jedoch falsch und angreifbar.“ (53)

Canfora geht abschließend ausführlich auf ein Interview des Vorsitzenden der Italienischen Kommunistischen Partei, Palmiro Togliatti, in der Zeitschrift ‚Nuovi Argumenti‘ wenige Monate nach dem 20. Parteitag ein: „Eine knappe, aber eindringliche Geschichtslektion, die Togliatti Chruschtschow da erteilt, wenn er sagt: ‚Ja, man kritisiert Stalins Personenkult. Man benutzte die Formel: Der schädliche Personenkult hat die sozialistische Demokratie ruiniert, hat Willkür hervorgebracht etc. Wenn man jedoch die Anklage auf Defizite von Stalins Persönlichkeit beschränkt, bedeutet das, weiter im Rahmen des Personenkults zu verharren: Einst war alles, was gut ist, den übermenschlichen positiven Eigenschaften eines einzigen Mannes zu verdanken – jetzt wird alles, was schlecht ist, den gleichermaßen außergewöhnlichen Mängeln desselben Mannes zugeschrieben.’“ (67 f.) Anschließend zitiert Canfora eine Stichelei Togliattis: „’Diese Denkart hat mit Marxismus nichts zu tun‘, womit er also der Sowjetspitze bescheinigt, wenig marxistisch zu sein. ‚Die wahren Probleme treten dabei nicht zutage – so zum Beispiel, wie es kam, dass die Sowjetgesellschaft sich so weit vom selbst vorgezeichneten Weg und von der Legalität entfernen konnte. (…) Man kann die Überlegung nicht auf eine psychologische oder psychopathologische Analyse einer Persönlichkeit beschränken, man muss in die Tiefe gehen und sich fragen, warum die Sowjetgesellschaft degeneriert ist.’“ (68) Eine solche, in die Tiefe gehende Analyse ist aber von der KPdSU nie vorgelegt worden. Es kann kein Zweifel geben, dass diese Sichtweise Togliattis auf die Geheimrede Chruschtschows auch jene Luciano Canforas ist.             

[1] Luciano Canfora, Zeitenwende 1956. Entstalinisierung, Suez-Krise, Ungarn-Aufstand, Köln 2012, 128 S. Die im Text in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf die Seiten im Buch.

[2] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, Köln 2012, 452 Seiten. 


Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung

von Florens Lühmann  

Der Sammelband „Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ entstand in einer Phase zugespitzter ideologischer Auseinandersetzungen innerhalb der kommunistischen Weltbewegung. Den Ausgangspunkt bildete der Brief des ZK der KPdSU vom 30. März 1963, auf den das ZK der KPCh am 14. Juni 1963 mit dem „Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ antwortete. Die KPdSU konterte am 14. Juli 1963 mit ihrem „Offenen Brief an alle Parteiorganisationen, an alle Kommunisten der Sowjetunion“, womit die formale Kommunikation auf Parteiebene für viele Jahre abbrach. Zwischen September 1963 und Juli 1964 veröffentlichte die KPCh neun umfangreiche Kommentare zum „Offenen Brief“ in den Parteizeitungen „Rote Fahne“ und „Volkszeitung“, die zwischen 25 und 70 Seiten umfassten und systematisch die Kritik am Chruschtschow-Revisionismus vertieften. 

Der 658 Seiten umfassende Sammelband erschien erstmals 1965 in Beijing in deutscher Sprache und ab 1970 in mehreren Auflagen im Oberbaum Verlag. Er vereint den ursprünglichen „Vorschlag zur Generallinie“ mit seinen 25 Punkten, alle neun Kommentare sowie im Anhang die relevanten Dokumente der KPdSU. 

Die historische Bedeutung dieses Sammelbands liegt in seiner Funktion als zentrales Dokument der Auseinandersetzung zwischen den revisionistischen Positionen der KPdSU-Führung unter Chruschtschow und der marxistisch-leninistischen Kritik der KPCh. Die Formulierung der Generallinie war der Versuch, die gemeinsamen Grundlagen der kommunistischen Weltbewegung zu bestimmen, in den sozialistischen Staaten, in den kapitalistischen und imperialistischen Ländern sowie in den vom Imperialismus abhängigen Ländern. Sie sollte die gemeinsamen Aufgaben dieser unterschiedlichen Teile der Bewegung festlegen, wobei deren jeweils besondere Bedingungen und speziellen Aufgaben berücksichtigt werden, und damit die verschiedenen Abschnitte der gemeinsamen Front gegen den Imperialismus – die unterdrückten Völker, die Arbeiterbewegung und die bereits befreiten, sozialistischen Länder – miteinander verbinden. 

Mit „Generallinie“ ist dabei die gesamtstrategische Ausrichtung gemeint: Wer als Hauptfeind gilt, welche Verbündeten gewonnen werden sollen und welches Endziel verfolgt wird; sie ist als für alle kommunistischen Parteien verbindliche Orientierung gedacht, nicht nur für ein einzelnes Land. In der Darstellung der KPCh ist die Generallinie somit das übergreifende strategische Programm für die internationale kommunistische Bewegung in einer bestimmten historischen Phase und soll die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der weltweiten Klassenkämpfe zusammenfassen und eine einheitliche Orientierung geben. 

Die zentrale marxistisch-leninistische Generallinie, wie sie die KPCh definierte, lautete: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch; Proletarier aller Länder, vereinigt euch mit den geknechteten Volksmassen und den unterdrückten Nationen; bekämpft Imperialismus und Reaktion in allen Ländern; ringt nach Weltfrieden, nach nationaler Befreiung, nach Volksdemokratie und Sozialismus; festigt und stärkt das sozialistische Lager; realisiert schrittweise den vollen Sieg in der proletarischen Weltrevolution; und errichtet eine neue Welt ohne Imperialismus, ohne Kapitalismus und ohne Ausbeutungssystem.“[1] Konkret bedeutete dies: „[…] eine breite Einheitsfront mit dem sozialistischen Lager und dem internationalen Proletariat als Kern zu bilden, zum Kampf gegen den Imperialismus mit den USA an der Spitze und gegen die Reaktionäre aller Länder; die Massen in breitestem Umfang zu mobilisieren, die revolutionären Kräfte zu verstärken, die Kräfte in der Mitte zu gewinnen und die Konterrevolutionäre zu isolieren.“[2] 

Diese Generallinie gehe „aus dem Gesamtbild der Realität der Welt, aus der Klassenanalyse der grundlegenden Widersprüche in der Welt in der gegenwärtigen Epoche hervor“ und sei „gegen die konterrevolutionäre Globalstrategie des USA-Imperialismus gerichtet“[3]. Die KPCh kritisierte die einseitige Reduzierung der Generallinie auf friedliche Koexistenz, friedlichen Wettbewerb oder friedlichen Übergang durch die Chruschtschow-Führung als Aufgabe der historischen Mission der proletarischen Weltrevolution sowie Abkehr von den revolutionären Lehren des Marxismus-Leninismus. 

Unter den neun Kommentaren stechen drei besonders hervor: 

Der erste Kommentar „Ursprung und Entwicklung der Differenzen zwischen der Führung der KPdSU und uns“ vom 6. September 1963 analysiert, wie die sowjetische Führung unter Chruschtschow seit dem XX. Parteitag 1956 eine revisionistische Linie verfolgt. Er wirft ihr vor, Stalin grundlos zu verurteilen, den marxistisch-leninistischen Revolutionsbegriff durch die Vorstellung eines „friedlichen Übergangs“ zum Sozialismus zu verfälschen und den US-Imperialismus zu verharmlosen. Statt den Klassenkampf zu betonen, suche Chruschtschow Kooperation mit den USA und entferne sich vom revolutionären Prinzip der Oktoberrevolution. Zudem beschuldigt das Dokument die KPdSU, andere Bruderparteien mit Großmachtgehabe zu bevormunden und die sozialistische Einheit zu gefährden. Im Gegensatz dazu betonte die KPCh, konsequent am Marxismus-Leninismus und am proletarischen Internationalismus festzuhalten und für eine Einheit auf prinzipieller Grundlage einzutreten. 

Der zweite Kommentar „Zur Stalinfrage“ vom 13. September 1963 verteidigt Stalin entschieden gegen Chruschtschows vollständige Verurteilung und fordert eine objektive, historisch-materialistische Bewertung. Er hebt Stalins zentrale Verdienste hervor – seine Führungsrolle beim Aufbau des Sozialismus, der Industrialisierung, dem Sieg über den Faschismus und der Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus – und erkennt zwar Fehler wie dogmatisches Denken und übermäßige Härte an, bewertet diese jedoch als gering im Vergleich zu seinen Leistungen. Der Text kritisiert Chruschtschow scharf dafür, Stalin als Feind zu behandeln, ihn mit Beleidigungen zu verunglimpfen und gleichzeitig selbst jede Verantwortung für die damalige Politik abzustreiten. Der angebliche „Kampf gegen den Personenkult“ wird als politisches Manöver dargestellt, das die Diktatur des Proletariats schwächen, Revisionisten an die Macht bringen und die kommunistische Bewegung spalten solle. 

Der neunte Kommentar „Über den Pseudokommunismus Chruschtschows und die historischen Lehren für die Welt“ vom 14. Juli 1964 ist die theoretisch grundlegendste Kritik am Chruschtschow-Revisionismus und zugleich der politisch weitreichendste Text des Sammelbands. Er behandelt die fundamentale Frage des Verhältnisses von ökonomischer Basis und politisch-ideologischem Überbau im Sozialismus. 

Der Kommentar verurteilt Chruschtschows Theorien vom „Staat des ganzen Volkes“ und der „Partei des ganzen Volkes“ als grundlegende Abkehr vom Marxismus-Leninismus. Diese Konzeptionen negieren die Existenz von Klassen und Klassenkampf im Sozialismus und verkünden die vorzeitige Aufhebung der Diktatur des Proletariats. Die KPCh hält dem entgegen, dass im Sozialismus weiterhin Klassen, Klassenwidersprüche und Klassenkampf existieren – wenn auch in veränderter Form – und dass die Diktatur des Proletariats bis zum Übergang in die kommunistische Gesellschaft historisch notwendig bleibt. Die verfrühte Liquidierung der Diktatur des Proletariats öffne unweigerlich den Weg zur kapitalistischen Restauration. 

Zentral ist dabei die Analyse der Dialektik von Basis und Überbau in der sozialistischen Gesellschaft. Der Text arbeitet heraus, dass nach der sozialistischen Umgestaltung der Produktionsverhältnisse die Gefahr der Restauration nicht verschwindet, sondern sich auf die Ebene des Überbaus – in Partei, Staatsapparat und Ideologie – verlagert. Selbst wenn die sozialistische ökonomische Basis etabliert ist, können bürgerliche Ideologien, Gewohnheiten und Privilegien in der Partei- und Staatsführung fortbestehen und sich zu einer systematischen revisionistischen Linie verdichten. Eine privilegierte bürokratische Schicht kann entstehen, die – ohne zunächst die Eigentumsverhältnisse formal zu ändern – durch ihre Politik die sozialistische Basis untergräbt und den Boden für die Restauration bereitet. 

Der Kommentar beschreibt konkret, wie diese Tendenz sich in der sowjetischen Gesellschaft manifestiert: durch Ersetzung sozialistischer Prinzipien durch einseitige materielle Anreize, Vergrößerung der sozialen Ungleichheit, Übernahme kapitalistischer Managementmethoden, Förderung bürgerlicher Ideologien und Zurückdrängung der Arbeiterkontrolle. Chruschtschows „Kommunismus“ entpuppe sich so als bürgerlicher Pseudokommunismus, eine Politik, die unter sozialistischer Phraseologie die Interessen einer privilegierten Schicht bedient und objektiv die kapitalistische Restauration vorbereitet. 

Als Gegenmittel fasst das Dokument Mao Zedongs 15 Prinzipien zur Verhinderung der kapitalistischen Restauration zusammen, die auf der Fortführung der Revolution unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats bestehen. Diese Prinzipien betonen die Notwendigkeit fortgesetzter ideologischer Erziehung, der Massenmobilisierung, der Verhinderung von Privilegien, der ständigen Kritik und Selbstkritik sowie der Bekämpfung bürokratischer Tendenzen in Partei und Staat. 

Als historisches Dokument ist die „Polemik“ von unschätzbarem Wert für die Beschäftigung mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung. Sie dokumentiert eine entscheidende Wegscheide: die Spaltung der kommunistischen Weltbewegung, die tiefgreifende Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des internationalen Klassenkampfes hatte. Der Sammelband macht beide Positionen – die der KPdSU und die der KPCh – zugänglich und ermöglicht damit ein eigenständiges Studium dieser Auseinandersetzung. 

Die theoretische Bedeutung des Werks liegt vor allem in der Ausarbeitung der Problematik des Klassenkampfes im Sozialismus. Die „Polemik“ stellt die Frage, wie die Diktatur des Proletariats gegen revisionistische Degeneration verteidigt werden kann. Sie zeigt, dass der Kampf zwischen sozialistischem und kapitalistischem Weg nicht mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel endet, sondern sich als Kampf zwischen proletarischer und bürgerlicher Linie in der Partei und im Staatsapparat fortsetzt. 

Für eine heutige marxistisch-leninistische Analyse ist es notwendig, beide Linien kritisch zu studieren und eigenständige Schlussfolgerungen zu ziehen. Die historische Entwicklung – der Zusammenbruch des Realsozialismus Ende der 1980er Jahre – wirft rückblickend neue Fragen auf: Wie ist das Verhältnis zwischen der revisionistischen Politik der Parteiführung und den weiterbestehenden sozialistischen Produktionsverhältnissen zu fassen? Welche materiellen Bedingungen ermöglichten die Herausbildung privilegierter und opportuner Schichten? Inwieweit trugen die von der KPCh kritisierten Entwicklungen tatsächlich zur späteren Restauration des Kapitalismus bei? 

Gerade durch die Untersuchung der theoretischen Positionen auf beiden Seiten – sowohl der Kritik am Revisionismus als auch ihrer Grenzen – lassen sich jene Fundamente herausarbeiten, auf die sich unsere Bewegung stützen sollte. Wir stehen erst noch am Beginn einer solchen Aufarbeitung und der zwingend notwendigen, vertieften Beschäftigung mit unserer Geschichte, der Krise der kommunistischen Bewegungen und der Ära der Konterrevolution, die uns 1990 überrollte. Die „Polemik“ bleibt damit ein unverzichtbares Studienobjekt für alle, die um die Überwindung der Zersplitterung der kommunistischen Bewegung und um eine revolutionäre Perspektive ringen. Sie drängt zur Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Bewegung – historisch und aktuell. 

[1] Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas: Ein Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung, 14. Juni 1963. In: Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung, 1. Auflage 2007, Marxistischer Lesekreis Göttingen, S. 6. 

[2] Ebd. 

[3] Ebd. 


Unter Feuer – Die Konterrevolution in der DDR 

von Stefan Iswall 

Auch 35 Jahre nach der Konterrevolution, die die Ära des ersten deutschen, sozialistischen Staates beendete, ist die Niederlagenanalyse noch lange nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Konkretes Wissen über die DDR, über die Errungenschaften und über die Schwächen dieser größten historischen Errungenschaft der Arbeiterklasse ist in der linken und auch kommunistischen Bewegung in Deutschland nur unzureichend verbreitet. Ein konstruktiver Austausch über diese Aspekte, die doch so wichtig sind für den nächsten Anlauf zum Sozialismus, findet kaum statt. Der Band „Unter Feuer: Die Konterrevolution in der DDR. Zur Entwicklung der Partei, der Ökonomie, der imperialistischen Strategie und ihrer Bekämpfung“, der zuerst von der Zeitschrift „offen-siv“ und in einer zweiten Auflage in Kooperation von offen-siv“, der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Kommunistischen Organisation (KO) 2019 neu rausgegeben wurde, liefert dazu einen wichtigen Beitrag[1]. 

Das Buch besteht aus verschiedenen Autorenbeiträgen, die einen Überblick versprechen. Die Einleitung, geschrieben von Leihkauf und Buchholz, gibt den Lesern umfangreiche, aber auch pointierte Fakten über die Errungenschaften, die wir mit dem Ende der DDR verloren haben – oder: was uns aus den Händen gerissen wurde. So bieten die Texte den Anreiz, nicht bei oberflächlichem Wissen beispielsweise über größere soziale Gerechtigkeit, bessere Sozialsysteme oder Arbeits- und Lebensbedingungen für einen Großteil der Bevölkerung stehen zu bleiben, sondern sich intensiver mit diesen Fakten auseinanderzusetzen. Der Beitrag von Erich Buchholz zur sozialistischen Verfassung der DDR von 1968 ist gerade in Hinblick auf den aktuellen autoritär-militaristischen Staatsumbau wertvoll, weil er die These umfassend widerlegt, dass es sich bei der DDR um einen Unrechtsstaat gehandelt haben soll. Vielmehr waren grundlegende soziale und politische Rechte direkt garantiert und niedrigschwellig einklagbar – und nicht nur auf dem Papier gültig, wie oft beim Grundgesetz der BRD. 

Für den Beitrag zur SED-Geschichte wurden mit Kurt Gossweiler, Dieter Itzerott und Heinz Keßler  Genossen ausgewählt, die Jahre oder sogar jahrzehntelang direkt in der praktischen Arbeit mit der Partei verbunden waren. Itzerott startet mit einem Überblick: Er setzt zentrale Momente der Parteientwicklung in Szene und liefert die notwendigen Hintergrunddaten zum Verständnis. Wer hier einen sorgfältig ausgearbeiteten Text mit guter Quellenlage erwartet, wird aber enttäuscht sein. Itzerott bezieht sich in großen Teilen auf seinen Co-Autor: Die Handschrift Gossweilers, der sich neben seiner Arbeit zur Faschismusforschung gerade nach dem Ende der DDR dem Anti-Revisionismus verschworen hat, lässt sich aus der hier kondensierten Darstellung deutlich herauslesen. Ein ganzes Unterkapitel ist dem Revisionismus in der Partei, ein weiteres dem Einfluss der Chruschtschowschen „Enthüllungen“ gegen Stalin auf die Führung der SED gewidmet. Zentrales Argument ist, dass die Abhängigkeit der DDR-Führung von der KPdSU und eine gewisse versöhnlerische Tendenz dazu geführt habe, Chruschtschows Revisionismus nichts entgegenzusetzen. Auch in der DDR habe sich – mit weiteren Ursachen – in der Folge der Revisionismus in der Partei entwickelt. Keßler führt die Debatte weiter und diagnostiziert eine große Naivität der DDR gegenüber dem Revisionismus in Russland. Die Frage, deren Beantwortung Itzerott wie auch Keßler schuldig bleiben, ist, wie der antirevisionistische Kampf hätte aussehen können und an welcher Stelle die Weichen ins Nirgendwo gestellt wurden. Keßler geht so weit, zu sagen, dass die Partei 1989 so zersetzt war, dass der Kampf gegen den tückischen Imperialismus eigentlich schon längst verloren gewesen sei, und formuliert lediglich plakativ Lehren wie ein Fraktionsverbot oder dass der Feind nicht unterschätzt werden darf. Die im Text von Itzerott erwähnte Kritik von internationalen Parteien an revisionistischen Tendenzen der KPdSU hat nicht zu einem Kurswechsel geführt – und dabei kam die Kritik von Parteien, die nie in so einem engen Abhängigkeitsverhältnis wie die SED standen Der Kampf gegen den Revisionismus ist eine Frage, die gerade in Hinsicht auf heutige Debatten, in denen die kommunistische Weltbewegung grundlegend gespalten ist und sich verschiedene Fraktionen gegenseitig Revisionismus vorwerfen, unbedingt weiter konkret erörtert werden muss. 

Ohne die Strategie und Taktik des Imperialismus kann das Versagen der Partei nicht richtig gedeutet werden. Der Beitrag von Michael Opperskalski, der das Problem des Revisionismus in den richtigen Kontext mit der „Strategie der friedlichen Einmischung“ des imperialistischen Westens setzt, geht einen wichtigen Schritt in Richtung dieser gebrauchten Deutung. Dass diese perfide Strategie, im Zusammenhang mit der von westdeutschen Reaktionären wie Willy Brandt gefeierten „Sozialdemokratisierung“ im sozialistischen Block, ihr Ziel erreicht hat, sollte Kommunisten heute eine Lehre sein. Auch heute sind die Propaganda, die Anbiederung an echte revolutionäre Potenziale zur Integration für die Ziele der Kriegstreiber und Ausbeuter, die schleichende Einmischung in Angelegenheiten anderer Staaten wesentliche Werkzeuge im Koffer der Imperialisten, die wir noch viel besser verstehen müssen. 

Die Beiträge zur Ökonomie der DDR von Klaus Hesse und Hermann Jacobs legen den Finger in die Wunde einer Wirtschaftstheorie, die sich immer weiter von ihrem Ausgangspunkt in der frühen Sowjetunion entfernt hat. Jacobs veranschaulicht dies durch den Vergleich von Lehrbüchern, aber auch indem er Unterschiede in Theorie und Praxis der Ökonomie der DDR aufzeigt. Hesse bildet den Rahmen darum ab: Die DDR war auch ökonomisch stark abhängig von anderen sozialistischen Ländern und gebeutelt durch die Handelsblockaden der imperialistischen Staaten, durch einen lange andauernden Krieg, der kaum „kalt“ genannt werden kann. Bemerkenswert ist Jacobs’ grundsätzliche und vehemente Ablehnung des Neuen Ökonomischen Systems der DDR der 60er Jahre, die er auch nicht mit der Begründung davonkommen lässt, dass die DDR reale zu lösende Probleme der Preispolitik zu lösen hatte. 

Insgesamt bietet der Band wichtige Impulse für die Niederlagenanalyse des Sozialismus in Deutschland und bietet einen Einstieg auch über die kommunistische Bewegung hinaus für alle, die sich mit der Geschichte der DDR und ihren Bedingungen auseinandersetzen wollen. Wer eine umfassende historische Ausarbeitung, eine vertiefte Diskussion sucht, wird aber lediglich Anknüpfungspunkte finden. 

Offen-siv/KPD/KO (Hrsg.): Unter Feuer. Die Konterrevolution in der DDR, 2. überarbeitete Auflage 2019, Bodenfelde: offen-siv. Zu bestellen unter offen-siv.net, erste Auflage online zu finden unter: <https://offen-siv.net/Bucher/Unter-Feuer.pdf> 

[1]Die Erstauflage des Buches entstand zuerst 2009 als Zuarbeit für die Forschung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) zum Thema der Entwicklung und der konterrevolutionären Zerstörung der DDR.


Yuri Zhukov: Ein anderer Stalin 

von Martin Hilbig

Es gibt Trinkspiele, von denen man sehr schnell blau wird. Etwa Folgendes: Man nehme sich eine beliebige moderne Stalin-Biographie, schlage das Kapitel zum Großen Terror auf und suche sich alle Fußnoten heraus, die Stalins Planung, Anweisungen oder auch nur Fürsprachen für die Massenrepression belegen sollen. Und man trinke jedes Mal einen Schnaps, wenn sich hinter der Fußnote nur der Verweis auf eine bisherige Historikermeinung und gar kein wirklicher Quellenbeleg findet. Yuri Zhukov fiel bereits in den 90er Jahren auf, dass fast sämtliche Charakterisierungen Stalins gar nicht auf den direkt Stalin zuzuordnenden Reden und Dokumenten, sondern auf Urteilen Dritter, Zeitzeugen oder historischen Darstellungen nach 1961 beruhten. Als Doktor am Institut für Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften verfügte er über einen hervorragenden Zugang zu den Archiven und diese erzählen eine andere Geschichte. Eine Geschichte, die Zhukov in Inoi Stalin einem breiten Publikum zugänglich machen wollte. 

Yuri Zhukov kann man sich dabei ein wenig wie Götz Aly vorstellen. Beide gelten als detailversessene und empathische Archivarbeiter. Beide sind Liebhaber des ruhigen Wortes. Beide gehen gern die kürzesten gedanklichen Wege von ihren Quellen zu den Theorien, was sie zu Kritikern der großen epochalen oder psychologisierenden Erzählungen macht. Götz Alys Schaffenshöhepunkt fällt um die Jahrtausendwende jedoch mit dem Wiederaufstieg des deutschen Imperialismus zusammen, wodurch Aly sich mit dem Weltgeist versöhnt glaubend die Rolle des historischen Richters einnehmen kann, der über der Debatte steht. Zhukov hingegen wird durch die Umstände die Rolle des Anwalts aufgezwungen. 50 Jahre Revisionismus unter Krushchev, Gorbachev, Yelzin und Putin versperren ihm den Pfad der Überparteilichkeit. Im historischen Prozess, der Stalin seit dem XX. Parteitag gemacht wird, richtet er sich gegen die Befangenheit der Jury, der das „Monster“ Stalin aus verschiedenen Gründen angenehm ist. Er verweist auf die Akten und fragt, was das Papier denn wirklich über Stalin erzählt, ohne dass wir bereits hineinlesen, was wir über Stalin zu wissen glauben. Denn die Akten sind Zhukovs natürliches Medium. Er weiß, wie das Briefpapier Berijas schmeckt. Er denkt im Ton Molotows und hört Dissonanzen, wenn etwas ungewöhnlich ist. Er kennt die Abläufe zwischen den sowjetischen Instanzen ganz genau und riecht die Fährten, wenn sie nicht eingehalten werden. 

Wie ein richtiger Anwalt enthält sich Zhukov, selbst ein Urteil über Stalin auszusprechen. Schuld und Unschuld werden an einem Maßstab gemessen, der weder seiner ist, noch sich von selbst ergibt. Die Bildung konspirativer Zirkel in der Leitung der KPdSU, die Repression gegen politische Gegner, unhaltbare Anschuldigungen gegen verdiente Kommunisten in den Moskauer Prozessen – all das leugnet Zhukov nicht, aber das Motiv kann er beim besten Willen nicht in persönlicher Machtgier oder wahnhafter Rachlust erkennen, sondern allein in einem konsequenten, vielleicht sogar fanatischen Pragmatismus Stalins. Woher nimmt er das? Weil Stalin ihn beständig in Reden, Artikeln und Protokollen an den Tag legt. Sein wichtigstes Instrument darin ist die einfache Rede: Benennung der Widersprüche, Vorschlag der Position, Darstellung der Abwägungsgründe, offene Diskussion der Folgen und nahezu liturgische Wiederholung der Kernaspekte. Anfangs kann sich Stalin auf kein anderes Machtmittel stützen, als im Geflecht der Widersprüche, Tendenzen und Gegentendenzen das Wesen der Sache auch für Bolschewiki ohne Schulbildung herauszustellen und Disziplin einzufordern. 

Zhukov arbeitet genau diese Problemlagen, zu denen sich Stalin äußert, in ihrer Totalität heraus. Der erste Fünfjahresplan bildete nach wenigen Jahren trotz politischer und technischer Probleme die industrielle Grundlage für die Hebung des Lebensstandards und stellte die Frage, ob man zunächst weiter die materielle Grundlage des Sozialismus verbreitern oder gesellschaftliche Avantgardeprojekte fördern sollte. Die Völker der Sowjetunion wuchsen zusammen und wurden gebildeter, aber die Unterschiede blieben groß und religiöse Autoritäten überdauerten lokal. Und wie ein Damoklesschwert hing die Bedrohung durch den Faschismus über dem jungen sozialistischen Land. Um das Bündnis mit Frankreich und Tschechien gegen Hitler zu erweitern, musste Stalin den Kreis quadrieren und auf der einen Seite stark genug sein, um Verbündeten glaubhafte militärische Schutzversprechen anbieten zu können, aber gleichzeitig der antisowjetischen Propaganda aus Großbritannien und den USA keine Nahrung zu geben, man wolle in Westeuropa die Weltrevolution unter dem Deckmantel der Volksfronten durchführen. Besonders eindrücklich erläutert Zhukov dies am Beispiel Spaniens, wo die Sowjetunion alles unternahm, um nur die Republik zu stützen und dennoch sofort die „Bolschewisierung Spaniens“ denunziert wurde, als sie auf den Bruch der Nichteinmischung durch Deutschland und Italien reagierte. 

In den einzelnen Kapiteln des Buches stellt Zhukov dar, wie viel kritisches Spaltungspotential jeder innen- und außenpolitische Schritt – sei er vorwärts oder zurück – besaß, das in der Verfassungsfrage 1936 kulminierte. Der Pragmatiker Stalin befand sich in einem Umfeld von Kommunisten, die ihr Leben für die Revolution gegeben haben. Sie haben im Bürgerkrieg gegen die religiösen Verbündeten der Weißen gekämpft. Sie haben mit hohem Blutzoll die Kulaken auf dem Dorf beseitigt. Sie haben das Schicksal der jungen Sowjetmacht immer in Abhängigkeit der Revolution im Westen geglaubt und Genoss*innen in aller Welt unterstützt. Und was der Pragmatiker Stalin ihnen mit der Verfassung 1936 zum Vorschlag machte – ein allgemeines und geheimes Wahlrecht -, war für viele eine Unvorstellbarkeit. Auch Kinder der gestürzten Klassen sollten nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden können. Stalin wollte angesichts der faschistischen Bedrohung die Kompetenzen der alten Eliten für die Verteidigung gewinnen. Stalin wollte die Bürokratisierung eindämmen und den aufgeblähten Parteiapparat stutzen. Er wollte jene Elemente, die noch keine überzeugten Kommunisten waren, aber sich doch mit dem Sieg des Roten Oktobers abfinden mussten, wieder in die Gesellschaft integrieren, anstatt hier neue konterrevolutionäre Zellen heranzuzüchten. Und er wollte ein Signal an die bürgerlichen Länder setzen, dass die Sowjetunion eben nicht der Faschismus ist. 

Diese Reformen riefen zwei Gegner auf den Plan: die überzeugten Ideologen und die opportunistischen Apparatschiks. Erstere wähnten die Diktatur des Proletariats und die Weltrevolution in Gefahr; letztere ihre dank der Parteibürokratie erhaltene Stellung. Um in den globalen Widersprüchen sicher navigieren zu können, musste Stalin aus pragmatischen Gründen heraus die alten Ideologen unterdrücken. Und dies passierte in einer für Stalin typischen Methode, die nur wenige hohe Kader betraf, aber den meisten die Möglichkeit zur Selbstkritik ließ. Es war am Ende allerdings die Angst der Opportunisten vor der Alternativwahl, welche nach Zhukov zum Großen Terror führte. Er zeichnet anhand der Politbürositzungen minutiös nach, wie es in der Regel die Personen aus der zweiten Reihe wie Lyubchenko, Yeshov, Mikoyan oder Eikhe waren, welche auf Blut drängten, während Molotow und Stalin immer wieder für die Alternativwahlen, die Evaluation der eigenen Politik und Propaganda, sowie die Integration von Abweichlern Partei ergreifen. 

Zhukov urteilt, dass Stalin mit seinem Versuch einer Demokratisierung im Rahmen sowjetischer Institutionen gescheitert ist. Das Ziel, dass die Verfassung „die bürokratischen Elemente mit voller Wucht treffen und für sie eine nützliche Erschütterung darstellen“ (Rede Molotows, zit. nach Zhukov, S.64), bewahrheitete sich anders als er es voraussah. Die mittlere und niedere Parteibürokratie wurde erschüttert und nahm einen Kampf gegen die Stalin-Gruppe auf, die zwar 1937 den eigenen Führern den Kopf kosten sollte, aber am Ende mit dem Blut Tausender die Bürokratie rettete. Nach Zhukov klebt dieses Blut jedoch nicht an Stalins Händen, denn dieser habe lediglich in einer existenziellen Gefahrensituation für die Sowjetunion pragmatische Entscheidungen treffen müssen: für die Verfassung von 1936 und für eine Bündnisfähigkeit gegen Hitler. Und pragmatisch konnte angesichts des drohenden Krieges nur heißen: schnell, situativ und konsequent und unter Inkaufnahme aller Opportunitätsopfer. 

Inoi Stalin fehlt der rote Faden einer großen Erzählung. Zhukov hat nicht einmal die Kapitel überschrieben und springt thematisch im Buch hin und her. Aber genau das ist der Sache angemessen. Äußere und innere Konflikte in der Sowjetunion der Dreißigerjahre überlagern und durchdringen sich. Wer hier einfache Wahrheiten anbietet, kann nur lügen. Wenn man Zhukov einen Vorwurf machen kann, dann ist es der, kein Kommunist zu sein. Denn das ist er genauso wenig wie ein liberaler Idealist oder russischer Nationalist. Zhukov sieht sich selbst als Pragmatiker, was den Verdacht einer Projektion des eigenen Selbstverständnisses auf Stalin zumindest denkbar macht. Geschichte kann aber niemals von einem entpolitisierten, pragmatischen Standpunkt aus betrachtet werden. 

Inoi Stalin ist in Russland sehr breit rezipiert worden, insbesondere in der historisch interessierten Laienleserschaft, während bürgerlich-liberale Historiker wie Oleg Khlevnyuk ihn als Neostalinisten abstempeln und Zhukov selbst die unvollständige Quellenlage zum Vorwurf machen. Anders als die Medienelite hierzulande gerne erzählt, ist der akademische Mainstream in Russland nämlich streng antistalinistisch. Wer aber wirklich prüft, auf was die Vertreter der Psychopathentheorie wie Khlevnyuk oder Kotkin ihre Behauptungen stützen, der wird bei Zhukov mit ein wenig mehr konkreter Evidenz geerdet. Ein Trinkspiel in der eingangs angeführten Gestalt bliebe jedenfalls ein sehr nüchterner Abend. 

Literatur: 

Жуков, Ю. (2003): Иной Сталин. Политические реформы в СССР в 1933—1937. Москва: Вагриус. 

Zhukov, Y. (2003): Ein anderer Stalin. Politische Reformen in der UdSSR von 1933 bis 1937. Moskau: Vagrius.