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Die
Macht erobern
Zur
Novemberrevolution und ihren Lehren für die Arbeiterklasse
Der
100. Jahrestag der Novemberrevolution steht bevor und die Deutung
dieses historischen Ereignisses spiegelt die aktuellen Verhältnisse
wider. Der SPIEGEL geht überraschend positiv auf den revolutionären
Elan der Massen ein und kritisiert die Rolle der SPD-Führung
deutlich. Aber dann folgt im Vergleich mit den anderen
„Revolutionen“, dass die Deutschen eben zu zahm waren, wenn es um
Freiheit gegen die Obrigkeit ging: „Wenn die Deutschen einem
starken Mann, der sein Stabilitätsversprechen mit einer nationalen
Agenda verband, folgen konnten, dann taten sie das entschlossen. Dann
waren sie nicht zahm oder zaghaft, sondern zu allem bereit. Das ist
die Lehre aus den vier Revolutionen in 85 Jahren, zwei echten und
zwei von oben. Zum Fürchten eigentlich.“ (SPIEGEL 42/2018)
Die
einzige gelungene Revolution sei die von 1989 gewesen, die habe
nämlich wirklich einen Obrigkeitsstaat weggefegt. Und die halbe
Revolution von 1968 war auch erfolgreich, denn sie „trug eine Menge
dazu bei, aus der Bundesrepublik eine zutiefst liberale Gesellschaft
zu machen.“ Nun sind wir vereint „in einer sehr liberalen
Bundesrepublik. Angela Merkels Flüchtlingspolitik ist auch ein
Ausdruck fortgeschrittener Liberalität.“ Die bange Frage wird
gestellt: „Wir könnten also in vorrevolutionären Zeiten leben und
würden es nicht ahnen.“ Mit Verweis auf das Erstarken der AfD
kommt der Autor zu dem Schluss: „Die deutsche
Revolutionsspezialität ist ja eine andere: Sie kommt von oben, von
denen, die die Macht schon haben und dann radikal für nationale
autoritäre Politik einsetzen. Die finden leicht Gefolgschaft.
Deshalb darf es dahin nie kommen.“ Die beste Revolution und der
größte Revolutionär seien die amerikanische mit George Washington
an der Spitze gewesen, der frühzeitig im Interesse der Republik
abgetreten ist.
Und
auch die wohlgesonnenen Veröffentlichungen zur Novemberrevolution
ordnen sie fast nahtlos in die „Demokratie“ ein. Wolfgang Niess’
Buch deutet schon im Untertitel darauf hin: „Der wahre Beginn
unserer Demokratie“ und Joachim Käppner nennt sein Buch „Aufstand
für die Freiheit“. Die SPD wird auch hier durchaus kritisiert, sie
habe das „Demokratisierungspotential“ nicht erkannt und genutzt,
sie habe völlig unbegründet das Bündnis mit der Obersten
Heeresleitung geschmiedet, denn die Spartakisten seien sowieso eine
verschwindende Minderheit gewesen, Karl Liebknechts Ausrufung der
sozialistischen Republik sei höchstens ein „Schlossgespenst“
(Käppner) gewesen. Für Niess geht die Geschichte halbwegs gut aus,
es hätte ja noch schlimmer kommen können, als zur Weimarer
Republik.
Mehr
Lob für Ebert und die Sozialdemokraten kommt dagegen von dem
Historiker Robert Gerwarth, der Ebert das Kunststück attestiert,
revolutionäre Energien kanalisiert und Deutschland in eine
parlamentarische Ordnung geführt zu haben. Das Bündnis mit der
Obersten Heeresleitung sei eine „pragmatische Übereinkunft“
gewesen. Der FAZ-Autor Alexander Gallus, der selbst Beiträge zur
Novemberrevolution verfasst hat, lobt Gerwarth: „Zugleich
sensibilisiert diese Studie dafür, Revolution
in modernen Gesellschaften nicht vorrangig
über bewaffnete Aufstände und Barrikadenkämpfe zu definieren.
Eigentlich revolutionär
erscheint vielmehr die Einführung und
Durchsetzung neuer politischer
Prinzipien, erweiterter Partizipations- und Bürgerrechte.“
Der
Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) feierte 100 Jahre
Sozialpartnerschaft gemeinsam mit dem Bund Deutscher Arbeitgeber und
lobt das Stinnes-Legien-Abkommen, dem Pakt zwischen Konzernherren und
Gewerkschaftsführung, der ein wichtiger Bestandteil der „Beruhigung“
der Revolution sein sollte. Unter dem Motto „100 Jahre
Sozialpartnerschaft – erfolgreich in die Zukunft“ wird eine
Kontinuität hergestellt, die unglücklicherweise nur von 1933 bis
1945 unterbrochen gewesen zu sein scheint. Beim Festakt freute sich
der Bundespräsident, dass damals die Weichen in Richtung „Wohlstand,
Demokratie und Soziale Marktwirtschaft“ gestellt worden seien. Es
werden wohl ähnliche Staatsreden zu hören sein in den nächsten
Wochen. Botschaft und Wunsch der herrschenden Klasse ist: Es hätte
eigentlich schon immer so sein sollen wie heute und so soll es für
immer bleiben. Aber es war weder so, noch wird es so bleiben.
Die
Novemberrevolution wird zurecht gebogen als ein etwas unglücklicher
Vorläufer der heute so guten Verhältnisse. Völlig verschwiegen
wird, dass diese „Demokratie“ der bürgerlichen Klasse „aus
einem blutigen Bürgerkrieg, aus Terror und Mord gegen die Vorhut der
Arbeiterklasse hervorging. Das waren die Grundlagen der ‚Legalität‘,
mit der die imperialistische deutsche Bourgeoisie ihre
Ausbeuterordnung retten und erhalten konnte.“ (Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung, Band 3, S. 195) Die Botschaft der
bürgerlichen Klasse heute ist, innerhalb des Kapitalismus um etwas
mehr Demokratie oder soziale Reformen zu kämpfen, sei eine gute
Sache. Das worum es 1918 eigentlich ging und worum es in Zukunft
gehen wird, verschweigt sie verständlicherweise lieber: Den Kampf um
die Macht zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie. Ihre Macht
war erschüttert durch die ökonomische Krise, durch die militärische
Niederlage und durch die völlige Diskreditierung ihrer Herrschaft
nach vier Jahren Weltkrieg und Militärdiktatur. Die revolutionäre
Kraft der Arbeiterklasse war vorerst nicht zu bremsen, weder durch
Reformen von oben noch durch entsandte Truppen. Es war eine ernste,
ja lebensbedrohliche Lage für die deutsche Bourgeoisie eingetreten.
Die
historische Epoche hat sich seitdem nicht verändert: Wir befinden
uns in der Epoche der sozialistischen Revolution, alle materiellen
Bedingungen sind für die sozialistische Revolution herangereift. Das
Privateigentum an Produktionsmitteln ist längst zu einer Fessel der
Produktivkräfte, die Bourgeoisie längst zu einer überflüssigen
Klasse geworden. Die Arbeiterklasse dagegen mächtig, in Massen an
den Produktionsmitteln konzentriert. Die Zukunft gehört dem
Proletariat, dem Träger der Produktivkräfte in einer
sozialistischen Gesellschaft, die plant und produziert für die
Bedürfnisse der Gesellschaft.
Der
Kampf um die Neuaufteilung verschärft sich
Auf
den ersten Blick scheint die heutige Lage nicht der damaligen Not der
Bourgeoisie zu ähneln. Tatsächlich ist eine revolutionäre
Situation weit entfernt. Aber dass die Machtfrage schneller auf die
Tagesordnung kommen kann als zu vermuten, ist der herrschenden Klasse
durchaus bewußt. Sie ist sich der Brüchigkeit ihrer Ordnung bewußt.
Fest steht, dass die nächste ökonomische Krise kommen wird. Alle
Ökonomen sind davon überzeugt und gehen zudem davon aus, dass sie
heftiger ausfallen wird als die von 2008. Wann sie durch welches
Ereignis ausgelöst wird, kann keiner vorher sagen, auch nicht welche
Volkswirtschaft am meisten getroffen werden wird.
Während
der langen Phase der Stagnation seit der Krise von 2008 und des seit
drei Jahren einsetzenden Aufschwungs hat sich der Konkurrenzkampf der
imperialistischen Mächte verschärft. Die Handelskriege zwischen den
USA und China, sowie den USA und der EU zeigen die härtere
Auseinandersetzung um Absatzmärkte und Einflußsphären. Der Kampf
um die Neuaufteilung der Welt ist in eine neue Stufe getreten, die
sich vor allem im aggressiven Vorgehen der NATO-Staaten 2013 in
Syrien und 2014 in der Ukraine zeigte. Die massive Aufrüstung und
größer dimensionierten Manöver der NATO sind Teil einer
Kriegsplanung, die die Konfrontation mit Russland im Zentrum haben.
Letzteres ist zwar weiter in der Defensive, aber weniger bereit, der
Bedrohung nichts entgegen zu setzen. Ein Krieg zwischen den
imperialistischen Hauptmächten ist näher gerückt. Wann und in
welcher Konstellation er erfolgen wird, kann keiner wissen, sondern
wird sich durch die weitere Entwicklung verschiedenen ökonomischen
Bedingungen und Bündniskonstellationen zeigen.
Die
Stimmung, dass mit der „liberalen“ Ordnung als die bestmögliche
aller Ordnungen das Ende der Geschichte erreicht sei und die
zunehmende Untergangsstimmung sind beide Ausdruck der
Perspektivlosigkeit der bürgerlichen Herrschaft. Ihre Ordnung ist
eine Ordnung des Chaos, der Armut, der Kriege, des Hungers und der
Stagnation und des Rückschritts. Die Verschlechterungen der Arbeits-
und Lebensbedingungen ist für die Arbeiterklasse überall zu merken.
Arbeitshetze und Druck nehmen kontinuierlich zu, die Löhne
stagnieren für große Teile der Klasse. Die industrielle
Reservearmee ist mit ca. 3,5 Millionen in Deutschland trotz
Aufschwung groß. Es ist wie Karl Marx im Kapital analysiert hat: „Je
größer der gesellschaftliche Reichtum,
das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums,
also auch die absolute Größe des Proletariats und die
Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle
Reservearmee. (…) Das Gesetz endlich, welches die relative
Übervölkerung
oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der
Akkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an
das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos
an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital
entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum
auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend,
Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer
Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr
eignes Produkt als Kapital produziert.“ (MEW 23, S. 673/675)
Die
Bedingungen der bürgerlichen Herrschaft verschlechtern sich, die
verschwindende Minderheit der Kapitalisten muss Wege der Legitimation
ihrer Macht finden. Die sozialdemokratischen Parteien SPD und
Linkspartei sind Stützen der Bourgeoisie, aber sie sind von Schwäche
und schwindender Verankerung geprägt. Sie dienen aber immer noch als
Vollstrecker von Krieg und Sozialabbau, garniert mit dem Versprechen
eines besseren Kapitalismus. Der Versuch der Kapitalistenklasse,
durch Parteien wie der AfD den Eindruck von Veränderung und Bewegung
zu erzeugen, soll von den tatsächlichen Problemen und deren Ursachen
ablenken und Teile der Bevölkerung integrieren. Gleichzeitig dient
sie der Sammlung und Umgruppierung faschistischer Kräfte. Die
Vorbereitung der herrschenden Klasse auf die Krise zu beobachten,
durch Verschärfung der Gesetze und durch den Erhalt und Aufbau aller
Optionen der bürgerlichen Herrschaft inklusive des direkten, offenen
Terrors.
Die
Herausforderungen für die Arbeiterklasse
Einhundert
Jahre nach der Novemberrevolution und ein Jahr mehr nach der
Oktoberrevolution steht die Arbeiterklasse vor großen Problemen
angesichts dieser Lage. Die historische grundlegende Ausgangslage hat
sich nicht verändert: Der Imperialismus ist der Vorabend der
sozialistischen Revolution, sie ist der nächste zu gehende Schritt,
die Aufgabe der Arbeiterklasse. Die objektiven Bedingungen für die
Revolution werden unvermeidlich eintreten, sie ergeben sich aus der
gesetzmäßigen Entwicklung der Produktionsverhältnisse. Krise und
Krieg sind unvermeidbar, ebenso wie das Eintreten der revolutionären
Situation, wenn die Unterdrückten nicht mehr so wollen, wie sie
sollen und die Herrschenden nicht mehr so können, wie sie müssen.
Die
Auswirkungen der Niederlage von 1989, der siegreichen
Konterrevolution, prägen bis heute die Lage der revolutionären
Arbeiterbewegung. Die kommunistische Bewegung hat die Aufgabe,
zentrale Fragen zu klären, darunter die der Strategie, der Ursachen
der Niederlage und die der Partei. Der Opportunismus nimmt immer neue
Formen an und wird durch zentristische Positionen, die die
Auseinandersetzung scheuen oder verhindern, befördert. Er kann aber
nur durch eine konsequente Anwendung des dialektischen Materialismus
zurückgedrängt werden.
Die
entscheidende Lehre der Novemberrevolution ist, dass der subjektive
Faktor, die Arbeiterklasse, den Herausforderungen gewachsen sein
muss, um die historische Aufgabe der Arbeiterklasse zu lösen. Dies
wird nicht aus spontanen Erhebungen selbst heraus geschehen.
Notwendig ist eine allseitig verankerte, auf dem Boden des
wissenschaftlichen Sozialismus kämpfende Partei, die die zentralen
Fragen der Revolution richtig beantworten kann: Die der Staatsmacht
und die der Gesetzmäßigkeiten des Sozialismus. Sie muss in
organisatorischer Kleinarbeit möglichst große Teile der Klasse
organisieren, damit Erfahrungen gesammelt werden können, damit die
Klasse zu Bewußtsein über sich selbst und ihre Aufgabe kommt. Wird
das nicht gelingen, ist ein erneutes Scheitern wahrscheinlich.
Imperialismusanalyse
Im
Laufe des ersten Weltkriegs und in der Revolution in Russland und
Deutschland spielte die Analyse des Imperialismus eine zentrale
Rolle. Während Kautsky und andere vertraten, dass eine Politik des
Friedens und des sozialen Fortschritts auch im Imperialismus möglich
sei, erklärte Lenin: „Es kommt so heraus, als ob die Monopole in
der Wirtschaft vereinbar wären mit einem nicht monopolistischen,
nicht gewalttätigen, nicht annexionistischen Vorgehen in der
Politik. Als ob die territoriale Aufteilung der Welt, die gerade in
der Epoche des Finanzkapitals beendet wurde und die die Grundlage für
die Eigenart der jetzigen Formen des Wettkampfs zwischen den
kapitalistischen Großstaaten bildet, vereinbar wäre mit einer nicht
imperialistischen Politik. Das Resultat ist eine Vertuschung eine
Abstumpfung der fundamentalsten Widersprüche des jüngsten Stadiums
des Kapitalismus statt einer Enthüllung ihrer Tiefe, das Resultat
ist bürgerlicher Reformismus statt Marxismus.“ (Lenin, Werke, Band
22, Dietz-Verlag, Berlin, 1971, S. 274)
Die
Auseinandersetzung um die Imperialismusanalyse hatte seit dem Beginn
des 20. Jahrhunderts eingesetzt, ihre Bedeutung für die Revolution
zeigte sich 1918. Große Teile der deutschen Arbeiterklasse wollten
den Sozialismus und sympathisierten mit der Oktoberrevolution. Sie
hielten es aber für möglich und den richtigen Weg, durch eine
parlamentarische Republik zum Sozialismus zu kommen, ohne Entmachtung
der Bourgeoisie, ohne Zerschlagung des Staates. Die lange Entwicklung
des Revisionismus und Opportunismus hatte das Bewußtsein der
Arbeiter bereits abgeschwächt. Der deutsche Imperialismus hatte
zudem eine Arbeiteraristokratie geschaffen: „Das deutsche
Monopolkapital verstand es, aus seinen Überprofiten eine kleine
Oberschicht der Arbeiteraristokratie – Meister, Vorarbeitern,
Kontrolleure, usw. – zu korrumpieren, um sich diese dienstbar zu
machen. Gleichzeitig wurden machen sozialdemokratischen Führern und
Gewerkschaftsführern solche materiellen Bedingungen geschaffen, die
es der Bourgeoisie erleichterten, sie ideologisch zu beeinflussen und
mit ihrer Hilfe die Theorie der friedlichen Zusammenarbeit von
Kapital und Arbeit in die Arbeiterklasse zu tragen. Die deutsche
Sozialdemokratie hoffte auf den friedlichen Übergang zum Sozialismus
mit den Methoden der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie.“
(Ulbricht, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 1, S.
13)
Die
Bolschewiki hatten dagegen bereits seit der Jahrhundertwende an der
Schaffung einer revolutionären Partei gearbeitet und gaben nach 1914
die Losung der „Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den
Bürgerkrieg“ aus, „das heißt, das revolutionäre Proletariat
hatte die Pflicht, im imperialistischen Krieg alles zu tun, um die
Niederlage der eigenen Bourgeoisie herbei zu führen, sie dadurch zu
schwächen und die Gewehre gegen sie zu kehren, ihre Macht zu
stürzen, den Krieg zu beenden und einen gerechten Frieden zu
erreichen.“ (ebd., S. 14)
Die
Imperialismusanalyse ist auch heute in der kommunistischen Bewegung
und darüber hinaus umstritten. Es existieren zahlreiche
Vorstellungen, eine Weltordnung, in der Kooperation und vernünftige
Beziehungen der Staaten dauerhaft gelten könnten, wäre im
Imperialismus möglich und könnte durch eine „multipolare“
Weltordnung erreicht werden. Annahmen eines „kollektiven
Imperialismus“, der aus Bündnissen und ökonomischen
Verstrickungen hervorgehe, nehmen zwar je nach Entwicklung der
Verhältnisse unterschiedliche Formen an, haben aber immer die
Konsequenz, dass entweder eine Abschwächung der Widersprüche
stattfinde oder ein Pol entstehe, der für nicht-imperialistische
Politik stehe. Es ist die Wiederholung der Kautsky-Thesen. Lenin
entgegnete der Vorstellung eines Friedens im Imperialismus: „Statt
des lebendigen Zusammenhangs zwischen den Perioden des
imperialistischen Friedens und den Perioden imperialistischer Kriege
präsentiert Kautsky den Arbeitern eine tote Abstraktion, um sie mit
ihren toten Führern auszusöhnen.“ (Lenin, Werke, Band 22, S. 301)
Die
Gefahr, die damals damit verbunden war, gilt heute genau so. Die
Vorstellung, die Arbeiterklasse könne im Rahmen der
imperialistischen Ordnung eine Politik des Friedens erreichen,
entwaffnet sie in der entscheidenden Situation. Der Kampf gegen
Militarismus und Krieg ist lebensnotwendiger Bestandteil des Kampfs
der Arbeiterklasse, darf aber nicht verbunden werden mit
illusorischen Vorstellungen.
Die
Frage der Staatsmacht
Die
zweite wichtige Lehre der Novemberrevolution betrifft die Frage der
Staatsmacht und der Revolution. Weil durch den lange wirkenden
Opportunismus die Masse der Arbeiterklasse die Frage unklar oder
falsch beantwortete oder nicht verstand, folgte sie den Versprechen
von Ebert, Scheidemann und Kautsky und verlor. Heute ist die Frage
der Staatsmacht eine zentrale Auseinandersetzung in der
kommunistischen Bewegung. Die strategische Vorstellung eines
„Übergangs“- oder „Zwischenstadium“ in Form einer
„antimonopolistischen“ oder „entwickelten“ oder
„fortschrittlichen“ Demokratie ist Ausdruck reformistischer
Staatsauffassungen. Sie geht davon aus, dass es vor der
sozialistischen Revolution, vor dem Sturz der Bourgeoisie eine Form
der Herrschaft beider Klassen geben könnte, die progressiv ist und
die sozialistische Revolution ermöglichen könnte. Aus dieser in
allen möglichen Facetten formulierten Strategie ergibt sich die
Bereitschaft zur Unterstützung der Sozialdemokratie und zur
Regierungsbeteiligung, wie aktuell in Portugal und Tschechien. Wie
bereits die Pariser Kommune von 1871 und die russische Revolution von
1905 und 1917 bestätigte auch die Novemberrevolution, dass die
Arbeiterklasse den bürgerlichen Staat nicht übernehmen kann,
sondern ihn zerschlagen und ihre eigene Herrschaft errichten muss.
In
den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen den revolutionären
und den opportunistischen Teilen der Arbeiterbewegung rückte vor
allem im ersten Weltkrieg die Frage der Staatsmacht und der
Revolution. Die Oktoberrevolution stürzte die provisorische
Regierung und errichtete die Macht der Räte. Der II. Sowjetkongress
beschloss: „Gestützt auf den Willen der gewaltigen Mehrheit der
Arbeiter, Soldaten und Bauern, gestützt auf den in Petrograd
vollzogenen siegreichen Aufstand der Arbeiter und der Garnison, nimmt
der Kongress die Macht in seine Hände…Der Kongress beschließt:
Die ganze Macht geht allerorts an die Sowjets der Arbeiter-,
Soldaten- und Bauerndeputierten über, die eine wirkliche
revolutionäre Ordnung zu gewährleisten haben.“ (GddAB, Band 3, S.
11) Vorausgegangen war vor allem eine unermüdliche
Organisierungsarbeit und eine gründliche Auseinandersetzung mit
opportunistischen Vorstellungen. In den Schriften „Staat und
Revolution“ (1917) und später in der Schrift „Die proletarische
Revolution und der Renegat Kautsky“ (Oktober-November 1918) griff
Lenin die Ausführungen von Marx und Engels zur Staatsfrage auf und
entwickelte sie weiter. „Der Verlauf der Revolution bestätigte die
genialen Feststellungen Karl Marx’ und Friedrich Engels’ ebenso
wie die Erfahrungen der Pariser Kommune, dass die siegreiche
Arbeiterklasse den alten Staatsapparat nicht übernehmen kann,
sondern ihn zertrümmern und ihren eigenen Staat, die Diktatur des
Proletariats aufbauen muss. Überall in Russland wurde die
Staatsmaschine des Ausbeuterstaats zerschlagen. Die bolschewistische
Partei und Lenin persönlich leisteten eine riesige Arbeit zur
Errichtung des Sowjetstaates.“ (ebd., S. 13)
Die
Führer der SPD waren bereits in den Staatsapparat eingebunden, die
im April 1917 gegründete USPD hatte an ihrer Spitze Vertreter der
„reinen Demokratie“, die sie der „Diktatur“ entgegen stellten
und sich damit gegen die Diktatur des Proletariats wendeten, bei
aller revolutionären Rhetorik, die sie dabei anwendeten. Otto
Grotewohl schrieb 1948 zum 30. Jahrestag der Novemberrevolution:
„Heute wie damals wird von führenden Vertretern der
Sozialdemokratie die Bedeutung der formalen Demokratie überschätzt
und dabei übersehen, dass solange die Klassenverhältnisse nicht
geändert, die Machtverhältnisse in Staat und Gesellschaft nicht
gründlich umgestaltet sind, die Demokratie nur eine Tarnkappe für
die alten reaktionären Mächte ist, die beiseite geworfen wird,
sobald Monopolkapitalisten und Junker die Zeit dafür reif halten.“
(Otto Grotewohl: Dreißig Jahre später, Dietz-Verlag, Berlin, 1953,
S. 10)
Viele
Arbeiter glaubten, dass der Sozialismus auch auf friedlichem Weg
durch die bürgerliche Republik möglich ist. Viele hatten trotz des
Verrats von 1914 noch nicht voll verstanden, dass ihre eigene
Parteiführung zu ihrem Feind geworden war. Das Vorbeben der
Novemberrevolution, der Massenstreik vom Januar 1918 zeigte bereits
wesentliche Elemente der späteren Entwicklung. Er zeigte sowohl die
großen Potenzen der Arbeiterklasse: Über eine Million Arbeiter
traten in den Streik, trotz Militär, trotz Schüssen und Toten. Die
Bildung eines Streikausschusses war die Schaffung des entsprechenden
Kampforgans der Klasse. Aber durch die mangelnde politische Reifung
plädierten die revolutionären Obleute, die den Streik maßgeblich
mitorganisierten für die Aufnahme Eberts und Scheidemanns in den
Streikausschuss. Diese nutzten alle Mittel, um den Streik abzuwürgen.
Statt sie zu isolieren, wurden sie an die Spitze gesetzt. Der Streik
wurde beendet und der Krieg ging weiter.
Nach
dem Matrosenaufstand von Kiel und dem Ausbreiten der Revolution über
ganz Deutschland hatten sich überall Arbeiter- und Soldatenräte
gebildet, die an vielen Orten die Macht in die Hände nahmen. Damit
kam zum Ausdruck, dass eine überwältigende Mehrheit des deutschen
Volkes die alten Macht- und Rechtsverhältnisse nicht mehr anerkannte
und eigene Organe bildete. Aber die Mehrheit in den Räten stellten
reformistische und opportunistische Vertreter. Die SPD konnte dank
der besseren Organisation und routinierter und geschulter Redner
überall die Mehrheit erringen. Die Masse der Proletarier stand im
Banne der bürgerlichen Ideologie und konnte dem nichts entgegen
setzen. Das Ergebnis war: „So waren in den aus der Revolution
geborenen Organen nicht die Vorkämpfer der Revolution, sondern die
Feinde der Revolution, die Freunde der Reform in der Überzahl. Trotz
dieser bunt gewürfelten Zusammensetzung der Räte wäre es, wenn
eine Partei vorhanden gewesen wäre, die durch Stärkung der
revolutionären proletarischen Elemente über die Kraft verfügt
hätte, möglich gewesen, ihre Macht zu festigen und richtig zu
gebrauchen.“ (Grotewohl, S. 73) So aber schafften sich die Räte
selbst ab, legten ihre Macht in die Hände des bürgerlichen Staats,
nur in wenigen Ausnahmen verweigerten sie sich dem.
Beim
ersten Wendepunkt der Revolution zeigte sich wieder die Bedeutung der
Organisation in der Revolution. Die SPD-Führung um Otto Wels nutzte
alle Kontakte, Verbindungen und Strukturen der SPD in die Betriebe
und zu den Soldaten, um sie auf die erste Versammlung der Berliner
Arbeiter- und Soldatenräte einzuschwören. Mit Demagogie und dem Ruf
nach „Einheit“ setzte sie sich durch, Liebknecht und der
Spartakusbund wurden isoliert. Dieser hatte zwar das richtige
Programm und die richtige Erkenntnis der Staatsfrage. „Für die
Verwirklichung dieser Forderungen kam es aber darauf an, nicht nur
ausreichende agitatorische, sondern in erster Linie organisatorische
Kraft aufzubringen. Der Spartakusbund hatte bisher durch
leidenschaftlich betriebene Agitation und Propaganda nur begeisterte
Zuhörer und Leser, Demonstranten und Streikende in den Massen
mobilisiert. Er kannte die meisten seiner Anhänger aber nicht im
einzelnen, wußte nichts über ihre besonderen Vorzüge und
Fähigkeiten, Fehler und Schwächen. Die hätten nur erkannt und
entwickelt werden können in langer und beharrlicher, hingebender
Organisationsarbeit. Gerade die hatte der Spartakusbund jedoch
unterschätzt und vernachlässigt. Die großen Aufgaben riefen aber
jetzt nach Menschen, die in den Räten auf den verschiedensten
Gebieten an ihrer Durchführung arbeiten sollten. (…) Für den
Spartakusbund war es schwer, ja unmöglich, jetzt in der stürmisch
erregten Zeit das nachzuholen, was er in Jahren versäumt hatte.“
(Grotewohl, S. 75) Die Versammlung erkannte die provisorische
Regierung aus SPD, USPD und Bürgerlichen an.
Die
Revolutionäre in Deutschland entwickelten sich in einer sehr
komplizierten Situation: „Die marxistischen deutschen Linken
traten, getreu dem proletarischen Internationalismus und ihrer
nationalen Aufgabe in Deutschland, der Schlammflut antisowjetischer
Lügen und Verleumdungen entgegen. Sie verteidigten die Große
Sozialistische Oktoberrevolution, begannen sich mit deren Grundfragen
auseinanderzusetzen, wandten die Lehren der Revolution auf den
Klassenkampf in Deutschland an und vollzogen in diesem Prozeß eine
Wendung zum Leninismus. Das war jedoch bei der lockeren Verbindung
der Spartakusgruppe und der anderen Linken keine einheitliche und
gleichmäßige Entwicklung. Ihre Anhänger kämpften illegal und
wurden von der Reaktion verfolgt und gehetzt. Ein Teil ihrer
hervorragenden Führer war eingekerkert. Unter diesen Bedingungen,
im ständigen Kampf gegen die bürgerliche und opportunistische
Ideologie, verlief der Klärungsprozeß differenziert und
widerspruchsvoll.“ (Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band
3, S. 48)
Bis
zum Reichsrätekongress unternahm die Sozialdemokratie alles, um die
Revolution zu lähmen. Die provisorische Regierung untersagte den
Räten jede Einmischung in die Tätigkeit der Gerichte und anderen
Teile des Staates, die Rechte der Offiziere wurden wieder eingesetzt.
Und vor allem wurde die Arbeiterklasse entwaffnet und die Freikorps
bewaffnet. Der Spartakusbund rief zwar dazu auf, die Waffen nicht
abzugeben und stattdessen Einwohnerwehren und Freikorps zu entwaffnen
und konnte in nicht wenigen Orten damit auch das sofortige
Losschlagen der Konterrevolution verhindern, aber nicht reichsweit
die Arbeiter darüber aufklären, welcher Gefahr sie sich aussetzten.
Die USPD stellte mit Karl Kautsky den Vorsitzenden der
Sozialisierungskommission, in der Industrielle mitarbeiteten, die
viel schrieb und niemanden enteignete. Sie hatte das Ziel,
„beruhigend“ zu wirken. „Die Massen wollten den Sozialismus.
Sie wollten die alten Herren der Industrie und des Großgrundbesitzes
enteignen. Diesen Stimmungen der Massen Rechnung tragend entfaltete
die Regierung eine breite Propaganda für die ‚Sozialisierung‘.
(…) Die Mehrheit der Arbeiterklasse ließ sich betören. Sie
verstand noch nicht, dass die Voraussetzung für den Sozialismus der
Sturz der Macht der Kapitalisten und Großgrundbesitzer war.“
(Walter Ulbricht: Der Zusammenbruch Deutschlands im ersten Weltkrieg
und die Novemberrevolution, in Ulbricht: Zur Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung, S. 31)
Der
im Dezember tagende Reichsrätekongress stimmte für die Einberufung
einer Nationalversammlung und damit für die bürgerliche Republik.
Die Herrschaft des deutschen Imperialismus war gerettet, was den
meisten Arbeitern und Delegierten nicht klar gewesen sein dürfte.
Aber vor dem Kongress demonstrierten hunderttausende Arbeiter für
die Macht der Räte und der Kongress beschloss auch die
Vergesellschaftung der Produktionsmittel, wozu es natürlich nicht
kam, aber dennoch die sozialistischen Bestrebungen der Arbeiter zum
Ausdruck brachte. Die revolutionären Arbeiter waren zwar der Sache
nach bereits geschlagen, aber sie waren keineswegs bereit, alles von
ihnen erkämpfte preis zu geben. Es war eine militärische
Konterrevolution notwendig, die mit aller Brutalität durchgeführt
wurde. Die Kräfte, die von der Arbeiterklasse nicht entwaffnet und
entmachtet wurden, der Staatsapparat der nicht zerschlagen wurde,
setzte zum Gegenschlag an. Massaker an der Zivilbevölkerung, Einsatz
von Luftwaffe, Minenwerfern und ein Schießbefehl, der es erlaubte
auf jeden zu schießen und der Mord an Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg – all dies setzte die herrschende Klasse ein, um jeglicher
revolutionärer Regung den Garaus zu machen. Es kam dennoch bis 1923
zu bewaffneten revolutionären Kämpfen und zur Herausbildung einer
der größten und stärksten revolutionären Partei, der KPD. Das ist
der Widerspruch der Novemberrevolution: Die Arbeiter verstanden zwar
noch nicht, was notwendig war zu tun, aber sie kämpften mutig und
heldenhaft für ihre Forderungen. Sie ließen sich betören und waren
dennoch eine Gefahr für die herrschende Klasse
Die
Notwendigkeit der Partei
Die
dritte und wichtigste Lehre der Novemberrevolution ist, dass ohne
kampferfahrene, fest verankerte und auf dem Boden des
wissenschaftlichen Sozialismus kämpfende Partei, die Theorie und
Praxis vereint, die Arbeiterklasse nicht siegen kann. Die
Arbeiterklasse konnte 1918 in Deutschland die ihr gestellten Aufgaben
nicht lösen, weil ihr die revolutionäre, disziplinierte Partei
fehlte und sie insbesondere über keine marxistisch-leninistische
Orientierung über den Staat und seine politisch-gesellschaftliche
Funktion besaß. Der größte Mangel und die größte Errungenschaft
der Novemberrevolution sind die Gründung der Kommunistischen Partei,
die Versammlung der besten und entschlossensten Kämpfer der Klasse.
Die
Frage der Staatsmacht und der Revolution hängen eng mit der
Parteifrage zusammen. Die Partei muss den wissenschaftlichen
Sozialismus in die Arbeiterklasse tragen, überall Formen schaffen,
in denen die Arbeiter ihr Klassenbewußtsein entwickeln kann, in
denen der Einfluss bürgerlicher Ideologie zurückgedrängt werden
kann, in der jeder Einzelne Aufgaben übernimmt, in der die Klasse im
Kampf mit dem Staat lernt, ihn zu erkennen und ihre eigenen Formen
der Herrschaft zu entwickeln.
Die
weltgeschichtliche Fragestellung konnte die Arbeiterklasse aber in
Deutschland nicht beantworten. Lenin schrieb: „Die Revolution in
Deutschland – das als eines der fortgeschrittensten
kapitalistischen Länder besonders wichtig und charakteristisch ist –
hat sofort „Sowjet“formen angenommen. Der ganze Entwicklungsgang
der deutschen Revolution und besonders der Kampf der
„Spartakusleute“, d.h., der wahren und einzigen Vertreter des
Proletariats, gegen den Bund des Verrätergesindels, der
Scheidemänner und Südekums, mit der
Bourgeoisie – all das zeigt klar, wie die
Geschichte in Bezug auf Deutschland die Frage gestellt
hat:
„Sowjetmacht“
oder bürgerliches Parlament, unter welchem Aushängeschild (ob als
„National“versammlung
oder als „Konstituierende“ Versammlung)
es auch immer auftreten möge.
Das ist die weltgeschichtliche
Fragestellung. Heute kann und darf man das ohne jede Übertreibung
sagen. Die
„Sowjetmacht“ ist der zweite weltgeschichtliche Schritt oder die
zweite weltgeschichtliche Etappe in der Entwicklung der Diktatur des
Proletariats. Der erste Schritt war die Pariser Kommune. Die geniale
Analyse des Inhalts und der Bedeutung dieser Kommune, die Marx in
seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ gegeben hat, zeigt, dass die
Kommune einen neuen Staatstypus,
den proletarischen Staat, geschaffen
hat. Jeder Staat, auch die demokratischste Republik, ist nichts als
eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere. Der
proletarische Staat ist die Maschine zur Niederhaltung der
Bourgeoisie durch das Proletariat, und diese Niederhaltung ist
notwendig angesichts des wütenden, verzweifelten, vor nichts
haltmachenden Widerstands, den die Gutsbesitzer und Kapitalisten, die
ganze Bourgeoisie mitsamt ihren Helfershelfern, alle Ausbeuter
leisten, sobald man darangeht, sie zu stürzen, sobald man die
Expropriation der Expropriateure in Angriff nimmt.
Das bürgerliche Parlament, auch das
demokratischste in der demokratischsten Republik, in der das Eigentum
der Kapitalisten und ihre Macht erhalten bleibt, ist eine Maschine
zur Unterdrückung von Millionen Werktätiger durch kleine Häuflein
von Ausbeutern. (…) Jetzt, da
die Weltgeschichte die Zerstörung
dieser ganzen Ordnung, den Sturz und die Niederhaltung der Ausbeuter,
den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus auf die Tagesordnung
gesetzt hat, sich heute auf die bürgerlichen Parlamente, auf die
bürgerliche Demokratie beschränken, sie als „Demokratie“
überhaupt beschönigen,
ihren bürgerlichen
Charakter vertuschen und vergessen, dass das allgemeine Wahlrecht,
solange das Eigentum der Kapitalisten erhalten bleibt, ein Werkzeug
des bürgerlichen Staates ist – das heißt, das Proletariat
schändlich verraten, auf die Seite seines Klassenfeindes, der
Bourgeoisie, übergehen, heißt Verräter und Renegat zu sein.“
(Lenin, Sämtliche Werke, Band XXIII, S. 641-643)
Ernst
Thälmann fasste 1928 zusammen: „Die Tragödie der deutschen
Revolution im Jahre 1918, in den Januarkämpfen 1919, in den Kämpfen
nach dem Kapp-Putsch 1920, den Märzkämpfen 1921, bis zur letzten
Welle der akuten revolutionären Situation dieser ersten Periode, im
Oktober 1923 – sie bestand in dem Zweispalt zwischen den objektiven
ausgereiften revolutionären Verhältnissen einerseits und der
subjektiven Schwäche des deutschen Proletariats , hervorgerufen
durch das Fehlen einer zielklaren bolschewistischen Partei
andererseits.“ (Ernst Thälmann: „9. November 1918: Geburtsstunde
der deutschen Revolution“, …) Otto Grotewohl führte in seiner
Reflektion zum dreißigsten Jahrestag der Revolution aus, dass die
Linken die organisatorische Kleinarbeit unterschätzt hatten, was es
ihnen nun erschwerte, die Massen an die großen politischen Aufgaben
heranzuführen. Also praktische Aufgaben in den lokalen Räten
zuzuweisen, dort eine Fraktion zu bilden und eine praktische Schulung
der Massen durch Arbeit in den Gewerkschaften voranzutreiben.
Grotewohl,
selbst ehemaliges SPD-Mitglied und einer der prägenden Genossen der
SED-Gründung verbindet in seinem Text von 1948, in einer Situation,
in der die Arbeiterklasse im Osten Deutschlands vor der Aufgabe
stand, ihren eigenen Staat zu errichten, die Frage der Staatsmacht
mit der Organisation des Proletariats: „In der Frage des States hat
sich die Reife der Arbeiterbewegung, das heißt in erster Linie der
Partei, die sie führt, zu bewähren. Jede politische Bewegung, die
die Frage der Macht stellt – und eine politische Bewegung, die diese
Frage nicht stellt, hat aufgehört, eine zu sein, sie ist im besten
Falle ein unverbindlicher Diskutierklub -, stellt damit auch die
Frage des Staates, denn der Staat ist nichts anderes als die Form, in
der diese Macht sich organisiert, in der sie nach außen tritt und
Wirklichkeit wird. Keine neue geschichtliche Formation kommt
vollendet auf die Welt, sie muss sich in schweren Kämpfen
durchringen. Und dieser Kampf, den sie zu bestehen hat, ist der Kampf
um ihre Form, der Kampf darum – um mit Hegel zu sprechen – ‚zu sich
selbst zu kommen‘, ihr innerstes Wesen zu begreifen und damit ihre
äußere Aktion, ihre Willen mit diesem inneren Wesen in Einklang zu
bringen. Dieser Prozess der Staatswerdung einer Klasse ist also ein
Prozess der Bewußtseinsentwicklung. Eine Klasse kann nur dann ihren
Staat entwickeln, wenn sie sich ihrer selbst bewußt geworden ist.“
(Grotewohl, S. 113)
Für
die Entwicklung des Proletariats zu sich selbst ist die Hebung seines
Bewußtseins notwendig, das heißt die Heraushebung seines
Bewußtseins aus dem bürgerlich-kapitalistischen Gesellschafts-,
Rechts- und Staatsbewußtseins – „das heißt die Befreiung von
diesem“ (Grotewohl, S. 114). Grotewohl führt aus, dass an der
Frage des Staates sich in der Folgezeit Entwicklung und Verfall der
Marxschen Lehre ablesen lassen. „Die Frage des Staates wird der
Prüfstein für den Marxismus. In keiner anderen Frage klaffen der
vulgär-ökonomische Revisionismus und der dialektisch-revolutionäre
Marxismus in gleicher Weise auseinander wie in der Frage des
Staates.“ (ebd., S. 115) Während die Reformisten von einem
langsamen, automatischen Übergang des sich immer mehr
organisierenden Kapitalismus zum Sozialismus ausgingen und meinten,
das Proletariat müsse sich in diesen Prozess einreihen. „Das
Hineinwachsen des Proletariats in den bürgerlichen Staat betrachtet
der dialektisch-revolutionäre Marxismus als eine gefährliche, für
das Klassenbewußtsein des Proletariats tödliche Einflußnahme der
bürgerlichen Ideologie auf das Proletariat, als seine
Unterordnung unter die bürgerliche Gesellschaft.
Demgegenüber ist es die Aufgabe des Proletariats, sich
organisatorisch und ideologisch aus dem alten Prozess zu lösen. Es
steht also die Frage der Differenzierung von dem bestehenden Staat,
der Verselbständigung ihm gegenüber.“ (ebd., S. 116)
Die
Losung der Reformisten lautete und lautet: Hinein in den Staat.
Mittels des parlamentarischen Kampfs und der Teilnahme an
Regierungen. „Für die revolutionären Marxisten stand die Frage
des Staates ganz anders. Ihre Haltung zum Staat war bestimmt durch
die prinzipielle Negierung der bestehenden
bürgerlich-kapitalistischen Ordnung, deren Ausdruck der herrschende
Staat war. Sie beruhte auf der Erkenntnis, dass dieser Staat das
Instrument zur Sicherung dieser Ordnung ist. Es ging um den Sturz
dieser Ordnung und ihres Staates. Die Aufgabe, die für die Partei
der Arbeiterklasse daraus erwuchs war, das Bewußtsein der
Notwendigkeit des Sturzes der bestehenden Ordnung und ihres Staates
in das Proletariat hineinzutragen. Das aber hieß, das Bewußtsein
des Proletariats aus der Befangenheit durch die
bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse und die ihnen
entspringenden ideologischen Formen herauszulösen und sein eigenes
Bewußtsein, das heißt das Selbstbewußtsein seiner Klasse, in es
hineinzutragen; also der bestehenden kapitalistischen Ordnung eine
andere Ordnung, seine eigene, die sozialistische, entgegenzustellen;
dem bestehenden Staatswillen einen anderen, den Willen zum
proletarischen Staat entgegenzustellen.“ (ebd., S. 121)
Die
Aufgabe, die daraus für die revolutionäre Partei erwächst ist
grundverschieden von der, die sich die reformistische Partei stellt.
Sie muss dem Prozess der Eingliederung der Arbeiterklasse in den
bürgerlichen Staat entgegenwirken, „da für sie der Prozess der
Einordnung nichts anderes ist als die Unterordnung des Bewußtseins
des Proletariats unter die herrschende bürgerliche Ordnung.“
(ebd., S. 121) Die revolutionäre Partei muss das Proletariats
ständig von der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung
differenzieren. Dazu reicht die spontane Erhebung und der rein
gewerkschaftliche Kampf nicht aus. „Die Entwicklung des
Klassenbewußtseins setzt die Erkenntnis der gesamten
gesellschaftlichen Zusammenhänge voraus; ohne Erkenntnis der
Zusammenhänge kann die Arbeiterklasse ihre Stelle im Ganzen der
Gesellschaft nicht sehen und auch nicht die richtige Praxis
entwickeln. (…) Die Partei der Arbeiterklasse hat die Werkstätte
zu sein, in der das Bewußtsein, das Klassenbewußtsein erarbeitet
wird, sie hat der Sammelpunkt und die Hohe Schule für die
Heranbildung der marxistischen Politiker zu sein. (…) Die
marxistische Partei als das Kampforgan der Arbeiterklasse muss die
Verkörperung der Gesetzmäßigkeit der Entwicklung sein, welche die
Arbeiter als Klasse zu durchlaufen haben, um zur Herrschaft reif zu
werden.“ (S. 122-123)
Dieser
Prozess setzt die Verbindung von Erkenntnis und Praxis durch die
Partei voraus. Während die Reformisten unter „Heranführen an den
Staat“ die Eingliederung in den bürgerlichen Staat verstehen,
verstanden „Marx und Lenin unter der demokratischen Taktik die
Heranführung der Massen des Volks an den Staat, um diese mit dem
Staat zu konfrontieren, ihre Kräfte zu formieren, ihre Kräfte im
Kampf mit dem Staat zu entwickeln; mit anderen Worten: die Aufgabe
der Überwindung des alten Staats durch die Praxis des Kampfs
stellen.“ (S. 125) Die Auffassung der Reformisten beinhaltet die
Neutralität des Staates, er habe ein über den Klassen stehendes
Wesen. „Für die Revolution musste sich dies tödlich auswirken,
denn ihre Konsequenz war nicht Kampf gegen den Staat, Bruch des
Staates, sondern unter dem Motto seiner ‚Ausnutzung‘ und der
Sicherung von ‚Ruhe und Ordnung‘ führte sie faktisch zur Beugung
der Arbeiterklasse unter den Staat. War aber die Frage der
Zertrümmerung des alten Staats nicht von Anbeginn als die zentrale
Frage der Revolution gestellt, so war der Kampf verloren, bevor er
überhaupt begonnen hatte.“ (S. 125) Der Staat der deutschen
Bourgeoisie, der mit dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem
faschistischen Staat und der Bundesrepublik verschiedene Formen
angenommen hat, ist das gleiche Unterdrückungsinstrument wie 1918,
der Sturz dieser Ordnung und ihres Staates ist dieselbe Notwendigkeit
wie damals.
Die
Novemberrevolution lehrt uns, dass die Gesetzmäßigkeiten der
historischen Entwicklung durch den dialektischen Materialismus
richtig erkannt werden können und es deshalb allen Grund zum
Geschichtsoptimismus gibt: Die nächste Revolution wird kommen und
das Proletariat wird die Kraft dieser Revolution sein. Damit es
siegt, muss bereits heute alles unternommen werden, was dazu
notwendig ist.
Einhundert
Jahre nach der Novemberrevolution haben wir uns zum Ziel gesetzt,
Klarheit in den zentralen Fragen der historischen Aufgabe der
Arbeiterklasse zu schaffen. Dazu gehören unter anderem, wie auch die
Novemberrevolution zeigte, der Imperialismus, der Staat und die
Partei. Es ist uns aber bewußt, dass die richtige Erkenntnis und
ihre Propagierung allein nicht ausreichen. Nur wenn es eigenständige,
klassenorientierte Organisationsformen des Proletariats gibt, in
denen die Klasse alle Zusammenhänge erkennen kann, praktische
Erfahrungen sammeln kann und sich zu der Kraft formieren kann, die
sie sein muss, um ihre Aufgabe zu erfüllen, werden die Erkenntnisse
des wissenschaftlichen Sozialismus, die Erkenntnisse des Kampfs der
Arbeiterklasse sind, zur materiellen Realität und damit zum Sieg der
Klasse führen. Wir wollen also Strukturen aufbauen, die überall
eigenständige Formen der Klassenorganisierung ermöglichen, sei es
im Betrieb, in den Gewerkschaften oder im Wohnviertel.
Damit
streben wir die Formierung der Kommunistischen Partei in Deutschland
an, die sich aus einem Klärungs- und Aufbauprozess entwickeln muss,
um den Ansprüchen an sie gerecht zu werden.
Wir
können dabei auf einen großen Schatz der Erkenntnisse, des Wissens
und der Macht der Arbeiterklasse zurückgreifen und haben uns zur
Aufgabe gemacht, diesen zu heben, ihn zu studieren und ihn zu
verbreiten. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bietet uns
unendlich viel Material und erlebte Kämpfe, die wir uns aneignen
müssen, die wir der Klasse zur Verfügung stellen müssen, die wir
in jeder Form popularisieren wollen. Und schließlich wollen wir den
Helden dieser Kämpfe gedenken. Wir wollen sie und ihren mutigen,
entschlossenen Kampf dem Vergessen entreißen und alles von ihnen
lernen, insbesondere ihre Opferbereitschaft, ihre Geduld und ihre
Ungeduld, ihre Hingabe und ihre Härte. Wir nehmen diesen
einhundertsten Jahrestag zum Anlass, um dem einen organisatorischen
Anfang zu setzen und damit nicht mehr aufzuhören.