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Die Pyramide der bürgerlichen Ideologie

Von John Stiehler

Der Beitrag „Klarheit durch Wissenschaft“ der Genossen Müller, Groos und Textor trägt durch den Zeitpunkt seiner Veröffentlichung unvermeidlich alle Züge des aktuellen Kampfs in unserer Organisation an sich. Er soll, wie sie selbst schreiben, ein Beitrag zum besseren Verständnis der marxistischen Methode sein. Er soll aber explizit auch ihren besonderen Begriff von Klärung hervorheben, also vorrangig das Verständnis von Klärung all der Genossen in unserer Organisation, die sie im aktuellen Kampf mit ihrem Beitrag vertreten.

Gerade darum ist eine Stelle in ihrem Beitrag von besonderem Interesse für uns. Es ist die Stelle, in der sie auf den Seiten 42 und 43 darlegen, dass es eine „gültige Theorie“ gibt und sie andere Genossen dazu auffordern, entweder ihre Behauptungen mit dieser Theorie in Einklang zu bringen oder die Revision ihrer Theorie anzustreben.

Uns interessiert diese Stelle deswegen, weil die Genossen Müller, Groos und Textor darin klar zum Ausdruck bringen, dass ihr Verständnis der marxistischen Methode bereits derart ausgereift sei, solch eine Forderung aufzustellen. Ebenso bringen sie darin klar zum Ausdruck, dass sie ihre Theorie als eine marxistische Theorie ansehen – denn auf welcher anderen theoretischen Grundlage sollten bekennende Kommunisten von anderen Genossen sonst einfordern dürfen, Behauptungen mit ihrer Theorie in Einklang zu bringen?

Darum interessiert es uns festzustellen, inwiefern und auf welcher Grundlage die Genossen Müller, Groos und Textor überhaupt berechtigt sind, solch eine Forderung aufzustellen? Diese Frage ist deswegen für uns von Interesse, weil ihre Theorie teils in wesentlichen Punkten den Aussagen widerspricht, die Lenin über den Imperialismus als das höchste Stadium des Kapitalismus getroffen hat.

Eine dieser wesentlichen und bekannten Aussagen Lenins lautet: Wie in der vorliegenden Schrift nachgewiesen ist, hat der Kapitalismus jetzt eine Handvoll (weniger als ein Zehntel der Erdbevölkerung, ganz »freigebig« und übertrieben gerechnet, weniger als ein Fünftel) besonders reicher und mächtiger Staaten hervorgebracht, die durch einfaches »Kuponschneiden« die ganze Welt ausplündern.“[i]

Die Genossen Müller, Groos und Textor hingegen beziehen sich auf die Theorie der KKE, in der dieser Gegensatz von einer Handvoll reicher und mächtiger Staaten nicht mehr in der selben Schärfe hervorgehoben und stattdessen von gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen allen Ländern der Welt gesprochen wird. Die Genossen schreiben dazu auf Seite 8: „Wir sind dagegen der Auffassung, dass das Verständnis ungleicher gegenseitiger Abhängigkeiten der KKE den Imperialismus auf seiner heutigen Entwicklungsstufe im Wesentlichen richtig beschreibt und konsequent an Lenins Analyse von 1916 anknüpft. Dieses Verständnis kann im Bild der imperialistischen Pyramide veranschaulicht werden, wie es Patrick Honer am 18.04.22 in ‘Von Bildern, imperialistischen Ländern und Schiedsrichtern’ auf der Diskussionstribüne zur Imperialismusfrage beschreibt. … Sicher ist auch die KKE nicht im Besitz der absoluten Wahrheit. Aber sie verfügt aus unserer Sicht über den besten Ansatz, den wir bisher haben. Selbstverständlich ist mit Blick auf die ungleichen, aber wechselseitigen Abhängigkeiten – nicht zuletzt für unsere Kampffähigkeit gegen den deutschen Imperialismus – noch viel Vertiefung und konkrete Klärung nötig, in einigen Aspekten vielleicht sogar Korrektur und Neuformulierung. Trotzdem gehen wir davon aus, dass sie den richtigen Ausgangspunkt und das richtige theoretische Fundament liefert, um zu einer wirklichen Klärung der Imperialismusfrage zu kommen.“

In diesem Absatz werden deutliche Einschränkungen bezüglich der möglichen Aussagekraft der Theorie der KKE in Bezug auf die ungleichen, aber wechselseitigen Abhängigkeiten getroffen. Die Genossen räumen ein, dass noch viele Vertiefungen nötig seien und „vielleicht sogar“ hier und da eine Korrektur. Dennoch scheint diese Theorie der KKE bereits so weit ausgearbeitet worden zu sein, um an „Lenins Analyse von 1916“ konsequent anknüpfen zu können. Genau deswegen ist es für uns von besonderem Interesse herauszufinden, auf welcher Grundlage die Genossen Müller, Groos und Textor zu der Auffassung gelangt sind, eine Theorie, die sie selbst noch als mangelhaft ansehen, könne dennoch konsequent an Lenins Ausarbeitungen als ein neuer Ausgangspunkt anknüpfen? Und das, gleichwohl diese Theorie in wesentlichen Teilen Lenins Verständnis vom Imperialismus widerspricht?

Wir sagen es ganz offen, uns kommt dieser nonchalante Umgang mit Lenins Theorie verdächtig vor.

Dürfen wir so einen Verdacht in unserer Organisation derart offen aussprechen? Wir sind der Überzeugung, das dürfen und müssen wir sogar unbedingt.

Erstens weil es nur ein Verdacht ist. Ein berechtigter Zweifel, dem immer nachgegangen werden sollte, sobald einer wesentlichen Aussage unserer Klassiker widersprochen wird, weil unsere Erfahrungen gezeigt haben, dass es das erklärte Ziel der feindlichen Klassen ist, den Marxismus auf seiner theoretischen Basis unschädlich zu machen. Dieser Verdacht kann sich bestätigen oder nicht. Er ist daher nicht ansatzweise mit einer Anklage zu verwechseln.

Zweitens weil die Berechtigung dieses Verdachts dadurch verstärkt wird, dass mit dem Sieg der Konterrevolution über die Sowjetunion vorläufig auch die reaktionäre Ideologie der Bourgeoisie über den revolutionären Marxismus gesiegt hat. Als eine Folge von diesem Prozess ist nunmehr auch jeder Kommunist in der Hauptsache zuallererst ein geistiges Kind dieser Ideologie, weil es nur diese Ideologie sein kann, die selbst bekennende Kommunisten seit über 30 Jahren in ihrem Sinn zu erziehen versucht. Sie ist das Alte, das vorläufig gesiegt hat, unabhängig davon, ob Kommunisten das entsprechend anerkennen oder nicht, sich dessen bewusst sind oder nicht.

Eine Sache hat sich aber trotz der Niederlage der Sowjetunion nicht geändert: ohne revolutionäre Theorie, keine revolutionäre Praxis. Solange es der bürgerlichen Ideologie daher gelingt, die theoretische Basis des Marxismus durch ihren Einfluss zu zersetzen, ist die Herrschaft der Bourgeoisie und die ihrer Handlanger bestmöglich abgesichert. Darum muss die Frage für alle Kommunisten stets lauten, inwiefern neue Theorien, die im Namen des Marxismus auftreten, wirklich frei von dieser bürgerlichen Ideologie sind?

Auf diese Frage kann und darf es zugleich nur eine Antwort geben, um eine wirklich revolutionäre Theorie auszuzeichnen: Kein einziger Anteil bürgerlicher Ideologie darf sich in ihrer Ausarbeitung finden, weil einzig die Strenge des dialektischen und historischen Materialismus in der Untersuchung zu einer wirklich revolutionären Theorie führen kann. In diesem grundlegenden Widerstreit zwischen Idealismus und Materialismus gibt es kein sowohl als auch. Es gehört zu einer der vielen großen Leistungen von Lenin, das in seiner Arbeit „Materialismus und Empiriokritizismus“ im Konkreten nachgewiesen zu haben.

Die „gewaltige Bedeutung von Lenins Buch“ wird in dem kurzen Lehrgang zur „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“ wie folgt beschrieben: „Verfallstendenzen und Unglaube erfaßten auch einen Teil der zur Partei gehören Intellektuellen. … Sie richteten ihre „Kritik“ gleichzeitig gegen die philosophisch-theoretischen Grundlagen des Marxismus, das heißt gegen den dialektischen Materialismus, und gegen seine wissenschaftlich-historischen Grundlagen, das heißt gegen den historischen Materialismus. Diese Kritik unterschied sich von der gewöhnlichen Kritik dadurch, daß sie nicht offen und ehrlich, sondern versteckt und heuchlerisch unter der Flagge der „Verteidigung“ der wichtigsten Positionen des Marxismus betrieben wurde. Wir sind im wesentlichen Marxisten, sagten sie, aber wir möchten den Marxismus „verbessern“, ihn von einigen seiner Grundsätze entlasten.“

„Vor den Marxisten“, heißt es kurz darauf weiter, „stand die unaufschiebbare Aufgabe, diesen in Fragen der Theorie des Marxismus entarteten Intellektuellen die gebührende Abfuhr zu erteilen, ihnen die Maske herunterzureißen, sie bis zu Ende zu entlarven und auf diese Weise die theoretischen Grundlagen der marxistischen Partei zu verteidigen. … Die erwähnte Aufgabe erfüllte Lenin in seinem berühmten Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“, das im Jahre 1909 erschien.“[ii]

Als Kernaussagen von Lenins Buch werden in dem Lehrgang sechs Punkte dargelegt:

„Nach einer gehörigen Kritik an den russischen Empiriokritizisten und ihren ausländischen Lehrern gelangt Lenin in seinem Buche zu folgenden Schlußfolgerungen gegen den philosophisch-theoretischen Revisionismus:

  1. „Eine immer raffiniertere Verfälschung des Marxismus, immer raffiniertere Unterschiebungen von antimaterialistischen Lehren unter den Marxismus – das kennzeichnet den modernen Revisionismus sowohl in der politischen Ökonomie als auch in den Fragen der Taktik und in der Philosophie überhaupt.“ (Ebenda S. 345.)
  2. „Die ganze Schule von Mach und Avenarius marschiert zum Idealismus.“ (Ebenda S. 375.)
  3. „Unsere Machisten stecken alle tief im Idealismus.“ (Ebenda S. 376)
  4. „Man kann nicht umhin, hinter der erkenntnistheoretischen Scholastik des Empiriokritizismus den Parteikampf in der Philosophie zu sehen, einen Kampf, der in letzter Instanz die Tendenzen und die Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Gesellschaft zum Ausdruck bringt.“ (Ebenda, S. 376)
  5. „Die objektive, die Klassenrolle des Empiriokritizismus läuft ganz und har hinaus auf Handlangerdienste für die Fideisten (Reaktionäre, die dem Glauben vor der Wissenschaft den Vorzug geben. – D. Red.) in deren Kampf gegen den Materialismus überhaupt und gegen den historischen Materialismus insbesondere.“ (Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, S. 376)
  6. Der philosophische Idealismus ist … ein Weg zum Pfaffentum“ (Lenin, Ausgew. Werke, Bd. 11, S. 84)[iii]

Deswegen ist es für uns von Interesse, zwei Sachen zu prüfen. Inwiefern ist das Verständnis der theoretischen Grundlagen des Marxismus der Genossen Müller, Groos und Textor bereits frei von der idealistischen Philosophie. Anderweitig könnte eine Theorie, selbst wenn sie dem Namen des Marxismus alle Ehre macht, durch die Interpretation der drei Genossen trotzdem falsch wiedergegeben werden. Und natürlich gilt es zu prüfen, inwiefern sich in der von ihnen vertretenen Theorie idealistische Einflüsse niederschlagen oder nicht. Finden sich solche Einflüsse, dann kann eine solche Theorie ein Weg zum Pfaffentum sein und die Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Gesellschaft zum Ausdruck bringen.    

Die Genossen Müller, Groos und Textor scheinen allerdings unsere Bedenken über den möglichen und sehr wahrscheinlichen Einfluss der bürgerlichen Ideologie nicht im gleichen Umfang zu teilen. Zwar schreiben sie in der Einleitung zu ihrem Beitrag: „Wir sind als Kommunisten davon überzeugt, dass unsere Weltanschauung das wissenschaftliche Rüstzeug zur Veränderung der Welt ist. Umso erstaunlicher, dass wir jetzt merken, wie groß die Lücken hinsichtlich eines wissenschaftlich methodischen Herangehens in unserer Organisation sind. In diesem Beitrag legen wir die wissenschaftliche Methodik des Marxismus-Leninismus für alle Genossinnen und Genossen verständlich dar. Dadurch wollen wir möglichst viele von uns dazu befähigen, die Grundlagen und Methoden des Wissenschaftlichen Kommunismus nachvollziehen und selbst anwenden zu können.“ Und am Ende der Einleitung heißt es: In Teil 3 gehen wir auf gängige Fehler in der Anwendung der Methode und Einfallstore des Revisionismus ein. Abschließend ziehen wir ein Fazit, in dem wir versuchen, der weiteren Klärung ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Mit diesem Beitrag legen wir unsere sicher noch lücken- und mangelhaften Ausführungen der Organisation zur Debatte vor, in der Absicht, diese weiter zu qualifizieren.“

All das klingt in Worten im ersten Moment offen und selbstkritisch. Doch obwohl sie feststellen, dass es große Lücken „hinsichtlich eines wissenschaftlichen methodischen Herangehens in unserer Organisation“ gibt – was ohne Frage richtig ist –, sagen sie zugleich aus, dass sie diese Lücken bereits soweit geschlossen haben, um „die wissenschaftliche Methodik des Marxismus-Leninismus für alle“ verständlich darlegen zu können, so dass die Genossen diese „Methoden“ sogar „selbst anwenden“ können. Außerdem weisen die drei Genossen auf ihre „sicher noch lücken- und mangelhaften Ausführungen“ hin, dennoch versprechen sie bereits im Satz zuvor, „gängige Fehler in der Anwendung der Methode“ erkennen zu können.

Demnach können die Genosse Müller, Groos und Textor laut ihrer eigenen Worte die Methode bereits in Teilen lehren und über gängige Fehler in ihrer Anwendung richten. Ihnen ist es demnach gelungen, von einer Einsicht, die sie „jetzt“ bezüglich der großen vorhandenen Lücken im methodischen Vorgehen in unserer Organisation hatten, direkt weiter zu einer ausreichenden Kenntnis der gängigen Grundlagen des Marxismus zu schreiten, um die Lücken aufzufüllen, die sie selbst bis vor Kurzem gar nicht als solche vorhandenen Mängel erkannt hatten.

Das ist keineswegs ein Aspekt, der zwangsläufig für unseren Verdacht spricht. Insbesondere wenn ihnen das gelungen sein sollte, was sie in ihrer Einleitung zum Ausdruck bringen. Was aber wiederum für unseren Verdacht spricht, ist der Trotzkist Ernest Mandel, den sie in ihrem Beitrag auf Seite 17 zu Rate ziehen. Die Genossen Müller, Groos und Textor nehmen an, Mandel könne „eines der komplexesten Probleme der marx’schen Theorie“ korrekt darlegen. Es ist unzweifelhaft, dass gerade Lenin ihrer Annahme vehement widersprechen würde. Für ihn war Trotzki vieles, aber ganz sicher kein Marxist. Lenin traf unter anderem diese Aussagen über Trotzki:

  1. „Der dienstfertige Trotzki ist gefährlicher als ein Feind! … Noch niemals, in keiner einzigen ernsthaften Frage des Marxismus, hatte Trotzki feste Meinungen, immer ,kroch er in die Risse und Spalteʻ dieser oder jener Meinungsdifferenzen und sprang dabei von einer Seite auf die andere …“[iv]
  2. „Trotzki … repräsentiert lediglich seine persönlichen Schwankungen und sonst nichts. 1903 war er Menschewik; 1904 rückte er vom Menschewismus ab und kehrte 1905 zu den Menschewiki zurück, nur mit ultrarevolutionären Phrasen prunkend; 1906 wandte er sich abermals vom Menschewismus ab; Ende 1906 verfocht er Wahlabmachungen mit den konstitutionellen Demokraten (d. h. er war faktisch wieder mit den Menschewiki) …“[v]
  3. „Es sei eine ,Illusionʻ, zu glauben, erklärte Trotzki, der Menschewismus und der Bolschewismus hätten ,in den Tiefen des Proletariats feste Wurzeln gefaßtʻ. Dies ist ein Muster jener klingenden, aber hohlen Phrasen, in denen unser Trotzki Meister ist. Nicht in den ,Tiefen des Proletariatsʻ, sondern in dem ökonomischen Inhalt der russischen Revolution liegen die Wurzeln der Differenzen zwischen Menschewiki und Bolschewiki … Trotzki entstellt den Bolschewismus, denn niemals vermochte Trotzki, sich einigermaßen bestimmte Ansichten über die Rolle des Proletariats in der russischen bürgerlichen Revolution zu machen …“[vi]
  4. „Hieraus ergibt sich klar“, schrieb Lenin 1911, daß Trotzki und die ihm Geistesverwandten ,Trotzkisten und Kompromißlerʻ schädlicher als der ärgste Lidquidator sind, denn überzeugte Liquidatoren legen ihre Ansicht offen dar, und die Arbeiter können ihre Fehlerhaftigkeit leicht erkennen; die Herren Trotzki aber betrügen die Arbeiter, verschleiern das Übel, machen es unmöglich, es aufzudecken und zu heilen. Jeder, der das Grüppchen Trotzki unterstützt, unterstützt die Politik der Verschleierung des Liquidatorentums. Volle Handlungsfreiheit für die Herren Potressow und Co. In Rußland, Verschleierung ihrer Taten durch ,revolutionäreʻ Phrasen im Ausland – das ist das Wesen der Politik des Trotzkismus.“[vii]

Die Genossen Müller, Groos und Textor dürfen nun ruhig selbst darauf schließen, inwiefern einer dieser Herren Trotzki eines der komplexesten Probleme des Marxismus korrekt darzustellen vermag. Sie dürfen ferner selbst darauf schließen, inwieweit das dem Kreis ihrer sicher noch lücken- und mangelhaften Ausführungen“ hinzugefügt werden muss oder nicht.

Trotzdem bedeutet das noch lange nicht, dass ihr Verständnis der Grundlagen des Marxismus-Leninismus falsch sein muss und sich der Einfluss der idealistischen Philosophie darin widerspiegelt. Das können wir nur daran beurteilen, wie sie tatsächlich ihre Auffassungen auf der Basis ihrer erarbeiteten Grundlagen konkret formulieren. Genau darum ist die Stelle von besonderem Interesse für uns, in der sie die Anerkennung oder die Revision ihrer Theorie einfordern. Denn dies ist die Stelle, in der klar zum Ausdruck kommt, dass die Genossen Müller, Groos und Textor diese Theorie als eine „gültige Theorie“ des Marxismus-Leninismus anerkennen. Eine Theorie, die laut ihren Worten „an Lenins Analyse von 1916“ konsequent anzuknüpfen vermag.     

Sie schreiben: „Wenn heute also auf einmal Genossen behaupten, das gesamte imperialistische Weltsystem werde von einer einzigen Supermacht und deren “Vasallen” beherrscht, es gebe auch im heutigen Monopolkapitalismus noch eine “Kompradorenbourgeoisie” oder der Charakter der russischen Monopole unterscheide sich von denen im Westen, weil sie aus der Konterrevolution gegen den Sozialismus hervorgegangen sind etc., so wären diese Genossen aufgefordert, ihre Behauptungen nicht nur mit der gültigen Theorie in Einklang zu bringen (oder deren Revision zu fordern), sondern auch ihre Behauptungen durch neues empirisches Material zu untermauern. Dasselbe gilt, wenn Genossen behaupten, unsere Programmatischen Thesen wären unzureichend, um den Krieg in der Ukraine fassen zu können.

Für uns bedeutet dies außerdem, dass wir nicht einfach bei der Beschreibung der Welt, wie Marx, Engels und Lenin sie uns hinterlassen haben, stehen bleiben können. Wir müssen beobachten, zu welchen neuen Resultaten das Wirken der uns bekannten Gesetzmäßigkeiten in den letzten Jahrzehnten geführt hat. Wie kann zum Beispiel das Kolonialsystem auch heute noch zum Wesenskern des Imperialismus gehören – wie einige Genossen behaupten – wo doch Kolonien heute offensichtlich nur noch als historische Ausnahme existieren, der Imperialismus deshalb aber nicht seine Existenz aufgegeben hat? Wir müssen also fragen, ob neue Phänomene und Entwicklungstendenzen entstanden sind, welche Gegentendenzen aufgekommen sein mögen und ob es Verschiebungen in der Wechselwirkung der Bewegungsgesetze gegeben hat.

Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass wir verstehen müssen, welche Wirkung die Existenz der Sowjetunion auf die Entwicklung des imperialistischen Weltsystems hatte und welche Dynamiken durch deren Verschwinden ausgelöst wurden. Wir müssen auch verstehen, was es bedeutet, dass es heute keine Kolonien mehr gibt und fast alle Länder der Welt im Stadium des Monopolkapitalismus angekommen sind. Wir werden sehr konkret und empirisch analysieren müssen, wie das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung wirkt und langfristig zum Abstieg alter Großmächte und zum Aufstieg neuer imperialistischer Pole im Weltsystem führt etc.

Wir sehen unseren anfänglichen Verdacht durch ihre Ausführungen nunmehr hinreichend bestätigt: Denn wir können nur annehmen, dass den Genossen Müller, Groos und Textor nicht bewusst war, dass sie in ihren Ausführungen gleich mehrere gängige Fehler auf einmal machen. Wir müssen das annehmen, da wir anderweitig nicht nachvollziehen könnten, warum sie diese Fehler sonst gänzlich unkommentiert hier begehen würden.  

Wir sagen damit im Übrigen nicht, dass es grundsätzlich falsch sein muss, was sie geschrieben haben. Wir sagen nur, dass sie gängige Fehler in der Anwendung der Methode in ihren Ausführungen begehen, die dafür sprechen, dass ihr Verständnis von den Grundlagen des Marxismus-Leninismus nicht frei von den Einflüssen der idealistischen Philosophie ist. Das ist wichtig zu betonen, und zwar allein schon aufgrund der Aussage, die die Genossen zuvor auf Seite 20 selbst getroffen haben. Dort sagten sie: „Ein chemischer oder physikalischer Prozess muss nicht in der chaotisch-komplexen Außenwelt mit all ihren Zufälligkeiten und Wechselwirkungen, sondern kann im Labor sozusagen in Reinform beobachtet und beliebig oft wiederholt werden. Das ist bei der Erforschung der Gesellschaft kaum möglich. Hier dienen als Material einerseits die Geschichte und andererseits die unmittelbare Empirie, die nie unter Laborbedingungen stattfindet.“  

Diese Aussage der Genossen ist vollkommen richtig: wir können die Gesellschaft nicht mittels eigener Experimente erforschen. Wir können im übertragenen Sinn sogar sagen, in dieser Hinsicht befinden wir uns alle unablässig in dem großen Experiment der Geschichte, die in letzter Instanz den Bewegungsgesetzen des historischen Materialismus folgt. Doch die entscheidende Frage ist, wie wir dieses große Experiment überhaupt methodisch richtig erfassen können?

Dafür gibt es nur ein erkenntnistheoretisches Mittel im Marxismus: die Sprache, die sich durch die lebendige Arbeit gleichsam mit dem Menschen entwickelt hat und mit der wir in unserem Kopf versuchen, Ordnung in dieses objektive Chaos da draußen und der geradezu erschlagenden Vielzahl von empirischen Details zu bringen, die sich darin befinden, um unser Leben in der Natur zu meistern[1]. Und sobald Unschärfen in diesem Instrumentarium unserer Wissenschaftssprache vorhanden sind, öffnet sich unvermeidlich der Weg zum Pfaffentum. Wie gesagt, es gibt kein sowohl als auch in diesem Kampf zwischen dem Materialismus und Idealismus. Es gibt nur ein ganz oder gar nicht.[2] Darum gilt es gerade in diesem Punkt, unerbittlich streng und genau zu sein.             

Aber genau in dieser Hinsicht öffnen sich durch verwendeten wissenschaftlichen Sprachschatz der Genossen Müller, Groos und Textor viele Wege für den Idealismus. Dieser gängigste aller Fehler im Allgemeinen in der Anwendung der Methode – nicht streng und genau genug in der Verwendung von Wörtern und Begriffen zu sein –, wollen wir kurz anhand einiger ihrer ausgewählten Formulierungen für die Genossen darlegen.

So sprechen die Genossen nicht nur an dieser Stelle in ihrem Beitrag von „Entwicklungstendenzen“ oder der „Wechselwirkung“. Dadurch können sie im Verständnis der dialektischen Methodik unvermeidlich keine validen Aussagen mehr treffen, da in diesen beiden Wörtern jeweils zwei äußerst wichtige Kategorien miteinander vermengt werden. Die Rede ist zum einen von der notwendigen Unterscheidung einer Bewegung von ihrer Wahrscheinlichkeit und zum anderen der Trennung einer Ursache von ihrer Wirkung.  

Dieser Fehler einer sprachlichen Ungenauigkeit, der im ersten Moment sehr klein wirkt, entfaltet dennoch große Wirkung. Denn wer ihn begeht, der geht nicht all die notwendigen Wege, die sich aus einer Teilung dieser beiden Wörter in ihre vier Begriffe bei der Untersuchung des historischen Materials von selbst ergeben. Wer ihn begeht, der bleibt damit unvermeidlich an der Oberfläche stehen und kann nicht entsprechend scharf in die Tiefe des Abstrakten eindringen.

Das zeigt sich dann deutlich in dieser Frage, die die Genossen Müller, Groos und Textor stellen: „Wie kann zum Beispiel das Kolonialsystem auch heute noch zum Wesenskern des Imperialismus gehören – wie einige Genossen behaupten – wo doch Kolonien heute offensichtlich nur noch als historische Ausnahme existieren, der Imperialismus deshalb aber nicht seine Existenz aufgegeben hat?“ Gleichwohl sie hier selbst eine Offensichtlichkeit benennen, verleitet sie das im Weiteren nicht, entsprechend zwischen Schein und Wesen zu unterscheiden, um dadurch nicht an der offensichtlichen Oberfläche stehenzubleiben. Stattdessen präsentieren sie ohne Umwege kurz darauf bereits den Schein als das Wesentliche an sich: „Wir müssen auch verstehen, was es bedeutet, dass es heute keine Kolonien mehr gibt …“

Es sei also „offensichtlich“, dass Kolonien heute „nur noch als historische Ausnahme existieren“ und deswegen muss es auch so sein, „dass es heute keine Kolonien mehr gibt“ lautet damit die ganze profunde Schlussfolgerung der Genossen.

Und obwohl es noch weitere Fehler in ihren Ausführungen gibt, sind diese für uns an diesem Punkt nicht länger von Interesse. Vielmehr interessiert uns die Konsequenz, die sich aus ihren Ausführungen und ihrer Theorie ergibt: nämlich dass sie auf der Grundlage von gängigen Fehlern in der Anwendung der Methodik teils wesentlichen Aussagen von Lenin widersprechen. Für uns stellt sich daher die Frage, wer widerspricht hier wirklich Lenin? Für wen ist das zuallererst immer von Interesse? Wir sagten bereits, grundsätzlich ist das immer zuerst im Interesse der Bourgeoisie, ganz unabhängig davon, wer im Besonderen dafür sorgt, dass Lenins Aussagen in Zweifel gezogen werden.

Damit ist noch lange nicht gesagt, dass es falsch und im Interesse der Bourgeoisie sein muss, wenn die Genossen die Auffassung vertreten, es gäbe heute keine Kolonien mehr und trotzdem könne der Imperialismus weiterhin existieren. Es wird nur dann zu einer Auffassung, die die Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Gesellschaft zum Ausdruck bringen kann, wenn sie tatsächlich falsch ist, so dass diese Aufassung helfen kann, das wahre Übel vor der Arbeiterklasse zu verbergen.

Vielleicht war den Genossen Müller, Groos und Textor nicht einmal bewusst, in welch wesentlichen Punkten ihre Aussagen Lenin wirklich widersprechen. Es mag ihnen daher vielleicht bewusst werden, wenn wir die Aussagen zitieren, die Stalin in seinen Vorlesungen „Über die Grundlagen des Leninismus“ 1924 über den Imperialismus in Bezug auf die Kolonien und abhängigen Ländern getroffen hat.

Er sagte: „Bei der Lösung der nationalen Frage geht der Leninismus von folgenden Sätzen aus:

  • a) Die Welt ist in zwei Lager geteilt: in das Lager einer Handvoll zivilisierter Nationen, die über das Finanzkapital verfügen und die die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs ausbeuten, und in das Lager der unterdrückten und ausgebeuteten Kolonien und der abhängigen Länder, die diese Mehrheit bilden;
  • b) die Kolonien und die abhängigen Länder, die vom Finanzkapital unterdrückt und ausgebeutet werden, bilden eine gewaltige Reserve und eine überaus wichtige Kraftquelle des Imperialismus;
  • c) der revolutionäre Kampf der unterdrückten Völker in den abhängigen und kolonialen Ländern gegen den Imperialismus ist der einzige Weg zu ihrer Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung;
  • d) die wichtigsten abhängigen und kolonialen Länder haben bereits den Weg der nationalen Befreiungsbewegung beschritten, die zur Krise des Weltkapitalismus führen muß;    
  • e) die Interessen der proletarischen Bewegung in den entwickelten Ländern und der nationalen Befreiungsbewegung in den Kolonien erheischen die Vereinigung dieser beiden Arten der revolutionären Bewegung zu einer gemeinsamen Front gegen den gemeinsamen Feind, gegen den Imperialismus;
  • f) der Sieg der Arbeiterklasse in den entwickelten Ländern und die Befreiung der unterdrückten Völker vom Joch des Imperialismus sind unmöglich ohne die Bildung und Festigung einer gemeinsamen revolutionären Front;
  • g) die Bildung einer gemeinsamen revolutionären Front ist unmöglich ohne direkte und entschiedene Unterstützung der Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker durch das Proletariat der unterdrückenden Nationen gegen den „vaterländischen“ Imperialismus, denn „ein Volk, das andere Völker unterdrückt, kann nicht frei sein“ (Engels)      
  • h) diese Unterstützung bedeutet die Verfechtung, Verteidigung und Verwirklichung der Losung: Recht der Nationen auf Lostrennung, auf selbstständige staatliche Existenz;

[…] Hieraus ergeben sich zwei Seiten, zwei Tendenzen in der nationalen Frage: die Tendenz zur politischen Befreiung von den imperialistischen Fesseln und zur Bildung eines selbstständigen Nationalstaates, eine Tendenz, die auf der Grundlage der imperialistischen Unterdrückung und kolonialen Ausbeutung entstanden ist, und die Tendenz zur wirtschaftlichen Annäherung der Nationen, die sich aus der Bildung des Weltmarkts und der Weltwirtschaft ergeben hat.

„Der in Entwicklung begriffene Kapitalismus“, sagt Lenin, „kennt in der nationalen Frage zwei historische Tendenzen. Die erste Tendenz: Erwachen des nationalen Lebens und der nationalen Bewegungen, Kampf gegen jede nationale Unterdrückung, Schaffung von Nationalstaaten. Die zweite Tendenz: Entwicklung und Vervielfachung der verschiedenartigen Beziehungen zwischen den Nationen, Niederreißung der nationalen Schranken, Schaffung der internationalen Einheit des Kapitals, des Wirtschaftslebens überhaupt, der Politik, der Wissenschaft usw.

Beide Tendenzen sind ein Weltgesetz des Kapitalismus. Die erste überwiegt im Anfangsstadium seiner Entwicklung, die zweite kennzeichnet den reifen, seiner Umwandlung in die sozialistische Gesellschaft entgegengehenden Kapitalismus.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 20, S. II, russ.)

Für den Imperialismus sind diese beiden Tendenzen unversöhnliche Widersprüche, denn der Imperialismus kann nicht leben, ohne Kolonien auszubeuten und sie gewaltsam im Rahmen des „einheitlichen Ganzen“ festzuhalten, denn der Imperialismus kann nur durch Annexionen und koloniale Eroberungen, ohne die er, allgemein gesprochen, undenkbar ist, die Nationen einander näherbringen.“[viii]

Wir halten fest: Was für Stalin allgemein gesprochen im Jahr 1924 undenkbar war, ist für die Genossen Müller, Groos und Textor im Jahr 2022 einfach deswegen denkbar geworden, weil es auf der Grundlage ihrer „Entwicklungstendenzen“ und „Gegentendenzen“ der „letzten Jahrzehnte“ offensichtlich sei, dass der Imperialismus existieren kann, ohne Kolonien auszubeuten. Wie gesagt, ein Schelm, der dabei Böses denkt, wenn er bedenkt, welche Klasse ein unvermindertes Interesse daran zeigt, insbesondere Stalin mit allen Mitteln seit über sechs Jahrzehnten grundsätzlich und in allen Punkten zu widersprechen.

Aber auch das bedeutet noch lange nicht, dass die Aussagen der Genossen grundsätzlich falsch sein müssen. Die Frage, die sich lediglich mit aller Gewalt aufdrängt, ist, inwiefern die Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Gesellschaft in ihren Aussagen sich zum Ausdruck bringt oder nicht? Und diese Frage lässt sich am besten nicht durch den Beitrag der Genossen Müller, Groos und Textor beantworten, sondern durch die Beiträge des Genossen Spanidis: Er ist es, der in unserer Organisation am deutlichsten für die Auffassungen eintritt, die auch die Genossen Müller, Groos und Textor in ihrem Beitrag „Klarheit durch Wissenschaft“ vertreten.

So ist es Genosse Spanidis, der unter anderem bestreitet, dass es nur eine Handvoll Länder seien, deren Finanzkapital die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung der Welt ausbeutet.

Es ist Genosse Spanidis, der stattdessen behauptet, dass es überhaupt keine unterdrückten, kolonialen und reinen abhängigen Länder mehr geben würde.

Es ist Genosse Spanidis, in dessen Überlegungen es keine Rolle spielt, inwiefern diese Länder eine gewaltige Reserve und überaus wichtige Kraftquelle des Imperialismus bilden könnten.

Es ist Genosse Spanidis, für den es ebenso keine Notwendigkeit mehr ist, dass der revolutionäre Kampf gegen den Imperialismus der einzige Weg zur Befreiung für die unterdrückten Völker sein kann.

Es ist Genosse Spanidis, der sich vielmehr direkt gegen die Notwendigkeit einer gemeinsamen revolutionären Front zwischen unterdrückten und unterdrückenden Völkern ausspricht und die primäre Notwendigkeit im lokalen Klassenkampf für die jeweilige Arbeiterklasse eines Landes verortet.

Es ist Genosse Spanidis, der uns daher frei nach Engels Worten zu dem Schluss zwingt, dass laut seiner Auffassung längst alle Völker frei im Imperialismus sein könnten, weil in seiner Weltanschauung die Unterscheidung zwischen unterdrückten und unterdrückenden Völkern durch die Entwicklungen des Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten hinfällig geworden ist.

Und wir sagen deswegen: Es ist schon erstaunlich, in wie vielen Teilen Genosse Spanidis der „Beschreibung der Welt“ von Stalin und Lenin widerspricht und dabei indirekt noch gleich die von Stalin zitierte Aussage von Engels erledigt. Darum lassen wir den Genossen Spanidis jetzt am besten selbst zu Wort kommen, um zu sehen, wie in seiner Weltanschauung das einst Undenkbare nunmehr denkbar wird, und um zu prüfen, welche Philosophie sich in seinen Worten zum Ausdruck bringt – der Idealismus der herrschenden Klasse oder der revolutionäre Marxismus, den er propagiert?

Schauen wir uns zuerst den Beitrag „Imperialismus, „multipolare Weltordnung“ und nationale Befreiung“ an, den Genosse Spanidis in der Januar-Februar Ausgabe von offen-siv in diesem Jahr veröffentliche. Darin schreibt er in dem Kapitel „1b. „Unterdrückte“ und „unterdrückende“ Nationen“ (die Anführungszeichen entstammen seiner Federführung): „Mit dem vorangegangenen Thema hängt auch oft die implizit mitschwingende Frage zusammen, ob es heute weiterhin richtig ist, die Welt in „unterdrückende und unterdrückte Nationen“ zu unterteilen. Eine solche Unterscheidung findet sich bei Lenin (z. B. „Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen“, Lenin Werke 22, S. 144-159). Dass Lenin diese Begriffe benutzte,“, und Engels und Stalin, wie wir gerade sahen, „sollte allerdings alleine kein Grund sein, daran festzuhalten. Ist es also sinnvoll, an dieser Unterscheidung festzuhalten?“

Bevor wir weiter der Genese der Gedanken des Genossen Spanidis folgen, warum es allein kein Grund sein kann, an Begriffen festzuhalten, nur weil sie Lenin, Stalin und Engels benutzen, werfen wir einen Blick in die Arbeit von Lenin, die Genosse Spanidis hier bezeichnet hat. In dieser Arbeit sagte Lenin über die Unterscheidung von unterdrückten und unterdrückenden Nationen unter anderem: „Als Gegengewicht zu dieser spießbürgerlichen opportunistischen Utopie muß das Programm der Sozialdemokratie als das Grundlegende, Wesentliche und Unvermeidliche beim Imperialismus die Einteilung der Nationen in unterdrückte und unterdrückende hervorheben.“

Und wir halten fest: Für Lenin war die Unterscheidung zwischen unterdrückten und unterdrückenden Nationen offenbar keine Kleinigkeit, sondern etwas Grundlegendes, Wesentliches und Unvermeidliches beim Imperialismus. Dennoch scheint das kein Anlass für den Genossen Spanidis zu sein, an dieser Begrifflichkeit im Imperialismus weiterhin festzuhalten.

Seine Erklärung dafür lautet: „In einem gewissen Sinne sollte klar sein, dass es natürlich weiterhin ganze Völker gibt, die summarisch einer brutalen, barbarischen Unterdrückung unterworfen werden: Die Palästinenser, die Sahrawis … Sicherlich ist es nicht falsch, hier den Begriff „unterdrückte Völker“ anzuwenden.

Wie weit taugt aber diese Unterscheidung zur Analyse des Imperialismus insgesamt? Ich denke, nicht sehr viel, und das aus ähnlichen Gründen wie denen, die gegen die Dependenztheorie sprechen. In den meisten Ländern der Welt ist keineswegs die gesamte Nation unterdrückt, sondern lediglich die Arbeiterklasse und andere arme Klassen und Schichten, z. B. Kleinbauern oder ein „Lumpen-Kleinbürgertum“ (z. B. Straßenhändler etc.). Die Bourgeoisie der „abhängigen“ Länder ist in der Regel nicht unterdrückt, sondern nimmt in der internationalen Arbeitsteilung lediglich eine untergeordnete bzw. Zwischenstellung ein. Auch sie ist eine Ausbeuterklasse, hat parasitären Charakter und häuft teilweise enorme Reichtümer auf Kosten der im Elend lebenden Arbeiter und Bauern an. Einige dieser Kapitalisten schaffen es immer wieder in die Liste der absolut reichsten Individuen der Erde: … Es ist sehr irreführend, die Bevölkerung dieser Länder kollektiv als unterdrückte Nation zu bezeichnen, auch wenn es unbestreitbar ist, dass große Teile der Massen bspw. in Indien oder Mexiko nach wie vor in absolutem Elend leben müssen.“ Und eigentlich sollte es nicht unser Problem sein, wie etwas, das unbestreitbar ist, den Genossen Spanidis in die Irre führen kann, aber er machte nun mal sein persönliches Problem in der Zeitschrift offen-siv öffentlich.

Er schreibt weiter: „Umgekehrt gilt aber auch: Dass die Mehrheit des Volkes bzw. der Nation unterdrückt wird, gilt ebenfalls für alle Länder, auch die führenden imperialistischen Mächte. Die strategischen Aufgaben der Arbeiterklasse sind in Mexiko nicht prinzipiell anders als in Deutschland. In beiden Ländern besteht die Herausforderung darin, unter der Führung einer KP ein gesellschaftliches Bündnis aufzubauen, um die Macht zu übernehmen.

All das bedeutet keineswegs, dass es keine Unterschiede zwischen Mexiko und Indien einerseits und den USA oder Deutschland andrerseits gäbe oder dass diese irrelevant seien. Es bedeutet nur, dass diese Unterschiede mit dem Konzept der gegenseitigen asymmetrischen/hierarchischen Abhängigkeiten sehr viel besser zu erfassen sind als mit einer starren Unterteilung in „unterdrückte“ und „unterdrückende“ Nationen.“

Und damit hat sich Genosse Spanidis innerhalb von nur einer Seite etwas Grundlegendem, Wesentlichen und Unvermeidlichen entledigt – und zwar einfach, weil er gedacht hat („Ich denke“ sic!)!!

Darum wollen wir seine Gedanken nur kurz mit der Wirklichkeit konfrontieren, auch auf die Gefahr hin, das könne ihn in die Irre führen. Dennoch sehen wir es als unsere Pflicht an, dem Genossen Spanidis zu sagen, dass es niemals ganze Völker gab, die „kollektiv“ oder „summarisch einer brutalen, barbarischen Unterdrückung unterworfen“ waren. Seien es die lokalen Günstlinge der Satrapen im Großreich der Perser, die vielen einzelnen einheimischen Könige im westlichen Afrika zur Hochzeit der offenen Form der Sklaverei, die Nizam in Indien unter der kolonialen Herrschaft Englands, immer waren Teile des unterdrückten Volkes an der Unterdrückung beteiligt, die ein anderes Volk ausübte.

Natürlich ist es das gute Recht des Genossen Spanidis zu glauben, dass England sein Monopol auf dem Weltmarkt über 200 Jahre lang alleine durch die Summe des englischen Volks „kollektiv“ behaupten konnte. Er kann sich dennoch bestimmt selbst die Frage beantworten, wie wahrscheinlich es ist, dass die Engländer dabei keine fremde Hilfe aus der lokalen Bevölkerung hatten, die sie jeweils unterdrückten? Wir würden zudem den Genossen Spanidis zum Beispiel gerne auf die revolutionäre Geschichte Haitis und insbesondere der Rolle von Toussaint-Louverture darin verweisen, der ein Kollaborateur der französischen Unterdrücker war, bis er sich durch seinen ausgebildeten Klassenhintergrund gegen seine alten Herren wandte[3].

So oder so spricht die Wirklichkeit nicht für seine Gedanken, sondern argumentiert direkt gegen sie. Da es niemals ganze Völker gab, die „summarisch“ und „kollektiv“ unterworfen waren und das heute demnach ebenso kein Novum ist, spricht sein eigener Gedankengang vielmehr direkt dafür, dass es weiterhin unterdrückte und unterdrückenden Völker/Nationen geben kann.

Wir wollen den Genossen Spanidis zudem fragen, an welcher Stelle Lenin oder Stalin jemals behauptet hätten, die Unterteilung von unterdrückten und unterdrückenden Völkern sei „starr“ aufzufassen? Sie sprechen von einem Gegensatz, das ja, aber dieser ist in der dialektischen Betrachtung niemals starr, sondern immer hochgradig in Bewegung, solange er besteht.  

Doch vor allem müssen wir den Genossen Spanidis fragen, ob ihm aufgefallen ist, dass ihm vor lauter Gedanken das Grundlegende, Wesentliche und Unvermeidliche des Marxismus selbst entfallen ist? Wir reden von nichts Geringerem als – dem Klassenkampf.

Darum möchten wir ihn an einige der ersten Sätze aus dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ erinnern, die Marx und Engels gemeinsam schrieben:

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“[ix]

Damit ist klar, dass die These von Genosse Spanidis, dass das „Konzept der gegenseitigen asymmetrischen/hierarchischen Abhängigkeiten sehr viel besser“ sei, statt „einer starren Unterteilung in „unterdrückte“ und „unterdrückende“ Nationen“ nicht nur Lenin und Stalin widerspricht, sondern auch noch gleich Marx und Engels mit. Doch damit ist ebenso klar, dass Genosse Spanidis, wenn er nicht mehr von diesem steten Gegensatz zwischen Unterdrückern und Unterdrückten sprechen will, er somit aufgehört hat, vom Klassenkampf zu sprechen.

Für uns wird so zumindest nachvollziehbar, warum ein Genosse es tatsächlich wagt, davon zu sprechen, dass „lediglich“ (sic!) die Arbeiterklasse und andere Kleinigkeiten „wie andere arme Klassen und Schichten“ wie das frei vom Genossen Spanidis heraus assoziierte „Lumpen-Kleinbürgertum“ unterdrückt werden.

Doch wer vom Wesentlichen des Klassenkampfs nicht mehr spricht, weil er den bestimmenden Gegensatz in diesem Kampf aus den Augen verloren hat, bei dem verlieren unvermeidlich die „strategischen Aufgaben“ ihre notwendige Beweglichkeit und werden starr. Weil „ebenfalls für alle Länder“ gälte, „dass die Mehrheit des Volkes bzw. der Nation unterdrückt wird, seien „die strategischen Aufgaben der Arbeiterklasse [..] in Mexiko nicht prinzipiell anders als in Deutschland“. Es gälte laut Genosse Spanidis, „unter der Führung einer KP ein gesellschaftliches Bündnis aufzubauen, um die Macht zu übernehmen.“ Wir fragen den Genossen Spanidis daher, wenn das so einfach wäre (KP → Bündnis → Macht), warum gelingt das dann heute einfach nicht?

Es könnte daran liegen, dass, selbst wenn Genosse Spanidis ihn ignoriert, trotzdem immer noch dieser erste Widerspruch für den Imperialismus gilt, den Stalin ebenso in den „Grundlagen des Leninismus“ aufstellte:

Der erste Widerspruch ist der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Der Imperialismus ist die Allmacht der monopolistischen Truste und Syndikate, der Banken und der Finanzoligarchie in den Industrieländern. Im Kampf gegen diese Allmacht erwiesen sich sich die üblichen Methoden der Arbeiterklasse – Gewerkschaften und Genossenschaften, parlamentarische Parteien und parlamentarischer Kampf – als völlig unzureichend. Entweder du ergibst dich dem Kapital auf Gnade und Ungnade, vegetierst in alter Weise weiter und sinkst immer tiefer, oder du greifst zu einer neuen Waffe – so stellt der Imperialismus die Frage vor den Millionenmassen des Proletariats. Der Imperialismus führt die Arbeiterklasse an die Revolution heran.“[x]

Genosse Spanidis hingegen spricht nicht mehr von der Allmacht des Kapitals in den Industrieländern. Er spricht nur noch im Allgemeinen von Monopolen und präsentiert dabei nicht neue, sondern alte Waffen: Ein „breites gesellschaftliches Bündnis“ unter der Führung einer KP aufzubauen, „um die Macht zu übernehmen“ – und wir fragen uns, was an dieser Aussage nach revolutionärem Kampf klingt und nicht einzig nach „parlamentarischem Kampf“? Und all den Leuten, die von breiten gesellschaftlichen Bündnissen träumen, entgegnete schon Lenin am 27. November 1917 laut dem Bericht von John Reed: „Wenn in der Tat die Verwirklichung des Sozialismus erst mögliche wäre, wenn die intellektuelle Entwicklung des ganzen Volkes es gestattet, dann würden wir ihn auch in fünfhundert Jahren nicht erleben.“[xi]

Doch wir wissen, es hat seinen Grund, warum Genosse Spanidis in derart vielen Punkten in einen Widerspruch zu Lenin und Stalin sowie zu Marx und Engels tritt. Es ist aufgrund der Theorie, die er vertritt und die auch die Genossen Müller, Groos und Textor in ihrem Beitrag vertreten, wie durch die eindeutige sprachliche Identität zwischen den Beiträgen der vier Genossen deutlich wird.

So schreibt Genosse Spanidis in dem Kapitel „Multipolare Weltordnung“ zum Beispiel: „Im Zusammenhang mit der Stellungnahme zu Afghanistan hat sich ein weiterer Diskussionspunkt herauskristallisiert, nämlich die Frage, wie die Entwicklung des imperialistischen Weltsystems (sic!) hin zu einer neuen Multipolarität in diesem Kontext einzuschätzen ist. Denn so richtig es ist, dass das Ende der Besatzung die Voraussetzung für Fortschritt jeglicher Art ist, so offen bleibt die Frage, welche Verschiebungen (sic!) im imperialistischen Weltsystem (sic!) daraus folgen werden. […] Für das afghanische Volk ist es unabhängig davon erfreulich, dass die Besatzung endet, denn eine imperialistische Politik mit diplomatischen und ökonomischen Mitteln ist für die Bevölkerung natürlich nicht dasselbe wie Krieg und Besatzung.“

Wir möchten aber dem Genossen Spanidis zugute halten, dass er gerade seine Sympathie für den Kampf des afghanischen Volks bekundet hat. Leider hält diese Sympathie seiner Assoziationskette nicht allzu lange stand, denn eine Seite weiter heißt es in seinem Beitrag aus offen-siv: „Unabhängig davon, ob es für das afghanische Volk ein Fortschritt ist, wenn die Besatzungstruppen verschwinden, sollten wir also in einer umfassenderen Perspektive auch berücksichtigen, welche allgemeinen Entwicklungstendenzen (sic!) sich in der Niederlage der USA ausdrücken. Afghanistan ist jetzt keine US-Marionette mehr“, da war zwar die Kleinigkeit, dass auch Deutschland seine „Freiheit am Hindukusch“ verteidigte, aber gut, wir wollen ihn nicht unnötig in seinem Gedankengang unterbrechen, „und sicherlich politisch unabhängiger als zuvor, allerdings werden Pakistan und China nun vermutlich mehr zu sagen haben.“

An dieser Stelle müssen wir den Genossen Spanidis allerdings mit Entschiedenheit unterbrechen. Denn wir fragen uns gerade, wen Genosse Spanidis mit diesen Aussagen eigentlich gerade verteidigt? Das afghanische Volk oder unabhängig davon die USA (oder Deutschland, dessen Kriegsbeteiligung ihm anscheinend entfallen ist)? Wir sind uns da gerade nicht sicher, weil in diesen Zeilen alles im Vagen bleibt. Wir sind uns zumindest gerade nicht sicher, ob ein Fortschritt für das afghanische Volk ein Problem für den Genossen Spanidis darstellen könnte, wenn dadurch China und Pakistan „vermutlich mehr zu sagen“ haben könnten.

Um aber vorsichtshalber alle Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen, entgegnen wir ihm: kein Gedanke kann den Fortschritt eines ganzen unterdrückten Volkes im Imperialismus relativieren! Denn keine Ursache wird jemals ohne Wirkung bleiben, egal ob das dem Genossen Spanidis in seinem „imperialistischen Weltsystem“ behagt oder nicht. Die einzig entscheidende Frage dabei ist stets, ob eine nationale Bewegung einen revolutionären oder reaktionären Charakter trägt? Und je nachdem geht es tatsächlich darum, die Folgen dieser Bewegung zu analysieren, aber sie nicht „unabhängig davon“ zu relativieren.

Doch wir wissen, es hat seinen Grund, dass in den Konzeptionen vom Imperialismus des Genossen Spanidis alles relativ wird: die Theorie, die er in dem Beitrag unter dem Kapitel „Imperialismus als System wechselseitiger, hierarchischer Abhängigkeiten“ ausführt.

„Plausibler ist dagegen eine Konzeption des Imperialismus“, schreibt er, „die diesen als ein System wechselseitiger (sic!), aber hierarchischer Abhängigkeitsbeziehungen versteht, also als eine Art „Pyramide“ mit einer Spitze und einer nach unten breiter werdenden Basis“, und wir danken dem Genossen Spanidis, dass er uns erklärt, wie eine Pyramide aussieht, damit wir sie nicht aus Versehen mit einem Kubus verwechseln, „Weil der Kapitalismus sich weltweit ungleichmäßig (sic!) entwickelt und insbesondere durch Krisen die Hierarchie zwischen den Staaten sich ständig verändert, sollte das Bild (sic)! der „Pyramide“ dabei natürlich nicht statisch verstanden werden“, anders als die unterstellte starre Unterteilung in unterdrückte und unterdrückende Nationen, „Wichtig ist an dieser Konzeption allerdings, dass sie:                 

  1. a- Den Imperialismus als ein Weltsystem versteht, das auch die weniger entwickelten, selbst die ärmsten und/oder völlig abhängigen Länder mit einbezieht. Imperialismus ist damit also keine bloße „Eigenschaft“, die nur einer Handvoll Länder zukommt, sondern ein Gesamtsystem.    
  2. b- Die Wechselseitigkeit der Abhängigkeiten mit einbezieht, woraus folgt, dass die Dominanz eines Landes nie absolut ist und auch ständig infrage gestellt werden kann.“

Was an diesen beiden Aspekten der Konzeption wichtig und demnach derart neu sein soll, so dass sie „an Lenins Analysen von 1916“ konsequent anzuknüpfen vermag, bleibt uns schleierhaft. Zum einen hatte Lenin bereits eindeutig den Imperialismus nicht als eine Eigenschaft, sondern als „das höchste Stadium des Kapitalismus“ und damit als seine voll entwickelte Qualität definiert, die ausnahmslos alle kapitalistischen Ländern erfasst, von denen lediglich eine Handvoll für sich imperialistisch, aber eben nicht der Imperialismus an sich sind. Und zum anderen hatte Lenin in seiner Untersuchung bereits umfassend die Auswirkungen des Konkurrenzkampf berücksichtigt und war nicht zu der gleichen, sondern einer wesentlich genaueren Beschreibung über die Auswirkungen dieses Kampfes für die einzelnen Länder gelangt, deren „Dominanz“ laut Genosse Spanidis „nie absolut ist“.

Eine Stelle, in der Lenin bereits alles Notwendige über die „Dominanz eines Landes“ sagte, die auch schon damals „nie absolut sicher“ war, lautet: „Der Imperialismus hat sich aus Ansätzen zum herrschenden System entwickelt; die kapitalistischen Monopole haben in der Volkswirtschaft und in der Politik den ersten Platz eingenommen; die Aufteilung der Welt ist vollendet; und anderseits sehen wir an Stelle des unbestrittenen englischen Monopols den Kampf einer kleinen Anzahl imperialistischer Mächte um die Beteiligung am Monopol, einen Kampf, der den ganzen Beginn des 20. Jahrhunderts kennzeichnet.“[xii]

Doch tatsächlich sind diese beiden Punkte offenbar wirklich das einzig Wichtige an der „Konzeption“ der „Pyramide“. Denn es folgen keine weiteren Spezifikationen, sondern vielmehr erläutert Genosse Spanidis nun, wie der Leser dieses angeblich Wichtige und Neue zu verstehen hat: „Das bedeutet wiederum nicht, dass der hierarchische Charakter dieser gegenseitigen Abhängigkeiten vergessen werden sollte. Man ist gut beraten, Analysen zu vermeiden, die zwar die Charakteristika des Imperialismus als ein die ganze Welt durchdringendes System und die von jedem Land in einer bestimmten Phase des Kapitalismus übernommenen imperialistischen Rollen betonen, aber die imperialistische Hierarchie selbst trivialisieren.“, schreibt die Kommunistische Partei der Türkei dazu.“

Uns hingegen interessiert aber weiterhin primär die „Konzeption“ der „Pyramide“, da sie offenbar die ideologische Grundlage für den Genossen Spanidis bildet, um in wesentlichen Punkten Lenin und Stalin sowie Marx und Engels zu widersprechen. In einem anderen Beitrag von ihm, der im August in einer Sonderausgabe der Zeitschrift offen-siv veröffentlicht wurde, kommt er erneut auf dieses „Bild“ zu sprechen. Wie schon die Genossen Müller, Groos und Textor bezieht er sich dabei auf die KKE:

„Aufgrund der Schwäche der kommunistischen Weltbewegung fiel es der KKE zu, als erste auf die Veränderungen in der Konstellation des Imperialismus aufmerksam zu machen. Sie hat dafür das Bild der „imperialistischen Pyramide“ geprägt. Dieses Bild (sic!) soll dem erleichterten Verständnis dessen dienen, worum es dabei geht: Nämlich darum, dass es im imperialistischen System (sic!) nicht nur „oben“ und „unten“ gibt, sondern vielmehr verschiedene Positionen auf einer Stufenleiter, in einer Rangordnung, wobei es falsch ist, den Imperialismus nur in der obersten Stufe der Leiter zu suchen. Dass es die Leiter gibt, dass es sogar zum Wesen des Imperialismus gehört, dass er sich als strenge Hierarchie darstellt, wird durch das Bild (sic!) der Pyramide keineswegs bestritten, sondern sogar unterstrichen.

Nun sollte dieses Bild, weil es eben ein Bild (sic!), eine Metapher ist, und keine detailgenaue Abbildung der Realität, aber auch nicht überstrapaziert werden. Anders als die Steine der Pyramiden von Gizeh befinden sich die Elemente der imperialistischen Pyramide im ständigen Fluss – die gesetzmäßig ungleichmäßige Entwicklung und die ständigen Kämpfe um Neuaufteilung drücken sich in relativen Auf- und Abstiegsprozessen aus.“

In den nächsten Sätzen erklärt Genosse Spanidis noch, warum die „Pyramide“ nichts mit „den Stufenpyramiden in Mexiko“ zu tun hätte, aber wir sehen davon ab, diese Albernheit erneut zu zitieren. Denn das gehört bereits wieder zu den sekundären Erläuterungen und nicht zu der primären Darstellung der „Konzeption“ der „Pyramide“. Stattdessen finden wir in diesem zweiten Beitrag vom Genossen Spanidis als einzigen und wahrscheinlich für ihn ebenso wichtigen neuen Aspekt zu der „Konzeption“, dass die „Pyramide“ verdeutlichen soll, „dass es im imperialistischen System nicht nur „oben“ und „unten“ gibt, sondern vielmehr verschiedene Positionen auf einer Stufenleiter.“ Warum die KKE dieses Konzept dann überhaupt „imperialistische Pyramide“ nennt und nicht gleich die „imperialistische Leiter“, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Aber nach all dem, was wir bisher bei den Genossen Müller, Groos und Textor sowie beim Genossen Spanidis zu ihrer „Konzeption“ lesen konnten, fasst damit diese Aussage den Inhalt der „Pyramide“ wohl recht treffend zusammen: In ihr befinden sich alle „Elemente“ in „relativen Auf- und Abstiegsprozessen“ und im „ständigen Fluss“ zwischen den „verschiedenen Positionen“ „einer Stufenleiter“.

Es ist ebenso deutlich geworden, dass die Genossen Müller, Groos und Textor inhaltlich sowie sprachlich die gleiche Theorie vertreten wie der Genosse Spanidis. Alle vier widersprechen damit auf der gleichen Grundlage – in Form und Inhalt – teils wesentlichen Aussagen von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Für alle vier Genossen steht daher jetzt die gleiche Frage im Raum: Welche Ideologie sie in der Form ihrer gewählten Sprach inhaltlich wirklich vertreten?

Und da unser Verdacht ist, dass es die bürgerliche Ideologie sein könnte, deren geistige Kinder die Genossen durch den Sieg der Konterrevolution über die Sowjetunion unweigerlich sind, wollen wir überprüfen, inwiefern in Form und Inhalt die Theorie der Genossen der bürgerlichen Philosophie ebenso vehement und in derart wesentlichen Punkten widerspricht, wie es den vier Genossen aufgrund von Offensichtlichkeiten bei Marx, Engels, Lenin und Stalin beliebt.

Wir halten daher erneut fest: Der Kern ihrer Theorie über den Imperialismus besagt, alles befindet sich im „ständigen Fluss“, weil es letztlich laut der „Auffassung“ der vier Genossen in diesem „imperialistischen System“ nicht nur „oben“ und „unten“ in der „Hierarchie“ zwischen den Ländern gibt, sondern ebenso „verschiedene Positionen auf einer Stufenleiter“.

Im Jahr 2020 erschien bei Suhrkamp das Buch „Demokratie im Präsens. Eine Theorie der politische Gegenwart“ von Isabell Lorey. Sie ist Professorin für Queer Studies in Köln und stellt in diesem Buch das Konzept der „Multitude“ vor.

In dem Kapitel „Demokratie und konstituierende Macht“ schreibt sie dazu in der typisch gespreizten Sprache einer kleinbürgerlichen Gelehrten:

„Diese neuen demokratischen Formen der Instituierung und Konstituierung sind nicht mittels der Dichotomisierung von ineffizienter Horizontalität auf der einen Seite und effizient-hierarchischer (sic!) Vertikalität auf der anderen zu verstehen. Horizontal und vertikal sind nicht zwei im rechten Winkel zueinander stehende Achsen, die nur einen einzigen Kreuzungspunkt haben und bei denen man sich für eine Richtung entscheiden muss. Im Gegenteil: Es geht nicht um Achsen, sondern um transversale Vektoren, die in einem konstituierenden Prozess permanent entstehen, in einem Prozess, der von mikropolitischen sozialen Bewegungen ausgeht, und in dem diese nicht an die zweite Stelle hinter der Partei treten. Das Vertikale ist also nicht als senkrechte Achse der Organisation, der Partei, der Regierung zu verstehen, sondern im Wortsinn des lateinischen vertere als jene »wendende« Dynamik (sic!), die die Horizontalität der sozialen Bewegung zur Neuerfindung der Regierungsform bringt.“[xiii]

Trotz ihrer Wortakrobatik dürfte deutlich geworden sein, was Lorey versucht zu sagen: Dass es angeblich nicht nur die „Dichotomisierung“ von zwei Seiten gibt, sondern sich alles in einem „konstituierenden Prozess“ befindet, der durch die „neuen demokratischen Formen“ „permanent“ entsteht, „transversal“ und als »wendende« Dynamik – die, wie man es auch schlichter übersetzen könnte: zu „relativen Auf- und Abstiegsprozessen“ von „Regierungsformen“ führen, die in „ständigem Fluss“ sind.

Was diese ominöse „Multitude“ nun genau sein soll, versucht Lorey wiederum in diesem Absatz nicht minder kunstvoll zu erklären.

Es bedarf einer Form der Organisierung als Multitude,“, schreibt sie, „die nicht zum Einen führt, von einem geführt wird, nicht zentralistisch, nicht vereinheitlichend ist; einer Form der Organisierung, die die breite und anhaltende Involvierung der Vielen durch radikale Inklusion“, vielleicht durch die radikale Inklusion der Vielen in einer Pyramide?, „ermöglicht. Diese Involvierung ist nicht einfach eine zählbare Partizipation an einzelnen Veranstaltungen oder Ereignissen, sondern wiederkehrende Affizierung und Involvierung im Ereignisgewimmel, ohne Formierung eines revolutionären Subjekts. Die transversale Wiederkehr der radikalen Inklusion wird nicht auf einer einzigen Ebene“, oder nicht nur auf einer einzigen Stufenleiter, „nicht einfach horizontal, nicht über nebeneinander stattfindende offene Versammlungen praktiziert, sondern auf mehreren zeitlichen und räumlichen Ebenen gleichzeitig, transversal und translokal“, um so gemeinsam „transversal“ und „translokal“ zur Weltrevolution von Trotzki zu schreiten.

Weiter schreibt Lorey: „Ausgehend von drei Denkern, die ihn (Antonio Negri) in der Konzeption (sic!) einer nicht juridisch ausgerichteten konstituierenden Macht inspiriert haben – Machiavelli, Spinoza und Marx – sowie den genealogischen Linien, die sie durch die moderne politische Theorie ziehen, zeigt Negri im abschließenden Kapitel seines Buches, dass auch sie noch immer drei zentralen Komponenten europäischen Denkens verhaftet bleiben: der Ideologie des Schöpfertums“, denn nichts ist verwerflicher für die Bürgerlichen als die Schöpferkraft der Arbeiterklasse, „dem Naturrecht als Grundlage des Sozialen“, weil anderweitig die Arbeiterklasse als Mehrheit ihr Recht einfordern dürfte, „sowie der Transzendentalphilosophie“[xiv], die hier kurzerhand zu einem Schmähbegriff für die wahre Dialektik wird, die bekanntermaßen in Marx ihre Vollendung fand.[4]

Bisher widerspricht die Theorie des Genossen Spanidis, für deren „Plausibilität“ er plädiert, nicht wirklich dieser kleinen Auswahl an Aussagen einer bürgerlichen Professorin. Stattdessen weist die „Konzeption“ der Multitude“ von Lorey im „bestehenden politischen System“[xv] teils inhaltlich und in Worten unverkennbare Ähnlichkeiten mit der „Konzeption“ des Genossen Spanidis von einer multipolaren Weltordnung“ im „imperialistischen System“ auf.

Wir fragen uns darum, inwiefern das bereits ein erstes relevantes Indiz für ein harmonisches Multikulti verschiedener „Konzeptionen“ aufgrund multilateraler Beziehungen im Vorstellungsraum der bürgerlichen Ideologie sein könnte? Das Substantiv Multi ist zumindest in der bürgerlichen Welt in aller Munde, wie nicht zuletzt die furchtbar gelehrte Konzeption vom Multiversum beweist, die unter anderem vom Physiker David Deutsch Anfang der 2000er geprägt wurde[xvi].   

Da uns aber die Tragweite vollkommen bewusst ist, die sich hier lediglich durch Ähnlichkeiten in Form und Inhalt zweier Theorien andeutet, ziehen wir das Buch einer weiteren bürgerlichen Professorin heran. 2021 erschien „Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der Kohabitation“ von Sabine Hark, die an der TU Berlin Gender Studies lehrt.

Gleich in der Einleitung zu ihrem Buch horchen wir auf.

„Ein weiterer theoretischer Begriff,“, schreibt Hark dort, „der, wie bereits in „Unterscheiden und herrschen“, auch in diesem Buch von Gewicht ist, ist der in sozialwissenschaftlichen Debatten (sic!) zu Fremdheit, Migration und Einwanderung sowie zu Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsverhältnissen einflussreich gewordene Begriff der »Dominanz(sic!)kultur« der Psychologin und Rassismusforscherin Birgit Rommelspacher. Rommelspacher versteht darunter eine komplexe, durch ein intersektionales Geflecht verschiedener Machtdimensionen (sic!)[5] strukturierte gesellschaftliche Formation. Diese Formation prägt und organisiert unsere gesamte Lebensweise, unsere Selbstinterpretation sowie die Bilder (sic!), die wir vom Anderen entwerfen, in Kategorien der Über- und Unterordnung. Dominanz(sic!)kultur organisiert das Verhalten, die Einstellungen und Gefühle aller, die in einer Gesellschaft leben.“[xvii]

Offenbar hat Hark genauso wie der Genosse Spanidis eine Sache vergessen: Dominanz setzt immer die Möglichkeit voraus, Länder oder Menschen überhaupt konkret unterdrücken zu können[6]. Wir landen damit direkt wieder bei der einzigen Bedingung dieser Möglichkeit – dem steten Gegensatz aus Unterdrückern und Unterdrückten im Klassenkampf. Daran wird keine gelehrte Wortakrobatik jemals etwas ändern können, egal wie sehr sie sich auch bemüht, diesen Gegensatz im Geiste zu den Akkorden von der Dominante und ihrer Subdominante auf einer Tonleiter zu verformen.

„Methodologischer Knotenpunkt“, versucht eine Seite darauf Hark dennoch in dieser Hinsicht ihr Glück, „des Essay ist die Figur der Ungewählten. Ich verstehe sie als theoretische Suchfigur. Eine Schwellenfigur“, die also quasi auf einer Zwischenstufe steht, „liminal auf der Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, transversal (sic!) an der hierarchisch (sic!) organisierten Trennung von (mannmenschlichem) und (nicht-mannmenschlichem) Objekt. Schwellenfiguren“, die auf Zwischenstufen stehen, „ermöglichen Bewegungen in alle Richtungen“, ob nun rauf oder runter die verschiedenen Positionen einer Stufenleiter, „und erweitern so unseren Blickwinkel.“

Unsere Perspektive zumindest weitet sich tatsächlich langsam immer weiter, wenn wir an die „Plausibilität“ der Theorie des Genossen Spanidis denken.

Doch vorerst übt Professorin Hark einen weiteren rhetorischen Salto-Mortale aufgrund der vielen „Blickwinkel“, die sich in ihrer „nicht-mannmenschlichen“ Vorstellungswelt ergeben. 

„Überleben werden wir nur gemeinsam,“, setzt sie zum Sprung an, „dazu brauchen wir die Hilfe anderer. Wir sind, ob gewollt oder nicht, auf andere angewiesen, ihnen immer schon überantwortet. Nach solchen Formen der Relationalität, Interdependenz und Reziprozität müssen wir suchen und Institutionen und Infrastrukturen schaffen, die Interdependenz auf demokratische Weise, wie einem breiten gesellschaftlichen Bündnis, gewährleisten, so kompliziert und herausfordernd das auch sein mag. […] Undoing dominance (sic!) vor allem – also die Dezentrierung und Demontage von imperialer Dominanz(sic!) kultur, einschließlich der Privilegien, die aus unserer jeweiligen Positionierung (sic!)[7] in solch herrschaftliche Verhältnisse resultieren, etwa derjenigen, die mit dem Pass einhergehen, den zu tragen ich berechtigt bin.[xviii]

Und es ist vollbracht! Hark ist wieder auf ihrem Kopf gelandet und präsentiert uns als die Lösung für unsere „komplizierten“ Probleme: die Demontage des Sinnbilds „imperialer Dominanzkultur“ durch Dezentrierung, um stattdessen einen Fokus zu setzen auf die „jeweilige Positionierung in solch herrschaftlichen Verhältnissen“.

Wir lassen damit Hark ihre Positionsübungen wieder alleine in ihren „herrschaftlichen Verhältnissen“ fortführen, weil ein ganz anderes Wort in diesem Absatz sofort unser Interesse weckte: „Interdependenz“ – denn die Bedeutung von „Interdependenz“, wie sie auch der Duden definiert, ist schlicht und ergreifend: „gegenseitige Abhängigkeit“ (sic!).

Ein Wort, das uns darum jetzt direkt zu Judith Butler führt, die Komparatistik und Kritische Theorie in Berkley lehrt.

Denn es ist kein Geheimnis, dass es insbesondere Judith Butler ist, die für die Konzeption der „Interdependenz“ eintritt. Und es ist kein Geheimnis, dass sie durch ihr Buch „Gender Trouble“ von 1990 zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in der bürgerlichen Geisteswelt geworden ist. Eine Kapazität, auf deren Arbeiten sich nicht nur Lorey und Hark oft und gerne beziehen.

Umso mehr interessiert uns jetzt die Frage: inwiefern die Theorie des Genossen Spanidis von einem System wechselseitiger, aber hierarchischer Abhängigkeitsbeziehungen“ in Form und Inhalt der Konzeption, die eine der bekanntesten bürgerlichen Ideologinnen der Welt vertritt, ähnelt oder nicht?

Darum werfen wir einen Blick in das jüngste Buch von Judith Butler: „Die Macht der Gewaltlosigkeit“, das 2020 erschienen ist.

Doch bevor wir hören, was uns Judith Butler in Punkto „Interdependenz“ zu sagen hat, stellen wir eine andere Aussage von ihr aus diesem Buch voran, die klar macht, wo die Reise bei ihr am Ende tatsächlich für Kommunisten hingeht: „Marx wollte die Fiktion zugunsten der Betrachtung der faktischen Gegenwart hinter sich lassen, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich ebendieser Fiktionen zu bedienen, um seine Kritik der politischen Ökonomie zu entwickeln.“[xix]

Kurzum, für Butler ist die Politische Ökonomie von Marx Fiktion und mehr gibt es zu den Grundlagen ihrer Ideologie im Wesentlichen nicht zu sagen. Es ist klar, dass Butlers Ideen daher sicherlich vieles für Kommunisten sind, aber sie sind ganz sicher weder marxistisch noch irgendwie revolutionär.[8]

Nachdem wir das klargestellt haben, hören wir uns an, wie Butler die „Interdependenz“ Schritt für Schritt entwickelt und in was für einen sprachlichen Rahmen sie ihre Theorie einbettet.

Gleich in der Einleitung zu ihrem Buch finden wir einen eigentlich recht eindeutigen Begriff im Marxismus-Leninismus. Zumindest nahmen wir das an, bis Judith Butler kam …

Sie schreibt: „Argumente für Gewaltlosigkeit setzen Klarheit darüber voraus, wie Gewalt vorgestellt und in einem Feld diskursiver gesellschaftlicher und staatlicher Macht zugeschrieben wird; man muss hier die taktischen Umkehrungen und den phantasmatischen Charakter der Zuschreibung selbst verstehen. Darüber hinaus müssen wir die Muster zu kritisieren versuchen, nach denen staatliche Gewalt sich selbst rechtfertigt, und ebenso die Beziehung zwischen diesen Rechtfertigungsmustern und der Bemühung um den Erhalt des Gewaltmonopols. Dieses Monopol hängt von einer Benennungspraxis ab, in der Gewalt oft als rechtliche Zwangsmaßnahme verschleiert oder in ihr Zielobjekt verlagert und dann als vom anderen ausgehende Gewalt wiedergefunden wird.“[xx]

Wir müssen darum unsere erste Feststellung über Butler noch um folgenden Punkt ergänzen: Nicht nur die Ökonomie von Marx ist für Butler zu einer Fiktion geworden, auch das Monopol von Lenin wird in ihren Händen klammheimlich zu einem Synonym für staatliche Gewalt umgemünzt. Sie hat damit klammheimlich eine Wirkung von ihrer Ursache getrennt.

Aber wir sind erst am Anfang ihrer Gedankenwelt.

Sie schreibt weiter: „Das heißt nicht, dass Gewalt“, (der Monopole), „bloß eine Frage der Interpretation ist, wobei Interpretation als subjektive und willkürliche Art der Bezeichnung aufgefasst wird. Gewalt“, (der Monopole), „unterliegt vielmehr in dem Sinne der Interpretation, dass sie innerhalb manchmal unvereinbarer oder gegensätzlicher Rahmensetzungen erscheint; daher erscheint sie ganz unterschiedlich – oder auch gar nicht –, je nachdem, wie der jeweils gesetzte Rahmen sie erscheinen lässt. … Die Konstruktion eines neuen Rahmens zu ebendiesem Zweck ist denn auch eines der Anliegen dieses Projekts.“[xxi] 

Butler hat also erkannt, dass Gewalt auf „ganz unterschiedliche“ Art und Weise erscheinen kann – „oder auch gar nicht“ – und macht sich nun daran, diese äußerst profunde und tiefsinnige, aber alles andere als neue Einsicht in einem „neuen Rahmen“ zu erklären. Und so gerne wir dem Leser jetzt lieber Auszüge von Engels Gewalt-Theorie vorstellen würden, wir müssen ihn dennoch bitten, weiter Butler zuzuhören. Denn wir haben immer noch einen sehr konkreten und zunehmend begründeten Verdacht.

„Die Beschreibung (sic!) der sozialen Bindungen,“, setzt Butler zur versprochenen Erklärung an, „ohne die das Leben gefährdet ist, ist auf der Ebene einer Sozialontologie angesiedelt, die eher als ein gesellschaftliches Imaginäres denn als eine Metaphysik des Sozialen zu begreifen ist“, – die Erklärung wiederum, warum etwas Imaginäres kein Teil der Metaphysik sein soll, bleibt sie uns leider schuldig – „Anders gesagt lässt sich ganz allgemein davon ausgehen, dass Leben durch soziale Interdependenz gekennzeichnet ist und Gewalt einen Angriff auf diese Interdependenz darstellt, einen Angriff auf Personen, ja, aber noch grundlegender einen Angriff auf «Bindungen». Obgleich Interdependenz Differenzierungen von Unabhängigkeit und Abhängigkeit begründet, impliziert sie auch soziale Gleichheit: Jeder ist abhängig oder durch Abhängigkeitsbeziehungen (sic! sic! sic!) geformt und durch sie am Leben erhalten, und von jedem wiederum sind auf diese Weise andere abhängig.“[xxii]

Wir können demnach festhalten, dass laut ihrer eigenen Worte Butlers „neuer Rahmen“ auf der tiefsinnigen Erkenntnis beruht, dass Menschen nicht im luftleeren Raum leben. Und wir müssen leider ebenso festhalten, dass niemand in Berkley auf die Idee kam, ihr nach dieser profunden Entdeckung von „Abhängigkeitsbeziehungen“ die Stelle als Professorin zu streichen.

„Damit werden neue Überlegungen zu einer sozialen Freiheit ermöglicht,“, schreibt sie stattdessen weiter, „die nicht zuletzt durch unsere konstitutive wechselseitige Abhängigkeit (sic! sic! sic!) definiert ist.“[xxiii]

„Ich bin auch der Auffassung (sic!),“, fährt sie fort, „dass eine neue Idee der Gleichheit genauere Vorstellungen unserer Interdependenz benötigt, Vorstellungen, die sich in Praktiken und Institutionen sowie in neuen Formen des gesellschaftlichen und politischen Lebens entfalten. […] Gleichheit ist also ein Merkmal sozialer Beziehungen und ihre Artikulation basiert auf der zunehmend anerkannten Interdependenz.“[xxiv]

Wir fassen zusammen: Die neue „Gleichheit“ der „sozialen Beziehungen“ als ein Merkmal der „zunehmend anerkannten Interdependenz“, also „alle“ und „jeder“, oder genauso gut die „radikale Inklusion“ der Vielen, statt Differenzierung in Klassen, das Zusammenfassen der Masse, weil alle „abhängig oder durch Abhängigkeitsbeziehungen geformt“ sind und zugleich durch „wechselseitige Abhängigkeit“ konstituiert werden.

Und wir sind zunehmend der „Auffassung“, dass, wenn wir uns statt „jeder“ Mensch „alle“ Länder in dieser „Beschreibung“ denken, vor uns immer klarer die Schemen einer „imaginären“ „Pyramide“ am Horizont aufragen.

Darum schauen wir jetzt ganz genau, ob wir doch noch Gründe finden, die dafür sprechen, dass Genosse Spanidis nicht in Wahrheit die Theorie von Judith Butler vertritt. Wir schauen also weiterhin ganz genau, wie ähnlich seine Theorie mit ihrer Konzeption wirklich ist.

Sie schreibt: „Wie dargelegt, besteht die Aufgabe meines Erachtens nicht darin, Selbstgenügsamkeit durch die Überwindung von Abhängigkeiten zu erlangen, sondern darin, Abhängigkeit als Voraussetzung für Gleichheit zu akzeptieren. […] Folgt diese Unabhängigkeit aber dem Modell der Dominanz (sic!) und bricht sie mit jenen Formen der Interdependenz, die wir für wichtig erachten, was dann? … Erst vor dem Hintergrund eines erneuerten und neu wertgeschätzten Begriffs der Interdependenz zwischen Regionen und Weltgegenden,“, oder schlicht der gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Ländern, „können wir überhaupt einen Begriff von der Bedrohung der Umwelt, dem Problem des globalen Slums, von systematischem Rassismus, der Lage von Staatenlosen, für die die Weltgemeinschaft als ganze verantwortlich ist …“, also auch die Armen und Hungernden  in ihren Elendsquartieren höchstselbst in diesem Weltganzen, „Ich bewege mich in diesem Buch zwischen einer psychoanalytischen und einer gesellschaftstheoretischen Auffassung (sic!) von Interdependenz und will damit den Grundstein für eine Praxis der Gewaltlosigkeit im Rahmen eines neuen egalitären Imaginären.“[xxv]

Kurzum, in einer gleichmachenden Fiktion.

„Ich möchte hier die Auffassung (sic!) vertreten,“, denkt Butler unvermindert tiefsinnig weiter, „dass ein durch und durch egalitärer Ansatz zum Schutz des Lebens eine Perspektive (sic!) radikaler (sic!) Demokratie in die ethischen Überlegungen zur besten praktischen Umsetzung von Gewaltlosigkeit einbringt. Innerhalb eines solchen Imaginären, in einer solchen versuchsweisen Weltbetrachtung gäbe es keinen Unterschied zwischen schutzwürdigen und potenziell betrauerbaren Leben. Betrauerbarkeit bestimmt ganz wesentlich über den Umgang mit lebendigen Geschöpfen“, hier bricht sich das Pfaffentum in ihr Bahn, „und erweist sich als integrale Dimension (sic!) der Biopolitik“, auch Foucault sagt wieder kurz Hallo, „und des Nachdenkens über die Gleichheit alles Lebenden.“[xxvi]

„Ich gehe davon aus, dass sämtliche Interdependenzbeziehungen“, oder schlicht alle gegenseitigen Abhängigkeitsbeziehungen, „mit Gewalt einhergehen können und dass Konzeptionen (sic!) sozialer Bindungen auf der Basis der Interdependenz mit Ambivalenz rechnen müssen, und damit erkenne ich auch an, dass Konflikte potenziell immer möglich sind und nie ein für alle Mal zu überwinden sind.“

Auch der Klassenkampf wird demnach laut der Auffassung Butlers endlos weitergehen.

„Anders gesagt brauchen wir wirklich keine neue Theorie des Naturzustands (sic!); was wir brauchen, ist eine veränderte Wahrnehmung, ein anderes Imaginäres,“ wie zum Beispiel die Konzeption von einer Pyramide, „das uns aus den Gegebenheiten der politischen Gegenwart löst.“[xxvii]

Und wir für unseren Teil fühlen uns frei nach dem Refrain des Pop-Barden Peter Schillings inzwischen völlig losgelöst von der Erde, wenn wir an die angeblich gültige Theorie des Genossen Spanidis denken.

Deswegen, um auch wirklich die letzten Zweifel auszuräumen, stoßen wir weiter in die Sphären der „Dimensionen“ des Denkens von Judith Butler vor, obwohl wir sie schon vor langer Zeit am liebsten selbst ins All geschossen hätten.

„Natürlich kann man behaupten, dass diese Unterscheidung deskriptiv ist; wird sie aber zur Basis moralischer Reflexion, wird damit eine soziale Hierarchie (sic!) moralisch rationalisiert und moralische Überlegungen geraten in Gegensatz zur Zielnorm geteilter und wechselseitiger (sic!) Gleichheit. Es wäre heikel, wenn nicht offen paradox, würde eine Politik auf der Basis von Gefährdung in die Stärkung von Hierarchien (sic!) münden, die doch so dringend abgebaut werden müssen“[xxviii], wie zum Beispiel durch die „Bilder“ von „Pyramiden“, in denen die „Hierarchien“ „in ständigem Fluss“ sind.

„Keine Position (sic!) gegen Gewalt kann sich Naivität leisten“, argumentiert Butler, „Sie muss das destruktive Potenzial ernst nehmen, das konstitutiver Bestandteil sozialer Bindungen oder, wie manche sagen, des «sozialen Bandes» ist“[xxix]

Und damit liefert Butler den Genossen der Minderheit auch galant die Erklärung frei Haus, warum sie sich als der revolutionäre „Pol“ in unserer Organisation keine Naivität leisten können und deswegen auf eine „Position“ angesichts der „Gewalt“ in der Ukraine beharren. Die Notwendigkeit einer solchen „Positionierung“ ergibt sich anscheinend aus ihren „wechselseitigen Abhängigkeiten“ unvermeidlich von ganz alleine.

Ob Butler stolz wäre auf unsere wackeren Kämpfer, deren „Flamme“ aufgrund der Verteidigung ihrer Thesen im Regen steht?

Das Verhalten unserer Genossen in den letzten Wochen und Monaten weiß sie zumindest bestens zu erklären.

„«Die Angst,“, zitiert Butler Melanie Klein, eine Begründerin der Psychoanalyse,  „dass die geliebte Person – allen voran die Mutter – an den Verletzungen, die wir ihr in unserer Phantasie zugefügt haben, sterben könnte, macht es uns unerträglich, von ihr abhängig zu sein.» Diese zugemutete Abhängigkeit dauert aber an und prägt ein soziales Band, das so unerträglich sein mag, erhalten werden muss: So groß ist diese Zumutung, dass sie zu mörderischer Wut“, auf die Liquidatoren!, Revisionisten!, Rechtsopportunisten!, „führen kann, die aber, wenn ausgelebt, angesichts der wechselseitigen Abhängigkeit (sic! sic! sic!) beide gleichermaßen zu Fall bringen würde.“[xxx]  

„Das ist vielleicht eine beharrliche Dynamik (sic!), in der Polaritäten (sic!) wie Geben und Nehmen oder Schutz und Wiedergutmachung nicht immer klar voneinander zu trennen sind“[xxxi], oder in der nicht immer klar zu trennen ist, „welche Dynamiken“ zum „Aufstieg neuer imperialistischer Pole“ führen.

Denn für Butler, wie wir gleich sehen werden, gilt diese Auffassung einer „beharrlichen Dynamik“ nicht nur fürs „intime Leben“, sondern auch für „Institutionen und Ökonomien“.

Sie schreibt: „Ist uns diese Abhängigkeit im persönlichen und intimen Leben aber vorstellbar, muss uns dann nicht ebenso begreiflich sein, dass wir von Institutionen und Ökonomien abhängen, ohne die wir als die Geschöpfe,“, (Gottes,) „die wir sind, nicht weiterexistieren können? Und welche Auswirkungen hat diese Perspektive (sic!) auf unser Nachdenken über Krieg, politische Gewalt oder die Preisgabe von Populationen an Krankheit oder Tod? … Im nächsten Kapitel hoffe ich zeigen zu können, inwieweit eine konsistente und umfassende Konzeption (sic!) des betrauerbaren Lebens unsere Gleichheitsvorstellungen in Biopolitik und Kriegslogik revidieren kann.“[xxxii] 

Butler Versuch der Revision klingt dann so: „Wie gelangen solche ausdifferenzierenden Wahrnehmungen in militärische und politische Debatten (sic!) über Zielpopulationen und ganze eingesperrte Völker?“, gut für diese Völker, dass sie laut Butler nur „eingesperrt“ werden und dass sie laut Genosse Spanidis nicht auch noch zusätzlich unterdrückt werden, „Und wie wirken sie als unkritisch angenommene Voraussetzungen, als «rassische» Schemata, in unsere eigenen Debatten (sic!) über Gewalt und Gewaltlosigkeit hinein? … Damit eröffnen sich Perspektiven (sic!) für neue Überlegungen sowohl zum staatlichen Rassismus wie zu den Aktions- und Widerstandsformen“, oder „Kampfformen“, wie es in den Programmatischen Thesen heißt, „von Populationen, die sich weder als individuelle noch als kollektive Subjekte beschreiben lassen.“[xxxiii]

„Ich weiß, dass diese Argumentation viele Fragen offen lässt,“, schreibt Butler herzerfrischend ehrlich unter der Überschrift „Relationalität im Leben“, „ … Es ginge darum, noch einmal über die Relationalität (sic!) des Lebens nachzudenken, die in der Regel durch Typologien verdeckt wird, die zwischen Lebensformen unterscheiden. … In eine solche Relationalität würde ich Konzepte der Interdependenz“, also Konzeptionen der wechselseitigen oder gegenseitigen Abhängigkeit, „einschließen, und zwar nicht nur zwischen lebendigen, menschlichen Geschöpfen,“, (Gottes), „denn Menschen, die für ihr Leben Boden und Wasser brauchen,“, Butler ist wirklich großzügig mit ihren Gaben an die Menschen, „leben zugleich in einer Welt, in der sich die Lebensansprüche anderer Geschöpfe“, (Gottes), „deutlich mit denen des Menschen überschneiden und in der nicht-menschliche und menschliche Wesen auch wechselseitig (sic!) zur Erhaltung ihres Lebens aufeinander angewiesen sind. Diese sich überschneidenden Lebenszonen“, oder die verschiedenen Positionen auf einer Stufenleiter, „müssen sowohl als relational wie als prozessual“, oder als relative Auf- und Abstiegsprozesse, „gedacht werden,“ so wie es auch Genosse Spanidis machte, als er in seinem Beitrag in offen-siv laut nachdachte, „aber jede von ihnen muss auch,“, und zwar ganz unabhängig davon, „auf die zum Lebenserhalt erforderlichen Bedingungen hin betrachtet werden.“[xxxiv]

Wir schneiden an dieser Stelle Judith Butler und damit der „Beschreibung der Welt“ laut ihrer Auffassungsgabe das Wort ab. Denn für uns besteht kein Zweifel mehr.

Die Konzeption der „imperialistischen Pyramide“ der Genossen Müller, Grooß, Textor und insbesondere des Genossen Spanidis und damit implizit auch die „hierarchischen“, „wechselseitigen“ Beschreibungen des „Weltsystems“ von der KKE und der TKP widersprechen an keiner Stelle in wesentlichen Punkten nur einem einzigen der Zitate der drei hier angeführten bürgerlichen Professorinnen[9]. Im Gegenteil: Sie sind sich nicht nur ähnlich in Form und Inhalt, sondern in großen Teilen absolut identisch.

Mehr noch, auf dieser Grundlage laufen die Aussagen der bürgerlichen Philosophinnen und die der vier Genossen in letzter Konsequenz auf das exakt gleiche Ziel hinaus: sie widersprechen direkt unseren Klassikern und versuchen, sie angeblich zu „verbessern“.

Damit hat sich unser Verdacht bestätigt: die „gültige Theorie“ des Genossen Spanidis, die auch die Genossen Müller, Groos und Textor vertreten, ist durchdrungen vom Idealismus und bringt die Ideologie der feindlichen Klassen zum Ausdruck. Kurzum, ihre Theorie ist ein Weg zum Pfaffentum.

Doch wir klagen die Genossen deswegen noch lange nicht an. Vielmehr sehen wir unsere These voll und ganz bestätigt, dass die Konterrevolution seit ihrem Sieg über die Sowjetunion unvermindert vorwärtsschreitet und keinen Tag ruht. Sie ist das Alte, das vorläufig gesiegt hat und ihr Ziel ist es unverändert, mit allen Mitteln die kommunistische Bewegung am Boden zu halten.

Deswegen werden wir die Genossen erst anklagen, wenn sie sich weiterhin aufgrund einer derartigen theoretischen Basis ernsthaft als Retter der Revolution ausgeben. Wir werden sie also erst anklagen, wenn ihnen bezüglich ihrer opportunistischen Prinzipien nicht endlich Zweifel kommen. Wir werden sie darum erst anklagen, wenn sie sich nunmehr bewusst dazu entscheiden, die geistigen Kinder der Ideologie der feindlichen Klassen zu bleiben, deren einfacher Trick es ist, das Geheimnis über die Prinzipien zu verbergen, die nicht nur die vier hier genannten Genossen in Wahrheit beseelen.

Genau deswegen zeigt sich eine gänzlich andere Pyramide am Werk, als die Genossen vermuteten: Es ist die Pyramide der bürgerlichen Ideologie, die uns versucht zu unterdrücken. Diese Pyramide ist dabei kein Bild oder eine Metapher, sondern der ideologische Mechanismus, wie sich die reaktionäre Philosophie der herrschenden Klassen vermittelt.

Ihre entscheidenden Grundlagen wurden bereits 1928 von Edward Bernays in seinem Werk „Propaganda“ dargelegt[10]. Bernays war bis zu seinem Tod Berater mehrerer US-Präsidenten und er gilt als Vater der Public Relations, der sogenannten Unternehmens- und Regierungskommunikation. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über ihn: „Außerhalb der PR-Szene ist Bernays kaum bekannt, doch sein Einfluss auf das 20. Jahrhundert hätte größer nicht sein können.“ Für die Rolle einer einzelnen Persönlichkeit in der Geschichte trifft das tatsächlich auf Bernays zu. Nicht nur Goebbels studierte ihn eifrig und nicht nur die US-amerikanischen Arbeiter haben ihm solche PR-Geschenke wie das ungesunde American Breakfast zu verdanken.

Bernays schrieb in seinem Buch: „Systematische Erforschung der Psychologie der Massen hat gezeigt, wie wirkungsvoll die Gesellschaft regiert werden kann, wenn es den verborgenen Herrschern gelingt, den Einzelnen in seiner Gruppenzugehörigkeit zu erreichen und seine Motive zu manipulieren. Trotter und Le Bon haben dafür die wissenschaftlichen Grundlagen gelegt.[11] Graham Wallas, Walter Lippmann und andere haben bei weiteren Untersuchungen herausgefunden, dass sich das Gruppenbewusstsein in der psychischen Charakteristik wesentlich von dem des Individuums unterscheidet. Das Handeln des Menschen in der Gruppe wird bestimmt von Gefühlen und Beweggründen, die mit den Ansätzen der Individualpsychologie nicht erklärt werden können. Wenn wir aber wissen, wovon und wie die Massenpsyche bewegt wird – sollte es dann nicht möglich sein, sie unbemerkt nach unserem Willen zu lenken und zu kontrollieren?

Wie der Einsatz von Propaganda in jüngster Zeit bewiesen hat, ist dies bis zu einem gewissen Grad und innerhalb gewisser Grenzen tatsächlich möglich. […]

Wenn man die Anführer beeinflussen kann, ob mit oder ohne ihr Einverständnis und Wissen, kann man das automatisch auch mit der von ihnen gelenkten Gruppe tun.“[xxxv] 

Wie genau das möglich sein soll, lassen wir uns von Bernays am besten selbst erklären.

„Trotter und Le Bon kamen zu dem Ergebnis,“, schreibt er, „dass eine Gruppe nicht im eigentlichen Sinne des Wortes «denkt». Anstelle von Gedanken stehen bei der Gruppe Impulse, Gewohnheiten und Gefühle. Um zu einer Entscheidung zu gelangen, neigt sie gewöhnlich als Erstes dazu, dem Vorbild eines Führers zu folgen, dem sie vertraut. Das ist eine der am besten abgesicherten Erkenntnisse der Massenpsychologie. So ist zu erklären, dass ein Urlaubsort an Ansehen gewinnt oder verliert, dass ein Ansturm auf eine bestimmte Bank einsetzt oder ein Börsenkrach ausbricht, dass ein Buch zum Bestseller oder ein Film zum Kassenschlager wird.“[xxxvi]

Selbstverständlich lassen wir uns von dem in diese Aufzählung von Bernays klammheimlich eingeschmuggeltem Beispiel – Vater und Profi der Kommunikation der verborgenen Herrscher, der er war – bezüglich der Erklärung eines Börsenkrachs nicht ins Bockshorn jagen. Trotzdem zollen wir ihm bis zu einem gewissen Grad Anerkennung für seine subtile Raffinesse.

„Ein Verkäufer der neuen Schule,“, fährt er fort, „der die Gruppenstrukturen der Gesellschaft und die Prinzipien der Massenpsychologie versteht, würde sich als Erstes fragen: »Wer beeinflusst die Essgewohnheiten der Menschen am meisten?« Die Antwort liegt auf der Hand: »Die Ärzte.« Der neue Verkäufer wird also Ärzte dazu anhalten, öffentlich zu verkünden, wie nahrhaft und gesund Speck sei. Weil er die seelische Abhängigkeit vieler Menschen von ihrem Arzt kennt, kann er mit der Gewissheit eines Naturgesetzes vorhersagen, dass sehr viele Menschen dem Rat ihres Arztes folgen werden.“[xxxvii]

Wieder eine Seite weiter bei einem anderen Beispiel, das den gleichen Inhalt verdeutlichen soll, schreibt Bernays: „Durch den Einfluss dieser Schlüsselpersonen auf andere Gruppen erhält die Idee eines Musikzimmers im öffentlichen Bewusstsein einen Stellenwert wie nie zuvor. Sowohl das Auftreten der meinungsbildenden Persönlichkeiten als auch der der von ihnen repräsentierte Gedanke werden anschließend über verschiedene Kommunikationskanäle auf das breite Publikum projiziert. Unterdessen wurden berühmte Architekten davon überzeugt, dass ein Haus von heute ein Musikzimmer braucht und deshalb integraler Bestandteil ihrer Entwürfe sein sollte, vielleicht mit einer speziell dafür vorgesehenen Raumecke für das Klavier. Was die Meister der Zunft vormachen, werden weniger einflussreiche Architekten natürlich nachahmen.

„Der Wert einer solchen Assoziationskette in der Propaganda“, macht Bernays an einem weiteren Beispiel deutlich, „zeigte sich bei einem großen Immobilien-Entwicklungsprojekt. Als betont werden sollte, wie gesellschaftlich begehrenswert die Gartensiedlung Jackson Heights im New Yorker Stadtteil Queens war, wurde alles getan, um diesen assoziativen Prozess in Gang zu setzen. Man organisierte einen Wohltätigkeitsauftritt der Jitney Players für die Erdbebenopfer in Japan, unter Schirmherrschaft von Mrs. Astor, Erbin der Hoteldynastie, und der Teilnahme anderer Prominenter. … Um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie schön die Wohnungen waren, wurde ein Wettbewerb für Innenarchitekten um das schönste möblierte Appartment in Jackson Heights organisiert; eine hochrangige Jury bestimmte den Sieger. Der Wettbewerb zog das Interesse wichtiger Persönlichkeiten auf sich, aber auch das von Millionen Menschen im Lande, die über Zeitungen, Zeitschriften und andere Kommunikationswege darüber erfuhren …

Die Nutzung der gesellschaftlichen Gruppenstrukturen ist eine der effektivsten Methoden zur Verbreitung neuer Ideen […]

All diese bekannten psychologischen Motive wurden durch die simple Maschinerie von Gruppenführung und Autorität harmonisch stimuliert.“[xxxviii]

Und all das dient letztlich nur einem Ziel, das Bernays zuvor in seinem Buch als den grundlegenden Zweck von Propaganda aus einer historischen, aber gleichwohl bürgerlichen Sicht heraus wie folgt definiert:

„Die Dampfmaschine, die Druckerpresse und die staatlichen Schulen, die drei wichtigsten Errungenschaften der industriellen Revolution, haben den Königen die Macht entrissen und sie dem Volk gegeben. Dabei hat das Volk genau das Maß an Macht gewonnen, das die Könige verloren haben. Denn wirtschaftliche Macht hat die Tendenz, politische Macht nach sich zu ziehen, und die Geschichte der industriellen Revolution zeigt, wie diese Macht von den Königen und dem Adel zuerst auf das Bürgertum übergegangen ist. Das allgemeine Wahlrecht und Schulbildung für alle haben diese Entwicklung noch verstärkt, und am Ende fürchtete sich die Bourgeoisie sogar vor dem einfachen Mann. Es schien, als würden nun die Massen die Macht übernehmen.

Mittlerweile hat allerdings eine Gegenreaktion eingesetzt. Die herrschende Minderheit hat ein mächtiges Instrument entdeckt, mit dem sie die Mehrheit beeinflussen kann. […]

Propaganda ist der Mechanismus, mit dem Ideen im großen Stil gestreut werden, hier im weiteren Sinne verstanden als der wohlorganisierte Versuch einen bestimmten Glauben oder eine Doktrin zu verbreiten. […]

Moderne Propaganda ist das stetige, konsequente Bemühen, Ereignisse zu formen oder zu schaffen mit dem Zweck, die Haltung der Öffentlichkeit zu einem Unternehmen, einer Idee oder einer Gruppe zu beeinflussen.

Die Praxis bestimmte Assoziationen und Bilder in den Köpfen der Massen zu erzeugen, ist sehr weit verbreitet. Praktisch kein wichtiges Vorhaben wird heute mehr ohne diese Technik ausgeführt, … entscheidend ist, dass die Maßnahmen übergreifend und kontinuierlich stattfinden. In der Summe steuern sie den Geist der Massen auf ähnliche Weise, wie die Befehlsgewalt beim Militär die Soldaten physisch unterwirft.“[xxxix]

„Kleine Gruppen können dafür sorgen, dass wir ihren Standpunkt zu jedem beliebigen Thema übernehmen.“[xl]

Bernays legt damit in seinem Buch „Propaganda“ in Gesamtheit nichts Geringeres als die Strategie und Taktik der Bourgeoisie im ideologischen Klassenkampf dar. Er beschreibt, wie sie als Minderheit über die Mehrheit zu herrschen vermag – und das ohne jede Ausübung von direkter und offener Gewalt –, indem sie den Geist der Mehrheit manipuliert, um sie unbemerkt zu lenken und zu kontrollieren.

Die verborgenen Herrscher der Bourgeoisie streuen dabei ihre Ideen stetig und kontinuierlich in die Millionenmassen der sogenannten einfachen Menschen und das mit möglichst minimalem Aufwand. Die Bourgeoisie bedient sich dabei kleiner Gruppen – Anführer, Meister ihres Fachs und meinungsbildende Persönlichkeiten -, die ihre Ideen entweder bewusst oder unbewusst vertreten, um so wiederum die von diesen Persönlichkeiten gelenkten größeren Gruppen zu beeinflussen. Die Doktrin und der Glauben der Bourgeoisie wird dabei über die Ausnutzung der gesellschaftlichen Gruppenstrukturen und allen zur Verfügung stehenden Kommunikationskanälen verbreitet. Das Mittel, das dabei in der Praxis zur Anwendung kommt, um diesen Zweck für die Bourgeoisie zu erreichen, ist die Technik, „Assoziationsketten“ und „Bilder“ in den Köpfen der Mehrheit zu erzeugen. So lässt sich in Summe der Geist der Massen den Ideen der Minderheit unterwerfen.

Das ist der Mechanismus der Pyramide der bürgerlichen Ideologie – durch kleine Gruppen und tatsächlich über verschiedene „Zwischenstufen“ die Millionenmassen der Arbeiter, Bauern, Soldaten und Kleinbürger unbemerkt zu steuern und schlussendlich zu beherrschen.

Das ist die Charakteristik der ideologischen „Gegenreaktion“ der Konterrevolution, deren Stoßrichtung schließlich ebenso die Sowjetunion niederwarf.

Und das ist unverändert der Charakter, der derzeit allgegenwärtigen kapitalistischen Umwelt, die uns als Kommunisten unvermeidlich mit einschließt: eine kontinuierliche und stetige Manipulation durch die Gedanken, Ideen und „Bilder“ der Bourgeoisie, der wir durch die uns umgebenden Strukturen der Gesellschaft jeden einzelnen Tag ausgeliefert sind.

Wie bewusst oder unbewusst daher Judith Butler vor dem Hintergrund des aufgezeigten Mechanismus folgende Aussage im Jahr 2009 traf, ist dabei unwesentlich: „Assoziation ist kein Luxus, sondern gehört zu den ureigensten Bedingungen und Vorrechten der Freiheit.“[xli]

Wie bewusst oder unbewusst daher Sabine Hark als eine weniger einflussreiche Professorin diese Zeilen in ihrem letzten Buch von 2021 schrieb, ist ebenso unwesentlich: „Die Verknüpfung mit den Narrativen der Befestigung und Abschottung muss gelöst werden. Und das gilt erst recht für die Formen des Zusammenlebens. Beides zusammen bildet das Ethos der Kohabitation: wie wir in der Welt sind und in welchen Formen wir uns assoziieren.“[xlii]    

Und deswegen ist es genauso unwesentlich, wie bewusst oder unbewusst wiederum Maggie Nelson, eine einflussreiche Persönlichkeit in der Frauenbewegung, die an der University of Southern California lehrt, die Bedeutung der Gedanken in ihrem jüngsten Buch „Freiheit“ darstellt: „Es gibt Tausende Faktoren, durch die sich der Geist meines Denkens bestimmt anfühlt, manchmal überbestimmt … Aber man sollte aus der Tatsache, dass sich ein großer Teil unseres Denkens und Fühlens spontan, gewohnheitsmäßig und abhängig von Kräften ereignet, die größer sind als wir selbst, seien es unsere Traditionen, unsere Zeit oder unser Temperament, keineswegs folgern, dass es darum vollkommen determiniert ist. Uns der Wahlmöglichkeiten bewusst zu werden, die wir in diesen Belangen haben, ist eine Praxis der Freiheit, die all unsere Zeit wert ist.“[xliii] 

Absolut wesentlich ist im Mechanismus der bürgerlichen Ideologie nur eine einzige Sache: die Illusion der Praktikabilität des freien und assoziativen Denkens zu erzeugen, um spontane Ideen und Bilder vor die Wirklichkeit der konkreten Erscheinungen der Herrschaft der Bourgeoisie zu stellen. Seien es Bilder, die Begehren wecken sollen, oder Ideen und „Auffassungen“, um die Welt zu erklären, der Zweck der Bourgeoisie ist und bleibt dabei derselbe – die gewaltige Mehrheit der Unterdrückten zu lenken, weil sie durch diese Technik glauben, es reiche aus und entspräche der Wahrheit, wenn sie so bedeutungsvoll wie Genosse Spanidis sagen … Ich denke“

Mit dieser Technik kommt der Ausdruck der Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Gesellschaft zum Ausdruck. Mit dieser Technik hält der Idealismus im Denken Einzug. Mit dieser Technik trennt die Bourgeoisie Kommunisten vom Marxismus und raubt den Marxisten die richtige Sprache.

Das ist das Wesen der Konterrevolution und ihrer besonderen Waffe des Revisionismus, mit dem sie auch 30 Jahre nach der Niederlage der Sowjetunion unvermindert vorwärtsschreitet – den Idealismus in unseren Köpfen unbemerkt zu erzeugen, um uns von dem strengen, disziplinierten Weg des dialektischen und historischen Materialismus wegzuführen und uns stattdessen hin zu der wohlfeilen Leichtigkeit der Entwicklung von opportunistischen Ideen des Pfaffentums zu lenken.

Es ist darum ein wesentlicher, notwendiger und unvermeidlicher Teil des unmittelbaren Kampfs von jedem Kommunisten, ebenso den Kampf gegen den Idealismus in seinem Kopf aufzunehmen. Nur so kann die Kommunistische Bewegung den Weg zum dialektischen und historischen Materialismus wiederfinden. Nur so kann in letzter Konsequenz die revolutionäre Kraft des Marxismus wieder voll entfaltet werden. Weil der Marxismus in dieser Hinsicht kein sowohl als auch im Denken kennt – er kennt nur die materialistische Weltanschauung ohne Wenn und Aber.

In diesem Sinn denkt der wahre Marxismus nicht selbst: Er betrachtet vielmehr methodisch das Denken in seiner gesetzmäßigen Entwicklung anhand der lebendigen Arbeitskraft als ein Produkt der Natur, das sich in einen stetem Gegensatz zu ihr innerhalb der historischen Bewegung des Klassenkampfs befindet.

Das zu begreifen – wie wichtig es ist, die bürgerlichen Ideen aus dem Marxismus wieder streng zu scheiden – ist die Aufgabe, die vor unserer Organisation liegt. Eine Aufgabe, die vor uns steht, lange bevor es wirklich darum gehen kann, einzelne Begriffe richtig zu begreifen, wie es die opportunistischen Kämpfer der Minderheit bereits versuchen und die dabei unvermittelt bei der vermeintlichen Wahrheit der Aussagekraft von einer Metapher landeten: dem Bild der „imperialistischen Pyramide“. Ein Bild, dessen grundlegende Theorie in Form und Inhalt mit anerkannten Auffassungen innerhalb der bürgerlichen Philosophie exakt identisch ist – in Worten mit der Kritischen Theorie im Besonderen und im Inhalt mit dem philosophischen Relativismus im Allgemeinen.

Wir sagen darum: Nicht die Genossen der Minderheit, sondern die Genossen der Mehrheit haben allen Grund dazu, zuallererst die Revision der angeblich gültigen Theorie durch die Genossen der Minderheit selbst einzufordern. 

Berlin, 21.12.22


[1]   Diesen grundlegenden Zusammenhang hat Engels in seinem Aufsatz „Vom Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ allemal besser und verständlicher herausgearbeitet, als es hier in der Kürze von nur einem Satz gelingen kann.

[2]   Wir rechnen es den Genossen hoch an, dass sie die Bedeutung von Begriffen in ihrem Beitrag hervorheben. Dennoch ist die von ihnen gewählte Überschrift für das Kapitel „Begriffe nicht Begreifen“ unfreiwillig komisch durch ihr erstes Beispiel, wenn sie Begriffe, „die wir umgangssprachlich verwenden, wie die Begriffe “Baum” oder “Mensch”“ von der „Ware“ unterscheiden und damit zeigen, dass sie ihr eigenes Beispiel an Begriffen nicht begriffen haben. Zwar sind ohne Frage Mensch oder Baum umgangssprachlich sehr geläufige Wörter, aber sie sind als Begriffe genauso spezifische Erscheinungen eines bestimmten Wesens. Insbesondere den Begriff Mensch hat als erster Aristoteles in seiner „Topik“ mittels eines dialektischen Verfahrens umfassend herausgearbeitet: „Wenn zum Beispiel der Mensch ein Lebewesen ist, dann ist das Nicht-Lebewesen kein Mensch. Ähnlich verhält es sich aber auch bei den anderen. Denn hier ist die Folgebeziehung umgekehrt: Zwar folgt auf Mensch Lebewesen, auf Nicht-Mensch folgt aber nicht Nicht-Lebewesen, sondern es folgt umgekehrt auf Nicht-Lebewesen Nicht-Mensch. Bei allen (Kontradiktionen) muss es in dieser Art gefordert werden.“ (S. 90 f., Reclam, 2004) usw. usf. 

[3]   Rainer Roth stellt diesen Zusammenhang in seiner wertvollen Ausarbeitung „Sklaverei als Menschenrecht“ in dem Unterkapitel „Eigentumsverhältnisse in Haiti“ anhand der langjährigen Geschichte der Insel von Unterdrückung und blutiger Ausbeutung so dar: „Farbige Grundbesitzer kämpften zusammen mit den schwarzen Plantagenarbeitern, wenn sie gemeinsame Feinde hatten, die sowohl die Gleichberechtigung der Mulatten verhindern als auch die Sklaverei fortsetzen wollten. So schlossen sich viele dem Sklavenaufstand ab 1791 an und kämpften gemeinsam gegen die Royalisten und die Engländer, die ihnen die Gleichberechtigung mit den Weißen verweigerten. Ihre Repräsentanten schlugen sich auch auf die Seite der schwarzen Aufständischen, als Napoleon den Mulatten die bis dahin anerkannte Rechtsgleichheit mit den Weißen wieder aberkannte.“ (S. 463 f., DVS Frankfurt am Main, 2015)  

[4]   Spinoza und Machiavelli trugen ebenso einen Teil zu der Entwicklung und Anwendung der Dialektik bei. So wird zum Beispiel bei Machiavelli häufig angenommen, er habe in „Der Fürst“ eine Art gebrauchsfertige Anleitung für die feudale Klasse geschrieben. Tatsächlich aber untersuchte er aufgrund historischer Begebenheiten die möglichen positiven und negativen Wirkungen, die sich aus einer besonderen Art zu herrschen ergeben – er legte also lediglich die Wahrscheinlichkeiten von bestimmten Vor- und Nachteilen dar, mit denen ein feudaler Herrscher rechnen musste, wenn er zum Beispiel die Milde über die Grausamkeit stellte oder andersherum. Spinoza wiederum befasste sich in seinen Betrachtungen intensiv mit dem Gegensatz vom Sein und Nichts und gelangte so zu seinem Begriff von Substanz. Im Philosophenlexikon von Dietz aus dem Jahr 1986 steht zu ihm u. a.: „Der materialistische Gehalt der spinozistischen Substanzauffassung zeigt sich weiter darin, daß das Naturganze von objektiver Gesetzmäßigkeit durchwaltet aufgefaßt wird.“ (S. 862)  

[5]   Siehe die 8. These der TKP, auf die sich auch Genosse Spanidis in offen-siv im August bezog: „Der Imperialismus ist keine Tatsache, die nur auf der wirtschaftlichen Ebene beobachtet wird, sondern ein mehrdimensionales (sic!) Weltsystem (sic!), das politische, ideologische, militärische und kulturelle Aspekte hat. Daher sollte die imperialistische Vorherrschaft und Dominanz (sic!) nicht nur auf der ökonomischen Ebene analysiert werden, sondern auch unter Berücksichtigung ihrer politischen, ideologischen, militärischen und kulturellen Dimensionen (sic!)“ (S. 87 ebd.)

[6]   Die Bedeutungen des lateinischen Wortursprung lassen schwerlich andere Möglichkeiten zu: dominus = [1.] Herr (eines Sklaven), [2.] Hausherr, Gastgeber, [3.] Eigentümer, Besitzer … (wiktionary.org)

[7]   Wie hellhörig Kommunisten schon in der Vergangenheit wurden, als dieses Wort innerhalb ihrer Reihen fiel, mag dieser Auszug aus dem Moskauer Prozess von 1937 verdeutlichen. Er stammt aus dem Verhör des Zeugen Loginow durch den Staatlichen Ankläger A. J. Wyschinski.

      „Loginow: Ich habe Pjatakow ausführlich darüber befragt, was das bedeuten und wozu diese ganze Politik, bei der wir faktisch aufhören werden, als Staat zu existieren, führen wird. … Er antwortete mir, daß es sich nicht darum handle, sondern um große territoriale Zugeständnisse sowohl im Osten als auch in der Ukraine, und daß Trotzki eine solche Verabredung getroffen habe. Und dann sprach Pjatakow noch über die Position, die wir im Falle eines bewaffneten Konflikts zwischen der Sowjetunion und den faschistischen Ländern Deutschland und Japan einnehmen müssen.

      Wyschinski: Sie sagen Position?

      Loginow: Ja, Position. Ich würde sagen, eine Position, die an die Position unserer Partei, an die Position während des imperialistischen Krieges erinnert, eine Politik des Defaitismus, obzwar, das nicht ganz genau sein wird.

      Wyschinski: Diese Parallele zu ziehen ist absolut nicht am Platze; es gibt hier überhaupt keine Analogie.“ (S. 201 f., Prozessbericht über die Strafsache des sowjetfeindlichen trotzkistischen Zentrums, Volkskommissariat für Justizwesen der UdSSR, Moskau 1937)

[8]   Niemand kann Butler vorwerfen, sie sei sich als Antimarxistin nicht treu geblieben: „Ende der 1990er Jahre entzündet sich zwischen Judith Butler (1997) und Nancy Fraser (1997) eine Kontroverse über die Frage, ob die Disziplinierung und Normierung von Sexualität und Gender notwendig mit der Reproduktion des Kapitalismus verknüpft ist oder nicht. Butler bejaht diese Frage, Fraser vertritt die gegenteilige Position (sic!) […] Butler kritisiert Frasers Position (sic!) systematisch: Die Unterscheidung von Anerkennung und Ausbeutung zeuge von Überresten einer marxistischen Sphärentrennung, »die bestimmte Unterdrückungsformen als Teil der politischen Ökonomie verortet, andere der ausschließlich kulturellen Sphäre zuweist« (Butler 1997: 270f.)“ (S. 191, Mike Laufenberg, Queere Theorien, Junius, 2022)

[9]   Für die bessere Lesbarkeit von diesem Text haben wir die Auswahl der bürgerlichen Quellen, die unsere Beweisführung untermauern, stark eingeschränkt und reduziert. Wir nehmen aber an, dass das dargelegte Material bereits eindeutig genug sein sollte. Sollten wir uns diesbezüglich täuschen, liefern wir gerne nach.

[10] Seitdem wurden die Grundlagen dieses Mechanismus beständig weiter ausgearbeitet. Zum Beispiel durch die sogenannte Spiel-Theorie, die erstmals in den 60er-Jahren formuliert wurde und nach deren Prinzip u. a. Tech-Konzerne wie Google und Facebook ihre Algorithmen ausrichten, um angeblich benutzerfreundlicher zu sein. In dem letzten Buch des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher „Ego. Das Spiel des Lebens“ (Karl Blessing Verlag, 2013) – Schirrmacher verstarb im Alter von 54 Jahren im Jahr 2014 – gewährt er wertvolle Einblicke in die subtilen Techniken und manipulativen Möglichkeiten dieser Theorie. Das Wesentliche daraus ist in seinem Beitrag in der FAZ vom 27.03.2013 „Versprechen oder Bluff?“ zusammengefasst. Der Artikel beginnt mit dem Satz: „Menschliches Handeln wird von digitalen System vermehrt spieltheoretisch modelliert.“ 

[11] Gustave Le Bon verfasste das Buch „Psychologie der Massen“, das 1895 erschienen ist. Wilfred Trotter schrieb das Buch „Herdeninstinkt und sein Einfluss auf die Psychologie des zivilisierten Menschen“, das wiederum 1908 erstmals veröffentlich wurde.


[i]    S. 12, Lenin, Der Imperialismus als das höchste Stadium des Kapitalismus, Dietz, 1951, Hervorhebung von Lenin

[ii]   S. 122 f., Verlag der sowjetischen Militärverwaltung Deutschland, 1946

[iii]   S. 125 ebd., Hervorhebung von Lenin

[iv]   S. 59 f., M. Seydewitz, Stalin oder Trotzki, Malik, 1936, die Zitate entnahm Seydewitz: Lenin, Ausgewählte Werke

[v]   S. 57 ebd.

[vi]   S. 85 f. ebd.

[vii]  S. 88 ebd.

[viii] S. 84 f., Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking, 1969

[ix]   S. 42, Dietz, 1966, eigene Hervorhebung

[x]   S. 5 ebd., Hervorhebung J. S.

[xi]   S. 378, Zehn Tage, die die Welt erschütterten, Dietz, 1958

[xii]  S. 117 ebd., L., Der Imperialismus als …

[xiii] S. 157 ebd.

[xiv] S. 139 ebd.

[xv]  „In der Rasterung komplementärer Pole (sic!) – wie Spontaneität und Organisation, Bewegung und Partei, Horizontalität und Vertikalität, Repräsentationskritik und Notwendigkeit von Repräsentation im bestehenden politischen System – ist es nicht vorgesehen, dass in den Praxen der sozialen und politischen Bewegungen zugleich neue Weisen der Instituierung und Organisierung entstehen können, Praxen, die vertraute chrono-politische Logiken mitsamt dem damit einhergehenden Zwang zur Repräsentation durchbrechen.“ (S. 133 ebd.)

[xvi] „Die Physik der Welterkenntnis“, David Deutsch, 2000, dtv; Er verfasste das Buch, während er zugleich im Auftrag von IBM an Quantencomputern forschte.

[xvii] S. 20 ebd., Suhrkamp

[xviii] S. 177 ff. ebd., Hervorhebungen von Hark

[xix] S. 46 ebd., Suhrkamp

[xx]  S. 16 ebd.

[xxi] S. 27 f. ebd.

[xxii] S. 29 ebd.

[xxiii] S. 40 ebd.

[xxiv] S. 62 f. ebd.

[xxv] S. 65 ff. ebd.

[xxvi] S. 76 f. ebd.

[xxvii] S. 86 ebd.

[xxviii]      S. 94 ebd.

[xxix] S. 111 ebd.

[xxx] S. 121 f. ebd.

[xxxi] S. 125 f. ebd.

[xxxii] S. 128 f. ebd.

[xxxiii]      S. 144 ff. ebd.

[xxxiv]      S. 178 f. ebd.

[xxxv] S. 49 f., orange press, 2009, eigene Hervorhebungen

[xxxvi]      S. 51 ebd.

[xxxvii]     S. 53 ebd.

[xxxviii]    S. 55 ff. ebd., eigene Hervorhebungen

[xxxix]      S. 27 ff. ebd., eigene Hervorhebungen

[xl]   S. 36 ebd.

[xli]  zifg.tu-berlin.de/fileadmin/i44/Flyer/RV_politiken_der_zugehörigkeit.pdf

[xlii] S. 163 ebd., Hervorhebungen von Hark

[xliii] S. 326, Hanser Berlin, 2022; Nelson greift in ihrem Buch bereits Butlers Arbeit „Die Macht der Gewaltlosigkeit“ auf und erwähnt Butler auch in ihrer Danksagung.

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