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Podcast #20 – Vortrag von Alberto Fazolo zur Ukraine und zum antifaschistischen Widerstand im Donbass

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Alberto Fazolo ist ein italienischer Autor und politischer Aktivist. Er war zwei Jahre in der Volksrepublik Lugansk aktiv. In seinem Vortrag beschreibt er die Entwicklung der Ukraine, die Rolle des Westens und den antifaschistischen Kampf der Menschen in der Ostukraine. Er erklärt die Hintergründe des Maidan-Putsches von 2014 und welche Schlussfolgerungen die Menschen in der Ost- und Südukraine gezogen haben. Er geht auf die Volksrepubliken und die Bedeutung des antifaschistischen Kampfs auf internationaler Ebene ein.

Artikel von Alberto Fazolo: https://www.jungewelt.de/artikel/423855.krieg-in-der-ukraine-die-schande-ist-einfach-zu-gro%C3%9F.html

Podcast #19 – Hans Bauer zum Krieg in der Ukraine und Imperialismus

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In dieser Podcastfolge sprechen wir mit Hans Bauer. Er ist ehemaliger stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR, amtierender Vorsitzender der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e.V. (GRH) und Mitglied der DKP. Wir sprechen mit ihm über seine Sicht auf die Lage in der Ukraine und den Diskussionen, die darum herum in der kommunistischen Bewegung geführt werden.

Hans betont dabei den Gesamtzusammenhang, der verstanden werden muss, um den gegenwärtigen Krieg zu verstehen, und diskutiert die Bedeutung der Unterschiedlichkeit der Länder in der Welt für das Imperialismusverständnis. Dabei haben wir ihn gefragt, wie er die Rolle Russlands in der Welt einschätzt, welche Bedeutung die Schwächung der USA für den Kampf der internationalen Arbeiterklasse hat und was das mit Multipolarität tu tun hat. Dabei spricht Hans auch über seine Sicht auf die Rolle der VR China.

Zuletzt diskutieren wir die Lage des deutschen Imperialismus in der Welt und die Bedeutung von widerstreitenden Interessen unterschiedlicher Kapitalfraktionen für die Arbeiterbewegung und unseren Kampf.

100 Milliarden-Booster für die Interventionsarmee

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Der Bundestag grölte, als im Februar der Kanzler die größte Aufrüstung seit der Wiederbewaffnung ankündigte. Es war das Freudengeschrei der Kriegstreiber und Militaristen. Als Speerspitze des Militarismus haben sich seitdem vor allem die grünen Minister Baerbock und Habeck hervorgetan, die Russland „ruinieren“ wollen und sich über die „Kriegsmüdigkeit“ der Deutschen beklagen.

Die Kriegslust des deutschen Volks ist zu gering für die Absichten dieser Damen und Herren. Denn sie haben große Pläne. Der 100-Milliarden-Kredit ist nicht nur eine gigantische sprunghafte Aufrüstung. Mit dieser Aufrüstung wird die Bundeswehr zur größten konventionellen Armee Europas. Das Ziel des deutschen Imperialismus war schon lange vor dem 24. Februar, sich aufzustellen, um eigenständig größere Kriege führen zu können. Dazu braucht es bisher NATO-Unterstützung. Die Behauptung, es gehe um die Verteidigung der „Friedensordnung“ Europas vor dem bösen Russland könnte verlogener kaum sein, ist doch das 100-Milliarden-Paket die wirkliche Gefährdung des Friedens und die nächste Eskalation der Aggression gegen alle Länder, die sich nicht fügen wollen. Der Plan für das 100-Milliarden-Paket steht bereits seit Oktober 2021 fest.

Die Bundeswehr war nie eine Landesverteidigungsarmee. Bis 1990 war sie gerüstet als Panzer-Invasionsarmee gegen die DDR und die anderen sozialistischen Staaten. Nach 1990 wurde sie konsequent zur „Armee im Einsatz“ umgebaut – und damit ist der weltweite Einsatz gemeint. Denn die Interessen der deutschen Monopole müssen auch in fernen Ländern durchgesetzt werden. Jetzt erhält diese Interventionsarmee einen Booster. Das Gerede von der Landesverteidigung ist Vernebelung fürs Volk, denn wer ist nicht dafür, dass sich ein Land verteidigen kann. Die Aufteilung des Kriegskredits spiegelt den aggressiven Charakter wider: An erster Stelle steht mit Abstand die Luftwaffe und die Anschaffung von atomwaffenfähigen Kampfjets, dann die Marine. Weitere Milliarden für Drohnen, Einsatzkommandos, Hubschrauber.

Die Kapitalverbände akzeptieren das „Primat der Politik“ und nehmen kurzfristig auch eine Schmälerung der Profite durch Sanktionen gegen Russland hin. Denn die Aussicht auf das, was mit dem 100 Milliarden ermöglicht werden soll, ist wesentlich verlockender: endlich Rohstoffe, Absatzmärkte und Kapitalexportziele freibomben, wenn es nötig ist, und dabei auf keinen „Bündnispartner“ mehr Rücksicht nehmen müssen. Allein mit der neuen Marine kann man gute alte Kanonenboot-Diplomatie betreiben.

Auch wenn der deutsche Imperialismus sich zum Teil in die Kriegsplanungen der USA fügt, versucht er in diesem Zuge sich selbst stärker aufzustellen und eigene Ziele zu verfolgen. Deutschlands Rolle in der NATO-Osterweiterung ist dabei nicht unwichtig, insbesondere als „Speerspitze“ im Baltikum. Die Kriegsgefahr dürfte sich vor allem gegen Osten richten. Was den deutschen Generälen noch fehlt, sind die Atomaffen. Die zunehmend offen geführte Diskussion über „europäische“ Atomwaffen, mehr „Teilhabe“ oder offen ausgedrückt, worum es wirklich geht: deutsche Atombomben, spiegelt diese Bestrebungen wider.

Mit der Aufrüstung geht eine bereits voll einsetzende Militarisierung einher. Gesellschaftliche Fragen werden dem Willen und Bedürfnis des Militärs untergeordnet, die gesellschaftliche Debatte verlegt sich immer mehr auf militärische Logik. Wer der Propaganda widerspricht, wird an den Rand gedrängt oder Repression unterzogen. Parlamentarier üben sich in Demut vor der Geheimhaltung in militärischen Fragen. Die Verfassung wird militarisiert durch die Verankerung des Kriegskredits, der von der Schuldenbremse ausgenommen wird. „Das NATO-2%-Ziel steht zwar noch nicht im Grundgesetz, aber nun im Gesetz zum Sondervermögen de facto festgeschrieben, im Gegensatz zu den Behauptungen der Regierung. Die Aufrüstungsorgie soll nie mehr aufhören.

Auch hier sind wieder die Grünen die Spitze der Dreistigkeit und Provokation, die nicht nur bereit sind, alles der militärischen Logik unterzuordnen, sondern am unverschämtesten dem Volk diktieren: Friert und hungert, bezahlt den Preis und murrt nicht! Inflation, Verarmung und ökonomischer Niedergang sind nämlich die notwendige Kehrseite der Steigerung der Profite der parasitärsten Teile des Kapitals. Die SPD will Brotkrumen verteilen und die FDP diese gleich wieder einsammeln und dem Kapital in den Rachen werfen. Die Kosten werden abgewälzt, gesellschaftliche Ressourcen in großem Ausmaß abgezogen fürs Militär. Die Gewinne der Rüstungskonzerne, aber auch anderer Teile des Finanzkapitals saugen die Gesellschaft aus. Mit dem Sondervermögen zeigt die Bourgeoisie den Volksmassen ihren Weg in die Zukunft: In Krieg, Verarmung und Militarisierung. Der Kriegskredit steht außerhalb der Schuldenbremse, alles andere wird dem streng untergeordnet. Das ist die aktuelle Version von: „Kanonen statt Butter“.

Aber nicht nur der Kriegskredit ist monströs. Das Schweigen im Lande, die Agonie und Paralyse der Friedensbewegung, die unterstützende Haltung der Gewerkschaftsführung sind nicht minder erschreckend. Denn was ist anderes vom deutschen Militär zu erwarten als Provokation, Intervention und Aggression? Mit dem jetzigen sprunghaften Anstieg geht eine deutliche Steigerung der Kriegsgefahr durch Deutschland aus. Die deutsche Monopolbourgeoisie hat schon zweimal gezeigt, dass sie bereit ist, alle in den Abgrund zu ziehen. Die Hybris der Baerbocks ebenso wie der Merzens und ihrer Freunde in Washington verheißt nichts anderes als Leid und Zerstörung für andere Länder, Entbehrung und Verhetzung hierzulande.

Aber auch jetzt gibt es keine Begeisterung großer Teile der Arbeiterklasse und anderer Teile der Bevölkerung für diese Aussicht. Unzufriedenheit, Skepsis und teilweise offene Ablehnung sind bei einigen da, bei manchen auch mehr. Das gilt es auszuweiten, zu nutzen, zu fördern, zu konkretisieren, zu mobilisieren und zu bündeln. Es gilt aufzuzeigen, wie Inflation, Krieg und Krise zusammenhängen, soweit es unsere Möglichkeiten erlauben.

Daten und Fakten zum 100-Milliarden-Kriegskredit

Am 3. Juni stimmten im Bundestag 590 Abgeordnete für die Verabschiedung des sogenannten „Sondervermögen Bundeswehr“. Lediglich 80 Parlamentarier votierten mit „Nein“ – geschlossen die Linkspartei und rund die Hälfte der AfD-Fraktion. Dieser Abstimmung gingen mühsame Verhandlungen der Ampel-Regierung und der Union voraus. Denn für die Einrichtung des Kriegskredits bedurfte es zunächst Änderung des Artikels 87a im Grundgesetz, um die festgeschriebene Schuldenbremse zu umgehen. Aber wie flexibel es die Herrschenden mit dem Grundgesetz halten, wenn es den Interessen ihrer Großmachtbestrebungen entspricht, haben wir letzte Woche eindrücklich sehen können. Im Eiltempo sollte das Sondervermögen unbedingt noch vor der Sommerpause beschlossen werden. Zumindest darin waren sich Ampel und Union einig.

Letzterer gelang es – aufgrund der für die Abstimmung benötigten Zweidrittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat –, den Regierungsparteien ihre Forderungen durchzusetzen. Die Grünen hatten versucht, entsprechend ihrer Propaganda des „Menschenrechts“-Imperialismus, die 100 Milliarden als „Bündnis- und Verteidigungsfähigkeit“ inklusive Cybersicherheit, „Entwicklungshilfe“ und Unterstützung von Partnern, mit humanitärerem Antlitz zu verkaufen. Sie hatten sich außerdem bemüht, den Eindruck zu vermitteln, sie seien nicht für das 2%-Ziel im Sondervermögensgesetz. Allerdings kann die jetzige Formulierung auch bedeuten, dass in Zukunft sogar mehr als 2% aufgewendet werden könnten. Sie lautet: „Nach Verausgabung des Sondervermögens werden aus dem Bundeshaushalt weiterhin die finanziellen Mittel bereitgestellt, um das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr und den deutschen Beitrag zu den dann jeweils geltenden NATO-Fähigkeitszielen zu gewährleisten.“

Konkret sieht der Entwurf des Wirtschaftsplans über 40 Milliarden für die Stärkung der Luftwaffe vor – neben der Anschaffung von Transporthubschraubern, Bundeswehrdrohnen und Eurofightern, liegt hier der Fokus v.a. auf den Atombombern (F-35-Jets) aus den USA. Verteidigungsministerin Lambrecht (SPD) hat davon mindestens 35 Stück auf ihrer Einkaufsliste stehen. Die veranschlagten 19 Milliarden für die Marine werden hauptsächlich in die Produktion weiterer Kriegsschiffe und U-Boote fließen. 17 Milliarden sollen für die Nachrüstung von Schützen- (Puma) und Kampfpanzer (Leopard 2) ausgegeben werden, während mit 20 Milliarden die Kommunikation mithilfe von mehr Bundeswehrsatelliten und digitalen Funkgeräten, modernisiert werden soll. Weitere 2 Milliarden gehen in die persönliche Ausrüstung der Soldatinnen und Soldaten.

Wichtig sind außerdem die laufenden Großprojekte des deutschen und französischen Imperialismus – so die Planung des Kampfpanzersystems MGCS sowie das Luftkampfsystem FCAS (allein hier liegen die Entwicklungskosten bei 80-100 Milliarden ). Diese Vorhaben offenbaren auf ein Neues die Bestrebungen einen eigenständigen europäischen Rüstungskomplex aufzubauen, mit welchem man sich vom „transatlantischen Großen Bruder“ zu emanzipieren sucht.

Wir sehen:  Der Kriegskredit könnte den deutschen Imperialismus mit künftigen Militarisierungsausgaben von bis zu 75 Milliarden jährlich vom 7. auf den 3. oder 4. Platz in puncto Rüstungsetat hinter die USA und China katapultieren. Die Mär von der abrupten Zeitenwende, welche durch die russische Gefahr ausgelöst worden sei, gilt es zu begraben. Hier sei nur die bereits 2018 im Fähigkeitsprofil der Bundeswehr geplante Aufstockung des Bundeswehrpersonals von 180.000 auf 200.000 genannt. Auch im Weißbuch der Bundeswehr 2016 wurde bereits die Mobilmachung kaltstartfähiger Brigaden für einen potentiellen Einsatz gegen Russland beschlossen.

Erst Anfang Mai kündigte die Bundesregierung an, das Soldatenkontingent des größten Bundeswehreinsatzes für die UN-Mission in Mali von 1100 auf 1400 aufzustocken. Der deutsche Imperialismus übt sich nach dem erzwungenen Abzug der französischen Operation Barkhane in der Übernahme „geopolitischer Verantwortung“, lässt sich aber sicherheitshalber ein Hintertürchen für den unkomplizierten Abzug offen.

Der Status Quo ist aber keinesfalls eine herbeigeredete  „Zeitenwende“, sondern ziemliche logische Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Die Streitkräfte wurden nach der Zerschlagung des Hitler-Faschismus nicht lediglich als Verteidigungsarmee (wie es §87a definierte) aufgestellt, sie waren die Speerspitze der NATO gegen die sozialistischen Staaten. Die Bundeswehr steht nicht nur in der Kontinuität der Traditionen von Reichswehr und Wehrmacht, sie hat ihren Charakter als imperialistische Angriffsarmee nie verloren. Nach der Konterrevolution und der Eingliederung der DDR in die BRD 1990 begann der Umbau zur Interventionsarmee, die zu Einsätzen in weit entfernten Ländern bereit ist. „Landesverteidigung“ fand spätestens ab der Beteiligung im Afghanistan-Krieg auch im Ausland statt. Als sich aber 2006 die Kriegshandlungen in Afghanistan überschlugen, wollte die damalige schwarz-gelbe Regierung zunächst noch eine Strategie der Zurückhaltung einlegen und lehnte in nächster Konsequenz eine direkte Beteiligung an den Interventionen in Libyen und Syrien ab. Dafür erntete sie damals harsche Kritik des grünen Ex-Kriegsministers Joschka Fischer, dem ersten Krieg führenden deutschen Außenminister nach Ribbentropp.

Ein nächster Meilenstein wurde 2014 während der Münchner Sicherheitskonferenz gesetzt. Man wolle nicht mehr „Gestaltungsmacht im Wartestand“ bleiben, sondern zu einer „Kultur der Kriegsfähigkeit“ übergehen. Erich Vad, der langjährige Berater von Merkel sprach sich bereits damals für die Notwendigkeit einer nationalen starken Rüstungsindustrie aus – für „den eigenen Handlungsspielraum“. Der Rüstungsbericht von 2015 kam da gerade gelegen. Diagnose: Krasse Lieferverspätungen und unkalkulierte Teuerungen in der Anschaffung. Dass es nicht die Aufgabe fortschrittlicher Kräfte sein sollte, über ein organisatorisch besser abgewickeltes Beschaffungswesen zu diskutieren versteht sich von selbst, aber wurde doch eben dieses Bild des „unterfinanzierten Schrotthaufens“ Bundeswehr genutzt, um alle mögliche Investitionen zu rechtfertigen. Im Weißbuch 2016 erfolgte dann die strategische Umkehr zur Landes- und Bündnisverteidigung. Nicht nur die bereits erwähnte kaltstartfähigen Brigaden für die NATO wurden hier beschlossen, sondern auch Divisionen für die NATO, die laut aktuellen Debatten bis 2030 insgesamt knapp 60.000 Soldaten zählen sollen. „Landes“- ebenso wie „Bündnisverteidigung“ dienen dem Zweck, eine Armee zu schaffen, die dauerhaft zahlreiche Soldaten im Ausland stationieren kann und die zu Interventionen per Luft, See und Land fähig ist.

Podcast #18 – Mit Yana (KPD) zur Ukraine und Fragen zum Imperialismus

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Wir haben in dieser Podcast-Folge Yana als Gast gewonnen. Sie ist Mitglied der KPD und betreibt den Telegram-Channel craZy bear 2022 Russland Ukraine Z (https://t.me/craZybear2022). Sie setzt sich intensiv mit den Ereignissen auseinander und sammelt zahlreiche Informationen. Sie beschäftigt sich auch mit der Analyse des heutigen Imperialismus.

Wir haben sie zur Einschätzung der Militäroperation, zu den Zielen Russlands und zu der NATO-Strategie befragt. Sie erzählt außerdem, welche Informationen sie sammelt und wie das Vorgehen der russischen und ukrainischen Armee einzuschätzen ist und wie die Lage in der Ukraine, auch in den von der Russischen Föderation kontrollierten Gebieten, ist. Yana geht auch auf die Frage des Faschismus in der Ukraine ein und was er für die Menschen, nicht nur in der Ostukraine bedeutet.

Wir haben auch darüber gesprochen, was für viele Russen und Ukrainer der Große Vaterländische Krieg und der Kampf gegen den Faschismus bedeutet. Im letzten Teil geht es um die Debatte in der Kommunistischen Bewegung und darum, wie wir den heutigen Imperialismus verstehen.

Der Podcast bietet euch zahlreiche Informationen und Einschätzungen, die dem Propaganda-Lügen-Sturm entgegen stehen. Unser Gespräch ist Teil unserer Auseinandersetzung mit verschiedenen Protagonisten zu den Themen rund um Krieg und Imperialismus. Wir haben in der KO dazu Dissens und Fragen und wollen dazu eine Klärung organisieren.

Auf zum Kommunismus Kongress!

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Führt Russland einen Angriffskrieg oder ist es eine Verteidigungsmaßnahme – schließt sich das aus? Ist es ein imperialistischer Krieg von allen Seiten und was bedeutet das? Oder ist es ein notwendiger und überfälliger Schritt zur Eindämmung der NATO-Aggression? Wie ist die Rolle des Faschismus in der Ukraine einzuschätzen und welche Rolle spielt die NATO dabei? Wie muss sich die Arbeiterklasse positionieren? Gibt es eine Interessensüberschneidung der Arbeiterklasse mit Teilen der russischen Bourgeoisie, das Land zu verteidigen und den Faschismus zu besiegen? Widerspricht das einem unabhängigen Standpunkt der Arbeiterklasse? Worin besteht dieser? Wie sind die Macht- und Kräfteverhältnisse weltweit einzuschätzen? Handelt es sich um eine Aggression des Westens zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft oder ist es ein Kampf zwischen imperialistischen Staaten – aufstrebenden auf der einen, absteigenden auf der anderen Seite? Handelt es sich um ein Verhältnis gegenseitiger, ungleicher Abhängigkeiten oder um die Weltbeherrschung durch den Westen? Was bedeutet eine unipolare oder eine multipolare Weltordnung? Was verstehen wir unter unterdrückenden und unterdrückten Nationen und sind die Begriffe heute noch anwendbar? Welche Imperialismusanalyse ist am besten dazu geeignet, die Entwicklung zu verstehen? Und wie helfen uns Lenin und die anderen Klassiker und ihre Herangehensweise dabei? Was heißt das alles für den Kampf hier vor Ort gegen die NATO und gegen den Hauptfeind, den deutschen Imperialismus? Wie verstehen wir den Kampf gegen den Imperialismus als Ganzes und wie ergibt sich daraus eine Strategie und Taktik für die weltweite Arbeiterklasse?

Wir laden zum Kommunismus-Kongress zum Thema Krieg und Imperialismus ein.

Es gibt viel zu diskutieren und zu klären. Wir haben selbst viele Fragen und Uneinigkeit. Angesichts der Ereignisse ist das nicht verwunderlich. Klar ist aber auch: Waffenlieferungen, Aufrüstung, Faschismus und die deutschen Kriegspläne müssen bekämpft werden. Wir wollen beides tun: Die Diskussion und Klärung voranbringen, um besser eingreifen zu können. Der Kommunismus-Kongress soll deshalb inhaltlich in die Tiefe gehen mit dem Ziel der politischen Handlung, des Einmischens und Veränderns.

Wir wollen unterschiedliche Standpunkte, Analysen und Einschätzungen in die Diskussion bringen. Dabei darf es inhaltlich kontrovers werden, denn wir wollen zu den wichtigen Fragen und zu den Tatsachen vorstoßen.

Dafür wollen wir gegensätzliche Positionen in die Diskussion bringen – zur aktuellen Situation, zum Krieg in der Ukraine, aber auch dazu, wie wir den Imperialismus verstehen, wie der Westen, Russland und andere Länder und ihr Verhältnis zueinander darin eingeordnet werden. Welche Analyse am besten dafür geeignet ist, die Wirklichkeit zu erfassen und wie wir die Imperialismusanalyse Lenins und anderer verstehen. Die wichtigste Frage ist, wie die Arbeiterklasse sich zu der Lage verhalten muss, ob sie Widersprüche ausnutzen kann und was wir unter einem unabhängigen Standpunkt der Arbeiterklasse verstehen.

Wir haben uns vorgenommen, bis zum Kongress die verschiedenen Standpunkte und Einschätzungen in der internationalen kommunistischen Bewegung zu erfassen und durch Interviews und Beiträge richtig und verständlich darzustellen. Der Kongress soll eine Veranstaltung werden, auf der eine breite und offene Debatte stattfindet und auf der es um die Sache geht. Es soll Workshops und Podiumsdiskussionen geben. Wir wollen Gäste aus Deutschland und anderen Ländern für diese gewinnen, um möglichst verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen einfließen lassen zu können.

Der Kommunismus-Kongress soll sich mit Fragen rund um den Krieg in der Ukraine und den Imperialismus befassen und dabei sowohl Wissen vermitteln, als auch die Möglichkeit bieten, eine intensive und kontroverse Diskussion zu führen. Workshops, Vorträge und Podiumsdiskussionen sollen einen tieferen Einblick ermöglichen und die verschiedenen Argumentationen und Analysen in eine Auseinandersetzung bringen. In diesem Sinne laden wir alle Interessierten, organisierte wie unorganisierte, vom 23. bis 25. September 2022 zum Kommunismus-Kongress nach Berlin ein.

Weitere Informationen folgen auf unserer Kongress-Seite und Social Media. Zur Anmeldung geht es hier. Folgt dem Kongress auf Facebook, Instagram und Twitter!

Solidarität mit der jungen Welt – gegen antirussische Kriegshetze und Gleichschaltung!

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Wie die Tageszeitung junge Welt (jW) am Donnerstag bekannt gab, wurde in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ein Farbanschlag auf ihre Verlags- und Redaktionsräume in Berlin verübt: „Fuck Putin!“ wurde in meterhohen Lettern auf ihre Fassade geschmiert, ergänzt um zwei Anarchie-Zeichen.

Wir sehen in diesem Angriff eine Fortsetzung der aktuell laufenden Aufstellung der Heimatfront im Zuge der imperialistischen Aggression des Westens gegen Russland. Diese Mobilmachung verläuft auf allen Ebenen: militärisch (100-Milliarden-Kredit und 2-Prozent-Ziel), ökonomisch (Sanktionen und Loslösung vom russischen Markt) sowie politisch und ideologisch. Zu letzterem gehört unter anderem das Einschwenken fast aller deutschen Medien auf den antirussischen Kurs, sodass deren Berichterstattung mittlerweile direkt aus dem NATO-Hauptquartier zu kommen scheint. Höhepunkt dieser faktischen Gleichschaltung war das Verbot des russischen Senders RT in der EU, das durch weitere Einschränkungen gesetzlich oder faktisch laufend erweitert wird – ein Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit, der in der jüngeren deutschen Geschichte seines Gleichen sucht! Gleichfalls Teil dieser für die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in Deutschland katastrophalen Beschränkungen und Einschüchterungsversuche sind die Verbote sowjetischer Fahnen auf Demonstrationen, gegen die die DKP aktuell gerichtlich vorgeht.

Die jW ist indes nicht das erste Opfer der durch die Herrschenden geschürten antirussischen und kriegsgeilen Hysterie: Neben Angriffen auf russische Einrichtungen und Lebensmittelläden sind hier vor allem die Schändung des Ehrenmals für die Rote Armee am Treptower Park in Berlin und die sich gegen die DKP richtenden „Russian Scum“- („Russischer Abschaum“-)Schmierereien in München zu nennen. Von den öffentlichen Diffamierungen, den juristischen Attacken und den Anfeindungen gegen Kriegs- und NATO-Gegner als „Putin-Versteher“ und „Kriegstreiber“ ganz zu schweigen.

Der Angriff auf die jW führt indes vor Augen, dass diese Verhetzung nicht nur konservative, liberale und sozialdemokratische Teile der Bevölkerung betrifft, sondern auch Teile der politischen Linken. Wir wissen um die Debatten unter deutschen Anarchisten und Linksradikalen um die Frage, ob man die ukrainische Armee inklusive des faschistischen Asow-Bataillons gegen Russland unterstützen müsse. Dabei werden dieselben Argumente angeführt, die wir aus der westlichen Propaganda kennen: Die imperialistische, homophobe Putin-Diktatur habe die unschuldige Ukraine überfallen und bedrohe den freiheitlichen Westen. Auch wir als KO haben Fragen und Diskussionsbedarf bezüglich des Charakters dieses Krieges und sehen die in der linken und kommunistischen Bewegung verbreitete Orientierungslosigkeit und Uneinheitlichkeit als Herausforderung, die es anzugehen gilt. Dieser Akt des Vandalismus gegen die jW ist für uns aber keine akzeptable Form der Kritik, sondern ein Angriff auf unsere Bewegung im Interesse der Herrschenden. Wieder einmal verabschiedet sich ein Teil der deutschen radikalen Linken de facto ins NATO-Lager.

Die jW bekundete derweil, sie werde sich „nicht einschüchtern“ lassen und ihre „journalistische Arbeit unbeirrt fortsetzen“. Wir begrüßen diese Erklärung und unterstützen die Resistenz dieser wichtigsten und letzten linken deutschsprachigen Tageszeitung gegen diesen neuerlichen Angriff auf sie. Zudem sprechen wir ihr, wie auch allen anderen Opfern antirussischer und bellizistischer Hetze und Gewalt, unsere Solidarität aus!

Unterstützung für die DKP im juristischen Kampf gegen die Verbote der Sowjetfahne

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Die DKP geht juristisch gegen die Verbote der Sowjetfahne und andere Verbote am 8. und 9. Mai 2022 der Berliner Polizei vor.

Wir unterstützen diesen politisch wichtigen Kampf und rufen dazu auf, für den Fonds für Prozesskosten der DKP zu spenden.

Die Verbote sind nicht nur Ausdruck eines Angriffs auf den Antifaschismus, sondern auch Zeichen verschärfter Repression im Zusammenhang mit der NATO-Aufrüstung, Waffenlieferungen und dem 100-Milliarden-Kriegspaket.

Hier die Erklärung der DKP:

Per Allgemeinverfügung hatte die Berliner Polizei unter anderem das Zeigen der Fahne der Sowjetunion und der Roten Armee an Gedenkstätten der Befreiung von Krieg und Faschismus verboten. Damit wurden der 8. Mai (Tag der Befreiung) und der 9. Mai (Tag des Sieges über Krieg und Faschismus) geschändet. Die DKP hatte gegen diesen Skandal per Eilantrag geklagt, scheiterte aber vor dem Berliner Verwaltungsgericht und dem Oberverwaltungsgericht. Die Begründung der jeweiligen Urteile sind haarsträubend. So wird die richtige Aussage der DKP, dass es mit einer existierenden Sowjetunion und einer existierenden Sowjetarmee den Krieg in der Ukraine nicht gäbe, als Unterstützung aggressiver, großrussischer Hoffnungen und letztlich als »Billigung eines Angriffskrieges« diffamiert.

Die DKP nimmt weder die Schändung der Gedenktage noch diese Gerichtsurteile hin. Auch juristisch wird sie weiterkämpfen. Die Sowjetunion und die Rote Armee haben den größten Anteil an der Befreiung von Krieg und Faschismus, wir sagen heute und morgen: Dank euch, ihr Sowjetsoldaten. Die unsäglichen Verbote der Allgemeinverfügung der Berliner Polizei müssen fallen. Die DKP hat einen Fonds für die anfallenden Prozesskosten eingerichtet und bittet um Solidarität.

Spenden bitte auf das Konto DKP Parteivorstand

DE90 4306 0967 4002 4875 00 Stichwort „Prozesskosten“.

Beschluss zur Klärung der Imperialismus- und Kriegsfrage

Beschluss der 4. Vollversammlung, April 2022

1. Die politische Entwicklung und die damit verbundenen Streitfragen zwingen uns dazu, die Klärung der Imperialismusfrage in den Vordergrund zu stellen. Die KO organisiert in der nächsten Legislatur eine intensive, bewegungsöffentliche Auseinandersetzung zur Imperialismusfrage mit dem Ziel den Dissens in der KO und der kommunistischen Bewegung darzulegen, zu durchdringen und in eine Klärung zu überführen.

2. Diese Auseinandersetzung mit der Imperialismusfrage wollen wir im Zusammenhang mit der Beantwortung folgender Fragen organisieren: Wie ist der Militäreinsatz bzw. der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, der am 24.02.22 begonnen wurde, einzuschätzen? Ist er ein imperialistischer Angriff? Ist der Krieg imperialistisch, weil Russland ein imperialistisches Land ist? Ist der Krieg eine Verteidigungsmaßnahme? Gibt es bei diesem konkreten Militäreinsatz eine Überschneidung mit den Interessen der Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine und international? Wie muss sich demnach die Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine, Deutschland und im internationalen Maßstab zu dem Konflikt klassenkämpferisch positionieren? Zur VV5 wollen wir diese Frage der Einschätzung des laufenden Militäreinsatzes / Angriffskrieges beantworten. Der Fokus auf diese Frage zwingt uns dazu, alle für die Beantwortung nötigen Mittel – sowohl der empirischen Erhebung, der Methoden, als auch auf der Ebene der Erkenntnis der allgemeinen Entwicklungsgesetze – heranzuziehen. Er ermöglicht uns eine strukturierte und produktiv begrenzte Auseinandersetzung, in der zugleich möglichst viele Aspekte der Imperialismusdiskussion konkret entfaltet und entwickelt werden müssen.

3. Zur Klärung und Beantwortung dieser Frage wird die gesamte Organisation einbezogen. Die politische Entwicklung entlang dieser Frage hat Priorität und wird zum Schwerpunkt der Tätigkeit der gesamten KO in der nächsten Legislatur.

4. Der Kommunismus-Kongress soll organisiert werden, um den Zwischenstand unserer Auseinandersetzung mit der Imperialismus- und Kriegsfrage darzustellen und unsere weitere Klärung durch die bewegungsöffentliche Diskussion voranzubringen.

5. Die Thesen zur Kommunistischen Partei und zum Selbstverständnis der KO sind weiterhin Ausdruck einer guten Entwicklung der KO hin zu mehr Klarheit und Einheit. Sie sollen weiterhin von der VV diskutiert und beschlossen werden. Im Versuch der Klärung der Imperialismusfrage liegt großes Potential für unsere Entwicklung hin zu einer stärkeren Organisation und hin zu einem besseren Verständnis der Anforderungen an die Partei. Mit einem solchen Verständnis werden wir in der Diskussion gut an dem Stand des Selbstverständnisses anknüpfen können.

Aktionsorientierung der KO gegen den deutschen Imperialismus

Beschluss der vierten Vollversammlung, April 2022

Die KO organisiert Aktionen, Kundgebungen, Demos, Veranstaltungen und weitere geeignete Formen, um entsprechend dieser Orientierung gegen den deutschen Imperialismus und gegen Faschismus und Geschichtsrevisionismus aktiv zu werden.

Wir bekämpfen die Kriegspolitik des deutschen Imperialismus, einem der mächtigsten NATO-Staaten. Wir bekämpfen die NATO, ihre Kriegspolitik und Kriegslügen und Propaganda.

Wir bekämpfen Waffenlieferungen an die Ukraine.
Keine Waffen und kein Geld an die Ukraine! Jede Waffenlieferung verlängert den Krieg und dient nur der Macht der deutschen Imperialisten und Rüstungsmonopole.

Wir bekämpfen die 100-Milliarden-Kriegskredite.
Damit will der deutsche Imperialismus sich in die Lage versetzen, eigenständig größere Kriege zu führen. Der proletarische Internationalismus gibt uns den Auftrag, das zu verhindern oder zumindest zu bekämpfen, solange wir es nicht verhindern können.

Wir bekämpfen die NATO in Deutschland, ihre Truppenverlegung nach Osteuropa und ihre Osterweiterung. Die NATO-Truppen und Einrichtungen in Deutschland sind wesentlicher Bestandteil der Kriegsführung der USA, der BRD und der NATO insgesamt. Sie sind Zentren des Militarismus und der Bedrohung für andere Länder sowie eine Gefahr für die Arbeiterklasse hierzulande.

Wir bekämpfen den Faschismus, der durch die NATO und die BRD in der Ukraine und in Osteuropa aufgebaut und bewaffnet wird – und gegen den Faschismus in unserem Land. Die Faschisten, ihr Terror und ihre brutale menschenverachtende Ideologie gehört zur deutschen und NATO-Kriegspolitik. Es ist unsere Pflicht, die Faschisten zu bekämpfen, wo wir sie treffen.

Wir bekämpfen die Rehabilitierung des Faschismus und den Geschichtsrevisionismus. Die Reinwaschung der Faschisten dient dazu, die deutsche bürgerliche Klasse von ihrer Kriegsschuld reinzuwaschen, um neue Kriege vom Zaun brechen zu können – dazu dient der Geschichtsrevisionismus.

Wir bekämpfen den deutschen Chauvinismus, die antirussische und allgemein rassistische Hetze und das Verbot von sowjetischen, russischen und den Fahnen der Volksrepubliken, Symbolen und Zeichen. Die rassistische und chauvinistische Hetze gegen Russland, gegen sein Volk und seine Kultur wird von den Herrschenden befeuert und dient zur ideologischen Mobilmachung.

Wir kämpfen gegen die Verfolgung, Einschüchterung und Bedrohung unserer russischen Mitbürger. Wir kämpfen gegen die Ungleichbehandlung Geflüchteter aus anderen Ländern.

Mit dem in unserer Organisation bestehenden Dissens zur Imperialismus- und Kriegsfrage gehen wir offen um und nutzen ihn, um offensiv die Notwendigkeit eines kommunistischen Klärungsprozesses in die Bewegung zu tragen. Individuelle Analyse und Position kennzeichnen wir gegenüber Dritten als solche.

Der Imperialismus von gestern und von heute

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Hugo Müller, Mai 2022

Imperialismus, eine Definition

Es ist unter Kommunisten üblich, das Wort Imperialismus überall zu verwenden. Angesichts der gegenwärtigen Schwäche der kommunistischen Bewegung und unserer ideologischen und politischen Unzulänglichkeiten wäre es sinnvoller, einen Schritt zurückzutreten und zu klären, was wir meinen, wenn wir von Imperialismus sprechen, denn offensichtlich verstehen viele Genossen unterschiedliches darunter. Aber wenn wir diskutieren wollen, müssen wir die Begriffe definieren, ohne das auf eine semantische Frage zu reduzieren. Und da wir Marxisten-Leninisten sind, sollten wir mit der allgemeinsten Definition von Lenin anfangen, auch wenn es ein langes Zitat ist:

„Ökonomisch ist der Imperialismus (oder die „Epoche“ des Finanzkapitals – nicht um Worte geht es) die höchste Entwicklungsstufe des Kapitalismus, und zwar eine Stufe, auf der die Produktion so sehr Groß- und Größtproduktion geworden ist, daß die freie Konkurrenz vom Monopol abgelöst wird. Das ist das ökonomische Wesen des Imperialismus. Das Monopol findet seinen Ausdruck sowohl in den Trusts, Syndikaten usw. als auch in der Allmacht der Riesenbanken, sowohl im Aufkauf der Rohstoffquellen usw. als auch in der Konzentration des Bankkapitals usw. Das ökonomische Monopol – das ist der Kern der ganzen Sache.

Der politische Überbau über der neuen Ökonomik, über dem monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus ist monopolistischer Kapitalismus) ist die Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion. Der freien Konkurrenz entspricht die Demokratie. Dem Monopol entspricht die politische Reaktion. „Das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft“, sagt Rudolf Hilferding völlig richtig in seinem „Finanzkapital“.

Die „Außenpolitik“ von der Politik schlechthin zu trennen oder gar die Außenpolitik der Innenpolitik entgegenzustellen ist grundfalsch, unmarxistisch, unwissenschaftlich. Sowohl in der Außenpolitik wie auch gleicherweise in der Innenpolitik strebt der Imperialismus zur Verletzung der Demokratie, zur Reaktion. In diesem Sinne ist unbestreitbar, daß der Imperialismus „Negation“ der Demokratie überhaupt, der ganzen Demokratie ist, keineswegs aber nur einer demokratischen Forderung, nämlich der Selbstbestimmung der Nationen.“1

Noch dazu, haben wir die berühmten 5 Merkmale, die den Imperialismus definieren sollen. Im Übrigen sind Lenins Anmerkungen zu seiner Definition des Imperialismus ganz wichtig. „Deshalb muß man – ohne zu vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann – eine solche Definition des Imperialismus geben.“2 Die 5-Punkte-Definition ist:

„1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen. 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses „Finanzkapitals“. 3. Der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung. 4. Es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen. 5. Die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet“.3

Wie wir sehen, ist der Imperialismus für Lenin nicht einfach eine ökonomische Tatsache oder eine bestimmte Außenpolitik. Der Imperialismus ist also aus der Sicht des Marxismus-Leninismus eine (historische) Epoche, die der höchsten Stufe der kapitalistischen Entwicklung entspricht, in deren ökonomischer „Basis“ die kapitalistischen Verhältnisse aufrechterhalten werden, wenn auch mit einigen charakteristischen Merkmalen: dem Finanzkapital als Ergebnis der Verschmelzung von Bank- und Industriekapital, dem Vorrang des Kapitalexports vor dem Warenexport und der Vorherrschaft der Monopole, die an die Stelle der freien Konkurrenz treten. Dieser ökonomische Inhalt des Imperialismus braucht also eine entsprechende politische Form. Diese Form kann keine andere sein als der imperialistische Staat, dessen Verhalten nach außen und nach innen ebenfalls Besonderheiten aufweist (die je nach den Umständen von einer liberalen Republik bis zu einer faschistischen Diktatur reichen können). Die Kapitalistenverbände, die durch die imperialistischen Staaten gebildet wurden, teilen die Welt unter sich zu Gunsten ihrer Monopole. Und wenn die Aufteilung der Welt beendet worden ist, müssen sie für eine Neuaufteilung kämpfen. In der Innenpolitik sind die imperialistischen Staaten insofern antidemokratisch, als sie den in ihrem Staatsgebiet lebenden Völkern das Selbstbestimmungsrecht verweigern.

Die Beziehung zwischen Ökonomie und Politik ist selbstverständlich nicht unidirektional, sondern beide beeinflussen sich gegenseitig. Die Metapher Basis/Überbau dient der Veranschaulichung, denn eine wirkliche Trennung zwischen Ökonomie und Politik ist im Kapitalismus nicht möglich, und noch weniger in seiner imperialistischen Epoche.

Ich glaube, dass mit dieser gemeinsamen Grundlage über den Imperialismus können wir zum historisch-Konkreten übergehen. Zunächst möchte ich jedoch einige Bemerkungen vornehmen.

Obwohl es offensichtlich ist, dass es Parallelen zwischen der Situation zu Beginn des letzten Jahrhunderts und der heutigen Situation gibt, können wir keineswegs sagen, dass sie identisch sind, und daher ist es nicht möglich, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze zu zitieren, um zu erklären, was heute geschieht. Was wir jedoch tun können, ist zu lernen, wie Lenin die historische Situation mittels seines Imperialismus-Verständnises analysierte und welche politischen Schlussfolgerungen er daraus zog.

Wenn wir das geschafft haben, können wir dann in der Lage sein, den heutigen Imperialismus, den heutigen Krieg und die zukünftigen Kriege zu verstehen. Wenn wir verstehen, wie die historische Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus und zum Ersten Weltkrieg geführt hat, werden wir hoffentlich auch verstehen können, wie wir in die heutige Situation gekommen sind. Dies kann nur gemeinsam erreicht werden, und deshalb versuche ich hier, die Debatte in diese Richtung zu eröffnen.

Der Imperialismus von gestern

Ich denke, um Lenins Analyse des Ersten Weltkriegs und die politischen Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, nachvollziehen zu können, ist es notwendig, über die Definition hinaus zu verstehen, wie Lenin den konkreten Imperialismus von damals versteht. In meinem Versuch, Lenins Verständnis des Imperialismus und des Krieges wiederzugeben, werde ich ihn oft zitieren oder verweisen. Dies ist notwendig, um vereinfachende Kürzungen zu vermeiden.

Das konkrete Verständnis Lenins vom Imperialismus

Wann und wo entstand also der Imperialismus? Dabei geht es nicht um ein bestimmtes Datum, sondern um eine Periode. Lenin sagt, dass es in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die höchste, äußerste Entwicklungsstufe der freien Konkurrenz existierte.4 Genau diesen Kapitalismus der freien Konkurrenz konnte Marx in England studieren, als er „das Kapital“ schrieb. Allerdings hatte bereits Marx die Tendenz zum Monopol im freien Wettbewerb beobachtet.5

In seinem bekannten Werk Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus zeigt Lenin auf, wie die Entwicklung des Kapitalismus in Europa und Nordamerika im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in der Tat wirtschaftlich von der freien Konkurrenz zur Epoche der Monopole geführt hat. Diese neue Epoche des Kapitalismus fällt mit der Aufteilung von Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären durch die europäischen Mächte am Ende des 19. Jahrhunderts zusammen. Der Kapitalismus ist dann am Anfang des 20. Jahrhunderts „zum Imperialismus geworden“.6

Da Lenin immer von Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären spricht, ist es vielleicht sinvoll, diese Unterscheidung ein wenig zu klären, da sie später wichtig sein wird. Die Kolonien: als Kolonie bezeichnet Lenin ein auswärtiges, politisch abhängiges, national unterdrücktes Gebiet. Beispiele davon waren: Deutsch-Ostafrika, Belgisch-Kongo und Französisch-Westafrika. Die Halbkolonien: der Begriff „halbkolonial“ wurde auf sie angewandt, weil die Länder unter der direkten Einmischung ausländischer Mächte litten, auch wenn sie formal eine eigene Regierung hatten. Lenin spricht in der Regel von 3 halbkolonialen asiatischen Ländern,7 die sozusagen informelle Kolonien waren. Die typischen Beispiele davon waren: Türkei, China und Persien8. Die Einflußsphären: damit meinte Lenin „Sphären für gewinnbringende Geschäfte, Konzessionen, Monopolprofite usw.“9 Beispiele davon waren Dalmatien und Albanien10, sowie Argentinien11.

Um es auf den Punkt zu bringen: die großen asiatischen Reiche blieben formal unabhängig (Halbkolonien). Große Kolonien wie Kanada, Indien und Australien gehörten zu England. Die südamerikanischen Länder gehörten im Allgemeinen zur britischen Einflusssphäre, aber der Kampf um sie gegen die USA gewann an Schärfe (Stichwort: Monroe-Doktrin). Daher mussten die Imperialisten um Einflusssphären auf dem Balkan und um Kolonien in Afrika kämpfen.

Doch zuvor versuchten die Imperialisten, die Probleme auf diplomatischem Wege zu lösen. Bei dem Berliner Kongress von 1878 wurde die Balkankrise beendet und eine Aufteilung von Einflusssphären in Südosteuropa vereinbart. Die Berliner Konferenz von 1878 bildet die Grundlage für die Aufteilung der Kolonien in Afrika. Mit dem Londoner Vertrag von 1913 wurde eine Neuaufteilung der Einflusssphären in Südosteuropa vorgenommen.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Lenin zwischen den imperialistischen Ländern die Unterschiede bennent. Er bezeichnet sie zwar alle als imperialistisch, ist aber in der Lage, die Form, in der sie ihren Imperialismus ausüben, je nach ihrer eigenen Entwicklung und ihren Beziehungen zu anderen Ländern zu unterscheiden. Der deutsche Imperialismus, zum Beispiel, verfügte nicht über einen großen Kolonialbesitz und sein im Ausland investiertes Kapital verteilte sich am gleichmäßigsten auf Europa und Amerika.12 Der Kapitalexport des französichen „Wucherimperialismus“ war hauptsächlich nach Europa und vor allem nach Rußland.13 Interessanterweise unterscheidet Lenin zwischen zwei Arten von Imperialismus, die von Russland ausgeübt wurden. „Auf der einen Seite haben wir den modernen, kapitalistischen Imperialismus, dessen Ausdruck in der Politik des Zarismus gegenüber Persien, der Mandschurei und der Mongolei angezeigt wird. Auf der anderen Seite war der russische Imperialismus feudal und militärisch.“14

Ein weiteres Beispiel für Lenins Scharfsinn ist der Imperialismus Englands, den er als Kolonialimperialismus bezeichnet. In „England steht an erster Stelle sein Kolonialbesitz, der auch in Amerika sehr groß ist (z. B. Kanada), von Asien usw. gar nicht zu reden. Die riesige Ausfuhr von Kapital ist hier aufs engste mit den riesigen Kolonien verknüpft, von deren Bedeutung für den Imperialismus weiter unten noch die Rede sein wird.“15

Er geht weiter und beschreibt die Beziehung Englands mit einem anderen Imperialisten, Portugal. „Portugal ist ein selbständiger, souveräner Staat, aber faktisch steht es seit mehr als 200 Jahren, seit dem spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), unter dem Protektorat Englands. England verteidigte Portugal und dessen Kolonialbesitz, um seine eigene Position im Kampfe gegen seine Gegner, Spanien und Frankreich, zu stärken. Dafür erhielt England Handelsprivilegien, bessere Bedingungen beim Warenexport und besonders beim Kapitalexport nach Portugal und seinen Kolonien, die Möglichkeit, die Häfen und Inseln Portugals zu benutzen, seine Kabel usw. usf. Derartige Beziehungen zwischen einzelnen großen und kleinen Staaten hat es immer gegeben, aber in der Epoche des kapitalistischen Imperialismus werden sie zum allgemeinen System, bilden sie einen Teil der Gesamtheit der Beziehungen bei der „Aufteilung der Welt“ und verwandeln sich in Kettenglieder der Operationen des Weltfinanzkapitals.“16 Portugal sei dann finanziell und diplomatisch abhängig, politisch aber unabhängig.

Es gab aber auch Gebiete, die sich nicht ohne weiteres einer der europäischen Mächte zuordnen ließen, die aber eine besondere Rolle spielten. Zum Beispiel Afghanistan am Ende des 19. Jahrhunderts, das als Puffer zwischen den Gebieten Russlands und Englands diente, wo sich die Imperialisten nicht auf die Form der Teilung einigen konnten oder, in Lenins Worten, „wegen der Teilung der Beute in Mittelasien um ein Haar zu einem Krieg zwischen Rußland und England gekommen wäre (Afghanistan; der Vormarsch der russischen Truppen in Mittelasien bedrohte die englische Herrschaft in Indien).“17

Wie man sieht, das leninsche Verständniss vom Imperialismus ist sehr tief und konkret. Das ist nur möglich, weil Lenin den Marxismus beherrscht und die historische Entwicklung des Kapitalismus kennt. Lenin kennt auch die politischen und ökonomischen Verhältnisse zwischen und innerhalb von den Ländern. Er unterscheidet zwischen den „herrschenden“ Ländern (den verschiedenen Arten von Imperialisten), und auch zwischen den „beherrschten“ Ländern (Kolonien, Halbkolonien, Einflusssphären), wo die Grenzen nicht statisch sind, wobei es gibt Länder, die sozusagen eine Doppelrolle spielen können, wie z.B. Portugal.

Der Krieg und die damalige kommunistische Bewegung

Erst wenn die ganze Welt unter den kapitalistischen Staaten aufgeteilt geworden war, ist ein Kipppunkt erreicht, und damit der imperialistischer Weltkrieg. Die Kapitalisten brauchen neue Gebiete, neue Märkte, mehr Ressourcen und Arbeitskräfte. Von da an müssen die Imperialisten für eine neue Aufteilung der Welt kämpfen, d.h. für eine neue Aufteilung der Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären. Lenin erklärt dies wie folgt: „Es fragt sich, welches andere Mittel konnte es auf dem Boden des Kapitalismus geben außer dem Krieg, um das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und der Akkumulation des Kapitals einerseits und der Verteilung der Kolonien und der „Einflußsphären“ des Finanzkapitals anderseits zu beseitigen?“18

Das war den europäischen Staaten schon lange vor dem Krieg bewusst, für den sie sich in zwei Lagern organisierten. Obwohl der Krieg erst 1914 ausbrechen sollte, gingen ihm die beiden Seiten voraus. Der Dreibund wurde 1882 und die Triple-Entente 1907 gegründet. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass im Laufe des Krieges neue Mitglieder zu beiden Seiten stießen, wobei Italien der auffälligste Fall ist, da es zunächst dem Dreibund angehörte und später auf die Seite der Entente wechselte.

Was den Chauvinismus und die als Bündnisse getarnte Kriegspropaganda betrifft, deckte Lenin auf, dass die russischen Liberalen ebenfalls Chauvinisten waren, auch wenn sie nicht wie die Konservativen offen pro-russische Kriegspropaganda betrieben, sondern für die Entente waren. Lenin zeigt dies anhand einer tierischen Metapher: „Die Politik der Kadetten läuft auf den gleichen Chauvinismus und Imperialismus hinaus wie die des „Nowoje Wremja“, nur ist sie schlauer und gerissener. Das „Nowoje Wremja“ droht plump und grob mit Krieg im Namen Rußlands allein. Die „Retsch“ droht „geschickt und diplomatisch“ ebenfalls mit Krieg – doch im Namen der Triple-Entente; denn wenn man sagt: „Man soll nicht bescheidener sein als not tut“, so ist das eben eine Kriegsdrohung. Das „Nowoje Wremja“ ist für die Protegierung der Slawen durch Rußland, die „Retsch“ für die Protegierung der Slawen durch die Triple-Entente, d. h., das „Nowoje Wremja“ ist für den einen, für unseren Fuchs im Hühnerstall, die „Retsch“ aber für eine Entente von drei Füchsen.“19

Die damalige proletarische Weltorganisation, die Zweite Internationale, sah, bevor sie in Opportunismus und Zusammenbruch verfiel, ebenfalls die Möglichkeit eines Krieges voraus und warnte die Arbeiter vor ihm. „Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Büros, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.“20

Es ist wichtig festzustellen, dass die Zweite Internationale zwar 1912 das Basler Manifest verfasste, in dem sie sich gegen den bevorstehenden Krieg aussprach, aber als der tatsächliche Krieg nur zwei Jahre später ausbrach, brach die Mehrheit der internationalen Sozialdemokratie mit dem Marxismus, wurde opportunistisch und unterstützte den Krieg. Die Massenbewegung der Arbeiter jener Jahre ist ohne ihre revolutionäre Theorie inmitten des imperialistischen Gemetzels verloren. Obwohl es sicherlich Ausnahmen gab, wie zum Beispiel die Bolschewiki in Russland oder der Spartakusbund in Deutschland.

Doch was meint Lenin, als er von Opportunismus spricht? Lass ihn mal sich selbst erklären: „Ganz zu Unrecht hält man bei uns nicht selten dies Wort für ein „bloßes Schimpfwort“, ohne sich zu überlegen, was es bedeutet. Der Opportunist verrät seine Partei nicht, wird ihr nicht abtrünnig, verläßt sie nicht. Aufrichtig und eifrig fährt er fort, ihr zu dienen. Aber typisch und charakteristisch für ihn ist, daß er jeder Augenblicksstimmung erliegt, daß er unfähig ist, der Mode zu widerstehen, daß er politisch kurzsichtig und charakterlos ist. Opportunismus heißt die dauernden und lebenswichtigen Interessen der Partei ihren Augenblicksinteressen, vorübergehenden, zweitrangigen Interessen zum Opfer bringen.“21

In diesem Sinne könnte man sagen, dass Lenin von Opportunismus spricht, wenn die strategischen Interessen der Revolution für den Augenblick geopfert werden. Der Text von 1906 bezieht sich offensichtlich auf die Nachwirkungen der Revolution von 1905. Seine goldenen Jahre erlebte der Opportunismus jedoch 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach und die Opportunisten die Interessen der Revolution zurückstellten, um „ihre“ Bourgeoisie im Krieg zu unterstützen.

Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges schrieb Lenin 1914 Der Krieg und die russische Sozialdemokratie, in dem er seine Enttäuschung über den Opportunismus der europäischen sozialdemokratischen Parteien zum Ausdruck brachte:

„Mit dem Gefühl tiefster Bitterkeit muß man feststellen, daß die sozialistischen Parteien der wichtigsten europäischen Länder diese ihre Aufgabe nicht erfüllt haben und daß die Haltung der Führer dieser Parteien, insbesondere der deutschen Partei, an direkten Verrat an der Sache des Sozialismus grenzt. In einer Zeit von höchster weltgeschichtlicher Bedeutung versuchen die meisten Führer der jetzigen, der Zweiten (1889 bis 1914) Sozialistischen Internationale den Sozialismus durch den Nationalismus zu ersetzen. Ihrem Verhalten ist es zuzuschreiben, daß die Arbeiterparteien dieser Länder sich dem verbrecherischen Vorgehen der Regierungen nicht widersetzten, sondern die Arbeiterklasse aufforderten, mit den imperialistischen Regierungen gemeinsame Sache zu machen. Indem die Führer der Internationale für die Kriegskredite stimmten, die chauvinistischen („patriotischen“) Losungen der Bourgeoisie „ihrer“ Länder aufgriffen, den Krieg rechtfertigten und verteidigten, in die bürgerlichen Kabinette der kriegführenden Länder eintraten usw. usf., haben sie Verrat am Sozialismus geübt.“22

Wenn man argumentieren möchte, dass einige Parteien nicht in der Lage waren, revolutionäre Aktionen gegen ihre Regierungen zu starten, um den Krieg zu beenden, antwortet Lenin selbst: „Selbst angenommen, es habe der deutschen Sozialdemokratie so sehr an Kraft ermangelt, daß sie genötigt war, auf jederlei revolutionäre Aktion zu verzichten, so durfte sie sich auch in diesem Fall nicht dem chauvinistischen Lager anschließen, durfte sie nicht Schritte tun, auf Grund deren die italienischen Sozialisten mit Recht erklärten, daß die Führer der deutschen Sozialdemokraten das Banner der proletarischen Internationale entehren.“23

Auch wenn „die Organisation der Arbeiterklasse gegenwärtig weitgehend zerschlagen ist“, sagt Lenin, es wird die Aufgabe der revolutionären Sozialdemokratie sein, „weder auf die ständige, tägliche Kleinarbeit zu verzichten noch irgendeine der früheren Methoden des Klassenkampfes zu vernachlässigen“.24

Für Lenin ist klar, dass die Kommunisten auf die Revolution und den Sozialismus nicht verzichten können, um das Vaterland zu verteidigen, wie „ihre“ Bourgeoisie es von ihnen verlangt, auch wenn sie nicht in der Lage sind, die Revolution durchzuführen. Im Gegenteil, die Kommunisten müssen die Krisensituation ihrer eigenen imperialistischen Regierung nutzen, um die revolutionären Ziele voranzutreiben: „Der ideologisch-politische Inhalt des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und derselbe: Zusammenarbeit der Klassen statt Klassenkampf, Verzicht auf revolutionäre Kampfmittel, Unterstützung der „eigenen“ Regierung in einer für sie schwierigen Lage statt Ausnutzung dieser Schwierigkeiten für die Revolution.“25

Der Internationalismus des Proletariats ist nach Lenin mit der Verteidigung des Vaterlandes nicht vereinbar, auch wenn Trotzki und Potressow dies seinerzeit behaupteten. Potressow sprach sogar von der besonderen Lage des Staates, „der von Zerstörung bedroht ist“.26 Und damit rechtfertigte er die Vaterlandsverteidigung.

Doch mit der Februarrevolution 1917 ändert sich die spezifische Situation in Russland. Betrachten wir diese Situation jedoch genauer, da sie den Auftakt zur Oktoberrevolution bildet und noch in den Rahmen des Ersten Weltkriegs eingebettet ist.

Mit der bürgerlichen Revolution vom Februar 1917 in Russland wurde der Zarismus gestürzt und eine liberale provisorische Regierung27 in Russland eingesetzt. Das Proletariat nahm zwar an der Revolution teil, kam aber nicht an die Macht, obwohl die Sowjets als Parallelstaat wieder in Erscheinung traten. Die provisorische Regierung beschloss, den imperialistischen Krieg weiterzuführen28.

Als Schlussfolgerung der Analyse des Imperialismus seiner Zeit vertritt Lenin die Auffassung, dass der Krieg ein imperialistischer, reaktionärer Krieg, der von den herrschenden Klassen geführt wurde. Und er lehrt uns, wie wir den Massen (und uns selbst) den Krieg als Klassenkrieg erklären müssen. „Wir müssen es verstehen, die Massen darüber aufzuklären, daß der sozial-politische Charakter des Krieges nicht durch den „guten Willen“ von Personen und Gruppen oder selbst Völkern bestimmt wird, sondern durch die Stellung der Klasse, die den Krieg führt, durch ihre Politik, deren Fortsetzung der Krieg ist, durch die Verbindungen des Kapitals als der herrschenden ökonomischen Macht in der modernen Gesellschaft, durch den imperialistischen Charakter des internationalen Kapitals, durch die – finanzielle, bankmäßige und diplomatische — Abhängigkeit Rußlands von England und Frankreich usw.“29 Es scheint mir, dass diese Art der Erklärung des Charakters eines Krieges auch heute gültig ist, worauf ich später zurückkommen werde.

An dieser Stelle halte ich es für wichtig, einen Moment innezuhalten und den Wandel zu analysieren, den die Februarrevolution in der russischen Arbeiterbewegung darstellt.

Vor der Februarrevolution vertreten die Bolschewiki den revolutionären Defätismus, d. h. den Wunsch und die Unterstützung für die Niederlage der eigenen reaktionären Regierung im imperialistischen Krieg zum politischen Nutzen des Proletariats: Es liegt also in seinem Klasseninteresse. Lenin beschuldigt diejenigen, die sich dem widersetzen, als Sozialchauvinisten: „Die Verfechter des Sieges der eigenen Regierung im gegenwärtigen Krieg und die Anhänger der Losung „weder Sieg noch Niederlage“ stehen gleicherweise auf dem Standpunkt des Sozialchauvinismus. Die revolutionäre Klasse kann in einem reaktionären Krieg nicht anders als die Niederlage der eigenen Regierung wünschen, sie kann den Zusammenhang zwischen militärischen Mißerfolgen der Regierung und der Erleichterung ihrer Niederringung nicht übersehen.“30 Es ist wichtig, diesen letzten Punkt zu betonen: Die Niederlage der zaristischen Regierung liegt im Klasseninteresse des Proletariats, da sie bessere Bedingungen für ihren Sturz und den Sozialismus schafft. Daraus lassen sich zwei konkrete Schlussfolgerungen ziehen: Mit dem Sturz des Zarismus könnten die demokratischen Rechte errungen werden und die beiden Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft nun in einem offenen Kampf um die Macht stehen.

Dagegen haben Trozki und andere argumentiert. Trotzki glaubte, „die Niederlage Rußlands wünschen heiße den Sieg Deutschlands wünschen“. Semkowski meinte, „das sei Unsinn, denn siegen könne nur entweder Deutschland oder Rußland“. Der Wunsch nach der Niederlage der eigenen imperialistischen Bourgeoisie bedeutet keineswegs, den Sieg der anderen Bourgeoisie zu unterstützen. Das würde den Verzicht auf die ideologische und politische Unabhängigkeit des Proletariats bedeuten. „In allen imperialistischen Ländern muß das Proletariat jetzt die Niederlage seiner eigenen Regierung wünschen.“31 Die Aufgabe des russischen Proletariats war es, gegen die russische Regierung zu sein, sowie die Aufgabe des deutschen Proletariats es war, gegen die deutsche Regierung zu sein.

Was passierte nun nach der Februarrevolution? Es stimmt zwar, dass die Bolschewiki zunächst die Provisorische Regierung gegen den Zarismus unterstützten, nur um später die Frage der Macht und des Sozialismus gegen die Provisorische Regierung zu stellen.

Nach der Februarrevolution waren die Opportunisten die ganze Zeit für die Verteidigung der provisorischen Regierung. Lenin wirft ihnen vor, das Kapital zu unterstützen: „Der Vaterlandsverteidiger aus der Masse sieht die Dinge einfach, auf Spießbürgerart: „Ich will keine Annexionen, der Deutsche will mir ,an den Kragen‘, folglich verteidige ich eine gerechte Sache und durchaus nicht irgendwelche imperialistischen Interessen.“ Einem solchen Menschen muß immer wieder klargemacht werden, daß es nicht auf seine persönlichen Wünsche ankommt, daß es sich vielmehr um politische Verhältnisse und Beziehungen der Massen, der Klassen, um den Zusammenhang des Krieges mit den Interessen des Kapitals und dem internationalen Bankennetz usw. handelt.“32 Auch hier sehen wir den Klassenstandpunkt. Lenin zeigt uns, dass der imperialistische Krieg und die Vaterlandsverteidigung im Klasseninteresse des Kapitals und nicht des Proletariats liegt. Nach der Niederlage des Zarismus wurde der offene Kampf zwischen den beiden Hauptklassen der russischen kapitalistischen Gesellschaft immer deutlicher. Das Klasseninteresse des Proletariats war auch hier nicht die Verteidigung des Vaterlandes, sondern die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie für den Sozialismus.

Wie schon gesagt, vor der Februarrevolution propagierte Lenin den revolutionären Defätismus, um bessere Bedingungen für den proletarischen Kampf zu schaffen. Nach dem Sturz des Zarismus, wobei der Sturz Klassenkampf war und auch durch den zwischenimperialistischen Krieg ermöglicht worden ist, gewann der Klassenkampf um die Macht zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat immer mehr an Bedeutung. Sobald die Lage für den offenen Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat bereitet war, führten die Bolschewiki das Proletariat zur Machtergreifung.

Die spätere Praxis als Wahrheitkriterium hilft uns festzustellen, dass die Charakterisierung des Krieges und das entsprechende Vorgehen der Bolschewiki richtig war. Was im Oktober und nach dem Ende des Krieges passiert, ist hinlänglich bekannt.

Der Imperialismus von gestern ist das Produkt der „natürlichen“ Entwicklung des Kapitalismus, des historischen Übergangs von der freien Konkurrenz zum Monopol, der Aufteilung und des Kampfes um eine neue Aufteilung der Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären sowie der politischen Reaktion der einst revolutionären Bourgeoisien.

Zwischen dem Imperialismus von gestern und dem von heute besteht ein grundlegender Unterschied: der Zeitraum 1917-1991, da der heutige Imperialismus nicht aus der „natürlichen“ Entwicklung des Kapitalismus hervorgegangen ist, sondern aus der Konterrevolution, wie wir weiter unten sehen werden.

Die Oktoberrevolution in Russland markierte einen Meilenstein in der Geschichte der Menschheit, indem sie die Überwindung des Kapitalismus und damit des Imperialismus und seiner Kriege als reale Alternative darstellt. Die Bedeutung der Oktoberrevolution wurde von Stalin 1918 wie folgt beschrieben:

„Die gewaltige Weltbedeutung des Oktoberumsturzes besteht ja hauptsächlich gerade darin, dass er

1. den Rahmen der nationalen Frage erweitert und sie aus einer Teilfrage, der Frage des Kampfes gegen die nationale Unterdrückung in Europa, in die allgemeine Frage der Befreiung der unterjochten Völker, Kolonien und Halbkolonien vom Imperialismus verwandelt hat; 2. weitgehende Möglichkeiten und wirkliche Wege für diese Befreiung eröffnet hat, so dass er den unterdrückten Völkern des Westens und Ostens ihre Befreiung bedeutend erleichtert hat, indem er sie in den allgemeinen Strom des siegreichen Kampfes gegen den Imperialismus einbezog; 3. hierdurch eine Brücke zwischen dem sozialistischen Westen und dem versklavten Osten geschlagen und eine neue Front der Revolutionen aufgebaut hat, eine Front von den Proletariern des Westens über die Revolution in Russland bis zu den unterjochten Völkern des Ostens, eine Front gegen den Weltimperialismus.“33


Wie die Geschichte später zeigen sollte, markierte die Oktoberrevolution den Beginn eines Zyklus von Revolutionen (einige erfolgreich, andere nicht) zwischen 1917 und 1991, beendete den 1914 begonnenen imperialistischen Krieg, inspirierte und stimulierte nationale Befreiungskämpfe gegen den Imperialismus; kurzum, sie hielt den dekadenten Kapitalismus in Schach und schwächte vorübergehend den zwischenimperialistischen Kampf ab, um den Kampf gegen den gemeinsamen Feind aller Imperialisten, den Kommunismus, zu führen.

Die Oktoberrevolution und das Ende des Krieges waren trotz des Opportunismus der Zweiten Internationale nur durch die Gründung einer kommunistischen Partei neuen Typs möglich, die mit einer revolutionären Theorie ausgestattet und mit den arbeitenden Massen verbunden war, d.h. einer kommunistischen Partei, die zwischen dem revolutionären Proletariat und seiner Avantgarde-Theorie vermittelt.

Der historische Zeitraum von 1917 bis 1991 des internationalen Klassenkampfes unter der Führung des revolutionären Proletariats ist das, was den Imperialismus von gestern und von heute trennt.

Der revolutionäre Zyklus (1917-1991)

Bisher sind wir nur kurz auf die Geschehnisse vor und während des Ersten Weltkriegs eingegangen, um einfache Parallelen zur aktuellen Situation zu vermeiden. Nun ist es an der Zeit, den Zeitraum 1917-1991 zu betrachten. Es handelt sich um einen Zyklus, denn wenn er zu Ende geht, befinden wir uns wieder am gleichen Ausgangspunkt, wenn auch auf einer anderen Ebene. Dies ist jedoch nicht der richtige Ort für eine ausführliche Analyse der Ereignisse in diesem Zyklus.

Was wir tun können, ist ein kurzer Rückblick auf einige weltgeschichtliche Ereignisse zwischen 1917 und 1991, die ich für eine korrekte Einschätzung der aktuellen Situation für relevant halte. Die Notwendigkeit eines solchen Exkurses soll spätestens am Ende verstanden werden.

Die Bestandsaufnahme dieser Zeit könnte natürlich ganze Bücher füllen und kann nur im Rahmen des Klärungsprozesses kollektiv durchgeführt werden. Ich beschränke mich hier auf die Nennung allgemein bekannter Fakten, um zur Analyse des heutigen Imperialismus übergehen zu können.

Auf die Oktoberrevolution folgt die Novemberrevolution, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zusammenfällt, auch wenn diese schließlich besiegt wird. Das imperialistische Deutschland wird im Ersten Weltkrieg besiegt und die Weimarer Republik wird gegründet.

Eines der Ergebnisse des imperialistischen Krieges war die Gründung des Völkerbundes durch die Sieger, einer internationalen Organisation der Bourgeoisien, die versuchen sollte, ihre Differenzen auf diplomatischem Wege beizulegen. Die deutsche Bourgeoisie wurde wegen dem Ersten Weltkrieg bestraft und wurde nicht in den Völkerbund aufgenommen, d.h. sie hatte kein Recht auf die Vereinbarungen zur Neuaufteilung der Welt. Die USA beschlossen aufgrund von Differenzen zwischen den nationalen bürgerlichen Fraktionen dem Völkerbund nicht beizutreten.

1931 marschierte Japan, der letzte Akteur in der imperialistischen Arena, der nach der Aufteilung der Welt dazu gekommen war, in die Mandschurei ein. 1937 marschierte es in das übrige China ein und löste damit den Zweiten Sino-Japanischen Krieg aus. Auf chinesischer Seite war dieser Krieg ein Krieg der nationalen Befreiung, in dem die KP im Bündnis mit der Kuomintang eine wichtige Rolle spielte.

Dem Völkerbund als Vermittler zwischen den Imperialisten gelang es nur in einigen wenigen Fällen, eine Lösung zu finden. Italien und Japan, deren imperialistische Ambitionen in Äthiopien bzw. China durch den Völkerbund behindert wurden, gaben ihn schließlich auf.

Wie wir wissen, begann der Zweite Weltkrieg offiziell 1939, dessen wichtigstes Merkmal darin besteht, den Klassenkampf im Weltmaßstab darzustellen. Natürlich gibt es genügend Literatur über diesen Krieg. Was ich hier betonen will ist, dass es zwar zwischenimperialistische Konflikte gab, der Hauptkonflikt des Krieges aber die Ostfront war, wo der Kampf zwischen dem deutschen Imperialismus und dem sowjetischen Proletariat ausgetragen wurde. Als die UdSSR 1944-1945 in der Gegenoffensive gegen Deutschland nach Westen marschierte, gewann sie die Sympathie der befreiten Völker und einiger anderer, da sie Osteuropa vom Faschismus befreite.

1946 angesichts des offensichtlichen Versagens des Völkerbundes, einen weiteren Krieg zu verhindern, wurde er aufgelöst. Die Sieger des neuen Weltkriegs brauchten eine Institution für die friedliche Organisation der Welt. So wurde 1945 die UNO mit Sitz in New York gegründet, deren Sicherheitsrat aus den USA, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, der UdSSR und China bestand. Die Vereinigten Staaten sind aus dem Zweiten Weltkrieg als dominierendes imperialistisches Land hervorgegangen.

Im Jahr 1949 war die chinesische Revolution erfolgreich.

Im Jahr 1955 wurde der Warschauer Vertrag unterzeichnet; das Militärbündnis der UdSSR mit den osteuropäischen Volksdemokratien als Gegenmaßnahme zur Bedrohung durch die NATO.

Im Jahr 1966 begann in China die Kulturrevolution. Nach Maos Tod und der Verhaftung der Viererbande im Jahr 1976 wurde die Kulturrevolution niedergeschlagen und der rechte Flügel der KP Chinas kam an die Macht. Im Jahr 1978 begann die kapitalistische Restauration in China.

Der Einfluss, den die Oktoberrevolution auf die ganze Welt hatte, war noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bemerkenswert. Es ist unmöglich, hier alle kommunistischen Aufstände oder antiimperialistischen Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu nennen, daher beschränke ich mich auf einige der bekanntesten. Zu den Revolutionen, die sich auf die marxistische Tradition berufen, unabhängig davon, was wir von ihnen halten, gehören zum Beispiel: die kubanische Revolution (1959), die Naxaliten-Revolution (1967), die Revolution auf den Philippinen (1969), die Revolution in Grenada (1979), die Revolution in Peru (1980). Auch unter dem Einfluss der Oktoberrevolution gab es überall auf der Welt nationale Befreiungsbewegungen und bürgerlich-demokratische Revolutionen, z. B. in Angola, Burkina Faso, Nicaragua, Vietnam, um nur einige zu nennen.

Wie wir sehen können, war Stalins Vorhersage von 1918 über die Auswirkungen der Oktoberrevolution auf die Welt richtig.

Der Imperialismus nahm seinen Lauf, mal freier, mal gezügelter. Am Ende des Zyklus, wenn der revolutionäre Schwung überall schwächer wurde, der Klassenkampf in den sozialistischen Ländern in Vergessenheit geriet und die Zeichen der kommenden kapitalistischen Restauration sichtbar wurden, gewann der Imperialismus wieder Selbstvertrauen und wurde politisch und wirtschaftlich aggressiver. Einige Ereignisse am Ende des Zyklus können als Beispiel dienen: die Invasion in Grenada 1983 sowie die Invasion in Panama 1989. Am Ende des Zyklus begannen die westlichen Bourgeoisien, die keine Angst mehr vor dem Kommunismus hatten, das Klassenbündnis mit ihren Arbeiteraristokratien zu brechen und die Wohlfahrtsstaaten zu liquidieren, was die heutige Sozialdemokratie als „Neoliberalismus“ bezeichnet.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion markierte das Ende des revolutionären Zyklus unter dem Paradigma der Oktoberrevolution. In dieser Hinsicht ist es dringend notwendig, eine Bestandsaufnahme der revolutionären Praxis zur Weiterentwicklung der revolutionären Theorie im Hinblick auf den Parteiaufbau vorzunehmen.

Der Imperialismus von heute

Schließlich ist es an der Zeit, den heutigen Imperialismus zu analysieren. Ich werde hier versuchen, die historische Situation, in der wir uns befinden, in groben Zügen zu umreißen. Je besser und tiefer wir den revolutionären Zyklus analysiert haben, desto besser können wir unsere gegenwärtige Situation verstehen und verändern.

Aber zuerst kehren wir zu dem obengenannten Lenins Zitat zurück: „ohne zu vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann“. Lenin spricht hier von einer Erscheinung des Imperialismus. Daraus lässt sich ableiten, dass Lenin im Imperialismus von damals eine Erscheinung sah, wobei seine Definition dieser Erscheinung ziemlich vollständig ist und das Gesetz des Imperialismus enthält.

Doch was genau meint Lenin mit Erscheinung? Es ist bekannt, dass Lenin 1914 die Hegelsche Wissenschaft der Logik (wieder)gelesen hat. In seinen Randbemerkungen zur Logik schrieb er zu den Erscheinungen, dass „das Gesetz das identische in den Erscheinungen ist“, dass „eine Erscheinung die Ganzheit, die Totalität ist“ während „das Gesetz nur ein Teil ist“ oder dass „die Erscheinung reicher als das Gesetz ist“.34

Worauf ich hinaus will, ist, dass der Imperialismus von heute eine neue Erscheinung des Imperialismus ist. Da das Gesetz das identische in den Erscheinungen ist, muss der Imperialismus von gestern und von heute ein identisches Gesetz haben, auch wenn die Totalität von beiden anders ist, da die Erscheinungen reicher als das Gesetz sind. Das Gesetz ist meiner Ansicht nach, ökonomisch, die Herrschaft der Monopole, und politisch, die Reaktion nach innen und nach außen. Die Erscheinungsformen können unterschiedlich sein, haben aber diese gemeinsame Merkmale.

Aus meiner Sicht ist die Untersuchung dieser neuen Erscheinung des Imperialismus im Rahmen der ideologischen Aufgaben des Parteiaufbaus notwendig, denn „die Dialektik verlangt die allseitige Erforschung einer gegebenen gesellschaftlichen Erscheinung in ihrer Entwicklung sowie die Zurückführung des Äußerlichen und Scheinbaren auf die grundlegenden Triebkräfte, auf die Entwicklung der Produktivkräfte und den Klassenkampf“.35

Was sind also die Unterschiede zwischen dem Imperialismus von gestern und dem Imperialismus von heute? Meiner Ansicht nach gibt es 3 grundlegende Faktoren, die den heutigen Imperialismus bestimmen:

1. Wenn der revolutionäre Zyklus vorbei ist, sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse bereits überall auf der Welt vorherrschend. Monopole sind in vielen Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas auch Teil der kapitalistischen Normalität. Lenin hatte schon vorausgesagt, dass der Kapitalexport zur weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt führen würde: „der Kapitalexport beeinflußt in den Ländern, in die er sich ergießt, die kapitalistische Entwicklung, die er außerordentlich beschleunigt. Wenn daher dieser Export bis zu einem gewissen Grade die Entwicklung in den exportierenden Ländern zu hemmen geeignet ist, so kann dies nur um den Preis einer Ausdehnung und Vertiefung der weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt geschehen“.36

2. Die politische Form der Kolonien gehört, von Ausnahmen abgesehen, der Vergangenheit an. Während des revolutionären Zyklus gelang es den ehemaligen Kolonien, ihre eigenen Nationalstaaten zu gründen. Dies erklärt sich aus der Reifung der kapitalistischen Entwicklung im Allgemeinen, wo die lokalen Bourgeoisien auf die Schaffung solcher Nationalstaaten gedrängt haben, und auch aus dem Einfluss der Oktoberrevolution, sowohl ideologisch als auch politisch, da die Kommunisten oft auch an der Schaffung solcher (bürgerlicher) Nationalstaaten beteiligt waren.

3. Sobald das Proletariat im Weltmaßstab besiegt ist (1991), kann der Kampf um eine neue Aufteilung der (Kolonien, Halbkolonien und) Einflusssphären mit voller Intensität aufgenommen werden, ohne eine kommunistische Revolution mehr zu fürchten.

Der Imperialismus von heute hat zwar den gleichen ökonomischen Inhalt, wie der Imperialismus von gestern, aber die (politische) Form weist einige Unterschiede auf, die sich aus den unterschiedlichen historischen Bedingungen ergeben, in denen wir uns befinden.

Damals (1916) war nur „der fortgeschrittene europäische (und amerikanische) Kapitalismus in die neue Epoche des Imperialismus getreten“.37 Heute, mit der Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse in der ganzen Welt und der politischen Befreiung der ehemaligen Kolonien und der Konterrevolution, gibt es viel mehr kapitalistische Staaten, von denen nicht wenige auch schon in die Epoche des Imperialismus getreten sind.

Heute ist es nicht mehr notwendig (oder plausibel), Kolonien zu gründen, d. h. eine politische Herrschaft über andere Nationen de jure auszuüben, um de facto ökonomischen, politischen und sogar ideologischen Einfluss zu behalten. Daher ist die Form der Einflusssphären jetzt wichtiger (möglicherweise greifen die Imperialisten im Notfall wieder auf die Form von Halbkolonien zurück, obwohl dies von Fall zu Fall untersucht werden müsste). Mit anderen Worten, die imperialistischen Beziehungen haben sich weiterentwickelt und unter unseren historischen Bedingungen sind die Einflusssphären und nicht mehr die Kolonien ihre Hauptform. Diese neue Hauptform der imperialistischen Beziehungen muss notwendigerweise auch politisch und militärisch sein, nicht nur ökonomisch, sonst wäre sie eine ökonomische Reduktion des Imperialismus.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand hier den imperialistischen Charakter der europäischen und nordamerikanischen Mächte (oder Japans) in Frage stellt, wichtig ist hier die Charakterisierung der neuen Imperialisten. Auf der einen Seite haben wir die kapitalistischen Staaten, die durch ihre eigene Entwicklung die Epoche der Monopole erreicht haben (z.B. Griechenland, Indien, Brasilien) und auf der anderen Seite haben wir die Staaten der kapitalistischen Restauration, hauptsächlich China und Russland. Für mich ist es eindeutig, dass Russland und China imperialistisch sind, doch muss dies erst noch wissenschaftlich bewiesen werden. Eine vollständige Analyse der spezifischen Fälle Russlands und Chinas würde den Rahmen dieses Textes sprengen, aber ich möchte einige Notizen darstellen, die bei der kollektiven Entwicklung einer solchen Analyse helfen könnten.

Notizen für die Kritik des Imperialismus von heute – Russland und China

Wenn auch nicht ausreichend für eine unfassende Analyse, einige Punkte sind unerlässlich. Diese helfen meiner Einschätzung nach bei der Erfüllung der Leninschen Kriterien mit.

Doch zunächst ist es wichtig, die Kernpunkte der Leninschen Definition in Kurzform aufzugreifen: Ökonomisch geht es um die Herrschaft der Monopole. Politisch geht es um die Reaktion nach innen und nach außen. Hinzu kommt, dass die vorherrschende Form des Imperialismus von heute die Einflusssphären sind. All dies kann nicht von der konterrevolutionären historischen Entwicklung in beiden Staaten getrennt werden.

-Reaktionäre Politik: beide Staaten sind in ihrer Innenpolitik reaktionär, da sie nicht den Feudalismus, sondern den Sozialismus besiegt haben. Sie sind eher reaktionär, weil sie den Lauf der Geschichte nicht nur verlangsamt, sondern rückwärts gerichtet haben. Und sie agieren auch reaktionär. Das Buch von Anton Stengl38 zeigt die reaktionäre und arbeiterfeindliche Politik der KPCh sehr gut auf. Die Verfassungskrise in Russland im Jahr 1993 ist ein auch Beispiel dafür. Was die imperialistische Außenpolitik betrifft, so haben beide Staaten bereits ihren Charakter unter Beweis gestellt: China zum Beispiel mit der Intervention in Vietnam 1979 und der Vorbereitung auf die Verteidigung seiner Interessen in Afrika mit der Militärbasis in Dschibuti im Jahr 2017. Was Russland betrifft, so könnte der Krieg in Tschetschenien als Beispiel dienen.

-Ökonomie: Auf der ökonomischen Seite ist zu beachten, dass sowohl Russland als auch China aufgrund der Vergesellschaftung der Produktion im Sozialismus Monopole geerbt haben, von denen einige privatisiert wurden und andere in staatlicher Hand verbleiben sind. Dies bedeutet keineswegs ein sozialistisches Merkmal, da die betreffenden Staaten bürgerlich sind. Wichtig dabei ist aber, dass diese neuen bürgerlichen Staaten bereits über Monopole verfügen, ohne die „natürliche“ kapitalistische Entwicklung (nochmal) durchlaufen zu haben, und obendrein gibt es eine direkte Identifikation zwischen den Interessen des Staates und den Interessen der staatlichen Monopole.

-Einflusssphären: Wie ich bereits dargelegt habe, sind Einflusssphären die wichtigste Form der imperialistischen Beziehungen von heute. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erbte Russland die Einflusssphären des postsowjetischen Raums und des Warschauer Vertrages wegen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, die bis 1991 aufrechterhalten wurden. Aber Russland war weder wirtschaftlich noch politisch in der Lage, auf der imperialistischen Bühne zu konkurrieren, da es zunächst eine gewisse politische und wirtschaftliche Stabilität im neuen bürgerlichen Staat gewährleisten musste, was der Westen ausnutzte, um Russland „seine“ Einflusssphären im postsowjetischen Raum wegzunehmen. Der Westen integriert die ehemaligen Warschauer-Vertrag- sowie Sowjet-Republiken schrittweise in die EU und die NATO. In dem Maße, in dem der russische Imperialismus an politischer und wirtschaftlicher Stabilität gewinnt, beginnt er, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, um Einflusssphären zu kämpfen. In diesem Zusammenhang hat Russland angesichts des Euromaidan die Krim erobert, obwohl dies ein Sonderfall ist, der speziell analysiert werden muss. Dann kämpft Russland in Syrien gegen den Westen (oder dessen Söldner). Die Imperialisten haben aber aus ihren Erfahrungen gelernt und werden deswegen so weit wie möglich verhindern, dass es in ihren Ländern zu einem Krieg kommt. Deshalb führen sie jetzt so genannte „Stellvertreter-Kriege“ in dem Gebiet, um das sie kämpfen (z.B. Syrien).

-Bündnis: Da der revolutionäre Kommunismus als reale politische Kraft fehlt, neigen die neuen imperialistischen Mächte Russland und China also dazu, sich gegen den gemeinsamen Feind, den Westen, zu verbünden. Russland und China sind heute die größten Konkurrenten des Westens. Und zwar nicht, weil der Westen sie als Erben des Sozialismus oder als autokratische Staaten sieht (womit der Westen kein Problem hat, solange die autokratischen Staaten dem westlichen Kapital freundlich gesinnt sind, wie Saudi-Arabien), sondern weil diese Staaten im Zuge des konterrevolutionären Prozesses auch imperialistisch geworden sind, und sie wurden nicht in den westlichen Block integriert, zumindest nicht vollständig.

Falsches Verständnis vom Imperialismus und seine politische Folgen

Ein falsches Verständnis des Imperialismus von heute kann in die Irre bei der Einschätzung des Krieges führen. Ich werde hier versuchen, einige falsche Argumente bei der Charakterisierung des heutigen Imperialismus und deswegen des heutigen Krieges aufzuzeigen.

Das ist, aus meiner Sicht, was z.B. der Genossin Klara passiert ist, weil der Imperialismus von heute, wie schon gezeigt, eine neue, unterschiedliche Erscheinung ist, mehrere Akteure (auch wenn sie nicht gleich mächtig oder aggresiv wie der Westen sind) als der Imperialismus von gestern hat und nicht als eine „Handvoll Räuber“ und „die Beraubten“39 verstanden werden kann. Von dem falschen Verständniss des Imperialismus leitet sie falsche Schlussfolgerungen ab.

Genossin Klara verliert die Notwendigkeit ideologischer und politischer Unabhängigkeit aus den Augen und verdammt das Proletariat nicht nur Russlands und der Ukraine sondern der ganzen Welt zur Verteidigung der Interessen der russischen Bourgeoisie, selbst wenn sie hier von „Neutralität“ redet: „Die militärische Neutralität der Ukraine ist im Interesse der russischen, der ukrainischen und des internationalen Proletariats“.40 Später schreibt sie, dass „eine einheitliche Politik der internationalen Arbeiterklasse gegenüber Russland, die im Kern eine Unterstützung des Militäreinsatzes gegen die Faschisten in der Ukraine beinhaltete“, auch wenn das Klassenversöhnung sei, wäre „eine im Sinne der revolutionären Strategie, richtige taktische – vielleicht sogar über eine längere Phase anhaltende Orientierung.“41 Aber sie hat es nicht bewiesen. Alles, was sie hier getan hat, ist, uns die Interessen der russischen Bourgeoisie als die Interessen des internationalen Proletariats zu verkaufen.

Hier habe ich keine andere Wahl, als Klara direkt mit Lenin zu konfrontieren, da er bereits mit einem ähnlichen Argument konfrontiert wurde und ich könnte es nicht besser ausdrücken: „So ist auch die Haltung des Herrn A. Potressow, der unter „Internationalität“ versteht, daß man feststellt, wessen Erfolg im Krieg vom Standpunkt der Interessen nicht des nationalen, sondern des gesamten Weltproletariats am ehesten erwünscht oder am wenigsten schädlich wäre. Den Krieg führen die Regierungen und die Bourgeoisie,- das Proletariat habe zu bestimmen, der Sieg welcher Regierung für die Arbeiter der ganzen Welt die geringste Gefahr bedeute“.42 Das Proletariat wäre nicht länger ein unabhängiges politisches Subjekt, das seine eigenen Klasseninteressen verfolgt, sondern würde auf die Unterstützung der einen oder anderen Seite im imperialistischen Krieg reduziert.

Dann haben wir noch zwei andere problematischen Ideen im Abschnitt Lenin und die Frage des Krieges43, die ich so zusammenfasse: der Krieg in der Ukraine wäre für Russland ein nationaler Selbstverteidigungskrieg und daher gerechtfertigt.

Das Problem des nationalen Krieges Russlands wird nicht explizit angesprochen, aber sie zitiert Lenin ausführlich als Einleitung, stellt dann eine Frage und zitiert dann wieder Lenin als implizite Antwort. Sie sagt, dass sie Lenins Zitate benutzt, um zu zeigen, dass ein nationaler Krieg in Europa immer noch möglich wäre, aber in Wirklichkeit versucht sie auf raffinierte Weise zu zeigen, dass ein nationaler Krieg Russlands möglich wäre. Schauen wir uns also die konkreten Beispiele an, die Lenin verwendet.

Ich greife Lenins Bedingungen in dem Beispiel auf, das Klara als Einleitung verwendet, um ein paar Sachen von ihrer Argumentation aufzuzeigen: „Daß der gegenwärtige imperialistische Krieg, der Krieg von 1914 bis 1916, in einen nationalen Krieg umschlägt, ist deshalb in hohem Grade unwahrscheinlich […] Aber man kann ein solches Umschlagen nicht für unmöglich erklären: wenn das Proletariat Europas auf 20 Jahre hinaus ohnmächtig bliebe; wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endete; wenn der außereuropäische Imperialismus (der japanische und der amerikanische in erster Linie) sich ebenfalls noch 20 Jahre halten könnte, ohne, z. B. infolge eines japanisch-amerikanischen Krieges, in den Sozialismus überzugehen, dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich.“44

Es gibt einige Sachen, auf die ich hier hinweisen möchte. Erstens, dass in dem hypothetischen Beispiel, das Lenin anführt, mehrere europäische Staaten nach 20 Jahren imperialistischen Krieges, in denen die proletarische Revolution nicht stattgefunden hat, versklavt worden wären, was heute offensichtlich nicht der Fall ist. Zweitens, dass Lenin in dem hypothetischen Beispiel von der Umwandlung eines imperialistischen Krieges in einen nationalen Krieg spricht. In diesem Fall würde Klara zugeben, dass es sich bei dem Krieg in der Ukraine um einen imperialistischen Krieg handelt, der angeblich zu einem nationalen Krieg werden könnte.

Die Frage, die Klara zwischen den Zitaten stellt, lautet: „dann könnte der Krieg in einen nationalen Krieg (in Europa!) umschlagen, wenn die Unterwerfung des entsprechenden Landes drohen würde?“45 Selbst wenn es als Frage formuliert ist, geht es im Abschnitt im Großen und Ganzen darum, Russlands Angriff als einen nationalen und damit gerechten Krieg implizit darzustellen. Aber auch die nächsten Zitate Lenins, die sie verwendet, helfen nicht weiter.

Die weiteren Beispiele Lenins, die Klara anführt, sind folgende: der amerikanische Unabhängigkeitskrieg gegen England, den Frankreich aus eigenem Interesse unterstützte. In diesem Krieg überwogen laut Lenin die nationalen Interessen gegenüber den imperialistischen Interessen (es war ein Krieg der nationalen Befreiung einer Kolonie). Der Erste Weltkrieg wird von Lenin offensichtlich nicht als nationaler Krieg betrachtet. Dann redet Lenin von möglichen Befreiungskriegen von Persien, Indien und China (eine Kolonien und zwei Halbkolonien). Schließlich spricht Lenin über nationale Kriege von „Seiten der kleinen (nehmen wir an, annektierten oder national unterdrückten) Staaten gegen die imperialistischen Mächte wie sie auch im Osten Europas nationale Bewegungen in großem Maßstab nicht ausschließt“46. Hier spricht Lenin von kleinen, annektierten oder national unterdrückten, Staaten und den nationalen Bewegungen im Osten Europas – und was könnten diese nationalen Bewegungen sein, wenn nicht die der Nationen, die unter dem Joch des Zarismus litten?

Letztlich dienen die von Klara angeführten Beispiele Lenins nicht dem, was sie erwartet, sondern dem Gegenteil: sie weisen nach, dass für Lenin ein nationaler Krieg in Europa nur für die unterdrückten Nationen innerhalb eines imperialistischen Staates, und für die Kolonien und Halbkolonien möglich ist und nicht „wenn die Unterwerfung des entsprechenden Landes drohen würde“.

Im völligen Gegensatz zu allem, was Lenin uns lehrt, ersetzt Klara die Dialektik durch Sophistik, „das Studium aller konkreten Umstände des Ereignisses und seiner Entwicklung“ durch „das Herausgreifen der äußeren Ähnlichkeit verschiedener Fälle ohne den inneren Zusammenhang der Ereignisse“.47 Und was noch schlimmer ist, es geht nicht um reale Fälle (außer dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg), sondern um die Rechtfertigung eines imperialistischen Krieges mit hypothetischen Beispielen, die nicht einmal mit dem übereinstimmen, was sie zu argumentieren versucht.

Ich komme nun zur Frage der Selbstverteidigung Russlands. Diese Frage wird auch in dem Abschnitt behandelt, obwohl sie uns vorher gewarnt hatte: „Russland handelt aus Gründen der Selbstverteidigung“.48 Und dann im Abschnitt geht es darum, Zitate von Lenin einzuwerfen, um noch einmal implizit ihre Position sophistisch zu rechtfertigen. Die Beispiele Lenins, die Klara nimmt, sind über gerechte (hypothetische) Verteidigungskriege von Marokko gegen Frankreich, Indien gegen England, Persien oder China gegen Rußland49. Alle diese Länder, in denen nach Lenins Ansicht ein Verteidigungskrieg gerecht gewesen wäre, waren Kolonien oder Halbkolonien. In anderem Text redet Lenin sogar über einen gerechten Krieg von der Ukraine gegen Russland50, aber das kann man heute als Argument für eine Gegenposition nicht verwenden, denn „vom marxistischen Standpunkt aus muß man den politischen Inhalt eines Krieges in jedem einzelnen Fall und für jeden Krieg besonders bestimmen“.51

Man könnte sagen, dass es sich um einen imperialistischen Verteidigungskrieg handelt, aber es ist keineswegs ein gerechter Krieg, mindestens nicht im Sinne von Lenin. Wer das Gegenteil behauptet, muss es beweisen, und das hat Klara nicht geschafft. Nicht umsonst hat Lenin die Präzisierung über gerechte Verteidigungskriege vorgenommen, um die Argumente der Imperialisten zu entkräften, die heute wie gestern versuchen, ihre Kriege als gerechte Verteidigungskriege zu verkaufen. Im heutigen Imperialismus wäre immer noch möglich gerechte nationale Kriege zu führen, da hat Klara Recht. Dies ist jedoch bei Russland nicht der Fall, denn Russland ist kein koloniales oder halbkoloniales Land, sondern im Gegenteil, denn Russland verteidigt sein Recht auf Einflusssphären, auch wenn es eine vorgebliche Neutralität der Ukraine anstrebt.

In Wirklichkeit handelt es sich nicht um einen gerechten, sondern um einen imperialistischen Verteidigungskrieg, der nichts anderes als ein imperialistischer Krieg ist, da es für uns unerheblich ist, wer zuerst schießt, welcher Imperialist angreift oder sich verteidigt.

Die Frage, ob das Land das Recht hat, sich selbst zu verteidigen, ist nach Lenin keine grundlegende Frage: „ „Das angegriffene Land hat das Recht, sich zu verteidigen“. Als ob das Wesen der Sache darin bestünde, wer zuerst angegriffen hat, und nicht darin, welches die Ursachen des Krieges sind, welche Ziele er hat und welche Klassen ihn führen!“52 Meiner Meinung nach müssen wir diese Ursachen und Ziele im aktuellen Krieg eingehend untersuchen und die von den Imperialisten beider Seiten vorgebrachten Vorwände nicht als gültig akzeptieren.

Hier geht es nicht wirklich um die Neutralität oder die Entnazifizierung der Ukraine, sondern darum, dass die russische Bourgeoisie die Ukraine in seinem ererbten Einflussbereich halten will. Aber die Einflusssphären sollten nicht als eine grobe ökonomische Reduktion verstanden werden. Der Fehler, Wirtschaft und Politik im Imperialismus zu trennen, wurde bereits von Lenin kritisiert.53

Wie ich bereits dargelegt habe hat der Imperialismus einen ökonomischen Inhalt und eine politische Form (die auch das ideologische und militärische umfasst). In diesem Sinne könnte man argumentieren, dass Russland die Ukraine in seiner Einflusssphäre nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus politisch-militärischen Gründen braucht. Doch diese politisch-militärischen Gründe sind völlig untrennbar mit den ökonomischen verbunden, da die Erhaltung des russischen bürgerlichen Staates nicht abstrakt notwendig ist, sondern für die kapitalistische Akkumulation im russischen Staat.

Die Folge von Klaras falschem Verständnis des Imperialismus, das mit unserer ideologischen Schwäche zu tun hat, ist der Verzicht auf die politische Unabhängigkeit des Proletariats, das nur zu bestimmen hätte, der Sieg welcher Regierung – in diesem Fall Russlands – für die Arbeiter der ganzen Welt die geringste Gefahr bedeutet.

Ein anderes falsches Verständnis des Imperialismus lässt sich bei dem Genosse Philipp finden. Da sehe ich zwei Hauptprobleme. Das erste teilt er mit Klara und es geht um die Opferung der Klasseninteressen des Proletariats für die der russischen Bourgeoisie: „Es handelt sich um eine konkrete, partielle und zeitweise Interessensüberschneidung zwischen der nationalen Bourgeoisie Russlands und dem Proletariat, nicht um eine Identität dieser Interessen“.54 Glücklicherweise schränkt Philipp die Interessensüberschneidung ein. Wer aber von dieser vermeintlichen Interessensüberschneidung profitiert, ist die russische Bourgeoisie, denn die vermeintlich gemeinsamen Interessen sind ihre, während die des Proletariats der Vaterlandsverteidigung geopfert werden müssen: „zu den Klasseninteressen der russischen Arbeiterklasse gehört aber auch ihr nationales Interesse nach der Sicherheit des Landes.“55 Ihr „nationales Interesse nach der Sicherheit des Landes“ ist nichts anderes als die altbekannte Vaterlandsverteidigung.

In der Auseinandersetzung mit Klara haben wir bereits gesehen, dass es sich zwar um einen Verteidigungskrieg handelt, aber nicht um einen gerechten sondern einen imperialistischen. Schauen wir uns eine andere Formulierung Lenins zu diesem Thema an: „Die Frage, welche Gruppe den ersten militärischen Schlag geführt oder als erste den Krieg erklärt hat, ist bei der Festlegung der Taktik der Sozialisten ohne jede Bedeutung. Die Phrasen von der Verteidigung des Vaterlandes, von der Abwehr eines feindlichen Überfalls, vom Defensivkrieg – usw. sind auf beiden Seiten reiner Volksbetrug“.56 Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die NATO der Hauptaggressor ist und Russland sich verteidigt, rechtfertigt das auch keinen Krieg.

Philipp erkennt zwar, dass Proletariat und Bourgeoisie in Russland entgegenstehende Interessen haben: „Die andere Seite – die Regierung der RF – ist nicht die Vertreterin des Interesses der Arbeiterklasse, der Standpunkt der Regierung der RF und der des Proletariats sind nicht identisch. Aber es gibt Überschneidungen und diese gilt es zu erkennen. Zum einen, um die Regierung gegebenenfalls dazu zu bewegen, diese wirklich durchzuführen, beispielsweise die Abwehr der Gefahr oder die Abhängigkeiten vom Westen und vom Rohstoffexport zu reduzieren. Und auch, um den Unterschied der Klasseninteressen richtig zu benennen und einen Weg für das Proletariat aufzuzeigen, für seine der nationalen Bourgeoisie entgegenstehenden Interessen zu kämpfen“.57 Wieso beschließt Philipp denn, wenn es widersprüchliche Interessen gibt, dass die des Proletariats geopfert werden müssen? Warum nicht andersherum, warum nicht die Interessen der Bourgeoisie der sozialistischen Revolution opfern? Nein, zuerst muss das Vaterland verteidigt werden und dann, in einer ungewissen und abstrakten Zukunft, wird das Proletariat für seine der nationalen Bourgeoisie entgegenstehenden Interessen kämpfen. Und alles nur, wegen der besonderen Lage des Staates, der von Zerstörung bedroht wäre.

Das objektive Interesse des Proletariats, der Kommunismus, ist in einem bürgerlichen Staat nicht mit dem Interesse der Bourgeoisie vereinbar. Wenn man von Überschneidungen von Interessen zwischen der russischen Bourgeoisie und dem russischen (oder dem internationalen) Proletariat im Krieg redet, wie Philipp und Klara machen, muss man ganz konkret sagen, wie der Krieg die Revolution in Russland vorantreibt, weil nur das das Klasseninteresse des Proletariats ist, ansonsten werden die Interessen der Bourgeoisie als die Interessen des Proletariats verkauft. Die strategischen Interessen des Proletariats dürfen für die gegenwärtige Situation nicht geopfert werden, sondern im Gegenteil, die gegenwärtige Situation muss genutzt werden, um die strategischen Interessen des Proletariats zu erreichen oder voranzubringen.

Das zweite große Problem, das ich in Philipps Argumentation sehe, sind seine nichtssagenden Vergleiche, die sich letztlich auf sein Argument der Äquidistanz zurückführen lassen. Man muss ihm dennoch zugestehen, dass er auch eine berechtigte Frage gestellt hat. Er fragt, was unter einem imperialistischen Krieg zu verstehen sei.58 Diese Frage ist sehr wichtig und ich werde später darauf zurückkommen. Die nichtssagenden Vergleiche, die ich erwähnt habe, sind folgende: die Frage ob die Angriffskriege der USA gegen Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, etc. ebenfalls so bezeichnet werden.59 Später sagt er, dass „die militärische Führung der Operation sich deutlich von den massiven Bombardements der NATO unterscheidet.“60 Dann stellt er die Frage, ob die Shanghai-Cooperation oder das ALBA genauso reaktionär wie die NATO sind.61

Es geht nicht um die Frage, ob andere Länder bzw. Bündnisse genauso reaktionär oder agressiv wie die NATO sind. Natürlich sind sie es nicht, aber das bringt uns bei der wissenschaftlichen Analyse der Situation in der Ukraine nicht weiter. Was die USA gegen Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, usw. gemacht hat, waren imperialistische Angriffe, aber das bringt uns auch nicht weiter.

Schließlich könnte man die gesamte Argumentation Philipps in seinem eigenen Satz zusammenfassen: „Für die Arbeiterklasse ist es wichtig, zu erkennen, dass es nicht zwei gleiche Seiten sind, sondern dass die eine viel gefährlicher, aggressiver und reaktionärer ist und nicht anders sein kann.“62 Es ist richtig, dass die NATO ein viel aggressiveres Bündnis mit einer viel größeren Bilanz an Zerstörungen und Tod ist. Seine Schlussfolgerung ist aber, dass wir deshalb nicht äquidistant sein können, sondern unterstützen müssen, was andere tun, denn, egal was sie tun, die NATO wird immer schlimmer sein. Damit ersetzt Philipp die Klassenanalyse durch eine moralische Position.

Aber wir können uns nicht auf die Seite des weniger aggressiven und gefährlichen Landes, des kleineren Übels, stellen. Das hieße, auf die ideologische und politische Unabhängigkeit des Proletariats zu verzichten.

Wie schon gesagt, die Vaterlandsverteidigung ist in einem Land wie Russland nicht gerecht. Und die Situation des Kampfes gegen den Faschismus durch ein imperialistisches Land ist einfach nicht Vergleichbar mit dem Zweiten Weltkrieg – das wäre Sophistik. Die Analyse, die mit der Frage der russischen Vaterlandsverteidigung oder des Faschismus in der Ukraine beginnt, verwirft die marxistische Grundlage für die Kritik des heutigen Imperialismus.

Ich kehre nun zur Frage nach dem sozial-politischen Charakter des Krieges zurück. Welche Klasse führt Krieg und wozu? Wer profitiert von diesem imperialistischen Stellvertreter-Krieg? Was sind die Interessen des Westens und Russlands in der Ukraine?

Philipp selbst hat in seinem Text indirekt erwähnt, worum es in dem Konflikt wirklich geht, zieht trotzdem eine falsche Schlussfolgerung aus der Situation:“Auch hier besteht eine deutliche Übermacht der USA und EU und sie müssen mit Mitteln der Spaltung, Aggression, faschistischer Kräfte, etc. vorgehen, um Länder wie die Ukraine aus ihren regionalen Zusammenhängen zu reißen und an sich zu binden. Die NATO und die EU wollen die Ukraine außerdem nur als Anhängsel im Sinne einer verlängerten Werkbank, um billige Arbeitskräfte auszubeuten und als Rohstofflieferanten, aber nicht als Konkurrenten mit eigener industrieller Basis.“63 Was könnte Philipps Satz bedeuten, wenn nicht, dass der Westen die Ukraine aus der Einflusssphäre Russlands in seine eigene ziehen will, und dass der Krieg, den Russland und der Westen in der Ukraine führen, daher ein Kampf um Einflusssphären, ein imperialisticher Krieg ist? Die „regionalen Zusammenhänge“ (Einflusssphären) beschränken sich aber natürlich nicht nur auf den wirtschaftlichen, sondern schließen auch den politisch-militärischen Bereich ein.

Der heutige Krieg und unsere Position dazu

Es ist klar, dass nicht Russland, sondern der Westen die Neuaufteilung anstrebt, Russland aber „seine“ Einflusssphären verteidigt. Der Westen macht das durch ihre wirtschaftliche und politische Vorherrschaft. Russland hat versucht, die Neuaufteilung durch die Politik zu stoppen. Als dies gescheitert war, musste Russland die Armee einsetzen. In diesem Fall zeigt sich auf unverfälschte Weise, wie Krieg Politik mit anderen Mitteln ist, denn was Russland mit der Politik nicht erreichen konnte, versucht es nun mit der Armee.

Und nun möchte ich auf die wichtige Frage von Philipp zurückkommen: Was ist unter einem imperialistischen Krieg zu verstehen? Lenin hat dazu etwas zu sagen:

„Wie kann man nun das „wahre Wesen“ eines Krieges erkennen, wie kann man es bestimmen? Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik. Man muß die Politik vor dem Krieg, die Politik, die zum Krieg geführt und ihn herbeigeführt hat, studieren. War die Politik imperialistisch, d. h., verteidigte sie die Interessen des Finanzkapitals, war sie eine Politik der Ausplünderung und Unterdrückung von Kolonien und fremden Ländern, dann ist auch der Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein imperialistischer Krieg. War die Politik eine Politik der nationalen Befreiung, d. h., war sie Ausdruck der Massenbewegung gegen die nationale Unterdrückung, dann ist der Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein nationaler Befreiungskrieg“.64

Die Vorkriegspolitik, die nicht auf die Diplomatie oder den Konflikt um die Ukraine reduziert werden sollte, war bereits eine Politik der Rivalität um Einflusssphären, die wahrscheinlich auf das Jahr 1991 zurückgeht, als es sicherlich der Westen war, der eine Neuaufteilung der Einflusssphären anstrebte, die Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR geerbt hatte. Russlands Politik der Eindämmung zum Schutz seiner Einflusssphären in Osteuropa war gescheitert, so dass es zu den Waffen greifen musste, sobald es sich dazu in der Lage sah.

Ein guter Beitrag zur Beantwortung der Frage des Krieges im heutigen Imperialismus in unserer Diskussion ist der des Genossen Patrick Honer: „alle Kriege, die aus der Logik des Imperialismus heraus entstehen, aus den Konflikten bei der Neuaufteilung der Welt, aus dem Drang nach Einflussgebieten, respektive dem Schutz der eignen Einflussgebiete und übervorteilten politischen und ökonomischen Beziehungen“.65 Natürlich muss die „Logik des Imperialismus“ als die Logik des heutigen Imperialismus verstanden werden: die Herrschaft der Monopole, die Reaktion nach innen und außen unter den aktuellen Bedingugen, die neuen imperialistischen Mächte, der Kampf um Einflusssphären, usw. Es geht nicht mehr in erster Linie um den Kampf um Kolonien (oder Halbkolonien) und die entsprechende Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts, sondern um die Aneignung neuer und den Schutz bestehender Einflusssphären, d.h. um die Neuaufteilung der Welt unter den Bedingungen nach dem Ende des revolutionären Zyklus. Das ist die Logik des Imperialismus von heute. Und die Kriege, denen diese Logik zugrunde liegt, sind imperialistische Kriege.

In diese Logik lässt sich auch der Krieg in der Ukraine einordnen. Es geht hier um einen imperialistischen Krieg, unabhängig davon, was die NATO und Russland als Grund verkaufen wollen.

Der Westen argumentiert, dass er die Ukraine in ihrem Kampf um Demokratie und Unabhängigkeit unterstützt. Das ist, wie wir alle wissen, eine gigantische Lüge. Der Westen will die Ukraine für seine Einflusssphären gewinnen und investiert dafür sehr viel. Denn wenn er gewinnt, erhält er neben den von Philipp erwähnten wirtschaftlichen Vorteilen für seine Monopole einen weiteren Stützpunkt gegen Russland und es würde sein Streben nach Hegemonie im postsowjetischen Raum vorantreiben. Aus diesem Grund unterstützt der Westen die Ukraine wirtschaftlich und militärisch.

Russland argumentiert, dass seine Sicherheit gefährdet sei, was ich nicht bezweifel, das ändert aber nichts an dem Charakter des Krieges. Wenn Russlands Sicherheit durch NATO-Truppen in der Ukraine bedroht ist, dann deshalb, weil Russland ein imperialistischer Konkurrent des Westens ist, in diesem Fall um die Ukraine. Russland will die Ukraine aus wirtschaftlichen, politischen und militärischen Gründen nicht aus seiner Einflusssphäre verlieren und führt deshalb die angebliche „Entnazifizierung“ der Ukraine durch, nur, weil ukrainische Faschisten dem Westen im Kampf um die Ukraine helfen. Wären sie pro-russische Faschisten, hätte diese „Entnazifizierung“ der Ukraine nie begonnen. Das zeigt, es geht um den Schutz der Interessen der russischen Bourgeoisie, nicht um die Entnazifizierung. Es ist klar, dass das russische Finanzkapital nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen zur Ukraine nicht verlieren will, sondern auch keinen weiteren westlichen Stützpunkt an der Grenze seines Staates wünscht.

Aber die alten imperialistischen Argumente sind uns bereits bekannt. Damals schrieb Lenin: „Verlogen, sinnlos und heuchlerisch ist alles Geschwätz vom Verteidigungskrieg oder von der Vaterlandsverteidigung seitens der großen Mächte (lies: der großen Räuber), die um die Weltherrschaft, um die Märkte und „Einflußsphären“, um die Unterjochung der Völker Krieg führen!“66

Die Situation ist offensichtlich widersprüchlich, denn obwohl die Ukraine wirtschaftlich immer noch stark mit Russland verbunden ist, steht sie politisch seit dem Putsch von 2014 auf der Seite des Westens. Und dieser Widerspruch, der sich im Krieg auflösen kann, muss noch eingehend analysiert werden. In diesem Zusammenhang muss übrigens die Bedeutung der Ukraine im Energie- und Nahrungsmittelsektor berücksichtigt werden.

Dem Beispiel Lenins folgend,67 geht es hier nicht darum, die russische Bourgeoisie des Friedensbruchs zu beschuldigen und die lange und beharrliche Vorbereitung des Krieges gegen Russland durch die atlantische Bourgeoisie zu verheimlichen. Natürlich bedroht die Osterweiterung des Westens den russischen bürgerlichen Staat. Dieser Beitrag ist keine Rechtfertigung für die EU-Füchsen. Der Krieg hat den deutschen Chauvinismus in seiner europäischen Form gestärkt. Das deutsche Finanzkapital, das den deutschen Chauvinismus formell ablehnt, macht sich denselben Chauvinismus zu eigen, allerdings abgedeckt in Europäismus. Auf diese Weise strebt die deutsche Bourgeoisie unter dem europäischen Banner nach der Eroberung von Einflusssphären. Wie wir bereits gesehen haben, bedeutet das nicht, dass das Proletariat die andere Bourgeoisie unterstützen muss. Es geht auch nicht darum, den russischen Imperialismus allein zu verurteilen oder eine äquidistante Haltung einzunehmen.

Es geht darum, eine kollektive wissenschaftliche Analyse zu erstellen, zu dem dieser Text beitragen soll. Ziel dieses Textes ist es, einen Beitrag zur Schaffung einer unabhängigen proletarischen Position zu leisten. Agitatorische Parolen können eine wissenschaftliche Analyse nicht ersetzen. Im Gegenteil: Parolen und Losungen können nur aus einer wissenschaftlichen Analyse abgeleitet werden. Wir müssen die Frage des Imperialismus klären. In diesem Prozess kann man keine Argumente abtun oder andere validieren, um eine „Äquidistanz“ zu vermeiden. Die Analyse muss ohne Angst vor den Ergebnissen durchgeführt werden, die sie hervorbringen könnte. Man sollte eine theoretische Diskussion durch Agitationsparolen nicht ersetzen.68 Andererseits können wir, politisch, nicht neutral sein, denn der Hauptfeind steht immer noch im eigenen Land.

Die Methode Lenins

Ein gemeinsamer Fehler der Methoden Klaras und Philipps besteht darin, dass sie versuchen, den Krieg mit der russischen nationalen Selbstverteidigung und dem ukrainischen Faschismus zu erläutern, d.h. mit denselben Gründen, die Putin in seiner Rede vom 9. Mai genannt hat. Wenn man diese Faktoren als die Ursache des Krieges betrachtet, wird die Klassenanalyse bestenfalls zu einem Zusatz, wenn nicht gar völlig überflüssig. Ihre Analyse beginnt mit den Nationen, nicht mit den Klassen, die nur oberflächlich zur Rechtfertigung von Positionen einbezogen werden. Deshalb machen sie am Ende das Proletariat für die Verteidigung des Vaterlandes verantwortlich.69 70

Lenins Methode ist genau umgekehrt. Die materialistische Analyse der Gesellschaft beginnt notwendigerweise mit den Klassen. Wenn die Klassen und ihre widersprüchlichen Interessen zuerst betrachtet werden, kann man verstehen, warum sie so handeln, wie sie handeln, und mit welchen Mitteln sie handeln. In diesem Fall, wie die Bourgeoisie ihren Staat für die Verfolgung ihrer Interessen einsetzt und wie das Proletariat seine kommunistische Partei für die Verfolgung seiner Interessen einsetzen sollte, die denen der Bourgeoisie entgegengesetzt sind. Wenn es keine kommunistische Partei gibt, die das macht, muss das Proletariat eine aufbauen.

Der Anfang für eine Klassenanalyse ist in der ökonomischen Basis zu finden, sonst verliert man sich in der Vielzahl der politischen Fakten, in denen kein Zusammenhang zu finden ist, wenn die Klassen ignoriert werden. Obwohl Philipp einige der jüngsten Ereignisse, die zum Krieg in der Ukraine geführt haben, zusammenfasst, gelingt es ihm nicht, das imperialistische Wesen des Konflikts zu erfassen, weil seine Analyse nicht von der objektiven Lage der Klassen in der historischen Entwicklung der letzten 30 Jahre ausgeht. Er versucht, die Klassen nachträglich und oberflächlich einzuschieben, indem er die angebliche Überschneidung von Interessen erfindet. Wie immer, gibt es ein Zitat von Lenin, welches es am besten erklärt:

„Denn der Beweis für den wahren sozialen oder, richtiger gesagt, den wahren Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht in der diplomatischen Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in der Analyse der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen kriegführenden Staaten. Um diese objektive Lage darstellen zu können, darf man nicht Beispiele und einzelne Daten herausgreifen (bei der ungeheuren Kompliziertheit der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens kann man immer eine beliebige Zahl von Beispielen oder Einzeldaten ausfindig machen, um jede beliebige These zu erhärten),sondern man muß unbedingt die Gesamtheit der Daten über die Grundlagen des Wirtschaftslebens aller kriegführenden Mächte und der ganzen Welt nehmen.“71

Und das ist genau die Art von Analyse, die wir in Bezug auf die aktuelle Situation durchführen müssen.

Abschließend möchte ich euch ein letztes Zitat von Lenin mit auf den Weg geben:

„Im gegenwärtigen imperialistischen Krieg, der durch die Gesamtheit der Verhältnisse der imperialistischen Epoche erzeugt wurde, d. h. kein Zufall ist, keine Ausnahme, keine Abweichung vom Allgemeinen und Typischen, sind die Phrasen von der Vaterlandsverteidigung Volksbetrug, denn dieser Krieg ist kein nationaler Krieg“.72

1Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 34).

2Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 270). Hervorhebung ist von mir.

3Ebenda (Seiten 270-271).

4Ebenda (Seite 206).

5Ebenda (Seite 203).

6Ebenda (Seite 206).

7Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 303).

8Lenin. Über die Junius-Broschüre (LW B22, Seite 315).

9Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 305).

10Lenin. Bürgerlicher und sozialistischer Pazifismus (LW B23, Seite 188).

11Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 267).

12Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 247).

13Ebenda (Seite 247).

14Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 306).

15Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 247).

16Ebenda (Seite 268).

17Lenin. Über den Separatfrieden (LW B23, Seite 125).

18Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 280). Hervorhebung ist von mir.

19Lenin. Der Fuchs und der Hühnerstall (LW B18, Seite 344). Bemerkung: Nowoje Wremja war die Zeitung der erzreaktionären Gutsbesitzer und oktobristischen Kaufleute, und Retsch die Zeitung der liberalen Kadetten-Partei.

20Friedensmanifest des Internationalen Sozialistenkongress, 1912.

21Lenin. Der afterkluge russische Radikale (LW B11, Seite 229).

22Lenin. Der Krieg und die russische Sozialdemokratie (LW B21, Seite 15). Hervorhebung ist von mir.

23Ebenda (Seite 17).

24Lenin. Die Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR (LW B21, Seite 150).

25Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 301).

26Lenin. Die Sophismen der Sozialchauvinisten (LW B21, Seite 174).

27Lenin. An die Kameraden, die in der Kriegsgefangenschaft schmachten (LW B23, Seite 359).

28Lenin. Einleitung zu den Resolutionen der siebenten gesamtrussischen Konferenz der SDAPR (LW B24, Seite 307).

29Lenin. Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution (LW B24, Seite 50).

30Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 316).

31Lenin. Über die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Krieg (LW B21, Seite 274).

32Lenin. Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution (LW B24, Seite 50).

33Stalin. Der Oktoberumsturz und die nationale Frage (SW B4, Seite 145).

34Lenin. Aus dem philosophischen Nachlass (Seiten 69-71)

35Lenin. Der Zusammenbruch der II. Internationale (LW B21, Seite 211).

36Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 247)

37Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 27).

38Stengl, A. Chinas Neuer Imperialismus (2021).

39Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 14). https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/imperialismus-krieg-und-die-kommunistische-bewegung/

40Ebenda (Seite 7).

41Ebenda (Seiten 18-19).

42Lenin. Die Sophismen der Sozialchauvinisten (LW B21, Seite 175).

43Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 35-40).

44Lenin. Über die Junius-Broschüre (LW B22, Seite 315). Hervorhebung ist von Lenin.

45Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 39).

46Ebenda.

47Lenin. Die russischen Südekums (LW B21, Seite 107).

48Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 9).

49Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 301). Hervorhebung ist von mir.

50Lenin. Offener Brief an Boris Souvarine (LW B23, Seite 202).

51Ebenda (Seite 200).

52Ebenda (Seite 203).

53Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 34).

54Kissel, P. Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland (Seite 1). https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-kritik-am-joint-statement-und-zur-nato-aggression-gegen-russland/

55Ebenda (Seite 8).

56Lenin. Die Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR (LW B21, Seite 148).

57Kissel, P. Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland (Seite 9).

58Ebenda (Seite 3).

59Ebenda.

60Ebenda (Seite 33).

61Ebenda (Seite 7).

62Ebenda (Seite 9).

63Ebenda (Seite 4). Hervorhebung ist von mir.

64Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 23).

65Honer, P. Von Bildern, imperialistischen Ländern und Schiedsrichtern (Seite 7). https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/von-bildern-imperialistischen-laendern-und-schiedsrichtern/

66Lenin. Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale (LW B21, Seite 448). Hervorhebung ist von mir.

67Lenin. Die russischen Südekums (LW B21, Seite 106).

68Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 59).

69Kissel, P. Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland (Seite 8).

70Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite7).

71Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 194). Hervorhebung ist von mir.

72Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 21).

Gründe und Folgen des Ukraine-Kriegs

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Zur Widerlegung einiger unhaltbarer Behauptungen bezüglich des Krieges

Diskussionsbeitrag von Thanasis Spanidis und Rudy Vermelho

In der Diskussion um den Krieg in der Ukraine kamen in den letzten Wochen aus den Reihen der KO bestimmte Auffassungen zum Vorschein, bei denen sich wohl viele von uns verwundert die Augen gerieben haben: Auf einer theoretischen Ebene wird nun unsere mit guten Argumenten entwickelte Imperialismusanalyse grundsätzlich infrage gestellt. Diese Kontroverse ist die wichtigste, da jede Parteinahme für das heutige kapitalistische Russland letzten Endes auf tiefgreifende weltanschauliche Irrtümer in Fragen der Strategie und Imperialismustheorie zurückgeht.

Gleichzeitig wird aber auch auf der Ebene der konkreten Politik der imperialistische Krieg Russlands mit einer Reihe von Behauptungen gerechtfertigt, die sich so oder ähnlich auch der russischen Propaganda entnehmen lassen. Das spricht im Prinzip noch nicht dagegen, dass sie trotzdem auch wahr sein könnten. Nun sind sie aber aus unserer Sicht nicht nur unwahr, sondern stehen auch in einem sehr offensichtlichen Widerspruch zur Realität.

Während die Diskussion um das korrekte marxistische Imperialismusverständnis an anderer Stelle geführt werden muss[i], soll es hier darum gehen, konkrete Behauptungen, die zur Rechtfertigung des imperialistischen Gemetzels in der Ukraine herangezogen werden, auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Der Artikel bezieht sich auf Behauptungen aus den Texten von Klara Bina, Philipp Kissel und Alexander Kiknadze. Während wir der Auffassung sind, dass die Wurzel des Problems in einem stark fehlerhaften Verständnis des Imperialismus bei den genannten Genossen liegt, wird auf der konkreten Ebene der Krieg der Russischen Föderation mit einer Reihe sehr weitreichender, aber dafür umso schwerer nachvollziehbarer Thesen legitimiert, verharmlost und beschönigt.

Alle drei Autoren stellen nämlich klar, welche Haltung sie zur russischen Invasion in der Ukraine einnehmen: Sie befürworten diese uneingeschränkt. Kritik wird nur bei Klara deutlich, allerdings lediglich „an der Halbherzigkeit und am Zuspätkommen des Einsatzes“.

Um die Invasion in der Ukraine irgendwie als legitime Verteidigungsmaßnahme zu deklarieren, führen die Genossen eine Reihe von Faktenbehauptungen an, die in ihrer Gesamtheit ein aus unserer Sicht völlig verzerrtes Bild zeichnen. Das Problem dabei ist, dass es vielen Genossen in der KO schwerfällt, zu bestimmten Detailfragen der politischen und militärischen Entwicklungen fundierte eigene Einschätzungen zu entwickeln und sie deshalb wohl tendenziell unterschätzen, wie sehr die Analysen von Klara, Philipp, Alexander und anderen daneben liegen. Um diese Fehleinschätzungen in einer auch für andere Diskussionsteilnehmer nachvollziehbaren Weise geradezurücken, werden wir sie uns nun Punkt für Punkt vornehmen.

Behauptung 1: „Der russische Einmarsch kam einem geplanten Angriff der NATO auf Russland zuvor“

Der Dreh- und Angelpunkt in Philipps Text ist die These, wonach die NATO kurz davor stand, Russland anzugreifen. Er behauptet: „Die RF war zu der Militäroperation gezwungen, um einen groß angelegten Angriff der NATO und Ukraine auf die Volksrepubliken und die Krim und damit im weiteren Verlauf einen möglichen Angriff auf die RF zu verhindern“. Diese These wird an mehreren Stellen in seinem Artikel wiederholt: „Eine direkte militärische Invasion der Volksrepubliken und der Krim ist das Ziel“; „Es ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt die Anstrengungen der NATO, den Angriff vorzubereiten und durchzuführen in eine neue Stufe getreten sind“. „komme ich zu dem Schluss, dass die Russische Föderation mit der Militäroperation in der Ukraine einem Angriff der Ukraine – unterstützt, bewaffnet und finanziert durch die NATO – auf die Volksrepubliken und die Krim, sowie eventuell im weiteren Verlauf eines Angriffs mehrerer NATO-Länder auf die RF, zuvorgekommen ist“. Philipp glaubt sogar zu wissen: „Dadurch konnte ein Zeitvorsprung von ca. ein bis zwei Wochen gewonnen werden“.

Diese Behauptungen sind äußerst weitreichend. Die Belege, die dafür angeführt werden, halten wir allerdings für ausgesprochen dürftig. An einer Stelle verweist Philipp zur Stützung seiner Behauptungen auf einen Artikel von Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung, allerdings belegt dieser keine von Philipps Thesen, vielmehr analysiert er den Konflikt zwischen der NATO und Russland als „gegenseitiges Hochschaukeln“[ii]. Philipp scheint der Überzeugung zu sein, dass das Nachzeichnen der Chronologie des Konfliktes und das Benennen aggressiver Handlungen des westlichen Imperialismus als konkreter Beleg für Angriffsplanungen ausreichend wäre. Dem ist nicht so, wie wir im Verlauf dieses Kapitels auch zeigen wollen.

Der einzige Punkt, den man als Beleg anerkennen könnte, ist die Nennung des von Selenskij unterzeichneten Dekrets zur Rückgewinnung des Donbass und der Krim. Es handelt sich hierbei um das Dekret 117/2021 vom 24. März 2021. Darin wird eine „Strategie zur De-okkupation und Reintegration der temporär besetzten Territorien der Autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol“ dargelegt, die durch eine Reihe von diplomatischen, militärischen, ökonomischen, informationellen, humanitären und anderen Maßnahmen das Ziel hatte, die territoriale Integrität der Ukraine wiederherzustellen[iii]. Beweist dieses Dekret wirklich, dass die Ukraine einen Angriff auf die Krim und damit auf Russland konkret geplant hatte?

Zunächst einmal sollte daran erinnert werden, dass die ukrainische Regierung zu keinem Zeitpunkt die Annexion der Krim durch Russland anerkannt hat und daher der ukrainische Anspruch auf „Reintegration“ der Halbinsel nichts Neues darstellte. Bedeutsam ist dabei, dass nun verschiedene Maßnahmen in Auftrag gegeben wurden, um dieses Ziel zu erreichen. Die Aufzählung unspezifizierter militärischer Maßnahmen als ein Unterpunkt neben anderen, u.a. auch diplomatischen, spricht nicht gerade dafür, dass es hier um die konkrete Planung eines offenen Krieges ging. Einen solchen Krieg zu beginnen, wäre für die Ukraine auch ohne Zweifel selbstmörderisch gewesen, denn zumindest auf der Krim wäre dieser Krieg ja unmittelbar ein Krieg zwischen der Ukraine und Russland geworden. Das militärische Kräfteverhältnis zwischen der Ukraine und Russland war (insbesondere vor dem Beginn der massiven Waffenlieferungen seit dem 24. Februar) hoffnungslos für die Ukraine, wenn es um einen ukrainischen Offensivkrieg gehen soll.

Vor allem aber, und das ist das Entscheidende, beweist es sicherlich keinen Plan der NATO, Russland anzugreifen. Genau das ist aber Philipps Behauptung. Er beschränkt sich nicht darauf, einen lokal begrenzten Krieg zwischen der Ukraine und Russland vorherzusagen, wobei die NATO ihrem Verbündeten Ukraine möglicherweise mit Waffenlieferungen unterstützt hätte. Ein solches Szenario scheint Alexander vor Augen zu haben, es bedeutet aber qualitativ etwas völlig anderes. Nein, Philipp behauptet, dass die dramatischste aller möglichen Entwicklungen eingetreten wäre, nämlich ein Weltkrieg zwischen der NATO und Russland.

Man sollte denken, dass ihm die Tragweite einer solchen Behauptung bewusst wäre und er sich daher eigentlich selbst in der Bringschuld sehen sollte, diese These besser zu belegen.  Da wir davon ausgehen, dass diese Behauptungen viele Genossen verwirren dürften und zudem dazu beitragen, durch absurde Schreckensszenarien die ganze Diskussion in eine unsachliche Richtung zu verschieben, wollen wir dennoch darauf eingehen. Diese These ist für Befürworter des momentanen russischen Krieges essenziell. Sie übernehmen damit die offizielle russische Propaganda, wonach Russland sich mit seiner Invasion in der Ukraine lediglich „zur Wehr setzen“ würde. Sicherlich kann man grundsätzlich infrage stellen, ob es richtig ist, einem imperialistischen Staat im Fall eines „Verteidigungskrieges“ die Solidarität auszusprechen – Lenins Position war dies keineswegs, wie nun schon oft anhand zahlreicher Zitate gezeigt wurde. Trotzdem macht die Behauptung des „Defensivschlags“ es schwieriger, den russischen Angriff eindeutig zu verurteilen. Für die konkrete Einordnung des Krieges macht es eben doch einen Unterschied, ob – wie behauptet – die Existenz des russischen Staates auf dem Spiel stand oder ob es sich nach den jahrelangen aggressiven Manövern der NATO nun schlicht um eine Gegen-Aggression Russlands handelt.

Wir greifen also die Behauptung Philipps deshalb hier auf, um sie auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Also: Wenn schon nichts für die These des bevorstehenden NATO-Angriffs angeführt werden kann, spricht denn umgekehrt etwas gegen diese These?

In den Beiträgen von Philipp, Klara und Alexander wird mit irreführenden und falschen Behauptungen ein Bedrohungsszenario konstruiert, nach dem die NATO nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den Willen habe, Russland in einem offenen Krieg mit konventionellen (oder auch nuklearen) Waffen zu besiegen. Den Genossen ist mit Sicherheit bewusst, dass Russland über ein substanzielles Arsenal nuklearer Gefechtsköpfe und Trägersysteme verfügt und zur Ausschaltung der nuklearen Zweitschlagfähigkeit somit ein massiver Enthauptungsschlag durch die NATO geführt werden müsste. Die Fähigkeit der NATO, einen solchen durchzuführen, resultiert ihrer Auffassung nach sowohl aus der Stationierung strategischer Trägerraketensysteme als auch von ABM-Systemen (Anti-Ballistic Missile) in Osteuropa. Erstere können einen Erstschlag durchführen, während letztere für die Abwehr der verbliebenen Zweitschlagfähigkeit zuständig sind. Während Philipp ein solches Szenario in näherer Zukunft für wahrscheinlich hält, sieht Alexander eher die Androhung der vollständigen Vernichtung als Mittel zur Durchsetzung der NATO-Interessen gegenüber Russland. Beides impliziert aber, dass die Möglichkeit zur vollständigen Enthauptung gegeben ist, denn keiner der beiden Genossen beschäftigt sich mit dem Szenario eines Gegenschlags, Alexander schreibt sogar von der „Verhinderung eines Zweitschlagszenarios“.

Wie ist also das nukleare Kräfteverhältnis tatsächlich, welche Systeme können nach dem öffentlich bekannten Stand der Dinge was leisten und was hat es überhaupt mit den Begriffen auf sich, mit denen hier um sich geworfen wird?

Alle nuklear bewaffneten Staaten der Erde besitzen zusammen geschätzte 13000 nukleare Gefechtsköpfe. Davon entfallen alleine ungefähr 48% auf Russland und 42,5% auf die USA. Nicht alle Gefechtsköpfe sind sofort einsatzbereit, beide Staaten besitzen um die 1800 Gefechtsköpfe, welche vollständig intakt sind, aber für die Demontage eingelagert wurden. Des Weiteren sind, durch die Ratifizierung und Verlängerung des New START Vertrags (New Strategic Arms Reduction Treaty) durch beide Staaten, „nur“ 1458 (Russland) bzw. 1389 (USA) strategische Sprengköpfe auf Raketen oder Bombern aufgestellt und damit unmittelbar einsatzbereit.[iv] Aufgrund fehlender Beschränkung von taktischen Atomwaffen durch Verträge ist die Zahl der einsatzbereiten taktischen Gefechtsköpfe und Systeme unbekannt. Die USA schätzen die Zahl der von Russland aufgestellten taktischen Nuklearwaffen auf 2000. Diese sind für das Szenario eines großangelegten Schlagabtauschs weniger relevant, ihr Zweck ist der Einsatz auf dem Schlachtfeld.[v] Dennoch liegt in ihrer Verbreitung eine besondere Gefahr, nämlich die mögliche „Versuchung“, einen Krieg durch einen begrenzten Atomwaffeneinsatz gegen lediglich militärische Ziele führen zu können, ohne eine massive Antwort des Gegners gegen eigene strategische Ziele zu provozieren. Im Falle eines ausgedehnten Atomkrieges ist natürlich sowieso auch mit dem massiven Einsatz taktischer Gefechtsköpfe zu rechnen. Ihre Vernichtung durch eine Enthauptung ist schon alleine durch die Unbekanntheit ihrer Zahl, Verbreitung und Orte ausgeschlossen.

Wie wir sehen, verfügt Russland also nach wie vor über die meisten Atomwaffen der Welt, trotz umfassender Abrüstung beginnend ab 1987 mit dem inzwischen durch die USA aufgekündigten INF-Vertrag. Angenommen, die NATO würde den besagten Enthauptungsschlag versuchen. Wäre es ihr dann möglich, durch die sogenannten ABM-Systeme einen Vergeltungsschlag mit den verbliebenen Raketen zu verhindern?

Raketenabwehrsysteme bestehen aus einem Netz von Radaranlagen und Raketenstellungen. Auf Seiten der NATO ist zu unterscheiden zwischen dem GMD-System (Ground-Based Midcourse Defense System) und Systemen wie „Patriot“, „THAAD“ oder dem „Aegis Combat System“.

Das GMD ist das Hauptsystem zur Raketenabwehr in den USA. Es hat die Aufgabe auf die USA abgefeuerte ballistische Interkontinentalraketen im Weltraum abzufangen, bevor sie wieder in die Erdatmosphäre eintreten. Im Jahr 2018 bestand es lediglich aus 44 Abfangraketen, zusätzlich wird die Wahrscheinlichkeit einer einzelnen Abfangrakete ein einzelnes Ziel erfolgreich abzufangen mit lediglich 56% angegeben. Das System ist damit völlig ungeeignet einen massiven Schlag mehrerer hundert bis tausend ballistischer Flugkörper in relevantem Ausmaß zu beeinträchtigen, geschweige denn zu verhindern. Das System kann realistischerweise nur einen Vergeltungsschlag einer kleinen Atommacht wie Nordkorea mit einer Handvoll abgefeuerter Interkontinentalraketen abfangen und dies vermutlich auch nur teilweise[vi].

Patriot, THAAD und Aegis sind mobile Systeme. Ihre Stationierung in Osteuropa seit einigen Jahren dient zweifellos unter anderem dem Ziel, im Falle eines Atomkrieges mit Russland die russische Zweitschlagsfähigkeit (oder ggf. Erstschlagsfähigkeit) einzuschränken – d.h. die NATO soll dadurch in die Lage versetzt werden, ihre Atomraketen auf Ziele in Russland abzufeuern, ohne dass Russland gegen die europäischen Verbündeten der USA zurückschlagen kann. Der offensive und aggressive Charakter dieses „Abwehrschildes“ ist damit offensichtlich. Doch bedeutet das, dass der Atomkrieg gegen Russland aus NATO-Sicht wirklich „führbar“ wird und dabei die eigene Vernichtung vermieden werden kann? Auf einen nuklearen Schlag gegen die USA selber haben diese Systeme in Osteuropa kaum Einfluss. Um das zu erkennen genügt ein Blick auf den Globus und die Tatsache, dass Interkontinentalraketen tief in russischem Gebiet ins Weltall gestartet werden können, der maximale Einsatzradius von Systemen wie Patriot oder THAAD aber bei weniger als 200km liegt.[vii] Auch die reale Möglichkeit eine relevante Zahl von – geschweige denn alle – Raketen, die auf europäische Länder abgefeuert würden abzufangen ist definitiv nicht gegeben. Erstens ist die Zahl der eingesetzten Systeme viel zu gering. Beispielsweise wird das Patriot System von Deutschland, Griechenland, Spanien und Rumänien eingesetzt. Zukünftig soll es auch von Polen eingesetzt werden. Polen will 4 Einheiten mit insgesamt 16 Startfahrzeugen kaufen, bei 4 unmittelbar einsatzbereiten Raketen pro Startfahrzeug ergibt das eine Zahl von 64 Abfangraketen.[viii] Diese Zahl steht in keinem Verhältnis zu den einsatzbereiten nuklear bestückbaren ballistischen Raketen oder Marschflugkörpern Russlands. Zweitens ist die Erfolgsrate der Systeme bisher relativ gering. Das Patriot System hat zwar in der Zwischenzeit Upgrades unterlaufen, wurde aber bereits im Ersten Golfkrieg das erste Mal eingesetzt, als der Irak 88 ballistische Kurzstreckenraketen auf Saudi Arabien und Israel abfeuerte. Laut einer Aussage des MIT-Professors Postol und seines Kollegen Pedatzur von der Tel Aviv Universität vor dem US-Kongress 1992, erreichte das Patriot System eine Erfolgsrate von weniger als 10% beim Versuch diese einfach konstruierten, ballistischen Raketen abzufangen.[ix]

Die Performance des Systems bei aktuellen Konflikten wie dem Saudi Arabischen Krieg im Jemen lässt ebenfalls zu wünschen übrig. So konnten die sechs durch Saudi Arabien eingesetzten Patriot Bataillone beispielsweise im September 2019 nicht die kritische Ölinfrastruktur vor veralteten ballistischen Kurzstreckenraketen vom „Scud“-Typ beschützen.[x] Auch hochgepriesene moderne Systeme, wie der erst 2010 in Betrieb genommene israelische „Iron Dome“ erreichen Berichten zufolge geringe Abfangquoten.[xi]

Eine wesentlich größere Gefahr für den Erhalt der russischen Zweitschlagfähigkeit gegen Ziele in den USA, stellt das hochmoderne seebasierte Aegis System dar. Obwohl die USA große Anstrengungen unternehmen diese Raketen in hoher Stückzahl auf ihren Kriegsschiffen zu stationieren, liegt die Gesamtzahl der bereiten Raketen vermutlich unter 300. Die theoretische Fähigkeit mit den neuesten Raketen Interkontinentalraketen abzufangen wurde im November 2020, jedoch in lediglich einem einzigen Test, zwar demonstriert.[xii] Es gibt  keine Daten, wie das System im Einsatz abschneidet, aber die Auswertung der Tests schafft ernstzunehmende Zweifel an der Effektivität auch dieses Systems, selbst gegen potenzielle Gegner wie den Iran oder Nordkorea. Zahlreiche Gegenmaßnahmen können sowohl Erfassung als auch Zerstörung verhindern.[xiii]

Zu solchen Gegenmaßnahmen gehört die schon seit den späten 60er Jahren eingesetzte sogenannte MIRV-Technologie (Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle), welche es erlaubt auf einer ballistischen Rakete mehrere Gefechtsköpfe und Täuschkörper unterzubringen. Die Täuschkörper verfolgen den Zweck die Raketenabwehr des Gegners durch die hohe Zahl an unabhängigen Flugkörpern auszutricksen und zu überfordern, sodass diese die tatsächlichen Gefechtsköpfe nicht verlässlich abfangen kann. Rechnet man die Zahl der dadurch eingesetzten Gefechtsköpfe, ob reale Bedrohung oder nur Täuschung, gegen die verfügbaren Abwehrraketen auf, wird klar, dass die potenzielle Fähigkeit einen massiven Atomschlag abzufangen noch deutlich sinkt. Zusätzlich wurden in den 80er Jahren die sogenannten MARV (Maneuverable Reentry Vehicle) entwickelt und aufgestellt, welche durch zufällige und unberechenbare Ausweichmanöver zusätzlich die Raketenabwehr erschweren. Wir sehen also: Entgegen der Vorstellung von Alexander und Philipp ist es absolut nicht trivial, einen feindlichen Angriff mit Atomraketen zu verhindern. Solche Raketen auf ihrer Flugbahn abzuschießen ist technisch äußerst schwierig, zumal seit Jahrzehnten große Anstrengungen unternommen werden, um genau dies weiter zu erschweren. Auch die USA sind dazu bisher, trotz aller Anstrengungen, nur in geringem Maße in der Lage.

Die also faktisch nicht vorhandene Sicherheit gegenüber ballistischen Raketenangriffen wird zusätzlich durch neuere Entwicklungen von sogenannten Hyperschallraketen unterlaufen. Diese bewegen sich mit Geschwindigkeiten von über Mach 5 durch die Atmosphäre und sind damit weniger vorhersehbar als die Trajektorie einer ballistischen Interkontinentalrakete, welche sich auf einer elliptischen (oder abgesenkten) Flugbahn durch den Weltraum mit anschließendem Wiedereintritt in die Atmosphäre bewegt.[xiv] Interessanterweise findet in Philipps Beitrag lediglich die angebliche Stationierung von Hyperschallraketen in Osteuropa durch die NATO Erwähnung. Um welche Systeme es sich dabei handeln soll, in Anbetracht der Tatsache, dass sich solche Waffen auf Seiten der NATO nur in einem experimentellen Stadium befinden, bleibt offen. Auch wird verschwiegen, dass Russland und China bei dieser Technologie weit voraus sind und bereits solche Waffen im Einsatz haben.[xv]

Nicht zuletzt ist ein nicht unerheblicher Teil der strategischen nuklearen Waffen auf U-Booten stationiert, deren Ort dem Gegner im Idealfall völlig unbekannt ist, welche über lange Zeiträume unabhängig operieren, über lange Zeit in den Tiefen verbleiben können und von denen aus atomare Schläge mit minimaler Vorwarnzeit möglich sind. Es ist praktisch unmöglich diesen Teil der nuklearen Abschreckung zu „enthaupten“.

Die Entwicklung und Verbreitung neuer, zielgenauer U-Boot-gestützten Atomwaffen veranlasste die UdSSR in den 80er Jahren das „Perimeter“-System zu entwickeln, da die Gefahr bestand, dass, wenn die NATO zu der Überzeugung gelangt die sowjetische Führung durch einen präzisen Erstschlag vollständig ausschalten zu können, sie diesen auch real erwägen würde. Das System stellt durch teilweise automatische Systeme sicher, dass selbst in diesem Fall die Fähigkeit zur nuklearen Vergeltung aufrecht erhalten bleibt und ein Gegenschlag durchgeführt wird.[xvi] Mutmaßlich ist dieses System nach wie vor für Russland im Einsatz, wie der Oberbefehlshaber der russischen strategischen Raketentruppen Karakajew 2011 bestätigte.[xvii]

Zusammengefasst: Ein atomarer Angriff gegen Russland wäre reiner Wahnsinn und sicherlich nicht im Interesse des westlichen Imperialismus. Wie sieht es dagegen mit einem konventionellen Angriff der NATO auf Russland aus?

Auch ein solcher Krieg wäre aus Sicht der NATO in höchstem Maße irrational und selbstmörderisch. Führen die Imperialisten Kriege, um sich selbst und die ganze Welt zu vernichten oder um ihre strategischen Ziele zu erreichen? Offensichtlich ist letzteres ist der Fall. Der Krieg ist, wie Carl von Clausewitz sagte, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Bei einem Krieg mit Russland gibt es für die westlichen Imperialisten nicht viel zu gewinnen und alles zu verlieren. Zu gewinnen gäbe es möglicherweise Zugeständnisse Russlands oder, was unwahrscheinlich ist, Gebietsabtretungen – all das aber nur unter zwei durchaus zweifelhaften Voraussetzungen: Erstens, dass der Krieg auf der konventionellen (d.h. nicht-atomaren) Ebene verbleibt und zweitens, dass die NATO einen konventionellen Krieg auf russischem Boden gewinnen würde. Eine Schwächung Russlands ist auf anderem Wege sehr viel billiger und risikoärmer zu haben: Durch wirtschaftliche Sanktionen, das Schüren von Krisenherden an Russlands Grenzen, die Verwicklung Russlands in ein Wettrüsten, das es nicht gewinnen kann usw. Weil das die aus westlicher Sicht weitaus sinnvolleren Optionen sind, sind es auch – im Gegensatz zum herbeiphantasierten NATO-Angriffskrieg – die Optionen, die der Westen wählt.

Doch die Annahme, dass ein Angriff auf Russland keinen atomaren Vergeltungsschlag nach sich ziehen würde, ist ohnehin höchst gewagt. Die Sowjetunion hatte explizit in ihrer Nukleardoktrin auf Erstschläge verzichtet und selbst bei existenzieller Bedrohung des Staates versichert nur konventionell zu antworten. Erst ein atomarer Schlag des Gegners hätte eine atomare Antwort der Sowjetunion hervorgerufen.[xviii] Mit dem Ende der Sowjetunion hat Russland diese Selbsteinschränkung aufgegeben. In der finalen Fassung der neuen Doktrin aus dem Jahr 2010 behält sich Russland das Recht vor Atomwaffen einzusetzen. Einerseits als Antwort auf die Benutzung von nuklearen Waffen oder anderen Massenvernichtungswaffen gegen Russland oder seine Verbündeten durch den Gegner. Andererseits auch bei einer Aggression durch konventionelle Waffen, welche die Existenz des Staates bedroht.[xix] Die durch den Genossen Alexander herbeibeschworene „faktische“ Gefährdung der Existenz Russlands durch die Ukraine würde also, wenn sie denn tatsächlich real wäre, einen nuklearen Erstschlag Russlands im Sinne der russischen Doktrin erst rechtfertigen können. Ganz zu schweigen von einer großangelegten NATO-Offensive auf russisches Territorium. Die NATO-Strategen würden also ihre Offensive in dem Wissen planen, dass ihr Erfolg höchstwahrscheinlich zu vernichtenden atomaren Schlägen gegen die Länder der NATO führen würde.

Was ist die Schlussfolgerung aus all diesen militärischen Details? Ein Atomkrieg mit Russland würde auch für den Westen vernichtende Gegenschläge und ein Ausmaß an Zerstörung bedeuten, das es in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat. Die USA wären, wenn sie den Krieg in irgendeiner Form als Staat überleben würden, keine Supermacht mehr, vermutlich auch keine Großmacht, sondern eine atomare Wüste mit Dutzenden Millionen Toten, verstümmelten und verstrahlten Menschen. Für Europa würde dasselbe gelten. Als unangefochtene Supermacht bliebe in dem Fall allein China.

Doch nicht einmal die Nichteinmischung Chinas kann als garantiert angesehen werden. Denn Russland und China sind Verbündete im Rahmen der SCO (Shanghai Cooperation Organisation). Seit dem Beitritt Indiens und Pakistans zur SCO umfassen die Staaten des Bündnisses fast die Hälfte der Weltbevölkerung. Über die Entwicklung und Rolle der SCO im imperialistischen Ringen muss zukünftig dringend mehr geforscht werden.

Der Eintritt Chinas in einen Atomkrieg und insbesondere auch in einen konventionellen Krieg würde eine erhebliche Verschiebung der Kräfteverhältnisse zugunsten Russlands bedeuten. China besitzt das personell stärkste Militär[xx] und die zahlenmäßig größte Kriegsflotte der Welt.[xxi] Es ist nach den USA das Land mit den höchsten Militärausgaben.[xxii] Obwohl sich die militärische Zusammenarbeit der SCO Länder offiziell hauptsächlich auf „Anti-Terror“-Operationen beschränkt, wurden die gemeinsamen militärischen Aktivitäten der SCO in den letzten Jahren umfassend ausgebaut. Seit 2003 wurden mehr als 24 (Stand 2018) gemeinsame Militärübungen durchgeführt, an denen jeweils mehrere Tausend Soldaten teilgenommen haben.[xxiii] Solche „Kriegsspiele“ großen Ausmaßes dienen wohl kaum der gemeinsamen „Terrorabwehr“, sondern vielmehr der Schaffung eines Militärbündnisses in Konkurrenz zur NATO. Sie finden zwar nicht in direkter Nachbarschaft zu den USA statt (im Gegensatz zu den NATO-Manövern, die bewusst in geografischer Nähe Russlands abgehalten werden), doch sicherlich können sie von Verbündeten der USA in der Region wie Japan, Südkorea und Australien ebenfalls als Bedrohung ihrer Sicherheitsinteressen interpretiert werden. Um einen möglichen Einwand vorwegzunehmen: Die SCO ist selbstverständlich nicht ohne Widersprüche. Indien hat sowohl mit Pakistan als auch China ungelöste Grenz- und Territorialkonflikte, obwohl alle drei Staaten Vollmitglieder der SCO sind. Ähnliches gilt allerdings auch für die NATO, bekanntlich sind mit Griechenland und der Türkei zwei NATO-Mitgliedsländer immer wieder (bei der türkischen Invasion Zyperns 1974, in den 90ern bei der Imia-Krise und in den letzten Jahren erneut) haarscharf an einem Krieg vorbeigeschrammt. All das ändert nichts daran, dass NATO und SCO die beiden wichtigsten und sich im Wesentlichen in Rivalität gegenüberstehenden Militärbündnisse der Welt sind.

Bezeichnend ist, dass Philipp die Militärübungen der russischen Seite zwar benennt, aber sogleich betont, dass es reine NATO-Propaganda sei, diesen einen aggressiven Charakter zuzuschreiben – während er umgekehrt jede noch so kleine Aktion der NATO als Beleg für ihre Angriffsplanungen wertet. In höchst irreführender Weise spricht Philipp von 2022 geplanten Angriffsoperationen der NATO gegen Russland und Weißrussland, obwohl es sich in Wirklichkeit „nur“ darum handelte, in den Manövern einen möglichen Krieg mit Russland zu simulieren. Es wäre wichtig, besser darauf zu achten, wie objektive Fakten wahrgenommen werden, ansonsten wird eine objektive wissenschaftliche Untersuchung eines so heiß umstrittenen Themas kaum gelingen.

Es entspricht auch gar nicht der aktuellen geopolitischen Strategie der USA, in Europa einen extrem gefährlichen Krieg mit Russland vom Zaun zu brechen, der im „besten“ Fall, d.h. in dem Fall, dass er auf der konventionellen Ebene bleibt, über längere Zeit einen Großteil der Streitkräfte und Ressourcen der USA binden würde. Der Hauptrivale der USA im zwischenimperialistischen Ringen ist nicht Russland, sondern die VR China. Spätestens mit der Ausrufung des „pazifischen Jahrhunderts“ durch die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton im Jahr 2011 ist die Verlagerung des „Engagements“ der USA in den Indo-Pazifischen Raum klare Strategie und der Öffentlichkeit bekannt.[xxiv] Das gibt auch Alexander zu, offenbar aber ohne die Implikation zu erkennen, dass diese Tatsache alleine bereits gegen die behaupteten Angriffspläne der NATO auf Russland spricht.

Hinzu kommt allerdings noch ein weiteres schwerwiegendes Gegenargument, das ebenfalls für sich genommen ausreichen würde, um große Zweifel an den Behauptungen der Genossen zu wecken: Es ist äußerst zweifelhaft ob ein Krieg der NATO gegen Russland überhaupt operativ durchführbar wäre bzw. was seine Aussichten wären, nicht in einem völligen Debakel für die NATO zu enden.

Wie sieht das militärische Kräfteverhältnis in Osteuropa konkret aus? Dafür hilft es wenig, die Truppenstärke aller NATO-Länder zu addieren und dann der Armee der Russischen Föderation gegenüberzustellen. Die Truppen der USA und in geringerem Maße auch anderer NATO-Staaten sind zum Teil auf der ganzen Welt verstreut und in anderen Kriegen gebunden. Doch auch für Kontingente, auf die dies nicht zutrifft, gilt, dass es kaum möglich wäre, riesige Truppenverbände von Hunderttausenden oder Millionen Soldaten innerhalb weniger Tage und Wochen ins Baltikum oder nach Osteuropa zu verlagern und zu versorgen.

Konkret standen im Januar 2022 laut Medienberichten in den NATO-Verbänden 4000 Soldaten in Polen und im Baltikum und weitere 4000 in Rumänien und Bulgarien. Hinzu kommen natürlich die regulären Truppen der genannten Länder: Polen und die drei baltischen Republiken verfügen zusammengenommen über eine aktive Mannstärke von weniger als 150.000 Soldaten. Die russischen Streitkräfte umfassen eine aktive Personalstärke von 850.000 Mann[xxv]. Bei Panzern, Artillerie oder Flugzeugen liegt das Stärkeverhältnis gegenüber Russland zwischen 1:10 und 1:20. Bei Kriegsschiffen ist es noch deutlich schlechter. Insgesamt haben die USA 74.000 Truppen in Europa stationiert, allerdings sind nicht alle davon im aktiven Dienst und die meisten davon nicht in Osteuropa[xxvi].

Vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine stand die NATO lediglich im Baltikum, genauer gesagt in Lettland und Estland, an der russischen Grenze. Hinzu kommen natürlich die Grenzen Litauens und Polens mit der Enklave Kaliningrad. In der Ukraine selbst waren und sind keine regulären Kampfverbände der NATO stationiert.

Der Vollständigkeit halber: Auf der anderen Seite der Welt liegen der russische Ferne Osten und Alaska sich ebenfalls gegenüber. Der militärische Sinn einer Invasion in diesem strategisch eher wertlosen und unwegsamen Gelände ist allerdings sehr zweifelhaft. Ein Angriff der NATO wäre also höchstwahrscheinlich aus dem Baltikum erfolgt (oder von Polen aus über Belarus). Nun muss man nur einmal die Landkarte ansehen: Die Versorgungslinien der NATO bei einem Krieg im Baltikum wären gelinde gesagt problematisch gewesen. Zwischen Belarus und Kaliningrad sind Polen und Litauen lediglich durch einen dünnen Grenzstreifen, die sogenannte „Suwalki-Lücke“ verbunden. Im Fall eines Krieges, der Belarus einbezieht, könnten russische und weißrussische Verbände möglicherweise in einem schnellen Schlag eine Brücke nach Kaliningrad herstellen und damit das gesamte Baltikum und alle dort stationierten Verbände einschließen. Die Versorgung dieser Truppen müsste dann über das baltische Meer erfolgen, wo Russland leicht die Lufthoheit erringen und feindliche Schiffe mit Antischiffsraketen effektiv und kostengünstig bekämpfen könnte. Die eingeschlossenen Verbände könnten kaum evakuiert werden und würden Gefahr laufen, schließlich von der lokalen russischen Übermacht aufgerieben zu werden. Doch selbst bei einem für die NATO günstigeren Verlauf des Krieges: In jedem Fall wäre es ein Krieg, den die NATO, sobald sie die Grenze überschreitet, auf feindlichem Gebiet kämpfen müsste, wobei sie den Nachteil schlechterer Ortskenntnis und einer feindseligen Zivilbevölkerung hätte, zusätzlich zu einer weitaus schlechteren Versorgung.

Ein offensiver Krieg mit mechanisierten und gepanzerten Verbänden, der Vorstöße ins feindliche Gebiet gestützt auf Luftüberlegenheit versuchen würde, benötigt zudem Unmengen an Treibstoff. Dies stellt ein weiteres schweres strategisches Hindernis eines solchen Krieges dar. Denn auch in Friedenszeiten können die europäischen Länder ihren Bedarf an Öl nicht ohne Russland decken, weshalb der Ölhandel bekanntlich trotz der Konfrontation in der Ukraine weiter läuft. 2022 beziehen die europäischen Länder mehr als ein Viertel ihres Rohöls aus Russland[xxvii]. In Kriegszeiten würde der Bedarf an Öl massiv ansteigen, die Abhängigkeit von Russland würde sich also noch viel stärker bemerkbar machen. Die USA sind zwar vom russischen Öl unabhängig, dies gilt allerdings nur auf ihrem eigenen Kontinent. Ein Krieg in Europa würde also enorme Öllieferungen über den Atlantik voraussetzen, was die Versorgungslinien wiederum verwundbar machen würde. Es ist völlig unklar, wie unter diesen Bedingungen aktuell ein Krieg gegen Russland möglich wäre, wenn Russland doch die Quelle eines erheblichen Teils des Treibstoffs ist, der für einen solchen Krieg benötigt wird. Offensichtlich ist dagegen, dass das deutsche Kapital es sich momentan noch nicht einmal leisten kann, auf die russischen Erdgasimporte zu verzichten, geschweige denn einen Krieg gegen das Land vom Zaun zu brechen, aus dem sie kommen. Zwar gibt es Bemühungen vieler westlicher Staaten, sich von den Öl- und Gasimporten aus Russland unabhängig zu machen, allerdings ist diese Unabhängigkeit noch lange nicht erreicht und es ist fraglich, ob es jemals vollständig dazu kommen wird. Schließlich haben auch die OPEC-Staaten ihre eigenen Interessen und folgen oftmals nicht den Bedürfnissen von USA und EU, wie sich auch an der aktuellen Weigerung einiger Staaten zeigt, ein Ölembargo gegen Russland mit umzusetzen[xxviii].

Nicht zuletzt spricht die offensichtliche Tatsache, dass die NATO nicht einmal bereit ist aktiv mit ihren Truppen in den jetzigen Krieg einzugreifen vollkommen gegen die These, die NATO habe einen Angriff auf Russland geplant. Ein Angriff von ukrainischem Territorium aus sollte also Philipp zufolge unmittelbar bevorstehen, aber die Ukraine gegen einen russischen Angriff verteidigen liegt außerhalb der Möglichkeiten oder des politischen Willens der NATO-Führung? Warum kündigte die NATO ihre militärische Nichteinmischung bereits vor der russischen Invasion an? Warum erteilt sie wiederholt dem Flehen der Ukraine nach einer Flugverbotszone klare Absagen? Wieso packt die NATO nicht die Gelegenheit beim Schopf und setzt ihren von langer Hand geplanten Angriff auf Russland nun in die Tat um? Warum stoßen keine NATO-Verbände vom Baltikum aus Richtung St. Petersburg vor? Wäre das gerade nicht der günstigste Moment dafür, wo Russland mit einem erheblichen Teil seiner einsatzfähigen Streitkräfte in einen verlustreichen Krieg an seiner Südwestflanke verwickelt ist? Warum hält die NATO sich bisher an ihre Aussage, keine Kampftruppen in die Ukraine zu schicken? Böten sich nicht auch dafür beste Voraussetzungen, um die russischen Verluste in der Ukraine in die Höhe zu treiben, um danach zur Gegenoffensive überzugehen?

Wäre das nicht der perfekte Auftakt zum geplanten Dritten Weltkrieg, bei dem man sich selbst auch noch als selbstloser Hilfeleister der bedrängten Ukraine präsentieren könnte?

Die Antwort auf all diese Fragen liegt doch auf der Hand: Die USA und der Großteil der NATO betreiben seit Jahren die Strategie, den Konflikt unterhalb der Schwelle des offenen Krieges mit Russland weiter köcheln und eskalieren zu lassen. Diese Strategie ist selbstverständlich brandgefährlich, weil es keine Garantie gibt, dass diese Schwelle infolge der Eskalation nicht doch überschritten wird. Das bedeutet aber nicht, dass dies das Ziel wäre.

Trotz aller dieser Widersprüche und unbeantworteter Fragen behauptet Philipp, der Angriff Russlands auf die Ukraine sei einem Angriff der NATO auf Russlands nur „ein bis zwei Wochen“ zuvorgekommen. Es findet sich in seinem Text keinerlei Beleg für diese doch wunderlich präzise Angabe. Nicht einmal die Behauptung des geplanten Angriffs selbst kann er beweisen. Die präsentierten Belege können nicht ansatzweise überzeugen. Es werden hauptsächlich NATO-Truppenverlegungen von wenigen tausend Soldaten angeführt, welche wohl kaum als Beweis für eine bevorstehende Invasion herhalten können. Ein Beispiel: Unmittelbar vor Beginn des Krieges verkündeten die USA am 12. Februar im Rahmen einer Übung angesichts der sich zuspitzenden Lage acht F-16 Kampfflugzeuge und 1000 Soldaten nach Rumänien verlegt zu haben. Einige Tage zuvor hatten sie bereits vier F/A-18 verlegt und 8500 Soldaten in erhöhte Bereitschaft versetzt um schnell verlegt werden zu können.[xxix] Wer da behauptet, dass es sich um konkrete Angriffsvorbereitungen handelt, der vergisst 1. dass zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 100.000 russische Soldaten an der russisch-ukrainischen Grenze massiert waren[xxx] und 2. dass die NATO beispielsweise vor ihrem Angriffskrieg gegen den Irak im Jahr 1991 2700 (!) Flugzeuge zusammengezogen hatte.[xxxi] Glaubt die NATO wirklich, dass Russland ein wesentlich schwächerer Gegner als der Irak ist? Diese riesige Diskrepanz ist wohl eher damit zu erklären, dass es sich bei der Verlegung um reine Symbolpolitik gehandelt hat, welche zwar – wie jede Truppenverlegung und jedes Manöver an der Grenze Russlands – ein Akt der Aggression ist, aber von einer konkreten Angriffsvorbereitung weit entfernt ist. Dass nach dem Beschluss der russischen Duma die „Volksrepubliken“ anzuerkennen und der damit einhergehenden Zuspitzung zusätzliche Soldaten verlegt wurden, dürfte auch niemanden wundern. In diesem Fall war es aber die NATO, die auf einen aggressiven Schritt Russlands reagiert hat.

Wir denken, dass wir ausreichend Fakten angeführt haben, um die Absurdität der These eines NATO-Angriffskrieges gegen Russland offengelegt zu haben. Wenn Genossen weiterhin an dieser Behauptung festhalten wollen, sind sie hiermit dazu aufgefordert, unsere Argumente zu widerlegen und endlich stichhaltige eigene Argumente für ihre These ins Feld zu führen.

Behauptung 2: „Russland hatte keine Alternative zur Invasion in der Ukraine“

Eine weitere Behauptung der Genossen besteht darin, dass Russland keine Optionen übrig blieben außer der, die „militärische Spezialoperation“ zu beginnen. So schreibt z.B. Klara: „Russland musste meiner Ansicht nach in diese „Falle“ gehen und versucht noch trotz der schlechten Gesamtsituation das Bestmögliche herauszuholen, eine Alternative zum jetzigen militärischen Vorgehen hatte Russland nicht. Für diejenigen, die das nicht verstehen wollen: die Unterwerfung ist keine Alternative und es ist entweder naiv zu glauben, dass ein Land sich wehrlos unterwerfen würde oder es ist reiner Chauvinismus die Unterwerfung als Alternative zu bezeichnen“.

Im Gegensatz zum Genossen Philipp, der konkrete Angriffsvorbereitungen der NATO auf Russland sieht, vertritt Genosse Alexander die These, dass die NATO nicht auf eine direkte Konfrontation mit Russland aus ist. Stattdessen sollte Russland durch einen Angriff der Ukraine auf das Donbass mit nur indirekter NATO-Unterstützung in eine offene militärische Auseinandersetzung gezwungen werden. Dass solche Pläne im Geheimen existiert haben könnten ist natürlich nicht vollständig auszuschließen. Es erschließt sich allerdings nicht, inwiefern das einen „Präventivschlag“ Russlands rechtfertigt, insbesondere nachdem die Erlässe zur Anerkennung der beiden „Volksrepubliken“ am 21. Februar in Kraft getreten und russische Truppen an die Kontaktlinie verlegt wurden. Hätte Russland nicht, wenn die Angriffsplanungen real waren, einen ukrainischen Angriff abwarten und erst dann zurückschlagen können? Damit hätten die russischen Truppen zwar für eine gewisse Zeit die Initiative verloren, es ist jedoch schwer vorstellbar, dass die ohnehin deutlich unterlegene ukrainische Armee an einer seit 8 Jahren bestehenden Frontlinie signifikante Fortschritte bei einer Angriffsoperation gegen eingegrabene und vorbereitete russische Einheiten hätte erzielen können. Stark vereinfacht lautet die militärtheoretische Daumenregel, dass ein Angreifer eine Übermacht von 3:1 erzielen muss, um einen Gegner in vorbereiteten Positionen besiegen zu können. Das benötigte Verhältnis, um einen Gegner aufzuhalten bis zusätzliche Kräfte mobilisiert werden können wird sogar mit nur 1:6 zugunsten des Verteidigers angegeben.[xxxii] Zusätzlich hätte Russland mit einem von der Ukraine ausgehenden Angriffskrieg zumindest teilweise die moralische Oberhand gegenüber der Weltöffentlichkeit behalten, es wäre unnötig gewesen die Tatsache, dass Krieg geführt wird, mit lächerlichen Begriffen wie der „militärischen Spezialoperation“ zu verschleiern oder unsinnige Propagandabehauptungen zur Rechtfertigung des eigenen Handelns in die Welt zu setzen.

Auch das Argument, dass ein potenzieller NATO-Beitritt der Ukraine in ungewiss entfernter Zukunft eine „existenzielle Bedrohung“ für Russland ist, wird durch die Tatsache, dass der aktuelle Krieg kurzfristig zum NATO-Beitritt Finnlands und vermutlich auch Schwedens führt vollkommen ad absurdum geführt.[xxxiii] Bereits im Jahr 2008 erhielt die Ukraine auf dem NATO-Gipfel in Bukarest eine grundsätzliche Beitrittsperspektive durch Unterstützung der USA. Jedoch sprachen sich schon damals insbesondere Deutschland und Frankreich gegen einen Beitritt der Ukraine aus.[xxxiv] Diese Politik hat sich zumindest aus Sicht der deutschen Regierung über die Jahre nicht geändert.[xxxv] Diese Tatsache widerspricht auch der Vorstellung, dass nicht auch im imperialistischen NATO-Bündnis widersprüchliche Positionen und Interessen existieren. Finnland pflegte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs traditionell gute Beziehungen zur Sowjetunion und später Russland und blieb weitgehend neutral zwischen den beiden Blöcken[xxxvi]. Das lag im Interesse Russlands, denn seine geografische Lage macht Finnland zu einer besonderen potenziellen Bedrohung. Beide Länder teilen heute eine 1300km lange Grenze und die russische Millionenstadt St. Petersburg (ehemals Leningrad) ist weniger als 170km von der finnischen Grenze entfernt. Finnland ist nicht nur deswegen als weitaus wertvollerer Verbündeter für die NATO zu betrachten als die Ukraine: obwohl es nur ein Achtel der Bevölkerung hat, erwirtschaftet es ein 73% höheres BIP.[xxxvii] Dass Finnland auch ein politisch wesentlich stabileres Land ist, welches sich nicht seit acht Jahren im Bürgerkriegszustand befindet, braucht nicht weiter erläutert zu werden.

Ohnehin ist die Argumentation Klaras hier sehr problematisch: Sie rechtfertigt Russlands Krieg damit, dass die Alternative eine „Unterwerfung“ gewesen wäre. Was ist hier mit „Unterwerfung“ gemeint? Dass Russland, hätte es nicht die Ukraine angegriffen, zu einer „Kolonie“ des Westens geworden wäre? Das ist offensichtlich absurd, denn der russische Großmachtstatus hängt nicht primär davon ab, was im wesentlich schwächeren und ärmeren Nachbarland Ukraine passiert. Oder einfach nur, dass es einen Teil seiner geostrategischen Ziele nicht erreicht hätte? Falls das so gemeint war, mag das stimmen oder auch nicht. So oder so bedeutet Klaras Aussage dann aber einfach, dass sich die Arbeiterklasse mit den Interessen des russischen Imperialismus und der möglichst erfolgreichen Durchsetzung all seiner Pläne identifizieren soll. So wird Klara das wohl nicht gemeint haben – allerdings ist auch nicht klar, wie sie es sinnvollerweise gemeint haben könnte.

Behauptung 3: „Der Krieg ist objektiv im Interesse der Arbeiterklasse und verbessert ihre Kampfbedingungen“

In der ganzen Diskussion ist bisher auf Seiten der Kriegsbefürworter die Perspektive der Arbeiterklasse auf den Krieg in bezeichnendem Maße abwesend. Es wird abgelehnt, von einem zwischenimperialistischen Krieg zu sprechen, als Ursache für den Krieg werden lediglich auf einer Seite imperialistische Motive ausgemacht, auf der russischen Seite hingegen vermeintlich klassenübergreifende „Sicherheitsinteressen“. Dadurch eröffnen die Autoren sich die Möglichkeit, noch einen Schritt weiter zu gehen: Wenn der Krieg nicht imperialistisch ist, jedenfalls nicht von Seiten Russlands, dann könnte es sich ja um einen Krieg im Sinne der Arbeiterklasse handeln! Schließlich unterschied doch auch schon Lenin imperialistische Kriege von legitimen nationalen Befreiungskriegen.

Alexander behauptet: „Die Absetzung der ukrainischen Regierung und Entmilitarisierung des Landes ist in der Tat das Ziel der russischen Intervention. Dieses Ziel fällt in dieser konkreten Situation mit dem Interesse der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse zusammen.“. Auch Nasrin „möchte (…) die These aufstellen, dass die russische Militärintervention grundsätzlich sowohl im Interesse der ukrainischen wie auch der russischen Arbeiterklasse ist“.

Stimmt das? Ist der aktuelle Krieg, der von Alexander als „Intervention“ verharmlost wird, im Interesse der russischen und sogar der ukrainischen Arbeiterklasse?

Fangen wir mit letzterer an: Die ukrainische Arbeiterklasse hat bisher seit Beginn der russischen Invasion einen schwer abschätzbaren, aber sicherlich im Bereich einiger Tausend Leben liegenden Blutzoll entrichtet. Das betrifft zum einen einige Tausende gefallene Soldaten, auf der anderen Seite aber auch Zivilisten, d.h. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bombardements, Raketenangriffe und Feuergefechte ums Leben gekommen sind. Nach Angaben der UN waren bis zum 15. Mai knapp 3.700 zivile Todesopfer und fast 3.900 verwundete Zivilisten bestätigt. Der Großteil dieser Opfer war das Ergebnis von Beschuss durch schwere Artillerie, MLRS (Mehrfachraketenwerfer), Luft-Boden-Raketen oder Marschflugkörper. Sicherlich muss eine Dunkelziffer hinzuaddiert werden[xxxviii]. Westliche Medien zitieren zudem eine Vielzahl von Augenzeugen, die von Kriegsverbrechen russischer Truppen berichten. Da der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen sich schwer zu 100% überprüfen lässt und die Lage der ukrainischen Arbeiterklasse selbst ohne Berücksichtigung solcher Akte ohne Zweifel katastrophal ist, sollen sie hier aber außen vor gelassen bleiben.

Auch die russische Arbeiterklasse bezahlt den Krieg teuer mit Tausenden Leben von meist jungen Rekruten, die teilweise offenbar anfangs in den Krieg geschickt wurden, ohne dass ihnen der Charakter ihres Einsatzes bewusst war.

Nun könnte die Behauptung aufgestellt werden, dass sich durch den Krieg die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse – die ja nun wahrlich auch vor dem 24. Februar nicht gerade erfreulich waren – so stark verbessern werden, dass diese Todesopfer, so schrecklich sie auch sind, als notwendiges Übel in Kauf zu nehmen wären. Da wir davon ausgehen können, dass Alexander und anderen Befürwortern des Krieges die Schrecken dieses Krieges durchaus bewusst sein müssen, scheint dies in der Tat die intendierte Argumentation zu sein.

Welche Verbesserungen des Lebensstandards stehen der ukrainischen Arbeiterklasse also nach Beendigung des Krieges in Aussicht?

Erstens wird sicherlich die mögliche Absetzung des Regimes in Kiew genannt werden. Es handelt sich dabei zweifellos um ein reaktionäres, nationalistisches und autoritäres Regime, das repressiv gegen die Opposition vorgeht. Der zweite Punkt wird sicher dann die Beseitigung der faschistischen Banden sein, die seit acht Jahren Linke und Antifaschisten terrorisieren und im Krieg im Donbass eine verbrecherische Rolle gespielt haben. Drittens könnte man die Beendigung des Kriegs im Donbass nennen, der ebenfalls seit 2014 Tausende Todesopfer gefordert hat.

Nun ist es inzwischen sehr zweifelhaft, ob der Krieg mit einer Absetzung der Regierung in Kiew enden wird. Die Umgruppierung der russischen Truppen und der Abzug von der Nordfront spricht nicht dafür, dass das Ziel eines militärisch erzwungenen Regierungswechsels verfolgt wird. Offiziell wird dem auch widersprochen, so die Sprecherin des russischen Außenministeriums Sacharowa bereits am 9. März: Ziel sei „weder die Besetzung der Ukraine noch die Zerstörung ihrer Staatlichkeit noch der Sturz der aktuellen Führung[xxxix]. Doch selbst, wenn im Ergebnis des Krieges Russland tatsächlich eine neue Regierung einsetzen würde, inwiefern wäre eine prorussische Marionettenregierung aus Sicht der ukrainischen Arbeiterklasse wünschenswert? In Russland selbst geht die Regierung mit großer Härte gegen Antikriegsproteste vor. Das ist bereits an sich zu verurteilen. Es ist aber auch absurd zu glauben, dass diese Repressionen sich nicht in Zukunft auch gegen Kommunisten richten werden – jedenfalls gegen diejenigen Teile der russischen kommunistischen Bewegung, die den Burgfrieden mit der Regierung ablehnen und weiterhin internationalistische Standpunkte vertreten: Der Revolutionäre Kommunistische Jugendverband (Bolschewiki), die Jugendorganisation der Russischen Kommunistischen Arbeiterpartei, hat sich beispielsweise klar gegen den Krieg positioniert[xl]. Aber auch vier Duma-Abgeordnete der KPRF haben sich entgegen der Parteilinie öffentlich gegen den Krieg positioniert. Weitere lokale Abgeordnete sowie in einem „Appell der Kommunisten und Sozialisten gegen den brudermörderischen Krieg“ Hunderte Mitglieder, Lokalpolitiker und Sympathisanten der Partei haben es ihnen gleich getan[xli]. Für den Wiederaufbau einer internationalistischen, sich gegen den „roten Putinismus“ der KPRF-Führung stellenden kommunistischen Bewegung werden diese mutigen und prinzipientreuen Äußerungen in Zukunft wichtige Anknüpfungspunkte sein. Sie gegen Repressionen und bellizistische Stimmungsmache in Russland zu verteidigen ist Aufgabe der Kommunisten in Deutschland und auf der ganzen Welt. Doch zurück zum Krieg in der Ukraine:

Auf Grundlage welcher Fakten soll man davon ausgehen, dass ein Regierungswechsel hin zu einer prorussischen Marionettenregierung günstige Bedingungen für die Betätigung von Kommunisten schaffen würde? Eine solche Regierung wäre mit Sicherheit überall in der Ukraine, abgesehen vielleicht von einigen Gebieten im Osten und Süden des Landes, extrem unbeliebt und müsste sich mit repressiven Mitteln an der Macht halten. Sicherlich ganz und gar keine guten Bedingungen für die Entstehung einer unabhängigen Arbeiterbewegung, für Streiks und Kämpfe für bessere Lebensbedingungen.

Vermutlich läuft der Krieg aber auf ein anderes Ergebnis hinaus, nämlich auf eine territoriale Aufspaltung der Ukraine in einen bzw. mehrere Teile, die mit Russland verbündet bzw. von diesem abhängig sein werden oder wie die Krim direkt annektiert würden und eine Rumpf-Ukraine, in der die pro-westlichen und nationalistischen Tendenzen die Mehrheit hätten.

Die Gründung einer „Volksrepublik Cherson“ in der Südostukraine wäre beispielsweise ein solcher Schritt, möglicherweise als Vorbereitung auf eine spätere Annexion. Anhand der „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk lässt sich erahnen, dass dieses Szenario wohl kaum im Interesse der Arbeiterklasse wäre. Lagen die Anfänge der „Volksrepubliken“ noch in einem genuinen Volksaufstand, der sich u.a. gegen die faschistischen und nationalistischen Tendenzen des neuen Regimes in Kiew richtete, haben in diesen quasistaatlichen Gebilden sehr schnell prokapitalistische Kräfte die Führung übernommen, die den demokratischen Bestrebungen der Anfangszeit ein jähes Ende gesetzt haben. Der Lebensstandard der Bevölkerung sank aufgrund der wirtschaftlichen Isolation und des Krieges rapide. Die völlige politische und ökonomische Abhängigkeit der beiden Republiken von Russland erschwert den Klassenkampf für verbesserte Lebensbedingungen massiv – in der Tat stellt sich ja die Frage, worin letztlich die strategische Perspektive des Kampfes bestehen soll, wenn die beiden Republiken dauerhaft und vollkommen am Tropf Moskaus hängen. Anders als in der restlichen Ukraine ist die Betätigung von Kommunisten in Donezk und Lugansk zwar weiterhin erlaubt, allerdings wurde der Kommunistischen Partei der Volksrepublik Donezk die Teilnahme an den Wahlen untersagt – und das trotz ihrer russlandfreundlichen und sicherlich nicht konsequent revolutionären Haltung. Es gibt zahlreiche Indizien dafür, dass Machtkämpfe in Donezk und Lugansk immer wieder durch politische Morde „gelöst“ wurden. Alexej Mosgowoj, der beliebte Kommandant der bekannten Prisrak-Brigade der „Volksrepublik Lugansk“ wurde unter ungeklärten Umständen und nach wiederholten Mordversuchen und einem gescheiterten Anschlag im Mai 2015 ermordet. Mosgowoj hatte sich immer wieder kritisch zu den herrschenden Kreisen der „Volksrepublik“ geäußert, so z.B. zu den „Wahlen“ in den „Volksrepubliken“ am 2.11.2014: „In der gesamten Periode der Existenz unserer Republik und ihrer Regierung gab es genau genommen noch nichts Konstruktives. Nur die dumme Erfüllung der Wünsche einiger Herren. Das Gleiche ist es mit den anberaumten Wahlen. Ein Gelage in Zeiten der Pest. Nur eine Masse an Versprechen und schöner Losungen“[xlii]. Auch der spätere Kommandant der Brigade, Alexej Markow, der sich selbst als Sozialist verstand, kam unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall im Jahr 2020 ums Leben.

Eine Spaltung der Ukraine wäre zudem bereits an sich mit einer Verschlechterung der Kampfposition der Arbeiterklasse verbunden. Sie würde die Politik in allen Teilen weiter auf die Grundlage des ethnischen Nationalismus orientieren (auch mit negativen Konsequenzen für die kleineren Minderheiten wie Juden, Griechen oder Tataren). Sie würde die verschiedenen daraus entstehenden Splitterstaaten noch stärker von den beiden involvierten imperialistischen Polen machen (die NATO/EU, USA, Deutschland usw. einerseits, Russland andrerseits). Sie würde einen gemeinsamen Kampf der gesamten Arbeiterklasse der Ukraine auf Dauer unmöglich machen.

Diese Spaltung der Ukraine ist selbstverständlich nicht alleine Russland anzulasten. Es stimmt, dass es zuerst die NATO und von ihr geförderten Faschisten waren, die die Spannungen zwischen russisch- und ukrainischsprachigen Bevölkerungsteilen angeheizt haben. Doch der Krieg Russlands löst diese Situation nicht im Interesse der Arbeiterklasse, ganz im Gegenteil beteiligt Russland sich damit an der territorialen Aufspaltung des Landes und versucht, „seinen“ Anteil mit Gewalt zu vergrößern.

Der Krieg, die Verheerungen der Ukraine, die vielen Toten, die territoriale Spaltung, die nationalistische, teilweise faschistische Kriegspropaganda der ukrainischen Seite, aber auch der chauvinistische Nationalismus der russischen Seite – all diese Faktoren führen dazu, dass die Arbeiterklasse der Ukraine in extremem Maße nationalistisch verhetzt und für faschistische politische Kräfte empfänglich wird. Auch die Arbeiterklasse Russlands, des Donbass und der Krim werden durch den Krieg und die russische Kriegspropaganda sowie den großrussischen Chauvinismus, beispielsweise die Leugnung der nationalen Identität der Ukraine, nationalistisch aufgehetzt. Auch sie werden für reaktionäre politische Kräfte empfänglicher gemacht – dass immer wieder Bilder russischer Panzer oder Kriegsbefürworter mit sowjetischen Symbolen die Runde machen, sollte nicht zu der Illusion führen, den reaktionären nationalistischen und staatstreuen Charakter der Pro-Kriegs-Bewegung in Russland zu unterschätzen. Die prinzipienlose, opportunistische Positionierung der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation an der Seite der Kriegstreiber hat bisher diese Partei eher Sympathien in der Bevölkerung gekostet: Ihre Umfrageergebnisse sind von ca 22% Ende 2021 auf 14% Anfang Mai 2022 gefallen[xliii]. Da die Unterstützung des Krieges in Russland eine nationalistische und staatstragende Position ist, ist es nicht verwunderlich, dass sich damit keine Werbung für sozialistische Politik machen lässt.

In der Ukraine und in Russland ist also eine Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach rechts zu beobachten, die große Teile der Arbeiterklasse betrifft und die Handlungsspielräume der Kommunisten und der Arbeiterbewegung weiter einschränken wird.

Interessant und bezeichnend ist aber auch, dass die angebliche Verbesserung der Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in der Diskussion von Seiten der Kriegsbefürworter bisher rein politisch begründet wird. Ist nicht die Entwicklung des ökonomischen Lebensstandards auch Teil der Lebens- und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse? Sind Kommunisten nicht auch die konsequentesten Verteidiger der unmittelbar ökonomischen und sozialen Lebensinteressen der Klasse, weil die Klasse sich nur in diesem Kampf zur „Klasse für sich“ formieren kann?

An den Auswirkungen des Krieges auf den Lebensstandard der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse kann kein Zweifel bestehen: Sie sind ausgesprochen negativ. In Russland treffen die westlichen Sanktionen vor allem die werktätige Bevölkerung: Mehl und Zucker wurden bereits Tage nach Beginn der Invasion knapp, die Preise auf viele importierte Nahrungsmittel und Güter des täglichen Gebrauchs explodierten. Lebenswichtige medizinische Güter wie Insulin sind ebenfalls Mangelware[xliv]. Hinzu kommen die hohen ökonomischen Kosten des Kriegseinsatzes selbst, die der russische Staat ebenfalls über Steuereinnahmen finanzieren muss, die an anderer Stelle fehlen werden.

Schlimmer sind die Folgen für die ukrainische Arbeiterklasse: In den Kriegsgebieten, d.h. im Donbass, Kramatorsk, Mariupol, in der Südukraine in den Oblasts Cherson und Saporischje, im Nordosten, in Charkiw/Charkow und im Kiewer Oblast sind die Zerstörungen auch jetzt schon gewaltig, obwohl die russische Armee sicherlich nicht, wie es in der westlichen Propaganda behauptet wird, absichtlich möglichst große Schäden an der zivilen Infrastruktur anrichtet.

Machen wir uns einmal in Zahlen deutlich, was der Krieg für das Leben der ukrainischen Arbeiterklasse bedeutet: Bereits nach drei Wochen schätzte die UNO ein, dass die Kriegsschäden an der Infrastruktur 100 Mrd. US$ ausmachten. Diese Zahl muss inzwischen sehr viel höher sein und vermutlich einige Hunderte Milliarden US$ betragen – bei einer Wirtschaftsleistung der Ukraine von jährlich um die 150 Mrd. US$. Die UN schätzte zudem, dass bis zu 90% der ukrainischen Bevölkerung durch den Krieg in die Armut absinken könnten und bereits drei Wochen nach Kriegsbeginn das unmittelbare Überleben von etwa 30% der Bevölkerung von humanitärer Hilfe abhängig gewesen sei[xlv]. Die Flüchtlingsagentur der UNO (UNHCR) gibt an, dass bis zum 9. Mai 2022 fast sechs Millionen Ukrainer aufgrund des Krieges zur Flucht aus ihrem Land gezwungen wurden. Diese bereits gewaltige Zahl schließt wohlgemerkt nicht die zweifellos ebenfalls hohe Zahl an Binnenflüchtlingen ein, die innerhalb der Ukraine aus ihrer Heimat geflohen sind. Ebenso wenig werden Flüchtlinge mit der Nationalität von Nachbarländern gezählt, die aufgrund des Krieges in ihre Heimat zurückkehren[xlvi].

Solche Zerstörungen und humanitären Tragödien sind bei einem Luft- und Landkrieg, der von russischer Seite vor allem mithilfe überlegener Feuerkraft gewonnen werden soll und zumindest in den ersten Wochen auch Versuche zur Eroberung von Großstädten einschloss, schlicht unvermeidlich. Die Ukraine wird auch nach dem Krieg unter Schäden in mehrhundertfacher Milliardenhöhe leiden. Eine schwer abschätzbare Zahl von Menschen wird ihre Wohnung verloren haben. Auch nach dem Krieg wird das Land von nicht explodierter Munition übersät sein, die auch Jahre nach dem Friedensschluss zivile Opfer fordern wird. Zahllose Ukrainer werden hoffnungslos und resigniert ihr Land verlassen, der „brain drain“ wird die Wirtschaft des Landes noch stärker belasten. Kurz gesagt: Auf absehbare Zeit wird die Ukraine noch viel stärker als bisher das Armenhaus Europas sein. Es besteht kein Zweifel daran, dass allen voran die Arbeiterklasse unter diesen Belastungen leiden wird.

Verbessern sich zumindest die Kampfbedingungen der Kommunisten durch den Krieg? Auch das darf getrost bezweifelt werden. Der Krieg verstärkt in der Ukraine in ungeheurem Ausmaß den bestehenden Nationalismus und Russenhass. Diejenigen der ukrainischen Kommunisten, die sich hinter die russische Invasion gestellt oder diese nicht klar abgelehnt haben, werden auf Dauer als Handlanger der Invasoren und Besatzer diskreditiert sein.

Wenn wir versuchen, die konkreten Auswirkungen des Krieges auf die Lebens- und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse einzuschätzen, müsste all dies zumindest in ein Verhältnis zu den vermeintlich positiven Effekten der „Entnazifizierung“ gestellt werden. Stattdessen argumentiert Nasrin einfach so: In dem Krieg werden Nazis liquidiert, Nazis sind schlecht für die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse, ergo ist der Krieg gut für diese Kampfbedingungen. Leider funktioniert die Gleichung aber nicht so einfach. Sicherlich gibt es keinen Kommunisten oder aufrechten Antifaschisten auf der Welt, der für einen Neonazi des Asow-Regiments, der in Mariupol von einer russischen Rakete getroffen wird, eine Träne vergießt. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass ein Land in Schutt und Asche gelegt, vermutlich territorial aufgespalten, seine Bevölkerung umgebracht und die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen der Ukraine und der Region über Jahrzehnte vergiftet werden. Dabei handelt es sich um eine massive und strukturelle Verschlechterung der Lebens- und Kampfbedingungen. Es besteht kein Zweifel daran, dass der politische ebenso wie der sozial-ökonomische Nettoeffekt des Krieges für die Arbeiterklasse extrem negativ ist, selbst wenn im Verlauf der Kampfhandlungen einige Hundert Faschisten das Zeitliche segnen. Das muss erst einmal festgehalten werden, bevor wir uns den Vorwand der „Entnazifizierung“ noch genauer ansehen werden.

Behauptung 4: „Der Krieg dient der Entnazifizierung der Ukraine“

Diese These wird vor allem in Nasrins Beitrag ausgearbeitet und begründet, aber auch andere Genossen stellen ähnliche Behauptungen auf. Nasrin schreibt: „Die Militärintervention öffnet nicht nur Handlungsspielräume für die Bevölkerung in den Volksrepubliken, sondern bedeutet für sie, sowie für alle antifaschistischen Kräfte in der Ukraine eine massive Verbesserung ihrer momentanen Kampfsituation. Gerade jetzt kann die Intervention auch von der russischen Arbeiterbewegung genutzt werden, um auch eine antifaschistische Offensive in Russland voranzutreiben, Druck auf die russische Regierung ausüben, die Forderung nach Denazifierung nicht auf die Ukraine zu beschränken, sondern z.B. Nazis in Russland in den Blick zu nehmen, usw.“

An diesen Ausführungen ist einiges bemerkenswert. Erstens die befremdliche und bereits widerlegte Behauptung, durch das militärische Vorgehen gegen einige faschistische Verbände in der ukrainischen Armee würde sich die Kampfsituation der Arbeiterklasse insgesamt verbessern.

Zweitens das Verständnis von Entnazifizierung, das hier deutlich wird. Während die KO bisher immer darauf gepocht hatte, dass ein Vorgehen gegen Faschisten letztlich nur dann wirksam ist, wenn es die gesellschaftlichen Grundlagen des Faschismus beseitigt, wird „Antifaschismus“ hier im Kern auf „Nazis töten“ reduziert. Was ist eigentlich aus unseren früheren Aussagen geworden, wonach in Nachkriegsdeutschland lediglich die SBZ bzw. DDR eine wirkliche Entnazifizierung durchgeführt haben, weil nur sie die Grundlagen des Nazismus wirklich beseitigten? Oder unserer Analyse, wonach eine Bekämpfung von Nazis, die nicht die gesellschaftlichen Grundlagen des Faschismus angreift oder überhaupt nur thematisiert, ineffektive Symptombekämpfung bleibt?

Drittens die Vorstellung, man könnte ausgerechnet im Kontext eines russischen Krieges, vor dem Hintergrund umfassender nationalistischer Mobilisierung und eines sehr viel repressiver werdenden politischen Klimas in Russland die Situation „taktisch ausnutzen“, um die russische Regierung zu einer Entnazifizierung Russlands zu drängen. Wie könnte das in der Realität aussehen? Anscheinend folgt Nasrin der Vorstellung, die Bevölkerung in Russland würde den Krieg tatsächlich primär aus antifaschistischen Motiven unterstützen, sodass es eine antifaschistische Mobilisierung gäbe, die man nun ausnutzen könnte. Selbst dann wäre es natürlich keine korrekte Position für Kommunisten, der irregeleiteten Stimmung der Massen zu folgen und einen Krieg reaktionären Charakters gutzuheißen. Aber wie sieht die Stimmung im russischen Volk tatsächlich aus? Es ist bekannt, dass bei Umfragen eine große Mehrheit der Russen ihre Unterstützung für den Krieg aussprechen: Nach einer Umfrage unterstützen 53% das Vorgehen der Streitkräfte eindeutig und 28% gaben an, dass sie es „eher“ unterstützen[xlvii]. Dabei ist es schwierig, zwischen einem irregeleiteten Antifaschismus einerseits, der wirklich an die „Entnazifizierungs“-Propaganda glaubt, und offenem Chauvinismus und Eroberungsphantasien andrerseits zu trennen. Ein großer Teil der russischen Bevölkerung ist offenbar so nationalistisch aufgehetzt und blind für geopolitische Realitäten, dass er eine dauerhafte Besetzung oder Annexion der Ukraine befürwortet oder zumindest für bedenkenswert hält. Bei einer Umfrage, die kurz vor Kriegsbeginn stattfand, waren nur 43% eindeutig dagegen, die Ukraine mit Waffengewalt an Russland anzuschließen, während 36% diese Option sogar klar befürworteten[xlviii]. Die Unterstützung eines Eroberungskrieges des russischen Imperialismus ist offensichtlich etwas ganz anderes als die berechtigte Sorge über den Faschismus in der Ukraine. Es ist daher völlig unklar, woher die Einschätzung kommt, es gebe aktuell ein fortschrittliches Klima, das man ausnutzen könnte. Sicherlich ist es positiv, dass ein großer Teil des russischen Volkes den Faschismus ablehnt und die Erinnerung an die Sowjetunion hochhält. Aber daran kann man nicht anknüpfen, indem man die verlogene Instrumentalisierung dieser Stimmungen für die Kriegsziele des russischen Imperialismus unterstützt, sondern ganz im Gegenteil nur dadurch, dass man den reaktionären Charakter der russischen Bourgeoisie und ihres Staates aufzeigt und die Verlogenheit ihrer Propaganda entlarvt.

Vor allem aber muss über den Charakter des russischen Staates und der Kräfte, die in seinem Auftrag kämpfen, gesprochen werden. Bei vielen Linken und Kommunisten scheint die irrige Vorstellung vorzuherrschen, das heutige, kapitalistische Russland hätte gewisse Eigenschaften der Sowjetunion nicht völlig aufgegeben und wäre irgendwie noch Repräsentant der antifaschistischen und antiimperialistischen Traditionen. Mit der Realität hat all das leider nichts zu tun. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Konterrevolution in ausnahmslos allen ehemaligen Sowjetrepubliken und Ländern des Warschauer Vertrags einem Vormarsch der schwärzesten Reaktion Bahn gebrochen hat. Die Rehabilitierung von Faschisten, die antikommunistische Verfälschung der Geschichte, der positive Bezug auf die reaktionärsten historischen Traditionen ist alles andere als ein Spezifikum der Ukraine – all das findet sich in der einen oder anderen Form auch in den baltischen Ländern, in Polen und Ungarn, den ehemaligen jugoslawischen Republiken, Rumänien, Zentralasien und eben auch in Russland. Die Russische Föderation war nach dem Ende der Sowjetunion bemüht, lediglich in solchen Punkten an die sowjetische Symbolik anzuknüpfen, wo man deren Gehalt in ein „patriotisches“ großrussisches Narrativ einordnen konnte. Vor allem die Armee als Rückgrat des russischen Großmachtstatus hat deshalb die revolutionären Symbole (wie den roten Stern, das jährliche Gedenken zum 9. Mai usw.) in Teilen beibehalten. Der Staat selbst zeigte aber recht deutlich, wo er seine historischen Anknüpfungspunkte sieht: Die rote Fahne mit Hammer und Sichel als Symbol der Arbeiter- und Bauernmacht wurde ersetzt durch die weiß-blau-rote Trikolore des Russischen Zarenreiches, die im Russischen Bürgerkrieg von der konterrevolutionären Weißen Armee und im Zweiten Weltkrieg teilweise auch von der sogenannten Wlassow-Armee, also russischen Kollaborateuren der Nazis, verwendet wurde. Das Staatswappen Russlands zeigt den Adler der Zaren mit der Zarenkrone und ein Bild des heiligen Georg, als Zeichen für die positive Anknüpfung an das Zarenreich und die Orthodoxe Kirche.

Die Geschichte der Sowjetunion wird in instrumenteller und äußerst selektiver Weise eingesetzt: Als Teil der Geschichte Russlands als Großmacht, obwohl die Sowjetunion sich explizit nicht als russischer Staat, sondern als Staat aller Nationalitäten auf seinem Territorium verstand. Die positiven Gefühle, die ein Großteil des russischen Volkes mit der UdSSR verbindet, werden auch im Ukrainekrieg ausgenutzt, etwa indem man russischen Soldaten gestattet, die rote Fahne auf ihren Fahrzeugen oder eingenommenen Gebäuden zu hissen. Dies hat offenbar auch einige westliche Linke verwirrt, die darin ein Zeichen für einen fortschrittlichen Charakter des Krieges zu sehen glauben. Sicherlich ist es eine richtige und wichtige Frage, wie die prosowjetische Stimmung in der Bevölkerung von Kommunisten genutzt werden kann – die Unterstützung eines reaktionären imperialistischen Krieges ist allerdings sicherlich nicht die Antwort.

Entsprechend der antikommunistischen Staatsräson der Russischen Föderation wird auch der Anspruch der russischen Staatsführung auf Einfluss in der Ukraine begründet. Die Ukraine sei „integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte, unserer Kultur, unseres geistigen Raums. (…) Die heutige Ukraine wurde voll und ganz und ohne jede Einschränkung von Russland geschaffen, genauer: vom bolschewistischen, kommunistischen Russland. Dieser Prozess begann im Grunde gleich nach der Revolution von 1917. Lenin und seine Mitstreiter gingen dabei äußerst rücksichtslos gegen Russland selbst vor, von dem Teile seiner eigenen historischen Gebiete abgetrennt und abgestoßen wurden“, so Putin drei Tage vor Beginn der russischen Invasion. Die Nationalitätenpolitik der Bolschewiki, den kleineren Nationen Selbstbestimmung und Autonomie zu verleihen, war nach Putin „nicht nur einfach ein Fehler, sie waren, sozusagen viel schlimmer als ein Fehler“. In einer Rede, in der es eigentlich um den Konflikt im Donbass und zwischen Russland und der Ukraine geht, verwendet Putin einen großen Teil seiner Redezeit, um die angebliche „künstliche“ Erschaffung von Nationalitäten wie der Ukraine durch die Bolschewiki anzuprangern, durch die verschiedene nationale Gruppen erst auf die Idee gekommen seien, sich vom russisch dominierten Staat zu trennen. Putins Schlussfolgerung kann daher nicht überraschen: „Eine Überwindung des Kommunismus wollt Ihr? Alles klar, vollkommen einverstanden. Aber dann bitte nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Wir zeigen euch gerne, was eine echte Überwindung des Kommunismus für die Ukraine bedeutet.“ [xlix]. Dass Putin neben der „Entnazifizierung“ auch die „Entkommunisierung“ der Ukraine als Ziel benannt hat, wurde in den westlichen Medien aus offensichtlichen Gründen verschwiegen. Sie ist jedoch sehr ernst zu nehmen: Aus dem Kontext von Putins Rede ergibt sich, dass es dabei nicht nur darum geht, die Erinnerung an den Kommunismus auszulöschen, was ja von den ukrainischen Autoritäten bereits betrieben wird, sondern darum, die Ergebnisse der Leninschen Nationalitätenpolitik, d.h. konkret die Existenz einer unabhängigen Ukraine, letzten Endes infrage zu stellen.

Ein Anfang April erschienener Artikel der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti treibt Putins Aussagen noch weiter auf die Spitze. Darin wird offen ausgesprochen, dass die vermeintliche „Entnazifizierung“ eine dauerhafte russische Besatzung sowie das Ende einer eigenständigen nationalen Identität der Ukrainer bedeute. „Die Entnazifizierung kann nur vom Sieger durchgeführt werden, was voraussetzt, dass er (1) die unbedingte Kontrolle über den Entnazifizierungsprozess hat und (2) die Macht, diese Kontrolle zu gewährleisten. In dieser Hinsicht kann das entnazifizierte Land nicht souverän sein“. Und: „Der Name ‚Ukraine‘ kann offensichtlich nicht als Bezeichnung für ein vollständig entnazifiziertes Staatsgebilde auf einem vom Naziregime befreiten Gebiet beibehalten werden. (…) Die Entnazifizierung wird unweigerlich eine Ent-Ukrainisierung sein – eine Absage an die von den sowjetischen Behörden eingeleitete künstliche Aufblähung der ethnischen Komponente der Selbstidentifikation der Bevölkerung“. Dann wird recht offen über eine territoriale Aufteilung der Ukraine gesprochen, wobei auch die Westukraine dauerhaft unter russischer Besatzung bleiben soll: „Eine Russland feindlich gesinnte, aber zwangsneutrale und entmilitarisierte Ukraine, in der der Nationalsozialismus formell verboten ist, wird dahinter zurückbleiben. Russlandhasser werden dorthin gehen. Eine Garantie dafür, dass diese Rest-Ukraine neutral bleibt, sollte die Androhung einer sofortigen Fortsetzung der Militäroperation sein, wenn die aufgeführten Anforderungen nicht erfüllt werden. Dies würde wahrscheinlich eine ständige russische Militärpräsenz auf dem Territorium des Landes erfordern“[l].

Während in Russland bereits die Vokabel „Krieg“ für den in der russischen Staatspropaganda als „militärische Spezialoperation“ verharmlosten Krieg verboten ist und Kritik an diesem in den Medien nicht vorkommt, bekommt ein rabiater, anti-ukrainischer Nationalismus darin ein Forum geboten und gehört damit zum zugelassenen Meinungsspektrum darüber, was mit der Ukraine zukünftig zu tun sei.

An dieser Stelle muss man sich bereits fragen: Kann ein Krieg, der mit offenem Nationalismus und Chauvinismus begründet wird, die „Entnazifizierung“ eines Landes bewerkstelligen? Bietet er einen günstigen Nährboden für eine „antifaschistische Offensive“, wie Genossin Nasrin behauptet, oder vielleicht vielmehr für die explosionsartige Ausbreitung nationalistischer Stimmungen in der Bevölkerung?

Angesichts der überwiegend reaktionären historischen Bezugspunkte der Russischen Föderation kann man bereits die Frage stellen, mit welcher Glaubwürdigkeit ein solcher Staat sich den Kampf gegen den Faschismus auf die Fahnen schreiben kann. Doch zum Verhältnis der Regierung Putins gegenüber dem Faschismus kann noch einiges mehr gesagt werden.

Bekannt sind die durchaus freundlichen Beziehungen Putins zu Ideologen der extremen Rechten wie Alexander Dugin und Alexander Solschenizyn. Solschenizyn, der im Westen wegen seiner hervorstechenden Rolle als antikommunistischer Geschichtsfälscher immer noch gefeiert wird, war ein Unterstützer der faschistischen Franco-Diktatur in Spanien[li]. Vor allem aber stellte er sich in den 2000er Jahren auf die Seite Putins, den er für den Schutz der russischen Staatlichkeit gegen westliche Unterwanderungsversuche lobte. Die russische Administration belohnte ihn mit der Verleihung eines Staatspreises und Präsident Putin besuchte den greisen Solschenizyn in dessen Wohnung, um ihm mitzuteilen, dass ihre Vorstellungen über den zukünftigen russischen Staat sich in Übereinstimmung befänden. Was damit gemeint war: Die geteilte Überzeugung, dass Belarus und die Ukraine wieder zum russischen Staat gehören müssten und die orthodoxe Kirche ein zentraler Pfeiler der russischen Kultur sei[lii].

Alexander Dugin gilt als persönlicher Freund und Berater Putins, dessen Denken erheblichen Einfluss auf die weltpolitische Konzeption der russischen Regierung hat. Dugin kann als der führende zeitgenössische Theoretiker der extremen Rechten Russlands bezeichnet werden. Sein zentrales Theorem ist die „eurasische Idee“, d.h. die Befürwortung eines von Russland dominierten Großraumes „Eurasien“, das sich kulturell vor allem im Gegensatz zur „westlichen Welt“, also zum Liberalismus und zur „Globalisierung“ sieht, die den Zusammenhalt der Nationen untergraben würden. Auch der Sozialismus wird selbstverständlich abgelehnt. Die ideologischen Bezugspunkte des „Eurasismus“ von Dugin sind u.a. Alain de Benoist, wichtigster Vorreiter der Neuen Rechten, der faschistische Rassentheoretiker und Mussolini-Sympathisant Julius Evola und der als „Kronjurist des Dritten Reiches“ bezeichnete Carl Schmitt[liii].

Zu den Ideologen, auf die Putin sich während der letzten 20 Jahre in seinen Reden häufig explizit berufen hat, gehört auch Iwan Iljin. Der Adlige Iljin war einer der führenden intellektuellen Unterstützer der „weißen“ Konterrevolution im Russischen Bürgerkrieg und später bekennender Faschist. In der Machtübertragung an Hitler sah er einen „Akt der Erlösung“. Allerdings orientierte er sich in den folgenden Jahren stärker an anderen faschistischen Diktatoren wie Mussolini und Salazar, deren enges Bündnis mit der Kirche ihm mehr zusagte. In Russland findet seit Jahren eine schleichende Rehabilitierung Iljins statt: Nachdem Iljins Schriften in der Sowjetunion jahrzehntelang verboten waren, wurden 2005 seine sterblichen Überreste gemeinsam mit denen des Oberkommandierenden der Weißen Armee Anton Denikin nach Russland überführt und in Moskau bestattet. Iljins zentrales Werk „Unsere Aufgaben“ wurde 2014 vor der Annexion der Krim an alle höheren Beamten und Regionalgouverneure der Russischen Föderation versandt und zur Lektüre empfohlen. Iljins Traum war der eines traditionalistischen Führerstaates in Russland, der sich offensiv gegen alle ausländischen Versuche zur Destabilisierung und Zerstückelung zur Wehr setzt. Darin liegt sein Wert für die heutigen russischen Kapitalisten und ihre Regierung[liv].

Die Regierung Putins nutzt Fragmente verschiedener Ideologien für ihre Ziele, wo sie diesen dienlich sind. Das Ziel ist die Konzeptualisierung eines starken imperialistischen Russlands, dessen im Inneren verbindende Ideologie sich im Wesentlichen auf die Bejahung eines „starken Staates“ und der russischen Identität stützt, die wiederum v.a. durch die orthodoxe Religion und das Slawentum definiert wird. Dafür werden auch positive Bezüge auf bestimmte Aspekte der sowjetischen Geschichte aufgenommen, bei gleichzeitig scharfer Ablehnung der sozialistischen Oktoberrevolution selbst, der die Destabilisierung des russischen Staates vorgeworfen wird (oft verbunden mit dem geschichtsrevisionistischen Narrativ, Lenin sei „deutscher Agent“ gewesen). Vor allem aber werden auch die Vordenker der weißen Konterrevolution, des russischen Faschismus und der „Neuen Rechten“ dafür herangezogen.

Auch zur Durchsetzung außenpolitischer Ziele nutzt der russische Staat seit Langem faschistische Kräfte. Bekannt geworden ist die „Wagner-Gruppe“, eine paramilitärische Organisation, die von dem Neonazi Dmitri Utkin gegründet wurde und seitdem in verschiedenen Konflikten die Interessen des russischen Staates vertreten hat. Beispielsweise hat die Wagner-Gruppe in der Zentralafrikanischen Republik im Bürgerkrieg interveniert und die dortige Regierung stark von Russland abhängig gemacht. In Syrien hat die Gruppe ebenfalls auf Seiten der Regierung operiert und sich ansonsten vor allem auch im Donbass einen Namen gemacht, wo seit Beginn russische Söldner mit faschistischer Gesinnung auf Seiten der „Volksrepubliken“ gekämpft haben. Utkin wurde für seine Dienste gegenüber dem russischen Staat mehrfach mit dem Tapferkeitsorden ausgezeichnet.

Doch nicht nur die Wagner-Gruppe beweist, dass die russische Regierung kein grundsätzliches Problem mit Faschisten hat, sondern lediglich ein Problem mit antirussischen Faschisten. Schließlich steht z.B. der russische Verbündete Kasachstan der Ukraine, was die Rehabilitierung des Faschismus angeht, kaum nach. Die dortigen Faschisten sind ebenso antirussisch wie die ukrainischen. Kasachische Faschisten unterdrücken die russische Minderheit im Land, u.a. mit „Sprachpatrouillen“, die sich gegen jeden richten, der in der Öffentlichkeit Russisch spricht. Auch in Kasachstan haben extreme Nationalisten und Faschisten hohe Staatsämter inne, beispielsweise Staatssekretär Jerlan Karin, ein Unterstützer der europäischen Neuen Rechten und der türkischen Grauen Wölfe. Die Regierung arbeitet seit Jahren daran, die Turkestan-Legion der Wehrmacht und die muslimischen Einheiten der SS zu rehabilitieren, die im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion im Vernichtungskrieg zur Partisanenbekämpfung eingesetzt wurden[lv]. In Kasachstan ist – ebenso wie in der Ukraine – die Kommunistische Partei verboten und wird massiv verfolgt, Gleiches gilt für die Sozialistische Bewegung Kasachstans. Auch die Gewerkschaften werden verfolgt und Arbeiterkämpfe mit blutigen Repressionen überzogen, wie beim Zhanaozen-Massaker 2011, wo viele Arbeiter von den Staatsorganen getötet und weitere verletzt worden. Beim Arbeiteraufstand vom Januar 2022 wurden über 200 Menschen getötet, zum großen Teil ebenfalls durch staatliche Repressionen.

Das kasachische Regime war somit (mindestens bis zum Beginn der russischen Invasion) eher noch repressiver gegen die Arbeiterbewegung und die Kommunisten und auch kaum weniger profaschistisch als das ukrainische. Trotzdem unterhielt die russische Führung mit dem Regime von Kassym-Jomart Tokajew gute Beziehungen im Rahmen der Organisation des Vertrages für Kollektive Sicherheit (OVKS). Sie startete keine „Militäroperation“ zur „Entnazifizierung“ in Kasachstan, vielmehr schickte sie auf Geheiß der kasachischen Regierung ihre Soldaten, um das Regime im Kampf gegen den Arbeiteraufstand zu stützen. Während die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) in der Ukraine den Kampf der russischen Streitkräfte gegen den Faschismus propagiert, hieß sie in Kasachstan den OVKS-Einsatz zur Stützung des reaktionären und arbeiterfeindlichen Regimes gut. Im ersten Fall wird der Krieg für notwendig erklärt, um eine arbeiterfeindliche Diktatur zu stürzen, während im anderen Fall eine arbeiterfeindliche Diktatur unterstützt wird, um einen (angeblich drohenden) Krieg zu verhindern. Daher liegt wohl der Verdacht nahe, dass es der KPRF in Wirklichkeit nicht um den Kampf gegen Nazis, sondern um die Stützung der eigenen Regierung und ihrer Außenpolitik geht, wobei je nach Situation die Vorwände ausgewechselt werden, wie es gerade passt.

Die Faschisierung der Gesellschaft in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und des Warschauer Vertrags bzw. RGW ist eine Folge der Dynamik der Konterrevolution, die, um den Kapitalismus restaurieren und eine rechtfertigende Ideologie für diesen bereitstellen zu können, den Kräften der äußersten rechten Reaktion die Bahn frei gemacht hat. Die Faschisierung wird in der Ukraine von der NATO vorangetrieben, aber wie Kasachstan und Russland zeigen, ist die Anbindung an die NATO dafür keine zwingend notwendige Voraussetzung. Der gesellschaftliche Ursprung des Faschismus in Osteuropa ist nicht die NATO, sondern die Konterrevolution. Und für diese steht Putin ebenso wie Selenskij.

Was Russland also in der Ukraine betreibt, ist keine „Entnazifizierung“, auch wenn im Verlauf der Kriegshandlungen Faschisten auf ukrainischer Seite sterben. Es ist ein imperialistischer Krieg zur Aufteilung der Ukraine, eine Spätfolge der Zerstörung der Sowjetunion. Mit jedem Haus, das zerstört, jedem ukrainischen Zivilisten, der getötet wird, wächst der Hass auf Russland und die Russen und ermöglicht es den Faschisten, sich als legitime Verteidiger der territorialen Integrität der Ukraine darzustellen. Durch die westlichen Waffenlieferungen, die seit Beginn der russischen Invasion um ein Vielfaches angeschwollen sind, sind die Faschisten in der ukrainischen Armee nun vermutlich besser ausgerüstet als jede andere faschistische bewaffnete Formation seit dem Zweiten Weltkrieg. Es kann nicht unterschlagen werden, dass die Faschisten, obwohl sie bereits vorher von den westlichen Imperialisten unterstützt wurden, erst durch den russischen Krieg in extremem Maße eine Aufwertung erfahren haben. Das zeigt sich auch darin, dass seitdem die kritischen Berichte, die es bis dahin auch im Westen immer wieder gab, so gut wie verstummt werden und der faschistische Charakter des Regiments Asow inzwischen in westlichen Medien in der Regel geleugnet wird, um eine immer offenere Unterstützung dieser Gruppierung möglich zu machen. Sich von einer solchen Entwicklung, die eindeutig eine Folge des russischen Krieges ist und nicht etwa seine Ursache, eine Beseitigung des Faschismus in der Ukraine oder auch nur seine nachhaltige Schwächung zu erwarten, ist offenkundig absurd. Die Vorstellung, dass eine Entnazifizierung von Reaktionären und von der Bourgeoisie vorangetrieben würde, ist eine zutiefst bürgerliche Auffassung, die sich auch und gerade im konkreten Fall Russlands an der Realität blamiert.

Behauptung 5: „Russland führt den Krieg vorrangig zur Verteidigung seiner Sicherheitsinteressen“

Wie gezeigt wurde, ist die Behauptung, dass Russland zu einem „Defensivschlag“ gezwungen war, um sein eigenes Überleben zu sichern, völlig haltlos. Aber weshalb hat die russische Führung den Krieg dann begonnen?

Ging es, wie einige Genossen behaupten, überhaupt vorrangig um „Sicherheitsinteressen“?

Sicherlich spielen Sicherheitsinteressen der Russischen Föderation auch eine Rolle. Die Verhinderung eines NATO-Beitritts der Ukraine ist eine wichtige Forderung in den Friedensverhandlungen. Doch das alleine reicht wohl kaum aus, um eine überzeugende Erklärung für den Krieg zu liefern. Denn ein NATO-Beitritt der Ukraine stand vor dem Beginn der Invasion überhaupt nicht auf der Tagesordnung. Dies hat vor allem auch die deutsche Regierung immer wieder klargemacht – zu groß wäre das Risiko für die deutsch-russischen Geschäftsbeziehungen gewesen[lvi]. Selenski selbst äußerte sich ernüchtert über die Hinhaltetaktik der NATO, die zwar von „offenen Türen“ spreche, „aber jetzt haben wir auch gehört, dass wir dort nicht eintreten dürfen, und das müssen wir einsehen“[lvii]. Auch dass andere benachbarte Länder nun ihre Aufrüstung und NATO-Präsenz verstärken würden, sowie dass Finnland und Schweden mit hoher Wahrscheinlichkeit der NATO beitreten würden, dürfte der russischen Führung bewusst gewesen sein. Es war daher von vornherein fraglich, inwiefern der Krieg überhaupt zu einem Gewinn an Sicherheit für Russland führen würde.

Den Krieg auf „Sicherheitsinteressen“ zu reduzieren, ist eine verkürzte Sichtweise, die dem Wesen des Konflikts nicht gerecht wird. Der Konflikt begann als ein Tauziehen zwischen Russland und der EU darum, zu welchem „Block“ die Ukraine zukünftig gehören würde: Zur EU-Nachbarschaft oder zur Eurasischen Wirtschaftsunion. Allgemein ging es um wirtschaftlichen und politischen Einfluss in einem wichtigen Schlüsselland in Osteuropa. Russland verlor diesen Kampf mit dem Putsch 2014, woraufhin es dazu überging, sich einen Rest-Einfluss auf dem Gebiet der Ukraine zu sichern, indem es die „Volksrepubliken“ im Donbass unterstützte und die Krim annektierte. Die Zustimmung der örtlichen Bevölkerungen lieferte den benötigten Vorwand dafür. Die Ambitionen des Regimes in Kiew, sich das Donbass zurückzuholen, und zwar ohne die im Minsk-II-Abkommen vereinbarten Autonomierechte zu gewähren, waren für Russland ein direkter Affront. Ein Affront allerdings nicht gegen seine „existenziellen Sicherheitsinteressen“, denn ob die Ukraine das Donbass kontrolliert oder nicht, ändert an Russlands allgemeiner Sicherheitslage relativ wenig. Vielmehr ging es darum, dass das Donbass erstens die wichtigste Verhandlungsmasse war, über die Moskau im Konflikt mit Kiew verfügte; und zweitens auch wirtschaftlich eine der wichtigsten Regionen der Ukraine. Eine gewaltsame Einverleibung des Donbass durch Kiew bedrohte also zwar nicht die Sicherheit Russlands, wohl aber seine machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen in der Region. Eine der unverhandelbaren Forderungen Russlands in den Verhandlungen ist darum auch die Anerkennung der Sezession des Donbass sowie der Annexion der Krim durch Kiew. Dies ist auch ein Aspekt hinter der strategischen Verlagerung der russischen Truppen aus dem Norden der Ukraine in den Osten – die „Befreiung“ der gesamten Ostukraine durch russische Truppen soll das gesamte von den „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk beanspruchte Territorium umfassen und im Südosten eine oder mehrere weitere „Volksrepubliken“ mit prorussischer Marionettenregierung installieren oder diese Gebiete möglicherweise direkt annektieren. Diese Zielsetzung ist inzwischen offiziell bestätigt. Mit Generalmajor Rustam Minnekajew hat ein hochrangiger russischer Militär die Kontrolle des gesamten Südens der Ukraine, also eine lückenlose Besetzung der ukrainischen Schwarzmeerküste und Herstellung einer Landbrücke vom Donbass zur Krim und von der Krim über Odessa bis nach Transnistrien (wo ebenfalls russische Truppen stationiert sind) als Kriegsziel formuliert[lviii]. Diese Eroberungsziele Russlands zeichneten sich bereits seit Wochen dadurch ab, dass in den eroberten Territorien der Südukraine eigene Verwaltungsstrukturen geschaffen, der Rubel als Währung eingeführt, der Anschluss der Regionen ans russische Strom-, Gas- und Eisenbahnnetz angekündigt, Ortsnamen geändert und russische Staatssymbole angebracht wurden. All dies sprach gegen eine nur vorübergehende Besetzung dieser Gebiete.

Russland will mit seinen Eroberungen sicherstellen, dass es nicht seinen Einfluss auf die gesamte Ukraine verliert, sondern das Land zwischen den rivalisierenden imperialistischen Blöcken aufgeteilt wird: In einen pro-westlichen und im Süden und Osten einen russischen bzw. pro-russischen Teil. Russland nutzt dafür auch aus, dass erhebliche russischsprachige Bevölkerungsteile mit historischer Verbundenheit zu Russland in diesen Regionen leben. Es nutzt in verlogener Art und Weise antifaschistische Parolen und Symbole, um an die Gefühle der dortigen (wie auch der eigenen) Bevölkerung zu appellieren. Ziel ist die dauerhafte Eroberung (durch Annexion oder Einsetzung abhängiger Regierungen) einiger der wertvollsten Gebiete der Ukraine: Der bedeutenden Industrieregion Donbass und der gesamten Nordküste des Schwarzen Meeres. Dadurch wird die wirtschaftliche Integration des Donbass mit Russland abgesichert, die russische Position als Handels- und Militärmacht im Schwarzen Meer weiter gestärkt und ein großer Teil der russischsprachigen Bevölkerung unter die Herrschaft des russischen Staates gebracht. Der berühmte Ausspruch von Zbigniew Brzezinski, einem der führenden Strategen des US-Imperialismus, wird von der russischen Führung ernst genommen: „Ohne die Ukraine hört Russland auf ein Imperium zu sein, aber mit der Beeinflussung und dann Unterordnung der Ukraine wird Russland automatisch zum Imperium[lix]. Sicherlich ist diese Aussage übertrieben – richtig ist jedoch, dass die Ukraine für das Streben Russlands nach der Weltmacht eine Schlüsselrolle spielt.

Zu guter Letzt ging es aus russischer Sicht sicherlich auch darum, mit der Invasion in der Ukraine gegenüber der NATO ein Zeichen zu setzen. Die russische Führung setzt damit einen außenpolitischen Kurs fort, der mit dem Krieg in Georgien 2008 einen ersten Höhepunkt erlebte, einen zweiten und dritten mit der Intervention in Syrien und der Annexion der Krim und nun mit einem voll ausgewachsenen Krieg gegen die Ukraine alles Bisherige übertrifft. Es geht also um eine Machtdemonstration: „Russland ist als Großmacht auf die Weltbühne zurückgekehrt. Die NATO muss russische Interessen in ihre Kalkulationen mit einbeziehen, sonst wird Russland nicht davor zurückschrecken, sie mit Gewalt zu sichern“.

Die russische Kriegsführung deutet darauf hin, dass man in Moskau mit schnellen militärischen Erfolgen und einem wahrscheinlichen Kollaps des ukrainischen Regimes rechnete bzw. mit schnellen Verhandlungen, in denen man Zugeständnisse erpressen können würde. Deshalb wurde Kiew bereits am ersten Tag mit Fallschirmjägern angegriffen und vieles deutet auf übereilte Vorstöße der russischen Verbände hin, die wohl nicht mit anhaltendem und organisiertem Widerstand rechneten. Der Erfolg eines russischen „Blitzkrieges“, von dem damals auch zahlreiche westliche Analysten ausgingen, hätte den russischen Machtanspruch untermauert und die Überlegenheit des russischen Militärs demonstriert. Als Nebeneffekt wäre der Krieg auch ein Testgelände gewesen, um neue russische Waffentechnik wie z.B. Hyperschallraketen in der Praxis zu erproben, was mit Raketen vom Typ Kinschal auch bereits geschehen ist.

All diese Kriegsmotive entsprechen dem typischen Verhalten imperialistischer Mächte, die bedenkenlos über Leichen gehen, um wirtschaftliche und geopolitische Ziele zu erreichen. Mit den Interessen der Arbeiterklasse und der betroffenen Völker hat all das nichts zu tun.

Fazit:

Der Charakter des Krieges als zwischenimperialistischer Krieg erfordert von Kommunisten eine eindeutige Positionierung gegen diesen Krieg. Trotzdem wurde in der Diskussion versucht, mit verschiedenen Argumenten diese Schlussfolgerung zu unterminieren: Russland habe keine Wahl gehabt, weil es sonst selbst angegriffen worden wäre; der Krieg diene der Entnazifizierung und verbessere die Lebenssituation der Arbeiterklasse usw. usf. Es wird eine angebliche „Überschneidung der Interessen der Arbeiterklasse mit der russischen Bourgeoisie“ behauptet. Wie gezeigt wurde, ist diese Überschneidung inexistent. Die ukrainische Arbeiterklasse hat in der Tat keineswegs ein Interesse daran, dass sie von russischen Bomben zerfetzt, ihre Häuser zerstört und ihr Land aufgeteilt wird. Entsprechend absurd sind auch historische Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg, wo beispielweise der Kriegseintritt der USA ebenfalls objektiv im Interesse der Arbeiterklasse gewesen sei. Die Ukraine ist nicht Nazideutschland, die NATO plante kein „Unternehmen Barbarossa“ gegen Russland, der aktuelle Krieg dient weder der Verteidigung des Sozialismus noch wird er die Kampfbedingungen der Kommunisten verbessern – ganz im Gegenteil.

Die Unterstützung des russischen Krieges ist also ein schwerer politischer Fehler. Dieser Irrtum wiegt nicht nur schwer, weil er einen Bruch mit dem proletarischen Internationalismus darstellt – er ist vor allem deshalb verheerend, weil seine Konsequenzen verheerend sind. In der Auseinandersetzung zwischen den imperialistischen Blöcken ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Kommunisten eine eigenständige Position unabhängig von und gegen alle kapitalistischen Mächte einnehmen. Die Kriege der Imperialisten werden immer mit Propaganda aller Art gerechtfertigt. Noch kein imperialistischer Krieg wurde vom Zaun gebrochen, ohne dass die Herrschenden schwülstige und verlogene Reden zu seiner Legitimierung geschwungen hätten. Noch keine Aggression hat im imperialistischen Stadium des Kapitalismus stattgefunden (und wohl auch wenige in den Zeiten davor), die nicht durch an den Haaren herbeigezogene Propagandalügen zu Friedensmissionen verdreht wurden. Für Kommunisten ist es entscheidend, diese Lügen der Herrschenden zu durchschauen und sie zu entlarven. Nur dann können sie ihre Aufgabe erfüllen, die darin besteht, die Arbeiterklasse über ihre Interessen und den Widerspruch zur Bourgeoisie aufzuklären. Je weiter Kommunisten sich in ihren Analysen von der Realität entfernen, desto unglaubwürdiger machen sie sich für die Masse der Bevölkerung. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn man einmal verstanden hat, wie man ins Reich des Absurden vordringen muss, um überhaupt einigermaßen überzeugende Rechtfertigungen für den Krieg produzieren zu können, dann beginnt man zu erahnen, wie falsch die Rechtfertigung des imperialistischen Krieges der Russischen Föderation ist.


[i]     Hier sei beispielhaft auf den Artikel „Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen“ verwiesen, in dem versucht wird, die Imperialismusanalyse der Programmatischen Thesen auszuführen und zu begründen: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-verteidigung-der-programmatischen-thesen-der-ko/

[ii]     Jürgen Wagner 2022: NATO-Aggression und Russlands Reaktion, online: https://www.imi-online.de/2022/01/24/nato-aggression-und-russlands-reaktion, abgerufen 9.5.2022.

[iii]https://www.ukrinform.net/rubric-polytics/3214479-zelensky-enacts-strategy-for-deoccupation-and-reintegration-of-crimea.html

[iv] https://www.armscontrol.org/factsheets/Nuclearweaponswhohaswhat

[v] https://sgp.fas.org/crs/nuke/RL32572.pdf

[vi]

[vii]

[viii] https://www.reuters.com/article/us-raytheon-poland-patriot-idUSKBN1H417S

[ix] https://web.archive.org/web/20090415122817/http://www.fas.org/spp/starwars/congress/1992_h/h920407p.htm

[x] https://www.washingtonpost.com/world/2019/09/17/billions-spent-us-weapons-didnt-protect-saudi-arabias-most-critical-oil-sites-crippling-attack/

[xi] https://www.haaretz.com/opinion/.premium-reuven-pedatzur-does-iron-dome-really-work-1.5233223

[xii]

[xiii] https://www.armscontrol.org/act/2010-05/flawed-dangerous-us-missile-defense-plan

[xiv] https://www.spektrum.de/news/hyperschallwaffen-der-hype-um-den-hyperschall/1935553

[xv] https://www.science.org/content/article/national-pride-stake-russia-china-united-states-race-build-hypersonic-weapons

[xvi] https://slate.com/human-interest/2007/08/did-the-soviets-really-build-a-doomsday-machine.html

[xvii]      https://web.archive.org/web/20170821193850/https://de.sputniknews.com/technik/20170821317111742-tote-hand-moskaus-russland-zum-atomaren-gegenschlag-ausholen/

[xviii]      Frank Blackaby, Jozef Goldblat, Sverre Lodgaard. „No-First-Use of Nuclear Weapons“, 1984, Bulletin of Peace Proposals

[xix] https://sgp.fas.org/crs/nuke/RL32572.pdf

[xx] https://www.statista.com/statistics/264443/the-worlds-largest-armies-based-on-active-force-level/

[xxi] https://worldpopulationreview.com/country-rankings/largest-navies-in-the-world

[xxii] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten-militaerausgaben/

[xxiii]      http://english.scio.gov.cn/infographics/2018-06/05/content_51673238.htm

[xxiv]

[xxv] https://www.globalfirepower.com/active-military-manpower.php

[xxvi]      https://www.reuters.com/world/europe/where-nato-forces-are-deployed-2022-01-24/?msclkid=cfefe510be4111ecafcb032e95d4ab99 ; www.armedforces.eu

[xxvii] https://www.transportenvironment.org/discover/europes-dependence-on-russian-oil-puts-285m-a-day-in-putins-pocket/#:~:text=Europe%20is%20dependent%20on%20Russian%20oil%20for%20over,the%20bloc%20are%20via%20oil%20tankers%20and%20ports.?msclkid=d13f9e4bbe4311ec9b50fa82484c3db0

[xxviii]      https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8914

[xxix] https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-02/joe-biden-schickt-tausende-us-soldaten-nach-deutschland-und-osteuropa

[xxx]      ebenda

[xxxi] https://rp-online.de/politik/eu/ukraine-krieg-droht-der-dritte-weltkrieg-wie-begruendet-ist-die-angst_aid-66274863

[xxxii]      Joshua T. Christian. „An Examination of Force Ratios“, 2019, U.S. Army Command and General Staff College, USA

[xxxiii] https://www.tagesschau.de/ausland/finnland-nato-beitritt-eu-russland-ukraine-krieg-101.html

[xxxiv] https://www.lpb-bw.de/ukraine-eu-nato

[xxxv] https://www.dw.com/de/krisendiplomatie-olaf-scholz-sucht-seine-rolle/a-60705908

[xxxvi]      Klaus Törnudd. „Finnish Neutrality Policy During the Cold War“, 2005, The SAIS Review of International Affairs;       https://www.deutschlandfunk.de/verhaeltnis-zu-russland-finnland-zwischen-den-stuehlen-100.html

[xxxvii] https://www.laenderdaten.info/laendervergleich.php?country1=FIN&country2=UKR

[xxxviii] https://ukraine.un.org/sites/default/files/2022-05/Ukraine%20-%20civilian%20casualty%20update%20as%20of%2024.00%2015%20May%202022%20ENG.pdf

[xxxix]      Patrick Diekmann: Kein Sturz der ukrainischen Regierung? Putin hat sich den Realitäten in der Ukraine ergeben, t-online.de, 9.3.2022.

[xl]      http://www.solidnet.org/article/Urgent-Joint-Statement-of-Communist-and-Workers-Parties-No-to-the-imperialist-war-in-Ukraine/, abgerufen 15.4.2022.

[xli]      IDcommunism: Russian communist lawmakers condemn Ukraine war, 11.3.2022, online: http://www.idcommunism.com/2022/03/russian-communist-lawmakers-condemn-ukraine-war.html?fbclid=IwAR1dx5iHJZ6mE1KB5xyXwCpa–bBH2EGSezUDiz60NhrJ746OPzSB9jLdX0 ; Birger Schütz: Kommunisten für den Krieg, Neues Deutschland, 8.4.2022.

[xlii]            Wjatscheslaw Chripun: Warum Alexej Mosgowoj ermordet wurde, Ukraine Nachrichten, 29.5.2015, online: https://ukraine-nachrichten.de/warum-alexej-mosgowoj-ermordet-wurde_4262?msclkid=09790f7cbbf711ec850b8d62e4ef9f95 , abgerufen 15.4.2022.

[xliii]      https://politpro.eu/en/russia , abgerufen 7.5.2022.

[xliv]      Andrew Roth: ‚We’re going back to a USSR’: long queues return for Russian shoppers as sanctions bite, The Guardian, 23.3.2022.

[xlv]      UN News: Ukraine war: $100 billion in infrastructure damage, and counting, online: https://news.un.org/en/story/2022/03/1114022?msclkid=c3cead9cbca111ecb6d78d264acb9aa0 , abgerufen 15.4.2022.

[xlvi]      Ukraine refugees: UN map shows total nears 5.9 million, online: https://www.msn.com/en-ae/news/world/ukraine-refugees-un-map-shows-total-nears-5-9-million/ar-AAUFmVZ?ocid=uxbndlbing  , abgerufen 9.5.2022

[xlvii] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/russen-einstellung-ukraine-krieg-russland-100.html?msclkid=2d74d94bbe8411ecbfaa809c4d779aef

[xlviii] https://edition.cnn.com/interactive/2022/02/europe/russia-ukraine-crisis-poll-intl/index.html?msclkid=4d195201be8311ecb5ebc00f812ab5ee

[xlix] https://zeitschrift-osteuropa.de/blog/putin-rede-21.2.2022/

[l] https://ria.ru/20220403/ukraina-1781469605.html?fbclid=IwAR1vhwCvYc-iMassF8HdQT4-mlZZl5L0-CCDtTUN_TbUS8KLceg7iQPnU10

[li]      Solshenitsyn bids Spain use caution, New York Times, 22.3.1976, online: https://www.nytimes.com/1976/03/22/archives/solzhenitsyn-bids-spain-use-caution.html, abgerufen 9.5.2022.

[lii] https://www.nzz.ch/feuilleton/alexander-solschenizyn-ein-mahner-der-den-kreml-stoert-ld.1440031

[liii]             Micha Brumlik: Der Philosoph hinter Putin, Tageszeitung 4.3.2022,  https://taz.de/Der-russische-Faschist-Alexander-Dugin/!5836919/

[liv]        Sascha Buchbinder: Er hat’s erfunden, Die Zeit 17.3.2022; NZZ: Rückkehr General Denikins in die russische Heimat, 4.10.2005.

[lv]             Aynur Kurmanov: The process of rehabilitation of Nazi accomplices in Kazakhstan continues!, online: https://peloantimperialismo.wordpress.com/2022/04/12/the-process-of-rehabilitation-of-nazi-accomplices-in-kazakhstan-continues/?fbclid=IwAR0M_9OhwHtrm6Spfk4YTjKRBuHqam5Ne7Tg_xRn1ZUEtulXsp6ClUCPN1w

[lvi] https://www.rnd.de/politik/ukraine-und-nato-beitritt-hintergruende-und-aussichten-nach-russlands-invasion-PHYTMCJBHZCLZHKESEYDN3J25I.html?msclkid=8363049fbe7e11ecbae6f25f0c43e010

[lvii] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-nato-105.html?msclkid=83633782be7e11ec80ce96ea9c1a2f37

[lviii]      Matt Murphy: Ukraine war. Russia aiming for full control of south, commander says, https://www.bbc.com/news/world-europe-61188943

[lix]      William Tyler: Ukraine: Past Present Future, online: https://www.talkhistorian.com/post/ukraine-past-present-future, abgerufen 9.5.2022.

Aktionen zum Tag der Nakba 2022

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Köln

In Köln nahmen wir, gemeinsam  mit etwa 150 weiteren Personen,  an einer Demo Teil, zu der das Palästinensische Gefangenensolidaritätsnetzwerk – Samidoun aufgerufen hatte. Bei der Auftaktkundgebung verlas eine Genossin unsere Stellungnahme zum Nakba-Tag und wir verteilten Flyer. Der Text stieß auf großes Interesse – einige Teilnehmer freuten sich besonders über die Arabisch-Übersetzung. Anschließend zog der Demonstrationszug mit zahlreichen Palästina-Fahnen und Schildern durch die Kölner Innenstadt. Dabei wurden  deutsche, englische und arabischen Parolen gerufen. Sowohl am Anfang als auch am Ende versuchten zwei „antideutsche“ Zionisten mit USA-Fahnen zu provozieren – was ihnen aber nicht gelang.

Berlin

Nachdem in Berlin alle Veranstaltungen und Demonstrationen im Vorfeld von Polizei und Gerichten verboten worden waren, machten unsere Genossen, gemeinsam mit vielen anderen Personen der palästinensischen Solidaritätsbewegung, auf einer Umweltdemonstration auf die massive und seit Jahrzehnten andauernde Gewalt gegen das palästinensische Volk aufmerksam. Wir wandten uns entschlossen gegen die haltlose Verbotspolitik der Berliner Behörden und des Senats, die damit wiederholt ganz deutlich ihre Unterstützung der Besatzungs- und Apartheidspolitik Israels zeigen. Die Polizei setzte ihre Politik der Unterdrückung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit durch und löste die Demonstration auf. Sie nahm einzelne Teilnehmer fest, verteilte Platzverweise, nahm die Personalien aller Demonstrationsteilnehmer (!) auf und kündigte mögliche Anzeigen an. Die Repressionspolitik, die unter dem Rot-Grün-Roten Berliner Senat in den letzten Wochen eine neue Qualität erreicht hat, hat die Solidaritätsbewegung für Palästina in Berlin enger zusammengeführt. Ein breites Bündnis von Gruppen hat eine Erklärung zu den Ereignissen am Nakba-Tag verfasst und zeigt sich fest entschlossen, die gemeinsamen Aktivitäten mit der gewonnenen Einheit und Stärke fortzusetzen. Wir werden die andauernde Gewalt gegen das palästinensische Volk ebensowenig unwidersprochen hinnehmen wie die Angriffe und Verleumdungen der deutschen Politik und Medien.

Stuttgart

Die Stuttgarter Ortsgruppe hat sich anlässlich des 74. Jahrestages der Nakba an zwei Kundgebungen beteiligt. Der eine Teil der Ortsgruppe nahm an der Kundgebung des Palästinakomitees Stuttgart auf dem Schlossplatz teil. Neben dem kulturellen Programm und einer Fotoausstellung in Erinnerung an die Jahre 1947 bis 1949 wurden verschiedene Redebeiträge gehalten. Diese gingen darauf ein, dass die Nakba bis heute andauert und der palästinensische Widerstand systematisch unterdrückt wird. Viele Gruppierungen sprachen sich gegen die in Berlin ausgesprochenen Verbote von Demonstrationen und Kundgebungen aus. Auch eine Vertreterin der Partei die Linke sprach sich auf der Kundgebung gegen diese Verbote aus, obwohl ihre Partei als Teil der amtierenden Regierung Berlins die Durchsetzung eben dieser Beschlüsse mitzuverantworten hat. Ferner solidarisierte sie sich mit dem palästinensischen Widerstand, obwohl die Partei die Linke in ihren Stellungnahmen immer wieder eine Gleichsetzung des Widerstandes der Hamas im Gazastreifen mit den Angriffen des israelischen Militärs vornimmt.

Anknüpfend an unsere Stellungnahme, sprachen wir uns in unserer Rede gegen die Spaltung des palästinensischen Widerstandes, für die Errichtung eines demokratischen Staates und die konsequente Umsetzung des Rückkehrrechts für die Palästinenser aus.

Der andere Teil unserer Ortsgruppe besuchte die Kundgebung von Palästina spricht am Rotebühlplatz. Gemeinsam wurde dort der ermordeten Journalistin Shireen Abu Akleh gedacht, die am 11. Mai 2022 vom israelischen Militär während einer Berichterstattung erschossen wurde.

Tübingen

In Tübingen unterstützen wir eine Demonstration, die von der Gruppe WATTAN – Palästina Solidarität Tübingen organisiert wurde und verteilten dort unsere Stellungnahme. Durch die Tübinger Altstadt zog ein lauter und entschlossener Demonstrationszug  mit ca. 100 Personen, größtenteils Palästinenserinnen und Palästinenser. Die Redebeiträge, die alle auf Arabisch und Deutsch gehalten wurden, behandelten zum einen die anhaltende Nakba, die dem palästinensischen Volk durch die Kolonialmacht bis heute angetan wird und zum anderen das Recht auf Rückkehr, das den Betroffenen verweigert wird und den Rassismus von dem Palästinenser in Deutschland betroffen sind. Auch die Notwendigkeit des bewaffneten Widerstands wurde thematisiert. Immer wieder wurden Updates zur Lage in Berlin durchgegeben und die Solidarität mit den dort von Repression Betroffenen ausgedrückt.

Leipzig

In Leipzig wurden am Samstag von Genossen und Genossinnen der KO auf einer Demonstration gegen die Nakba Stellungnahmen verteilt. Die ca. 200 teilnehmenden Personen liefen eine Route über den Leipziger Osten in die Innenstadt.

Auf der Eisenbahnstraße versuchten eine Handvoll „Antideutscher“, geschützt von einer Reihe Polizisten, die Demonstration mit zwei Israelfahnen zu stören. Es ließ sich niemand provozieren und ihnen wurde mit lautstarken free-palestine-Rufen entgegengetreten. Eine geplante Gegenkundgebung der „Antideutschen“ wurde von ihnen selbst spontan wieder abgesagt, da sie keine Leute mobilisieren konnten.

Während der Demonstration wurden Redebeiträge von der Initiative Handala und der Gruppe Jüdisch-israelischer Dissens Leipzig (JID) gehalten. Als die Demonstration ihren Abschluss auf dem Leipziger Markplatz fand, wurde von der internationalen Jugend eine spontane Rede gehalten.

Chemnitz

In Chemnitz nutzten wir den Tag um an drei Punkten in der Stadt Plakatwände aufzustellen, die sich mit Palästina auseinandersetzen. Dafür nutzten wir unsere Stellungnahmen von diesem und letztem Jahr sowie verschiedene Infografiken.

Mannheim

Wir haben mit einigen Genossen an der Kundgebung und Demo von der Gruppe Free Palestine Mannheim teilgenommen, wo sich ca. 180 Leute versammelt hatten, die Stimmung war ausgelassen und kämpferisch. Es wurden mehrere Redebeiträge gehalten, unter anderem von der Nahost-Initiative Mannheim und ein Erfahrungsbericht einer Palästinenserin aus ihrer Zeit in Gaza. Die Polizei konnte es nicht lassen, die Menschen zu schikanieren: So wurden eine Anzeige gegen einen Teilnehmer ausgesprochen und sein Schild konfisziert, auf dem er durch den Spruch „From the river to the sea – Palestine will be free“ die Hoffnung auf ein freies und geeintes Palästina bekräftigen wollte, in dem alle Menschen in Frieden und Sicherheit leben können. Eine andere Person wurde ebenfalls von der Polizei rausgezogen, da sie angeblich eine Fahne der PFLP (Palästinensische Befreiungsfront) – die in Deutschland kriminalisiert wird – bei sich trug. Die Teilnehmer und Veranstalter machten auf die Schikane aufmerksam und bekräftigten ihre Solidarität mit den Betroffenen. Zeitgleich organisierten Zionisten rund um die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) eine Kundgebung in provokativer Näher zur palästinasolidarischen Demo. Wir ließen uns aber nicht provozieren und brachten unsere Inhalte kämpferisch zum Ausdruck.

Gedenkdemo zum 70. Jahrestag der Ermordung Philipp Müllers

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Am 14. Mai beteiligten wir uns am Gedenken für den 1952 von der Polizei ermordeten jungen Kommunisten Philipp Müller. Dieser hatte wie Zehntausende damals an einem Protestmarsch gegen die Wiederbewaffnung der BRD in Essen teilgenommen und war dafür von der westdeutschen Staatsmacht erschossen worden. Gemeinsam mit etwa 120 weiteren Demonstrierenden zogen wir vom Essener Hauptbahnhof bis in den Stadtteil Rüttenscheid, wo der Genosse Philipp Müller getötet wurde.

Kampf gegen Militarismus und Spaltung

Nach dem Sieg der Sowjetunion und ihrer Westalliierten und der endgültigen Befreiung Europas vom Faschismus im Mai 1945 wurde das besetzte Deutschland Schritt für Schritt von den Westmächten auseinandergerissen. Während die UdSSR einen geeinten, neutralen, entnazifizierten und demilitarisierten deutschen Staat als Puffer zwischen dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten anstrebte, tat man vor allem in Washington und Bonn alles, um in Westdeutschland einen Frontstaat gegen das sozialistische Lager aufzubauen. Der sogenannten Währungsreform (Einführung der D-Mark im Westen) 1948 folgte die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949. Die Gründung dieses federführend von »ehemaligen« Nazis aufgebauten Staates ging einher mit einer wirtschaftlichen, politischen und militärischen »Westintegration« sowie vor allem einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands. Zugleich wurden die letzten verzweifelten Bemühungen der Sowjetunion um ein geeintes und friedliches Deutschland (sog. »Stalinnoten« vom März, April und Mai 1952) vom Tisch gewischt.

Doch dieser Kurs der Westmächte und der BRD stieß auf Widerstand nicht nur in der Sowjetunion und der DDR, sondern auch unter der Bevölkerung Westdeutschlands, für die nach zwei Weltkriegen die Parole »Nie wieder Krieg!« zum höchsten Anliegen geworden war. Gegen den anstehenden Beitritt der Bundesrepublik zur »Europäischen Verteidigungsgemeinschaft«, deren Ziel der Aufbau einer westeuropäischen Armee war, rief das Westdeutsche Treffen der Jungen Generation aus Kommunisten, Sozialdemokraten und christlichen Friedensbewegten zum Protest auf. So kamen am 11. Mai bis zu 30.000 Menschen nach Essen, trotz des tags zuvor durch den NRW-Innenminister Arnold (CDU) verhängten Demonstrationsverbots. Unter ihnen war auch der gerade 21 Jahre alt gewordene Philipp Müller, Familienvater und Mitglied in KPD und FDJ.

Vertuschen und Gedenken

Auf einen ausdrücklichen Schießbefehl hin begannen die Polizisten an jenem 11. Mai 1952 plötzlich in die Menge zu schießen, um die gegen den Militarismus aufbegehrenden Massen auseinander zu treiben. Philipp Müller wurde von zwei Kugeln getroffen, eine ging direkt ins Herz. Ebenfalls schwer verletzt wurden der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze und der Gewerkschafter Albert Bretthauer.

Zum Begräbnis des Genossen Philipp in München versammelten sich 3.000 Menschen. Auch in der DDR wurde ihm gebührlich gedacht, indem u.a. eine Medaille der FDJ sowie Straßen, Schulen und Stadien nach ihm benannt wurden. In der BRD dagegen wurde sein Andenken unter Lügen und Verleumdung begraben: So wurde im Nachhinein der Schießbefehl verleugnet, vielmehr behaupteten die Beamten, die Demonstranten hätten das Feuer eröffnet. Diese Lüge wurde dadurch enttarnt, dass nie auch nur eine Waffe bei einem Demonstranten gefunden wurde. Trotzdem sprach die Klassenjustiz der BRD von »Notwehr« und die Mörder frei. Stattdessen wurden zahlreiche junge Demonstranten verhaftet und zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Diese von Revanchismus und Antikommunismus genährte Repressionswut der Altnazis erreichte mit den Verboten von FDJ (1954) und KPD (1956) ihren damaligen Höhepunkt. Doch auch nach der Konterrevolution und der Annexion der DDR spuckten die Herrschenden der BRD erneut auf das Andenken Philipp Müllers, indem sie die nach ihm benannten Straßen und Einrichtungen in Ostdeutschland umbenannten.

Mit unserem diesjährigen Gedenken stellten wir uns einmal mehr in diese großartige Tradition des besseren, weil friedlichen und sozialistischen Deutschland: der DDR. Und wir stellen uns in die Tradition des Genossen Philipp Müller, der KPD und der FDJ. In Zeiten, in denen der westliche Imperialismus wieder Front gegen Russland macht, in denen der Faschismus rehabilitiert wird und die Bundesregierung das größte Rüstungspaket seit dem Zweiten Weltkrieg schnürt, gilt es, an die Kämpfe der deutschen Arbeiterklasse und der Volksmassen gegen Militarismus und Revanchismus anzuknüpfen!

Entsprechend stellten wir uns mit unserem Transparent und Parolen wie »Philipp Müller wusste es schon: Kampf für den Frieden heißt Revolution!« in die Tradition der historischen KPD, forderten den Kampf gegen unseren Hauptfeind – den deutschen Imperialismus – und stellten den Sozialismus als strategisches Ziel und als einziges Mittel, Imperialismus und Krieg nachhaltig zu überwinden, heraus. Denn damals wie heute gilt:

Die Kommunistische Partei aufbauen!

Den deutschen Imperialismus angreifen!

Den Sozialismus erkämpfen!

Gemeinsam gegen Repression – Gemeinsam für Freiheit und Gerechtigkeit

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Der 15. Mai ist der Tag der Nakba – ein Tag der Erinnerung an die Vertreibung der Palästinenser*innen, ein Tag des Kampfes gegen den anhaltenden zionistischen Siedlungskolonialismus, ein Tag des ungebrochenen palästinensischen Widerstandes und ein Tag der internationalen Solidarität.

In Berlin kommt es derzeit, wie schon im vergangenen Jahr, zu massiver Repression gegen palästinensische Gruppen und Demonstrationen. Die Behörden wollen mit allen Mitteln verhindern, dass in der Hauptstadt und dem Ort der größten palästinensischen Gemeinde in Europa, Tausende auf die Straßen strömen. Deshalb wurden zahlreiche Demonstrationen verschiedener Gruppen, die für den Tag der Nakba an diesem Sonntag geplant waren, verboten! 

Dieser ungeheuerliche Angriff auf das palästinensische Gedenken und das palästinensische Leben ist ein rassistischer Akt der Diskriminierung. In den Begründungen der Demonstrationsverbote erklärt die Berliner Polizei wiederholt, dass die Palästinenser aufgrund der Ermordung ihres Volkes und der Beschlagnahmung ihres Landes „emotional“ seien. Die Bezeichnung der legitimen palästinensischen Wut und des Strebens nach Gerechtigkeit im Angesicht von über 100 Jahren Kolonialismus als „Bedrohung der öffentlichen Sicherheit“ ist ein abscheulicher Akt der Zensur.

Als fadenscheinigen Grund für die Verbote unterstellen die Behörden außerdem den gesamten Demonstrationszügen, gar der gesamten Palästina-Bewegung pauschal Antisemitismus. Deutlich zeigt sich in diesen Maßnahmen das Gesicht des deutschen Repressionsapparates: Mit allen Mitteln soll verhindert werden, dass sich die Solidarität Bahn bricht. Denn der Staat fürchtet eine breite anti-imperialistische Bewegung, die über die Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf hinaus die Mittätersschaft Deutschlands und seine imperialistischen Interessen in den Mittelpunkt rückt.

Wir nehmen diese Verbote nicht hin! Der Nakba-Tag ist unser Tag des Kampfes und wir treten der Repression entschlossen entgegen. Während der deutsche Staat und Medien versuchen, uns zu verunglimpfen und zu spalten, vereinen wir unsere Kräfte und verteidigen unser gemeinsames Recht, von den Straßen Berlins aus ein starkes Zeichen zu unseren Geschwistern in Palästina und auf der ganzen Welt zu senden: Unser Kampf um die Freiheit ist ein gerechter Kampf! Unser Kampf gegen den Imperialismus ist ein gerechter Kampf! Wir rufen alle mit Palästina solidarischen Gruppen und alle, die gegen den Imperialismus auf der ganzen Welt kämpfen auf, sich uns anzuschließen und der Repression die Stirn zu bieten.

Hoch die internationale Solidarität!

Unterzeichnende Gruppen:

  • Samidoun Netzwerk
  • F.O.R. Palestine
  • Kommunistischer Aufbau
  • Young Struggle
  • Revolutionärer Jugendbund
  • Migrantifa – Berlin
  • Linksjugend Solid Nord-Berlin
  • SDAJ – Berlin
  • Rot feministische Jugend
  • Palästina Antikolonial
  • Free Palestine FFM
  • Palästina Spricht
  • Klasse gegen Klasse
  • Gruppe Arbeiter:innenmacht
  • Acciones Berlin
  • Revolution
  • Kommunistische Organisation
  • Solidaritätsnetzwerk
  • Internationale Jugend Berlin
  • FACQ
  • Palästinakomitee Stuttgart
  • Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen
  • ATIK (Konföderation der Arbeiter*innen aus der Türkei in Europa)
  • YDG (Neuer Demokratische Jugend)
  • Yeni Kadin (Neuer Frau)
  • BDS Deutschland
  • Kampagne Rise Up 4 Rojava

Internationale Unterstützer

Europa

  • Alkarama(Movimiento de mujeres palestinas)
  • Collectif Palestine Vaincra
  • Secours Rouge Toulouse
  • International Jewish Antizionist Network IJAN
  • Jewish Voice for Labour (UK)
  • Jewish Network for Palestine
  • Jeunes pour la Palestine – Nantes
  • CAPJPO-Europalestine
  • Classe Contre Classe
  • Secours Rouge
  • Palestinian Youth Movement Sweden
  • Europe Network for Justice and Peace in the Philippines
  • April 28 Coalition for Migrants and Refugees Rights and Welfare
  • Union Juive Française pour la Paix
  • Plate-forme Charleroi-Palestine
  • Revolution Permanente
  • Dutch Scholars for Palestine
  • Revolutionaire Eenheid
  • Friends of the Filipino People in Struggle
  • Al Yudur – Juventud Palestina
  • Col·lectiu Intifada
  • Jeunes Communistes 13

Brasilien

  • Juventude palestina – Sanaúd
  • CSP-Conlutas
  • Frente Palestina Livre
  • Centro cultural palestino Aljaniah
  • Partido Comunista Brasileiro – PCB
  • Partido Socialista dos Trabalhadores Unificado – PSTU
  • Partido Socialismo e Liberdade / Movimento Esquerda Socialista
  • União da Juventude Comunista – UJC
  • Liga de Parlamentarios por Al-Quds
  • Unidade Popular pelo Socialismo – UP
  • Monitor do Oriente
  • Amigos de Palestina
  • Fórum Latino Palestino
  • Articulação Internacional Julho Negro
  • Iniciativa Direito à Memória e Justiça Racial
  • Comitês Islâmicos de Solidariedade
  • Instituto de Estudos e Solidariedade para Palestina – Razan Al Najjar
  • Movimento pela Libertação da Palestina – Ghassan Kanafani

Libanon

  • Palestinian Chess Forum – Shatila camp
  • Palestinian Cultural Club – Beirut
  • Palestinian Arab Cultural Club
  • The Naqab Center for Youth Activities – Burj Al-Barajneh Camp

Nord Amerika

  • Socialist Action / Ligue pour l’Action socialiste
  • Within Our Lifetime — United for Palestine
  • Just Peace Advocates
  • GPM – GTA Palestine Movement
  • Freedom Road Socialist Organization
  • Canada Palestine Association
  • Al-Awda, the Palestine Right to Return Coalition
  • Committee of Anti-Imperialists in Solidarity with Iran
  • International League of Peoples‘ Struggle
  • Friends of the Filipino People in Struggle – Coast Salish Territories
  • Oakville Palestinian Rights Association
  • Palestinian Youth Movement
  • Jews for Palestinian Right of Return
  • April 28 Coalition for Migrants and Refugees Rights and Welfare
  • Canadian BDS Coalition
  • National Lawyers Guild International
  • Association of Palestinian Arab Canadians
  • Canada Philippines Solidarity for Human Rights
  • Gabriela BC
  • Sulong UBC
  • Human Rights 4 All Saskatchewan
  • Palestine Solidarity Network Edmonton
  • Edmonton Small Press Association
  • Friends of Sabeel North America
  • Migrante BC
  • Palestinian and Jewish Unity – Montreal
  • Peace Alliance Winnipeg
  • Justice for Palestinians, Calgary
  • Coalition Against Israeli Apartheid Victoria Canada
  • Niagara Coalition for Justice
  • US Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel
  • Labor for Palestine
  • Greater Toronto 4 BDS

٧٤ عاما من مقاومة النكبة المستمرة

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الخامس عشر من أيار هو اليوم الذي يحيي فيه الشعب الفلسطيني ذكرى النكبة التاريخية التي لحقت بهم على أيدي القوة الاستعمارية الصهيونية وحلفائها ، والتي لا تزال مستمرة حتى يومنا هذا. حتى قبل قيام دولة إسرائيل في 15 مايو 1948 ، قررت القيادة الصهيونية التطهير العرقي الممنهج لفلسطين. في الأشهر التي تلت ذلك ، طُرد أكثر من نصف سكان فلسطين الأصليين ودُمرت أكثر من 500 قرية. لم يكن التطهير العرقي لفلسطين ضررًا جانبيًا للحرب ، ولكن تم التخطيط له وكان نتيجة منطقية للاستعمار الاستيطاني الصهيوني: لم يكن إنشاء إسرائيل „كدولة يهودية“ ممكنًا إلا على أساس طرد بعيد المدى للسكان الأصليين ، ومعظمهم من غير اليهود. لذلك ، عندما يُطلب اليوم الالتزام بـ „حق إسرائيل في الوجود“ ، يمكن أن يكون جوابنا فقط: هذا „الحق في الوجود“ يعني الطرد والقمع. محاربته واجبنا

النكبة لم تنته بعد

النكبة مستمرة ، ليس فقط لأن الذين نزحوا عام 1948 ما زالوا محرومين من حقهم في العودة. إن تاريخ الشعب الفلسطيني هو تاريخ سلب مستمر. يُطرد المزارعون قسراً من أراضيهم وبذلك يتحوّلون لعمال يومية محرومين من حقوقهم في أراضيهم. إنها أيدي العمال الفلسطينيين الذين يبنون البيوت التي يعيش فيها المحتلون لأنه ليس لديهم وسيلة أخرى لإعالة أنفسهم وعائلاتهم. وبشكل غير قانوني وبمعرفة وموافقة القوة الاستعمارية ، يعبر عشرات الآلاف من العمال الفلسطينيين من الضفة الغربية الحواجز كل ليلة لبيع قوة عملهم في مناطق ال 48 – أي المناطق التي اعتُبرت أراضي دولة إسرائيلية منذ عام 1948. دون أي حماية يعمل العامل الفلسطيني كجيش احتياطي صناعي لاقتصاد الاحتلال

في نفس الوقت يستمر الإرهاب الصهيوني ضد كل ما هو فلسطيني حتى يومنا هذا. وفقًا للمنطق العنصري للاستعمار الاستيطاني ، فإن التهديد الأساسي لإسرائيل باعتبارها „دولة يهودية“ هو ما يسمى „بالمعضلة الديمغرافية“. إن كل طفل فلسطيني حديث الولادة ، بمجرد وجوده ، يدعو إلى التشكيك في الطابع اليهودي للدولة. وبالتالي لا يوجد مكان يكون الفلسطينيون فيه بمأمن من عنف القوى الاستعمارية. التكتيك العسكري الإسرائيلي هو „جعل الوجود محسوسًا“ – أي جعل الفلسطينيين يشعرون يوميا بوجود الاحتلال. وهذا الذي يحصل. يشعر الفلسطينيون بالاحتلال عندما يستيقظون بطلقات نارية ليلا لأن الجيش يحاصر المخيم مرة أخرى. عندما يرون ابنائهم مقيدين ومعصوبي الاعين مُختطفين من الجيش الصهيوني ومن ثم يختفون في سجون الاحتلال. يشعرون بوجود الاحتلال عندما يطلق القناصة الإسرائيليون النار على المتظاهرين والصحفيين في رؤوسهم. عندما يقفون على أنقاض منازلهم ، التي كانت نتيجة سنوات من الشقاء والتعب ومن ثم أصبحت ذكرى من ذكريات. يأتي جيش من الجنود والجرافات والطائرات. ولا يتركون ورائهم سوى الفراغ والضياع والغضب

ليس من النادر أن يخدم تصعيد العنف أغراضًا سياسية داخلية. لم تتميز الأسابيع القليلة الماضية فقط بأزمة حكومية إسرائيلية تفاقمت مؤخرًا مرة أخرى ، بل وقد ازدادت وحشية الاحتلال بشكل ملحوظ. أُقتحمَ المسجد الأقصى عدة مرات. وأغلقت المخارج وأطلق الغاز المسيل للدموع والرصاص المطاطي على الحشد المكتظ داخل المسجد. ونتيجة لذلك أصيب مئات الأشخاص واعتقلوا. تعرض قطاع غزة ، أحد أكثر المناطق كثافة سكانية في العالم ، للقصف ، وتم إطلاق النار على الصيادين الذين حاولوا صيدهم على الرغم من الحصار. بلغ عدد الاعتقالات دون تهمة (المعروف أيضًا باسم „الاعتقال الإداري“) أعلى مستوى له منذ أكثر من 5 سنوات في الشهر الماضي . وبحلول 15 أبريل / نيسان 2022 ، قتلت قوات الاحتلال الإسرائيلي خمسة أضعاف الفلسطينيين مقارنة بنفس الفترة. الفترة من العام الماضي

التضامن مع نضال الحرية للشعب الفلسطيني

يوم النكبة هو أيضًا يوم نضال ، ينظر فيه الشعب الفلسطيني بفخر إلى مقاومته التي لا تنتهي للاستعمار والقمع على الرغم من كل القمع. في مايو من العام الماضي ، نزل عدد أكبر من الناس إلى الشوارع في العديد من المدن حول العالم ، بما في ذلك ألمانيا ، من أجل فلسطين حرة، يأملون ويحلمون بفلسطين موحدة ممتدة من غزة جنوبا إلى رأس الناقورة شمالا مرورا بالضفة والقدس. هذه الجماهير التي تدعم المقاومة بكافة أشكالها: مقاطعة ، مظاهرات ، إضرابات ومقاومة مسلحة. وبغض النظر عن التوجهات السياسية المختلفة ، فإن المقاومة الفلسطينية الموحدة موجهة ضد عدو مشترك: الاحتلال الإسرائيلي. إن تضامننا ينتمي إلى هذه المقاومة ككل. اليوم ، بعد 30 عامًا على ما يسمى „باتفاقات أوسلو للسلام“ ، أصبح هدف الوحدة أكثر أهمية من أي وقت مضى. مع الوعد بالحكم الذاتي الجزئي ، تم كسر المقاومة الشعبية الواسعة للانتفاضة الأولى وخانتها القيادة السياسية في البلاد. مع السلطة الفلسطينية ، تم تأسيس برجوازية كومبرادورية بشكل مؤسساتي ، والتي ، باعتبارها متعاونة مع الاحتلال ، تنظم إدارة الاحتلال بحجة „الحكم الذاتي“ وتفرض تدابير عنيفة ضد سكانها في إطار ذلك. – ما يسمى بـ „الاتفاقات الأمنية“. وسنرى يوما ما الشعب الفلسطيني موحدا بعد أن تخلص من هياكل السلطة الفلسطينية هذه التي باعت الشعب الفلسطيني منذ يوم تأسيسيها الأول

إذا كنا جادين في تضامننا ، فلا يجب أن يقتصر على يوم واحد في السنة. يدور القتال من أجل فلسطين الحرة كل يوم ، وليس فقط عندما تتساقط القنابل على غزة مرة أخرى. من المهم تنظيم القوة التي ظهرت في المظاهرات هنا في ألمانيا وبناء هياكل عمل مستمرة. إن التضامن مع فلسطين في ألمانيا لا يكتسب قوة بمحاولة تغيير الخطاب السائد ، وإنما من خلال تنظيم الجماهير الفلسطينية المقيمة في ألمانيا. بالنسبة للجماهير الفلسطينية ، كان هناك دائمًا مبدآن ثابتان واضحان. أولاً ، حق العودة الغير قابل للتفاوض. وثانياً: فلسطين الحرة تعني كل فلسطين ، من نهر الأردن شرقا حتى البحر الأبيض المتوسط غربا. يجب أن نستمع إليهم. العمل في فلسطين يعني دائمًا تعلم القتال. إنها مهمة يجب التعامل معها بشكل ملموس للتواصل مع الفلسطينيين من الطبقة العاملة في ألمانيا على الأرض. بدلاً من الضياع في نقاشات زائفة لا نهاية لها حول ما إذا كانت المطالبة بفلسطين حرة معادية للسامية ، من المهم إجراء مناقشات داخلية حول الحركة التضامنية مع فلسطين . كيف نفهم بشكل ملموس حق العودة؟ ما هو دور الشتات الفلسطيني في النضال من أجل تحرير فلسطين؟ كيف يمكن الجمع بين عملنا السياسي في ألمانيا والمقاومة في فلسطين؟ ما هو الدور الذي تلعبه الصهيونية للإمبريالية الألمانية؟

التعاون الاقتصادي والعقائدي والعسكري بين جمهورية ألمانيا الاتحادية وقوة الاحتلال

بالنسبة لنا كشيوعيين تحديدًا ، لا تزال مهمة اختراق المصالح الملموسة التي تربط الإمبريالية الألمانية بمشروع الاستيطان الصهيوني مهمة مفتوحة. هناك شيء واحد مؤكد: هذه الدولة لا تدع مجالاً للشك في أي جانب هي من حيث السياسة الداخلية والخارجية. الاتحاد الأوروبي ، الذي تلعب فيه ألمانيا دورًا رائدًا ، هو أكبر شريك تجاري لإسرائيل. ألمانيا هي واحدة من أهم الدول المانحة ، التي تتحمل التكاليف الإنجابية للطبقة العاملة الفلسطينية ، وبالتالي استقرار ودعم الاحتلال. تشارك برلين أيضًا في تدريب الأجهزة القمعية التي تنتمي لسلطات الحكم الذاتي . قطاع غزة أصبح عبارة عن معمل اختبار كبير لأنظمة الأسلحة الإسرائيلية ، والتي يتم شراؤها أيضا من قِبل الدولة الألمانية, كالطائرات بدون طيّار مثلا والتي تصنعها شركة Elbit Systems

من الناحية الإيديولوجية ، يعمل دعم الاستعمار الاستيطاني الصهيوني محليًا كإيديولوجيا إضفاء الشرعية: إن الدعم غير المشروط للاحتلال الإسرائيلي كسبب يحل محل أي مواجهة جدية ضد الفاشية الألمانية الرأسمالية ، والتي لا يمكن هزيمتها أخيرًا إلا بالاشتراكية . يتم قمع أي إشارة إلى الطابع العنصري والاستعماري لدولة إسرائيل ووظيفتها كمركز أمامي للإمبريالية الغربية تحت ستار النضال المزعوم ضد معاداة السامية. الأشخاص الذين يفرون من الحرب والدمار الذي تسببت فيه الدول الإمبريالية في وطنهم والذين يعيشون هنا في وضع إقامة غير مؤكد معرضون للخطر بشكل خاص. الأشخاص ذوو الجذور الفلسطينية يتعرضون للافتراء علناً ويخشون على وظائفهم ، المنظمات الوطنية مهددة بالحظر ، والحق بالإقامة يتم مصادرته ، وقطع الدعم ، ورفض الغرف ، وتجريم التظاهرات أو حتى حظرها تمامًا ، كما حدث مؤخرًا في برلين

ومع ذلك ، فإن مدى هذا الاستخدام المبالغ فيه لمعاداة السامية يُظهر بوضوح في الوقت الحالي بشكل واضح أن نفس القادة يعملون على إعادة تأهيل النازيين الجدد الأوكرانيين ومغازلتهم ودعمهم بالأسلحة والمال. إنّ الحديث عن „معاداة السامية المستوردة“ ما هي إلا محاولة للتستر على العنصرية ضد العرب والمسلمين الذين يُتهمون كذبا وبهتانا بالعنف ضد النساء وبالبربرية. وهذه هي الأكاذيب ذاتها التي تم من خلال تبرير وشرعنة الحرب ضد العراق وأفغانستان. كل هذا لا يمنع أجزاء من اليسار الألماني المُعلِن من تلقاء نفسه على موافقته على ترحيل أولئك الذين يشاركون في المظاهرات الفلسطينية. تسير الأيديولوجية المؤيدة للصهيونية جنبًا إلى جنب مع نزع شرعية مبادئ اليسار الأخرى: أي تحليل لا يركز فقط على „نظام“ مجرّد ولكنه يصر على تسمية ملموسة للمصالح الطبقية توصف بأنها „معادية للسامية من الناحية الهيكلية“. دعونا نطلق على هذه القوى ما هي عليه: عنصرية ورجعية

ومن هنا يجب أن يبدأ نضالنا ضد اضطهاد الشعب الفلسطيني. هذا الشعب الذي يشكل لنا اليوم نموذجًا للشجاعة الثورية والصمود في نضاله ضد الاضطهاد الاستعماري. وسيستمر هذا النضال حتى التحرير والعودة. إن آخر يوم للاحتلال هو اليوم الأول للسلام

تحيا المقاومة! فلسطين سوف تكون حرة! فليحيا التضامن الدولي

معلومات مربعشركة Elbit Systems Germany – جوهرة الإمبريالية الألمانية

Elbit Systems هي أكبر شركة لتصنيع الأسلحة الخاصة في إسرائيل . منذ ٢٠٠٧ يوجد في ألمانيا شركة تابعة لشركة Elbit Systems والتي تنشط في مدينة أولم

انبثقت شركة Elbit من شركة Telefunken والتي تصف نفسها وبكل فخر ب ”جوهرة الصناعة“. وتبعا لأوامر القيصر ويلهم عام ١٩٠٣ أنشأت هذه الشركة البنى التحتية للدولة. لعبت تكنولوجيا Telefunken دورا كبيرا في هزيمة المقاومة في ناميبا وفي المجزرة ضد القبائل في ناميبا في القرن العشرين. وفي الحقبة النازية دعمت الشركة

البروباغاندا النازية وسوقت نفسها كشركة ألمانية رائدة في مجال تصنيع الاتصالات. تصنّع هذه الشركة اليوم طائرات بدون طيار وتشارك في المجازر التي تُرتكب في قطاع غزة. الطائرات بدون طيار يتم تسويقها على أنها ”جُرّبت في الميدان

74 Jahre Widerstand gegen die andauernde Nakba

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Der 15. Mai ist der Tag, an dem das palästinensische Volk an die historische Katastrophe – arabisch Nakba – erinnert, die ihm durch die zionistische Kolonialmacht und ihren Verbündeten angetan wurde und die bis heute andauert. Bereits vor der Staatsgründung Israels am 15. Mai 1948 beschloss die zionistische Führung die systematische ethnische Säuberung Palästinas. In den folgenden Monaten wurde mehr als die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung Palästinas vertrieben und über 500 Dörfer zerstört.1 Die ethnische Säuberung Palästinas war kein Kollateralschaden des Krieges, sondern erfolgte planmäßig und war logische Konsequenz des zionistischen Siedlerkolonialismus: Der Aufbau Israels als „jüdischer Staat“ war nur auf Grundlage einer weitreichenden Vertreibung der ursprünglichen, größtenteils nicht jüdischen Bevölkerung möglich. Wenn heute ein Bekenntnis zum „Existenzrecht Israels“ verlangt wird, kann unsere Antwort daher nur lauten: Dieses „Existenzrecht“ bedeutet Vertreibung und Unterdrückung. Es zu bekämpfen, ist unsere Pflicht!

Die Nakba ist nicht vorbei

Die Nakba dauert an, nicht nur weil den 1948 Vertriebenen bis heute ihr Recht auf Rückkehr verweigert wird. Die Geschichte des palästinensischen Volkes ist die einer andauernden Enteignung. Bauern werden gewaltsam von ihrem Boden vertrieben und arbeiten fortan als entrechtete Tagelöhner auf ihrem eigenen Land. Es sind die Hände palästinensischer Arbeiter, die die Häuser errichten, in denen ihre Besatzer leben, weil sie keine andere Möglichkeit haben, sich und ihre Familien zu ernähren. Zum Teil illegal, aber im Wissen und mit Zustimmung der Kolonialmacht überwinden jede Nacht zehntausende palästinensische Arbeiter aus der Westbank die Sperranlagen, um in den 48er-Gebieten – also den Gebieten, die seit 1948 als israelisches Staatsterritorium gelten – ihre Arbeitskraft zu verkaufen.2 Ohne jeden Arbeitsschutz sind die auf immer engerem Gebiet zusammengedrängten palästinensischen Massen Lohndrücker und industrielle Reservearmee in der Ökonomie der Besatzung.

Gleichzeitig setzt der Zionismus seinen Kampf gegen alles Palästinensische fort. Entsprechend der rassistischen Logik des Siedlerkolonialismus ist die fundamentalste Bedrohung Israels als „jüdischer Staat“ das sogenannte „demographische Problem“. Jedes neugeborene palästinensische Kind stelle allein durch seine bloße Geburtden jüdischen Charakter des Staates in Frage.3 Und so gibt es keinen Ort, an dem Palästinenser vor der Gewalt der Kolonialmacht sicher sind. Die Taktik des israelischen Militärs lautet: „making the presence felt“ – die Präsenz der Besatzung spüren lassen.4 Und das tut sie. Palästinenser spüren die Besatzung, wenn sie nachts von Schüssen geweckt werden, weil die Armee wieder das Flüchtlingscamp, die Stadt oder das Dorf überfällt, in dem sie leben. Wenn sie ihre Söhne sehen, die gefesselt und mit verbundenen Augen vom zionistischen Militär entführt werden und in den Gefängnissen der Besatzung verschwinden. Sie spüren sie, wenn israelische Scharfschützen Demonstrierende und Journalisten mit Kopfschüssen hinrichten. Wenn sie auf den Trümmern ihrer Häuser stehen, Häuser in denen Jahre harter Arbeit steckten, die ein Zuhause waren und jetzt nichts als Erinnerungen sind. Die Besatzung kommt mit Soldaten, mit Bulldozern und Flugzeugen. Sie lassen Leere zurück, Verlust und Wut.

Nicht selten erfüllt eine Eskalation der Gewalt auch innenpolitische Zwecke. So standen die letzten Wochen nicht nur im Zeichen einer wieder akut gewordenen israelischen Regierungskrise, auch die Brutalität der Besatzung nahm spürbar zu.5 Während des islamischen Fastenmonats Ramadan stürmten israelische Einsatzkräfte mehrmals das Gelände der Al-Aqsa-Moschee. Die Ausgänge wurden verriegelt und auf die im Inneren dicht gedrängten Menschen wurde mit Tränengas und Gummiprojektilen geschossen. Hunderte Verletzte und Verhaftete waren die Folge.6 Der Gazastreifen, eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete der Welt, wurde bombardiert. Fischer, die trotz der Blockade versuchten, ihren Fang einzuholen, wurden beschossen. Auch die Zahl der Verhaftungen ohne Anklage (bekannt als „Administrativhaft“) erreichte im vergangen Monat den höchsten Stand seit über 5 Jahren.7 Bis zum 15. April tötete die israelische Besatzungsmacht seit Jahresbeginn fünfmal mehr Palästinenser als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres.8

Solidarität mit dem Freiheitskampf des palästinensischen Volkes

Der Tag der Nakba ist auch ein Tag des Kampfes, an dem das palästinensische Volk voller Stolz auf seinen trotz aller Repression nicht endenden Widerstand gegen Kolonialismus und Unterdrückung blickt. Im Mai des vergangenen Jahres gingen in zahlreichen Städten weltweit, auch in Deutschland, so viele Menschen wie nie zuvor für ein freies Palästina auf die Straße.9 Der „Streik der Würde“, der erste Generalstreik in allen Teilen Palästinas seit Jahrzehnten, weckte Hoffnungen auf eine neue, wiedergewonnene Einheit des palästinensischen Volkes.10 Diese Einheit umfasst Gaza, die 48er-Gebiete, die Westbank und die Diaspora. Sie umfasst alle Formen des Widerstands: Boykott, Demonstrationen, Streiks, zivilen und auch bewaffneten Widerstand. Der vereinte palästinensische Widerstand richtet sich, unabhängig von seiner sonstigen politischen Ausrichtung, gegen einen gemeinsamen Gegner: Die israelische Besatzung. Unsere Solidarität gehört diesem Widerstand als Ganzen. Heute – 30 Jahre nach den sogenannten „Friedensabkommen von Oslo“ – ist das Ziel der Einheit wichtiger denn je. Mit dem Versprechen auf eine stückweise Autonomie wurde der breite Volkswiderstand der Ersten Intifada gebrochen und durch die eigene politische Führung verraten. Mit der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) wurde eine Kompradorenbourgeoisie institutionell etabliert, die als Kollaborateur der Besatzung unter dem Vorwand der „Autonomie“ die Verwaltung der Besatzung organisiert und im Rahmen sogenannter „Sicherheitsabkommen“ gewaltvolle Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung durchsetzt.11 Es bleibt abzuwarten, ob sich die Hoffnung auf Einheit erfüllt und es mit der vereinten Kraft des palästinensischen Volkes gelingt, die Strukturen der PA hinwegzufegen, die das palästinensische Volk seit dem Tag ihrer Gründung verkauft. Der sogenannte Frieden der Autonomiebehörde ist nichts weiter als fortgesetzter Raub, ihre Autonomie nicht mehr als eine Lüge und ihre Sicherheit nicht weniger als Gewalt.

Wenn wir unsere Solidarität ernst meinen, dann darf sie sich nicht auf einen Tag im Jahr beschränken. Der Kampf für ein freies Palästina wird täglich gekämpft, nicht nur dann, wenn wieder Bomben auf Gaza fallen. Es gilt, die Stärke, die in den Demonstrationen auch hier in Deutschland sichtbar wurde, zu organisieren und kontinuierlich arbeitende Strukturen aufzubauen. Nicht im Versuch den herrschenden Diskurs zu verschieben, kann Palästinasolidarität in Deutschland an Stärke gewinnen, sondern wenn es gelingt, die in Deutschland lebenden palästinensischen Massen zu organisieren. Es sind die palästinensischen Massen, denen zwei unverrückbare Grundsätze stets klar waren. Erstens: Das Recht auf Rückkehr steht nicht zur Verhandlung. Und zweitens: Ein freies Palästina bedeutet das ganze Palästina – vom Jordan bis zum Mittelmeer. Gerade auf sie müssen wir hören. Palästinaarbeit, das bedeutet immer auch kämpfen lernen. Es ist eine Aufgabe, die konkret angegangen werden muss. Vor Ort müssen wir mit den Palästinensern in der deutschen Arbeiterklasse in Kontakt zu kommen. Statt uns in endlosen Scheindiskussionen darüber zu verlieren, ob die Forderung nach einem freien Palästina antisemitisch sei, gilt es innerhalb der Palästinasolidarität die Diskussionen zu führen, um die es wirklich geht: Wie verstehen wir das Recht auf Rückkehr? Welche Rolle hat die palästinensische Diaspora im Kampf um die Befreiung Palästinas? Wie können wir unsere politische Arbeit in Deutschland mit dem Widerstand in Palästina verbinden? Welche Rolle spielt der Zionismus für den deutschen Imperialismus?

Ökonomische, ideologische und militärische Kooperation der BRD mit der Besatzungsmacht

Gerade für uns als Kommunisten ist es eine noch offene Aufgabe, die konkreten Interessen die den deutschen Imperialismus mit dem zionistischen Siedlungsprojekt verbinden, genau zu durchdringen. Fest steht: Dieser Staat lässt innen- und außenpolitisch keinen Zweifel, auf welcher Seite er steht. Die EU, in der die BRD eine führende Rolle einnimmt, ist Israels größter Handelspartner.12 Deutschland gehört zu den wichtigsten Geberstaaten, die die Reproduktionskosten der palästinensischen Arbeiterklasse übernimmt und damit die Besatzung stabilisiert und unterstützt. Auch an der Ausbildung von Repressionsorganen der Besatzungskollaborateure der Autonomiebehörde ist Berlin beteiligt.13 Seit Jahrzehnten existiert eine enge Rüstungskooperation zwischen der Bundesrepublik und der zionistischen Besatzungsmacht. Der Gazastreifen ist ein großes Testlabor für israelische Waffensysteme, die auch von der BRD gekauft werden, wie etwa die bewaffneten Drohnen der israelischen Firma Elbit Systems, die mit Geldern aus dem 100 Milliarden Euro Sondervermögen gekauft werden sollen.14

Ideologisch fungiert die Unterstützung des zionistischen Siedlerkolonialismus innenpolitisch als Legitimationsideologie: Die unbedingte Unterstützung der israelischen Besatzung als Staatsräson ersetzt jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus als kapitalistische Herrschaftsform, die nur durch den Aufbau des Sozialismus verhindert werden kann. Jeder Hinweis auf den rassistischen und kolonialen Charakter des israelischen Staates und seine Funktion als Vorposten des westlichen Imperialismus wird unter dem Deckmantel des angeblichen Kampfes gegen Antisemitismus unterdrückt. Personen mit palästinensischen Wurzeln werden öffentlich verleumdet und müssen um ihre Jobs fürchten, migrantischen Organisationen droht das Verbot, das Aufenthaltsrecht wird verschärft, Fördermittel gestrichen, Räume verweigert und Demonstrationen werden kriminalisiert oder gleich ganz verboten wie auch jetzt in Berlin.15

Wie verlogen der inflationäre Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs ist, zeigt sich aktuell besonders deutlich daran, dass dieselben Lenker und Meinungsmacher ukrainische Neonazis ohne Skrupel rehabilitieren, hofieren und mit Waffen und Geldern unterstützen. Das Gerede vom „importierten Antisemitismus“ kann nur mühsam den dahinterstehenden Rassismus verbergen, der unaufhörlich Varianten der immergleichen Lügen von wahlweise Muslimen oder Arabern als gewaltliebend, frauenfeindlich und unzivilisiert hervorbringt. Es waren dieselben Lügen, die den Überfall und die Besatzung Afghanistans und des Iraks legitimieren sollten. Das alles hält Teile der selbsterklärten deutschen Linken nicht davon ab, in den Ruf nach Abschiebung für diejenigen, die sich an palästinensischen Demonstrationen beteiligen, einzustimmen. Prozionistische Ideologie geht dabei mit einer Delegitimierung weiterer linker Grundsätze einher: Jede Analyse, die sich nicht nur auf ein abstraktes „System“ beschränkt, sondern auf einer konkreten Benennung von Klasseninteressen besteht, wird als „strukturell antisemitisch“ gebrandmarkt. Benennen wir diese Kräfte als das was sie sind: rassistisch und reaktionär.

Unser Kampf gegen die Unterdrückung des palästinensischen Volkes muss hier beginnen. Unser Platz ist an der Seite dieses Volkes, das uns in seinem Kampf gegen die koloniale Unterwerfung täglich ein Beispiel für revolutionären Mut und Standhaftigkeit ist. Dieser Kampf wird andauern, bis zur Befreiung und Rückkehr. Der letzte Tag der Besatzung wird der erste Tag des Friedens sein.

Es lebe der Widerstand! Palästina wird frei sein!

Hoch die internationale Solidarität!

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 1. Ilan Pappé weist den systematischen Charakter der Vertreibungen in seiner Studie „Die ethnische Säuberung Palästinas“ mithilfe zahlreicher Quellen aus israelischen Militärarchiven nach. Die hier verwendeten Zahlen beziehen sich auf die Einleitung des Buches.

2: Eine ausführliche Studie zu Umfang und Praxis palästinensischer Arbeit in der israelischen Ökonomie legte die International Trade Union Confederation vor: https://www.ituc-csi.org/IMG/pdf/ituc_palestinereport_en.pdf

3: Angesichts dieser Entwicklungen können selbst bürgerliche Menschenrechtsorganisationen die Augen nicht davor verschließen, dass die Herstellung einer rassistisch definierten jüdischen Vormachtstellung Ziel israelischer Politik ist. So hat die israelische Menschenrechtsorganisation B´tselem im Januar 2021 ihren Bericht veröffentlicht, der klarstellt „Ein Regime der jüdischen Vorherrschaft vom Jordan bis zum Mittelmeer: Das ist Apartheid“. Zu demselben Ergebnis kommt der im April 2021 veröffentlichte Bericht „A Threshold Crossed: Israeli Authorities and the Crimes of Apartheid and Persecution“ von Human Rights Watch.

4: Diese Taktik wird unter anderem in zahlreichen Berichten ehemaliger israelischer Soldaten beschrieben: https://www.breakingthesilence.org.il/testimonies/videos/?ci=190

5: Zu den Hintergründen der Regierungskrise: https://www.nytimes.com/2022/04/06/world/middleeast/idit-silman-israel-coalition.html und https://occupied-news.medium.com/israelische-regierung-wackelt-soll-sie-wieder-durch-krieg-gefestigt-werden-9175f70d1230

6: https://www.aljazeera.com/news/2022/4/20/timeline-raids-closures-and-restrictions-on-al-aqsa

7: https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-number-of-palestinians-in-detention-without-trial-in-israel-hits-5-year-high-1.10763244

8: https://reliefweb.int/report/occupied-palestinian-territory/israel-killed-five-times-many-palestinians-2022-it-killed-same

9: https://www.aljazeera.com/news/2021/5/22/palestinian-solidarity-protests-marked-around-the-world

10: Ein eindrückliches Dokument dieser Einheit ist das „Manifest der Würde und Hoffnung“ was im Zusammenhang mit dem Streik veröffentlicht wurde: https://senderfreiespalaestina.de/pdfs/manifest-der-hoffnung-18.05.21.pdf

Bericht zu den Streiks am 18. Mai 2021 bei denen 3 Palästinenser getötet wurden: https://www.middleeasteye.net/news/israel-palestine-strike-jordan-river-mediterranean-sea-call

Zur Geschichte und Rolle von Streiks im palästinensischen Befreiungskampf: https://jacobinmag.com/2021/06/palestinian-labor-trade-unions-strike-resistance-worker-solidarity-may-18-labor-history

11: Infolge der Ermordung des palästinensischen Oppositionspolitikers Nizar Banat im Juni letzten Jahres durch palästinensische Repressionsorgane protestieren Palästinenser in vielen Städten gegen die Autonomiebehörde als solche und die „Sicherheitskooperationen“ im Besonderen. Die zentrale, an die Kollaborateure der PA gerichtete Forderung der Proteste war: „Verschwindet!“.

Dieser Artikel zu den „Sicherheitskooperationen“ gibt einen guten Überblick: https://www.middleeasteye.net/opinion/palestine-nizar-banat-killing-why-pa-days-numbered

In dieser Meldung wird von der israelischen Polizei selbst erklärt, warum die palästinensischen Repressionsorgane eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der Besatzung spielen: https://israelpolicyforum.org/2021/12/13/for-west-bank-stability-israeli-pa-security-cooperation-is-a-necessity/

12: https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/israel_en

13: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/palaestinensischegebiete-node/deutsche-hilfe-palaestina/203632

14: Zum Kauf der bewaffnungsfähigen Drohnen „Heron TP“: https://netzpolitik.org/2018/eine-milliarde-fuer-bewaffnungsfaehige-drohnen-vertragsschluss-steht-bevor/

Zur Firma Elbit Systems den durch sie produzierten Drohnen: https://www.palestineaction.org/stop-elbit/

Zu der Verkaufsstrategie israelischer Waffen als „kampferprobt“: https://www.rosalux.org.il/waffenexport-das-geschaft-mit-dem-krieg/. Auch der Film „The Lab“ von Yotam Feldman behandelt dieses Thema.

15: Einige Beispiele: Der Prozess gegen den palästinensischen Schriftsteller Khaled Barakat, dem von der Berliner Ausländerbehörde verboten wurde, an politischen und gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen und in der Folge abgeschoben wurde: https://samidoun.net/de/2022/02/gerechtigkeit-fuer-palaestina-in-deutschland-unterstuetzt-den-rechtsfall-von-khaled-barakat/

Die Hetzkampagne gegen die palästinensische Wissenschaftsjournalistin Nemi El-Hassan: https://www.berliner-zeitung.de/wochenende/die-medialen-reaktionen-auf-nemi-el-hassans-gastbeitrag-sind-erschreckend-li.192850?pid=true

Das Verbot von Kundgebungen und Demonstrationen in Berlin: https://www.rbb24.de/content/rbb/r24/panorama/beitrag/2022/04/polizei-verbietet-pro-palaestinenser-demonstration-in-berli.html und https://perspektive-online.net/2022/05/vor-dem-nakba-tag-bei-der-solidaritaet-mit-palaestina-hoert-die-versammlungsfreiheit-auf/

Dank euch ihr Sowjetsoldaten! Aktionen zum Tag der Befreiung 2022

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Nicht nur in Berlin erinnerten wir beim diesjährigen 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Hitler-Faschismus, an den großen Dienst der Sowjetunion und ihrer Verbündeten. Auch in anderen Städten bemühten wir uns, dieses Gedenken hochzuhalten, um dem zunehmenden Geschichtsrevisionismus in der BRD etwas entgegenzusetzen und uns die heutigen Aufgaben im Kampf gegen Kriegstreiber und für den Sozialismus zu vergegenwärtigen.

Frankfurt a.M.

Der Morgen der Frankfurter Ortsgruppe startete mit der Teilnahme am Unsterblichen Regiment, bei dem traditionellerweise am 8. Mai der im 2. Weltkrieg gefallenen Sowjetsoldaten gedacht wird. Wie jedes Jahr brachten in Frankfurt viele Angehörige – sowohl Russen als auch Ukrainer – Fotos von ihren gefallenen Vorfahren mit. Wir nahmen ausschließlich mit Sowjetfahnen teil, um der 28 Millionen toten Sowjetbürgern im zweiten Weltkrieg zu gedenken, von denen viele starben, um Deutschland vom Faschismus zu befreien. Auch angesichts des Ukrainekriegs war die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung wichtig, da die Sowjetunion eine vorbildliche Völkerfreundschaft pflegte, die den von kapitalistischen Widersprüchen zerrissenen Nationen der heutigen Zeit weit voraus war. Auf diesen Rückschritt wurde auch in einigen Redebeiträgen hingewiesen. Insgesamt wurden die vielen Sowjetfahnen sehr begrüßt und einige Teilnehmende fragten uns, ob sie mit den Fahnen Fotos machen können. Es gab eine kleine Gegendemonstration von etwa 15 Personen, welche faschistische ukrainische Sprüche rief und dadurch versuchte, die Teilnehmenden einzuschüchtern und das Gedenken zu stören.

Anschließend haben wir bei der Befreiungsfeier der VVN/BdA vorbeigeschaut. Ironischerweise wurde dazu auch von der SPD, den Grünen und der Linkspartei aufgerufen, obwohl vor allem die beiden Regierungsparteien SPD und Grüne mitverantwortlich sind für NATO-Kriege, 100 Milliarden Aufrüstung und das Anwachsen faschistischer Kräfte in Europa. Vor Ort war vor allem die Linkspartei präsent und auch ihr Antifaschismus und Bezug auf die Befreiung sind scheinheilig: Neben ihrer arbeiterfeindlichen Politik in Regierungsbeteiligung wie in Berlin und Thüringen hat sie auch keine klare Haltung gegen die NATO. Mit ihrer reformistischen Politik trägt sie zur Integration der Arbeiterklasse in den bürgerlichen Staat bei. Durch diese integrierende Rolle schützt sie letztlich den Staat und das System, welches den Faschismus überhaupt hervorbringt.

Anschließend haben wir an der Kundgebung der DKP und SDAJ an der Deutschherrenbrücke teilgenommen. In unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte für die Deportationen aus der Großmarkthalle wurde mit Redebeiträgen und Musik den Befreiern gedacht. Auch hier waren wir mit vielen Sowjet-Fahnen präsent, nicht zuletzt, um gegen die Verbotsverfügung in Berlin zu demonstrieren und dem Geschichtsrevisionismus der BRD etwas entgegenzusetzen. Die Redebeiträge erinnerten an die Befreiung Deutschlands vom Faschismus und in welchem Kontrast diese zur heutigen Aufrüstung im Krieg gegen Russland steht. Unser Redebeitrag fokussierte sich auf den Geschichtsrevisionismus, der besonders perfide auch von der rot-rot-grünen Regierung Berlins durchgesetzt wird. Einige Passanten blieben stehen und wollten wissen, was der Inhalt der Kundgebung war und warum wir Sowjet-Fahnen dabeihatten. Es wurde deutlich, dass bei der Aufklärung der Massen noch viel zu tun ist.

Hamburg

Am 7. Mai nahmen wir in Hamburg an der jährlichen Kundgebung der DKP Bergedorf teil. Auf dem Ehrenfriedhof wurde mit Musik und Reden der sowjetischen Soldaten, die im KZ Neuengamme ermordet wurden, gedacht. Die Veranstaltung gab Anlass, sich über den aktuellen Krieg in der Ukraine und die unterschiedlichen Positionen dazu auszutauschen und zeigte wie wichtig es ist, in der heutigen Zeit deutlich zu machen, dass eine Gesellschaft ohne Kriege nur im Sozialismus möglich ist.

Am 8. Mai lud das große 8.-Mai-Bündnis zu einer Demonstration ein. Begleitet von Redebeiträgen über Zeitzeugen-Erfahrungen und Hintergrundinformationen startete die Demonstration mit einem großem Jugendblock am „Hannoverschen Bahnhof“ – der zentralen Deportationsstelle für Juden, Sinti und Roma – an dem heute, anstelle der geplanten Ausstellungsräume zum Gedenkort, die Firma Wintershall DEA, die an Zwangsarbeit und Krieg viel Geld verdiente, ihren Sitz hat. Diese Privatisierung wurde von der Hamburger Bürgerschaft abgesegnet. Über das Kontorviertel, in dem italienischer Zwangsarbeiter gedacht wurde, ging es zum Rathausmarkt, wo die Demo in ein Befreiungsfest überging. Das Motto der Demo und die wichtigste Forderung des Bündnisses an die Politik war: 8. Mai soll Feiertag werden! Das finden wir nicht ausreichend. Wir verteilten unsere Stellungnahmen und diskutierten mit den Anwesenden über den aktuellen Geschichtsrevisionismus der Regierung und der Medien sowie über die Gefahr eines oberflächlichen Verständnisses von Antifaschismus. Denn nur ein Antifaschismus, der die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse als Grundlage des Faschismus bekämpft, kann mehr als nur Symptombekämpfung sein.

Der 9. Mai war für uns ein Höhepunkt an Eindrücken: Bürger der ehemaligen Sowjetrepubliken sowie Deutsche feierten gemeinsam den Sieg der Roten Armee über den deutschen Faschismus. Der Demozug, angeführt vom Unsterblichen Regiment, war eingerahmt von zahlreichen roten Sowjetfahnen und Bildern von Kämpfern der Roten Armee und bewegte sich vom umstrittenen Kriegsdenkmal am Dammtor zur Fontaine des Jungfernstiegs. Aus vielen Kehlen wurde das beliebte „Katjuscha“-Lied gesungen, beendet mit lauten „Hurra“-Rufen. Trotz unterschiedlicher Meinungen zum aktuell stattfindenden Krieg waren sich die Demoteilnehmer einig in ihrem Gedenken an die Heldentaten der Roten Armee und dass die ganze Demo im Zeichen dieses Gedenkens stand. Der aktuelle Krieg spielte in Gesprächen insofern eine Rolle, dass betont wurde, dass die Völker in der Sowjetunion friedlich zusammengelebt hatten.

Gießen

In Gießen haben wir zum Tag der Befreiung und in Gedenken an die Opfer des deutschen Faschismus einen Spaziergang organisiert. Zu Beginn lasen wir gemeinsam unsere Stellungnahme, gingen anschließend zur Gedenkstätte der Landes-Heil- und Pflegeanstalt auf dem Gelände der heutigen Vitosklinik und beschäftigten uns mit der Geschichte des Ortes. Dieser Ort war Teil der systematischen Vernichtung von politischen Gegnern des Faschismus und als nicht lebenswert geltenden Menschen. An diesem Ort wurden durch den Faschismus hunderte Menschen ermordet. 1911 wurde hier die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Gießen eröffnet. Ab 1933 wurde sie als psychiatrisches Krankenhaus in die NS-„Euthanasie“- Verbrechen einbezogen. Bereits im Laufe des Jahres 1933 wurde all jenes Personal entlassen, das kommunistisch, gewerkschaftlich und sozialdemokratisch aktiv war. In den folgenden Jahren wurden an diesem Ort unter dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ massenweise Menschen zwangssterilisiert. Ab 1940 wurde die Gießener Heil- und Pflegeanstalt zur sogenannten „Sammelstelle für jüdische Patienten und Heimbewohner“ aus Nordhessen und dem westlichen Westfalen. Nur wenige Monate später wurden 100 Menschen von hier aus nach Brandenburg verschleppt und ermordet. 1941 wurden im Zuge des Mordprogramms, der sogenannten „T4-Aktion“, mindestens 261 Menschen, die an diesem Ort eingesperrt waren, nach Hadamar deportiert und ermordet. Über ein Drittel der Gießener Patienten verlor dabei ihr Leben. Das hier ansässige „SS-Lazarett“ wurde auf 150 Betten erweitert und zusätzlich eine Sanitäts-Ausbildungs-Kompanie der Waffen-SS angegliedert. Im Laufe der Jahre starben immer mehr Menschen an Hunger, Überbelegung, bewusster Vernachlässigung und Unterversorgung. Im hinteren Teil der damaligen Heil- und Pflegeanstalt wurde ab 1944 das Außenkommando Gießen des Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtet. Es war eines von 87 Außenlagern des KZ Buchenwald. Mindestens 80 Zwangsarbeiter wurden in diesem sogenannten „festen Haus“ inhaftiert. Es waren politische Gefangene aus Polen, der Sowjetunion, Böhmen und Deutschland. Im Zuge der „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ von 1933 wurden tausende Menschen, die sich mit allen Mitteln dem Faschismus entgegenstellten, ohne Gerichtsurteil in „Schutzhaft“ genommen und später als Zwangsarbeiter interniert. Mindestens 3 der Gefangenen des Außenlagers Gießen starben an diesem Ort.

Berlin

In Berlin haben wir zum Tag des Sieges am 9. Mai Nelken am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park niedergelegt. Nach den Erfahrungen des Vortages hatten wir bereits mit Verboten und polizeilicher Willkür gerechnet – und tatsächlich wollte uns die Polizei zunächst daran hindern, die Gedenkstätte mit KO-Fahnen zu betreten. Wir weigerten uns, unsere Fahnen einzurollen und konnten uns dabei auf die Unterstützung vieler Anwesender verlassen, die die Auflagen des Berliner Senats ebenfalls skandalös fanden. Während die Polizisten offensichtlich verunsichert Absprachen mit ihren Vorgesetzten trafen, verteilten wir unsere Stellungnahmen und klärten über den Geschichtsrevisionismus der Herrschenden auf. Schließlich musste die Polizei unseren Aufzug inklusive KO-Fahnen erlauben. Hier zeigt sich, wie dünn die antikommunistischen Verbote der letzten Tage sind: Jeder entschlossene Widerstand dagegen lohnt sich!

NRW

In NRW beteiligten wir uns in Aachen, Köln und Duisburg an verschiedenen Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen der kommunistischen Bewegung und antifaschistischen Gedenkvereinen. In Duisburg nahmen wir an der Gedenkveranstaltung auf dem Waldfriedhof teil, die von DKP, VVN/BdA, „Duisburg stellt sich quer“ und dem örtlichen Friedensforum organisiert wurde und an der auch Hinterbliebene und Nachkommen von ermordeten Rotarmisten aus Moldau teilnahmen. Dabei wurden die Gräber sowjetischer Zwangsarbeiter geputzt und Blumen niedergelegt.

Chemnitz

Am 8. Mai kam die Chemnitzer Ortsgruppe mit vielen interessierten Jugendlichen im Rahmen unseres Bildungskollektives in den Austausch. Anhand verschiedener Texte kamen wir über die sogenannte „Stalin Ära“ in der Sowjetunion ins Gespräch. Grundlage dafür waren verschiedene Texte, u.a. zu den Themen Säuberungen und Diktatur des Proletariats. Hier konnten wir viele spannende Diskussionen führen sowie bürgerliche Diffamierungen der Sowjetunion entschlüsseln und entkräften. Außerdem machten wir deutlich, in welch engem Zusammenhang die Sowjetunion und die Bedeutung des 8. Mai stehen. Als Bildungskollektiv entschlossen wir uns dazu, uns in einer weiteren Sitzung tiefgründiger mit dieser Thematik zu befassen.

Wir begingen unsere Gedenkveranstaltung auf dem Chemnitzer Ehrenfriedhof für die gefallenen Sowjetsoldaten: Im Jahre 1946 wurden hier 1130 Sowjetbürger beigesetzt, die zuvor an anderen Stellen beerdigt waren. Wir verlasen unsere Stellungnahme zum 8. Mai, legten Blumen nieder und führten im Rahmen der Besichtigung der Gedenkanlage in viele spannende Diskussionen.

Jena

In Jena haben wir uns an einer Gedenkkundgebung beteiligt. Morgens besuchten wir das Mahnmal am Heinrichsberg und sind anschließend, am Gedenkstein für den Todesmarsch vorbei, zum Nordfriedhof gegangen. Dort haben wir den Grabstein der Familie Schumerus besucht. Die drei Söhne dieser Familie sind im Februar 1942, 1943 und 1944 im vom faschistischen Deutschland angezettelten Weltkrieg gefallen. Der unscheinbare Grabstein der Familie ist so zu einem eindrücklichen Mahnmal gegen Krieg und Faschismus geworden.
Anschließend haben wir die Gedenkstätte für die gefallenen Sowjetsoldaten besucht. Dort haben wir unsere Stellungnahme verlesen und über die aktuelle Situation der Friedensbewegung und unsere Aufgaben darin diskutiert. In weiteren Redebeiträgen wurde die sowjetische Nationalhymne rezitiert und die aktuelle kriegstreiberische Politik und antirussische Propaganda in der BRD angeprangert.
Bereits am Vorabend hatten wir im Rahmen einer Filmveranstaltung von „Ich war neunzehn“ über die besondere Rolle der Friedensmacht Sowjetunion aufgeklärt und uns dem heute offensiv betriebenen Geschichtsrevisionismus entgegengestellt.

Leipzig

In Leipzig unterstützten wir am Vortag des 8. Mai mit zwei Personen das vom VVN/BdA organisierte Putzen der Gräber der Opfer des Faschismus auf dem Leipziger Südfriedhof.

Das offizielle Gedenken der Stadt Leipzig am 8. Mai auf dem Ostfriedhof fand nicht wie in den Jahren zuvor zusammen mit dem Russischen Generalkonsulat statt: Der hinter Oberbürgermeister Burkhard Jung versammelte Tross mied sogar die Gräber der gefallenen Antifaschisten und Sowjetsoldaten und hielt sein Gedenken am Ehrenmal für die Leipziger polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges ab.

Die Leipziger Ortsgruppe veranstaltete am Tag der Befreiung einen Rundgang durch den Osten der Stadt, bei dem wir an verschiedenen geschichtlichen Orten an die Profiteure der Zwangsarbeit in Leipzig (u.a. HASAG) und den Widerstand der Kommunisten in der Stadt während des Faschismus erinnerten. Wir beendeten den Rundgang am Ostfriedhof, wo wir mit etwa 30 Leuten einen Kranz und Nelken am sowjetischen Ehrenhain niederlegten. Wir verlasen einige Namen der getöteten Sowjetsoldaten sowie von Leipziger und internationalen Widerstandskämpfern, die auf dem Ostfriedhof beigesetzt sind und schlossen das Gedenken vor Ort mit dem „Lob der Dialektik“ von Bertolt Brecht (1934):

Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.
Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.
Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.
Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden.
Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:
Jetzt beginne ich erst.
Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:
Was wir wollen, geht niemals.
Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,
Und aus Niemals wird: Heute noch!

Antifaschismus unterdrückt – Faschisten hofiert!

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Der 77. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus ist in Berlin zu einem Spektakel antikommunistischer Verbote, pro-imperialistischer Kriegspropaganda und polizeilicher Willkür geworden.

Im Vorfeld des Jahrestages waren unzählige Veranstaltungen in der Umgebung der sowjetischen Ehrenmäler angemeldet worden, darunter viele, die offen geschichtsrevisionistische Positionen vertreten. Anstatt diese Instrumentalisierung des Gedenkens zu verhindern, schlug der rot-rot-grüne Berliner Senat mit einer Allgemeinverfügung in die gleiche Kerbe: Auflage für die Gedenktage 8./9. Mai ist unter anderem das Verbot sowjetischer Flaggen und Symbole, da diese eine Zustimmung zum russischen Militäreinsatz in der Ukraine ausdrücken würden. Der aktuelle Konflikt wird also aktiv genutzt, um die Geschichte zu verdrehen: Die Befreier vom deutschen Faschismus, die für weite Teile Europas Frieden und Sozialismus brachten, werden zum Symbol für die heutige kriegerische Auseinandersetzung zwischen kapitalistischen Staaten gemacht. Eine positive Erinnerung an die antifaschistischen Befreier, die die Nazi-Kollaborateure in der Ukraine damals bekämpft und besiegt haben, wird unterdrückt. Zugleich werden die Faschisten, die sich offen in die Tradition der deutschen Nazi-Unterstützer stellen, mit Milliarden und schweren Waffen beliefert und politisch hofiert. Die deutsche Regierung hat ihre Seite in der Geschichte unmissverständlich gewählt! Die Flagge der UdSSR steht jedoch nicht für Krieg, sondern im Gegenteil für die proletarische Brüderlichkeit und den Frieden zwischen den Völkern der Sowjetunion. Sie ist nicht das Symbol Russlands, sondern das Emblem eines sozialistischen Staates, dessen Volk zur Befreiung der Massen vom Joch des deutschen Faschismus millionenfach sein Leben gab. Mit dem Verbot sowjetischer Symbole deutet der bürgerliche Staat die Geschichte um und verkennt, dass es die sowjetische Arbeiterklasse war, die die Hauptlast des faschistischen Vernichtungskrieges tragen musste.

Doch nicht nur das Zeigen der Symbole unserer Befreier war beim diesjährigen Gedenken untersagt: Während einer angemeldeten Kundgebung erweiterte die Berliner Polizei ihre Auflagen dahingehend, dass auch die Fahne der Kommunistischen Organisation sowie rote Fahnen ohne Embleme untersagt wurden. Eine rechtliche Grundlage oder inhaltliche Begründung blieb sie schuldig. Genauso wurde ein zunächst genehmigtes Banner mit Kritik an der deutschen Kriegspolitik nach etwa einer halben Stunde mit der Begründung untersagt, dass es sich um eine Gedenkveranstaltung handele und daher „tagespolitische Äußerungen“ unerwünscht seien. Doch selbst der Spruch „Dank Euch, Soldaten der Anti-Hitler-Koalition“ wurde von der Berliner Polizei spontan verboten.

Dass das kommunistische Gedenken somit in Gänze untersagt wurde, stand heute in konkretem Zusammenhang mit dem Besuch des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk am Ehrenmal. Bereits vor Eintreffen des Faschisten-Freundes Melnyk, der sich positiv auf NS-Kollaborateure wie Stepan Bandera bezieht, hatten ukrainische Militärs auf dem Gelände der Gedenkstätte Fotowände aufgestellt, die Parallelen zwischen dem faschistischen Zweiten Weltkrieg und der russischen Militäroperation in der Ukraine konstruieren sollten. Der Auftritt Melnyks wurde von zahlreichen ukrainischen Flaggen sowie einem beachtlichen Presseaufgebot begleitet. Anwesend waren darüber hinaus Vertreter verschiedener bürgerlicher Parteien, darunter Klaus Lederer (Die Linke) und Marieluise Beck (Grüne). Damit dieser skandalöse Schulterschluss von bürgerlichen Kräften mit ukrainischen Faschisten ungestört vollzogen werden konnte, mussten sie das Gedenken an die Friedensmacht Sowjetunion verhindern.

Gemeinsam mit Aktiven aus der kommunistischen und Friedensbewegung haben wir lautstark gegen die Instrumentalisierung des Gedenkens durch Faschisten und Geschichtsklitterer protestiert. Der bürgerliche Staat hat heute mit offener Fratze bewiesen, wer ihm Freund und wer ihm Feind ist. Wir werden dieses System, das Chauvinismus und Faschismus in sich trägt, niemals dulden! 

Entgegen der antisowjetischen Propaganda sagen wir festentschlossen:

Wir danken Euch, Ihr Sowjetsoldaten! Nieder mit dem Faschismus! Es lebe der Tag der Befreiung und der Tag des Sieges über den Faschismus! Für den Sozialismus, der die Wurzel des Faschismus beseitigt!

Der 8. Mai mahnt: Deutsche Kriegstreiber stoppen!

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77 Jahre nach der Befreiung Deutschlands und Europas vom Faschismus durch die Rote Armee und die Alliierten sollen wieder deutsche Panzer nach Osten rollen. 

77 Jahre nach dem Ende des deutschen Vernichtungskrieges, den das sowjetische Volk mit 28 Millionen Opfern bezahlte, wird in Deutschland wieder rassistische antirussische Hetze betrieben. 

77 Jahre nach dem faschistischen Menschheitsverbrechen werden Faschisten in der Ukraine vom Westen verharmlost und aufgebaut. 

Die Parole „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ wird längst von dem neuen Schlachtruf der Herrschenden übertönt: „Wer Krieg führen will, darf den Faschismus nicht verdammen!“

Es waren die NATO-Staaten, die 2014 die Ukraine zu einem Hort des Faschismus machten, als sie eine prowestliche ultranationalistische Putsch-Regierung mithilfe faschistischer Kräfte installierten, die sich offen in die Tradition des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera stellen. NATO und BRD unterstützten von Beginn an diejenigen Kräfte, die ganz offen in der Tradition der faschistischen OUN/UPA stehen, die gemeinsam mit Wehrmacht und SS Genozide an Polen, Juden, Roma, Russen und an antifaschistischen Partisanen verübten.

Seit dem Putsch ist die Verfolgung von Kommunisten und antifaschistischen Kräfte in der Ukraine an der Tagesordnung. Die russischen Bevölkerungsteile werden diskriminiert und seit 2014 herrscht ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung im Südosten des Landes, wo große russische Bevölkerungsteile leben. Die Herrschaft von Kiew basierte von Beginn an auf Terror: das Massaker im Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014, das Verbot der Kommunistischen Partei (KPU), die Verfolgung und Ermordung von Kommunisten, antirussische Gesetze und der Krieg in der Ostukraine, bei dem tausende Menschen umkamen. 

Die NATO-Staaten setzten von Beginn an auf die Spaltung zwischen den ukrainischen und russischen Bevölkerungsteilen und schüren den Hass, um die Ukraine als militärisches Aufmarschgebiet und durch EU-Integration gegen Russland in Stellung zu bringen. Die Faschisten, ihr Terror und ihre brutale menschenverachtende Ideologie gehören zur deutschen und NATO-Kriegspolitik.

Das Gedenken an die Opfer des Faschismus hochzuhalten, bedeutet für alle Antifaschisten, die Augen vor dem heutigen Faschismus nicht zu verschließen. Gerade in Deutschland wurden die Entwicklungen in der Ukraine in den letzten Jahren überwiegend ignoriert – während gleichzeitig die Ukraine zu einem internationalen Übungsplatz für Neonazis u.a. aus Deutschland wurde. 

Reaktionäre Formierung der Heimatfront

Die Wirkung des Bündnisses zwischen westlichem Imperialismus und ukrainischem Faschismus bleibt nicht auf die Ukraine beschränkt. Auch für die Formierung im Inneren erfüllt der ukrainische Faschismus wichtige Funktionen für den deutschen Imperialismus. So sind wir an der “Heimatfront” mit einer Normalisierung faschistischer Kräfte, umfassendem Geschichtsrevisionismus und Kriegsmobilisierung konfrontiert. 

77 Jahre nach der Niederlage Nazideutschlands werden die Nachfolger der Wehrmachtskollaborateure als Vaterlandsverteidiger gefeiert, Homestories über ukrainische Nazis erscheinen im SPIEGEL, Asow-Fahnen gab es zwischenzeitlich bei Kaufland als Schnäppchen und Fabio de Masi (PdL) sinniert auf Twitter über „nützliche Nazis“, wenn sie das Land verteidigen. 

Die Befreier Deutschlands und die Friedensmacht Sowjetunion sollen zum Aggressor umgedeutet werden. Die Schändungen sowjetischer Ehrendenkmäler zeigen uns, auf welche Art die Geschichte entsorgt werden soll. Die Geschichtsfälscher sehen ihre Stunde gekommen, um uns die Lehren der Geschichte vergessen zu machen, um uns hinter einem stärkeren Kriegskurs des deutschen Imperialismus zu versammeln. Die Lehren der Geschichte hochzuhalten ist damit Teil des Kampfes gegen die Interessen des deutschen Imperialismus. 

Mit der Verharmlosung des ukrainischen Faschismus und der Dämonisierung der Sowjetunion geht eine sukzessive Rehabilitierung NS-Deutschlands einher, die die Schlächter zu Opfern und patriotischen Helden und die Befreier zu Aggressoren umdeutet. Dabei war es die Sowjetunion, die den Frieden in Europa erkämpfte! Dieser Revisionismus ist eine neue reaktionäre Qualität im herrschenden Geschichtsbild, welche durch die jahrzehntelang betriebene Gleichsetzung des Sozialismus mit dem Faschismus vorbereitet wurde. Die Reinwaschung der Faschisten dient dazu, die deutsche bürgerliche Klasse von ihrer Kriegsschuld zu entlasten, um neue Kriege vom Zaun brechen zu können. 

Anstatt auf Deeskalation und Friedensverhandlungen zu setzen, rühren die deutschen Militaristen eifrig die Kriegstrommeln. Der 100-Milliarden Kriegskredit verspricht immense Gewinne für die deutschen Rüstungskonzerne und soll die BRD für einen großen Krieg bereit machen. 

Aus dem „Nie wieder Krieg“ ist ohrenbetäubendes Kriegsgeheule geworden, bei dem sich alle bürgerlichen Parteien zu übertönen versuchen. Am lautesten kreischen wohl die Grünen, die sich im Wahlkampf noch dreist als Friedenspartei zu verkaufen versuchten. Aber auch die Führung der Partei Die Linke (PdL) und große Teile der Parteibasis sind eingeknickt oder fordern sogar direkt Waffenlieferungen an die Ukraine und eine Aufgabe ihrer Anti-NATO-Positionen. Auch die Gewerkschaftsführung hat ihr antimilitaristisches Selbstverständnis aufgegeben, ordnet sich der herrschenden Kriegslogik unter und verhindert damit, Kämpfe gegen die laufenden Verschlechterungen der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu organisieren. Denn der Krieg wird von den Herrschenden genutzt, um die steigenden Lebensmittel- und Spritpreise und die Inflation auf Russland zu schieben. Dabei war der Anstieg der Spritpreise bereits monatelang geplant; auch die Inflation ist keine Folge der steigenden Energiepreise, sondern ein Instrument der Monopole, ihre Profite abzusichern, bzw. des Staates, sich hohe Staatsausgaben von der Arbeiterklasse zu rauben. 

Die in den letzten Wochen grassierende Russophobie dient dabei direkt der Kriegsvorbereitung durch die Entmenschlichung des „Feindes“ im Osten, ebenso wie zur Disziplinierung der deutschen Bevölkerung, die nun wieder strammstehen soll. Dieser westliche Chauvinismus geht bis zum Boykott russischer Kultur, seien es russische Nationalschriftsteller und Musik, aber auch das „Canceln“ von russisch-deutschen zivilen Forschungsprojekten, das Streichen von Stipendien russischer Studierender usw. Zunehmend sind auch Deutschrussen rassistischen Angriffen ausgesetzt, wie der feige Brandanschlag auf eine deutsch-russische Schule in Berlin zeigte.

Mit der Zensur russischer Nachrichtenkanäle, des Z-Symbols und den Verboten sowjetischer Fahnen auf Demonstrationen in manchen Städten, findet ein Angriff auf die bürgerlich-demokratische Meinungsfreiheit statt. 

An der medial groß inszenierten „Solidarität“ mit den ukrainischen Flüchtenden, zeigt sich der Kontrast zum Umgang mit Geflüchteten aus Ländern, in welchen der westliche Imperialismus Krieg führte: Afghanistan, Syrien, Irak. Die bevorzugte Behandlung ukrainischer Geflüchteter hat mehrere Funktionen: Zum einen ist die Spaltung von Flüchtlingen ein nützliches Werkzeug, um diese unter Druck zu setzen, sich sofort in den Arbeitsmarkt zu integrieren, also ihre Arbeitskraft auch zu schlechten Bedingungen ausbeuten zu lassen. Die bevorzugte Behandlung ukrainischer Geflüchteter und der gleichzeitige Rassismus gegen alle anderen Flüchtlinge, die an den EU-Grenzen frieren, hungern, geschlagen werden oder ertrinken, hängen andererseits mit den Plänen, welche für die Ukraine vorgesehen sind, zusammen: Zum Zweck der EU- und NATO-Integration der Ukraine gilt es für die Ukraine eine gemeinsame „europäische“ Identität und Geschichte zu konstruieren.

Die Aufgaben der Kommunisten und der Arbeiterbewegung

Im Zentrum unserer Anstrengungen muss nun der Kampf gegen die deutsche Kriegstreiberei und die Normalisierung und Rehabilitierung des Faschismus stehen: 

  • Der Hauptstoß muss gegen den deutschen Imperialismus gerichtet werden – gegen die Militaristen, die Hetzer und die Geschichtsfälscher! 
  • Wir bekämpfen die NATO, ihre Kriegspolitik, Kriegslügen und Kriegspropaganda. 
  • Kämpfen wir gegen Aufrüstung und Kriegsmobilisierung – keine Waffen und kein Geld an die Ukraine! Jede Waffenlieferung verlängert den Krieg und dient nur der Macht der deutschen Imperialisten und ihrer Rüstungsmonopole. 
  • Wir treten dem Geschichtsrevisionismus entschieden entgegen und verteidigen die Erinnerung an die Sowjetunion, die mit ihrer Roten Armee Deutschland vom Faschismus befreite und dafür einen hohen Blutzoll zahlen musste. Schützen wir sowjetische Denkmäler und antifaschistische Gedenkstätten vor Angriffen!
  • Wir bekämpfen den Faschismus, der durch die NATO und die BRD in der Ukraine und in Osteuropa aufgebaut und bewaffnet wird – und den Faschismus in unserem Land. 
  • Solidarität mit den verfolgten Antifaschisten und Kommunisten in der Ukraine und den Volksrepubliken!
  • Wir bekämpfen den deutschen Chauvinismus, die antirussische und allgemein rassistische Hetze und das Verbot von sowjetischen und russischen Symbolen, Zeichen und Fahnen sowie denen der Volksrepubliken. Die rassistische und chauvinistische Hetze gegen Russland, gegen sein Volk und seine Kultur wird von den Herrschenden befeuert und dient der ideologischen Mobilmachung. Wir kämpfen gegen die Verfolgung, Einschüchterung und Bedrohung unserer russischen Mitbürger. Wir kämpfen gegen die Ungleichbehandlung Geflüchteter aus anderen Ländern. 
  • Der Kampf gegen das Vergessen und gegen die Diffamierung der Sowjetunion ist nicht nur eine Pflicht im Sinne des Gedenkens an die Opfer des Faschismus. Die Verteidigung der historischen Errungenschaften der Sowjetunion für den Frieden und die Befreiung der Völker bedeutet gleichzeitig, die Zukunft der Menschheit ins Auge zu fassen. Denn nur der Sozialismus wird letztendlich die Wurzeln des Faschismus und Kriegs beseitigen.

Der Krieg zeigt deutlich die Stoßrichtung der Kämpfe, die jetzt von den Kommunisten initiiert und geführt werden müssen. Doch müssen wir auch der Tatsache ins Auge sehen, dass die kommunistische und Arbeiterbewegung international und besonders in Deutschland bestimmte Kämpfe momentan nicht wird gewinnen können. Das entbindet uns nicht von der Pflicht, diese Abwehrkämpfe gegen Krieg und Faschismus jetzt zu organisieren und nach unseren besten Möglichkeiten zu führen. Aus der Krise kann sich die kommunistische Bewegung dennoch nur langfristig herausbewegen durch den Aufbau der Kommunistischen Partei und die eigenständige und kämpferische Organisierung der Massen. Der Krieg und die Entwicklungen in Europa und Deutschland zeigen uns, dass dies überlebenswichtig ist.  Wir dürfen nicht die Augen verschließen und müssen uns gegen die Angriffe, die auch in Deutschland auf die Arbeiterklasse, Kommunisten und Antifaschisten zukommen, rüsten. 

Die Krise der internationalen kommunistischen Bewegung drückt sich auch in Unklarheit und Uneinigkeit in der Einschätzung des Charakters des Krieges aus. Auch wir sind Teil dieser Krise und haben bisher als KO keine gemeinsame Einschätzung der russischen Militärintervention. Wir haben uns jedoch dieser Aufgabe angenommen und wollen mit der Klärung der Imperialismus- und Kriegsfrage durch die offen-selbstkritische, zielgerichtete und wissenschaftliche Debatte einen Beitrag für die kommunistische Bewegung leisten. Wir laden alle Kommunisten ein, daran teilzunehmen und voneinander zu lernen.

Und so muss es 77 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus wieder heißen: 

Kampf dem Krieg! Kampf dem Faschismus! 

Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

Filmvorführung: Das andere Leben – anschließendes Gespräch mit Hans Bauer

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Die Kommunistische Organisation lädt herzlich zu ihrer Filmveranstaltung am 28.05.2022 ein. Im FilmForum Höchst werden zwei Teile aus der Zeitzeugendokumentation „Das andere Leben“ vorgestellt und im Anschluss mit einem der Filmemacher und einem der Protagonisten diskutiert. Die vorgestellten Filme bieten Einblicke in das Arbeits- und Wirtschaftsleben der DDR-Bürger, sowie in das politische System in dem die DDR-Bürger eingebunden waren.

Gäste:
🎥 Lorenz Küstner
(einer der Filmemacher und Teil der AG Sozialismus der Kommunistischen Organisation)

⚖️ Hans Bauer (Protagonist aus dem Film):
Jahrgang 1941, Dipl.-Jurist 1965, Dipl.-Gesellschaftswissenschaftler 1978, 1966 bis 1990 Staatsanwalt, 1986 Abteilungsleiter beim Generalstaatsanwalt der DDR, 1989/90 Vize-Generalstaatsanwalt der DDR. Beschäftigung mit Fragen der Kriminalitätsursachen und -vorbeugung, der internationalen Beziehungen und der Menschenrechte, einjährige Tätigkeit im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, Teilnahme an Kriminalitätskongressen der UNO und der sozialistischen Staaten; mehrjährige Beratertätigkeit im Ausland. Seit 1992 Rechtsanwalt in Berlin. Mitbegründer (1993) und seit 2005 Vorsitzender der „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung“ e.V. (GRH), Vizepräsident des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden (OKV).
In DDR Auszeichnungen, u.a. mit Vaterländischen Verdienstorden; nach der Konterrevolution Preis für Solidarität und Menschenwürde vom Bündnis für Solidarität und Menschenwürde (BüSGM) 2013.

💬 „Ich war und bin Kommunist. In der DDR Mitglied der SED (Parteifunktionen), danach PDS, heute Mitglied der DKP, vielseitige Kontakte zu KPD und anderen kommunistischen Gruppen. Besonders eng verbunden mit ISOR, Rotfuchs, Freidenker.“

Zur Filmreihe:
Die Filmreihe „Das andere Leben“ ist ein vierteiliges Interviewprojekt zum Leben in der DDR. Jeder der Teile setzt einen anderen Schwerpunkt, bei dem die Zeitzeugen über ihre Kindheit und Jugend, Arbeit und Wirtschaft, den Staat und das Ende der DDR sprechen.

Eckdaten:
Datum: Sa. 28.05.2022

Uhrzeit: Einlass ab 15:30 Uhr
Veranstaltungsdauer: 16:00-19:00 Uhr
Ort: Filmforum Höchst, Emmerich-Josef-Straße 46a, Frankfurt am Main
Ticket: 5€

Diskussionsveranstaltung mit Alberto Fazolo über Faschismus in der Ukraine

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Faschismus in der Ukraine und antifaschistischer Widerstand im Donbass

Wann: Sonntag, 15.05.22, 18:00
Wo: Saalbau Gallus, Frankenallee 111, Frankfurt/Main

Eine Veranstaltung des Albert-Kuntz-Vereins in Kooperation mit der Kommunistischen Organisation

Die grüne Bundestagsvizepräsidentin, Katrin Göring-Eckardt, rief im Plenarsaal die Parole der ukrainischen Faschisten: Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden. Der ukrainische Botschafter verehrt offen den Anführer der Faschisten, Stepan Bandera. Viele bestreiten, dass die Rolle der Faschisten in der Ukraine wichtig sei. Dabei stechen sie förmlich ins Auge mit dem Asow-Regiment, dem „Rechten Sektor“ und dem Bandera-Kult. Aber vor allem auch mit dem brutalen Krieg des Kiewer Regimes gegen die eigene Bevölkerung im Donbass.

In der Ostukraine bildete sich Widerstand gegen den Putsch und gegen die Faschisten. Kiew reagierte mit Massakern und dem Einsatz der Armee. Wie verlief die Entwicklung des Faschismus in der Ukraine, insbesondere seit dem Maidan-Putsch 2014? Wie waren die Entwicklungen in der Ostukraine und den Volksrepubliken? Darüber wird der italienische Autor, Alberto Fazolo, referieren.

Anschließend werden wir darüber diskutieren können. Spannend für alle, die Fragen und Interesse an der Entwicklung in der Ukraine und an den Volksrepubliken haben.

Alberto Fazolo ist Publizist aus Rom und Koautor des Buches »In Donbass non si passa. La resistenza antifascista alle porte dell’Europa« (Im Donbass sind sie nicht durchgekommen. Antifaschistischer Widerstand vor den Toren Europas), das 2018 erschienen ist. Von 2015 bis 2017 hat er in der Volkrepublik Lugansk mit dem politischen Kommissar der Kommunistischen Einheit, ab 2016 Kommandeur der Prizrak-Brigade, Alexej Markow, humanitäre Hilfe und politische Projekte organisiert. Der Vortrag findet in englischer Sprache statt und wird übersetzt. albert-kuntz.de, kommunistische.org