Die Friedensbewegung zwischen rechten Querfrontprojekten und Offenheit gegenüber pro-imperialistischen „Linken“

Themen: Massenarbeit

Bild: Kommunistische Organisation CC BY-NC-SA 4.0

Ein Diskussionsbeitrag von Martha Stern

Diskussionsbeiträge geben nicht zwangsläufig die Positionen der gesamten KO wider, sondern dienen zur Debatte und Klärung.

Im Folgenden möchte ich mich mit dem Text „Querfront-Zählung bis Zwei – Quergedachtes zur Querfront-Debatte der Kommunistischen Organisation“ auseinandersetzen, der im Januar auf der Website des Magazins der Masse (MagMa) veröffentlicht wurde. Ausgehend von der dort formulierten Kritik möchte ich einige weiterführende Fragen zum Zustand der Friedensbewegung und zu ihren politischen Perspektiven aufwerfen.

Die Kritik des MagMa-Textes bezieht sich auf die im November 2025 gestartete Artikelreihe zum Thema Querfront, die die Beiträge „Querfront – Kampfbegriff und reales Problem!“ und „Die Querfront ist ein Irrweg“ umfasst. Im Zentrum der folgenden Auseinandersetzung stehen die unterschiedlichen Herleitungen des Querfront-Phänomens, die politischen Kräfteverhältnisse innerhalb der Friedensbewegung sowie die Frage, welche Schlussfolgerungen sich daraus für eine antiimperialistische Friedenspolitik ergeben.

Der Text gliedert sich in vier Schwerpunkte:

  1. Was kritisiert MagMa an der bisherigen Querfront-Debatte?
  2. Die „hegemoniale“ Querfront: Zusammensetzung und politische Wirkung
    • 2.1. Warum eine Querfront mit rechten Kräften keine geeignete Antwort auf die „hegemoniale Querfront“ ist
  3. Die Probleme der Friedensbewegung: Zwischen „hegemonialen“ Kräften und rechter Einflussnahme
  4. In welchem Verhältnis stehen Kommunisten zur Friedensbewegung?

1. Was kritisiert MagMa an der bisherigen Querfront-Debatte?

Der MagMa-Text nähert sich dem Begriff der Querfront aus einer anderen Perspektive als die zuvor veröffentlichte Artikelreihe. Der wesentliche Unterschied liegt dabei in der Herleitung des Phänomens und insbesondere in der Frage, inwiefern Querfrontbestrebungen primär auf die Aktivitäten neofaschistischer Kräfte zurückzuführen sind. MagMa unterscheidet dabei zwischen einer „hegemonialen Querfront“ und einer „Gegenquerfront“. Unter der „hegemonialen Querfront“ versteht der Text eine politische Strömung, die insbesondere im linksliberalen und antideutschen Spektrum verortet wird und als „NATO-Antifa“ begriffen werden kann, da sie den Schulterschluss mit „linken“ Parteien wie den Grünen, der SPD sucht, die aktiv Krieg und Genozid unterstützen. Dieses Phänomen bilde demnach den Ausgangspunkt für die Entstehung einer „Gegenquerfront“, die wir in den Artikeln als Querfront beschreiben, die sich in dem Fall als alternatives politisches Angebot zur ersteren Entwicklung versteht. Mit dem Begriff der „Gegenquerfront“ ist in diesem Zusammenhang das Phänomen gemeint, bei dem sich vermeintlich fortschrittliche Kräfte mit neofaschistischen Parteien und Gruppierungen unter dem kleinsten gemeinsamen Nenner „Frieden“ zusammenschließen. Die politische Unterscheidung zwischen links und rechts tritt dabei zugunsten eines gemeinsamen Protestes in den Hintergrund. Beispiele hierfür lassen sich insbesondere in Ostdeutschland finden. Beim Dresdner Montagsprotest gehen unter dem Motto „Dresdner Montagsprotest – Wer schweigt, stimmt zu“ unter anderem die Freie Linke und das BSW gemeinsam mit Akteuren wie den Freien Sachsen, der AfD oder der Werteunion auf die Straße. Die Freien Sachsen bezeichneten diese Zusammenarbeit zuletzt als „bundesweite Einmaligkeit“ und stellten sie damit als Vorbild für weitere Projekte dar. Entscheidend ist dabei nicht, dass unterschiedliche politische Strömungen gemeinsam demonstrieren, sondern wer diese organisatorisch und inhaltlich prägt. Vielmehr stellt sich die Frage, welche politischen Kräfte solche Bündnisse anleiten, welche Interessen sich darin durchsetzen und welche langfristigen Folgen diese Zusammenarbeit für die Friedensbewegung hat. Diesen Ansatz verkennt der MagMa-Artikel und reduziert das Entstehen einer „Gegenquerfront“ auf die Existenz der „hegemonialen“.

An dieser Stelle möchte ich auch dem wesentlichen Vorwurf des MagMa Artikels entgegentreten, die „hegemoniale Querfront“ werde in der bisherigen Kritik nicht ausreichend berücksichtigt. Der Text formuliert hierzu:

„Aufgabe einer kommunistischen Querfront-Debatte wäre es, den inneren Zusammenhang dessen, was die hegemoniale Querfront ausmacht, herauszuarbeiten, um dadurch eine in sich stimmige widerständige Reaktion auf sie zu ermöglichen. So eine Aufgabe lässt sich natürlich nicht erfüllen, wenn eine hegemoniale Querfront nicht wahrgenommen wird.“[1]

Dem ist insofern zuzustimmen, als dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den politischen Kräften, die MagMa unter dem Begriff der „hegemonialen Querfront“ zusammenfasst, notwendig ist. Nichtsdestotrotz müssen wir der Frage nachgehen, weshalb und wie neofaschistische Kräfte in der Lage sind, innerhalb der Friedensbewegung an Einfluss zu gewinnen und wieso sich einige Friedenskräfte auf eine solche Querfront einlassen. Was als legitime Reaktion auf die „hegemoniale Querfront“ eingeschätzt wird, hat in Wirklichkeit vielmehr mit der Perspektivlosigkeit und Isolation der Friedensbewegung zu tun – also mit inneren Problemen.

Eine wesentliche Verantwortung für die Wirksamkeit dieser Querfrontbestrebungen liegt dabei, außer Frage, bei der bundesdeutschen Linken. Bereits im ersten Artikel der Reihe wird dieser Zusammenhang folgendermaßen sehr deutlich beschrieben:

„Sie haben ideologische Diffusion zugelassen, die Menschen alleine mit ihren Problemen gelassen und sind jüngst vollständig ins Lager der herrschenden Kriegstreiber übergelaufen und treiben somit viele Menschen geradezu in die Arme der Nazis.“[2]

Die politische Schwäche der Linken und insbesondere der antiimperialistischen Friedensbewegung schafft natürlich einen Raum, in dem sich andere politische Kräfte etablieren können. Wo fortschrittliche Kräfte keine überzeugenden Antworten auf soziale Unsicherheit, Aufrüstung, Krieg und internationale Konflikte geben, entsteht eine politische Lücke, die von anderen Akteuren gefüllt werden kann. Daraus ergibt sich aber erst recht die Notwendigkeit, die Interessen, Strategien und politischen Zielsetzungen rechter Strömungen innerhalb der Friedensbewegung konkret zu untersuchen. Dabei reicht es nicht aus, lediglich ihre öffentlichen Positionierungen zu betrachten und sie als Alternative zur „hegemonialen Querfront“ abzutun. Entscheidend ist weiterhin, welche gesellschaftlichen Interessen die leitenden Kräfte vertreten, welche politischen Perspektiven sie verfolgen und wie sie versuchen, bestehendes Protestpotenzial für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Der MagMa-Text wirft weiterhin eine zentrale Frage auf:

„Wie realistisch wäre es anzunehmen, unter den an die Ränder Gedrückten würde sich nicht eine Auffassung breitmachen, nur durch Spektrumsübergreifende »links-rechts-egal«-Zusammenschlüsse gegen die hegemoniale Querfront ankommen zu können?“[3]

Dass sich eine solche Vorstellung in Teilen der politischen Landschaft Deutschlands etabliert hat, lässt sich kaum bestreiten. Entscheidend ist jedoch, weshalb diese Entwicklung eingetreten ist und welche politischen Schlussfolgerungen daraus gezogen werden müssen. Welche Rolle spielt die antiimperialistische Friedensbewegung bei dieser Entwicklung? Weshalb ist sie gegenwärtig so schwach? Und inwiefern trägt ihre eigene politische Schwäche dazu bei, dass vorhandenes Protestpotenzial entweder gar nicht mobilisiert oder von rechten Kräften aufgegriffen und vereinnahmt wird? Die Antwort auf diese Fragen kann nicht darin bestehen, die Unterscheidung zwischen links und rechts vollständig aufzugeben, nur weil diese Begriffe von politischen Gegnern verwischt oder instrumentalisiert werden. Im Gegenteil: Gerade unter diesen Bedingungen ist es notwendig, politische Positionen anhand ihrer konkreten Inhalte, gesellschaftlichen Interessen und Zielsetzungen zu bestimmen. Dabei muss insbesondere zwischen der politischen Führung einer Bewegung und den Menschen unterschieden werden, die sich an ihr beteiligen. Nicht jeder Mensch, der sich aus politischer Frustration, sozialer Unsicherheit oder dem Gefühl persönlicher Ausweglosigkeit einem Montagsprotest, einem Ostermarsch oder einer anderen Protestbewegung anschließt, ist deshalb bereits ein bewusster „Querfrontler“ im Sinne einer neofaschistischen Strategie.

2. Die „hegemoniale Querfront“: Zusammensetzung und politische Wirkung

Mit dem Begriff der „hegemonialen Querfront“ wird von MagMa eine politische Strömung bezeichnet, die sich insbesondere aus linksliberalen, pazifistischen und anderen sich als links verstehenden Strukturen zusammensetzt. Gemeint sind jene Kräfte, die beispielsweise Waffenlieferungen an die Ukraine oder Israel mit Verweis auf vermeintlich demokratische Werte legitimieren. Eine solche Entwicklung lässt sich meiner Einschätzung nach auch im Umfeld der sogenannten „Brandmauer-Bewegung“ beobachten, in der – mit Verweis auf ein kleineres Übel – ein breites Spektrum von Linken bis Konservativen gegen die AfD in Stellung gebracht wird. Wenn sich politische Kräfte, die sich selbst als links verstehen, im Kampf gegen die AfD nicht mehr konsequent von anderen staatstragenden Parteien wie der CDU oder den Grünen abgrenzen, sondern eine gemeinsame politische Front bilden, entsteht ein grundlegendes Problem: Die Unterscheidbarkeit der vertretenen politischen Positionen wird für viele Teile der Bevölkerung zunehmend schwieriger. Diese Entwicklung kann politische Frustration und Entfremdung verstärken. Gerade von Menschen, die bereits von etablierten Parteien und Institutionen enttäuscht sind, können die fehlende Abgrenzung gegenüber bürgerlichen und kriegspolitischen Positionen als Bestätigung ihrer bisherigen Erfahrungen wahrnehmen. Bleibt eine erkennbare linke Alternative aus, besteht die Gefahr, dass sich vorhandenes Protestpotenzial verstärkt rechten Kräften zuwendet. Diese Entwicklung können wir bereits beobachten, was auch die letzten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern untermauern.

Auch hier lässt sich ein konkreteres Beispiel aus Dresden heranziehen. Rund um den 13. Februar, den Jahrestag der Bombardierung der Stadt im Jahr 1945, finden seit den 1990er-Jahren große Neonazi-Aufmärsche statt, gegen die sich regelmäßig antifaschistische Proteste und Blockaden richten. Allerdings stellt sich auch hier die Frage, welche politischen Kräfte diese Proteste tragen und welche inhaltlichen Positionen sie miteinander verbinden. An den Blockaden beteiligen sich unterschiedliche Akteure: von Roten Jugendgruppen und verschiedenen Antifa-Gruppen im Allgemeinen über die Linkspartei, die SPD und die Grünen samt ihren Jugendorganisationen bis hin zu militanten Antideutschen. Damit stellt sich die Frage, ob der gemeinsame antifaschistische Protest tatsächlich auf einer gemeinsamen politischen Analyse beruht oder ob sich unterschiedliche, teilweise gegensätzliche politische Positionen lediglich unter einem gemeinsamen Aktionsmotto zusammenfinden. Auch hier besteht die Gefahr, genau mit den Kriegstreiberparteien und Zionisten, die den Rechtsruck hervorbringen, gegen seine Auswüchse, also Neonazis und die AfD, zu demonstrieren.

2.1. Warum eine Querfront mit rechten Kräften keine geeignete Antwort auf die „hegemoniale Querfront“ ist

Damit ist auch nicht jede Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen politischen Spektren automatisch als Querfront zu begreifen. Vielmehr muss im konkreten Fall untersucht werden, welche Interessen die beteiligten Kräfte verfolgen, wer innerhalb eines Bündnisses die politische Führung übernimmt und welche ideologische Richtung sich langfristig durchsetzt. Genau darin liegt ein zentraler Punkt der Querfront-Debatte. Neofaschistische Akteure versuchen, bestehendes Protestpotenzial aufzugreifen und für ihre eigenen politischen Ziele zu mobilisieren. Sie können dabei an reale soziale Probleme, politische Enttäuschungen und berechtigte Kritik an der herrschenden Politik anknüpfen, um ihre eigenen Positionen als vermeintliche Interessenvertretung der Arbeiterklasse und der Bevölkerung darzustellen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob eine sogenannte „Gegenquerfront“ tatsächlich eine notwendige oder geeignete Antwort auf die „hegemoniale Querfront“ sein kann. Aus meiner Sicht führt eine solche Schlussfolgerung in eine politische Sackgasse. Wer sich mit dem Argument des vermeintlich geringeren Übels und dem Verweis auf vermeintliche Friedenskräfte in der AfD auf ein Bündnis mit rechten Kräften, trägt dazu bei, deren politische Positionen zu normalisieren, ihre gesellschaftliche Verankerung zu stärken und Illusionen in die AfD zu hegen. Die berechtigte Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik und der Reaktion der „Linken“ wird dadurch nicht in eine eigenständige fortschrittliche Perspektive überführt, sondern kann für ein rechtes politisches Gegenangebot vereinnahmt werden. Gerade die inhaltliche Unklarheit innerhalb solcher Bündnisse bietet rechten Akteuren die Möglichkeit, ihre eigenen politischen Interessen als vermeintlich allgemeine Interessen der Bevölkerung auszugeben und zu etablieren. Der gemeinsame Protest gegen Aufrüstung und Krieg sagt für sich genommen noch nichts darüber aus, welche gesellschaftliche Ordnung die Beteiligten anstreben und welche Interessen sie langfristig vertreten. Deshalb darf auch die berechtigte Kritik an der „hegemonialen Querfront“ nicht dazu führen, die politische Eigenständigkeit einer antiimperialistischen Friedensbewegung aufzugeben und zugunsten größerer Anschlussfähigkeit mit Kritik an der NATO zu sparen oder sich in die antirussische Rhetorik dieser Kräfte einzureihen.

Ebenso wenig darf der Kampf gegen Deutschlands NATO-Mitgliedschaft, Waffenlieferungen und die Aufrüstung dazu dienen, rassistische, nationalistische und menschenverachtende Positionen zu relativieren oder zu übergehen, um möglichst anschlussfähig zu Rechten zu sein, die in demagogischer Weise Deutschlands Kriegspolitik anprangern. Der Kampf gegen solche Positionen, wie sie insbesondere von der AfD und weiteren rechten Akteuren vertreten werden, bleibt ein wesentlicher Bestandteil einer eigenständigen fortschrittlichen Bewegung. Eine Zusammenarbeit mit diesen Kräften kann daher weder als logische Konsequenz aus der Kritik an der „hegemonialen Querfront“ noch als notwendige Alternative zu ihr verstanden werden. Gleichzeitig ist eine klare Abgrenzung gegenüber jenen Kräften erforderlich, die eine vermeintlich „linke“ Politik mit den Interessen der herrschenden Kriegspolitik verbinden.

Im Endeffekt sind beide Querfronten, sei es mit Freien Sachsen und AfD, oder mit Kräften wie den Grünen, der SPD oder Antideutschen, staatstragend. Während Erstere mit Friedensrhetorik auf Stimmenfang gehen und friedensbewegte Menschen in die Linie des Staates integrieren, indem sie die soziale Frage zu einer ethnischen Frage machen und deutschen Nationalismus predigen, integrieren Letztere linke Kräfte über die Erzählung vom Kampf gegen autoritäre/islamistische Regime oder der angeblichen Bedrohung durch Russland. In beiden Varianten schwenken Antifaschisten und Antimilitaristen zugunsten einer erhofften Anschlussfähigkeit oder herbeigesehnten Vergrößerung der eigenen Kräfte auf die Linie des Militarismus ein – sei es völkischer oder liberaler Prägung.

3. Die Probleme der Friedensbewegung: Zwischen „hegemonialen“ Kräften und rechter Einflussnahme

Die Friedensbewegung steht vor der Aufgabe, sich sowohl gegenüber rechten Einflussversuchen als auch gegenüber jenen politischen Kräften zu behaupten, die unter einem vermeintlich „linken“ oder demokratischen Selbstverständnis die herrschende Kriegspolitik legitimieren. Dafür reicht eine bloße Abgrenzung gegenüber einzelnen Akteuren nicht aus. Notwendig ist vielmehr ein inhaltlich fundiertes politisches Angebot, das die Interessen und Zielsetzungen dieser Kräfte offenlegt und ihnen eine eigenständige Perspektive entgegensetzt. Rechte Akteure innerhalb der Friedensbewegung müssen als politische Kräfte erkennbar gemacht werden, die versuchen, eine Bewegung für ihre eigenen Zwecke zu vereinnahmen und zu spalten. Dasselbe gilt für die Kräfte, die erstmal unter dem Begriff der „hegemonialen Querfront“ zusammengefasst werden. Auch ihre politischen Positionen und die daraus resultierende Unterstützung von Kriegspolitik müssen benannt, analysiert und kritisiert werden. Wo Akteure die Politik des Imperialismus relativieren, Genozidleugnung betreiben oder Kriege politisch unterstützen, müssen diese Positionen einer konsequenten Kritik und Aufdeckung unterzogen werden. Das gilt umso mehr für verschleierte pseudolinke Varianten, die sich mit marxistischem Vokabular gegen Russland, den Iran und Palästina, also die erklärten Todfeinde des deutschen Imperialismus, wenden.

Das zentrale Problem der Friedensbewegung besteht also gegenwärtig darin, dass es ihr vielfach an inhaltlicher Klarheit im Umgang mit diesen unterschiedlichen Kräften fehlt. Sie ist häufig nicht in der Lage, auf internationale Entwicklungen schnell, fundiert und massenwirksam zu reagieren und die damit verbundenen politischen Interessen verständlich zu vermitteln. Das betrifft beispielsweise die Entwicklungen in Venezuela und dem Iran ebenso wie die mangelhafte Verbindung zum Genozid in Palästina. Stattdessen beschränken sich Teile der Friedensbewegung auf moralische Appelle, allgemein gehaltene pazifistische Forderungen oder oberflächliche Analysen. Damit wird jedoch ein wesentlicher Teil ihrer politischen Aufgabe vernachlässigt: eine konkrete Erklärung der Ursachen von Kriegen und der Interessen der beteiligten oder betroffenen Akteure.

Dazu gehört auch, die Rolle des deutschen Imperialismus und die Interessen des deutschen Kapitals in internationalen Konflikten kritisch zu analysieren und verstehen zu können. Eine solche Herangehensweise darf sich weder auf die Übernahme staatlicher Deutungsmuster beschränken noch Konflikte auf eine moralische Gegenüberstellung von Gut und Böse reduzieren. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer grundlegenden inhaltlichen und politischen Debatte innerhalb einer antimilitaristischen Bewegung, die nicht nur die Form, also den Krieg, sondern die Ursache, den Imperialismus, ablehnt und bekämpft. An die Stelle rein emotionalisierter und moralischer Argumentationen muss eine fundierte Analyse treten, die es ermöglicht, politische Zusammenhänge zu erklären und daraus eine konkrete Handlungsorientierung abzuleiten.

Eine Antwort auf die „hegemoniale Querfront“ kann also nicht darin bestehen, politische Grundsätze aufzugeben oder sich den Positionen jener Kräfte anzunähern, die man eigentlich kritisieren möchte. Ebenso wenig kann die Antwort auf die Einflussnahme neofaschistischer Akteure darin liegen, mit ihnen gemeinsame politische Strukturen aufzubauen. Diese Betonung politischer Eigenständigkeit darf nicht als Sektierertum verstanden werden, sondern weist vielmehr den Ausweg daraus.

Organisierungsansätze gegen Aufrüstung, Militarisierung und deutsches Großmachtstreben müssen wieder zu Orten einer eigenständigen, kämpferischen Interessenvertretung der Arbeiterklasse werden und gesellschaftlich verankert sein. Die Friedensbewegung steht heutzutage weitestgehend isoliert da – ganz anders als die Palästinasolidarität und die Schulstreiks gegen Wehrpflicht, die auch abseits von zentralen Anlässen (bspw. Ostermärsche und Weltfriedenstag) eine reale politische Dynamik erzeugen.

Der Zusammenhang zwischen Sozialkürzungen und Aufrüstung muss dabei mehr in den Vordergrund treten, sowie ein ehrlicher Umgang mit der drohenden Kriegsgefahr. Die Frustration und Hilflosigkeit großer Teile der Bevölkerung müssen politisch aufgegriffen werden. Aktuell scheinen der Friedensbewegung dafür die geeigneten politischen Formate zu fehlen und eine tatsächliche Perspektive aufzuzeigen.

4. In welchem Verhältnis stehen Kommunisten zur Friedensbewegung?

Viele Menschen suchen nach Möglichkeiten, ihren Unmut auszudrücken, sich gegen die herrschende Politik zur Wehr zu setzen und ihre Interessen sichtbar zu machen. Gerade deshalb wäre es politisch falsch, die Teilnehmer von Querfrontprotesten wie Montagsdemos pauschal mit denjenigen gleichzusetzen, die versuchen, diese Unzufriedenheit für rechte oder neofaschistische Ziele zu instrumentalisieren. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wer dieses Protestpotenzial politisch organisiert und führt, welche Interessen diese Führung verfolgt und welche politischen Perspektiven sie den Menschen anbietet. Rechte Akteure versuchen gezielt, bestehende Unzufriedenheit aufzugreifen, gesellschaftliche Widersprüche für ihre Zwecke zu nutzen und Menschen in ihre politische Richtung zu lenken. Dabei setzen sie häufig dort an, wo die Friedensbewegung versagt und ein Vakuum hinterlässt. Die inhaltliche Unklarheit einer Bewegung und die Abwesenheit der Kommunisten bietet ihnen dafür erhebliche Möglichkeiten. Wo eine eigenständige linke Perspektive fehlt, können rechte Akteure soziale und politische Probleme aufgreifen, sie nationalistisch umdeuten und sich als vermeintliche Alternative zur herrschenden Politik präsentieren. Daraus ergibt sich für Kommunisten eine besondere Verantwortung. Sie müssen sich mit den realen Problemen und Widersprüchen auseinandersetzen, die Menschen auf die Straße treiben, anstatt sich entweder von ihnen zu distanzieren oder ihre Unzufriedenheit unkritisch zu übernehmen. Es reicht nicht aus, bestehende Protestbewegungen lediglich von außen zu bewerten.

Das bedeutet auch, die Schwäche der bestehenden Friedensbewegung nicht ausschließlich auf äußere Einflussversuche zurückzuführen. Zwar versuchen pro-imperialistische Kräfte rechter und „linker“ Prägung, die politische Ausrichtung der Bewegung zu bestimmen. Doch zugleich muss untersucht werden, weshalb es der antiimperialistischen Linken bislang nicht ausreichend gelingt, eine überzeugende Alternative zu entwickeln und sich gesellschaftlich zu verankern.

Eine antiimperialistisch orientierte Friedensbewegung muss daher zwei Aufgaben miteinander verbinden: Einerseits gilt es, die politische Eigenständigkeit gegenüber der „hegemonialen Querfront“ und rechten Querfrontbestrebungen zu verteidigen. Andererseits muss sie in der Lage sein, die Menschen zu erreichen, die aus nachvollziehbarer Unzufriedenheit an Protesten teilnehmen, und ihnen eine fortschrittliche politische Perspektive aufzuzeigen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Kommunisten sich mit der bestehenden Friedensbewegung auseinandersetzen sollen, sondern wie sie diese Auseinandersetzung führen. Es geht darum, vorhandenes Protestpotenzial ernst zu nehmen, ohne dessen politische Vereinnahmung hinzunehmen; Bündnisse dort zu ermöglichen, wo sie der gemeinsamen Sache dienen, ohne die eigene politische Position aufzugeben; und eine Bewegung aufzubauen, die sich weder mit „linker“ Rhetorik in den Kriegskurs Deutschlands integrieren lässt, noch nationalistischen und völkischen Kräften untergeordnet ist.

Eine solche Perspektive setzt voraus, dass Kommunisten nicht nur Kritik an den bestehenden Verhältnissen formulieren, sondern auch praktisch daran arbeiten, eine eigenständige politische Kraft zu entwickeln. Nur wenn es gelingt, soziale Fragen, den Kampf gegen Aufrüstung und Militarisierung sowie eine fundierte Analyse der Politik des Imperialismus miteinander zu verbinden, kann eine antiimperialistische Friedensbewegung langfristig an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen.

Das meint an dieser Stelle nicht, die alte und überalterte „Friedensbewegung“ bestmöglich personell zu stärken und zu unterstützen, sondern etwas Neues, Fortschrittliches und inhaltlich Fundiertes auszubauen, um wegzukommen von der von Phrasen geprägten, inhaltsleeren Forderung nach Frieden und dem sogenannten kleinsten gemeinsamen Nenner. Eine inhaltlich diffuse Bewegung kann niemals effektives Protestpotenzial entfalten und ist auch vonseiten des Staates mit Leichtigkeit zu spalten. Damit steht die Bewegung vor einer grundlegenden politischen Entscheidung: Entweder bleibt sie ein Feld, auf dem unterschiedliche Kräfte versuchen, vorhandenes Protestpotenzial für ihre jeweiligen Interessen zu vereinnahmen, oder es gelingt, eine eigenständige Bewegung zu entwickeln, die gesellschaftliche Widersprüche aufgreift, politische Klarheit schafft und die Interessen der Arbeiterklasse konsequent vertritt.


[1] MagMa – Magazin der Masse, 25. Januar 2026, https://magma-magazin.info/2026/01/sunnifa/querfront-zaehlung-bis-zwei-quergedachtes-zur-querfront-debatte-der-kommunistischen-organisation/

[2] Nasrin Düll: „Querfront – Kampfbegriff und reales Problem!“, in: Kommunistische Organisation (KO), 18. November 2025, https://kommunistische-organisation.de/klaerungunddebatte/querfront-kampfbegriff-und-reales-problem/

[3] MagMa – Magazin der Masse, 25. Januar 2026, https://magma-magazin.info/2026/01/sunnifa/querfront-zaehlung-bis-zwei-quergedachtes-zur-querfront-debatte-der-kommunistischen-organisation/