Unterdrückung, Mangel, Graus. Den meisten jungen Menschen in der Bundesrepublik kommt ein düsteres Bild in den Kopf, wenn sie den Namen DDR hören. Doch auch ältere Westdeutsche sind davon oft nicht ausgenommen. Kein Wunder. Über die DDR wird massenhaft berichtet. Kinofilme, Nachrichtensendungen, Zeitungsartikel, Schulbücher und vieles Weitere mehr soll uns einen Eindruck vom Leben im ersten sozialistischen Staat in Deutschland vermitteln. Und dabei wird eines sehr schnell klar: Über die Deutsche Demokratische Republik wird nichts Gutes erzählt. Woran liegt das?
In der DDR wurde eine andere Gesellschaft aufgebaut. Nicht der Profit privater Unternehmen, sondern die Interessen der werktätigen Menschen haben die Entwicklung der Gesellschaft bestimmt. Den Reichen und Mächtigen in der Bundesrepublik war und ist dies ein Dorn im Auge. Sie wollen den Kapitalismus, mit seiner Herrschaft der Wenigen über die Vielen, als alternativlos darstellen. Seit der Gründung der DDR 1949 bemühen sie sich deshalb darum, ein falsches und verzerrtes Bild zu vermitteln. Es ist die Geschichtsschreibung der BRD, die 40 Jahre lang Feind und Konkurrent der DDR war. Es ist die Geschichte des Siegers, die uns tagtäglich eingetrichtert wird. Die meisten ehemaligen Bürger der DDR können davon jedoch nicht getäuscht werden. Etwa zwei Drittel der ostdeutschen Bevölkerung sagen, dass die positiven Seiten der DDR mindestens überwogen, nur etwa 10% finden beispielsweise das heutige Bildungssystem besser als das der DDR. Denn das wovon nicht berichtet wird, ist gewichtig: Es sind die großen Errungenschaften wie das Recht auf Arbeit, die günstigen Mieten, das kostenlose Gesundheits- und Bildungssystem, die flächendeckende Kinderbetreuung oder die Demokratie im Staat und den Betrieben.
Auch unter Gegnern des Kapitalismus in Deutschland spielt die DDR heute selten eine Vorbildrolle. Als „Kasernenhofsozialismus“ wird sie bezeichnet, undemokratisch und bürokratisch sei sie gewesen. Die reichen Erfahrungen im 40-jährigen Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft werden nicht aufgegriffen. Die Probleme und Widersprüche, die es in der DDR gab, nicht konstruktiv untersucht. Zu viele lassen sich so bewusst oder unbewusst vor den Karren der BRD-Geschichtsschreibung spannen.
Aus diesem Anlass haben wir einen Episodenfilm aufgenommen, in dem der Versuch unternommen wird, einen ehrlichen und kritischen Blick auf die Errungenschaften und Probleme der DDR zu werfen. Die Erzählungen und Perspektiven unserer Gesprächspartner sollen dazu einladen, tiefer in die Geschichte einzusteigen. Denn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Erfahrungen im Aufbau des Sozialismus der DDR ist notwendig, um auch heute den Weg zum Wiederaufbau der Arbeiterbewegung und zum Sozialismus zu ebnen.
Gründungsmitglied der Pionierorganisation im alten Friedrichstadtpalast in Berlin 1948
Das ist so bitter, wenn vieles was die Menschen sich hier aufgebaut haben, wegfällt, plattgemacht wird, einfach versucht wird aus deinem Gedächtnis zu entfernen. Und das ist auch ein Stück der Lebensleistung der DDR-Bürger das hier in den Dreck getreten wird.
Hans Bauer *1941
ehemaliger stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR
Es gab ein breites Feld von Demokratischer Mitwirkung, wie es gar nicht bekannt ist und ich es selbst erlebt habe. Sowohl im persönlichen Leben, als auch in meinem Leben als Staatsanwalt. Was weit über das hinaus geht, was in der heutigen Bundesrepublik geschieht.
Edmund Peltzer *1945
Ehemaliger Lehrer am Institut für Lehrerbildung
Das heutige System hat sich 1945 bereits zur Lebensaufgabe gemacht, diesen Staat zu beseitigen. Ich kann also nicht erwarten, eine realistische Berichterstattung über das Leben in der DDR zu bekommen.
Ekkehard Lieberam *1937
ehem. Professor für Staatstheorie und Verfassungsrecht
Es ist der Treppenwitz der Geschichte, dass nach dem Ende der DDR wie in den Hochzeiten des kalten Krieges Kriminalisierung betrieben wurde und das Wort DDR zum Synonym für das Böse in der deutschen Geschichte gemacht wurde.
Kerstin Salin *1963
Ehemalige Kinomalerin aus Leipzig
Es ging einfach darum, zu lernen fürs Leben, ein guter Mensch zu werden und ein gerechter Mensch zu werden und vor allem ein solidarischer Mensch zu werden, dass einer dem andern hilft.
Jürgen Geppert *1949
Ehemaliger Stadtverordneter in Aschersleben und Oberstleutnant a.D. der NVA
Man ist 2/3 seines Tages im Betrieb. Dann muss der Betrieb auch bestimmte Verantwortungen übernehmen. Da war es ganz normal, dass es einen Kindergarten, ärztliche Versorgung oder Verkaufsstellen gab.
Regina Mainzer *1951
Ehemalige Pionierleiterin aus Erfurt
Prinzipiell muss ich sagen, dass wir Frauen mit der Wende um Jahrzehnte zurückversetzt wurden.
Ingo Höhmann *1953
Oberstleutnant a.D. der Nationalen Volksarmee
Warum hat der Sozialismus Interesse an Frieden? Es verdient keiner im Sozialismus am Krieg. Jede Rüstungsausgabe ist eine Belastung gewesen.
Torsten Schöwitz *1969
1989 bei den Grenztruppen der DDR
Meine erste Einraumwohnung, die ich bezogen habe, hat 19,20 Mark gekostet. Dieses soziale Problem, was heute immer noch in dieser reichen Bundesrepublik ein soziales Problem ist, das hatten wir gelöst. Und so war die DDR aufgebaut, dass sie Stück für Stück, nach ihren Möglichkeiten, die sozialen Probleme löst.
Wolfgang Schmidt *1939
Ehemaliger Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX. im Ministerium für Staatssicherheit
Die Probleme der Bevölkerung wurden Ende der 80er nicht mehr ernst genommen und damit höhlst du das Vertrauen in dich aus.
Ekkehard Schulze *1963
Erfinder des Abduktoren-Adduktoren-Sportgerätes
Der Mensch, welcher sich und seine Familie mit seiner Arbeit ernährt, Anerkennung und Respekt für seine Arbeit im persönlichen Umfeld findet, das ist ein großer Aspekt für das Mensch sein und wichtig für die körperliche und geistige Gesundheit des Menschen.
Im Episodenfilm DAS ANDERE LEBEN geben elf Interviewpartner aus der Sicht ihrer Lebensgeschichte Einblick in den Alltag und die Strukturen der Gesellschaft der Deutschen Demokratischen Republik. In groben Zügen werden dabei auch die Gesamtentwicklung der DDR, die Bedingungen der Gründung 1949, Dynamiken und Veränderungen im sozialistischen Aufbau und zuletzt der Niedergang der DDR skizziert.
Episode I – Kindheit, Jugend und Schule
Die erste Episode widmet sich den Themen Kindheit, Jugend und Schule. Mit der Gründung der DDR entsteht zum ersten Mal auf deutschem Boden eine Einheitsschule für alle Kinder. Anekdoten und Erklärungen über die Polytechnik, politische Bildung, die Pionierorganisation und zum Jugendleben vermitteln ein Bild eines weit verzweigten, einheitlichen Netzes der Bildung und Erziehung, das jedem Kind offenstand. Pioniere und Freie Deutsche Jugend sind dabei sowohl Freizeitorganisationen als auch Organe der Mitbestimmung gewesen. Zuletzt war der revolutionäre Geist der Jugend allerdings nicht stark genug.
Episode II – Arbeit und Wirtschaft
In der zweiten Episode wird ein Blick auf die Wirtschaft und das Arbeitsleben geworfen. Nach der Enteignung der Industrie und Landwirtschaft entstehen in der DDR völlig neue Arbeits- und Lebensverhältnisse. Der Betrieb wird zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Sport, Kultur, soziale Probleme und vieles mehr werden im Betrieb unter Beteiligung der Kollegen und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) verhandelt. Die DDR schafft es aus einem vom Krieg völlig zerstörten Land eine produktive Wirtschaft zu errichten. Zuletzt stagniert die Entwicklung allerdings – auch wenn von einem Staatsbankrott keine Rede sein konnte. Diskussionen über Schwierigkeiten im Aufbau einer sozialistischen Planwirtschaft und mögliche Lösungen halten seit dem Ende der DDR an.
Episode III – Demokratie und Zusammenleben
Die dritte Episode beschäftigt sich mit den sozialen, kulturellen und politischen Strukturen der DDR. Die Erfahrungen mit der Wohnungspolitik, mit einem fortschrittlichen Gesundheitswesen, einer anderen Rolle der Frau und dem Zugang zu Kultur zeichnen ein umfassendes Bild des alltäglichen Lebens. Sowohl der Umgang der Menschen untereinander, als auch der Umgang des Staates mit den Menschen erscheint dadurch ein anderer als in der Bunderepublik. Ein breites Netz aus Presse und Medien und das Zusammenwirken der Parteien und Massenorganisationen in der Nationalen Front und der Volkskammer konterkarieren das Bild eines „Unrechtsstaates“. Doch zuletzt stagniert die politische Entwicklung der DDR. Die demokratischen Strukturen und die Presse schaffen nicht die nötige Kritik und Diskussion zur Vertiefung der sozialistischen Gesellschaft.
Episode IV – Kalter Krieg und Konterrevolution
In der vierten Episode wird der Blick auf das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR gerichtet. Die Sicherung der Grenze 1961, die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit und der Nationalen Volksarmee erscheinen im Licht des Kalten Krieges neu. Die Beziehungen zwischen der DDR und der BRD werden besonders wichtig für ein Verständnis der politischen Krise der DDR in den 80er Jahren. Dem Mythos der friedlichen Revolution wird auf den Zahn gefühlt. Wer aber waren die Triebkräfte des politischen Umsturzes, warum hat es so wenig Gegenwehr aus der Sozialistischen Einheitspartei gegeben? Die Gesprächspartner reflektieren die Zeit danach, die Lebensumbrüche und den Umgang der Bundesrepublik mit der DDR und mit ihnen selbst. Die DDR ist Geschichte. Was aber bleibt von der Deutschen Demokratischen Republik?
Wir veröffentlichen eine Übersetzung des Aufrufs der Kommunistischen Jugend Bouches-du-Rhône vom 5. Dezember 2019 zum Generalstreik. Vielen Dank an die Genossen, dass wir den Text veröffentlichen dürfen!
Heute sind mehr als
150.000 streikende Arbeiter durch Marseille marschiert. In den
entscheidenden Sektoren der Wirtschaft hat die Arbeiterklasse die
Arbeit niedergelegt, um die gesamte Wirtschaftsmaschine lahmzulegen,
um Regierung und Kapital zu zwingen, ihre mörderischen
Gesetzesprojekte zurückzuziehen.
Die Jugend wurde
auch an der Seite der Arbeiter mobilisiert: Die St. Charles
Universität wurde blockiert, mehrere Gymnasien wurden ebenfalls
blockiert… Und viele junge Leute waren auf der Demonstration!
Es sei daran
erinnert, dass die Blockade allen Schülern ermöglicht, zu kommen
und zu demonstrieren, ohne irgendwelche Konsequenzen zu erleiden…
(…)
Die Kommunistische Jugend 13* fordert, den Kampf mit allen Mitteln zu intensivieren, um jede Streikstunde, jede Blockade eines Hörsaals oder eines Gymnasiums, wo immer es möglich ist!
Wir rufen alle
jungen Menschen auf, sich an ihren Studien- oder Arbeitsorten zu
organisieren, um eine sofortige Reaktion auf die Regierung zu
organisieren und für die langfristige Veränderung der
Kräfteverhältnisse zu kämpfen.
Lasst uns am 7.
Dezember alle dem Aufruf des nationalen Tages des Kampfes gegen die
Arbeitslosigkeit folgen, um den Kampf für die Rückgängigmachung
der Reform der Arbeitslosenversicherung mit dem Kampf gegen die
Rentenreform zu verbinden. Lasst uns gemeinsam eine umfassende
soziale Sicherheit mit neuen Rechten fordern!
Lasst uns
zusammenkommen und uns organisieren, lasst uns gemeinsam für unsere
Zukunft kämpfen, lasst uns gegen den Kapitalismus kämpfen!
SAMSTAG 14:00 Uhr
ST-CHARLES EN HAUT DES MARCHES!
FÜR DIE REVOLUTION UND DEN SOZIALISMUS, ORGANISIERE DEINEN ZORN!
* 13 ist die Nummer des Départements Bouches-du-Rhône, in dem Marseille liegt, Anm. d. Übersetzers
5 décembre 2019 L’immense grève contre la réforme des retraites, contre le gouvernement, contre ce système qui nous exploite !
Aujourd’hui plus de 150.000 travailleurs en grève ont défilé à Marseille. Dans les secteurs structurants de l’économie, la classe ouvrière à cessé le travail pour construire le blocage de toute la machine économique afin de forcer le gouvernements et les patrons à reculer sur leurs projets de loi assassins.
La jeunesse s’est mobilisée aussi aux côtés de travailleurs : fac saint Charles bloquée, plusieurs lycées bloqués aussi… Et beaucoup de jeunes en manif ! Rappelons que le blocage permet à tous les étudiants et lycéens de pouvoir venir manifester sans subir de conséquences…
Dès ce soir, des Assemblées Générales se tiennent sur de nombreux lieu de travail ou d’études, et plus d’une centaine d’appels à la reconduction ont été émis dans le département.
La Jeunesse Communiste 13 appelle à intensifier la lutte par tous les moyens possibles, de gagner la moindre heure de grève, le moindre débrayage d’amphi, le moindre blocage de lycée, partout où c’est possible !
Nous appelons tous les jeunes à s’organiser sur leur lieu d’étude ou de travail afin de structurer une riposte immédiate face au gouvernement et de reconstruire un rapport de force sur le long terme.
Le 7 décembre, soyons tous mobilisés à l’appel de la journée nationale de lutte contre le chômage, pour lier la lutte pour le retrait de la réforme de l’assurance chômage à celle contre la réforme des retraites. Ensemble revendiquons la sécurité sociale intégrale pour des droits nouveaux !
Ensemble rassemblons nous et organisons nous, ensemble battons nous pour notre avenir, battons nous contre le capitalisme !
RDV SAMEDI 14h ST-CHARLES EN HAUT DES MARCHES !
POUR LA RÉVOLUTION ET LE SOCIALISME, ORGANISE TA COLÈRE!
Mit Interesse habe ich die Debatte über die Arbeit in den Massen verfolgt und auch mit Interesse verfolge ich die Debatte zur Klimafrage. Ich vertrete eine ähnliche Position wie Spanidis. Daher gehe ich nicht sehr auf bereits thematisierte Punkte ein, sondern eher auf welche, die bisher nicht so thematisiert wurden. Mein Beitrag soll einen kurzen Einblick in die Klimabewegung geben und kurz begründen, weshalb es richtig ist, darin aktiv zu sein. Für einen längeren Text mit mehr Fakten, Argumenten und Quellen habe ich leider nicht die Zeit gefunden.
Innerhalb der Klimabewegung gibt es reaktionäre und panikverbreitende Kräfte. Ich habe etwas den Eindruck, dass sich Kissel et. al. erst mit einem Teil der Klimabewegung und dann mit der Klimafrage an sich befasst haben. Bei Spanidis et al. bin ich mir hingegen sicher, dass sie sich erst mit der Frage des Klimas wissenschaftlich befasst haben. Die reaktionären und panikverbreitenden Kräfte repräsentieren weder die Bewegung noch kann dies der Ausgangspunkt der Frage nach den Ursachen und Gefahren durch den Klimawandel sein. Ich meine, dass der Klimawandel eine Gefahr darstellt und Klimaschutz daher in unserem Interesse ist.
Massenbewegungen
Ich möchte kurz einen Beitrag aus der Diskussionstribüne zur Massenarbeit zitieren: ,,Die KPD hat sich in der Weimarer Republik schließlich nicht darauf beschränkt, in Gewerkschaften, Arbeitersport- und Gesangsvereinen zu arbeiten. Sie hat auch die Antifaschistische Aktion geschaffen, in der sich Arbeiter über Parteigrenzen hinweg gegen den Faschismus organisieren konnten. Sie hat den Roten Frontkämpferbund, die Rote Hilfe, aber auch Gruppen zum Kampf gegen den Kolonialismus und imperialistische Kriegspolitik unterstützt. Nach dem Krieg entstanden die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Demokratische Frauenbund Deutschlands, bis er in der BRD verboten wurde. Die Bewegungen gegen die Wiederbewaffnung der BRD, den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, den Abtreibungsparagraphen, den NATO-Doppelbeschluss, die Solidaritätskampagnen mit revolutionären politischen Gefangenen auf der ganzen Welt, der Kampf gegen die südafrikanische Apartheid, die CIA-gestützten Militärdiktaturen und viele weitere Beispiele – all das waren wichtige Auseinandersetzungen, die selbst im reaktionären politischen Klima der BRD Massen mobilisiert haben und in denen die Kommunisten zurecht gearbeitet haben. Ob mit der richtigen Orientierung, ist eine andere Frage, die wir uns stellen und die wir aufarbeiten müssen. Die richtigen Orientierungen müssen wir finden, indem wir Erfahrungen sammeln und diese ständig auswerten. Aber die Arbeit in diesen Bewegungen einfach aufzugeben, ist sicher keine akzeptable Lösung für Kommunisten.“ [1] Historisch haben Kommunisten also in vielen Massenbewegungen mitgearbeitet, was auch wichtig für die Arbeit von Kommunisten ist. Wie sieht es heute aus? Die kommunistische Bewegung in der BRD ist schwach aufgestellt, in wenigen Massenbewegungen aktiv, es gibt generell relativ wenige Kommunisten in Deutschland. Dementsprechend das Klima der Massen: Es entstehen Bewegungen wie Pegida, Rechte dürfen in Talkshows reden, Medien hetzen und siehe da: Viele Leute wählen die AfD. Gleichzeitig gibt es viele andere Menschen, die entweder kein Bock auf Politik haben oder etwas verbessern möchten. Vor allem die Leute, die etwas verbessern möchten, sollten eigentlich von Kommunisten organisiert werden. Da die Kommunisten aber in einer schwachen Lage sind, gibt es viele Menschen, die dann eher in einer Subkultur versinken, individuellen Kram machen oder Illusionen haben. Kommunisten müssen wieder aktiver in den Massen werden. Mit Fridays for Future ist vor einem Jahr eine Bewegung entstanden, welche mittlerweile die größte Jugendmassenbewegung der Geschichte der BRD wurde.
Sollte ein Kommunist bei der Entstehung von FFF direkt was machen?
Im November 2018 hat Greta Thunberg ihre weltbekannte Rede bei der Weltklimakonferenz gehalten. Auch wenn es Sachen an ihr zu kritisieren gibt, war diese Rede gut: Sie sagt, dass Klimaschutz wichtiger ist als Wirtschaftswachstum und sie stellt in der Rede die Systemfrage. Diese Rede verbreitete sich online sehr schnell.
Nun wäre es eigentlich die Aufgabe der Kommunisten dieses Thema aufzugreifen und Leute genau an diesem Thema zu organisieren. Die hohen Aufruf-Zahlen, die zahlreichen Kommentare usw zeigten nämlich deutlich das Interesse und den potenziellen Aktivismus der Massen. Die Kommunisten in Deutschland haben sich aber zurückgehalten. Dann haben sich ein paar Grüne vernetzt und in ein paar Städten etwas aufgebaut. Das sind Jugendliche, die sich bereits vorher für Umweltschutz interessiert haben. Dass die Grüne Partei für Umweltzerstörung (Kriege, Waffenlieferungen, Hambi-Rodung, Glyphosat usw) steht, ist klar. Ob dies die Absichten und Wünsche von Luisa Neubauer und Co. sind, weiß ich aber nicht, ich wage es zu bezweifeln. Klar ist aber, dass solche Leute, die Initiative und leider auch die Führung ergriffen haben. Solche Leute hatten und haben weiterhin sehr viel Einfluss innerhalb von FFF.
Man kann Luisa Neubauer und Co. wahrscheinlich als Karrieristen bezeichnen, die aber schon den Willen haben, etwas gutes zu tun. Jedoch extrem starke Illusionen in das System haben. Aber nur weil solche Leute, viel Macht innerhalb von FFF haben bedeutet dies für Kommunisten nicht, dass sie sich raushalten sollten. Es gibt viel Potenzial innerhalb von der Bewegung. Man sollte nicht nur die Natur nicht statisch betrachten, wie in der Diskussion bereits erwähnt wurde, auch Massenbewegungen sollte man nicht statisch betrachten. Auch diese entwickeln sich, zudem muss man zwischen der Basis und der Führung einer Bewegung unterscheiden.
Die Forderungen
Innerhalb von FFF gibt es viele, die auf individuelle Lösungen setzen. Dies liegt aber nicht daran, dass sie alle Individuen zum Konsumverzicht zwingen wollen, sondern daran, dass die Kommunisten da nicht bzw. nicht ausreichend agitieren. Den Leuten wird nunmal im Kapitalismus beigebracht auf individuelle Lösungen zu setzen. Daher sollten wir ihnen nicht abweisend, sondern diskussionsbereit gegenüber stehen. Keiner innerhalb von FFF meint, die individuellen Wege würden ausreichen. Die Leute gehen zu FFF, weil sie meinen, dass eine gesamtgesellschaftliche Lösung nötig ist. Dass dabei viele nicht an den Sozialismus, sondern an einen ,,verbesserten“ Kapitalismus denken, ist auch logisch.
Die FFF Führung strebte an, keine eigenen Forderungen aufzustellen, sondern sich welche von den Scientists for Future (SFF) vorgeben zu lassen. Sie dachten, sowas sollten Experten tun. Die Wissenschaftler haben ihre Forderungen so ,,berechnet“, dass man den Klimawandel innerhalb des Systems aufhalten könne. Auch hier denke ich, dass sie nicht von großen Konzernen bezahlt wurden, sondern dass sie die Vorstellung vertreten, man könne den Kapitalismus und das Klima mit Reformen retten. Was Wissenschaftler verdienen wurde hier ja bereits in der Diskussionstribüne aufgezeigt und das Engagement von SFF ist soweit ich weiß ehrenamtlich.
Die CO2 Steuer ist die meistkritisierte Forderung von FFF. Die Kritik kommt dabei aber nicht nur von außen, sie gibt es auch sehr stark innerhalb der Bewegung. Viele, die gegen FFF sind, meinen die C02 Steuer wäre die Hauptforderung. Ich habe es bisher so verstanden, dass alle sechs Forderung gleich stark gewichtet werden. Die SFF, die die Forderungen entworfen haben, betonten dazu, dass alle ,,sozial verträglich“ umgesetzt werden sollen und dies wurde auch so von FFF veröffentlicht. Daher meine ich, dass weder SFF noch FFF mit den Forderungen eine negativ Absicht gegen die Arbeiterklasse haben. Sie haben einen guten Willen, das Klima zu schützen, jedoch die falsche Hoffnung darin, dass Politiker das Geld aus einer C02 Steuer umverteilen und an ökonomisch Schwache geben. Genau dies kritisieren viele FFF Aktivisten.
Kissel et al. kritisieren zudem, dass F
FF den Kohleausstieg fordert. Diese Forderung ist aber richtig, weil sie im Sinne der Umwelt und somit auch im Sinne der Arbeiter ist. Die Kritik an der Forderung ist, dass Arbeiter damit ihren Job verlieren. Nach dieser Logik sollte dann kein Linker den Stopp von Waffenlieferungen fordern. Zu so einer Forderung gehört doch, dass man als Linker einen vollen Lohnausgleich sowie schnellstmögliche Umschulungen und Übernahmen fordert. Was aber das wichtige dabei ist, ist dass man auch genau dies den Arbeitern vermittelt und mit ihnen gemeinsam den Kampf für den Kohleausstieg führt. Dies tut die Klimabewegung leider nicht. Viele Kohlearbeiter haben den Eindruck, dass die Klimabewegung wirklich gegen sie handeln wollen würde. Daher wählen auch viele von ihnen die AfD [2] und unterstützen die Hetze gegen FFF. Es ist die Aufgabe der Kommunisten, eine Einheit zwischen der Klimabewegung und Kohlearbeitern herzustellen. Nur dann kann der Kohleausstieg sozial verträglich umgesetzt werden. Die schwache Aktivität der Kommunisten innerhalb der Klimabewegung führt also indirekt zu einem Erstarken der Faschisten.
Aber trotz der inhaltlich schwachen Anfangsphase mit den Forderungen von FFF sehe ich keinen Grund, dass man als Kommunist nicht in FFF aktiv sein sollte. Massenhaft kommen Jugendliche zu offenen Treffen, organisieren sich, führen politische Debatten und möchten etwas verändern. Diese massenhafte Politisierung und Aktivität muss gefördert werden und dabei muss natürlich von Kommunisten offen die Systemfrage gestellt werden. Ein Kommunist sollte kein Außenstehender sein, der darauf wartet bis die Systemfrage vom Himmel fällt und erst danach eine Bewegung befürworten.
Wie hat sich dann nun die Bewegung entwickelt?
Im März (also ebenfalls in der Anfangsphase) gründete sich die antikapitalistische Plattform innerhalb von FFF: Change for Future (CFF) und veröffentlichte ihr Grundsatzpapier [3]. Dieses wurde jedoch innerhalb der Diskussionstribüne missverstanden. CFF sieht die Ursache für den Klimawandel nicht im technischen Fortschritt, sondern im Kapitalismus. Daher will CFF nicht ,,zurück zur Natur“, sondern ein System, indem die Arbeiterklasse die Macht über die Produktionsmittel hat. Die Systemfrage wird also ganz offen gestellt. FFF Aktivisten aus über vierzig verschiedenen Städten sind innerhalb der Plattform aktiv. Es gründeten sich die workers for Future, welche ebenfalls klassenkämpferische Texte veröffentlichen [4]. Und schließlich fangen führende SFF Aktivisten an offen über Sozialismus zu reden [5]. Hunderte Wissenschaftler in Großbritannien rufen offen zum Gesetzbruch auf [6]. Weiterhin sind bürgerliche Positionen stark vertreten bei FFF, aber es wird deutlich, dass es viele klassenkämpferische Kräfte gibt. Die inhaltlichen Debatten sind klar zu sehen. Einige Ortsgruppen organisierten Sommercamps, viele FFF Aktivisten fuhren zum Sommerkongress. Die Leute tauschen sich aus. Im Juni nahmen viele FFF Aktivisten an den Blockaden von Ende Gelände (EG) teil. Sie sammelten Erfahrungen auf einem höheren Aktionslevel und tauschten sich mit anderen Klimaaktivisten aus. Potenzial ist bei FFF weiterhin da, es kann sogar besser genutzt werden als zuvor. Die vor allem neu politisierten Jugendlichen entwickeln sich inhaltlich weiter.
Gleichzeitig stimmt es aber auch, dass es viele Menschen gibt, die sehr stark gegen FFF sind. Es gibt viele, die sich wünschen, dass Greta ermordet wird und in ,,sozialen“ Netzwerken hetzen. Es gibt aber auch viele, die den Eindruck haben, dass sich FFF aufgrund der Konsumkritik gegen normale Leute richtet. Darauf gehe ich weiterhin unten ein.
Ende Gelände
EG sind v.a. antinationale Postautonome aus der interventionistischen Linken (IL). Die IL stellt sich als antikapitalistisch da, hat aber kein ernsthaftes Interesse am Aufbau einer KP mitzuwirken, die Arbeiterklasse zu organisieren, ernsthaft den Kapitalismus zu überwinden und die Diktatur des Proletariats aufzubauen. Sie scheuen sich sogar davor, sich mit dem palästinensichen Befreiungskampf zu solidarisieren oder die israelische Besatzung zu kritisieren. Das liegt daran, dass es innerhalb ihrer Subkultur/Szene nicht gern gesehen wird und sie an Anhängern verlieren würden. Deswegen sollte man sich nicht an eine Bewegung (also EG) dranhängen, die seit Jahren von der IL geführt wird. Es ist aber gut, dass ihre Positionen innerhalb des Klärungsprozess thematisiert und kritisiert werden [7]. Die Zusammenarbeit von FFF und EG hat gewisse Vorteile: FFF-Aktivisten lernen neue Aktionsformen kennen, erhöhen ihre Aktionsbereitschaft und kommen mit mehr Leuten in Kontakt, die offen die Systemfrage stellen. So kommt man in mehr Debatten über Alternativen zum System. Nur sollte man EG-Aktivisten auch nicht zu viel Raum geben, beim Beantworten der Systemfrage.
Extinction Rebellion
Bei Extinction Rebellion (XR) findet man die meisten verrückten, die wirklich Panik machen. Hier gibt es wirklich viele, die meinen, wir sterben in ein paar Jahren alle aus. Außerdem nutzen sie z.B. den Holocaust für bewusste Provokationen, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen [8]. Deren Standpunkte müssen und werden offen kritisiert. Sie repräsentieren nicht die 1,4 Millionen Menschen, die am 20.9.2019 in der BRD auf die Straße gingen.
Der Staat
Gegenüber politischen Bewegung nutzt der Staat die Mittel der Integration und Repression. Einerseits versucht er Bewegungen bzw. Teile von Bewegungen in systemkonforme Bahnen zu lenken und stellt sich selbst als Retter dar und andererseits versucht er andere Bewegungen bzw. Teile von Bewegungen mit massiver Repression zu brechen. Genau dies ist den CFF-Aktivisten auch bekannt und wurde von ihnen in ihrem Grundsatzpapier kurz angeschnitten. Gerade bei der Klimabewegung sehen wir dies ganz deutlich: Der Staat bzw. seine Medien, Talkshows usw. thematisieren im Besonderen die bürgerlichen Positionen. Die systemtragenden Akteure wie Luisa Neubauer und Co. erscheinen ständig in den Medien und präsentieren ständig ihre Standpunkte, obwohl diese innerhalb von FFF so nicht geschlossen vertreten werden. Gleichzeitig beobachtet der VS Ortsgruppen, in denen Kommunisten aktiv sind und auch CFF. Im Juni hat der Staat versucht einen Keil zwischen den ,,guten Umweltschützern“ (FFF) und den ,,schlechten Umweltschützern“ (EG) zu stampfen. Dies hat er nicht geschafft. FFF hat sich mit EG solidarisiert!
Also einerseits geht die Taktik des Staates nicht so ganz auf, die einen zu integrieren und die anderen mit Repression zu bekämpfen. Aber andererseits findet sich eine Überrepräsentation von Konsumkritik und Ähnlichem. Sprüche wie ,,wir streiken bis ihr handelt!“ beziehen sich zwar auf die Politik, werden aber z.T. missverstanden: Viele haben den Eindruck FFF wolle der ganzen Bevölkerung ein bestimmtes Konsumverhalten aufzwingen. Ich würde sagen, sowas wollen nur ganz wenige innerhalb von FFF. Viele FFF Aktivisten sehen sowas selbst als nervig oder meinen, Beiträge zum Konsumverhalten sollen eine Empfehlung und kein Zwang für die Follower sein.
In Bezug auf das Ausrufen der Klimanotstände gab es hier in der Diskussionstribüne ebenfalls Missverständnisse. Der Klimanotstand dient nicht der Repression gegen die Arbeiterklasse, sondern der Integration der Klimabewegung. Es ist ein ,,Klimaschutz“, der aus Worten und unverbindlichen Resolutionen besteht und so Hoffnungen an den Staat und das System erwecken soll. Und jetzt Mittlerweile sind auch die Studis in FFF aktivier geworden. Sie organisieren viele Bildungsveranstaltungen. Auch das ist gut, um bspw. weiter die Systemfrage zu stellen und Konsumkritik zu kritisieren. Die Konsumkritik hat im Laufe der Zeit nachgelassen. Mehrere FFF Aktivisten haben einen Hungerstreik gemacht und dabei ihre Bereitschaft für das Thema gezeigt. Sie nutzten den Hashtag #einschrittweiter und tun genau dies mit ihrer Aktionsform. Damit zeigen sie auf, dass es mehr Möglichkeiten
gibt, als ,,nur“ zu streiken. Texte der Hungerstreikenden [9] kritisieren offen die C02-Steuer und fordern eine Zusammenarbeit mit der Arbeiterklasse sowie eine Verbindung der Kämpfe. Deren Texte werden derzeit verbreitet und beeinflussen die aktuelle Strategiedebatte bei FFF. Zudem ermutigt diese Aktionsform andere FFF Aktivisten darüber nachzudenken, wie man die Bewegung weiterentwickeln kann. Da systemtragende Kräfte keine Perspektive aufzeigen können und da die Politik bisher nichts gemacht hat, liegt es an uns: Wir müssen eine Perspektive aufzeigen und mit dafür sorgen, dass sich die Bewegung weiterentwickelt. Die Strategiedebatte bei FFF wird über die Zukunft der Bewegung entscheiden. Es steht fest, dass Kommunisten innerhalb von FFF in der Debatte aktiv mitwirken müssen, um etwas zu erreichen. Wer eine bloße ,,Nachtrabpolitik“ betreibt, der wird nichts erreichen. Gerade jetzt wo FFF 1 Jahr alt ist und man sieht, dass die Politik nichts für den Klimaschutz getan hat, entsteht eine Chance, die man nutzen sollte. Nutzen um offensiv gegen den Kapitalismus und seine Unfähigkeit zu agitieren. Kommunisten können bspw. dafür eintreten, dass sich FFF noch stärker als bisher gegen Kriege richtet. Außerdem müssen Leute wie Neubauer noch schärfer und offener innerhalb von FFF kritisiert und aus der Führung gedrängt werden, denn: Sie traf sich mehrmals mit Macron, während seine Bullen FFF zusammenschlagen. Sie nimmt irgendwelche von VW gesponserten Preise an. In ihrer Rede dazu fordert sie dann große Konzerne auf, mit zu demonstrieren[10]. Sie sieht Konzerne also nicht als Klassenfeind, den man enteignen muss, sondern als potenzielle Bündnispartner. Dies sehen viele bei FFF ähnlich, wir müssen diese Position ideologisch bekämpfen. Mit dem Spruch ,,Die Klimakrise ist auch eine Krise, die von Männern verursacht wurde“ richtet sich Neubauer gegen Männer anstatt gegen den Kapitalismus. Nach einem Jahr FFF vertreten nun viele innerhalb der Basis die Haltung, dass man den Druck erhöhen muss und sind daher zu mehr bereit. Sie wollen die Taktik und Strategie überdenken und verbessern. Andere bei FFF sind resigniert und fragen sich, ob wir überhaupt noch etwas erreichen können. Wir dürfen die Aktivität der Jugend nicht abflachen lassen, sondern müssen sie aktiv fördern.
Fazit
Innerhalb der Klimabewegung gibt es eine Panikmache. Es ist auch nachvollziehbar, dass viele Außenstehende den Eindruck haben, die Klimabewegung richte sich gegen sie. Doch es gibt innerhalb der Bewegung viel Potenzial, sie nach links zu rücken, Menschen weiter zu politisieren, zu entwickeln, einen Klassenstandpunkt zu vermitteln, den Druck zu erhöhen und eine Verbindung zur Arbeiterklasse anzustreben. Sehr viele junge Leute machen gerade ihre ersten politischen Erfahrungen und reflektieren diese. Die Debatten mit ihnen stoßen z.T. auf sehr fruchtbaren Boden. Viele wollen einen Schritt weiter gehen und diskutieren, was dies überhaupt bedeutet. Wir Kommunisten dürfen nicht abwarten und dann kritisieren, wir müssen aktiv mitwirken, Empfehlungen und Argumente liefern, warum und wie sich FFF entwickeln sollte.
Wir müssen zwischen der Basis und Führung unterscheiden und die Debatten innerhalb der Basis stärken. Schließlich hat die Bewegung einen basisdemokratischen Anspruch und bspw. der Strategieprozess solle die Basis weitestgehend miteinbeziehen. FFF sollte auf keinen Fall das einzige Praxisgebiet für Kommunisten darstellen. Es sollte auch nicht jeder Kommunist bei FFF aktiv sein, aber es sollten Kommunisten bei FFF aktiv sein. Man sollte sich dabei nicht zu große Hoffnungen machen, wobei das generell für die Arbeit in Massenbewegungen gilt. Wenn der Strategieprozess bei FFF scheitert, dann muss man als Kommunist natürlich seine Haltung zu FFF überdenken. Daher ist mein aktueller Standpunkt, dass eine aktive Mitarbeit richtig ist. Wie ich das in fünf oder zehn Monaten einschätze, kann ich heute nicht sagen. Man kann bei der Arbeit in den Massen natürlich auch eine falsche Einschätzungen haben, aber ob die Einschätzung bei FFF mitzuarbeiten falsch ist, wird sich erst später zeigen, denke ich.
Ich meine, es muss erst analysiert werden, ob der Klimawandel für uns eine Bedrohung ist und ob man ihn im Kapitalismus lösen kann. Spanidis et. al. haben ausgeführt, weshalb er eine Bedrohung ist und wir den Sozialismus brauchen. Und wenn man sich nun für Klimaschutz engagiert bzw. diesen gut findet, dann muss man sich die Bewegung genauer anschauen. XR ist verrückt, EG gibt es schon länger und hat nichts mit Marxismus zu tun. FFF ist neu, dynamisch und unterstützenswert. Natürlich meine ich damit nicht jede Forderung wortwörtlich, aber die Bewegung an sich.
Wenn man sich für Klimaschutz ausspricht, aber die gesamte Bewegung verurteilt, will man dann nichts für Klimaschutz machen, obwohl man es wichtig findet? Oder will man einen neuen Bereich innerhalb der Bewegung aufbauen, während bereits Millionen auf die Straße gehen und nicht verstehen wieso man innerhalb der Bewegung, was neues aufbaut? Wer für Klimaschutz ist, aber mit den 1,4 Millionen Demonstranten nichts zu tun haben möchte, isoliert sich selbst von der derzeit größten Jugendbewegung in der BRD. Man sollte nicht jede x beliebige Bewegung unterstützen. Doch FFF ist nicht irgendeine Bewegung, sondern die größte Jugendbewegung der BRD und hat eine fortschrittliche Tendenz.
Wenn es noch viele weitere Jugendmassenbewegungen geben würde, dann hätte ich dies auch mit anderen Maßstäben bewertet. Aber man muss es in den Kontext setzen, in dem wir gerade Politik machen.
Die
Massenproteste in Chile dauern an. Eine geplante Preiserhöhung der
Metro Tickets um 30 Pesos (ca. 3 ct.) war der Tropfen, der das Fass
zum Überlaufen brachte. Die Fahrpreiserhöhung ist schon längst
zurück genommen, zusätzlich wurden weitere Erfolge Erkämpft,
beispielsweise die Absenkung der Wochenarbeitszeit von 45 auf 40
Stunden. Gleichzeitig reagiert der chilenische Staat mit brutalster
Repression – fast 2000 Verletzte durch Scharfe Munition,
Gummigeschosse oder ähnliches ca. 500 Anzeigen von Folter, Berichte
über sexuelle Gewalt und Vergewaltigungen durch Polizisten.
Doch
das chilenische Volk lässt sich davon nicht beirren, nicht von den
Zugeständnissen, aber auch nicht von der Repression. Die Proteste
halten an, weiterhin hört man die Hymne des Widerstands, El Derecho
de Vivir en Paz (Das Recht in Frieden zu leben), ein Lied des
kommunistischen Musikers Victor Jara auf den Straßen. Die
Massendemonstrationen und die politischen Streiks werden fortgesetzt.
Vor
allem auch, weil die zentrale Forderung der Bewegung noch immer ein
Politikum ist: der chilenische Staat baut immer noch auf der
Verfassung auf, die in der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet
eingesetzt wurde, die muss durch eine Verfassung ersetzt werden, die
sich das Volk selbst gibt! Auch hier hat die Regierung
Eingeständnisse gemacht: bald wird es eine Volksabstimmung darüber
geben ob, bzw. wie eine neue Verfassung diskutiert werden soll.
Hierbei handelt es sich allerdings um eine Mogelpackung. Die
Forderung der Massendemonstrationen zielte auf eine Asamblea
Constituyente ab – eine Verfassungsgebende Versammlung, die sich
aus gewählten Vertretern aus den Vierteln, aus Gewerkschaften und
sozialen Bewegungen rekrutiert. Die Wahlmöglichkeiten, die die
Regierung nun anbietet erinnern im Gegensatz dazu eher an ein zweites
Parlament, was dem Kapital ermöglichen wird, sich eine Verfassung
nach eigenen Vorlieben zu schneidern.
Teile
der Opposition spielen dieses verlogene Spiel mit und versuchen die
Volksabstimmungen als Sieg darzustellen. In einer Bewegung, die so
breit aufgestellt ist und von einer so starken ideologischen
Uneinigkeit geprägt ist, ist es nicht verwunderlich, dass sich
opportunistische Positionen entwickeln. 155 Organisationen,
Gewerkschaften, politische Gruppen unterschiedlichster Ausrichtung,
Studierendenorganisationen, Indigenen- und Bauernverbände und viele
mehr machen zusammen die Mesa de Unidad Social (Tisch/Treffen der
Sozialen Einheit) aus. Ihre ideologische Einheit formulieren sie in
einem 8 Absätze kurzen Manifest und sie reicht nicht viel weiter,
als die für sich genommen schon richtige und wichtige Erkenntnis,
dass es lohnenswert ist, Kämpfe miteinander zu verbinden. Für eine
stärkere Kampfkraft bräuchte es allerdings eine klare Stoßrichtung
basierend auf den Erkenntnissen des wissenschaftlichen Sozialismus.
Es
ist hauptsächlich der chilenischen Sozialdemokratie in Form der
Partido Socialista anzurechnen, dass breite Teile der chilenischen
Volksschichten Organisationsformen, die über die Verteidigung
konkreter Interessen hinausgehen, ablehnen. In den letzten
Legislaturen wechselten sich offen rechte und „linke“ Regierungen
ab, während sich außer der Rhetorik nichts an der Lebensrealität
der Massen änderte.
Um
so beeindruckender ist das Durchhaltevermögen und der Mut der
Demonstrationen der Massen. Sie haben sich nicht von falschen
Versprechungen beirren lassen und vor allem die Gewerkschaften
erkennen klar, welche zentralen Forderungen eben noch nicht umgesetzt
wurden.
Solidarität
mit den Kämpfen des chilenischen Volks!
Sofortiger
Stopp der Repressionen gegen die legitimen Proteste!
Am 22.11.19 wurde bekannt, dass dem Bundesverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen (VVN-BdA) bereits Anfang des Monats die Gemeinnützigkeit durch das Berliner Finanzamt entzogen wurde. Der Verband sieht sich nunmehr mit immensen Steuernachforderungen konfrontiert und ist womöglich in seiner Existenz bedroht. Gleiches sollte im März diesen Jahres schon dem Landesverband NRW der VVN-BdA geschehen. In beiden Fällen bezogen sich die dem sozialdemokratischen Bundesfinanzminister Olaf Scholz unterstehenden Behörden auf die Erwähnung der VVN-BdA im Bericht des bayrischen Verfassungsschutzes als „linksextremistisch beeinflusste“ Vereinigung. Der Landesverband NRW konnte sich erfolgreich gegen diesen staatlichen Repressionsversuch wehren, nun wurde anders entschieden. Die VVN müsse volle Beweise für das Gegenteil erbringen. Da sie das nicht könne, würde ihr die Gemeinnützigkeit entzogen. Das ist perfide und absurd, die Beweispflicht wird umgekehrt.
Der Rückgriff auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes lässt tief blicken. Hat doch eben diese staatliche Institution eine tiefbraune Vergangenheit. Vor kurzem wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes zu den Gründern der rechtsterroristischen Vereinigung Uniter gehört. Dieser Verein ist, wie andere rechte und kapitalfreundliche Vereine auch, bis heute gemeinnützig. Von dem Entzug der Gemeinnützigkeit sind seit Anfang diesen Jahres ebenso das „globalisierungskritische Netzwerk“ attac und die Kampagnenorganisation campact betroffen und gegen die linke Solidaritätsorganisation Rote Hilfe wurde eine Verbotsdiskussion geführt.
Nicht der erste Angriff…
Gegründet von Widerstandkämpfern und den Überlebenden aus den faschistischen Konzentrationslagern, ist die VVN-BdA die traditionsreichste antifaschistische Organisation in der BRD. Bereits 1945 gegründet, stand sie zunächst der KPD, später der DKP nahe. Sie wurde von Beginn ihres Bestehens bekämpft. Bereits 1951 in Hessen verboten, erlebten viele Mitglieder Repressionen und Berufsverbote. In vielen Fällen von Richtern verurteilt, die für ihre faschistische Vergangenheit nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Die SPD distanzierte sich schon 1948 per Unvereinbarkeitsbeschluss von der VVN-BdA, der mittlerweile aber wieder aufgehoben ist. Nach der Konterrevolution geriet die VVN-BdA unter starke Bedrängnis, da nun finanzielle Hilfen aus der DDR wegfielen. Dies führte zur Umwandlung in die heutige Vereinsstruktur.
Was bedeutet dieser Angriff?
Die Maßnahmen gegen die VVN-BdA und andere Organisation sind nicht isoliert zu betrachten. Sie reihen sich in den seit Jahren vor sich gehenden autoritären Staatsumbau ein, der auf die Sicherung der Macht des Kapitals abzielt. Dafür braucht die herrschende Klasse freies Feld und auch ideologische Deutungshoheit. Organisationen die an die Verantwortung des deutschen Kapitals am Hitlerfaschismus, den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus betonen und an die faschistischen Kontinuitäten im „besten Deutschland, das wir jemals hatten“ (Gauck 2017) erinnern, müssen ausgeschaltet werden. Die Mittel sind egal. Anpassung und Konformität werden als Lösung parat gehalten: „Wer gemeinnützig sein will, muss dem Extremismus abschwören.“(BZ 24.11.19)[1]
Dieser Staat und seine herrschende Klasse demontieren seit Jahren die bürgerlichen Freiheitsrechte, wie zuletzt bspw. auch die Verabschiedung neuer Polizeigesetze in beinahe allen Bundesländern oder auch der Beschluss des Bundestages zur BDS Kampagne deutlich machen. Auch Regierungsbeteiligungen der PDL verhindern dies nicht.
Auch heute gelten die Worte des KPD-Vorsitzenden Max Reimann zur Verabschiedung des Grundgesetz 1949: „Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben!“
Solidarität und Vertrauen in die eigene Kraft
Die Antwort auf diesen Angriff kann nicht Anpassung und Konformität sein. Sie muss in der Stärkung unserer eigenen Strukturen, ganz unabhängig von staatlicher Unterstützung liegen. Wessen Staat die BRD ist, wird mit jeder dieser Maßnahmen deutlicher, ob steuerrechtlicher oder politischer Natur.
Die Kommunistische Organisation verurteilt diesen feigen Angriff aufs Schärfste! Wir solidarisieren uns mit dem aufrichtigen, verdienstvollen und notwendigen Kampf der VVN-BdA.
Wir verurteilen die Entscheidung der USA aufs schärfste, die israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet nicht mehr als illegal zu betrachten.
Die US-Regierung hat in den letzten Jahren immer größere Unterstützung für die israelische Besatzung Palästinas gezeigt. Zunächst hatte Sie 2018 Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Im März diesen Jahres kündigte Trump anschließend an, die 1967 durch Israel besetzten Golanhöhen als israelisches Staatsgebiet anzuerkennen. Der US-Botschafter in Israel, David Friedman, erklärte im Juni sogar, Israel dürfe Teile der Westbank annektieren.
Nun verkündete am 18. November der US-Außenminister Mike Pompeo, die USA würden die israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet nicht mehr „per se“ als unvereinbar mit internationalem Recht betrachten. Durch diese Entscheidung kann Israel mit US-Amerikanischer Rückendeckung noch ungehinderter ihre Besatzung von Palästina ausdehnen. Der US-Imperialismus hat schon vor diesen Entscheidungen die völkerrechtswidrige Besatzungspolitik Israels unterstützt, ob durch Waffen, Berater oder politischen Beistand. Dabei spielte es keine Rolle ob Demokraten oder Republikaner den Präsidenten stellten. Allerdings wurde die Unterstützung für die Besatzung selten so offen verkündet wie aktuell.
Aus der EU waren kritische Töne hinsichtlich des US-Vorstoßes zu hören. Wir dürfen uns aber durch solche Äußerungen nicht täuschen lassen. Die EU und auch der BRD-Imperialismus stehen voll und ganz hinter der Besatzungsmacht Israel. Auch solche Gerichtsurteile, wie jüngst vom Gerichtshof der Europäischen Union, zur Kennzeichnung von Waren aus den von Israel besetzten Gebieten, sind keine guten Nachrichten. Uns wird durch solche Urteile vermittelt: Besatzung und Geschäfte mit der Besatzung sind ok, aber bitte kennzeichnen. Das ist nichts anderes als die Zementierung der Unterstützung für die Besatzung. Ein Einfuhrverbot dieser Waren wäre angemessen, wird es von der EU allerdings nicht geben.
Die israelische Besatzung
Die Israelische Besatzung von Palästina beruht auf der Kolonisierung Palästinas durch Siedlungsbau und militärische Eroberungen. 1948 eroberten zionistische Milizen weite Teile von Palästina, vertrieben hunderttausende Palästinenser aus ihrer Heimat und proklamierten die Gründung des Staates Israel, ohne, und das bis heute, die Staatsgrenzen zu definieren. 1967 eroberte Israel im sogenannten Sechstagekrieg die restlichen palästinensischen Gebiete: Die Westbank, Ostjerusalem, den Gazastreifen und die Golanhöhen.
In den besetzten Gebieten von Ostjerusalem und der Westbank baute und baut Israel kontinuierlich neue Siedlungen, die vom Militär beschützt werden. Palästinensische Häuser und Olivenhaine werden abgerissen, die palästinensischen Anwohner vertrieben. Sie müssen den israelischen Siedlungen weichen. Das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser wird tagtäglich missachtet. Selbst der Internationale Gerichtshof musste 2003 feststellen, dass die langjährige israelische Siedlungspolitik gegen internationales Recht verstößt. Mittlerweile leben rund 650.000 Siedler in mehr als 200 israelischen Siedlungen in Ostjerusalem und der Westbank.
Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf
Wir verurteilen die neuen Entscheidungen des US-Imperialismus aufs schärfste. Wir stehen entschieden an der Seite des Kampfes der Palästinenser gegen die zionistische Besatzung. Dem Widerstand der Palästinenser gegen den Bau von Siedlungen wird mit blutiger Unterdrückung begegnet. Demonstrationen werden mit Gummigeschossen und scharfer Munition niedergeschossen. Jedes Jahr werden hunderte palästinensische Minderjährige verhaftet und in Militärhaft gesperrt. Trotz schärfster Repressionen gegen jeglichen Widerstand leisten die Palästinenser Widerstand gegen die Besatzung und den Bau von weiteren Siedlungen. Bilder von palästinensischen Jugendlichen, die sich mit Steinen gegen israelische Panzerfahrzeuge wehren gehen um die Welt.
Auf der ganzen Welt ist der palästinensische Befreiungskampf ein Symbol für Widerstand und den Kampf gegen Unterdrückung. Der Mut und die Standhaftigkeit der palästinensischen Jugend ist auch für die Arbeiterklasse in Deutschland ein Vorbild. Der Kampf um die Befreiung von Imperialismus ist international. Wir rufen die Arbeiterklasse dazu auf, praktische Solidarität mit dem palästinensischen Volk und seinem Befreiungskampf zu zeigen.
Hoch lebe die internationale Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf!
Zu den Thesen der Genossen Kissel, Bina und Mayer zur Umweltfrage
Die Diskussion um Klimawandel und Umwelt, um die Klima- und Umweltbewegung und die Haltung der Kommunisten dazu hat begonnen. Es ist eine wichtige und unverzichtbare Diskussion, denn sie berührt verschiedene Fragen unserer Weltanschauung, vom Verständnis des Mensch-Natur-Verhältnisses und der Produktivkraftentwicklung über die Einschätzung der Wissenschaften bis zu Fragen der Strategie und Taktik. Für den Aufbau einer kommunistischen Partei ist eine Klärung in diesen Fragen eine notwendige Bedingung, denn es wird nicht möglich sein, sich zu diesem wichtigen Politikfeld auf Dauer „neutral“ zu verhalten oder dazu zu schweigen. Aktuell gibt es noch viele Unklarheiten in diesen Fragen, nicht nur in der KO, sondern im gesamten marxistischen Spektrum in Deutschland. Es ist daher erfreulich, dass sich auch Autoren aus anderen marxistischen Strömungen und Organisationen an der Debatte beteiligen und sie somit bereichern.
In diesem Artikel werde ich mich auf die beiden bereits veröffentlichten Artikel von Spanidis et al. und Kissel et al. beziehen. Ich werde versuchen, den Dissens zwischen beiden Texten herauszuarbeiten und meine Position besser verständlich zu machen. Der Artikel von Kissel et al. enthält selbstverständlich auch einige richtige Punkte, die teilweise auch im Text von Spanidis et al. sinngemäß enthalten sind. Viele seiner zentralen Aussagen halte ich aber auch für falsch und wissenschaftlich nicht haltbar. Im Wesentlichen ist dieser Text daher als Kritik des Artikels von Kissel et al. zu verstehen. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die wissenschaftliche Debatte die geeignete Form darstellt, um diese Fehler zu korrigieren und schließlich den Dissens zu überwinden.
Fassen wir zuerst zusammen, worin aus Sicht des Autors Konsens zwischen den beiden Positionen besteht. Konsens besteht grundsätzlich darin:
Dass im Rahmen der ganzen Klimadiskussion auch die Weltanschauung der Bourgeoisie zum Ausdruck kommt, das sich in irrationalistischen und arbeiterfeindlichen Positionen äußert.
Dass die Wissenschaft insgesamt nicht als neutral betrachtet werden kann, sondern auch von Klasseninteressen und der bürgerlichen Ideologie geprägt ist. Ein Dissens besteht allerdings darin, wie sich diese Prägung genau äußert und ob sie im Fall der Naturwissenschaften ein vergleichbares Ausmaß erreicht wie in den Gesellschaftswissenschaften.
Dass das Kapital auch die Umwelt- und Klimaproblematik für seine Zwecke nutzt und Teile des Kapitals die Klimabewegung und den dazugehörigen Diskurs fördern, da sie sich von einem Umstieg auf andere Formen der Energiegewinnung und des Transports neue Geschäfts- und Profitmöglichkeiten erhoffen. Dass deshalb nicht nur in der Szene der „Klimawandelleugner“, sondern auch in der bürgerlichen Klimabewegung Kapitalinteressen zum Ausdruck kommen.
Dass die herrschende Klasse die „Klimadebatte“ für reaktionäre politische Maßnahmen nutzt und in Zukunft nutzen wird, z.B. um Umverteilung von unten nach oben durchzusetzen oder militärische Interventionen zu rechtfertigen.
Dass die Natur kein bewusstes Wesen mit eigenen Interessen ist, sondern erst der Mensch in der Lage ist, in Bezug auf sie Zwecke und Ziele zu setzen. Dissens besteht allerdings in der Frage, wie wichtig es auch für den Menschen ist, einen wirksamen Umwelt-, Klima- und Artenschutz zu betreiben.
Dass die Natur nicht statisch ist, sondern in ständiger Veränderung begriffen. Hier gibt es jedoch einen Dissens darüber, ob es nicht dennoch relative Gleichgewichte und über lange Zeit relativ unveränderliche Zyklen gibt, die durch die menschliche Intervention ge- und zerstört werden können, mit teils verheerenden Folgen für den Menschen selbst (s.u.).
Die wesentlichen Differenzen bestehen in folgenden Fragen:
Ob es möglich, sinnvoll und notwendig ist, zu Ursachen und Folgen des „menschengemachten Klimawandels“ Aussagen zu treffen. Kissel/Bina/Mayer schreiben: „Unsere Argumentation macht sich ganz und gar unabhängig von den Schwankungen der Temperatur“, denn: „Erstens sind wir keine Experten auf diesem Gebiet, viel wichtiger aber ist, dass wir davon überzeugt sind, dass es nicht möglich ist, einfach mal so ein Experte auf diesem Gebiet zu werden“. Dissens besteht hier in der Frage, ob man wirklich „Experte“ sein muss, um grundlegende naturwissenschaftliche Zusammenhänge beurteilen zu können. Außerdem in der Frage, ob es überhaupt möglich ist, sich sinnvoll zur Frage des Klimawandels zu äußern, ohne dabei ein bestimmtes Verhältnis zu den Erkenntnissen der Klimawissenschaften einnehmen zu müssen.
Ob die Naturwissenschaften tatsächlich in einem vergleichbaren Maße von kapitalistischen Interessen und der bürgerlichen Weltanschauung beeinflusst und daran gehindert werden, richtige Erkenntnisse zu produzieren, wie es in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften der Fall ist.
Ob es in der Natur Kreisläufe und relative Gleichgewichte gibt, die durch die Intervention der menschlichen Zivilisation gestört werden können, sodass auch das Leben der Menschen davon beeinträchtigt wird.
Ob der Klimawandel und andere ökologische Probleme ernsthafte Bedrohungen für die Lebensbedingungen des Menschen auf der Erde sind, oder ob dazu im Wesentlichen eine unbegründete Panik geschürt wird.
Ob es im Rahmen des Kapitalismus denkbar ist, den Klimawandel und andere gravierende ökologische Probleme zu lösen, oder ob der wachsende Widerspruch zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen sich zwangsläufig darin äußert, dass die Produktivkräfte auch im Verhältnis zu den natürlichen Lebensbedingungen zunehmend den Charakter von Destruktivkräften annehmen, weshalb eine Verschlimmerung der ökologischen Problematik gesetzmäßiges Resultat der kapitalistischen Entwicklung ist.
Ob eine sozialistische Planwirtschaft in der Lage ist, die Produktivkraftentwicklung mit dem Umwelt- und Klimaschutz in Einklang zu bringen und diese Tatsache daher in der Agitation und Propaganda für den Sozialismus genutzt werden sollte.
Ob die Annahme, der Sozialismus könne die ökologischen Probleme lösen, zwangsläufig zum Reformismus oder Linksradikalismus führt.
Sowie vermutlich in der Frage, wie die Strömung der Leugner des menschengemachten Klimawandels einzuschätzen ist.
Wie bereits im ersten Artikel von Spanidis et al. wird auch hier der Begriff des „menschengemachten Klimawandels“ der Einfachheit halber und in Abgrenzung zu unwissenschaftlichen Ansätzen genutzt, die den entscheidenden menschlichen Einfluss auf die Entwicklung des Weltklimas leugnen. Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass dieser Begriff aber auch problematisch ist, weil er „den Menschen“ allgemein, als überhistorisches Wesen verantwortlich macht, statt konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse, die die ökologische Zerstörung hervorbringen, nämlich der kapitalistischen Produktionsweise.
Überlegungen zu Marxismus und Naturwissenschaft
Wie wir bereits in unserem ersten Artikel dargelegt hatten, ist es nicht sinnvoll möglich, über das Thema Klimawandel und alles was damit zu tun hat (von der bürgerlichen Klimabewegung bis hin zu den Aufgaben des Sozialismus) zu sprechen, ohne sich damit zu beschäftigen, worin das Problem besteht, ob es besteht, wie gravierend es ist und unter welchen Bedingungen es gelöst werden kann. Der Artikel der drei Genossen zeigt das auf eindrückliche Weise. Denn er verbleibt auf einer abstrakten, hypothetischen Ebene, während er an der eigentlichen Aufgabenstellung – nämlich einer kommunistischen Positionierung zur Klima- und Umweltfrage, einer Einbeziehung dieser Fragen in taktische und strategische Überlegungen – leider weitgehend vorbeigeht.
Der Text drückt sich um diese Frage, indem er einem erkenntnistheoretischen Skeptizismus bezüglich der Naturwissenschaften das Wort redet. Dazu wird zunächst darauf verwiesen, dass im Kapitalismus „die herrschenden Gedanken (…) bis heute weitestgehend die Gedanken der Herrschenden“ seien. Während das natürlich grundsätzlich richtig ist, bedeutet es doch nicht (und war von Marx und Engels mit Sicherheit auch nie so gemeint), dass sämtliche Erkenntnisse der bürgerlichen Wissenschaften deshalb grundsätzlich unzuverlässig seien. Dies gilt nicht für die Gesellschaftswissenschaften und bürgerliche Philosophie, wo Marx und Engels bekanntlich in enormem Umfang von den Arbeiten bürgerlicher Denker – von Hegel und Feuerbach bis Smith und Ricardo – profitierten. Und es gilt erst recht nicht für die Naturwissenschaften. Kissel et al. behaupten hingegen: „Die These, dass Naturwissenschaften eher weniger von der herrschenden Ideologie berührt werden würden, weil sie es mit härteren Fakten zu haben, ist fern von der Realität des Wissenschaftsbetriebs.“
Gibt es Einflüsse der Bourgeoisie, des Imperialismus auf die Naturwissenschaft? Sicherlich. Kein Marxist wird das leugnen. Schon die Auswahl der Themen an denen geforscht wird, ebenso wie die weltanschaulichen Vorannahmen über ihre Bedeutung, ihre Implikationen usw. sind gesellschaftlich geprägt. So werden medizinische Behandlungsmethoden, die vor allem Menschen in ärmeren Ländern helfen könnten, mit niedrigerer Priorität erforscht als solche, mit denen sich viel Geld machen lässt. Oder es wurde mit der populärwissenschaftlichen Begrifflichkeit des sogenannten „Gottesteilchen“ für das Higgs-Boson ein irrationaler, abergläubischer Einschlag in eine naturwissenschaftliche Diskussion eingeführt, um ein zweites Beispiel zu nennen.
Aber bedeutet das, dass die Naturwissenschaft grundsätzlich nicht vertrauenswürdig ist? Ist sie gar in vergleichbarer Art und Weise verfälschend wie die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften? Nein, das ist sicher nicht der Fall. Wie wir bereits dargelegt hatten, tendieren die Naturwissenschaften von sich aus zum Materialismus, weil es ihnen andernfalls unmöglich ist, ihren Gegenstand zu behandeln. Dies trifft bereits auf mittelalterliche oder frühneuzeitliche Naturforscher zu, die zwar versuchten, ihren Glauben mit der Wissenschaft zu versöhnen, die aber in der Forschung selbst eng am Material blieben, es zerlegten, untersuchten und danach strebten, seine Gesetzmäßigkeiten zu verstehen, ohne dass bei jedem kausalen Schritt die Intervention Gottes angenommen werden musste. Die Naturwissenschaften entwickeln Hypothesen auf der Grundlage von Experimenten, Messungen, mathematischen Gleichungen. Offensichtliche Fehlmessungen oder falsche Berechnungen lassen sich nachprüfen und können von der wissenschaftlichen Community kritisiert und korrigiert werden.
Bei den Gesellschaftswissenschaften verhält es sich anders. In ihnen gibt es keine reproduzierbaren Experimente und für viele wichtigen Zusammenhänge auch keine Messdaten, sondern nur historische Beobachtungen bestimmter, zumeist einzeln untersuchter Entwicklungen, die sich zu Theorien verallgemeinern lassen. Selbst die relativ wenigen Historiker, die sich wirklich daran versucht haben, eine Weltgeschichte zu schreiben, mussten zwangsläufig diese Geschichte unter bestimmten Aspekten behandeln, während andere Fragen in den Hintergrund treten. Die höchste Stufe der wissenschaftlichen Entwicklung stellt hier der historische Materialismus dar, weil er die Analyse der Geschichte anhand der bestimmenden Entwicklungsgesetze der jeweiligen Gesellschaftsformationen betreibt.
Es geht in den Gesellschaftswissenschaften zudem mehr um qualitative als quantitative Zusammenhänge (also um gesellschaftliche Beziehungen, die sich nicht einfach in Daten ausdrücken lassen), die aber wiederum von vornherein durch die weltanschaulichen Annahmen des Forschers geprägt sind. Die Erforschung der Gesellschaft ist von vornherein dadurch bestimmt, ob ich davon ausgehe, dass diese Gesellschaft aus nutzenmaximierenden Individuen besteht, während der Staat nur das Gemeinwohl verfolgt – oder ob ich erkenne, dass nicht Individuen, sondern Klassen die entscheidenden Akteure sind und auch der Staat nur als Organ der Klassenherrschaft zu verstehen ist. Diese Prämissen, die die Forschungsweise bestimmen, ergeben sich nicht einfach so durch den unbefangenen Blick auf den Gegenstand, wie es der Empirismus glaubt. Dementsprechend wird der Forscher abhängig von seinen Grundannahmen andere Forschungsfragen stellen, nach anderen Daten suchen, andere Phänomene für wichtig oder unwichtig halten usw.
In den Gesellschaftswissenschaften geht es um die Frage der Legitimität der Ausbeutung und der Klassenherrschaft. Schon die Tatsache der Ausbeutung auszusprechen und den vergänglichen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise aufzuzeigen, der sich u.a. in gesetzmäßigen Krisen äußert, berührt diese grundsätzliche Legitimationsfrage. Je direkter ein Wissenschaftszweig mit diesen Fragen in Berührung kommt, desto unmittelbarer wird er in seinen Ergebnissen von der herrschenden Klasse verfälscht. Das sehen wir z.B. in der Volkswirtschaftslehre: Um die Ausbeutung und die Krisen des Kapitalismus nicht behandeln zu müssen, flüchtet sie sich in reine Phantasterei, in eine Scheinwelt aus mathematischen Modellen, die beanspruchen, gesellschaftliche Zusammenhänge darzustellen und damit vollkommen scheitern. Ein anderes offensichtliches Beispiel wäre die Erforschung der Geschichte des real existierenden Sozialismus: Der Sozialismus war der real existierende Todfeind des Imperialismus. Seine gewaltigen Errungenschaften zuzugeben, darüber unbefangen zu sprechen, würde bedeuten, potenziell die Legitimität des kapitalistischen Systems als bestmöglicher Ordnung infrage zu stellen oder denen Munition zu liefern, die das tun. Deshalb wird die Geschichte des Sozialismus von der Mehrheit der bürgerlichen Historiker bis zur Unkenntlichkeit entstellt, indem Ereignisse aus ihrem historischen Kontext gerissen, in ihrer Bedeutung verdreht oder massiv übertrieben oder einfach komplett erfunden werden.
All das bedeutet natürlich nicht, dass es in den Gesellschaftswissenschaften keine objektiven, richtigen Erkenntnisse geben kann. Es bedeutet auch nicht, dass bürgerliche Sozialwissenschaftler, Ökonomen oder Historiker ausschließlich lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Es bedeutet aber, dass wir ein gesundes Maß an Skepsis bei ihren Aussagen an den Tag legen müssen, besonders dann, wenn es um Fragen geht, die unmittelbar die Legitimation des Kapitalismus oder die Dämonisierung des Sozialismus betreffen.
Bei den Naturwissenschaften ist das eben nicht der Fall. Hier können wir zunächst davon ausgehen, dass grundlegende Erkenntnisse, die aus wissenschaftlichen Beobachtungen, Messungen, Experimenten gewonnen werden, zuverlässig sind. Eine kompliziertere Frage ist, wie diese dann weltanschaulich eingeordnet werden. So kann, um zum eigentlichen Thema zu kommen, wenig wissenschaftlich begründeter Zweifel daran bestehen, dass menschliche Gesellschaften durch die Produktion von CO2 seit Beginn der Industrialisierung die globale Erwärmung um mehr als 1°C im Wesentlichen verursacht haben. Doch natürlich wird der Boden unter unseren Füßen wackeliger, wenn es um Prognosen geht, wie die Erwärmung des Klimas genau verlaufen wird. Noch unsicherer werden Prognosen, die sich mit den Auswirkungen dieses Verlaufs auf bestimmte Ökosysteme und menschliche Gesellschaften befassen. Es gibt immer eine gewisse Unsicherheit der Zukunft, wie in allen Wissenschaften. Diese Unsicherheit ist aber kein Freifahrtsschein dafür, Prognosen grundsätzlich für unwissenschaftlich und populistische Panikmache zu erklären. Denn natürlich ist die Wissenschaft auf begründete Aussagen über die Zukunft angewiesen. Und auch wir sind darauf angewiesen zu erfahren, was uns in Zukunft erwartet, um uns ggf. darauf vorbereiten zu können.
Wenn es zu einer naturwissenschaftlichen Frage einen nahezu hundertprozentigen Konsens unter den entsprechend qualifizierten Wissenschaftlern gibt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass die Realität durch diese These einigermaßen adäquat beschrieben wird. Es dürfte jedenfalls schwer fallen, in den letzten 100 oder 200 Jahren ein Beispiel für eine naturwissenschaftliche Theorie zu finden, die von der Gesamtheit der Naturwissenschaftler vertreten wurde und sich als im Wesentlichen falsch erwies, weil die Wissenschaft durch kapitalistische Interessen oder die vorherrschende bürgerliche Ideologie an der Erkenntnis gehindert wurde.
Wie sieht es nun mit dem wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel aus? Der Artikel von Kissel et al. ist auch hier irreführend, was den wissenschaftlichen Konsens über diese Frage angeht. Sie schreiben, es gäbe „bis heute keine Einigkeit (…) über Ursachen, Schwere, Folgen und Lösungen der klimatischen Veränderungen“. Eben das ist falsch. Uneinigkeit und eine gewisse, in der Natur der Sache liegende Unsicherheit gibt es in den Fragen der Schwere, der Folgen und Lösungsmöglichkeiten der klimatischen Veränderungen. Bei den Ursachen hingegen, die hier in der Aufzählung mit auftauchen, gibt es durchaus eine weitgehende Einigkeit, was das Wesentliche angeht, also dass der Hauptgrund der globalen Erwärmung die Emission von Treibhausgasen durch Verbrennung fossiler Brennstoffe sowie Rodung von Wäldern und Viehhaltung ist. Diese Klarstellung ist aber von großer Wichtigkeit. Denn der Artikel der drei Genossen lässt fatalerweise immer noch die Möglichkeit offen, dass man auch am menschengemachten Klimawandel selbst begründete Zweifel haben könnte. Wenn das so wäre, wenn es also nicht einmal gesichert wäre, wo die Ursachen der Erderwärmung liegen, dann ließe sich vielleicht begründen, warum die Menschheit sich keine zu großen Sorgen darum machen sollte, da sie vermutlich sowieso nichts daran ändern kann. Nun, dem ist aber leider nicht so. Um das zu belegen, haben wir den Stand der Forschung zur globalen Erwärmung in unserem letzten Artikel grob dargestellt.
Sicherlich, es gibt Personen, die bis heute den anthropogenen Klimawandel infrage stellen. Akademisch ausgebildete Klimaforscher sind sie in der Regel nicht. Jedoch bedeutet die Tatsache, dass eine bestimmte wissenschaftliche Erkenntnis von einer kleinen Gruppe von Personen geleugnet wird, nicht, dass wir uns keiner Theorie, keiner Aussage mehr sicher sein können. Ähnlich wie beim Klimawandel verhält es sich ja auch bei anderen weitgehend gesicherten Erkenntnissen, wie z.B. der biologischen Evolution. Auch da vertritt eine kleine Minderheit, gestützt auf einige angebliche Ungereimtheiten der Evolutionstheorie die jenseitige Position, dass die Evolution grundsätzlich anzuzweifeln sei und die Entwicklung des Lebens ohne ein „intelligent design“, also die Intervention einer höheren Macht nicht zu erklären sei. Beides sind Beispiele für Formen der organisierten Anti-Aufklärung, die Ausdruck der Tendenz des entwickelten Imperialismus zur Reaktion sind. Die Desillusionierung gegenüber den Heilsversprechen der heutigen kapitalistischen Gesellschaft führt nicht automatisch zu einem tiefergehenden Verständnis gesellschaftlicher Widersprüche und zur Entwicklung von Klassenbewusstsein. Sie führt bei einem Teil der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums im Gegenteil zu einer ideologischen Regression in den Irrationalismus, die vom Impfgegnertum, Anthroposophie und Homöopathie über religiösen Fanatismus bis hin zu den „Klimaleugnern“ alle möglichen Formen annehmen kann. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Ablehnung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und allgemein einer wissenschaftlichen Anschauung über die Welt. Natürlich wird niemand Kissel et al. oder anderen Kommunisten eine Nähe zu solchen anti-aufklärerischen Positionen unterstellen. Es ist jedoch zentral, dass Kommunisten solchen Tendenzen in all ihren Formen konsequent entgegentreten. Es ist keine akzeptable Option, in solchen Fragen in einer agnostischen Haltung („Wir können die Frage jetzt nicht beantworten“) Zuflucht zu nehmen.
Die Klimawandelleugnung durch eine sektenähnliche Community, die sich im Internet auf entsprechenden Blogs und youtube-Channels ständig selbst bestätigt, ohne sich groß an naturwissenschaftlichen Fakten zu stören, kommt einer kollektiven Realitätsverweigerung gleich. Während es sicherlich berechtigt ist, nach den sozialpsychologischen Grundlagen der heutigen bürgerlichen Klimabewegung zu fragen, wie es unsere drei Genossen tun, muss eine ähnliche Frage doch auch für die Klimaleugner-Szene gestellt werden. Immerhin stützt sich die Klimabewegung bei aller Kritik im Wesentlichen auf wissenschaftlich erwiesene Tatsachen, während die Gegenbewegung sich beharrlich vom wissenschaftlichen Diskurs abkapselt und damit zwangsläufig zur Verschwörungstheorie tendiert: Zehntausende Klimawissenschaftler aus buchstäblich allen Ländern, auch der Sowjetunion und anderer sozialistischer Staaten, müssten sich ja schließlich in der größten Verschwörung aller Zeiten zusammengetan haben, um sich darauf zu einigen, über Jahrzehnte gemeinsam der Weltgesellschaft das Märchen vom Klimawandel aufzutischen (vgl. Kubi 2019).
Es sollte niemanden wundern, dass diese Szene, die im Wesentlichen auf einer irrationalistischen Weltsicht beruht, mehr als nur eine offene Flanke nach rechtsaußen aufweist. Wer nicht das Kapital, sondern eine drohende „links-grüne Diktatur“ als Hauptfeind der heutigen Zeit ausmacht, dürfte sich schnell an der Seite der AfD finden. Und wenn ganze Heerscharen von Online-Kriegern einer 16-jährigen Jugendlichen in den sozialen Medien wünschen, sie möge möglichst bald erschossen, vergast oder zumindest vergewaltigt werden, dann deutet das darauf hin, dass sich auch an dieser Frage Teile der Massenbasis einer faschistischen Bewegung zu formieren scheinen. Es versteht sich wohl auch hier von selbst, dass diese Ausführungen sich nicht auf die Ansicht der Genossen Kissel, Bina und Mayer beziehen, die natürlich mit diesen reaktionären Positionen nichts gemein haben. Doch wenn wir über die Haltung der Kommunisten zur Klimafrage reden, können wir uns nicht auf die Kritik der Klimabewegung beschränken, sondern müssen auch über den Irrationalismus und die reaktionären Tendenzen sprechen, die sich unter den lautstarken Gegnern dieser Bewegung finden.
Deshalb ist es schließlich eine falsche und kritikwürdige Herangehensweise, sich um wissenschaftlich begründete Aussagen zum wissenschaftlich erwiesenen anthropogenen Klimawandel herumzudrücken. Denn ob es überhaupt einen Klimawandel gibt und wie viel menschliche Einflüsse dazu beitragen bzw. daran überhaupt ändern können, berührt selbstredend den Kern der ganzen Debatte. Wer aber der Ansicht ist, dass es noch offen sei, was überhaupt für den massiven Anstieg der globalen Temperaturen verantwortlich ist, der müsste erst mal eine Reihe von Fragen beantworten: Was, wenn nicht CO2 und Co. könnte einen solch rapiden Temperaturanstieg verursacht haben, zumal ja auch schwankende Sonnenaktivitäten als Erklärung ausfallen? Geht man davon aus, dass es den Treibhauseffekt, der bereits im 19. Jahrhundert experimentell nachgewiesen wurde, gar nicht gibt, bzw. dass er keine relevanten Auswirkungen auf das Weltklima hat? Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist seit der Industrialisierung von etwa 280 ppm (parts per million, d.h. 280 Teilchen von einer Million sind CO2-Moleküle) auf aktuell bereits über 410 ppm gestiegen, also ein Anstieg um fast die Hälfte. Ist es vorstellbar, dass eine so massive Veränderung der Konzentration dieses Treibhausgases keine klimawirksamen Effekte hat? Und wie kommt es, dass die gesamte akademische Forschung zum Klimawandel sich in den grundsätzlichen Fragen, besonders was die Ursachen angeht, einig ist? Es gibt zwar Teile der Bourgeoisie, die durchaus an der gegenwärtigen Klimapolitik und dem sie begleitenden Diskurs ein Interesse haben. Es gibt aber ebenso mächtige Fraktionen des Kapitals, die, wie wir bereits aufgezeigt haben, versuchen, die wissenschaftliche Erkenntnis über den Klimawandel zu blockieren, weil sie ein Interesse an der Erhaltung des klimapolitischen Status Quo haben. Müsste man dann nicht erwarten, dass die wissenschaftliche Community gespalten ist und große Teile die These vom „menschengemachten Klimawandel“ infrage stellen würden? Und wie ist es zu erklären, dass auch in der Sowjetunion, wo sich die Wissenschaft ungestört von Kapitalinteressen entfalten konnte, bereits vor einem halben Jahrhundert führende Wissenschaftler die These vom menschengemachten Klimawandel vertraten (Kubi 2019; vgl. auch: junge Welt 12.10.2019)? Sind nicht all diese Tatsachen ziemlich starke Hinweise darauf, dass es sich bei eben diesem „menschengemachten Klimawandel“ vielleicht doch einfach um eine so gut belegte Tatsache handelt, dass sich Wissenschaftler aus allen Ländern unabhängig von ihren politischen Überzeugungen oder Interessen im Wesentlichen einig werden können?
Im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stehen auch solche Behauptungen wie die Infragestellung von Kreisläufen und relativen Gleichgewichten in der Natur: „Es gibt genau so wenig einen gleichbleibenden Kreislauf oder ein Gleichgewicht. Solche Vorstellungen sind historisch entstanden, weil der Mensch z.B. unter bestimmten natürlichen Bedingungen besser leben und arbeiten konnte und weil sein Gesichtskreis noch beengt war auf die Zeit, die er selbst erfassen konnte. So kam es, dass der Mensch das Wiederkehren der Jahreszeiten, Tag/Nacht etc. als Kreislauf wahrnahm. Erst später wurde erkannt, dass es sich hier nur um relative Größen und wenn überhaupt (!) so etwas wie Zyklen, dann diese nur spiralförmig gibt, also in Entwicklung begriffen.“; und etwas später: „Der Mensch lenkt die Natur erst in nützliche, nutzbare Bahnen. Er stört nicht Harmonien, Gleichgewichte oder Kreisläufe“
Auch hier finden wir wieder das problematische Muster, dass eine Aussage, die in einem speziellen Sinne richtig ist, nämlich dass es keine ewiggleichbleibenden Kreisläufe gibt, so verallgemeinert wird, dass die Existenz von Kreisläufen in der Natur generell infrage gestellt wird. Dass die Jahreszeiten und der Tag-Nacht-Rhythmus Kreisläufe darstellen, ist aber doch nicht nur eine historisch beschränkte Sichtweise des Menschen auf die Natur, sondern es sind tatsächliche Kreisläufe, die durch die Erdgeschichte hindurch, durch Hunderte Millionen von Jahren im Wesentlichen gleich geblieben sind. Auch z.B. der für das Erdklima relevante Kohlenstoffkreislauf, bei dem Kohlenstoff in organischen Verbindungen wie Pflanzen gebunden wird und bei deren Absterben als CO2 in die Atmosphäre gerät oder von den Meeren und dem Boden aufgenommen wird, um dann wieder in neu entstehenden organischen Verbindungen gebunden zu werden, ist unverkennbar ein Kreislauf. Dieser Kreislauf verändert sich über erdgeschichtliche Zeiträume, weshalb es in der Erdgeschichte auch immer Phasen mit stärkerem und schwächerem Treibhauseffekt gab, aber innerhalb individuell-menschlicher Zeithorizonte ist auch dieser Kreislauf im Wesentlichen gleichbleibend. Auch die Evolution, also das Aussterben und neue Entstehen von Arten, die Veränderung ihrer Merkmale usw. findet über lange Zeiträume hinweg statt und zwar ebenfalls in der Form relativ stabiler Kreisläufe. Verschiedene Lebewesen ernähren sich voneinander und sondern durch ihren Stoffwechsel sowie durch ihre eigene Auflösung nach dem Tod wieder Nährstoffe ab, die das Ökosystem insgesamt aufrechterhalten. Heute spricht man meistens von einem Nahrungsnetz anstatt einer Nahrungskette, da die Beziehungen zwischen den verschiedenen Spezies weitaus komplexer sind, als es das Bild einer Kette nahelegt. Dass dabei alle Lebewesen über längere Zeiträume neue Eigenschaften entwickeln, dass manche Arten aussterben und neue entstehen, ist Teil dieser Entwicklung, die sich aber ebenfalls in der Regel über lange Zeiträume erstreckt.
Solche relativen Gleichgewichte können eben sehr wohl durch menschliche Einflüsse gestört werden, das heißt sie entwickeln sich in eine Richtung, die Ökosysteme zusammenbrechen lässt und damit auch für menschliches Leben auf dem Planeten ungünstigere Bedingungen schafft. Genau das ist z.B. beim Kohlenstoffzyklus der Fall und es ist ebenso der Fall im Fall der Ökosysteme, die durch das rapide Aussterben von Spezies, die teilweise eine zentrale Rolle im Nahrungsnetz spielen und damit enorme Auswirkungen auf andere Spezies haben. Diese rasanten Umwälzungen wie der Anstieg der Treibhausgase und die Verringerung der Artenvielfalt geschehen nicht als Teil einer natürlichen Entwicklung, sondern sie sind die Folge einer tiefgreifenden Veränderung des Mensch-Natur-Verhältnisses innerhalb weniger Generationen, die durch die weltweite Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise stattgefunden hat. Hier hat „der Mensch“, genauer gesagt das Kapital, also durchaus (zer-)störend in relativ stabile Kreisläufe eingegriffen.
Wie ernst ist das Problem?
Ein grundlegender Dissens in unserer Diskussion besteht in der Frage, wie ernst das Problem der ökologischen Zerstörung und globalen Erwärmung ist. In dem Artikel der drei Genossen schwingt die ganze Zeit mit, es handle sich bestenfalls um ein zweitrangiges Problem. Diese Position ist gewissermaßen eine der Prämissen der Autoren. Denn würden sie davon ausgehen, dass wir es mit einem großen und realen Problem zu tun haben, hätten sie den Fokus ihrer Argumentation nicht allein gegen die „Panikmache“ richten können, ohne sich mit der Frage nach Lösungen für das Problem zu befassen.
Damit soll nicht bestritten werden, dass es diese Panikmache auch gibt. Diese ist auch zu kritisieren. Denn natürlich ist Panik kein produktives Verhältnis zu irgendwas, sie führt vielmehr zu Irrationalismus und Fatalismus, aber nicht zu einer organisierten, klassenkämpferischen Antwort. In dieser Frage gibt es also keinen grundsätzlichen Dissens. In Teilen des bürgerlichen Diskurses wird durchaus ein solcher Fatalismus geschürt. Greta Thunberg rief am 25.1.2019 dazu auf, in Panik zu geraten: „Ihr sagt, nichts im Leben ist schwarz oder weiß. Aber das ist eine Lüge. Eine sehr gefährliche Lüge. Entweder verhindern wir 1,5 °C Erwärmung oder wir tun es nicht. (…) Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will, dass ihr in Panik geratet.” (Thunberg 2019). Abgesehen von der berechtigten Frage, warum eine 16-Jährige auf ein Weltwirtschaftsforum eingeladen wird, um da scheinbar die Repräsentanten der Bourgeoisie zu kritisieren, ist an diesem Zitat zweierlei bemerkenswert: Erstens, dass die Behauptung, es gebe kein schwarz oder weiß, sondern nur das 1,5°C-Ziel oder seine Überschreitung schlicht falsch ist. Denn wie bereits in unserem ersten Artikel dargelegt, gibt es keine absolute Schwelle, unterhalb derer der Klimawandel unproblematisch wäre und bei dessen Überschreiten der Weltuntergang unaufhaltsam anrollt. Vielmehr werden wir es mit einer graduellen, wenn auch vermutlich exponentiell ansteigenden Verschlimmerung der Lage zu tun haben, je mehr sich das Klima erwärmt. Zweitens ist die Aussage, man solle keine Hoffnungen hegen, sondern in Panik geraten, politisch überaus gefährlich. Denn der Kampf für eine bessere Welt wird gerade nicht durch Panik genährt, sondern durch Hoffnung. Wenn es keine Hoffnung mehr gäbe, eine lebenswerte Welt überhaupt noch zu erhalten, wären Resignation und Hedonismus in der verbleibenden Zeit rationalere Antworten als ein Kampf, der nicht mehr zu gewinnen ist, aber trotzdem noch jede Menge Opfer erfordern wird. Auch Bewegungen wie „Extinction Rebellion“ erinnern durchaus an esoterische Endzeit-Sekten aus schlechten postapokalyptischen Scifi-Filmen. Es ist nachvollziehbar, wenn auch zu kritisieren, dass viele Menschen von den irrationalistischen und sozial reaktionären Positionen großer Teile der heutigen Klimabewegung abgeschreckt sind und sich dann der noch irrationaleren Gegenposition zuwenden, die den Klimawandel oder seine menschlichen Ursachen überhaupt infrage stellt. Insofern besteht zwischen beiden Extrempositionen auch eine Wechselwirkung. Kommunisten müssen sich daher sowohl von dem quasi-religiösen Unfug bestimmter einflussreicher Teile der Klimabewegung abgrenzen, der sich zudem beharrlich weigert, die Systemfrage überhaupt ernsthaft zu diskutieren, aber natürlich ebenso von der „Anti-Klimabewegung“, die die Existenz des Problems an sich leugnet.
Währenddessen arbeiten sich jedoch andere Teile des bürgerlichen Diskurses – und hier stehen sie Kissel et al. wiederum inhaltlich nahe – an vermeintlichen technischen Lösungen für das Problem ab. Hier finden wir einen ebenso fehlgeleiteten Technologieoptimismus, der davon ausgeht, dass der Kapitalismus, der das Problem erst verursacht hat, auch zu seiner Lösung imstande sein soll. Das soll geschehen, indem einfach energiesparendere Technologien erfunden werden oder bestimmte theoretisch denkbare, aber unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen schwer vorstellbare Megaprojekte (wie die Verteilung von Spiegeln im All in ungeheuren Zahlen und ähnliche Ideen) als deus ex machina das Problem in den Griff kriegen sollen, ohne dass eine gesellschaftliche Veränderung notwendig wäre. Beide Positionen dienen, obwohl sie sich gewissermaßen gegenseitig ausschließen, nur der Verewigung des Kapitalismus.
Es ist nun sehr problematisch, wenn die drei Genossen das Hauptproblem in der Panikmache ausmachen, ohne sich die Frage zu stellen, ob diese Panik sich vielleicht auf einen realen Kern bezieht, ob also katastrophale Veränderungen der Lebensbedingungen der Menschheit tatsächlich bevorstehen, oder ob das alles nur ein großer Schwindel ist. Das wäre aber die entscheidende Frage, mit der man sich zuerst beschäftigen müsste, bevor man sich ein Urteil darüber anmaßt, wie der sogenannte „Alarmismus“ einzuschätzen ist. Denn die Antwort auf den Alarmismus würde dann nicht einfach heißen, überlassen wir die Lösung des Problems der Bourgeoisie. Sie würde heißen: Eine Lösung des Problems ist möglich, aber nicht durch das Schüren einer Endzeitstimmung und auch nicht durch rein technische Ansätze im kapitalistischen Rahmen. Sie liegt einzig und allein darin, sich für die eigenen Klasseninteressen zu organisieren und für die Errichtung der einzigen Produktionsweise zu kämpfen, die eine Lösung bieten kann – den Sozialismus.
Dass das Problem als solches von den Genossen nicht ernst genug genommen wird, zeigt sich auch an folgenden Sätzen: „Ob es denn überhaupt nötig oder hilfreich sein wird, bestimmte Maßnahmen zur Rettung der Menschheit durch CO2-Senkung zu unternehmen, ist nicht Gegenstand dieser Überlegung“. Hier wird also bewusst die Möglichkeit offengelassen, die nächsten 100 Jahre weiterhin munter CO2 in die Atmosphäre zu blasen, so als wüsste man nicht, welche desaströsen Auswirkungen ein solches Szenario auf die Lebensbedingungen der Menschheit zwangsläufig hätte. Die gesamte Problematik erscheint so als Nebenschauplatz, von dem man eigentlich noch nicht einmal weiß, ob auf diesem Gebiet überhaupt Handlungsbedarf besteht.
Weiter heißt es: „Man könnte auch annehmen, dass zur Vermeidung des nächsten Weltkriegs die sozialistische Revolution notwendig ist – eine weitaus begründetere Annahme, als die der befürchteten Klimakatatstrophe (sic)“. Warum ist das eine „weitaus begründeter“ als das andere? Der Imperialismus produziert den Krieg ebenso gesetzmäßig wie die Zerstörung der Umwelt und die Emission von Treibhausgasen weit über die Regenerationsfähigkeit der Biosphäre hinaus. Während aber der genaue Beginn eines Weltkriegs sich nicht voraussagen lässt, haben wir es bei der „befürchteten Klimakatastrophe“ mit einem gut erforschten Phänomen zu tun, das sich graduell anbahnt und dem wir gerade sozusagen zusehen. Warum ist also die Kriegsangst begründeter als die Angst vor dem Klimawandel? Vielleicht, weil ein Weltkrieg noch verheerendere Auswirkungen hätte, weil er durch den globalen Einsatz von Atomwaffen sogar die Menschheit als ganze auslöschen könnte. Ja, aber das scheint hier nicht der Punkt zu sein, da es den Genossen ja darum geht, grundsätzlich infrage zu stellen, dass man mit der Klimaproblematik für den Sozialismus agitieren kann. Zudem müsste man die Gefahren von Krieg, globaler Erwärmung, zunehmendem Autoritarismus und marschierender Reaktion doch zusammen denken, da jede dieser Bedrohungen die anderen verstärkt. Den Genossen geht es hier aber offensichtlich eher darum, dass sie das ganze Klimaproblem im Grunde für unwichtig halten und die Beschäftigung damit im Wesentlichen für eine Ablenkung von den „wirklichen“ Problemen.
An dieser Stelle widersprechen die Autoren sich in der Frage der Katastrophenprognosen auch selbst. Zuerst hatten sie ja argumentiert, keine Aussagen darüber machen zu wollen, was Ursachen und Folgen des Klimawandels sind. Nun tun sie es dann doch, und müssen es auch, weil es schlicht nicht möglich ist, einen Artikel über den Klimadiskurs zu schreiben, ohne implizite Annahmen über den Klimawandel selbst zu machen.
Gegenüber den Prognosen des IPCC ist tatsächlich die Kritik geäußert worden, die Bedrohungslage nicht richtig darzustellen. Allerdings lautet der Vorwurf nicht, dass das IPCC aus populistischen Gründen die Gefahren übertrieben hätte. Tatsächlich weisen verschiedene Beobachtungen eher darauf hin, dass die Prognosen des IPCC eher zu optimistisch sein dürften. So deuten neue Messungen darauf hin, dass das Abschmelzen der arktischen und antarktischen Gletscher sehr viel schneller verläuft als bisher angenommen (Röhrlich 2019). Nach Messungen des Geophysikalischen Instituts in Fairbanks tauen auch die Permafrostböden in einigen Regionen in einem Maße, das nach den bisherigen Prognosen erst für das Jahr 2090 erwartet wurde (Kern 2019). Beide Prozesse sind einerseits Ausdruck davon, dass der Klimawandel schneller verläuft als bisher vorhergesagt, andrerseits beschleunigen diese Prozesse aber wiederum selbst die globale Erwärmung, indem die hellen Eisflächen geringer werden und massenhaft Methan in die Atmosphäre gerät. Es gibt also wenig Anlass für die Behauptung, dass das IPCC aus „populistischen“ Gründen die Gefahren größer darstellt, als sie sind. Eher sollte man davon ausgehen, dass viele Wissenschaftler sich betont zurückhaltend äußern, um in der Öffentlichkeit als „besonnen“ zu gelten und nicht als sensationsheischende Panikmacher angegriffen zu werden.
Auch wenn die Zukunftsprognosen möglicherweise damit noch zu optimistisch sind, bedeutet das natürlich nicht, dass wir deshalb in den nächsten Jahrzehnten mit dem „Weltuntergang“, also dem Aussterben der Menschheit aufgrund von steigenden Temperaturen rechnen müssen. Natürlich führt die Verschlechterung von Lebensbedingungen wie z.B. der globale Rückgang landwirtschaftlicher Erträge, zunehmende Knappheit von Trinkwasser und verheerende Naturkatastrophen nicht automatisch dazu, dass die Menschheit als solche aufhört zu existieren. Ein solches Szenario ergibt sich zwar langfristig, wenn wir den aktuellen Entwicklungspfad unbegrenzt in die Zukunft fortschreiben. In diesem Sinne ist es richtig, dass der Kapitalismus langfristig auch das Überleben der Menschheit als solcher gefährdet. Jedoch dürfen wir davon ausgehen, dass das 21. Jahrhundert neue revolutionäre Situationen, erfolgreiche Revolutionen und den Aufbau sozialistischer Gesellschaften sehen wird. Wenn wir uns auf die sicherlich eintretende Zuspitzung der gesellschaftlichen Widersprüche entsprechend vorbereiten, wird es keine „Apokalypse“ geben.
Kann der Kapitalismus die ökologischen Probleme lösen?
Kissel et al. legen in ihrem Artikel nahe, dass es auch unter kapitalistischen Bedingungen möglich sein könnte, die globale Erwärmung in den Griff zu kriegen. Sie schreiben: „Klassengesellschaften sind keine absolute Negation der schöpferischen Entwicklung der menschlichen Gattung. So wie es möglich war, die Luftverschmutzung, das verseuchte Wasser und andere Dinge wieder in den Griff zu bekommen, sind auch viele weitere schöpferische Lösungen möglich, auch im Kapitalismus. (…) Es liegt sozusagen in der Natur des Menschen, Lösungen für Probleme zu finden. Dieses Phänomen wird durch Klassengesellschaften nur begrenzt aufgehalten“.
Natürlich ist es allgemein gesprochen richtig, dass es auch in Klassengesellschaften wie dem Kapitalismus noch schöpferische Entwicklung gibt. Niemand würde das bestreiten. Hier geht es aber nicht um die Frage, ob der Kapitalismus grundsätzlich in der Lage ist, neue Erfindungen zu produzieren. Es geht darum, ob der Kapitalismus in der Lage ist, eine seiner grundlegenden Eigenschaften aufzuheben, nämlich, dass sich in ihr die Produktion nur entwickeln kann, „indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (Marx: Das Kapital, Band I, MEW 23, S. 530). Es geht darum, ob die Widersprüche des Kapitalismus so weitgehend gedämpft werden können, dass enorme ökologische Zerstörungen auf Dauer verhindert werden können.
Hier auf Beispiele zu verweisen, in denen auch unter kapitalistischen Bedingungen bestimmte konkrete Probleme bewältigt werden konnten, ist in höchstem Maße irreführend. Denn es ist eine Sache, ob ein bürgerlicher Staat strengere Gesetze erlässt, die die Entsorgung giftiger Abfälle in Flüssen, die Rodung eines Waldes oder die Verwendung von bestimmten Stoffen wie den Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) verbieten. Solche begrenzten Eingriffe in die Regulierung der Produktion, die aber dennoch bedeutende positive Auswirkungen auf die Umwelt haben können und daher natürlich auch zu unterstützen sind, sind selbstverständlich auch im Kapitalismus möglich. Etwas vollkommen anderes ist es, wenn wir über die weitestgehende Umstellung der gesamten Produktion im globalen Kapitalismus von fossilen Energieträgern auf CO2-neutrale Energie sprechen. Es gibt überhaupt keinen Grund für die Annahme, dass der Kapitalismus eine solche Umstellung auch nur annähernd schnell genug bewältigen wird. Da sich aufgrund der bekannten Kipp-Effekte das Problem der globalen Erwärmung voraussichtlich weiter beschleunigen wird, werden die verspäteten und halbherzigen Maßnahmen, die wir vom Kapitalismus bestenfalls erwarten können, schlicht und einfach nicht ausreichen, um die Entwicklung aufzuhalten oder gar umzukehren. Genau das wäre im Interesse der Menschheit aber dringend geboten.
Es geht dabei nicht um die Frage, ob es technisch möglich wäre, den Klimawandel aufzuhalten. Denn der kapitalistische Staat ist eben kein neutraler Problemlösungsmechanismus, wie uns die bürgerliche Politikwissenschaft verkaufen will. Der bürgerliche Staat kann sich von den Gesetzmäßigkeiten der Produktionsweise nicht unabhängig machen, er bleibt der Staat der herrschenden Klasse. Unter kapitalistischen Bedingungen ist ressourcensparende Produktion niemals ein Ziel an sich. Sie ist nur dann ein Ziel, wenn sie zur Kostensenkung beiträgt, also die Profite erhöht. Die Umwelt, also Luft, Wälder, Boden, Gewässer usw. sind aber meistens Allgemeingüter, deren Verbrauch das Kapital nichts kostet. Es besteht daher für den Kapitalisten keinerlei Anreiz, schonend mit ihnen umzugehen. Die Staaten als Vertreter des gesamtkapitalistischen Interesses können hier zwar intervenieren und bestimmte Schutzmaßnahmen durchsetzen. Da aber auch die Staaten in ökonomischer Konkurrenz zueinander stehen, tun sie das in der Regel nur da, wo es unmittelbar um ihr eigenes Staatsgebiet geht, also wenn z.B. bestimmte Wälder oder Flüsse geschützt werden sollen oder der Feinstaub in einer Stadt reduziert werden muss. Gerade die Frage des Klimas, aber auch andere Fragen wie der Schutz der Meere, sind aber globaler Natur, weshalb der Anreiz für die einzelnen Staaten, ökonomische Kosten in Kauf zu nehmen, um ein globales Gut zu schützen, nicht gegeben ist. Auch die bürgerliche Politik weiß aber natürlich, dass der jetzige Kurs zu desaströsen Folgen führen wird. Sie versucht, durch die Einberufung internationaler Klimakonferenzen und Abkommen zu einem begrenzten gemeinsamen Vorgehen zu gelangen. Auch ein solches gemeinsames Vorgehen kommt jedoch kaum in nennenswertem Maße zustande, da auch der Klimaschutz zum Gegenstand und Kampffeld der imperialistischen Konkurrenz wird. Bekanntlich gab es bereits beim ersten internationalen Vertrag zur Festlegung von Klimazielen, dem sogenannten Kyoto-Protokoll, das Problem, dass die USA als größte Volkswirtschaft der Welt 2001 die Ratifizierung aus ökonomischen Interessen ablehnten. 2011 gab auch Kanada seinen Ausstieg aus dem Vertrag bekannt. Die BRD hingegen kann sich von einer teilweisen Umstellung auf erneuerbare Energien satte Profite versprechen, da ihre Konzerne auf einigen dieser Gebiete führend aktiv sind. Da die Interessensgegensätze Einigungen in den Kernpunkten regelmäßig unmöglich machen, kommt es schließlich aber nicht zu einer gemeinsamen Strategie gegen den Klimawandel.
Das kapitalistische Wachstum ist seiner Natur nach einem ressourcenschonenden Umgang entgegengesetzt. Darauf wurde bereits im letzten Artikel verwiesen: Da keine rationale Planung, sondern der Profit die Produktion reguliert, führen technische Neuerungen, die es ermöglichen, bestimmte Güter mit geringerem Ressourcenaufwand pro produzierter Einheit herzustellen, nicht zu sinkendem Ressourcenverbrauch, sondern zu erhöhtem Produktionsausstoß und damit absolut steigendem Ressourcenverbrauch.
Natürlich existieren rein theoretisch bereits jetzt viele der erforderlichen Technologien, um den Klimawandel aufzuhalten. Andere, wie die verschiedenen Ansätze des „Climate Engineering“, bei dem z.B. CO2 wieder aus der Atmosphäre gezogen werden soll, könnten vermutlich in der näheren Zukunft einsetzbar gemacht werden. Natürlich ist es z.B. rein theoretisch denkbar, dass die gesamte Industrie auf erneuerbare Energien und evtl. Kernenergie umgestellt wird, alle Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, der Individualverkehr reduziert würde usw. Aber eben nur theoretisch. Denn im Kapitalismus existiert eben kein gesamtgesellschaftlicher Plan, der in der Lage wäre, die enormen dafür erforderlichen Ressourcen zu mobilisieren. Es existiert keine gesamtgesellschaftliche Instanz, die die Entwicklung der Gesellschaft nach Kriterien der Vernunft steuern könnte. Es existieren nur die auf dem Markt konkurrierenden Kapitale, die für solche Erwägungen grundsätzlich blind sind und der Staat, der die Interessen dieser Kapitale vertritt. Deshalb setzen sich umweltfreundliche Technologien nur dann durch, wenn sie profitabel sind und nicht dann, wenn es gesamtgesellschaftlich sinnvoll wäre. Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass die Umstellung des Produktionsapparates auf solche Technologien in einer Form und mit einer Geschwindigkeit verlaufen wird, die annähernd ausreichen, um katastrophale Folgen für die Menschheit zu verhindern. Das zeigt auch die Entwicklung der letzten Jahre, die trotz Klimakonferenzen, trotz Förderung erneuerbarer Energien usw. eben keineswegs zu einer Verbesserung der Lage geführt hat. Vielmehr befindet sich die Menschheit weiterhin in etwa auf dem Weg, der, wenn er so fortgesetzt wird, in den Projektionen des IPCC als das worst case-Szenario auftaucht (bezeichnet als RCP 8.5): Nach diesem Szenario würde es im Verlauf des 21. Jahrhunderts bei weiter steigendem Energieverbrauch zwar einige Effizienzgewinne einige Effizienzgewinne beim Energieverbrauch und einen gewissen Ausbau von Atomenergie, Biomasse und erneuerbaren Energien geben, während der Kohleverbrauch aber weiter massiv ansteigt (Riahi et al. 2011, S. 43ff). Der IPCC-Report von 2018 schätzt ein, dass auf diesem Weg etwa im Jahr 2060 die Schwelle von 3 °C überschritten werden dürfte und sich das Klima dann bis Ende des Jahrhunderts rasant weiter erwärmt (IPCC 2018, S. 105). Sicherlich sind solche Projektionen mit viel Spekulation verbunden und können nur als ungefähre Anhaltspunkte dienen. Die Frage, die uns hier interessieren sollte, ist aber nicht, um wie viel Grad sich das Klima bis 2100 genau erwärmen wird, sondern in welche Richtung die Menschheit steuert, wenn die aktuellen Trends (bei nur moderatem Ausbau CO2-neutraler Primärenergie) beibehalten werden.
Die These von Kissel et al., wonach es möglich sein könnte, im Kapitalismus der ökologischen Probleme einschließlich des Klimawandels Herr zu werden, ist einer der problematischsten Irrtümer in ihrem Artikel. Letzten Endes wird der Kapitalismus damit ausgerechnet auf einem Gebiet in Schutz genommen, wo er am offensichtlichsten dabei versagt, die gesellschaftliche Entwicklung mit den menschlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Es ist eben nicht möglich, dass der Kapitalismus seine destruktive Seite überwinden kann. Das zu glauben ist ein naiver Technikoptimismus, der die Entwicklung der Produktivkräfte unabhängig von den Produktions- und Eigentumsverhältnissen betrachtet, die ja gerade immer eine Nutzung der Technik im Sinne des Menschen untergraben und verhindern. Hier werden wesentliche Erkenntnisse des Marxismus über das Mensch-Natur-Verhältnis in seiner historischen Entwicklung ignoriert.
Die Genossen argumentieren damit im Wesentlichen, dass die Frage von Kapitalismus und Sozialismus für die Klimafrage nicht sonderlich relevant sei, da der Kapitalismus möglicherweise bereits das Problem lösen könne und umgekehrt nicht garantiert sei, dass der Sozialismus überhaupt eine Verbesserung bringen würde. Auch mit der zweiten Aussage, die sich auf den Sozialismus bezieht, werden die Produktivkräfte letztlich unabhängig von den Produktionsverhältnissen betrachtet: Hieß es gerade noch, dass man dem Kapitalismus zutrauen müsse, kreative Lösungen auch für die ökologischen Herausforderungen zu finden, die er mit ständig zunehmender Schärfe produziert, wird nun für den Sozialismus gegenteilig argumentiert: „Krieg aber bedeutet Kriegswirtschaft und Aufrüstung. Und werden wir dann auf bestimmte Energieformen verzichten können?“
Auch hier wird eine triviale Wahrheit ausgesprochen, um damit weitreichende Aussagen über die gesellschaftlichen Naturverhältnisse im Sozialismus zu machen. Selbstredend kann es auch im Sozialismus, gerade zu Beginn, eine Situation geben, in der ein vorübergehendes Abrücken von den ökologischen Zielsetzungen unvermeidlich ist. Aber stellen wir uns den Sozialismus auf Dauer als kriegskommunistisches Notstandsregime vor, das jahrzehntelang wenig anderes tun wird, als um sein nacktes Überleben zu kämpfen? Müssten wir der Arbeiterklasse tatsächlich erklären, dass der Sozialismus voraussichtlich erst mal über ein, zwei Generationen keine relevanten Errungenschaften zu bieten haben wird und vor allem Krieg und Überlebenskampf bedeutet, hätten wir sicherlich gewisse Schwierigkeiten, die Massen für diese Aussicht zu begeistern. Denn das wäre, auch abgesehen von den umweltpolitischen Konsequenzen, keine sehr attraktive Perspektive. Und sie ist glücklicherweise auch nicht das, wovon wir ausgehen müssen. Hat die Geschichte der sozialistischen Länder nicht gezeigt, dass auch trotz sehr ungünstiger Ausgangsbedingungen und feindlicher imperialistischer Umzingelung geradezu spektakuläre ökonomische, soziale und kulturelle Errungenschaften möglich waren? Und auch wenn in der antikommunistischen Geschichtsschreibung die Sowjetunion und DDR vor allem mit Umweltzerstörung in Verbindung gebracht werden, zeigen sie auch das Gegenteil, nämlich wie groß die Potenziale einer rationalen, planmäßigen Bearbeitung der Probleme in einem Arbeiterstaat wären. Dieser Frage werden wir uns etwas später in diesem Text anhand eines besonders interessanten Beispiels zuwenden. Zunächst zurück zur Kritik des Textes von Kissel et al.
Produktivkraftentwicklung wird in ihrem Text im Grunde in klassenneutraler Art und Weise betrachtet, da der Charakter der vorherrschenden Produktionsverhältnisse aus Sicht der drei Genossen keine besondere Relevanz für diese Frage zu haben scheint. Diese Herangehensweise ist grundsätzlich problematisch, sie entspricht nicht der dialektischen Betrachtung des historischen Materialismus. Denn dieser hat keine neutrale Sichtweise auf die Frage der Produktivkraftentwicklung, vielmehr sind die Produktivkräfte in ihrer Entwicklung immer davon bestimmt, von welcher Klasse, also unter welchen Produktionsverhältnissen sie angewandt werden. Das heißt nicht, dass eine einzelne umweltschädliche Technologie, sagen wir z.B. das Fracking, nicht unter sozialistischen Bedingungen immer noch umweltschädlich wäre und daher nach Möglichkeit vermieden werden sollte. Wenn wir uns jedoch den Stand der Produktivkräfte in ihrer Gesamtheit ansehen, sind die Produktionsverhältnisse entscheidend dafür, wie sich die gesellschaftliche Produktion, also der Stoffwechsel der Gesellschaft mit der Natur, auf Mensch und Natur auswirkt. Marx und Engels haben nachgewiesen, dass in einer historisch überholten Produktionsweise wie dem entwickelten Kapitalismus, die bereits die erforderlichen Produktivkräfte für die nächsthöhere Gesellschaftsform entwickelt hat, die Produktivkräfte den Charakter von Destruktivkräften annehmen (darauf wurde bereits in unserem ersten Artikel hingewiesen). Das bedeutet nicht, dass es im imperialistischen Kapitalismus keine Produktivkraftentwicklung mehr gäbe. Es bedeutet vielmehr, dass jede weitere Steigerung des gesamtgesellschaftlichen Reichtums mit zunehmend einschneidenden Formen der Zerstörung der Grundlagen gesellschaftlicher Entwicklung überhaupt, nämlich Mensch und Natur, einhergeht. Oft wird hier auf die periodischen Krisen verwiesen, die der Kapitalismus hervorbringt. Der Begriff der Destruktivkräfte ist bei Marx und Engels jedoch umfassender gemeint. Er umfasst die Tendenz zum Krieg ebenso wie die gesetzmäßig voranschreitende Zerstörung natürlicher Lebensräume, die für das Kapital lediglich eine Quelle von Rohstoffen darstellen, nicht aber schützenswerte Lebensgrundlagen für den Menschen selbst. Anhand welcher Frage wird denn der Widerspruch zwischen fortschreitenden Produktivkräften und rückständigen Produktionsverhältnissen, die eine rationale, der Menschheit dienliche Anwendung dieser Produktivkräfte verhindern, deutlicher als an der Tatsache, dass der Kapitalismus die ökologischen Grundlagen vernichtet, die für den Menschen lebensnotwendig sind?
Umweltschutz im Sozialismus
Kissel et al. stellen die These auf, dass es falsch sei, als Lösung für das Problem der globalen Erwärmung für den Sozialismus zu werben, wie es zahlreiche kommunistische Parteien weltweit tun. Sie gehen dabei so weit, „dass Kommunisten sich auf den Klassenkampf konzentrieren sollten – und zwar nicht, weil dann auch das Klima gerettet werden könnte, sondern ganz unabhängig davon, ob und wie sich dabei das Klima ändert“. Damit stufen sie die Frage des Klimaschutzes nicht einfach nur als nachrangiges Ziel für den Sozialismus ein, was problematisch genug wäre, sondern sie bestreiten ganz grundsätzlich, dass die Begrenzung der globalen Erwärmung überhaupt ein sinnvolles Ziel im Klassenkampf und ein Grund für den Sozialismus sein könnte. Als Argument dafür führen sie neben den unten weiter ausgeführten strategischen Erwägungen (die angebliche Gefahr des linksradikalen Voluntarismus oder Reformismus) an, dass auch der Sozialismus die Umwelt verschmutzen wird.
Natürlich ist auch diese Aussage nicht komplett falsch. Bereits in unserem ersten Artikel hatten wir dazu geschrieben: „Umweltzerstörung gab es in verschiedenen Formen schon vor dem Kapitalismus und es wird sie auch im Sozialismus in begrenztem Rahmen noch geben. Eine Gesellschaft ohne Produktion ist nicht möglich und Produktion ist, wie Marx betont hat, ein Prozess des Stoffwechsels mit der Natur, der Veränderung der Natur gemäß den Zielen der Menschen.“ Jedoch: „Welche diese Ziele sind, hängt aber nun entscheidend von der herrschenden Produktionsweise ab.“
Aber folgt aus dieser relativ banalen Tatsache, dass der Sozialismus es wirklich nicht besser machen würde als der Kapitalismus? Natürlich würde auch eine sozialistische Planwirtschaft Städte bauen, Landwirtschaft betreiben und Energie „verbrauchen“ (d.h. eigentlich in andere Formen umwandeln). Dass dabei Lebensräume für viele Tiere und Pflanzen zerstört werden, wird sich nicht vermeiden lassen. Aber ist das zu vergleichen mit dem aktuellen Entwicklungsweg der Menschheit, wo der Umweltschutz der Maximierung und Realisierung der Profite grundsätzlich untergeordnet wird und wo im Ergebnis dieser Wirtschaftsweise zu erwarten ist, dass sich die globale Durchschnittstemperatur in diesem Jahrhundert um mehrere Grad Celsius erhöhen wird, wodurch ganze Weltregionen quasi unbewohnbar werden dürften?
Wieso genau wir davon ausgehen können, dass eine sozialistische Gesellschaft das Problem lösen könnte, haben wir in unserem ersten Artikel bereits dargelegt. All diese konkreten Argumente müssen hier nicht wiederholt werden. An dieser Stelle reicht es, noch einmal auf den grundlegenden Unterschied zwischen kapitalistischer und sozialistischer Produktionsweise bezüglich des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur hinzuweisen. Während im Kapitalismus in der Produktion kein zentraler Plan existiert und daher die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums nicht von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungszielen und Prioritäten geleitet wird, ist im Sozialismus der gesamtgesellschaftliche Plan gerade der bestimmende Mechanismus, der den Ressourceneinsatz, die Ziele der Produktion und die Verteilung der Produkte koordiniert. Das bedeutet, dass es im Kapitalismus schlicht unmöglich ist, den Umweltschutz zu einem entscheidenden Kriterium der Produktion zu machen, während es im Sozialismus möglich ist, dieses Kriterium in die Planerstellung einfließen zu lassen. Es ist natürlich auch denkbar, einen Zentralplan aufzustellen, der sich zu umweltpolitischen Erwägungen komplett ignorant verhält. Das wäre dann aber ein Plan, der nicht umfassend an der Bedürfnisbefriedigung der assoziierten Produzenten orientiert wäre. Denn das Interesse an sauberer Luft und Wasser und einem globalen Klima, das der fortgesetzten Existenz der Menschheit auf diesem Planeten zuträglich ist, gehört wohl zu den grundlegendsten Interessen der Werktätigen überhaupt. Ein Plan, der an diesem Bedürfnis vorbeiplant, würde somit im Widerspruch zum ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus stehen, nämlich der Entwicklung der Produktivkräfte mit dem Ziel einer ständig verbesserten Befriedigung der Bedürfnisse. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass auch der Sozialismus ökonomische Gesetzmäßigkeiten kennt, die langfristig nur bei Strafe des Untergangs des Sozialismus verletzt werden dürfen. Der Schutz der Umwelt ist somit ein prioritäres Erfordernis, das sich direkt aus den Gesetzmäßigkeiten des sozialistischen Aufbaus ergibt.
In der Sowjetunion wurden bereits wenige Jahre nach der Oktoberrevolution gewaltige Programme zur Aufforstung aufgelegt. Ziel des Aufforstungsprogramms war eine Veränderung des Klimas in der Sowjetunion zur Förderung der Landwirtschaft: Riesige Waldgürtel zwischen dem Ural und dem Kaspischen Meer sollte Winde aus den östlichen Wüsten aufhalten und damit mehr Feuchtigkeit in den landwirtschaftlichen Gebieten halten. 1936 wurde dafür eine Hauptverwaltung für Waldschutz und Aufforstung (GLO) geschaffen, die aufgrund von Experimenten und empirischen Erkenntnissen eine Liste von jeweils geeigneten Pflanzenspezies für jede Region erstellte. 1947 wurde die GLO zu einem eigenständigen Ministerium für Waldverwaltung. Im Oktober 1948 wurde das bis dahin größte umweltpolitische Programm der Menschheitsgeschichte verabschiedet: Die Aufforstungsvorhaben wurden nun auf insgesamt 5,7 Mio. ha ausgeweitet, mit dem Ziel, durch acht gigantische Waldgürtel ein günstigeres Klima in der gesamten Sowjetunion zu schaffen. Das Programm entsprach dem fortschrittlichen Selbstverständnis des sowjetischen Staates und wurde entsprechend dargestellt: Während die Imperialisten den Tod säen, säe man in der Sowjetunion neues Leben.
Der Erfolg des ambitionierten Plans wurde bedauerlicherweise vom Einfluss der unwissenschaftlichen Theorien des Agrarwissenschaftlers Trofim Lyssenko unterminiert. Dieser vertrat die auch damals schon nicht haltbare Position, wonach Bäume derselben Spezies sich gegenseitig „helfen“ würden, weshalb er dafür eintrat, im großen Stil Monokulturen anzulegen. Zeitweilig konnte sich diese Methode in der Praxis durchsetzen, auch wegen der vermeintlich enormen Arbeitsersparnis und Einfachheit, was aber dazu führte, dass der Großteil der angelegten Wälder in kurzer Zeit wieder abstarb. Lyssenkos Ansichten wurden von anderen Agrarwissenschaftlern der Sowjetunion wie Wladimir Sukatschow und Wassili Koldanow massiv kritisiert, woraufhin die Regierung ihren Fehler korrigierte. Nach Stalins Tod im Jahr 1953 wurde das Aufforstungsprogramm nahezu sofort abgebrochen. Es war zwar weit hinter seinen Zielen zurückgeblieben und erreichte keine nachhaltige Änderung des Klimas, allerdings blieben im Ergebnis immerhin etwa 400.000 Hektar neuer Wald erhalten, was zu großen Erntezuwächsen auf nahegelegenen landwirtschaftlichen Flächen führte (alle Informationen nach Brain 2010).
Das große sowjetische Aufforstungsprogramm ist für unsere Diskussion damit in zweierlei Hinsicht interessant: Erstens, weil es zeigt, welche enormen Potenziale für einen bewussten und aktiven Umweltschutz eine zentrale Planung der gesellschaftlichen Entwicklung ermöglicht. Und zweitens, weil es illustriert, welche fatalen Auswirkungen es hat, wenn es unwissenschaftlichen Positionen gestattet wird, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Im Endeffekt scheiterte das Programm im Wesentlichen daran, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert wurden und dadurch enormer wirtschaftlicher Schaden entstand. Diesen Schaden zu reparieren, wollte nach 1953 keine sowjetische Führung mehr auf sich nehmen, weshalb man das Programm kurzerhand fallen ließ. Unsere Schlussfolgerung daraus, die wir offensiv nach außen propagieren sollten, muss lauten, dass eine zentrale Wirtschaftsplanung, die sich den aktuellen Stand aller Wissenschaften zunutze macht, auch eine hohe Fähigkeit zur Lösung ökologischer Probleme aufweisen wird.
Die Frage der revolutionären Strategie
Kissel, Bina und Mayer argumentieren, dass aufgrund der Panikmache um den Klimawandel der kommunistischen Bewegung nun die doppelte Gefahr des Reformismus oder des Linksradikalismus drohe. Diese beiden Abweichungen nach links oder rechts sehen sie dabei nicht einfach nur als eine Möglichkeit – nein, sie behaupten, „dass diejenigen die behaupten durch den Sozialismus würde das Klima gerettet, gezwungen (!) sein werden den Weg des Reformismus oder Radikalismus einzuschlagen“. Ob ein solcher „Zwang“ zu opportunistischen Abweichungen in der Politik tatsächlich besteht, soll hier untersucht werden.
Abgesehen davon, dass die wissenschaftliche Herangehensweise an ein Problem eigentlich zuerst die Analyse entwickeln sollte, unabhängig davon ob man deren politische Konsequenzen gut findet oder nicht, anstatt die Analyse damit wegzuwischen, dass sich vielleicht unerwünschte politische Schlussfolgerungen daraus ableiten lassen – fragen wir uns doch, ist das wirklich so, wie die Genossen argumentieren?
Zuerst zur Frage des Reformismus. Dieser Vorwurf lässt sich leicht widerlegen, denn in der Tat ließe sich eine reformistische Politik viel eher aus ihrem eigenen Standpunkt ableiten als aus unserem. Denn wer davon ausgeht, dass es auch im Kapitalismus möglich ist, das Problem des Klimawandels zu bewältigen, der eröffnet damit ja die Möglichkeit, durch Druck auf die Regierungen, vielleicht sogar durch die Beteiligung an bürgerlichen Regierungen zuerst die Katastrophe zu verhindern, bevor man den Sozialismus erkämpft – und damit dann den Kampf um den Sozialismus de facto ganz aufzugeben. Das ist natürlich nicht die Schlussfolgerung, die die Genossen ziehen, aber sie liegt zumindest nahe. Wer hingegen davon ausgeht, dass eine Lösung dieses Problems nicht durch Reformen, sondern nur durch die Revolution möglich ist, der dürfte eher keine reformistischen Neigungen haben. Die reformistische Gefahr droht also sicher nicht, wenn wir davon ausgehen, dass nur der Sozialismus die Herausforderungen des Klimawandels bewältigen kann.
Laufen wir denn umgekehrt Gefahr, uns mit dieser Annahme in linksradikalem Voluntarismus zu verlieren? Wer so etwas behauptet, muss im Grunde davon ausgehen, dass wir zu einer marxistischen Herangehensweise an die Frage von Reform und Revolution nicht in der Lage sind. Der muss auch davon ausgehen, dass sämtliche Kommunistischen Parteien, die explizit die Position vertreten, dass nur im Sozialismus die Umwelt und das Klima wirksam geschützt werden können, aufgrund dieser Einschätzung außerstande wären, eine revolutionäre Politik zu entwickeln. Wir hatten bereits in unserem ersten Artikel versucht, unseren Dissens grob in die Debatten der internationalen kommunistischen Bewegung einzuordnen, indem wir darauf verwiesen hatten, dass eine Vielzahl kommunistischer Parteien, die zweifellos fest auf dem Boden des wissenschaftlichen Sozialismus stehen, im Wesentlichen einen solchen Standpunkt zur Frage des Klimawandels und der ökologischen Frage vertreten. Wir hatten jedoch aus Platzgründen darauf verzichtet, dabei konkreter zu werden.
Sehen wir uns nun z.B. die Einschätzung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) etwas genauer an. Zum Management der Umweltproblematik im Kapitalismus heißt es:
„Die Bekämpfungdes Klimawandels ist ein politisches Problem, ein Konflikt der Klasseninteressen“. Und:„Wir sind sowohl skeptisch gegenüber Katastrophenvorhersagen wie auch gegenüber einer falschen Zuversicht, der Auffassung, dass ‚nichts passieren wird‘“. Und weiter unten: „Heute tauchen neue technologische Möglichkeiten auf, die nicht vervollständigt werden, oder ungenutzt bleiben, entweder aufgrund niedriger Profitraten der Konzerne, oder weil die Forschung, ob ihre Anwendung wirklich machbar und sicher ist, für die Monopole kostspielig ist. Die Arbeitermacht kann sie weiterentwickeln und direkt und in entscheidender Weise in den Dienst der Bedürfnisse des Volkes stellen (…). Nur im Sozialismus, wo das Kriterium der Entwicklung die Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse in ihrer Gesamtheit ist, wo alle produktiven Potenziale für das Wohlergehen des Volkes genutzt werden, werden der technologische und wissenschaftliche Fortschritt im vollen Umfang für die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung und den Schutz der Umwelt genutzt werden können.“ (Rizospastis 19.10.2019).
Das ist kein ultralinker Voluntarismus, sondern eine korrekte marxistische Position zur Umweltfrage, die sich im Übrigen auch völlig mit der Position deckt, die wir in unserem ersten Artikel dargelegt haben.
Zurück zum Vorwurf des Linksradikalismus, dem wir angeblich zwangsläufig zuneigen müssen. Als Kommunisten wissen wir, dass der Erfolg der Revolution nicht einfach von unserem Willen abhängt oder davon, wie viele Anhänger wir für die Bewegung gewonnen haben. Vielmehr ist dafür ein Zusammenfallen der Krise des kapitalistischen Staates mit einem unkontrollierbaren Aufschwung der revolutionären Energien in den Massen die Voraussetzung, also das, was Marxisten eine revolutionäre Situation nennen. Die KKE schreibt dazu: „Die sozialistische Revolution kann nicht zu jedem Zeitpunkt durchgeführt werden. Das Entstehen einer solchen objektiven Situation als Folge scharfer Veränderungen im Leben der kapitalistischen Gesellschaft, die für den revolutionären Sturz der kapitalistischen Macht und die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse günstig sind, ist eine wesentliche Bedingung. In der marxistisch-leninistischen Theorie wird eine solche Situation als ‚revolutionäre Situation‘ oder ‚revolutionäre Krise‘ bezeichnet und bildet die objektive Grundlage für die Revolution.“ (KKE 2013, S. 38). Unter diesen Bedingungen würden sich die Kämpfe der Arbeiterklasse allerdings nur dann in eine kohärente revolutionäre Richtung entwickeln, wenn von der Kommunistischen Partei bereits in der vorangegangenen Periode unter nichtrevolutionären Bedingungen der Kampf der Arbeiterklasse in eine Richtung orientiert wurde, die der Entwicklung antikapitalistischen Bewusstseins förderlich ist (ebenda, S. 43).
Besteht hier also ein Widerspruch zwischen den revolutionstheoretischen Überlegungen der KKE und ihren Standpunkten zur Umweltfrage? Ich kann keinen solchen Widerspruch erkennen. Ich glaube vielmehr, dass der Denkfehler hier nicht bei mir oder den Genossen der diversen Kommunistischen Parteien liegt, sondern bei den drei Genossen Kissel, Bina und Mayer. Denn wenn wir die Bedeutung der Umwelt- und Klimafrage betonen, meinen wir damit doch nicht, dass aufgrund der Brisanz des Themas die Revolution früher auf die Tagesordnung gesetzt werden soll als es objektiv möglich ist. Die Geschichte lehrt ja anhand vieler Beispiele, dass es keine „Abkürzungen“ zur Revolution gibt, nur weil die Kommunisten es wollen. Und nichts von dem, was wir geschrieben haben, legt eine solche Deutung nahe. Wir meinen etwas anderes: Dass das Problem in seiner objektiven Relevanz und Tragweite anerkannt werden und ihm ein berechtigter Platz in der kommunistischen Agitation und Propaganda zugestanden werden muss. Dass wenn junge Leute sich jetzt an der Umweltfrage antikapitalistisch politisieren, wenn auch ältere Leute beginnen infrage zu stellen, ob das bestehende System dafür irgendwelche Lösungen zu bieten hat, es politisch absolut fatal ist, wenn Kommunisten sie dafür kritisieren, anstatt sie in ihrer richtigen Erkenntnis zu bestärken und mit ihnen darüber zu diskutieren, wie denn eine Gesellschaft aussehen würde, die das Problem tatsächlich lösen und nicht nur verwalten würde.
Um hier jedes mögliche Missverständnis zu vermeiden: Damit soll nicht gesagt sein, dass es möglich ist, Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“ tatsächlich unter eine proletarische Hegemonie zu stellen. Dies darf man wohl bezweifeln, jedenfalls ist es eine ganz andere Frage, die konkret zu untersuchen wäre. Möglicherweise gilt das sogar für die Umweltbewegung insgesamt, die sich aufgrund ihres Charakters mehrheitlich eher aus dem Kleinbürgertum rekrutiert als aus der Arbeiterklasse (darauf hatten wir in unserem ersten Artikel bereits hingewiesen). Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Bewegungen nicht aufgrund richtiger Erkenntnisse auch berechtigte Fragen aufwerfen (auf die sie dann meistens falsche Antworten geben). Weil das aber so ist, ist es unbedingt notwendig, dass die Kommunisten hier eine korrekte wissenschaftliche Position vertreten und auch anhand der Umweltfrage Propaganda für den Sozialismus machen.
Der Text von Kissel et al. beschränkt sich hingegen darauf, Kritik sowohl an der bürgerlichen Umweltbewegung wie auch an den Kommunisten zu üben, die im Rahmen der Klimabewegung Forderungen aufstellen. So heißt es bei ihnen: „Andere Forderungen nach einem Fonds oder nach Besteuerung der Konzerne, nach Senkung der Rüstungsausgaben blenden die Machtfrage im Kapitalismus, also die Frage der Staatsmacht, aus und vermitteln Illusionen in die Möglichkeit der Reform des Kapitalismus“. Ist das so? Blenden Forderungen nach Besteuerung der Konzerne per se die Machtfrage aus? Warum soll es nicht möglich sein, eine höhere Besteuerung der Monopole zur Finanzierung von Umweltschutzmaßnahmen zu fordern und für diese Frage die Arbeiterklasse oder andere Volksschichten zu mobilisieren? Ist es dann überhaupt nicht möglich, im Kapitalismus Forderungen an den Staat zu stellen? Sollte eine kommunistische Partei im Parlament also nicht für entsprechende Gesetze stimmen oder sie selbst einbringen? Während Kissel et al. bei unserer Position die Gefahr des Linksradikalismus wittern, bewegen sie sich solche Ausführungen in Wirklichkeit selbst in dessen Nähe.
Die Genossen verzichten leider darauf, ihrerseits auszuführen, welche Forderungen und Lösungen Kommunisten denn richtigerweise zur Umweltproblematik entwickeln sollten. Sicherlich muss es in einem ersten Diskussionsartikel nicht darum gehen, bereits einen entwickelten Katalog von möglichen Forderungen vorzulegen. Es wäre aber interessant gewesen zu erfahren, in welche grobe Richtung solche Forderungen nach Meinung der Autoren gehen könnten. Denn in diesem Politikbereich ganz auf Forderungen zu verzichten, ist sicher keine Option.
Schlussfolgerung:
Der Artikel von Kissel et al. folgt insgesamt einer problematischen Methode, die mir wenig geeignet erscheint, eine wissenschaftlich fundierte Position zur Klimafrage zu entwickeln: Die Genossen formulieren allgemeine Aussagen, die in einem speziellen Sinne richtig sind und unter Marxisten wohl auch allgemein geteilt werden, um sie dann aber so zu verallgemeinern, dass ein schiefes Ergebnis dabei herauskommt. Aus der dialektischen Binsenwahrheit, dass es keine ewig unveränderlichen Zustände gibt, wird so gefolgert oder zumindest nahegelegt, dass Gleichgewichtszustände und Kreisläufe in der Natur keine Rolle spielen. Aus der Tatsache, dass auch in den Naturwissenschaften Kapitalinteressen einen Einfluss auf die Forschung haben, wird ein grundsätzlicher Skeptizismus gegenüber den Erkenntnissen der Naturwissenschaften gemacht, sodass man sich nicht einmal auf handfeste Forschungsergebnisse der Gesamtheit der Klimawissenschaftler dieser Welt verlassen können soll. Weil es möglich war, den ein oder anderen verseuchten Fluss wieder einigermaßen sauber zu kriegen oder andere lokal begrenzte Umweltprobleme zu lösen, legen sie nahe, dass der Kapitalismus grundsätzlich auch mit nachhaltigem Umweltschutz vereinbar sein könnte. Weil es auch im Sozialismus noch Situationen geben wird, wo Umweltzerstörungen in größerem Maße sich nicht vermeiden lassen, halten sie es für grundsätzlich falsch, für den Sozialismus auch mit dem Argument zu werben, dass er klimafreundlicher ist als der Kapitalismus. Meines Erachtens lässt sich keine dieser Schlussfolgerungen aufrecht erhalten.
Besser wäre es gewesen, konkret zu den eigentlichen Fragen der Debatte Stellung zu nehmen: Was sind die Ursachen der globalen Erwärmung? Mit welchen Folgen muss die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten rechnen? Unter welchen Bedingungen kann das Problem gelöst werden und unter welchen nicht? Wie müssen Kommunisten diesen Umstand in ihrer Strategie und Taktik berücksichtigen?
Auf diese Fragen finden wir im Text von Kissel et al. keine Antworten, sondern bestenfalls relativ vage Andeutungen. Das sind aber die Fragen, auf die sich die Debatte in der nächsten Zeit fokussieren sollte, um einen marxistisch-leninistischen Standpunkt zur Klimafrage zu entwickeln.
Literatur:
Brain, Stephen 2010: The Great Stalin Plan for the Transformation of Nature, Environmental History 15 (5), 670-700
IPCC 2018: Global Warming of 1.5°C. An IPCC Special Report on the impacts of global warming of 1.5°C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty, online unter:https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/sites/2/2019/06/SR15_Full_Report_Low_Res.pdf, 28.10.2019.
junge Welt: Marxismus und Klimawandel, Ausgabe vom 12.10.2019.
Kern, Verena 2019: Klimawandel: Vielleicht bleiben nur zehn Jahre zu Rettung des Planeten, Frankfurter Rundschau 26.7.2019.
KKE 2013: Theoretical Issues regarding the Programme of the Communist Party of Greece, online unter: https://inter.kke.gr/en/articles/Theoretical-Issues-regarding-the-Programme-of-the-Communist-Party-of-Greece-KKE/ , 28.10.2019.
Riahi, Keywan et al., 2011: RCP 8.5 – A scenario of comparatively high greenhouse gas emissions. Climatic Change, 109(1), S. 33-57.
Rizospastis 2019: Η αντιμετώπιση της κλιματικής αλλαγής είναι πολιτικό πρόβλημα, σύγκρουσης ταξικώνσυμφερόντων (übersetzt: Die Bekämpfungdes Klimawandels ist ein politisches Problem, ein Konflikt der Klasseninteressen), 19/20.10.2019.
Röhrlich, Dagmar 2019: Meeresgletscher schmelzen schneller als gedacht, Deutschlandfunk 30.7.2019.
Thunberg, Greta 2019: “Our house is on fire”: Greta Thunberg, 16, urges leaders to act on climate, The Guardian 25.1.2019.
Die von der
Bundesregierung beschlossene Grundrente wird nichts an der steigenden
Altersarmut ändern. Es werden nur wenige Rentner diese zusätzliche
Rente bekommen, denn die Voraussetzung, 35 Jahre in die Rentenkasse
eingezahlt zu haben, erfüllen viele nicht. Es werden circa 1,5
Millionen Menschen sein, die eventuell die Grundrente bekommen. Diese
soll 10 % über der Grundsicherung, der Sozialhilfe im Alter,
liegen. Das sind 80 Euro, denn die Grundsicherung liegt im
Durchschnitt bei 800 Euro. Wer also die Voraussetzungen erfüllt, hat
dann 880 Euro Rente. Das ist ein sozialpolitischer Witz und nicht ein
„Meilenstein“, wie die SPD behauptet.
Es gibt aber eine
weitere Voraussetzung für die Grundrente, nämlich die
Einkommensprüfung. Wer mehr als 1250 Euro im Monat an Einkommen hat,
bekommt die Grundrente nicht. Und wer mit seinem Partner mehr als
1950 Euro im Monat hat, auch nicht. Das heißt, die oft bemühte
Friseurin, die 600 Euro Rente bekommt, würde leer ausgehen, wenn ihr
Mann 1350 Euro Einkommen hat. Dadurch werden insbesondere Frauen
benachteiligt.
Für die 1,5
Millionen Rentner, die jetzt Grundrente bekommen sollen, plant die
Bundesregierung, 1,5 Milliarden Euro auszugeben. Für einen
„Zukunftsfonds“ zur Subventionierung von Unternehmen will sie
dagegen 10 Milliarden ausgeben. Der Rüstungshaushalt liegt bei über
40 Milliarden Euro und für E-Autos soll es 2000 Euro für jeden Kauf
geben, ganz ohne Bedürftigkeitsprüfung. Die Interessen, mit denen
der Haushalt geplant wird, liegen auf der Hand. Es sind nicht die der
Arbeiterklasse.
Allgemeines zur Rente in Deutschland: Es gibt im Moment rund 20 Millionen Rentner in Deutschland. Davon hätten 1 Million Anspruch auf Grundsicherung im Alter, also Sozialhilfe. Aber nur 500.000 beziehen sie, der Rest schämt sich zum Amt zu gehen. Das Ausmaß der niedrigen Renten ist aber viel größer. Die Hälfte der Rentner, also rund 10 Millionen, erhält eine Rente unter 900 Euro, knapp 60 % erhielt eine Rente unter 1000 Euro. Die Standardrente erhält man nach 45 Beitragsjahren und würde im Moment ca. 1163 netto betragen. Aber 75 % der Rentner erreichen die Standardrente nicht. Die durchschnittlichen Versicherungsjahre liegen bei 36,9 Jahren. Da auch die Löhne niedriger sind als die in der Eckrente angenommenen, liegen die Renten viel niedriger. Die durchschnittliche Rente lag 2017 bei 873 Euro und damit nur knapp über der durchschnittlichen Grundsicherung.
Die Regierung will
die Standardrente in Zukunft auf 55,7 % des Nettolohns drücken.
Das würde aktuell bedeuten, dass die durchschnittliche Rente nur
noch 742 Euro betragen würde. Bis 1991 lag die Rente bei 70 %
des Nettolohns. Daran lässt sich erkennen, welch drastische
Rentenkürzung von den Regierungen unter CDU und FDP und SPD und
Grünen durchgesetzt wurden.
Richtige Forderungen
sind: Zurück zur Rente mit 70 % des Nettolohns. Absenken des
Eintrittsalters auf 60 Jahre.
Der Hintergrund ist,
dass die Löhne seit Jahrzehnten kaum steigen und damit auch nicht
die Beiträge in die Rentenversicherung. Denn Rente ist ein Teil vom
Lohn, sie gehört zu den Reproduktionskosten der Arbeitskraft, ebenso
wie die Krankenversicherung und die Arbeitslosenversicherung. Die
Unternehmen wollen deshalb auch diese Lohnbestandteile stetig senken.
Der Beitrag zur Rentenversicherung darf aus Sicht des Kapitals auf
gar keinen Fall angehoben werden. Das wäre quasi eine Lohnerhöhung
und damit ein Minus auf der Seite der Profite. Die Grundrente ist ein
Teil dieser Politik, denn sie wird über Steuergelder finanziert und
lässt damit die Kapitalseite aus der Finanzierung raus.
Oft wird behauptet,
es gäbe zu viele Alte und zu wenig junge Beitragszahler und deshalb
müsse die Rente gesenkt werden. Das ist falsch, denn die
Produktivität steigt kontinuierlich. Das heißt, ein Arbeiter
produziert heute in einer Arbeitsstunde ein Vielfaches von dem in den
1950er Jahren. Er wäre also locker in der Lage, damit mehr Alte zu
finanzieren. Die Rentenversicherung wird aber von Monopolen und Staat
gezielt ausgehöhlt, um die Profite zu sichern.
Es gibt Leistungen,
die aus der Rentenkasse bezahlt werden, ohne dass dafür eingezahlt
wurde, wie zum Beispiel die Mütterrente, die Frauen Rente für die
Zeit der Kindererziehung zugesteht. Oder auch Witwenrenten und
Altersrenten, die vor dem 65. Lebensjahr ausgezahlt werden. Diese
Ausgaben sind natürlich richtig und wichtig. Sie müssten aber
eigentlich über höhere Steuern für Unternehmen finanziert werden,
da die Rentenkasse sonst in Schieflage gerät, weil ja vorher die
Summen nicht eingeflossen sind. Gesellschaftliche Aufgaben werden so
auf die Sozialversicherungen aufgebürdet, die eigentlich ein
Lohnfonds sind.
Auf der anderen
Seite werden Steuergelder in die Rentenkasse gegeben, um die
Rentenzahlungen zu bezuschussen. So wird über den Staatshaushalt zu
Gunsten des Kapitals umverteilt, da die Steuern zu Ungunsten der
Lohnabhängigen gestaltet sind. Es wäre also richtig, zu fordern,
dass mehr Beschäftigte, auch die über einer Einkommensgrenze in die
Rentenversicherung einzahlen müssen und dass die Steuern auf Kapital
und große Vermögen erhöht werden.
Die Kapitalisten und
ihr Staat betreiben die Absenkung der Rentenleistungen übrigens
nicht aus bösem Willen, sondern weil ihr System, die Konkurrenz, das
Streben nach höheren Profiten, sie dazu zwingt. Die
„Wettbewerbsfähigkeit“ oder „Standortsicherung“ vor allem
der großen Monopole muss hergestellt werden. Sie müssen mehr und
profitabler produzieren als ihre Konkurrenten aus Frankreich, den USA
oder China. Die Lohnkosten spielen gerade in einem hoch entwickelten
Industrieland wie Deutschland eine wichtige Rolle. Das Problem ist,
dass aufgrund des immer weiter ansteigenden Anteils der Maschinen in
der Produktion die Profitrate sinkt, da nur die lebendige
Arbeitskraft Mehrwert schafft. Während also die Summe der Profite
weiter steigt, nimmt der Profit im Verhältnis zum eingesetzten
Kapital weiter ab. Diese Tendenz der sinkenden Profitrate soll durch
das Absenken der Löhne abgeschwächt werden. Das ist die ökonomische
Gesetzmäßigkeit hinter dem Druck der Monopole und ihres Staats auf
Löhne und Sozialversicherungen.
Der Kapitalismus ist
also nicht in der Lage, Löhne von denen alle (auch im Alter) leben
können, zu zahlen, denn die Profitraten sinken. Ähnliches gilt für
die Frage der Versorgung von Kindern, die ohne Kindergeld kaum mehr
möglich wäre. Das heißt, dass die Lösung der Rentenfrage im
Kapitalismus nicht möglich ist. Kampf für höhere Löhne und Renten
dagegen schon. Ein gemeinsamer Kampf der Arbeiterklasse auch um die
Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge der Unternehmen ist
notwendig.
Symbolpolitik wie
der Beschluss zur Grundrente sollen den Eindruck erwecken, dass der
Staat handlungsfähig sei und Verbesserungen möglich sind. Aber
diese Politik ist nicht nur Augenwischerei, sie bringt auch eine
weitere Verschlechterung der Lage mit sich. Denn das
Sozialversicherungssystem wird weiter ausgehöhlt.
Die
Einkommensprüfung bedeutet nichts anderes als eine
Bedürftigkeitsprüfung, vor allem weil es sich um Rentner mit
niedrigen Einkommen handelt, die wohl kaum über viel Vermögen
verfügen. Aber Bedürftigkeitsprüfungen gehören eigentlich nicht
in die Rentenversicherung. Wie oben beschrieben, fallen viele der
Rentner raus, weil sie weniger als 35 Jahre eingezahlt haben. Hinzu
kommt, dass von den zehn Millionen Rentnern, die im Moment weniger
als 900 Euro Rente beziehen, die meisten einen Partner haben, der
auch über eine Rente oder Einkommen verfügt. Sonst wäre der Anteil
der Rentner, die Anspruch auf Grundsicherung hätten, viel höher.
Die Eigentlich müsste es einfach eine deutliche Rentenerhöhung
insbesondere für Niedriglohn-Arbeiter geben – finanziert durch die
Rentenversicherung und durch die Erhöhung der Beiträge der
Unternehmen. Ohne weitere Prüfung der Einkommen, denn es müsste ja
darum gehen, dass auch alleinstehende Rentner und Rentnerinnen mehr
Rente bekommen. Das Gespenst der Zahnarztgattin, die dann Grundrente
bekommen würde, obwohl ihr Mann reich ist, ist Unsinn. Wer 35 Jahre
in die Rentenkasse gezahlt hat und eine so niedrige Rente hat, gehört
nicht zu Betuchten dieses Landes.
Statt einer
Rentenerhöhung hat die Bundesregierung zusätzlich beschlossen, dass
Betriebsrenten mehr gefördert werden und ab einer Grenze keine
Beiträge mehr zur Krankenversicherung abgeführt werden müssen. Den
Krankenkassen werden dadurch 1,2 Milliarden Euro fehlen. Hinzu kommt,
dass die Betriebsrenten der Arbeitgeber an Geringverdiener stärker
gefördert werden und Mitarbeiterkapitalbeteiligungen zu einem
wesentlich höheren Betrag steuerfrei sein sollen. Das heißt, dass
die Spaltung der Arbeiter vorangetrieben wird, da sie nicht alle
gleichermaßen von der gesetzlichen Rentenversicherung abhängig
sind. Und die Unternehmen können dabei auch noch Steuern sparen.
Zur Betriebsrente: Betriebsrenten sind eine Form der privaten Altersvorsorge, die entweder vom Lohn abgezogen wird (Bruttoentgeltumwandlung, z.B. die Metall-Rente) oder arbeitgeberfinanziert wird (aktuelle Forderung der IG Metall). Beides ist zum Nachteil der Arbeiterklasse, da die gesetzliche Rentenversicherung dadurch geschwächt wird. Sie ist eine Solidarversicherung, in der eine gewisse Umverteilung zu Gunsten der Geringverdiener stattfindet. Das ist bei der Betriebsrente nicht der Fall, von der ja nur die Beschäftigten eines Betriebs profitieren. Zudem kann der Arbeitgeber die Ausgaben für die Betriebsrente als Betriebsausgaben deklarieren und muss darauf keine Sozialversicherung zahlen. Bisher musste die Versicherten Beiträge zur Krankenversicherung von der Betriebsrente bezahlen. Das wird nun abgesenkt. Das ist ein Vorteil für die Betriebsrentner und soll die Betriebsrenten attraktiver machen. Es ist aber ein Nachteil für die Krankenversicherung, der die Gelder fehlen. Insgesamt ist also die Ausweitung der Betriebsrenten zum Nachteil der Arbeiterklasse und trägt zu ihrer Schwächung bei. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass im Vorfeld des IG Metall-Gewerkschaftstages die Orientierung des Vorstands klar auf der Stärkung der Betriebsrenten lag. Erst in den Delegiertenversammlungen und auf dem Gewerkschaftstag wurde der Schwerpunkt auf den Kampf für die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung gelegt und auf die Probleme der Bruttoentgeltumwandlungen hingewiesen.
Zu guter Letzt wurde
beschlossen, dass der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung auf 2,4
Prozent abgesenkt werden soll, er hätte eigentlich wieder um 0,2
Prozentpunkte steigen müssen. Dadurch werden „Arbeitgeber“ und
„Arbeitnehmer“ um 1,2 Milliarden Euro „entlastet“, wie es
beschönigend heißt. Tatsächlich ist es aber eine weitere
Einsparung von Lohnkosten für das Kapital.
Ein Rechenbeispiel:
Wer 3000 Euro brutto verdient, wurde um 6 Euro „entlastet“. Ein
Unternehmen, das 100.000 Arbeiter beschäftigt, die 3000 Euro brutto
verdienen wird um 600.000 Euro entlastet. Während der Unternehmer
Kosten spart, erhält der Arbeiter einen Teil seines Lohns gleich
statt ihn in die Kasse einzuzahlen, aus der er Ersatzlohn erhält,
wenn er arbeitslos ist.
Insgesamt ist der
Beschluss der Bundesregierung also nicht nur ein Tropfen auf den
heißen Stein, sondern ein weiterer Schritt in der Aushöhlung der
Sozialversicherungen. Scheinbare Verbesserungen enthalten oft
Verschlechterungen für die Arbeiterklasse. Aber das sollte uns auch
nicht weiter wundern, ist es doch der Staat der Monopole und nicht
unserer.
Die Forderung der
Linkspartei, die Beitragsjahre für die Grundrente auf 25 abzusenken
und eine Mindestrente einzuführen, sind nicht falsch, ebenso wie die
Abschaffung der Rente mit 67. Die PDL orientiert aber auf eine
Regierung mit SPD und Grünen, eben jenen Parteien, die maßgeblich
zum Absenken der Rente beigetragen haben und bewiesen haben, dass sie
Politik im Interesse des Kapitals machen. Die PDL selbst hat bereits
praktisch bewiesen, dass sie als Verwalter der bürgerlichen
Herrschaft gute Dienste leistet. Mit dem Versprechen, durch eine
„linke“ Regierung könnte man die Probleme lösen, wird die
Illusion in den neutralen Staat verbreitet, die Klasseninteressen
verwischt und damit die Arbeiterklasse geschwächt.
Die Arbeiterklasse braucht keine Orientierung auf bürgerliche Regierungen, sondern muss die Schritte in ihrem Kampf für ihre konkreten Interessen verbinden mit dem Kampf für die sozialistische Revolution.
Die Kampagne gegen den demokratisch gewählten bolivianischen Präsidenten Evo Morales und seine Partei Movimiento al Socialismo (Bewegung zum Sozialismus – MAS) hat sich im letzten Jahr zugespitzt und am letzten Wochenende mit dem erzwungenen Abtreten von Morales einen bitteren Höhepunkt gefunden. Teile von Militär und Polizei haben sich auf die Seite der ultrarechten Opposition gestellt und durch Gewaltakte, Entführungen und das Plündern und Zerstören von Wohnungen Druck auf Politiker der MAS aufgebaut, von ihren Posten zurück zu treten.
Die Oppositionsbewegung gibt sich demokratisch, stellt sich gegen den angeblichen Diktator Morales und präsentiert sich bunt und jugendlich. Doch die vor allem auch rassistischen Exzesse durch Polizei und Militär aus den letzten Tagen zeigen eindeutig die tatsächliche Stoßrichtung auf. Die Anerkennung und Ermächtigung der indigenen Bevölkerung, der Ausbau des Bildungs- und Gesundheitswesens zu Ungunsten von privaten Konzernen und allem voran die Verstaatlichung zentraler Industriezweige waren dem US-Imperialismus und der abhängigen bolivianischen Bourgeoisie ein Dorn im Auge.
Im Gegensatz zu Venezuela basieren die Entwicklungen, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Volksschichten bedeutet haben, nicht nur auf dem Verkauf von Öl, sondern auf einem Ausbau der Produktivkräfte in staatlicher Hand. Allerdings ist auch in Bolivien die Staatsmacht nicht in der Hand des Proletariats und der mit ihm verbündeten Schichten. In Venezuela konnte dies durch die ideologische Verbundenheit des Militärs mit dem bolivarischen Prozess abgefangen werden, was in Bolivien nicht möglich war.
Nach dem Putsch folgt nun der Terror gegen Aktivisten der Volksbewegungen und Anhänger der Regierung. Die Polizei geht mit großer Brutalität gegen Demonstrationen der Volksmassen vor und führt überall Razzien in den Armenvierteln durch, die sich gegen die Volksbewegungen richten. Indigene Aktivisten, Gewerkschafter oder Anhänger der MAS werden beschimpft, geschlagen und gefoltert.
Die massenhaften und kämpferischen Demonstrationen gegen die Putschisten in den letzten Tagen geben Hoffnung und zeigen ein mutiges und wehrhaftes Volk, das bereit ist, die Errungenschaften der letzten 13 Jahre zu verteidigen. Die massenhaften und kämpferischen Demonstranten rufen die Parole „ahora si, guerra civil“ (übersetzt ungefähr: „Bürgerkrieg jetzt!“). Es wird sich in den nächsten Tagen erst zeigen wie sich die Bewegung entwickelt und ob daraus bewaffnete Volkseinheiten entstehen und wie die reaktionären Kräfte darauf reagieren werden.
Es ist bezeichnend, dass die deutsche Bundesregierung keine 24 Stunden vergehen lässt, um den Putsch zu begrüßen. Dies zeigt, wie viel ihr an Demokratie und Menschenrechten liegt, wenn eine demokratisch gewählte Regierung die Imperialisten des Landes verweist. Dies erinnert an die Freudenschreie deutscher Politiker über den Ausbruch der Demokratie in Chile, als am 11.9.1973 eine der blutigsten Militärdiktaturen des Kontinents begann. Erwähnenswert in diesem Kontext ist auch, dass das deutsch-bolivianische Lithium-Projekt, welches wenige Tage vor dem Putsch gestoppt wurde nun wieder als möglich gilt. Bolivien hat nach Argentinien das größte Lithium Vorkommen weltweit. Ein Rohstoff, der u.a. für Batterien für Elektroautos und Smartphones verwendet wird.
Auch das Neue Deutschland, die Zeitung der Linkspartei, sowie die als „linksalternativ“ geltende „taz“ rechtfertigen den Putsch. So heißt es im Neuen Deutschland: „Es ist nicht schön, wie sich Evo Morales aus dem Präsidentenamt verabschieden musste. Für Boliviens Demokratie ist es aber wichtig und richtig, dass endlich jemand anderes auf Morales folgt.“ („Loslassen lernen“, Neues Deutschland 11.11.2019). Auch diese Kräfte beweisen ein weiteres Mal, dass sie im Zweifelsfall auf der Seite des Imperialismus und der Reaktion stehen.
Wir verurteilen den verbrecherischen Putsch, der mit Unterstützung ausländischer imperialistischer Staaten, darunter die USA und die BRD, durchgeführt wurde. Wir solidarisieren uns mit dem bolivianischen Volk und seinem Widerstand. Wir betonen, dass das bolivianische Volk jedes Recht hat, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, auch mit Gewalt, seine Errungenschaften zu verteidigen und die Reaktion zurück zuschlagen.
Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten; Dem Erschlagenen entstellt der Sieger die Züge, aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.
Berthold Brecht In „Das Verhör des Lukullus“
Einleitung
Vor 30 Jahren, am 9.
November 1989, wurde die Grenze geöffnet, die zuvor die
sozialistische DDR von der imperialistischen BRD trennte und ihr
Schutz vor wirtschaftlicher Sabotage, Spionage und sonstigen
Aggressionen des imperialistischen Westens bot. Mehr noch: es fiel
eine internationale Trennungslinie der Systeme, die zuvor die Welt in
das imperialistische Lager, repräsentiert durch die NATO, und das
sozialistische Lager, repräsentiert durch den Warschauer Vertrag,
aufteilte. Mit ihr fiel die DDR. Auch 30 Jahre nach dem sogenannten
Mauerfall, 29 Jahre nach der offiziellen Angliederung der Deutschen
Demokratischen Republik an die Bundesrepublik, ist das Thema DDR
längst nicht vergessen.
Einerseits
in der ostdeutschen Bevölkerung, die die Zeit vor 1990 bewusst
miterlebte und -gestaltete. Hier haben viele Menschen häufig noch
positive Erinnerungen an die DDR. Andererseits ruft gerade diese
Stimmung andere auf den Plan: Schulbücher, bürgerliche Medien,
Politiker und Thinktanks überschlagen sich geradezu wieder in ihrer
Verunglimpfung jenes deutschen Staates. Jedes noch so irrelevante, an
den Haaren herbeigezogene Detail wird instrumentalisiert – nicht
selten kommt es auch zu Lügen oder starken Verzerrungen –, um die
DDR und ihr Wirken negativ darzustellen. Der deutsche Imperialismus
walzt die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik geradezu
aus, um sich selbst zu legitimieren. Es gibt keinen Zweifel, die 40
Jahre, die der Sozialismus auf deutschem Boden existierte, dürfen in
keiner positiven Erinnerung verbleiben. Antikommunismus gehört nach
wie vor zum Standardrepertoire der Geschichtsschreibung und Politik
des deutschen Imperialismus. Zufrieden sollen wir sein und glücklich
über die „Freiheit“ und „Demokratie“, die das Ende der DDR
für uns offenbarte. Niemals soll es wieder soweit kommen, dass die
Werktätigen dieses Landes ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.
Doch so recht ist die DDR
nicht tot zu kriegen. Die Tatsache, dass die meisten ehemalige
DDR-Bürger nach wie vor positiv über die DDR denken, ihre
verheerenden Erfahrungen mit der Deindustrialisierung in den 90er
Jahren gemacht haben und der auch damit verbundene, offensichtliche
Vertrauensverlust breiter Bevölkerungsteile gegenüber den
etablierten Parteien, führt zu einem scheinbaren Entgegenkommen in
der DDR-Berichterstattung. So verbindet sich das oberflächliche
Ernstnehmen der individuellen Lebensgeschichten der Menschen mit der
Erzählung der „SED-Diktatur“. Das Mantra der 1990er Jahre
vom „Ende der Geschichte“ ist dem Paradigma der
Alternativlosigkeit des marktwirtschaftlichen Systems gewichen. Zwar
seien einige Episoden der Abwicklung der DDR ungünstig verlaufen,
aber letztlich wogen die bürgerlichen Freiheitsrechte mehr. Und wie
Wolfgang Thierse (ehemaliger DDR-Oppositioneller und Mitglied der
SPD) erst kürzlich sagte: „Man muss daran erinnern, dass Helmut
Kohl 1990 viel versprochen hat, und dass die Wunder halt länger
dauern“ (SWR 2019).
Für diese Art der
Geschichtsschreibung ist das Gerede der „zwei deutschen Diktaturen“
wesentlich. Mit der unwissenschaftlichen Totalitarismus-Theorie wird
dabei eine völlig inhaltsleere Gleichsetzung von Faschismus und
Sozialismus betrieben, um so die bürgerliche Ordnung der
Bundesrepublik als einzige wahrhaftig demokratische Alternative
erscheinen zu lassen. Neben der Verunglimpfung des Sozialismus wird
so gleichzeitig auch die Bedeutung faschistischer Eliten aus Militär,
Wirtschaft und Politik für den Aufbau der BRD und der Zusammenhang
von Faschismus und Kapitalismus grundsätzlich abgewiegelt. Während
nach der Befreiung im Mai 1945 in den Besatzungszonen der
West-Alliierten angeblich schnell ein demokratisches System etabliert
worden wäre, wäre in der sowjetischen Besatzungszone gleich die
nächste Schreckensherrschaft gefolgt: die „SED-Diktatur“.
Bürgerliche
Geschichtsschreibung, Presse und Politiker jedweder parteipolitischen
Couleur erzählen uns seit nunmehr 30 Jahren fast immer das Gleiche
über die sogenannte Wende. Die Grenzöffnung wird zu einer
friedlichen Revolution umgedichtet: Im Herbst 1989 zwang schließlich
ein ganzes Volk seine Unterdrücker erfolgreich in die Knie und
bahnte sich den lang ersehnten Weg in ein Leben in Freiheit und
Demokratie. 40 Jahre führten 16 Millionen Deutsche ein durch
Unterdrückung und Überwachung, Mangel und Entsagung geprägtes
Leben. Erst in den späten 1980er Jahren fanden sie zu der Stärke,
das allgemeine Menschheitsinteresse zu erkämpfen: die bürgerliche
Freiheit. Allerdings stießen sie um, was sowieso gefallen wäre. Der
Untergang des Sozialismus in der DDR sei ohnehin notwendig gewesen,
denn die Planwirtschaft als solche sei nicht funktions- und
überlebensfähig. Geringe Produktivität der sozialistischen
Planwirtschaft, die sich im allgegenwärtigen Mangel und der
Unterversorgung der Bevölkerung ausdrückte, aber auch die
überalterten Produktionsanlagen der DDR-Industrie, die enorme
Auslandsverschuldung der DDR und ihre fehlende Konkurrenzfähigkeit
auf dem Weltmarkt hätten das Schicksal des Sozialismus auch ohne
sein aufbegehrendes Volk bald besiegelt. Das Ende der „Unterdrückung
der Menschheit“ war also unvermeidlich und 1989 war die Zeit des
„Totalitarismus“ endlich überstanden. So oder so ähnlich
schallt es aus allen Kanälen.
Doch warum darf es keine
davon abweichende Auseinandersetzung mit der Geschichte der Deutschen
Demokratischen Republik geben? Warum muss in der etablierten
Geschichtsschreibung das Bild dieses Staates offenbar unbedingt ein
negatives sein? Und welches Bild der DDR müssen wir der herrschenden
Propaganda entgegenstellen?
In diesem Artikel wollen
wir erklären, welche Rolle die Grenzöffnung, als Sinnbild für die
vollzogene Konterrevolution in der DDR, für den BRD-Imperialismus,
die (ost-)deutsche Arbeiterklasse und die Völker der Welt spielte.
Unserer Ansicht nach ist der 9. November ’89 kein Tag der Freude,
sondern ein Tag der Niederlage der Arbeiterklasse. Wir wollen jedoch
auch unsere Schlussfolgerungen aus der Geschichte ziehen. Die
Niederlage des Sozialismus ist schließlich vor allem auf
Fehlentwicklungen im sozialistischen Lager selbst zurückzuführen,
die es für uns zu analysieren gilt. „An den Errungenschaften
anknüpfend, aus den Fehlern lernend“ ist dabei die Losung, mit der
wir eine wissenschaftliche, klassenbewusste und in die Zukunft
gerichtete Auseinandersetzung mit der Geschichte des ersten
sozialistischen Staates auf deutschem Boden etablieren wollen. Ein
abschließender Teil dieses Artikels wird sich also auch der Frage
widmen, wie es zur Konterrevolution in der DDR kommen konnte. Es soll
an dieser Stelle vorgemerkt werden, dass wir als Kommunistische
Organisation noch nicht über eine ausgearbeitete Niederlagenanalyse
verfügen und deshalb nur grobe Problemkomplexe nennen können, von
denen wir bis dato der Meinung sind, dass sie entscheidend sind, um
die Konterrevolution zu erklären. Für die notwendige umfassende
Klärung der Geschichte der DDR ist der von uns angestoßene
Klärungsprozess vorgesehen. Hingewiesen sei an dieser Stelle nochmal
auf den kürzlich von uns, in Zusammenarbeit mit offen-siv und KPD,
neu aufgelegten Sammelband „Unter Feuer – Die Konterrevolution in
der DDR“, der neben weiteren Veröffentlichungen bereits wichtige
erste Ansätze zur Diskussion liefert.
Teil I – Die BRD und die DDR
Deutschland greift zur Weltmacht – ein Blick in die Geschichte
Um die BRD-Propaganda
bezüglich der DDR zu verstehen, ist es wichtig nachzuvollziehen,
welche Rolle die DDR für den deutschen Imperialismus gespielt hat
und immer noch spielt. Hierfür müssen wir vorerst einen Blick in
die Geschichte des deutschen Imperialismus werfen.
Vergleichsweise spät setzte sich in Deutschland der Kapitalismus und damit die Bourgeoisie als herrschende Klasse durch. Mit der zunehmenden Konzentration und Zentralisation von Kapital bildete sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert der Imperialismus (siehe BolscheWiki) als letztes Stadium des Kapitalismus heraus. Innen- aber vor allem auch außenpolitisch wollte das entstandene deutsche Monopolkapital nun seinem Interesse nach Extraprofiten durch die Kontrolle von Rohstoffen und Absatzmärkten Geltung verleihen. Doch zu dieser Zeit war die Welt bereits aufgeteilt: die anderen imperialistischen Länder wie Großbritannien oder Frankreich hatten sich überall in der Welt ihre Pfründe gesichert. Der deutsche Imperialismus kam zu spät, um – ohne Konflikte mit diesen Ländern zu riskieren – ebenfalls an Kolonien, Absatzmärkte, Rohstoffe, Einflusssphären im großen Stil zu kommen. Die rasche Entwicklung des deutschen Imperialismus, die enorme Monopolisierung der Wirtschaft und das Weltmachtstreben auf der einen, doch die bei der Aufteilung der Welt unterrepräsentierten deutschen Kapitalinteressen auf der anderen Seite, waren der Nährboden für einen besonders aggressiven Militarismus. Dieser endete im großen imperialistischen Kampf um die Neuaufteilung, die niemand so herbeigesehnt hatte wie die deutschen Monopole: im Ersten Weltkrieg. Dieser erste Versuch des deutschen Imperialismus, sich zur Weltmacht zu erheben, scheiterte nach vier Jahren kläglich. Stattdessen hatte der Krieg die siegreiche sozialistische Oktoberrevolution 1917 in Russland und die Novemberrevolution 1918 in Deutschland zur Folge. Letztere rang der Bourgeoisie Zugeständnisse im Sinne des Proletariats ab, wie zum Beispiel den Achtstundentag (Vgl. Gossweiler 2013, 93). Aber trotz der damaligen Schwäche des deutschen Imperialismus konnte ihn die Novemberrevolution nicht zu Boden ringen. Politisch gespalten, desorientiert und letztlich bekämpft durch den großen Einfluss der SPD und ihres Opportunismus war die deutsche Arbeiterbewegung 1918 bis 1923 nicht in der Lage, die Staatsmacht und damit die Oberhand im Klassenkampf zu gewinnen; ihr Kampf wurde in Bahnen gelenkt, die für den Kapitalismus ungefährlich waren. Die erst im Laufe der Revolution gegründete Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) war noch zu schwach, zu wenig kampferprobt und selbst ohne ausreichende Klarheit, um den revolutionären Erhebungen des Proletariats eine Orientierung zu verleihen und sie von eben jenem integrierenden Einfluss der SPD abhalten zu können.
Vom Ausgang des Krieges
geschwächt und in seiner Entwicklung zurückgeworfen, trachtete der
deutsche Imperialismus nach einer Revanche, die seine
wirtschaftlichen und politischen Verluste, die ihm der Versailler
Vertrag beschert hatte, rückgängig machen sollte. Doch der
wachsende Einfluss, den die KPD auf die deutsche Arbeiterklasse
hatte, war dabei hinderlich. Als dann Ende der 1920er Jahre auch noch
die große Weltwirtschaftskrise dem deutschen Kapital einen schweren
Schlag versetzte, war es soweit: Nach 14 Jahren der „demokratischen“
und scheinbar friedfertigen Weimarer Republik, die trotz allem nie
einem anderen Zweck diente als der Vorbereitung eines neuen Anlaufs
zur Weltmacht, wurde vom deutschen Monopolkapital offen die Karte des
Faschismus ausgespielt. Es folgte die massive Kriegsvorbereitung zum
erneuten Griff nach der Weltmacht. Die KPD als konsequenteste Kraft
gegen den imperialistischen Krieg musste vernichtet werden. Der
gesamten deutschen und internationalen Arbeiterbewegung wurde der
Kampf angesagt. Der deutsche Imperialismus beherrschte zeitweise halb
Europa und führte einen Vernichtungsfeldzug gegen die junge
Sowjetunion, die als damals einziger sozialistischer Staat eine
Bastion für die internationale revolutionäre Arbeiterbewegung in
der Arena der imperialistischen Mächte bedeutete.
Nach sechs Jahren des
Krieges schließlich zog die Rote Armee in Berlin ein, dem
Hitlerfaschismus blieb nur die bedingungslose Kapitulation. Der
deutsche Imperialismus hatte – maßgeblich durch den Kampf der
Völker der Sowjetunion – die schwerste Niederlage seiner
Geschichte einstecken müssen. Seine Herrschaft über weite Teile des
Kontinents war zerschlagen. Die mit der Ausbeutung ganzer Völker,
ihrer Arbeitskraft, Rohstoffe und Industrien stetig wachsenden
Profite nahmen ein jähes Ende. Damit nicht genug, gab es ein
Ereignis der Nachkriegszeit, das die deutsche Bourgeoisie nachhaltig
und bis ins Mark erschüttern sollte: die Gründung der Deutschen
Demokratischen Republik.
Bedeutung der DDR für den deutschen Imperialismus
Die DDR nahm vom gesamten
Territorium des heutigen Deutschlands fast ein Drittel ein. Das
bedeutete: ein Drittel ehemaliges Hoheitsgebiet des deutschen
Imperialismus, ein Drittel seines Herzstückes war verloren. Es war
die einmalige historische Situation, die das ermöglichte. Nur im
Angesicht seiner massiven Schwächung durch den Ausgang des Krieges
und mit der Unterstützung sowie vor allem dem Schutz durch die
Sowjetunion konnten in einem Teil Deutschlands die Monopolbourgeoisie
und die Großgrundbesitzer enteignet und eine neue sozialistische
Ordnung aufgebaut werden.
Die deutsche Bourgeoisie,
die Bankherren und Industriellen, die Großgrundbesitzer, die
Faschisten und Kriegstreiber konnten nach dem Krieg ihre Macht also
lediglich im Westen wieder etablieren. Nur dort konnten sie ihren
Privatbesitz an Produktionsmitteln und Boden unter dem Schutz der
Westalliierten vor Enteignungen bewahren. Die Gründung der BRD war
keineswegs ein Neuanfang, sondern die Fortsetzung der Macht des
deutschen Imperialismus, was allein die erschreckenden Erkenntnisse
darüber zeigen, wie viele wirtschaftliche, politische, militärische
und juristische Größen aus der Zeit des Faschismus ihre Karriere
nach 1949 unbeirrt fortsetzen konnten (Vgl. Schumann 2014, 129ff).
Der Antrieb für die deutsche Spaltung kam von den alten Eliten im
Westen, ganz nach dem Motto: „Lieber das halbe Deutschland ganz,
als das ganze Deutschland halb!“ (Buchholz et. al. 2019, 32).
In der DDR hingegen
nahmen nun jene ihr Schicksal in die Hand, die bis dato allein für
die Profite der Kapitalisten gearbeitet hatten und nicht minder für
sie in die imperialistischen Kriege gezogen waren: die Arbeiter in
den Fabriken, die Bauern auf den Feldern, sie alle zusammen im neuen,
ihrem eigenen Staat. Sie konnten das, weil sie in diesem Teil
Deutschlands die zentralen Produktionsmittel, die große Industrie
vom einstigen Besitz der deutschen Monopolbourgeoisie unter ihre
eigene Kontrolle nahmen. Gleiches galt für Grund und Boden. Dem
Kapital war die Machtgrundlage, die Verfügung über die
gesellschaftliche Produktion genommen worden. Industrien, in denen
die Arbeiter zuvor für den Profit ihrer Privatbesitzer produzierten,
wurden volkseigen. Mit der Bodenreform wurden die Großbauern
enteignet und das Land u. a. an Landarbeiter gegeben. Bauern, die
sich lange Zeit auf dem kleinen Acker unter ihren Füßen und dem
Druck der Großgrundbesitzer auf ihren Schultern abarbeiteten,
bildeten nun Kollektive, die sogenannten Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften (kurz: LPG), in denen sie einzig für
sich und die Gesellschaft tätig waren.
Kurz: nichts und niemand
auf dem Gebiet der DDR tanzte mehr nach der Pfeife der deutschen
Imperialisten.
Doch nicht nur der
verlorene Einfluss war ein Problem für das deutsche Kapital, sondern
auch die Ausstrahlung der DDR selbst. Um zu verhindern, dass es zu
größeren Abwanderungen westdeutscher Arbeiter in den Osten kommt,
musste sich der BRD-Imperialismus positiv präsentieren. Das
machte Zugeständnisse an die Arbeiter in Form von sozialen Reformen
notwendig, die in der DDR grundlegend – aufgrund ihrer
sozialistischen Gesellschaftsordnung und der zentralen
Planwirtschaft, wodurch die Bedürfnisse des werktätigen Volkes
stets im Mittelpunkt standen – gegeben waren: soziale Absicherung,
ein funktionierendes Gesundheitssystem, flächendeckende
Kinderbetreuung und kostenlose Bildungseinrichtungen, Sicherheit am
Arbeitsplatz, niedrige Preise für Grundnahrungsmittel und so weiter.
Für ihre eigene Ordnung,
aber auch für den gesamten Block imperialistischer Staaten hatte die
BRD eine Art „Schaufenster-Funktion“ gegenüber den
sozialistischen Ländern und der internationalen Arbeiterklasse zu
erfüllen. Sie musste dem kapitalistischen System ein menschliches,
ein soziales und hoffnungsvolles Antlitz verleihen. Die Existenz der
DDR ist unzweifelhaft einer der Gründe für weitgehende
sozialstaatliche Maßnahmen und den vergleichsweise hohen
Lebensstandard, auch unter den westdeutschen Volksmassen gewesen.
Auf
Tarifauseinandersetzungen, gewerkschaftliche Kämpfe erzeugte die DDR
durch ihr bloßes Bestehen stets einen Effekt, der seitens der
Kapitalistenverbände Zugeständnisse an die Arbeiter im Betrieb –
sei es z. B. bei Lohnforderungen oder Arbeitszeitverkürzungen –
notwendig machte. Der Ausdruck „die DDR als dritter
Verhandlungspartner“ beschreibt das Phänomen treffend, das im
Rückblick auch damit bewiesen wird, wie offensiv die Angriffe auf
die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats und der
Volksmassen seit dem Ende der DDR geführt werden. Umfassende
Privatisierungen, breiter Ausbau des Niedriglohnsektors, Leiharbeit,
Hartz IV, Kürzungen im Gesundheitswesen und so weiter wären bei
gleichzeitiger Existenz eines sozialistischen Staates auf der anderen
Seite der Elbe wohl kaum denkbar gewesen. Gleichzeitig hatte das
Kapital keinen Zugriff mehr auf das Gebiet der DDR. Hiermit ist
gemeint, dass die BRD-Imperialisten und die Imperialisten allgemein
keinen Zugriff mehr auf die Rohstoffe und Arbeitskräfte hatten, dort
nicht mehr produzieren konnten und keinen Profit mehr aus dem Gebiet
schlagen konnten. Diese Problemlage für das Kapital beschränkte
sich dabei natürlich nicht nur auf das Gebiet der DDR. Es war
schließlich vom riesigen Absatzmarkt des Rates für Gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW) insgesamt weitestgehend ausgeschlossen.
Deutschland war also zum
Terrain des internationalen Klassenkampfes geworden, wo sich
internationale Bourgeoisie und Weltproletariat mit aller Schärfe
gegenübertraten, wo sich ihr unauflöslicher Widerspruch zuspitzte.
Die historische
Entwicklung zeigt, dass der deutsche Imperialismus auf Grund seiner
Lage und Widersprüche zu besonderer Aggressivität und damit auch zu
Instabilität getrieben war. Er wurde zum Knotenpunkt der
gesellschaftlichen Widersprüche. Kein anderer imperialistischer
Staat war in der Zwischenkriegszeit mit so einer starken
Arbeiterbewegung konfrontiert und 1945 sogar mit der Errichtung der
Arbeiter- und Bauernmacht auf dem eigenen Territorium.
Die DDR musste vernichtet werden
Die Wirkungen, die die DDR
auf die BRD, also den deutschen Imperialismus hatte, waren zweifellos
negativ für die Profite der Bourgeoisie. Mehr als das – die DDR
war das Haupthindernis für das Großmachtstreben, das natürlich
auch nach der schweren Niederlage 1945 ungebrochen blieb. Außerdem
schlug sich hier, wie eben erwähnt, die internationale
Klassenauseinandersetzung nieder, bei der es keinen Kompromiss und
keine Existenz in Einklang geben konnte.
Das konnte nur eins
bedeuten: die DDR musste weg! In den über 40 Jahren ihres Bestehens,
von der ersten Minute nach ihrer Gründung bis zum Ende 1990, war die
Vernichtung der DDR das Ziel des deutschen Imperialismus. Darauf
waren letztendlich alle Maßnahmen ausgerichtet, der Kampf fand auf
allen Ebenen und mit aller Schärfe statt. Dennoch musste vonseiten
des Imperialismus zunächst ein Weg – eine erfolgreiche Strategie –
gefunden werden, mit der die DDR in die Knie gezwungen werden konnte.
Die Tatsache, dass die BRD die Einheit Deutschlands 1949 nicht wollte
und zum anderen die DDR von Beginn an loswerden wollte, steht dabei
keinesfalls in einem Widerspruch. Die BRD musste politisch unbedingt
in die NATO integriert werden, um den Kampf gegen das sozialistische
Lager offensiv führen zu können. In diesem Sinne sind auch die oben
zitierten Worte Adenauers zu verstehen: „Lieber das halbe
Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb“. Ein einheitlich
blockfreies – wenn auch marktwirtschaftlich orientiertes
Deutschland, wie es in den Stalin-Noten vorgeschlagen wurde, –
hätte den antikommunistischen Strategien des Kapitals widersprochen.
Zwei Strategien
Wer sich ein bisschen mit
der Geschichte der Beziehungen zwischen den zwei deutschen Staaten ab
1949 beschäftigt, den überkommen vielleicht Zweifel bei der
Aussage, dass der deutsche Imperialismus über die gesamten 40 Jahre
hinweg die DDR vernichten wollte. Tatsächlich sah es auf den ersten
Blick nicht immer so aus, aber dazu später mehr. Widmen wir uns
zunächst der Zeit kurz nach der Gründung der BRD und der DDR.
Die BRD hatte starken
Rückhalt bei den Westalliierten und bekam unter anderem mit dem
Marshallplan eine massive wirtschaftliche Aufbauhilfe. Nicht ohne
Grund: für die imperialistischen Länder – das strebte besonders
der US-Imperialismus an – sollte die BRD ein Bollwerk gegen den
Sozialismus in Ost- und Mitteleuropa sein.
Das 1949 frisch
geschmiedete Kriegsbündnis der NATO war ein Meilenstein in der
imperialistischen Aggression und diente der gemeinsamen Aufrüstung
gegen den Sozialismus und der militärischen Entwicklung der BRD. Mit
der Gründung der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“
1951 und der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ ein paar
Jahre später, beides Vorläufer der Europäischen Union, erfolgte
auch die Vernetzung der europäischen imperialistischen Staaten gegen
den gemeinsamen Feind im Osten (aber auch gegen die dominante
Führungsrolle der USA). Zusammen mit Frankreich war die BRD bei
diesen Entwicklungen federführend.
Es war die Zeit des
„Containment“ und „Rollback“, also der „Eindämmung“ und
„Zurückdrängung“. Der Sozialismus, der sich nach dem Ende des
2. Weltkrieges in einem beachtlichen Teil Europas entwickelte, sollte
auf jeden Fall aufgehalten und langfristig zurückgeworfen werden.
Dafür waren alle Mittel recht. Es kam zur Aufrüstung im NATO-Block
und Drohgebärden bis hin zur Provokation atomarer
Auseinandersetzungen. Detaillierte Pläne für den nuklearen
Erstschlag existierten in der Hinterhand des Imperialismus,
„DROPSHOT“ war zum Beispiel einer der Kriegspläne der NATO, der
die Zerstörung ganzer sowjetischer Städte mittels Atombomben vorsah
(Vgl. Buchholz et. al. 2019, 124).
Auch das Provozieren von
Unruhen und Aufständen in den jungen sozialistischen Ländern war
wichtiger Bestandteil der „Rollback“-Strategie. Innenpolitische
Krisen sollten erzeugt, geschürt und ausgenutzt werden, um die
sozialistische Ordnung ins Wanken zu bringen. Der 17. Juni 1953 steht
exemplarisch für diese Politik. Als es darum ging, den planmäßigen
Aufbau des Sozialismus voranzubringen, wollte man Maßnahmen
umsetzen, die jedoch auf Unmut in der werktätigen Bevölkerung
stießen, da sie zur Wirtschaftsentwicklung eine Erhöhung der Normen
vorsahen (ebd., 153). Das nahm die BRD-Führung mit Unterstützung
der NATO zum willkommenen Anlass, ihre lange vorher und detailliert
ausgearbeiteten Pläne zum Putsch in der DDR umzusetzen. Sie nutzte
den bestehenden Unmut und half dabei, ihn – durch in mehreren
Städten eingeschleusten Unruhestiftern, aus Geheimdienstmitarbeitern
und faschistischen Terrorbanden – zum Protest zu entwickeln.
Angeheizt wurde das Ganze noch durch die westliche Berichterstattung,
so spielte etwa der aus Westberlin sendende Rundfunk „RIAS“ mit
seiner Hetze und Falschinformation eine zentrale Rolle.
Doch in diesen Tagen hatte
der deutsche Imperialismus keinen Erfolg. Der Aufruhr beruhigte sich
wieder, die übergroße Mehrheit der DDR-Bevölkerung lehnte ihn ab
(ebd., 154). Die Unruhen konnten letztendlich durch den Beistand
sowjetischer Streitkräfte in Schach gehalten werden. Doch für eine
kurze Zeit stand das Überleben des jungen Sozialismus und des ebenso
jungen Friedens in Europa auf dem Spiel, für kurze Zeit schien der
deutsche Imperialismus seinem Ziel, die DDR zu liquidieren, sehr nah
zu sein.
Dass die BRD in dieser
Zeit keinen Hehl aus ihrer feindseligen Haltung gegenüber der DDR
machte, zeigt auch ihre strikte Nicht-Anerkennung dieses Staates.
Mehr noch, mit der „Hallstein-Doktrin“ von 1955 (der CDUler
Walter Hallstein war damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt),
wurde auch Druck auf alle anderen Staaten ausgeübt, die
diplomatische Beziehungen zur DDR anstrebten (Schumann 2014, 151).
Dies wurde von den bundesdeutschen Behörden als „unfreundlicher
Akt“ angesehen und konnte Sanktionen bis hin zum Abbruch jeglicher
Beziehungen zu den betreffenden Staaten nach sich ziehen. Insgesamt
stehen die Maßnahmen der BRD jener Zeit im Einklang mit der Politik
der USA und der sogenannten „Truman-Doktrin“ (Harry Truman war ab
1947 US-Präsident): die Systemauseinandersetzung mit aller Härte
führen und keine Möglichkeit des Angriffes gegen den Sozialismus
aus lassen – von plumper antikommunistischer Propaganda bis hin zur
Sabotage.
Doch im Laufe der Jahre
drohte die BRD sich damit zunehmend selbst zu isolieren. Dies und
besonders auch der gescheiterte Putschversuch 1953 führte immer mehr
vor Augen, dass die offene Aggression und Null-Toleranz gegenüber
der DDR nicht zum gewünschten Erfolg führte. Im Gegenteil trug sie
teilweise sogar dazu bei, dass die ostdeutschen Werktätigen umso
stärker die Politik der BRD ablehnten und sich mit der DDR
identifizierten, je mehr die Imperialisten die wirtschaftlichen und
sozialen Errungenschaften im Osten angriffen. Direkte Beeinflussung
und Unterwanderung seitens der westlichen Geheimdienste wurde ab dem
13. August 1961 auch zunehmend durch die Sicherung der Staatsgrenze
der DDR zur BRD und Westberlin erschwert. Dabei ging es nicht nur
darum, die offen feindliche Praxis des Westens, Sabotageaktionen,
Unterwanderungsaktivitäten, das gezielte Abwerben von Fachkräften
und das langsame Ausbluten der Wirtschaft der DDR zu verhindern,
sondern auch Maßnahmen gegen drohende Kriegshandlungen zu
unterbinden, für die längst Pläne bereit lagen. Hierzu schreiben
Heinz Keßler und Fritz Streletz ausführlich in „Ohne die Mauer
hätte es Krieg gegeben“.
Die BRD-Strategen
erkannten, was von einigen ihrer US-amerikanischen Kollegen schon
seit Längerem formuliert wurde (Vgl. Buchholz et. al. 2019, 155f):
die Rollback-Strategie war gescheitert. Gleichzeitig wurden auch
Stimmen aus der deutschen Wirtschaft lauter, die die blockierende
Haltung der BRD bei Beziehungen zur DDR kritisierten und die
dementsprechend eine neue Ostpolitik forderten. Der Stahlindustrie
wurden zum Beispiel Geschäfte mit Pipelinelieferungen an die
Sowjetunion durch das bestehende Embargo verwehrt, wodurch auch der
erhoffte Transport von sowjetischem Erdgas ausblieb (Vgl. ebd., 157).
Es galt also, neue Mittel
und Wege zum Sturz des Sozialismus zu finden. Man fand sie in der
sog. „Neuen Ostpolitik“, die insbesondere der SPD-FDP-Regierung
unter Willy Brandt Anfang der 1970er Jahren zugeordnet wird, jedoch
bereits Anfang der 60er entwickelt wurde. „Wandel durch Annäherung“
ist die Bezeichnung für die Strategie, die Dialogbereitschaft sowie
Entspannung suggerierte, aber in Wahrheit den Sozialismus mittels
langfristiger Beeinflussung zu Fall bringen sollte. Der Unterschied
zum Rollback- und Containment-Konzept bestand darin, dass nicht mehr
die offene Feindseligkeit gegenüber der DDR im Vordergrund stand,
sondern das Bekenntnis zu Annäherung als Türöffner, die
sozialistische Wirtschaft in den Weltmarkt zu integrieren und somit
abhängig zu machen. Das Ziel – auch wenn die Größen der BRD
damals und heute etwas anderes behaupten und ihren guten Willen
bekunden – war also nach wie vor das gleiche: der Sieg der
Konterrevolution in Ostdeutschland, die Vernichtung der DDR.
Auf der wirtschaftlichen
Ebene sollte die DDR durch Handel mit dem Westen und der Aufnahme von
Krediten bei westdeutschen Banken zunehmend in die Abhängigkeit
getrieben werden. Der gemeinsame Handel bot die Möglichkeit, die
sozialistische Planwirtschaft zu untergraben und Einfluss zu
gewinnen. Ein bekannter Fall ist die Milliarden-Kreditvergabe an die
DDR auf Initiative des CSU-Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß
1983, die ein weiteres Druckmittel gegen die DDR bedeuteten.
Im Gegensatz zur einstigen
Politik von Isolierung und Embargos waren hier wirtschaftliche
Beziehungen nach Ostdeutschland also durchaus nützlich.
Auch auf der politischen
und ideologischen Ebene kam es zur sogenannten „Annäherung“ der
beiden deutschen Staaten. Konkret bedeutete es auch hier für die
BRD-Imperialisten, Einfluss zu gewinnen sowie die DDR abhängig und
mürbe zu machen, indem man ihr Zugeständnisse abringt. In dieses
Handlungsfeld fällt die KSZE („Konferenz für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa“) 1972-1975 in Helsinki. In ihrer
Schlussakte ist erkennbar, wie die BRD aus dieser Zusammenkunft als
Sieger hervorging: um den Preis einer allgemein gehaltenen
Anerkennung der Souveränität, konnte man in innere Angelegenheiten
eingreifen (Vgl. Schumann 2014, 170), ganz unter der Flagge der
Menschenrechte, die es doch auch in der DDR und an ihrer Staatsgrenze
zu schützen galt. Wenn es um die Diffamierung des Sozialismus ging,
lagen dem deutschen Imperialismus auf einmal Freiheit und
Menschenrechte sehr am Herzen – zumindest nach seinen Behauptungen.
Das 1987 veröffentlichte
SPD/SED-Papier, das von Egon Bahr (SPD, führende Figur des „Wandels
durch Annäherung“) initiierte Dokument zum „Streit der
Ideologien“ (ebd., 176), schlägt ebenfalls in diese Kerbe –
politische Einmischung und ideologische Aufweichung, ohne selbst
ernsthafte Zugeständnisse zu machen. Die dortigen Formulierungen
rückten klar von marxistisch-leninistischen Erkenntnissen ab, so
wird zum Beispiel vom Ziel einer dauerhaften parallelen sowie
friedlichen Existenz sowohl der kapitalistischen, als auch der
sozialistischen Gesellschaftsordnung geschrieben, ja sogar von einer
doch anzustrebenden gemeinsamen Sicherheitspolitik (Neubert 1994,
11).
Beide Ereignisse – KSZE
und das SPD/SED-Papier – stellen Höhepunkte in der „friedlichen
Einmischung“ des deutschen Imperialismus in die Entwicklung der DDR
dar. Exemplarisch stehen sie für eine Politik, die gerade durch ihre
Offenheit und scheinbar friedvolle Intention das sozialistische
System im Osten langsam, aber sicher zermürbt und die
Konterrevolution vorbereitet.
Teil II – Die Konterrevolution konkret
Protest der Bevölkerung
Und so kam es schließlich
auch. Erinnern wir uns zurück an den 17. Juni 1953. Schon damals
versuchten die Herrschenden der BRD die junge DDR zu liquidieren.
Ausgangspunkt war die, an anderer Stelle beschriebene,
innenpolitische Krise des sozialistischen Staates. Aufkommende
Unzufriedenheit bei der werktätigen Bevölkerung gegenüber der
politischen Führung war in diesem Moment die Schwäche der DDR, die
der deutsche Imperialismus ausnutzen wollte. An diesem Datum hat er
es letztendlich nicht geschafft. Um die bedrohliche Wirkung, die
innenpolitische Beeinflussung bis zum Putschversuch entfalten kann,
wusste man aber nun in der BRD. Nach dem gescheiterten Putschversuch
1953 bekam der BRD-Imperialismus eine zweite Chance. Diesmal waren
die Voraussetzungen zur Annexion der DDR besser – eine gemeinsame
Sicherheitspolitik der sozialistischen Staaten war abgeschafft und in
den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich Problemherde
entwickelt, die nun die DDR entscheidend destabilisierten.
Seit Beginn der 80er Jahre
formierten sich in der DDR unabhängige Friedens- und Umweltgruppen,
meist unter dem Dach der Kirchen, die unter anderem mit
Abrüstungsforderungen („Schwerter zu Pflugscharen“) in der
Bevölkerung Widerhall finden konnten. Vor allem aber blieben sie
Sammelstellen für eine politische Opposition.
Im Spätsommer 1989
formierten sich in Leipzig die ersten größeren Proteste von
unzufriedenen und oppositionellen DDR-Bürgern – die so genannten
Montagsdemonstrationen. Diese breiteten sich schnell auch in andere
Städte aus. Mit Parolen wie „Wir sind das Volk“ skandierten die
Demonstrierenden ihre Unzufriedenheit mit der SED-Politik.
Die politische Krise und
der Protest der Bevölkerung waren Ausdruck unterschiedlicher
Problemlagen. Die Ausreiseantragssteller bildeten dabei einen
Hauptkern der Proteste. Ihre Unzufriedenheit mit den
Reisebeschränkungen für die BRD und das westliche Ausland verbanden
sich unter anderem mit Protesten gegen eine zu enge Kulturpolitik.
Wahlen, Pressepolitik, Meinungsfreiheit und Repression waren weitere
Themen, die von den Demonstranten aufgenommen wurden. Außerdem
begleitete der Wunsch nach höheren Lebensstandard, der dem Westen
glich, die Proteste. Die offensichtliche und illegale Wahlfälschung
im Frühjahr ’89 von eigentlich ansehnlichen 90 Prozent auf 99
Prozent gab dieser Entwicklung zusätzlich Feuer.
Der Unzufriedenheit lagen
reale Probleme der Ökonomie und der politischen Entwicklung vor
allem der SED zugrunde, auf die vor allem im nächsten Teil
ausführlicher eingegangen werden soll. Die Ökonomie schaffte es
nicht wie erwartet, die BRD zu „überholen ohne einzuholen“, dies
wurde den DDR-Bürgern spätestens mit dem starken Schwinden der
Akkumulationsdynamik in den 80er Jahren bewusst. Eine sich
ausbreitende Lethargie der Partei, gepaart mit einer unzureichenden,
sich stark verschlechternden Kommunikations- und Diskussionskultur
schädigte indes die Vertrauensbasis zwischen der SED und der
Bevölkerung. Im Allgemeinen gehen wir jedoch davon aus, dass die
Probleme entweder grundsätzlich im Sozialismus lösbar gewesen wären
oder eine bessere Vermittlung der Probleme hätte stattfinden können,
um der DDR-Bevölkerung transparent ein differenziertes Bewusstsein
über die Problemlagen zu vermitteln.
Die Proteste und die
ungelösten Probleme in der DDR bildeten schließlich eine Grundlage
für die konterrevolutionäre Entwicklung. Treibende Kräfte der
Konterrevolution waren objektiv die Montagsdemonstrationen – jedoch
muss zu dieser Aussage ergänzt werden, dass die Konterrevolution
nicht die subjektive Intention der meisten Demonstranten war. Diese
gingen keineswegs für das Ende des Sozialismus auf die Straße. Ihre
Forderungen richteten sich nicht gegen das Volkseigentum an
Produktionsmitteln, gegen das verbriefte Recht auf Arbeit, Erholung
und Bildungsgleichheit, gegen die garantierte unentgeltliche
Gesundheitsversorgung und all die anderen Errungenschaften, die sie
durch ihrer Hände Arbeit kollektiv haben verwirklichen können. Der
Ruf der demonstrierenden Massen nach Freiheit war keineswegs ein Ruf
nach der Freiheit des Kapitals, nach Ausverkauf des Volkseigentums
und Deindustrialisierung. Die Unzufriedenheit von Teilen der
DDR-Bevölkerung war zwar real, doch sie richtete sich nicht explizit
gegen den Sozialismus, sondern an seine Weiterentwicklung und Reform.
So lässt sich etwa einige Tage nach der Grenzöffnung in einem
Flugblatt des „Neuen Forums“, das in der DDR-Oppositionsbewegung
den größten Einfluss hatte, lesen: „Lasst Euch nicht von den
Forderungen nach einem politischen Neuaufbau der Gesellschaft
ablenken! Ihr wurdet weder zum Bau der Mauer noch zu ihrer Öffnung
befragt, lasst Euch jetzt kein Sanierungskonzept aufdrängen, das uns
zum Hinterhof und zur Billiglohnquelle des Westens macht! […] Wir
werden für längere Zeit arm bleiben, aber wir wollen keine
Gesellschaft haben, in der Schieber und Ellenbogentypen den Rahm
abschöpfen“ (NZZ 2019). Über alles, was die DDR-Bürger nicht
bereit waren aufzugeben, wird heute geschwiegen.
Während der Großteil der
protestierenden Massen hinters Licht geführt und als Träger der
Konterrevolution instrumentalisiert wurde, wussten jedoch führende
Köpfe der Protestbewegung wie Rainer Eppelmann sehr wohl was sie da
taten – sie schafften es lediglich ihre konterrevolutionären Ziele
geschickt zu verpacken. Auch Gregor Gysi und andere aus der SED
propagierten zwar den „demokratischen Sozialismus“, hatten jedoch
die Abschaffung des Sozialismus als Ziel.
Nichtsdestotrotz sehen wir
es als unsere Aufgabe, den Charakter der Oppositionsbewegungen und
ihrer Forderungen weiter zu untersuchen und zu verstehen.
Letzten Endes muss auch
gesagt sein, dass, während kaum jemand tatsächlich gegen die DDR
oder den Sozialismus auf die Straße ging, insgesamt nur etwa 3-4%
der DDR-Bürger überhaupt protestierten. Die Propaganda-Lüge, dass
sich das Volk gegen den Sozialismus erhoben hätte, ist deshalb mehr
als absurd. Wir gehen also davon aus, dass diese Unzufriedenheit der
Bevölkerung an sich kein ausschlaggebender Grund für die
Konterrevolution war, da sich die Unzufriedenheit nur in seltenen
Fällen gegen den Sozialismus, sondern viel mehr gegen politische
Entscheidungen der SED gerichtet hat. Viel eher war es der Zustand
der SED, in dem sie es nicht geschafft hat, adäquat auf die
Unzufriedenheit einzugehen, und schließlich keine Lösungen mehr
innerhalb des Sozialismus, sondern dessen Abschaffung ermöglicht
hat. Der BRD-Imperialismus hat seine Chance schließlich gewittert
und die DDR annektiert – also die Konterrevolution praktisch
vollzogen.
Für uns ergeben sich
hieraus einige Fragen, die es zu klären gilt. Warum wurden von
unzufriedenen DDR-Bürgern kaum die verfassungsmäßig vorgesehenen
demokratischen Mittel genutzt, um ihren Unmut kundzutun – etwa die
Ablehnung der Einheitsliste? Warum konnten die Unzufriedenen ihre
Vorschläge für eine Reformierung der DDR nicht über die
Massenorganisationen in die Volkskammer einbringen und somit eine
gemeinsame Diskussion über existierende Probleme forcieren – wie
es das demokratische Modell der DDR vorgesehen hätte? Welche Rolle
hat die denunziatorische Berichterstattung aus dem Westen bei
der Mobilisierung von Teilen der Bevölkerung gegen die SED gespielt?
Wie hätte die politische Führung schließlich ’89 mit den
Protesten innerhalb des Sozialismus umgehen können?
Die BRD greift ein und vollzieht die Konterrevolution
Am 3. Oktober 1990 war es
schließlich so weit – die Deutsche Demokratische Republik trat dem
Gebiet der BRD bei. Damit war ihr Ende besiegelt, so weit, so
schlecht. Aber was ist damals eigentlich genau passiert? Wie kam es
dazu, dass die DDR dem Imperialismus der BRD, nachdem sie seinen
Angriffen über 40 Jahre lang trotzte, auf einmal doch unterlag und
nahezu widerstandslos einverleibt werden konnte?
Die Strategie des „Wandels
durch Annäherung“, die subtile Einmischung des Westens in die
wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten war nicht spurlos an
den sozialistischen Ländern vorübergegangen. In der DDR wurden
zunehmend offen revisionistische, den Marxismus-Leninismus über Bord
werfende Positionen offiziell. Auch unter dem Einfluss der Politik
von Gorbatschow in der Sowjetunion war die Führung zunehmend
gelähmt.
Die innenpolitische Krise
bahnte sich an – außerhalb der SED und der staatlichen Strukturen
der DDR bekamen oppositionelle Kräfte wie Kirchenkreise Oberwasser
und Zulauf. Sie sprachen sich vermehrt offen gegen die SED-Führung
aus und suchten den Kontakt mit Journalisten sowie diplomatischen
Vertretungen aus den westlichen imperialistischen Ländern.
Solch eine Gelegenheit hat
man sich dort natürlich nicht entgehen lassen: besonders der
US-amerikanische Geheimdienst CIA schaltete sich ein und bot den
Oppositionellen die erhoffte Unterstützung (Vgl. Eichner/Dobbert
1997, 138f). Ab Oktober 1989 wurden die Proteste und objektiv (also
nicht unbedingt der Intention nach) konterrevolutionäre Forderungen
auf den Straßen der DDR lauter. Ob von allen Protestierenden gewollt
oder nicht, sie unterlagen zu diesem Zeitpunkt schon dem massiven
Einfluss des Westens. Schon im Januar 1989 deklarierte Helmut Kohl
auf einem CDU-Kongress: „Wenn wir das 40jährige Bestehen unserer
freiheitlichen Demokratie feiern, dann vergessen wir darüber
niemals, dass die Bundesrepublik nicht unser ganzes Vaterland ist:
Auch die DDR wird in diesem Jahr vierzig Jahre alt. Um so mehr
bekräftigen wir (…) unsere Verbundenheit mit all jenen Deutschen,
denen ein Leben in Freiheit bislang versagt blieb. (…) In dieser
europäischen Perspektive liegt Deutschlands Zukunft – und wenn ich
Deutschland sage, meine ich nicht nur die Bundesrepublik allein“
(helmut-kohl.de 2019).
Erfolgreich erhielt diese
Forderung nicht selten mit nationalistischem Einschlag Einzug in die
Oppositionsbewegung in der DDR: aus der ursprünglichen Parole „Wir
sind das Volk“, die gegenüber der Staatsführung wohl eine
Forderung nach mehr Mitbestimmung und -einbeziehung ausdrückte,
wurde beispielsweise „Wir sind ein Volk“ – ein klares Statement
für den Zusammenschluss mit der BRD, also das Ende der souveränen
Deutschen Demokratischen Republik. Innerhalb der Oppositionsbewegung
gab es jedoch große Uneinigkeit darüber, ob ein Zusammenschluss mit
der BRD das richtige Ziel ist.
Schließlich zeigte diese
Beeinflussung erste Erfolge: am 9. November 1989 kam es zur Öffnung
der Staatsgrenze. Dieser Akt war bereits Ausdruck der politischen
Führungslosigkeit der SED – die Apathie und Orientierungslosigkeit
des ZK der SED wurde offensichtlich. Für den deutschen Imperialismus
war jetzt klar, dass seine Stunde gekommen war: bereits am 28.
November 1989 veröffentlichte Bundeskanzler Helmut Kohl einen
Zehn-Punkte-Plan zur „Wiedervereinigung“ (natürlich in dem
Sinne, dass der Sozialismus in der DDR beendet wird und
Ostdeutschland wieder unter das Diktat des deutschen Imperialismus
fällt) (Vgl. Schumann 2014, 178).
Im März 1990 standen die
letzten Wahlen zur Volkskammer, dem Parlament der DDR, an. Es waren
die ersten Wahlen nach dem Vorbild des bürgerlichen Parlamentarismus
– die bürgerlichen Medien sprechen noch heute von den „ersten
freien Wahlen in der DDR“. So kam es, dass neben der PDS, in die
sich die SED ein paar Monate vorher umgewandelt hatte, vor allem
Ableger der etablierten bürgerlichen Parteien aus dem Westen
antraten. CDU und SPD, aber auch der CSU-Ableger DSU und der an der
Seite der FDP verortete „Bund freier Demokraten“ standen als
eigenständige Parteien auf dem Wahlzettel. Sie alle wurden im
Wahlkampf massiv von ihrem jeweiligen Pendant aus dem Westen
unterstützt – finanziell, organisatorisch, personell. Besonders
die CDU setzte hier, mit Kohl als Galionsfigur der
„Wiedervereinigung“, ihre riesige Wahlkampfmaschinerie in Gang.
Unter dem Eindruck großer
Versprechungen nach „blühenden Landschaften“, den Konsumgütern
des Westens und nicht zuletzt der D-Mark für Ostdeutschland, bildete
von da an eine Koalition der etablierten bürgerlichen Parteien
beziehungsweise ihrer Ableger die Regierung in der DDR. Diese neue
Staatsspitze arbeitete offen für den Beitritt der DDR zum
Hoheitsgebiet der BRD. Wie schon im Wahlkampf vor allem von der CDU
propagiert, strebte sie die „Wiedervereinigung“ nach Artikel 23
des Grundgesetzes an, obwohl dafür eigentlich das Verfahren aus
Artikel 146 vorgesehen war. Das hätte aber für den deutschen
Imperialismus die möglicherweise unangenehme Folge einer neuen,
gesamtdeutschen Verfassung gehabt. Dies hätte die Gefahr beinhaltet,
dass die BRD Inhalte aus der DDR-Verfassung hätte übernehmen
müssen. Insofern war das Vorgehen nach Artikel 23, der lediglich den
Beitritt zum Geltungsbereich des bestehenden Grundgesetzes vorsah,
das bevorzugte. (Vgl. Schumann 2014, 182ff).
Mit großen Schritten ging
es für den deutschen Imperialismus weiter: im Juli 1990 wurde auf
dem Gebiet der DDR die D-Mark eingeführt, das Umtauschverhältnis
von 2:1 war ein gezielter Schlag gegen die ostdeutsche Wirtschaft und
die Ersparnisse der Bevölkerung. Ebenfalls im Juli reiste Kohl in
die UdSSR. Ohne dass auch nur ein einziger Vertreter der DDR anwesend
war, handelte er dort Bedingungen für den Beitritt Ostdeutschlands
mit Gorbatschow aus – und dieser ließ die DDR fallen (ebd., 184f).
Die Bedingungen schlugen sich auch im sogenannten
„Zwei-plus-Vier-Vertrag“ nieder, der zwischen der DDR, der BRD
und den vier Alliierten Frankreich, Großbritannien, USA und
Sowjetunion zum kommenden Ende der deutschen Teilung geschlossen
wurde. Sie waren äußerst günstig für den erneut aufstrebenden
deutschen Imperialismus. Um einen offiziellen Friedensvertrag mit den
Alliierten kam er, wie schon die 45 Jahre zuvor, herum. Dies war
zweifellos sein Hauptanliegen, denn ein Friedensvertrag hätte die
Anerkennung der Nachkriegsordnung bedeutet, sprich die Anerkennung
der nach dem Krieg entstandenen Grenzen (insbesondere der
Oder-Neiße-Grenze zu Polen), die Anerkennung des „Verlustes“ der
Ostgebiete und vielleicht sogar mögliche Reparationszahlungen. Doch
nichts dergleichen hat sich im Vertrag niedergeschlagen, im Gegenteil
hat er eine Verzichtserklärung der Alliierten auf ihre bisherigen
Sonderrecht bezüglich Deutschland dargestellt (ebd., 179). Ein
durchaus erfolgreicher Vertragsschluss also, für den deutschen
Imperialismus jedenfalls.
Am 23. August 1990 stimmte
die neue Volkskammer für den Beitritt der DDR zum Gebiet der BRD –
am 3. Oktober des selben Jahres war es schließlich so weit. Die
Deutsche Demokratische Republik war damit Geschichte.
Was die Konterrevolution den Menschen gebracht hat
Im Rückblick müssen wir
feststellen, dass die zweite Strategie des deutschen Imperialismus,
der „Wandel durch Annäherung“, letztendlich die für die DDR
tödliche war. Die ökonomische Schwächung des sozialistischen
Lagers, die Nachfrage nach hochentwickelten Konsumgütern aus dem
Westen, die Verteuerung des Öls und anderes mehr, aber auch die
abnehmende Erkennung vom Gefahrenpotential des Imperialismus für die
DDR (im Sinne der Neuauslegung der Theorie der friedlichen
Koexistenz) ermöglichten es dieser Strategie zu greifen und ihre
Wirkung zu entfalten. Mit einer politisch klaren und offensiv
klassenkämpferischen DDR und einem starken, prinzipienfesten
sozialistischen Lager insgesamt, wäre die Strategie womöglich nicht
erfolgreich gewesen. Am 3. Oktober 1990 war das Ende ihrer Existenz
besiegelt. Der Moment, den die deutsche Bourgeoisie über 40 Jahre
lang ungeduldig herbeigesehnt hatte, trat nun ein. Das Gebiet der DDR
wurde einverleibt, dem BRD-Imperialismus wirtschaftlich und politisch
angegliedert. Das hatte natürlich Folgen:
Einerseits traf es
Ostdeutschland selbst. Der Ausverkauf der DDR und mit ihr ein
sozialer Kahlschlag der seinesgleichen sucht – die „Treuhand“ –
war die unmittelbare Folge der „Wende“. Die Anstalt zur
treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums, so der offizielle
Name, wurde am 01.03.1990 durch einen Ministerratsbeschluss
gegründet. Die im November 1989 letzte nach DDR-Recht von der
Volkskammer gewählte Regierung um Hans Modrow erhoffte sich eine
längere Übergangsphase von etwa 10 Jahren bzw. eine relative
Selbständigkeit des Wirtschaftsraumes der DDR trotz der politischen
Niederlage. Diese Illusion fußte nicht gerade auf einer
realistischen Analyse der Klasseninteressen der BRD und wurde
spätestens am 18.05.1990 mit dem sogenannten Einigungsvertrag ad
absurdum geführt, in dem die DDR auch juristisch der BRD einverleibt
wurde.
Die Treuhand wurde dem
Bundesfinanzministerium (und nicht etwa dem Wirtschaftsministerium)
als Anstalt öffentlichen Rechts unterstellt. In deren Führungsspitze
und Verwaltungsrat saßen nun BRD-Monopolisten wie Detlev Karsten
Rohwedder (Hoesch), Jens Odenwald (Tschibo, Kaufhof), Manfred
Lennings (Krupp), Hans-Olaf Henkel (BDI, IBM, Bayer, Daimler etc.)
sowie allerlei CDU- und FDP-Politiker (vgl. deutsche-einheit-1990.de
o.D.). Der ursprüngliche, nach außen vorgegebene Plan, das
öffentliche Eigentum der 8.500 volkseigenen Betriebe und 465
volkseigenen Güter zu wahren, wurde damit ins Gegenteil verkehrt.
Bis Ende 1994 wurden die in 12.500 Häppchen aufgeteilten Betriebe
veräußert, 90 % davon in den ersten 19 Monaten. Mehr als die Hälfte
davon wurden dabei direkt privatisiert und fanden den überwiegenden
Teil ihrer Käufer in Westdeutschland; 30 % wurden abgewickelt und
zerschlagen; 13 % ihren vormaligen Eigentümern im Deutschen Reich
übergeben und 2,5 % unter kommunale Verwaltung gestellt (Katapult
2019).
In einem einzigen Jahr wurden von den verwalteten 4,1 Millionen Arbeitsplätzen 70 % „abgebaut“ – das macht 2,86 Mio. vernichtete Berufsexistenzen (Kühl 1992). Arbeitslosigkeit, die vorher in der DDR gar nicht existent war, wurde nun zum Massenphänomen. Dabei handelte es sich um die größte Zerstörung von Produktionskapazitäten außerhalb von Kriegszeiten.
Quelle: Brenke (2009)
Für diesen beispiellosen Ausverkauf musste aus marktwirtschaftlicher Sicht der Tauschwert des Volkseigentums geschätzt werden, was der planwirtschaftlichen Konzeption der Betriebe und Güter zuwider lief, da größere Kombinate als Träger von Kultur- und Sportstätten, Kindergrippen- und -gärten eng mit der öffentlichen Daseinsvorsorge verknüpft waren. Wurde der Marktwert unter Modrow 1990 auf 950 Mrd. DM und unter Rohwedder 1991 noch auf 600 Mrd. DM geschätzt, schloss dessen Nachfolgerin, die vormalige niedersächsische Finanzministerin Birgit Breuel, Ende 1994 mit einem Defizit von 270 Mrd. DM ab. Anschließend wurde die Treuhandanstalt in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) umbenannt, wobei ein Großteil ihres Portfolios unter diverse AGs, GmbHs und andere Nachfolgegesellschaften aufgeteilt wurde (Bundesfinanzministerium o.D.). Was die wirtschaftliche Bilanz angeht, wurde also binnen weniger Jahre ein sozialistisches, planwirtschaftlich funktionierendes Land, welches 1988 auf der Welt den 15. Platz und im gesamteuropäischen Vergleich (je nach Rechnungsweise) den 8. oder 9. Platz in Sachen Industrieproduktion einnahm, vom deutschen Kapital beinahe völlig deindustrialisiert (vgl. Blätter für deutsche und internationale Politik, 360). Die ostdeutsche Bevölkerung wurde in dieser Zeit mit Statistiken und Meldungen über angebliche Überbeschäftigung und marode Betriebe derart überhäuft, dass sie die scheinbare Alternativlosigkeit des Geschehens weitestgehend passiv ertrug. Welchen kulturellen Verfall das Schließen von Kindertagesstätten, Klubhäusern, Bibliotheken, der Abriss des öffentlichen Personennahverkehrs und des Bahnnetzes auf dem Land, ein klassenselektives Schmalspur-Bildungssystem sowie Arbeitslosigkeit in Generationen nach sich zog, sehen wir heute.
Der in der DDR
verfassungsmäßig verankerte Rechtsanspruch auf Arbeit wich dem
Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt. Die Ostlöhne liegen nach 30
Jahren im Kapitalismus 18 % unter dem Westdurchschnitt, Frauen
verdienen weniger als Männer in den gleichen Berufen – knapp 78 %
des Gehaltes der männlichen Kollegen – und eine Berufstätigkeit
der Frauen mit Vollzeitstelle ist nicht mehr die Regel, sobald Kinder
oder ältere pflegebedürftige Angehörige ins Spiel kommen. Durch
die Zerschlagung der Großindustrie besteht eine geringere Bezahlung
nach Flächentarifen. In einer regelrechten Landflucht ist die
Bevölkerungszahl in Ostdeutschland seitdem um 15 % gesunken, der
Umzug vom Land in die Städte hält an, eine flächendeckende und
erst recht kostenlose medizinische Versorgung ist nicht mehr
gewährleistet, die Kriminalitätsrate hat sich durchschnittlich
verzehnfacht (und damit Westniveau erreicht) – und das alles ohne
Bürgerkrieg (Blessing/ Kuhn 2014; Wenzel 2007; Buchholz 2008). Viele
Städte Ostdeutschlands verloren sogar mehr als ein Drittel ihrer
Einwohner und fielen zum Teil auf den Stand von vor 200 Jahren
zurück.
Diese massive Zerstörung
hat viele Menschen in Verzweiflung und Not gestürzt. Sie hatten ihre
Gesellschaft, für die sie viel geleistet haben und in der sie
mitbestimmten konnten, verloren und eine neue aufgezwungen bekommen,
in der sie gedemütigt, degradiert und entmündigt wurden.
Doch welche treibende
Kraft steht hinter dieser Misere? Die herrschende Klasse der BRD
konnte durch die politisch mit allen Mitteln forcierte Annexion der
DDR ihre ab Mitte der 80er drohende Rezession bis 2008 verschleppen,
produktive Konkurrenz zerschlagen, lukrative Wirtschaftsbereiche
einverleiben und sich einen neuen Absatzmark erschließen. Die
Konterrevolution musste letztlich zur Verwüstung führen, weil das
Kapital mit den ganzen Produktionskapazitäten und Arbeitskräften
aufgrund der Überproduktion in der BRD nichts anfangen konnte. Sie
waren also aus Sicht des Kapitals überflüssig und nicht profitabel
auszubeuten. Der Zugriff auf ein Millionenheer an hervorragend
ausgebildeten Arbeitskräften im Osten, welcher dem Kapital für die
40 Jahre der Existenz der DDR versagt blieb, wurde schließlich als
Hebel gegen die Arbeiterklasse der BRD eingesetzt und letztlich mit
der Agenda 2010 zementiert. Die „Wende“ – ein erfolgreiches
Werkzeug des Klassenkampfs von oben.
Das Gebiet der ehemaligen
DDR wurde zur Goldgrube für die Kapitalisten. Für die ostdeutsche
Arbeiterklasse wurde es zur perspektivlosen Einöde, die es in vielen
Teilen bis heute geblieben ist.
Das alles ist kein Zufall:
es ist die Konsequenz, mit der der deutsche Imperialismus sein Ziel
umsetzte, die DDR ohne Gnade auszurotten. Das verlorene Territorium
musste zurückerobert werden, das heißt, der BRD-Staat musste seine
Macht durchsetzen, ohne Kompromisse zu schließen und alle Überreste
der DDR – ob politisch, ökonomisch, militärisch, juristisch,
ideologisch, … – auszuradieren. Für die ostdeutschen Arbeiter
bedeutete dies (neben dem Verlust ihrer ökonomischen und sozialen
Errungenschaften) Unterordnung, Demütigung, Anerkennung der neuen
(alten) Herren und sonst bitteschön die Klappe halten!
Zum Zweiten traf es die
gesamte deutsche Arbeiterklasse. Weiter oben haben wir schon
erläutert, wie die DDR als „dritter Verhandlungspartner“
zeitlebens Druck auf den westdeutschen Staat ausübte, sodass er
gewisse Sozialstandards über die 40 Jahre hinweg garantieren musste.
Dieser Druck war nun entwichen. Es gab kein sozialistisches
Deutschland mehr, das den Werktätigen beweisen konnte, was in ihrem
Interesse alles möglich war. Und so konnte der deutsche
Imperialismus seine Angriffe auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen
(von Neuem) beginnen. Oben wurden diese Angriffe schon angerissen:
Hartz-IV-Schikane für die Arbeitslosen, Niedriglöhne und Minijobs
für die Arbeitenden, Armutsrente für die Alten und Selektion nach
Herkunft für die Jugend.
Zum Dritten traf es Europa
und die Welt – es wird sie weiter treffen. Territorial,
wirtschaftlich und politisch ging der deutsche Imperialismus gestärkt
aus der Einverleibung der DDR hervor. Noch dazu konnte er sein
Großmachtstreben ohne Fesseln – jetzt, wo das größte Hindernis,
der sozialistische Staat auf deutschem Boden beseitigt war – erneut
auf die Tagesordnung setzen. Einer der fundamental unterscheidbaren
Züge der DDR war ihr Internationalismus. Ihre Armee war eine Armee
des Friedens, sie zog nie in einen Angriffskrieg, sie unterstützte
Befreiungsbewegungen, sie strebte nach der Solidarität der Völker,
anstatt nach Bomben und Tod. In der DDR waren Solidarität und
Frieden – auch im internationalen Maßstab – nicht nur leere
Worte, sondern gelebte Praxis. Das Ende der DDR lag noch keine neun
Jahre zurück, als das erste Mal nach 1945 wieder deutsches Militär
in einen Kriegseinsatz geschickt wurde – mit der perfiden
Propagandalüge, ein zweites Auschwitz zu verhindern, die vom grünen
Kriegsminister Fischer verbreitet wurde. Der völkerrechtswidrige
Angriff auf Jugoslawien, der die Region schwächen und so den Zugriff
des deutschen Kapitals auf die Region erleichtern sollte, war ein
Startschuss. Seitdem werden deutsche Soldaten wieder weltweit
eingesetzt, die militärische Sicherung deutsch-imperialistischer
Interessen und Einflüsse ist wieder möglich. Sie wird es mittels
Aufrüstung und ideologischer Mobilmachung zunehmend sein. Die EU und
NATO-Osterweiterung wurde indes nun auch möglich und knüpfte an die
Strategie des deutschen Imperialismus seit der Gründung der
Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl an. Sie fand einen
weiteren Höhepunkt in der Destabilisierung und politischen
Intervention in der Ukraine 2014 mit Unterstützung faschistischer
Kräfte.
Teil III – Beginn einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der DDR
Skizze
einiger Ursachen der Konterrevolution
Die Kommunisten müssen
der bürgerlichen Geschichtsschreibung wieder etwas entgegensetzen
können. Gerade weil die DDR die größte Errungenschaft der
deutschen Arbeiterbewegung ist, muss es gelingen, an den
Errungenschaften des Sozialismus anzuknüpfen und eine fundierte
Klärung der Probleme zu erreichen – die Ursachen ihrer Niederlage
zu erforschen und zu erkennen. Es ist unsere Niederlage und die
Arbeiterklasse in Deutschland muss die Gründe dafür kennen, um die
richtigen Lehren für ihren Kampf zu ziehen.
Bisher gibt es in der
kommunistischen Bewegung, wie auch in der kommunistischen
Organisation selbst, noch keine vollständige Analyse der Entwicklung
und Niederlage der DDR, die unseren Ansprüchen genügen würde.
Einige Arbeiten der Zeitschrift „offen-siv“ und der KPD, die am
intensivsten und am weitgehendsten dazu geforscht haben, stellen für
uns jedoch bereits eine wichtige Orientierung dar, weshalb wir auch
weiter mit ihnen gemeinsam an einer Klärung arbeiten wollen.
Beispielhaft seien hier die Sammelbände „Niederlagenanalyse“ und
„Unter Feuer. Die Konterrevolution in der DDR“ genannt.
Wenn wir nun auch noch
keine vollständige Analyse der Ursachen der Konterrevolution bieten
können, wollen wir trotzdem bereits einige Problemstränge
skizzieren, die unserer bisherigen Auffassung nach zu den Ursachen
der Konterrevolution gehören. In welchem Verhältnis diese
Problemstränge zueinander stehen, können wir noch nicht
abschließend beantworten. In der kommunistischen Bewegung befinden
sich zuweilen auch sehr unterschiedliche Einschätzungen zu dieser
Frage. Manche meinen, es sei vorrangig ein „Demokratiedefizit“
gewesen, andere meinen zuallererst die Ökonomie als Kern der
Konterrevolution zu erkennen. Entscheidend ist es unserer Ansicht
nach vorerst, die verschiedenen problematischen Entwicklungen, sowohl
innerhalb der SED, den politischen Beziehungen zum
Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW), der Ökonomie der DDR
etc. im Zusammenhang zu sehen. So haben wir auch in unseren
Programmatischen Thesen festgehalten, dass z. B. die Entwicklung
revisionistischer Auffassungen in einem Zusammenhang mit anderen
Faktoren verstanden werden muss:
„Die kommunistischen Parteien verteidigten den Sozialismus nicht mehr, sondern schufen die Voraussetzungen seiner Zerstörung. Als Materialisten gehen wir jedoch davon aus, dass falsche Bewusstseinsinhalte nicht „von selbst“ entstehen, sondern materielle Ursachen haben.“
Im Kern handelte es sich
bei der Konterrevolution in der DDR um eine politische Krise, die
hervorgerufen wurde durch ökonomische Fehlentwicklungen, falsche
politische Entscheidungen, einem Aufweichen marxistischer
Weltanschauung in vielen Bereichen der gesellschaftlichen Organe und
vor allem auch der SED selbst, die schließlich vom BRD-Imperialismus
zur Zerschlagung des Sozialismus genutzt wurde. Auf den folgenden
Seiten werden nun also einige Faktoren dargestellt, die die
politische Krise hervorgerufen haben.
Kontext der internationalen kommunistischen Bewegung
Um die Entwicklung und den
Sieg der Konterrevolution in der DDR verstehen zu können, müssen
auch die internationalen Entwicklungen und insbesondere die
Entwicklungen im sozialistischen Lager, also dem Warschauer Vertrag
und dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe berücksichtigt
werden.
Auf dem XX. Parteitag der
KPdSU 1956 wurde unter der Führung Nikita Chruschtschows eine neue
strategische Orientierung beschlossen, wonach ein „freundschaftliches
Verhältnis“ zu den USA angestrebt wurde und man sich in die
inneren Angelegenheiten der kapitalistischen Länder nicht einmischen
wolle (Khrushchov 1956). Die marxistische Analyse, wonach der
Imperialismus unvermeidlich zum Krieg führe, wurde implizit für
überholt erklärt, da nun aufgrund der Existenz der Sowjetunion und
starker Friedenskräfte die Situation eine andere sei. Schließlich
wurde auch die Möglichkeit eines friedlichen und parlamentarischen
Übergangs zum Sozialismus formuliert. Diese Positionen stellten eine
Wende der Parteilinie hin zum rechten Opportunismus dar. In den
meisten kommunistischen Parteien wurde diese Wendung mitvollzogen und
dementsprechend auch oft die Parteiführung ausgetauscht. In der DDR
war dies zunächst nicht der Fall – Walter Ulbricht blieb bis 1971
an der Spitze der SED. Der XX. Parteitag spielte eine
entscheidende und negative Rolle. Aber er reicht längst nicht als
alleinige Erklärung für die Konterrevolution. Weder hat mit ihm der
Sozialismus in der Sowjetunion und der DDR aufgehört zu existieren,
noch hat sich damit in den kommunistischen Parteien der Revisionismus
vollständig durchgesetzt.
Der XX. Parteitag der
KPdSU leitete auch auf ökonomischem Gebiet eine Wende ein. In der
Sowjetunion wurden zuerst nur beschränkte Wirtschaftsreformen, dann
1965 die umfassendere „Kossygin-Reform“ beschlossen. Bei der
Reform von 1965 wurden die Ideen des sowjetischen Ökonomen Jewsej
Liberman umgesetzt: Danach bekamen die Betriebe wesentlich weniger
Planziele verbindlich vorgeschrieben. Die Betriebe mussten ihre
Planung nun darauf orientieren, einen betrieblichen Gewinn zu
erzielen und die Finanzmittel für Investitionen selbst zu
erwirtschaften (vgl. Spanidis 2018). Neben den Reformen des
Planungssystems wurden auch die Prioritäten der Planung verändert,
sodass nun die Produktion von Produktionsmitteln zur Beschleunigung
der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr den Vorrang gegenüber
der Produktion von Konsumtionsmitteln hatte.
Diese Reformen verblieben
zwar im Rahmen der Planwirtschaft und wurden zudem nur unvollständig
umgesetzt und teilweise auch wieder rückgängig gemacht. Sie
schwächten trotzdem den sozialistischen Charakter der
Produktionsverhältnisse, trugen zu einer Verringerung des
Wirtschaftswachstums ab Mitte der 1970er Jahre bei und verschafften
längerfristig den Kräften Aufwind, die den Sozialismus als solchen
beseitigen wollten. Auch in den anderen sozialistischen Ländern
wurden entsprechende Reformen zur Stärkung von Marktmechanismen
durchgesetzt, wobei z. B. Ungarn besonders weit dabei ging, die
zentrale Planwirtschaft aufzuweichen. In den Jahren 1982/83 bestand
in der Sowjetunion unter Andropow die Möglichkeit eines
Kurswechsels. Andropow hat an vielen Stellen den Revisionismus in der
KPdSU, besonders in der Ökonomie, richtig erkannt und erarbeitete
Konzepte zur erneuten Vertiefung der sozialistischen Verhältnisse
(Keeran/ Kenny 2015, 58ff). Nach etwa einem Jahr starb Andropow
jedoch krankheitsbedingt – seine Reformvorhaben wurden nach seinem
Tod nicht weiter umgesetzt. Nachdem in der Sowjetunion 1985 Michail
Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde, wurde die
Planwirtschaft innerhalb weniger Jahre zerstört und aufgelöst.
Wesentliche Schritte waren dabei die Aufhebung der staatlich
festgelegten Preise sowie die Legalisierung der Lohnarbeit und
privater Unternehmen.
Auf internationaler Ebene
wirkten sich die Beschlüsse des XX. Parteitag insofern aus, dass die
Orientierung auf die sozialistische Revolution und die Errichtung der
Diktatur des Proletariats für vermeidbar gehalten wurde. Die
Frontstellung des Sozialismus gegen den Imperialismus wurde damit auf
ideologischer Ebene relativiert.
Auf ökonomischer Ebene
wurde das Ziel der Eigenständigkeit niedriger priorisiert und eine
Reihe sozialistischer Länder begab sich in die Abhängigkeit von
Krediten und Warenimporten aus dem kapitalistischen „Westen“.
Zunächst führte all das aber noch nicht dazu, dass die Grundsätze
des proletarischen Internationalismus aufgegeben worden wären: Die
Sowjetunion und anderen Länder des Warschauer
Verteidigungsbündnisses agierten weiterhin als Stütze
kommunistischer und antiimperialistischer Befreiungsbewegungen und
Regierungen auf der ganzen Welt.
Solange sie sozialistisch blieben, bildeten sie auch ein Gegengewicht gegen den Imperialismus und die Reaktion. Auch das änderte sich dann jedoch mit der Machtübernahme der offenen Konterrevolution ab Mitte der 1980er. War zuvor die sogenannte „Breschnew-Doktrin“ handlungsleitend gewesen, wurden schließlich die gemeinsamen Sicherheitsabkommen über Bord geworfen. Die „Breschnew-Doktrin“ besagte richtigerweise, dass die Eigenständigkeit der einzelnen sozialistischen Länder nicht in dem Sinne missbraucht werden dürfe, dass es der Konterrevolution gestattet wäre, in einem Land den Sozialismus zu zerschlagen und dieses Land gegen die Interessen der sozialistischen Staatengemeinschaft zu kehren. Mit Berufung auf dieses Prinzip war 1968 noch durch eine militärische Intervention der Warschauer Vertrags-Staaten in der Tschechoslowakei ein Sieg der dortigen konterrevolutionären Kräfte abgewendet worden (siehe unseren Hintergrund dazu). Gorbatschow machte nun deutlich, dass nach der neuen Linie der sowjetischen Außenpolitik jede kommunistische Partei für ihre eigene Politik zuständig sei und gegebenenfalls die Konsequenzen auch alleine zu tragen habe.
Die Solidarität,
gegenseitige Garantie und Unterstützung der sozialistischen Staaten
wurden damit aufgekündigt. Nachdem schon in den vorherigen
Jahrzehnten einzelne Länder wie Albanien, Jugoslawien, die
Volksrepublik China und in manchen Fragen auch Rumänien die
gemeinsame Front der sozialistischen Staaten verlassen hatten,
zerfiel das sozialistische Lager nun mit rasanter Geschwindigkeit.
Kurz darauf, nachdem die konterrevolutionären Kräfte dem
Sozialismus in der Sowjetunion den Todesstoß versetzt hatten,
zerbrach auch sie in ihre Teilrepubliken.
Wirtschaftliche Probleme
Der Kontext der
internationalen kommunistischen Bewegung hatte natürlich seine
Auswirkungen auf die DDR. Vor allem auf ökonomischem Gebiet lassen
sich starke Parallelen zu der Entwicklung in der UdSSR und anderen
RGW-Ländern erkennen. Sowohl in der DDR, als auch in der UdSSR
verliefen die Entwicklungen dabei keineswegs gradlinig oder gar
synchron, im Trend der Jahrzehnte betrachtet wird jedoch eine
grundsätzlich einheitliche Entwicklungsrichtung sichtbar. Inwiefern
diese Ausdruck des sowjetischen Einflusses auf die DDR ist, muss an
anderer Stelle genauer untersucht werden.
In der ökonomischen
Entwicklung der DDR lassen sich einige Ursachen für die
Konterrevolution erkennen. Innerhalb der kommunistischen Bewegung
herrscht jedoch keine Klarheit darüber, in welchem Verhältnis die
ökonomischen Probleme tatsächlich zur Konterrevolution stehen.
Während z. B. einige die Hauptursache der Konterrevolution in der
Ökonomie sehen, meinen andere, die Konterrevolution resultiere
vorrangig aus einem „Demokratiedefizit“, ökonomische Probleme
hätten den Prozess nur befeuert.
Ebenfalls herrscht
Unklarheit darüber, welche ökonomischen Entscheidungen
problematisch und welche zielführend waren. Wie in anderen Bereichen
dieses Hintergrundartikels können wir noch keine umfassende und
abschließende Analyse der ökonomischen Entwicklung der DDR
nachzeichnen und treffsicher politisch bewerten. Hierfür ist der
Klärungsprozess, in dem wir bereits konkret zur ökonomischen
Entwicklung der DDR und UdSSR forschen, eine notwendige
Voraussetzung. Nichtsdestotrotz wollen wir an dieser Stelle einige
Entwicklungen beleuchten, die wir momentan als problematisch
einschätzen und weiterführend analysieren wollen.
Während die DDR noch bis
in die 70er Jahre einen beeindruckenden wirtschaftlichen Aufbau
vollzogen hatte, in vielen wirtschaftlichen Bereichen international
Stand halten konnte und in einigen Bereichen sogar Vorreiter war,
begann in den folgenden Jahren ein wirtschaftlicher Abschwung. Ab
Mitte der 70er Jahre machten sich ökonomische Fehlentscheidungen
langsam bemerkbar und das Wachstum der DDR-Ökonomie ging Stück für
Stück zurück. Die Produkte der DDR konnten sich immer weniger auf
dem internationalen kapitalistischen Weltmarkt behaupten, die DDR
verschuldete sich im Westen, hatte Liquiditätskrisen zu erleiden.
Wenn auch die
Wachstumsraten des BIP durchschnittlich höher waren als in der BRD
(Heske 2009, S. 52), schaffte die DDR es nicht, den Konsumstandard
der BRD zu erreichen. Das Ziel, die BRD zu „Überholen ohne
Einzuholen“, war für die meisten DDR-Bürger nicht mehr greifbar.
Je Einwohner lag das BIP der DDR 1989 um 44 Prozent unter dem
der BRD. Um den Rückstand aus den Jahren 1949/50 auszugleichen (z.
B. durch die einseitig geleisteten Reparationszahlungen der DDR auf
der einen Seite und den Marshallplan für die BRD auf der anderen),
hätte die DDR je Erwerbstätigem im Schnitt jährlich um 6,2 Prozent
wachsen müssen, statt um real 3,9 Prozent. (ebd., S. 70).
Was waren also die
Problemkomplexe die den wirtschaftlichen Abschwung der DDR und die
Unterminierung des Sozialismus beförderten?
…Marktelemente und Wertgesetz
In unseren
Programmatischen Thesen haben wir Folgendes zur Frage von Wertgesetz
und Markt festgehalten:
„Theorien, die von einer dauerhaft bleibenden Wirkung des Wertgesetzes im Sozialismus oder der sozialistischen Warenproduktion ausgehen, haben sich als falsch und schädlich erwiesen. Wo die Praxis in den sozialistischen Ländern sich nach solchen Vorstellungen richtete, untergrub sie den Sozialismus“
Und:
„Maßgebliche Ursache der Konterrevolution war die Verbreitung und schließlich Vorherrschaft revisionistischer Auffassungen und „marktsozialistischer“ Tendenzen“
Und wie hat es sich nun
mit dem Wert in der DDR verhalten? Mit dem Neuen Ökonomischen System
der Planung und Leitung (NÖSPL) ab 1963 und später dem Ökonomischen
System des Sozialismus (ÖSS) ab 1967 wurden Marktelemente in der DDR
zunehmend etabliert. Die politische Führung erhoffte sich damit vor
allem die materielle Interessiertheit und damit die Produktivität
der Betriebe zu steigern. Bestandteile dieser Reformen waren die
Stärkung der Rentabilität und Unabhängigkeit/Eigenständigkeit
„individueller“ Betriebe, die Stärkung des Gewinns als
Produktionsregulator, Preisreformen, nach denen die Preise in
erhöhtem Maße die Werte (Produktionspreise) widerspiegeln sollten,
und die verstärkte Betonung materieller Anreize. Ab 1971 wurden
die Reformen unter Honnecker wieder weitestgehend zurück genommen.
Hierzu sind zahlreiche
Debatten entstanden, die bis heute noch intensiv geführt werden. Auf
der einen Seite sehen Theoretiker wie Jörg Rösler und Ekkehard
Lieberam in dem NÖSPL einen wichtigen Schritt zur
Produktivitätssteigerung in der DDR. Auf der anderen Seite betonen
Theoretiker wie Gerfried Tschinkel, Hermann Jacobs oder die KKE, dass
Marktelemente und Wert im Sozialismus unbedingt zurückgedrängt
anstatt gefördert werden müssen, da sie in Widerspruch zur
sozialistischen Ökonomie stünden und diese zersetzen würden.
Grundsätzlich halten auch
wir die Wirkung des Wertgesetzes im Sozialismus für ein Problem.
Markt und Plan stehen
schließlich in einem prinzipiellen Widerspruch zueinander. So weit
dem Markt Freiheit zur Entfaltung gegeben wird, so weit wird der Plan
als Grundlage der sozialistischen Gesellschaft außer Kraft gesetzt.
So weit dem Plan Platz gegeben wird für eine allseitige
Koordinierung der Ökonomie, so wenig kann sich der Markt überhaupt
mit seiner Funktionsweise herausbilden. Entsprechende Marktreformen
hemmen also die Planungsfähigkeit in der Ökonomie, die eine
entscheidende Grundlage der sozialistischen Gesellschaftsordnung ist.
Gleichzeitig läuft eine zunehmende Einführung von Marktelementen
der Entwicklung des Sozialismus hin zum Kommunismus zuwider. In
unseren Programmatischen Thesen haben wir deshalb geschrieben, dass
„die Planwirtschaft in ihrer Entwicklung den sozialistischen
Charakter der Produktion vertiefen“ muss.
Doch es ist nicht
hinreichend nur theoretisch zu sagen, dass wir die Wirkung des
Wertgesetzes im Sozialismus für falsch halten. Das Verhältnis von
Plan und Wertgesetz, wie es unter den Bedingungen des NÖSPL
entstand, muss noch genauer durchdrungen werden. Um uns diesem
Fragenkomplex zu nähern, müssen wir die Ökonomie der DDR und die
sie umgebenden Umstände konkret und allseitig in ihrer Entwicklung
untersuchen.
Hier stellen sich für uns
einige Fragen: Waren die zunehmenden ökonomischen
Disproportionalitäten, der Geldmengenüberhang, der Mangel an Gütern
bei gleichzeitiger Vergeudung von Produktivkräften und schließlich
das Nachlassen der Akkumulationsdynamik in der DDR Folgen der NÖSPL
(wie es z.B. Tschinkel behauptet)? Wieso wurde die Zentralplanung
nicht ausgeweitet? Worin bestanden die Schwierigkeiten einer
vertieften Zentralisierung? Welche Mechanismen hätte es gebraucht,
um sowohl eine Zentralplanung als auch flexible wirtschaftliche
Mechanismen zusammenzubringen? Im Klärungsprozess wollen wir uns
weitergehend damit befassen, was genau die ökonomischen und
politischen Bedingungen waren, unter denen sich die SED für das
NÖSPL und ÖSS entschieden hat, welche Diskussionen dazu in der SED
stattgefunden haben und welchen Einfluss die Sowjetunion bei diesen
Entscheidungen gespielt hat, inwieweit sich die Rolle des
Wertgesetzes ab der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“
ab ’71 wieder veränderte und anderes mehr.
…„Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“
Ein zweiter Problemkomplex
leitet sich aus der ökonomischen Leitlinie ab 1971 ab, der so
genannten „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Diese
stellte insofern eine Zäsur in der ökonomischen Entwicklung der DDR
dar, als dass ab diesem Zeitpunkt die Konsumtionsmittelproduktion
(sog. „Abteilung II“) vor die Produktionsmittelproduktion (sog.
„Abteilung I“) gestellt wurde. Der Grund hierfür war vor allem
der politische Druck zur besseren Versorgung der Bevölkerung mit
Konsumgütern. Teile der politischen Führung hatten sich erhofft,
dass der schneller anwachsende Lebensstandard der Menschen dazu
führen würde, dass diese auch effektiver arbeiten würden, und sich
somit die Sozialinvestitionen ausgleichen ließen.
Hieraus resultieren für
uns erneut Fragen: Ist diese Entwicklung auch Ausdruck einer
mangelnden Verbindung der SED mit den Werktätigen der DDR? Hätte es
nicht einer politischen Arbeit für die zwar entbehrungsreichere,
aber dafür solidere Orientierung des Wirtschaftsaufbaus bedurft? Mit
überproportionalen Ausgaben für Sozialprogramme, allen voran dem
Wohnungsbauprogramm, fehlte schnell das notwendige
Investitionsvolumen, um mit der Entwicklung internationaler Standards
in der Produktion mithalten zu können. Die Hoffnung, durch höhere
Konsumausgaben die Arbeitseffektivität zu steigern, erfüllte sich
nicht. Dies verschlechterte die Akkumulationsdynamik der DDR
allgemein und damit die Stellung der DDR in der Weltwirtschaft: „Der
Anteil der Nettoinvestitionen in diesem Bereich [produzierender
Bereich, Anm. KO] am im Inland verwendeten Nationaleinkommen war in
den 70er Jahren und in der ersten Hälfte der 80er Jahre erheblich
reduziert worden. Dieser Anteil sank von 16,1 Prozent im Jahre 1970
auf 8,1 Prozent im Jahre 1985“ (ND 1990).
Während die DDR in den
60ern und frühen 70er Jahren z. B. noch ausgezeichnete
Maschinenbauerzeugnisse herstellte und gegen Devisen in den Westen
verkaufte, kam es ab Mitte der 70er zu einem starken Einbruch in
diesem – für den DDR-Export sehr wichtigen Zweig. Der Grund dafür
war unter anderem, dass sie die Mikroelektronisierung und damit die
Einführung der CNC-Steuerung verpassten, da dies einer der Zweige
war, der unter der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“
von Honecker zu leiden hatte. Die hohen Ausgaben für den
Konsumtionsbereich verunmöglichten schließlich die notwendigen
Investitionen in Bereiche wie die Mikroelektronisierung, die Ulbricht
noch forciert hatte. Da die DDR die CNC-Steuerungen zu Beginn noch
nicht selbst produzieren konnte und auch später viele Jahre
Rückstand hatte, war sie i. d. R. darauf angewiesen, diese aus dem
Ausland zu kaufen und in die eigenen Produkte einzubauen. Dies führte
dazu, dass der Netto-Devisenerlös aus den Maschinenbauerzeugnissen
30-40 Prozent unter den erzielten Gewinnen vom Anfang der 70er Jahre
lag (Roesler, 2003, 30f). Die Auswirkungen des neuen ökonomischen
Paradigmas unter Honecker erstreckten sich natürlich auf mehr
Bereiche als nur auf den der Maschinenbauerzeugnisse. Aus
Platzgründen soll die beispielhafte Darstellung dieses Bereiches
jedoch genügen.
Durch die nachlassende
Wettbewerbsfähigkeit der DDR in der internationalen Wirtschaft
entwickelten sich Probleme dabei, Güter im Nichtsozialistischen
Wirtschaftsgebiet (NSW) gegen Devisen abzusetzen. Auf der anderen
Seite erodierte der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW),
also das sozialistische Wirtschaftsbündnis. Die DDR konnte auf den
Handel mit dem NSW nicht verzichten, sondern intensivierte ihn sogar
über die letzten Jahrzehnte. Da sich die Deviseneinnahmen durch den
Export infolge des zunehmenden Investitionsrückstandes systematisch
reduzierten, gleichzeitig jedoch Importe aus dem NSW zum
Aufrechterhalten der eigenen Export-Wirtschaft an Bedeutung gewannen,
folgte ein massiver Anstieg der Westverschuldung. Die 80er Jahre
waren schließlich gekennzeichnet von einer Politik des „Exports um
jeden Preis“ in der die DDR einige Produkte sogar unter dem
Produktionspreis verkaufte, um Devisen zu erlangen und mittelfristig
die Handelsbilanz wieder auszugleichen (Roesler 2003, 34ff). Dass in
diesem Sinne der Vorzug der Konsumtionsmittelproduktion vor die
Produktionsmittelproduktion gravierende negative Auswirkungen auf die
DDR-Wirtschaft hatte, ist unzweifelhaft. Ob die DDR jedoch ohne
gemeinsamer Forschungsprogramme im RGW überhaupt die Möglichkeit
gehabt hätte, in der Entwicklung der Mikroelektronisierung
international Schritt halten zu können? Wir wollen noch weiter zu
dieser Frage arbeiten.
…Der Zerfall des RGW
Während sich in den
Fünfjahrplänen der DDR (siehe z.B. SED: Dokumente des VIII.
Parteitages der SED, S. 55) immer wieder das Bestreben widerspiegelt,
die wirtschaftliche Zusammenarbeit im RGW zu intensivieren, sank der
Anteil des Außenhandels mit dem RGW jedoch faktisch seit Anfang der
60er Jahre zugunsten der westlichen Industrieländer
Die DDR vernetzte sich also immer mehr mit dem NSW, was natürlich eine gewisse ökonomische Abhängigkeit zur Folge hatte, die im Kontext der Systemkonfrontation von der BRD politisch genutzt wurde. Weiterhin lässt sich ein steigendes Unvermögen des RGW erkennen, gemeinsam innovativ zu forschen und somit technologisch mit dem Westen Schritt halten zu können, bzw. diesen zu überflügeln. Das Versagen bei der Entwicklung der Mikroelektronisierung im gesamten RGW ist dafür nur ein Beispiel. Außerdem nahm die Praxis der gegenseitigen Hilfe seit den 70er Jahren immer mehr ab. Infolge der Ölkrise erhöhte die Sowjetunion beispielsweise in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre die Ölpreise für die DDR, 1982 drosselte sie die Öllieferungen, beides im Wissen darum, dass das sowjetische Erdöl existenzieller Bestandteil der DDR-Ökonomie war.
DDR – Außenhandel nach Ländergruppen 1949-1989 (Quelle: Förster o.D.)
Wie genau und warum sich der RGW so problematisch entwickelt hat, muss weiter untersucht werden. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die riesigen Potenziale, die in einer internationalen Wirtschaftskooperation wie dem RGW stecken, ausreichend entfaltet wurden. Auch hier ergeben sich für uns wieder viele Fragen, die es zu klären gilt: Warum wurde die wirtschaftliche Kooperation im RGW nicht intensiviert? In welchem Zusammenhang steht die abnehmende Arbeitsteilung im RGW mit der geringeren Rolle der Zentralplanung in den einzelnen Ökonomien? Ist die Abkehr einer gemeinsamen sozialistischen Arbeitsteilung selbst Ausdruck der Implementierung von Marktelementen in die sozialistische Wirtschaft? Inwiefern steht die Entwicklung im Zusammenhang mit politischen Differenzen der sozialistischen Länder? Wie hätte eine gemeinsame Arbeitsteilung aussehen müssen, die sowohl die nationalen Wirtschaften entwickelt, als auch die gemeinsame Arbeitsteilung in den Blick nimmt?
Der Zerfall des RGW und
damit die Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen der DDR mit
dem NSW hatte schließlich auch zur Folge, dass die DDR immer
krisenanfälliger wurde. Während die sozialistische Produktionsweise
in sich grundsätzlich nicht den zyklischen Krisen des Kapitalismus
unterliegt, bedeutet eine Verflechtung mit dem NSW natürlich, dass
deren Krisen auch auf die sozialistischen Länder wirken. Die DDR
hatte ihre Ökonomie in den 80er Jahren auf ein sehr riskantes
Unternehmen fokussiert – den Export von Erdölderivaten. Die
Gewinne beruhten hierbei im Wesentlichen auf der Differenz der
niedrigen sowjetischen Erdölpreise und den verhältnismäßig hohen
Weltmarktpreisen. Während die Erdölpreise auf dem Weltmarkt die 12
vorangegangen Jahre relativ gleichmäßig und stark überhöht waren,
fielen die Preise Ende des Jahres 1985 binnen Kürze auf die Hälfte.
Die in diesem Zweig erwirtschafteten Deviseneinnahmen fielen
dementsprechend auch um ca. die Hälfte (vgl. Rösler 2003, 38).
Derlei Rückschläge der
DDR-Ökonomie haben ihre Ursachen in der starken Integration in den
kapitalistischen Weltmarkt und sind daher nicht von der Frage der
Entwicklung des RGW zu trennen. Der Aufbau des Sozialismus in
direkter Nachbarschaft und Konkurrenz zum Imperialismus ist dabei
natürlich eine grundsätzliche Schwierigkeit. Auf allen Gebieten,
auch der politischen Auseinandersetzung, wurde hier jedoch zunehmend
nicht die selbständige Entwicklung gefördert, sondern die
militärische, politische und ökonomische Annäherung zum
Imperialismus.
Ist die DDR an ihrer Ökonomie zugrunde gegangen?
Viele Fehlentscheidungen
und unvorteilhafte Entwicklungen haben der DDR-Wirtschaft erheblichen
Schaden zugefügt. Doch sie war keineswegs am Ende. Zwar kam es 1982
zu einer Liquiditätskrise, die jedoch bis 1985 wieder neutralisiert
werden konnte. Auch wenn die Westverschuldung bis 1989 anschließend
wieder zunahm, war die DDR nicht zahlungsunfähig (Roesler 2003, 38 /
Steiner 2004, 225). Die Aussage, die DDR sei pleite gewesen, ist
ebenso falsch. Die Schulden der DDR im Verhältnis zum BIP betrugen
89 tatsächlich nur etwa 3/5 von denen der BRD (Bundesbank,
Monatsberichtsbericht März 1997, S. 18). Die DDR hatte
wirtschaftliche Probleme, diese waren jedoch an sich nicht
existenzgefährdend.
Politische Lethargie
Die entscheidende Ursache
für die Konterrevolution lässt sich letztlich im politische Gebiet
verorten. Dadurch also, dass die Kommunisten und die Massen den
Sozialismus nicht mehr mit aller Kraft verteidigten und
weiterentwickelten. Die vielfältigen Mechanismen der sozialistischen
Demokratie, die die DDR geschaffen hatte, waren in den 80er Jahren
nicht mehr in der Lage, die sich stellenden Probleme zu lösen. Das
betrifft die unterschiedlichen Bereiche der Arbeiter- und
Bauernmacht, allen voran die SED. Die führende Rolle, die sich die
SED jahrelang erkämpft hatte und die in der Verfassung von 1968 fest
verankert und breit anerkannt war, konnte sie zuletzt nicht mehr
spielen. Innerhalb der SED wurden grundlegende Erfahrungen der
Arbeiterbewegung aufgegeben.
Die Entwicklung der SED
hatte dabei unterschiedlichste Phasen. Ihr Zustand in den 80er Jahren
ist nicht derselbe wie zu ihrer Gründung oder auch in den 60er
Jahren. Die Situation der SED zum Ende der DDR lässt sich dabei
nicht ohne den Zusammenhang der Entwicklung der kommunistischen
Bewegung weltweit erklären.
Im Abschnitt zum Kontext
der internationalen kommunistischen Bewegung wurde dazu bereits auf
einige schädliche Entwicklungen eingegangen, die sich insbesondere
seit dem XX. Parteitag der KPdSU international verbreiteten. Die SED
unter Walter Ulbricht unterstützte diese Position zwar nicht
offensiv, bekämpfte sie allerdings auch nicht. Diese unklare Haltung
legte jedoch bereits die Grundlage dafür, dass die offene und
scharfe politische Diskussion um die richtige Linie und die ständige
Überprüfung der Theorie mit den tatsächlichen gesellschaftlichen
Verhältnissen innerhalb der SED geschmälert wurden (Buchholz et al.
2019, 87ff.) Letztlich konnte sich so auch eine besonders zerrüttende
Auslegung der friedlichen Koexistenz zwischen Sozialismus und
Imperialismus nach dem XX. Parteitag der KPdSU durchsetzen, die der
Politik des „Wandels durch Annäherung“ schließlich Tür und Tor
öffnete (hierzu: Münder 2007). Die im ersten Teil erwähnte
Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von 1972-75 in
Helsinki und später das gemeinsame SED/SPD-Papier von 1987 sind
schlagende Belege dafür, dass der Imperialismus falsch eingeschätzt
wurde.
Dem Imperialismus wurde
auf einmal eine Friedensfähigkeit bescheinigt, es wurde der
kooperative Wettbewerb der Systeme proklamiert und das gemeinsame
Ziel der allgemeinen Menschenrechte erklärt (SPD/SED-Papier: Der
Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit, 1987).
Die Haltung der
Unumkehrbarkeit der sozialistischen Entwicklung – eine
voluntaristische Auslegung der Gesetzmäßigkeit der Geschichte –,
der Einfluss des Eurokommunismus mit seiner Parole vom „Sozialismus
mit menschlichem Antlitz“ so wie die Aufgabe einer einheitlichen
und gemeinsamen Entwicklung des Sozialismus zugunsten einer
Orientierung auf nationale Eigenständigkeit und Nichteinmischung der
sozialistischen Staaten untereinander, taten ihr Übriges, um sich
den imperialistischen Staaten politisch anzunähern.
Hinzu kommen Entwicklungen
in der Organisationspolitik der SED ab den 70er Jahren, die einen
gelebten demokratischen Zentralismus, entgegen den eigenen Vorgaben
des Statuts, untergruben und letztlich zu einem massiven
Vertrauensverlust sowohl gegenüber den Massen als auch den eigenen
Mitgliedern beitrugen. Hier soll sich dafür vornehmlich auf die
Sammlung von Itzerott und Gossweiler in „Unter Feuer – die
Konterrevolution in der DDR“ bezogen werden, die sich auch in
den vielen Erfahrungen ehemaliger DDR-Bürger widerspiegeln.
Probleme wurden nicht
länger klar und offen angesprochen und angegangen, Informationen und
Wissen konzentrierte sie auf einen begrenzten Kreis von leitenden
Mitgliedern.
Die Bildungs- und
Ideologiearbeit verlor zunehmend die Verbindung sowohl zu den
Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus als auch ihr
schöpferisches Verhältnis zu den gesellschaftlichen Entwicklungen
und bekam eher die Rolle der Begründung der Beschlüsse der Partei.
Die erlebte widerspruchsvolle Wirklichkeit stand den verbreiteten
positiven Positionen häufig entgegen und der tatsächliche
Bewusstseinsstand der Klassen und Schichten der DDR wurde allzu oft
überschätzt.
Die leninistische
Orientierung auf eine kommunistische Kaderpartei, die auch die SED
seit ihrem Statut von 1950 verfolgte, wich zunehmend einer faktischen
Orientierung auf eine Massenpartei, Mechanismen wie die
Kandidatenzeit bekamen zunehmen formale Züge. All dies beförderte
zudem den Eintritt und Einfluss von Karrieristen innerhalb der SED.
Aus heutiger Perspektive ist offensichtlich, dass nicht 2,3 Millionen
ehrliche Kommunisten auf dem Gebiet der DDR existierten, die den
Anspruch eines Mitglieds einer kommunistischen Kaderpartei erfüllten.
Vielmehr lässt sich z. B. an den Abwanderungen von der SED zur CDU
nach der Konterrevolution erkennen, dass die Mitglieder der SED in
vielen Fällen alles andere als eine Vorhut der Arbeiterklasse waren.
Mitgliederentwicklung der
SED:
1946 – 1,2 Mio.
1949 – 1,6 Mio.
1970 – 1,9 Mio.
1988 – 2,3 Mio.
1989 spitzte sich die
negative Entwicklung der SED noch weiter zu. Die SED war nicht mehr
Herr der Lage. Statt die Verbindung zu den Massen wieder mühsam
herzustellen, wurde das Ministerium für Staatssicherheit politisch
verantwortlich erklärt. Anstatt sich die Führungsrolle, durch das
Annehmen von ökonomischen und politischen Problemen zu erarbeiten,
wurde der Führungsanspruch der SED gänzlich negiert. Der Einfluss
der Politik Gorbatschows erreichte und spaltete die Parteiführung.
Während Honecker die verheerenden Folgen von Perestroika und
Glasnost erkannte, sprangen andere wie Hans Modrow auf den Zug mit
auf und übernahmen letztlich die Parteiführung. Die SED war
schließlich so stark von Revisionismus zersetzt, dass sie sich
selber abschaffte. Im Februar 1990 legte die neu gebildete Regierung
von Hans Modrow ein „Regierungskonzept zur Wirtschaftsreform in der
DDR“ vor, nach dem die Planwirtschaft zugunsten einer
kapitalistischen Marktwirtschaft abgeschafft werden sollte. Auf ihrem
Sonderparteitag am 8./9. Dezember beschloss die SED (bald PDS)
ebenfalls das Ende der führenden Rolle der SED als Partei der
Arbeiterklasse.
Die Entwicklungen
innerhalb der SED hatten ihre Auswirkungen auf weitere Bereiche der
sozialistischen Demokratie, auf die Presse, die Massenorganisationen
und auch die Kulturproduktion.
Nicht allein die
Ausbürgerung von Wolf Biermann im Jahr 1976, der heute noch keine
Gelegenheit auslässt, in den Chor der Anti-DDR Hetze einzustimmen,
sondern vielmehr eine Kulturpolitik, die die mangelnde politische
Diskussionsfähigkeit und Klarheit der SED abbildet, führten
letztlich zur Frustration und Aufwiegelung einiger Kulturschaffender
gegen die SED. Hiermit ist nicht gemeint, dass etwa die Ausbürgerung
Biermanns grundsätzlich falsch war oder dass die
DDR-Kulturproduktion nicht auch erstaunliches geleistet hat. Die
Entwicklung der Kulturpolitik und das Verhältnis der
Kulturschaffenden zur SED und DDR muss noch weiter untersucht werden.
Welche Rolle haben Kulturvereinigungen wie der Schriftstellerverband
gespielt; inwiefern blieb Potenzial der Kulturschaffenden ungenutzt;
was waren die konkreten Umstände der Auseinandersetzung mit den
Kulturschaffenden in den 80er Jahren, was waren hier die
Möglichkeiten der SED; inwiefern konnte die Jugend für die
Kulturlandschaft gewonnen werden und vieles weitere mehr.
Auch die zentralen
Presseorgane bildeten zuletzt die Diskussionsmüdigkeit und die
Abkehr von den gesellschaftlichen Problemen, die in der SED sichtbar
wurden, ab und konnten so die Verbindung der Massen mit der Partei
nicht mehr befördern.
Die SED war nicht länger
Vorbild für die sozialistische Macht und konnte der weiteren
Entwicklung der DDR auch nicht länger die Zukunft weisen, die
Führungsrolle der SED war untergraben.
Uns muss es allerdings
darum gehen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Dafür ist eine
genaue Betrachtung der hochkomplizierten politischen Situationen,
innerhalb derer die SED handelte und sich entwickelte, genau zu
untersuchen. Die äußeren Einflüsse dürfen dabei nicht
unterschätzt werden.
Die Bedingung als
Frontstaat der sozialistischen Länder mit direkter Grenze zum
wichtigsten Frontstaat der imperialistischen Welt; die Voraussetzung
der gemeinsamen Sprache, Geschichte und Kulturtradition, die die
Bevölkerung der DDR mit der der BRD verbanden, wogen schwer. Die
Systemauseinandersetzung wurde auf allen Ebenen, ökonomisch,
militärisch, ideologisch usw. geführt und erschwerte eine
selbstbewusste Entwicklung der DDR. Die DDR ließ sich auf eine
Konkurrenz mit der BRD ein, ohne dabei der eigenen Bevölkerung die
Voraussetzungen des höheren Konsumstandards in der BRD hinreichend
vermittelt zu haben – wenn auch hierfür viele Versuche unternommen
wurden. Der Einfluss der BRD auf die Politische
LethargieDDR-Bevölkerung war nicht gering. Inwieweit schaffte es die
DDR jedoch eine hinreichend selbstbewusste sozialistische Antwort auf
den Einfluss der BRD herzustellen, die die Unterschiedlichkeit der
Systeme erfolgreich vermittelte? – und wo haben sich dabei eventuell
Probleme aufgemacht?
Der Einfluss der
internationalen kommunistischen Bewegung und der sozialistischen
Staatengemeinschaft, der oben bereits ausführlich besprochen wurde,
hat andererseits entscheidenden Einfluss auf die Bedingungen der
politischen Entwicklung der SED gespielt.
Die Abweichung von
Erkenntnissen und Erfahrungen des wissenschaftlichen Sozialismus in
der SED ist ohne die Einbeziehung der unterschiedlichen Einflüsse
nicht zu erklären, dennoch müssen wir noch genauer untersuchen,
welche Rolle auch einzelne führende Mitglieder der SED auf die
Abweichung vom wissenschaftlichen Sozialismus gespielt haben, wie es
sein konnte, dass revisionistische und letztlich offen
antisozialistische Positionen auch innerhalb der SED Widerhall
fanden.
Dabei ist die historische
Entstehung der proletarischen Macht der DDR, die Gründung der SED
und auch der Massenorganisationen und des Demokratischen Blocks ein
wichtiger Untersuchungsgegenstand. Die Orientierung auf eine
antifaschistisch-demokratische Umwälzung war eine zentrale
Schlussfolgerung aus dem VII. Weltkongress der Kommunistischen
Internationale von 1935. Die Volksfrontorientierung konnte in der
spezifischen historischen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg in
Deutschland, unter der Bedingung der gebrochenen Macht des deutschen
Imperialismus, den leidvollen Kriegserfahrungen der deutschen
Bevölkerung und dem militärischen Schutz der Sowjetunion
erfolgreich sein. Für die Orientierung der Ausrottung der Grundlagen
des Faschismus konnte die KPD zunächst die Massenbasis der SPD und
Teile ihrer Führung im Osten und dann breite Teile der Bevölkerung
gewinnen und erarbeitete sich die Zustimmung für die großen
Enteignungsaktionen der Nazi- und Kriegsverbrecher. Auch die
Entwicklung von der antifaschistisch-demokratischen Ordnung zum
Aufbau der Grundlagen des Sozialismus und die Entwicklung der SED zu
einer marxistisch-leninistischen Partei ab 1950 waren erfolgreiche
Schritte im Aufbau der DDR.
Inwiefern aber entsprach
die Bolschewisierung der SED der tatsächlichen Situation der Partei
– die gerade aus der KPD und SPD hervorgegangen war? Wie ist die
Vereinigung von KPD und SED insgesamt zu bewerten? Wie ist die
ideologische Arbeit und Mitgliederpolitik der SED zu dieser Zeit und
in ihrer Folge zu bewerten?
Welchen Einfluss hatten
die weiteren Strukturen, die aus der antifaschistisch-demokratischen
Ordnung hervorgegangen sind und ihre historisch positive Rolle
gespielt hatten, auf den weiteren sozialistischen Aufbau und die
Entwicklung der SED? Vor allem muss hier die jeweilige Rolle der
unterschiedlichen Parteien der Nationalen Front (CDU, LDPD, DBD,
NDPD) näher untersucht werden. Aber auch die Entwicklung der
Massenorganisationen muss analysiert werden. Welchen Einfluss hatte
beispielsweise die Wandlung der FDJ von einer antifaschistischen
Jugendorganisation zur Parteireserve der SED auf ihre Anerkennung und
Wirksamkeit unter der Jugend?
Außerdem bleibt zu
klären, weshalb es keine konstruktive und transparente Diskussions-
und Kommunikationskultur mehr zwischen der politischen Führung und
der Bevölkerung gab. Hat dies strukturelle Gründe wie den
faktischen Massenpartei-Charakter der SED, welcher zunehmend
Karrierismus und Opportunismus beförderte? Auch stellt sich die
Frage, wie eine sozialistische Kultur-, Presse und Sicherheitspolitik
aussehen müsste und ob und wenn ja, inwiefern die DDR dort Fehler
gemacht hat, die vermeidbar gewesen wären.
Ausblick und Schluss
Mit der Konterrevolution
1989/90 ist die Arbeiterbewegung und die kommunistische Bewegung
weltweit in ihre tiefste Krise geraten. Ihre Desorganisation und
Orientierungslosigkeit führten dazu, dass den massiven Angriffen des
Kapitals und den erneuten kriegerischen Raubzügen der
imperialistischen Länder, die der Annexion der DDR folgten, nichts
ernsthaft entgegengesetzt werden konnte. Die Fratze kapitalistischer
Ausbeutung erscheint durch die nahezu vollständige Aufhebung der
Systemkonkurrenz umso deutlicher, die Klassengrenzen treten wieder
schärfer hervor, und somit kann auch die kommunistische Bewegung und
mit ihr die Arbeiterbewegung wieder an Klarheit und Orientierung
gewinnen.
Die Arbeiterklasse hat
auch noch 30 Jahre nach dem sogenannten Mauerfall kein Interesse am
Kapitalismus. Die ostdeutsche Arbeiterklasse im Speziellen fühlt
sich mit ihren Erfahrungen im Sozialismus allein gelassen. Etliche
Millionen DDR-Bürger haben positive Erfahrungen in der DDR
gesammelt, trauern um die verloren gegangenen Errungenschaften. Noch
heute – nach 30 Jahren konterrevolutionärer Propaganda – sagen
etwa 2/3 der ehemaligen DDR-Bürger, dass in der DDR die positiven
Seiten mindestens überwogen (Statista 2019). Gleichzeitig revidieren
viele ehemalige DDR-Bürger ihre Einstellung zur DDR, da ihre
Erfahrungen durch das Totschweigen verblassen und sich in vielen
Köpfen schließlich 1000 Lügen der BRD-Propaganda zu einer
„Wahrheit“ formieren. So kommt es z. B., dass auch Leute, die,
genau wie ihre Familien und Freunde, nie in (negativen) Kontakt mit
dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gekommen sind, heute
davon ausgehen, dass die Stasi eine allgegenwärtige Unterdrückung
gegen das gesamte Volk durchsetzte.
Wir können dem
BRD-Imperialismus nicht vorwerfen, dass er alles dafür tut, die DDR
in ein schlechtes Licht zu rücken – er tut das, um seine eigene
Existenz zu legitimieren und abzusichern. Schließlich kann es nur
der Sozialismus sein, der die Arbeiter von ihrer Ausbeutung und
Unterdrückung befreit. So weit wie der Sozialismus als
gesellschaftliche Alternative aus den Köpfen der Arbeiter
verschwindet, so stabil ist die Herrschaft der Kapitalistenklasse.
Was dagegen unsere Aufgabe sein muss, ist der BRD-Propaganda Paroli
zu bieten. Alle Analysen oder Positionen von Organisationen, die das
Problem einfach beim XX. Parteitag oder bei Honecker verorten, sind
dabei nicht nur verkürzt, sondern liegen grundsätzlich falsch. Die
DDR und die Sowjetunion waren bis zu ihrer Auflösung sozialistisch.
Die Produktionsmittel waren nicht privat, es gab keine Ausbeutung,
die Planwirtschaft war der ökonomisch dominierende Mechanismus, die
Arbeiterklasse herrschte. Der Prozess, der zum Erfolg der
Konterrevolution führte, ist ein längerer komplexer Prozess, den
wir verstehen müssen. Die DDR und die SU aber als
staatskapitalistisch oder gar sozialimperialistisch zu diffamieren,
entspricht nicht den Tatsachen und hilft letzten Endes dem
Klassengegner. Es lenkt davon ab, dass es die Arbeiterklasse war, die
diese große Leistung vollbracht hatte. Es war die Macht der
Arbeiterklasse, die mit Problemen konfrontiert war und diese lösen
musste. Diese Schwierigkeiten zu verstehen, ist im Interesse der
Arbeiterklasse. Es muss deshalb Aufgabe der Kommunisten in
Deutschland sein, wieder eine wissenschaftliche und konstruktive
Auseinandersetzung mit der DDR zu etablieren, an der sich die
Arbeiter orientieren können. Dies kann nur funktionieren, indem
breitestmöglich die Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger gesammelt
werden und ein langfristiger Klärungsprozess die Fehler und
Errungenschaften der DDR herausarbeitet und analysiert. Wir müssen
schließlich klar benennen können, welche Errungenschaften uns als
Richtschnur dienen und warum welche Fehler passiert sind, bzw. wie
wir diesen bei einem erneuten Anlauf zum Sozialismus aus dem Weg
gehen können. Die Frage der Haltung zur DDR ist die Frage der
Haltung zum Sozialismus. Werden wir nicht die Hoheit (und Klarheit!)
über die Geschichte unseres ersten Arbeiter-Staates auf deutschem
Boden erkämpfen, werden wir die deutsche Arbeiterklasse kein zweites
Mal zum Sozialismus heranführen können.
Deshalb beteiligt euch am Klärungsprozess (siehe BolscheWiki), damit wir die Hoheit über unsere eigene Geschichte wiedererlangen und schließlich den Arbeitern wieder eine Perspektive ohne Ausbeutung, Armut, Krieg und Verrohung bieten können.
Literaturverzeichnis
Blätter
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Klaus/Kuhn, Wolfgang (2014): Die zementierte Spaltung – Der Osten
bleibt abgehängt. Fakten, Zahlen, Statistiken.
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der DDR: schleichender Niedergang und Schocktherapie.
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of the Soviet Union to the 20th Party Congress.
SWR (2019): Thierse: „Kohl hat 1990
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https://www.swr.de/swraktuell/30-Jahre-Mauerfall-Ex-Bundestagspraesident-Thierse-sieht-weitere-Defizite-zwischen-Ost-und-West,30jahremauerfall-102.html
The campaign against the democratically elected Bolivian president Evo Morales and his party Movimiento al Socialismo (Movement for Socialism – MAS) has intensified last year and reached a bitter climax last weekend with the forced resignation of Morales. Parts of the military and police have taken the side of the ultra-right opposition and put pressure on MAS politicians to resign through acts of violence, kidnappings and the pillaging and destruction of homes.
The opposition movement presents itself as democratic, as it opposes the alleged dictator Morales, it presents itself colorful and youthful. But the excesses by police and military during the last days, racist above all in nature, show clearly the actual thrust. The recognition and empowerment of the indigenous population, the expansion of the education and health system to the detriment of private corporations and, above all, the nationalization of central industries were a thorn in the side of US imperialism and the dependent Bolivian bourgeoisie.
In contrast to Venezuela, the developments that have meant an improvement in the living conditions of the people are based not only on the sale of oil, but on an expansion of the productive forces in state hands. However, even in Bolivia, state power is not in the hands of the proletariat and the strata allied with it. In Venezuela, this could be balanced by the ideological solidarity of the military with the Bolivarian process, which was not possible in Bolivia.
The coup is followed by terror against activists of the popular movements and supporters of the government. The police brutally attack the demonstrations of the popular masses and raid the poor neighborhoods, those raids being directed against the people’s movement. Indigenous activists, trade unionists and MAS supporters are insulted, beaten and tortured.
The mass and militant demonstrations against the putschists in the last days give hope and show a courageous and well-fortified people who are ready to defend the achievements of the last 13 years. The mass and militant demonstrators shout the slogan „ahora si, guerra civil“ (translated: “civil war now!”). In the next few days it will become clear how the movement will develop and whether armed people’s units will emerge from it and how the reactionary forces will react to it.
It is indicative that the German government welcomed the coup after less than 24 hours. This shows how much they care about democracy and human rights, as soon as a democratically elected government decides to expel the imperialists from the country. This reminds of the cries of joy of German politicians about the outbreak of democracy in Chile, when on 9/11 1973 one of the bloodiest military dictatorships of the continent began. It is also worth mentioning in this context that the German-Bolivian lithium project, which was stopped a few days before the coup, is now considered possible again. After Argentina, Bolivia has the largest lithium deposit in the world. A raw material that is used, among other things, for batteries for electric cars and smartphones.
Also the “Neues Deutschland”, the newspaper of the Left Party (Partei Die Linke), as well as the „taz“, which is regarded as “left-wing alternative“, justify the coup. Thus it says in the “Neues Deutschland”: It is not nice, the way that Evo Morales had to abandon the presidency. For Bolivia’s democracy, however, it is important and correct that Morales is finally followed by someone else. („Learn to let go“, Neues Deutschland 11.11.2019). These forces, too, prove once more that at the end of the day they are on the side of imperialism and reaction.
We condemn the criminal coup carried out with the support of foreign imperialist states, including the USA and Germany. We express our solidarity with the Bolivian people and their resistance. We emphasize that the Bolivian people have every right to defend their achievements with all means at their disposal, including force, and to strike back the reaction.
vor knapp zwei Jahren ist ein Teil der
jetzigen Kommunistischen Organisation (KO) aus den Reihen der DKP und
SDAJ ausgetreten und hat zusammen mit anderen Genossen einen neuen
und neuartigen Klärungsprozess begonnen. Wir haben diesen Schritt
nicht leichtfertig gemacht, und sicherlich haben wir auch nicht alles
richtig gemacht. Er war für uns das Resultat eines Versuchs, eine
Diskussion über die strategische Ausrichtung und die damit
verknüpften politischen Orientierungen zu führen, ein Versuch, bei
dem wir unterm Strich konstatieren mussten, dass ein Teil der DKP
unsere Kritik und unsere Vorschläge ablehnt. Gleichzeitig sahen wir
die Wege, unsere Kritik allgemein in Partei und Jugendverband zur
Diskussion zu stellen und die Diskussion auch organisiert zu führen,
als sehr eingeschränkt; der Neuanfang, mit all seinen
Schwierigkeiten und Fallen, schien uns der konstruktivste Weg aus der
Misere. Die Schädigung von DKP und SDAJ lag und liegt uns dabei fern
– dass die Austritte eine Schwächung beider Organisationen
darstellten ist richtig, war aber nicht zu vermeiden.
Der Parteivorstand der DKP hat nun zum wiederholten Mal die Kommunistische Organisation auf der internationalen Plattform der Kommunistischen und Arbeiterparteien als linkssektiererisch charakterisiert. Der Stein des Anstoßes war eine Internationale Resolution, die wir bei unserer Vollversammlung im Juli 2019 beschlossen und einigen Parteien der internationalen Kommunistischen Bewegung (IKB) zugeschickt haben. Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, unseren Klärungsprozess nicht losgelöst von den ideologischen Auseinandersetzungen der internationalen kommunistischen Bewegung zu führen. Im Gegenteil halten wir es für notwendig, dass kommunistische Parteien in einen organisierten Austausch miteinander treten. Ohne eine gegenseitige Kritik, ohne eine lebendige Debatte über die Fehler der Vergangenheit und die revolutionäre Strategie der Gegenwart ist es für uns undenkbar, dass die anhaltende Schwäche der IKB überwunden werden kann. Die KO ist keine Kommunistische Partei. Aber wir haben uns das Ziel gesetzt, eine klassenkämpferische Arbeiterbewegung und eine kommunistische Partei aufzubauen. Und in diesem Sinne und mit diesem Ziel vor Augen wollen wir uns bereits jetzt
„systematisch mit den Analysen und Positionen der anderen kommunistischen Parteien beschäftigen und unsre eigenen Standpunkte und Erfahrungen im Dialog mit den Analysen der internationalen kommunistischen Bewegung weiterentwickeln. Daher haben die Treffen der kommunistischen und Arbeiterparteien, das MECYO, die Initiative der Kommunistischen und Arbeiterparteien und die Internationale Kommunistische Rundschau unsere volle Unterstützung“
Der Parteivorstand der DKP nimmt nun bedauerlicherweise diese Internationale Resolution zum Anlass, die KO in ein denkbar falsches Licht zu rücken, sie beschuldigt uns des Linkssektierertums. Wir halten das für falsch, aber würden es begrüßen, wenn die Genossen des Parteivorstandes erklären, was sie mit dem Begriff des Linkssektierertums meinen und inwiefern das auf uns zutrifft. Unserem Verständnis nach wäre es sektiererisch, die Phrase des Kommunismus zu dreschen, aber in der Praxis keine Verbindung zur Arbeiterklasse zu haben und dementsprechend nicht in der Lage zu sein, den Klassenkampf zu organisieren oder – was gleichbedeutend ist – eine revolutionäre Strategie zu erarbeiten und zu konkretisieren. Wir halten die lebendige Arbeit in der Arbeiterklasse, eine enge Verbindung mit der Klasse für absolut notwendig und haben uns von Beginn an sehr aktiv damit auseinandergesetzt, wie vielversprechende kommunistische Massenarbeit heute aussehen kann. Wir haben die Massenarbeit und grundlegende Überlegungen dazu in den Mittelpunkt unserer zweiten Vollversammlung gestellt, was zu lebhaften Diskussionen und einem verstärkten Austausch über die momentane Praxis geführt hat, als Resultat davon haben wir den Politischen Beschluss zur Arbeit in den Massen (Kurzversion: deu / eng) verabschiedet. All dies waren und sind keine Wortgefechte, all dies ist Ausdruck praktisch gemachter Erfahrungen und dem Streben aller Genossinnen und Genossen den Klassenkampf zu organisieren. Natürlich: wir sind noch klein, wir sind noch schwach, wir sind nicht ansatzweise überall dort, wo Kommunisten sein sollten (da sind wir nicht die einzigen). Aber das ist das Resultat der anhaltenden Krise der deutschen kommunistischen Bewegung, und wir werden unser Bestes geben, diesen Zustand zu ändern. Wo wir arbeiten, da beginnt die Arbeit Früchte zu tragen.
Der Vorwurf des Sektierertums ist
falsch. Richtig ist: wir haben einen inhaltlichen Dissens mit der
DKP, dies zu benennen wäre angemessen und hilfreich. So zu tun, als
gäbe es diesen nicht, so zu tun, als wären nicht unter anderem die
Fragen über die richtige Strategie, über die Rolle der
kommunistischen Partei, über das Verhältnis der KP zu den Massen
Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen der DKP und der KO: das
ist eben nicht hilfreich, weder für die kommunistische Bewegung in
Deutschland noch weltweit. Statt diese Streitpunkte in den
Hintergrund zu schieben, müssen sie herausgearbeitet werden; statt
sie zu umschiffen, müssen sie diskutiert werden; statt sie so oder
so zu beantworten, müssen sie einheitlich beantwortet werden. Und
diese Punkte werden wohlgemerkt nicht nur in Deutschland kontrovers
diskutiert. Sie waren Gegenstand zahlreicher Debatten in der IKB und
sind es weiterhin.
Wir halten es für notwendig, eine wissenschaftlich begründete, den Anforderungen des Klassenkampfs entsprechende revolutionäre Strategie wieder zu erarbeiten. Wir haben programmatische Leitplanken (auch auf Englisch), wir haben die Erkenntnisse, Erfahrungen und Diskussionen der Vergangenheit und der Gegenwart der IKB, aber wir stehen am Anfang. Mit thematischen AGs und dem BolscheWiki haben wir eine Form etabliert, in der wir kollektiv und mit Außenstehenden die wesentlichen Fragen klären wollen. Und wir haben einen Politischen Beschluss zur Massenarbeit, um auf einer einheitlichen Basis den Ruf „Ran an die Massen“ in die Tat umzusetzen. Wir möchten euch einladen, an diesem Klärungsprozess teilzunehmen und ihn voranzutreiben. Gleichzeitig wollen wir betonen, dass wir offen dafür sind, auch außerhalb der von uns aufgestellten Strukturen in den Austausch zu treten.
Für die BILD steht
fest: Jetzt können die faulen Arbeitslosen es sich gemütlich
machen. Das ist die Reaktion auf das Urteil des
Bundesverfassungsgerichts zu den Sanktionen beim Arbeitslosengeld II.
Es ist zynische
Hetze angesichts Millionen von Menschen, die in Armut leben und die
nicht selten im Niedriglohnsektor arbeiten. Es sind Millionen, die
arbeiten wollen, aber keine Arbeit finden oder die aus Sicht der
Unternehmer zu alt, zu schlecht ausgebildet sind oder sich um Kinder
und Alte kümmern müssen. Die Stimmungsmache gegen Erwerbslose ist
ganz im Interesse des Kapitals: Druck erhöhen, Vorurteile schüren,
spalten.
Ein anderer Teil der
Öffentlichkeit, darunter die Linkspartei, reagiert positiv auf das
Urteil, weil einige kleine Verbesserungen ausgesprochen wurden. Dabei
ist der Preis für diese kleinen Verbesserungen hoch. Denn die
Kürzung des Existenzminimums wurde grundsätzlich bekräftigt und
damit zementiert. An der Lage der knapp vier Millionen Menschen, die
Hartz IV beziehen, wird sich wenig ändern. Es werden weiterhin
Menschen obdachlos gemacht, wenn die Kosten der Unterkunft vom
Jobcenter nicht mehr übernommen werden. Es werden weiter Jugendliche
in Perspektivlosigkeit gedrängt. Es werden weiter Arbeiter, die eine
Ausbildung haben, in Leiharbeit gedrängt. Der Regelsatz ist so
niedrig berechnet, dass der Druck, jede Arbeit anzunehmen und sei sie
noch so schlecht bezahlt oder mit widrigen Bedingungen verbunden,
hoch genug bleibt. Die gewisse Eingrenzung der Sanktionen auf maximal
30 % der Leistungen ändert daran wenig.
Das oberste Gericht
hat mit seinem Urteil auch deutlich gemacht, dass es eben kein
Existenzminimum ist. Denn ein Minimum, das unterschritten werden
kann, ist kein Minimum. Dabei fand mit der Einführung von Hartz IV
eine drastische Absenkung des Existenzminimus statt. Seitdem ist es
nicht gelungen, einen wirklichen Kampf für die Erhöhung zu
entwickeln, obwohl das für alle Beschäftigten wichtig wäre. Denn
ein staatlich festgelegtes niedriges Existenzminimum drückt die
Löhne nach unten. Mit der Erpressbarkeit der Lohnabhängigen machen
viele Kapitalisten glänzende Geschäfte, sei es bei Paketdiensten,
bei Amazon, aber auch in der Industrie.
Angesichts der
steigenden Erwerbslosenzahlen und der bevorstehenden Umstrukturierung
vor allem in der Autoindustrie verheißt das Urteil nichts Gutes. Es
werden tausende arbeitslos werden und ihnen blühen Armut und
Diffamierung.
Wir sollten außerdem
nicht vergessen, dass die Gewaltenteilung des bürgerlichen Staats in
erster Linien der besseren Herrschaft und ihrer Legitimation dient.
Das Urteil eines Gerichts ändert nicht unbedingt etwas daran, was
die Regierung machen muss und es ändert auch nichts daran, dass in
den Jobcentern Willkür herrscht und es davon abhängt, an welchen
Sachbearbeiter man gerät. Vor zehn Jahren entschied das
Bundesverfassungsgericht bereits einmal, dass das Existenzminimum
eigentlich nicht unterschritten werden dürfte. Es hatte zur Folge:
Nichts.
Und auch den
grundsätzlichen Charakter der Gesetze bestätigte das Gericht. Mit
Hartz IV wurden Erwerbslose in die Sozialhilfe geschleudert und damit
Gesetzen unterworfen, die an die Gesetze gegen „Arbeitsscheue“
anknüpfen. Daran hat das Gericht nichts auszusetzen.
Vor der Agenda 2010
haben Erwerbsfähige zunächst Arbeitslosengeld und danach
unbefristet Arbeitslosenhilfe bezogen, die ebenfalls am Einkommen
orientiert war und eine Sozialleistung war, aber wie eine
Versicherungsleistung behandelt wurde – es gab also keinen
vergleichbaren Strafapparat wie beim ALG II.
Hintergrund der
Hartz-Gesetze ist das stetige Anwachsen der Arbeitslosigkeit auf
Grund der steigenden Produktivität. Mehr Maschinen heißt weniger
Arbeiter. Eigentlich eine gute Entwicklung, aber im Kapitalismus ist
sie für die Arbeiterklasse eine Gefahr. Denn die nicht mehr
benötigten Arbeitskräfte sind für das Kapital überflüssig. Das
Heer der Erwerbslosen wächst, die soziale Absicherung soll reduziert
werden – weil es aus Sicht des Kapitals zu viel kostet und weil der
Druck auf die arbeitslos gewordenen Arbeiter groß sein muss. Damit
besteht eine permanente Bedrohungskulisse für die Beschäftigten und
die Konkurrenz unter den Arbeitern wird verschärft.
Die Sozialdemokraten
versuchen, sich jetzt als sozial zu profilieren. Aber es ist nur zum
Schein. Und es bleibt unvergessen, dass es die SPD und die Grünen
waren, die den Erwerbslosen das Essen gekürzt haben, um sie zu
Hungerlöhnen zu zwingen. Der damalige Minister und spätere
SPD-Vorsitzende Franz Müntefering sagte: „Wer nicht arbeitet, soll
auch nicht essen.“
Es liegt nicht in
der Macht der Arbeiter, ob sie Arbeit finden oder behalten. Darüber
entscheiden die Unternehmer, die nur nach der Profitlogik gehen und
möglichst wenige und billige Arbeitskräfte wollen. Aktuell gibt es
trotz Aufschwungs über drei Millionen Erwerbslose. Sie sind nicht
nur Armut ausgesetzt, sondern ihnen wird die Möglichkeit zu
arbeiten, vorenthalten. Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, alle
Menschen zu beschäftigen.
Die Arbeiterklasse
muss die Reihen schließen und sich gegen die Spaltung wenden. Denn
für den Angriff auf die schlecht organisierten Teile der
Arbeiterklasse von 2005 haben alle mit einem hohen Preis bezahlt. Der
Niedriglohnsektor ist der größte in Europa geworden, die Leiharbeit
boomt und in den Betrieben geht auch fünfzehn Jahre nach der
Einführung von Hartz IV die Angst vor Erwerbslosigkeit um.
Was müssten die
Losungen für den gemeinsamen Kampf für Verbesserungen sein? Im
ersten Schritt Abschaffung der Sanktionen, Abschaffung der Leiharbeit
und Erhöhung des ALG II. Im zweiten Schritt: unbegrenzter Bezug von
ALG I. Die Geißel der Arbeitslosigkeit können wir erst im
Sozialismus loswerden, wenn die Gesellschaft plant und bestimmt, was
produziert werden muss und jede Arbeitskraft gebraucht wird.
Es
gibt einen Teil der Bevölkerung, der auf Kosten der Gesellschaft
lebt. Das sind nicht die Erwerbslosen, die zumeist vorher in die
Sozialkassen eingezahlt haben. Es sind die Familien Quandt, Siemens
oder Schäffler. Es sind die Aktienbesitzer und
Stiftungsvorsitzenden, die von der Arbeit der Beschäftigten bei BMW,
Conti und Co. leben und die Gesellschaft aussaugen. Der Spruch „Wer
nicht arbeitet, soll nicht essen“ stammt übrigens aus der
Sowjetunion. Dort, in einem sozialistischen Land, mussten alle
arbeiten und es gab Arbeit für alle. Niemand
musste Hunger leiden, wenn er bereit war, seinen Teil zum Aufbau der
Gesellschaft beizutragen. Wer
sich jedoch dieser Arbeit für die Gesellschaft entziehen wollte –
und das waren die
Quandts, Siemens und Schäffler Russlands, die vor der Revolution
alles besaßen – der
wurde bestraft. Zu Recht.
Pogrome, also Verfolgungen bis hin
zur Abschlachtung von ganzen gesellschaftlichen Gruppen gehören zum
Gesicht des imperialistischen Staates. Heute, am 09. November ist es
81 Jahre her, dass in Deutschland jüdische Mitmenschen, Nachbarn,
Bekannte und Verwandte jeden Alters brutal verfolgt und ermordet
wurden. Am 09. November 1938 fand diese massenhafte Verfolgung, die
Reichspogromnacht statt: In zig deutschen Städten stürzten sich
Schlägertruppen der SA („Sturmabteilung“) auf Kommando der
faschistischen Regierung unter Adolf Hitler auf Jüdinnen und Juden
und auf die, die sie dafür hielten.
Dieser Tag ist keineswegs nur
Geschichte. Denn den Geist des Pogroms können wir heute in der BRD
immer noch spüren. Vor genau einem Monat verübte ein
Rechtsterrorist einen bewaffneten Anschlag auf eine Synagoge und
einen Döner-Imbiss in Halle. Zwei Tote, zwei Schwerverletzte. Der
Täter war ein Faschist, der schon zum Einzeltäter verklärt wurde,
noch bevor es ernsthafte Ermittlungsergebnisse gab!
Spaltung durch Antisemitismus
Jüdische Mitmenschen auf offener Straße massakriert, blutig geschlagen, erhängt, erstochen, zu Hunderten ermordet. Tausende Läden von jüdischen Besitzern in Stücke geschlagen. Hunderte Synagogen in Brand gesetzt. Zehntausende Jüdinnen und Juden gingen in dieser Nacht und den darauf folgenden Tagen in Haft – willkürlich eingesperrt. Wieso das alles? Die Juden waren für die Regierung unter Hitler, die die deutsche Großindustrie fünf Jahre zuvor an die Macht gebracht hatte, von Anfang an Ziel ihrer Hetze. Schon in den 1920er Jahren benutzte die NSDAP die Juden als fiktiven Sündenbock für alle realen kapitalistischen Übel. Damit sollten die Arbeitermassen, die im Kapital ihren Klassenfeind erkannten, verwirrt und politisch ruhig gestellt werden. Ihr berechtigter Zorn auf das Kapital sollte auf vermeintliches „jüdisches Kapital“ kanalisiert werden. Gleichzeitig wurde damit die Spaltung der Arbeiterklasse betrieben. Denn den jüdischen und nicht-jüdischen* deutschen Arbeitern sollte auf diese Weise erschwert werden, ihre Gemeinsamkeit als Klassenbrüder und ‑schwestern zu erkennen. Nicht zuletzt ging es dem faschistischen Staat auch darum, an der jüdischen Minderheit beispielhaft jene Entrechtung zu proben, welche darauf folgend die ganze Arbeiterklasse bitter zu spüren bekam.
Keine Tat des Volkes
Trotzdem gab es am 09. November 1938
keinen Massenaufstand gegen Juden. Den weitaus größten Teil der
Hetzer und Totschläger machten staatlich gelenkte Trupps der SA aus
– nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung beteiligte sich
freiwillig an dem Pogrom. Denn auch der Antisemitismus war in der
deutschen Bevölkerung keineswegs so verbreitet und verwurzelt, wie
es sich die Faschisten wünschten. Die meisten Menschen standen den
Ausschreitungen ablehnend gegenüber, verhielten sich aber passiv.
Dies war jedoch nach fünf Jahren faschistischer Terrorherrschaft und
angesichts der Plötzlichkeit der Ereignisse auch nicht viel anders
zu erwarten gewesen.
Heute wissen wir, dass die
angerückte SA sehr häufig aus Auswärtigen bestand. Sie wurden aus
völlig anderen Städten und Regionen herbeigekarrt, um gezielt und
vorbereitet ihre Schreckenstaten zu begehen. Daraus zeigt sich
besonders klar: Die Reichspogromnacht war keine Tat des Volkes, kein
„spontaner Volkszorn“, wie Reichspropagandaminister Joseph
Goebbels verlautbarte. Sie war eine staatliche Aktion, eine
Inszenierung, geplant von der faschistischen Regierung.
Nützlicher Terror
Die Einschüchterung und Entrechtung
der Bevölkerung wurde durch diese Gräueltaten weiter
vorangetrieben. Wir sehen in diesem wie wahnhaft anmutendem Pogrom
und seinen Folgen vor allem einen Angriff auf den Hauptfeind des
Faschismus: die revolutionäre Arbeiterklasse. Wenige Tage nach dem
Pogrom begannen die Internierungen von Jüdinnen und Juden in den
faschistischen Konzentrationslagern (KZ). Das waren die Orte, wo die
Faschisten mit all ihren Gegnern auf blutrünstigste Weise
abrechneten. Zur großen Mehrheit waren die Insassen Angehörige der
Arbeiterklasse, darunter viele Kommunisten und andere aufrechte
Kämpfer gegen die faschistische Barbarei. Sie waren bereits seit
1933 in den Lagern interniert.
Darüber hinaus war das Pogrom ein
wichtiger Schritt für die Arisierung, also den Raub jüdischen
Eigentums und dessen Übergabe an den deutschen Staat bzw. „arische“
Besitzer. Die Arisierung jüdischen Vermögens wurde seit der
Machtübertragung an den faschistischen Staatschef Hitler 1933
betrieben. Hitler initiierte am Folgetag der Reichspogromnacht eine
Regierungsbesprechung, die am 12. November stattfand und die
„Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen
Wirtschaftsleben“ beschloss. Damit wurde die Arisierung in
Gesetzesform gegossen – drei Tage nach der Hinmetzelung von
Jüdinnen und Juden. Bei diesem Verbrechen half u. a. ein gewisser
Friedrich Flick, Großkapitalist unter Hitler und später in der BRD
der 50er Jahre wieder einer der reichsten Unternehmer.
Immer noch Mord und Totschlag
Heute wie damals – die Menschen
zerstampfende, mörderische Saat des Imperialismus ist ein ätzendes
Gift, das sich noch immer tief in die Geschichte Deutschlands
einbrennt. Heute brennen Flüchtlingsunterkünfte, Hetzjagden gegen
Ausländer gibt es seit dem Ende der DDR bis jetzt fast
ununterbrochen. Die Regierung und ihre Medien schüren Rassismus
gegen Muslime und bauen die rechte Szene und Terrornetzwerke wie den
NSU auf, die unverhohlenen Antisemitismus betreiben und Menschen
umbringen. Große Medien arbeiten mit Hetze und Lügen gegen Arme,
Erwerbslose, Geflüchtete und Migranten gleichermaßen. Eine Stimmung
der Angst und der Verrohung wird heraufbeschworen. Denn der Staat
braucht die faschistischen Banden, um noch mehr Angst und
Einschüchterung zu erzeugen. Und er braucht sie als Möglichkeit,
sie notfalls gegen all jene ins Feld zu schicken, die gegen die
kapitalistischen Missstände aufbegehren.
Es ist nichts als heuchlerisch, wenn
Bundesinnenminister Seehofer (CSU) den Angehörigen des Anschlags in
Halle Beileid und Bestürzung ausdrückt und vor wenigen Tagen
angesichts erneuter rechter Morddrohungen gegen hochrangige,
bürgerliche Politiker anklagend von einer „Verrohung“ spricht.
Er selbst hat diese Verrohung in der Debatte über Grenzschließungen
mit vorangetrieben – nicht nur, als er offen seine Freude über 69
abgeschobene Geflüchtete zu seinem 69. Geburtstag am 10. Juli 2018
kund tat. Er beweist die Doppelzüngigkeit des bürgerlichen Staates,
von dem wir keine Hilfe gegen faschistische Mordbanden zu erwarten
haben.
Heute wie damals unterstützt der
bürgerliche Staat rechten Terror, ob verdeckt oder ganz offen. Eine
neue Qualität dieses Terrors seit dem NSU ist unterdessen, dass der
Täter von Halle völlig offen auftrat. Er bekannte sich nach seiner
Tat offen dazu und hoffte, damit noch mehr Terror zu entfachen. Daran
wird deutlich, wie weit der Rechtsruck in der BRD bereits betrieben
wurde. In der von Staat und Medien geschaffenen Atmosphäre kann ein
Rechtsterrorist auf offene Sympathie hoffen.
Was sollen wir tun?
Wir wollen an diesem Tag all den
Jüdinnen und Juden gedenken, die unter dem Faschismus gelitten haben
und den Tod fanden. Wir wollen all den Opfern des faschistischen
Mordens gedenken. Daraus geht aber mehreres hervor: Auch all den
gefallenen Kämpfern gegen dieses bestialische System gehört unser
Gedenken. Sie sind uns Vorbild im Kampf gegen ein neues 1933.
Auch all den Opfern des
faschistischen Mordens unserer Gegenwart gedenken wir. Sie sind uns
Mahnung, dass die Geschichte sich wiederholt, wenn wir nicht daraus
lernen. Ob all die Opfer rechter Gewalt seit 1990 in der BRD oder ob
all die Toten, die Faschisten mit Unterstützung der BRD umgebracht
haben – es sei erinnert an das Massaker im ukrainischen Odessa am
02. Mai 2014: Wir können nicht beim Gedenken verharren. Wir müssen
selbst aktiv werden, denn wir erleben gegenwärtig abermals eine
bedrohliche Entrechtung durch Kapital und Staat.
Rassismus und faschistischen Terror
zu verhindern, heißt, Solidarität zu verbreiten. Solidarität im
gemeinsamen Kampf gegen alle Unzumutbarkeiten des Kapitalismus: ob
Niedriglöhnerei, Überstunden, Schikanierungen im Arbeitsamt,
faschistische Demos, rechte Hetze in den verlogenen Medien,
Vereinzelung und Entfremdung der Werktätigen. Auf diesen Staat
können wir uns dabei nicht verlassen. Er unterstützt und braucht
die faschistischen Banden schließlich selbst. Wir müssen uns selbst
schützen gegen rechten Terror. Mit unseren Nachbarn, unseren
Kollegen und unseren Bekannten. In Wohnviertel, im Block, im Betrieb,
in der Schule, in der Uni.
Die Kommunistinnen und Kommunisten
hatten bereits lange vor Hitlers Regierungsantritt und auch danach
gewarnt, dass er Barbarei und Krieg bringen werde. Die KPD bekämpfte
den Antisemitismus und viele Kommunisten halfen den verfolgten Juden
unter Gefährdung ihres eigenen Lebens. Nach dem Krieg legte die
Arbeiterklasse und mit ihr die SED in der jungen DDR den Faschisten
das Handwerk: Im Gegensatz zur BRD wurden die Faschisten aus ihren
Ämtern gejagt und erhielten ihre gerechte Strafe.
Heute sehen wir weltweit, dass der
Imperialismus nichts für uns bereithält. Er bringt Faschismus und
Krieg hervor. In Gedenken an alle Opfer des Faschismus sagen wir:
Stoppt die Pogrome – den
rechten Terror ersticken!
Nie wieder Faschismus!
Hoch die internationale Solidarität!
* an dieser Stelle stand in der ursprünglichen Version der Satz: „Denn den jüdischen und deutschen Arbeitern sollte auf diese Weise erschwert werden, ihre Gemeinsamkeit als Klassenbrüder und ‑schwestern zu erkennen.“ Wir haben den Satz korrigiert, da er suggeriert hat, das es zwischen deutschen und jüdischen Arbeitern einen Unterschied gäbe, obwohl es jüdische und nicht-jüdische deutsche Arbeiter gibt.
Theses on the struggle of the working class in abridged form, based on the „Decision on Work in the Masses“ of the 2nd Plenary Assembly of the Communist Organization, July 2019
At the 2nd Plenary Assembly of the Communist Organization (KO) in July 2019, after months of fruitful discussion, a resolution was passed on work in the masses. In order to make this very long document more easily accessible, we present here a strongly abbreviated version limited to the essential statements.
Political justification
Building the Communist Party
The communist, revolutionary workers movement in Germany has been heavily weakened. Characterized by ideological disagreement and ambiguity, it has frayed itself into various organizations and is therefore hardly able to unfold its political effect. The KO was founded with the aim of overcoming this state through a process of organization and clarification and creating the conditions for the creation of a Communist Party in Germany – a revolutionary working class party capable of steadily expanding its influence on the working class and ultimately leading it in the decisive struggle for power.
One of the essential challenges in building this party is that we must work out common orientations for the class struggle. We hereby present and discuss our preliminary conclusions on the struggle of the working class. For the unity of the communists, which we ultimately strive for, is only possible on the basis of a unity of content, political-ideological unity. The question of organizing the working class is of central importance in this struggle for the correct political line of the communists.
Our Goal: Organizing and Winning the Class Struggle
The revolution won’t come by itself. This requires the revolutionary act, the revolutionary uprising of the entire working class. For this the workers must gain the consciousness that they are being exploited as a class and can overthrow the exploiting system as a class. So the revolution cannot be the work of a small conspired community, but only the work of the workers themselves. In a revolutionary situation in which capitalist rule is fundamentally shaken and the masses rebel against the system, the workers must take power in their own hands and build the new society of socialism. For the workers in the revolutionary situation to be able to do this, they must already have gained experience in mass organizations: The experience of democratic self-organization, decision-making and pulling on one strand, the experience of defeat and rising up again, the experience of solidarity and mutual help. Revolutionary times are times of crisis in which many experiences can be gathered, but only a working class that is as experienced as possible in questions of organization, trained in struggle, focused on the goal and acting uniformly will then be able to deal the fatal blow to the rule of capital. Our work is dedicated to the preparation for this goal.
The goal of the communists in mass work must be the politicization of the masses, the raising of their consciousness – it must be understood that the goal of the struggle can only be the overthrow of the capitalist class and that the working class must unite and organize itself under the leadership of the Communist Party. The struggle must therefore have the goal of state power, otherwise the capitalist class remains in power and the struggles will ultimately subordinate themselves to the rule and political goals of the capitalist class.
Class-oriented mass work and mass organizations are not to be understood separately from the Communist Party / Organization. Without them they will not exist, nor will the Communist Party be a revolutionary vanguard, the highest form of organization of the proletariat without mass work and mass organizations. Thus, although these are two different and in practice separate forms of organization, their structure and development inevitably go hand in hand.
The struggle of the classes takes place objectively, even without our intervention. In every previous society, the interests of oppressors and the oppressed were irreconcilable and manifested themselves in a constant clash. The recognition of this permanent struggle, however, does not necessarily lead to a revolutionary course. On the contrary, the real questions begin here, namely the questions of the specific problems, the nature and the goal of the proletarian class struggle.
Limitation of struggles, generality of class struggle:
The ongoing confrontation between the working class and the bourgeoisie is always the seed of the class struggle as we conceive it, the organized struggle of the working class for power. Strikes and other forms of economic struggle are seed forms of class struggle. So they contain the potential to unfold the entire political struggle of the class for state power. But only the potential, only the germ. The interest of the capitalist class is that this seed does not unfold, but remains a seed. From the point of view of capital, the struggle should on the one hand be restricted and limited to individual companies and sectors, but on the other hand also remain confined to wage demands, working time issues, etc., without posing the question of power. By contrast, from the point of view of the communists and those who represent the interests of the working class, the struggle must not remain limited, but must be extended to the struggle of the entire class and must relate to all questions, above all to the question of state power, which the working class must conquer.
This does not mean that the demand for a soviet republic should be imposed on every strike. That would be ridiculous and sectarian. Rather, it means that the workers must recognize in the struggles that there must be more at stake – regardless of whether they win or lose that struggle. They must recognize that they are irreconcilable with an organized opposing class and must therefore organize themselves in a long-term and disciplined way. In independent mass organizations closely linked to the organization of revolutionaries, this experience can lead to the realization that the power of the working class is the only solution to their problems. In these organizations an understanding can mature about how they can get there and what role the individual strike, the individual action of struggle can play in this long-term struggle.
According to this comprehensive understanding of class struggle, every small joint action of workers against their living conditions gains potentially far-reaching significance. For it is the starting point where we can practically demonstrate that organization is necessary; and where we can at the same time politically demonstrate that it is part of the whole class struggle in which the question of power must be posed.
This is not just about expanding struggles such as strikes and pushing the demands forward, even though these are important tasks. But our task goes beyond that and consists mainly of something else: In building an organization that is able to connect the struggles with each other, to show everywhere why it is a struggle of the whole class and against the other class, why the question of power is decisive for it.
For this we have to focus our whole organization on class struggle and mass work. We must understand the activities and demands that result from them in their unity and context. For example, the question of education is not separate from our work in the masses, because there we must constantly develop even better means of communicating our program and our positions. In order to be able to combine our activities in the masses well with scientific socialism, we need good knowledge of the history of the workers‘ movement, of social conditions and their development, and of the experiences workers gain in their struggle, as well as of the class enemy and his strategies.
The question of cadre development is also closely connected with and determined by the demands of class struggle. In order to create the preconditions for the construction of the Communist Party, what we currently lack, apart from ideological clarity and unity, are cadres. The cadres are the people who lead the struggle most actively and consciously, who know it from all sides and who can connect all aspects with each other. They are communists who are up to the demands of the class struggle. We must win them mainly from the masses and be able to train them, train them, develop all the skills they need to lead the struggle.
Our Orientation: Internalizing Principles
Our orientation does not include a detailed, technical proposal, such as that everyone should go to a certain committee of the trade union. Nor do we propose a uniform recipe, which should always be applied in the same way in every city, such as the establishment of a neighborhood association. Rather, it is first a question of understanding the goal, the principles and the fundamentals and then applying them after evaluating the concrete conditions and possibilities according to local conditions. It is a matter of evaluating the work on the basis of these principles again and again collectively and regularly and drawing practical conclusions from them.
This means that in all places where it is possible, we try to organize workers or other working people – in the company, in the residential area, at schools and universities. This means that we also have to extend our influence in other, existing mass organizations and promote the independent organization of the workers in them: in trade unions, in sports and cultural associations. We and the people we reach must apply and spread the principles of autonomy and activity everywhere.
We do not decide on a general rigid orientation towards company and trade union policy in the sense that everyone should go into the company at all times and everywhere. This may well be right and necessary, but it must be decided in one place according to conditions and capacities. Depending on the situation, the best starting points must be found. For example, if we start a sports club in a town and organize people there, there will be young workers who will later work as trainees in a company.
We also find sons and daughters of the working class at the university or technical college. There we also find sons and daughters of the middle-class who we can inspire for our mass work in the neighborhood or in the company and who side with the working class practically and ideologically together with us. They also have to organize themselves in order to do justice to their own specific interests and to gain organizational experience which they can bring to the companies. Moreover, a part of the working class works at the universities themselves, the struggles of all these parts must be united.
On the organization of the masses
Social situation and necessity of organization
Since the defeat of 1989, the smashing of socialism in the Soviet Union and Eastern Europe, the workers movement has been in a serious crisis. Social democracy and opportunism have decimated the labor movement, organizations (trade unions, associations, etc.) have been subordinated to bourgeois ideology or have been decimated. Many formerly revolutionary workers parties have dissolved. Independent, class-conscious and revolutionary organizations of the working class hardly exist any more in the FRG. Most workers and their families in Germany today are not politically organized or tied to the interests of the ruling class through social-democratic organizations.
Nevertheless, the widespread assumption that most workers are fundamentally not interested in political issues is false and an expression of a lack of contact with the working class. Rather, workers have no larger context in which to discuss and think through political and social issues. All the more so, they have no context in which they can become active on their own. They are exposed to the influence of the bourgeoisie, its state, its media and offers of the culture industry without any real counterweight.
As a result, many workers, especially young people, experience psychological, social and cultural brutalization in various forms. These include selfishness, superficiality, inability to build personal relationships, hedonism and drug use and other expressions of disruption of social relations. These phenomena pose problems for our mass work, as they complicate the organization and development of class consciousness.
Atomization and isolation are also experiences that many workers and their families have. So it is not only and not necessarily loneliness, but a limited experience of sociality. Fewer and fewer people collect the experience of joint activity and thus the capacity to act. With it they can hardly recognize possibilities to fight with the others.
In order to counteract these negative phenomena, we must bring people together in all areas, in the residential district as well as in the workplaces. We have to be patient. Our work is long-term and designed for continuity. The need for patience and continuity arises from the matter itself: We are not doing a campaign or a temporary project, but have a lifelong task ahead of us – organizing the working class. Thus our own process of organization will not stop, we will have to further develop it all the time. This will also be an important task in socialism.
Therefore, we do not have to have a political motto for everything at once; a political topic that is discussed quickly comes up anyway. Mutual help can play an important role in this task, because it is linked to the needs of the people we can and want to reach, who reject egoism and ruthlessness. Mutual help can take many different forms, from an open ear for the problems of the colleague to shopping for the elderly neighbor to coaching for the young people in the settlement. Patience is also important because not every worker will immediately realise that collectivity and organisation will pay off for him personally in the short term. And we must also be patient with those who want to organise themselves but have little time and energy objectively and do not make unrealistic demands on them.
What are mass organizations?
By mass organizations we mean organizations in which the workers organize themselves along their economic, social and cultural needs and interests. They can take different forms depending on the field and historical situation. They are places where one’s own social power as a collective subject, one’s own abilities can be experienced. They are places where one learns to decide for oneself and to implement these decisions. They are also spaces for social, political and ideological debate. In them, there is no separation between the different areas of life, since they serve to organize people according to the different sides of their life.
Their character as mass organizations also results in a great fundamental openness and low threshold of participation, which is in contrast to the high demands on membership in the Communist Party. Every worker must have the opportunity to participate in a mass organization, even if he has little time and strength at his disposal. The principles described below should therefore form the basis of cooperation: Willingness to act for one’s own class interests, preservation of the independence/self-sufficiency of the mass organization and solidarity towards the other participants. Examples of mass organizations are the trade unions, but they can also be workers‘ sports clubs or an association in a residential area in which workers organize mutual help.
Who do we want to organize with our revolutionary mass work?
When we speak of the masses, we mean all those whom we can organize in the class struggle on the side of the working class. So, the masses comprise larger parts of the population than just the working class – for example, parts of the petty bourgeoisie (e.g. small self-employed) and the intelligentsia (e.g. scientists, engineers). But necessarily a large part of the masses consists of workers – and that is why our mass work is directed primarily at the working class itself.
We assume that in Germany the vast majority of wage earners belong to the working class or have very similar living conditions to the working class. Industrial workers, cashiers in supermarkets, caretakers in hospitals, tram drivers or train drivers, part-time workers, the unemployed or temporary workers may have different living, working and fighting conditions, but they share both their relationship to the means of production – they have none – and the (differently pronounced) threat to their social status.
The organisation of brain workers, whose share in industry is increasing, is also an important task. If this task is neglected, the division of the workers in the company increases. This organization of brain workers into offices, etc., does not result automatically from the organization of workers in production, but must be understood as a task with its own problems and contradictions, which requires its own answers and forms of organization.
The working class is the revolutionary subject – so before there is a stabilized class-oriented workers‘ movement, the organization of other parts of society (small self-employed, intelligentsia, etc.) cannot be successful either. For the organization of these layers can only take place in connection and alliance with the interests of the working class. It follows that our mass work is aimed at the working class. We basically orient ourselves towards the working class – not exclusively, but fundamentally. This means, for example, that we build up mass work in a district where the majority of workers live. When petty-bourgeois people join in, we do not deny them participation, but the focus is on the interests, circumstances and concerns of the workers and their families. In companies and trade unions we do not focus on engineers or executives, but on workers and ordinary employees, whose situation is almost identical to that of workers.
The organization of youth
We should pay particular attention to young people and address them in the various areas of life – school, culture, sport, but also through other interests. Young people are more open to the ideas of communism and more agile, usually not yet so resigned or ideologically stuck – in other words less fixed overall. The youth will also be particularly involved in the struggles of the near future. We can positively influence the formation and development of the personality. All in all, our wealth of experience is still very small, so we will have to try to organize young people in different ways. However, young people have specific needs: For example, some forms of mutual help may not yet play the same role for young people as for older workers, because they are not confronted to the same extent with the state bureaucracy or are less concerned about it. Young people, on the other hand, can be much more easily organized through culture, sport or mutual tutoring. In our mass work we must therefore always reflect the specific situation of young people. We must also give more concrete thought to mass organizations for pupils and students.
Furthermore, we will deal with the question to what extent the foundation of a Communist Youth Association is necessary in order to prepare the young workers for work in the Communist Party at an early stage.
Comprehensive mass work gets us into the workplaces
From a strategic point of view, our goal is to achieve a presence in the workplaces through all-round organization. We must not look at workplaces and workers in isolation from other areas of life. For the class struggle and especially in its intensified phase, the workplaces play a special role because there the masses of the workers are concentrated and their collective actions can both effectively harm the class enemy and be big steps in the common experience. On the other hand, this special importance of the workplaces must not lead to an economicist view that underestimates the political character of the class struggle and that focuses on workplace struggles without regard to the situation and the political goal. In many cases, this can hardly lead to much more than trade unionist work.
Companies and trade unions
The DGB unions are today the largest mass organizations of the working class in Germany. They are organizationally independent and democratically structured in principle, even though democracy is often undermined by the social democratic and other bourgeois forces.
However, many ways and methods are used to enforce „social partnership“, cooperation with capital, and thus the interest of capital. They describe themselves as unified trade unions, in which workers of all political directions are to be united, but they are in fact social democratic directional trade unions, in their history communists were regularly excluded. The DGB trade unions are also closely linked to the state and to corporations through alliances and personnel overlaps. Nevertheless, it is essential that we develop options for action within trade unions by using, strengthening and insist on respecting formal democratic structures. This will enable us to attract and activate more members to trade unions and to thwart the implementation of social partnership. Our goal must be to make the unions into truly unified unions based on class struggle and thus an important driving force for the revolution.
As communists, we are simultaneously striving for the politicization of the trade union movement and the workers organized there. The trade unions must not confine themselves to the narrow framework of workplace issues, but must see themselves as a comprehensive organization of the working class for its interests, which must in principle take a class-oriented position on all issues affecting the class. In principle, this politicization takes place no differently than in other forms of mass work. Moreover, it must neither be put off for a long time, e.g. with reference to the lack of consciousness, nor limited to economic questions, nor must it overshoot the mark and lose the workers in the process.
The concept of unified trade unions, however, not only refers to the unity of different ideological and political currents, but also to the dimension of bringing together all workers from the most diverse sectors and branches in a single overall organization. The centralization of the trade unions is thus an important principle of the trade union movement, because it counteracts the division of the working class into occupations, branches, etc. Syndicalist ideas, which assume that independent trade unions are the right form of organization, must be fought against, because they stand in the way of the unification of the class struggle. We must examine more closely what form of centralization currently prevails in the DGB unions and how and whether centralization can be achieved on the basis of the unified revolutionary class struggle. In addition, we must analyze to what extent the trade unions are organizationally and politically connected with social democratic organizations (especially with the SPD, but also with the Left Party). Undoubtedly, the majority of secretaries and members are under the ideological influence of social democracy.
The same principles of mass work as listed below – activity, independence, solidarity – apply to the struggle in the trade unions. Partly these principles are also part of the statutes of the trade unions, which results from their history. It is important to us that they are also implemented and that we find forms with which our colleagues can implement them.
Mass work and the question of the social alliance
What is the relationship between mass work and the revolutionary strategy of the Communist Party?
The councils represent the historically grown form of the organs of the workers‘ power and therefore also of the dictatorship of the proletariat. Councils are organizations in which people meet and organize counter-power by collectively deciding, administering and organizing social affairs. In socialism they are decisive structures of the socialist state. The basis of the councils is the social alliance of the various social classes under the leadership of the working class. This alliance, however, must be established beforehand, under capitalist conditions in struggle, by bringing together the various struggles, including different strata. This leads to many open questions: What kind of councils make sense? Which people organize themselves through the councils? How do we get from mass organizations to council structures? What historical experiences have we had with councils?
One task of our class analysis must be to clarify which parts of the working class and the other parts of the people we reach with our mass work and which not yet. How do we bring these different social strata together under the banner of the working class? To what extent can councils be formed before a revolutionary situation? At the present time we can state that we must always consider and develop mass work from the point of view and with the claim of uniting the struggles.
Principles of mass work
We can name three basic principles of mass work, which generally apply to all areas of mass work and serve as the basic orientation of our practice:
a) Activity
b) Independence
c) class solidarity
Activity
The activity and self-activity of the people in the mass organizations is the most important principle and condition for the realization of the other two principles.
Activity must relate to all aspects of organization: On practical-structural questions, on social communication between people, on all political questions and on organizational management. The activity ranges from the cleaning service to the maintenance of the premises, from mutual care and openness, to the ability to talk about all problems, to the discussion of political issues and the management and expansion of structures.
The forms of organization must be developed in such a way that this principle is not only a formal principle, but is real and can be experienced in practice. This can be achieved, for example, through a joint plenary session designed in such a way that workers, in particular, who are often not used to being asked, can express themselves and realize that it matters whether or not they do so.
The basis of mass organizations can only be democracy. Everything must be discussed, thought through and decided from below. At the same time, collectively adopted decisions apply to everyone. The mass organizations should also organize themselves according to the principle of democratic centralism: Free discussion, democratic decision-making and election of possible leaders from the bottom up, but at the same time binding decisions. Of course, this principle does not apply with the same severity and discipline as in a Communist Party.
Democratic structures also mean that we must consciously break with every form of representation that encourages passivity among the working class. This is true in the structures we have developed, where we must above all ensure that as many people as possible take on a task and that we do not do everything ourselves. But it also applies to existing mass organizations in which we are active. In the trade unions, such forms of representation that encourage passivity are particularly widespread and institutionally entrenched. We must recognize this with particular attention and, wherever possible, push it back by activating and involving our colleagues.
The principle of activity also applies particularly to ourselves: we must be the most industrious in mass work. We must be the first to take on tasks without taking everything from us and doing it ourselves. The motto is to take responsibility without incapacitating ourselves. We make sure that we do not live out our lead without reflection, for example in education. For example, we take a back seat when writing the newspaper, but not when sweeping the common premises. It is not always central that everything should be done quickly and as perfectly as possible, so it is a false temptation to let students professionalize work and thus leave the workers out in the cold.
To be exemplary in questions of activity also means to always be reliable and to complete tasks as well as possible.
Independence
A central characteristic of mass organizations is their autonomy and independence. Independent has two meanings: independent in order to be able to do something – self-activity – and independent in the sense of independence from something else.
Independence in the sense of self-activity means: we do it ourselves, not everything is already there. We gain our own experience in planning, organizing and implementing. As described above, the revolution can only be the work of the working class, self-activity and activity is therefore an important element of mass work, which we have to consider and implement very concretely. As a member of a workers’ council, we must avoid colleagues thinking „he’ll do it for me“. When helping each other, if we have more knowledge than others, we must make sure that we do not fill out all the applications ourselves or sort the papers, because it is quicker, or if we are dealing with a wall newspaper in the company, not to write the articles in the newspaper ourselves, because we are used to it and can write better anyway.
Independent in the sense of independence from the state and all kinds of civic institutions means above all financial and material independence. This is a point that is not easy to communicate in practice, since not all forms in which the class enemy appears (whether as neighborhood management, cultural office, foundation, etc.) are directly recognized as such by the workers and there is not sufficient awareness of why it should be a problem to get money from the city if one can finance the premises with it.
The core issue of independence is financial and in the broad sense material independence. Money, but also premises, technical means and favorable business relations are, however, means to secure the influence of the state on associations, trade unions or other forms of organization. Permanent larger donations from companies or individuals are also a gateway to adaptation to foreign interests. Donations without any conditions can be useful. But three active and conscious workers are worth much more than three generous donors. The orientation must be: We can do it ourselves! Through the participation of many people in the organization, one can achieve great potential in voluntary work and also financial participation.
The principle of independence and autonomy also applies to the Communist Organisation/Party. This is the condition for the openness of the mass organization and at the same time for the vanguard role of the party. In principle, the functions of the organizations are different and therefore they cannot be identical, even if they must have an organic connection and in some respects represent a unity in the struggle. This unity, however, cannot be decreed from above, but must develop organically through the insight of the struggling workers. Decisions must be made collectively and democratically in the mass organizations, with the votes of the participating communists being no more and no less valid than those of all others. We conduct the struggle on the ground as full members of the mass organization by trying to convince other members of our positions. The ideological struggle, which must be conducted everywhere, must take the form of open discussion, address all issues, identify all contradictions. Communists cannot sit back and refer to party congress decisions and thus supposedly have answered questions. Our goal is that the Communist Organization/Party and its program is as widespread as possible, that its goals are hegemonic in the workers movement, that opportunist and reformist forces are pushed back. In mass organizations we lead the ideological struggle as members of the KO/KP, as communists, but not as delegated deputies, but as active and vanguard parts of the mass organization. In concrete terms this also means that we may lose this struggle, that we may lose structures of mass organization built by us when other political forces gain the upper hand in it. It is therefore all the more important that we position ourselves as well as possible and as communists deal systematically with the questions of mass work.
This does not mean, however, that we in the Communist Organization do not reflect on what is done in the mass organizations and what is the role of comrades in the mass organizations. But the decision is made in the mass organization. There we want autonomy and openness of the debate – on the one hand so that as many workers as possible take part in the debate and present their point of view, but also so that we can lead these discussions and are not excluded. We reject the idea of fiddling around – everything must be named openly and transparently. Nevertheless, the highest discipline for our comrades is that of the Communist Organisation/Party. Only the Communist Party has the ability to see through the circumstances and to have a better overview of the overall situation.
So on the one hand there is a necessary clear organizational separation between the party and mass organizations. On the other hand, they are not hermetically sealed off from each other. We must not think them apart from each other and separate them from each other. It is a mistake to separate the Communist Organization/Communist Party from the workers out of fear or insecurity, to talk to them much later about communist standpoints and thereby prevent the raising of their consciousness.
The principle of financial independence of the mass organizations also applies completely to the Communist Organization or Party. It is fatal when a relationship of dependence develops between the mass organizations and the Communist Party. For this leads to the mass organization being perceived as an appendage of the communists and thus uniting fewer workers in itself. We must therefore take care not to use the financial means of the KO or the party at any time out of pragmatism, e.g. to enable the mass organization to make a purchase that would otherwise not be possible.
The working class must be able to recognize and classify the various political forces and their proposals for solutions. It must become clear who is proposing which path, who is developing which organization and what this means for the goal of the working class. This must be evident in concrete disputes. Because for the working class the difference between the forces that rely on sham solutions and illusions and the Communist Party/Organization must be visible, alliances with other organizations are problematic and a participation must therefore be decided with special responsibility towards the concrete demands of the class struggle and on the basis of a careful analysis of these forces. This means that at the level of mass organizations we must also work towards rejecting alliances with organizations that spread bourgeois and counterrevolutionary influences among the masses.
Solidarity
Solidarity is the (conscious or unconscious) expression that man is a social being and cannot exist without other people. However, we are not interested in just any kind of solidarity, but, since we live in a capitalist class society, in class solidarity. Class solidarity is always based on the understanding that one belongs to a class and has common interests with it. So we strive for the solidarity of all workers, the workers of every nationality, religion, gender and social situation, in order to overcome the division of the class. The existing division of the class along all imaginable lines of division is one of the most important means of the ruling class to secure its rule. Only by creating opportunities to get to know and trust one another can such prejudices be overcome and an attitude of solidarity be built.
We should avoid two mistakes when dealing with unsolidaristic behavior: Overemphasized political correctness and exaggerated indignation in the wrong place prevent getting to know each other and build trust, they distract and are thus an expression of false intolerance. On the other hand, too much tolerance, e.g. towards targeted racist agitation, can also become a problem and an expression of opportunistic conflict avoidance. In summary one can say that it is also our task to find such a way of dealing with racism and misogyny within the labor movement, which is enlightening and does not lead directly into sectarianism through simple exclusions. Of course there is also misogyny in the working class, but we do not change this by pushing our class brothers out, but only by struggling against it together.
The Role of the Communists in Mass Work
The Relationship of the Communist Organization/Party to the Mass Organizations
We assume that at the moment there is no organized force in Germany that is pushing the organization of the working class to overthrow the bourgeoisie. So there is no Communist Party that can prove itself in practice as the vanguard of the working class. In order to lead and win the struggle against capitalism, the working class does not only need mass organizations. It also needs the Communist Party, which can lead the class struggle as the bearer of the scientific worldview and organized core of the most advanced people of the working class.
The most important difference between mass organizations and the Communist Organization is that the Communist Organizationis the basis for the construction of the Communist party, but the Communist party is the most highly developed form of the working class organization. It has the overall view for the class struggle of the working class, it unites the different demands of the class struggle – economic, political and ideological. It includes the cadres that are most disciplined and trained and can lead the struggle. The revolutionaries who pursue the common political goal are organized in it. It is therefore not a mass organization, even if it may include mass membership, in the sense of many people. Mass organizations in the sense meant here, on the other hand, are organizations that unite workers and want to reach all workers – regardless of their political convictions, as long as they are willing to stand up for their interests with their class brothers.
The Communist Party we want to build is the revolutionary party of the working class. This means that it can best organize and lead the class and, of course, should consist to a large extent of workers, especially in the leadership. This does not mean, however, that members of other strata cannot be members and cannot play an important role. Our mission is the political struggle of the class and to gather all forces that lead or support it.
The Communist Organization/Party is generally the prerequisite for the existence of independent mass organizations. Without the conscious, political power there are no organizations with which the workers can develop their struggle. Also historically we can see that the essential impulses for the creation of trade unions and other forms of organizing the workers usually came from revolutionary forces. So it is wrong to assume that the right forms will automatically emerge from the development of struggles or that an upswing of struggles must first take place for the communists to be able to take them up and become effective. We can and must already now develop forms of organizing the working class in order to be prepared for all possible social developments, for ups and downs of the struggles. Our goal is the conscious, structured and planned leadership of the struggle of the working class.
So we are not only a silent observing part of the mass work, but we actively and creatively participate in these projects. We observe the workers and discuss with them. We develop assessments of the people around us and promote our organization. The capable and interested will then become supporters, candidates and later members. Many of our future cadres should be recruited and developed from the mass work.
The ways in which we bind people from mass work closer to the KO will be further developed with the development of our mass work. We want the approach of people to our organization to be an organized process rather than a random one. The mass organizations, for example, will stand in social confrontations, in concrete struggles – and in these struggles we as the KO must make proposals for further action. We can also raise the awareness of the workers through training courses for the mass organizations (worker training courses, lectures, discussion evenings etc.) and introduce the most conscious among them to our goals through extra training courses. An important point is the mediation of historical experiences.
We are not perfect cadres and do not appear as such. We are normal people who also talk about their problems, we are people with rough edges who reflect about it and strive to become better. This does not mean that we can let ourselves go and lose sight of the fact that as communists we have to meet certain requirements of the organization. We also criticize and self-criticize within the mass organizations – not as a formal item on the agenda, where everyone says when they came too late. Criticism and self-criticism means dealing openly and honestly with shortcomings both of the organization and of one’s own activity and personality and should be part of all our activities. Honesty, sincerity and authenticity are the keys to success when it comes to getting in touch with the working class. If we pretend, it will be realized by others and hinder the building of trust.
Bringing mass organizations together
We strive for the direct interlocking of the various forms of mass work, but we do not force them artificially. They should grow together organically. It must currently be a growing together over individuals, not over organizations. In a later, developed stage, it will be necessary to develop nationwide associations of our mass work in order to bring the class together as a whole. Each of us and also the people we organize in mass work should represent the principles of activity, independence and solidarity and spread them wherever they have access. We do not create a new scene of like-minded people, we want to grow into all spheres of society. This means that it is quite possible and right for the masses to be active in several mass organizations – e.g. in workers‘ sports and in the neighborhood meeting, in the trade union and in mutual help. Thus, there will be a lively exchange between the mass organizations by the organized individuals. This exchange can lead to the connection and mutual support of struggles.
Organizing along economic, social and cultural lines is itself a political question. This does not exclude offers like open meetings against war, for solidarity with Palestine or a union for anti-fascist self-protection. This, too, can be mass work, where the principles of democracy and independence should not be suspended. Whether and when such direct offers make sense to political questions is a concrete practical question, which must be answered concretely. On the whole, we must gather further experience in order to be able to better assess the usefulness of such forms of mass work.
Agitation and Propaganda
Agitation and propaganda are closely related and must not be artificially separated. Neither the one nor the other is allowed to get a one-sided overweight. With propaganda we spread the knowledge of scientific socialism, apply it to concrete circumstances and their development and justify the necessity of socialism. Propaganda shows the overall context, it is clear and to the point. Propaganda is relentless, scientific enlightenment about the circumstances. Agitation, on the other hand, tries to mobilize the masses by means of generally known social developments and to show the necessity of socialism only in general, without giving a comprehensive reason for it. Agitation thus relies more on scandalization, on fomenting anger and hatred for the circumstances. Agitation is aimed at broader sections of the working class because certain insights into social conditions are already required in order to understand communist propaganda. Propaganda is therefore not only directed at intellectuals. Both our agitation and our propaganda are directed at the working class.
Agitation leads to action by organizing and mobilizing the masses with the urgent goal of recognizing and leading the class struggle. The power of agitation lies in the fact that it openly and directly denounces the circumstances and calls a spade a spade. It is based on a systematic study of the experiences of the masses and the background of social conditions.
We also develop agitation as the Communist Organization/Party (not only through the mass organizations, that is) and use for it the collected experiences and our structures of the mass organizations. But we also operate them at any time in everyday life, as individual communists. Agitation also serves us as a school and a touchstone for our ability to get in touch with the class. We sharpen our arguments, learn about the consciousness of the working class and how and at which points it can be won for us. Agitation is never preaching. Agitation is scandalization and activation, daily and in all areas of social life. A successful agitation therefore requires a great closeness to the working class: Only when I know what is happening to the workers in my neighborhood will I be able to successfully discuss the fundamental contradiction of capitalism and the need to overturn these conditions without falling into revolutionary phrases with which one is more likely to lose one’s interlocutors.
Organizing the working class for class struggle and socialist revolution is a huge task for all of us. We are only at the very beginning and it may be difficult to imagine where this path will lead us in the years and decades to come. At the same time we know that there is simply no alternative – because capitalism has nothing to offer us and nobody else will get rid of this barbaric system for us. We need everyone for this challenge. Let us rebuild the workers‘ movement and the Communist Party!
Gerne komme ich der Bitte nach, eine Stellungnahme zur Diskussion innerhalb der Kommunistischen Organisation zur Klima-Frage einzureichen. Diese Diskussion basiert auf den beiden Texten Kapitalismus, ökologische Zerstörung und kommunistische Strategie von Spanidis et al und Wir werden nicht in Panik geraten von Kissel et al.
1. Ist der Klimawandel
real?
Ist
der Klimawandel real? Diese Frage kann hier nicht endgültig geklärt
werden. Aber es ist sicherlich sinnvoll, sich eine frühere Ökopanik
anzusehen, die Diskussion um das Waldsterben in den 80er Jahren.
Unser Vorteil ist, dass heute die tatsächlichen Wirkmechanismen der
neuartigen Waldschäden besser bekannt sind, so dass wir sie mit den
damaligen Medienberichten vergleichen können.
Auch
damals waren die Medien voll von apokalyptischen Vorhersagen. Der
Wald sei unheilbar krank und würde in 20 Jahren abgestorben sein.
Dies behaupteten einige aktivistische Wissenschaftler wie Bernd
Ulrich mit alle ihrer professionellen Autorität.
Wie
wir wissen, sind die Wälder nicht abgestorben. Aber daraus folgt
noch lange nicht, dass das Waldsterben eine reine Fiktion war.
Neuartige
Waldschäden traten zu Beginn der 80er Jahre gehäuft auf, zunächst
an Nadelbäumen, dann auch an Laubbäumen wie Buche und Eiche. In
dieser Zeit wurde auch eine intensive Forschung zu den Waldschäden
bestrieben und viele Schadensmechanismen sind inzwischen verstanden.
Die Forschungsergebnisse wurden unter anderem in dem Lehrbuch
Schädigung von Waldökosystemen von Elling et al.
zusammengefasst.
Hieraus
ergibt sich, dass die Schadensursachen und Schadensverläufe viel
komplizierter sind, als es die holzschnittartigen alarmistischen
Medienberichte vermuten ließen. Die Schäden haben zudem bei jeder
Baumart unterschiedliche Ursachen.
Die
Schäden an der Weißtanne sind unmittelbar auf Exposition mit
Luftschadstoffen, mit Schwefeldioxid oder SO2
zurückzuführen. Sie entsprechen damit in prototypischer Weise den
Medienberichten über das Waldsterben.
Die
Schäden an der Gemeinen Fichte werden zu einem Teil vom sauren
Regen, also SO2-haltigen Niederschlägen, zu einem anderen
Teil indirekt durch die hierdurch verursachte Bodenversauerung
hervorgerufen. Diese Bodenversauerung wiederum konnte sich nur
deshalb so auswirken, weil die Waldböden durch jahrhundertelange
Übernutzung durch den Menschen ausgehagert und ihr PH-Wert bereits
dadurch in den sauren Bereich verschoben worden war.
Schäden
an den Blättern der Rotbuche werden nicht durch SO2,
sondern durch Ozon hervorgerufen, das sich aus Stickoxiden, also NOx
bildet. Diese Stickoxide wurden noch bis in die 00er Jahre vor allem
durch den Autoverkehr ausgestoßen. Heute spielen sie dank
verbesserter Filtertechnik keine Rolle mehr. Durch Ozon kann ein Baum
bereits geschwächt werden. Für offensichtliche Kronenschäden muss
allerdings eine ungünstige Witterung hinzu kommen. Denn im Jahr nach
einem trockenen Sommer bildet die Rotbuche sehr viele Früchte. Es
kommt zur so genannten Vollmast. In diesem Jahr wird Großteil der
Assimilation für die Samenbildung aufgewendet. Das Holzwachstum geht
zurück. Folgen mehrere dieser heißen Sommer und damit Mastjahre
aufeinander und ist die Buche durch eine Exposition mit Ozon
vorgeschädigt, kommt es zu Kronenverlichtungen und im Extremfall zum
Absterben. Normalerweise kann sich der Baum aber erholen. Solche
heißen und trockenen Sommer gab es in der zweiten Hälfte der 70er
Jahre.
Bei
den beiden Eichenarten spielen vor allem tierische Schädlinge wie
der Eichenprozessionsspinner einer entscheidende Rolle, die sich in
reinen Eichenwäldern in warmen Sommern massenhaft vermehren und im
folgenden Jahr einen Bestand kahlfressen können.
Das
ist nur ein Ausschnitt. In Wirklichkeit sind die Wirkzusammenhänge
mit begünstigenden und hemmenden Faktoren sowie Prädispositionen
noch viel komplizierter.
In
den 80er Jahren wurden in alle großen thermischen Kraftwerke
Schwefelfilter eingebaut, so dass der Ausstoß von Schwefeldioxid
zurück ging. Nach der Konterrevolution 1989 wurden in Osteuropa die
meisten Industriebetriebe und Kraftwerke still gelegt. Das bewirkte
einen weiteren Rückgang der SO2-Emissionen.
Die
Anzahl der Bäume mit Kronenschäden stagnierte deshalb in den 90er
Jahren und ging zuerst leicht, dann stärker zurück. Insbesondere
die Wuchsleistung der Weißtanne erholte sich merklich und erreicht
inzwischen wieder normale Werte. Kronenschäden nehmen aber
erwartungsgemäß nach jedem trockenem Sommer erneut zu. Zu einem
Waldsterben im wörtlichen Sinne kam es nicht.
Fazit: Die neuartigen Waldschäden waren in den 80er Jahren real vorhanden. Hysterische Medien und aktivistische Wissenschaftler haben das Problem aber als weitaus schlimmer dargestellt, als es tatsächlich war. Bernd Ulrich gibt zu, dass er die Gefahren des Waldsterbens absichtlich dramatisiert hatte, um so die Politik zum Handeln zu bewegen [1].
Ich
könnte mir vorstellen, dass es sich bei dem Klimawandel ähnlich
verhält. Er dürfte im Kern real sein. Aber nach den Erfahrungen mit
der Waldsterbensdiskussion verbietet es sich, alle apokalyptischen
Voraussagen von WissenschaftlerInnen für bare Münze zu nehmen. Es
gibt immer noch viele Unsicherheiten und die Klimamechanismen sind
längst noch nicht vollständig verstanden. Diese Unsicherheiten
werden auch in vielen IPCC-Berichten abgebildet, freilich nur in den
eigentlichen Berichten und nicht in den Zusammenfassungen für
politische Entscheidungsträger, die in aller Regel weitaus stärker
zugespitzt sind.
Insbesondere
ist nicht zu übersehen, dass die Medienberichte zum Klimawandel in
diesem Jahr im Zusammenhang mit dem Aufkommen der neoliberalen
Klimabewegung immer hysterischer und apokalyptischer wurden. Auch die
beiden Berichte des IPCC aus diesem Jahr sind ersichtlich stärker
politisiert und stärker auf Verzicht getrimmt als die bisherigen.
Zudem
sind viele apokalyptische Prognosen aus den 90er und frühen 00er
Jahren zum Klimawandel nicht eingetroffen. Zum Beispiel diejenige,
dass in 30 Jahren die norddeutsche Tiefebene überflutet sein werde
oder dass in den Alpen kein Skilaufen mehr möglich ist.
Nur sehr wenige WissenschaftlerInnen weltweit berechnen die Klimamodelle, die das IPCC als Grundlage seiner Vorhersage nimmt und noch weniger äußern sich in der Öffentlichkeit. Die meisten KlimawissenschaftlerInnen bearbeiten nur ein eng umgrenztes Themengebiet und haben gar nicht die Kompetenz, sich fundiert zu allgemeinen Klimafragen zu äußern. Es äußern sich vor allem aktivistische Wissenschaftler, die eher als Politiker agieren, aber dennoch ihre Autorität aus ihrem Status als Wissenschaftler ziehen, der ihnen Glaubwürdigkeit sichert. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass eine UN-Unterorganisation wie das IPCC von einer Interessengruppe oder einem Staat gekapert worden ist [2].
Die Mainstreammedien weisen immer wieder darauf hin, mit wie viel Geld bestimmte Konzerne wie Exxon oder die Gebrüder Koch Klimawandelleugner unterstützen. Sie ignorieren und verschweigen aber bewusst, dass andere Kapitalgruppen mit gleich viel oder sogar noch mehr Geld die Klimabewegung unterstützen. RT berichtete darüber, dass mehrere Milliardäre Fridays-for-Future und Extinction Rebellion bis Ende 2019 mit 500 Millionen Dollar ausstatten wollen [3]. Mit solchen Geldbeträgen kann man eine ganze Bürgerkriegsarmee aufstellen. Inzwischen sind Kampagnenkonzerne wie Greenpeace mächtiger als so mache Industrielobbygruppe. Wobei Greenpeace auch eine Art Lobby darstellt und wahrscheinlich im Interesse bestimmter Kapitalgruppen agiert. Dies aber geschickter und noch weniger transparent als klassische Lobbys.
Die
wissenschaftliche Wahrheit zum Klimawandel ist möglicherweise längst
zu einem Einsatz im Machtkampf zwischen verschiedenen Kapitalgruppen
geworden. Einerseits gibt es Gruppen, die mit der Ölindustrie
verbunden sind und ihr Geschäftsmodell weiter führen wollen. Andere
Kapitalgruppen profitieren von der Erneuerung der Infrastruktur und
ganzer Industrien, die durch bestimmte angeblich alternativlose
Klimaschutzmaßnahmen erforderlich werden. Zudem profitieren sie von
Reallohnsenkungen durch Einführung der Ökosteuer.
Das
Vorsorgeprinzip gebietet es, eine Dekarbonisierung der Wirtschaft
anzustreben. Freilich gibt es keinen Grund, in Panik zu verfallen.
Diese Dekarbonisierung ist ohne Verzicht, ohne weitere Belastung der
ArbeiterInnen und ohne Abwicklung ganzer Industriezweige wie der
Automobilindustrie möglich.
2. Die neoliberale Klimabewegung
Die
Menschen werden schon seit Jahren mit ökologistischen Angstkampagnen
in Atem gehalten: Kampagnen gegen die Kernenergie, gegen den Diesel
und gegen Glyphosat waren Vorläuferereignisse der diesjährigen
medialen Klimapanik, die im Sommer voll ausgebrochen ist.
Da
fragt man sich natürlich, warum die Ängste in der Bevölkerung so
massiv geschürt werden. Ich habe den Verdacht, dass es hier zu einem
klassischen Fall von Verschiebung im Sinne Freuds gekommen ist.
Kapitalismuskritik ist tabu. Wer den Kapitalismus grundsätzlich
ablehnt, wird in den Mainstreammedien als Antisemit gebrandmarkt oder
ihm passiert Schlimmeres. Umso heftiger äußert sich die Kritik am
Gebaren einzelner Firmen. Die gleichen Medien, die den Kapitalismus
als alternativlos bezeichnen und jede Grundsatzkritik an ihm
gnadenlos abwatschen, öffnen ihre Schleusen für Hetze gegen
bestimmte Firmen, die weit über eine berechtigte Kritik hinausgehen.
Offensichtlich wird der Bevölkerung hier ein Ventil geboten, mit der
die Wut über ihre sich immer weiter verdüsternde Lebenslage gegen
bestimmte Sündenböcke gerichtet werden kann. Das hat ganz
hervorragend funktioniert. Auch wenn die Neuzulassung von Glyphosat
zum Beispiel nicht verhindert werden konnte, wurde diese Kampagne zur
Blaupause der heutigen Klimabewegung mit weitaus schlimmeren Folgen.
Umgekehrt
dient die Förderung der Klimabewegung durch Staat, Wirtschaft und
Medien auch dazu, authentische soziale Bewegungen wie die
Mieterbewegung in Berlin aus dem Fokus der Öffentlichkeit
wegzudrücken. Seit dem Frühjahr sind die Spalten der Medien voll
von wohlwollenden Berichten über die Klimabewegung, während über
die Mieterbewegung nahezu ein Medienboykott verhängt wurde.
Neoliberale Think Tanks basteln schon seit einigen Jahren an einer Jugendklimabewegung. Dass sie im letzten Jahr zündete, liegt sicherlich am so nicht direkt geplanten Auftreten von Greta Thunberg. Aber es ist eine Tatsache, dass die Kinder und Jugendlichen schon seit Jahren mit apokalyptischen Meldungen zum Thema Klima geradezu bombardiert wurden. Es werden richtig gehende Todesängste geschürt [4].
Interessant ist die soziale Zusammensetzung der Fridays-for-Future-Bewegung: Nach einer Selbsteinschätzung gehören rund 65% der demonstrierenden SchülerInnen der Oberklasse oder oberen Mittelklasse an [5]. Auch wenn es einige Neunmalkluge gibt, die nachweisen wollen, dass es sich bei ihnen nach marxschen Kriterien überwiegend um ArbeiterInnen handele, so ist doch nicht zu übersehen, dass sie von ihrem Habitus her, ihrer Mentalität der Bourgeoisie nahestehen. Sie haben sehr wohl Angst vor der Zukunft und möchten eine Änderung in der Politik, aber diese muss so aussehen, dass sie voll ihren Klasseninteressen entspricht. Deshalb ist es kein Zufall oder Dummheit, dass die CO2-Steuer ihre Kernforderung ist. Wenn sie wirklich die von ihnen geforderte Höhe von 180 pro Tonne CO2 erreicht, dann ist sie in dem Sinne wirksam, dass diese Steuer zu einer erheblichen Absenkung des Lebensstandards weiter Teile der Bevölkerung führen wird und damit auch ihres CO2-Ausstoßes.
Die
bourgeoisen Klima-Kids gehen davon aus, selbst von dieser Steuer
nicht betroffen zu sein. Das heißt, sie wollen, dass die
ArbeiterInnen sehr viel weniger konsumieren als bisher, damit sie,
die Töchter und Söhne der Bourgeoisie, ihren CO2-aufwendigen
Lebensstil ohne schlechtes Gewissen beibehalten können. Unter diesen
Umständen ist eine Linkswende der Bewegung nicht zu erwarten, eher
im Gegenteil.
Vor
einer solchen Entwicklung haben Stephan Kaufmann und Tadzio Müller
in einer Studie für die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Titel
„Grüner Kapitalismus, Krise, Klima und kein Ende des Wachstums“
bereits 2009 gewarnt (vgl. Kaufmann / Müller 2009).
Die
Klimabewegung war bisher keineswegs eine breite Volksbewegung,
sondern eine Bewegung aus dem oberen Drittel der Gesellschaft. Es
scheint aber so, als hätte die neoliberale Klimabewegung zumindest
am 20. September 2019 mit dem so genannten Klimastreik ihre schmale
soziale Basis ausweiten können, denn nach Medienangaben haben an
diesem Tag 1,4 Millionen Menschen in der Bundesrepublik demonstriert,
2,7 Millionen weltweit. Das war eines der größten
Demonstrationsereignisse in der BRD überhaupt. Allein in Berlin, der
Hauptstadt der Bewegung, sollen 100.000 bis 270.000 Menschen
demonstriert haben.
Nach
Aussagen von Beobachtern waren unter den Demonstranten etwa 30%
SchülerInnen und 70% Erwachsene. Aber: Diese riesige Demonstration
ist erst dadurch zustande gekommen, weil viele Betriebe ihrer
Belegschaft bezahlt frei gaben, damit sie an den Demonstrationen
teilnehmen können. Auch die Berliner Stadtverwaltung hat am 20.
September ihre Arbeit eingestellt und ihre Mitarbeiter zur Demo
geschickt. Dadurch bestand für die Beschäftigten zumindest ein
starker sozialer Druck, an diesen Demos teilzunehmen, vielleicht
wurde sogar direkt Zwang ausgeübt und im Weigerungsfalle mit dem
Verlust des Arbeitsplatzes gedroht. Damit bekam der „Klimastreik“
den Charakter einer Aussperrung. Auch viele Schulen haben die
Teilnahme an der Demo zur Pflichtveranstaltung erklärt. Von einer
Freiwilligkeit kann da kaum mehr die Rede sein. Richtig ist aber
auch, dass sich die Menschen nicht gegen diese Zumutungen gewehrt
haben und sich von der hysterischen und euphorischen Stimmung auf
diesen Demos haben mitreißen lassen.
Der
Ökologismus, besonders die „Klimarettung“, ist gegenwärtig zur
wichtigsten Legitimationsideologie des neoliberalen Kapitalismus
geworden. Eine weitere Absenkung des Lebensstandards der Bevölkerung,
eine Agenda 2020, kann gegenwärtig nur mit Verweis auf den
Klimaschutz legitimiert werden. Allerdings ist nicht zu übersehen,
dass er nicht mehr vollständig mit den Kapitalinteressen kompatibel
ist. Insbesondere die zahlreichen von Klimabewegung, Grünen und
Linken mit religiöser Inbrunst geforderten Ausstiege haben das
Potential, den Industriestandort Deutschland erheblich zu
beschädigen: Atomausstieg, Kohleausstieg, Ausstieg aus der
Autoindustrie, der Zementerzeugung, dem Fleischverzehr, dem Fliegen,
der industriellen Landwirtschaft, dem Schiffstransport und, und, und.
Das
belegt, dass der neoliberale Kapitalismus zumindest ideologisch
ziemlich am Ende ist. Er muss nach jedem Strohhalm greifen, um sich
zu legitimieren.
Wie
eine von der Linken beabsichtigte „Radikalisierung“ der
Klimabewegung aussehen kann, zeigt „Extinction Rebellion“
exemplarisch. Ihre Aktionen richten sich nahezu ausschließlich gegen
die ArbeiterInnenklasse:
Auf der IAA 2019 blockierten sie den Zugang der einfachen
Bevölkerung zu der Messe, nicht aber den der FachbesucherInnen und
den von Angela Merkel, obwohl eine solche Blockade mehr „Sand ins
Getriebe“ gestreut hätte.
Extinction Rebellion besetzte ausgerechnet die Büros der
Linkspartei in Berlin und nicht etwa diejenigen der CDU oder SPD,
obwohl beide Parteien doch in viel stärkerem Maße für die Politik
der letzten Jahre verantwortlich waren.
Extinction Rebellion blockierte europaweit die Botschaften von
Bolivien und nicht etwa Brasiliens, obwohl das faschistoide
Bolsonaro-Regime eine viel größere Verantwortung für die
Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes hat. Aber der Westen betreibt
in Bolivien einen Regime-Change gegen die dortige sozialistische
Regierung. Extinction Rebellion hat sich in den Dienst dieses
Regime-Changes gestellt.
Aktivisten von Extinction Rebellion blockieren bevorzugt den
Berufsverkehr, so dass einfache Menschen, vor allem aus der
ArbeiterInnenklasse, nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen gelangen
können. Damit soll der ArbeiterInnenklasse die Nutzung des
Privatautos unmöglich gemacht werden. Die Aktionen haben damit
einen einschüchternden Charakter. Sie denken gar nicht daran,
Banken zu blockieren. Wenn sie das tun würden, wäre es mit der
Toleranz ihnen gegenüber schlagartig vorbei, und die Aktivisten
bekämen Polizeiknüppel zu spüren. Das hat ja das Beispiel
Blockupy eindeutig bewiesen.
Dazu passt, dass die Bourgeoisie unter dem Vorwand der Klimarettung gegenwärtig die Abschaffung selbst der bürgerlichen Demokratie betreibt [6]. Unter diesem Aspekt kann es keinen Zweifel mehr geben, dass die Ausrufung von Klimanotständen nur dazu dient, die Menschen an einen tatsächlichen Notstand zu gewöhnen. Sollte es Widerstand gegen dieses geplante Notstandsregime geben, dann kann die Klimabewegung als Rammbock der Bourgeoisie dienen, die ihren Terror gegen die ArbeiterInnenklasse richtet. Mit Extinction Rebellion werden erste Konturen einer solchen ökofaschistischen Bewegung sichtbar.
3. Der Ökosozialismus
Im
Unterschied zu Spanidis et al. halte ich es für falsch, immer wieder
herauszustellen, dass bereits Karl Marx die heutige Umweltzerstörung
vorhergesagt habe.
Durch
solche Aussagen wird Marx unter der Hand in einen Dutzend-Ökologisten
und Verzichtsprediger verwandelt und damit auch in einen
Dutzend-(Neo)liberalen. Ein solcher Marx ist mit dem neoliberalen
Mainstream völlig kompatibel.
Die Schlussfolgerung aus dieser in einem bestimmten Kontext von Marx geäußerten Kritik ist stets, dass die Industriegesellschaft an sich eingestampft werden müsse und die Menschen allenfalls mit einer Befriedigung der Grundbedürfnisse abgespeist werden können. So glaubt John Bellamy Foster, Professor für Soziologie an der University of Oregon in Eugene, dass wir alle über unsere Verhältnisse gelebt hätten und predigt Verzicht: „Wie der marxistische Ökonom Paul A. Baran schrieb: ‚Menschen, die von der Kultur des Monopolkapitalismus durchdrungen sind, wollen nicht, was sie brauchen, und brauchen nicht, was sie wollen.‘ Abgesehen von den bloßen physischen Notwendigkeiten wie Nahrung, Unterkunft, Kleidung, sauberem Wasser, sauberer Luft usw. gehören dazu Liebe, Familie, Gemeinschaft, sinnvolle Arbeit, Bildung, kulturelles Leben, Zugang zur natürlichen Umwelt und die freie und gleichberechtigte Entwicklung jeder Person.“ [7]
Einen Beleg dafür, wie die berühmte Stelle von Marx zur Umweltzerstörung aus dem dritten Band des Kapitals richtiggehend missbraucht wird, findet sich im Manifest der angeblich marxistische Untergruppe von Fridays for Future, Change for Future: „Der Mensch greift spätestens seit der ersten Atombombe nachweislich in alle Bereiche der Natur und jeden Stoffkreislauf auf dem Erdball ein. Der Umfang von Produktion und Verbrauch sind erheblich gestiegen und haben sich vervielfältigt – und mit ihnen die gesellschaftlichen Abfälle. Es entsteht ein unheilbarer Riss im Stoffwechsel des Menschen mit seiner Umwelt. Dieser Riss ist nicht bloß das Ergebnis schlechter Klima- und Energiepolitik, denn er zieht sich durch den gesamten Stoffwechsel, durch die gesamte Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens – und muss aus dieser Produktion und Reproduktion heraus erklärt werden.“ [8]
Das
heißt, sie behaupten, nicht der Kapitalismus, sondern die technische
Zivilisation an sich würde die Umwelt unheilbar schädigen. Um diese
Schädigung abzustellen, müsste demnach diese technische
Zivilisation beseitigt werden. Was das Ganze mit der Atombombe zu tun
haben soll, ist für mich nicht ersichtlich. Aber es ist klar, dass
durch diesen Kniff Strahlenangst geschürt und jeder Gedanke an die
Kernenergie als Lösung der Umweltprobleme verunmöglicht werden
soll.
Sie
predigen also genauso wie alle Ökosozialisten den Verzicht und
erhoffen sich vom Sozialismus, dass er den Konsum der Menschen
zügelt. Wobei sie sogar den Begriff Sozialismus meiden wie der
Teufel das Weihwasser. Change for Future zündet zwar ein „Feuerwerk
an Gendersternchen“, aber sie sprechen nur völlig unverbindlich
von einer „neuen Produktionsweise“.
Ökosozialismus
bedeutet eine Konsumeinschränkung für die Menschen der
Industrieländer, eine Rationierungswirtschaft, die die bestehende
Großindustrie abwickelt und die Menschen auf ein niedrigeres
Energieniveau zwingt.
Für
alle diejenigen, die in der BRD in Armut leben oder davon bedroht
sind, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, klingen
Verzichtsappelle, egal wie sie begründet werden, wie reiner Hohn.
Sie müssten erheblich mehr konsumieren, nicht weniger. Das muss man
mit aller Deutlichkeit aussprechen. Wenn diese Menschen den
Sozialismus mit Konsumverzicht, also mit Absenkung ihres ohnehin
kläglichen Lebensstandards assoziieren, werden sie sich voll Grauen
von ihm ab und der AfD zuwenden. Dieser Prozess ist leider längst im
Gange.
Der
Ökosozialismus ist demnach für die ArbeiterInnen reichlich
unattraktiv, denn sie haben von ihm nicht zu erwarten außer „Blut,
Schweiß und Tränen“. Das ist sehr wenig für einen Systemwechsel,
der massenhaft Opfer an Menschenleben fordern kann.
Marx
selbst hat aus der Umweltzerstörung niemals geschlussfolgert, dass
es ein „Zurück zur Natur“ geben müsse, sondern er forderte
stets eine Entwicklung der Produktivkräfte, zum Beispiel in seiner
Schrift „Kritik des Gothaer Programms“. Der Marxismus lehnt
jedenfalls den immer mehr um sich greifenden Fortschrittspessimismus
entschieden ab.
Deshalb
sollte Kapitalismus aus den Gründen kritisiert werden, aus denen er
von Sozialisten immer schon kritisiert wurde: Wegen der immer mehr um
sich greifenden Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, der ins
Astronomische gewachsenen Ungleichheit, der ständigen Kriege…
Daraus
ergeben sich ganz andere Schlussfolgerungen: Eine maximale
Entwicklung der Produktivkräfte im Sozialismus, um so in einem
ersten Schritt die Armut weltweit auszurotten. Schließlich muss ein
materieller Überfluss an Konsumgütern erzeugt werden.
Der marxistische Wirtschaftswissenschaftler Ernest Mandel schreibt in seinem Buch Marxistische Wirtschaftstheorie von 1962: „Damit alle Menschen der Welt ein Überfluss an Industriegütern zur Verfügung steht, müssen also die Produktivkräfte stark gesteigert werden. Diese Entfaltung der Produktivkräfte bedeutet, dass die gegenwärtige Industrieproduktion der Welt verdoppelt, wenn nicht verdreifacht werden muss.“ [9]
Diese Aussagen sind auch heute noch gültig angesichts der grassierenden Armut und Unterentwicklung in der Dritten Welt. So haben 1,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Elektrizität, mehr als eine Milliarde keinen Zugang zu Massentransport, zu Bildung und Gesundheitsversorgung. [10]
Weiter schreibt Mandel: „Die sozialistische Planwirtschaft verfolgt das Ziel, die vergesellschafteten Produktivkräfte zu steigern, um den Bürgern schrittweise einen Überfluss an Gütern und Dienstleistungen zu sichern, dadurch die völlige Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu gewährleisten und auf längere Sicht die Voraussetzungen für das Verschwinden [der Überreste] der Marktwirtschaft, der Klassen, der gesellschaftlichen Ungleichheit, des Staates und der Arbeitsteilung zu schaffen.“ [11]
Das
heißt, damit sich die Voraussagen von Marx und Engels erfüllen, der
Staat und die Klassen absterben können, müssen alle 7 Milliarden
Menschen der Erde auf ein Konsumniveau gebracht werden, das dem eines
Mittelklassehaushalts in den entwickelten Ländern entspricht. Es
reicht keineswegs aus, die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Für
eine reiche Entfaltung der Persönlichkeit ist auch die Befriedigung
von gehobenen Bedürfnissen und – in gewissem Umfang – sogar von
Luxusbedürfnissen erforderlich. Nur wenn die Menschen über einen
langen Zeitraum hinweg die Erfahrung machen, dass die Gesellschaft
für sie wie eine freigiebige Mutter ist und nicht wie ein
knauseriger Stiefvater (Mandel), werden sie die im Kapitalismus
antrainierten Verhaltensweisen langsam ablegen und ein
Repressionsapparat ist nicht mehr erforderlich. Der Staat beginnt
dann abzusterben.
Es
ist eine riesige Herausforderung, diese Industrialisierung ohne
CO2-Emissionen zu erreichen. Aber es ist durchaus möglich. Dazu
weiter unten mehr.
Der
Ökosozialismus muss deshalb als Spielart des Revisionismus abgelehnt
werden. Selbstverständlich bedeutet das nicht, den Umwelt- oder den
Klimaschutz gering zu schätzen. Aber SozialistInnen setzten auf
moderne Technik als Mittel zur Lösung der Umweltprobleme und nicht
auf ein reaktionäres „Zurück zur Natur“.
4. Technik und
Klimakrise
Spanidis
et al. schreiben auf Seite 23 ihres Papiers, dass der gegenwärtige
Ressourcenverbrauch bereits heute unerträglich hoch sei. Daraus
folgt unter der Hand dann häufig doch die Schlussfolgerung, dass
„wir alle“ über unsere Verhältnisse gelebt hätten, dass wir
schon im Mai alle uns zustehenden Ressourcen eines Jahres verbraucht
hätten und uns einschränken müssten.
Zum
Glück sind die Schranken des Ressourcenverbrauchs variabel und nicht
statisch. Sie lassen sich mit modernster Technik wesentlich
hinausschieben. Auf dieser Erkenntnis basiert meine Hoffnung, dass
der Sozialismus auch für 7 Milliarden Menschen immer noch möglich
ist.
Wie wir ja gesehen haben, muss im Sozialismus die Produktion von Konsumgütern und auch von Energie wesentlich gesteigert werden. Das ist mit Photovoltaik und Windkraft nicht möglich. Hier werden mit einem gigantischen Aufwand Niedrigenergie-Flüsse gesammelt. Der Flächenverbrauch und die Kosten sind enorm hoch. Experten aller im Bundestag vertretenen Parteien sind sich einig, dass bereits das heutige Konsumniveau für die Mehrheit der Bevölkerung keinesfalls gehalten werden kann, wenn der Anteil der „Erneuerbaren“ weiter steigt. Sean Sweany von der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung geht von einem um 40% geringeren durchschnittlichen Stromverbrauch für die Bevölkerung im Jahr 2050 verglichen mit dem heutigen Stand aus [12]. Dabei ist die Elektromobilität bereits berücksichtigt. Das heißt, die Mehrheit der Bevölkerung wird zu einem Leben in Energiearmut verurteilt. Auch das E-Auto werden sich nur ein Bruchteil derjenigen leisten können, die heute ein Auto mit Verbrennungsmotor besitzen.
Zum
Glück gibt es eine CO2-freie Alternative zu diesen
Niedrigenergie-Technologien. Das ist die Kernenergie. Es reicht nicht
aus, die Ablehnung der Kernenergie vorsichtig zu hinterfragen, wie
dies Spanidis et al. tun, sondern sie müsste offensiv gefordert
werden.
In
jeder Gesellschaftsformation nahm die Produktivität der Arbeit zu.
Eng damit verbunden waren neue Formen der Energiegewinnung. Jede
Energieform hatte eine höhere Dichte als die vorhergehende und
machte das Leben der Menschen einfacher.
Die Evolution der Energieformen reicht von der Verbrennung von Holz über Wind und Wasserkraft, der Verbrennung von Kohle, Gas und Erdöl bis hin zur Kernenergie. Jede dieser Formen stellt größere Quantitäten und Qualitäten von Energie für den Gebrauch des Menschen zur Verfügung. Jede war dichter als die vorhergehende, so dass mehr Energie aus Einheiten mit gleichem Gewicht und Volumen gewonnen werden konnte [13].
Die Kernenergie hat eine um Größenordnungen höhere Energiedichte als alle anderen Energieformen. Denn die Spaltung eines Atomkerns von Uran233, Uran235 oder Plutonium239 setzt rund 200 Megaelektronenvolt frei. Dies entspricht einer erzeugten thermischen Energie von 80 Millionen Megajoule pro Kilogramm, und damit dem 1,8-Millionenfachen des Brennwertes von Benzin und dem bis zu Dreimillionenfachen des Brennwertes von Steinkohle [14].
Kernkraftwerke
können nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Stromversorgung
leisten, sondern auch zur Dekarbonsierung anderer Bereiche beitragen:
Kraft-Wärme-Kopplung aus der Abwärme von Kernkraftwerken und
Kernheizkraftwerke
Atomfrachter, also Frachtschiffe, die von Kernreaktoren angetrieben
werden.
Bereitstellung von Industriewärme durch Hochtemperaturreaktoren zum
Beispiel vom Typ THTR.
Mittels Plasmarecycling lassen sich alle Stoffe in ihre elementaren Bestandteile auflösen. Das heißt, alle Rohstoffe können unendlich wiederverwertete werden. Eine Rohstoffknappheit gehört damit der Vergangenheit an. Voraussetzung hierfür ist die Zuführung hoher Energiemengen, die nur aus der Kernkraft stammen können [15].
Es ist inzwischen möglich, künstliche Kohlenwasserstoffe herzustellen, wobei das CO2 der Luft oder dem Meerwasser entnommen wird. Damit lassen sich Verbrennungsmotoren CO2-neutral betreiben, weil durch Verbrennung nur dasjenige CO2 emittiert wird, das vorher entnommen wurde. Die großen Energiemengen für diese Prozesse können nur aus der Kernkraft kommen [16].
Ein
Vorteil dieser Technologie wäre, dass das Auto mit Verbrennungsmotor
weiter genutzt werden könnte.
Selbstverständlich
wäre trotzdem ein Ausbau des ÖPNV sinnvoll und auch die Verlagerung
des Güterverkehrs auf die Schiene.
Aber
die gesamte Siedlungsstruktur wurde in der BRD nach dem zweiten
Weltkrieg auf den Gebrauch des Privatautos ausgerichtet. Dies zu
korrigieren, dürfte mindestens so lange dauern, wie es gedauert hat,
diese Siedlungsstruktur aufzubauen.
Es
wäre zum Beispiel möglich, den Siedlungsbrei durch den Bau von
Wohnhochhäusern mit großzügigen Wohnungen an den Stadträndern
einzudämmen. Dann könnten die Menschen zum großen Teil mit dem
ÖPNV zur Arbeit fahren.
Dennoch
bietet das Privatauto bei mittleren Entfernungen, dem klassischen
Sonntagsausflug genauso wie bei Fahrten im Urlaub eine zeitliche und
räumliche Flexibilität, die Bahnsysteme nicht erreichen können. Es
markiert deshalb einen zivilisatorischen Fortschritt und sollte nicht
vollständig in Frage gestellt werden.
Mit der Kernenergie wären auch Großprojekte wie die Wiederbewaldung der Sahara möglich. An den Küsten Afrikas könnten Kernkraftwerke vom Typ THTR gebaut werden, deren einziger Zweck die Entsalzung von Meerwasser ist. Dieses neu gewonnen Süßwasser würde dann in das Landesinnere gepumpt, wodurch es möglich wird, dort Bäume anzupflanzen, die große Mengen von Kohlendioxid binden können. Geht man von einer bewaldeten Fläche von einer Milliarde Hektar in der Sahara aus, könnten die hier wachsenden Wälder jährlich 20 – 36 Gigatonnen CO2 der Atmosphäre entziehen. Dies entspricht in etwa dem weltweiten von Menschen verursachten CO2 -Ausstoß von rund 32 Gigatonnen. Das Potential der Kernenergie zur Lösung der Klimakrise wäre also enorm. Kommen weitere Maßnahmen der CO2-Reduzierung hinzu, könnten allein diese Saharawälder einen großen Teil des vom Menschen in die Atmosphäre eingebrachten CO2 wieder aus ihr entfernen. Zusätzlich würde in der nun feuchten Sahara Lebensraum für die explodierende Bevölkerung Afrikas geschaffen [17].
Bei genügend hohen Energiemengen wären auch die Erzeugung von künstlichem Fleisch [18] und die stark konzentrierte Erzeugung von Lebensmitteln in Gewächshäusern mit optimalen Klimabedingungen möglich. Forschungen an künstlichem Fleisch sind gegenwärtig am Laufen; es ist noch nicht serienreif. Aber wenn diese Forschungen mit großen Geldbeträgen unterstützt würden, wäre es das vermutlich in kurzer Zeit. Der hohe Methanausstoß von Kühen muss also nicht durch Fleischverzicht für die ArbeiterInnen eingedämmt werden, wie die Klimabewegung fordert, sondern es gibt auch hier Alternativen.
Deshalb
gilt die berühmte leninsche Formel in abgewandelter Form auch heute
noch:
Kommunismus
= Rätemacht + Kernenergie
5. Argumente gegen die
Kernenergie und ihre Widerlegung
Häufig
wird die Kernenergie wegen ihrer angeblich großen Gefahren und der
scheinbar ungelösten Endlagerproblematik abgelehnt. Tatsächlich
sind diese Gefahren längst nicht so groß, wie im völlig
entgleisten deutschen Diskurs behauptet wird.
1.
Uranknappheit
Gegner
der Kernenergie behaupten, dass die Menge des abbaubaren Urans zu
gering sei, um die ganze Menschheit mit Energie durch Kernspaltung
versorgen zu können. Tatsächlich beträgt die gegenwärtig
ökonomisch abbaubare Menge Uran zwar nur 5 Millionen Tonnen. Da aber
die Brennstoffkosten nur einen verschwindend geringen Teil der
Betriebskosten eines Kernkraftwerkes ausmachen, kann im Bedarfsfall
auf weniger ergiebige Uranquellen, Thorium, Phosphate und sogar auf
die Gewinnung von Uran aus Meerwasser ausgewichen werden, ohne dass
sich die Stromkosten merklich erhöhen würden. Letzteres wird
wahrscheinlich noch nicht einmal notwendig sein, wenn eines Tages
Kernfusionsreaktoren zur Verfügung stehen werden.
Schnelle Reaktoren der Generation IV können das Uran zudem 100 mal besser ausnutzen als gegenwärtige Leichtwasserreaktoren. Außerdem wird dann der so genannte Atommüll eine wertvolle Ressource und kann ebenfalls zur Energiegewinnung genutzt werden. Eine angebliche Uranknappheit könnte also den Ausbau der Kernenergie nicht verhindern [19].
2.
Sicherheit der Kernenergie
Die schwersten Kernkraftunfälle sind die von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima. In Harrisburg gab es keine Toten, bei Fukushima bis heute einen. In Tschernobyl sind 56 Menschen an akuter Strahlenkrankheit und an Krebs gestorben. Wie viele Menschen in Anschluss durch die höhere Strahlenbelastung gestorben sind und noch sterben werden, ist schwer abzuschätzen. Greenpeace geht von 270.000 zusätzlichen Krebsfällen mit 90.000 Toten aus. Die WHO, UNSCEAR und IAEO, also alles UN-Unterorganisationen, in denen die besten Fachwissenschaftler zusammengeschlossen sind, nennen nach Untersuchung von 530.000 Liquidatoren eine weitaus geringere Zahl. Es ist mit maximal 4.000 zusätzlichen Krebstoten infolge des Reaktorunfalls zu rechnen [20].
Andererseits verursachen alle Energieformen Opfer, die in einer Statistik der WHO angegeben sind [21]:
Die hohe Todesrate bei Kohle- und Ölkraftwerken kommt durch Lungenkrankheiten zustande, die durch Schadstoffemissionen entstehen. Dies wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, aber es zeigt sich deutlich an Extremereignissen wie dem Großen Smog in London im Jahr 1952, an dem 12.000 Menschen starben. Nach einer Meldung der WHO starben allein im Jahr 2010 233.000 Personen an Lungenkrebs, der durch die Luftverschmutzung hervorgerufen wurde. Daran haben Kohlenkraftwerke den größten Anteil [22].
Auch die Wasserkraft ist nicht harmlos. Dammbrüche sind selten, aber wenn sie vorkommen, fordern sie regelmäßig sehr viele Tote, zum Beispiel der Bruch der chinesischen Banquiao-Talsperre 1975 mehr als 100.000. Statistisch gesehen ist die Kernenergie die sicherste Form der Energieerzeugung. Das gilt auch dann, wenn man die von Greenpeace behaupteten 90.000 möglichen Krebstoten von Tschernobyl noch berücksichtigen würde, was in obiger Graphik nicht geschehen ist. Dann käme man auf 0,09 Tote pro Terawattstunde und die Kernenergie wäre immer noch die sicherste Energiequelle [23].
3.
Radioaktive Strahlung
Viele
Menschen lehnen die Kernenergie ab, weil sie die Radioaktivität
fürchten.
Unter
Radioaktivität, besser radioaktiver Strahlung, versteht man die
Strahlung beim Zerfall von Atomkernen. Sie wird unter anderem
gemessen in der Dosisleistung. Diese gibt an, wie stark die Strahlung
ist und in welcher Zeit der Körper eine Dosis aufnimmt.
Eine
hohe Strahlendosis ab 5.000 Millisievert oder mSv endet meist
tödlich. Aber streckt man diese Dosis über einen längeren
Zeitraum, ist sie harmlos. Denn dann haben die Zellen die
Möglichkeit, Schäden zu reparieren.
Im
Strahlenschutz gilt immer noch die Theorie der linearen Abhängigkeit.
Danach ist die Krebswahrscheinlichkeit proportional zur Dosis. Eine
ungefährliche Strahlung gebe es nicht. Allerdings konnten bei
Strahlendosen unterhalb von 100 mSv/Jahr niemals zusätzliche
Krebsfälle nachgewiesen werden.
Die Theorie der linearen Abhängigkeit berücksichtigt die Reparaturmechanismen des Körpers nicht. Heute wissen wir, dass nicht nur radioaktive Strahlung DNS-Brüche verursacht. Die meisten geschehen aufgrund von normalen Stoffwechselmechanismen und können in den Zellen repariert werden. Bis zu Strahlendosen von 100 mSv/Jahr kommen nur wenige zusätzliche DNS-Brüche hinzu und fallen statistisch nicht ins Gewicht [24].
Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Niedrigstrahlung die Abwehr des Körpers gegen höhere Strahlung stärkt. Über 8.000 Personen wurden durch radioaktiven Baustahl in Neubauwohnungen in Taiwan jahrelang versehentlich bestrahlt, zum Teil mit über 100 mSv/Jahr. Nach der LNT-Theorie hätte die Krebsrate der Bewohner um 30 Prozent steigen müssen. In Wahrheit sank sie dramatisch [25].
Im
Jahr 2010 will eine Studie einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten
von Leukämie bei Kindern und ihrem Wohnort in der Nähe von
Kernkraftwerken gefunden haben. Das heißt, angeblich treten umso
mehr Fälle von Leukämie auf, je näher man an einem Kernkraftwerk
wohnt. Aber gibt es diesen Zusammenhang wirklich?
Zunächst
einmal ist zu berücksichtigen, dass auch natürliche Radioaktivität
existiert und jeder Mensch in der BRD im Durchschnitt 3 Millisievert
pro Jahr aufnimmt. Davon sind 60 % der natürlichen Radioaktivität
zuzurechnen, die zudem auch noch stark schwankt. In den Alpen und in
Teilen des Schwarzwaldes ist die Ortsdosisleistung mehr als doppelt
so hoch wie in der norddeutschen Tiefebene. 40% gehören zu der
zivilisatorischen Strahlenbelastung, darunter weit überwiegend die
Belastung aus medizinischen Anwendungen.
Der Grenzwert für die Exposition der Bevölkerung durch eine Kerntechnische Anlage beträgt nur 0,3 Millisievert pro Person und Jahr, also nur ein Bruchteil der natürlichen Radioaktivität. Er wird selbstverständlich auch während der Revision bei offenem Reaktor eingehalten. Die tatsächlich emittierte radioaktive Strahlung aus Kernkraftwerken ist in den allermeisten Fällen sogar nochmals um Größenordnungen geringer. Sie ist selten höher als 0,002 mSv pro Person und Jahr [26].
Es ist also wissenschaftlich nicht zu erklären, wie die Kernkraftwerke Leukämie verursachen können. Hinzu kommt: Leukämiecluster treten auch in Regionen auf, in denen keine kerntechnischen Anlagen existieren, andererseits sind sie nicht bei jedem Kernkraftwerk vorhanden. In Grohnde, Brokdorf, Gundremmingen, Stade, Philippsburg, Lingen und Würgassen liegt die Leukämierate unter dem Landesdurchschnitt [27].
Inzwischen wurde möglicherweise die Ursache von Leukämie im Kindesalter entdeckt. Sie ist nach einer neuen Theorie nicht auf radioaktive Strahlung zurückzuführen, sondern stellt eine seltene Reaktion des Körpers auf eine gewöhnliche Infektion dar. Leukämiecluster treten dann auf, wenn viele Menschen in ländliche Regionen mit einer bislang eher isoliert lebenden Bevölkerung einströmen. Dies geschah nach dem zweiten Weltkrieg häufiger im Rahmen der Suburbanisierung. Das passierte auch in den eher ländlichen Regionen, in denen Kernkraftwerke errichtet wurden. In diesem Fall wird das Immunsystem der Kinder neuen Viren ausgesetzt, auf die es in manchen Fällen atypische reagiert und Leukämie hervorruft [28].
4.
Atommüll
Wie
bereits in Kapitel 2 dargestellt, ist Atommüll eigentlich kein Müll,
sondern eine wertvolle Ressource. Brutreaktoren können nicht nur
Uran und Plutonium aus den abgebrannten Brennstäben nutzen, sondern
auch die minoren Aktinide. Die restlichen Spaltprodukte müssten dann
nur noch 300 bis 1.100 Jahre gelagert werden. Das sind durchaus
überschaubare Zeiträume.
Aber
auch eine herkömmliche Lagerung ist unproblematisch. Bisher hat
Atommüll noch nie irgendwelche Probleme verursacht und es ist nicht
zu erkennen, wie irgendetwas von dem radioaktiven Inventar an die
Oberfläche gelangen könnte, wenn er in tiefen Bergwerken oder
Salzstöcken gelagert wird.
Das
angebliche Atommüllproblem wird vielmehr von der Anti-Atom-Bewegung
als Hebel genutzt, um so den Betrieb von Kernkraftwerke zu
verunmöglichen.
5.
Geringer Platzbedarf
Kernenergie
wird vor allem deswegen abgelehnt, weil sie angeblich enorm
gefährlich sei. Dass das nicht stimmt, wurde weiter oben belegt.
Aber auch die Alternativen, insbesondere die Windkraft sind nicht
unproblematisch. Sie nehmen enorm viel Platz ein.
Um ein Kernkraftwerk zu ersetzen, benötigt man gut 20.000 Windkraftanlagen, die bis zu 200 Meter hoch sind und fast 200 Quadratkilometer an Land einnehmen. Dementsprechend sieht die Landschaft in der BRD inzwischen auch aus. Viele Landschaften wie der Hunsrück sind inzwischen mit Windrädern geradezu zugestellt. Sogar im Reinhardswald in Nordhessen, einer ökologisch besonders wertvollen Waldlandschaft, sollen Windräder aufgestellt werden. In diesem auch als Grimms Märchenwald bekannten Mittelgebirge gibt es viele alte Baumveteranen und Naturschutzgebiete. Das stört aber die Grünen am allerwenigsten, die sich stark für den Erhalt des Hambacher Forstes einsetzen und belegt ihren instrumentellen Umgang mit Naturschutzargumenten [29]. Windräder sind für den Tod von Milliarden Insekten und Vögeln verantwortlich. Sie leisten damit einen Beitrag zum Insektensterben [30].
Wegen der sehr hohen Energiedichte des Kernbrennstoffes verbrauchen Kernkraftwerke nur sehr wenig Platz. Ein Kernkraftwerk mit einem Gigawatt Leistung benötigt mit allen Gebäuden und Anlagen nur rund einen Quadratkilometer [31].
Nach einer neuen Studie würde man nur 177 Reaktoren zu jeweils 1,2 GW und 8000 Vollaststunden benötigen, um den gesamten Energieverbrauch, nicht nur den Stromverbrauch der BRD mit Kernenergie zu decken. Wenn man berücksichtigt, dass an einem Kraftwerksstandort mehrere Reaktoren konzentriert werden können, käme man bei 4 Reaktoren pro Kraftwerk auf 45 Standorte. Das ist durchaus überschaubar. Wahrscheinlich wären es in der Praxis einige Standorte mehr, denn man müsste auch einige kleinere, inhärent sichere Kernkraftwerke für Industriewärme und Heizung errichten. Weiter kämen hinzu Wiederaufarbeitungsanlagen und sonstige kerntechnischen Anlagen zum Beispiel für Plasmarecycling und künstliche Kohlenwasserstoffe [32].
Eine
ausführlichere Widerlegung von zahlreichen Argumenten gegen die
Kernenergie findet sich in den 100 guten Antworten auf die hundert
guten Gründe von Greenpeace gegen die Kernenergie:
Nach
einer Umfrage sind 20% der Bevölkerung absolut gegen Kernenergie,
20% dafür und 60% ist es egal. Sogar einige junge Menschen können
angesichts des Klimawandels den Furor, mit dem gegen die Kernenergie
gehetzt wird, nicht nachvollziehen. Dazu gehörte übrigens auch
Greta Thunberg, bis sie zum Schweigen gebracht wurde. Es ist fast
unnötig zu sagen, dass die neoliberale Klimabewegung die Kernenergie
auch ablehnt. Kein Wunder, denn dann wäre ein Verzicht nicht
notwendig.
Die
ArbeiterInnenklasse ist an wenigsten vom Ökologismus beeinflusst,
das heißt, eine proletarische Partei könnte wahrscheinlich mit
einem Programm pro Kernenergie punkten, wenn ihre Vorteile vernünftig
erklärt und sie als Alternative zum Verzichten dargestellt wird.
Umgekehrt
lehnt das pseudolinke Kleinbürgertum die Kernenergie entschieden ab.
Das heißt, mit einem Programm pro Kernenergie kann eine Scheidelinie
zwischen Kleinbürgertum und Arbeiterklasse gezogen werden. Das ist
in einer Zeit, wo die Restlinke nahezu vollständig von der
neoliberalen Klimabewegung vereinnahmt worden ist, sicherlich eine
gute Sache.
Kissel
et al. schreiben: „Aber mit der Klima-Argumentation erscheinen
alle, die sich dagegen [gegen das Verzichten] wenden als
Steinzeit-Wesen.“ (S. 8)
„Der
Individualismus der Öko-Bewegung verkörpert einen naiven
‚Anti-Materialismus‘ im Sinne von ‚Haben-Wollen ist schlecht‘.
Er eignet sich aktuell gut, um Verzichtsappelle an die Massen zu
richten, denn es sind stets die Massen, die weniger Auto fahren,
weniger Urlaub haben sollen, etc. Nur ihr Konsumverzicht fällt ins
Gewicht – sie sind die Mehrheit der Gesellschaft, von ihnen soll zu
Gunsten der Minderheit umverteilt werden.
Auch
beim Kohleausstieg müssen die Arbeiter Verzicht üben, weil es ja
für Menschheitsinteressen ist – der einzelne Arbeiter ist Egoist,
weil er seinen Arbeitsplatz behalten will, der ‚Klimaretter‘ ist
kollektivistisch, weil er die Menschheit retten will.“ (S. 11)
Mit
der Kernenergie können die andauernden Verzichtsapelle wirksam
gekontert werden. Die Gegner des Verzichts erscheinen nicht mehr als
„Steinzeitwesen“. Es kann gut begründet werden, dass ein solcher
Verzicht auch bei einer CO2-Reduktion auf 0 nicht
notwendig und damit nicht alternativlos ist. Vielmehr wird der
Klassencharakter der Verzichtsforderungen und der Klimabewegung
sofort sichtbar.
BefürworterInnen
der Kernenergie können sich sogar auf das IPCC berufen. Das IPCC hat
berechnet, dass die Kernenergie und die CO2-Abscheidung
eine wichtige Rolle spielen muss, wenn die Erderwärmung auf 1,5 Grad
beschränkt werden soll (IPCC 2018a, S. 19ff, IPCC 2018b S. 131f).
Die Klimabewegung, die Grünen, die Linken und die Ökosozialisten
wollen die Erderwärmung dagegen allein mit „Erneuerbaren
Energien“, also mit Verzichten und Ausstiegen stoppen.
Diese
Differenz ist kein Zufall. Dem IPCC wurde die Aufgabe gestellt, einen
sozialverträglichen Umstieg in eine dekarbonisierte Wirtschaft zu
prognostizieren. Der neoliberalen Klimabewegung sind solche
Erwägungen völlig egal.
Neoliberale
Anhänger der Klimabewegung können allein schon mit der Frage in
Verlegenheit gebracht werden, warum sie die Kernenergie ablehnen,
wenn doch die Apokalypse angeblich bevor stünde. Müsste man dann
nicht alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um sie zu verhindern?
Zumal ja das IPCC die Nutzung der Kernenergie empfohlen hat.
Aus
der Befürwortung der Kernenergie können auch Sofortforderungen und
Übergangsforderungen abgeleitet werden. Man sollte die Forderung
nach dem Bau eines Kernkraftwerkes in der Lausitz nicht Frauke Petry
überlassen. Sie ist nämlich durchaus sinnvoll. So könnten auch bei
einem Kohleausstieg die bisherigen gutbezahlten Arbeitsplätze
erhalten werden. Die ArbeiterInnen könnten umgeschult werden, wie
dies schon im KKW Biblis praktiziert wurde.
Im
völligen Gegensatz zum neoliberalen Ausstiegsprogramm der Grünen
wäre der Aufbau einer Kernenergiewirtschaft ein riesiges
Ausgabenprogramm, das eine Fülle von gut bezahlten Arbeitsplätzen
schaffen würde. Zunächst natürlich im Bau, dann aber auch beim
Betrieb und der Wartung der Kernkraftwerke.
Eine
Voraussetzung ist, dass dieses Programm durch eine Vermögensabgabe
der Reichen und Superreichen finanziert wird. Es entfiele auch jede
Begründung für eine CO2-Steuer, da ja eine wie auch
immer geartete Lenkungswirkung nicht mehr notwendig ist.
Es
ist natürlich nicht anzunehmen, dass die Kapitalisten solchen
Forderungen nachgeben werden. Dennoch sind sie als
Übergangsforderungen sinnvoll, da sie die engen Grenzen des
kapitalistischen Systems aufzeigen.
7. Literatur
Bücher
Wolfram
Elling, Ulrich Heber, Andrea Polle, Friedrich Beese: Schädigung von
Waldökosystemen, München 2007
Ernest
Mandel: Marxistische Wirtschaftstheorie, Frankfurt am Main 1968 und
1979
Stephan
Kaufmann und Tadzio Müller: Grüner Kapitalismus, Krise,
Klimawandel und kein Ende des Wachstums, Berlin 2009
IPCC 2018b: Mitigation Pathways Compatible with 1.5°C in the
Context of Sustainable Development,
https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/sites/2/2019/02/SR15_Chapter2_Low_Res.pdf
[1] Günter Keil: Chronik einer Panik, Die Zeit, 4. Dezember 2004, im Internet: https://www.zeit.de/2004/51/N-Waldsterben/komplettansicht
[2] Axel Bojanowski: Die Homogenisierung der Klima-Berichterstattung ist ein Problem, 29. September 2019, im Internet: https://uebermedien.de/41860/die-homogenisierung-der-klima-berichterstattung-ist-ein-problem/
[3] RT: Wer steckt hinter Greta Thunberg, 22.09.2019, im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=gWdMGaguyEQ
[4] Andreas Peter: Wenn Verschwörungstheorien wahr werden – Heute: Greta und die Fridays for Future – Teil 1, Sputnik, 08.06.2019, im Internet: https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20190608325170151-greta-thunberg-fridays-for-future-teil-1/
[5] Ipb: Ein Jahr Fridays for Future – ipb working paper erschienen, 19. August 2019, im Internet: https://protestinstitut.eu/ein-jahr-fridays-for-future-studie/
[6] Ist Demokratie im Anthropozän legitim?, Kopuntu, 30.08.2017, im Internet: https://kopuntu.org/2017/08/30/ist-demokratie-im-anthropozan-legitim/
[7] John Bellamy Foster: Der Mensch im Anthropozän, junge Welt 29.05.2018. im Internet: https://www.jungewelt.de/artikel/333200.mensch-im-anthropoz%C3%A4n.html
[8] Change for Future: Die Systemfrage stellen!, im Internet: https://changeforfuture.cf/
[9] Ernest Mandel: Marxistische Wirtschaftstheorie, Band 2, Frankfurt am Main 1979, S. 772.
[10] David Walters: A Socialist defends nuclear Energy, im Internet: https://climateandcapitalism.com/2013/11/14/socialist-defends-nuclear-energy/
[11] Ernest Mandel: Marxistische Wirtschaftstheorie, Band 2, Frankfurt am Main 1979, S. 809.
[12] Sean Sweeney: Another Energy is possible, Heinrich Böll Stiftung Publication Series Ökologie 44.2, 2018, S. 24.
[13] David Walters: A Socialist defends nuclear Energy, im Internet: https://climateandcapitalism.com/2013/11/14/socialist-defends-nuclear-energy/
[14] Fabian Herrmann: Erneuerbare Energiequelle Uran, im Internet: https://nuklearia.de/2012/08/18/erneuerbare-energiequelle-uran/
[15] Fabian Herrmann: Kurz und knapp: 17 Pro-Atom-Argumente, Argument 15, Nuklearia, 21.09.2012, im Internet: https://nuklearia.de/2012/09/21/kurz-und-knapp-17-pro-atom-argumente/
[16] Fabian Herrmann: Über den Wolken, Nuklearia, 20.06.2014, im Internet: https://nuklearia.de/2014/06/20/ueber-den-wolken/
[17] Hans-Peter Schmidt: Wälder in der Wüste pflanzen, Solarify 29.10.2013, im Internet: https://www.solarify.eu/2013/10/29/300-1-zweites-beispiel-fur-gsw/
[18] https://de.wikipedia.org/wiki/In-vitro-Fleisch
[19] Fabian Herrmann: Erneuerbare Energiequelle Uran, Nuklearia, 18.08.2012, im Internet: https://nuklearia.de/2012/08/18/erneuerbare-energiequelle-uran/
[20] Anna-Vero Wendland: Tschernobyl – Fakes und Fakten, Nuklearia, 25.04.2017, im Internet: https://nuklearia.de/2017/04/25/tschernobyl-fakes-und-fakten/
[21] Brian Wang: Update of Death per Terawatt hour by Energy Source, Next Big Future, 03.06.2016, im Internet: https://www.nextbigfuture.com/2016/06/update-of-death-per-terawatt-hour-by.html
[22] George Monbiot: Nuclear scare stories are a gift to the truly lethal coal industry, The Guardian, 16.12.2013, im Internet: https://www.theguardian.com/commentisfree/2013/dec/16/nuclear-scare-stories-coal-industry
[23] Simeon Preuß: Klimakrise? Kernenergie! – Aber Tschernobyl… Teil 5/6, YouTube 24.06.2019, im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=EPM0tfbi4xU
[24] Klaus-Dieter Humpich: LNT-Hypothese: Mediziner gegen gängige Strahlentheorie, Nuklearia, 29.01.2017, im Internet: https://nuklearia.de/2017/01/29/lnt-hypothese-mediziner-gegen-gaengige-strahlentheorie/
[25] Nuklearia: Strahlung – ein Blick auf die Fakten, im Internet: https://nuklearia.de/strahlung/
[26] BfS: Dosisgrenzwerte im Strahlenschutz, im Internet: http://www.bfs.de/DE/themen/ion/strahlenschutz/grenzwerte/grenzwerte.html; Umweltradioaktivität und Strahlenschutz – Jahresbericht 2016, S. 43, im Internet: https://doris.bfs.de/jspui/handle/urn:nbn:de:0221-2018112017017; Karl-Heinz-Szeifert: Die Natürliche Strahlenexposition in Deutschland, 12.03.2019, im Internet: https://www.mta-r.de/blog/natuerliche-strahlenexposition-in-deutschland/; Bundesverband
Geothermie: Natürliche Radioaktivität, im Internet:
https://www.geothermie.de/bibliothek/lexikon-der-geothermie/r/radioaktivitaet-natuerliche.html
[27] Walter Krämer: Kein Zusammenhang zwischen Kernenergie und Krebs, Die Welt, 14.06.2010, im Internet: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article8042924/Kein-Zusammenhang-zwischen-Kernenergie-und-Krebs.html
[28] Sarah Knapton: Childhood leukaemia probably caused by mystery virus raising hopes for a vaccination, The Telegraph, 30.09.2016, im Internet: https://www.telegraph.co.uk/science/2016/09/30/childhood-leukaemia-probably-caused-by-mystery-virus-raising-hop/; Robin
McKie: “For 30 years I’ve been obsessed by why children get
leukaemia. Now we have an answer”, The Guardian, 30.12.2018, im
Internet:
https://www.theguardian.com/science/2018/dec/30/children-leukaemia-mel-greaves-microbes-protection-against-disease
[29] Georg Sperber / Stephan Thierfelder: Urwälder Deutschlands, München 2008. Der Reinhardswald ist in diesem Übersichtswerk aufgeführt (S. 94ff), der Hambacher Forst jedoch nicht.
[30] Video von Simeon Preuß: Klimakrise? Kernenergie! – Experten und verstopfte Stromnetze Teil 2/6, 24.06.2019, im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=KHhrk8Gc5bc
[31] Fabian Hermann: Kurz und knapp: 17 Pro-Atom-Argumente, Nuklearia, 21.09.2012, im Internet: https://nuklearia.de/2012/09/21/kurz-und-knapp-17-pro-atom-argumente/
[32] Norbert Aust: Klar zur Wende – Datenmaterial, Skeptiker, 27.07.2019, S, 7, im Internet: https://tinyurl.com/Begleitmaterial-Skeptiker-3-19
Liebe
Genossen der KO, mit Interesse verfolgte ich die Diskussionen um die
Massenarbeit. Mit ebenso großem Interesse verfolge ich auch eure
Diskussionen zur Klimapolitik, nicht zuletzt, weil es mit meinem
Arbeitsgebiet gewisse Parallelen gibt. Bisher sind bei euch zwei
Diskussionspapiere erschienen: „Wir werden nicht in Panik geraten
Thesen zu Klima, Apokalypse und Sozialismusvorstellungen“ von
Philipp Kissel, Klara Bina und David Mayer (in Folge Kissel et al.
genannt) und „Kapitalismus, ökologische Zerstörung und
kommunistische Strategie“ von Thanasis Spanidis, Jakob Schulze,
Ernesto Camillo und Hans-Christoph Stoodt (in Folge Spanidis et al.
genannt). Ich möchte zu dieser Diskussion meinen Beitrag leisten.
Zu
allererst: Der Klimawandel ist real, CO2 aus anthropogenen Ursachen
ist die Hauptursache des aktuellen Klimawandels. Spanidis et al.
haben dies in ihrem Text anhand wissenschaftlicher Literatur gut
begründet. Der Artikel von Spanidis et al. konnte auch die
Hintergründe der sogenannten „Skeptiker-Szene“ nachweisen, dass
diese direkt von der Industrie bezahlte Pseudowissenschaftler und
PR-Manager sind, die mit Wissenschaft und Forschung nichts gemeinsam
haben. Man könnte zum Klimawandel und zur „Skeptiker-Szene“
sicherlich mehr hinzufügen und in einigen Texten hatte ich auf
meiner eigenen Homepage (www.Internet-Evoluzzer.de)
einige Artikel zu diesem Thema selbst verfasst. Doch bei mir soll es
nicht um eine Konkretisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse gehen.
Das würde den Artikel unnötig lang machen und vieles aus Spanidis
et al. wiederholen. Seiten wie www.klimafakten.de
und https://skepticalscience.com/
sind die hierzu besten Seiten, sich mit weiteren Fragen des Klimas
auseinanderzusetzen. Daher werde ich (erstmal) nicht viel zur
Klimawissenschaft beitragen wollen – es sei denn zukünftige
Diskussionen erfordern dies. Mein Hauptaugenmerk soll sich auf den
Text von Genossen Kissel et al. richten, der meines Erachtens nach
einige Unzulänglichkeiten hat (die sich aber wohl im Verlauf der
Diskussion lösen lassen). Ich beginne hier mit einigen
Definitionsfragen.
Zu
den Begrifflichkeiten „Experten“, „Natur“ und „Gleichgewicht“
Kissel
et al. schreiben, dass sie keine Experten auf diesem Gebiet sind und
es nicht möglich sei Experte auf diesem Gebiet zu werden, daher
sprechen sie nicht über das naturwissenschaftliche Phänomen der
globalen Erwärmung, sondern konzentrieren sich auf die politische
Dimension. Darin unterscheiden sie sich vom Artikel von Spanidis et
al., welcher recht umfassend das derzeitige Thema der globalen
Erwärmung aufgreift. Natürlich können wir nicht in allen Belangen
„Experten“ sein. Experten definieren sich dadurch, dass sie sich
in einem Thema besonders gut, teilweise bis ins letzte Detail,
auskennen. Dennoch halte ich es für wichtig und notwendig, dass man
sich bei der Frage „Klimawandel“ mit der wissenschaftlichen
Problematik und den Tatsachen auseinandersetzt; keineswegs bis ins
letzte Detail, wohl aber sollte ein guter Überblick erfolgen, die
wissenschaftlichen Debatten und Arbeiten bekannt sein. Denn um eine
richtige Einschätzung der politischen Lage zu haben, bedarf es der
vorherigen Analyse. Wer zur Klimapolitik was sagen möchte, sollte
die Klimawissenschaft zumindest soweit kennen, sich ein Bild machen
zu können – dazu zählen auch die Pseudoargumente der
„Skeptiker-Szene“ (die ich lieber „Wissenschaftsleugner“
nenne, da sie oft in einem Boot mit anderen Wissenschaftsleugnern wie
Esoterikern, Kreationisten und Impfgegnern stecken und offen
antikommunistische, „markt-liberale“ Positionen verkünden).
Diesen Punkt haben Spanidis et al. ebenfalls verdeutlicht, was ich
nochmals bekräftigen möchte. Engels setzte sich in „Dialektik der
Natur“ und „Anti-Dühring“ und Lenin in „Materialismus und
Empiriokritizismus“ mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen
auseinander, um wichtige philosophische und politische Fragen zu
erarbeiten. Grundsätzlich ist die Analyse einer jeglichen Thematik
Voraussetzung dafür, die politische Praxis zu verstehen. Natürlich
darf man es aber auch hier nicht übertreiben: Sich nur auf die
Klimathematik zu konzentrieren, sich nur mit den
naturwissenschaftlichen Fakten auseinanderzusetzen und seine Zeit
komplett in diese Analyse zu stecken ist kontraproduktiv, da man sich
so von der politischen Arbeit abkapselt.
Kissel
et al. geben in Bezug des Begriffes „Natur“ folgende
Definitionen:
„Die
Natur ist nichts statisches, auch gibt es keinen Idealzustand. Die
Natur befindet sich in einem stetigen Wandel, Veränderung ist der
Normalzustand. Es gibt genau so wenig einen gleichbleibenden
Kreislauf oder ein Gleichgewicht. (…) Es gibt nichts für die Natur
Gutes oder Schlechtes. Natur ist blindes Wirken, also keine bewusste
Entwicklung. Gesetzmäßigkeiten wirken in der Natur ohne dass es
darüber ein Urteil gibt. Natürliche Entwicklung beinhaltet eine
unaufhaltsame Formveränderung der Materie – es wird viel zerstört.
Weitet man den Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Natur, finden
man gewaltige Umwälzungen. Bis hierhin wollen wir nur sagen: es gibt
nicht die eine Natur und das, was wir als Natur bezeichnen ist nichts
als Wandel.“
Kissel
et al. definieren die Natur durch ihren stetigen Wandel und dass
diese blind wirkt, also keine Urteile über „gut“ oder „schlecht“
fällt. Während in der Natur ein stetiger Wandel wirkt, und diese
Kräfte blind wirken, ist durchaus richtig, es wird jedoch keine
vollständige Definition der Natur geliefert. Natur alleine durch
ihren Wandel und ihre „Blindheit“ zu definieren wird diesem
Begriff nicht gerecht; beschreibt ihn unzureichend. Ich möchte daher
aus dem „Kleinen Wörterbuch der marxistisch-leninistischen
Philosophie“ zitieren (S. 200), das den Begriff „Natur“ wie
folgt definiert:
„Natur:
im weitesten Sinne die Gesamtheit aller materiellen Gegenstände,
Strukturen und Prozesse in der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer
Erscheinungsformen. In dieser Bedeutung ist der Begriff der ‚Natur‘
identisch mit den Begriffen ‚Universum‘, ‚Weltall‘, ‚Materie‘
und ‚objektive Realität‘. Die Natur existiert ewig und unendlich
in einem ständigen Entwicklungsprozess, in dem immer neue Formen
entstehen und andere vergehen“.
Nachdem
das Wörterbuch die Unterschiede zwischen unbelebter und belebter
Natur erklärt, schreiben sie in Bezug zur Gesellschaft (die als
höchste Form der belebten Natur verstanden wird):
„Die
Gesellschaft geht aus der Entwicklung der Natur hervor und bleibt
Teil des Naturzusammenhangs. Aber ihre Entstehung bedeutet den
wichtigsten qualitativen Sprung in der Entwicklung der Natur, denn
die Gesellschaft gewinnt die Fähigkeit, sich der übrigen Natur
entgegenzustellen, sie durch die Arbeit zielstrebig zu verändern und
schließlich in wachsendem Maße zu beherrschen. Allerdings kann der
Mensch die Natur nicht beherrschen wie der Eroberer fremdes Land,
sondern nur dadurch, dass er ihre objektiven Gesetzmäßigkeiten
erkennt und richtig anwendet.“
In
diesem Zusammenhang – der Erkennung und der Nutzung der Natur im
Sinne des Menschen – versteht man unter Natur auch „die
natürlichen Existenzbedingungen der menschlichen Gesellschaft, dass
natürliche Milieu und die gesamte der Gesellschaft gegenüberstehende
natürliche Welt.“
Hier
wird eines deutlich: Natur definiert sich nicht nur über ihre
Veränderung und ihre Blindheit. Zum einen ist die menschliche
Gesellschaft Teil der Natur (im Sinne der sich bewegenden Materie),
zum anderen unterscheiden wir unsere Gesellschaft von dem Rest der
belebten und unbelebten Natur bzw. Materie. Zum einen besteht eine
Einheit zwischen diesen Existenzformen der Materie, die Natur als
Existenzbedingung der Erde und unserer Gesellschaft. Denn die
menschliche Gesellschaft ist ohne die Naturgesetze nicht lebensfähig
bzw. hätte sich ohne den evolutionären Wandel der Natur überhaupt
nicht bilden können. Zum anderen unterscheiden sich gewisse
Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Gesellschaft, die nur in ihr
wirken, von den Gesetzmäßigkeiten in den anderen Existenzformen der
Materie. Salopp ausgedrückt: Der Widerspruch zwischen
Eigentumsverhältnissen und den Produktivkräften ist etwas
spezifisch in der menschlichen Gesellschaft Wirkendes, während
physikalische, chemische oder gar biologische Gesetzmäßigkeiten
keinen oder einen sehr geringen Einfluss auf die Geschichte der
Gesellschaftsformationen einnehmen (die Schwerkraft kann nicht
erklären wie sich die Urgesellschaft in eine Klassengesellschaft
verwandeln konnte).
Auch
wird der Begriff des „Gleichgewichts“ im Artikel von Kissel et
al. unvollständig aufgefasst. Natürlich gibt es kein „ewiges“
Gleichgewicht in der Natur. Die 4,5 Mrd. Jahre Erdgeschichte beweist,
dass sich das Klima, die Kontinente und die Tierwelt änderten.
Jedoch heißt das nicht automatisch, dass ein ökologisches oder
sonstiges Gleichgewicht bloß eine Vorstellung des Menschen ist.
Relativ gesehen, also über bestimmte Zeitperioden, sind
Gleichgewichte in der Natur durchaus vorhanden. So besteht im
Stoffwechsel der Natur das chemische Gleichgewicht zwischen
Photosynthese und Atmung. Generell ist die Chemie voller
Gleichgewichtsreaktionen zwischen Entstehen und Vergehen chemischer
Verbindungen. Auch unser Körper hat ein gewisses Gleichgewicht, z.
B. dass Zellen absterben und durch neue ersetzt werden. Natürlich
ist solch ein Gleichgewicht nicht unveränderlich, sondern in seiner
Form dynamisch. In einem Heft zur Evolution lesen wir:
„Im
Kreislauf von Materie und Energie wird ständig organische Substanz
aufgebaut und Sauerstoff freigesetzt, und ständig wird organische
Substanz abgebaut und damit Sauerstoff verbraucht. Aufbau und Abbau
stehen in einem dynamischen Gleichgewicht. Das Gegenteil, nämlich
ein statisches, d. h. endgültiges Gleichgewicht wäre nur dann
erreicht, wenn Aufbau und Abbau beendet würden. Dann nämlich würden
alle möglichen chemischen Reaktionen stattfinden, bis kein Stoff
mehr mit einem anderen reagieren könnte, zum Schluss würden alle
Stoffe im stabilen Gleichgewicht zueinander stehen.“
(Morphisto Querschnitte Heft 7: Die Evolution der Tiere; August 2007,
S. 16)
Das
heißt konkret: Leben ermöglich ein dynamisches Gleichgewicht von
Abbau und Aufbauprozessen. Das ist etwas, was die
Naturwissenschaften, z. B. die Ökologie, unter Gleichgewicht
versteht. Solche dynamischen Gleichgewichte sind natürlich durch
verschiedene Einflüsse (z. B. Sonnenstrahlung, Bewegung der
Kontinente, Stoffwechselprozesse) beeinflussbar und störbar. Es
kommt zu quantitativen und qualitativen Veränderungen, so dass sich
neue Gleichgewichte einpendeln. Hier spielt aber vor allem die
Dimension Zeit eine tragende Rolle, was in der Frage der globalen
Erwärmung eine wichtige Rolle spielt. Hier sei ein, erdgeschichtlich
zu heute vergleichbares, Szenario vorgestellt:
Vor
etwa 55,8 Mio. Jahren kam es zu einer nach geologischen Maßstäben
sehr kurzen, aber extremen Erwärmungsphase, deren Dauern etwa
200.000 Jahre beträgt. Es kam zu einem starken Anstieg von
Treibhausgasen, jedoch in einem Zeitraum von mehreren tausend Jahren,
sodass sich die durchschnittliche globale Temperatur um 6-8 °C
erhöhte. In der Klimaforschung gilt dies als die bislang schnellste
Erderwärmung. Diese Erwärmungsphase dauerte jedoch mehrere tausend
Jahre an, unsere läuft in wenigen Jahrzehnten ab, sodass sich
Änderungen des Klimas viel schneller vollziehen werden. In diesem
Sinne hat die jetzige globale Erwärmung eine durchaus nicht
unbedeutende Tragweite, weil so sich bestehende „Gleichgewichte“
zu schnell ändern und auf Veränderungen nicht oder nicht so schnell
reagieren können.
Wissenschaft
und Klassengesellschaft
In
Bezug zur Wissenschaft und Klassengesellschaft schreiben Kissel et
al.:
„Die
These, dass Naturwissenschaften eher weniger von der herrschenden
Ideologie berührt werden würden, weil sie es mit härteren Fakten
zu haben, ist fern von der Realität des Wissenschaftsbetriebs. Auch
in den Naturwissenschaften werden idealistische und fragwürdige
Hypothesen aufgestellt, die dann Scharen von Köpfe beschäftigen:
z.B. in der Hirnforschung, die These, dass es keinen freien Willen
gäbe oder Forschungen zu Bevölkerungswachstum, historisch das
Beispiel der Eugenik, der „Rassenlehre“. Naturwissenschaftler
sind nicht qua Beruf frei von der allgemeinen herrschenden Ideologie.
Die Ängste und Bedürfnisse der herrschenden Klassen schlagen sich
auch in ihren Köpfen nieder: Positivismus, Irrationalismus und
Reaktion, Autoritarismus, Untertanengeist und vieles mehr sind bei
Naturwissenschaftlern und anderen Wissenschaftlern gleichermaßen
wirksam. Die Verbindung der Klimaforschung mit der Politik ist
besonders offenkundig. (…) Die Wissenschaft dient der herrschenden
Klasse, (…) Die Wissenschaft im Allgemeinen und die
Naturwissenschaften im Konkreten sind keinesfalls neutral, wie leider
zu oft behauptet wird. Viele Institute sind direkt oder indirekt von
Unternehmen finanziert und das ist kein Geheimnis. Investitionen
werden häufig in profitable Bereiche getätigt und nicht dort, wo es
sich nicht lohnt, weil z.B. viele sich ein Medikament was erforscht
wird nicht werden leisten können.“
Vieles
was die Genossen hier sagen ist durchaus richtig, aber in meinen
Augen unvollständig. Zweifelsohne ist die Wissenschaft nicht
klassenneutral, steht also nicht über der Klassengesellschaft. Aber
hier muss klar unterschieden werden zwischen der wissenschaftlichen
Arbeitsmethode und Praxis auf der einen Seite und der philosophischen
bzw. ideologischen Interpretation und ihrem Nutzen für die
herrschende Klasse.
Das
„kleine Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie“
definiert Wissenschaft wie folgt (S. 305-306):
„höchste
Form der theoretischen Tätigkeit der Menschen und zugleich deren
Resultat in Gestalt des aus dem gesellschaftlichen Erkenntnisprozess
auf der Grundlage der Praxis hervorgehenden Systems von Erkenntnissen
über die Gesetze der Natur, der Gesellschaft und des Denkens (…)
Die Wissenschaft ist sowohl als Form der gesellschaftlichen Tätigkeit
der Menschen, soziale Institution wie auch ein System des Wissens
über die objektive Realität in den materiellen Lebensprozess der
Gesellschaft einbezogen und wird in ihren Existenzbedingungen, ihrer
Entwicklung und ihrer Anwendung durch die Produktivkräfte und
Produktionsverhältnissen der jeweiligen ökonomischen
Gesellschaftsformation bestimmt und geprägt. In diesem Sinne gibt es
eine sozialistische und eine kapitalistische Wissenschaft, die sich
wesentlich voneinander unterscheiden, weil sie als Elemente in
entgegengesetzte Gesellschaftssysteme eingehen. Das
bezieht sich jedoch nicht auf den objektiven Inhalt der Erkenntnisse,
die eine relativ adäquate Widerspiegelung der Eigenschaften,
Strukturen und Gesetzmäßigkeiten bestimmter Objektbereiche sind; in
diesem Sinne gibt es keine sozialistische oder kapitalistische
Physik, Biologie, Chemie usw.“
(Hervorhebung
von mir)
„Wissenschaft“
kann also mindestens drei verschiedene Dinge bedeuten, 1) der
„Wissensinhalt“ verschiedener Disziplinen (wie in Physik,
Chemie, Biologie) über das Universum; 2) die Prozesse, durch die
dieses Verständnis erlangt wird (die „wissenschaftliche Methode“
und umfassendere Fragen der Wissenschaftsphilosophie); und 3) das
Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft, insbesondere die
Organisation, Finanzierung und Kontrolle der Forschung (in den
Laboratorien der Universitäten, von Pharmaunternehmen oder innerhalb
des „militärisch-industriellen Komplexes“) und wie der Zugang
und die Nutzung dieses Wissens kontrolliert ist. Gerade letzterer
Punkt lässt viele Menschen an der Wissenschaft zweifeln.
Heute
ist die tägliche Arbeit der meisten Wissenschaftler Routine. Die
meisten wissenschaftlichen Forschungen werden von kommerziellen
Organisationen oder durch öffentliche Gelder durchgeführt oder
finanziert. Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler sind
Angestellte, die unter der Leitung ihrer Manager (oftmals unter
befristeten Verträgen) an spezifischen Problemen arbeiten, die Teil
eines größeren Ganzen sind, von dem sie häufig nichts wissen –
eine Situation analog zum Taylorismus der Fabrikarbeit (Maximierung
der Effizienz durch Zerlegung von Arbeitsplätzen in einfache
Routineelemente) und Finanzierung entweder durch externe Zuschüsse
oder direkt durch die Unternehmen, für die sie tätig sind. In
diesem Sinne unterscheiden sich die meisten Wissenschaftler nicht von
anderen Vertretern der arbeitenden Bevölkerung. Natürlich
unterscheidet sich die konkrete Arbeit eines Wissenschaftlers von der
eines Bäckers oder Automechaniker, gerade auch in Bezug des Anteils
der geistigen Arbeit. Die Vorstellung jedoch, dass alle
Wissenschaftler jenseits der Arbeiterklasse stehen ist eine veraltete
Vorstellung des Proletariates, welches nur die Fließbandarbeiter
sein können. Oftmals haben wissenschaftliche Fachkräfte, ob sie nun
studiert haben oder eine Ausbildung als technischer Assistent gemacht
haben, das Problem schlecht bezahlter Arbeit (im Verhältnis zur
Komplexität ihrer Ausbildung – man bedenke, dass man mindestens 6
Jahre studiert, ohne für dieses Studium ein Ausbildungsgehalt zu
bekommen, sofern man kein Stipendium oder BAföG erhält), viele
Verträge in den Universitäten laufen nach wenigen Jahren aus,
Doktoranden werden oftmals nicht bezahlt und die Universitäten immer
schlechter finanziert. Auch in der Industrie (z. B. in
Pharmaunternehmen) sieht die Lage oft nicht besser aus. In Bezug zur
Klimawissenschaft heißt es:
Die
meisten Klimawissenschaftler arbeiten in der Universität oder in
öffentlichen Forschungseinrichtungen (z. B. PiK,
Max-Planck-Institut, Senckenberg-Institut etc.), meist für Gehälter
des öffentlichen Dienstes oder vergleichbarerer Tariftabellen –
sicherlich hohe Gehälter verglichen mit der prekären Situation
unausgebildeter Arbeitskräfte, jedoch auch nicht die Millionensummen
der Manager und Aufsichtsräte der Energiekonzerne. Wer
Klimawissenschaft betreibt, der macht es sicherlich nicht, um
Riesenprofite zu erwirtschaften, da geht man besser in die
Privatindustrie. Und genau das machen ja die Propagandisten der
„Skeptikerszene“, z. B. sind Vertreter des EIKE-Instituts
(eigentlich ein Verein, der keine Forschung betreibt), dem deutschen
Ableger der „Klimaskeptiker“, hochrangige Vertreter und
Aufsichtsräte von Energiekonzernen oder Lobbyisten von Großkonzernen
aus der Branche der Ölindustrie. Der Artikel von Spanidis et al. hat
dies auch nachgewiesen, weshalb das hier nicht nochmal aufgeführt
werden soll.
Natürlich
ist auch die Finanzierung von Universitäten und
Forschungseinrichtungen zweifelsohne nicht unproblematisch. Zum einen
versuchen immer mehr Unternehmen die öffentliche Forschung zu
investieren und auch öffentliche Gelder sind die Gelder des
kapitalistischen Staates. Doch sind zum einen solche Spenden in
Anbetracht des Arbeitsaufwandes der Grundlagenforschung ein Tropfen
auf den heißen Stein (in Bezug zu den erwirtschafteten Profiten) und
nicht immer ein unmittelbares Profitinteresse, sondern nicht selten
eine PR-Kampagne, um das „Image“ des Unternehmens aufzubessern,
Steuervergünstigungen oder andere Vorteile zu haben. Universitäten
haben aufgrund mangelnder Finanzen oftmals sogar keine andere Wahl,
als diese Drittmittel zu beziehen. (vgl. Artikel im ntv:
https://www.n-tv.de/politik/Unternehmen-auf-dem-Vormarsch-in-die-Uni-article14533331.html).
Jedoch sind keine Lobbyisten-Gruppen mit der Grundlagenforschung, so
auch in der Klimawissenschaft, bekannt, bei dem zweifelsfrei
nachgewiesen ist, dass Wissenschaftler im Interesse gewisser Konzerne
Daten manipulieren etc. Das wäre auch sehr unwahrscheinlich, da alle
wissenschaftlichen Institute in den verschiedenen Ländern, und alle
Fachzeitschriften, egal, in welchem Land sie erscheinen, die Realität
der globalen Erwärmung nachgewiesen haben. (vgl:
https://skepticalscience.com/global-warming-scientific-consensus-intermediate.htm
Um
die Frage der Finanzierung von Klimawissenschaftlern zu beenden,
möchte ich ein Zitat der Klimawissenschaftlerin Katharine Hayhoe
bringen:
„‘Der
Klimawandel ist ein Schwindel ….Gelddruckmaschine für
Wissenschaftler um an Fördergelder zu kommen…. Klimawandel ist
Sozialhilfe für Wissenschaftler!!‘
Ich
bekomme regelmäßig solche Kommentare. Und wenn ich darauf hinweise,
dass ein Geowissenschaftler mit einem Doktortitel wesentlich mehr
Geld bei einer Ölfirma als an einer Universität verdienen könnte,
treffe ich auf komplettes Unverständnis.
Woran
liegt es, dass die Leute davon überzeugt sind, dass alle
Klimawissenschaftler Millionen an Fördermitteln der Regierung auf
ihren schweizer Bankkonten scheffeln (aber Bosse der Ölfirmen keine
Milliarden in Konten auf den Cayman Inseln scheffeln)?
Zum
Teil mag es daran liegen, dass Zuschüsse immer mit so enormen Summen
verbunden zu sein scheinen. Und es ist wahr, der größte Zuschuss,
den ich je erhalten habe, war der atemberaubende Betrag von 1,1 Mio.
USD. Atemberaubend, das heißt, bis wir es aufschlüsseln.
Ich
habe die Förderung mit 4 Kooperationspartnern aus verschiedenen
Universitäten geschrieben. Also teilten wir das Geld zu gleichen
Teilen auf und gaben jedem von uns etwa 220.000 Dollar. Immer noch
ein netter Betrag.
Der
Zuschuss war für 4 Jahre, was bedeutete, dass ich jedes Jahr 55.500
Dollar ausgeben konnte. Immer noch ganz nett, oder?
Dann
bekommt die Universität 1/3 des Betrags für „Einrichtungen &
Verwaltung“. Dadurch wird kein Luxus finanziert – mein Büro hat
kein Fenster, ich habe alle meine eigenen Möbel und Computer gekauft
– aber wir bekommen dafür Internet, Strom und jede Menge Papierkram.
Dann bleiben mir noch 37.000 Dollar, die ich jedes Jahr ausgeben
kann.
Mit
diesem Geld zahle ich einem Doktoranden das fürstliche Gehalt von
etwa 25.000 Dollar; ich zahle der Universität seine Studiengebühren,
die etwa 10.000 Dollar betragen; und das lässt jedes Jahr 2.000
Dollar übrig. Im ersten Jahr kaufe ich dem Schüler einen Computer;
im zweiten Jahr bezahle ich für die Teilnahme an einer
wissenschaftlichen Konferenz; und im dritten u. vierten Jahr zahle
ich für die Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit, denn
ja, die kostet auch etwa 2.000 Dollar.
Die
Klimawissenschaftler gehen ihrer Arbeit nach und zu behaupten sie
würden für Milliardenprofite irgendeine „Lüge“ herbeizaubern
ist schlicht und einfach Unsinn. Denn wenn das für die
Klimawissenschaften zutreffen sollte, warum dann nicht auch alle
anderen Wissenschaften? Die Evolutionslüge? Alle Ärzte, die impfen
wollen, sind böse Menschen? Die Erde ist vielleicht doch eine
Scheibe, weil alle für die NASA arbeiten?
Ich
möchte hier aber anmerken, dass ich den Genossen des Artikels von
Kissel et al. keineswegs unterstelle, solche Sichtweisen zu haben,
jedoch verführen Aussagen wie „Wissenschaft dient der herrschenden
Klasse“ und die „Verbindung zwischen Politik und
Klimawissenschaften“ zu solchen verschwörungstheoretischen
Aussagen einer „kapitalistischen Klimawissenschaft“.
Natürlich
haben die Genossen Kissel et al. recht, dass Klimawissenschaften und
Politik miteinander verwoben sind und dass Wissenschaftler an sich
nicht klassenneutral sind. Als Beispiele führen sie die
Hirnforschung an, die den freien Willen leugne oder den Rassismus und
die Eugenik. Hier muss aber Folgendes bedacht werden: Wir können
feststellen, dass sobald Wissenschaftler, die von der bürgerlichen
Ideologie beeinflusst sind, über ihre Expertise hinaus zu
gesellschaftlichen und philosophischen Fragen Stellung nehmen, ihre
bürgerliche Ideologie zum Vorschein tritt. Das hat aber im Prinzip
erstmal nichts mit den gesammelten empirischen Daten zu tun.
Man
muss eben unterscheiden zwischen ihrer empirischen Arbeit und ihren
Versuchen, daraus allgemeine Aussagen über die Welt abzuleiten. Denn
die Aussagen der Hirnforscher zur Willensfreiheit stehen teilweise
sogar im Widerspruch zu den gemessenen Daten bzw. werden falsch
interpretiert und durch die bürgerliche Ideologie vernebelt und
missbraucht (vgl. z. B. Suitbert
Cechura: Kognitive Hirnforschung. Mythos einer
naturwissenschaftlichen Theorie menschlichen Verhaltens).
Der Fehler liegt hier oft dabei, dass einzelne Wissenschaftler ihre
wissenschaftliche Expertise überbewerten und ihre Methodiken auf
philosophische, politische und gesellschaftliche Fragen anwenden,
obwohl sie dafür nicht geeignet sind. So lässt sich menschliches
Verhalten und seine Geschichte eben nicht nur auf die Biologie
zurückführen (genauso wie sich die Biologie nicht auf die Chemie
und Physik zurückführen lassen kann).
Fragen
der Willensfreiheit sind nämlich nicht nur Aufgaben der
Hirnforscher, sondern auch anderer Wissenschaftszweige. Das genau
macht sich die bürgerliche Ideologie zu Nutze: Statt sich ein
kritisches Gesamtbild zu bilden, basierend auf einer
materialistischen und dialektischen Methode, werden selektiv einzelne
Daten ausgesucht, diese falsch wiedergegeben, andere aber
verschwiegen oder missinterpretiert. Dasselbe gilt übrigens auch für
den Rassismus, Sexismus, Eugenik und andere Mythen, die sich mit der
„Natur des Menschen“, biologischem Determinismus oder mit
erkenntnistheoretischen Fragen befassen. Also in jenen Gebieten wo
sich die eher materialistische Naturwissenschaft mit der
Gesellschaftswissenschaft überschneidet.
Übrigens
gab es auch solche Tendenzen in der Sowjetunion, dass man jegliche
Wissenschaft und ihre Ergebnisse aus dem Klassenstandpunkt betrachten
muss. Es gab vulgär-materialistische Ideologen, die von einer
„proletarischen Wissenschaft“ sprachen und sie der
„kapitalistischen Wissenschaft“ entgegenstellten. Anders als das
Zitat im marxistisch-leninistischen Wörterbuch meinten sie dabei
nicht die Klasseninteressen einzelner wissenschaftlicher
Erkenntnisse, sondern die Erkenntnisse überhaupt. Diese Bewegung
ähnelt dem „Proletkult“ in Kunst und Kultur alles „Bürgerliche“
(bzw. das was als „bürgerlich“ angesehen wurde) komplett
abzulehnen. Das reicht von der Ablehnung der Erkenntnisse der
modernen Physik (Quantenmechanik) bis hin zu der Auffassung, dass
eine „kommunistische Gesinnung“ ausreiche und technisches Wissen
nicht nötig sei, da bürgerliches Expertenwissen. Die sowjetische
Regierung um Stalin, sowie mit ihm viele Physiker und
Kulturschaffende konnten erfolgreich solche „linksradikalen
Tendenzen“ zurückschlagen. Stalin selbst befasste sich dabei
besonders in seinen Artikeln über die Fragen der
Sprachwissenschaften in der Linguistik mit solchen Tendenzen. In
anderen Bereichen (z. B. in der Genetik – sog. Lysenkoismus) hatte
aber der „Proletkult“ in den Wissenschaften noch weitreichend
Einfluss. Dies soll hier nicht weiter intensiver ausgeführt werden
und wäre allgemein ein interessanter Forschungsansatz im
Klärungsprozess (allgemein: das Verhältnis von Marxismus zur
Wissenschaft).
Die
Rolle des IPCC wird im Artikel von Kissel et al. auch nicht richtig
wiedergegeben. Das mag sein, dass sich im IPCC viele Forscher
beteiligen, die auch politisch aktiv sind. Das hat jedoch erstmal
rein gar nichts mit den Berichten des IPCC zu tun, die die Forschung
tausender Wissenschaftler weltweit zusammenfassen. Spanidis et al.
haben dazu einiges formuliert.
Klima
und Klassenkampf
Worin
liegt also das Klasseninteresse der Klimawissenschaft? Sicherlich
nicht an der Tatsache, dass es eine globale Erwärmung gibt, die die
Folge der kapitalistischen Produktionsweise ist. Der bürgerliche
Klasseninhalt der Klimawissenschaftler zeigt sich vor allem in ihren
Forderungen, das „Problem“ der globalen Erwärmung zu lösen,
wobei bei der Lösung der globalen Umweltprobleme sicherlich kein
97%-Konsens herrscht (dieser Konsens bezieht sich lediglich auf die
Tatsache, dass die aktuelle globale Erwärmung anthropogene
Treibhausgase als Ursache hat). Da die meisten Wissenschaftler kein
Verständnis von der kapitalistischen Produktionsweise haben, des
Klassenkampfes nicht bewusst sind, sollte es nicht verwundern, dass
sie Lösungen vorschlagen, die sich „innerhalb des Systems“
befinden. So kommen Forderungen wie die CO2-Steuer zustande, bei
denen die arbeitenden Menschen die Lasten der kapitalistischen
Produktionsweise zu schultern haben. Genauso kommen Forderungen einer
„Verzichtsideologie“, die die Massen zu tragen haben – über
den verschwenderischen und gesellschaftlich unnötigen Luxus der
Bourgeoisie wird meistens geschwiegen. Entsprechend nutzt die
Bourgeoisie und ihre Parteien, allen voran die Grünen, Bewegungen
und Massenproteste in ihrem Interesse zu lenken und zu fördern.
Kissel et al. zeigen dies durchaus überzeugend in Bezug zur
„Fridays-for-Future“-Bewegung auf, dass genau diese Forderungen
gestellt werden. Der Kapitalismus soll „grün“ erscheinen, die
System- und Eigentumsfrage soll nicht in den Mittelpunkt gerückt
werden. Doch das hat erstmal nichts mit dem Klima und dem Klimawandel
an sich zu tun. Die entscheidende Frage ist, wie Kommunisten sich bei
solchen Bewegungen oder allgemein zur „Klimafrage“ verhalten
sollen. Ich halte es für falsch zu diesem Thema zu schweigen, denn
das würde aktuell bedeuten, dass reaktionäre Kräfte wie die AfD
mit ihrer wissenschaftsfeindlichen Ideologie als angebliche „Stimme
der Vernunft“ und auf Seiten „des kleinen Mannes“ Oberhand bei
sozialen Protesten gewinnen.
Wie
sollten wir uns zu FFF verhalten? Kissel et al. merken an, dass es
hauptsächlich Jugendliche und Schüler sind, die aus
unterschiedlichen Motivationen heraus protestieren und diese sehr
diffus und politisch leicht zu instrumentalisieren sind. Die
politisch führenden Kräfte bei FFF sind jedoch in dieser Hinsicht
politisch durchaus klar und agieren im Interesse des Kapitals. Das
alleine ist jedoch kein Grund solche Proteste grundsätzlich
abzulehnen, da eine jede Bewegung – unabhängig von FFF – in vielen
Aspekten nicht klar ist und diffuse Vorstellungen hat. In vielen
Bewegungen der Arbeiterklasse, so auch bei den Gewerkschaften,
dominieren auch opportunistische und reformistische Kräfte, die die
Massenbewegungen, Streiks und Demonstrationen im Interesse des
Kapitals sabotieren und revolutionäres Potential schwächen. Es ist
ja gerade Aufgabe der Kommunisten dieses Klassenbewusstsein zu
erzeugen und die Bewegungen anzuführen (was natürlich in der
aktuellen Lage sehr schwierig ist). Der Unterschied bei FFF ist aber
natürlich, dass diese Proteste direkt vom Staat gefördert wurden
und werden, somit einen anderen Charakter von Anbeginn an tragen als
z. B. Streiks. Denn die FFF-Bewegung ist im Wesentlichen
kleinbürgerlich: Eine Studie belegt z. B., dass der allergrößte
Teil der Demonstranten aus der oberen und unteren Mittelschicht kommt
(zusammen 90%). Siehe link zur Studie
https://www.boell.de/sites/default/files/fridays_for_future_studie_ipb.pdf
Natürlich
ist das erstmal auch keine Klassenanalyse, denn es bleibt die Frage
offen, was unter „Mittelschicht“ überhaupt zu verstehen ist und
ob es mit dem marxistischen Konzept des Kleinbürgertums identisch
ist. Weiterhin bleibt, neben der Repräsentativität der Umfrage, das
Problem, dass die Befragung nach der zugehörigen Schicht laut Studie
(S. 13) auf einer „subjektiven Schichteinstufung“ basiert. D. h.
die Befragten werden nicht nach ihrer objektiven Stellung zu den
Produktionsmitteln analysiert, sondern danach in welche man sich
selbst einordnen würde. Die bürgerliche Ideologie hat schon lange
dafür gesorgt, dass viele Menschen, die eigentlich dem Proletariat
angehören, aufgrund der Tatsache, dass sie einen „höheren“ Lohn
erhalten oder nicht in einer Fabrik arbeiten oder ein Eigenheim
besitzen, sich zur „Mittelschicht“ gehörig fühlen (zur
Problematik der „Klassen im Kapitalismus“ siehe mein
entsprechendes Kapitel im Buch Zur Geschichte der Sowjetunion – Eine
totalitäre Diktatur der Bürokraten?
https://offen-siv.net/wp-content/uploads/2019/03/Kubi_Zur-Geschichte-der-Sowjetunion-1.pdf
). Unabhängig davon ist aber davon auszugehen, dass das
Kleinbürgertum eine dominierende Rolle bei den FFF-Protesten spielt.
Dass alleine ist jedoch auch kein Grund, sich bei solchen Bewegungen
nicht zu beteiligen, denn das Kleinbürgertum ist erstmal
Bündnispartner des Proletariats, jedoch unter der Voraussetzung,
dass das Proletariat die führende Kraft sein muss. Das ist aktuell
nicht der Fall, was dazu führt, dass wir uns keine Illusionen zur
FFF-Bewegung machen sollten, dort großes Protestpotential zu finden.
D. h. natürlich nicht, dass Kommunisten sich dort nicht beteiligen
sollen, auch dort ihr Gesicht zeigen sollten, richtige Forderungen zu
stellen und alleine Präsenz zu zeigen, dass es auch Kräfte gibt,
die diese reaktionären Forderungen nicht mitmachen. Aber bei der
organisierten Schwäche der Kommunisten und des Proletariates, sollte
man sich mehrmals überlegen, wie viel Kraft man in solche Bewegungen
investieren sollte. Aber unabhängig von der FFF-Bewegung lassen sich
„Klima“ und Klassenkampf miteinander verbinden, steht beides
nicht im Widerspruch, sondern kann sich ergänzen; auch ohne der FFF
nachzulaufen. Das hätte auch zum Vorteil, auch in Bezug zum „Klima“
materialistisch zu argumentieren, ohne das wissenschaftsfeindliche
Kauderwelsch der „Skeptiker“-Szene von AfD bis EIKE- „Institut“
zu übernehmen. Es folgen einige Ideen, die keineswegs auf
Vollständigkeit beruhen, konkretisiert und ausgebaut werden müssen.
Bei
der Klima-Debatte – auch völlig unabhängig von der FFF-Bewegung
(wir können davon ausgehen, dass dieses Thema auch außerhalb
präsent sein wird) – sollte es klare Aufgabe der Kommunisten
sein, gegen die CO2-Steuer und andere Maßnahmen, die auf Kosten der
arbeitenden Bevölkerung abgewälzt werden sollen zu argumentieren
und ggfs. Proteste in diese Richtung zu kanalisieren. Gleichzeitig
muss aufgezeigt werden sollen, dass das Kapital die Kosten zu tragen
hat, denn dies ist der Hauptverursacher. Der Text der Genossen
Spanidis et al. hatte hierzu einige grundlegende Beispiele erwähnt.
Beispielsweise hatte eine Studie des „NABU“ (Naturschutzbund)
gezeigt, dass nur 15 Containerschiffe so viel CO2 produzieren wie
780 Mio. Autos (Quelle:
https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/140623-nabu-hintergrundpapier_containerschifftransporte.pdf
). Wir können davon ausgehen, dass Deutschland als
imperialistisches Zentrum und „Exportweltmeister“ hier
sicherlich seine Hände im Spiel hat, also das Deutsche Kapital
Miteigentümer ist. Freihandelsabkommen und weitere
Profitmaximierung werden dieses Problem sicherlich vergrößern und
ärmere Länder zunehmend in die Abhängigkeit treiben. Gerade die
imperialistischen Mächte und damit die Bourgeoisie sind
hauptverantwortlich für die größte Umweltverschmutzung und nicht
der Konsument und schon gar nicht die Entwicklungsländer.
Imperialismus
geht auch immer mit Krieg einher, zunehmende Rüstung und
Konfrontationen mit Russland und China dienen den Interessen der
deutschen Bourgeoisie. Durch CO2-Steuer lassen sich, wie durch
andere Steuererhöhungen, Kriege und Aufrüstung im Interesse des
Kapitals zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung finanzieren. Dem
Klima wäre damit auch nicht geholfen. Eine konsequente
antiimperialistische Friedenspolitik halte ich für wichtig.
Der
Individualverkehr im Kapitalismus ist eine Katastrophe. Mit dem
veralteten Fortbewegungsmittel Auto kann heute in den Großstädten
kein Massenverkehr mehr aufrechterhalten werden. In den Staus bewegt
sich eben nichts, völlig egal ob mit Diesel oder mit Elektromotor.
Gleichzeitig ist der öffentliche Nah- und Fernverkehr ebenso
desaströs, dass viele auf ihren PKW angewiesen sind. In der
Automobilindustrie erleben wir in Deutschland seinen Niedergang, ob
bei Opel, Daimler, Audi oder den Zulieferern werden tausende
Arbeitsplätze gestrichen. In der Chemieindustrie sieht es so
ähnlich aus, zum einen verpesten sie die Umwelt und gleichzeitig
bauen sie tausende von Stellen ab. Wie können Kommunisten diesen
Widerspruch zwischen Erhalt der Arbeitsplätze auf der einen Seite
und Kampf gegen Umweltverschmutzung auf der anderen lösen? In der
Betriebsarbeit sollte verdeutlicht werden, dass egal welchen Weg die
Bourgeoisie einschlägt, diese niemals die Interessen der
Arbeiterklasse vertreten können. Der Kampf um den Erhalt der
verbliebenen Arbeitsplätze durch Betriebsräte, Streiks und andere
Formen des Arbeitskampfes ist nur der erste Schritt von vielen
Kämpfen. Der entscheidende Aspekt muss die Machtfrage sein, da die
Zeit längst reif ist für die Enteignung der Monopolbetriebe. Dies
wäre die Aufgabe der Kommunisten in den Betrieben. Denn nur durch
die Vergesellschaftung der Produktionsmittel lassen sich nicht nur
Arbeitsplätze sichern, sondern die Wirtschaft im Interesse der
arbeitenden Menschen rational planen, womit ein menschenwürdiges
Leben erst möglich wird; dies käme auch der Umwelt und dem Klima
zugute (z. B. durch Ausbau des öffentlichen Verkehrs). Natürlich
sind wir Kommunisten in der BRD weit davon entfernt so stark in den
Betrieben verankert zu sein, doch auch hier müssen die Kämpfe
geführt werden.
Diese
groben Beispiele, die noch weiterer Konkretisierung bedürfen,
zeigen, dass der „Aspekt“ des Klimas auch in die Klassenkämpfe
mit einbezogen werden kann. Man merkt aber, dass der Klimawandel
hierbei nicht im Vordergrund steht, sondern in die Klassenkämpfe
miteinbezogen wird. Da dieses Thema aktuell „in Mode ist“ und es
wahrscheinlich noch über einige Zeit sein wird, können diese
Argumente gebracht werden; d. h. der Klimawandel ist eine Realität,
die Schuld liegt aber nicht beim Verbraucher, sondern in der
kapitalistischen Produktionsweise und die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel kann als erster Schritt verstanden werden, das
„Problem Klimawandel“ überhaupt sinnvoll zu lösen.
Nun
schreiben aber Kissel et al., dass der Klimawandel auch im Rahmen des
Kapitalismus lösbar sei und der Sozialismus nicht automatisch ein
„Heilsversprechen“ darstelle. Ich halte diese Ansicht in mehreren
Punkten für problematisch:
Sicherlich
vermag es der Kapitalismus auf bestimmte Probleme zu reagieren,
jedoch maximal nur kurzfristig. Die Anarchie der kapitalistischen
Produktion erlaubt es nicht, Probleme, seien sie nun gesellschaftlich
oder ökologisch, langfristig und vor allem rational zu lösen –
siehe CO2-Steuer. Sicherlich führt der Klimawandel als solcher nicht
zum Weltuntergang, verbunden mit der kapitalistischen
Produktionsweise wird er jedoch bestehende Probleme verschärfen.
Natürlich
ist der Sozialismus auch kein „Heilsversprechen“, dennoch liefert
er Möglichkeiten (und lieferte sie auch historisch)
„klimaschonender“ zu Wirtschaften.
Sicherlich
wird ein sozialistischer Staat noch lange Zeit auf fossile
Energieträger angewiesen sein. Gleichzeitig bestehen aber die
Möglichkeiten die Forschung in andere Energieressourcen (neben den
„erneuerbaren Energien“ auch die Kern- und Fusionskraft) zu
fördern. Weiterhin bestehen auch technische Möglichkeiten CO2 und
andere Treibhausgase „einzufangen“ und für andere Bereiche zu
recyceln (z. B. für Gewächshäuser), sodass Treibhausemissionen
sinnvoller eingesetzt werden können.
Natürlich
wird ein sozialistisches Deutschland, vor allem wenn es noch isoliert
ist, stark auf Rüstungsindustrie setzen müssen, um die Revolution
zu verteidigen. Gleichzeitig wird es aber keine Angriffskriege aus
Profitinteresse führen. Ein Großteil der Umweltzerstörung ist auf
solche Raubkriege zurückzuführen. Ein anderer Aspekt ist die
rücksichtslose ökonomische Ausbeutung anderer Länder.
Der
Sozialismus setzt auf öffentliche Verkehrsmittel statt auf
Privatautos, ein Ausbau dieser wird die Emissionen ebenfalls
reduzieren.
Die
sozialistische Ökonomie vermeidet eine Ressourcenverschwendung,
wodurch viele Produkte länger halten und nicht weggeworfen werden.
Die sozialistische Landwirtschaft wird umgestaltet, sodass
Lebensmittel hauptsächlich vor Ort produziert werden und keine
unnötig weiten Transportwege haben; Lebensmittel werden auch nicht
aufgrund von Überproduktionskrisen vernichtet. Die
Wunschvorstellungen der Öko-Bewegung regional einzukaufen und
möglichst auf Müll wie Plastikverpackungen zu verzichten war im
Sozialismus gelebte Praxis.
Die
Liste ließe sich noch fortsetzen und sicherlich wäre hierzu ein
historischer Beitrag interessant, der aufzeigt wie solche Probleme in
der DDR, der Sowjetunion oder in anderen sozialistischen Ländern
behandelt und gelöst wurden.
Nein
der Sozialismus ist kein „Heilsversprechen“, er ist aber die
einzige Alternative diese „Klimaprobleme“ potentiell zu lösen –
selbst bei allen vorhandenen Schwierigkeiten. Denn der Klimawandel
ist für den Sozialismus kein Weltuntergang oder unlösbares Problem,
sondern eine prinzipiell machbare Herausforderung.
Heute vor genau 90
Jahren, am 25. Oktober 1929 krachte es gewaltig an der Wallstreet in
New York. Dieser Tag, auch als „Schwarzen Freitag“ in die
Geschichte eingegangen, markierte den Beginn einer Wirtschafts- und
Finanzkrise, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte.
Die Folgen dieser
Wirtschaftskrise sind uns bis heute im Gedächtnis: Eine massive
Verelendung weiter Teile der Arbeiterklasse weltweit, ein Aufflammen
der Reaktion und der faschistischen Bewegungen überall in Europa und
den USA und letztlich der einzige Ausweg aus der Krise für die
Herrschenden aller kapitalistischer Länder: Der 2. Weltkrieg
markiert für die Menschheit das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte,
für die Kapitalisten war er jedoch der Heilsbringer, der Anschub,
der die kapitalistische Maschinerie auf Kosten von Millionen Opfern
wieder zum Laufen brachte.
Alles Gerede davon, dass die Weltwirtschaftskrise überraschend kam, soll die Wahrheit nur verschleiern: Regelmäßige Wirtschaftskrisen, also Überproduktionskrisen, sind notwendiger Bestandteil des Kapitalismus. Auch solch schwere Krisen wie 1929 sind keineswegs Vergangenheit. Das hat spätestens die Weltwirtschaftskrise von 2008 gezeigt. Aufgrund der Widersprüche der kapitalistischen Produktion kann es keinen stabilen Kapitalismus geben. Im Rahmen des Klärungsprozesses werden wir uns mit den vielfältigen Erscheinungsformen der kapitalistischen Krise befassen – insbesondere auch, um die Krise von 2008 tiefer zu durchdringen und die aktuellen ökonomischen Entwicklungen und das Anbahnen einer neuen Krise besser einschätzen zu können.
Bereits Karl Marx
erkannte die Regelmäßigkeit der Krisen im Kapitalismus. Ganz in
seinem Sinne und gestützt auf die jeweils aktuellsten
Wirtschaftsdaten beschäftigten sich die Ökonomen der
Kommunistischen Internationale seit ihrer Gründung 1919 mit der
Entwicklung der Weltwirtschaft. Sie erkannten schon frühzeitig, dass
eine neue Krise im Anmarsch ist und benannten diese Erkenntnis in
ihren Publikationen. Doch nicht nur über die bevorstehende Krise
konnten sie etwas aussagen – auch ihre Konsequenzen sagten sie mit
erstaunlicher Genauigkeit voraus. Nicht jedes Detail ist so
eingetroffen, wie es insbesondere Eugen Varga, Chefökonom der
Kommunistischen Internationale in seinen ökonomischen
Vierteljahresberichten vorausgesagt hat. Aber die allgemeinen
Entwicklungen wurden von ihm treffend benannt. Die Krise verschärfte
die Widersprüche im Kapitalismus – unter den Monopolen und den
imperialistischen Mächten ebenso, wie zwischen Ausbeutern und
Ausgebeuteten. Diese Verschärfung führte zu Krieg, sowohl zwischen
den imperialistischen Mächten wie mit dem Angriff des deutschen
Imperialismus auf Polen 1939 geschehen.
Sie brachte aber auch Krieg gegen die Arbeiterklasse und das Herz der Revolution, die Sowjetunion hervor: Der Angriff der Faschisten auf die Sowjetunion 1941. Denn die Sowjetunion war der Bourgeoisie weltweit ein Dorn im Auge. Ein riesiger Teil der Welt war aus dem kapitalistischen System herausgebrochen, wurde von der Weltwirtschaftskrise 1929 nicht erfasst und zeigen eine nie dagewesene Geschwindigkeit bei der Entfaltung der Produktivkräfte, beim Aufbau der Industrie. Eugen Varga schätzte ein, dass es in der Folge der Krise und der Schwierigkeiten für die Herrschenden, einen Ausweg aus ihr zu finden, auch eine Periode der Revolutionen geben würde. Zweifelsohne bestand eine solche revolutionäre Situation, in der „die Oben nicht mehr können und die Unten nicht mehr wollen“, in verschiedenen Ländern am Ende des Krieges. Welche Maßnahmen die Kommunisten dieser Länder in der gegebenen Situation ergriffen, kann hier nicht Gegenstand der Diskussion sein – damit beschäftigt sich auch unser Klärungsprozess, einsehbar auf unserem BolscheWiki.
Wir dokumentieren an dieser Stelle einen Abschnitt aus Eugen Vargas „Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im 4. Vierteljahr 1929“, veröffentlicht Anfang 1930 in der Internationalen Pressekorrespondenz, der Wochenzeitung der Kommunistischen Internationale. Der Text soll helfen, ein Verständnis der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu entwickeln. Hier als pdf:
Nach den „Schicksalswahlen“ von Sachsen und Brandenburg –
bei denen sich letztlich doch nicht so viel getan hat – stellt sich
nun in Thüringen die Frage: „Sozialismus oder Barbarei“.
Zumindest scheint es so, wenn man die aktuelle Berichterstattung
betrachtet. Auf der einen Seite steht die von Bodo Ramelow geführte
Rot-Rot-Grüne Landesregierung aus der Partei Die Linke, SPD und
Grünen. Auf der anderen Seite die von Björn Höcke geführte AfD.
Dazwischen scheint nicht viel Platz zu sein. Ein Zustand, den in den
letzten Monaten auch die Thüringer CDU schmerzhaft zu spüren
bekommen hat. Sind doch die Zeiten, in denen sie in Thüringen allein
regieren konnte, schon lang vorbei. Tatsächlich muss die CDU nun
darum kämpfen in der Wählergunst nicht hinter Die Linke und die AfD
auf Platz drei zu rutschen. Und die FDP? Die kämpft um die 5 % Hürde
und könnte dabei tatsächlich zum Stolperstein für Rot-Rot-Grün
werden. Doch was ist dran am Gerede vom drohenden Sozialismus,
Faschismus, der Spaltung der Gesellschaft?
Rot-Rot-Grüner Sozialismus?
Tatsächlich haben nach der Wahl 2014 viele Menschen große
Hoffnungen in die neue Landesregierung gesetzt. Immerhin wurde mit
Bodo Ramelow zum ersten Mal ein „linker“ zum Ministerpräsidenten
(MP) gewählt – der zudem auch noch eine Vergangenheit als
Gewerkschafter hat. Auch im Wahlkampf 2019 setzt Die Linke deshalb
voll auf ihren „linken MP“. Auf Plakaten ist nicht einmal der
Parteiname abgedruckt – lediglich Ramelow schaut in die Ferne und
zu lesen sind Sprüche wie: „Willkommen in Thüringen“ oder
„Wohin die Reise geht“. Ramelow stilisiert sich als Staatsmann
und Die Linke als die Partei des kleinen Mannes. Politische Inhalte
finden kaum einen Platz in diesem Wahlkampf – auch aufgrund der
hohen Zustimmungswerte für „Ihren“ MP stellt Die Linke Ramelow
in den Mittelpunkt und scheint damit Erfolg zu haben, wie die
aktuellen Umfragewerte zeigen.
Ein Blick in die Geschichte Ramelows verrät allerdings, dass
seine Politik nicht gerade die eines Vertreters der Interessen der
Arbeiterklasse war und ist. So wirkte der 1990 aus Hessen nach
Thüringen gekommene Gewerkschaftssekretär, als Landesvorsitzender
der HBV (heute: ver.di) aktiv mit an der Abwicklung des Kaliwerkes
Bischofferode durch die Treuhand. Fast 1.000 Kumpel verloren ihren
Arbeitsplatz. Von diesem Schlag hat sich die Region bis heute nicht
erholt.
In jüngerer Vergangenheit ist Ramelow vor allem dadurch
aufgefallen, dass er bspw. die „Wertegemeinschaft NATO“ betont
und eine „Veränderung in der Außen- und Verteidigungspolitischen
Haltung“ der Partei Die Linke fordert. Er gehört somit maßgeblich
zu den Kräften, die Die Linke auf Zustimmungskurs für „mehr
Verantwortung in der Welt“ – kurz: Kriegseinsätze – bringen
wollen.
Doch wie sieht es realpolitisch in den letzten 5 Jahren in
Thüringen aus?
2014 hatten Teile der CDU noch gemeinsam mit der AfD, NPD, freien
Kameradschaften und anderen gegen Rot-Rot-Grün demonstriert. Sie
einte der Antikommunismus und die Angst vor einer DDR 2.0. Diese
Angst konnte Die Linke den mit Fackeln am 09. November
aufmarschierenden „Verteidigern der Demokratie“ aber nehmen. Denn
in Sachen DDR bezog Die Linke in Thüringen klar Stellung. Grüne und
SPD hatten es für eine Koalition zur Bedingung gemacht, dass sich
Die Linke dazu bekennt, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei.
Dies fiel der Partei offenbar nicht schwer – sie ging sogar noch
weiter und schrieb sich die „Aufarbeitung des DDR-Unrechts“ ganz
oben auf die Fahnen. Sie entledigte sich so ihres Erbes als
Nachfolgeorganisation der SED und des ersten sozialistischen Staates
auf deutschem Boden endgültig.
Auch in vielen anderen Bereichen zeigte die „linke“
Landesregierungen ihr wahres Gesicht. Hier ein paar Beispiele: Trotz
2015 verhängten Abschiebestopps wurden in den letzten 5 Jahren
nahezu jeden Monat Geflüchtete abgeschoben – „Willkommen in
Thüringen“. Das Landesamt für Verfassungsschutz wurde nicht wie
im Wahlkampf 2014 angekündigt abgeschafft, sondern bekam in erster
Linie einen neuen Namen und neues Personal. In den Thüringer Schulen
ist Unterrichtsausfall nach wie vor an der Tagesordnung. Es wurden
zwar neue Lehrer eingestellt, damit jedoch lediglich Ersatz für in
Ruhestand gehende Lehrer geschaffen. Ansonsten blieb eigentlich alles
beim alten: Schuldenbremse, Bekenntnisse zur Sozialpartnerschaft und
einem verantwortungsvollen Unternehmertum, Repression gegen
Antifaschisten – all das kennen wir in Thüringen auch schon von
der CDU.
Von einer linken Regierung hätte man dies nicht erwartet – und
das ist auch korrekt. Denn die Rot-Rot-Grüne Landesregierung ist
keine linke oder gar sozialistische Regierung. Die Linke tut also gut
daran einen Wahlkampf zu führen, in dem die Inhalte in den
Hintergrund rücken. Leider regt sich gegen diese Politik aber auch
kaum Widerstand von links. Aufgrund der engen persönlichen und
politischen Verflechtungen zwischen Regierungsparteien,
Gewerkschaften und anderen sozialen Akteuren ist von ihnen kein
Widerstand gegen die Rot-Rot-Grüne Politik zu erwarten. Das führt
neben den kurzfristigen Folgen einer reaktionären Politik auch
langfristig dazu, dass viele Menschen zu Recht ihr Vertrauen in alles
was sich „links“ nennt verlieren.
Eine Alternative für Deutschland?
Das Ergebnis dieser Politik ist, dass die Zustimmungswerte für
die AfD und Björn Höcke weiter steigen. Denn die AfD greift die
Unzufriedenheit der Menschen auf. Sie stellt sich als Partei dar, die
das System der „Blockparteien“ durchbrechen will und bezeichnet
sich selbst als „Vollender der Wende“. Damit zeigt sie zugleich,
wessen Geistes Kind sie ist. Die AfD ist tatsächlich nämlich keine
Partei, die gegen das System kämpft, sondern sie ist in diesem
System fest verankert. Sie behauptet zwar die „soziale Frage“
wieder neu stellen zu wollen. Letztlich bietet sie uns aber nur den
Geflüchteten oder Migranten als Sündenbock. Die Politik der
Herrschenden in diesem Land, die Politik des Kapitals, hingegen
greift sie nicht an. Stattdessen ist auch sie klar antikommunistisch
und volksfeindlich.
Die Thüringer AfD stellt dabei den reaktionärsten Flügel der
AfD dar. Höcke behauptet, die „neue soziale Frage“ verlaufe
nicht zwischen Oben und Unten, sondern zwischen Innen und Außen. Er
könnte falscher nicht liegen. Ähnlich wie schon in der Ideologie
der NSDAP wird hier erneut das Bild der Volksgemeinschaft gebraucht,
um die tatsächlichen Widersprüche in unserer Gesellschaft zu
verschleiern. Während Konzerne weiterhin Rekordprofite einstreichen,
sinken die Reallöhne, die Armut nimmt zu und der ökonomische Druck
steigt in allen Lebensbereichen. Statt diese Ungerechtigkeiten
anzugehen, wollen Höcke und Co. den Druck auf Erwerbslose und
Migranten noch erhöhen. Die AfD behauptet, die Ausländer und
Flüchtlinge würden uns die Arbeitsplätze wegnehmen und die
Sozialkassen plündern. Dies ist und bleibt eine Propagandalüge, um
die Schwächsten der Gesellschaft gegeneinander auszuspielen und die
eigentliche Ursache für Arbeitslosigkeit, Lohndruck und Ohnmacht im
Nebel zu verhüllen: Nicht die Flüchtlinge sind das Problem, sondern
die Kapitalisten, die auf der Jagd nach dem Profit die Belegschaften
spalten. Wir sollen uns untereinander bekriegen, während sie
ungestört enormen Reichtum einfahren. Diese Verschleierung dient de
facto einer Politik im Sinne des Kapitals. Es wird nicht über die
Ursachen von Krisen, Kriegen und Ungleichheit geredet. Stattdessen
werden Sündenböcke konstruiert und die realen Kämpfe zwischen
Kapital und Arbeit in Kulturkämpfe umgelogen.
Widerstand gegen Rechts?
Alle anderen im Landtag vertretenen Parteien reagieren auf das
Erstarken der AfD mit Mobilisationen zu Demonstrationen wie
„unteilbar!“ oder Aufrufen „demokratisch zu wählen“. Dafür
mobilisieren sie weite Teile des Kultur- und Wissenschaftsbetriebes.
An jeder Ecke ist zu lesen, dass eine Stimme für „eine
demokratische Partei“ eine Stimme für die Demokratie und gegen die
AfD sei. Sie setzen der AfD vor allem einen moralischen Antirassismus
entgegen. Das Grundübel – das kapitalistische System – tasten
sie selbstverständlich nicht an.
Wir haben aber weder von der AfD noch von den anderen bürgerlichen
Parteien etwas zu erwarten. Keine der großen Parteien vertritt
unsere Interessen. Die AfD ist aus den bürgerlichen Parteien, wie
der CDU hervorgegangen, die jahrelang rechte Politik gemacht haben
und Nazis Freiraum gegeben haben. Sollte sie stärkste Partei werden
ist ein weiterer Rechtsruck zu befürchten, der negative Folgen für
die Arbeiterklasse hat, wie den Abbau demokratischer Rechte. Zum
Kampf gegen Nazis und Faschisten streben wir den Zusammenschluss der
Kollegen im Betrieb, der Nachbarn im Wohnviertel und der Mitschüler
und Studenten an, um sich gemeinsam zu wehren.
Aber was denn sonst?
Für unsere Lage ist die kapitalistische Produktionsweise
verantwortlich, welche auf der Ausbeutung der Arbeiterklasse durch
die Kapitalisten beruht und die Bedingungen hervorbringt, unter denen
wir leiden: Armut, Kriege, Arbeitslosigkeit uvm. Durch die Politik
aller bürgerlichen Parteien und den Staat, den sie lenken, wird jene
gestützt und geschützt. Das Interesse des bürgerlichen Staates
besteht letztendlich darin, optimale Bedingungen für die
kapitalistische Produktionsweise zu schaffen. Die Spaltung der
Arbeiterklasse ist dabei eine nützliche Methode, um uns Ausgebeutete
daran zu hindern, uns zu organisieren und gemeinsam gegen die
Ursachen unserer Misere zu kämpfen: Die einen machen Migranten
verantwortlich für unsere Lage und lenken uns von den eigentlichen
Kämpfen ab, die anderen grenzen sich moralistisch von ihren
Klassenbrüdern und –schwestern ab. Diese Spaltung gilt es zu
überwinden, sodass wir Schulter an Schulter für die Überwindung
des kapitalistischen Systems kämpfen.
Keine Illusionen in das Parlament, trotzdem wählen gehen!
Der Parlamentarismus ist nur eine Form der Herrschaft des
Kapitals. In der Republik kann ungeheure Anhäufung von Reichtum bei
wenigen und die Ausbeutung von vielen am besten verkleidet werden.
Wahlen sind dennoch wichtig, denn sie sind ein Gradmesser des
Bewusstseins der Bevölkerung und der politischen Stimmung insgesamt.
Wahlenthaltung oder Boykott nutzt den Herrschenden, die mit ihrem
Parteien-Spiel ungestört weiter machen können. Kommunisten nutzen
das Parlament als Tribüne, um die volksfeindliche Politik zu
entlarven und anzuprangern.
Wir dürfen uns von der scheinbaren Demokratie des
Parlamentarismus nicht täuschen lassen. Trotzdem sollten wir uns
auch nicht einfach davon abwenden. Schließlich richtet sich zur Zeit
der Wahl die ganze Aufmerksamkeit auf die politische Entwicklung des
Landes. Es ist wichtig zu erkennen, dass gerade in dieser Zeit eine
Partei, die wirklich die Interessen der Mehrheit vertritt, die
volksfeindliche Politik der andere Parteien anprangern kann. Die Wahl
ist eine wichtige Gelegenheit den Parlamentarismus als Instrument zur
Durchsetzung der Herrschaft des Kapitals zu entlarven.
Wir rufen dazu auf, die KPD zu wählen, um diese Einsicht in die
herrschenden Verhältnisse zum Ausdruck zu bringen. Die
Arbeiterklasse muss sich für ihre Interessen eigenständig
organisieren, unabhängig von bürgerlichen Institutionen und
Parteien. Um ihr Ziel, den Sturz des Kapitalismus, zu erreichen,
braucht die Arbeiterklasse neben der Kommunistischen Partei überall
solidarische und aktive Strukturen, mit denen sie handeln kann und
nach der Revolution den Sozialismus aufbauen kann. Die Kommunisten
sagten zur Wahl 1932: “Wir sagen nicht: Wählt Thälmann, dann habt
ihr Brot und Freiheit. Wir sagen, um Brot und Freiheit müsst ihr
kämpfen.”
Im Moment gibt es keine starke kommunistische Kraft in
Deutschland. Um zu dieser zu gelangen, ist ein Klärungs- und
Aufbauprozess notwendig. Wir haben damit begonnen, diesen zu
organisieren. Dazu haben wir Programmatische
Thesen formuliert, eine Plattform mit dem Namen „BolscheWiki“
für den Klärungsprozess aufgebaut und Thesen
zur Arbeit in den Massen beschlossen. Alle Dokumente sind auf
dieser Homepage zu finden.
Wir arbeiten mit der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD,
Liste 10) zusammen und haben sie bei der Sammlung der Unterschriften
zur Landtagswahl unterstützt. Uns verbindet ein klarer Bezug auf die
DDR als größte Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung, die
wir gegen alle Angriffe verteidigen, sowie das Ringen gegen
Aufweichungen des Marxismus-Leninismus und das Streben nach Klärung
auf wissenschaftlicher Grundlage. Die KPD ist eine kleine Partei und
sie wird nicht in den Landtag kommen, dennoch rufen wir zur Wahl der
KPD auf. Denn es ist eine gute Möglichkeit, Protest gegen die
arbeiter- und volksfeindliche Politik aller Parteien und zugleich
gegen die Hetzer und Spalter von rechts auszudrücken. Die Stimme für
die KPD ist deshalb nicht verloren, weil sie den Herrschenden zeigt,
dass es Menschen gibt, die verstanden haben, dass wirklicher Protest
und Widerstand gegen sie kommunistisch sein muss.