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Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen der KO!

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Zusammenfassung in Kurzthesen:

  • In den Programmatischen Thesen der KO finden wir (in Grundzügen) eine klare Orientierung zur Analyse des Imperialismus vor. Die darin entwickelte theoretische Konzeption wird nun in einer Reihe von Diskussionsbeiträgen (Klara Bina, Alexander Kiknadze, in geringerem Maße auch Paul Oswald) abgelehnt.
  • Die Behauptung, wonach das imperialistische Weltsystem von einer „unipolaren Weltordnung“ unter Führung der USA geprägt sei, lässt sich durch die verfügbaren Daten nicht bestätigen. Sowohl das ökonomische als auch das militärische Kräfteverhältnis an der Spitze der imperialistischen Weltordnung widerlegen das Bild einer alleinigen Herrschaft der USA.
  • Ebenso wenig lässt sich die Vorstellung bestätigen, wonach das imperialistische Weltsystem nach wie vor durch die uneingeschränkte Herrschaft der „Triade“ aus Nordamerika, Westeuropa und Japan gekennzeichnet sei. Eine neue Konstellation ist vor allem durch den Aufstieg Chinas an die Spitze der imperialistischen Hierarchie entstanden, aber auch durch den Aufstieg anderer Mächte in führende oder gehobene Zwischenpositionen der Hierarchie.
  • Die Sichtweise, wonach nur die am höchsten stehenden Länder der imperialistischen Rangordnung (die „Handvoll Räuber“) überhaupt als „imperialistisch“ betrachtet werden, blendet die imperialistische Rolle von Ländern in höheren Zwischenpositionen des Weltsystems aus. Exemplarisch werden hier Russland und Mexiko in ihrer Stellung im imperialistischen Weltsystem untersucht. Problematisch sind insbesondere Auffassungen aus der Tradition der Dependenztheorie, die dazu tendieren, die Abhängigkeitsbeziehungen im imperialistischen Weltsystem zu verabsolutieren, als einseitig und unveränderlich aufzufassen.
  • Diese Sichtweise stellt zudem einen Bruch mit dem Leninschen Verständnis des Imperialismus als monopolistischem Kapitalismus und damit als einer neuen Qualität der kapitalistischen Produktions- und Verteilungsverhältnisse dar. Imperialismus wird nach diesem falschen Verständnis nicht mehr primär als ein in den monopolistischen Eigentumsverhältnissen, der Tendenz zum Kapitalexport wurzelndes Herrschaftsverhältnis aufgefasst, sondern einseitig von den (vermeintlichen) Kräfteverhältnissen zwischen den führenden imperialistischen Ländern abgeleitet.
  • Die richtige Analyse des Imperialismus ist im Gegensatz zu diesen falschen Auffassungen diejenige, die das imperialistische Weltsystem als hierarchische Ordnung von gegenseitigen, aber asymmetrischen Abhängigkeiten versteht, als imperialistische Pyramide, in der nicht nur die Spitze, sondern auch die Zwischenpositionen in nach unten hin abnehmendem Maße die Charakteristika der imperialistischen Epoche des Kapitalismus aufweisen und an der Aufteilung der Beute teilhaben. Die Konzeption der „imperialistischen Pyramide“ ist somit – im Gegensatz zu den Auffassungen ihrer Kritiker – keineswegs eine Abweichung von der Imperialismusauffassung Lenins, sondern deren Anwendung auf die heutige Weltlage.

Der Kampf um die richtige Analyse des Imperialismus ist keine akademische, sondern eine hochgradig politische Frage. Die Imperialismusanalyse ist die Analyse der Herrschaftsstruktur des kapitalistischen Systems, in dem wir leben; es ist die Analyse der Interessen und Strategien der Ausbeuter, die wir bekämpfen. Eine wichtigere Frage gibt es nicht.

Die KO hat bereits eine Analyse des Imperialismus diskutiert und beschlossen. Diese findet sich in ihren Programmatischen Thesen. Darin weist die KO ausdrücklich die Vorstellung zurück, „der Imperialismus sei die Vorherrschaft einiger, „westlicher“ oder „nördlicher“ Staaten wie der USA, Westeuropas und Japans. (…) Es ist falsch, bestimmten, relativ unterlegenen imperialistischen Polen innerhalb dieses Systems eine prinzipielle Friedensfähigkeit oder fortschrittliche Rolle zuzuschreiben. Die fatale Konsequenz aus solchen Fehleinschätzungen ist, dass die Arbeiterklasse sich unter der Fahne fremder Interessen, nämlich des einen oder anderen imperialistischen Pols sammelt. Der Imperialismus ist ein globales System gesellschaftlicher Beziehungen, das alle kapitalistischen Länder umfasst, nicht nur die USA, Japan und Westeuropa. Auch andere Staaten, in denen (monopol-)kapitalistische Verhältnisse bestehen, wie etwa China, können keinen antiimperialistischen Charakter annehmen.“. Diese Worte scheinen aus heutiger Sicht prophetischen Charakter zu haben: Sie sind so geschrieben, als hätten sie bestimmte Standpunkte, die nun von Teilen unserer Organisation vertreten werden, vorausgesehen und versucht, sich von ihnen abzugrenzen. Das war natürlich nicht so. Dennoch waren die von uns damals gewählten Formulierungen sehr bewusst gewählt – sie sind das Ergebnis einer bereits in der DKP und SDAJ geführten Diskussion, die letztlich ein maßgeblicher Grund dafür war, weshalb ein Teil der heutigen KO sich damals entschloss, diese Organisationen zu verlassen. Dass nicht allen Beteiligten damals die Tragweite dieser Positionierung klar gewesen ist, mag sein. Dass die KO jedoch einen klaren Standpunkt zu dieser Frage hat, ist eine Tatsache.

Diesen Standpunkt hatte die KO sich nicht im luftleeren Raum erarbeitet, sondern sie konnte von den Ausarbeitungen und Debattenbeiträgen der internationalen kommunistischen Bewegung profitieren. Die Auseinandersetzung mit bestimmten problematischen Auffassungen vom Imperialismus ist also nicht neu und nicht auf Deutschland beschränkt, sie wurde allen voran von der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) aufgenommen.

Der imperialistische Krieg in der Ukraine hat nun auch in Deutschland in der kommunistischen Bewegung bestehende Dissense an die Oberfläche und zur Explosion gebracht. Dass dem so ist, mag die „natürliche“ Folge einer welthistorischen Zäsur sein, wie sie der Krieg in der Ukraine darstellt – erfreulich ist das allerdings nicht. Statt dass wir uns nun, gestützt auf eine richtige Analyse, in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen positionieren, müssen wir uns mit uns selbst und mit Grundsatzdebatten beschäftigen. Dass wir dies tun, ist jetzt aber unvermeidlich und somit richtig.

Ein Mangel vieler der bisherigen Beiträge, wobei ich insbesondere diejenigen von Klara Bina[1], Paul Oswald[2] und Alexander Kiknadze[3] meine, liegt darin, dass sie ihre Abgrenzung gegenüber der Imperialismusanalyse der KKE hauptsächlich auf Behauptungen stützen, die sie kaum belegen. Eine Auseinandersetzung mit dem Faktenmaterial findet (noch) sehr wenig statt, beispielsweise werden die für Klara Bina zentralen Thesen der „unipolaren Weltordnung“ und der „Abhängigkeit“ nicht konkret belegt. An sich ist das verständlich, da die Diskussion unter Zeitdruck geführt wird. Problematisch wird es aber, wenn die Argumentation sich in eine Richtung entwickelt, die, wie hier gezeigt werden soll, mit den realen Verhältnissen nicht mehr viel zu tun hat.

Für eine Analyse des heutigen imperialistischen Weltsystems hilft es nur sehr begrenzt weiter, detailliert Lenins Texte auszuwerten, wie es z.B. Paul Oswald tut. Es ist richtig, das von Lenin entwickelte begrifflich-theoretische Instrumentarium anzuwenden, um die Situation der heutigen Welt zu analysieren. Etwas anderes und falsch ist es hingegen, wenn aus Mangel an aktueller Analyse die Antworten allein in Schriften gesucht werden, die über 100 Jahre alt sind. Lenins Werk ist von unschätzbarer Bedeutung für uns, aber es ist keine Sammlung aus Glaubenssätzen. An der Analyse der objektiven Realität kommt man nicht vorbei. Dass Klara und Paul im Prinzip auch diesen Anspruch formulieren, ist ausdrücklich zu begrüßen, auch wenn sie ihn in ihren Beiträgen nicht einlösen. Deshalb soll dieser Beitrag einen Schritt in diese Richtung wagen und einige grundsätzliche Einschätzungen der Konstellation des heutigen Imperialismus geben.

Die Beiträge der Genossen Paul, Klara und Alexander werden ab hier der Einfachheit halber einfach ohne Fußnoten zitiert.

1. Überblick über die Debatte

In der aktuellen Diskussion scheinen drei unterschiedliche Analysen des heutigen Imperialismus miteinander zu konkurrieren.

Das ist erstens die von Klara als „Weltsystemansatz“ bezeichnete Analyse, die von einer abgestuften internationalen Hierarchie der asymmetrischen, aber doch gegenseitigen Abhängigkeiten („imperialistische Pyramide“) ausgeht.

Zweitens eine weiterhin verbreitete Analyse, die man als „Triaden-Theorie“ bezeichnen könnte und die nach wie vor nur Westeuropa, die USA und Japan (die „Triade“) als imperialistische Mächte betrachtet, die die Welt untereinander aufteilen. Zwischenimperialistische Widersprüche entwickelten sich nur zwischen den Mitgliedern der Triade, die Widersprüche zwischen der Triade und dem Rest der Welt wiederum werden als solche zwischen unterdrückenden und unterdrückten Staaten gesehen.

Drittens eine „Superimperialismus“-These, die selbst den westeuropäischen Mächten, Kanada und Japan ihre Eigenständigkeit als imperialistische Akteure abspricht und nur noch die USA als wirklich imperialistische Macht betrachtet.

Die erste Position wird, wie gesagt, von der KO in ihren Programmatischen Thesen vertreten. Dieser Standpunkt wird aber nun durch einen Teil der Organisation infrage gestellt, die zur zweiten (tendenziell Klara) oder dritten Position (tendenziell Alexander) tendieren. Die zweite und dritte Position bauen in ihren Annahmen erkennbar auf der Dependenztheorie auf, die die Beziehungen zwischen „Nord“ und „Süd“ als Beziehungen einseitiger Abhängigkeit charakterisiert. Die erste Position erkennt zwar die starke Asymmetrie der Abhängigkeiten im imperialistischen Weltsystem an, steht aber der Dependenztheorie in ihren verschiedenen Varianten kritisch gegenüber. Warum, wird im Verlauf des Beitrags hoffentlich deutlich werden.

Wie argumentiert nun die Position, die das Imperialismusverständnis der Programmatischen Thesen ebenso wie das der KKE grundsätzlich infrage stellt? Diese Position soll hier kurz wiedergegeben werden. Am ausführlichsten ist sie bei Klara ausgearbeitet.

Klara hat einige „Fragen“ zur Imperialismusanalyse gestellt, die allerdings in Wirklichkeit eher Thesen sind. Klara gibt sehr deutlich zu verstehen, dass sie die Position der KKE und generell der Parteien des leninistischen Pols in der IKB für grundlegend falsch hält – mehr noch, an mehreren Stellen wird der „Weltsystemansatz“ sogar implizit dem Opportunismus zugerechnet (z.B. „… weil der Weltsystemansatz als eine Reaktion auf andere (!) opportunistische Vorstellungen in der Imperialismusfrage auftritt“).

Sie selbst ist der Ansicht, dass die heutige Welt von einer „Handvoll Räuber“ beherrscht werde, womit sie nicht nur eine geringe Anzahl monopolistischer Konzerne sondern auch eine Gruppe weniger führender imperialistischer Staaten meint. Hierbei bezieht sie sich auf entsprechende Formulierungen aus Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Lenin sage „unmissverständlich und das zieht sich wie ein roter Faden durch die Imperialismusschrift, dass es erstens Großmächte gibt, die sich qualitativ vom Rest der Welt unterscheiden, zweitens, dass diese Großmächte die Welt beherrschen, drittens dass der Widerspruch zwischen ihnen darin besteht, wie sie die Beute unter sich aufteilen“.

Wir leben demnach in einer Welt, „wo auf der einen Seite die „Handvoll Räuber“ und auf der anderen Seite „die Beraubten“, auf der einen Seite „die unterdrückenden“, auf der anderen Seite „die Unterdrückten“ stehen. Wenn dieses Bild nicht mehr stimmen soll, dann handelt es sich genau genommen nicht mehr um Imperialismus.“ – weil für Klara gerade das Wesen des Imperialismus darin besteht, dass die Welt scharf in unterdrückende und unterdrückte Länder und Nationen aufgeteilt wird.

Dass die KKE von gegenseitigen statt einseitigen Abhängigkeiten spricht, widerspricht für Klara nicht nur „sehr grundsätzlich den Vorstellungen Lenins“, sondern grenze auch „an Sinnentleerung des Begriffs Abhängigkeit“. Sie argumentiert dagegen, dass quantitative Unterschiede zwischen Ländern an einem gewissen Punkt in eine neue Qualität umschlagen müssten, „und zwar in eine einseitige Abhängigkeit, die bis hin zur totalen Unterwerfung oder sogar Zerstörung jeglicher Reste von Eigenständigkeit gehen kann“. Im Gegensatz dazu seien die imperialistischen Staaten in der Lage „durch das Vorhandensein von immensen Kapitalsummen die ganze Welt mit ihrem Kapital zu überziehen und zu kontrollieren“.

Von einseitiger Abhängigkeit gingen auch die Dependenztheorien aus. Ähnlich argumentiert aber auch der Beitrag von Paul Oswald: „Meinem Verständnis nach bildet damit die koloniale Unterdrückung den Kern des Imperialismus.“; „Es ist meiner Ansicht nach also nicht möglich vom Imperialismus zu sprechen, ohne diese zwei Lager (der unterdrückenden und unterdrückten Nationen, Th.S.) in der Welt vor Augen zu haben“. Dabei sei heute, nach der Dekolonisierung, vor allem die Rolle von „Halbkolonien“ wichtig. Sehr weit geht hierbei auch Alexander, der die Frage stellt: „Sind USA nur die Spitze der (…) imperialistischen Pyramide oder SIND sie die Pyramide mit ihrer immer noch weltweit deutlichen militärischen Überlegenheit und Währung?“.

Alexander schreibt auch, es werde deutlich, „wie schwach unser kollektiver Diskussionsstand in Form der Programmatischen Thesen ist. Es leiten sich in der Einschätzung der konkreten Situation diametral unterschiedliche Standpunkte ab“. Nachdem in den Programmatischen Thesen der Imperialismus als ein alle Länder umfassendes Weltsystem charakterisiert wird, ist schwer nachvollziehbar, wie jemand die Auffassung vertreten kann, die dazu gegenteilige Ansicht wäre ebenfalls eine „Ableitung“ aus den Programmatischen Thesen. Das ist sie keineswegs, sondern, das sollte ganz klar gesagt werden, die in den Beiträgen von Klara Bina, Paul Oswald und Alexander vertretene Imperialismusanalyse ist explizit eine Gegenposition zu der Position der Programmatischen Thesen.

Nun sagt diese Feststellung aber noch nichts über ihre Richtigkeit oder Falschheit aus. Natürlich ist es denkbar, dass wir uns geirrt haben könnten. Dann sollten wir unsere Analyse korrigieren.

Um zu beantworten, ob die Programmatischen Thesen in ihrer Imperialismusanalyse grundlegend falsch liegen, wird es nun notwendig sein, das in den Programmatischen Thesen vertretene Imperialismusverständnis besser auszuarbeiten und an der Realität zu überprüfen. Hier wäre auch eine Selbstkritik der gesamten Organisation angebracht: Dass wir diese Frage bisher nicht gezielt angegangen haben, ist ein großer Mangel, der uns jetzt zum Verhängnis wird. Um dieses Problem früher zu erkennen, wäre es allerdings notwendig gewesen, dass diejenigen, die unser Imperialismusverständnis für falsch halten, dies schon früher deutlich formuliert hätten.

Die Frage, ob das Imperialismusverständnis der KO und der KKE tatsächlich von Lenin abweicht oder nicht, wird in den ersten Kapiteln außen vor gelassen und erst am Ende wieder aufgegriffen. Damit soll zuerst mithilfe der von Lenin entwickelten Kategorien die empirische Analyse des imperialistischen Weltsystems vorgenommen werden, um dann zu beantworten, inwiefern Lenins Theorie heute noch geeignet ist, um den Imperialismus zu analysieren und ob der Standpunkt der Programmatischen Thesen mit dem von Lenin in Einklang zu bringen ist (Die Antwort ist auf beide Fragen: Ja!)

Ist es nun tatsächlich so, dass die Programmatischen Thesen auf dem Holzweg sind? Ich nehme meine Antwort bereits im Titel vorweg – Nein! Das Imperialismusverständnis der Programmatischen Thesen ist vollkommen korrekt. Es bedarf keiner „Korrektur“ oder Revision, sondern einer genaueren Ausarbeitung. Diese müssen wir uns vornehmen und vielleicht leistet dieser Diskussionsartikel ja auch schon einen Beitrag dazu.

2. Wer beherrscht die Weltwirtschaft? Zur Rangordnung im heutigen imperialistischen Weltsystem

Um den imperialistischen Charakter eines Landes aufzuzeigen, wählt Lenin vor allem den Grad der Konzentration und Zentralisation, also die Herausbildung des Monopolkapitals als grundlegendes Kriterium. Darauf aufbauend und als Folge der Entstehung des Monopolkapitals analysiert er zudem die Entstehung des Finanzkapitals und die Tendenz zum Kapitalexport. Das ist bis heute plausibel: Denn das Monopolkapital markiert den Übergang zu einer neuen Qualität auf der Ebene der Produktionsverhältnisse. Es beendet die „freie“ Konkurrenz kleinerer Kapitale in großen Teilen der Ökonomie und ersetzt sie durch die Konkurrenz der Monopole, die vorrangig nicht als Preiskonkurrenz, sondern mit anderen Methoden (z.B. Werbung, hohe technologische Barrieren und Spezialisierung usw.) ausgetragen wird. Die Akkumulation gewaltiger Kapitalsummen, gleichzeitig der erhöhte Bedarf an Finanzierung führen zur Verschmelzung von Banken und Industrie, zur Gründung eigener Banken durch die Industrie, zur tendenziellen Ablösung des Kapitaleigentums vom fungierenden Kapital in Form des Beteiligungssystems usw. Die Überakkumulation von Kapital und ständige Jagd nach neuen Anlagemöglichkeiten führt das Kapital über die nationalen Grenzen hinaus, sie macht den Kapitalexport gesetzmäßig notwendig.

Diese Phänomene, Monopolisierung, Finanzkapital und Kapitalexport, sind darum die hauptsächlichen Kriterien, um den imperialistischen Charakter der Ökonomie zu analysieren.

Klaras Auffassung vom heutigen imperialistischen Weltsystem lässt sich an verschiedenen Stellen herauslesen. Beispielsweise: „Die Vorstellung, dass es eine absolute Alleinherrschaft eines Imperiums gäbe, ist in dieser Extremform abzugrenzen von der allgemeinen und meiner Ansicht nach auch nicht falschen Darstellung des derzeitigen Imperialismus als unipolare Herrschaft“

Deutlicher äußert sich Alexander in diese Richtung. Die USA seien „weiterhin die Nation, die der gesamten Welt ihre Politik diktieren kann“. Es wird sogar die Frage aufgeworfen: „Sind USA nur die Spitze der von Aleka Papariga begründeten imperialistischen Pyramide oder SIND sie die Pyramide?“. Bei den beiden letzten Aussagen dürfte dem Autor bewusst sein, dass er sich hier zu extremen Übertreibungen versteigt – es ist wohl einigermaßen offensichtlich, dass die USA eben nicht der gesamten Welt „ihre Politik diktieren“ können, wenn sie beispielsweise seit 63 Jahren daran scheitern, die Regierung einer Karibikinsel in ihrer direkten Nachbarschaft zu stürzen. Doch nehmen wir die These der „unipolaren Weltordnung“, mit der gegen die Imperialismusanalyse der Programmatischen Thesen und der KKE argumentiert wird, einmal ernst und konfrontieren sie mit den Fakten.

Ein erster, sehr oberflächlicher Zugang kann die Länder anhand ihres BIP vergleichen. Dabei ist es sinnvoll, nicht das nominale BIP (das die offiziellen Wechselkurse zugrunde legt) zu verwenden, sondern das in Kaufkraftparität gemessene BIP. Dieses rechnet den Effekt der Inflation heraus und ist besser geeignet, um Länder mit unterschiedlichem Lebensstandard und sehr unterschiedlicher Kaufkraft (wie z.B. die USA, Russland und China) miteinander zu vergleichen – das BIP wird so berechnet, als würden die Waren aller Länder in US-amerikanischen Preisen verkauft. Demnach sind die 10 stärksten kapitalistischen Volkswirtschaften der Welt:

Tabelle 1: Wirtschaftsleistung nach Kaufkraftparität in Mrd. US$, 2020

LandBIP
China23.020
USA19.863
Indien8.509
Japan5.062
Deutschland4.276
Russland3.876
Indonesien3.130
Brasilien2.989
Vereinigtes Königreich2.868
Frankreich2.852

Quelle: Weltbank.

Gemessen an ihrem absoluten Gewicht in der Weltwirtschaft, also an den jeweils produzierten Waren und Dienstleistungen, ist China inzwischen mit gewissem Abstand die größte Volkswirtschaft der Erde. Die „alten“ wirtschaftlichen Großmächte USA, Japan, Deutschland, Großbritannien und Frankreich stehen nicht mehr alleine an der Spitze der Weltwirtschaft. Russland, dessen imperialistischer Charakter von einigen angezweifelt wird, steht immerhin auf Platz 6. Der Vollständigkeit halber können wir uns die Liste auch gemessen an offiziellen Wechselkursen, also der anderen üblichen Messart, ansehen:

Tabelle 2: Wirtschaftsleistung nach laufenden Preisen in Mrd. US$, 2020

LandBIP
USA20.953
China14.723
Japan5.058
Deutschland3.846
Vereinigtes Königreich2.760
Indien2.660
Frankreich2.630
Italien1.889
Kanada1.645
Südkorea1.638

Quelle: Weltbank.

Hier ergibt sich ein etwas anderes Bild, doch das Wesentliche bleibt: Auch hier sind die alten Großmächte nicht mehr unangefochten an der Spitze. China, Indien und Südkorea machen ihnen die obersten Plätze streitig. Russland und Brasilien folgen auf den Plätzen 11 und 12.

Für einen ersten Blick auf die Stellung einer Ökonomie innerhalb des kapitalistischen Weltsystems war der Vergleich des Bruttoinlandsprodukts hilfreich. Allerdings erlaubt dieser Blick nur begrenzte Aussagen darüber, ob ein Land eine beherrschende oder doch eher Zwischenposition in der Hierarchie spielt. So ist beispielsweise das BIP von Indien durch die schiere Masse der indischen Bevölkerung, die in ökonomische Aktivitäten der einen oder anderen Art eingebunden sind, größer als es seiner Stellung im imperialistischen Weltsystem entspricht.

2.1. Die Beherrschung des internationalen Warenhandels

Ein weiterer Indikator für das ökonomische Gewicht eines Landes sind seine Exporte. Die folgende Tabelle zeigt die Exporte der weltgrößten Exporteure.

Grafik 1: Der Welthandel im Jahr 2020

Natürlich ist auch relevant, wie diese Exporte sich zusammensetzen. Es macht einen Unterschied, ob ein Land v.a. hochwertige Industriegüter exportiert oder nur unverarbeitete Landwirtschaftsprodukte. Allerdings schlägt sich diese Unterscheidung ohnehin bereits insofern nieder, dass erstere zu weitaus höheren Preisen verkauft werden und es daher ohne entwickelte Industrie kaum möglich ist, in die Reihe der größten Exportländer aufzusteigen. Daher sagt uns auch diese Datenreihe etwas über die ökonomischen Hierarchien: Auch hier steht China ganz vorne, dann folgen einige der alten imperialistischen Mächte, aber auch Südkorea, Singapur, Irland, Indien und Mexiko besetzen nennenswerte Teile des Weltmarktes. Sehen wir uns aber als nächstes an, welche Länder bei den Exporten von Industriegütern führend sind, exemplarisch anhand der wichtigen Branchen KfZ, Elektronik, Chemie und Werkzeugmaschinen. Grau unterlegt sind Länder, die nicht zur alten imperialistischen „Triade“ (Nordamerika, Westeuropa, Japan) gehören (Irland als ehemalige Quasi-Kolonie sollte demnach ebenfalls nicht zur „Triade“ gerechnet werden).

Tabelle 3: Die größten Exporteure der Industriesektoren Automobil, Elektronik, Chemie, Werkzeugmaschinen, in Mrd. US$., 2020.

RangAutosElektronik
ChemieWerkzeugmaschinen
1BRD122Hong Kong154China72BRD6
2Japan81Taiwan123USA45Japan5,1
3USA46China117Irland42China3,5
4Mexiko40Singapur86BRD35Italien2,6
5Südkorea36Südkorea83Schweiz26Taiwan1,8
6Belgien33Malaysia49Belgien24Schweiz1,7
7Kanada32USA44Japan22Südkorea1,6
8Spanien32Japan29Südkorea21USA1,3
9UK27Philippinen20Niederlande19Belgien0,7
10Slowakei24Vietnam14Indien19Österreich0,7
11Tschechien21Deutschland13UK16

12Frankreich19Niederlande12Frankreich14

13Italien15Irland8Singapur12

14Ungarn11Thailand7Saudi Arabien12

15Schweden11Frankreich7Italien10

Quellen: www.worldstopexports.com; Eurostat (für Werkzeugmaschinen)

Am ehesten halten die Länder der alten „Triade“ noch in der Autoindustrie ihre Vorherrschaft aufrecht. Bei der Elektronik, der größten der hier aufgeführten Branchen, liegt die Dominanz vollkommen in Ost- und Südostasien. In der chemischen Industrie und der vergleichsweise kleinen Branche Werkzeugmaschinen ist das Bild gemischt, eine unangefochtene westliche Vorherrschaft gibt es hier allerdings auch nicht.

Sicherlich ließe sich hier einwenden, dass es aber darauf ankommt, wer diese Produktion kontrolliert. Dieser Einwand ist teilweise berechtigt, denn natürlich macht es einen Unterschied, ob bestimmte Länder nur weit oben in der Statistik auftauchen, weil sie zum Produktionsstandort ausländischer Industrie auserkoren wurden, die aber ihre Profite ins Mutterland repatriiert und dort auch die meisten Steuern zahlt. So erklären sich z.B. sicherlich teilweise die hohen KfZ-Exporte von Mexiko, aber auch Spaniens und Tschechiens (Seat und Škoda als größte Fahrzeughersteller gehören beide VW). Wir werden uns daher auch noch ansehen, welche Länder mit ihren Konzernen die Weltwirtschaft dominieren. Allerdings sind die Exportstatistiken deshalb alles andere als aussagelos. Denn auch die Bourgeoisie eines Produktionsstandorts, der von ausländischem Industriekapital abhängig ist, profitiert indirekt von dieser Konstellation in Form von Steuereinnahmen, regionalen Infrastrukturprojekten, Wissens- und Technologietransfer usw. Wie China, Taiwan, Südkorea, Singapur und andere Länder zeigen, kann das durchaus zur eigenständigen Entwicklung eines einheimischen Monopolkapitals beitragen, das mittel- und langfristig sogar eine internationale Führungsrolle übernehmen kann. Daher ist es berechtigt, die Industrieexporte als Indikator für die Stellung innerhalb der imperialistischen Pyramide zu werten.

2.2. Der Kapitalexport

Um die Stellung innerhalb der imperialistischen Hierarchie zu bestimmen, ist auch der Kapitalexport eines Landes wichtig. Denn dessen Umfang bestimmt, in welchem Umfang die Bourgeoisie, d.h. vor allem (aber nicht nur) das Monopolkapital eines Landes in anderen Ländern mit Investitionen aktiv ist. Lenin schreibt: „Für den neuesten Kapitalismus, mit der Herrschaft der Monopole, ist der Export von Kapital kennzeichnend geworden.“[4]

Kapitalexport kann als Direktinvestitionen (FDI) oder als Portfolioinvestitionen (PFI) stattfinden, je nachdem, wie groß der Kapitalanteil ist, der an einem Unternehmen erworben wird. Da die Daten für FDI weitaus leichter verfügbar sind, sehen wir uns die Kapitalflüsse aus einigen ausgewählten Ländern an. Hierbei handelt es sich nicht um Bestandsgrößen, sondern um die Kapitalflüsse innerhalb eines Jahres:

Grafik 2: Auswärtige Direktinvestitionen (Flussgrößen) in Mrd. US$, 2020.[5]

Als Tabelle:

Tabelle 4: Auswärtige Direktinvestitionen (Flussgrößen) in Mrd. US$, 2020.

LandAuswärtige Direktinvestitionen in Mrd. US$
USA264,8
Japan115,7
China109,9
Frankreich45,9
Deutschland34,9
Indien11,1
Russland6,8
Vereinigtes Königreich-65,4

Quelle: OECD

Die Aussagekraft der Direktinvestitionen bezüglich des realen Kapitalexports ist, wie fast immer bei bürgerlichen Statistiken begrenzt. Die marxistische Kategorie des Kapitalexports existiert in diesen Statistiken natürlich nicht. Ein Teil dessen, was in den Statistiken als FDI erscheint, sind keine realen Investitionen, sondern Operationen, die der Steuervermeidung oder ähnlichen Zwecken dienen und oft damit einhergehen, dass dieselbe Summe einmal hin- und wieder zurücküberwiesen wird[6]. Da dieses Phänomen aber nicht nur die russische Ökonomie betrifft, können wir die Daten über FDI trotzdem als einen groben Indikator für Kapitalexport heranziehen.

Die Direktinvestitionen zeigen, dass bei auswärtigen Kapitalflüssen immer noch die USA, Westeuropa und Japan eine relativ dominierende Position einnehmen. Die einzige massive Ausnahme, die das Bild in den letzten Jahren stark verändert hat, ist China, das 2020 mit kurzem Abstand hinter Japan den dritten Platz einnahm. Wenn China und Japan und allen voran die USA in der „ersten Reihe“ stehen, kommt danach eine zweite Reihe aus Frankreich, Deutschland und weiteren Ländern, die der Übersichtlichkeit halber weggelassen wurden (Südkorea, Schweden usw.). In der dritten Reihe stehen Russland und Indien (außerdem Belgien, Italien, Israel, Dänemark, Australien usw.). Die meisten Länder der Welt exportieren hingegen nur geringe Mengen Kapital unterhalb des Milliardenbereichs. Diese kann man in eine vierte, fünfte, sechste Reihe usw. einordnen.

Ein weiterer Indikator für die Position eines Landes beim Kapitalexport ist der Nettoauslandsvermögenstatus (englisch: net international investment position). Dieser bildet sich aus der Differenz zwischen den Forderungen, die die Eigentümer eines Landes im Rest der Welt haben und den Forderungen, die der Rest der Welt in diesem Land hat. Ist diese Position positiv, bedeutet das, dass das Land mehr Kredite vergeben hat und Aktiva im Ausland hält als umgekehrt. Auch dieser Indikator hat eine begrenzte Aussagekraft: Denn auch wenn ein Land hier eine negative Bilanz hat, kann daraus natürlich nicht abgeleitet werden, dass es nicht imperialistisch ist. Das bedeutet dann nur, dass andere imperialistische Länder mehr in diesem Land investieren als umgekehrt.

Tabelle 5: Nettoauslandsvermögensstatus ausgewählter Länder in Billionen US$, 2020

Was zeigen uns die Daten aus Tabelle 5? Dass China in der imperialistischen Hierarchie eine führende Gläubigerposition innehat und die USA der Welt v.a. als Schuldner gegenüberstehen. Aber auch, dass neben China auch weitere Länder außerhalb der traditionellen „Triade“ wie Singapur, Saudi Arabien, Russland und Südkorea ebenfalls bedeutende positive Auslandsvermögenspositionen halten. Die internationale Expansion des Kapitals ist bei weitem nicht mehr auf die „Handvoll Räuber“ beschränkt, von denen sie Anfang des 20. Jahrhunderts ausging.

2.3. Die großen Monopolkonzerne

Ein weiterer wichtiger Indikator für die Stellung eines Landes innerhalb des imperialistischen Weltsystems ist die Anzahl der in diesem Land beheimateten Konzerne, die in die Reihe der größten Konzerne der Welt gehören. Die international operierenden Konzerne sind die hauptsächlichen Träger des Kapitalexports, der internationalen Ausweitung und Projektion ökonomischer Macht, ihre grenzüberschreitende Expansion ist die Ursache dafür, dass die Profitinteressen des Kapitals global in Konfrontation miteinander geraten und zwischenstaatliche Konflikte hervorbringen.

Diesen Indikator wollen wir uns einmal etwas genauer ansehen. Das Fortune-Magazin veröffentlicht bekanntlich jährlich eine Liste der 500 größten Konzerne der Welt. Es versteht sich von selbst, dass die 500 größten Konzerne der Welt allesamt ökonomische Giganten sind. Der Konzern auf Platz 500 hat immer noch einen Umsatz von 24 Mrd. US$. Die bloße Zugehörigkeit eines Unternehmens zu dieser Liste belegt eine globale Monopolstellung (Monopol im marxistischen Sinne, d.h. es kann noch andere Monopole geben, die in derselben Branche aktiv sind). Die Zugehörigkeit eines Landes zu dieser Liste belegt ebenfalls bereits einen gehobenen Status in der imperialistischen Hierarchie, wenngleich – wie wir sehen werden – hier immer noch sehr große Unterschiede zu beachten sind. Unter diesen Konzernen sind Industrie-, Handels, aber auch reine Finanzkonzerne vertreten (allerdings keine Banken). Nach marxistischem Verständnis handelt es sich jedoch in allen Fällen um monopolistisches Finanzkapital.

Im Jahr 2021 verteilten diese 500 Megakonzerne sich auf 31 Länder. Die Zahl von 31 alleine sollte Anlass genug, die Einschätzung infrage zu stellen, wonach der Imperialismus lediglich von einer „Handvoll Räuber“ beherrscht werden. Jedenfalls lässt der Ausdruck „eine Handvoll“ doch eher an eine begrenzte Zahl von vielleicht 5-7 Ländern denken.

Doch sehen wir uns die Daten genauer an. Von den 500 größten Konzernen haben 135 ihren Sitz in China, das damit auf Platz 1 der Weltliste liegt. An zweiter Stelle kommen dann – wenig überraschend – die USA mit 122 Konzernen. Danach Japan mit 53, Deutschland mit 27, Frankreich mit 26, Großbritannien mit 22 usw.

Um die Konzentration an der Spitze der Global 500 zu sehen, werfen wir einen Blick auf die größten 20 Konzerne der Liste: Von diesen waren 2021 acht aus den USA, sechs aus China und jeweils einer aus Großbritannien, Deutschland, Südkorea, Saudi-Arabien, Japan und den Niederlanden.

Wer ist nun die Nummer 1? China oder die USA? China hat inzwischen mehr Konzerne unter den Top500 platziert, aber immer noch etwas weniger unter den Top20. Als einen weiteren Indikator kann man die Umsätze der größten Konzerne beider Länder addieren und miteinander vergleichen. Die größten 10 chinesischen Konzerne kommen dann zusammen auf Umsätze von 2,2 Bio. US-Dollar. Die größten 10 US-Konzerne auf einen etwas höheren Wert: 2,8 Bio. US-Dollar

Um die Verschiebungen zu verdeutlichen, lohnt sich der Vergleich mit einem früheren historischen Zeitpunkt. Das Jahr 1995 ist das früheste, das sich in der Online-Datenbank von Fortune findet und wurde daher hier als Vergleichspunkt herangezogen. 1995 lagen die USA und Japan mit jeweils 148 Konzernen gleichauf. Allerdings zeigt der Blick auf die 20 größten Konzerne eine deutliche Dominanz Japans auf der Spitze des Berges: 12 der größten 20 Konzerne kamen damals aus Japan, lediglich die Hälfte (also sechs) aus den USA.

Ebenfalls große „Player“ waren im Jahr 1995 die BRD mit 42, Großbritannien und Frankreich mit jeweils 35 Konzernen, die Niederlanden mit 12 (plus einen, der auf den niederländischen Antillen gelistet war) und Italien mit 11. Eine genauere Auflistung findet sich in Tabelle 6.

Auffällig sind folgende Fakten:

Erstens werden die Fortune Global 500 und auch die oberen Ränge weiterhin von drei Weltregionen dominiert, nämlich Westeuropa, Nordamerika und Ostasien.

Aber, und das ist ein sehr großes „Aber“: Zweitens ist Ostasien anders als früher in dieser Hinsicht nicht mehr im Wesentlichen durch Japan vertreten. Zum einen spielen Taiwan und Südkorea ebenfalls eine wichtige Rolle. Zum anderen, und das ist wohl die entscheidende Verschiebung im imperialistischen Weltsystem, ist der mit Abstand wichtigste ökonomische Akteur in Ostasien inzwischen nicht mehr Japan, sondern China.

Ein dritter Aspekt wird vor allem durch den Vergleich mit früheren Zeiten deutlich: Die Verteilung tendiert immer mehr zu einer „multipolaren“ Konstellation in dem Sinne, dass kein Land oder imperialistischer Pol durch seine weltbeherrschenden Konzerne mehr eine eindeutige ökonomische Dominanz innehat. Genannt wurden bereits Taiwan und Südkorea mit 8 bzw. 10 Konzernen auf der Liste. Heute sind aber auch z.B. einige südostasiatische (Singapur, Indonesien, Malaysia, Thailand) und südasiatische Konzerne (Indien) auf der Liste vertreten. Aus Indien stammen sieben der gelisteten Konzerne bzw. acht, wenn ArcelorMittal (das zu über 40% von der indischen Milliardärsfamilie Mittal gehalten, aber in Luxemburg gelistet ist) mitgezählt wird. In Lateinamerika ist Brasilien der stärkste Akteur mit sechs Konzernen, gefolgt von Mexiko mit zwei. Russland spielt ebenso wie die zuletzt genannten Länder ökonomisch eher in der zweiten Reihe eine bedeutende Rolle und kommt auf vier Konzerne innerhalb der Weltliste.

Unterdessen haben die meisten Länder der früheren „imperialistischen Triade“ (Westeuropa, Nordamerika, Japan) deutliche Verluste hinnehmen müssen. Die USA sind von 148 auf 122 Konzerne zurückgefallen. Deutschland von 42 auf 27. Frankreich und Großbritannien von jeweils 35 auf 26 resp. 22. Am weitesten ist Japan durch seine jahrzehntelange Stagnationskrise in der imperialistischen Rangordnung zurückgefallen: Von 148 Konzernen in den Top500 und 12 der weltgrößten 20 Konzerne im Jahr 1995 auf aktuell 53 in der Top500-Liste und nur noch einen in den Top20.

Tabelle 6: Ausgewählte Länder in den „Fortune Global 500“-Listen 1995 und 2021 (nach Rangordnung von 2021, besonders drastische Entwicklungen sind grau unterlegt)

LandAnzahl unter den Top 500 1995Anzahl unter den Top 500 2021Anzahl unter den Top 20 1995Anzahl unter den Top 20 2021
China213506
USA14812268
Japan14853121
BRD422711
Frankreich352600
Großbritannien35221 (brit-niederl.)1
Kanada51200
Niederlande12, davon 3 Kooperationen mit B und GB + 1 auf den niederl. Antillen111 (brit-niederl.)1
Südkorea81001
Taiwan2800
Spanien6700
Indien1700
Italien11600
Brasilien1600
Russland0400
Mexiko1200

Quelle: Fortune Global500.

Sehen wir uns ergänzend noch die Rangliste der größten Banken an, die in den Fortune Global500 nicht enthalten sind.

Tabelle 7: Größte Banken der Welt nach Aktiva, 2021

RangNameLandKapital in Mrd. US$
1Industrial & Commercial Bank of ChinaChina5,4
2China Construction BankChina4,6
3Agricultural Bank of ChinaChina4,4
4Bank of ChinaChina4,1
5JP Morgan Chase & CoUSA3,7
6Mitsubishi UFJ Financial GroupJapan3,3
7BNP ParibasFrankreich3,2
8Bank of AmericaUSA3,0
9HSBC HoldingsUK3,0
10Crédit AgricoleFrankreich2,7
11China Development BankChina2,6
12CitigroupUSA2,3
13Sumitomo Mitsui Financial GroupJapan2,2
14Japan Post BankJapan2,1
15Mizuho Financial GroupJapan2,0
16Wells FargoUSA1,9
17BarclaysUK1,9
18Postal Savings Bank of ChinaChina1,9
19Banco SantanderSpanien1,9
20Société GénéraleFrankreich1,8

Quelle: ADV Ratings.

Der Blick auf die Banken zeigt noch klarer: Von einer Vorherrschaft der USA kann keine Rede mehr sein. Die vier größten Banken der Welt sind inzwischen chinesische Staatsbanken. In der zweiten Reihe stehen vor allem Banken aus den USA, Japan und Frankreich. Deutschland hingegen spielt inzwischen mit seiner einzigen Großbank, der Deutschen Bank, nicht mehr an der Spitze mit.

2.4. Die Sonderrolle der USA: Dollar und Wall Street

Sind die USA weiterhin die mit Abstand führende Wirtschaftsmacht der Welt? Die Frage kann auf Grundlage der angeführten Daten klar verneint werden. Dennoch haben die USA nach wie vor eine Reihe von Vorteilen gegenüber ihrem größten Rivalen China. Auf ökonomischem Gebiet sind dies vor allem ihre weiterhin zentrale Rolle im Weltfinanzsystem und die Rolle des US-Dollar als weltweiter Leitwährung.

Die Rolle der USA im Finanzsystem ist dadurch, dass mittlerweile chinesische Banken an der Spitze stehen, bereits deutlich relativiert. Anders sieht es aus, wenn man sich ansieht, wo der Großteil der Finanzgeschäfte abgewickelt wird. Die folgende Auflistung zeigt, dass immer noch die große Mehrheit der Börsengeschäfte an Börsen in den USA stattfinden.

Tabelle 8: Die zehn größten Börsen der Welt, 2021

RangBörseOrtMarktkapitalisierung der gelisteten Unternehmen 2021 in Bio. US$
1NYSEUSA27,7
2NASDAQUSA24,6
3Shanghai Stock ExchangeChina8,2
4EuronextEU7,3
5Japan Exchange GroupJapan6,6
6Shenzhen Stock ExchangeChina6,2
7Hong Kong ExchangesHong Kong5,4
8LSE GroupUK3,8
9National Stock Exchange of IndiaIndien3,6
10TMX GroupKanada3,3

Quelle: statista.de

Diese Zahlen zeigen aber zunächst einmal nur, dass der Großteil der Infrastruktur des globalen kapitalistischen Finanzsystems in den USA liegt. Sie bedeuten nicht, dass der US-Imperialismus über die genannten Summen einfach verfügen kann. Beispielsweise ist die Nr. 1 an der New Yorker Börse (NYSE, die größte Börse der Welt) aktuell der chinesische Konzern Alibaba.

Die führende Rolle der USA im Finanzsystem ist eine Folge davon, dass das Monopolkapital der USA lange Zeit global führend war. Um im großen Geschäft mitzuspielen, gingen auch die Großkapitalisten anderer Länder nach New York, wo die meisten Firmen gelistet waren und daher auch die umfangreichsten Möglichkeiten für Finanzgeschäfte vorhanden waren. China, die EU und Japan liegen auf diesem Gebiet nach wie vor weit zurück, obwohl sich auch hier zeigt, dass der chinesische Kapitalismus schnell aufholt. Denn mit der Verschiebung des Zentrums der Mehrwertproduktion in Richtung Ostasien bzw. vor allem China wird mit einiger Verzögerung auch das Finanzsystem sich schrittweise verschieben.

Konkreter sind die Vorteile, die die USA aus der Rolle des US-Dollars als internationaler Leitwährung ziehen. Die Vorherrschaft des Dollar als Reservewährung und in Transaktionen (z.B. im Rohstoffhandel) ist zweifellos ein wichtiger Vorteil des US-Imperialismus in der globalen imperialistischen Rivalität. Konkret bedeutet die Dollar-Dominanz:

  • Dass die Einkommen, die der US-Zentralbank Federal Reserve Board durch die Geldschöpfung entstehen (Seigniorage-Gewinne) höher sind, weil mehr Geld geschöpft werden kann.
  • Dass das Finanzministerium (Treasury) der USA sich in weitaus höherem Maße in der eigenen Währung verschulden kann, weil die Zentralbank in viel höherem Umfang Geld schöpfen kann, ohne dass dies in den USA zur Geldentwertung führt.
  • Dass die USA zusätzliche Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme bekommen, weil sie die Dollar-Reserven anderer Staaten einfrieren können.
  • Dass der US-Dollar als viel nachgefragte Währung stabiler ist als die meisten anderen Währungen. Dadurch werden Wechselkursschwankungen minimiert, was ein großer Vorteil sowohl für den Warenhandel als auch die Zuverlässigkeit von Finanzgeschäften ist.
  • Dass die hohe Nachfrage nach dem US-Dollar dessen Wert tendenziell in die Höhe treibt. Das hat einerseits den Vorteil, dass die Kaufkraft des US-Kapitals international steigt und Importe von Vorprodukten für die Industrie billiger werden. Der Nachteil ist, dass die Verbilligung von Importen ebenso wie die aufgrund des steigenden Wechselkurses erhöhten Preise für Exportgüter auch die internationale Konkurrenzfähigkeit der Industrie in den USA unterminieren.[7]

Alles in allem sind das große Vorteile, die eine wichtige Rolle dabei spielen, die Position der USA an der Spitze der imperialistischen Pyramide abzustützen. Deshalb haben die USA seit Jahrzehnten alles versucht, um die Dollar-Hegemonie aufrecht zu erhalten, indem sie beispielsweise Regierungen, die danach strebten, den Ölhandel in anderen Währungen abzuwickeln, militärisch angegriffen und gestürzt haben.

Eine „Wunderwaffe“ ist die Dominanz des US-Dollars allerdings auch bei weitem nicht. Sie begründet keine absolute und unanfechtbare ökonomische Vorherrschaft. Sie verhinderte Mitte der 90er nicht, dass das japanische Monopolkapital zeitweise in vielen Bereichen vor dem der USA lag. Und sie verhindert heute nicht, dass das chinesische Monopolkapital[8] dabei ist, die Bourgeoisie der USA auf immer mehr Ebenen zu überholen. Sie verleiht den USA auch nicht die wundersame Macht, Russland und anderen Produzenten die Öl- und Gaspreise diktieren zu können, wie Alexander fälschlicherweise behauptet. Die Dollar-Hegemonie findet auf Grundlage der Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise statt, nicht außerhalb ihrer. Deshalb werden auch die Rohstoffpreise letzten Endes über den Markt gebildet, auch wenn es dabei erhebliche politische Interventionen gibt – allerdings nicht nur von den USA, sondern gerade z.B. auch von den Produzentenländern. Die ölproduzierenden Länder der OPEC haben immerhin zweimal durch eine bewusste Einschränkung der Fördermengen zu schweren Krisen in der Weltwirtschaft beigetragen.

Die Dominanz des US-Dollar ist zwar nach wie vor sehr deutlich, aber deshalb keineswegs unangefochten: Der Anteil des US-Dollar im globalen Handel schwankte 1999-2021 ungefähr zwischen 25 und 45%, liegt aber aktuell ungefähr auf dem Niveau von 1999, d.h. bei etwa 35%. Der Anteil des US-Dollar an den weltweiten Reserven in ausländischer Währung ist im selben Zeitraum von etwa 70% auf ca. 60% gesunken. Dies war zuerst auf die Gründung des Euro zurückzuführen, dessen Anteil meistens zwischen 20 und 30% schwankte, allerdings durch die Krise ab 2009 dauerhaft auf etwa 20% abgesunken zu sein scheint. Dass der Dollar von der Krise des Euro kaum profitieren konnte, liegt vor allem am Aufstieg anderer, sogenannter „nicht-traditioneller“ Währungen (d.h. andere als Dollar, Euro, japanischer Yen und britisches Pfund Sterling). Hier ist natürlich auch der chinesische Renminbi zu nennen, aber vor allem eine Reihe anderer Währungen, namentlich den australischen und kanadischen Dollar, den Schweizer Franken, den koreanischen Won, die schwedische Krone, den Singapur-Dollar usw. Die Guthaben, die in „nicht-traditionellen“ Reservewährungen gehalten werden, betragen inzwischen immerhin umgerechnet 1,2 Billionen US-Dollar. Regional spielen oft auch andere Währungen eine Rolle, z.B. halten Kasachstan und Kirgisistan auch hohe Rubel-Reserven aufgrund ihrer engen Beziehungen zu Russland.[9]

Auch die führende Rolle des US-Dollar ist nicht unabhängig von der Stellung der USA im imperialistischen Weltsystem, d.h. der materiellen Grundlage dieser Stellung in der Produktion und der Fähigkeit der USA, ihre Position politisch und militärisch abzusichern. Da die ökonomische und militärische Vorherrschaft des US-Imperialismus infrage steht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Vorherrschaft seiner Leitwährung erodiert. Der Aufbau des Renminbi zur führenden Leitwährung der Weltwirtschaft ist erklärtes Ziel der chinesischen Regierung. Indem China momentan auf Hochtouren daran arbeitet, die USA in der imperialistischen Pyramide auf den zweiten Platz zu verweisen, schafft es auch für den Aufstieg seiner Währung die entsprechenden Voraussetzungen.

3. Zwischenpositionen und Aufstiegsprozesse im imperialistischen Weltsystem

Wie bereits gezeigt wurde, kann eine Imperialismusanalyse nicht allein darin bestehen, sich die Spitze der Pyramide anzusehen (umso weniger, wenn diese Spitze in Unkenntnis der Fakten mit den USA gleichgesetzt wird). Auch unterhalb des führenden Segments des imperialistischen Weltsystems gibt es Länder, die in der Struktur des Weltsystems eine wichtige Rolle spielen. Wir werden nun der Frage nachgehen, ob es richtig ist, diese als imperialistisch zu bezeichnen. Auch dafür sind die anfangs genannten Kriterien, insbesondere die Herausbildung des Monopolkapitals heranzuziehen.

Die Kommunistische Partei der Türkei (TKP) warnt hierbei: „Die Tendenz, solche Beziehungen herzustellen, ist nicht gleichzusetzen mit der Fähigkeit, solche Beziehungen konkret herzustellen. Es ist immer das zweite Kriterium, das für die Definition eines imperialistischen Landes gilt.“ (These 7).

Es geht nicht nur um die Tendenz zur Monopolisierung, zum Kapitalexport usw., die natürlich in einer kapitalistischen Gesellschaft immer besteht, sondern es geht vor allem darum, inwiefern sich diese Tendenzen auch materialisieren – genau das muss untersucht werden und wird hier anhand von zwei Ländern exemplarisch geschehen.

Das erste dieser Länder ist natürlich Russland, da immerhin Auslöser der ganzen Diskussion. Der Streit, ob Russland überhaupt imperialistisch ist, schwelt im marxistischen Spektrum bereits seit Jahren und hat jetzt, nachdem die Position dazu eigentlich in der KO geklärt war, auch uns wieder erreicht.

Das zweite, deutlich knapper behandelte Land ist Mexiko. Die Kommunistische Partei Mexikos vertritt eine ähnliche oder gleiche Imperialismusanalyse wie die KKE und schätzt Mexiko als ein Land in einer Zwischenposition, also mit durchaus imperialistischen Charakteristika ein. Mexiko wurde zudem ausgewählt, weil die Frage, ob es imperialistisch ist, weniger offensichtlich zu bejahen ist als im Fall Russlands. Es geht dabei darum, grundsätzliche Aussagen über die Beschaffenheit der imperialistischen Pyramide ableiten zu können.

Ansonsten wäre es aber genauso möglich, Brasilien, Indien, die Türkei, Thailand, Malaysia oder eine Reihe anderer Länder heranzuziehen, was natürlich jetzt aus Platzgründen nicht passiert. Es wird hoffentlich ausreichen, das Phänomen allgemein und exemplarisch zu untersuchen, sodass es leicht vorstellbar wird, dass es ähnliche Entwicklungen in vielen Ländern überall auf der Welt gibt.

3.1. Die Stellung Russlands im imperialistischen Weltsystem

Alexander gibt folgende Charakterisierungen zum Status Russlands innerhalb des imperialistischen Weltsystems ab: 1) Russland sei „seit der Konterrevolution bis zum Regierungsantritt Wladimir Putins eine Kolonie“ gewesen, deren Hauptzweck Rohstofflieferungen an den Westen waren. 2) Mit der Regierung Jelzin habe „kein ideeller Gesamtkapitalist, der Akkumulation und Zirkulation politisch organisierte“ existiert. 3) Russland sei unter Putin dabei, sich aus diesem „Kolonialstatus“ „schrittweise vorsichtig“ zu befreien. 4) Russland sei aber, so Alexander mehrfach implizit, auch heute kein imperialistischer Staat.

Dies entspricht nicht der Einschätzung der KO in ihren Programmatischen Thesen, wo Russland (ebenfalls implizit, aber dennoch eindeutig so gemeint) zu den „relativ unterlegenen imperialistischen Polen“ gerechnet wird.

Wer hat nun Recht?

Glücklicherweise sind wir nicht darauf angewiesen, uns die Struktur des russischen Imperialismus komplett alleine zu erarbeiten, da bereits eine Vielzahl von Arbeiten unterschiedlicher Strömungen mit marxistischem Anspruch dazu existiert. Besonders hervorzuheben ist hier die Arbeit von fünf Genossen des Rksm(b) (der Jugendorganisation der Russischen Kommunistischen Arbeiterpartei) aus dem Jahr 2007.[10] Obwohl diese schon älter ist, ist sie in höchstem Maße aktuell und uneingeschränkt zu empfehlen.

Batov und Genossen schreiben über eine Strömung, die damals in der kommunistischen Bewegung Russlands existierte: „Die Leugnung der Existenz des russischen Imperialismus, die Idee Russlands als einer Kolonie hat bereits viele Kommunisten ruiniert, die, indem sie den US-Imperialismus kritisieren und den russischen Imperialismus leugnen, den Pfad der Rechtfertigung der nationalen Bourgeoisie (…) und des Bruchs mit dem Marxismus eingeschlagen haben.“. Die Position, auf Grundlage einer (vermeintlich) „antiimperialistischen“ Argumentation Bündnisse mit der herrschenden Klasse Russlands einzugehen, wird unter russischen Kommunisten auch als „roter Putinismus“ bezeichnet.

Die Genossen führen eine Vielzahl an Daten an, die die Konzentration und Zentralisation des russischen Kapitals und seine Expansion in die benachbarten Länder, insbesondere die ehemaligen Sowjetrepubliken belegen, z.B. die Ukraine, Armenien, Georgien, Belarus, Kasachstan, Usbekistan, die baltischen Staaten usw. Da diese Daten vom Stand von 2007 sind, werden sie hier nicht wiederholt. Sie belegen aber die Eigenständigkeit des russischen Kapitals, seinen hohen Grad der Konzentration und Zentralisation, seinen Kapitalexport in die Nachbarländer. Sie widerlegen eindeutig den angeblich „kolonialen“ Charakter der russischen Volkswirtschaft.

Wie hat der russische Kapitalismus sich seitdem entwickelt?

Ein Indikator für den fortgesetzten relativen Aufstieg Russlands innerhalb der imperialistischen Hierarchie wurde bereits angeführt: Während Russland 1995 noch nicht unter den Top500 der weltgrößten Konzerne vertreten war, sind mittlerweile immerhin vier russische Konzerne darunter (Gazprom, Lukoil, Rosneft, Sberbank), wobei Gazprom unter den 100 größten Konzernen der Welt rangiert.

Gazprom ist der größte russische Monopolkonzern und größter Erdgasproduzent der Welt. Der Konzern wird mehrheitlich vom russischen Staat gehalten. Gleiches gilt für den Ölkonzern Rosneft, das zweitgrößte russische Staatsunternehmen. Daneben stehen die Öl- und Gasriesen Lukoil und Surgutneftegas, wobei ersterer mehrheitlich dem Kapitalisten Alekperov gehört und letzterer sich in Streubesitz befindet. Der Export von Öl, Gas und Kohle ist wichtigste Devisenquelle für die russische Wirtschaft, die damit stark von der Entwicklung der Weltmarktpreise für diese Rohstoffe abhängt. Auch Produktion und Verarbeitung nicht-energetischer Rohstoffe, v.a. die metallurgischen Industrien, spielen eine wichtige Rolle: Novolipetsk (Stahl), Rusal (Aluminium), Norilsk Nickel usw. Spricht die Abhängigkeit vom Rohstoffexport dagegen, die russische Ökonomie als imperialistisch zu charakterisieren?

Sicher nicht. Denn der Rohstoffsektor ist ein wichtiges Kampffeld der Konkurrenz zwischen den Monopolen. Die Rohstoffförderung, -raffinierung und der Verkauf werden von russischen Großkonzernen organisiert, die damit die Stellung des russischen Kapitalismus in der imperialistischen Hierarchie insgesamt aufwerten und am Kampf um die Extraprofite teilnehmen. Kein Marxist würde die Bedeutung der Ölkonzerne Shell, Total oder Exxon als tragende Säulen des imperialistischen Weltsystems in Abrede stellen. Daher sollte das auch für die russischen Konzerne nicht getan werden.

Die Stärken des russischen Kapitals liegen keineswegs, wie oft behauptet wird, nur im Export von Öl und Gas, auch wenn diese Rohstoffe natürlich einen hohen Anteil an der russischen Handelsbilanz haben. Die TKP stellt in ihrer Analyse des russischen Imperialismus richtigerweise fest: „Die russische Wirtschaft hat die Fähigkeit zum Durchbruch, sofern sie ihre Beschränkungen der Kapitalakkumulation überwindet, mit ihrer aus der Sowjetunion übernommenen industriellen Infrastruktur, ihrem Selbstversorgungsgrad in Bezug auf ihre Grundindustrien zusammen mit ihrem Reichtum an natürlichen Ressourcen sowie ihrer führenden Position im Export von Petrochemie und ihrer vorteilhaften Position in den Hochtechnologiesektoren in Bezug auf ihre fortschrittliche Industrie in den Bereichen Verteidigung, Luftfahrt und Raumfahrt. Daher kann die russische Wirtschaft nicht mit einem vereinfachten Wirtschaftsmodell erfasst werden, das auf dem Export natürlicher Ressourcen und insbesondere auf dem Export von Energie basiert.“.[11]

Komparative Vorteile hat das russische Kapital auch in den Bereichen Rüstung (mit den mehrheitlich staatlichen Rüstungskonzernen Rostec, OAK und dem Schiffsbauer OSK) und in der zivilen Luftfahrt (Aeroflot, eine der weltgrößten Airlines). Im Finanzsektor sind die mehrheitlich staatliche Sberbank und VTB Bank dominierend sowie die private Investmentfirma Sistema.

Russland ist beispielsweise bei der Produktion und dem Export von Nuklearreaktoren Weltmarktführer. Auch wenn China seine Kapazitäten auf diesem Gebiet massiv ausbaut, ist Russland mit dem Verkauf seines VVER1200 bisher bei weitem die Nr. 1 auf dem Weltmarkt, einige davon nach China selbst.[12] Ähnliches gilt für die Produktion und den Export von Raumfahrttechnologie. Die US-Regierung stellt mit wachsendem Unbehagen fest, wie ihre Stellung in der internationalen Raumfahrt von russischer Technologie abhängig ist: „Amerikas Satellitenproduzenten wenden sich zunehmend ausländischen Versorgern von Weltraumantrieben zu (…). Das trifft besonders auf Unternehmen zu, die geostationäre Satelliten für verschiedene Kommunikationszwecke herstellen. Es trifft aber auch auf Firmen zu, die Satelliten für das zivile Raumprogramm der NASA und das militärische Raumprogramm produzieren. (…) Die Industrie geht graduell zur sogenannten elektrischen Antriebstechnologie über, und auf diesem Gebiet ist der primäre ausländische Verkäufer Russland. Obwohl der Kongress Druck auf das Militär ausübt, seine Abhängigkeit von russischen Raketenantrieben zu beenden, werden Amerikas Satelliten zunehmend abhängig von einer Art Weltraumantrieb, bei denen Russland weltweit führend ist“.[13]

Im Bereich Rüstung ist Russland einer der größten Produzenten der Welt, 2020 kam etwa ein Fünftel aller Rüstungsexporte der Welt auf Russland, da die russischen Rüstungsgüter von hoher Qualität sind und daher gerne gekauft werden.[14]

Die Vorstellung, dass es sich bei Russland einfach um eine „abhängige“ Ökonomie handle, die außer Rohmaterialien nichts zu bieten habe und dementsprechend gar nicht die Kraft zu bedeutendem Kapitalexport, entbehrt somit jeder Grundlage.

Auffällig ist, dass die russischen Großkonzerne einen hohen Einfluss des Staates aufweisen. Am (monopol-)kapitalistischen Charakter dieses Kapitals ändert das natürlich nichts. Diese Konzerne agieren ebenso wie andere Monopolkonzerne mit dem Ziel der Profitabilität. Doch auch wenn der Staat jeweils große Anteile hält, wird jeweils ebenfalls ein großer Teil von privaten Investoren gehalten. Es gibt unter den russischen Großkonzernen zudem auch zahlreiche private Firmenimperien. Der Aluminiumkonzern Rusal gehört mehrheitlich dem russischen Großkapitalisten (im Westen „Oligarchen“ genannt) Oleg Deripaska. Das in zahlreichen Branchen aktive Konglomerat Renova gehört dem Putins Regierung nahestehenden „Oligarchen“ Wiktor Wekselberg; Arkadij Rotenberg, enger Freund und ehemaliger Judolehrer Putins, ist Miteigentümer der Stroygazmontazh-Gruppe, des größten Baukonzerns der Russischen Föderation; der Investmentkonzern „Alfa Grupp“ gehört zu einem großen Anteil Michail Fridman; Vagit Alekperov ist Eigentümer des größten Anteils an Lukoil usw. usf. Einen grundsätzlichen Unterschied zwischen teilstaatlichen und privaten Konzernen gibt es dabei nicht. Auch die privaten Konzerne im Besitz von „Oligarchen“ unterhalten enge Beziehungen zur Regierung, auf die sie in der Tat auch angewiesen sind. Weil in Russland die Kapitalistenklasse durch einen rasanten Prozess des kaum verdeckten Raubes am Volkseigentum entstanden ist, und das sehr oft mit kriminellen Methoden, können die Kapitalisten sich ihres neuen Eigentums nur dann sicher sein, wenn sie durch formelle und informelle Institutionen (einschließlich offener Korruption) über eine gesicherte Beziehung zum Staatsapparat verfügen.[15] Der andere Grund für die massive Rolle des Staates hängt mit der Stellung Russlands im imperialistischen Weltsystem, genauer gesagt seiner relativen Unterlegenheit gegenüber dem Westen zusammen: Die Absicht, Russland als imperialistische Macht gegen den Widerstand der USA und ihrer Verbündeten zu konsolidieren, lässt sich aufgrund der relativen Schwäche des russischen Kapitals nicht ohne Schutzmaßnahmen vor der ausländischen Konkurrenz realisieren. Der Staat erfüllt hier die Rolle, einerseits sicherzustellen, dass die Vertreter der russischen Bourgeoisie den gesamtkapitalistischen Interessen Russlands verpflichtet bleibt (Abweichler unter den „Oligarchen“ wie Boris Beresowski und Mikhail Khodorkowski wurden entsprechend politisch kaltgestellt); und andrerseits die Aufwertung der russischen Position in der imperialistischen Pyramide durch unterstützende wirtschaftspolitische und außenwirtschaftspolitische Maßnahmen zu fördern. Dass der Staat eine zentrale, lenkende und fördernde Rolle dabei spielen kann, die Position eines Landes in der imperialistischen Hierarchie aufzuwerten, ist absolut nichts Neues. Es ließ sich in den vergangenen Jahrzehnten besonders auffällig in Ländern wie Frankreich, Japan, Südkorea und aktuell China und Russland beobachten. Bereits Lenin beschreibt, „wie sich in der Epoche des Finanzkapitals private und staatliche Monopole miteinander verflechten und die einen wie die anderen in Wirklichkeit bloß einzelne Glieder in der Kette des imperialistischen Kampfes zwischen den größten Monopolisten um die Teilung der Welt sind“.[16]

Der russische Kapitalismus ist im Vergleich auch zu anderen entwickelten kapitalistischen Ökonomien von einer sehr hohen Konzentration und Zentralisation des Kapitals gekennzeichnet. Die starke „Monopolisierung und Oligopolisierung der Ökonomie“ wird auch von bürgerlichen Ökonomen festgestellt, die ansonsten diese Begriffe eher vermeiden: „400 führende Unternehmen (mit Umsätzen über 15 Mrd. Rubeln, d.h. 700-750 Mio. US$ nach Kaufkraftparität) produzierten im Jahr 2014 41% des BIP, und viele davon waren Monopole (Gazprom, Norulsky Nikel, Russian Railways, Aeroflot, Transneft) oder führende Oligopole (Lukoil, Rosneft, Sberbank, Rostelecom, Megafon) in ihren Industrien. Dies führt zu einer Dominanz der Monopole (Oligopole) und zur Ineffektivität der nationalen Anti-Monopol-Politik in Russland – sogar im Vergleich mit anderen BRICS-Ökonomien“.[17]

Dies ist eine Folge der besonderen Entstehung des russischen Kapitalismus aus einer Konterrevolution. Die russische Bourgeoisie musste nicht durch langfristige Konzentrations- und Zentralisationsprozesse das monopolistische Stadium des Kapitalismus erreichen, sondern bildete sich durch die Privatisierung der gewaltigen Produktionskomplexe der Sowjetunion, wobei das ehemalige Volkseigentum auf oft illegalem oder halb-legalem Weg in die Hände weniger neuer Kapitalisten übertragen wurde.

Sehen wir uns als nächstes den Kapitalexport Russlands an:

Der Bestand auswärtiger Direktinvestitionen Russlands stieg nach Daten der russischen Zentralbank von tatsächlich eher vernachlässigbaren 20 Mrd. US$ im Jahr 2000 auf 480 Mrd. US$ im Jahr 2013 an, bevor sie wegen der Wirtschaftskrise, der westlichen Sanktionen und des sinkenden Ölpreises in den Folgejahren wieder etwas abfielen.[18] Allerdings ist die Aussagekraft dieser Kapitalflüsse sehr begrenzt: Drei Viertel der russischen auswärtigen Direkt- und Portfolioinvestitionen fließen allerdings in Länder wie Zypern, die Niederlande oder die britischen Virgin Islands, d.h. in der Regel nicht um dort produktiv investiert zu werden, sondern um Steuern zu umgehen, durch fiktive Transaktionen Einkommen zu generieren usw. und fließen dann meistens wieder zurück ins Heimatland.[19] Wirklicher Kapitalexport im marxistischen Sinne ist das sicherlich nicht. Sind diese Daten also doch kein Anzeichen dafür, dass Russland ein imperialistisches Land ist?

Eher im Gegenteil. Solche Tendenzen sind für entwickelte imperialistische Ökonomien durchaus typisch, auch aus den USA gehen etwa 2/3 ihrer auswärtigen Kapitalflüsse in solche Ziele.[20] Dies ist eine Folge der von Lenin konstatierten zunehmenden Trennung des Kapitaleigentum vom fungierenden Kapital in der Produktion und im Handel: Die Entstehung der imperialistischen Finanzoligarchie, die gewaltige Finanzsummen in ihren Händen konzentriert, für diese aber aufgrund begrenzter produktiver Investitionsmöglichkeiten ständig nach profitablen Anlagen suchen muss, ist die Ursache des Phänomens. Bulatov argumentiert zudem, dass es gerade der im internationalen Vergleich sehr hohe Monopolisierungsgrad des russischen Kapitals ist, der für kleinere Unternehmen die Eintrittsbarrieren in viele Branchen enorm hoch setzt, weshalb diese ihr überakkumuliertes Kapital in Steuerparadiese usw. schaffen.[21]

Das russische Monopolkapital ist auf internationaler Ebene alles in allem den Monopolen aus den USA, China, Deutschland, Japan, Südkorea usw. untergeordnet. Anders als die chinesischen Monopole, die mit denen der USA an der Spitze der imperialistischen Hierarchie stehen und die Vorherrschaft westlicher multinationaler Konzerne auch in Europa selbst herausfordern, kann das russische Kapital vor allem in solchen Ländern expandieren, in denen es bestimmte komparative Vorteile besitzt. Hier zeigt sich, wie enorm wichtig die Außenpolitik und Außenwirtschaftspolitik des Staates im imperialistischen Zeitalter für die internationale Expansion des Kapitals wird. Es ist daher kein Zufall, dass sich die von Batov et al. beschriebenen Trends zum Kapitalexport vor allem in die Republiken der ehemaligen Sowjetunion fortgesetzt haben. Dieser Trend wurde auch durch die seit langem hohen Preise für Öl, Gas und andere Rohmaterialien unterstützt, durch die die russischen Monopolkonzerne gewaltige finanzielle Mittel erwarben, die sie wiederum als Kapital in benachbarte Länder exportierten.[22]

Der russische Handelsvertreter in Kasachstan, Alexander Jakowlew (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen führenden Vertreter der Konterrevolution in der UdSSR), berichtete 2017, dass russische Unternehmen jährlich in Kasachstan im Umfang von etwa einer Milliarde US$ investieren würden. Von 41.000 ausländischen Unternehmen in Kasachstan seien ein Drittel, nämlich 13.000 aus der Russischen Föderation.[23]

In Armenien kaufte 2021 der Konzern GeoProMining des russischen Milliardärs Roman Trotsenko einen Mehrheitsanteil von 60% des größten armenischen Bergbauunternehmens ZCMC, das im Südosten des Landes etwa 4000 Arbeiter beschäftigt und eine der Haupteinnahmequellen der Regierung ist. Trotsenko überschrieb sofort Anteile im Wert von 15% der Gesamtaktien auf die armenische Regierung – sicherlich keine reine Freundschaftsgeste, sondern eine Maßnahme zum Ausbau politischen Vernetzung im Interesse zukünftiger Geschäfte.[24]

Insgesamt investierte Russland 2019 und 2020 in 139 verschiedene Projekte im Ausland, davon ca. 30% in ehemaligen Sowjetrepubliken. Die russischen Auslandsinvestitionen beschränkten sich keineswegs auf den Gas- und Ölsektor. Im Gegenteil kam dieser erst an vierter Stelle nach Finanzdienstleistungen (22% der Gesamtinvestitionen), Kommunikations- und Medienunternehmen (14,6%) sowie Software und IT (9,8%) und lagen etwa gleichauf mit russischen Investitionen in Logistik und Baumaterialien. Größter Empfänger von russischem Kapitalexport unter den ex-sowjetischen Republiken war Kasachstan mit 14 verschiedenen Projekten, die 22,6% der gesamten Auslandsinvestitionen in Kasachstan ausmachten. Auf den folgenden Plätzen standen in dieser Reihenfolge Usbekistan, Tadschikistan, Belarus und, da die Krim in der Statistik weiterhin als ukrainisch zählt, die Ukraine. In Tadschikistan kamen im genannten Zeitraum über 35% der ausländischen Investitionen aus Russland, in Turkmenistan 25%. Die russischen Investitionen in der postsowjetischen Welt gehen mit politischer Einflussnahme und dem Aufbau von Beziehungen einher. Es ist sicherlich kein Zufall, dass keins der Hauptzielländer russischer Investitionen für die UN-Resolution zur Verurteilung der Invasion in der Ukraine gestimmt hat.[25]

Doch auch in Syrien, wo Russland seit Jahren die syrische Regierung gegen den IS und andere Rebellen militärisch unterstützt hat, verstärken auch russische Unternehmen ihre Präsenz. So wurde 2019 ein Vertrag mit zwei russischen Unternehmen (Mercury und Velada) zur Ölförderung unterzeichnet. Zudem wurden ebenfalls von russischen Unternehmen große Investitionen in den Hafen von Tartus bekanntgegeben, der der russischen Marine als Flottenstützpunkt im Mittelmeer dient, aber auch für den Export von landwirtschaftlichen Produkten aus Russland ausgebaut werden soll.[26]

Auch zu Pakistan, das immer stärker mit China zusammenarbeitet und Ziel chinesischen Kapitalexports wird, entwickelt Russland zunehmend Beziehungen. Eine russische Handelsdelegation unter Leitung des Monopolkonzerns Gazprom gab 2019 bekannt, in Pakistan 14 Mrd. US$ in den Bau einer Pipeline und unterirdische Lagerungsanlagen zu investieren. Damit soll Erdgas, das von russischen Konzernen teilweise im Iran oder Turkmenistan gefördert wird, u.a. nach Indien und China transportiert werden.[27]

Bei der Bildung zwischenstaatlicher Bündnisse, um die internationale Expansion des Monopolkapitals zu erleichtern und zu fördern, sind die westlichen imperialistischen Länder nach wie vor führend (EU, EWWU, NATO, NAFTA usw.). Doch auch Russland geht mit der Schaffung imperialistischer ökonomischer, politischer und militärischer Bündnisse entsprechende Schritte. Insbesondere zu nennen sind die Eurasische Wirtschaftsunion (EWU) und die Shanghai Cooperation Organisation, die v.a. ein militärisches und sicherheitspolitisches Bündnis ist (wichtigste Mitgliedsländer sind China, Russland, Indien, Pakistan, Kasachstan und der Iran mit einem Beobachterstatus), aber auch zunehmend Projekte zur Wirtschaftszusammenarbeit realisiert. Zur EWU noch mal aus dem oben bereits zitierten Diskussionsbeitrag: „2011 unterzeichneten Russland und eine Reihe anderer Staaten inklusive der Ukraine im Rahmen der EWU die Schaffung einer Freihandelszone; 2012 wurde der Gemeinsame Wirtschaftsraum Russlands, Kasachstans und Weißrusslands beschlossen, der nach dem Vorbild der EU die „vier Freiheiten“ von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften zwischen den drei Ländern vorsieht. Da bisher überwiegend kleinere und schwächere Volkswirtschaften Teil der EWU waren, hätte der Beitritt der Ukraine dieses Bündnis enorm aufgewertet. Das russische Monopolkapital, das in vielen Bereichen innerhalb dieser Union führend ist, hätte dadurch seine Position stärken können. Im Handel innerhalb der EWU ist der russische Rubel die bei weitem vorherrschende Währung, wovon russische Banken und Investmentgesellschaften profitieren.“[28]

Auf ökonomischer, politischer und vor allem auch militärischer Ebene gewinnt das strategische Bündnis Russlands mit China an Bedeutung. Seit dem Amtsantritt Xi Jinpings in China im Jahr 2012 wurden die Beziehungen zwischen beiden Ländern ausgebaut. Xi Jinping sprach schon 2013 davon, das strategische Zusammenwirkung beider Länder habe eine langfristige Perspektive – Grundlage dieser neuen russisch-chinesischen Partnerschaft ist vor allem der gemeinsame Gegner: die USA und NATO. China hat sich allen Aufforderungen des Westens, den russischen Krieg in der Ukraine zu verurteilen, widersetzt. Die westlichen Sanktionen gegen Russland führen zu einer noch verstärkten Umorientierung Russlands weg vom Westen und hin zu China.[29]

Russland hat in den letzten Jahren aber auch alleine zunehmend politisch und militärisch als wichtige Macht in verschiedenen Konflikten interveniert. In Syrien hat Russland zur Verteidigung und Verfolgung seiner geopolitischen, aber auch wirtschaftlichen Interessen jahrelang interveniert und seinen politischen Einfluss in dem Land stark gesteigert. In Libyen hat Russland gemeinsam mit Frankreich die ostlibysche Bürgerkriegspartei des Warlords Khalifa Haftar unterstützt. In der Zentralafrikanischen Republik interveniert Russland seit 2018 mit Waffenlieferungen, Militärberatern sowie mutmaßlich privaten Militärfirmen. In Mali kooperiert seit kurzem die regierende Militärjunta mit Russland, das wiederum Militärausbilder geschickt hat.

Ist Russland also ein imperialistisches Land?

An der Antwort kann nun kein Zweifel mehr bestehen: Ja. Russland ist ein Land, dessen ökonomische Grundlage voll und ganz auf dem Boden des Monopolkapitalismus steht und das in bedeutendem Maße Kapital in seine Nachbarländer exportiert. Es steht ökonomisch dabei auf einer gehobenen Zwischenposition innerhalb der imperialistischen Pyramide – ganz anders als im militärischen Bereich, wie wir weiter unten sehen werden.

Die TKP stellt fest, Russland und China seien „imperialistische Länder, deren Interventionskapazitäten mit ihrem beträchtlichen Wirtschaftspotenzial, mächtigen Monopolen, fortgeschrittenen militärischen Potenzialen und langjährigen politischen und diplomatischen Traditionen immer größer werden.“.

Russland übe mit diesen Kapazitäten einen „störenden Einfluss (…) auf das bestehende Gleichgewicht innerhalb des imperialistischen Systems“ aus, es habe aufgrund seiner „strategischen Position inmitten der wichtigsten Energieressourcen der Weltwirtschaft, seinem natürlichen Reichtum und seiner Wirtschaftsstruktur hat Russland das Potenzial, seinen regionalen Einfluss in eine globale wirtschaftliche und politische Macht zu verwandeln“. „Unter den Faktoren, die die Position Russlands innerhalb des Systems bestimmen, überwiegen die politischen, militärischen und kulturellen Faktoren gegenüber den wirtschaftlichen.[30]

Diesen Einschätzungen ist uneingeschränkt zuzustimmen.

3.2. Die Stellung Mexikos im imperialistischen Weltsystem

Die Kommunistische Partei Mexikos (PCM) analysiert die Stellung Mexikos im imperialistischen System folgendermaßen: „Während die Beziehung der mexikanischen Ökonomie insgesamt und die ihrer Bourgeoisie insgesamt als eine der Abhängigkeit und Unterordnung unter die nordamerikanische beschrieben werden kann, ist klar, dass bei der Monopolfraktion die Beziehungen zwischen Gleichen ablaufen, zwischen gleichrangigen Geschäftspartnern, die die hohen Profitmargen unter sich aufteilen, derer sich eine Ökonomie wie die unsere erfreut“. Lateinamerika sei das „natürliche Jagdgebiet des mexikanischen Kapitals, das einen nicht unerheblichen Sektor der kapitalistischen Geschäfte kontrolliert, bis hin dazu, eine zentrale Kraft der Durchdringung vieler Länder und Regionen zu sein. Die mexikanische Großbourgeoisie ist also ein bedeutender Investor von Kapital in Lateinamerika mit einem Vorstoß, der von Carlos Slim angeführt wird, dessen América Móvil das größte private Unternehmen der Region ist, nur hinter den staatlichen Ölkonzernen.“[31]

Der letzte Punkt ist inzwischen nicht mehr korrekt: América Móvil liegt inzwischen vor der staatlichen Ölgesellschaft Pemex. Beide Unternehmen gehören zu den 500 größten der Fortune-Liste auf Platz 237 und 257. Es ist kein Wunder, dass Carlos Slim zeitweise der reichste Mann der Erde war und auch heute noch hoch auf der Liste steht.

Weitere mexikanische Konzerne mit Multimilliardenumsätzen sind die staatliche Elektrizitätsgesellschaft CFE, der Getränkekonzern FEMSA, der Baumaterialienproduzent Cemex (2020 fünftgrößter Baumaterialienkonzern der Welt), die Grupo Bimbo im Bereich der Nahrungsverarbeitung, die Televisa Gruppe (Medien und Telekommunikation), der Chemiekonzern Mexichem usw. usf.

Die Konzentration und Zentralisation des Kapitals setzt sich in Mexiko fort. 2019 fanden 312 Fusionen und Übernahmen mit einem Volumen von 18,9 Mrd. US$ statt, 2020 brach das Volumen aufgrund der Pandemie auf 13 Mrd. US$ ein und erholte sich 2021 auf 16,9 Mrd. US$ (344 Fusionen und Übernahmen).[32] Zum Vergleich: Das BIP Mexikos betrug 2020 etwas mehr als eine Billion US$. Das bedeutet, dass mexikanische Konzerne jedes Jahr Fusionen und Übernahmen mit einem Volumen von zwischen 1 und 2% der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes vollziehen.

In einer mexikanischen Zeitung heißt es: „Mexiko hat sich als industrieller Hub zwischen den Amerikas konsolidiert, zusätzlich zu der großen inneren Stärke, die es aufweist. Einige Industriesektoren weisen ein signifikantes Wachstum auf, so wie die Automobilproduktion, Luft- und Raumfahrt und Informationssicherheit“.[33]

Das mexikanische Kapital expandiert auf der ganzen Welt. Mexikanische Unternehmen investierten 2012-2018 zusammengerechnet fast 230 Mrd. US$ an Direktinvestitionen im Ausland[34]. Die internationale Expansion des mexikanischen Kapitals begann in den 1990ern, Fahrt aufzunehmen, angeführt durch den Zementkonzern Cemex, der Anfang der 90er zwei spanische Zementfirmen und dann weitere in den USA und Lateinamerika aufkaufte. Cemex ist ein weltweit führender Baumaterialienhersteller mit globalen Operationen. América Móvil kaufte Telekommunikationsfirmen in den USA, den Niederlanden und Österreich auf.[35]

Grupo Bimbo beispielsweise beschäftigt 134.000 Arbeiter in 32 Ländern fast aller Erdteile. [36]Mexichem ist der größte Hersteller von Plastikrohren in Lateinamerika und ist stark internationalisiert mit über 120 Produktionsstandorten in 50 Ländern.[37]

2014 beteiligten mexikanische Konzerne sich an sieben der 15 größten grenzüberschreitenden Firmenübernahmen, die von lateinamerikanischen Firmen getätigt wurden. América Móvil, Grupo Bimbo, Mexichem, Alsea, Finaccess und Alfa kauften in diesem Jahr zusammen Unternehmensanteile von über 9 Mrd. US$ auf. Andere wichtige „Player“ in der Region sind Brasilien, Chile und Kolumbien.[38]

Insgesamt haben 32 mexikanische Großkonzerne Tochtergesellschaften und Zweigstellen im Ausland (Stand 2016), 70% davon in den USA, die auch mit großem Abstand Hauptzielland mexikanischer Direktinvestitionen sind. Das mexikanische Kapital bevorzugt den US-amerikanischen Markt aufgrund der geografischen Nähe, zahlreichen Investitionsmöglichkeiten, aber auch aufgrund des Freihandelsabkommens NAFTA, das den Kapitalexport stark erleichtert. Auch in Zentral- und Südamerika investieren viele mexikanische Konzerne wie z.B. América Móvil, das zum größten Mobilfunkprovider des Kontinents aufgestiegen ist.[39]

Wie ist die Stellung Mexikos im imperialistischen System zu charakterisieren? Es ist offensichtlich, dass die Einordnung der mexikanischen Ökonomie als „abhängig“ zwar richtig, aber für sich genommen auch sehr irreführend ist. So groß das Machtgefälle gegenüber den USA ist, so deutlich ist auch, dass Mexiko selbst eine imperialistische Rolle auf untergeordneter Stufenleiter spielt: Es verfügt über einen entwickelten Kapitalexport, über Monopolkonzerne mit gewaltigen internationalen Operationen und globaler Reichweite. So wenig es möglich ist, Mexiko mit seinem nördlichen Nachbarland auf eine Stufe zu stellen, so unmöglich ist es auch, es mit seinen südlichen Nachbarländern (Guatemala, Honduras usw.) gleichzusetzen. Genau das zeichnet ein Land aus, das sich in einer Zwischenposition der imperialistischen Pyramide befindet.

4. Das militärische Kräfteverhältnis: USA, China, Russland

Die TKP schreibt in ihren Thesen zum Imperialismus: „Der Imperialismus ist keine Tatsache, die nur auf der wirtschaftlichen Ebene beobachtet wird, sondern ein mehrdimensionales Weltsystem, das politische, ideologische, militärische und kulturelle Aspekte hat. Daher sollte die imperialistische Vorherrschaft und Dominanz nicht nur auf der ökonomischen Ebene analysiert werden, sondern auch unter Berücksichtigung ihrer politischen, ideologischen, militärischen und kulturellen Dimensionen“ (These 8).

Dieser Hinweis ist wichtig, weil es nicht ausreicht, den Imperialismus aus einem rein ökonomischen Blickwinkel zu betrachten. Die Fähigkeit des (Monopol-)Kapitals, seine Herrschaft aufrechtzuerhalten und durchzusetzen ist maßgeblich von den Beziehungen des Kapitals zum Staat und der Stärke dieses Staates abhängig. Um imperialistische Interessen in der eigenen geografischen Umgebung oder gar auf anderen Kontinenten durchsetzen zu können, ist ein stabiler, durchsetzungsfähiger Staat mit einem starken Militär die Voraussetzung. Für die Bestimmung der Position eines Landes innerhalb der imperialistischen Rangordnung muss daher auch die militärische Stärke mit einbezogen werden.

Hierbei gibt es ein methodologisches Problem: Die militärische Stärke von Staaten ist sehr schwer direkt miteinander zu vergleichen. Es gibt verschiedene Indikatoren, die herangezogen werden können, von denen jeder aber nur eine sehr begrenzte Aussagekraft hat. Beispielsweise sagt die Personalstärke einer Armee nichts über ihre Ausstattung mit moderner Technologie, d.h. ihre Befähigung für einen modernen Krieg aus. Die Rüstungsausgaben eines Staates sind ebenfalls nur sehr begrenzt aussagekräftig, weil die Ausstattung einer Armee nicht allein davon abhängt. Russland ist hier das beste Gegenbeispiel: Als Erbe der Sowjetunion, die neben den USA zweifellos über die stärkste Armee der Welt verfügte, hat die Russische Föderation militärische Ausrüstung, Knowhow und Anlagen für militärische Forschung sowie Erfahrung geerbt, auf denen die forcierte Modernisierung der russischen Streitkräfte nach dem Georgienkrieg 2008 aufbauen konnte. „Russland erbte große Inventare von wichtigen konventionellen Waffensystemen von der Sowjetunion. Ein substanzieller Anteil dieser Systeme bleibt in operationeller Verwendung durch die russischen Streitkräfte, während ein anderer Teil gelagert wird“.[40]

Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Faktor: Russland kann aufgrund seiner starken eigenen Rüstungsindustrie sowie weit entwickelter verwandter Industrien (Luft- und Raumfahrt, Nukleartechnologie usw.) und dank entsprechender Anstrengungen zu stärkerer Autarkie seine Rüstungsgüter zu einem hohen Grad selbst herstellen, ist also vergleichsweise unabhängig von Rüstungsimporten. Diese werden in Russland selbst hergestellt, zu deutlich niedrigeren Kosten, als dies in den USA oder Deutschland der Fall wäre. Diesen Effekt genau zu quantifizieren ist schwierig, da es keinen gesonderten Index für Kaufkraftparität bei Militärgütern gibt. Auch aus anderen Gründen sind die Kosten in Russland aber deutlich geringer, beispielsweise sind die Gehälter für Armeeangehörige geringer als in westlichen Ländern. Im Ergebnis dieser beiden Faktoren ist die russische Armee weitaus stärker, als es ihre Rüstungsausgaben im Vergleich zu den USA oder europäischen Ländern vermuten lassen würden (Ebd.).

Die „Stärke“ einer Armee lässt sich also nicht in einer simplen Zahl ausdrücken. Sie ist sowieso nicht absolut zu sehen, sondern hängt stark von den Bedingungen ab, unter denen sie zum Einsatz kommt. Eine Bodenoffensive in benachbartes Territorium (z.B. Russland in der Ukraine) stellt andere Herausforderungen an eine Armee als eine Offensive in Übersee (z.B. USA in Europa im Zweiten Weltkrieg). Ein vorwiegend aus der Luft geführter Krieg (z.B. NATO in Jugoslawien) ist anders als ein Krieg am Boden. Ein Seekrieg (z.B. potenziell USA gegen China im Südchinesischen Meer) erfordert wiederum ganz andere Fähigkeiten usw. Das bedeutet, dass die Tatsache, dass ein Land militärisch „stärker“ ist als ein anderes, keine einfachen Schlussfolgerungen erlaubt, dass das stärkere Land das schwächere in einem realen Krieg auch besiegen würde (siehe z.B. USA in Vietnam). Das Ergebnis eines Krieges hängt von einer Vielzahl jeweils entscheidender Faktoren ab, wobei Truppenstärke und militärische Ausrüstung nur ein (wichtiger) Faktor sind – andere sind z.B. Gelände, Witterung, die Kampfmoral auf beiden Seiten, die Güte der Versorgungslinien und die Haltung der örtlichen Bevölkerung.

Mit all diesen Einschränkungen im Kopf können wir einen Vergleich der militärischen Kapazitäten verschiedener Länder aber trotzdem versuchen, denn ohne die Einbeziehung dieses Faktors ist es auch nicht möglich, die Position eines Landes innerhalb der imperialistischen Pyramide korrekt zu bestimmen. Ein erster Blick auf die Militärausgaben zeigt, dass die USA mit Abstand die größten Summen der Welt für Rüstung ausgeben. Im Jahr 2020 haben die USA 767 Milliarden US-Dollar für ihr Militär ausgegeben, was etwas weniger ist als der Höchststand von 2010 (865 Mrd. US$) – sicherlich eine enorme Summe, aber auch weit entfernt von Ausgaben „im Trillionen-Bereich“, wie Klara meint.[41]

Grafik 3: Verteilung der Rüstungsausgaben auf die größten Länder, 2019

Zweitgrößter Aufrüster ist, seinerseits mit enormem Abstand zu Platz 3, die VR China. Die unübertroffenen Militärausgaben der USA werden oft herangezogen, um eine vermeintlich unangefochtene militärische Dominanz der USA zu belegen. Doch wie groß ist der Abstand zwischen den USA und China wirklich? Tatsächlich muss dieser Abstand relativiert werden. Ein gewaltiger Teil des US-amerikanischen Militärbudgets in den letzten Jahren wurde für die laufenden Kriegseinsätze des US-Militärs, insbesondere für die extrem teuren Besatzungen in Afghanistan und Irak, aufgebracht. Es ist leicht verständlich, dass dieses Geld somit nicht der Aufrechterhaltung militärischer Übermacht gegenüber den Rivalen (Russland und China) diente. Es floss nicht in die Entwicklung neuer Technologien, nicht in die Vergrößerung des Arsenals, die Ausbildung von Truppen usw. Ein direkter Vergleich der Ausgaben der USA und Chinas in Kaufkraftparität zeigt, dass China seine Militärausgaben kontinuierlich und rasant steigert. Wenn nur die direkten Kosten für die Kriege in Irak und Afghanistan abgezogen werden, hatte China bereits ab 2017 fast den Umfang der US-amerikanischen Ausgaben erreicht. James Stavridis, Vier-Sterne-Admiral aus den USA, schreibt dazu: „China gibt sein Geld sehr klug aus. Es konzentriert sich extrem – nicht nur auf offensive Cyberwaffen, sondern auch auf seine Operationen im Weltraum, seine Hyperschall-Marschflugkörper und seine Tarnkappentechnologien. China hat zugesehen, wie die Vereinigten Staaten Billionen von Dollar ausgaben, sich in zwei teure Kriege im Irak und in Afghanistan verstrickten, und sagte: „Wir brauchen das alles nicht. Wir werden uns nicht an solchen Kriegen beteiligen. Wir werden unsere Ausgaben sehr intelligent einsetzen.”.[42]

Grafik 4: Militärausgaben der USA (abzüglich der Kosten des Krieges in Irak und Afghanistan) und Chinas

Wie sieht es mit Russland aus? Im direkten Vergleich mit den USA erscheint Russland anhand seiner Militärausgaben auf den ersten Blick als zwar bedeutende, aber nicht ansatzweise konkurrenzfähige Macht: Mit 65 Mrd. US$ im Jahr 2019 lag es gerade mal auf dem vierten Platz weltweit, knapp hinter Indien, während die USA 11mal höhere und China 4mal höhere Ausgaben tätigte. Mit 3,9% des BIP ist die Last der Rüstungsausgaben für die russische Wirtschaft allerdings schon sehr hoch (Wezeman 2020).

Oben wurde bereits ausgeführt, dass die militärische Stärke Russlands überproportional größer ist als diese Daten vermuten lassen. Werden die Militärausgaben mit dem gewöhnlichen, bei der BIP-Umrechnung verwendeten Index für Kaufkraftparität umgerechnet, entsprechen die russischen Militärausgaben im Jahr 2019 166 Mrd. US$ und die chinesischen 500 Mrd. US$. Der Unterschied zu den USA mit 732 Mrd. US$ ist natürlich für Russland immer noch groß, aber erklärt besser, weshalb die russische Armee in vieler Hinsicht für die USA ein sehr ernstzunehmender Gegenspieler ist (Ebd.).

Russland hat etwa seit dem Georgienkrieg 2008 mit einer rapiden Modernisierung seiner Streitkräfte begonnen, wobei ein besonderer Fokus auf nukleare und Raketentechnologie lag. Russland gab einen vergleichsweise sehr hohen Teil seiner Militärausgaben für die Anschaffung neuen Geräts aus (mit 40% der Militärausgaben liegt dieser Anteil etwa doppelt so hoch wie in Deutschland, Frankreich und Großbritannien) (Ebd.).

Doch sehen wir uns einmal an, wie die Armeen der drei stärksten Militärmächte der Welt aufgestellt sind. Achtung: Diese Zahlen beziehen sich auf das gesamte Inventar, d.h. nicht nur auf Ausrüstung, die tatsächlich momentan im Dienst ist (z.B. sind von den 20 angeführten Flugzeugträgern der USA momentan „nur“ 11 aktiv). Trotzdem geben die Zahlen sicherlich einen Einblick in die ungefähre Ausstattung der drei Länder.

Tabelle 9: Kampfstärke der Armeen der USA, Chinas und Russlands (Zahlen teilweise gerundet)


USAChinaRussland
Landstreitkräfte


Personalstärke1,4 Mio.2,2 Mio.1,2 Mio.
Reservisten850.0008 Mio.2 Mio.
Kampfpanzer6.6005.80012.200
Gepanzerte Fahrzeuge41.20014.10026.800
Artillerie4.2007.10018.500
Luftwaffe


Luftüberlegenheits- und Abfangjäger4611.049792
Mehrzweckjäger2.4171.130832
Bomber und Luftnahunterstützung566120880
Helikopter4.7411.3551.724
Flotte


Flugzeugträger2041
Zerstörer943818
Fregatten05411
Korvetten227383
U-Boote697459
Nuklear


Atomsprengköpfe6.5002806.500

Quelle: armedforces.eu.

Am ehesten verfügen die USA noch bei den Luftstreitkräften über eine einigermaßen deutliche Überlegenheit, da sie über mehr Flugzeuge verfügen als die chinesische und russische Luftwaffe und diese zudem moderner sind. Russland und China verwenden vorwiegend weiterhin Kampfflugzeuge der vierten Generation wie die MiG-29, MiG-31, Su-27 bzw. Shenyang J-11 und J-16, Chengdu J-10, Xian JH-7 und nur wenige hochmoderne Tarnkappenjäger der 5. Generation (Su-57, Chengdu J-20). Im Gegensatz dazu haben die USA bereits einige Hundert solcher Flugzeuge (F-35, F-22) in Dienst gestellt.

Von besonderer Bedeutung ist der Bereich der Flottenrüstung, weil sich ein potenzieller Krieg zwischen den China und den USA höchstwahrscheinlich auf See abspielen würde. Im entscheidenden Bereich der Seestreitkräfte hat China mit seiner Flotte die der USA bezüglich der Anzahl der Schiffe bereits überflügelt: Mindestens 360 chinesische Kriegsschiffe stehen 297 US-amerikanischen gegenüber.[43] Andere Aufstellungen kommen zu anderen Zahlen, weil sie je nachdem andere Elemente mitzählen oder weglassen.

Die russischen und chinesischen Flugzeugträger sind anders als die der USA alle aktiv (weshalb die Diskrepanz in der Statistik größer erscheint als in Wirklichkeit), allerdings sind zwei der vier chinesischen lediglich vergleichsweise kleinere „Hubschrauberträger“, die aber auch als Trägerschiff für bis zu 30 Kampfflugzeuge fungieren können.[44] Flugzeugträger (inklusive „Hubschrauberträgern“) sind vor allem für die globale Projektion militärischer Macht wichtig. Mit anderen Worten: Man braucht sie nicht für die Landesverteidigung im Fall einer feindlichen Invasion, sondern um selbst Kriege weit weg vom eigenen Festland führen zu können.

Auch die russische Flotte ist eine der stärksten der Welt: Mit zwar nur einem Flugzeugträger und 18 Zerstörern, 11 Fregatten, 83 Korvetten und 59 U-Booten ist sie, außer bei Flugzeugträgern, nicht wesentlich kleiner als die der USA. Allerdings müssen im direkten Vergleich auch die Schiffsklassen berücksichtigt werden: Die US Navy setzt vor allem auf Zerstörer, also vergleichsweise größere Kriegsschiffe, während China und Russland eher kleinere Schiffe führen (Fregatten und Korvetten). Somit ist die Kampfkraft der Flotte der USA sicherlich höher, als es ein Vergleich lediglich der Schiffsanzahl suggerieren würde. Bei Atomwaffen liegen die USA und Russland etwa gleichauf, andere Quellen gehen von einer leichten zahlenmäßigen Überlegenheit Russlands aus. Russland ist ebenfalls führend in der Entwicklung von Hyperschallraketen. Dabei handelt es sich um Flugkörper, die mit Hyperschallgeschwindigkeit (über Mach 5) überwiegend innerhalb der Atmosphäre fliegen. Deshalb und aufgrund ihrer nicht-ballistischen Flugbahn sind sie für Raketenabwehrsysteme nur schwer zu entdecken und abzuschießen. Da sie auch nukleare Sprengköpfe ausliefern können, wären dadurch die USA im Falle eines Atomkrieges verwundbar. Auch die USA und China investieren stark in die Entwicklung von Hyperschallwaffen.[45]

Jedenfalls ist klar: Eine erdrückende militärische Überlegenheit der USA sähe wirklich anders aus. Würde es zu einem mit konventionellen Waffen geführten Seekrieg zwischen den USA und China kommen, der vermutlich in der Nähe des chinesischen Festlandes geführt werden würde, hätte China sicherlich gute Chancen, diesen Krieg zu gewinnen. Auch bei einem hypothetischen Krieg auf russischem Boden oder in direkter Nachbarschaft Russlands (z.B. im Baltikum) wären die Siegeschancen der NATO wohl zweifelhaft. Zwar hat die NATO eine weitaus größere Armee als Russland, doch stieße sie mit Russland auf einen erstklassigen Gegner, der den Vorteil von besseren und kürzeren Versorgungslinien (während die USA ihre Versorgung über den Atlantik sichern müssten und dort verwundbar für die modernen russischen Antischiffsraketen wären), einer gesicherten Treibstoffversorgung, Kenntnis des Geländes, einer unterstützenden Zivilbevölkerung usw. in die Waagschale werfen würde.

Russland und China haben in den letzten Jahren auch militärisch ihre Zusammenarbeit immer weiter vertieft und gemeinsame Militärübungen abgehalten. Mit der NATO auf der einen Seite und dem Bündnis von Peking und Moskau auf der anderen Seite existieren heute zwei große militärische Blöcke auf der Welt, die sich immer feindlicher gegenüberstehen. Die Überlegenheit der NATO steht dabei auf immer mehr Gebieten ernsthaft infrage oder besteht bereits nicht mehr.

5. Die Dependenztheorie und ihre Mängel

Wir haben uns nun die grobe Struktur und Hierarchie des Weltsystems anhand verschiedener Daten angesehen. Trotzdem gibt es Genossen, auch in der internationalen kommunistischen Bewegung, die glauben, den Imperialismus als ein System einseitiger Abhängigkeit analysieren zu können – mehr noch, diese Abhängigkeitsbeziehungen oder gar „Kolonialismus“ (so z.B. Paul Oswald) seien sogar der Kern des Imperialismus. Diese Auffassungen sind letztlich Varianten der Dependenztheorie, die daher hier kurz behandelt und auf ihre Stichhaltigkeit geprüft werden soll.

Die Dependenztheorie entstand mit durchaus starken theoretischen Argumenten als Antwort auf die falschen und in apologetischer Absicht geschriebenen Behauptungen der bürgerlichen Modernisierungstheorie: Diese ging bzw. geht davon aus, dass sich alle Länder auf demselben Weg linear hin zur „Moderne“ entwickelten. Die Rückständigkeit großer Teile der Welt, v.a. südlich Europas und Nordamerikas, habe demnach nichts mit der kapitalistischen Entwicklung im „Norden“ zu tun, sondern sei einfach auf veraltete Technologien und gesellschaftliche Strukturen zurückzuführen. Die politisch-ideologische Absicht dieser Theorie ist offensichtlich: Kolonialismus, Abhängigkeitsbeziehungen, der Transfer von Ressourcen und Wert in die führenden imperialistischen Länder, die Ziele und Wirkung imperialistischer Raubkriege usw. usf. sollen verschleiert werden. Die Verdammten dieser Erde sollen einen Ausweg aus ihrer Misere nicht im Sozialismus suchen, sondern die kapitalistische Entwicklung des Nordens nachahmen, um irgendwann denselben Wohlstand genießen zu können (dass diese Position Ausbeutung und gesellschaftliche Ungleichheit in den reichsten imperialistischen Ländern erst gar nicht für allzu beachtenswert hält, sollte nicht überraschen).

Gegen diese reaktionäre Theorie erhoben nun Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler vor allem, aber keineswegs nur aus Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ Einspruch. Dabei lässt sich die Dependenztheorie (besser: die Dependenztheorien) in eine bürgerliche Strömung (z.B. Raúl Prebisch, Johan Galtung oder der spätere brasilianische Präsident Fernando Henrique Cardoso) und eine Strömung unterteilen, die versuchte, die weltwirtschaftlichen Abhängigkeiten mithilfe marxistischer Konzepte zu erfassen (z.B. Eduardo Galeano, Ernest Mandel, Theotônio dos Santos, Samir Amin usw.).

Eindrücklich sind die Formulierungen in Eduardo Galeanos berühmten Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“. Galeano betont: „Die Unterentwicklung ist keine Phase der Entwicklung, sondern ihre Folge“.[46] Über seinen Heimatkontinent Lateinamerika schreibt er: „Für die, die die Geschichte als ein Wettrennen betrachten, sind die Rückständigkeit und das Elend Lateinamerikas nichts weiter als das Ergebnis seines Mißerfolges. Aber die Geschichte der Unterentwicklung Lateinamerikas ist ein Kapitel der Entwicklung des Weltkapitalismus. Unsere Niederlage war seit jeher ein untrennbarer Bestandteil des fremden Sieges; unser Reichtum hat immer unsere Armut hervorgebracht und dazu gedient, den Wohlstand anderer zu näheren: den der Imperien und ihrer einheimischen Aufseher“.[47] Er stellt den engen Zusammenhang von Armut und Reichtum im kapitalistischen Weltsystem her: „Letzten Endes läßt sich auch in unserer Zeit das Bestehen reicher kapitalistischer Zentren nicht ohne das Bestehen armer und unterjochter Randgebiete erklären: Die einen und die anderen gehören zum selben System“.[48]

Entscheidendes Strukturmerkmal des kapitalistischen Systems auf globaler Ebene ist also, ähnlich wie bei Klara, Paul usw., die Abhängigkeit. Diese definiert dos Santos so: „Unter Abhängigkeit verstehen wir eine Situation, in der die Wirtschaft bestimmter Länder bedingt ist durch die Entwicklung und Expansion der Wirtschaft eines anderen Landes, der sie unterworfen ist“.[49] Die Mechanismen dieser Abhängigkeit wurden von verschiedenen Autoren der Theorie unterschiedlich analysiert. Für manche Autoren steht der „ungleiche Tausch“ im Vordergrund, wodurch ständig Wert aus der Peripherie in die Zentren transferiert werde, für andere die „strukturelle Heterogenität“ bzw. der „Dualismus“ der Produktionsstrukturen in der Peripherie, was eine gleichmäßige Entwicklung dieser Länder verhindere. Andere betonen v.a. die Rolle des ausländischen Kapitals aus den imperialistischen Zentren, dessen Agieren in der Peripherie ebenfalls dazu beitrage, Entwicklung zu blockieren.

Wieder Galeano: „Diese multinationalen Konzerne gehören jedoch nicht den zahlreichen Nationen, in deren Gebiet sie tätig sind; sie sind ganz einfach in dem Maße multinational, in dem sie aus allen Himmelsrichtungen große Erdöl- und Dollar-Ströme in die Machtzentren des kapitalistischen Systems pumpen. (…) die Gewinne um die die armen Länder gebracht werden, gelangen nicht nur schnurstracks in die wenigen Städte, in denen ihre wichtigsten Kouponschneider wohnen, sondern werden auch teilweise wieder investiert, um das internationale Geschäftsnetz zu festigen und auszubreiten. Die Kartellstruktur bringt die Beherrschung zahlreicher Länder und die Infiltration zahlreicher Regierungen mit sich; das Erdöl durchtränkt Präsidenten und Diktatoren und verschärft die strukturellen Mißbildungen der Länder, die ihm unterliegen.“.[50] Dadurch sei eine eigenständige Entwicklung der Bourgeoisie in Lateinamerika verhindert worden: „sie (die Bourgeoisie, Th.S.) erreichte das Stadium der Altersschwäche, ohne sich je entwickelt zu haben. Unsere Bourgeois sind heute Vertreter oder Funktionäre der allmächtigen ausländischen Konzerne“.[51]

Zudem wird oft innerhalb der Länder ebenfalls eine Zentrum-Peripherie-Aufteilung konstatiert: So gebe es auch in den Ländern des Zentrums eine Peripherie, die nicht in den kapitalistischen Weltmarkt integriert sei, ebenso wie es in den Peripherieländern ein kapitalistisch integriertes Zentrum gebe. Kommunikation finde vor allem zwischen den integrierten Sektoren der Zentrums- und Peripherieländer statt, wobei diese in ersteren wesentlich größer seien als in letzteren.[52] Das Eindringen der Konzerne der imperialistischen Zentren, die Ausrichtung der Produktion auf den Export in die Zentren, die Durchsetzung der Werteordnung der Zentren führten zu einer Situation, die „nicht nur die Bildung einer nationalen Unternehmerschicht verhindert oder begrenzt, (…) sondern auch die einer Mittelklasse (Intellektuelle, Wissenschaftler, Techniker usw. einbegriffen) und sogar die einer Arbeiterklasse“.[53]

Wir sehen, dass die Dependenztheorien als Beitrag zur Imperialismusanalyse intendiert waren. Imperialismus wurde von ihnen dabei unterschiedlich verstanden. Der norwegische Friedensforscher und Dependenztheoretiker Johan Galtung bietet folgende Definition des Imperialismus an: „Imperialismus ist eine Beziehung zwischen einer Nation im Zentrum und einer Nation an der Peripherie, die so geartet ist, daß: 1) Interessenharmonie zwischen dem Zentrum in der Zentralnation und dem Zentrum in der Peripherienation besteht, 2) größere Interessendisharmonie innerhalb der Peripherienation als innerhalb der Zentralnation besteht, 3) zwischen der Peripherie in der Zentralnation und der Peripherie in der Peripherienation Interessendisharmonie besteht“.[54]

Dieses Zitat ist deshalb interessant, weil es verschiedene grundlegende Schwachstellen der dependenztheoretischen Betrachtung des Imperialismus verdeutlicht:

Erstens die Annahme einer „Interessenharmonie“ zwischen „dem Zentrum der Zentralnation“ (d.h. der Bourgeoisie der imperialistischen Länder) und „dem Zentrum in der Peripherienation“ (der Bourgeoisie in dem abhängigen Land). Diese Annahme sollte durch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte endgültig widerlegt sein. Der Aufstieg und die Entwicklung einer monopolkapitalistischen Klasse in Ländern wie Indien, Brasilien, Südafrika, der Türkei usw. zeigt, dass vielmehr die Kapitalisten dieser Länder sich in ihren Interessen mit denen der alten „Triade“ in einem ständigen Wechselspiel aus Überschneidung und Gegensatz, aus Konflikt und Kooperation befinden.

Zweitens die Annahme eines grundsätzlichen Gegensatzes zwischen den Ausgebeuteten der herrschenden imperialistischen und der abhängigen Länder. Tatsächlich ist jedoch der Klassenkampf auf nationaler Ebene vom Kräfteverhältnis des Klassenkampfes auf internationaler Ebene abhängig, weshalb jeder Sieg der Arbeiterklasse in einem Land auch dem Kampf in anderen Ländern hilft.

Drittens krankt diese Analyse an einer Verabsolutierung von Abhängigkeit, die schematisch und starr verstanden wird und nicht als dynamische Beziehung innerhalb eines grundsätzlich hierarchischen Systems. Nach der undialektischen Zentrum-Peripherie-Vorstellung der Dependenztheorie existiert zwischen diesen beiden Sphären eine starre Trennung, ganz ähnlich der von Klara und Paul hervorgehobenen angeblichen Spaltung der Welt in „unterdrückte“ und „unterdrückende Nationen“. Sicherlich sind die Begriffe Zentrum und Peripherie als grobe Einteilungen, als zwei Pole (ähnlich wie Basis und Spitze in der Pyramide) nicht per se falsch. Absurd ist es jedoch, mit diesem Maßstab an alle Länder der Welt heranzugehen und sie dann eindeutig in die eine oder die andere Kategorie einordnen zu wollen. Die oben untersuchten Daten haben gezeigt, wie viel komplexer, widersprüchlicher und abgestufter das imperialistische Weltsystem in Wirklichkeit ist. Auch ist die in der Dependenztheorie explizit zugrunde gelegte Position offensichtlich falsch, wonach es den abhängigen Ländern unmöglich sei, in der imperialistischen Hierarchie aufzusteigen. In diesem Beitrag wurde eine Vielzahl an Daten präsentiert, die den Aufstieg einer Reihe von Ländern der ehemaligen „Dritten Welt“ in gehobene Zwischenpositionen des imperialistischen Weltsystems oder gar in das Spitzensegment des Systems (Südkorea, Taiwan, Singapur, China) belegen. Die Annahme, wonach Abhängigkeit und die Aktivitäten ausländischen Kapitals zwangsläufig die Entwicklung moderner, konkurrenzfähiger Produktionsstrukturen und einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft blockieren, hat sich nicht bestätigt. Vielmehr hat sich gezeigt, dass die Wirkung solcher Abhängigkeiten differenzierter zu betrachten ist: Wie erfolgreich und in welcher Form die Kapitalakkumulation erfolgt, ob sie z.B. eine Akkumulation von Geldkapital in den Händen einer schmalen herrschenden Klasse ist, das zu spekulativen Zwecken verwendet wird, oder ob es tatsächlich zu einer Entwicklung des Produktionssystems und ausreichenden Konzentration und Zentralisation des Kapitals kommt, hängt von vielen Faktoren ab. Hierbei können politische Stabilität und Eigenständigkeit des kapitalistischen Staates, seine außenpolitische (auch militärische Durchsetzungsfähigkeit), überkommene Gesellschaftsstrukturen, Werteorientierungen, Traditionen, die konkrete historische Form der Entstehung Bourgeoisie usw. usf. eine Rolle spielen. Aber die Tatsache anzuerkennen, dass es durchaus möglich ist, die Position eines Landes innerhalb der imperialistischen Hierarchie aufzuwerten, ist ebenso wichtig wie zu sehen, dass es diese Hierarchie gibt.

Zur Verteidigung der Dependenztheoretiker muss man hier sagen, dass die Theorie vor allem in den 1960ern und 1970ern unter dem Eindruck einer massiven Übermacht des US-Imperialismus und der Triade innerhalb der kapitalistischen Welt entwickelt wurde und heute, wo sich die Konstellation stark verändert hat, deshalb in ihrer Reinform auch kaum noch vertreten wird. Dies erkennt auch Klara an, die sagt, dass es „zwar möglich, aber nicht so einfach (sei), in den Club der Räuber zu kommen“. Umso schwerer verständlich ist jedoch, dass auf der anderen Seite für eine Aufrechterhaltung dieser schematischen Trennung argumentiert wird, wie es auch Klara mit ihrer Verabsolutierung der Unterscheidung in „unterdrückende“ und „unterdrückte Länder“ tut.

Viertens ist ein weiterer entscheidender Mangel der dependenztheoretischen Imperialismusanalyse, dass sie den Imperialismus allein als Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie versteht (ähnlich auch Paul Oswald in seinem Beitrag). In Wirklichkeit sind die Widersprüche zwischen den Imperialisten, die keineswegs nur aus Konflikten um die Aufteilung der „Kolonien“ hervorgehen, mindestens ebenso relevant für die Entwicklungsdynamik des imperialistischen Weltsystems. Diese Widersprüche entstehen aber gerade auch (und sogar in höherem Maße) aus der gegenseitigen Durchdringung der führenden imperialistischen Länder mittels ihres Kapitalexports, mit der sie sich auf dem Terrain des jeweils anderen Konkurrenz machen. So ist beispielsweise die grundlegende Wurzel des Konflikts zwischen Russland und der NATO darin zu finden, dass die russische Bourgeoisie nach stärkerer (ökonomischer, politischer, militärischer) Eigenständigkeit vom Westen strebt und die abhängige Position, in der sie sich in den 1990ern befand, teilweise aufgebrochen hat. Ein Hauptstreitpunkt zwischen China und den USA und die Ursache des Handelskrieges liegt darin, dass die leistungsfähige chinesische Industrie in den USA dem dortigen Kapital massive Konkurrenz macht. Weitere Beispiele ließen sich leicht finden.

Ein fünfter Aspekt, der in dem Zitat von Galtung nicht zum Ausdruck kommt, aber ebenfalls typisch für Positionen ist, die aus der Dependenztheorie abgeleitet werden, kann folgendermaßen formuliert werden: Die Sichtweise der Dependenztheorie ist problematisch, „Weil sie die Bourgeoisien der „abhängigen“ Länder als eigene Klassenkräfte mit eigenen kapitalistischen/imperialistischen Ambitionen unterschätzt und damit politisch aus der Schusslinie nimmt. Die Dependenztheorien haben damit eine klassenneutrale Tendenz, weil sie letzten Endes die beherrschten Klassen der „abhängigen“ Länder gemeinsam mit der Bourgeoisie dieser Länder unter den Begriff „Abhängigkeit“ fassen. In Lateinamerika äußert sich das beispielsweise bis heute oft darin, dass sozialistische Kräfte faktisch „den Imperialismus“ mit den USA gleichsetzten und die einheimische Bourgeoisie nicht als Gegner erkennen oder sogar, vor allem wenn sie eine größere Unabhängigkeit von den USA anstrebt, als Verbündeten begreifen. In relativ entwickelten kapitalistischen Ländern wie Brasilien, Argentinien, Mexiko oder Chile wurden und werden „linke“ bürgerliche Regierungen (Kirchner in Argentinien, Lula/Rousseff in Brasilien, Bachelet in Chile, López Obrador in Mexiko) als Teil einer „fortschrittlichen“ oder gar antiimperialistischen Tendenz verstanden“.[55]

Auch die TKP entwickelt eine korrekte Kritik an den Einseitigkeiten der Dependenztheorie, die sich ebenfalls auf die von Alexander, Klara und Paul vertretene Position übertragen ließe: „Der Imperialismus kann nicht als Vorherrschaft der entwickelten kapitalistischen Länder über die unterentwickelten Länder aufgefasst werden. Außerdem kann der Imperialismus keineswegs als alleinige Beziehung oder Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie oder zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern betrachtet werden“ (These 10). Gleichzeitig warnt sie zurecht davor, die hierarchische Struktur dieser Beziehungen zu unterschätzen: „Man ist gut beraten, Analysen zu vermeiden, die zwar die Charakteristika des Imperialismus als ein die ganze Welt durchdringendes System und die von jedem Land in einer bestimmten Phase des Kapitalismus übernommenen imperialistischen Rollen betonen, aber die imperialistische Hierarchie selbst trivialisieren“ (These 18)

Die Dependenztheorie ist letztendlich ungeeignet, das Wesen des Imperialismus richtig zu erfassen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht auch viele wertvolle Beiträge geleistet hätte – ihre Kritik an der verfälschenden Darstellung von „Entwicklung“ in den Modernisierungstheorien war sicherlich berechtigt, auch wenn sie in das andere Extrem überschießt und nachholende Entwicklung bzw. den Aufstieg im imperialistischen Weltsystem ganz ausschließt. Die Dependenztheorien haben auch dazu beigetragen, die Mechanismen von Abhängigkeit und anhaltender Unterentwicklung durch strukturelle Heterogenität, ungleichen Tausch, die Herausbildung inkohärenter und monokultureller Produktionsstrukturen usw. besser zu verstehen. Von diesen Erkenntnissen sollten wir profitieren, ohne deshalb die vielen falschen Annahmen dieser Theorie zu übernehmen.

6. Das Imperialismusverständnis Lenins und die „imperialistische Pyramide“

An diesem Punkt haben wir uns genug Daten angesehen, um allgemeine Schlussfolgerungen für die Analyse des Imperialismus zu ziehen. Ist Lenins Theorie heute noch das geeignete Mittel, um den Imperialismus zu analysieren?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir diese Theorie zunächst richtig verstehen.

Klara will Lenin so verstanden wissen, „dass es erstens Großmächte gibt, die sich qualitativ vom Rest der Welt unterscheiden, zweitens, dass diese Großmächte die Welt beherrschen, drittens dass der Widerspruch zwischen ihnen darin besteht, wie sie die Beute unter sich aufteilen“; „Imperialismus ist nach Lenin die Beherrschung der Welt durch wenige Monopole und ihre Staaten.“; „Dieses Bild beinhaltet konstitutiv, dass es eine Welt ist, wo auf der einen Seite die „Handvoll Räuber“ und auf der anderen Seite „die Beraubten“, auf der einen Seite „die unterdrückenden“, auf der anderen Seite „die Unterdrückten“ stehen. Wenn dieses Bild nicht mehr stimmen soll, dann handelt es sich genau genommen nicht mehr um Imperialismus.“

Klara argumentiert, dass Lenins Aufteilung der Welt in eine „Handvoll Räuber“ auf der einen Seite und „die Unterdrückten“ auf der anderen Seite zur Definition des Imperialismus gehört. Hierzu ist als erstes zu sagen, dass Lenin selbst vor einer schematischen Anwendung solcher Definitionen des Imperialismus warnte: Man dürfe nicht „vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann“.[56]

Um nicht in diese Falle zu gehen, ist man gut beraten, erst einmal zu verstehen, was das Wesentliche an Lenins Begriff des Imperialismus ist. Lenin selbst schreibt dazu: „Würde eine möglichst kurze Definition des Imperialismus verlangt, so müßte man sagen, daß der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist.“.[57] In seiner berühmten längeren Definition zählt er dann die fünf Merkmale des Imperialismus auf: Monopolisierung, Finanzkapital, Kapitalexport, internationale monopolistische Kapitalistenverbände und die Aufteilung der Welt unter die Großmächte.[58] Die Aufteilung der Welt unter die Großmächte ist also für ihn ein Merkmal des Imperialismus, aber deutlich wird auch: Die grundlegende Entwicklung liegt für ihn als Marxist die Durchsetzung einer neuen Qualität der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, des Monopolkapitals. Mit dem Monopolkapital gehen nicht nur eine enorme Machtkonzentration in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht und eine Veränderung der internationalen Verflechtungen einher, sondern auch eine Modifikation der Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise: Die Preisbildung verändert sich, es kommt zu systematischen Abweichungen der realisierten Marktpreise von den Produktionspreisen (die Marx im 3. Band des Kapitals darstellt), der Kapitalismus tendiert systematisch zur Überakkumulation und drängt daher zur globalen Expansion des Kapitals. Es besteht kein Zweifel daran, dass dieser Umstand allein für Lenin das Wesentliche am Imperialismus war.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, also in der Epoche Lenins, wurde die Welt vor allem in Form der Kolonialpolitik unter einer Handvoll Großmächte aufgeteilt. Dass Lenin deshalb von einer „Handvoll“ schreibt, darf also nicht verwundern – es ist schlicht die Beschreibung einer offensichtlichen Realität zu seiner Zeit. Lenin analysierte das, was er vorfand und polemisierte heftig gegen Leute wie Kautsky, die sich durch abstrakte Überlegungen eine hypothetische Phantasiewelt wie den friedlichen „Ultra-Imperialismus“ flüchteten. Das bedeutet aber auch, dass wir seine Analyse nicht als fertige Beschreibung der heutigen Welt verstehen dürfen, sondern lediglich als Instrumentarium, um das, was wir heute an empirischem Material vorfinden, einzuordnen und zu analysieren. Zu Lenins Zeiten bestand der Großteil der Welt aus Kolonien oder Halbkolonien mit sehr eingeschränkter Souveränität. Der Übergang zum Monopolkapitalismus schuf die ökonomischen Grundlagen für eine recht einseitige Beherrschung der kolonialen und halbkolonialen Länder durch relativ wenige Staaten: Allen voran die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, wobei auch kleinere oder weniger entwickelte Staaten (Portugal, Spanien, Belgien, Niederlande, Japan) Kolonien erwerben konnten.

Nichts deutet aber darauf hin, dass Lenin eine spezifische Anzahl imperialistischer Länder für ein Wesensmerkmal der imperialistischen Epoche hielt. Im Gegenteil ist auffällig, dass er in seinem Werk keine definitive Liste der imperialistischen Staaten aufstellt – was ja leicht möglich sein sollte, wenn er von einer starren und absoluten Trennung zwischen imperialistischen und unterdrückten Ländern ausgegangen wäre.

Beispielsweise führt er auf einer Liste der Wertpapieremissionen auch Österreich-Ungarn, Russland, Italien, Japan, Holland, Belgien, Spanien, die Schweiz usw. an, um aber darauf hinzuweisen, dass die vier größten (England, USA, Frankreich, Deutschland) zusammen fast 80% des Wertpapierhandels kontrollieren und der Rest „so oder anders die Rolle des Schuldners“ spielen müsse.[59] An einigen anderen Stellen vergleicht er lediglich Frankreich, England und Deutschland miteinander. War Lenin also der Ansicht, dass Russland, Italien, Japan, die Niederlande usw. keine imperialistischen Länder seien? Ganz im Gegenteil! Lenin wird dazu sehr deutlich: „Die Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital, im Zusammenhang mit der Bildung kapitalistischer Monopole, hat also auch in Rußland enorme Fortschritte gemacht.“.[60] Und allgemein schreibt er über die imperialistischen Großmächte: „ein beträchtlicher Unterschied bleibt dennoch bestehen, und unter den genannten sechs Ländern finden wir einerseits junge kapitalistische Länder, die ungewöhnlich rasch vorangeschritten sind (Amerika, Deutschland, Japan); anderseits Länder alter kapitalistischer Entwicklung, die sich in der letzten Zeit viel langsamer entwickelt haben als die ersteren (Frankreich und England); und schließlich ein Land, das in ökonomischer Hinsicht am meisten zurückgeblieben ist (Rußland), in dem der moderne kapitalistische Imperialismus sozusagen mit einem besonders dichten Netz vorkapitalistischer Verhältnisse überzogen ist.“.[61] Das imperialistische Weltsystem war auch zu Lenins Zeiten kein statisches Gebilde, in dem die paar Großmächte absolut unangefochten den Rest der Welt beherrschen, sondern von ungleichmäßiger Entwicklung geprägt: „Am schnellsten wächst der Kapitalismus in den Kolonien und den überseeischen Ländern. Unter diesen Ländern (!!) entstehen neue imperialistische Mächte (Japan).“.[62]

Über den Imperialismus Italiens, das in seiner Imperialismusschrift kaum vorkommt, schreibt Lenin während des Ersten Weltkrieges in seinen Notizen: „Das revolutionär-demokratische, d.h. das revolutionär-bürgerliche Italien, (…) das Italien der Zeiten Garibaldis, verwandelt sich vor unseren Augen endgültig in das Italien, das andere Völker unterdrückt, das die Türkei und Österreich ausplündern will, in das Italien einer groben, widerwärtig-reaktionären, schmutzigen Bourgeoisie, der das Wasser im Munde zusammenläuft vor Vergnügen darüber, daß man auch sie zur Teilung der Beute zugelassen hat.“.[63]

Lenin hatte also sehr wohl verstanden, dass auch in den oberen Segmenten des imperialistischen Weltsystems große Unterschiede vorherrschen, dass man die USA, England und Deutschland nicht mit Russland, Italien oder Japan gleichsetzen konnte und letztere sogar der finanziellen Übermacht der imperialistischen Hauptmächte klar untergeordnet waren. Dennoch sah er Russland, Japan und Italien ganz unmissverständlich als imperialistische Mächte an. Er erkannte am Beispiel Japans auch die Möglichkeit an, dass aus ehemals untergeordneten und unterdrückten Ländern neue imperialistische Staaten entstehen können. Imperialistisch sind sie für Lenin trotzdem deshalb, weil in ihnen die ökonomische Grundlage des Imperialismus, das Monopolkapital, vorherrscht und weil sie am Kampf um die Neuaufteilung der Welt beteiligt sind. Lenin macht klar, worum es ihm dabei geht: „Die kapitalexportierenden Länder haben, im übertragenen Sinne, die Welt unter sich verteilt.“.[64] An der Aufteilung der Welt beteiligen sich alle Länder, deren Kapital international expandiert. Es ist offensichtlich, dass mit diesem Verständnis weit mehr als nur die fünf, sechs oder sieben größten kapitalistischen Ökonomien gemeint sind.

Wir sehen also, die Behauptung Klaras, wonach die Auffassung der KKE der Lenins widerspreche, lässt sich allerspätestens auf den zweiten Blick nicht bestätigen. Doch selbst wenn dem so wäre – forderte Lenin nicht immer, die Wahrheit in den konkreten Tatsachen zu suchen? Was hätte er wohl von einer Lesart seiner Theorie gehalten, die sich, mehr als 100 Jahre später, in einer drastisch veränderten Welt, lieber an jeder einzelnen Formulierung seiner Schrift festbeißt, anstatt sich mit den Fakten auseinanderzusetzen?

Lenin wusste: Die kapitalistische Entwicklung folgt den kapitalistischen Entwicklungsgesetzen. Zu den wichtigsten dieser Gesetze gehören die miteinander zusammenhängenden Tendenzen zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Sie führen dazu, dass das Monopolkapital sich nicht nur in den führenden Ländern des Weltkapitalismus herausbildet und „mit absoluter Unvermeidlichkeit alle Gebiete des öffentlichen Lebens“[65] durchdringt, sondern in gradueller Abstufung in immer mehr anderen Ländern, einschließlich der ehemaligen Kolonien. Es ist ein dogmatisches Missverständnis von Lenins Theorie, wenn man glaubt, eine heutige Imperialismusanalyse könne darauf verzichten, diesen Tatsachen Rechnung zu tragen.

Aufgrund der Schwäche der kommunistischen Weltbewegung fiel es der KKE zu, als erste auf die Veränderungen in der Konstellation des Imperialismus aufmerksam zu machen. Sie hat dafür das Bild der „imperialistischen Pyramide“ geprägt. Dieses Bild soll dem erleichterten Verständnis dessen dienen, worum es dabei geht: Nämlich darum, dass es im imperialistischen System nicht nur „oben“ und „unten“ gibt, sondern vielmehr verschiedene Positionen auf einer Stufenleiter, in einer Rangordnung, wobei es falsch ist, den Imperialismus nur in der obersten Stufe der Leiter zu suchen. Dass es die Leiter gibt, dass es sogar zum Wesen des Imperialismus gehört, dass er sich als strenge Hierarchie darstellt, wird durch das Bild der Pyramide keineswegs bestritten, sondern sogar unterstrichen.

Nun sollte dieses Bild, weil es eben ein Bild, eine Metapher ist, und keine detailgenaue Abbildung der Realität, aber auch nicht überstrapaziert werden. Anders als die Steine der Pyramiden von Gizeh befinden die Elemente der imperialistischen Pyramide im ständigen Fluss – die gesetzmäßig ungleichmäßige Entwicklung und die ständigen Kämpfe um Neuaufteilung drücken sich in relativen Auf- und Abstiegsprozessen aus. Anders als bei den Stufenpyramiden in Mexiko ist es auch nicht immer eindeutig bestimmbar, auf welcher Stufe man gerade genau steht, weil die Bestimmung der Position im imperialistischen Weltsystem von vielen Faktoren abhängt und sich nicht aus einer einzelnen Liste ökonomischer Kennzahlen ablesen lässt – aus aktuellem Anlass sei hier noch einmal auf Russland verwiesen, dessen imperialistische Position zu niedrig bewertet wird, wenn man allein die Rolle seiner Monopole in der internationalen Hierarchie beachtet, aber seine politische und militärische Potenz außen vor lässt.

Entscheidender Unterschied zu der „Triaden“-Theorie des Imperialismus, die natürlich bereits an der Einordnung Chinas völlig scheitern muss, ist das Verständnis von „Zwischenpositionen“ in der Pyramide. Doch auch die Charakterisierung als „Zwischenposition“ ist nur eine sehr allgemeine Einordnung und kann im Einzelfall sehr verschiedenes bedeuten. Das sieht man z.B. daran, dass sowohl die KP Mexikos als auch die KP Griechenlands ihre Länder als in einer Zwischenposition sehen, obwohl Mexiko eher auf einer höheren Stufe steht. Diese Begriffe sind also nur sehr grobe Instrumente und müssen durch eine genauere Analyse inhaltlich gefüllt werden.

Wenn wir versuchen, die Rangordnung zwischen den imperialistischen Ländern genau zu bestimmen, stoßen wir auf ein Problem: Die Position eines Landes in der Pyramide drückt aus, in welchem Verhältnis dieses Land bzw. sein Kapital zu den anderen Ländern und zum Weltsystem als Ganzes steht. Ist es in der Lage, die Struktur des Weltsystems zu prägen oder nicht?[66]

Es geht dabei also nicht allein darum, wie weit die ökonomische Grundlage eines Landes bereits in der Herausbildung monopolkapitalistischer, imperialistischer Strukturen fortgeschritten ist. So ist z.B. offensichtlich, dass für Indien und China auch (allerdings bei weitem nicht nur) die schiere Größe ihrer Ökonomie eine Rolle spielt, wenn die Rolle dieser Länder in der internationalen imperialistischen Hierarchie bestimmt werden soll. In beiden Ländern, besonders in China, hat sich ein mächtiges Monopol- und Finanzkapital herausgebildet, aber es gibt auch weite Teile des Landes, die weiterhin stark unterentwickelt bleiben. Die Niederlande oder die Schweiz hingegen sind zweifellos in ihrer imperialistischen Entwicklung wesentlich weiter fortgeschritten, es handelt sich um (über-)reife imperialistische Gesellschaften. Doch ebenso zweifellos stehen sie in der Rangordnung der Pyramide unter China und je nach Indikator auch unter Indien.

Für das Imperialismusverständnis der „imperialistischen Pyramide“ entsteht daraus kein grundsätzliches Problem: Beide, bzw. in diesem Beispiel alle vier Länder sind natürlich imperialistisch und beteiligen sich am Kampf um die Neuaufteilung der Welt. Die Position eines Landes in der Pyramide ist keine direkte Ableitung seiner gesellschaftlichen Strukturen, sondern das Ergebnis des Zusammenwirkens mehrerer (politischer, ökonomischer, militärischer, teilweise auch kultureller) Faktoren. Doch auch imperialistische Länder, die aufgrund ihrer beschränkten Größe nicht in der Lage zu einer imperialistischen Machtpolitik im Alleingang sind, werden durch die Entwicklungsgesetze ihrer ökonomischen Basis zu einem Verhalten als imperialistische Mächte gedrängt – sie sind dann darauf angewiesen, ihre Interessen im Bündnis mit anderen Imperialisten zu verfolgen.

Ein grundsätzliches Problem besteht hier aber bei dem „Triaden“-Modell von Klara. Denn bei ihr hängt die Frage, ob ein Land imperialistisch ist, tatsächlich im Wesentlichen vom Verhältnis ab, das dieses Land zu anderen Ländern eingeht. Also die Frage: Gibt es andere Länder die stärker sind?

Auf dieser Grundlage kommt sie zu dem Schluss: „Wenn man aber davon ausgeht, dass mit dem Adjektiv ‚imperialistisch‘ bezüglich eines Landes / eines Staates die reale polit-ökonomische (das schließt militärisch ein) Potenz zur Beherrschung der Welt gemeint ist, dann ist Russland nicht im Club der Imperialisten dabei. Diese Potenz hängt nämlich nicht einfach nur von ‚Monopolisierung‘ in einem Land ab, sondern vom Grad der Monopolisierung, was sich vor allem in der Stärke des Finanzkapitals und im Kapitalexport ausdrückt und im Verhältnis zu anderen weltbeherrschenden Staaten

Damit ist Imperialismus dann aber kein Charakteristikum der Gesellschaft eines bestimmten Landes mehr, sondern nur noch eine Beschreibung des Kräfteverhältnisses zwischen verschiedenen Staaten. Somit ist es gerade Klara, die letzten Endes den Boden der von Lenin entwickelten marxistischen Methodologie der Imperialismusanalyse verlässt, denn für Lenin war das Entscheidende der Übergang der Produktions- und Verteilungsverhältnisse in ein neues Stadium des Kapitalismus. Wer nur noch die allerstärksten Imperialisten überhaupt als Imperialisten erkennen will, verliert zwangsläufig den Blick dafür, dass der Imperialismus als Gesellschaftsordnung den ganzen Globus umspannt und auch die stärksten „Räuber“ ihre Position an der Spitze der Pyramide ständig gegen ihre (noch) schwächeren Konkurrenten verteidigen müssen.

Wir haben uns in diesem Artikel vor allem die oberen Segmente der Pyramide angesehen und zwei Beispiele von Ländern in einer „Zwischenposition“, wobei Russland insgesamt höher in der Hierarchie steht als Mexiko. Das bedeutet aber nicht, dass es unterhalb dieser Länder keinen Imperialismus gebe. Auch Länder, die keine Konzerne in den Top 500 haben, sind deshalb nicht automatisch „nicht imperialistisch“. Auch sie können eine Zwischenposition einnehmen und regional eine imperialistische Rolle spielen durch Kapitalexporte in ihre Nachbarländer, v.a. wenn diese weniger entwickelt sind. Als letztes Beispiel dazu soll hier Griechenlands Rolle auf dem Balkan angeführt werden. Vor dem Ausbruch der tiefen Krise konnte man in der Zeitung „Kathimerini“ lesen: „Griechische Banken verwandeln die Region Südosteuropa in ihren eigenen Hinterhof. Trotz ihrer kleinen Größe verglichen mit den europäischen Finanzgiganten und innerhalb weniger Jahre haben sie es geschafft, ein Netzwerk aus 3000 Filialen aufzubauen, während ihr Marktanteil auf dem Balkan fast 20% beträgt. Tatsächlich erreicht der Anteil griechischer Banken in bestimmten Märkten wie der Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien bis zu 35%. (…) Es gab 15 Übernahmen serbischer Banken in den Jahren 2004-2007, von denen fünf von griechischen Banken getätigt wurden.“.[67] Die Krise führte dazu, die Rolle des griechischen Kapitals stark zu degradieren. Doch für die griechischen Imperialisten besteht aus Sicht eines Zeitungskommentars von 2021 noch Hoffnung: „Viel muss getan werden – die griechische Wirtschaft muss wachsen und die Fonds der Europäischen Union müssen gut eingesetzt werden – bevor Griechenland auf den Balkan als der führende Player zurückkehren kann, der er zu Beginn des 21. Jahrhunderts war, als seine Banken einige Präsenz in Bulgarien, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien, Albanien, Zypern und sogar der Türkei hatten. Damit Griechenland eine führende geopolitische Rolle in Südosteuropa einnehmen kann, muss es auch eine starke ökonomische Präsenz und Einfluss in der Region haben“.[68]

Nun fehlen uns noch die Länder ganz unten in der Hierarchie. Die meisten von ihnen sind formal-politisch unabhängig, also keine Kolonien mehr. In der Debatte wurde oft die Frage aufgeworfen (und dann verneint), ob es sinnvoll sei, alle Länder der Welt als imperialistisch zu bezeichnen. Ist es nun sinnvoll oder nicht?

Zunächst kann man in einem gewissen Sinne durchaus feststellen, dass fast alle Länder der Welt sich im imperialistischen Stadium des Kapitalismus befinden. Alle Länder sind Teil des imperialistischen Weltsystems, d.h. sie sind den Entwicklungsgesetzen dieses gesellschaftlichen Entwicklungsstadiums und der Expansion und Politik der Monopole unterworfen.

Dennoch ist es unsinnig, Länder wie die Zentralafrikanische Republik, die Demokratische Republik Kongo, Haiti, Afghanistan, Niger oder den Jemen als imperialistische Staaten zu bezeichnen. Diese Länder, die die untersten Schichten der Pyramide bilden, besitzen keine eigenen international operierenden Monopole, sie besitzen keinen relevanten Kapitalexport, die Bourgeoisie in diesen Ländern besteht entweder aus ausländischen Monopolen oder kleinen und mittleren Kapitalisten in den Städten.

Man könnte nun fragen: Wo ist also die Grenze, ab der ein Land imperialistisch bzw. unterhalb derer es nicht mehr imperialistisch ist? Aber diese Frage ergibt keinen Sinn und lässt sich nicht beantworten. Denn wenn wir den Imperialismus als ein Entwicklungsstadium des Kapitalismus mit bestimmten Charakteristika begreifen, dann können wir lediglich untersuchen, wie weitgehend (oder eben nicht) diese Charakteristika in einem Land entwickelt sind.

Ein wichtiger Begriff in nahezu allen Imperialismusdiskussionen seit Lenin ist der Begriff „Abhängigkeit“. Klara Bina stört sich daran, dass die KKE statt von einseitigen von „gegenseitigen Abhängigkeiten“ spricht. Wie können wir den Begriff Abhängigkeit verstehen?

Eine sinnvolle Definition wäre: Die Abhängigkeit eines Landes von einem anderen besteht darin, dass die Entwicklung der Produktionsverhältnisse, der Produktivkräfte, der gesellschaftlichen Strukturen und des politischen Überbaus in einem Land von ökonomischen und politischen Faktoren eines anderen Landes bestimmt und beschränkt wird.

Können wir unter dieser Voraussetzung von „gegenseitiger Abhängigkeit“ sprechen, wie es die KKE tut? Sind beispielsweise die USA und Mexiko gegenseitig voneinander abhängig? Die Antwort ist zweifellos ja: Während die Abhängigkeit Mexikos von den USA keiner weiteren Erläuterung bedarf, expandieren auch die mexikanischen Monopole über die Nordgrenze. Dass diese Abhängigkeitsbeziehung stark asymmetrisch zugunsten der USA ist, ändert nichts daran, dass sie eine gegenseitige Beziehung ist. Die Erkenntnis, das die Abhängigkeitsbeziehungen keine Einbahnstraße sind, ist ein wichtiger Fortschritt in der Analyse des Imperialismus. Sie verhindert nämlich, dass wir schwächere imperialistische Länder als passive Empfänger von Kapitalexporten oder politischen Anweisungen aus den führenden imperialistischen Zentren missverstehen.

Dies bedeutet natürlich auch: Je weiter wir in der Pyramide nach unten gehen, desto einseitiger wird die Abhängigkeitsbeziehung, in der sie zu den Ländern an der Spitze der Pyramide stehen, bis hin zur völlig einseitigen Abhängigkeit.

Wie sieht es nun aus mit Lenins Einteilung der Welt in die „Räuber“ einerseits und die „unterdrückten Nationen“ andrerseits?

Wie nun deutlich geworden sein sollte, ist das Entscheidende an Lenins Aussage nicht, dass es eine scharfe Zweiteilung gäbe, wo alle Länder sich in die eine oder andere Kategorie eindeutig einordnen ließen. Für Lenin entscheidend ist die Hierarchie, d.h. dass es ein Unterdrückungsverhältnis auf internationaler Ebene gibt (also nicht nur innerhalb eines Landes den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit) und dass dieses Unterdrückungsverhältnis mit der Vorherrschaft bestimmter Staaten und ihres Monopolkapitals verbunden ist. Auch Lenin war bereits bewusst, dass es in dieser Hierarchie sowohl in den oberen Segmenten Abstufungen gibt (z.B. Russland und Japan unter den USA, England, Deutschland), als auch in den mittleren und unteren Segmenten, wo er bereits selbst auf „eine ganze Reihe von Übergangsformen der staatlichen Abhängigkeit“[69] hinweist.

Die These der „imperialistischen Pyramide“ ist damit keine Abweichung von Lenins Imperialismustheorie, sondern lediglich ihre Anwendung auf die heutigen Bedingungen und insofern eine Weiterentwicklung der Theorie, als der Aspekt der Zwischenstufen und gegenseitigen Abhängigkeiten auf Grundlage der kapitalistischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte besser ausgearbeitet wurde.

Eine Abweichung – sowohl von Lenins Methode als auch von der Realität – besteht eher bei denjenigen, die wie Klara oder Alexander den Imperialismus nur bei den führenden Ländern der Pyramide oder gar nur der Nummer 1 der Hierarchie sehen wollen.

Anlass und Ausgangspunkt der Diskussion ist der vom russischen Imperialismus in der Ukraine geführte Krieg. Wenn das Wesen des Krieges eine Auseinandersetzung zwischen den imperialistischen Blöcken ist, dann ist aus leninistischer Perspektive klar, dass die Arbeiterklasse sich auf keine der beiden Seiten stellen darf, unabhängig davon, wer der Aggressor ist. Zur heutigen Rolle Russlands im imperialistischen Weltsystem wurde hier schon genug geschrieben. An seinem imperialistischen Charakter kann kein Zweifel bestehen. Bezeichnend ist, dass Lenin, einem offensichtlich doch anderen Verständnis von Imperialismus folgend als Klara und Alexander, Russland bereits Anfang des 20. Jahrhunderts als imperialistisch einschätzte, und zwar aufgrund der Herausbildung des Monopol- und Finanzkapitals in diesem Land (s.o.). Ist die Bildung kapitalistischer Monopole, die Unterwerfung der ganzen Gesellschaft Russlands unter die Herrschaft dieser Monopole wohl heute weiter oder weniger weit fortgeschritten als zu Zeiten Lenins, als die große Mehrheit der Bevölkerung noch in vorkapitalistischen Verhältnissen auf dem Land lebte? Oder auch als in Japan und Italien zu jener Zeit?

Und wenn sie weiter fortgeschritten ist, ist es dann nicht ein völliger Widersinn zu behaupten, dass Russland vor über 100 Jahren bereits imperialistisch gewesen ist und es heute nicht mehr sein soll?

Klara wirft ein, Russland wäre nicht Teil des „Clubs der Räuber“, die die Welt unter sich aufteilen. Trifft das zu? Auf den ersten Blick erscheint es so: Russland ist nicht Teil der G7, nicht Teil der NATO, es spielt ökonomisch gesehen eher in der zweiten oder dritten Reihe mit. Allerdings war der Rauswurf aus der G8 eine politische Entscheidung infolge der wachsenden Konfrontation. Bedeutet die Tatsache, dass Russland von den westlichen imperialistischen Bündnissen (EU, NATO usw.) als Gegner gesehen wird, dass Russland dem „Club der Räuber“ im Leninschen Sinne nicht angehört? Anders gefragt: Bedeutete die Tatsache, dass das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn in ihrem Großmachtstreben von Großbritannien als der noch beherrschenden imperialistischen Macht ihre Grenzen aufgezeigt bekamen, dass Deutschland und Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg keine imperialistische Rolle spielten?

Ist der Vergleich der heutigen Situation mit der Lage vor dem Ersten Weltkrieg denn so absurd, wie einige Genossen sagen? Die Unterschiede, die es logischerweise immer gibt, wenn man zwei verschiedene historische Zeitpunkte miteinander vergleicht, sollten nicht über das fundamental Gemeinsame hinwegtäuschen: Wir beobachten die Bildung zweier rivalisierender imperialistischer Blöcke, mit den USA und der NATO auf der einen Seite und Russland und China auf der anderen Seite, die in einem immer gefährlicher werdenden Spannungsverhältnis miteinander um die Aufteilung der Welt kämpfen. Dass Russland dabei (genauso wie manche Länder des westlichen Blocks) geringere Möglichkeiten hat, von der ökonomischen Neuaufteilung zu profitieren, ändert nichts daran, dass es nach einer Aufwertung seiner Position im imperialistischen Weltsystem kämpft und sich zu diesem Zweck mit derjenigen imperialistischen Macht verbündet hat, die momentan dabei ist, sich den ersten Platz in der Rangordnung zu erkämpfen.

7. Der falsche Kompass: Wohin eine verfehlte Imperialismusanalyse führt

Am Anfang des Artikels stand die Behauptung, dass es keine politisch wichtigere Frage gibt als die Analyse des Imperialismus. Was es aber gibt, sind Fragen von gleicher Wichtigkeit. Eine dieser Fragen ist die der revolutionären Strategie und Praxis.

Es ist leicht erkennbar, dass die Beantwortung der Imperialismusfrage Konsequenzen für die Praxis und auch für die Strategie hat.

Klara selbst macht die fatalen politischen Konsequenzen ihrer falschen Analyse mehr als deutlich. Sie fordert von den Kommunisten eine „Unterstützung des Militäreinsatzes gegen die Faschisten in der Ukraine“, aber auchin Westasien und Afrika – mit anderen Worten eine generelle Parteinahme für sämtliche Kriege und militärischen Operationen der Russischen Föderation. Eine vollumfängliche Unterstützung Russlands sei das aber insofern nicht, weil es eine „Kritik an der Halbherzigkeit und am Zuspätkommen des Einsatzes“ beinhalte. Kritisieren will Klara also nicht das Morden, das momentan (auch) durch russische Soldaten auf Befehl des Kreml stattfindet, sondern eher, dass dieses nicht mit der notwendigen Entschlossenheit stattfindet. Deutlicher ließe sich kaum aufzeigen, wie die Parteinahme für den russischen Imperialismus zur Aufgabe internationalistischer Standpunkte führt.

Die Parteinahme für eine Seite einer zwischenimperialistischen Auseinandersetzung ist ein Fehler auf der Ebene der Strategie – es handelt sich nicht nur um eine irregeleitete Parole, eine falsch ausgearbeitete Forderung, sondern um eine massive Abweichung von der revolutionären Strategie der Kommunisten. Der strategische Charakter dieser Fehlorientierung ergibt sich auch daraus, dass die relative Schwäche Russlands ebenso wie seine oppositionelle Position gegenüber dem Westen keine kurzfristig vorübergehenden, sondern strukturelle Merkmale des imperialistischen Weltsystems sind. Die Unterstützung des russischen Imperialismus, die aus der Bedrohungslage Russlands abgeleitet wird, ist daher ebenfalls langfristig angelegt und strategisch.

Die empirisch falsche These der „unipolaren Weltordnung“ wird herangezogen, um in Ländern, die mit den USA verfeindet sind, den Kommunisten von einer revolutionären Politik abzuraten. Als „Hauptfeind“ gelten nun nicht mehr die Kapitalisten im eigenen Land, sondern die vermeintlich einzige Supermacht, die USA. Alles was den Kampf gegen diesen neu definierten „Hauptfeind“ schwächen könnte, wird abgelehnt. Deutlich wird dies bei Alexander formuliert: „Die russische Arbeiterklasse in dieser konkreten Situation der existenziellen Gefährdung Russlands auf den revolutionären Umsturz der Regierung zu orientieren, ist ebenfalls ein gefährliches Unterfangen“. Während Russland 1916/17 nicht nur potentiell einer „existenziellen Gefährdung“ ausgesetzt war, sondern die russische Armee stand im bis dahin größten Krieg der Geschichte vor dem militärischen Kollaps – Wie wir wissen, propagierten die Bolschewiki in dieser Situation nicht den Burgfrieden mit dem Zaren bzw. der Provisorischen Regierung, sondern verstärkten den Kampf für ihren revolutionären Sturz. Hätten sie die Oktoberrevolution, dieses „gefährliche Unterfangen“, nicht in Angriff genommen, könnten wir nicht auf die Erfahrungen des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft über sieben Jahrzehnte zurückgreifen. Dass damals die Voraussetzungen bestanden, den imperialistischen Krieg für die Machtübernahme zu nutzen und heute in den meisten Ländern aufgrund der Schwäche der Kommunisten eher nicht, ist für das Argument unerheblich. Denn die größte „Gefahr“ einer imperialistischen Intervention von außen bzw. der Ausnutzung des inneren Klassenkampfes durch imperialistische Kräfte besteht ja gerade in dem Moment, wo das bürgerliche Regime durch einen revolutionären Umsturzversuch destabilisiert wird. Das Burgfrieden-Argument von Alexander würde also in einer Situation wie dem November 1917 erst recht gelten. Natürlich ist es auf der anderen Seite auch sehr richtig, dass Kommunisten sich immer die Frage stellen müssen, wie sie verhindern können, dass ihr Kampf gegen den Staat oder generell berechtigte Proteste aus dem Volk von bürgerlichen Kräften (ob inneren oder ausländischen) für ihre Zwecke eingespannt und abgelenkt werden. Das kann aber nicht dazu führen, dass die Zielsetzung des revolutionären Sturzes aufgegeben wird.

Die Orientierung auf den Burgfrieden mit der herrschenden Klasse (ob der eigenen oder einer fremden) bedeutet das Ende der Arbeiterbewegung als eigenständigem politischem Faktor, der für die eigenen Interessen der Klasse eintritt und allen imperialistischen Bestrebungen entgegentritt. Sie macht die Arbeiterbewegung entweder zum Komplizen der imperialistischen Mörder in ihrer eigenen Regierung, so wie es die SPD 1914 tat; oder sie stellt sie objektiv in den Dienst einer ausländischen Macht, macht sie damit unnötig noch mehr zum Ziel der Repressionen und diskreditiert sie im Volk. In beiden Fällen wird die Arbeiterbewegung unfähig, den Kampf für die Interessen der Arbeiterklasse, nämlich gegen den imperialistischen Krieg, für die Völkerfreundschaft zu führen. Und selbst in „friedlichen“ Zeiten, also in den Atempausen zwischen den kriegerischen Auseinandersetzungen, ist diese Orientierung katastrophal: Sie orientiert in der Konsequenz die Arbeiterklasse in Russland und anderen Ländern auf eine Etappenstrategie, in der zuerst die „Vaterlandsverteidigung“ und Abwehr der äußeren Bedrohung kommen müsse, bevor der Sozialismus auf die Tagesordnung gesetzt werden könne. Da die Bedrohung aber aufgrund der zwischenimperialistischen Gegensätze permanent ist, wird damit der Sozialismus auf den Tag des jüngsten Gerichts verschoben.

Die Ablehnung des „Weltsystem-Ansatzes“ (was eine irreführende Bezeichnung ist, da die Position der KKE mit der bekannten Weltsystemtheorie nichts zu tun hat) ist somit ein direkter Angriff auf unsere Programmatischen Thesen. Wenn diese Kritik richtig wäre, würde das bedeuten, dass wir bei der Verabschiedung der Programmatischen Thesen inhaltlich die völlig falsche Richtung eingeschlagen hätten. In der Tat würde sich dann die Frage stellen, ob es überhaupt richtig war, sich von der DKP zu trennen, wenn die DKP ja in entscheidenden Punkten anscheinend doch Recht hatte und wir Unrecht. Wie gezeigt wurde, ist es allerdings umgekehrt: Wir hatten mit unserer Imperialismuskonzeption Recht und die DKP hatte bzw. hat Unrecht.

Stürmische Zeiten stehen der Welt bevor. Die zwischenimperialistischen Rivalitäten werden sich nicht dauerhaft abkühlen, sondern immer wieder eskalieren, mit der ständigen Gefahr auch großer kriegerischer Auseinandersetzungen. Die Frage der richtigen Positionierung zu diesen Auseinandersetzungen ist eine der wichtigsten Grundsatzfragen. Können Kommunisten sie nicht oder nur grob falsch beantworten, stellt sich die Frage, wofür die Arbeiterklasse sie braucht.

Lenin hat diese Frage in Bezug auf den Ersten Weltkrieg richtig beantwortet: Keine Parteinahme für eine Seite des imperialistischen Gemetzels. Parteinahme für die Arbeiterklasse aller Länder und Kampf gegen die eigene herrschende Klasse bis zu deren Sturz und der Errichtung des Sozialismus.

Wir haben diese Frage in den Programmatischen Thesen genauso beantwortet. Die Programmatischen Thesen sind auch vier Jahre nach ihrer Verabschiedung eine sehr gute inhaltliche Grundlage. Die Antworten, die sie uns auf die anstehenden Herausforderungen geben, sind klar und sie sind richtig. Eine Veränderung der Imperialismusanalyse in den Programmatischen Thesen ist daher nicht notwendig und wenn, sollte es sich um eine Weiterentwicklung und Vertiefung unseres richtigen Ansatzes handeln und nicht darum, hinter bereits errungene Erkenntnisse zurückzufallen.

Mit den Antworten der Programmatischen Thesen gerüstet sollte die KO sich in die kommenden Kämpfe begeben, im Geiste des Internationalismus und eines wahren Antiimperialismus, der nicht den Imperialismus mit den USA und dem „Westen“ gleichsetzt – an der Seite des revolutionären Flügels der kommunistischen Weltbewegung und nicht gegen ihn – für die Schaffung einer kommunistischen Partei in Deutschland, die diesen Namen verdient!

1 Klara Bina: Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung, 31.3.2022, online:
https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/imperialismus-krieg-und-die-kommunistische-bewegung/
2 Paul Oswald: Die wissenschaftliche Analyse nicht über Bord werfen!, 11.4.2022, online:
https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/die-wissenschaftliche-analyse-nicht-ueber-bord-werfen/
3 Alexander Kiknadze: Zum Defensivschlag Russlands gegen die NATO, 10.4.2022, online:
https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zum-defensivschlag-russlands-gegen-die-nato/
4 Wladimir I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, LW 22, S. 244.
5 Ein negativer Wert bedeutet hier, dass im Ausland mehr Desinvestitionen als Investitionen stattgefunden
haben, also ein Nettoabzug von Investitionen.
6 Alexander Bulatov 2017: Offshore orientation of Russian Federation FDI, Transnational Corporations, Vol 24,
No. 2, S. 80.
7 Paul Scheuschner: Weltwährung und Leitwährung – Vor- und Nachteile, ohne Datum, online:
https://www.aktien.net/weltwaehrung-leitwaehrung/?msclkid=5f48466abb0311ec9df1a6fe7496ca17, abgerufen
13.4.2022.
8 Das chinesische Monopolkapital unterteilt sich in staatliche, teilstaatliche und private Konzerne. Wie in Kapitel
3.1 bezüglich Russland aufgezeigt wird, handelt es sich jedoch in all diesen Fällen um Monopolkapital im
Leninschen Sinne.
9 Serkan Arslanalp et al. 2022: The Stealth Erosion of Dollar Dominance. Active Diversifiers and the Rise of
Nontraditional Reserve Currencies, IMF Working Paper/22/58.
10 Alexander Batov et al. 2007: Der heutige Russische Imperialismus (russisch.), online:
https://rksmb.org/articles/ideology/sovremennyiy-rossiyskiyimperializm/?fbclid=IwAR1ZQZ3NWtjjweJF5MeyEwG35L1KXs–8ysjGTG0-k1k_1Xsxa603BjjyUM, zuletzt
abgerufen 12.4.2022.
11 TKP: Thesen zum Imperialismus, These 35.
12 Michael Shellenberger: Russia and China consolidate new nuclear around standardized, water-cooled designs,
Forbes, 3.7.2018.
13 Loren Thompson: US Growing Dependent on Russia for Satellite Propulsion Systems, Forbes, 14.9.2018.
14 Jörg Kronauer: Weltpolitik wider den Westen, junge Welt, 7.4.2022.
15 Ruslan Dzarasov 2014: The Conundrum of Russian Capitalism, Pluto Press: London, S. 10f.
16 Lenin, LW 22, S. 255.
17 Bulatov 2017, S. 84.
18 Nach Bulatov 2017, S. 76.
19 Ebd., S. 77ff.
20 Ebd., S. 78
21 Ebd., S. 84f
22 Karl Liuhto & Peeter Vahtra 2007: Foreign operations of Russia’s largest industrial corporations,
Transnational Corporations, Vol. 16, No. 1, S. 118.
23 Frol Leandoer: Kazakh-Russian trade turnover to grow up to 40 percent this year, says Russian trade
representative, Astana Times, 11.9.2017.
24 Mining See: Russian company has bought a majority stake in Armenia’s largest mining enterprise, 23.10.2021.
25 Naomi Davies: In which former Soviet states does Russian investment hold the most economic sway?, online:
https://www.investmentmonitor.ai/special-focus/ukraine-crisis/soviet-states-russian-investment-ukrainefd?msclkid=6c162d5aba5611ecb016685cf12a0019 , zuletzt abgerufen 12.4.2022.
26 Moscow Times: 5 Russian-Syrian projects announced this week, 18.12.2019.
27 The Economic Times: Russia plans to invest $14 billion in Pakistan’s energy sector, 7.2.2019, online:
https://energy.economictimes.indiatimes.com/news/oil-and-gas/russia-plans-to-invest-14-billion-in-pakistansenergy-sector/67883013 , zuletzt abgerufen 12.4.2022.
28 Thanasis Spanidis 2022: Das zwischenimperialistische Kräftemessen, These 14.
29 Harald Projanski: Auf Stalins und Maos Spuren, junge Welt, 8.4.2022.
30 TKP 2017: Thesen zum Imperialismus, Thesen 31, 33 und 36.
31 PCM 2018: Tesis del IV Congreso del Partido Comunista de México, These 6.11
32 Michelle del Campo 2021: Fusiones y adquisiciones en México: qué observar en 2022, Bloomberg Línea,
30.12.2021.
33 El Economista (México): México se consolida como hub industrial en Amßerica Latina y seguirá atrayendo
inversion, 4.4.2022.
34 OECD: FDI in figures – Latin America, May 2019, online: https://www.oecd.org/investment/FDI-in-FiguresApril-2019-Latin-America-English.pdf?msclkid=f45cef64ba6f11ec97348431f38824ba , abgerufen 12.4.2022.
35 Johannes Jäger & Bianca Bauer 2016: Lateinamerikanische Multinationals und ihre
Transnationalisierungsstrategien, Working Paper Series by the University of Applied Sciences BFI Vienna,
Number 90/2016, S. 9.
36 Bimbo: la panificadora Mexicana de los cuatro continentes, online: https://www.liderempresarial.com/bimbola-panificadora-mexicana-de-los-cuatro-continentes/ , abgerufen 12.4.2022.
37 The 20 Most important transnational Corporations in Mexico, online: https://www.lifepersona.com/the-20-
most-important-transnational-corporations-in-mexico
, abgerufen 12.4.2022.
38 El Economista (México): En América Latina, las empresas mexicanas dominan en adquisiciones de firmas
translatinas, 28.5.2015.
39 Jäger & Bauer 2016, S. 9f.
40 Siemon T. Wezeman: Russia’s Military Spending: Frequently Asked Questions, SIPRI Commentary,
27.4.2020
41 Sie meint wohl „im Billionen-Bereich“, eine Trillion sind eine Million Billionen.
42 „We need to avoid stumbling into a major war”, Interview von Bernhard Zand mit James Stavridis, Spiegel
6.5.2021.
43 Kris Osborn: China’s Navy Is Bigger than the US Navy, But Can It Fight?, National Interest, 24.3.2021.
44 Minnie Chan 2021: Why China’s Type 075 warship is more than it seems – the secret is in its hull number,
South China Morning Post, 9.5.2021.
45 David Wright & Cameron Tracy: Der Hype um den Hyperschall, Spektrum, 21.3.2022
46 Eduardo Galeano 1973: Die offenen Adern Lateinamerikas, Peter Hammer Verlag: Wuppertal, XXV.
47 Ebd., S. 11.
48 Ebd. S. 41.
49 Theotônio dos Santos 1972: Über die Struktur der Abhängigkeit, in: Senghaas, Dieter (Hrsg.): Imperialismus
und strukturelle Gewalt, Suhrkamp: Frankfurt a.M., S. 243.
50 Galeano 1973, S. 182.
51 Ebd., S. 237.
52 Osvaldo Sunkel 1972: Transnationale kapitalistische Integration und nationale Desintegration: Der Fall
Lateinamerika, in: Senghaas: Imperialismus und strukturelle Gewalt, S. 280-282.
53 Ebd., S. 312.
54 Johan Galtung 1972: Eine strukturelle Theorie des Imperialismus, in: Senghaas: Imperialismus und
strukturelle Gewalt, S. 35f.
55 Thanasis Spanidis 2021: Imperialismus, „multipolare Weltordnung“ und nationale Befreiung, online:
https://kommunistische-organisation.de/diskussion/imperialismus-multipolare-weltordnung-und-nationalebefreiung/?msclkid=c79b06a2b8cf11ec90b953ee44fb3fe9
56 Lenin, LW 22, S. 270.
57 Ebd.
58 Ebd., S. 270f.
59 Ebd., S. 244.
60 Ebd., S. 236.
61 Ebd., S. 263.
62 Ebd., S. 279, Hervorhebung von Lenin.
63 Wladimir I. Lenin: Imperialismus und Sozialismus in Italien, LW 21, S. 362.
64 Lenin, LW 22, S. 249.
65 Ebd., S. 241, Hervorhebung von Lenin.
66 Für die TKP liegt hierin das entscheidende Kriterium zur Charakterisierung eines Landes als imperialistisch,
vgl. TKP: Thesen zum Imperialismus, These 7.
67 Yiannis Papadoyiannis: Greek banks hit gold in the Balkans, Kathimerini (englische Version), 2.2.2008.
68 Tom Ellis: Greek banks in the Balkans, Kathimerini (englische Version), 6.7.2021.
69 Lenin, LW 22, S. 267, Hervorhebung von Lenin

NATO, Bandera-Faschismus und Denazifizierung der Ukraine

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Von Nasrin Düll

Inhaltsverzeichnis

Von Krisen und Chancen

Thesen zur Funktion des Faschismus in der Ukraine

Die Rolle der Faschisten auf dem Maidan

Faschisierung: Entwicklung von 2014 bis heute

Vom Putsch zum Bürgerkrieg

2018 bis Anfang 2022

Deutschland, Nato und ukrainischer Faschismus – ein altbewährtes Bündnis

Von Krisen und Chancen

Mit dem Krieg in der Ukraine sind wir als Kommunistische Organisation in eine Situation geraten, die unsere Pläne durcheinanderwirbelt, uns vor Augen führt, dass unsere Einigkeit in vielen Fragen lediglich auf allgemeinster Ebene bestand und Uneinigkeit nicht nur in der Einschätzung des russischen Staates, sondern auch auf der weltweiten Kräfteverhältnissen zwischen den kapitalistischen Staaten und sogar in Bezug auf die Einschätzung der NATO vorhanden ist. Diese Dissense haben sich bereits in der Diskussion um unsere Stellungnahme zum Abzug aus Afghanistan angedeutet und wurden nach der russischen Intervention in Kasachstan offenkundig. 

Wir stellen auch fest, dass diese Diskussion eng mit Fragen der Strategie & Taktik verbunden ist. Was ist die Kampfperspektive der Arbeiterklasse, wenn die Revolution nicht gerade an der Haustür klopft? Hat sich der Kampf um nationale Befreiung und Unabhängigkeit im Weltmaßstab bereits historisch „erledigt“? Gibt es Momente, in denen die Arbeiterklasse und „ihre“ Bourgeoisie ein gemeinsames Interesse haben? usw. In einigen Diskussionsbeiträgen wurden bereits viele wichtige Fragen aufgeworfen, das möchte ich jetzt hier nicht wiederholen. 

Viele Genossen scheinen nun die Sorgen zu haben, dass wir allgemeine Erkenntnisse, mit denen wir in unseren Aufbauprozess gestartet sind über Bord werfen. Dass wir uns inhaltlich verwerfen, bevor wir überhaupt die ersten großen Schritte im Klärungsprozess gehen konnten. Wie unverschämt von den Weltereignissen, nicht den Abschluss des Klärungsprozess abzuwarten! Stattdessen wurden wir ordentlich wachgerüttelt. Nun, Genossen wir sollten jetzt nicht verzagen, sondern die Probe als eine Chance begreifen, die uns vielleicht sogar davor bewahren wird, uns einzurichten, bequem und selbstgefällig zu werden. Der Krieg serviert uns die Widersprüche zugespitzt auf dem Tablett und erreicht uns sogar in unseren gemütlichen westeuropäischen beheizten (bald nicht mehr) Wohnzimmern.

An unserem Umgang mit unserer jetzigen ideologischen Krise können wir den zukünftigen Erfolg des Klärungsprozesses ablesen. Schließlich werden wir nur dann den Klärungsprozess erfolgreich abschließen, wenn wir die tatsächlichen Verhältnisse verstehen; das bedeutet den Historischen Materialismus richtig „anzuwenden“. Anwendung des Wissenschaftlichen Kommunismus heißt aber nicht, dass unser „Zettelkasten“ mit Klassikerzitaten irgendwann größer sein wird als der von gewissen anderen berüchtigten Zettelsammlern. 

Sehr schnell sollten wir auch die Ängstlichkeit ablegen, die immerzu auf externe Autoritäten verweisen muss, anstatt unser Gründungscredo (fragen! – klären! – streiten!), ernst zu nehmen.  

Nutzen wir also unsere Überrumpelung dafür ein überfälliges Unterfangen ins Auge zu fassen: eine zeitgenössische Imperialismusanalyse. Die Diskussion über den Charakter Russlands und die Einschätzung des Krieges können der erste Schritt in diese Richtung sein – wenn es uns gelingt den losen Meinungsaustausch in einen kollektiven Prozess wissenschaftlichen Arbeitens zu überführen. 

Das Anliegen des folgenden Beitrags nun ist es einen Aspekt unserer Debatte zu vertiefen und zu diskutieren: die Frage (der Entwicklung) des Faschismus in der Ukraine und in diesem Zusammenhang der Anspruch Russlands die Ukraine durch seine militärische Intervention zu „denazifizieren“. In einigen vorhergegangen Diskussionsbeiträgen wurde das Argument der Denazifizierung mit dem Hinweis auf den (etwaigen) imperialistischen Charakter Russlands, mit den Hinweis auf die Existenz russischer Nazis und als russische Legitimierungsstrategie beiseite gewischt. Hier wurde es sich wie ich finde viel zu einfach gemacht.  Diese Argumente sind m.E. eine „antiimperialistische“ Variante des herrschenden Diskurses, der denjenigen der von Nazis in der Ukraine heute zu reden wagt, als „Verschwörungstheoretiker“ und Putin-Verteidiger abwürgt. Damit das funktioniert, muss die Rolle von Faschisten in der Ukraine entweder gänzlich geleugnet oder massiv relativiert werden. Schließlich müsste im Gegenteil bewiesen werden, warum die physische Vernichtung faschistischer Bataillone inklusive ihres militärischen Geräts keine Denazifizierung sein sollte. Ich werde am Schluss auf all diese Argumente ausführlicher eingehen.

Die Einschätzung des Charakters ukrainischen Staats nach dem Putsch, der Ukrainestrategie der NATO und der Rolle der Faschisten in diesem Unterfangen muss ein Aspekt der Untersuchung sein, die es uns letztendlich ermöglichen soll, die übergreifende Frage nach der „Legitimität“ der russischen Intervention vom Standpunkt des Interesses der Arbeiterklasse zu beantworten. 

Ich werde ein paar zugespitzte Thesen formulieren, von denen mir bewusst ist, dass sie Widerspruch provozieren werden. Das ist gut – nur so kommen wir zum Kern der Debatte. Mir ist außerdem bewusst, dass die folgend angeführten historischen Belege und Nachweise a) nicht vollständig sind b) nur einen Aspekt des Konflikts (nämlich den Faschismus) beleuchten. 

Ich stelle meine Thesen an den Beginn, damit sie beim Lesen des kurzen historischen Abrisses im Hinterkopf sind und abgeglichen werden können. Im zweiten Teil werde ich dann die Entwicklung des Faschismus in der Ukraine seit dem Putsch 2014 nachzeichnen und mit einem kurzen historischen Rückblick auf das Bündnis zwischen den Westmächten, insbesondere Deutschland und dem ukrainischen Nationalismus-Faschismus schließen. Der Leser wird merken, dass ein Teil der folgenden Thesen sehr ausführlich durch den historischen Abriss „belegt“ wird, andere dagegen noch stark vertieft werden müssen. 

Thesen zur Funktion des Faschismus in der Ukraine

1. Ohne NATO keine Faschisierung der Ukraine. Das Bündnis zwischen ukrainischem Faschismus, Deutschland und später auch der NATO ist schon sehr alt. Auch der Maidanputsch war im Kern ein durch den Westen orchestrierter, finanzierter und politisch abgesegneter „Regime-Change“, bei welchem bereits im Vorfeld Kontakt und Förderung zu den ultranationalistischen und faschistischen Gruppen aufgebaut wurden, die dann die treibenden Kräfte auf der Straße darstellten. Die konkrete Untersuchung der Einmischungen und Aufbau des ukrainischen Staats nach 2014 durch die NATO und die EU-Staaten, sowie Interessenswidersprüche zwischen den Westmächten, müssen noch besser ausgearbeitet und recherchiert werden. Eine weitergehende Frage in diesem Zusammenhang ist, ob der ukrainische Faschismus ohne die tatkräftige Unterstützung diverser Geheimdienste der Westmächte überhaupt bis heute überlebt hätte – vermutlich nicht. 

Fest steht, dass das Erstarken faschistischer Kräfte in der Ukraine nicht nur in Kauf genommen, sondern aktiv gefördert wurde, denn:

2. Ohne Faschisten keine Westintegration der Ukraine. Zur Umwandlung der Ukraine in ein NATO-Aufmarschgebiet gegen Russland war und ist das Bündnis mit den Faschisten alternativlos. Ich möchte diese These anhand der verschiedenen Funktionen, die der Faschismus in der Ukraine seit dem Putsch erfüllt hat und weiter erfüllt illustrieren: 

  • Als (para-)militärische Fußtruppen der NATO/EU-Deutschland zur Installation und militärischen Absicherung der neuen Westorientierten-Regierung(en); 
  • die Führung des Krieges in der Ostukraine mit faschistischen Freikorps, welche die nötige Extralegalität und Verrohung mit sich brachten; 
  • die Beseitigung innerukrainischer Opposition zur NATO-Anbindung und zum Krieg in der Ostukraine, darunter Illegalisierung und Zerschlagung der Organisationen der ukrainischen Arbeiterbewegung, insbesondere der Kommunisten, sowie zunehmende Angriffe auf bürgerlich-demokratische Kräfte, die sich der Faschisierung entgegenstellen. 
  • Die militärische und ideologische Vorbereitung auf einen „großen“ Krieg mit Russland, der nach dem andauernden Bruch mit dem Minsker Abkommen von den ukrainischen Machthabern willentlich in Kauf genommen und organisiert wurde. Militärisch drückt sich dies in der umfassenden Eingliederung der faschistischen Truppen ins Militär und den Sicherheitsapparat aus; ideologisch dient der Faschismus als Werkzeug der Zerstörung der historisch gewachsenen Verbundenheit mit Russland und der Identität der Ukraine als Vielvölkerstaat. Dagegen setzt der Faschismus eine rassistische Nationendefinitionen (Rassestaat), welche notwendig für antirussische Gesetze und Praxis und letztlich auch die ideologische Vorbereitung für eine Vertreibung der nicht-integrierbaren russischen Bevölkerungsteile (nicht nur im Osten der Ukraine) ist. Diese stellen die Bevölkerungsmehrheit in einigen Teilen des Landes dar, was wohl einer der Gründe für die Unmöglichkeit war, auf dem Weg der parlamentarischen Mehrheiten auf den NATO-Beitritt der Ukraine hinzuwirken. Auch eine Ratifizierung des EU-Assoziierungsabkommen, bedeutet die enge militärische und wirtschaftliche Einbindung in die EU und den Abbruch jener Beziehungen mit Russland. 
  • Umfassender Geschichtsrevisionismus, das bedeutet die Rehabilitierung des historischen Faschismus und Verteufelung der sowjetischen Geschichte der Ukraine und damit auch der in der Sowjetunion geförderten Völkerfreundschaft zwischen Ukrainern und Russen. Die sowjetische Zeit soll als Besatzungszeit umgedeutet, stattdessen eine historisch gewachsene Zugehörigkeit der Ukraine zu EU-„Europa“ konstruiert werden. Diese gemeinsame Geschichte mit den westeuropäischen Staaten ist eben die Geschichte der faschistischen und anti-sowjetischen Kollaboration.

3. Der Faschismus in der Ukraine ist die (politische und militärische) Hauptstütze der ukrainischen Herrschenden und der NATO-Mächte. Ich hoffe, dass die Skizze in zweiten Teil meines Textes zeigen kann, dass das Ausmaß des Faschisierungsprozess in der Ukraine eine existenzielle Bedrohung für die Arbeiterbewegung, darunter für unsere Genossen darstellt. 

In einigen Diskussionsbeiträgen wird die Frage aufgeworfen, ob jemand davon ausgehe, dass die Ukraine ein faschistischer Staat sei. Egal, ob die Ukraine bereits „alle“ „Kriterien“ eines Faschismus an der Macht erfüllt – die Tendenz der Entwicklung dahin ist unübersehbar. Wenn wir bisher noch nicht realisiert haben, dass hier für Kommunisten die rote Linie lange überschritten wurde, nur weil unsere Vorstellungen eines idealtypischen Faschismus nicht erfüllt wurden, stellt sich grundsätzlich die Frage, ob diese Art des schablonenhaften Herangehens an gesellschaftliche Phänomene sinnvoll ist? Oder realisieren wir die Entwicklungen erst jetzt, weil wir uns schlicht und einfach seit 2014 nicht mehr mit der Lage in der Ukraine beschäftigt haben?

Am Beispiel der Ukraine lernen wir erneut, dass der Faschismus ein breites Repertoire an Mitteln des Terrors und menschenverachtender Ideologie für die Bourgeoisie bietet, welches diese flexibel einzusetzen in der Lage ist. Keine Definition kann es ersetzten, konkret die Entwicklung und Funktionen des Faschismus zur Herrschaftssicherung in jedem Land zu untersuchen. Ich sehe die Chance in dieser Imperialismusdiskussion auch unser Faschismusverständnis zu vertiefen, die Ukraine ist dafür leider ein Lehrstück. 

4. Es sind die NATO und ihre ukrainischen Verbündeten, die die nationale Einheit und Souveränität der Ukraine zerstören. In der deutschen Öffentlichkeit sowieso, aber auch unter Kommunisten wird „die nationale Frage“ in Bezug auf die Ukraine auf den Kopf gestellt. Die Westmächte setzen auf die Kräfte, die genau das Gegenteil von dem verkörpern, was ihre propagandistische Stilisierung aus ihnen machen möchte: sie sind Werkzeuge zur Zerstörung der nationalen Einheit der Ukraine. Warum? Sie untergraben die Identität der Ukraine als Multivölkerstaat, um eine neue völkische Identität der Ukraine herzustellen. Sie setzen ein Geschichtsbild durch, dass diejenigen feiert, die die Ukraine spalteten, mit den Kolonisatoren und großdeutschen Mördern zusammenarbeitete und die versuchten den Staat Ukraine auf Genozid aufbauen. Es ist bezeichnend, dass die sowjetische Geschichte der Ukraine ausgelöscht werden soll. Denn es war die Sowjetunion, die der Ukraine verhalf zu einer eigenständigen ukrainischen Nation im Geiste eines „Brudervolkes“ zu werden, die Ukraine industrialisierte, die ukrainische Sprache zu förderte und schließlich unter Stalin die ukrainischen Gebiete zu einem Staat vereinigte. Die westukrainischen Nationalisten heute arbeiten gezielt auf einen großen Krieg mit Russland und die Entledigung eines Teils ihrer Bevölkerung hin. usw. Sie sind es also, die die ukrainische Nation zerstören. 

Die Zurichtung der Ukraine auf NATO-Interessen auf der einen und die Großmachtfantasien der ukrainischen Faschisten auf der anderen Seite sind eine Ironie und Wiederholung der Geschichte, die sich bereits im Verhältnis der OUN zum deutschen Faschismus zurückverfolgen lässt, als die OUN einen eigenständigen Großstaat Ukraine anstrebte, während ihre „Partner“, das deutsche Monopolkapital, die Ukraine zu ihrer Getreidekammer umfunktionieren wollten. 

Auch die nationale Souveränität der Ukraine wurde nicht erst mit dem Angriff Russlands, sondern spätestens 2014 durch die NATO infrage gestellt: durch die Missachtung bürgerlich-demokratischer Wahlen und der gewalttätigen und verfassungswidrigen Installation einer gefügigen Putschregierung, nachdem der Versuch der Erpressung des alten gewählten Präsidenten bei der Auseinandersetzung um das EU-Assoziierungsabkommen gescheitert war. Nicht zu reden von Einmischung und Beeinflussung innerer Vorgänge durch Geld, Propaganda, Söldern, Waffen etc.  All dies sind schwere Verletzungen der nationalen Souveränität der Ukraine. 

Umso problematischer, dass auch Linke nun meinen im Chor mit den Herrschenden die nationale Integrität der Ukraine gegen Russland verteidigen zu müssen. Sie ignorieren nicht nur die realen Entwicklungen, sondern erledigen sich nebenbei auch ihrer Grundbegriffe.

6. Der Krieg wird auch in der BRD zur Rehabilitierung des NS-Faschismus genutzt. An der Heimatfront rollt gerade eine Welle an Geschichtsrevisionismus auf uns zu. Vor unsere Augen beginnt eine Rehabilitierung des deutschen Faschismus (von den üblichen reaktionärsten Verdächtigen bin ins linksliberale-grüne (Parteienspektrum). Der Ukraine-Krieg wird als Begründung für Diskussionen über weitere Entledigung des Gedenkens an die sowjetischen Opfer des deutschen Angriffskriegs genutzt. Die vermehrten Schändungen an Denkmalen sind dafür der Vorbote auf der Straße. Weitgehend unbemerkt findet eine Repressionsoffensive und Einschränkung der bürgerlichen Meinungsfreiheit durch den deutschen Staat statt: das Verbot des russischen Senders RT, das „Z“-Verbot und das unter Strafe stellen von sowjetischen Fahnen als „Anfangsverdacht einer Straftat“ auf Friedensdemonstrationen in Frankfurt a.M.

Die gefährlichste und in ihrer Qualität neuste Entwicklung ist die sich vollziehende Enttabuisierung von Faschisten und die damit verbundene Rehabilitierung des deutschen Faschismus. Es ist klar, wohin die Reise gehen soll: an der Kriegsschuldfrage wird bereits jetzt gedoktert, wenn die faschistischen Horden in der Ukraine als Widerstandskämpfer gegen die imperialen Bestrebung Russlands (sei es als Sowjetunion, oder RF) umgedeutet werden. Auch europäische Nazis, die als Söldner und Freiwillige nun gegen Russland in der Ukraine kämpfen, werden normalisiert und sogar als Helden in den westlichen Medien präsentiert. Die quasi über Nacht vollzogene Reaktivierung der Russophobie spielt dafür eine wichtige Rolle und dient zusätzlich noch der Kriegsvorbereitung und Militarisierung.  

Die Front der ideologische Formierung nach rechts ist breit, sie reicht vom reaktionären Berliner Prof. Jörg Baberowski bis in die PdL hinein. 

Die Rehabilitierung des NS-Faschismus wird auch zunehmend an der Achse des nationalen Souveränitätsdiskurses geführt, oder sogar das Narrativ der jahrhundertalten nationalen Unterdrückung der Ukrainer durch Russland übernommen. Mal wieder werden antiimperialistische Schlagworte und Kämpfe umgedreht und in inhaltsentleerten Versatzstücken nun als Propagandainstrumente von den bürgerlichen „Anti-Imperialisten“ wieder herausgeholt. Wie es aussieht, fällt ein großer Teil der europäischen radikalen Linken darauf herein, werden verunsichert, damit neutralisiert, wenn nicht sogar aktiv in den Chor der Heimatfront eingebunden.

Daraus ergibt sich für unsere Haltung zur russischen Militärintervention und dem Ukraine-Krieg: 

a) Die Denazifizierung findet statt.  

Die russische Militäroperation, der Krieg also, hat „objektiv“ zum Ziel sich so vieler ukrainischer Nazis wie möglich zu erledigen. Das liegt nicht daran, dass Putin sich an seine KGB-Lektionen zum Thema Antifaschismus erinnert und wohl leider auch nicht am Druck antifaschistischer Massenmobilisierungen in Russland und der Ostukraine. Nein, das Interesse Russlands ist sicherheitspolitisch und besteht im Kern darin, dass Vorrücken der NATO an seine Grenzen zu beschränken. Und nun ist es nun mal so, dass die NATO dieses Vorrücken im Bündnis mit dem ukrainischen Staat und dessen faschistischer Truppen verwirklichen will. Der russische Staat hat also ein „realpolitisches“ Interesse an der Vernichtung des ukrainischen Nazismus, er muss antifaschistisch handeln.  

Ist nur ein intrinsisch motivierter Antifaschismus „echt“? Nun, diese Frage kann den Menschen im Donbass, den durch die Nazis verfolgten Genossen in der Ukraine usw. erstmal egal sein. Jeder Faschist, der in Mariupol von russischen Streitkräften gekesselt wurde, schießt ihm schließlich nicht in den Kopf. Von den Menschen in den Volksrepubliken also zu fordern, sie sollte sich in dieser Situation weder auf die Seite Russlands noch der NATO stellen wäre selbstmörderisch. 

Die Militärintervention öffnet nicht nur Handlungsspielräume für die Bevölkerung in den Volksrepubliken, sondern bedeutet für sie, sowie für alle antifaschistischen Kräfte in der Ukraine eine massive Verbesserung ihrer momentanen Kampfsituation. Gerade jetzt kann die Intervention auch von der russischen Arbeiterbewegung genutzt werden, um auch eine antifaschistische Offensive in Russland voranzutreiben, Druck auf die russische Regierung ausüben, die Forderung nach Denazifierung nicht auf die Ukraine zu beschränken, sondern z.B. Nazis in Russland in den Blick zu nehmen, usw. Es wäre illusionär aus dieser Kampfsituation ein langfristiges strategisches Bündnis mit der eigenen Bourgeoisie abzuleiten – es wäre aber ebenso falsch die günstige Situation nicht taktisch für eine antifaschistische Offensive zu nutzen. 

Denazifizierung und Demilitarisierung der Ukraine sind auch im Interesse anderer Völker in der Region, die nicht in einen großen Krieg gegen Russland hineingezogen werden wollen, die zudem auch durch den Ultranationalismus und Rassismus der Kiewer Herrschenden bedroht werden. 

Im Übrigen war auch der Eintritt der Westmächte im 2.Weltkrieg sicherlich nicht durch irgendeinen subjektiven Antifaschismus motiviert. Im Gegenteil dachten Frankreich und Großbritannien gar nicht daran sich von ihren Kolonien zu verabschieden, in den USA galten unverändert die Jim-Crow-Gesetze usw. Die Vereinigten Staaten zum Kriegseintritt zu bewegen war ein diplomatischer Kampf der Sowjetunion, ein Sieg der internationalen Arbeiterbewegung und diente „objektiv“ der Denazifierung Nazideutschlands. Was bekanntlich eben jene Kräfte nicht davon abhielt, wenige Jahre später sich dann auch wieder an der Renazifizierung der BRD zu beteiligen. 

b) Die Angst vor der Illusion des „kleineren Übel“ darf nicht zur Relativierung des realen Faschismus führen

Egal, ob man bereits von einem faschistischen Staat in der Ukraine sprechen möchte oder nicht, ist es meines Erachtens unbestreitbar, dass hier tatsächlich die „reaktionärsten, und am meisten imperialistischen Kräfte“ an der Macht sind, die das Ziel verfolgen, die Arbeiterbewegung zu zerstören, außerdem einen Teil der Bevölkerung zu vertreiben oder so einzuschüchtern, dass sie neutralisiert werden. Die Mittel hierfür sind der offene Terror und unverhohlener Rassismus, sowie die Glorifizierung des historischen Faschismus. Oder andersrum: die Kampf- und Existenzbedingungen der Arbeiterklasse sind in einer immer offen faschistisch werdenden Ukraine schlechter als zuvor.  

Die Auflösung des Klassenstandpunkts der Arbeiterklasse zwecks Verteidigung des „kleineren Übels“, der bürgerlichen Demokratie, ist eine Gefahr, vor der auch unsere Strömung nicht gefeit war und ist. Der Kampf gegen Illusionen ist also wichtig, damit die Arbeiterklasse ihren Kopf und ihre langfristige Kampforientierung behält. Vor lauter Angst vor möglichen Illusionen jedoch den realen Faschismus nicht sehen zu wollen und zu bekämpfen ist möglicherweise ein Fehler auf Leben und Tod. 

c) Die russische Intervention ist im Interesse der Arbeiterklasse 

Ich möchte also die These aufstellen, dass die russische Militärintervention grundsätzlich sowohl im Interesse der ukrainischen wie auch der russischen Arbeiterklasse ist. Warum diese so spät kommt, ist für mich noch eine offene Frage, kann aber gerade mit dem Opportunismus und der zeitweisen Hoffnung Russlands, doch im Club der Weltmächte mitspielen zu können, zusammenhängen. Dies und das Zurückschrecken vor einem Krieg waren wohl Faktoren, die Russland dazu bewegten, die wiederholten Brüche des Minsker Abkommens so lange zu tolerieren. 

Außerdem ist der „defensive Präventivschlag“, wie es Genosse Kikanadse formulierte, Ausdruck von sich international verändernden Kräfteverhältnissen, in welchen die Westmächte nicht mehr unwidersprochen Regierungen installieren oder Länder einverleiben können, ohne, dass dies Konsequenzen für sie hat und sich Gegenwehr formiert. 

Diese sich abzeichnende Veränderung der „Weltordnung“ bringt weder Frieden noch Sozialismus. Aber sie öffnet Kampfspielräume für die Völker der Welt, für die internationale Arbeiterklasse. Das Vorrücken und die Ausbreitung der NATO zu verhindern ist „objektiv“ in ihrem Interesse. Ob jene „Spielräume“ genutzt werden können, hängt nach wie vor von dem subjektiven Faktor ab, der eigenständigen und bewussten Organisierung der Arbeiterklasse. 

d) Die Hauptfeindlosung ernst nehmen

Wenn das Vorhergesagte stimmt, dann läuft jeder falsche Pazifismus hier (auch wenn er sich als Äquidistanzposition ausgibt oder Antiimperialismus verkleidet) de facto auf die Stärkung der Heimatfront, also die vermittelte Bewaffnung des realen Faschismus hinaus. Wir Kommunisten in Deutschland müssen gegen Militarisierung, Waffenlieferungen, Geschichtsrevisionismus kämpfen. Zu letzterem gehört untrennbar gegen die Gleichsetzungen Russlands mit der NATO aufzutreten. Wir waschen ihre blutige Weste nicht rein, und vergessen nicht, wer im Grunde für diesen Krieg verantwortlich ist!

Die Rolle der Faschisten auf dem Maidan

Der sogenannte Euromaidan war bekanntlich der erfolgreiche durch NATO und insbesondere USA und Deutschland orchestrierte und lang anvisierte Sturz der Regierung Janukowytschs.[i] Dem voraus ging ab November 2013 ein sich schnell radikalisierender Protest, dessen Zentrum sich auf dem Maidan in Kiew herausbildete und in monatelangen Protestlagern und in Besetzungen von Regierungsgebäuden mündete. Der Maidan war nicht der erste Versuch einer „Farbrevolution“ in der Ukraine (Stichwort „Orangene Revolution“ 2004). Spätestens 2012[ii] wurden dann direktdiejenigen Oppositionskräfte, die 2014 auf dem Maidan die entscheidende Rolle spielen sollten offen von den USA und den EU-Staaten, v.a. der BRD, gefördert.[iii] Unter diesen Kräften war auch der damals wichtigste Exponent der ukrainischen Faschisten, die Allukrainische Vereinigung Swoboda. Swoboda wurde 1991​ gegründet, verordnet sich selbst in der Tradition der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und dem Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera. 2013 erreichte sie einen Wahlerfolg mit über 10% der Stimmen. Swoboda hatte es international in die Schlagzeilen mit öffentlichkeitswirksamen Sprengungen von Leninstatuen​ geschafft und unterhielt freundschaftliche Verbindungen zur NPD. Schon 2013 bezeichnete der damalige EU-Botschafter Jan Tombinski Swoboda als „gleichwertige Partner“. Anfang 2014 gab es ein Treffen von Swoboda-Vorsitzenden Tjahnybok mit einigen europäischen Außenministern, darunter Frank-Walter Steinmeier in der deutschen Botschaft in Kiew.[iv]  

Zu den wichtigsten paramilitärischen Kräften auf dem Maidan sollten dann neben Swoboda und deren damaliger Jugendorganisation C14 der „Rechte Sektor“ Prawyi Sektor zählen. Der Rechte Sektor entstand in der frühen Phase der Proteste im November 2013 als Zusammenschluss mehrerer faschistischer Gruppen. Der Rechte Sektor übernahm auf dem Maidan eine militärische Schlüsselrolle und übte auch auf Kräfte wie Swoboda durch ihre Militanz Druck aus. Kader des Rechten Sektor übernahmen nach 2014 politische Ämter im ukrainischen Staat und sollten auch eine wichtige Rolle im Bürgerkrieg in der Ostukraine spielen. Auch für den Rechten Sektor ist der ukrainische Faschismus der politischer Hauptbezugspunkt, insbesondere in der Tradition Banderas (OUN-B) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA). Aber auch direkt der Bezug auf die Waffen-SS-Division Gallizien und die OUN-M spielte auf dem Maidan eine Rolle. [Zu all diesen Organisationen mehr im letzten Teil des Beitrags].  

Diese Banderafaschisten waren keine Randerscheinung auf dem Maidan, wie es mehrheitlich von der bürgerlich-westlichen Berichterstattung suggeriert wurde. Denn schnell wurde der „spontane“ Protest von paramilitärischen „Freiwilligenbataillions“ dominiert, die privat finanziert wurden und aus der Westukraine angereist kamen.[v] Mögen die organisierten Faschisten auch keine zahlenmäßige Mehrheit auf dem Maidan dargestellt haben, stellten sie den organisierten Kern, den militärischen Kader – und waren der ausschlaggebende Straßenfaktor für den siegreichen Putsch. Die wenigen linken Kleingruppen, die sich anfangs dem Protest angeschlossen hatten, wurden sehr schnell klar gemacht, dass sie dort gänzlich unerwünscht waren. Bereits in den ersten Tagen wurde ein riesiges Bandera-Portrait vorm Parlament in Kiew angebracht. Kurz gesagt: ohne Faschisten kein erfolgreicher Maidan[vi]

Faschisierung: Entwicklung von 2014 bis heute

Nach dem Putsch beginnt nun eine Entwicklung, in welcher in mehreren Phasen die faschistischen Kräfte & ihre Ideologie in der Ukraine durch die Regierung in Kiew legalisiert, normalisiert und institutionalisiert werden. Dies hat einen einfachen Grund: die Widersprüche im Inneren sind durch den gewaltvollen Machtwechsel nicht gelöst worden, sondern haben sich im Gegenteil verschärft. Auch wenn die neuen Machtinhaber insbesondere in der Westukraine Rückhalt in Teilen der Bevölkerung genießen, wenden sich in der Ostukraine große Teile der Bevölkerung gegen die neue Regierung und streben ihre Unabhängigkeit an, 2) erfordert die Ukraine als NATO-Bollwerk gegen Russland in Stellung zu bringen einen aggressiven antirussischen Kurs, der sich zwangsläufig gegen die großen russischen Bevölkerungsteile des Landes richten muss, während gleichzeitig der integrierbare Teil der Bevölkerung auf die ultranationalistische Regierungslinie gebracht werden muss. All dies verlangt nach einem Level an Abgebrühtheit (gepaart mit politischem Größenwahn), dass am besten von Faschisten geliefert werden kann. 

Es gibt bereits einige gute Recherchen und Einschätzungen zu den faschistischen Umtrieben seit 2014, wobei meines Wissens allerdings eine umfassende und gut recherchierte Zusammenstellung noch fehlt. Dennoch gehe ich davon aus, dass viele der im folgenden aufgeführten Tatsachen und Ereignisse schon bekannt sind. So oder so können hier lediglich Schlaglichter auf wichtige Stationen und Ereignisse der rapiden Faschisierung des Staatsapparates und den faschistischen Terror in der Ukraine geworfen werden.  

Bereits im März 2014 wurden in Charkiw Anti-Maidan Proteste brutal niedergeschlagen und in diesem Zuge die jungen Antifaschisten Artem Zhudov und Alexei Sharov durch Mitglieder der Nazi-Gruppen Misanthropic Division und Patriot of Ukraine erschossen.[vii]

Die Morde in Charkiw sind eine Ankündigung des kommenden Massakers im Gewerkschaftshaus von Odessa[viii], welches nicht zufälligerweise am 2. Mai 2014 durchgeführt wurde. Angereiste Nazis stürmten das Gewerkschaftshaus und legten danach das Haus in Brand. Über 40 Menschen starben in den Flammen, bei dem Versuch sich aus den Fenstern zu retten oder wurde von den Faschisten totgeprügelt. Die damalige Präsidentschaftskandidatin Timoschenko bedankte sich nach dem Massaker bei den Mördern für ihre heldenhafte „Verteidigung“ der neuen Ukraine.[ix]

Parallel zu dem Straßenterror begann auch die Kriminalisierung der ukrainischen Kommunisten. Bereits im Zuge der Maidan-Proteste wurden Büros der KPU von faschistischen Trupps „besetzt“ (C14 u.a.), Berichte von verschwundenen KP-Mitgliedern kursieren. Am 24. Juli dann wurde die Fraktion der ehemals einflussreichen KP im ukrainischen Parlament aufgelöst. 

Die ersten Post-Maidan-Maßnahmen hatten also zum Ziel mittels Schocktherapie ein organisiertes Widerstandspotential schnell auszuschalten, diese ersten Schläge richteten sich deswegen v.a. gegen die organisierten Teile der Arbeiterbewegung: Kommunisten, Gewerkschaftler. Die Analogien in der Wahl der Methoden und der historischen Symbolik zu ’33 zeigen welche Vorbilder sich hier genommen wurden. 

Im Mai beginnen dann auch die „Anti-Terror“-Operationen in der Ost- und Südukraine, verschiedene Freikorpsartige Truppen kämpfen gegen Zivilbevölkerung und prorussische Kämpfer. Diese Truppen sind zu Beginn oft noch direkt von ukrainischen Milliardären finanziert und Ausbilder westlicher Geheimdienste tummeln sich dort relativ offen (Stichwort Dnipro-Einheiten, EU-Polizeikommission)[x]. In diesem Zusammenhang berichtete sogar Amnesty International über Kriegsverbrechen in der Ostukraine, darunter Folter, Einführung militärischer Sondergerichte und das gezielte Aushungern mancher Städte.[xi] Eine der Freikorpsbataillon die durch besondere Grausamkeit[xii]auffallen, ist das Ajdar-Bataillon, dessen Söldnercharakter dadurch verdeutlicht wurde, dass es zwischenzeitlich auch zur Durchsetzung privater Interessen des Milliardär Ihor Kolomoisky agierte.[xiii]

Im Zuge des Beginns des Krieges in der Ostukraine im Mai 2014 wurde auch das bald bedeutsamste der Freikorpstruppen gegründet, das Asow-Bataillon. Auch Asow wurde ursprünglich mit Spenden ukrainischer Milliardäre finanziert und von den Politikern Oleh Ljaschko und Dmytro Kortschynskyj aufgestellt um gegen die prorussischen Kämpfer in der Ostukraine zu kämpfen. Sehr viele Indizien deuten außerdem auf eine direkte Finanzierung durch die USA, sowie Training von CIA und US-Armee hin.[xiv] Bis heute unterhält das Asow Regiment gute Verbindungen zum III. Weg und der Identitären Bewegung in Deutschland und Österreich.[xv] Wie auch die meisten anderen der bewaffneten Truppen, sieht Asow sich in der Bandera-Tradition, hat die Wolfsangel in ihrem Logo und strebt offen einen „Rassestaat“ in der Ukraine an. 

Bereits im Sommer begann dann schließlich die Eingliederung faschistischer Bataillone, die sich auf dem Maidan bewährt hatten in die wieder aufgestellte Nationalgarde, welche dem Innenministerium unter Awakov unterstellt war und speziell für die Kämpfe im Südosten eingesetzt werden sollte. Das Asow-Bataillon wurde in diesem Zuge auf Regimentstärke[xvi] aufgestockt, also personell stark vergrößert.[xvii]

Nicht nur wurden die Nazi-Kräfte in das Militär integriert, Politiker des Rechten Sektors und Swoboda konnten sich in der neuen Putschregierung auch wichtige Ministerposten sichern.[xviii]

Vom Putsch zum Bürgerkrieg

Das Jahr 2015 ist vor allem durch den Krieg in der Ostukraine geprägt.[xix] Gleichzeitig wird die umfassende Faschisierung der ukrainischen Gesellschaft auf allen Ebenen vorangetrieben. 

Faschistisches Gedankengut soll in der Gesellschaft systematisch normalisiert, Antifaschismus aber unter Strafe gestellt werden. So werden in neuen Schulbüchern Stepan Bandera und andere Kollaborateure als Nationalhelden gefeiert[xx], der 14. Oktober (Gründungstag der UPA) zum Staatsfeiertag erklärt, offene faschistische Rhetorik in Medien, Schulen, „bürgerlichen“ Parteien werden zur neuen Normalität.[xxi]

Mit den „Dekommunisierungsgesetzen“, die im Mai 2015 verabschiedet wurden kommt es zu einem de facto Verbot[xxii] der Kommunistischen Partei der Ukraine (sowie zwei weiterer kommunistischer Parteien). Das Zeigen kommunistischer oder sowjetischer Symbole, sowie die Bezeichnung „kommunistisch“ ist nun unter Strafe gestellt.[xxiii] Bis zu fünf Jahren Haftstrafe kann es so bereits für den Verkauf eines UdSSR-Souvenirs geben. Außerdem strafbar ist es nun den „kriminellen Charakter des kommunistischen totalitären Regime 1917-1991 in der Ukraine“ zu leugnen. „Beleidigungen“ von OUN und UPA werden ebenso gesetzlich unter Strafe gestellt, sie gelten offiziell als patriotische Unabhängigkeitskämpfer.[xxiv] In diesem gesetzlichen Rahmen werden nun unzählige Verfahren wegen politischem Hochverrat angestrengt,[xxv] während eine Reihe von politisch motivierten Morden nie verfolgt und aufgeklärt wurde. Journalisten und Medien, die für ihre Kritik an der damaligen Regierung bekannt waren, wurden eingeschüchtert.[xxvi] Am 16. September 2015 veröffentlichten die ukrainischen Behörden eine Liste von Personen, denen die Einreise in das Land untersagt wurde, darunter Dutzende von Journalisten, vor allem aus Russland.[xxvii]

Informationen aus den Jahren zwischen 2016 und 2019 sind rar und es kann hier leider nicht geleistet werden, die Ereignisse in diesen Jahren nach zu recherchieren und darzustellen. Die Zahl der Toten in den andauernden Kämpfen in der Ostukraine wird seit deren Beginn zwischen 10.000 und 15.000 angegeben, von denen etwa die Hälfte aus Zivilisten bestehen.  

2018 bis Anfang 2022

Mehr Welt-Öffentlichkeit bekommen die ukrainischen Faschisten dann wieder 2018, vermutlich weil der Terror in den anderen Teilen der Ukraine nun zunimmt. So wird 2018 von einer regelrechten Welle faschistischer „Selbstjustiz“[xxviii] berichtet, gemeint sind „sturmtruppenartige“ Angriffe auf Aktionen gegen den Krieg in der Ostukraine, auf sowjetische Veteranen, LGBTQ-Aktivisten, jüdischen Menschen, Künstler, Studentenproteste usw. Große Fackelmärsche zu Ehren Banderas werden in Kiew veranstaltet. Die Opfer der faschistischen Gewalt werden kriminalisiert. Außerdem finden pogromartige Attacken auf Roma statt. So gerät C14 mit Rückendeckung der Kiewer Polizei[xxix] im Juni 2018 international in die Schlagzeilen für gehäufte Attacken auf Roma Camps. Als Belohnung erhält die Gruppe finanzielle Förderung für paramilitärische Jugendcamps im Rahmen eines staatlichen Programms für „nationalpatriotischen Bildung“[xxx]. Auch Asow unterhält seit 2018 eine Art Straßenpatrouille, die in mehreren Städten mit Äxten und Hammern Roma-Siedlungen zerstörte.[xxxi]

Schließlich findet die Legalisierung der selbsternannten „Bürgerwehren“ durch die Gründung und Anerkennung der „Nationalen Miliz“ statt.[xxxii] Die Kräfte der „Nationalen Miliz“ greifen nicht nur Zivilbevölkerung an, sondern beeinflussen durch ihre Präsenz auch direkt politische Entscheidungen wie in Tscherkassy, wo sie bewaffnet einer Stadtratssitzung beiwohnten, um die Budgetentscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. [xxxiii]

Es ist wichtig hier noch auf das Argument einzugehen, die faschistischen Kräfte hätten zwischenzeitlich massiv an Einfluss verloren. Es stimmt, dass 2019 keine der alten traditionellen faschistischen politischen Parteien bei den Wahlen nennenswerte Ergebnisse erzielen konnte. Doch war dies auch gar nicht notwendig, um den Kurs der Faschisierung weiter fortzuführen. Außerdem sind viele faschistische Führungspersonen nach 2014 nun auch in den „zivil auftretenden“ Parteien vertreten. Die 2014 von Ministerpräsident Jazenjuk neu gegründete Partei „Volksfront“ gründete z.B. auf der Führungsebene einen „Militärrat“, in dem neben dem „Kommandeur des Maidan“ des Rechten Sektors, Andrej Parubi auch Kommandeure des Asow-Bataillons Mitglied wurden.[xxxiv] Parubi übrigens war dann auch zeitweise Parlamentspräsident.[xxxv]

2019 setzten sich die Einschüchterungen von Protesten, darunter Angriffe auf eine Frauendemonstration am 8. März unter Schutz der Polizei weiter. Im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl im April 2019 wird von Einschüchterungsversuchen und Unregelmäßigkeiten berichtet.[xxxvi] Im Juli 2019 wird auch das Verbot der KPU im Rahmen des Dekommunisierungsgesetzes vom ukrainischen Verfassungsgericht bestätigt.[xxxvii]

Vor allem aber erlangten 2019 Asow-Einheiten die faktische Kontrolle in Mariupol und den umliegenden Dörfern. 

Trotz einzelner Versuche von Selenskyj die bewaffneten Auseinandersetzungen im Donbass zu Beginn seiner Präsidentschaft zu befrieden[xxxviii] (Stichwort „Steinmeier-Formula“), scheint es, dass unter Selenskyj sogar verstärkt faschistische Kader in wichtige staatliche Funktionen erhoben wurden und gerade in den Monaten vor der Intervention Russlands nehmen auch die öffentlichen Ehrungen und eine aggressive antirussische Stimmungsmache zu, was im Zusammenhang mit dem Militärischen Aktionsplan der Regierung Selenkiy stehen dürfte (siehe Beitrag Philipp Kissel). 

Im März 2021 werden C14-Mitglieder in den Öffentlichkeitsrat des neuen Ministeriums für Veteranenangelegenheiten des Landes gewählt, mit dem die Gruppe seit November 2019 zusammenarbeitet; faschistische Gruppen und Führer, insbesondere Asow, waren an der Gestaltung des Ministeriums seit seiner Gründung im Jahr zuvor beteiligt.[xxxix]  Im November 2021 wird der Milizionär Dmytro Yarosh, ehmaliger Kader des Rechter Sektor Berater des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine und verspricht die „Entrussifizierung“ der Ukraine. Ein paar Tage später am 1.Dezember verlieh Selenskyj dann im Parlament dem ehemaligen Rechten Sektor-Kommandeur Kojubailo den Titel „Held der Ukraine“.[xl]

2022. Die Ereignisse dieses Jahres haben wir wohl alle mehr oder weniger auf dem Schirm, es wäre auch zu viel sie hier jetzt nochmal detailliert aufzuzählen. In Bezug auf die Frage der faschistischen Kräfte sei lediglich erwähnt, dass bereits vor dem 24. Februar, nämlich schon im Januar, Selenskij ganz offen die faschistischen Kräfte zur Bewaffnung aufruft, Kriminelle aus den Gefängnissen entließ, damit diese sich u.a. den Asow-Bataillonen anschließen konnten. Asow veranstaltete auf öffentlichen Plätzen Schießübung für die Zivilbevölkerung (darunter Kinder); außerdem werden weitere Gesetze verabschiedet, die sich gegen die russischsprachige Bevölkerung richten, darunter ein Gesetz zur Umstellung der Presse des Landes: Überregionale Printmedien müssen auf ukrainisch erscheinen, besonders Zeitungen im Osten und Süden des Landes sind davon betroffen.[xli]

Während des Krieges nun können sich die Verrohten austoben: öffentliche Demütigungen von Roma, die an Laternen gefesselt wurden, Ermordung Kriegsgefangener, Versperren von Fluchtkorridoren, Folterungen, Berichte von Instrumentalisierung der Zivilbevölkerung, um Russland Kriegsverbrechen unterzuschieben usw.; die Geschichte dieser Gräuel muss nach dem Ende des Krieges und auf einer anderen Fakten- und Untersuchungsbasis geleistet werden. 

Eine gute Zusammenfassung von „Gewaltorgien“ und Staatsterror seit Kriegsbeginn haben u.a. Dmitri Kowalewitsch und Susann Witt-Stahl am 2.04. unter dem Titel“ Blutrausch, Folter, Lynchjustiz“ in der Jungen Welt veröffentlicht.[xlii]

Deutschland, Nato und ukrainischer Faschismus – ein altbewährtes Bündnis

Dass die bekannteste Figur des ukrainischen Faschismus, Stepan Bandera, bis zu seiner Ermordung durch einen Agenten des KGB 1959 unbehelligt in München lebte und dort begraben liegt, ist kein Zufall.  Das Bündnis des deutschen Militarismus mit den ukrainischen Faschisten ist bereits gute 100 Jahre alt und wurde bereits vor der Errichtung des NS-Faschismus zum Ende des Ersten Weltkriegs in Form von Kontakten zwischen der Reichswehr und der „Ukrainischen Militärorganisation“ (UVO) geknüpft.[xliii]

1929 wurde die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) in Wien durch Exilanten, die v.a. in Deutschland und Tschechien[xliv] lebten und in Anwesenheit deutscher Militärs gegründet. Wien als Gründungsort wurde dabei wahrscheinlich gewählt, um die Involvierung Berlins und der Abwehr[xlv] zu verschleiern. 

Eine der wichtigsten Köpfe der OUN sollte bald Bandera werden. Nach Anschlägen und Sabotageaktionen der OUN in Polen und einer 5-jährigen Haftstrafe lebte dieser in Krakau, dass von Deutschland besetzt war und „begann seine Karriere als Kollaborateur“[xlvi]. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ergriff die OUN die Gelegenheit sich mithilfe der ukrainischen Bataillone, die die Wehrmacht aufgestellte hatte, ihrer Feinde zu erledigen. „Die beiden ukrainischen Wehrmachtsbataillone stießen auf Lwiw vor und erreichten die Stadt noch vor den ersten deutschen Einheiten. Sofort machten sie sich daran, Juden und Kommunisten zu ‚liquidieren‘.“[xlvii]

Das passte gut in die Besatzungsstrategie der Deutschen, die Pogrome durch ansässige Bevölkerung ermutigten. Unmut entstand allerdings durch die Ausrufung eines unabhängigen ukrainischen Staats durch Bandera und seinen Anhänger, die sich mittlerweile in die OUN-B abgespalten hatten. Bandera wurde deswegen einige Zeit in einer Art „Hausarrest“ im KZ Sachsenhausen untergebracht, was zu seinem Mythos als unabhängiger Widerstandskämpfer beigetragen hat. Der andere Flügel der gespaltenen OUN unter Andrij Melnik (OUN-M) wirkte in der SS-Freiwilligendivision „galizische Nr.1“ (14. Waffen-Grenadier-Division) ab 1943 mit, die sich vorwiegend aus ukrainischen Freiwilligen rekrutierte. 1942 wurde die „Ukrainische Aufstandsarmee“ (UPA) gegründet, die v.a. gegen kommunistische Partisanen, später die Rote Armee und polnische Bevölkerung und Partisanen eingesetzt wurde. Als die 14. Division von der Roten Armee aufgerieben wurden, schlossen sich ihre Mitglieder der UPA an. 

Die OUN und UPA verübten zahlreiche Massaker, die OUN allein wird für 50.000 polnische Opfer verantwortlich gemacht.[xlviii]  Die UPA hat zwischen 1943-1945 etwa 90.000 Zivilisten ermordet. 

​​Nach 1945 dienten sich die ukrainischen Kollaborateure mit Erfolg den westlichen Großmächten im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion an. [xlix] So pflegten der BND, das Auswärtige Amt und dann auch US- und britische Geheimdienste weiter gute Verbindung zu den Kadern der UPA und schützten Bandera und andere UPA-Köpfe wie Mykola Lebed vor der Auslieferung an die Sowjetunion.[l] Doch die Verbindungen beschränkten sich nicht nur auf den Schutz einzelner Kader im Gegenzug für z.B. Informationen oder in Reminiszenz an die gute Zusammenarbeit.

Kader der UPA wurden in diverse CIA und BND-Programme gegen die Sowjetunion eingebunden, darunter die sogenannte „Operation Aerodynamic“, die Stay-Behind-Struktur „Gladio“ und der „Antibolschewistischer Block der Nationen“ (ABN)[li]).  Der in München ansässige ABN war eine Sammelorganisation für sowjetische Emigranten, die nicht nur strikt antikommunistische ausgerichtet war, sondern auch die „territoriale Zerschlagung der Sowjetunion anstrebte“.[lii] Der ABN wurde 1946 in München von Bandera mit kräftiger Unterstützung des BND und der USA gegründet. Letztere unterstützten diese ganz offen bis zu ihrer Auflösung 199, so fanden sogar persönliche Treffen zwischen dem jahrelangen ABN-Präsidenten Jarowlaw Stetzko, ein ukrainischer Exilant, und Ronald Reagan, sowie George Bush.[liii]  Nach der Konterrevolution kehrten dann ukrainische Faschisten, die sich insbesondere im US- und kanadischen Exil „ideologische Infrastrukturen“[liv] aufgebaut hatten in die Ukraine zurück. 

Eine ausführliche und vollständige Geschichte der Zusammenarbeit von ukrainischem Faschismus und westlichem Imperialismus muss (soweit mir bekannt) noch geschrieben werden, aber bereits an dem eben skizzierten sollte deutlich werden, dass das Zusammenspiel von Faschisten und NATO/EU auf dem Maidan 2014 war also kein temporäres beliebiges Bündnis, sondern eine jahrzehntelange unheilvolle Allianz war. Es ist nicht nur Tradition, die zu dieser Zusammenarbeit führt, sondern die konkreten Erfordernisse der Westintegration der Ukraine, welche der Faschisten bedarf. Unbedingt benötigte das Projekt der Verwandlung der Ukraine in einen Vorposten der NATO jene Kräfte, deren Kernkompetenz der Terror ist und die den gleichen Feind wie die NATO, nämlich Russland, haben. 


[i] Insbesondere in Bezug auf die Rolle der Bundesregierung und die direkte Einflussnahme deutscher Politiker wie dem damaligen Außenminister Steinmeier, aber auch G. Westerwelle u.A.  siehe Kronauer 2018, Meinst du die Russen wollen Krieg, 154ff.  

[ii] Nach alldem was wir von den Verbindungen von NATO zu OUN/UPA-Strukturen im Kalten Krieg wissen, können wir sicher sein, dass die „Kontaktaufnahme“ mit den Faschisten nicht erst 2012 wiederbegann. Hierzu müsste mehr geforscht werden.   

[iii] Vgl. Kronauer 2018, 158ff. 

[iv] https://www.bbc.com/news/magazine-20824693

[v] „Der Maidan war um diese Zeit schon längst keine spontane Protestbewegung mehr. Das Personal für die Barrikaden kam zu wöchentlichen Schichten aus der Westukraine, der einfache Schläger war unter den in dieser Region im Winter zahlreichen Arbeitslosen angeheuert und bekam 20 US-Dollar (etwa 17 Euro) pro Tag; Kader 100 Dollar sowie bessere Unterkunftsbedingungen. Die Frau, bei der ich für die Zeit meines Aufenthalts eine Wohnung gemietet hatte, berichtete ganz offen, ihre zentrumsnäheren Wohnungen rund um den Chreschtschatik seien seit Wochen ausgebucht für diese angereisten »Revolutionäre«.“ Lauterbach, JW 16.02.2022)​

[vi] https://www.jungewelt.de/artikel/420809.operation-losl%C3%B6sung.html 

https://www.reuters.com/article/us-cohen-ukraine-commentary-idUSKBN1GV2TY

[vii] https://www.theguardian.com/world/2014/mar/20/ukraine-nationalist-attacks-russia-supporters-kremlin-deathshttp://www.borotba.su/4-goda-so-dnya-rasstrela-antifashistov/

[viii] http://achtermai.org/2022/03/05/ausstellung-zum-massaker-von-odessa/

[ix] Ibid.

[x] Wen’s interessiert: https://www.imi-online.de/2014/06/03/die-ukraine-nach-der-wahl/ und https://www.imi-online.de/download/august2014_03wagner.pdf  Das geheimdienstlich aufgebaute und privat finanzierte Dnipro Bataillon hat zahlreiche Kriegsverbrechen verübt: https://www.amnesty.org/en/latest/news/2014/10/ukraine-forces-must-stop-firing-civilians-after-nine-killed-donetsk/ und https://www.amnesty.org/en/latest/news/2014/10/eastern-ukraine-conflict-summary-killings-misrecorded-and-misreported/. Darunter auch vorsätzlich Versorgungskrisen herbeigeführt: https://www.amnesty.org/en/latest/news/2014/12/eastern-ukraine-humanitarian-disaster-looms-food-aid-blocked/.   

[xi] s. o. Quellen zu Dnipro.

[xii] „The call came as Amnesty International published fresh research collected on the ground in the northern Luhansk region, Abuses and war crimes by the Aidar Volunteer Battalion in the north Luhansk region, documenting a growing range of abuses by the Aidar Volunteer battalion. Aidar is one of more than thirty so-called volunteer battalions to have emerged in the wake of the conflict which have been loosely integrated into Ukrainian security structures as they seek to retake separatist held areas. Amnesty International has documented a growing spate of abuses, including abductions, unlawful detention, ill-treatment, robbery, extortion, and possible executions committed by the Aidar battalion. Some of these amount to war crimes.“ (Amnesty International 2015). 

[xiii] https://www.reuters.com/article/us-ukraine-crisis-kolomoisky/ukrainian-oligarch-under-fire-after-night-raid-on-state-oil-firm-idUSKBN0MG2A320150320 und https://www.imi-online.de/2015/05/31/ukraine-saakaschwili-neuer-gouverneur-von-odessa/

[xiv] https://www.globaltimes.cn/page/202203/1254217.shtml

[xv] https://www.jungewelt.de/artikel/422217.hintergrund-zum-krieg-inbegriff-der-nation.html​

[xvi] https://www.jungewelt.de/artikel/422217.hintergrund-zum-krieg-inbegriff-der-nation.html

[xvii] Seit 2016 rekrutiert Asow international mit Schwerpunkt in Westeuropa Neonazis im Rahmen der „Intermarium Support Group“ für den Kampf in der Ostukraine. In diesem Rahmen veranstaltete Asow am 15.Oktober 2018 die internationale Konferenz PanEurope, u.a. mit Beteiligung vom Dritten Weg, NPD. https://www.melodieundrhythmus.com/mr-1-2019/die-wilde-jagd/https://www.counterextremism.com/sites/default/files/CEP-Studie_Gewaltorientierter%20Rechtsextremismus%20und%20Terrorismus_Nov%202020.pdf

[xviii] https://thegrayzone.com/2022/03/31/partnering-neo-nazis-ukraine-history/

[xix] https://www.jungewelt.de/artikel/422217.hintergrund-zum-krieg-inbegriff-der-nation.html

https://www.imi-online.de/2015/05/29/dsselbst-profilierung-im-buergerkrieg/
https://www.amnesty.org/en/latest/news/2014/09/ukraine-mounting-evidence-war-crimes-and-russian-involvement/

[xx] https://www.thenation.com/article/archive/americas-collusion-with-neo-nazis/

[xxi]  https://thegrayzone.com/2022/03/31/partnering-neo-nazis-ukraine-history/

[xxii] Quellen zum Verbot der KPen: https://en.interfax.com.ua/news/general/279946.html und https://www.kyivpost.com/article/content/ukraine-politics/ukraines-justice-ministry-outlaws-communists-from-elections-394217.html

https://en.wikipedia.org/wiki/Communist_Party_of_Ukraine#Views_of_the_ban’s_legitimacy

https://en.wikipedia.org/wiki/Union_of_Communists_of_Ukraine

https://www.rosalux.de/news/id/40812/elitenaustausch-in-der-ukraine

 Offener Protestbrief von Wissenschaftlern: https://krytyka.com/en/articles/open-letter-scholars-and-experts-ukraine-re-so-called-anti-communist-law

[xxiii] https://www.amnesty.org/en/latest/news/2015/12/ukraine-communist-party-ban-decisive-blow-for-freedom-of-speech-in-the-country/

[xxiv] https://www.theguardian.com/world/2015/may/21/ukraine-bans-soviet-symbols-criminalises-sympathy-for-communism

[xxv] http://www.borotba.su/antifashizm-ne-znaet-ogovorok/

[xxvi] https://www.jungewelt.de/artikel/285117.menschenrechtsverletzungen-in-der-ukraine-berlin-wiegelt-ab

[xxvii] https://www.amnesty.org/en/latest/news/2015/12/ukraine-communist-party-ban-decisive-blow-for-freedom-of-speech-in-the-country/

[xxviii] https://www.reuters.com/article/us-cohen-ukraine-commentary-idUSKBN1GV2TY
https://thegrayzone.com/2022/03/04/nazis-ukrainian-war-russia/

[xxix] https://www.rferl.org/a/ukrainian-militia-behind-brutal-romany-attacks-getting-state-funds/29290844.html https://www.hrw.org/news/2018/06/14/joint-letter-ukraines-minister-interior-affairs-and-prosecutor-general-concerning

[xxx] https://www.reuters.com/article/us-cohen-ukraine-commentary-idUSKBN1GV2TY

https://en.wikipedia.org/wiki/S14_(Ukrainian_group)

[xxxi] https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_91882136/-asow-regiment-die-ukraine-muss-sich-eine-frage-gefallen-lasen.html

[xxxii] https://www.reuters.com/article/us-cohen-ukraine-commentary-idUSKBN1GV2TY https://en.hromadske.ua/posts/whats-behind-ukraines-shocking-national-druzhyna-militia

[xxxiii] https://www.reuters.com/article/us-cohen-ukraine-commentary-idUSKBN1GV2TY

[xxxiv] http://achtermai.org/2022/03/05/ausstellung-zum-massaker-von-odessa/

[xxxv] https://www.heise.de/tp/features/Ukrainisches-Fluechtlingsproblem-Massenauswanderung-4156056.html

[xxxvi] https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/7902

[xxxvii] „Trotz der eindeutigen Stellungnahme der Venedig-Kommission (…), das Dekommunisierungsgesetz berge Gefahren für die Demokratie und könne die Meinungsfreiheit eingrenzen, hat das ukrainische Verfassungsgericht es Anfang Juli 2019 für verfassungskonform erklärt. (…) Am 23. Juli 2019 ging die KPU wegen des Parteiverbots mit einem Berufungsverfahren erneut vor Gericht.“ (RLS) https://www.rosalux.de/news/id/40812/elitenaustausch-in-der-ukraine

[xxxviii] Selenskyj mit Nazigruppen bei einem Treffen in Zolote im Donbass: Nationalkorps, C14, Asow. Inhalt der Verhandlungen: angeblich Bewirken von Waffenstillstand und Wahlen in den Gebieten: „Back in October 2019, as the war in eastern Ukraine dragged on, Ukrainian President Volodymyr Zelensky traveled to Zolote, a town situated firmly in the “gray zone” of Donbas, where over 14,000 had been killed, mostly on the pro-Russian side. There, the president encountered the hardened veterans of extreme right paramilitary units keeping up the fight against separatists just a few miles away. Elected on a platform of de-escalation of hostilities with Russia, Zelensky was determined to enforce the so-called Steinmeier Formula conceived by then-German Foreign Minister Walter Steinmeier which called for elections in the Russian-speaking regions of Donetsk and Lugansk. In a face-to-face confrontation with militants from the neo-Nazi Azov Battalion who had launched a campaign to sabotage the peace initiative called “No to Capitulation,” Zelensky encountered a wall of obstinacy.“ https://thegrayzone.com/2022/03/04/nazis-ukrainian-war-russia/

[xxxix] https://www.bellingcat.com/news/uk-and-europe/2019/11/11/ukraines-ministry-of-veterans-affairs-embraced-the-far-right-with-consequences-to-the-u-s/)

[xl] https://thegrayzone.com/2022/03/04/nazis-ukrainian-war-russia/

[xli] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ukraine-neues-sprachgesetz-soll-das-russische-zurueckdraengen-17736397.htmlhttps://www.jungewelt.de/artikel/421044.kiew-%C3%BCbt-staatsterror-aus.html 

[xlii] https://www.jungewelt.de/artikel/423833.krieg-in-der-ukraine-blutrausch-folter-lynchjustiz.html?sstr=menschenrechte%7Cukraine%7C

[xliii] Lauterbach (2015), Bürgerkrieg in der Ukraine, 34. 

[xliv] Lauterbach 2015, 38

[xlv] Militärischer Geheimdienst der Reichswehr und später Wehrmacht. 

[xlvi] Ibid., 40.

[xlvii] Ibid., 41.

[xlviii] Ibid., 42ff.

[xlix] Lauterbach über die andauernde Zusammenarbeit nach ’45 mit den westlichen Geheimdiensten: „In dem Maße, in dem der Kalte Krieg heranreifte, dienten sich ehemalige ukrainische Kollaborateure den Westmächten als antisowjetische Kämpfer an. Stepan Bandera (…) stand seit den späten 40er Jahren in den Diensten erst des britischen, dann des italienischen und schließlich des US-Geheimdienstes. Mitte der 50er Jahre gaben ihn die US-Dienste an den damals entstehenden BND ab; (…) Gerhard von Mende, ein wegen allzu sichtbarer Nazivergangenheit in einer unauffälligen Außenstelle des Bundesinnenministeriums geparkter früherer Professor und Berater des nazistischen »Ostministeriums« hielt die ganzen 50er Jahre über seine schützende Hand über Bandera, als die deutsche Polizei ihn wegen diverser Delikte ins Visier nahm.“ https://www.jungewelt.de/artikel/422217.hintergrund-zum-krieg-inbegriff-der-nation.html

[l] https://original.antiwar.com/Ted_Snider/2022/03/30/partnering-with-neo-nazis-in-ukraine-an-inconvenient-history/ und https://www.jungewelt.de/artikel/422217.hintergrund-zum-krieg-inbegriff-der-nation.html

[li] Kronauer 2018, Meinst du die Russen wollen Krieg?, 46. 

[lii] Ibid.

[liii] Kronauer 2018, 47. 

[liv] https://www.jungewelt.de/artikel/422217.hintergrund-zum-krieg-inbegriff-der-nation.html

Imperialismus, Lenins Vorgehensweise, Befreiungskriege – zum Beitrag Klara Binas

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Von Fatima Saidi

Mit diesem Beitrag beziehe ich mich vor allem auf die Argumentation von Klara Bina („Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung“). Ihren wesentlichen Schlussfolgerungen stimme ich nicht zu, was vor allem mit den Thesen 2-4 argumentiert wird.

  1. Zur Charakterisierung eines Landes im imperialistischen System
  2. Das Modell der Pyramide setzt Lenins Analyse logisch fort
  3. Die militärische Intervention Russlands war kein Befreiungskrieg und damit kein Krieg im Interesse der russischen Arbeiterklasse
  4. Die russische Arbeiterklasse auf die Unterstützung der Kriege der herrschenden russischen Klasse zu orientieren, muss Burgfrieden und Bündnis mit der Monopolbourgeoisie bedeuten und ist deshalb falsch
  5. Die Probleme der aktuellen Diskussion für unsere Praxis

1. Zur Charakterisierung eines Landes im imperialistischen System

Wie auch die vor kurzem veröffentlichten Beiträge von Philipp Kissel und Klara Bina zeigen, ist es für die Einschätzung des aktuellen Kriegseinsatzes und auch der Rolle Russlands relevant, ob das Land imperialistisch ist. 

Dazu scheint es in der internationalen Diskussion bisher zwei Argumentationsstränge zur Einordnung als nicht imperialistisch zu geben: Erstens wird anhand der Merkmale, die Lenin für seine Imperialismustheorie herausarbeitete, argumentiert. 

Zweitens wird die (mehr oder weniger temporäre) Überschneidung der Interessen der Arbeiterklasse verschiedener Länder mit denen der herrschenden Klasse Russlands (aber auch Chinas) anhand der Einsätze in afrikanischen, arabischen und lateinamerikanischen Ländern argumentiert und damit der Imperialismus als Weltherrschaft verstanden wird, die sich in der heute noch eher unipolaren Welt bei den USA konzentriert[1]. Auf China werde ich in diesem Text auch eingehen, weil entsprechende Beispiele in unserer Diskussion auch schon mündlich genannt wurden, und außerdem in den internationalen Diskussionen eine große Rolle spielen.

Mit diesem Abschnitt versuche ich zunächst für den ersten Argumentationsstrang, auf die Methode Lenins in der Charakterisierung eines Lands in seinem Imperialismus-Werk einzugehen. Dabei haben sich für mich einige Fragen ergeben, zu denen unsere kommende Diskussion und Klärung hoffentlich ein tieferes Verständnis bringen wird.

Wie Klara hervorhebt, ist für das Werk Lenins zentral, dass einige wenige Länder (bzw. deren Bourgeoisie) die Welt beherrschen, die anderen Länder unterdrücken und die Beute unter sich aufteilen. Diese unterdrückenden Länder spielen also eine zentrale Rolle, weshalb ihre Darstellung in Lenins Werk genauer betrachtet werden sollte. Dabei fällt auf, dass Lenin in seinem Werk immer wieder unterschiedliche Begriffe für die Charakterisierung der unterdrückenden Länder verwendet und dabei auch immer wieder unterschiedliche und unterschiedlich viele Länder damit fasst. So werden fünf „Großmächte“ genannt (USA, E, RU, D, F) wenn der Besitz von Schienenwegen in Kolonien betrachtet wird (S. 280)[2]. Zur Betrachtung des Kapitalexports hingegen werden nur drei „Hauptländer“ betrachtet. Zum Kolonialbesitz der „Großmächte“ werden sechs Länder genannt (S. 262). Als die vier „reichsten kapitalistischen Länder“ werden dagegen wiederum nur vier Länder hervorgehoben (D, USA, E, F, S. 244). Dann ist von USA, England, Japan als „2,3 weltbeherrschenden, bis an die Zähne bewaffneten Räuber“[3] die Rede (S. 195). An anderer Stelle werden als „riesenstarke imperialistische Räuber“ England, Deutschland und Russland genannt[4]. In Bezug auf die Entwicklung in Kolonien und überseeischen Ländern wird wiederum Japan als „neue imperialistische Macht“ bezeichnet, an gleicher Stelle ist von dem „Kampf der Weltimperialismen“ (S. 279) die Rede.

Zum Vorgehen der Analyse des Imperialismus stellt sich zum einen die Frage, warum Lenin immer wieder unterschiedliche Länder als die unterdrückenden hervorgehoben hat. Teilweise bezogen auf das im Kontext untersuchte Merkmal der fünf Merkmale des Weltsystems, teilweise aber auch im Kontext der Analyse der Dynamik des Imperialismus im Allgemeinen. 

Außerdem ist zu prüfen, ob die Verwendung unterschiedlicher Begriffe für die jeweiligen betrachteten Fragen inhaltliche Gründe hat, oder ob die Begriffe exakt austauschbar sind, und was daraus zu schlussfolgern ist. 

Es muss dann auch genauer untersucht werden, inwiefern das Vorgehen Lenins zur Charakterisierung eines einzelnen Lands wirklich dem gleichen Gedankenprozess folgt wie die Argumentation der aktuellen Diskussion in der kommunistischen Bewegung zur Charakterisierung Russlands und Chinas. Denn teilweise betrachten Diskussionsbeiträge der letzten Jahre die fünf Merkmale des imperialistischen Systems einzeln für sich und belegen dann empirisch, zu welchem Anteil das jeweilige Merkmal für das Land erfüllt ist. Wir haben bisher unsere Analysewerkzeuge nicht genug reflektiert. So ist es möglich, dass auf derselben Grundlage die Einen anhand des Kapitalexport Russlands argumentieren, dass Russland nicht imperialistisch ist, Andere beziehen die gegenteilige Position und verweisen beispielsweise auf die Monopolisierung. Eine Schwierigkeit, die sich direkt ergibt, ist dass auch nicht feststeht, ob und wie die Erfüllung der einzelnen Merkmale zueinander gewichtet werden sollten.

Dabei habe ich den Prozess Lenins in seinem Werk so verstanden, dass generell eines der Merkmale anhand der Erscheinungsform in konkreten Ländern untersucht wird, die (gemeinsam mit anderen, die für dieses Merkmal nicht erwähnt werden) die größten „Räuber“ sind. Als Schlussfolgerung aus der Betrachtung aber wird der Fokus immer wieder auf Aussagen über das gesamte System und die Epoche gelegt, also nicht der Charakter eines Lands in den Vordergrund gestellt in Bezug auf das jeweilige Merkmal. Stattdessen geht es immer wieder um den Charakter des Kapitalismus in unserer Epoche, wie mit diesem abschließenden Fazit zur Betrachtung des Finanzkapitals:

In welche Zeit fällt nun die endgültige Konsolidierung der „neuen Tätigkeit“ der Großbanken? Auf diese wichtige Frage finden wir eine ziemlich genaue Antwort bei Jeidels: […] Das 20. Jahrhundert ist also der Wendepunkt vom alten zum neuen Kapitalismus, von der Herrschaft des Kapitals schlechthin zu der Herrschaft des Finanzkapitals. (S. 229) 

Natürlich gibt es dabei eine Beziehung zwischen dem Charakter des imperialistischen Systems und den Eigenschaften der einzelnen Länder. Das Allgemeine, das imperialistische System, kann nicht unabhängig vom Einzelnen, von den einzelnen Ländern und ihren Beziehungen, bestehen. Also müssen die wesentlichen Eigenschaften der einzelnen imperialistischen und kapitalistischen Länder zueinander betrachtet werden. Das bedeutet aber nicht, dass der Grad der Erfüllung der jeweiligen Eigenschaft direkt zur Charakterisierung des Lands im umgekehrten Schluss verwendet werden kann. 

So ist beispielsweise für Lenins Untersuchung des zaristischen Russlands auffällig, dass Russland nicht unter den Ländern mit aufgeführt wird, die den größten Kapitalexport haben, und sogar betont wird, dass das Land beispielsweise Frankreich in der Hinsicht unterlegen war. Russland war zu dieser Zeit weit zurückgefallen, was etwa den Kapitalexport oder die Monopolisierung betraf. Trotzdem bezeichnete Lenin immer wieder Russland als Großmacht[5] oder als imperialistische Macht[6], die andere Länder wie Polen oder Lettland beherrschte, und zur Lostrennung dieser Länder bekämpft werden müsste[7]. Dasselbe gilt für andere Länder wie beispielsweise Japan und teilweise England.

Im zweiten Teil dieses Abschnitts betrachte ich den zu Beginn genannten zweiten Argumentationsstrang zur Rolle Russlands und Chinas in afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern. Soweit ich das Argument verschiedener Autoren[8] verstanden habe, wird die Art und Weise, wie beide Länder Infrastruktur und Produktionsmittel vor Ort aufbauen und andererseits militärische Interventionen durchführen, im Interesse der Arbeiterklasse vor Ort gesehen. 

Teilweise geht die Argumentation sogar deutlich weiter mit der Orientierung, dass deshalb die russische, oder eventuell sogar die internationale Arbeiterklasse dieses Vorgehen unterstützen sollte – zum Beispiel an dieser Stelle bei Klara Bina:

„hieße für Russland potentiell die Bourgeoisie zu ‚zwingen‘ bzw. je nach Stärke der Arbeiterklasse dazu zu drängen, eine eher nationale Eigenständigkeit zu verfolgen und noch mehr das eigene militärische Potential für die Unterstützung anderer Länder und Arbeiterklassen zum Einsatz zu bringen. Wir sehen wie der proletarische Internationalismus hier funktionieren würde: eine einheitliche Politik der internationalen Arbeiterklasse gegenüber Russland, die im Kern eine Unterstützung des Militäreinsatzes gegen die Faschisten in der Ukraine beinhaltete, aber auch eine solche Position z.B. bezüglich Westasien und Afrika vertreten und praktizieren würde.“ (S. 19, Klara Bina)

Die Einordnung vom Aufbau von Infrastruktur und Fabriken inklusive der billigen Arbeitskräfte vor Ort (Kapitalexport) durch mächtigere Länder widerspricht meiner Sicht der Darstellung Lenins dieser Prozesse als imperialistisch:

„Der Kapitalexport beeinflußt in den Ländern, in die er sich ergießt, die kapitalistische Entwicklung, die er außerordentlich beschleunigt. Wenn daher dieser Export bis zu einem gewissen Grade die Entwicklung in den exportierenden Ländern zu hemmen geeignet ist, so kann dies nur um den Preis einer Ausdehnung und Vertiefung der weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt geschehen“ (S. 247). 

„Der Bau von Eisenbahnen scheint ein einfaches, natürliches, demokratisches, kulturelles, zivilisatorisches Unternehmen zu sein: Ein solches ist er in den Augen der bürgerlichen Professoren, die für die Beschönigung der kapitalistischen Sklaverei bezahlt werden, und in den Augen der kleinbürgerlichen Philister. In Wirklichkeit haben die kapitalistischen Fäden, durch die diese Unternehmungen in tausendfältigen Verschlingungen mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln überhaupt verknüpft sind, diesen Bau in ein Werkzeug zur Unterdrückung von einer Milliarde Menschen (in den Kolonien und Halbkolonien), d.h. von mehr als der Hälfte der Erdbevölkerung in den abhängigen Ländern, und der Lohnsklaven des Kapitals in den »zivilisierten« Ländern verwandelt“ (S. 195).

An dieser Stelle wird mit dem Bau von Eisenbahnen ein typisches Element der Infrastruktur genannt, die für die unterdrückenden Länder den Export von Ressourcen ermöglicht, oder den Import von Waren. Zu diesem konkreten Beispiel gibt es sogar auch für heute eine Übereinstimmung, denn China legt mit dem Bau von über 6000 km Eisenbahnschienen auf dem afrikanischen Kontinent einen Fokus auf diesen Bereich[9]. Trotz dessen, dass mit dem Aufbau dieser Infrastruktur die Entwicklung der abhängigen Länder beschleunigt wird, charakterisiert Lenin diese Prozesse als imperialistisch. Diese Projekte sind eine Antwort auf die Überproduktion der unterdrückenden Länder, die Produktion mit deutlich niedrigeren Löhnen vor Ort eine Antwort auf den tendenziellen Fall der Profitrate, und schließlich ermöglicht der Aufbau von Infrastruktur eine bessere Ausbeutung der unterdrückten Länder.

Da wir ausschließen können, dass es sich hier um die Entwicklungshilfe sozialistischer Länder wie im Fall der Außenpolitik der Sowjetunion handelt, ist der Aufbau von Fabriken und Infrastruktur durch kapitalistischen Länder in anderen, schwächeren Ländern zumindest auf der Grundlage Lenins nicht anders einzuordnen, als ein Ausdruck der Dynamik des imperialistischen Systems. 

Somit deutet sich schon auf der Ebene der allgemeinen Analyse an, dass die Rolle Chinas und Russland in den unterdrückten Ländern auf dem afrikanischen Kontinent nicht überwiegend positiv bewertet werden kann, da ihr Handeln als Kapitalexport und Teil der Prozesse der Neuaufteilung der Welt im Sinne Lenins eingestuft werden kann.

Diese Frage sollten wir trotzdem auf der empirischen Ebene, im Zusammenhang der Charakterisierung beider Länder, weiter untersuchen. 

Schon erste Schlaglichter sind vor allem für China (die russische Bourgeoisie ist dort militärisch und ökonomisch noch weniger aktiv) auf dem afrikanischen Kontinent interessant: So zeigt eine 2014/15 durchgeführte Studie, dass die Mehrheit der Bevölkerung der afrikanischen Staaten die Rolle Chinas positiv bewertet[10].

Andererseits hat China seit 2013 mehr als 70 Ländern 2 Milliarden $ für knapp 1600 Projekte verliehen, und wo Schulden nicht bezahlt werden konnten, wurden schon in manchen Fällen die zugehörigen Infrastruktureinrichtungen konfisziert[11]. Zudem klagen inzwischen mehrere Regierungschefs afrikanischer Länder, dass sie ihre Schulden bei China nicht mehr überblicken könnten. Die neuen Technologien, die durch chinesische Firmen vor Ort eingeführt wurden, haben zu Preissenkung geführt, und entsprechend der Entwicklungsgesetze des Imperialismus die kleine Produktion der Landwirtschaft des Handwerks dort eliminiert. Bei UN-Missionen waren schon 2000 chinesische Soldaten im Einsatz – im Kongo, im Sudan, in Mali und Liberia[12]

Und nicht in allen Ländern begrüßt die Bevölkerung das Handeln Chinas vor Ort – in Vietnam kam es wegen dem Bau von Ölbohrinseln in einem zwischen China und Vietnam umstrittenen Gebiets zu Auseinandersetzungen beider Staaten auf See und gewalttätigen Demonstrationen[13]

Auch in Gwadar, Teil des Seidenstraßenprojekts durch Pakistan, gab es Demonstrationen wegen möglichen Auswirkungen auf die Wasserversorgung, die Elektrizität, und das Auskommen der lokalen Fischer[14] .

Letztendlich sollten wir also kollektiv versuchen, das Verständnis Lenins bei der Einordnung eines Lands als imperialistisch besser nachzuvollziehen. Und im 2. Schritt zu prüfen, wie wir dieses Werkzeug in der heutigen Welt, in derselben Epoche, aber mit einer veränderten Zusammensetzung der Länder, die nicht an der Spitze sind, anwenden können. Dazu gibt es sicherlich schon viele Ausarbeitungen, die mir aber leider noch nicht bekannt sind.

In der AG Deutscher Imperialismus war dieser Mangel schon Ende letzten Jahres aufgefallen, als es uns nicht möglich war, direkt ein Vorgehen zu bestimmen, um den deutschen Imperialismus einzuordnen und zu charakterisieren. Eine Kleingruppe hatte deshalb schon damit begonnen, nochmals die TKP-Thesen, Texte der KKE, sowie weitere aus der IKB auf der Suche nach der passenden Methode zu lesen.

Für die weitere Arbeit finde ich den Anstoß der TKP-Thesen wichtig, nicht ohne weitere Reflexion die fünf Merkmale als einzige Analysewerkzeuge zu übernehmen und außerdem verschiedene Kategorien nicht isoliert betrachtet zu analysieren, sondern sie im gesamten Kontext, in ihren Beziehungen zueinander zu sehen. An der zugehörigen These 7 des TKP-Text sollten wir weiter anknüpfen und versuchen eine ganzheitliche Betrachtung umzusetzen, anstatt die Merkmale schematisch durchzugehen.

Schon heute lässt sich aber aus meiner Sicht sagen, dass vor allem hinsichtlich Anzahl und Charakter der Länder, in die Russland fähig ist politisch oder militärisch einzugreifen, Russland als imperialistisch einzuordnen ist.

2. Das Modell der Pyramide setzt Lenins Analyse logisch fort.

Generell fehlen in der Darstellung Klaras von dem Verständnis der KKE einige entscheidende Zitate, die ein anderes Licht auf die hauptsächlichen Aussagen werfen. 

Hauptsächlich übt sie die Kritik, „dass Imperialismus ersetzt wird durch das Bild eines kapitalistischen Systems gegenseitiger Abhängigkeiten in einer hierarchischen Weltordnung.“ (S. 29). Würde das Modell einfach die gegenseitige Abhängigkeit der Länder der Welt behaupten, wäre es tatsächlich falsch. Aus meiner Sicht bestätigt dagegen aber das Modell der Pyramide den Gedanken Lenins, dass einige wenige Länder mit deutlichem Abstand den großen Teil der Beute bekommen, während viele andere leer ausgehen. So Papariga:

„Heute gibt es nur wenige Länder, die sich an der Spitze, in den ersten Reihen des internationalen imperialistischen Systems befinden (dies wird mit dem Schema einer Pyramide veranschaulicht, um die verschiedenen von den kapitalistischen Ländern besetzten Ebenen zu zeigen), eine Handvoll Länder, könnte man mit den Worten Lenins sagen. Das heißt aber nicht, dass alle anderen kapitalistischen Länder Opfer der mächtigen kapitalistischen Staaten sind.“[15]

Die Pyramide führt also den Gedanken Lenins fort, dass es einige wenige Länder (an der Spitze der Pyramide) gibt, die die anderen Länder unterdrücken. Es wird aber berücksichtigt, dass seit der Zeit Lenins die damaligen Kolonien heute bis auf wenige Ausnahmen keine besetzten Länder sind, sondern in andere Formen von Abhängigkeit geraten sind, und damit zwar einerseits unterdrückt werden, aber teilweise auch wieder andere Länder unterdrücken. Diese Dynamik wird für einige Beispiele sogar schon von Lenin selbst angesprochen: So werden Länder genannt, die nicht dem Club der Räuber angehören, durch imperialistische Mächte unterdrückt werden, und trotzdem andere Länder unterdrücken. In dieser Rolle tauchen Polen, aber auch Portugal und Belgien auf. Das ist unter anderem in den nachfolgenden Zitaten zu sehen, mit denen Lenin auf die seltsame Haltung der polnischen Sozialdemokraten eingeht, die sich nicht für einen nationalen Befreiungskrieg Polens einsetzen wollen, und erklärt mögliche Faktoren ihrer Motivation.

„Die Sache erklärt sich keineswegs aus besonders schlechten subjektiven Eigenschaften der holländischen und polnischen Genossen, sondern aus den besonderen objektiven Verhältnissen ihrer Länder. Beide Länder sind 1. klein und hilflos im gegenwärtigen „System“ der Großmächte; 2. beide liegen geographisch zwischen den am stärksten miteinander rivalisierenden, riesenstarken imperialistischen Räubern (England und Deutschland; Deutschland und Rußland); 3. in beiden sind die Erinnerungen und Traditionen jener Zeiten, da sie noch selbst „Großmächte“ waren, ungeheuer stark; Holland war eine stärkere Kolonialmacht als England; Polen war eine kulturell höherstehende und stärkere Großmacht als Rußland und |356| Preußen; 4. beide haben bis heute Privilegien bewahrt, die in der Unterdrückung fremder Völker bestehen: der holländische Bourgeois beherrscht das überaus reiche Niederländisch-Indien; der polnische Gutsbesitzer unterdrückt den ukrainischen und belorussischen Bauern, der polnische Bourgeois den Juden…“[16]

„Jedenfalls wird wohl kaum jemand zu bestreiten wagen, daß die annektierten Länder Belgien, Serbien, Galizien, Armenien ihren „Aufstand“ gegen die Staaten, durch die sie annektiert worden sind, „Vaterlandsverteidigung“ nennen werden und mit Recht so nennen werden. Es ergibt sich, daß die polnischen Genossen gegen einen solchen Aufstand sind, und zwar deswegen, weil es in diesen annektierten Ländern auch eine Bourgeoisie gibt, die auch fremde Völker unterdrückt oder, richtiger gesagt, unterdrücken kann, da es sich nur um ihr „Recht auf Unterdrückung“ handelt.“[17]

Wenn wir vor allem heute die Welt in zwei mehr oder weniger homogene Gruppen unterteilen und auf diese Weise Staaten wie die Türkei, Israel oder der Iran in einer Gruppe mit dem Kongo oder Palästina landen werden wir nur eine sehr unscharfe Analyse haben. Sowohl hinsichtlich ihrer Fähigkeit, die Politik anderer Länder zu beeinflussen, als auch ihrer Stellung bezüglich der fünf Merkmale des Weltsystems ist das offensichtlich absurd und verschleiert die tatsächlichen Verhältnisse auf der Welt, wie auch die Bedingungen für den Kampf der Arbeiterklasse.

Diese Position würde wohl niemand in unseren Reihen vertreten, sie liegt aber nahe, wenn anstelle der Differenzierung der Pyramide für die Länder die nicht an der Spitze sind, ein so starker Fokus auf die Trennung zwischen Räuber und dem Rest der Welt gelegt wird. Zudem trennte auch Lenin nicht die Länder der Welt in diese zwei Gruppen auf, sondern unterscheidet für die Länder, die nicht zu den Großmächten gehörten nochmals zwischen Halbkolonien und Kolonien. 

Wie mit dem vorherigen Abschnitt argumentiert, spricht außerdem auch Lenin teilweise Staaten wie Russland einen imperialistischen Charakter zu, auch wenn er diesen nicht für alle Merkmale des imperialistischen Systems hergeleitet hat, sie haben also keine Stellung an der Spitze, werden teilweise auch unterdrückt für einzelne Aspekte, unterdrücken aber auch wieder andere Länder.

Die Genossin bezieht sich in ihrem Beitrag auf das folgende Zitat von Papariga:

„Sie verwenden willkürlich die Einschätzung von Lenin in seinem bekannten Werk […], dass eine Handvoll, eine sehr kleine Anzahl von Staaten die große Mehrheit der Staaten auf der ganzen Welt ausplündert“.[18]

Sie interpretiert Papariga so, dass die Aussage „eine Hand voll Räuber beuten die Welt aus“ eine Verfälschung Lenins sei. Es ist richtig, dass das Lenin grundsätzlich widersprechen würde. Ich verstehe die Aussage aber so, dass nicht der Analyse Lenins einer Handvoll unterdrückender Länder widersprochen wird, sondern die Art und Weise, wie Opportunisten diese Erkenntnis missbrauchen, kritisiert. Dafür spricht das zu Beginn eingebrachte Zitat („few countries at the summit“, aber auch, dass Papariga am Beispiel des Kapitalexport betont, dass die USA und die EU immer noch den „Löwenanteil“ haben, und nicht ihre Vormachtstellung („primacy“) verloren hätten. 

Die stark asymmetrische Qualität der wechselseitigen Abhängigkeit zu betonen, halte ich aber auch für besonders wichtig im Sinne der Fortsetzung von Lenins Betrachtungen. Für eine genaue Analyse ist es wichtig zu sehen, dass Länder wie die Westsahara oder das palästinensische Gebiet ganz unten in der Pyramide sind, und in keiner Weise von einer „Beute“ profitieren. Für die weitere Diskussion finde ich es hilfreich, wenn wir uns darüber austauschen, ob das unserem Verständnis des Modells entspricht, und auch dem Verständnis der KKE. Dafür ist auch der direkte Austausch mit der KKE sinnvoll.

Den Begriff der Abhängigkeit müssen wir noch genauer anschauen. So kritisiert Klara dass es sich bei dem Imperialismus laut der Pyramide um ein „Regime der gegenseitigen Abhängigkeit“ (S. 22) handelt. Wenn in dem Text von Papariga aber Beispiele dazu gebracht werden, so ist es die Abhängigkeit des deutschen Imperialismus von der Fähigkeit europäischer Länder und Chinas, Waren- und Kapitalexport aufzunehmen. Die USA werden als abhängig von China bezeichnet in der Hinsicht ihres Währungskurses. Es handelt sich hier also nicht um die Form der Abhängigkeit, mit der beispielsweise Lenin Länder als abhängig einstuft – als politisch nicht handlungsfähig oder sogar besetzt.

Die Herrschaft der Länder an der Spitze wird auch in anderen zentralen Texten der KKE betont, beispielsweise wird im Kapitel B der Thesen zum 21. Kongress[19] klar der Fokus auf die Länder und Bündnisse gelegt, die an der Spitze des Systems stehen (USA, NATO, EU, China). Belegt wird die Einordnung mit verschiedenen Ziffern zur militärischen Kraft, und dabei vor allem die weltweite Expansion der NATO betont, die auch Russland, Iran und China bedroht. Wie das folgende Zitat zeigt, wird dabei keinesfalls die Stellung der USA im Weltsystem mit der der anderen Länder gleichgesetzt:

Um ihre Vormachtstellung im imperialistischen System zu sichern, streben die USA eine Neuausrichtung ihrer Allianzen, die Überprüfung von Abkommen, die Umstrukturierung internationaler Organisationen und die Lähmung anderer an.[20]

Auch Lenin geht auf eine gegenseitige Beziehung unterdrückter und unterdrückender Länder im imperialistischen System ein, die charakteristisch für das imperialistische System sei (er spricht aber nicht von Abhängigkeit):

„Portugal ist ein selbständiger, souveräner Staat, aber faktisch steht es seit mehr als 200 Jahren, seit dem spanischen Erbfolgekrieg (1704-1714), unter dem Protektorat Englands. England verteidigte Portugal und dessen Kolonialbesitz, um seine eigene Position im Kampfe gegen seine Gegner, Spanien und Frankreich, zu stärken. Dafür erhielt England Handelsprivilegien, bessere Bedingungen beim Warenexport und besonders beim Kapitalexport nach Portugal und seinen Kolonien, die Möglichkeit, die Häfen und Inseln Portugals zu benutzen, seine Kabel usw. usf. Derartige Beziehungen zwischen einzelnen großen und kleinen Staaten hat es immer gegeben, aber in der Epoche des kapitalistischen Imperialismus werden sie zum allgemeinen System“ (S. 87)

Mit den im vorherigen Abschnitt angesprochenen Problemen, wie ein Land innerhalb dieses Modells eingeordnet werden kann, und wie wir die qualitativen Unterschiede zwischen den Ländern an der Spitze, die deutlich am meisten profitieren, und den anderen Ländern sichtbar machen, sollten wir uns noch weiter beschäftigen. So nennt die KKE beispielsweise den Kapitalexport bei der Einordnung Griechenlands, Beteiligung an militärischen Interventionen, aber auch die strategischen Beziehungen mit den USA und die geographische Position. Sie argumentiert also nicht, wie Klara schreibt (S. 21), hauptsächlich mit den Vorteilen der griechischen Bourgeoisie. Dieselbe Frage müssen wir uns aber auch ohne das Bild der Pyramide stellen. Die gewonnene Analyseschärfe durch die Pyramide, nicht hinter Lenin zurückzufallen indem alle Länder, die keine Großmächte sind, in eine Gruppe eingeordnet werden, sollten wir aber nicht aufgeben.

3. Die militärische Intervention Russlands war kein Befreiungskrieg und damit kein Krieg im Interesse der russischen Arbeiterklasse.

Zur Diskussion der Kriegsziele, dass der aktuelle Krieg in der Ukraine nicht vorrangig um Absatzmärkte geführt wird, stimme ich Klara Bina und Philipp Kissel zu und finde dahingehend auch das Joint Statement zu oberflächlich (These 2 dort).

Für die weitere Diskussion finde ich es hilfreich festzuhalten, was unter einem „nationalen Befreiungskrieg“ im Sinne Lenins zu verstehen ist, im Gegensatz zu einem imperialistischen Krieg. Wie Klara schon betont, verurteilt Lenin keineswegs alle Kriege, sondern bezieht sich positiv auf die nationalen Kriege, und betont auch, dass ein imperialistischer Krieg in einen nationalen Krieg umschlagen kann, und umgekehrt (S. 38 Klara Bina).

Ich verstehe Lenins Aussagen in den folgenden Textausschnitten aber so, dass der Begriff des nationalen Kriegs eingeschränkt ist. So werden folgende Losungen für nationale Kriege ausgegeben, die sich aber alle auf die Lostrennung, die „Absonderung“ annektierte Nationen beziehen:

„Die Sozialisten werden den Massen zu erklären haben, daß die Sozialisten Englands, welche die Freiheit der Abtrennung der Kolonien sowie Irlands nicht fordern, die Sozialisten Deutschlands, welche ebenfalls die Freiheit der Abtrennung der Kolonien sowie Elsaß-Lothringens, der Polen und der Dänen nicht fordern, […], die Sozialisten Rußlands, welche die Freiheit der Abtrennung Finnlands, Polens, der Ukraine u.a. nicht verlangen, usw. daß solche Sozialisten als Chauvinisten, als Lakaien der von Blut und Schmutz triefenden imperialistischen Monarchien und imperialistischen Bourgeoisie handeln.“ (Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, 1916, Bd. 22, S. 156)

„Eben deshalb muß die Einteilung der Nationen in unterdrückende und unterdrückte den Zentralpunkt in den sozialdemokratischen Programmen bilden, da diese Einteilung das Wesen des Imperialismus ausmacht […]. Aus dieser Einteilung folgt unsere konsequent demokratische, revolutionäre, der allgemeinen Aufgabe des sofortigen Kampfes für den Sozialismus entsprechende Auffassung vom „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“. Im Namen dieses Rechtes, dessen aufrichtige Anerkennung der Sozialismus fordert, müssen die Sozialdemokraten der unterdrückenden Nationen die Freiheit der Absonderung für die unterdrückten Nationen fordern.“ (Das revolutionäre Proletariat und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, Bd. 21, S. 416)

„Wollen wir den Sozialismus nicht preisgeben, so müssen wir jeden Aufstand gegen unseren Hauptfeind, die Bourgeoisie der Großmächte, unterstützen, wenn es nicht ein Aufstand einer reaktionären Klasse ist. Lehnen wir die Unterstützung eines Aufstands annektierter Gebiete ab, so werden wir – objektiv – zu Annexionisten..“ (Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung, Bd. 22, S. 339)

„Der Schwerpunkt der internationalistischen Erziehung der Arbeiter in den unterdrückenden Ländern muß unbedingt darin liegen, daß sie die Freiheit der Lostrennung der unterdrückten Länder propagieren und verfechten. (Für die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung,“ Bd. 22, S. 353).

Das letzte Zitat setzt den Fokus allerdings auf die Charakterisierung der beteiligten Mächte, was also wieder auf die Frage hinausläuft, ob Russland imperialistisch oder eine Großmacht ist (und ob es einen Unterschied zwischen beiden Begriffen gibt).

„Die Epoche 1789 bis 1871 war die des fortschrittlichen Kapitalismus, als auf der Tagesordnung der Geschichte die Niederringung des Feudalismus, des Absolutismus, die Abschüttelung des fremden Joches stand. Auf diesem und nur auf diesem Boden war die „Vaterlandsverteidigung“ zulässig, das heißt eine Verteidigung gegen die Unterdrückung. Im Kriege gegen die imperialistischen Großmächte könnte dieser Begriff auch jetzt angewandt werden, aber es ist eine Absurdität ihn auf den Krieg zwischen den imperialistischen Großmächten anzuwenden, auf einen Krieg, in dem es darum geht, wer die Balkanländer, Kleinasien usw. mehr ausplündern kann.“ (Der Opportunismus und der Zusammenbruch der 2. internationale, Bd. 22)

Der Schwerpunkt Lenins zum nationalen Krieg bezieht sich auf Länder die annektiert sind, auf die Forderung der Lostrennung von Polen, Ukraine, Lettland, afrikanischer und lateinamerikanischer Kolonien. Wir müssen uns hier auch den historischen Hintergrund vor Augen führen, für den Lenin die Orientierungen zum nationalen Krieg vorgibt. Ein großer Teil der Länder weltweit waren noch Kolonien oder direkt politisch abhängig, ohne den geringsten eigenen Handlungsspielraum. Auf der Tagesordnung stand – mit der sozialistischen Revolution – die Lostrennung dieser Kolonien, das Beenden der Annexionen. Aus diesen Bestimmungen zum nationalen Krieg ist also nicht direkt abzuleiten, dass der Krieg Russlands national sei (angenommen, man würde der Argumentation folgen, dass die NATO Russland sicher angegriffen hätte – was ich nicht tue). Russland ist nicht annektiert, und auch nicht in dem Sinne abhängig, dass es keinen Spielraum für eigenständige politische Handlungen hat, wie auch die Interventionen in afrikanischen und arabischen Ländern zeigen. 

Wie Klara auch aufzeigt, ist der andere Fall, für den Lenin Kriege als positiv einstuft, Kriege die von feudalistischen Reichen zur Demokratie der Bourgeoisie im Kapitalismus führen, weil sie die Geschichte weiter vorangetrieben haben. Dieser Fall wäre eventuell anwendbar, wenn bewiesen würde, dass die Ukraine im Stadium des Faschismus an der Macht ist, wozu mich die bisherige Debatte nicht überzeugt hat. Darüber hinaus würde ich trotzdem beispielsweise den Zweiten Weltkrieg – abgesehen von der Teilnahme der Sowjetunion und den Partisanen-Befreiungsbewegungen – als zwischenimperialistisch einstufen. Der Verweis auf einen Faschismus an der Macht hat nicht direkt die Konsequenz, einen Krieg als im Sinn der Arbeiterklasse einzuordnen.

Die Übertragung der Weltlage zur Zeit Lenins und seinen getroffenen Aussagen auf die heutige Situation ist aber nicht einfach, ich finde es deshalb wichtig, dass wir uns weiter damit beschäftigen.

Um auf der Grundlage Lenins zu argumentieren, müsste man also zunächst beweisen, dass Russland entweder annektiert ist oder warum hier der Gedanke des napoleonischen Kriegs übertragbar ist und dann, inwiefern ein Angriff auf die Ukraine ein Befreiungskrieg in diesem Sinne sein kann.

4. Die russische Arbeiterklasse auf die Unterstützung der Kriege der herrschenden russischen Klasse zu orientieren, muss Burgfrieden und Bündnis mit der Monopolbourgeoisie bedeuten und ist deshalb falsch.

Klara wirft in ihrem Beitrag die Frage auf, welche Gefahren es für die deutsche Arbeiterklasse gehabt hätte, wenn wir keine gemeinsame Position zum russischen Militäreinsatz finden und uns auf unseren Hauptfeind zu konzentrieren. Die Frage trifft nicht den Kern unserer Diskussion, weil die Forderung einiger Genossen nicht nur ist, den russischen Militäreinsatz nicht zu erwähnen, sondern der Einsatz begrüßt wird, wie auch in ihrem Beitrag. Darüber hinaus wird die Frage nach der Einschätzung zu den Ereignissen in der Ukraine in der Praxis, im Gespräch in der Massenarbeit, in Veranstaltungen oder in Diskussionen auf der Straße immer wieder aufkommen. Mit einem bloßen Verweis auf die Rolle des deutschen Imperialismus, ohne etwas konkret zur Lage vor Ort sagen zu können, wird man Kollegen und Diskussionsteilnehmer nicht überzeugen können.

Einen Widerspruch in der Argumentation Klaras sehe ich zu der Frage, sich unter der Flagge Russlands zu zusammen. So wird die Frage gestellt, ob die Befürchtung ist, „das große Teile der Arbeiterklasse in Deutschland sich unter die Flagge Russlands stellen könnten“ (S. 41). Auch zu Beginn ihres Beitrags kritisiert sie, dass einigen Genossen fälschlicherweise die Forderung unterstellen würden, „man [solle] sich unter die Flagge einer Kriegspartei stellen“ (S. 9). Tatsächlich läuft doch aber die im 1. Kapitel zitierte konkrete Orientierung von Klaras Beitrag darauf hinaus, dass die Arbeiterklasse auf die Unterstützung des russischen Staates orientiert wird.

Für mich ist nicht klar, wie sich diese Forderung davon unterscheidet, sich unter die Flagge eines Lands zu stellen. Vielleicht ist an dieser Stelle der Diskussion auch das Bild „sich unter eine Flagge zu stellen“ das Problem – für die weitere Diskussion ist es hilfreich, wenn die Genossen genauer ausführen, was ihrer Meinung nach die richtige Orientierung für die russische und die internationale Arbeiterklasse für den aktuellen Krieg und für künftige Interventionen Russlands und Chinas sein soll. 

Dennoch ist es richtig, dass die größere Gefahr für die deutsche Arbeiterklasse die Blendung durch die Propaganda des deutschen Imperialismus ist. Diese Gefahr müssen wir ernst nehmen, und sollten deshalb großen Wert darauf legen, unsere Argumentation über das tatsächliche Wesen der NATO und des deutschen Imperialismus besser auszuarbeiten und Material für entsprechende Veranstaltungen und Aktionen erarbeiten. Und auch hier sind wir uns in der KO einig, aber auch international ist zu sehen, dass sich beispielsweise bei der KKE, gegen die sich Vorwürfe der Äquidistanz richten, die Aktionen konsequent gegen NATO-Transporte Alltag richten und die Klasse dazu mobilisiert wird.

Trotzdem muss hier die Unterscheidung getroffen werden, die auch Spanidis’ These 6 in seinem kürzlich veröffentlichten Beitrag gemacht hat – zwischen der Gefahr für die Arbeiterbewegung und die kommunistische Bewegung, falschen Illusionen über den Kapitalismus, über das Potenzial einzelner Länder, über möglichen Etappen für unsere Strategie zu verfallen. 

5. Die Probleme der aktuellen Diskussion für unsere Praxis

Es ist wichtig einmal festzuhalten, dass alle veröffentlichten Beiträge von Genossen der KO es als Problem sehen, dass wir uns wegen der Fragen der aktuellen Diskussion momentan nicht näher mit der Kriegshetze des deutsche Imperialismus und der NATO als unserem Hauptfeind beschäftigen können. Ich halte es für wichtig, noch mal festzuhalten, dass bisher niemand innerhalb der KO widersprochen hat, dass die NATO eine militärisch aggressive Erweiterung während den letzten Jahrzehnten betrieben hatte und der ursprüngliche Aggressor ist. Das hat beispielsweise Spanidis in These 8 seines Beitrags festgehalten.

Wie schon oben argumentiert, können wir es uns als Organisation nicht leisten, jetzt und künftig keine Position zum Handeln Russlands (und Chinas) zu haben, weil sich diese Frage in der Agitation immer wieder stellen wird, anlässlich jeweils aktueller internationaler Konflikte. Trotzdem ist es fatal, dass wir uns wegen der Klärung dieser Frage gerade nicht auf die Argumentation zu Deutschland und der NATO konzentrieren können, weil das angesichts der Desorientierung der linken Bewegung und teilweise auch der Friedensbewegung, der verhetzten Stimmung der deutschen Arbeiterklasse dringend notwendig wäre. Ich habe auch schon in bisherigen Diskussionen mit Kollegen etc. gemerkt, dass ich mir dazu nicht genügend Wissen aneignen konnte, weil die aktuelle Diskussion sehr zeitraubend ist. Trotzdem ist sie dringend notwendig, weil sich auch Fragen zu den Werkzeugen unseres Imperialismusverständnis stellen.

Damit steht einerseits für deutsche Kommunisten an, „eine Sammlungsbewegung für eine eigenständige aggressive Außenpolitik“ (Klara Bina, S. 18) zu verhindern. 

Um in der Zukunft klare Orientierung geben zu können, haben wir aber auch Aufgaben auf der theoretischen Ebene.

Generell müssen wir auch dringend Selbstkritik üben, denn wie sich durch den aktuellen Dissens zeigt, haben wir uns viel zu wenig mit internationalen Konflikten und Themen der Arbeiterklasse beschäftigt. Wir müssen in Zukunft genauere Stellungnahmen zu breiteren Themen schreiben, die wir für die Ausarbeitung immer wieder konkret auf unsere Grundlagen beziehen und auch mehr reflektierte Aktionen und Veranstaltungen zu solchen Themen machen. So werden wir frühzeitiger wahrnehmen, wenn beispielsweise unsere gemeinsamen Grundlagen noch zu schwammig und damit offen für Interpretationen sind oder es andere Unklarheiten und Widersprüche gibt.


[1] für die DKP zum Beispiel hier: Leitantrag des Parteivorstandes an den 23. Parteitag der DKP, https://www.unsere-zeit.de/frieden-geht-nur-mit-russland-und-china-168025/

[2] für die bessere Lesbarkeit beziehen sich alle Zitate Lenins, wenn nur als Seitenzahl angegeben, auf dieses Werk: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 22, 3. Auflage, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960, Berlin/DDR. S. 189-309.

[3] die Nennung von Japan muss genau im Kontext geprüft werden – wie Lenin in seinem Vorwort hinweist, war er durch die russische Zensur teilweise gezwungen, Japan zu nennen, wo eigentlich Russland gemeint war

[4] Lenin, die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung, Bd. 22

[5] S. 280, S. 262

[6] Lenin, Über die Junius Broschüre, Bd. 22.; Lenin, über das Friedensprogramm, Bd. 22

[7] Lenin, Haben das OK und die Fraktion Tschcheïdse eine eigene Linie? Bd. 22; 

Lenin, die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, Bd. 22;

Lenin, Über den Frieden ohne Annexionen und die Unabhängigkeit Polens als Tageslosung in Rußland

[8] siehe zum Beispiel der weiter unten zitierte Text das Max-Engels-Zentrum zu China in Afrika, https://monthlyreview.org/2015/07/01/imperialism-and-anti-imperialism-in-africa/https://kanaanonline.org/en/2018/08/17/samir-amin-how-to-defeat-the-collective-imperialism-of-the-triad-an-exclusive-interview-for-katehon/  

[9] https://www.theafricareport.com/98171/chinas-relationship-with-africa-goes-deeper-than-just-resource-extraction/, 2021

[10] Max Engels Zentrum Berlin, https://mez-berlin.de/positionen-detailansicht/land-grabbing-china-als-neuer-kolonialherr-in-afrika.html  

[11] NZZ, https://www.nzz.ch/wirtschaft/eine-hoffnungsvolle-aber-gefaehrliche-liaison-ld.1418336  2018

[12] https://www.nzz.ch/wirtschaft/eine-hoffnungsvolle-aber-gefaehrliche-liaison-ld.1418336 , 2018

[13] https://www.theguardian.com/world/2014/may/15/vietnam-anti-china-protests-oil-rig-dead-injured, 2014

[14] https://www.theguardian.com/environment/2021/aug/20/water-protests-in-pakistan-erupt-against-chinas-belt-and-road-plan, 2021

[15] https://inter.kke.gr/en/articles/On-Imperialism-The-Imperialist-Pyramid/, im Original: “Today there are few countries which are at the summit, in the first positions of the international imperialist system (it is illustrated with the schema of a pyramid in order to show the various levels occupied by the capitalist countries) a handful of countries one could say according to the Leninist expression. But this does not mean that all the other capitalist countries are victims of the powerful capitalist states.”

[16] Lenin, die Ergebnisse Diskussion über die Selbstbestimmung, Bd. 22

[17] Lenin, die Ergebnisse Diskussion über die Selbstbestimmung, Bd. 22

[18] im Original: “They use arbitrarily the assessment of Lenin in his well-known work IMPERIALISM THE HIGHEST STAGE OF CAPITALISM that a handful, a very small number of states plunder the vast majority of the states across the globe”.

[19] https://inter.kke.gr/en/articles/–01410/#kefalaio10), 2021

[20] Kapitel B der Thesen vom 21. Parteitag, im Original: In order to secure its supremacy in the imperialist system, the US is moving towards the realignment of its alliances, the review of agreements, the restructuring of international organizations and the paralyzing of others

Kampf gegen den Krieg bedeutet Kampf gegen die NATO!

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Stellungnahme der KO zum Ostermarsch 2022

In Europa herrscht wieder Krieg und das – auch wenn die Medien es oft anders behaupten – keineswegs zum ersten Mal seit 1945: Die Invasion der Türkei in Zypern 1974, die vom Westen geschürten Kriege in Jugoslawien und der NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999, schließlich auch der seit 2014 laufende Krieg des ukrainischen Regimes im Donbas werden dabei gerne verschwiegen – zu deutlich wäre in diesen Fällen, dass EU und NATO entgegen ihrer eigenen Propaganda keine Friedensengel sind, sondern seit Jahrzehnten Kriege verursachen und führen. Der Blick über die Grenzen Europas hinaus lässt das Bild noch klarer werden: Von Korea und Vietnam über Jugoslawien, Irak, Palästina und Afghanistan bis Libyen, Syrien und Mali zieht sich die Blutspur, die die USA und ihre Verbündeten über den Globus ziehen. In den meisten Fällen mit dabei, ob direkt oder indirekt, war und ist die Bundesrepublik Deutschland. Mit Waffenlieferungen und Geld, Bereitstellung militärischer Infrastruktur oder wie in Jugoslawien, Afghanistan und Mali auch mit eigenen Streitkräften. 

Die NATO ist das aggressivste und mörderischste imperialistische Kriegsbündnis auf dem Planeten. Wenn ausgerechnet diese Brandstifter sich nun anlässlich des Krieges in der Ukraine als Feuerwehr, als „Verteidigungsbündnis angesichts der russischen Aggression“ präsentieren, ist das an Heuchelei und Verlogenheit nicht mehr zu übertreffen. 

Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium bedeutet Krieg, Krise und Reaktion. Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik der herrschenden Klasse mit anderen Mitteln. Diesem System kann nur durch den organisierten Klassenkrieg der Arbeiterklasse ein Ende gesetzt werden, der die Ursachen an der Wurzel packt und die Herrschaft der Kapitalistenklasse beendet.

Um diesen Klassenkrieg des Proletariats zu verhindern, wird in jedem Krieg die Bevölkerung darauf eingestimmt, warum jeweils dieser neue Krieg nun unbedingt notwendig und im Interesse der Allgemeinheit sei. Reicht die Verdrehung von Tatsachen nicht aus, um einen Krieg zu legitimieren, werden kurzerhand Tatsachen gänzlich frei erfunden. So zum Beispiel die angebliche Ermordung kuwaitischer Säuglinge durch irakische Soldaten 1990, der „serbische Völkermord“ in Jugoslawien 1999 oder die „Massenvernichtungswaffen“ im Irak 2003 – alles nachweislich Lügen, die der Legitimation von Angriffskriegen der USA und der NATO dienten. Aufgabe von uns Kommunisten, aber auch der Antikriegsbewegung, ist es, der Kriegspropaganda entgegenzutreten. Diese Lügen sollen die Arbeiterklasse und das Volk dazu bewegen, ungeheure Opfer für die Interessen des Kapitals zu bringen und das eigene Blut zu vergießen, wenn wieder einmal für Profite gemordet wird. Auch den aktuellen Krieg in der Ukraine bezahlen nicht die Imperialisten, sondern einfache Menschen und Arbeiter in Russland, im Donbas und in der Ukraine. Aber auch wir, wenn die Preise für Öl, für Gas, Getreide und andere Lebensmittel nun in astronomische Höhen schießen. 

Der Bundestag hat ein Paket zur Aufrüstung der Bundeswehr um 100 Milliarden Euro beschlossen. Damit wird die BRD zum drittgrößten Aufrüster der Welt, nach den USA und China. Mit diesem Geld werden nun in enormem Ausmaß neue Waffensysteme angeschafft, u.a. auch atomwaffenfähige Kampfflugzeuge, die die Gefahr einer Eskalation zu einem nuklearen Inferno in Europa massiv erhöhen. Es ist die deutsche Arbeiterklasse selbst, die diese Rechnung durch ihre Steuern, weitere Einsparungen bei Bildung, Gesundheit und im Sozialwesen und im schlimmsten Falle mit ihrem Leben und dem Leben ihrer internationalen Klassengeschwister bezahlt.

Gleichzeitig werden die ukrainischen Asow-Faschisten politisch hofiert, rehabilitiert und als Befreiungskämpfer stilisiert. Dafür werden ungeheuerlicher Geschichtsrevisionismus und Kriegshetze betrieben. Wie nie zuvor wird deutlich: Die politische und ökonomische Elite Deutschlands setzt die Traditionslinie der Naziverbrecher, die den räuberisch-faschistischen Krieg in der Sowjetunion geführt haben, fort!

Doch wie ist der Krieg in der Ukraine nun einzuschätzen? Laut den deutschen Medien handelt es sich um einen unprovozierten, aus heiterem Himmel begonnenen Angriffskrieg Putins. Die NATO habe damit nichts zu tun. Im Gegenteil zeige der russische Krieg, wie notwendig dieses angebliche Verteidigungsbündnis doch sei. 

Wir sind uns als Kommunistische Organisation leider nicht einig, wie der von Russland geführte Krieg einzuschätzen ist. Doch eindeutig ist die Schuld der EU und der NATO, der USA und Deutschlands an der Eskalation dieses Konfliktes zum Krieg: 

Im Zuge der Zerschlagung des Sozialismus in der Sowjetunion 1989-91 und der Auflösung des Warschauer Vertrags wurden den Führern der Sowjetunion mehrfach eindeutige Versprechungen gemacht, dass die NATO sich nicht nach Osteuropa ausdehnen würde – diese Versprechen wurden dreist gebrochen, indem die NATO im Baltikum bis an die russischen Grenzen vorstieß. Schon lange vor 2014 versuchte die NATO die Ukraine in ihren Einflussbereich zu ziehen. 2014 wurde die gewählte Regierung der Ukraine dann durch einen Staatsstreich aus dem Amt gefegt. Dieser Putsch wurde von den USA und der EU unterstützt und vorangetrieben. Seine Stoßtruppen auf dem Maidan-Platz in Kiew waren in erster Linie organisierte Nazis, deren Existenz von westlichen Medien und Politikern überwiegend totgeschwiegen oder verharmlost wurde. Die Faschisten haben in den folgenden Jahren einen enormen Einfluss im ukrainischen Staat erworben. Das Asow-Regiment, ursprünglich eine paramilitärische Neonazi-Gruppierung, wurde in die regulären ukrainischen Streitkräfte integriert und kämpft weiterhin unter faschistischen Symbolen. Die Faschisten gehörten in den letzten Jahren zu den kampfstärksten und motiviertesten Kräften der ukrainischen Armee. Doch die Verherrlichung von Nazi-Kollaborateuren und -Kriegsverbrechern wie Stepan Bandera und Roman Schuchjewitsch wird von der ukrainischen Regierung selbst massiv vorangetrieben – diese Schlächter, die im Zweiten Weltkrieg für Massaker an vielen Zehntausenden Juden, Roma, Polen, Ukrainern und Russen verantwortlich waren, werden in der heutigen Ukraine als Volkshelden verehrt. In Odessa wurden am 2. Mai 2014 Antifaschisten, Linke und Gewerkschafter von Nazis in das dortige Gewerkschaftshaus getrieben und angezündet: 48 Menschen starben bei diesem Massaker. Eine Aufklärung oder strafrechtliche Verfolgung durch das Kiewer Regime hat es nie gegeben. Der Maidan-Putsch von 2014, die Normalisierung des Faschismus und die Diskriminierungen der russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine stießen im Osten und Süden der Ukraine auf starke und nachvollziehbare Ablehnung. Die Krim und der Donbas strebten infolgedessen nach Unabhängigkeit vom neuen Kiewer Regime. Doch die Regierung reagierte sofort mit militärischer Gewalt auf diese Unabhängigkeitsbestrebungen und begann einen Krieg, in dem nach offiziellen Angaben etwa 14.000 Menschen ums Leben kamen.

Am 24. Februar hat nun die Russische Föderation eine Militäroperation in der Ukraine begonnen. Zu dieser gibt es in der Friedensbewegung und der kommunistischen Bewegung sehr unterschiedliche Einschätzungen. Auf der einen Seite wird der Einmarsch als eine Verteidigungsmaßnahme gegen die NATO-Aggression, die maßgeblich von den USA gesteuert werde, bewertet. Eine Gleichsetzung der Akteure USA und Russland wird explizit abgelehnt. Auf der anderen Seite wird betont, dass auch Russlands Handeln den ökonomischen, politischen und militärischen Interessen der eigenen Kapitalistenklasse entspreche und nicht im Interesse der Arbeiterklasse Russlands und der Ukraine sein könne. Sowohl das Handeln der NATO als auch Russlands trügen einen imperialistischen Charakter und die Unterscheidung in Aggression und Verteidigung reiche nicht aus, um das Wesen des Krieges zu beschreiben. Die NATO sei weiterhin das gefährlichste imperialistische Bündnis für die Arbeiterklasse weltweit, aber auch Russland habe gezeigt, die Interessen der eigenen Kapitalisten mit Waffengewalt zu vertreten. 

Diese Differenzen gibt es auch in unserer Organisation. 

Die deutsche Regierung und ihre Verbündeten in der NATO beantworten die Frage klar: Der Feind heißt Russland. Wir sollten uns deshalb über die Relevanz unseres Dissenses keine Illusionen machen, denn:  Will die Bewegung und die Arbeiterklasse den Krieg beenden, muss sie diese Fragen beantworten. Sie auf einen Minimalkonsens zu beschränken oder gar auszusitzen würde bedeuten, sich nicht das erste Mal in der Geschichte vor den Karren der imperialistischen Propaganda spannen zu lassen. Die Losung heißt jedoch nach wie vor:

Der Hauptfeind steht im eigenen Land!

Keine Waffenlieferungen an die Ukraine!

Nein zum 100-Milliarden-Kriegskredit!

Kampf dem Faschismus in der Ukraine und hierzulande!

Stoppt den antirussischen Rassismus!

Stopp der Sanktionen gegen Russland und Belarus!

Kampf dem deutschen Imperialismus und der NATO!

Solidarität mit der Kommunistischen Partei der Ukraine und der Volksrepubliken!

Unipolare Welt?

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Von Pablo Medina

Klara Bina schreibt in ihrem Diskussionsbeitrag, dass wir uns in einer unipolaren Welt befinden würden, wobei „mit dem Imperium die USA gemeint ist“. 

Die Schwächung dieses „Alpha-Räubers“ müsse ein wesentlicher Fluchtpunkt strategischer Überlegungen der Kommunisten sein um Handlungsspielräume für die Völker zu eröffnen.

Ich möchte in diesem Diskussionsbeitrag nicht konkret Stellung zum aktuellen Ukraine-Konflikt beziehen, da ich mich dazu bisher auch nicht ausreichend in der Lage sehe. 

Stattdessen versuche ich eine allgemeinere, dahinter stehende Frage zu diskutieren, die am Ende dennoch dabei helfen kann den aktuellen Konflikt bessern einzuordnen: Die Frage in welcher „polaren Phase“ sich der internationale Imperialismus zur Zeit befindet.

Die Polarität beschreibt die internationalen Machtverhältnisse. Damit ist nicht gemeint, dass alle Staaten außerhalb eines Pols keine machtpolitischen Ambitionen oder realen Erfolge bei der Unterwerfung anderer Staaten hätten, sondern inwieweit bestimmte Staaten herausragende machtpolitische Dominanz haben. Polarität ist ein bürgerliches und klassenneutrales Konzept und sollte daher von uns mit Vorsicht genossen werden, trotzdem kann es dabei helfen die Machtverhältnisse zwischen den Staaten einzuordnen. 

Während wir bis 1945 im Wesentlichen von einer multipolaren Welt sprechen können, also einer Welt in der verschiedene (imperialistische) Staaten mit etwa gleich starkem Machtpotential miteinander konkurrierten, ist die Welt nach dem II. WK in eine bipolare Phase eingetreten, in der die USA und die Sowjetunion (bzw. ihre Militärbündnisse NATO und Warschauer Vertrag) die beiden hegemonialen Pole bildeten. Seit der Konterrevolution 1989-91 wird in der Regel (wie auch von Klara) von einer unipolaren Weltordnung gesprochen, in der die USA dominant sind.

Ich möchte die These aufstellen, dass diese unipolare Weltordnung momentan von einer bipolaren Ordnung abgelöst wird, in der China den USA den Rang als Weltmacht streitig macht. Das ist einerseits wichtig zu verstehen, um den großen Kontext des Ukraine-Konfliktes einordnen zu können: Es geht den USA und der NATO mit der seit Jahren wachsenden antirussischen und antichinesischen Mobilmachung um eine Schwächung des aufstrebenden Machtpols um China. Der Konflikt mit Russland hat dabei die Funktion Russland politisch, militärisch und wirtschaftlich zu Schwächen und einen Keil zwischen Russland und China zu treiben, was beides den Pol um China schwächt. Andere in den NATO-Denkfabriken diskutierte Strategieansätze, die das Ziel verfolgen entweder Russland oder China auf die Seite des Westens zu ziehen, scheinen vorerst beerdigt worden zu sein.

Andererseits ist es wichtig den Beginn der bipolaren Ordnung zu verstehen, um den Charakter Chinas und damit gewissermaßen der chinesischen Bündnisse, richtig einordnen zu können. Es handelt sich beim heutigen China im Kern um einen Imperialismus, der nach der Weltmacht greift.

Die Einschätzung des machtpolitischen Potentials Chinas steht in diesem Beitrag an erster Stelle. Inwieweit es sich bei China um ein imperialistisches Land handelt kann und soll hier nicht ausführlicher besprochen werden. Kurz gesagt leite ich den imperialistischen Charakter Chinas einerseits aus dessen Klassencharakter und andererseits aus dessen ganz konkreter geo- und wirtschaftspolitischer Aktivität ab. Mir fehlt in der Kürze der Zeit, in der ich diesen Artikel verfasse, die Kapazität um das hier länger auszuführen. Ich denke, dass die Analyse des chinesischen Imperialismus jedoch eine sehr wichtige Rolle bei unserer Imperialismusdiskussion spielen muss und hoffe, dass ich zeitnah dazu komme einen Diskussionsaufschlag dazu zu schreiben. Bis dahin möchte ich vor allem auf drei Texte verweisen von denen ich hier argumentativ im Wesentlichen ausgehe: „Die Diskussion um den Klassencharakter der VR China“ von Thanasis Spanidis (1), „The International role of China“ von der KKE (2) und das Buch „Chinas neuer Imperialismus“ von Anton Stengl (3).

China auf der Überholspur

Klara schätzt das machtpolitische Verhältnis von USA und China wie folgt ein:

„China mag zwar ökonomisch aufgeholt haben, aber ist immer noch weit hinter den Erfordernissen einer „weltbeherrschenden“ Stellung. Weder ökonomisch, noch militärisch ist China in diesem Sinne den USA und ihren Verbündeten gewachsen oder kann mit ihnen mithalten. Die Militär- und Sicherheitsausgaben der USA sind im Trillionen-Bereich, die USA haben zirka 800 dauerhafte Militärstützpunkte weltweit und um die 200 000 Soldaten dauerhaft außerhalb ihrer Grenzen im Einsatz – und zwar ohne die Kräfte, die aktiv im Kriegseinsatz sind. China hat, soweit ich informiert bin, einen einzigen Militäreinsatz an der Küste von Dschibuti.“

Damit fegt sie alle Bedenken darüber weg, dass die machtpolitische Lage vielleicht ganz anders aussehen könnte und widmet sich wieder dem Alpha-Räuber, den USA. Dabei unterschätzt sie das machtpolitische Potential Chinas dramatisch.

China kann auf vielen Ebenen bereits mit den USA mithalten – und viel wichtiger: China ist auf der Überholspur. Wer „China – USA – EU“ oder ähnliches googelt stößt schnell auf etliche Analysen von Fachmagazinen und Thinktanks die sich genau darin einig sind. Für den Westen ist klar, dass der Aufstieg Chinas eine grundlegende Verschiebung „des globalen Kräfteverhältnisses bewirkt und den Wettlauf um die wirtschaftliche und technologische Vorherrschaft anheizt“ (Stoltenberg, NATO-Generalsekretär). Ich möchte euch an dieser Stelle die Lektüre ersparen und versuchen die wesentlichen Entwicklungstrends kurz zusammenzufassen. Es werden dabei lediglich einige allgemeine Kenngrößen der Ökonomie und des Militärs, sowie das geopolitische Hauptprojekt Chinas dargestellt, die ich als hilfreich empfinde, um Chinas Stellung im imperialistischen System zu diskutieren. Selbstredend ist diese Darstellung nicht abschließend, sondern bedarf einer intensiven Vertiefung und Verbreiterung in einem Forschungsprozess.

…Beginnen wir bei der Ökonomie

Das Wachstum des chinesischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) pegelt sich nach den Spitzen der letzten Jahrzehnte voraussichtlich bei 5-6% jährlich ein. Im Gegensatz zu den 1,5-2,5% BIP-Wachstum der USA ist das sehr viel: Die chinesische Volkswirtschaft wächst zur Zeit mehr als doppelt so schnell wie die US-amerikanische.

China hat mit 18,7% außerdem bereits den größten Anteil am kaufkraftbereinigten globalen BIP, gefolgt von den USA mit gut 15%.

Bei der reinen Größe des BIP liegen die USA noch um das anderthalbfache vor China. Da das Wirtschaftswachstum Chinas aber deutlich schneller ist, wird sich auch hier das Blatt schnell wenden. Einem Bericht von britischen Wirtschaftsexperten von Ende 2020 zufolge wird China die USA im Jahre 2028 auch nominell als größte Volkswirtschaft ersetzen (4). Victor Gao vom „Center for China and Globalization“ geht darüber hinaus davon aus, dass bis 2050 „Chinas wirtschaftliche Gesamtleistung so groß sein wird wie die der USA und der EU zusammen“ (5).

Die USA haben im Handel mit China ein Defizit von ca 300%, was ihnen zwar einen längeren Hebel bei Importzöllen bietet, aber für China auch machtpolitische Vorteile bedeutet. Die USA sind dadurch bei der Volksrepublik hoch verschuldet, genauer gesagt, China ist der größte Gläubiger der USA und besitzt etwa 17% des US-Dollars (darüber hinaus ist China tatsächlich sogar der größte Gläubiger der Welt). Das bietet ihnen ein Druckmittel, das wir genauer untersuchen sollten (6).

Die vier größten Banken der Welt sind allesamt chinesisch, unter den fünf größten Unternehmen (nach Umsatz), sind drei chinesisch – es gibt etliche weitere Zahlen mit denen sich die zunehmende wirtschaftliche Dominanz Chinas aufzeigen lässt.

Ein wesentlicher ökonomischer Vorteil der USA bleibt hingegen die Etablierung des US-Dollars als Leitwährung, der noch an 88% der globalen Devisengeschäfte beteiligt ist. Die damit zusammenhängende Möglichkeit des Inflationsexportes und dessen Bedeutung wird in der offen-siv 2/2022 von Thomas J. Penn dargelegt (7). Wesentliche Vorteile sind außerdem niedrige Kreditkosten, kaum Wechselkursrisiko und einiges mehr. Das Monopol auf die Leitwährung zu haben ist sowohl Ausdruck, als auch Hebel der internationalen Vormachtstellung.

Diese Pole-Position will China den USA streitig machen und schickt den chinesischen Renminbi als globale Währung für Handel, Investitionen und Devisenreserven ins Feld. Auch wenn die Erfolge bei dessen Ausweitung zur internationalen Leitwährung bisher aus unterschiedlichen Gründen eher bescheiden sind, lässt sich ein mittelfristiger Trend zur Schwächung des US-Dollars und zur Etablierung des Renminbi in der Zukunft vermuten. Der ifW-Volkswirt Heidland prognostiziert beispielsweise eine zunehmende Aufteilung der Welt in Dollar-, Euro- und Renminbi-Währungsregionen, wobei der Renminbi schon innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte auf Platz zwei der Weltwährungen aufsteigen würde (8). Vor allem die „One Belt, One Road“ Initiative Chinas wird sicherlich dazu beitragen den Renminbi zur hegemonialen Leitwährung in großen Teilen Asiens und Afrikas zu machen.

Kurzum: China ist ökonomisch eine Weltmacht und alles deutet darauf hin, dass sie die USA innerhalb der nächsten Jahre und Jahrzehnte in ihren Schatten stellen werden.

Kommen wir zum Militär

Mit 250 Mrd US-Dollar hat die Volksrepublik nur etwa 1/3 der Militärausgaben der USA. Dennoch ist das chinesiche Militär durchaus konkurrenzfähig, wie etwa bei der folgenden Gegenüberstellung offensichtlich wird. Das liegt unter anderem daran, dass die Lohnkosten in China niedriger sind und die USA einen Großteil ihres Militäretats in die Finanzierung bestehender Kriege und ihre militärische Infrastruktur investieren. Was also die Produktion und Entwicklung von Waffen, bzw. die Ausstattung des Militärs angeht, ist die bloße Summe der Militärausgaben nicht sehr aussagekräftig.

Die Grafik ist von 2015 und daher etwas veraltet, China hat weiter investiert. Dennoch haben sie vor allem bei der Menge an Nuklearwaffen und Flugzeugträgern erhebliche Defizite gegenüber den USA. Inwieweit das für China ein militärstrategischer Nachteil ist, kann ich nicht einschätzen.

Nach dem „Global Firepower Index“, in dem versucht wird die konventionelle Kriegsführungskapazität verschiedener Länder unter militärischen, demografischen, finanziellen, logistischen und geografischen Faktoren zu bewerten, schneidet China zumindest ähnlich gut wie Russland und die USA ab.

Und hier muss erneut betont werden: China ist auf der Überholspur. Von 2010 bis 2019 haben sich die Militärausgaben der USA um 15% verringert, die Chinas hingegen um 85 (fünfundachtzig) % vergrößert. Auch hier wird es in wenigen Jahrzehnten voraussichtlich eine klare Übermacht Chinas geben.

NATO und SOZ

Die USA verfügen bekanntlich über ein mächtiges Militärbündnis, die NATO, mit dem sie ihre Interessen durchsetzen können. China baut mit der Shangaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) jedoch auch ein Bündnis auf, das das Potential zu einer hohen souveränen Handlungsfähigkeit hat. Teil der SOZ sind neben China auch Indien, Kasachstan, Kirgistan, Pakistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan – unter ihr finden sich 40% der Weltbevölkerung und drei der vier Staaten mit dem höchsten Global Firepower Index wieder. Dazu kommen 15 Staaten und 4 internationale Organisationen die einen Beobachterstatus haben, Dialogpartner oder Gastteilnehmer sind oder explizit Interesse an der SOZ geäußert haben.

Zwar ist die SOZ (noch) kein mit der NATO vergleichbares Militärbündnis, da z.B. keine Vereinbarungen wie der NATO-Bündnisfall existieren, dennoch arbeiten die Mitgliedsländer sicherheitspolitisch eng miteinander zusammen und veranstalten unter anderem gemeinsame Manöver. Die „One Belt, One Road“ Initiative wird voraussichtlich zu einer Festigung und Stärkung dieses Bündnisses führen um gemeinsam die Stabilität (durchaus auch im reaktionären Sinne zu verstehen) des riesigen Wirtschaftsraumes zu sichern über das sich die Initiative erstreckt. 

One Belt, One Road

Die „One Belt, One Road“ Initiative oder auch „Neue Seidenstraße“ kann als das imperialistische Großprojekt des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden. Über 6o Länder werden von dem Projekt erfasst, in ihnen leben 4,4 Milliarden Menschen – 62% der Weltbevölkerung.

Im Kern geht es um die Schaffung internationaler Infrastrukturen, die den Warenexport Chinas, wie auch seinen Kapitalexport, vereinfachen, beschleunigen und vervielfachen – eine gigantische Wirtschaftsstraße mit Schienen, Autobahnen und Seewegen, die vom Osten Chinas bis in den Westen Europas reicht. Es beinhaltet also die Kontrolle Chinas über riesige Handelsrouten, die verstärkte ökonomische und politische Kontrolle dutzender Ländern, die zunehmende Verdrängung des Einflusses der USA und EU auf dem asiatischen Kontinent, die Etablierung des Renminbi als Leitwährung, die Erweiterung des chinesischen Absatz- und Kapitalmarktes, die Durchsetzung industrieller Normen und die zunehmende Kontrolle von Ressourcen. Dieses größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten finanzieren die Mitgliedsländer ganz wesentlich mit chinesischen Krediten die sie in eine wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von China treiben. Die Stabilität aller beteiligten Regionen ist für das Gelingen des Projektes wichtig, daher geht China lieber kein Risiko ein und erkauft sich die direkte Kontrolle über die wichtigsten Knotenpunkte der Wirtschaftsstraße. So kommt es z.B. dazu, dass inzwischen fast zwei Drittel der 50 größten Häfen der Welt entweder in chinesischem Besitz sind oder China Anteile daran hat.

Dass China den USA machtpolitisch nicht gewachsen sei, wie Klara schreibt, geht weit an der Realität vorbei, denn der chinesische Imperialismus weitet seine Einflussgebiete selbstbewusst auf knapp 2/3 der Weltbevölkerung aus und es spricht zur Zeit nicht viel dafür, dass die USA diese Entwicklung ernsthaft stoppen könnten. Ganz im Gegenteil: Zahlreiche Versuche die Neue Seidenstraße mit Gegenprojekten zu untergraben scheiterten aufs Lächerlichste (9).

Ist der chinesische Imperialismus „besser“ für den Klassenkampf? 

Die These die ich in diesem Beitrag mit einigen Fakten begründet vertrete ist also die, dass Klaras Bild einer unipolaren Welt die aktuellen Verhältnisse nicht richtig widerspiegelt. Vielmehr ist China bereits zu einem mächtigen Pol neben den USA aufgestiegen und tendiert dazu in den nächsten Jahrzehnten die USA vom Thron zu stoßen. Vor allem Russland und Indien spielen hierbei jeweils wichtige Rollen als Bündnispartner. Aber was heißt das nun für den Klassenkampf? Sollten die Völker nicht trotzdem mit dem „freundlicheren“ chinesischen Imperialismus paktieren um reale Entwicklungsmöglichkeiten und Stabilität zu sichern – als solidere Basis um klassenkämpferische Politik zu entwickeln?

Klara hat recht, wenn sie einen großen Unterschied zwischen den USA und China hinsichtlich der internationalen militärischen Präsenz sieht. China verfolgt zur Zeit tatsächlich eine „freundlichere“ Außenpolitik als die USA, die stärker über militärische Präsenz und Putsche ihre Einflussgebiete sichern. China verfolgt in der Außenpolitk momentan eher das Prinzip des „gegenseitigen Vorteils“. Das bedeutet beispielsweise, dass sich China in anderen Ländern Rohstoffvorkommen vertraglich sichert und dafür den Aufbau der notwendigen Infrastruktur zur Ausbeutung dieser Ressourcen in den jeweiligen Ländern mitfinanziert. Der bisher einzige chinesische Militärstützpunkt Chinas befindet sich an der strategisch wichtigen Meerenge in Dschibuti. Dieser „gegenseitige Vorteil“ wird aber nur angewandt, um eine gewisse Akzeptanz der betreffenden Länder bei der massiven machtpolitischen Expansion Chinas sicherzustellen und wird auch sicherlich nicht in Reinform praktiziert. 

Ich stelle hierzu die These auf, dass es sich dabei um eine temporäre, taktische Außenpolitik handelt, die lediglich die aktuellen Herausforderungen des chinesischen Imperialismus widerspiegelt. 

Fest steht, dass die geringere militärische Präsenz für den chinesischen Imperialismus im Moment keinen Nachteil darstellt. Warum sollte China aggressiv militärisch vorgehen, wenn es im Moment viel erfolgreicher ist auf „friedliche“ Weise den Einfluss auszuweiten? Das Beispiel Afghanistans zeigt denke ich gut auf, dass die USA mit ihrem „Militärimperialismus“ zur Zeit nicht wirklich erfolgreich sind und sich andererseits China über Kooperation (natürlich nicht auf Augenhöhe) viel sicherer Kontrolle über solche Gebiete ergattern kann (10). In Phasen, in denen China wichtige Einflussgebiete strittig gemacht werden oder soziale Unruhen die Stabilität von Ländern untergraben, die z.B. für den reibungslosen Verkehr chinesischer Waren im Rahmen der neuen Seidenstraße wichtig sind, wird China mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit andere Saiten aufziehen und ähnlich autoritäre Mittel wie die USA anwenden. Anzeichen dafür gibt es schon viele, etwa den Aufbau eines eigenen, globalen „Anti-Terror-Netzwerkes“ zum Schutz der chinesischen Interessen von dem aus auch gemeinsame „Anti-Terror-Operationen“, also militärisches Engagement im Ausland, geführt werden sollen (11).

Inwieweit es sinnvoll sein kann Spielräume taktisch zu nutzen die sich in dem Machtkonflikt zwischen den USA und China eröffnen (z.B. in Afghanistan), muss konkret geprüft werden.

Ich sehe jedoch nicht, dass es langfristig gesehen im imperialistischen Pol um China bessere Bedingungen für den Klassenkampf geben wird als im NATO-Pol. Das Beispiel der Positionierung Chinas zu den sozialen und Unabhängigkeits-Bewegungen der unterdrückten Belutschen in Pakistan, bei denen durchaus marxistische Tendenzen zu erkennen sind, zeigt deutlich auf, wie die Handlungsspielräume sozialer Bewegungen im Einflussgebiet Chinas aussehen und aussehen werden: Soziale Bewegungen werden als terroristisch eingestuft und bekämpft – die wirtschaftliche Stabilität und Integrität auch reaktionärer Regierungen steht für Chinas Interessen an erster Stelle. Ebensosehr halte ich es für unwahrscheinlich, dass Chinas Einflussnahme langfristig wesentliche Unterschiede zum US-amerikanischen Neokolonialismus, beispielswiese in Lateinamerika, aufweisen wird. Imperialismus ist Imperialismus und verfolgt seine eigene Logik. Die konkrete Ausgestaltung der imperialistischen Politik resultiert wesentlich aus den Herausforderungen vor denen der Imperialismus steht – und das sind eben bei China (noch) ganz andere als bei den USA.

Partnerschaft zwischen Russland und China

Zusätzlich zu der engen Kooperation in der SOZ und der „One Belt, One Road“ Initiative haben die ökonomischen Verflechtungen Russlands und Chinas in den letzten Jahren enorm zugenommen. Vor allem seit dem Anschluss der Krim an Russland 2014 und den Sanktionspaketen des Westens hat sich Russland zunehmend unabhängig vom Westen gemacht und auf die VR China konzentriert. Seitdem hat sich der bilaterale Handel der beiden Staaten um 50% ausgeweitet und China ist zum größten Exportziel Russlands geworden, besonders in den Bereichen Öl, Gas, Kohle und landwirtschaftliche Erzeugnisse. Ebenso hat sich der Kapitalverkehr verlagert – Russland hat einen Großteil seiner Investitionen aus dem Westen zurückgezogen und in China neu angelegt. Andererseits ist Russland inzwischen der größte Empfänger staatlicher Finanzierung Chinas, was besonders russische Infrastruktur-, Öl- und Gasprojekte im Rahmen der Neuen Seidenstraße betrifft. Auch die Devisenreserven wurden von Dollar zu Renminbi umgeschichtet. Während sich die russischen Dollarbestände von 2017 bis 2021 von 46,3 zu 16,4% reduziert haben, stiegen die Renminbi-Reserven im gleichen Zeitraum von 0,1 zu 13,1%. Es lässt sich hier also eine starke Verflechtung der russischen und chinesischen Ökonomie mit gegenseitiger Abhängigkeit aber deutlicher Dominanz Chinas erkennen. Der aktuelle Ukraine-Konflikt stellt dieses Bündnis auf den Prüfstand, denn ebensowenig wie China eine Schwächung seines wichtigen Bündnispartners und die Infragestellung der Integrität des asiatischen Wirtschaftsraumes hinnehmen kann, scheuen sie sich davor von westlichen Sanktionen getroffen zu werden, die ihr wirtschaftliches Entwicklungspotential deutlich einschränken könnten.

Um wieder zum eigentlichen Thema zurück zu kommen…

Für die Beurteilung des Ukraine-Konfliktes ist es denke ich wichtig eine präzise Einschätzung der internationalen Machtverhältnisse vorzunehmen. Klara geht dabei von einer unipolaren Welt mit dem übermächtigen „Alpha-Räuber“ USA aus. Ich hingegen behaupte, dass die USA zeitnah von der aufstrebenden und nicht weniger imperialistischen Großmacht China entthront werden. Russland als einer der wichtigsten Handelspartner und engsten politischen Verbündeten Chinas würde nach diesem Verständnis weniger als Opfer des Imperialismus als viel eher als integraler Teil des aufstrebenden Imperialismus erscheinen. 

Wir sollten unbedingt in einem Forschungsprozess die Stellungen der USA, Chinas, Russlands, Deutschlands und anderer Staaten im imperialistischen Weltsystem intensiv untersuchen, hier fehlt es definitiv noch stark an Substanz. Besonders für meine These wäre ein wichtiger nächster Schritt auch das Verhältnis von Russland und China und das Potential zur einheitlichen Aktion der SOZ-Staaten genauer zu untersuchen.

https://kommunistische-organisation.de/wp-content/uploads/2018/07/Spanidis-Klassencharakter-VR-China.pdf

https://inter.kke.gr/en/articles/The-International-role-of-China

https://mediashop.at/autorin/603-anton-stengl/

https://www.handelsblatt.com/politik/international/cebr-jahresbericht-experten-china-ueberholt-usa-2028-als-groesste-volkswirtschaft/26750008.html

https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/China-Weltmacht-Anspruch-und-Konfrontation-mit-den-USA-100.html#:~:text=Victor%20Gao%20von%20der%20regierungsnahen,solle%20sich%20nicht%20nur%20wirtschaftlich%2C

6 vgl. https://www.handelszeitung.ch/konjunktur/wenn-china-die-zahne-fletscht

https://offen-siv.net/wp-content/uploads/2022/03/offensiv-siv-2-2022-Ma%CC%88rz-April.pdf

https://www.deutschlandfunk.de/weltwirtschaft-dollar-euro-renminbi-und-die-zukunft-der-100.html#g

9 Kronauer: Der Aufmarsch, S. 124ff

10 https://www.rosalux.de/news/id/45176/chinesische-afghanistan-politik-nach-dem-nato-abzug

11 https://ecfr.eu/wp-content/uploads/ECFR_193_-_TERROR_OVERSEAS_UNDERSTANDING_CHINAS_EVOLVING_COUNTER_TERROR_STRATEGY.pdf

Wider den Hauptfeind! 

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Von Chris Aurora 

Auch wenn ich beim Erfahrungsschatz und dem geballten marxistischen Wissen der anderen Diskussionsteilnehmer nicht mithalten kann möchte ich mich dennoch mit einem kurzen Anstoß an der Diskussion innerhalb der KO beteiligen und rufe hiermit mehr Genossinnen und Genossen dazu auf ihre Meinung kundzutun. 

Ich habe noch nicht alle Diskussionsbeiträge aufgrund ihres Umfangs und der Komplexität vollständig durchdringen können unterstütze aber die Stoßrichtung der Beiträge der Genossen Saidi, Relko und Hensgen und ich teile die Thesen über den russischen Imperialismus des Genossen Spanidis finde aber ebenso die Aufzählung und Einordnung der Ereignisse, die der Genosse Kissel im zweiten Teil seines Beitrags vornimmt sehr hilfreich. Ich teile aber seine Kritik am Joint- Statement nicht, da sie sich mir nicht wirklich erschließt und ich die Anhaltspunkte für seine Vorwürfe nicht aus dem Statement herauslese. 

Im ersten Teil liefere ich noch einige Punkte meinerseits um dann danach konkrete Handlungsoptionen für die nächste Zeit zur Diskussion zu stellen. 

1.War das russische Staatsgebiet so konkret und zeitnah bedroht?

Es ist absolut richtig, dass die aggressive Expansion der Nato nach Osteuropa, in die Türkei usw. die Russische Fördertation bedrohen und es wohl Rückeroberungspläne der Ukraine gegen den Donbass und die Krim gab, aber einen wirklichen Krieg gegen Russland hätte sich die Ukraine meiner Meinung nach nicht leisten können. Die Strategie der NATO besteht meiner Einschätzung nach vor allem darin Russland einzukreisen und die Staaten um Russland herum als Rammböcke aufzurüsten. Die direkte Konfrontation in einem offenen, schnell auch mit nuklearen Mitteln geführten Krieg können sich diese Rammböcke aber (noch) nicht erlauben. Ich halte damit den vom Genossen Kissel angedeuteten Plan einer Zerstücklung Russlands ebenfalls für unwahrscheinlich. Natürlich ist die USA und der NATO Block mit weitem Abstand besser ausgerüstet aber auch Russland verfügt über ein beachtliches nicht zu unterschätzendes militärisches Potenzial, das es gerade nutzt um seine Einflusssphäre zu verteidigen und nach 30 Jahren mit dem Rücken zur Wand innerhalb der gegeben Optionen in die Offensive überzugehen. Für eine qualifizierte Ausführung und um Dopplung zu vermeiden verweise ich hier auf die Thesen 12,13 und 14 des Beitrags vom Genossen Spanidis. 

2. Die KKE und die anderen uns nahestehenden Kommunistischen Parteien betreiben weder im Joint- Statement noch sonst wo eine Gleichsetzung der NATO mit Russland, das wird vor allem in These 5 des JS deutlich. Das veröffentliche Statement ist eine Stellungnahme und hat damit zu Recht keinen Anspruch auf eine vollständige Analyse der Situation. Die dort aufgestellten Thesen sind, wie es in diesem Format üblich sein, sollte knapp formuliert aber dennoch inhaltlich richtig. An den sonstigen Stellungnahmen und Aktionen der KKE aber auch der TKP und z.B der PdA zeigt sich meiner Meinung nach ziemlich eindeutig, dass sie den NATO Imperialismus bzw. die darin eingehegten Imperialisten ihrer Länder als Hauptfeind erkannt haben und aktiv bekämpfen.

3. Der Antikommunismus und die Entnazifizierung

Der Angriffskrieg erstreckt sich mittlerweile weit über den Donbass und die Krim hinaus damit erübrigt sich denke ich die These für die Russische Föderation stehe der Schutz der Volksrepubliken im Vordergrund, was genau das Ziel des Einmarschs ist muss genauer analysiert werden. Würde tatsächlich dieses Interesse im Vordergrund stehen hätte man die Volksrepubliken schon vor 8 Jahren anerkannt, denn die ukrainischen Faschisten morden dort schon die ganze Zeit. In Russland regiert der Antikommunismus. Die russische Administration in Luhansk hat als erstes nach der Eroberung der Macht die KP dort wieder verboten und die Gewerkschaftsrechte eingeschränkt. Die Forderungen nach Entnazifizierung und Entmilitarisierung sowie der Schutz der russischen Sprache und damit der russischen Minderheit sind gerade die ersten, die wieder fallen gelassen werden. Stattdessen steht als Kompromiss im Raum, dass die Ukraine kein NATO Mitglied wird, keine Atomwaffen entwickeln darf aber dafür darf sie trotzdem der EU beitreten. Ich sehe die Zerschlagung der faschistischen Bataillone als positiven Nebeneffekt und nicht als hauptsächliches Ziel des Einmarschs. Das führt aber wie der Genosse Spanidis schon ausgeführt hat nicht zur Schwächung des ukrainischen Nationalismus oder der faschistischen Bewegung sondern zum Gegenteil. Der Großteil der ukrainischen Arbeiterklasse wird die erlittenen Verluste von geliebten Menschen, ihrem Heim sowie die mit dem Krieg einhergegangene massive Vernichtung der Produktionsstätten nicht vergessen und wird damit noch anfälliger für faschistische Propaganda. 

4. Der Krieg bietet keine Vorteile für die Völker.

Der Krieg schadet vor allem der Arbeiterklasse. Egal welche Seite gewinnt und zu welchem Kompromiss die feinen Herren am Verhandlungstisch kommen, während sich zeitgleich die Proletarier beider Länder gegenseitig abschlachten, wird die weltpolitische Lage durch den Krieg weiter eskaliert. Viele andere Staaten überlegen gerade doch der NATO beizutreten und der NATO Block ist in sich deutlich geschlossener als vorher. Sie nutzen schon jetzt den Krieg als Ausrede um die bereits abstrus ungleichmäßige Hochrüstung weiter anzuheizen und haben durch den Krieg propagandistische Mittel an die Hand bekommen um auch den geringsten Widerstand innerhalb der bürgerlichen Parteien und Medien zu brechen und die Heimatfront zu organisieren. Vor allem die BRD nimmt gerade Anlauf um die militärische Dominanz wieder aufzubauen, Lindner spricht von dem Aufbau einer der schlagkräftigsten Armeen Europas und Deutschland will Herzstück einer EU Armee werden. Weder die russische von den Sanktionen gebeutelte Arbeiterklasse, die gerade zu Tausenden bei Antikriegsprotesten festgenommen wird, noch die evtl. dann unter Besatzung oder weiter unter ihrer pseudoliberalen mit Faschisten eng verknüpften Regierung leidenden Arbeiterklasse der Ukraine gewinnt irgendwas durch diesen Krieg. Auch die atomare Bedrohung der NATO gegenüber Russland wird sich eher verschärfen und weiter ausgebaut als eingestellt. 

Im zweiten Teil möchte ich dazu aufrufen trotz der unvollständigen Analyse jetzt schon konkrete Handlungsoptionen in der Organisation zu diskutieren und bei Zustimmung umzusetzen. 

Unabhängig von der zugrunde liegenden genauen Analyse der Kriegsgründe, des russischen Imperialismus oder eben Antiimperialismus scheint es so als wären sich die diskutierenden Seiten zumindest was die abzuleitenden Handlungsoptionen für uns als Kommunisten in der BRD angeht recht einig. Ich halte es in Anbetracht der momentan zu beobachtenden Entwicklungen in der NATO und der BRD für einen Fehler auf die vollständige Analyse warten zu müssen. Keine der diskutierenden Seiten widerspricht der Hauptfeindthese, was für mich bedeutet es gibt Meinungen und Aktionen mit denen wir schon jetzt geschlossen an die Öffentlichkeit treten sollten. 

1. Unsere Agitation und Propaganda, unsere Stellungnahmen und Aktionen müssen sich vor allem auf die schon vorher geplanten und jetzt mit dem Krieg begründeten Kriegsvorbereitungen, die Aufrüstung der Bundeswehr und die forcierte Eskalation des Krieges konzentrieren. Diese also aufzudecken, zu benennen, zu verurteilen und gegen diese zu agitieren sollten wir zur Hauptaufgabe erklären. Der Aufbau einer klassenkämpferischen Antikriegsbewegung bleibt unser Ziel.

2. Wir sollten uns scharf gegen die aufkeimenden Pläne zum Abbau von antifaschistischen Denkmälern, wie dem Thälmann – Denkmal in Berlin und der Denunziation und dem Vandalismus an Denkmälern für die Rote Armee stellen. 

3. Wir sollten gegen die Relativierung des deutschen Faschismus in Form von einer stattfindenden Gleichsetzung der Russischen Föderation mit dem NS Staat oder Hitler mit Putin vorgehen. Auch die dabei immer wieder auftauchenden Vergleiche der Russischen Föderation mit der Sovietunion und die implizierte Gleichsetzung der SU mit dem NS Staat gilt es zu verurteilen.

4. Wir sollten auch z.B mit einer öffentlichen Quellensammlung oder Ähnlichem aufzeigen wie die faschistischen Kräfte in der Ukraine von der EU und der NATO gezüchtet und bewaffnet wurden und dagegen vorgehen wenn heute die Medien oder Vertreter der ukrainischen Regierung in der BRD behaupten es gäbe dort keine bis auf die Zähne bewaffneten in die offizielle Armee eingegliederten Faschisten wie das ASOV- Bataillon oder diese verharmlosen. 

5. Außerdem sollten wir unbedingt die mit dem Krieg einhergehende oder oft durch ihn gerechtfertigte Mehrbelastung(Inflation bei 7,3%, steigende Lebensmittel- und Benzinpreise, mögliche Ausfälle der Fähigkeit zu Heizen bei weiter steigenden Mieten, Ausfälle der Produktion und damit einhergehende Entlassungswellen usw.) für das Proletariat in Deutschland untersuchen und es für die Agitation nutzen, dass gleichzeitig die deutsche Bourgeoisie Rekordprofitemacht (z.B DAX- Konzerne konnten ihren Umsatz 2021 um 14 Prozent steigern).

6. Zudem ist es vielleicht auch sinnvoll die krasse Doppelmoral und unerträgliche Heuchelei der herrschenden Klasse und Teilen der Gesellschaft im Umgang mit den ukrainischen Geflüchteten zu entlarven und darauf aufmerksam zu machen, dass diese Menschen hier auch in verschärfte Ausbeutungsbedingungen geraten und zum Beispiel von Kapitalisten wie Tönnies oder denen der Gesundheitsindustrie als billige Arbeitskräfte missbraucht werden bzw. im schlimmsten Fall in der Zwangsprostitution landen, denn auch diese Fälle gibt es schon. 

Um mit diesen Forderungen und Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu treten brauchen wir meiner Meinung nach keine fertige Analyse des Krieges oder des globalen Imperialismus. Diese Optionen können wir schon jetzt in Veröffentlichungen und Aktionen an die Menschen herantragen und um diese in Diskussionen verteidigen zu können reichen die bereits von den Genossen vorgelegten Argumente. 

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung!

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Bericht vom Buchenwald-Gedenken 09./10.04.2022

Die heutige Gedenkpolitik in der Bundesrepublik mystifiziert den Faschismus. Sie blendet seine gesellschaftlichen Ursachen bewusst aus und zielt auf eine moralische Ablehnung der faschistischen Gräueltaten ab. Ein solch entpolitisiertes Verständnis des „Nationalsozialismus“ erleichtert es, das zu schaffen, was eigentlich undenkbar wäre: Die heutigen Faschisten in der Ukraine, die sich selbst in direkte Tradition mit den damaligen Nazi-Kollaborateuren stellen, nicht als solche zu erkennen, sondern sie ebenfalls zu entpolitisieren und als mutigen Widerstand gegen den Krieg Russlands zu stilisieren. Es zeigt sich ganz direkt, wozu die bürgerliche „Aufarbeitung“ des Faschismus als Ganzes genutzt werden kann. Die moralische Ablehung des Faschismus dient als Grundlage für imperialistische Politik unter dem Banner der „Freiheit und Demokratie“ oder gleich als Legitimierung von Krieg, wie bereits der damalige Außenminister Fischer im Zuge des deutschen Angriffs in Jugoslawien unter Beweis stellte.

Das diesjährige Buchenwald-Gedenken der Kommunistischen Organisation fand im Rahmen eines gemeinsamen Wochenendes statt. Am Samstag besuchten wir, in thematisch untergliederten Arbeitsgruppen, die Ausstellung der Gedenkstätte in der ehemaligen Effektenkammer. Anschließend trafen wir uns in Weimar, um die Gruppenergebnisse zusammenzutragen und uns diese gegenseitig vorzustellen. 

Wir beschäftigten uns mit der Verflechtung von Industrie und Faschismus, dem Lagerleben in Buchenwald, mit kommunistischem Widerstand im Faschismus und mit dem Umgang mit der Geschichte des Faschismus nach 1945. Dabei spielte die Diskussion um die Frage, wie der Geschichtsrevisionismus in der Gedenkstätte konkret aussieht eine wichtige Rolle. Zentrale Erkenntnisse der Diskussionen waren, dass viele geschichtliche Fakten zwar präsentiert, aber oft fragmentiert werden, d.h. ohne ihre Zusammenhänge oder Ursachen dargeboten werden. Die Rolle des Internationalen Lagerkomitees – insbesondere des kommunistischen Widerstands im Lager und die Selbstbefreiung der Häftlinge vor der Befreiung durch amerikanische Truppen werden in der Gedenkstätte heruntergespielt – ist unterrepräsentiert und in vielen Fällen sogar mit negativen Hinweisen versehen, wie zum Beispiel dass der kommunistische Widerstand nur Selbstzweck gewesen sei oder in der DDR instrumentalisiert und verfälscht worden sei. Zur Mittagszeit machten wir eine Kundgebung am kürzlich durch blau-gelbe Farbe geschändeten Sowjetischen Ehrenhain in Weimar. Wir gedachten der Gefallenen, verurteilten die Schändung und die aktuelle Kriegspolitik u.a. der BRD. Zurück ging es als Gruppe mit Fahnen und der Internationale. Wir schlossen den Tag mit einer Filmvorführung von „Nackt unter Wölfen“ von 1963.

Den Sonntag eröffneten wir mit einem Gedenken an Ernst Thälmann am Denkmal in Weimar. Es sprachen Vertreter der KPD, der DKP, des Freidenkerverbands und der KO. Neben historischen Hintergründen, die eine Einordnung von Thälmanns Schaffen erlaubten, ehrten wir Thälmann für sein Leben als überzeugter und standhafter Kommunist: Thälmann kämpfte zeit seines Lebens gegen den aggressiven deutschen Imperialismus und für Frieden zwischen den Völkern. In allen Redebeiträgen wurde die Aggression der NATO gegen Russland verurteilt und ein Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine gefordert.

Zurück in der Gedenkstätte machten wir flankiert von roten Fahnen einen geführten Rundgang über das Gelände. Auf dem Weg erfuhren wir von Anhängern des Jugendverbands „REBELL“, dass sie bereits von Vertretern der Gedenkstätte dazu aufgerufen worden waren, ihre Flaggen niederzulegen. Dem kamen sie nicht nach. Nach einer erneuten Thälmann-Ehrung am Ort seiner Ermordung im Jahre 1944 nahmen wir an der offiziellen Gedenkveranstaltung des Internationalen Komitees Buchenwald, Dora und Kommandos (IKBD) und der Gedenkstätte Buchenwald auf dem ehemaligen Appellplatz teil. Hieran nahmen neben Vertretern der deutschen Politik wie z.B. Petra Pau, Bodo Ramelow oder einem Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland auch ausländische Politiker wie beispielsweise belarussische Oppositionelle teil. Vertreter der belarussischen oder russischen Regierung wurden durch die Veranstalter im Vorhinein zu unerwünschten Personen erklärt und ausgeladen. So wurde auch statt der belarussischen Flagge die zaristische weiß-rot-weiße Fahne präsentiert.

An der Gedenkveranstaltung nahmen 16 KZ-Überlebende teil, u.a. die kürzlich aus der Ukraine geflohene A. Gulej. Es sprach zuerst der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, welcher historische Fakten zum KZ mit Fokus auf ermordete Juden präsentierte. Dann ging er thematisch zum „Überfall Russlands auf die Ukraine“ über, den er verurteilte, jeden angriff der ihn „rechtfertigt“, und das Leiden von ehemaligen Buchenwald-Häftlingen im jetzigen Krieg in den Mittelpunkt stellte. Gleichzeitig erinnerte er daran, in der aktuellen Lage „mit historischen Analogien vorsichtig zu sein“.  Im Anschluss sprach der Vertreter Israels im IKBD, der u.a. gegen einen „ungerechtfertigten, unmoralischen Krieg Russlands gegen die Ukraine“ polemisierte und an den Schwur von Buchenwald erinnerte. Auch er instrumentalisierte das Schicksal Borys Romantschenkos, der kürzlich in der Ukraine getötet wurde, für seine Argumentation gegen Putin. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland begann anschließend seine Rede mit der Verurteilung des Krieges Russlands gegen die Ukraine und sprach von verstörenden Bildern. Erneut wurde Borys Romantschenkos Tod für eine einseitige Betrachtung des Ukraine-Konflikts genutzt. Wieder wurde das Gedenken an Opfer des Faschismus für die Propaganda der imperialistischen Aggression der NATO gegen Russland instrumentalisiert. Verschwiegen oder in den Beiträgen nur am Rande erwähnt wurde die Rolle des als „tapferen Helden“ dargestellten Selenskij und seiner Regierung, die offen faschistische Kräfte im Militär unterhält, sie unterstützt und jegliche Opposition unterdrückt. Verschwiegen wurde das Ausbilden u.a. der faschistischen Asow-Truppen durch die NATO, deren Staaten sie nun auch noch mit allerlei schwerem Kriegsgerät beliefert. Ein aufrichtiges Gedenken im Sinne des Schwurs von Buchenwald, in dem die Ausrottung des Faschismus mit seinen Wurzeln gefordert wird, darf zu diesen Themen aber nicht schweigen und schon gar nicht für eine Politik der Aggression und für die Unterstützung von Faschisten ausgeschlachtet werden. Wir als KO entschlossen uns, die Gedenkveranstaltung aus Protest zu verlassen. Dabei erhielten wir diverse negative Reaktionen, aber auch durch Einzelpersonen lobende Worte, dass das Verlassen „gut“ gewesen sei. Von Vertretern bürgerlicher Parteien und dem Redner erhielten wir keine bzw. wenig Reaktion.

Zum Abschluss des Tages besuchten wir die Nationale Mahn- und Gedenkstätte mit dem Glockenturm Buchenwalds, der, anders als zu Zeiten der DDR, kaum besucht war. Hier diskutierten wir über die Bedeutung der vor dem Glockenturm befindlichen Figurengruppe, die einst von Fritz Cremer und Bertolt Brecht entworfen wurde. Die Plastik zeigt verschiedene Arten von gemeinsam Widerstand leistenden Häftlingen – im Gegensatz zur bundesdeutschen Erinnerungskultur, die die Darstellung der Häftlinge als handlungsunfähige Opfer vorantreibt.

Das Wesen der zwischenimperialistischen Widersprüche – Fragen an die Imperialismusdebatte

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von Milo Barus

Die Diskussion um den Konflikt der aktuell in der Ukraine ausgetragen wird fordert nicht nur die Internationale Kommunistische Bewegung (IKB), sondern auch unsere Organisation in besonderer Weise heraus. In der Diskussion um den Charakter des Konfliktes werden innerhalb unserer Organisation Positionen vertreten, die mit unserem bisherigen Imperialismusverständnis brechen, dass stark an die Vorstellungen der KKE angelehnt war. Diese Feststellung soll die entsprechenden Positionen nicht diskreditieren, im Gegenteil leisten sie meiner Meinung nach einen wichtigen Beitrag zur Durchdringung und Klärung der Imperialismusfrage. Wir sollten aufgrund der besonders herausfordernden Situation transparent, geduldig und diszipliniert diskutieren und uns die entsprechende Zeit dafür einräumen. Transparenz heißt, dass wir unsere Gedanken zur aktuellen Debatte miteinander teilen und mögliche Dissense klar benennen. Mit geduldig meine ich, dass wir anerkennen müssen, dass die Auseinandersetzung um die aktuellen Ereignisse eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen wird und eine „wissenschaftliche“ Klärung nicht in wenigen Monaten zu leisten sein wird. Mit Disziplin meine ich, dass wir uns rücksichtsvoll und sachlich austauschen, weder in Zynismus, Arroganz oder Zentrismus verfallen, aber auch unsere Grundlagendokumente nicht außer Acht lassen.

Wie man an den bisher erschienenen Diskussionsbeiträgen erkennen kann, gibt es verschiedene Positionen zum Konflikt, die sich tendenziell in folgende Lager einordnen lassen: Auf der einen Seite stehen Positionen, die die aktuelle Intervention begrüßen, da sie eine reale Verbesserung der Lebensbedingungen für große Teile der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse aber auch größere Spielräume für die IKB im Kampf gegen den westlichen Imperialismus eröffnen könnte. Darüber hinaus wird die Selbstverteidigung Russlands und die Wahrung der russischen Sicherheitsinteressen in den Vordergrund gestellt und infrage gestellt, ob Russland imperialistisch ist. Auf der anderen Seite stehen Positionen, die die Parteinahme für einen der beiden „imperialistischen Pole“, trotz des ungleichen Kräfteverhältnis klar ablehnen und für eine Ablehnung der Intervention eintreten und eine unabhängige Organisierung der Arbeiterklasse im Gegensatz zu einem Bündnis mit der nationalen Bourgeoisie in den Vordergrund stellen. Es gibt in diesem Lager aber auch Positionen, die den defensiven Charakter Russlands anerkennen, die Hauptverantwortung bei der NATO sehen, aber die Unterstützung der Militäroperation trotzdem für falsch halten. Die Positionen des zweiten Lagers vertrat auch die KO in verschiedenen Stellungnahmen, diese wurden durch die Ereignisse in Afghanistan und Kasachstan zuletzt aber infrage gestellt.

Die Frage des Imperialismusbegriffs spielt bei der aktuellen Auseinandersetzung eine zentrale Rolle. Was bedeutet die Vorstellung, dass wir in einem imperialistischen Weltsystem leben, konkret? Bedeutet es das alle Staaten imperialistisch sind? Was absurd zu sein scheint, wenn man sich Länder wie Burundi anschaut. Oder ist das imperialistische Weltsystem so zu verstehen, dass es nur eine Handvoll imperialistischer Länder, namentlich die USA, Westeuropa, Japan, Kanada und Australien sind, welche alle anderen Länder unterdrücken? Aber was wäre dann mit China, Indien oder auch Russland? Die gegenwärtige Entwicklung lässt sich nur schwer durch ein reines Unterdrückungsverhältnis charakterisieren. Sind nicht die Aktivitäten Chinas im Zusammenhang mit der neuen Seidenstraße oder die militärische Rolle Russlands zum Beispiel im Syrienkrieg ein Hinweis darauf, dass sich das Weltsystems nicht ausschließlich als ein System aus Herrschern und Unterdrückten darstellen lässt? Und wie steht es um die Beziehungen der imperialistischen Kernländer zueinander? Sind sie eigenständig, haben aber dieselben Interessen, oder werden sie vom führenden Kernland zur Kooperation gezwungen, oder passiert beides? Und was bedeutet die Unterteilung in Peripherie und Kernland bzw. Zentrum für den Imperialismusbegriff? Ist eine scharfe Abgrenzung des Begriffes überhaupt möglich und wenn ja, wo findet der Sprung vom Kapitalismus der freien Konkurrenz hin zum Imperialismus konkret statt? Reicht es aus hier einfach eine dritte Kategorie, die sogenannte „Halbperipherie“ einzuführen? Oder lässt sich die Komplexität des Systems dadurch nicht fassen und wir brauchen deutlich mehr Kategorien? Beschreibt der Imperialismusbegriff eine diffuse Tendenz zur Expansion des konzentrierten Kapitals und die damit verbundene Verschärfung des Hauptwiderspruchs, welche dann ihren Gipfel in einem Imperium findet, dass beinahe die gesamte Welt beherrscht? Oder meint Imperialismus eben nur diese äußerste Form, die Beherrschung der Welt? Ist es möglich, dass es mehrere Entwicklungsstufen des Imperialismus gibt, beispielsweise eine monopolistische und eine staatsmonopolistische Stufe, in der die Macht der Finanzoligarchie erst vollends zur Geltung kommt? Reicht Lenins Theorie aus, um das heutige Weltsystem zu beschreiben? Oder haben wir es mit einer neuen Qualität des Imperialismus zu tun, dessen Analyse eine Weiterentwicklung von Lenins Theorie voraussetzt? Schließlich war zu Lenins Zeiten die koloniale Beherrschung der Welt durch wenige entwickelte Staaten vorherrschend, während die global agierenden Monopolkonzerne heutzutage nicht nur Kapital, sondern ganze Produktionsstandorte in die Peripherie verlagern. Ich habe keine Antwort auf all diese Fragen und ich vermute, dass es den meisten Genossen ähnlich geht. Das wiederum macht deutlich auf welchen wackligen Füßen unser bisher recht schematisches Verständnis vom Imperialismus steht und dass wir dieses dringend schärfen sollten.

In diesem Beitrag werde ich nicht versuchen eine wissenschaftliche Herleitung bestimmter Positionen zur Imperialismusfrage zu leisten, dies muss die Aufgabe der Gesamtorganisation im Rahme des Klärungsprozesses sein. Ich möchte in diesem Beitrag versuchen Fragen aufzuwerfen, die auf wesentliche Dissense in der Imperialismusdebatte hindeuten. Dafür möchte ich Positionen aus der Kommunistischen Partei der Donezker Volksrepublik (KPDVR) nutzen, die aufgrund ihrer Rolle im Konflikt dazu gezwungen ist, sich sehr konkret zu den Fragen zu äußern die wir oft nur abstrakt diskutieren. Ich möchte aber auch einen Blick auf die Positionen der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) und der Griechischen Kommunistischen Partei (KKE) werfen. Stanislaw Retinskij, Sekretär des ZK der KPDVR hat 2018 in einem fünfteiligen Beitrag mit dem Titel: „Die antiimperialistische Front: Donbass, Syrien, Venezuela“ [1]-[4] eine Sichtweise auf den gegenwärtigen Imperialismus geliefert, die stark von derjenigen der KKE und dem Joint Statement abweicht. Alle im Folgenden genannten Positionen stammen aus diesem Beitrag, ich werde nicht jede Aussage referenzieren. Es ist gut möglich, dass ich Retinskijs Aussagen falsch interpretiere und es ist natürlich auch problematisch, dass ich mich nur auf einen einzigen Beitrag stütze. Es soll hier aber auch nicht um eine Kritik an der KPDVR gehen. Es geht mir darum, Fragen an theoretische Ansätze zu formulieren, mit denen wir uns bisher vielleicht zu wenig beschäftigt haben. 

Retinskij begründet und vertritt in seinen Ausführungen meiner Meinung nach die These des „objektiven Antiimperialismus“ und beschreibt dafür die Kräfteverhältnisse im gegenwärtigen imperialistischen Weltsystem. Vorab ist es wichtig zu betonen, dass mit dem Begriff des „objektiven Antiimperialismus“ in diesem Fall weder gemeint ist, dass Staaten nicht imperialistisch oder kapitalistisch sind, noch dass imperialistische oder kapitalistische Staaten prinzipiell und bedingungslos durch Kommunisten unterstützt werden sollten. Es geht im Kern darum die zwischenimperialistischen Widersprüche auszunutzen, um die Kampfbedingungen für die Internationale Arbeiterklasse zu verbessern.

Das Wesen der Zwischenimperialistischen Widersprüche

In seinem Beitrag beschreibt Retinskij die USA als das imperialistische Zentrum, während alle anderen Länder der Peripherie zuzuordnen seien. Somit stellen die USA, ihm nach, den Hauptfeind der revolutionären Kräfte weltweit dar. Die USA bestimmen durch ihre Macht den von ihm so bezeichneten „Weltimperialismus“, während es andere imperialistische Staaten wie Russland gebe, deren Interessen gegen den Weltimperialismus gerichtet seien. Laut Retinskij besteht das Wesen der ziwschenimperialistischen Widersprüche gegenwärtig im Interessensgegensatz zwischen dem Weltimperialismus und den übrigen imperialistischen Staaten.

Retinskij zufolge müsse der Kampf eines Landes, dass sich gegen die Interessen des imperialistischen Zentrums stellt als antiimperialistisch charakterisiert werden, auch wenn es sich dabei nicht um ein sozialistisches Land handelt. Innerhalb der Peripherie heben sich einzelne antiimperialistische Kräfte ab. Zu diesen gehören, ihm nach, Venezuela, Syrien und der Donbass. Russland sei zwar ein imperialistischer Staat, aber durch die Unterstützung antiimperialistischer Kräfte schwäche es das Zentrum und wirke so antiimperialistisch, also gegen den Weltimperialismus. Retinskij nach, müssen alle Formen des antiimperialistischen Kampfes gegen das Zentrum von Kommunisten unterstützt werden, auch wenn es sich dabei nicht um Länder handele, in denen die Situation für eine Revolution günstig sei. Je schwächer die USA als Zentrum des Imperialismus, je schwächer also der Weltimperialismus, desto größer die Chance auf eine siegreiche Revolution, so Retinskijs Argumentation. Die oben genannten antiimperialistischen Kräfte müssen Bündnisse mit anderen kapitalistischen oder imperialistischen Staaten eingehen, um einen erfolgreichen Kampf gegen das Zentrum führen zu können. Retinskij betont, dass solche Bündnisse auch dann im Sinne der Kommunisten seien, wenn sie keinen direkten Nutzen für die Arbeiterklasse haben, da es um die langfristigen Entwicklungen der Kräfteverhältnisse im Weltmaßstab gehe.

Es ist schnell ersichtlich, dass Retinskijs Argumentation einige logische Zusammenhänge in der Imperialismustheorie- und Analyse voraussetzt. Auf diese möchte ich im Folgenden kurz eingehen, sie kommentieren und offene Fragen formulieren, die sich daraus für mich ergeben.

Die imperialistische Weltordnung

Die von Retinskij beschriebene imperialistische Weltordnung teilt sich grundsätzliche in zwei Kategorien: Das Zentrum, namentlich die USA, und die Peripherie, der alle anderen Staaten zuzuordnen sind. Die Charakterisierung der USA als Zentrum des Imperialismus trifft in Anbetracht, der ökonomischen und militärischen Überlegenheit sicherlich zu. Und auch die Tatsache, dass die USA den Imperialismus stärker prägen als irgendein anderes Land ist richtig, was die Vorstellung des „Weltimperialismus“ plausibel erscheinen lässt. Aber die schematische Trennung in Zentrum und Peripherie wirft die Frage auf, ob die Abstufungen in der Hierarchie und wechselseitige Abhängigkeiten der imperialistischen Staaten ausreichend berücksichtigt werden – sofern es sie denn gibt. Lenin stellte fest, dass „eine Handvoll fortgeschrittener Länder“ die Mehrheit der Weltbevölkerung unterdrückt, und betonte, dass es diese „weltbeherrschenden“ Länder sind, „die die ganze Welt in ihren Krieg um die Teilung ihrer Beute mit hineinreißen“ [LW 22, S. 195].

Es ist zwar richtig, dass die USA das imperialistischen Weltsystem klar dominieren, gleichzeitig scheinen doch andere Länder zu existieren, die einer eigenen imperialistischen Logik folgen, die sich nicht mehr durch ein reines Unterdrückungsverhältnis erklären lässt. Die Betrachtung der westlichen imperialistischen Staaten als ein homogener Block wirft außerdem die Frage auf zwischen welchen Ländern denn der Kampf um die Aufteilung der Welt ausgetragen werden sollte, in den die ganze Welt hineingezogen wird. Ist nicht der Ukraine-Krieg auch ein Ausdruck der Konkurrenz zwischen den USA und Europa, bzw. Deutschland? Handelt es sich also eher um einen Kampf zwischen führenden imperialistischen Ländern, wenn ja zwischen welchen? Oder ist es der Kampf eines geschlossenen imperialistischen Blocks unter Führung der USA gegen den Rest der Welt? Oder müssen wir das gesamte Weltsystem viel mehr als ein Geflecht von zwischenimperialistischen Widersprüchen und wechselseitigen Abhängigkeiten begreifen, indem alle kapitalistischen Länder eine aktive Rolle einnehmen?

Das Pyramidenmodel der KKE

Die KKE prägt in ihrer Imperialismusvorstellung das Bild einer Pyramide, in welcher diese wechselseitigen Abhängigkeiten abgebildet werden. An der Spitze der Pyramide stehen die imperialistischen Mächte, die die geringste Abhängigkeit von anderen Staaten aufweisen und ihre Interessen am stärksten durchsetzen können. Für die Einteilung dieser Länder untersucht die KKE insbesondere den Kapitalexport, aber auch das weltweite Bruttosozialprodukt [5], [6]. Die in diesem Model enthaltene Vorstellung ist, dass „[d]ie heutige Komplexität der Bewegung der globalen kapitalistischen Wirtschaft […] nicht richtig und vollständig erklärt werden [kann], wenn wir uns auf die Aktivitäten derjenigen Staaten beschränken, die sich an der Spitze der imperialistischen Pyramide befinden.“ [5] Die Entwicklung vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Imperialismus wird als eine Gesetzmäßigkeit verstanden, die in allen kapitalistischen Ländern mit unterschiedlicher Geschwindigkeit stattfindet und nicht nur die mächtigsten kapitalistischen Staaten betrifft. Bei der Entwicklung des Imperialismus in den „schwächeren“ kapitalistischen Ländern spiele der Kapitalimport aus den mächtigen imperialistischen Ländern eine wichtige Rolle [5]. Schon Lenin stellte fest: „Der Kapitalexport beeinflußt in den Ländern, in die er sich ergießt, die kapitalistische Entwicklung, die er außerordentlich beschleunigt. Wenn daher dieser Export bis zu einem gewissen Grade die Entwicklung in den exportierenden Ländern zu hemmen geeignet ist, so kann dies nur um den Preis einer Ausdehnung und Vertiefung der weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt geschehen.“ [LW 22, S. 247] Entscheidend für das Model der KKE ist also, dass den schwächeren kapitalistischen Staaten eine aktive imperialistische Rolle zugesprochen wird und es sich nicht mehr um ein koloniales Unterdrückungsverhältnis handelt. Dieses Bild wurde bisher auch von vielen unserer Genossen bemüht um das imperialistische Weltsystem zu beschreiben.

Die richtigen Analysekriterien

Doch es schließt sich die Frage an was hier eigentlich unter Abhängigkeiten zu verstehen ist und welche Kriterien wir heranziehen sollten, um diese zu messen. Einen Beitrag zu dieser Frage liefert die TKP in ihren Imperialismusthesen, worin die Relevanz militärischer und politischer Faktoren zusätzlich zu den ökonomischen Kennzahlen hervorgehoben wird. Es wird aber schnell deutlich, dass die wechselseitigen Abhängigkeiten, selbst zwischen den ökonomisch „starken“ Staaten, sehr unterschiedlich sind. Wie sieht es also mit Ländern aus, die wesentlich schwächer aufgestellt sind? Mir scheint, als hätten wir im bisherigen Gebrauch des Pyramiden-Models nur die Spitze der Pyramide betrachtet, die das Verhältnis der mächtigsten Staaten untereinander beschreibt. Im Beitrag von Makis Papadopoulos [5] werden in Bezug auf die wechselseitigen Abhängigkeiten der imperialistischen Staaten meist nur die USA, Deutschland, Australien, Japan, Kanada und einzelne Länder aus Europa und den BRICS-Staaten genannt. Wie verhält es sich aber mit der Rolle von noch schwächeren kapitalistischen Ländern in der imperialistischen Pyramide? Müsste es im Pyramidenmodell von oben nach unten herabsteigend nicht eine Stufe geben, ab der das Abhängigkeitsverhältnis ausschließlich einseitige Gestalt annimmt und als tatsächliche Beherrschung betrachtet werden muss? Was würde dies für den Kampf der Arbeiterklasse in diesen Ländern bedeuten? Und wo wären dann Staaten wie Russland oder Indien einzuordnen?

Konsequenzen aus dem Pyramidenmodel

Es ergibt sich aber auch die Frage welche Konsequenzen aus der Hierarchisierung von Staaten entstehen, wie sie im Pyramidenmodell vorgenommen wird. Sollten wir Partei ergreifen, wenn sich imperialistische Staaten, die in die untersten Ebenen der Pyramidenstruktur eingeordnet werden, gegen die erdrückende Übermacht der imperialistischen „Spitzen-Staaten“ zur Wehr setzen, oder verurteilen wir beide Staaten gleichermaßen, da auch der schwächere imperialistische Staat nicht das Interesse der Arbeiterklasse vertritt? Doch was nützt ein Modell, das die Unterschiede der imperialistischen Länder beschreibt, wenn im Ergebnis eine äquidistante Haltung im Konflikt zwischen äußerst ungleichen imperialistischen Ländern bezogen wird, wie sie teilweise im Joint Statement anklingt? Was sagt das Pyramidenmodell beispielweise zum Konflikt zwischen Venezuela und den USA? Stellen wir uns vor im Grenzgebiet zu Kolumbien würde der Konflikt weiter eskalieren. Venezuela müsste, um sich zu verteidigen, Stellungen auf kolumbianischem Staatsgebiet angreifen. Würden wir diese Militärhandlungen dann als zwischenimperialistischen Konflikt abtun und Venezuela dafür kritisieren, dass sie Kolumbien angreifen? Schließlich ist auch Venezuela ein kapitalistisches Land. Eine solche Position scheint in Anbetracht der Lage Venezuelas absurd. Wie bewerten wir aber Venezuelas Rolle? Kann es im gegenwärtigen Weltsystem noch etwas anderes als Sozialismus, Kapitalismus oder Imperialismus geben? Oder müssen wir uns eingestehen, dass es in bestimmten Situationen notwendig ist, die Interessen eines kapitalistischen oder sogar imperialistischen Landes zu unterstützen, dass im Konflikt mit den mächtigsten imperialistischen Ländern steht? Oder handelt es sich in Venezuela um einen nationalen Befreiungskampf? Letzteres scheint bei oberflächlicher Betrachtung Venezuelas aber nicht plausibel zu sein.

Die Frage der Einordnung in das Weltsystem stellt sich in der aktuellen Debatte insbesondere für Russland. Eine Gleichsetzung Russlands mit den USA hält einem Vergleich der ökonomischen und militärischen Fähigkeiten nicht stand. Eine Gleichsetzung mit anderen Staaten der Peripherie greift aber auch zu kurz. Wir scheinen also nicht um eine genauere Analyse der Kräfteverhältnisse herum zu kommen. Wie wichtig diese Analyse für uns ist, wird deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen welche Konsequenzen sich aus den unterschiedlichen Imperialismusvorstellungen für die Strategie und Taktik der Kommunisten ergeben.

Die Frage des Hauptfeindes

Laut Retinskij gilt der Kampf der Kommunisten der Schwächung des imperialistischen Zentrums, also den USA. In den antiimperialistischen Gebieten sei die Aufgabe der Kommunisten den antiimperialistischen Kampf ihrer Regierung zu unterstützen. Dazu gehöre auch, die Unterstützung von Bündnissen mit anderen kapitalistischen oder imperialistischen Staaten. Im Beispiel von Venezuela können diese Bündnispartner Brasilien oder auch Russland sein. Die Rolle der Kommunisten in diesen imperialistischen Bündnisstaaten sei ebenfalls die Unterstützung des eigenen Staates im Kampf gegen den Hauptfeind – den US-Imperialismus. Denn diese imperialistischen Staaten unterstützen antiimperialistische Kräfte und schwächen das imperialistische Zentrum, was ihnen einen objektiv antiimperialistischen Charakter verleihe. Retinskij, betont dass die Aufgabe der russischen Arbeiterklasse gegenwärtig nicht der Aufbau des Sozialismus, sondern die Schwächung des imperialistischen Zentrums sei. Daraus ergibt sich die Rolle der Kommunisten im imperialistischen Zentrum: Die Bekämpfung des Hauptfeindes im eigenen Land. Wie verhält es sich aber mit der Rolle von Kommunisten in Großbritannien, Frankreich oder Deutschland? Begreifen wir diese Staaten als reine Vasallen der USA, deren Gefolgschaft durch die Übermacht der USA erzwungen ist, so müsste auch in diesen Ländern darüber diskutiert werden, ob der Hauptfeind nicht jenseits des Atlantiks bekämpft werden müsste. Eine Schwächung des Hauptfeinds könnte dann allerdings auch durch die Schwächung seiner Bündnispartner oder durch die Schwächung des Bündnisses selbst erreicht werden. Ersteres, also die Bekämpfung der eigenen Bourgeoisie, wäre die Strategie, die auch wir bisher verfolgt haben und würde im Aufbau des Sozialismus im eigenen Land münden. Letzteres könnte bedeuten, dass auf ein Bündnis der eigenen Bourgeoisie mit der eines der objektiv antiimperialistischen Landes orientiert werden müsste. Konkret könnte dies für die Kommunisten in Deutschland bedeuten auf eine Intensivierung der deutsch-russischen oder möglicherweise auch deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen zu setzen. Dies würde das transatlantische Bündnis schwächen und Russland bzw. China als Bündnisstaat antiimperialistischer Kräfte stärken. Es wäre auch denkbar, dass die Kommunisten in Westeuropa ihrer Verpflichtung zur Schwächung des imperialistischen Zentrums nachkämen, indem sie auf die direkte Unterstützung der antiimperialistischen Kräfte oder deren Bündnispartner orientierten. Aber wäre dies nicht eine Abkehr von der Losung Karl Liebknechts, die wir uns bisher stets zu eigen gemacht haben? Betrachtet man das Bündnis zwischen Westeuropa und den USA hingegen als ein Bündnis rivalisierender imperialistischer Mächte, die eigene Interessen verfolgen und tendenziell dazu in der Lage sind diese auch gewaltsam durchzusetzen, aber in vielen Bereichen dieselben Ziele teilen bleibt die Aufgabe für die Kommunisten in diesen Ländern die Zerschlagung des Imperialismus im eigenen Land. Es wird also deutlich, dass die Charakterisierung der Abhängigkeitsverhältnisse zentrale Folgen für die Strategie der Kommunisten hat.

Sozialismus oder Zwischenetappe?

Eng verknüpft mit der Frage des Hauptfeindes ist die Frage, ob der Kampf für den Sozialismus oder ein Bündnis mit der nationalen Bourgeoisie auf der Tagesordnung steht. Für den Fall Russlands beantwortet Retinskij diese Frage klar: Aufgabe der russischen Arbeiterklasse sei es gegenwärtig nicht den Sozialismus aufzubauen, sondern den russischen Imperialismus im Kampf gegen den Hauptfeind, die USA, zu unterstützen. Retinskij geht sogar so weit, dem russischen Volk die Aufgabe des Aufbaus des Sozialismus grundsätzlich abzusprechen.

Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) beschränkt ihre Aktivitäten weitestgehend auf einen Kampf innerhalb der Ordnung der russischen Bourgeoisie. Sie unterstützt die russische Regierung im Kampf gegen den westlichen Imperialismus aber kämpft für die Verbesserung der Lebensbedingungen der russischen Arbeiterklasse. Der Aufbau des Sozialismus sei zwar ein strategisches Ziel, doch dieses Ziel bestehe aus mehreren Etappen. Die ersten beiden Etappen haben zum Ziel die Volksmasse hinter der Partei zu sammeln und politische und wirtschaftliche Stabilität in Russland herzustellen, um im nächsten Schritt eine Mehrheit in der russischen Regierung zu erringen. In der dritten Etappe soll die bereits begonnene Vergesellschaftung und der Aufbau von Rätestrukturen fortgesetzt und zum Sozialismus entwickelt werden. Der Sozialismus soll dabei auf friedlichem Wege erreicht werden. [7]

Aus unserer Perspektive wirkt dieses Vorgehen wie eine reformistische, sozialdemokratische Politik, die mit den Zielen der Kommunisten wenig gemeinsam zu haben scheint. Der Unterschied ist, dass Deutschland selbst Teil der mächtigsten imperialistischen Länder ist und in einem engen Bündnis mit den USA zu den wichtigsten Räubern des Weltsystems gehört, während Russland von den meisten führenden Imperialisten als Feind bekämpft wird. Die Politik der KPRF ist einerseits nachvollziehbar, da unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Kräfteverhältnisse auf internationaler Ebene die destabilisierende Wirkung einer sozialistischen Revolution in Russland vom westlichen Imperialismus genutzt werden könnte, um Russland zu zerschlagen und die russische Bevölkerung in Armut und Elend zu stürzen. Die Neuaufteilung Russlands unter den mächtigsten Imperialisten kann nicht im Interesse der russischen Arbeiterklasse sein. Andererseits stellt sich die Frage, ob das Risiko der feindlichen Übernahme einer Revolution nicht ein grundsätzliches Problem darstellt, dass vor allem durch den Aufbau einer besonders starken und inhaltlich klaren kommunistischen Partei gelöst werden müsste. Aber wirkt die Taktik der KPRF nicht negativ auf dieses Ziel zurück? Wäre Russland in Anbetracht seiner militärischen Fähigkeiten, seiner Rohstoffe und seiner Stellung im Weltsystem nicht gerade ein Land, in dem der Kampf um den Sozialismus mit allen Mitteln geführt werden müsste, um nach einer erfolgreichen Revolution mit effizienten planwirtschaftlichen Methoden einen Sozialismus aufzubauen, der tatsächlich in der Lage wäre dem imperialistischen Zentrum etwas entgegenzusetzen? Als Voraussetzungen für eine siegreiche Revolution nennt Retinskij neben einer revolutionären Situation in dem betreffenden Land, einen Konflikt zwischen imperialistischen Staaten und weitere „Widerstandsherde gegen den Weltimperialismus“. Diese Überlegung scheint nicht abwegig zu sein, schaut man sich die historischen Situationen an aus denen bisherige Revolutionen hervorgegangen sind. Es waren Situationen, in denen die imperialistischen Mächte durch zermürbende Kriege empfindlich geschwächt waren. Auch ein Blick in die Gegenwart motiviert diese Vorstellung. Schließlich wäre die Existenz des kubanischen Sozialismus ohne die Unterstützung Russlands, Venezuelas aber auch Chinas nicht denkbar. Aber was für Konsequenzen hat es, die Voraussetzung für den erfolgreichen Kampf um den Sozialismus, von der Entwicklung der starken imperialistischen Mächte abhängig zu machen, bzw. auf die Unterstützung anderer kapitalistischer Akteure zu setzen?

Retinskij erklärt, dass der Zweck des Bündnisses nicht die Stärkung oder Schwächung des Bündnispartners, sondern die gemeinsame Überwindung des US-Imperialismus sei. Sobald dieser entscheidend geschwächt sei, müsse zum Kampf gegen den „allgemeinen Imperialismus“ übergegangen werden. Doch wann ist dieser Moment erreicht? Es scheint plausibel zu sein die Anstrengungen der internationalen Arbeiterklasse auf den Kampf gegen die mächtigsten Staaten des imperialistischen Weltsystems zu konzentrieren. Schließlich werden Krieg und Elend in einem Großteil der Welt nicht aufhören so lange diese Länder ihre aggressive Praxis der Ausbeutung, Zerstörung und Unterdrückung fortsetzen. Aber wird die Rolle des imperialistischen Zentrums nicht ersetzt werden, sobald dieses endgültig geschwächt ist? Können wir die Kampfbedingungen der internationalen Arbeiterklasse verbessern, indem wir durch die Schwächung der stärksten Imperialisten eine „Balance“ im Weltsystem herstellen? Widerspricht dies nicht Lenins Ausführungen zur ungleichzeitigen Entwicklung? Zielt die Argumentation von Retinskij nicht darauf ab den Aufbau des Sozialismus auf eine Zeit zu verschieben in der eine solche Balance hergestellt ist? Sollte nicht in allen Ländern auf den Aufbau des Sozialismus orientiert werden, da dies der beste Kampf gegen die stärksten Imperialisten ist? Oder muss man den Kampf gegen das Zentrum als einen parallel stattfindenden Beitrag zum Kampf um den Sozialismus auf internationaler Ebene begreifen, der also keine Zwischenetappe, sondern den Kampf für den Sozialismus selbst darstellt? Aber wie verhält es sich dabei mit dem Bündnis zwischen Kommunisten und der nationalen Bourgeoisie?

Bündnisse mit der Bourgeoisie

Eine wichtige Frage, die mit dem aktuellen Konflikt zusammenhängt, berührt das Verhältnis der Kommunisten bzw. der Arbeiterklasse zu ihrer nationalen Bourgeoisie. Ausgehend von der Analyse des Weltsystems stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von internationalen und nationalen Herrschaftsverhältnissen, oder um zum Bild der KKE zurückzukommen, die Frage nach dem Verhältnis von zwischenimperialistischen Widersprüchen auf der einen und Klassenwidersprüchen auf der anderen Seite. Die KKE betont, dass „der Charakter der Revolution in jedem kapitalistischen Land vom Hauptwiderspruch bestimmt [wird]“. Der Hauptwiderspruch, also der Widerspruch zwischen der Vergesellschaftung der Produktion und der privaten Aneignung, müsse „unabhängig von der relativen Änderung der Position des Landes in einer Gruppe von Ländern im kapitalistischen System oder in einem wirtschaftlichen und/oder militärischen Bündnis“ gelöst werden. [5]

Auf der anderen Seite beschreibt Retinskij ein Weltbild in dem der Widerspruch zwischen dem Weltimperialismus und der Peripherie den Klassenwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit auf internationaler Ebene widerspiegelt. Konkret stellt sich die Frage, ob es Situationen geben kann, in denen die Interessen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse zumindest vorübergehend zusammenfallen und die Arbeiterklasse die nationale Bourgeoisie deshalb unterstützen müsste. Retinskij sieht eine solche Situation im Falle der Donbass-Republiken gegeben. Dort gibt es ihm nach zwar keinen Sozialismus, aber die Interessen der Arbeiterklasse fallen mit den Interessen des dort ansässigen Kleinbürgertums zusammen, welches im Kampf gegen den Weltimperialismus versuche, dem Großkapital Märkte abzuringen. Langfristig müsse es der Arbeiterklasse im Donbass darum gehen den Sozialismus aufzubauen, dies sei aber kurzfristig nicht möglich. Retinskijs Position wird in folgendem Zitat deutlich: „[…] die Politik ist die Kunst des Möglichen und die Möglichkeiten werden durch das Verhältnis der Klassenkräfte in der internationalen Arena bestimmt, die sich noch nicht zu Gunsten des Sozialismus gestalten.“ Auch wenn die Situation in Russland oder Venezuela nicht direkt vergleichbar ist, stellt sich die Lage für das dortige Proletariat laut Retinskij ähnlich dar. Auch hier solle das Proletariat ihm nach ein Bündnis mit der nationalen Bourgeoisie eingehen, um den Kampf gegen den Weltimperialismus zu unterstützen. Für die Frage des Bündnisses sei relevant welche Stellung das Land im Weltsystem einnimmt. Gehöre es zur Peripherie und kämpfe es gegen den Weltimperialismus sei ein Bündnis möglich. Handele es sich um ein imperialistisches Land, dass gegen den übermächtigen Hauptimperialismus kämpfe und dabei Länder der Peripherie unterstütze, die ebenfalls gegen das imperialistische Zentrum kämpfen, sei ein solches Bündnis ebenfalls möglich, so Retinskij. Entscheidend in dieser Vorstellung ist also welche Stellung ein Land zum imperialistischen Zentrum einnimmt. Aber müsste man in diese Überlegungen nicht die Fähigkeiten des Landes zur Entwicklung eines eigenständigen Imperialismus und damit die Fähigkeiten zur Unterwerfung der Welt einbeziehen? Aus den Überlegungen von Retinskij ergeben sich auch andere Fragen, zum Beispiel zur Rolle Chinas. Was wäre gegenwärtig die Aufgabe der chinesischen Arbeiterklasse? Müsste sie nicht ebenfalls die nationale Bourgeoisie unterstützen, da China den Weltimperialismus aktiv bekämpft? Oder ist für China das Stadium der Unterdrückung schon überschritten, sodass die nationale Bourgeoisie zum Profiteur des Weltimperialismus geworden ist? Was würde letzteres für die Bewertung Russlands bedeuten, dass auf ein engeres Bündnis mit China hinarbeitet?

Schluss

Aus den Positionen Retinskijs wird deutlich, dass es nicht ausschließlich um die Frage geht, ob ein Land imperialistisch ist oder nicht, sondern auch, welche Stellung dieses Land in der internationalen kapitalistischen Konkurrenz einnimmt. Ein wesentlicher Dissens, der bei der Betrachtung der unterschiedlichen Positionen deutlich wurde, betrifft die Frage in welchem Verhältnis internationale Herrschaft bzw. zwischenstaatliche Konkurrenz zur Klassenfrage stehen. Sowohl die Positionen der KKE als auch die der KPRF und der KPDVR enthalten bei oberflächlicher Betrachtung nachvollziehbare und richtige Argumente. Gleichzeitig enthalten alle Positionen auch Unschärfen und werfen Fragen auf. Wenn wir unser Imperialismusverständnis schärfen wollen müssen wir anfangen diese Fragen zu beantworten, bzw. uns auf Antworten zu einigen. Das wird nicht ohne eine intensive Auseinandersetzung mit der Imperialismusanalyse, der ihr zugrundeliegenden Imperialismustheorie, aber auch nicht ohne die Betrachtung der wissenschaftlich-methodischen Grundlagen der Theorie möglich sein. Es wird deutlich, dass wir es bei der Imperialismusfrage mit einem Komplex zu tun haben, der nur unter Betrachtung vieler Zusammenhänge untersucht werden kann. Als KO sollten wir anfangen diesen Komplex zu entwirren und dabei praktisch zeigen, was wir uns unter Klärung vorstellen. Dabei sollten wir aufpassen, dass die Ungeduld schnell zu Antworten zu kommen nicht dazu führt den Komplex unvollständig zu betrachten oder verkürzt darzustellen. Das soll nicht heißen, dass wir diese Aufgabe nicht bewältigen können, wir sollten nur realistische Vorstellungen davon entwickeln bis zu welchem Grad wir in gegebener Zeit mit der Klärung voranschreiten können. Wir sollten uns also klare und realistische Ziele setzen, die unseren objektiven Voraussetzungen gerecht werden.

[1] http://wpered.su/2018/05/20/die-antiimperialistische-front-donbass-syrien-venezuela-teil-1/

[2] http://wpered.su/2018/05/25/die-antiimperialistische-front-donbass-syrien-venezuela-teil-2/

[3] http://wpered.su/2018/05/31/die-antiimperialistische-front-donbass-syrien-venezuela-teil-3/

[4] http://wpered.su/2018/06/02/die-antiimperialistische-front-donbass-syrien-venezuela-teil-4-schluss/

[5] Papadopoulos, Makis, Die Aktualität der leninistischen Theorie des Imperialismus, KOMEP 2016 Heft 4

[6] Papariga, Aleka: On the imperialist Pyramid, https://inter.kke.gr/de/articles/On-Imperialism-The-Imperialist-Pyramid

[7] Aktuelles Programm der KPRF, https://kprf.ru/party/program (zuletzt gesehen: 11.12.2021

Die wissenschaftliche Analyse nicht über Bord werfen!

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von Paul Oswald

Zielstellung und Ausgangspunkt des Textes

Imperialistische und nationale Kriege

Der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus

Notwendigkeit der Klarheit

Zielstellung und Ausgangspunkt des Textes

Mit diesem Text möchte ich versuchen die Bedeutung der wissenschaftlichen Analyse für die Beurteilung der aktuellen Ereignisse in der Ukraine zu verdeutlichen. Dies mag auf den ersten Blick sehr vermessen wirken, da wir als Marxisten-Leninisten immer die Wissenschaft betonen und letztlich sogar vor diesem Hintergrund einen Klärungsprozess gestartet haben. Eigentlich sollte ein grundlegender Konsens darin bestehen, dass Kommunisten immer eine konkrete Untersuchung von Ereignissen anstellen müssen, um richtige Losungen zu entwickeln. In der Imperialismus-Diskussion fällt allerdings auf, dass dieser Anspruch z.T. nicht berücksichtigt bzw. umgesetzt wird. Es werden voreilig Positionen aufgestellt, ohne sie im Vorfeld mit dem konkreten Geschehen abgeglichen bzw. sie aus ihnen entwickelt zu haben. Man könnte auch salopp formulieren, dass unsere Klassiker als tote Lehrsätze verstanden werden. Damit meine ich, dass aus den Klassikern die allgemeinsten begrifflichen Bestimmungen (z.B. Lenins fünf Kriterien zum Imperialismus) herangezogen werden und schablonenhaft auf alles angelegt werden. In manchen Fällen (z.B. wenn über Klasseninteressen oder den Klassencharakter eines Staates gesprochen wird) sorgen diese allgemeinen Bestimmungen dafür, dass man zwar möglichen Fehltritte entgeht, gleichzeitig aber nichts aussagt, weil die Position so allgemein bleibt, dass mit ihr wenig anzufangen ist. Gemeint sind allgemeine Aussagen, die für alle Klassengesellschaften gelten und demnach keine Spezifik einer Gesellschaftsformation unterscheiden können. Dadurch besteht die Gefahr den wissenschaftlichen Kern der Klassikerschriften aus den Augen zu verlieren – nämlich die Bestimmung des Allgemeinen in den ganz konkreten Prozessen der Welt und damit auch das Begreifen der Widersprüchlichkeit dieser Erscheinungen.

Ich möchte in diesem Beitrag aufzeigen wie Lenin durch ein wissenschaftliches Vorgehen die Positionen zu konkreten Kriegen entwickelt hat. Damit schließe ich mehr oder weniger an den Beitrag von Klara Bina an. Sie widmete ein ganzes Kapitel dem Thema „Imperialismus und Krieg“. Dies möchte ich aufgreifen und versuchen weiter zu vertiefen. Die Beschäftigung mit der Frage nach dem Charakter von Kriegen führt zwangsläufig zu der Frage des Imperialismus – also der Frage, was Imperialismus nun sein soll. Ohne ein Verständnis davon was der Imperialismus ist, können (so die These) Kriege nicht beurteilt werden und Kommunisten werden eine falsche Losung aufstellen müssen. Dies isoliert sie von der Arbeiterklasse und sorgt in manchen Fällen sogar dafür, dass man sich auf die Seite der eigenen Bourgeoise schlägt. Zu der Frage des Imperialismus werde ich im zweiten Teil übergehen und auch hier versuchen Lenins Bestimmung aufzuzeigen. 

Dieser Beitrag hat nicht zum Ziel die tausendste Leninexegese zu betreiben, sondern besser zu verstehen wie wir als Kommunisten auf dem Boden des dialektischen Materialismus wissenschaftlich an die Analyse gehen müsse und wie wir nur so (!) zu einer richtigen Losung kommen können. Nur anhand dieser wissenschaftlichen Analyse – in Abgrenzung zu Behauptungen – werden wir auch unserem Vorhaben eines Klärungsprozesses wirklich gerecht. 

Damit möchte ich auch zum Ausdruck bringen, dass ich mich derzeit überhaupt nicht in der Lage sehe, eine wirklich fundierte Position zu der russischen Militärintervention zu haben. Dennoch halte ich die voreilige Analogie zum Ersten Weltkrieg, welche sich eigentlich auch logisch aus dem Pyramidenmodell der KKE ableiten lässt, für gefährlich. Da in der Pyramide fast alle Länder Imperialistisch sind, müssen auch eigentlich alle Kriege einen imperialistischen Charakter tragen. Dies werde ich im ersten Teil dieses Beitrages herausarbeiten. Aleka Papariga schreibt in ihrem Artikel für die KP Mexikos:

„Wir betonen immer, dass sich innerhalb des imperialistischen Systems, das wir mit einer Pyramide vergleichen, weiterhin starke Widersprüche zwischen den imperialistischen Staaten, den Monopolen für die Kontrolle von Rohstoffen, den Transportwegen, den Marktanteilen usw. entwickeln und manifestieren. Die Bourgeoisie bildet eine gemeinsame Front für die effizienteste Ausbeutung der Arbeiter, aber sie wird immer die Messer schärfen, wenn es um imperialistische „Plünderung“ geht, die aufgeteilt werden muss [Eigene Übersetzung].“[1]

Andreas Sörensens (SKP) schreibt z.B. in seinem Artikel, dass es keine Trennung zwischen Imperialisten und Kapitalisten geben darf. Er vertritt die Auffassung, dass die kleinen kapitalistischen Länder sowohl unterdrückt werden, gleichzeitig aber auch unterdrücken. Nach ihm darf keine qualitative Grenze zwischen Kapitalismus und Imperialismus gezogen werden.[2]  Lenin widersprach einer solchen Annahme sehr deutlich. Mit meinem Beitrag möchte ich u.a. zeigen, dass diese Auffassungen zu einer Gefahr werden können, wenn es dazu verleitet, vor konkreten Entwicklungen die Augen zu verschließen und blind eine Losung aufzustellen. Diese blinde Losung kann dann schnell in sein genaues Gegenteil umschlagen und unseren Klassengegner stützen. 

Imperialistische und nationale Kriege

In dem folgenden Abschnitt möchte ich nun etwas genauer Lenins Analysen zum Krieg darstellen. Die Dringlichkeit in dieser Frage unser Verständnis zu schärfen, zeigten mir u.a. die Beiträge von Thanasis Spanidis, Klara Bina und Tom Hensgen. Interessanterweise beziehen sich alle drei auf dieselben Lenin-Quellen und kommen damit zu völlig unterschiedlichen Schlüssen. Klara Bina ist dabei in ihrem Beitrag aber recht genau geblieben, und hat die Schriften historisch und in damaligen Diskussionen eingeordnet. Tut man dies nicht, kann man sehr schnell mit willkürlichen Zitaten alles mögliche belegen. In Thanasis Spanidis und Tom Hensgen Beiträgen fiel mir dies u.a. bei ihren Bezügen zu Lenins Schrift „Sozialismus und Krieg“ auf. Lenin bezieht sich hier explizit auf den Ersten Weltkrieg. Somit muss also beim Verwenden dieser Quelle dargelegt werden, warum Lenins Aussagen zum Ersten Weltkrieg auch auf die aktuellen Ereignisse zutreffen. Ich werde versuchen an Klara Bina anzuknüpfen, um den Dissens, der besteht – welcher interessanterweise auch zu Lenins Zeiten schon bestand – klarer zu fassen und auf den Punkt zu bringen.

Vorweg der Versuch einer kurzen politischen und zeitlichen Einordung der internationalen Sozialdemokratie, in welcher alle hier verwendeten Lenin-Schriften verfasst wurden. Dies scheint mir wichtig im Hinterkopf zu behalten, um die folgend zitierten Schriften besser einsortieren zu können. Zeitlich befinden wir uns bereits mitten im Ersten Weltkrieg. Vom 5. bis zum 8. September 1915 findet die Konferenz von Zimmerwald (Schweiz) statt. An ihr nahmen 38 Vertreter von Parteien und Gruppen aus Bulgarien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Rumänien, Russland, Schweden und der Schweiz teil. Die Konferenz nahm ein von Trotzki geschriebenes opportunistisches Manifest an, in dem die Arbeiter aller (!) Länder aufgefordert wurden, durch einen unversöhnlichen Klassenkampf für die Ziele des Proletariats einzutreten. Aus der Konferenz ging ein Zusammenschluss von oppositionellen Kräften (Zimmerwalder Linke) in den sozialdemokratischen Parteien hervor. Ihre Tätigkeit diente einer weiteren Abgrenzung vom Sozialchauvinismus. Dieser linke Flügel unterstütze die von Lenin eingebrachte Resolution über den Krieg und die Aufgabe der Sozialdemokratie (hier ist es wichtig die Schrift „Sozialismus und Krieg“ im Blick zu behalten). Die zentristische Mehrheit der Konferenz lehnte diesen Resolutionsentwurf von Lenin ab, worin die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg und ein klarer Bruch mit dem Opportunismus und Sozialchauvinismus gefordert wurde.

Als eine erste wichtige Quelle für die Frage nach der Stellung von Sozialisten zum Krieg erscheint mir Lenins Text „Über die Junius-Broschüre“ (LW Bd. 22, S.310-325) von 1916. Dieser Text stellt eine Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburgs Artikel „Die Krise der Sozialdemokratie“ dar. Lenin macht gleich zu Beginn deutlich, welche wichtige Rolle diese Schrift für die Arbeiterklasse in Deutschland gespielt hat, sieht sich dennoch dazu veranlasst eine Kritik an Lücken in diesem Text zu formulieren: 1. wird der Zusammenhang zwischen Opportunismus und Sozialchauvinismus nicht erklärt, 2. weise Luxemburgs Text eine mangelhafte Analyse vom Krieg auf und 3. die daraus resultierende falsche Position zur „Vaterlandsverteidigung“. 

All diese drei Punkte finden wir auch in unserer Diskussion wieder. Dennoch will ich mich vorerst auf die letzten beiden beschränken. 

Lenin stellt vorweg klar, dass es sich bei Junius (Luxemurgs) Formulierungen auch um unbewusste Verallgemeinerung handeln könnte, er sich dennoch veranlasst sieht, die Fehler richtigzustellen. In darauffolgenden Texten bezieht sich Lenin häufiger auf genau diese Punkte, da sie nach der Zimmerwalder-Konferenz zu Spaltungen geführt haben. Hier wird Lenin nicht müde zu betonen, dass eine kollektive Klarheit in diesen Fragen notwendig für die Gründung einer III. Internationalen ist. 

Zu dem zweiten Kritikpunkt schreibt Lenin folgendes: 

„Von den irrigen Auffassungen Junius‘ ist die erste in der 5. These der Gruppe „Internationale“ festgelegt: „… In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen Kriege mehr geben. Die nationalen Interessen dienen nur als Täuschungsmittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu machen…“ Der Anfang der 5. These, die mit diesem Satz endet, ist der Charakteristik des jetzigen Krieges als eines imperialistischen gewidmet. Es ist möglich, daß die Verneinung nationaler Kriege schlechthin entweder ein Versehen oder aber eine zufällige Übertreibung bei der Betonung des völlig richtigen Gedankens ist, daß der jetzige Krieg ein imperialistischer und kein nationaler Krieg ist. Da aber auch das Gegenteil der Fall sein kann, da die irrige Verneinung aller nationalen Kriege als Reaktion auf die fälschliche Darstellung des jetzigen Krieges als eines nationalen Krieges bei verschiedenen Sozialdemokraten festzustellen ist, so müssen wir auf diesen Fehler näher eingehen (LW Bd. 22, S.313).“

Lenin stellt hier also heraus, dass die Charakterisierung des Ersten Weltkrieges als ein imperialistischer Krieg vollkommen richtig ist. Dabei stellt er aber die fälschliche Verneinung von der Unmöglichkeit von nationalen Kriegen in der Epoche des Imperialismus fest, die von verschiedenen Sozialdemokraten der damaligen Zeit vertreten wurde. Eine Seite später wird Lenin noch konkreter und schreibt: 

„Ein Fehler wäre es nur, wollte man diese Wahrheit übertreiben, von der marxistischen Forderung, konkret zu bleiben, abweichen, die Einschätzung des jetzigen Krieges auf alle im Imperialismus möglichen Kriege übertragen und die nationalen Bewegungen gegen den Imperialismus vergessen (ebd., S.314).“

Lenin warnt also klar davor, die Charakterisierung des Ersten Weltkrieges als ein imperialistischer Krieg auf alle möglichen Kriege zu übertragen. Diese Warnung begründet er mit der Marxschen Dialektik, nach welcher die Grenzen in der Natur und Gesellschaft bedingt sind und es somit keine Erscheinung geben kann, die nicht in ihr Gegenteil umschlagen kann. Demnach kann ein nationaler Krieg zu einem imperialistischen Umschlagen und umgekehrt kann ein imperialistischer Krieg in einen nationalen umschlagen. Lenin spitzt diesen Punkt noch weiter zu und spricht letztendlich von der Unvermeidlichkeit von nationalen Kriegen im imperialistischen Kapitalismus: 

„Nationale Kriege der Kolonien und Halbkolonien sind in der Epoche des Imperialismus nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich. […] Solche Kriege können zu einem imperialistischen Krieg der jetzigen imperialistischen „Groß“mächte führen, können aber auch nicht dazu führen – das hängt von vielen Umständen ab (ebd., S.315f.).“

Aus dem ganzen zieht Lenin den Schluss, wie sinnlos es wäre „den Begriff Imperialismus schablonenhaft anzuwenden“ (ebd., S.316) und daraus die Unmöglichkeit von nationalen Kriegen im Imperialismus zu schlussfolgern. 

Okay, soweit so nichtssagend. Mit diesen Feststellungen ist an dieser Stelle noch nichts anzufangen, da noch unklar bleibt, was Lenin unter diesen beiden Arten des Krieges versteht. In seiner Schrift „Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg)“ (LW Bd. 21, S.295-341) welche im Sommer 1915, also unmittelbar vor der Zimmerwalder Konferenz geschrieben wurde, finden wir eine klare Gegenüberstellung. Vorweg muss allerdings bemerkt werden – da sich nun schon an mehreren Stellen auf diese Schrift bezogen wurde – dass es sich im Wesentlichen um Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg handelt und nicht mit dem Krieg allgemein. Ich betone es deswegen, weil Lenin hier sehr häufig von diesem (also dem Ersten Weltkrieg) spricht. D.h. man kann nicht willkürlich Passagen aus diesem Text herausgreifen.

Gleich zu Beginn grenzt Lenin die Position der Sozialisten zum Krieg, von der der bürgerlichen Pazifisten und der Anarchisten ab. Dabei betont er auch hier wieder sehr scharf den wissenschaftlichen Standpunkt der Sozialisten:  

„Von den Pazifisten wie von den Anarchisten unterscheiden wir Marxisten uns weiter dadurch, daß wir es für notwendig halten, einen jeden Krieg in seiner Besonderheit historisch (vom Standpunkt des Marxschen dialektischen Materialismus) zu analysieren (LW Bd. 21, S.299).“

Auf den folgenden drei Seiten finden sich zwei Passagen, die bereits in Diskussionsbeiträgen angeführt wurden (u.a. von Thanasis Spanidis und Klara Bina). In der ersten Passage nennt Lenin ein Beispiel für fortschrittliche Verteidigungskriege, welche für ihn „gerechte“ Kriege darstellen, da er von unterdrückten, abhängen Staaten gegen ihre Unterdrücker, Sklavenhalter oder Räuber geführt werde (ebd., S.300f.). Im Gegensatz dazu die reaktionären, imperialistischen Kriege, welche die Sklavenhalter untereinander führen, um ihre Beute (also die unterdrückten und abhängigen Länder) neu zu verteilen (ebd., S.301). Demnach unterscheiden sich die Kriege in ihrem sozialen Inhalt (Kampf gegen die Unterdrückung/Kampf um die Unterwerfung).

Nach Lenin hat sich die Welt in der Epoche des Imperialismus aufgrund der objektiven, ökonomischen Ursachen in zwei Blöcke geteilt (Unterdrückte/Unterdrücker). Dieser Umstand hat für ihn eine sehr zentrale Bedeutung für den Kampf um den Sozialismus. 1916 schreibt Lenin, in der Schrift „Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung“ (LW Bd. 22, S.326-368) in Reaktion auf die Position der polnischen Sozialdemokraten: 

„Wichtig ist nicht, ob ein Fünfzigstel oder ein Hundertstel der kleinen Völker sich schon vor der sozialistischen Revolution befreien wird, wichtig ist vielmehr, daß das Proletariat in der imperialistischen Epoche, kraft objektiver Ursachen, sich in zwei internationale Lager geteilt hat, von denen das eine durch die Brocken, die vom Tische der Bourgeoisie der Großmächte abfallen – unter anderem auch infolge der doppelten und dreifachen Ausbeutung der kleinen Nationen-, korrumpiert worden ist, das andere aber sich nicht selbst befreien kann, ohne die kleinen Nationen zu befreien und ohne die Massen in antichauvinistischem, d. h. antiannexionistischem Geist, d. h. im Geist der „Selbstbestimmung“ zu erziehen (LW Bd. 22, S.350f.).“

Das Proletariat in den imperialistischen Staaten kann sich nicht befreien, ohne durch den Sturz ihrer Bourgeoisien auch das Proletariat anderer Länder von der Unterdrückung zu befreien. Das Proletariat in den imperialistischen Ländern ist auf das Proletariat in den unterdrückten Ländern angewiesen. Ohne sie wird eine Revolution nicht möglich sein. 

Die Unterscheidung des Charakters eines Krieges ist sehr wichtig, weil anhand dieses Umstandes Lenin klarstellt, warum es zu der Frage der Vaterlandsverteidigung (3. Kritikpunkt an Junius) keine allgemeine, sondern nur eine konkrete Antwort geben kann. Es verhält sich nach Lenin sogar genau umgekehrt und es müssen international sich widersprechende Positionen zur Vaterlandsverteidigung aufgestellt werden. In dem eben zitierten Lenin-Text führt dieser im vierten Kapitel („Für oder gegen Annexionen?“) sehr eindrücklich aus, wie sich die Losung der Vaterlandsverteidigung konkret in den unterdrückten und unterdrückenden Ländern verhält. Diese Ausführungen stellen eine scharfe Kritik an den polnischen Sozialdemokraten dar, welche nach Lenin in eine schablonenhafte Argumentation verfallen und die Vaterlandsverteidigung allgemein ablehnen. Ich möchte hier zwei Zitate aus diesem Kapitel anführen, da sie sowohl beide Positionen zur Vaterlandsverteidigung aufzeigen, aber gleichzeitig auch den Kern von Lenins Kritik an den polnischen Sozialdemokraten verdeutlicht, welche ich auch für unsere Diskussion für nicht unwichtig halte. Lenin schreibt:

„Die Verfasser der Thesen [polnische Sozialdemokraten] motivieren ihre … merkwürdige Behauptung damit, daß die Vaterlandsverteidigung „in der Ära des Imperialismus“ eine Verteidigung der Rechte der eigenen Bourgeoisie auf die Unterdrückung fremder Völker sei. Aber das ist nur in bezug auf den imperialistischen Krieg richtig, d. h. den Krieg zwischen imperialistischen Mächten oder Mächtegruppen, wenn beide kriegführenden Seiten nicht nur „fremde Völker“ unterdrücken, sondern auch darum Krieg führen, wer mehr fremde Völker unterdrücken soll! (ebd., S.338)“

Lenin leitet an dieser Stelle also eine klare Ablehnung der Vaterlandsverteidigung in einem imperialistischen Krieg, aufgrund seines sozialen Inhaltes ab. Er stellt aber auch hier schon klar, dass diese Ablehnung nur in Bezug auf genau diese imperialistischen Kriege richtig sei. Die Position/Verallgemeinerung der polnischen Sozialdemokraten, welche sie in ihren Thesen ausstellten, führt Lenin darauf zurück, dass sie vielleicht nationale Kriege in der Ära des Imperialismus als unmöglich erachteten (also genau denselben Punkt, den wir bei Luxemburg finden). Diese Position lehnt Lenin aber grundsätzlich ab, wie ich aufgezeigt habe. Lenin fährt fort und erläutert die Vaterlandsverteidigung in einem nationalen Krieg und warum die polnischen Sozialdemokraten diese auch hier ablehnen: 

„Jedenfalls wird wohl kaum jemand zu bestreiten wagen, daß die annektierten Länder Belgien, Serbien, Galizien, Armenien ihren „Aufstand“ gegen die Staaten, durch die sie annektiert worden sind, „Vaterlandsverteidigung“ nennen werden und mit Recht so nennen werden. Es ergibt sich, daß die polnischen Genossen gegen einen solchen Aufstand sind, und zwar deswegen, weil es in diesen annektierten Ländern auch eine Bourgeoisie gibt, die auch fremde Völker unterdrückt oder, richtiger gesagt, unterdrücken kann, da es sich nur um ihr „Recht auf Unterdrückung“ handelt. Zur Beurteilung eines gegebenen Krieges oder eines gegebenen Aufstands wird also nicht sein wirklicher sozialer Inhalt genommen (der Kampf der unterdrückten Nation gegen die unterdrückende für ihre Befreiung), sondern die Möglichkeit, daß die jetzt unterdrückte Bourgeoisie von ihrem „Recht auf Unterdrückung“ Gebrauch machen könnte (LW Bd. 22 S.339).“

Lenin macht also deutlich, dass in diesen annektierten Ländern mit vollem Recht von einer Vaterlandsverteidigung gesprochen wird. Dabei sei es auch irreführend anzunehmen, dass dies aufgrund des vorherrschenden Kapitalismus falsch wäre, also dem Umstand, dass eine Bourgeoise existiert, die auch ein fremdes Volk unterdrücken kann. Es wird kritisiert, dass zur Beurteilung nicht der soziale Inhalt des Krieges herangezogen wird, sondern der Umstand, dass die Möglichkeit besteht, dass dieser Krieg in einen imperialistischen Krieg umschlagen könnte. An dieser Stelle ließe sich leicht ins Feld führen, dass ja Lenin hier von annektierten Ländern (also Kolonien) spricht, welche quasi (Ausnahmen ausgenommen) nicht mehr existieren. Hier sei allerdings auf die weiter oben zitierte Stelle Lenins verwiesen, wo er von nationalen Kriegen der Kolonien und „Halbkolonien“ spricht. Im Teil zum Imperialismus möchte ich versuchen, diesen Punkt (insbesondere der „Halbkolonien“) besser herauszuarbeiten und mein Verständnis von Lenins Imperialismus-Begriff darzulegen, durch welches auch die bisher angeführten Punkte einen tieferen Sinn erhalten.

Die bisherige Ausführung über Lenin und seine Ansichten zum Krieg lassen sich wie folgend zusammenfassen:

  1. Es gibt in der Epoche des Imperialismus sowohl nationale als auch imperialistische Kriege. Beide unterscheiden sich in ihrem sozialen Inhalt wesentlich. Zwischen beiden Arten des Krieges besteht aber auch keine starre Grenze, sondern sie können in ihr Gegenteil umschlagen.
  2. Die Haltung der Kommunisten zu einem Krieg ergibt sich aus dem konkreten sozialen Inhalt der Kriege.
    1. Imperialistische Kriege sind Kriege die zwischen imperialistischen Mächten oder Mächtegruppen geführt werden. Sie werden geführt um fremde Völker zu unterdrücken und darum, wer mehr Völker unterdrücken darf.
    1. Nationale Kriege sind gerechte Kriege, die gegen die Unterdrückung geführt werden.

Kommunisten müssen sich gegen imperialistische Kriege stellen. Tun sie dies nicht, stellen sie sich auf die Seite der Ausplünderer. Nationale Kriege müssen von den Kommunisten unterstützt werden, da sie fortschrittliche, gerechte und revolutionäre Kriege darstellen. Ohne sie wird der Sozialismus nicht erreicht werden.

  • Sowohl das Verneinen von nationalen Kriegen als auch die einseitige Ablehnung der Vaterlandsverteidigung sind falsche Verallgemeinerungen, welche nicht dem dialektischen Materialismus gerecht werden. 
  • Ohne dieses Verständnis wird auch die sozialistische Revolution nicht realisierbar sein. Das Proletariat in den imperialistischen Ländern kann den Kampf gegen den Hauptfeind nur gemeinsam mit dem Proletariat der unterdrückten Länder gewinnen. Es kann sich nicht selbst befreien, ohne das Proletariat anderer Länder von der imperialistischen Unterdrückung zu befreien. Auf der anderen Seite wird sich das Proletariat in unterdrückten Ländern nicht befreien können (durch eine sozialistische Revolution), ohne ihren Unterdrücker und Sklavenhalter (den/die Imperialisten) zu stürzen.

An dieser Stelle zeigt sich bereits, dass wir sehr konkret auf den aktuellen Krieg schauen müssen und unsere Augen nicht durch allgemeine Aussagen verschließen dürfen. 

Es wird auch deutlich, dass eine solche konkrete Betrachtung wie sie Lenin fordert nicht möglich sein wird, ohne ein klares Verständnis des Imperialismus. Am bisherigen zeigen sich m.M.n. die ersten Mängel des Pyramiden-Bildes der KKE. Folgt man der KKE, so sind fast alle Länder auf der Welt (wenn auch hierarchisch angeordnet) imperialistisch. Dies wirkt sich aber, wie ich mit Lenin gezeigt habe, unmittelbar auf die Agitation und Propaganda der Kommunisten aus. Nach Lenin kann eine revolutionäre Klasse in einem reaktionären, imperialistischen Krieg „nichts anders als die Niederlage der eigenen Regierung wünschen, sie kann den Zusammenhang zwischen militärischem Mißerfolg und der Erleichterung ihrer Niederringung nicht übersehen“(LW Bd. 21, S.316). 

M.M.n. widerspricht das Pyramidenmodell (fast alle Länder seien imperialistisch) dem Inhalt des Begriffes, da es darauf hinausläuft, die Welt in eine einzige Räuberbande einzuteilen, in der es zwar große und kleine Räuber geben mag, aber in dem Sinne keine Beute mehr, da jedes Land sowohl Sklavenhalter als auch Sklave ist – auch wenn es zwischen ihnen ein großes Machtgefälle geben mag. Nimmt man an, dass fast alle Länder imperialistisch wären, müsste man somit jeden Krieg ablehnen, da der soziale Inhalt durch die Unterdrückung bestimmt sein müsste. Dies bürgt enorme Gefahren für die Arbeiterklasse und entfernt sie von ihrem Ziel – den Sozialismus – und verkennt die Rolle des Krieges für die Revolution.  

Der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus

Ich habe diesen Titel in Anlehnung an Lenin bewusst gewählt, um deutlich zu machen, dass der Imperialismus als ein besonderes Stadium zu verstehen ist und nicht als Kapitalismus allgemein – Lenin hätte ja schließlich vom allgemeinen Stadium sprechen können. Beim wiederholten Lesen dieser Schrift sprang mir dieser Punkt ins Auge.

Gleich zu Beginn möchte ich auf das Vorwort Lenins in „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (LW Bd. S.189-309) verweisen, in welchem er betont, dass diese Schrift im Hinblick auf die zaristische Zensur abgefasst wurde, um ein „legales“ Werk schreiben zu können. Dies zwang Lenin dazu, sich ausschließlich auf theoretische und hier insbesondere ökonomische Analysen zu beschränken und die wenigen notwendigen Bemerkungen zur Politik mit äußerster Vorsicht zu formulieren, lediglich Andeutungen zu machen und eine „äsopische“ also mythische Sprache zu verwenden („Räuber“ etc.) (LW Bd., S.191). Mir scheint es nicht unwichtig klar zu haben, dass Lenin also gezwungenermaßen in dieser Schrift vieles nicht aussprechen konnte und gerade die Seite der Politik sehr oberflächlich bleibt. Wie wichtig diese politische Seite des Imperialismus aber nach Lenin ist, betont er u.a. auch in der Auseinandersetzung mit den polnischen Sozialdemokraten und kritisiert sie im Hinblick auf die Frage der Selbstbestimmung der Nationen dahingehend, dass sie in eine Art „imperialistischen Ökonomismus“ verfallen, welchen Lenin mit dem „Ökonomismus“ von 1894 bis 1902 vergleicht. Dieser Ökonomismus führe zu einer Auffassung, welche argumentiert, dass der Imperialismus gesiegt hätte und aus dem Grunde politische Fragen sinnlos seien. Dies wäre dann aber eine apolitische Theorie (LW Bd. 22, S.328f.). Allerdings ist, ohne die ökonomische Basis der moderne Imperialismus nicht zu verstehen. Dazu schreibt Lenin: 

„Kolonialpolitik und Imperialismus hat es auch vor dem jüngsten Stadium des Kapitalismus und sogar vor dem Kapitalismus gegeben. Das auf Sklaverei beruhende Rom trieb Kolonialpolitik und war imperialistisch. Aber „allgemeine“ Betrachtungen über den Imperialismus, die den radikalen Unterschied zwischen den ökonomischen Gesellschaftsformationen vergessen oder in den Hintergrund schieben, arten unvermeidlich in leere Banalitäten oder Flunkereien aus, wie etwa der Vergleich des „größeren Rom mit dem größeren Britannien“*. Selbst die kapitalistische Kolonialpolitik der früheren Stadien des Kapitalismus unterscheidet sich wesentlich von der Kolonialpolitik des Finanzkapitals (LW Bd. 22, S.264).“

Interessant ist hier, dass Lenin aufmacht, dass der Imperialismus allgemein betrachtet nicht mit dem Kapitalismus zusammenfällt, da es ihn auch schon vor dem Kapitalismus gab. Bei dieser Betrachtung ist das Allgemeine der Kolonialismus. Das Spezifische des modernen Imperialismus ergibt sich aber aus der Kolonialpolitik des Finanzkapitals. Dieser Punkt wird noch sehr wichtig sein, um die von Lenin angesprochenen „Halbkolonien“ besser zu verstehen. Ich möchte vorweg diesen Zusammenhang von ökonomischer Basis und politischem Überbau innerhalb des modernen Imperialismus darstellen, weil es mir z.B. nie so klar war, warum Lenin eigentlich das zaristische Russland als ein halbfeudales Land, welches erst langsam eine Industrialisierung erlebte, als imperialistisch bezeichnet hat. Für mich stellte es immer ein Widerspruch zu Lenins Imperialismusschrift dar. Zum russischen Imperialismus und auch seine Rolle im Ersten Weltkrieg schreibt Lenin in „Sozialismus und Krieg“: 

„In Rußland fand der kapitalistische Imperialismus moderner Prägung seinen klaren Ausdruck in der Politik des Zarismus gegenüber Persien, der Mandschurei und der Mongolei, aber im großen und ganzen überwiegt in Rußland der militärische und feudale Imperialismus. Nirgends in der Welt gibt es eine solche Unterdrückung der Mehrheit der Landesbevölkerung wie in Rußland: Die Großrussen machen nur 43 Prozent der Bevölkerung aus, d.h. weniger als die Hälfte, alle anderen aber sind als „Fremdstämmige“ entrechtet. […] Der Zarismus führt den Krieg, um Galizien zu erobern und die Freiheit der Ukrainer endgültig zu erwürgen, um Armenien, Konstantinopel usw. zu erobern. […] Die Möglichkeit, fremde Völker zu unterdrücken und auszuplündern, verstärkt den ökonomischen Stillstand, denn als Profitquelle dient statt der Entwicklung der Produktivkräfte nicht selten die halbfeudale Ausbeutung der „Fremdstämmigen“. Auf Seiten Rußlands trägt der Krieg also einen ausgesprochen reaktionären und freiheitsfeindlichen Charakter (LW Bd. 21, S. 306f.).“

In diesem längeren Zitat werden mehre Aspekte zur Bestimmung des Imperialismus deutlich. Gleich zu Beginn unterscheidet Lenin in Russland die moderne Prägung des kapitalistischen Imperialismus, von einem „militärisch und feudalen Imperialismus“ (!) welcher in Russland überwiegt. Lenin bestimmt sehr präzise den sozialen Inhalt des Krieges für Russland, was ihn zu einem imperialistischen Krieg macht: die Eroberung fremder Länder. Der Imperialismus in Russland hat einerseits dazu geführt, dass über die Hälfte der Bevölkerung sog. „Fremdstämmige“ sind und anderseits ermöglich die Ausplünderung der fremden Gebiete einen ökonomischen Stillstand (in einem noch nicht einmal vollkommen industrialisierten Land). 

Meinem Verständnis nach bildet damit die koloniale Unterdrückung den Kern des Imperialismus. Diese nimmt aber (wie bereits gezeigt) durch die ökonomische Basis (den Monopolkapitalismus) eine eigene Qualität an (Kolonialismus des Finanzkapitals). Es stellt demnach einen Prozess dar, welcher das Kapital dazu führt, aggressiv über seine nationalstaatlichen Grenzen hinaus zu greifen. In diesem Zusammenhang führt Lenin interessanterweise auch den Begriff des Weltsystems an und schreibt im Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe der Imperialismusschrift: 

„Der Kapitalismus ist zu einem Weltsystem kolonialer Unterdrückung und finanzieller Erdrosselung der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll „fortgeschrittener“ Länder geworden. Und in diese „Beute“ teilen sich zwei, drei weltbeherrschende, bis an die Zähne bewaffnete Räuber (Amerika, England, Japan), die die ganze Welt in ihren Krieg um die Teilung ihrer Beute mit hineinreißen (LW Bd. 22, S.195).“ 

Durch die gesamte Schrift zieht sich die Unterteilung von der Handvoll Räuber und der großen Mehrheit an Unterdrückten die Beute. Lenin präzisiert die Unterdrückung noch weiter, welche auch von einem schablonenmäßigen Vergleich mit Kolonien wegführt. Es ist meiner Ansicht nach also nicht möglich vom Imperialismus zu sprechen, ohne diese zwei Lager in der Welt vor Augen zu haben. Nur vor diesem Hintergrund ergibt es auch Sinn, weshalb Lenin von der Zwangsläufigkeit von nationalen Kriegen in der Epoche des Imperialismus spricht. Unterdrückung nach Lenin muss allerdings dabei etwas qualitativ Höheres sein, als lediglich die Feststellung, dass die kapitalistischen Länder in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen. Denn dies ist ein allgemeines Merkmal der kapitalistischen Produktion überhaupt. So schreiben Marx und Engels bereits im „Manifest“ – also 69 Jahre früher – das „[d]ie Bourgeoisie […] durch die Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet (MEW Bd. 4, S.466).“

Auf der konkreten Ebene spricht Lenin nicht von dem Imperialismus, sondern erkennt die Besonderheiten der einzelnen imperialistischen Länder und schließt daraus ihren spezifischen imperialistischen Charakter. In England war der Kapitalexport auf das engste mit den riesigen Kolonien verbunden. Frankreich hingegen exportierte sein Kapital hauptsächlich nach Europa und vor allem nach Russland. Dabei handele es sich mehrheitlich um Leihkapital, um Staatsanleihen und nicht um Kapital auf Industrieebene. Lenin nennt den französischen Imperialismus daraufhin „Wucherimperialismus“, in Abgrenzung vom englischen „Kolonialimperialismus“. Deutschland grenzt er anschließend noch einmal von Frankreich und England ab (LW Bd. 22, S.247). Demnach bleibt Lenin auch auf dieser Ebene sehr konkret und sieht die verschiedenen Formen, die der Imperialismus annimmt, aufgrund der unterschiedlichen Arten der Unterdrückung. 

Dies erklärt sich meinem Verständnis nach daraus, dass Lenin unterschiedliche Erscheinungsformen des Monopolkapitalismus – vier Hauptarten, um genau zu sein – voneinander unterschiedet (ebd., S.304f.): 

  1. Das Monopol welches aus einer sehr hohen Stufe der Konzentration der Produktion entspringt. Diese sind nach Lenin die Monopolverbände der Kapitalisten (Kartelle, Syndikate und Trusts), welche ab einem gewissen Punkt sogar zu internationalen Monopolverbänden heranreifen.
  2. Monopole die zur Besitzergreifung wichtiger Rohstoffquellen geführt haben. Dabei sei die an der meist kartellierten Industrie (Kohle- und Eisenindustrie) ausschlaggebend. Je höher der Kapitalismus entwickelt ist umso spürbarer wird nach Lenin der Rohstoffmangel und je schärfer wird die Konkurrenz und die Jagd nach Rohstoffquellen in der ganzen Welt (ebd., S.265). 
  3. Das Monopo,l was aus den Banken erwachsen ist (Monopolisten des Finanzkapitals).
  4. Das Monopol, welches aus der Kolonialpolitik erwachsen ist. 

Bei dieser Unterscheidung und auch mit dem Blick auf die verschiedenen Formen des Imperialismus, stelle ich mir die Frage, ob diese Hauptarten verschiedene Mittel der Unterdrückung darstellen – demnach verschiedene Möglichkeiten der Ausplünderung fremder Länder, aufgrund der spezifischen Erscheinungsform des Monopolkapitalismus. So wäre die Ausplünderung das Allgemeine und der historisch konkret gewachsene Monopolkapitalismus in den einzelnen Ländern das Besondere. 

Abschließend möchte ich noch zu dem Punkt der Kolonien zu sprechen kommen, worauf ich im ersten Teil verwies. Man könnte gegen meine Ausführung schnell anführen, dass es keine Kolonien in dieser Art mehr gibt (bis eventuell ein paar Ausnahmen). Deshalb hätte sich dann auch die Unterscheidung von nationalen und imperialistischen Kriegen erübrigt usw. usf. Ich möchte nun das wirklich letzte Zitat anführen, anhand welchem sich m.M.n auch ablesen lässt, dass Lenin bereits erkannt hat, dass die Kolonien in dieser Form nicht mehr das ausschlaggebendste sind, sondern die sog. „Halbkolonien“ an zentraler Bedeutung – auch im Kampf der Imperialisten untereinander um die Neuaufteilung – gewinnen: 

„Neben den Kolonialbesitz der Großmächte haben wir die kleinen Kolonien der kleinen Staaten gesetzt, die gewissermaßen das nächste Objekt einer möglichen und wahrscheinlichen „Neuaufteilung“ der Kolonien bilden. Diese kleinen Staaten behalten ihre Kolonien zumeist nur dank dem Umstand, daß unter den Großstaaten Interessengegensätze, Reibungen usw. bestehen, die sie hindern, sich über die Teilung der Beute zu verständigen. Was die „halbkolonialen“ Staaten betrifft, so sind sie ein Beispiel für jene Übergangsformen, die uns auf allen Gebieten der Natur und der Gesellschaft begegnen. Das Finanzkapital ist eine so gewaltige, man darf wohl sagen, entscheidende Macht in allen ökonomischen und in allen internationalen Beziehungen, daß es sich sogar Staaten unterwerfen kann und tatsächlich auch unterwirft, die volle politische Unabhängigkeit genießen; wir werden sogleich Beispiele dafür sehen. Aber selbstverständlich bietet dem Finanzkapital die meisten „Annehmlichkeiten“ und die größten Vorteile eine solche Unterwerfung, die mit dem Verlust der politischen Unabhängigkeit der Länder und Völker, die unterworfen werden, verbunden ist. Die halbkolonialen Länder sind in dieser Beziehung als „Mittelding“ typisch. Der Kampf um diese halbabhängigen Länder mußte begreiflicherweise besonders akut werden in der Epoche des Finanzkapitals, als die übrige Welt bereits aufgeteilt war (ebd., S.263f.).“ 

Dieses Zitat habe ich deshalb angeführt, um noch einmal den Punkt der Unterwerfung zu unterstreichen und mit welchen Mitteln es den imperialistischen Staaten gelingt, diese zu realisieren. Lenin spricht davon, dass der Kampf um die Neuaufteilung eine ganze Reihe von „Übergangsformen“ der staatlichen Abhängigkeit schafft. Das führe dazu, dass in der Epoche des Imperialismus nicht nur die beiden Hauptgruppen von Ländern (Kolonialmächte und Kolonien) typisch sind, sondern auch die verschiedenartigen Formen der abhängigen Länder, die zwar politisch und formal selbstständig seien, aber in Wirklichkeit in ein Netz finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit verstrickt sind (ebd., S.267). 

Diese Art der unterdrückten und abhängigen Länder finden wir auch heute noch vor. Sie bilden die große Mehrheit an Staaten in dem Weltsystem der „koloniale[n] Unterdrückung und finanzielle[n] Erdrosselung (ebd., S.195)“. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns also die Frage nach der Haltung der Sozialisten zum Krieg und ihre Bedeutung für die proletarische Revolution stellen. Denn Lenin machte ja deutlich, dass die nationalen Kriege, Kriege der Kolonien und „Halbkolonien“ seien. Dies ist die konkrete und politisch relevante Betrachtungsebene. Der Imperialismus ist kein toter und allgemeiner Begriff, er ist eine konkrete Erscheinungsform, die es zu bekämpfen gilt! 

Notwendigkeit der Klarheit

Warum nun diese ewige Lenin Ausführung und was soll sie mit der Wissenschaftlichkeit zu tun haben? Mit diesem Beitrag wollte ich aufzeigen wie Lenin durch die konkrete Betrachtung und Bewertung einzelner Länder zu einer allgemeineren Bestimmung des Imperialismus (fünf Prinzipien u.ä.) gelangen konnte. In der aktuellen Situation versteift sich z.T. die Diskussion aufgrund von bestehender Positionen in der internationalen kommunistischen Bewegung. Dies führt dazu, dass schnell wilde Anschuldigungen gemacht werden, wonach wir uns in zwei Lager aufteilen würden, von dem das eine die Revisionisten seien. Der konkrete Blick auf Russland und auf die russische Intervention gerät dabei aber völlig aus dem Blick, denn jeder wüsste ja, dass Russland imperialistisch ist und das deswegen auch der Krieg ein imperialistischer Krieg sein muss. Ich habe keine klare Analyse Russlands vorgenommen und mich auch nicht so detailliert und umfänglich mit den NATO-Aggressionen beschäftigt, die diese Situation herbeigerufen haben. Beides ist aber notwendig, um den wirklichen sozialen Inhalt dieser Auseinandersetzung bestimmen zu können. Nur aus diesem sozialen Inhalt können wir dann auch eine Losung entwickeln und dem Hauptfeind wirklich etwas entgegensetzen. Ich halte es für wichtig, dass wir uns klarmachen, weshalb wir diesen Klärungsprozess gestartet haben: aufgrund der Krise der kommunistischen Bewegung. Und hier muss betont werden: der gesamten Bewegung!

Nur eine ideologische Überwindung dieser Krise wird uns zu einer schlagkräftigen Partei führen, wird uns eine schlagkräftige Zusammenarbeit auf internationaler Ebene ermöglichen. Diese Krise können wir aber nur auf einer wissenschaftlichen, nüchternen und sachlichen Art begegnen. Und diese Wissenschaft (der dialektische Materialismus) verlangt von uns die Welt immer wieder im Konkreten zu betrachten und so Erkenntnisse gewinnen zu können. 

In diesem Sinne, auf eine weitere produktive Diskussion! 


[1] https://inter.kke.gr/de/articles/On-Imperialism-The-Imperialist-Pyramid/

[2] https://kommunistische-organisation.de/diskussion/zur-frage-des-imperialismus-on-the-question-of-imperialism/

Burgfrieden für’s Kapital

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Die Führung der IG BCE stellt sich im Ukraine-Konflikt auf die Seite des deutschen Imperialismus, belügt ihre Mitglieder und akzeptiert Reallohnverlust

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ist mit über 600.000 Mitgliedern die drittgrößte Gewerkschaft im DGB. In ihrer größten und wichtigsten Branche, der chemisch-pharmazeutischen Industrie, vertritt sie 580.000 Beschäftigte und hätte mit einem durchschnittlichen Organisierungsgrad von etwa 50 % durchaus die Möglichkeit, Druck auf die Arbeitgeberseite auszuüben. Doch sie tut das Gegenteil. Eine kurze Chronologie der Ereignisse in der letzten Tarifrunde:

Die IG BCE geht im Februar 2022 mit der Forderung nach einer langfristigen Steigerung der Kaufkraft der Beschäftigten in die Tarifrunde. Richtig stellt sie fest: „Auf der einen Seite steigen die Gewinne der Chemieunternehmen deutlich. Auf der anderen Seite erhöhen sich die Kosten im Privatleben für Strom, Benzin oder Mieten immer weiter.“[1] In der Tat haben die Monopolkonzerne der chemischen und pharmazeutischen Industrie 2021 Milliardengewinne eingefahren und hohe Dividenden ausgeschüttet.[2] Gleichzeitig ist die Inflation sprunghaft angestiegen und die Lebenshaltungskosten der Beschäftigen haben sich deutlich erhöht.[3]

Ende Februar greift Russland militärisch in den schon vorher bestehenden Ukraine-Konflikt ein. Die IG BCE nimmt das zum Anlass, ihre Forderungen zu korrigieren und will stattdessen „eine Lösung finden, die der unsicheren ökonomischen Lage ebenso gerecht wird wie dem berechtigten Wunsch der Menschen nach Kaufkraftsteigerung.“[4] Ohne dass bereits wirtschaftliche Folgen des Krieges erkennbar wären, zieht sie eine Parallele zur Wirtschaftskrise 2008 und schlägt eine „Brückenlösung“ vor: Einmalzahlung und moderate Gehaltserhöhung, um dann in einigen Monaten erneut zu verhandeln. Die Arbeitgeber begrüßen, dass die IG BCE „Verantwortung übernehmen“ will[5], sind aber nicht bereit auf die Forderung nach Entgelterhöhung einzugehen.[6] IG BCE-Verhandlungsführer Sikorsi betont noch Ende März: „Die Brücke ist kein Verschieben der Tarifrunde. Die Brücke ist kein Aussetzen und keine alleinige Einmalzahlung.“[7] Es folgt eine Aktionswoche mit einigen Social-Media-Aktivitäten[8] und in der Belegschaft werden erste Vermutung laut, dass es Warnstreiks geben könne. Doch diese bleiben aus und am 4. April wird auf einmal ein Ergebnis bekannt gegeben: 1.400 Euro Einmalzahlung für die nächsten sieben Monate.[9]

Dies steht im eklatanten Gegensatz zu den Forderungen der Tarifkommission und den Versprechungen der Gewerkschaftsführer und wird dennoch als Sieg dargestellt. Doch was bedeutet es konkret? Die „Brückenzahlung“ ist steuerpflichtig und erfordert als Einmalzahlung besonders hohe Abgaben. Netto kommt bei den Beschäftigten also nur etwa die Hälfte an. In Betrieben mit wirtschaftlicher Notlage, kann sie auf 1.000 Euro reduziert werden; Auszubildende erhalten ohnehin nur 500 Euro. Laut IG BCE entspricht die Einmalzahlung „im Durchschnitt über alle Entgeltgruppen einem Volumen von 5,3 Prozent“. Dieser mathematische Trick hat wenig Aussagekraft, weil er die Monatslöhne der niedrigen Entgeltgruppen einbezieht, die in der Branche eine absolute Minderheit darstellen. Für die Mehrheit der Kollegen, insbesondere für langjährige Beschäftigte, bedeutet die Einmalzahlung nur eine Nettoerhöhung von ca. 4 %. Die Inflation lag bereits im November letzten Jahres bei über 5 % und ist seitdem noch weiter gestiegen (7,3 % im März 2022).[10] Die meisten Wirtschaftsinstitute machen für den Rest des Jahres eine düstere Prognose von bis zu 6 %.[11] Die zurückliegenden Preissteigerungen machen sich schon jetzt bei den Beschäftigten bemerkbar und werden durch die Einmalzahlung kaum ausgeglichen. Von den 700 Euro, die Vollzeitbeschäftigten nach Abzügen für die nächsten 7 Monate bleiben, können sie pro Monat vielleicht eine Tankfüllung bezahlen – mit Blick auf die Zukunft bedeutet das Ergebnis wahrscheinlich Reallohnverlust. Zwar soll im Oktober weiterverhandelt werden, doch auch hier klingt die Gewerkschaftsführung plötzlich nur noch wenig zuversichtlich: Man will „klären, inwieweit die zunächst kurzfristig gegen die ausufernde Inflation wirkende Entlastung in eine nachhaltige, tabellenwirksame Entgelterhöhung gewandelt werden kann.“

Das Ergebnis reiht sich nahtlos in die schwachen Abschlüsse der letzten Jahre ein. Seit 2015 hat die IG BCE (je nach Bundesland und Entgeltgruppe) ca. 12 % Bruttolohnsteigerungen erzielt, und kann damit kaum die Preissteigerungen ausgleichen.[12] Alle Abschlüsse der letzten Jahre wurden ohne Warnstreiks oder andere ernsthafte Versuche, Druck aufzubauen, erzielt. Zwar wurde oft angekündigt, man müsse sich auf harte Kämpfe einstellen, doch diese wurden nicht geführt und die schlechten Ergebnisse wurden der Mitgliederbasis hinterher als Siege verkauft.

Auffällig ist, welche Rolle der Ukraine-Konflikt für das Einknicken der Gewerkschaft in der diesjährigen Tarifrunde spielt. Wie der gesamte DGB, stellt sich die IG BCE auf den Standpunkt der Bundesregierung und befürwortet wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland.[13] Dass diese Sanktionen ganz konkrete Verschlechterungen für die Arbeiterklasse bedeuten (z.B. weitere Preissteigerungen), wird nicht problematisiert, stattdessen sorgt man sich um die Konkurrenzfähigkeit der Industrie und fordert Subventionen der Regierung für die Industrie (!) und erneute Kurzarbeit.[14] In der Tarifrunde wird der Ukraine-Konflikt als Grund angegeben, von den geforderten Lohnerhöhungen abzuweichen, obwohl die Lebenshaltungskosten der Beschäftigten eher noch stärker ansteigen werden. Zwar steht die IG BCE bislang den Aufrüstungsplänen der Bundesregierung kritisch gegenüber13, namhafte Vorstandsmitglieder denken aber bereits laut darüber nach, dass man in außergewöhnlichen Zeiten nicht prinzipiell gegen Aufrüstung sein könne.

In dieser Situation kommt der IG BCE eine Vorreiterrolle zu, es ist aber zu befürchten, dass die anderen DGB-Gewerkschaften in den nächsten Wochen eine ähnliche Burgfrieden-Politik machen und die Interessen ihrer Mitglieder für den Standort und die Haltung der Bundesregierung opfern werden.

Prinzipiell ist es die Aufgabe der Gewerkschaften, auch in der Situation von Krieg und Krise an den hohen Forderungen festzuhalten. Es sind nicht die Arbeiter, die von der Kriegspolitik der NATO profitieren, sondern wir sind die Leidtragenden durch Preissteigerungen. Ob die Industrie darunter leidet, kann uns komplett egal sein – die Arbeitgeberseite ist in der Phase der Inflation ja auch nicht zu uns gekommen um uns mehr Lohn anzubieten. Wenn es kein Entgegenkommen der Arbeitgeber gibt, muss der Druck in den Verhandlungen durch Warnstreiks erhöht werden.

Gegen Kriegspolitik, Aufrüstung und Waffenlieferungen der Bundesregierung, die den Arbeitern überall schaden, müssten die Gewerkschaften eine klare Position ergreifen. In vielen anderen Ländern passiert das auch, so haben Arbeiter in Italien und Griechenland versucht, Waffenlieferungen in die Ukraine aufzuhalten, und wurden dabei von ihren Gewerkschaften unterstützt.[15] Daran ist in den DGB-Gewerkschaften heute nicht zu denken, aber dennoch bleibt es unsere Aufgabe, in ihnen aktiv zu sein und um diese Positionen zu kämpfen. Es braucht Druck von der Basis auf die Führung, Kritik am bisherigen Kurs auf den Mitgliederversammlungen und, vor allem, Aktivität in den Betrieben.

[1] https://igbce.de/igbce/mehr-kaufkraft-mehr-wertschaetzung-mehr-sicherheit-203126 (22.02.22)

[2] Gewinne 2021 (in Mio €): BASF: 5.500, Wacker: 828, Bayer: 11.200, Evonik: 746, Boehringer-Ingelheim: 4.600; Dividenden 2021 (in € pro Aktie): BASF: 3,40, Wacker: 8, Bayer: 2, Evonik: 1,17

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1045/umfrage/inflationsrate-in-deutschland-veraenderung-des-verbraucherpreisindexes-zum-vorjahresmonat/

[4] https://igbce.de/igbce/fragen-und-antworten-zur-tarifrunde-203752

[5] https://www.bavc.de/service/pressemitteilungen/2135-pi-22-03-22

[6] https://igbce.de/resource/blob/205120/614489b44ffa4c9c5bdc25ca11773a1f/blitzinfo-chemie-2022-noch-ein-weiter-weg-data.pdf (23.03.22)

[7] https://igbce.de/igbce/fragen-und-antworten-zur-tarifrunde-203752

[8] https://igbce.de/igbce/den-druck-erhoehen-205236 (01.04.22)

[9] https://igbce.de/igbce/tarifparteien-finden-brueckenloesung-fuer-chemie-beschaeftigte-205866

[10] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1045/umfrage/inflationsrate-in-deutschland-veraenderung-des-verbraucherpreisindexes-zum-vorjahresmonat/

[11]  https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/ifo-prognose-inflation-ueber-sechs-prozent-100.htmlhttps://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/inflation-prognosen-101.html

[12] https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Konjunkturindikatoren/Preismonitor/Preismonitor.html

[13] https://igbce.de/igbce/grossdemos-fuer-frieden-in-der-ukraine-203718https://igbce.de/resource/blob/205154/a86a23a0354b2aeafa3d4ab37da2bb11/ukraine-appell-der-papier-sozialpartner-data.pdf

[14] https://igbce.de/igbce/igbce-fordert-entlastungspaket-fuer-industriearbeit-205250

[15] https://workers.today/italian-airport-workers-stop-arms-shipment-to-ukraine-under-guise-of-humanitarian-aid/https://english.almayadeen.net/news/politics/greek-railway-staff-refuse-to-service-trains-with-military-a

Zum Defensivschlag Russlands gegen die NATO

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von Alexander Kiknadze

Einleitung

Die am 24.2.2022 begonnene Militäroperation der Russischen Föderation ist ein defensiver Präventivschlag gegen eine seit Jahren und im Februar bis zur militärischen Auseinandersetzung provozierte Aggression der NATO. Diese bedroht konkret die Souveränität und Existenz Russlands und seiner Bevölkerung. Ziel dieser Bedrohung ist eine Rekolonialisierung des Landes zurück zu seinem Status in den Jahren 1992-2000. Für diese Pläne dient die Ukraine mit einer Marionettenregierung, die mit Faschisten durchsetzt ist, als Aufmarschgebiet. Die Absetzung der ukrainischen Regierung und damit die Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine ist in der Tat das Ziel der Militäroperation. Dieses Ziel fällt in dieser konkreten Auseinandersetzung mit dem Interesse der russischen und ukrainischen Arbeiterklasse zusammen. Wenn die kommunistische Bewegung Fehleinschätzungen zur Lage trifft, läuft die Arbeiterklasse Gefahr, sich vor den Karren des Imperialismus zu spannen. Dies geschieht bereits jetzt, vor allem in Deutschland. Es zeigt sich die Notwendigkeit, den Imperialismus heute einschätzen zu müssen.

Dafür habe ich die Form von Thesen, die jeweils argumentiert und begründet werden, gewählt.
In den Argumentationen habe ich mich, leider nicht ausführlich genug, kritisch auf die Beiträge der Genossen Thanasis Spanidis und Fatima Saidi bezogen.

  1. Die USA sind seit der Konterrevolution bis heute die vorherrschende imperialistische Nation weltweit. Sie vollziehen ihre Vorherrschaft maßgeblich durch ein starkes Militär und einer starken Ökonomie.

Trotz eines ökonomisch und militärisch aufstrebenden Chinas und eines militärisch starken Russlands sind die USA weiterhin die Nation, die der gesamten Welt ihre Politik diktieren kann. In Form von militärischer Kontrolle: Ihre Militärausgaben und -bestand international übertrifft bei weitem das, was andere große Nationen vorlegen können. So unterhalten sie weltweit fast 800 Militärbasen, im Gegensatz zu 20 von Russland. Sie bauen ihre strategische Raketeninfrastruktur in Osteuropa systematisch aus. Damit sind sie aufgrund ihrer strategischen Erstschlag- und Enthauptungsfähigkeit und der Verhinderung eines Zweitschlagszenarios imstande, ihre Interessen mit ebendieser Drohung zu erpressen.
Und in Form von ökonomischer Kontrolle: Aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil des internationalen Handels, insbesondere der der strategisch wichtigen Rohstoffe, in Dollar abgewickelt werden, sind die USA als Hüter dieser Währung imstande, ebendiesen Handel nach ihren politischen Interessen zu steuern.
Die politischen Diktate der USA haben die Völker der Erde in den letzten Jahren, insbesondere nach der Konterrevolution ins Elend gestürzt. Sie hatten nicht nur schwere Auswirkungen auf die soziale Lage der Völker, sondern auch auf die Kampfbedingungen der Arbeiterklassen dieser Länder.
In der Regel haben die politischen Diktate der USA eine ökonomische Ausbeutung dieser Länder und/oder zum Ziel. Für diese Agenda braucht es in der Regel Regierungen/Militärdiktaturen, die den Widerstand der Völker dieser Länder zerschlagen und deckeln. Ein Beispiel neben vielen ist die ukrainische Regierung (das wird weiter unten ausgeführt).

  1. Russland war seit der Konterrevolution bis zum Regierungsantritt Wladimir Putins eine Kolonie, deren vornehmlicher Zweck die kostengünstige Rohstoffllieferung an die westliche Welt war. Der Kolonialstatus Russlands hatte für die russische Arbeiterklasse verheerende Auswirkungen, die bis heute zu spüren sind.

Die politische Programmatik der sowjetischen Konterrevolutionäre, den Kapitalismus in Russland einzuführen, wurde insbesondere in den 90er Jahren hin zu einem totalen Ausverkauf des Landes eskaliert; in einem solchen Maße, dass eine funktionierende nationale Kapitalakkumulation verunmöglicht wurde: Große Teile der sowjetischen Industrie wurden nicht etwa im Sinne einer ursprünglichen Akkumulation in konstantes Kapital transferiert, sondern schlicht und einfach außer Landes geschaffen, der Erlös ging an (nicht selten ehemaligen KpdSU-Funktionäre) sich persönlich bereichernde russische Schatzbildner, die manchmal „Neue Russen“ oder „Oligarchen“ genannt werden. Dies geschah im Sinne einer Schocktherapie (Naomi Klein) innerhalb weniger Jahre. Neben dem Ausverkaufs der Industrie war eine Folge die Zerstörung des variablen Kapitals im Sinne von Armut/Hunger/Krankheit, Desorganisierung und mangelnder Reproduktionsfähigkeit und Konsumtionsmöglichkeiten der Arbeiterklasse des neuen Russlands. Diese Politik wurde dem neuen Präsidenten Boris Jelzin, einem offenkundigen Alkoholiker, direkt von den USA diktiert.
Gleichzeitig eröffnete sich mit dem neuen Russland ein großer Absatz- und Investitionsmarkt für den westlichen Imperialismus. Sowjetische Industrie wurde zu Preisen, die einen winzigen Bruchteil des tatsächlichen Werts darstellten, verkauft (u.A. nachzulesen in Boris Kagarlitzki: Back in the USSR, Nautilus-Verlag), gleichzeitig eröffnete sich mit den vielen Millionen ehemaligen Sowjetbürgern ein potenzieller Markt für westliche Produkte. Rohstoffe wurden außer Landes geschafft und nicht weiter als Grundlage für eine ökonomische Entwicklung des Landes genutzt.
Es existierte mit der Regierung Jelzin und ihren Behörden damit kein ideeller Gesamtkapitalist, der Akkumulation und Zirkulation politisch organisierte. Es existierte eine Kompradorenbourgeoisie der USA mitsamt eines von dieser Politik direkt profitierenden Beamtenapparats. Der Raub des Eigentums von der Arbeiterklasse wurde vollzogen, nicht jedoch die Nutzbarmachung dieses Eigentums für kapitalistische Akkumulation. Dies führte zu verheerenden Folgen für das ehemalige sowjetische Volk und einer extremen Erschwerung von organisiertem Klassenkampf, auch vor dem Hintergrund der völligen Selbstaufgabe der Kommunistischen Partei.
Dies sind die Erfahrungen, die Russland und die russische Bevölkerung (und die Bevölkerungen der ehemaligen Sowjetrepubliken) selbst in den 90er-Jahren mit dem NATO-Imperialismus gemacht hat und nicht vergessen hat. Russlands vermeintliche Stärke und Größe heute darf über diese schwache und katastrophale Lage, in der es sich bereits befand, nicht hinwegtäuschen.

  1. Gegen diesen Kolonialstatus und seine Folgen wird seit dem Amtsantritt Wladimir Putins schrittweise vorsichtig, jedoch durchaus erfolgreich innen- und außenpolitisch gearbeitet. Diese Arbeit steht dem US-Anspruch auf Weltherrschaft diametral entgegen.

Zentrale politische Programmatik seit der Präsidentschaft von Wladimir Putin ist innenpolitisch die Verpflichtung der russischen Bourgeoisie auf ihren gesellschaftlichen Beitrag zu einem funktionierenden Kapitalismus. So werden diese auf konsequente Lohnzahlung und die Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen verpflichtet, sodass es in Russland mittlerweile so etwas wie (jedoch noch sehr schwaches) Renten- und Sozialsystem gibt. Diese Programmatik wird z.T. stringent und mit wenig Rücksichtnahme auf die Interessen von Teilen der Bourgeoisie politisch durchgesetzt. Ein konkretes Beispiel dafür ist die Kampagne und Verhaftung des ehemaligen Lukoil-Oligarchen Michail Chodorkowski, der sich nicht nur dieser Politik verweigern wollte, sondern sich darüber hinaus anmaßte, dagegen zu agitieren und organisieren.
Diese Politik hat eine nicht von der Hand zu weisende Verbesserung der materiellen Lebenslage der russischen Arbeiterklasse zur Folge.1 Es handelt sich allerdings auch weiterhin um ein ökonomisch und politisch sehr instabiles Konstrukt. Genau auf diese Instabilität zielen die schon seit Jahren forcierten Sanktionen und ökonomischen Druckmittel gegenüber Russland ab. Ein wesentlicher Grund für diese ökonomische Instabilität ist die Abhängigkeit der russischen Ökonomie von den Erlösen des Verkaufs fossiler Brennstoffe. Dies wird vom Genossen Thanasis Spanidis durchaus erwähnt, jedoch nur auf die Problematik der Abhängigkeit der Weltmarktpreise zurückgeführt (These 3). Es wird nicht erwähnt, dass die Weltmarktpreise für fossile Brennstoffe aufgrund der Hauptabwicklung in US-Dollar maßgeblich politisch von den USA kontrolliert werden. Die politische Programmatik Putins ist damit materiell wesentlich von diesem Rohstofferlös und damit stark vom politischen Willen der USA abhängig.
Außenpolitisch war in Putins ersten Regierungsjahren die zentrale Programmatik der Regierung gegenüber großen und mächtigen Industrienationen, im Gegensatz zur offenen Prostitution an den Westen unter Jelzin, den westlichen Imperialismus als “Partner” für den nationalen Wiederaufbau nutzen zu wollen. Diese Programmatik wird insbesondere bei der Rede Putins am 21.9.2001 im deutschen Bundestag deutlich, in der den USA und Deutschland eine gemeinsame Sicherheitsstruktur und Wirtschaftspolitik angeboten wird. Diese Angebote wurden von den USA und EU systematisch ignoriert. Sie widersprachen diametral ihrer Programmatik, unilateral der ganzen Welt eine Politik nach ihren nationalen Interessen zu diktieren.
Gegenüber kleineren und international weniger mächtigen Nationen ist die außenpolitische Strategie Russlands die Stabilisierung der nationalstaatlichen Integrität und folglich Förderung der ökonomischen Eigenständigkeit und Stabilität. Es kann aufgrund der geringen Größe und Stärke der russischen Wirtschaft auch keine andere sein. Auch diese Strategie steht diametral gegen die Strategie der USA, Länder, die sich ihrem Diktat widersetzen, ökonomisch oder gar militärisch zu vernichten (bzw. sie damit zu bedrohen). Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in der konkreten Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Strategien die russische die ist, die mehr im Interesse der Bevölkerungen dieser Länder ist.
Ein konkretes Beispiel, an dem dies deutlich wird, ist der Kampf um die territoriale, politische und ökonomische Souveränität der Syrischen Arabischen Republik. Entsprechend des Greater Middle East Plans der USA sollte Syrien, wie bereits andere Staaten in der Region politisch zerstückelt werden, was eine ähnliches Schicksal der dortigen Bevölkerung zur Folge gehabt hätte wie das der Bevölkerung des Iraks und Afghanistans. Der andauernden militärischen Aggressionen der NATO, sei es direkt oder indirekt durch Unterstützung von Anti-Regierungstruppen, wurde durch die russische Militäroperation ein Riegel vorgeschoben.
Forderungen kommunistischer und anderer linker Gruppierungen nach einer Unterstützung der Anti-Assad-Opposition gegen den “russischen Imperialismus” waren damals wie heute fatal. Sie hätten eine politische und territoriale Zerstückelung Syriens zur Folge gehabt- mit fatalen Folgen für die soziale Lage und Kampf- und Organisationsbedingungen der syrischen Arbeiterklasse.

  1. Insbesondere aufgrund dieser außen- und innenpolitischen Agenda, sich den USA nicht weiter zu unterwerfen, kombiniert mit der Fähigkeit dies tatsächlich militärisch auch durchsetzen zu können, ist Russland nach China Hauptfeind Nr.2. Die Absetzung der russischen Regierung zurück zu einem Russland unter Jelzin ist das Ziel, welches praktisch durch ökonomische und militärische Erpressung erreicht werden soll.
    Das Ziel der USA ist es, Russland zu einem offen militärisch geführten Krieg zu zwingen, um es ökonomisch ausbluten zu lassen. Die militärische Stärke Russlands ist dabei überhaupt kein Problem, denn: Die NATO soll nicht in eine direkte Konfrontation mit Russland gehen, da der Fokus seit einigen Jahren auf den Hauptfeind China gerichtet ist. Dies schließt nicht aus, dass eine offene Konfrontation im Verlauf der unvorhersehbaren Kriegsdynamik doch auch möglich wäre. Sie ist aber zurzeit nicht geplantes Ziel der NATO. Dafür soll die Ukraine als Aufmarschgebiet herhalten. Und entsprechend ukrainische Arbeiter und Soldaten in den Tod gehen. Die Zahlen zur Aufrüstung der Ukraine, zuletzt 300 Mio. und in der Summe mehrere Milliarden USD sowie militärische Pläne und NATO-Ausbildungslager in der Ukraine sprechen eine deutliche Sprache.
    Die Umwandlung der Ukraine in ein antirussisches Aufmarschgebiet funktioniert allerdings nicht ohne weiteres, vor allem, da es in großen Teilen der Bevölkerung vor 2014 wenig gute Gründe gab, gegen Russland zu kämpfen, vor allem vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten beider Bevölkerungen, die ihren Höhepunkt in der gemeinsamen UdSSR hatten. Um diese Programmatik der Umwandlung der Ukraine in ein antirussisches Aufmarschgebiet praktisch zu vollziehen, brauchte es die alten Freunde2 gegen Russland: Eine extrem nationalistische und mit Faschisten durchsetzte Regierung. Diese Regierung führt seit Jahren einen militärischen, ideologischen und juristischen Krieg gegen die russische Bevölkerung, die organisierte Arbeiterbewegung und jeglich antinationalistische Opposition. Wir sollten mehr zur Geschichte und Bedeutung des ukrainischen Faschismus für den Kampf gegen Russland recherchieren, um eine realistische Einschätzung über die Aggression und Gefahr zu bekommen.
    Neben dieser Aufgabe als NATO-Aufmarschgebiet hat die EU, durchaus z.T. in widersprüchlichem Interesse zu den USA, das Interesse an der Ukraine als verlängerte Werkbank mit billigen Löhnen und Absatzmarkt. Dass Russland zuletzt sagte, diesen Plänen in Verhandlungen zustimmen zu können, zeigt, dass es ihnen bei ihrer Militäroperation nicht um wirtschaftliche Einflussnahme in der Ukraine ging- wie in der bürgerlichen Presse und von vielen Linken, die von einem „russischen Imperialismus“ ausgehen, behauptet wird.
    Diese beiden Aufgaben haben, ähnlich wie bereits oben für die russische Arbeiterklasse erläutert, seit 2014 verheerende Auswirkungen auf die ukrainische Arbeiterklasse- in allen Belangen: Ökonomisch hatte die EU-Integration bzw. Integration in den westlichen Wirtschaftsraum steigende Armut für den Großteil der Bevölkerung zur Folge. Als Beispiel sei nur die Bedingung des IWF für “Aufbaukredite”, die Energiepreise um 50% zu erhöhen, genannt.Diese hatten zur Folge, dass Millionen Ukrainer bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt nicht mehr heizen konnten. Weitere Probleme stellen die Konkurrenzschwäche ukrainischer Bauern auf dem europäischen Binnenmarkt und steigende Lebensmittelpreise in der Ukraine dar. Politisch hatte die Installierung der ukrainischen Regierung und ihrer Nachfolgeregierungen eine massive Zunahme antikommunistischer Repression bzw. noch weitgehender Repression gegen jegliche organisierte Arbeiterbewegung zur Folge. Die KPU (Kommunistische Partei der Ukraine) ist de facto verboten, Kommunisten werden umgebracht, ihre Geschichte und Tradition verboten und verfolgt, Gewerkschaften repressiert. Das Abfackeln des Gewerkschaftshauses in Odessa 2014 und damit das Massaker an 50 Menschen war der Beginn dessen, was bis heute an antikommunistischer und antigewerkschaftlicher Repression aufgebaut wurde. Zuletzt erlebt jedoch die russischsprachige Bevölkerung in der gesamten Ukraine, besonders jedoch in der Ostukraine, die schlimmsten Schrecken: Russisch wurde als Amtssprache verboten, russische Kultur dämonisiert. Durch die Artilleriebeschüsse der von Faschisten angeführten ukrainischen Nationalgarde wurden in der Ostukraine seit 2014 mehr als 14.000 Menschen, darunter 4000 Zivilisten, massakriert. Darüber wird in den hiesigen Medien einfach nicht berichtet.
  2. Das gezielte Drängen Russlands in einen Krieg ist Teil einer systematischen ökonomischen Schwächung und politischen Destabilisierung. Russland und seine Bevölkerung sind erneut in ihrer politischen, ökonomischen und territorialen Integrität und Existenz gefährdet.
    Die offenkundig ökonomische Schwäche Russlands ist für die ökonomisch dominanten USA die entscheidende offene Flanke. Nicht erst seit dem 24.2. überziehen sie und die EU das Land mit Sanktionen und gezielten Handelsembargos, die furchtbare Folgen insbesondere für die russische Bevölkerung haben. Der russische Rubel ist seit 2010 bis vor dem Beginn der Militäroperation um rund 100% abgestürzt.
    Begleitet wird diese ökonomische Schwächung mit einer politischen Destabilisierung. Es wird seit Jahren gezielt eine Anti-Regierungs-Opposition aufgebaut. Die Netzwerke dieser Opposition sind, bei aller Albernheit eines Alexej Nawalny, nicht zu unterschätzen. Es mehren sich Berichte über organisierte Oppoistion innerhalb des politischen Beamtenapparats und der ökonomisch mächtigen Leute im russischen Staat, nicht zuletzt in einem Interview des bereits vor vielen Jahren inhaftierten Michail Chodorkowski im Dlf (https://www.deutschlandfunk.de/kampf-gegen-putin-russische-oppositionelle-plaene-fuer-einen-machtwechsel-100.html). Es gab in den letzten Jahren mehrere Versuche von Terroranschlägen in Russland: Größere Aufmerksamkeit bekam wenigstens in der jungen Welt die Verhaftung von drei vom ukrainischen Geheimdienst SBU bezahlten Agenten (sie haben selbst gestanden). Diese wurden, ausgestattet mit Sprengstoff, in der Moskauer Metro vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB verhaftet.
    Die in den westlichen Medien hochgepeitschten Gesetze gegen diese Opposition (das Lieblingsthema ist das „Ausländische-Agenten-Gesetz“) sind nur folgerichtig angesichts dieser Gefährdung. Die Berichterstattung über die Gesetze ist in Anbetracht der seit Jahren gegen russische Sender wie Russia Today stattfindende Repression (mittlerweile ist der Sender abgeschaltet) eine unerträgliche Heuchelei.
    Insofern haben Thesen, dass es sich bei Russland um eine “aufstrebende imperialistische Nation” handele, deren “imperialistische Interessen” gegenüber den USA nun militärisch durchsetzen wolle, wenig Grundlage. Die militärische und ökonomische Stärke Russlands steht in keinem Verhältnis zu der der USA.
  3. Russland hat in der Vergangenheit vergeblich versucht, über diplomatische Wege diese Angriffe abzuwehren. Diese diplomatischen Versuche wurden mit nur noch mehr Bedrohung und Schädigung beantwortet. Die Militäroperation ist ein offensichtlich unerwarter präventiver Defensivschlag, der der NATO praktisch aufzeigte, dass das Überschreiten der roten Linien nicht weiter geduldet wird.
    Die diplomatischen Versuche Russlands sind zahlreich: So wurden seit 2015 Treffen im Rahmen des im selben Jahr unterzeichneten Minsker Abkommen gefordert, um eine diplomatische Lösung über den Status der Volksrepubliken und einen Waffenstillstand zu erreichen. Nach weiterer Aufrüstung und konkreter ukrainischer Truppenkonzentration direkt an der russischen Grenze bei gleichzeitiger ständiger Meldungen aus den USA, ein Krieg stünde kurz bevor, verlangte Russland von den NATO-Staaten am 21.12.2021, seine Sicherheitsinteressen schriftlich zu garantieren. Die Inhalte sind bekannt- Garantie des Nicht-Beitritts der Ukraine in die NATO, Rückzug aller NATO-Truppen bis auf die Bereiche vor 1997 und eine vertragliche Begrenzung der NATO-Raketenstationierungen in Osteuropa. Auf diese Forderungen reagierte die NATO mit Ignoranz, Belächeln und zusätzlichen Aufstockungen der Militärkapazitäten. Das Russische Verteidigungsministerium berichtete von konkreten Vorbereitungen einer militärischen Auseinandersetzung, begonnen durch die ukrainischen Kräfte. Die Ankündigung Selenskijs auf der Münchner Sicherheitskonferenz, das Budapester Memorandum aufkündigen zu wollen und der Ukraine damit die atomare Bewaffnung zu ermöglichen, war der bisher öffentliche Höhepunkt der Vernichtungsdrohungen und- vorbereitungen. Es könnten hier noch weitere Belege für die direkte Provokation einer militärischen Auseinandersetzung durch die NATO über die Ukraine hinzugezogen werden, diese finden sich ausführlicher hier (https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-kritik-am-joint-statement-und-zur-nato-aggression-gegen-russland/).
    Die am 24.2. begonnene Militäroperation ist entsprechend ein präventiver Defensivschlag in einem Krieg gewesen, der bereits seit 2014 aktiv von der NATO gegen Russland geführt und von ebendieser Seite Anfang 2022 zu dem eskaliert wurde, was er nun ist. Dass die Militäroperation ein rein defensiver Schritt war, wird auch deutlich an den massiven ökonomischen Folgen und der weiteren internationalen Isolation Russlands. Eine Folge, der sich die russische Regierung sicherlich bewusst war.
    Entsprechend ist es sehr schlecht, den russischen Einmarsch mit dem Argument zu verurteilen, er würde die Lage verkomplizieren oder verschlechtern. Dies ist eine Verwechslung von Wirkung und Ursache. Die Ursache der katastrophalen Lage der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse ist nicht die Militäroperation vom 24.4., sondern die NATO-Politik. Nicht Russland führt einen Krieg gegen die Ukraine, erst recht keinen “Angriffskrieg”, sondern es ist die NATO, die mit der Ukraine als Aufmarschgebiet einen Krieg gegen Russland führt.
    Ein Beispiel für eine solche Verwechslung ist das folgende Zitat der Genossin Fatima Saidi: “Nicht zuletzt ist mit dem Einmarsch der russischen Truppen ein Schritt hin zu deutlich mehr Konfrontation und Aggression getan, dessen Auswirkungen letztendlich potenziell schlimme Konsequenzen für die Arbeiterklasse der gesamten Welt haben können, wenn sich hier die russische Armee einer durch die NATO unterstützten Macht gegenüberstellt. “
    Hier klingt es so, als sei die verstärkte Konfrontation und Aggression auf Russlands Einmarsch zurückzuführen und nicht auf die NATO. Soll das bedeuten, dass man besser die Füße stillhalten sollte, anstatt sich von einer “durch die NATO unterstützen Macht gegenüberzustellen”? Sollte Russland einfach dabei zusehen, wie die NATO bis an ihre Grenzen vorrückt, die russische Bevölkerung im Donbass durch die Nazibataillone endgültig vertrieben oder massakriert ist, die Krim militärisch zurückerobert ist, die Schwarzmeerflotte konfisziert und damit der Zugang zum Asow‘schen Meer gekappt ist? Ist es nicht so, dass auch ohne russische Militäroperation die Kriegsgefahr ständig erhöht wurde- von Seiten der NATO? Diese Verwechslung ist insbesondere deshalb gefährlich, da genau diese das Hauptinstrument der NATO-Propaganda gegen Russland ist: Sie funktioniert so, dass sie die Ursache für die berechtigten Sorgen der Bevölkerung über steigende Kosten und Kriegsgefahr verdreht und die Sorgen entsprechend ihres imperialistischen Interesses emotional instrumentalisiert.
    Dies gilt auch für die emotionalisierten Moralpredigten sozialdemokratischer und grüner Kriegsideologen, die auf die steigenden Energie- und Benzinpreise sowie den zunehmenden Hunger in der Welt durch fehlende Weizenimporte aufmerksam machen. Es sind eben die Habecks und Baerbocks, die für die Preise in Deutschland verantwortlich sind und es sind die von der Leyens und Draghis, die Afrika mit EU-Subventionen für europäische Agrarexportprodukte überziehen.

An dieser Stelle muss auch die 12. These von Thanasis Spanidis kritisiert werden, die ebenfalls genau solch eine Verwechslung vornimmt. Er behauptet:

„Es handelt sich dabei um einen Übergriff auf einen souveränen Staat, um eine Aktion, die weit über alles hinausgeht, was als „defensiv“ bezeichnet werden könnte. Mit der Entscheidung, die Abschreckungsstreitkräfte inklusive sämtlicher nuklearer Streitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen, hat die russische Regierung den Konflikt weiter eskaliert und auf eine gefährlichere Ebene gehoben. Diese Entscheidung diente dazu, eine massivere Unterstützung der ukrainischen Armee durch die NATO-Staaten zu blockieren und damit Hindernisse für die Invasion aus dem Weg zu räumen.”

Zunächst muss die “Souveränität” der Ukraine hier hinterfragt werden. Es ist offensichtlich, dass bzgl. des Begriffs der nationalen Souveränität und – Befreiung jetzt sehr großer Klärungsbedarf besteht. Dieses Thema muss unbedingt ein wichtiger Gegenstand der Klärung der Imperialismusfrage werden. Es ist aus meiner „nur“ empirischen Sicht auf die Dinge infrage zu stellen, inwiefern die Ukraine souverän ist. Der Blick in die Geschichte seit 2014 macht sehr deutlich, dass die Regierung und ihre Nachfolgeregierungen nicht nur eine “westlich orientierte” ist, sondern eine vor allem von den USA, z.T mit widerstreitenden Interessen zur EU, installierte Marionettenregierung ist. Das 2014 in einem Telefonat abgehörte „diplomatische Fauxpas“ der damaligen US-Europabeauftragen des US-Außenministeriums, Victoria Nuland zeigt, als Beispiel diesen Charakter: Sie bekundete ihren Unmut darüber, dass der EU-freundliche Vitali Klitschko in die neue ukrainische Regierung eintreten sollte und befürwortete „ihren“ Kandidaten Arsenij Jazenjuk mit dem Zitat „Fuck the EU“. Jazenjuk wurde dann auch Ministerpräsident der Übergangsregierung. Dass spätere ukrainische Regierungen nach der zur Macht geputschten Regierung 2014 demokratisch gewählt wurden, macht für diese Charakterisierung keinen Unterschied. Der ukrainische Staat und die politische Kultur wurde nach dem Putsch so systematisch und stark auf antirussische Politik umgestellt, dass es kaum Möglichkeiten für eine Organisierung von Opposition gegen diesen Kurs gab und gibt (dazu auch weiter unten).
Darüber hinaus wird behauptet, dass Russland mit dem Schritt seine Abschreckungsstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu setzen den Konflikt weiter eskaliere und auf eine gefährlichere Ebene hebe. Die aktive Rolle wird hier Russland zugeschoben, was aber den offenkundigen Tatsachen widerspricht und entsprechend auch nicht mit konkreten Fakten argumentiert wird, sondern einfach behauptet. Der Genosse sollte diese These besser mit den konkreten Fakten begründen.
Auf Grundlage dieser Verwechslung findet dann folgerichtig diese sehr falsche Einschätzung statt:
“Weder der Krieg, noch der Schritt, die Abschreckungsstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen, diente der Verteidigung Russlands gegen einen potenziellen Angriff auf sein Territorium. Zwar war und ist die Bedrohung Russlands durch die NATO real und ernst. Doch war ein Angriff der NATO-Streitkräfte auf russisches Territorium zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen und die propagandistische Behauptung Russlands, mit seinem Krieg unter dem Druck einer unmittelbaren existenziellen Bedrohung zu handeln, entspricht nicht den Tatsachen. “

und

“Das Dekret des ukrainischen Präsidenten Selenski vom 24.3.2021 zur „Ent-Besatzung und Reintegration“ der Krim in den ukrainischen Staat stellt eine Provokation Russlands und ein Beispiel nationalistischer Rhetorik dar, für einen tatsächlich geplanten Angriff der ukrainischen Armee fehlten jedoch alle Anzeichen und dem ukrainischen Militär auch die Fähigkeiten. Zudem kann es als sehr unwahrscheinlich betrachtet werden, dass die NATO sich an einem solchen Krieg gegen Russland beteiligt hätte “

Der tatsächlich geplante Angriff der Ukraine wurde vorbereitet und er hätte früher oder später stattgefunden. Belege dafür werden hier angeführt (https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-kritik-am-joint-statement-und-zur-nato-aggression-gegen-russland/). Eine Darstellung, dies sei nur nationalistische Rhetorik (wofür?) gewesen, ist eine krasse Verharmlosung. Des Weiteren ist hier völlig unklar, warum der Genosse behauptet, dass die NATO sich an einem Krieg gegen Russland nicht beteiligen würde, bei allen Darlegungen der NATO-Politik gegen Russland, die er vorher getätigt hat. Wieso findet die Schlussfolgerung, dass die NATO de facto Krieg gegen Russland führt, nicht statt? Geht es darum, dass es nicht deutsche und US-Flugzeuge sind, die in einer direkten Konfrontation stehen? Ist es das, was er unter „Krieg“ versteht? Das wäre in Anbetracht der vielen tausenden Militärausbildungslager der NATO in der Ukraine und der massiven Waffenlieferungen eine starke Verharmlosung und tatsächlich ein Zurückfallen auf eine Betrachtung der Außenpolitik, vor der der Autor selbst warnt. Dies geschieht übrigens auch in These 10, in der sich Spanidis um eine Darstellung der russischen Beteiligung in Libyen und Kasachstan bemüht.
Darüber hinaus sollte der Genosse folgende Aussage unbedingt belegen und nicht einfach behaupten:

„Doch war ein Angriff der NATO-Streitkräfte auf russisches Territorium zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen und die propagandistische Behauptung Russlands, mit seinem Krieg unter dem Druck einer unmittelbaren existenziellen Bedrohung zu handeln, entspricht nicht den Tatsachen“ (These 13).

In These 12 wird behauptet, die Aktivierung der nuklearen Streitkräfte Russland habe dazu gedient, die Ukraine von einer weiteren Aufrüstung abzuhalten, um selbst in die Ukraine einzumarschieren. Abgesehen davon, dass dies nicht richtig ist- die Aktivierung der nuklearen Streitkräfte war eine Reaktion auf den Schritt der USA, atomwaffenfähige Kampfjets einzusetzen- streitet er hier gar nicht ab, dass es eine massive Aufrüstung der Ukraine gab. Die Aufrüstung fand trotz dieser von ihm behaupteten Abschreckungsmaßnahme weiter statt. Die Militäroperation anschließend ebenfalls. Es findet hier also eine Verdrehung der Tatsachen statt, damit am Ende das Ergebnis, die Militäroperation könne gar kein defensiver Akt gewesen sein, rauskommen soll. Die von ihm geschilderten Tatsachen belegen viel mehr Folgendes: Es waren die Aufrüstung der ukrainischen Armee und die Aufstellung dieser Armee für einen Angriff auf die Volksrepubliken und die Krim (und damit ein Angriff auf das Territorium der Russischen Föderation), die einer der Auslöser für diesen defensiven Präventivschlag waren.

  1. Die Absetzung der ukrainischen Regierung und Entmilitarisierung des Landes ist in der Tat das Ziel der russischen Intervention. Dieses Ziel fällt in dieser konkreten Situation mit dem Interesse der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse zusammen.

Grund für den unbedingten Willen, den Faschismus in der Ukraine zu beseitigen ist nicht ein wesentlich friedliebender oder antifaschistischer gesellschaftlicher Charakter Russlands. Dies ist ein polemischer und interessierter Vorwurf gegen Vertreter dieser Position, der keine Grundlage hat. Es entspricht den faktischen Sicherheitsinteressen Russlands, da die ukrainische Regierung und ihre praktische Politik faktisch seine Existenz gefährdet. Es fällt jetzt in dieser konkreten Situation zusammen mit dem Interesse der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse nach staatlicher Souveränität und der Absetzung einer arbeiter- und kommunistentötenden Regierung, die einerseits Russland bedroht und andererseits die Ukraine zu einer von den USA kontrollierten Aufmarschgebiet macht- mit allen Gefahren, die dies für die Bevölkerung mit sich bringt.
Weiterhin belegt die Art und Weise, wie Russland diese Militäroperation vollzieht, ihre Zielstellung. Die Militäroperation wird sehr präzise und unter höchster Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung durchgeführt. Zivile Tote werden vor allem durch Aktionen des ukrainischen Militärs und/oder Nazibataillonen provoziert, um sie anschließend öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Mit Präzisions- und Luftschlägen wird lt. Russischen Verteidigungsministerium, aber nach Berichten westlicher Medien vor allem militärische Infrastruktur und NATO-Ausbildungs- und Waffenlager zerstört.
Entsprechend sind Argumentationen schädlich, die behaupten, Russland könne gar nicht antifaschistisch agieren, da es ein kapitalistisches Land ist. Diese Behauptung gründet auf dem logischen Zirkelschluss, dass kapitalistische Staaten nicht konkret das Interesse an einem Kampf gegen den Faschismus haben, weil der Kapitalismus ja die Wurzel für den Faschismus sei. Es sei hier daran erinnert, dass es auch französische, britische und amerikanische Truppen waren, die Deutschland von Hitler befreit haben und Kommunisten im Exil auch für diese Staaten gearbeitet haben.

  1. Die Arbeiterbewegung in der Ukraine ist massiv repressiert und desorganisiert. Entsprechend ist die allgemeine Losung des Kampfes gegen “den Imperialismus” nicht nur eine zu unklare, sondern auch in der praktischen Konsequenz schädliche Losung.

Eine solche allgemeine Losung, deren “Qualität” ausschließlich wieder im Zirkelschluss besteht, dass der Imperialismus gegen die Arbeiter ist und die Arbeiter deshalb gegen den Imperialismus sein müssen, mangelt an einer konkreten Einschätzung der Lage. Dies ist kein akademisches Problem, sondern entscheidet über Leben und Tod. Würde die ukrainische und russische Arbeiterklasse dieser Losung, dem Kampf gegen den “russischen Imperialismus” folgen, so müsste sie tatsächlich gegen das russische (und ukrainische) Militär kämpfen. Sie würde sich damit notwendig zum Gehilfen der ukrainischen Militärs machen. Sie würde unter der falschen Flagge des Antiimperialismus praktisch eine Regierung unterstützen, die sie selbst massakriert und unterdrückt und entsprechend einen sinnlosen Tod sterben.
Die Charakterisierung der Militäroperation als eine Aktion des „russischen Imperialismus“, wie es zuletzt bspw. im Joint Statement eingeschätzt wurde, ist nicht den Tatsachen entsprechend und hat eine desorientierende Wirkung auf die Arbeiterklasse und die weitere Betrachtung des Themas. Zuletzt wurde das Narrativ des sogenannten „Massakers von Bucha“, von dem es bezüglich der Täter große Unklarheiten gibt, noch nicht einmal kritisch hinterfragt, sondern einfach verurteilt und lässt entsprechend mindestens Interpretationsspielraum offen.

  1. Ganz im Gegenteil sollten die Absetzung der Regierung, Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine als Ziele der russischen Intervention daher von der IKB nicht abgelehnt werden. Eine solche Ablehnung birgt Gefahr, die Arbeiterklasse unter dem falschen Deckmantel des Antiimperialismus auf den Standpunkt des NATO-Imperialismus zu stellen. Die russische Arbeiterklasse in dieser konkreten Situation der existenziellen Gefährdung Russlands auf den revolutionären Umsturz der Regierung zu orientieren, ist ebenfalls ein gefährliches Unterfangen.

Sehr deutlich wird dieses Problem an der Teilnahme ukrainischer Anarchisten an den Kämpfen gegen Russland. Ohne eine Einschätzung der Lage vornehmen zu können, wird begriffsleer zum Kampf gegen Russland aufgerufen. Notwendig müssen sich die Anarchisten deshalb auf die Seite des ukrainischen Militärs schlagen und deshalb gemeinsame Sache mit diesen Nazibataillonen machen.

  1. Das Einspannen der Arbeiterklasse vor einen imperialistischen Akteur ist in der Tat eine Gefahr. Vor allem, wenn man die Aggression und Kriegspolitik der einen nationalen Bourgeoisie falsch einordnet.

Dies bezieht sich konkret auf die Diskussionen in der KO und ihre Bedeutung. So argumentiert Spanidis in seiner 7. These auf dieser Diskussionstribüne: „Die eskalierenden Spannungen bergen für die Arbeiterklasse eine riesige Gefahr, dass sie sich für die Pläne des einen oder anderen imperialistischen Pols einspannen lässt“ und meint damit Gefahren, die sich aus einer anderen als seiner Bewertung Russlands ergeben. Konkret ist damit gemeint, die Arbeiterklasse nicht politisch auf den „imperialistischen Akteur“ Russland zu orientieren, weil man ihn für „objektiv antiimperialistisch“ hält.
Die andere Seite ist jedoch die, dass die Arbeiterklasse sich vor den Karren des eigenen Imperialismus spannen lässt, da sie die Aggression und Kriegspolitik der eigenen nationalen Bourgoeisie falsch einordnet, relativiert, für unrealistisch und harmlos einschätzt oder mit der Politik des anderen imperialistischen Akteurs (hier Russland) gleichsetzt. Das ist es, was gerade tatsächlich stattfindet, bspw. in der Friedensbewegung und im DGB, mit der katastrophalen Folge, dass sich beide auf die Seite des NATO-Imperialismus stellt. Die hier zitierte große Gefahr, die Arbeiterklasse würde sich hinter Russland stellen, steht in keinem Verhältnis zu diesen konkret stattfindenden Desorientierungen. Die Kommunisten tragen ihren Teil dazu bei, wenn sie keine klare Einschätzung von der Situation haben.

Schluss

Es zeigt sich, dass eine Klärung dessen, was wir unter Imperialismus verstehen, notwendig ist. In dieser Krisensituation wird deutlich, wie schwach unser kollektiver Diskussionsstand in Form der Programmatischen Thesen ist: Es leiten sich in der Einschätzung der konkreten Situation diametral unterschiedliche Standpunkte ab. Wollen wir unseren Anspruch der Formierung einer Kommunistischen Partei, die in der Lage ist, die Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen den Krieg anzuführen, gerecht werden, so brauchen wir diese Klarheit.
Besonders in Spanidis Beitrag wird deutlich, dass die konkrete Einschätzung Russlands von einer in den ersten Thesen dargelegten Imperialismustheorie ausgeht. In diesen konkreten Einschätzungen finden sich einige Widersprüchlichkeiten, auf die ich versucht habe einzugehen. Möglicherweise liegen diesen Widersprüchlichkeiten auch Widersprüchlichkeiten in der zugrunde liegenden Imperialismustheorie zugrunde.
Deshalb werden wir die Klärung der Imperialismusfrage in unserer Organisation so angehen müssen, unterschiedliche Imperialismustheorien aus der IKB auch auf ihre Tauglichkeit für die Analyse der konkreten Vorkommnisse im hier und jetzt prüfen. Sind Lenins fünf Kriterien so auf heute anwendbar oder hat sich der Imperialismus zu Lenins Zeiten nicht etwa so bedeutend verändert, dass diese kritisch überprüft werden müssen. Können mit Dependenztheorien die Abhängigkeiten der Länder wirklich richtig beschrieben und erklärt werden? Sind USA nur die Spitze der von Aleka Papariga begründeten imperialistischen Pyramide oder SIND sie die Pyramide mit ihrer immer noch weltweit deutlichen militärischen Überlegenheit und und Währung? Was bedeutet dies für die Eigenständigkeit anderer imperialistischer Staaten und welche konkrete Bedeutung haben diese Beziehungen für die internationale Arbeiterklasse?
Diese Klärung ist kein akademisches Problem. Sondern sie entscheidet im Klassenkampf über die richtige oder falsche Orientierunug der Arbeiterklasse und damit über Leben und Tod.


1So stiegt das russische Bruttoinlandsprodukt seit 1999 jährlich zwischen 5 und 10% zu, 2007 war der nach der Konterrevolution erlittene Produktionseinbruch wieder ausgeglichen. Darüber hinaus konstatieren die meisten (russischen) Sozialforscher für Russland einen deutlichen sinkenden Gini-Koeffizienten und damit eine sinkende Ungleichverteilung der Einkommen seit 2000 (https://www.laender-analysen.de/russland-analysen/390/ungleichverteilung-der-einkommen-in-russland/, letzter Aufruf 8.4.22). Außerdem konstatiert CEICdata eine Steigerung des monatlichen Durchschnittseinkommens in Russland seit dem Tiefpunkt 1999 von unter 50 USD/Monat bis zu 1205 USD/Monat im Jahre 2013. (https://www.ceicdata.com/de/indicator/russia/monthly-earnings), letzter Aufurf 8.4.22
2Auf die Geschichte der Unterstützung ukrainischer Faschisten und Nationalisten vom 1., bis zum 2. Weltkrieg bis 2014 geht Reinhard Lauterbach in seinem Buch “Bürgerkrieg in der Ukraine” (edition berolina) sehr ausführlich ein

Die ,,Lager“ in der KO beim Namen nennen!

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von Tom Hensgen

In der Veröffentlichung vom 16.03.2022 Zur Klärung der Imperialismusfrage – Eine Selbstkritik | Kommunistische Organisation wird beschrieben, dass es in der KO einen Dissens bei der Einordnung des Krieges in der Ukraine und auch allgemein bei der Analyse des Imperialismus gibt. Ich versuche kurz die bisherige Position der KO zum Imperialismus darzustellen und auf Argumente einzugehen, die Russlands Einmarsch als einen Akt der Verteidigung begrüßen.

Ich versuche die inhaltliche Debatte möglichst verständlich darzustellen, um das Verfolgen leichter zu ermöglichen. In diesem Text übe ich inhaltliche Kritik an Genossen und an anderen kommunistischen Gruppen. Das soll aber nicht herablassend wirken, sondern einfach offen ausdrücken, was ich zum Thema denke. Ich möchte anregen, dass sich gerne andere Akteure der kommunistischen Bewegung zur Debatte äußern können. Kritik und Selbstkritik sollten sowohl innerhalb von Organisationen als auch darüber hinaus in der Bewegung offen geäußert werden, sie ermöglichen uns zu lernen und dienen als Motor der Weiterentwicklung.

  1. Wie hat sich die KO denn bisher zum Imperialismus positioniert?
  2. Angst vor Äquidistanz?
  3. Nutzt der Einmarsch dem russischen Volk? Klassenübergreifende Sicherheitsinteressen?
  4. Nutzt der Einmarsch dem ukrainischen Volk? Entnazifizierung und Neutralisierung?
  5. Dann wenigstens die nationale Befreiung?
  6. Was sagte Lenin zu Kriegen?
  7. Konsequenzen aus der Befürwortung des russischen Einmarsches?
  8. Warum ich den russischen Einmarsch ablehne?
  9. Abschließende Anmerkungen

1. Wie hat sich die KO denn bisher zum Imperialismus positioniert?

Die programmatischen Thesen (pT) der KO wurden 2018 bei der Gründung der KO beschlossen. In den pT werden die Thesen vom „kollektiven Imperialismus“ und vom „Ultraimperialismus“ abgelehnt. Die These, dass in einer „multipolaren Weltordnung“ eine Hoffnung auf eine friedlichere Welt liegen würde, wird ebenfalls abgelehnt. Auch die These, dass kapitalistische Staaten eine friedensfördernde, „objektiv antiimperialistische“ Rolle spielen würden bzw. könnten, wird abgelehnt. Der Imperialismus wird als ein globales System, als die Epoche des monopolistischen Kapitalismus beschrieben, d.h. dass jeder kapitalistische Staat Teil des imperialistischen Weltsystems ist. Unsere pT stellen klar, dass der antiimperialistische Kampf gegen das Kapital und das kapitalistische System als Ganzes gerichtet sein muss. Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) werden als aufstrebende Ökonomien bezeichnet. Es ist die Rede von gegenseitigen Abhängigkeiten innerhalb der imperialistischen Kette, wobei der US-Imperialismus als nach wie vor militärisch gefährlichster imperialistischer Pol der Welt bezeichnet wird und der deutsche Imperialismus als Anführer der EU und unser Hauptfeind. 4. Der Imperialismus | Kommunistische Organisation

Wesentliche Aspekte, die hier aufgezählt sind, dienen der Abgrenzung gegenüber anderen Akteuren der kommunistischen Bewegung, vor allem auch gegenüber der DKP. Bei der 2. Vollversamlung der KO, im Jahr 2019, wurde die internationale Resolution (iR) KO-2VV-Inter_Resolution_public_fin.pdf (kommunistische.org) verabschiedet. Darin findet sich ein positiver Bezug zur „Initiative der Kommunistischen und Arbeiterparteien“ (ICWPE) Initiative of Communist & Workers‘ Parties – Home (initiative-cwpe.org). Darin organisiert sind u.a. die TKP (Türkei), KKE (Griechenland), PdA (Österreich), SKP (Schweden), RKAP (Russland). Diese und auch die anderen Kommunistischen Parteien (KPen) darin vertreten ebenfalls das Imperialismusverständnis, welches sich in den pT widerfindet. So sehe ich die iR als eine Konsequenz aus den pT und weitere Abgrenzung gegenüber der DKP.

In den folgenden Jahren haben wir Texte zum Imperialismus veröffentlicht, die ebenfalls genau dem entsprechen, z.B. 2020 einen Text der SKP Zur Frage des Imperialismus / On the question of Imperialism | Kommunistische Organisation und 2021 dann 61 Thesen der TKP TKP: Thesen zum Imperialismus entlang der Achse von Russland und China (2017) | Kommunistische Organisation. Eine Veröffentlichung von uns vom 21.12.2021 endet mit den Worten: ,,Ohne Zweifel hat auch der russische Imperialismus nichts als die Absicherung der Interessen der eigenen Bourgeoisie im Sinn. Das steht in keinem Widerspruch dazu, dass Russland zurzeit nicht der Aggressor, sondern Ziel von Provokationen und Aggressionen seitens der NATO ist. Es ist aber falsch, aus der objektiven Situation Russlands einen vermeintlich “antiimperialistischen” Charakter abzuleiten oder gar aus dem imperialistischen Russland eine potentielle “Friedensmacht” zu konstruieren. Die Kommunistische Organisation lehnt solche Interpretationen und Positionen, die es in der kommunistischen Bewegung gibt, ab und weist darauf hin, dass solche Positionen die internationale Arbeiterklasse in die Irre führen und Illusionen über die Friedensfähigkeit des Imperialismus schaffen.“ Schluss mit der Aggression gegen Russland! | Kommunistische Organisation

Doch nun gibt es Genossen bei uns, die all das, was wir zum Imperialismus veröffentlicht haben – von 2018 bis 2021 – ablehnen, eine 180 Grad Drehung unternommen haben und den russischen Einmarsch begrüßen. Es gilt diese Drehung ernstzunehmen, sie einzuordnen und auf ihre Argumentationen einzugehen. Im Artikel vom 16.03.2022 ist die Rede von zwei ,,Lagern“ in der KO. Ich denke man muss das eine als ,,pT-Lager“ und das andere als das ,,DKP-nahe-Lager“ einordnen, um klarzustellen, dass das eine am Charakter der KO festhält und das andere inhaltlich an der DKP orientiert. Dem ,,pT-Lager“ geht es natürlich nicht bloß um die pT geht, sondern wie beschrieben ebenfalls um die iR, die Orientierung an die ICWPE und sonst alle Veröffentlichungen zwischen 2018-2021, d.h. insgesamt um den Charakter der KO, während das ,,DKP-nahe-Lager“ eine gänzlich andere Einschätzung vom Imperialismus (Russlands Einmarsch sei zu begrüßen –> antiimperialistische Friedensmacht???) vertritt.

Ursächlich für das Entstehen der zwei ,,Lager“ ist also, dass sich Genossen von uns an den Positionen der DKP und KPRF (kommunistische Partei der Russischen Förderation) orientieren. Beide Parteien sind nicht mit unseren pT vereinbar. Auch wenn sie sich bei der Beurteilung Russlands intern nicht einig sind, spielen Teile der Parteien, die den Einmarsch begrüßen (z.B. wurde bei einer Tagung des Landesvorstands der DKP Brandenburg der Einmarsch eine ,,friedenspolitische Maßnahme“ genannt DKPDahme-Oder-Spree – Beiträge | Facebook) eine wichtige Rolle. Immerhin baut die Befürwortung der russischen Invasion auf dem Imperialismusverständnis beider Parteien auf, dieses sollte noch gesondert behandelt und kritisiert werden.

In der Veröffentlichung vom 16.03.2022 wird behauptet, dass die verschiedenen Kommunistischen Parteien (KPen) ihre Standpunkte nicht gut begründen und andere Akteure nicht kritisieren würden. Dem stimme ich nur sehr bedingt zu. Bei sehr vielen KPen, die unseren pT nahe sind, sehe ich mehrere Veröffentlichungen zum Krieg in der Ukraine, teilweise veröffentlichen einzelne KPen sogar täglich neue Texte zu dem Thema. Ich sehe auch Artikel von KPen, die Standpunkte anderer KPen dazu offen und transparent kritisieren In Defense of Communism: KKE: Open letter about the Resolution of the CP of Spain — On the confrontation between USA, NATO, EU and Russia (idcommunism.com) // In Defense of Communism: The stance of the communists towards the imperialist war in Ukraine (idcommunism.com). Bei allen Veröffentlichungen müssen wir immer berücksichtigen, dass die verschiedenen Parteien ihre Analysen auf dem Fundament ihres Imperialismusverständnis anstellen, was bereits gut begründet ist. Stellungnahmen von Parteien sollte man ja nicht isoliert von ihren Strategien beurteilen.

2. Angst vor Äquidistanz?

Eine äquidistante Haltung in der Frage des Imperialismus einzunehmen bedeutet, dass man beide imperialistischen Pole (NATO auf der einen Seite und Russland-China auf der anderen) gleichmäßig verurteilt, in dem man die konkreten Kräfteverhältnisse missachtet. Äquidistanz würde heißen, dass man beide imperialistischen Pole als gleich stark einstuft. Man würde die NATO nicht als den Hauptaggressor charakterisieren. Ansätze einer äquidistanten Haltung sehe ich z.B. bei den Veröffentlichungen des Kommunistischen Aufbaus zum Ukrainekrieg. Kampf dem imperialistischen Krieg, heißt Kampf für den Sozialismus! – Kommunistischer Aufbau (komaufbau.org) // Feuer und Flamme dem imperialistischen Krieg! – Kommunistischer Aufbau (komaufbau.org) Das Zentralkomitee der MLPD geht in einer Veröffentlichung sogar einen Schritt weiter, indem sie die Frage stellt, ob sich Russland zum Faschismus entwickelt ohne auch nur ein Wort über Nazis in der Ukraine zu verlieren oder die NATO als Hauptaggressor bennenen zu können. Wobei ich es bei der MLPD schlimmer finde, dass sie die ,,Friedensdemos“ in Deutschland feiern statt große Teile dessen als NATO-Unterstützung einordnen. Gefährliches Spiel mit dem Feuer eines Weltkriegs: Keine NATO in die Ukraine – Abzug der russischen Truppen! — MLPD

Vertreter der Äquidistanz gehen in der Regel so vor, dass sie Staaten sozusagen in zwei Schubladen einsortieren: Entweder sind es imperialistische Zentren oder ,,Neokolonien“ (so geht scheinbar unter anderem Young Struggle vor). Diese ,,Analyse“ ist sehr vereinfacht, verkürzt und daher nur sehr bedingt brauchbar. Als Kommunisten sollten wir differenzierter an die Sache heran gehen. Die Genossen aus Griechenland (KKE) haben zur Veranschaulichung ihrer Analyse das Modell der imperialistischen Pyramide entworfen. Wir als KO (oder nur das ,,pT-Lager“?) vertreten ebenfalls dieses Modell, in einigen Veröffentlichungen nutzen wir die Metapher mit der Pyramide https://kommunistische-organisation.de/stellungnahmen/zum-handelskrieg-zwischen-den-usa-und-china // Machtverschiebungen in der imperialistischen Pyramide in der „Coronakrise“ | Kommunistische Organisation // Referat zur 3. Vollversammlung der KO | Kommunistische Organisation. Gemäß der Analyse gibt es an der Spitze der Pyramide die mächtigsten Staaten, dabei darf man weder nur militärische noch nur ökonomische Faktoren berücksichtigen. Je tiefer man sich die Pyramide anschaut, desto schwächer ist der Staat. Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Staaten beruhen auf Gegenseitigkeit. Das Modell darf nicht statisch betrachten werden, je nach Entwicklung der Staaten muss auch die derzeitige Konstellation innerhalb der Pyramide angepasst werden. Das Modell verhindert also, dass wir unterschiedlich starke Staaten auf die gleiche Ebene stellen, wobei wir dazu überhaupt erstmal feststellen müssen, dass Staaten unterschiedlich stark sind und dieses Merkmal als relevant anerkennen müssen. Doch trotz Anerkennung der Kräfteverhältnisse ermöglicht uns das Modell dennoch alle Staaten zu kritisieren und ihr Handeln zu verurteilen. Es ermöglicht uns auch, mehr als einen imperialistischten Pol einer handvoll Länder sehen, sondern zu erkennen, dass es zwei imperialistische Pole gibt, die in der Pyramidenhierarchie eine unterschiedliche Stellung einnehmen. Diese Herangehensweise liefert uns überhaupt erst die Grundlage, um das Geschehen in einzelnen Weltregionen in den Kontext des imperialistischen Weltsystems einordnen zu können.

In unseren pT charakterisieren wir die USA als den gefährlichsten imperialistischen Pol, d.h. sie sind an der Pyramidenspitze, wobei wir aber auch schreiben, dass die BRICS-Staaten aufstrebende Ökonomien sind. Vor allem bei China ist in den letzten 1-2 Jahrzehnten zu sehen, dass sie ihren Einfluss, Handelsbeziehungen usw. in zahlreichen Weltregionen enorm verstärkt haben, wodurch sich ihre Position in der Pyramide verändert.

Das Pyramidenmodell dient keineswegs dazu einen der Imperialisten zu verharmlosen oder in Schutz zu nehmen. Dennoch würde man mit Parolen wie ,,Weder NATO noch Russland“ beide Mächte auf eine Stufe stellen. Wir sollten berücksichtigen, dass die NATO der Hauptaggressor ist. Russland ist von ihr umkreist und bedroht, es reagiert aus der Defensive heraus (1409) Feindbild Russland: Wie der Westen die Konfrontation verschärft | Monitor | Das Erste | WDR – YouTube. Dennoch ist der russische Imperialismus als solcher zu benennen und zu verurteilen. Agitation und Propaganda von Kommunisten sollten sich nicht im gleichen Maße gegen Russland und gegen die NATO richten, das wäre die Äquidistanz, die potenziell eine Stärkung der aktuellen antirussischen Propaganda und des antirussischen Rassismus https://www.bz-berlin.de/berlin/marzahn-hellersdorf/brandanschlag-auf-internationale-lomonossow-privatschule-in-marzahn bewirken kann. Abgesehen von der Macht der NATO und ihrer Rolle im Weltsystem muss sie natürlich im Fokus liegen, weil wir in Deutschland sind und der Hauptfeind der deutschen Arbeiterklasse die deutsche Bourgeoisie ist und sie ein wichtiger Bestandteil der NATO.

Ich sehe in unserer Organisation keine Gefahr für eine Äquidistanz, da mir keine Genossen bekannt sind, deren Argumentationen in diese Richtung gehen. Es gibt jedoch einzelne Genossen, die Angst haben, dass es eine solche Haltung bei uns geben würde. Ich frage mich, woher diese Befürchtung kommt. Und aus dieser Befürchtung heraus, dann zur Schlussfolgerung kommen, man dürfe das aktuelle Handeln Russlands gar nicht kritisieren, halte ich für problematisch. Das Handeln Russlands ist nicht die Hauptaggression, sondern eine Gegen-Aggression und eine Reaktion auf die akute Bedrohlungslage durch die militärische Einkreisungspolitik der NATO. Doch auch wenn imperialistische Großmächte in einer defensiven Position sind müssen wir bei unserem Klassenstandpunkt bleiben und dürfen uns nicht mit imperialistischen Großmächten verbünden, indem wir ihr Handeln begrüßen.

Nachdem ich jetzt die Diskussionsbeiträge von dem Genossen Philipp Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland | Kommunistische Organisation und der Genossin Klara Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung | Kommunistische Organisation gelesen habe, kenne ich die Begründung hinter dem Äquidistanzvorwurf. Es geht um das Verwenden des Pyramidenmodells und um die Einordnung Russlands als einen imperialistischen Staat. Kurz gesagt: Die beiden Genossen werfen allen, die hinter den pT stehen vor, eine äquidistante Haltung einzunehmen. Ich stufe Russland als imperialistisch ein, unter Anderem weil sich seine Kapitalistenklasse an der Neuaufteilung der Welt beteiligt, aufgrund von ihren ökonomischen und militärischen Fähigkeiten und ihrem Bündnis mit China (das Ganze muss in den nächsten Monaten von uns noch kollektiv behandelt und belegt werden.). Bei der Kritik am Pyramidenmodell geht es vor allem darum, dass laut KKE alle Staaten „Beutemacher“ sind. Klara formuliert es so: „Was ist die Kernaussage hier? Das Hauptsächliche ist, dass es zwar eine Hierarchie der Macht gibt, aber dass alle „Länder“, – der Genosse hätte hier tatsächlich zwecks besseren Verständnisses und Kohärenz seiner Argumentation die ‚Kapitalistenklassen‘ aller Länder schreiben sollen – entsprechend ihrer Machtstellung an der Beute beteiligt werden. Sie sind also allesamt Beutemacher, nur auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Die Macht dient nicht der Unterwerfung, sondern bestimmt nur – vereinfacht gesagt – die Menge, die das jeweilige Land von der Beute abbekommt.“ Ich halte es für zutreffend, dass jeder Staat innerhalb des Weltsystems seine Beute macht: Die einen „nur“ mittels Ausbeutung ihrer eigenen Arbeiterklasse und die anderen beuten gleichzeitig die Arbeiter anderer Länder aus. Gemeinsam haben die Kapitalisten, dass sie alle Beutemacher sind. Je höher sie in der Hierarchie der Pyramide sind, desto mehr Arbeiter in anderen Ländern werden von ihnen unterworfen und ausgebeutet. Das beschreibt die Pyramidenhierarchie und in dieser Hierarchie sind die USA höher als Russland, weshalb ich den Äquidistanzvorwurf und die Kritik am Modell der KKE nicht teile. Ich habe zwar oben geschrieben, dass es sich dabei um ein Modell handelt, welches die Abhängigkeitsverhältnisse als gegenseitige beschreibt. Doch abgeleitet von der Stellung in der Hierarchie ergeben sich unterschiedliche Grade und Bedeutungen aus diesen gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen. Klara schreibt: „Das zentrale Argument ist hier, dass es sich beim Imperialismus nicht um eine einseitige Abhängigkeit, so gesehen schon gar nicht um Weltbeherrschung, Unterwerfung und Ausbeutung der Welt, sondern um ein Regime der gegenseitigen Abhängigkeit handelt.“ Ich denke, dass es auch im Pyramidenmodell um Weltbeherrschung, Unterwerfung und Ausbeutung geht und dass all dies den gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen nicht widerspricht. Die Staaten, die in der Hierarchie oben sind, können auf die Abhängigkeitsverhältnisse leichter verzichten, weil sie es leichter haben, andere Abhängigkeitsverhältnisse aufzubauen, dennoch sind sie auf die Ausbeutung und Unterwerfung der Staaten unten in der Pyramide gewissermaßen angewiesen. Eine weitere Kritik am Imperialismismodell der KKE ist, dass sie alle kapitalistischen Staaten als imperialistisch einstufen würde. Ich kann – wie Genossin Klara – auch kein griechisch, verstehe die Anwendung des Modells aber so, dass nur die führenden Staaten beider imperialistischen Pole imperialistische Staaten sind. Klara geht jedoch dazu über, Staaten nur in zwei Kategorien einteilen zu wollen (imperialistisch und nicht-imperialistisch), diese Kategorien sind zwar richtig und wichtig, sich darauf zu beschränken, was ggf. das gesamte ,,DKP-nahe-Lager“ macht, würde eine vereinfachte Darstellung der Realität abbilden, von der sich schwer Schlussfolgerungen ableiten lassen, die anscheinend oft falsch sind. Wenn man einfach beide imperialistischen Pole imperialistisch nennt, ohne sich ihre genaue Stellung in der Pyramide anzuschauen, dann ist es auch klar, dass man zu einem Äquidistanzvorwurf kommt. Wenn man jedoch anerkennt, dass es auch innerhalb von imperialistischen Staaten unterschiedliche Kräfteverhältnisse, Pole, Konflikte usw. usf. gibt, dann kann man auch Russland einordnen und daraus praktische Schlüsse im Sinne der Arbeiterbewegung ziehen.

3. Nutzt der Einmarsch dem russischen Volk? Klassenübergreifende Sicherheitsinteressen?

In der Epoche des Imperialismus kann die Bourgeoisie kapitalistischer Staaten keinen fortschrittlichen Charakter haben (ob Kolonien hierbei Ausnahmen bilden möchte ich an dieser Stelle nicht behandeln). Es gibt einen antagonistischen, unversöhnlichen Interessenswiderspruch zwischen der Arbeiterklasse und der Kapitalistenklasse und das in jedem Staat. Die Arbeiterklasse muss überall für die sozialistische Revolution kämpfen und egal, wie weit sie gerade davon entfernt ist, ist es notwendig, dass sie ihren Kampf eigenständig führt, d.h. die Arbeiterbewegung muss ideologisch, organisatorisch und finanziell unabhängig von der Bourgeoisie und der Sozialdemokratie sein.

Im Zuge der militärischen Kraft der NATO, den dutzenden Kriegen, die sie geführt haben und führen, den Millionen Toten, die die Kriege hinterlassen haben (1412) Die Anstalt: Der große Plan der USA, für den Nahen Osten! – YouTube und der Einkreisungspolitik, kommen einzelne Genossen von uns nun zu der Schlussfolgerung, dass die russische Bourgeoisie mit der russischen Arbeiterklasse das gemeinsame Interesse nach Sicherheit habe. Diesen Gedanken finde ich sehr problematisch, da es die Notwendigkeit einer eigenständigen Arbeiterbewegung zunichte macht und dafür plädiert, die Arbeiterbewegung unter der Flagge ihrer Bourgeoisie, d.h. ihres Hauptfeindes, zu mobilisieren und das für einen sogenannten ,,Verteidigungskrieg“.

Ich denke, dass der Gedanke von klassenübergreifenden Sicherheitsinteressen dazu führt, dass sich die russische Arbeiterklasse unter Flagge ihres Hauptfeindes sammelt, es eine Eigenständigkeit der Arbeiterbewegung verunmöglicht und somit dem strategischen Ziel der sozialistischen Revolution eine Absage erteilt. Wollen die Genossen, die mit klassenübergreifenden Sicherheitsinteressen argumentieren neben der Imperialismusanalyse der KO nun auch unsere Ablehnung der Etappentheorie und unsere Haltung zur Bündnisfrage verwerfen? Dass die einzelnen Kapitel unserer pT nicht isoliert voneinander betrachtet werden dürfen, ist ja klar, also muss allen bewusst sein, dass eine Revision unseres Imperialismusverständnis Auswirkungen auf andere programmatische Punkte hat.

Davon mal abgesehen dient der Angriff Russlands in die Ukraine eh nicht der Sicherheit, sondern viel eher der Unsicherheit, der Erhöhung der Gefahr eines dritten Weltkrieges. Denn beim Aufeinanderprallen der zwischenimperialistischen Interessen und Widersprüche sehen wir, dass sich die Konfrontation der Imperialisten mehr und mehr zuspitzt. Der russische Angriffskrieg erhöht die Zuspitzung und damit die Gefahr eines größeren Krieges. Die Erhöhung der Weltkriegsgefahr steht im Widerspruch zu den Sicherheitsinteressen der russischen Arbeiterklasse.

Philipp hat zwar recht, wenn er Russland als von der NATO bedroht beschreibt. Und es ist normal, dass Texte nicht ,,neutral“ sind, sondern den eigenen Standpunkt untermauern. Aber bei einem Text mit vielen Fakten wirkt es so als müsse dieser richtig seien, daher möchte ich betonen, dass auch dein Text einen bestimmten Standpunkt vertritt. Du schreibst 36 Seiten und die Existenz russischer Atomwaffen verdient einen Satz, weil es in der Art und Weise liegt, wie Fakten dargestellt werden. Und die Schlussfolgerung aus deiner Darstellung der Realität – die NATO wäre kurz davor in Russland einzumarschieren, um das Land zu zerstückeln und zu unterwerfen – halte ich für unrealistisch. Insbesondere seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hätte die NATO doch eine gute Gelegenheit, um in Russland einzumarschieren. Du schreibst ja selbst, wo sie überall wie viele Manöver, Soldaten, Stützpunkte, Waffen usw. usf. hat. Aber die NATO marschiert gerade nicht in Russland ein. Der Krieg findet nicht auf russischen Boden statt, er führt nicht zur Zerstückelung und Unterwerfung Russlands. Zumindest kann ich das gerade nicht sehen. Daher kann ich deiner Einschätzung, Russland würde präventiv Einmarschieren, um sich vor einem Einmarsch zu schützen, nicht zustimmen.

Viele Kommunisten in Deutschland skandieren die Parole ,,der Hauptfeind steht im eigenen Land“ und diese gilt sowohl für Deutschland als auch für Russland und jedes andere kapitalistische Land. Dennoch müssen wir berücksichtigen, dass sie in einem strategischen Sinne zu verstehen ist, d.h. dass es Situationen geben kann, in denen es für die Arbeiterbewegung sinnvoll ist unter Beibehaltung einer gewissen Eigenständigkeit ein taktisches Bündnis mit ihrer eigenen Bourgeoisie einzugehen. In diesem Aspekt gebe ich dem Genossen Philipp und der Genossin Klara recht. In meinem Beitrag zur PKK Das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die kurdische Frage | Kommunistische Organisation habe ich bereits auf diese Fragestellung bezug genommen und erklärt, dass wenn diese keine proimperialistische Organisation wäre (Konjunktiv!), im Kampf gegen den ,,Islamischen Staat“ und die USA ein taktisches Bündnis mit der syrischen Regierung eingehen müsste. Es kann also Situationen geben, in denen Kommunisten (Ich weiß, die PKK sind keine) taktische Bündnisse mit ihrer eigenen Bourgeoisie eingehen sollten. Die Genossen aus dem ,,DKP-nahen-Lager“ wenden diese Möglichkeit jedoch falsch an: Sie argumentieren für ein Bündnis der russischen Arbeiterklasse mit ihrer imperialistischen Bourgeoisie, die ein anderes Land überfällt, das ukrainische Volk angreift, zur Flucht zwingt und versucht es zu unterwerfen.

4. Nutzt der Einmarsch dem ukrainischen Volk? Entnazifizierung und Neutralisierung?

Das ukrainische Volk leidet derzeit extrem unter dem Krieg, es hat zahlreiche Tote und Geflüchtete zu verzeichnen. Kann es in den Jahren nach dem Kriegsende vom Krieg einen Nutzen ziehen? Ich glaube es gibt Genossen, die meinen Russland könnte die Ukraine entnazifizieren und vom NATO-Einfluss lösen. Zwar wird kein Genosse behaupten, dass Putin ein Antifaschist sei, doch dass bei dem Krieg gegen ukrainische Faschisten und indirekt gegen die NATO gekämpft wird, ist ein Fakt.

Was der russische Einmarsch aber bewirkt, ist viel eher das Gegenteil: Die ukrainische Bevölkerung erkennt nicht mit Hilfe der Invasion plötzlich die Völkerfreundschaft zum russischen Volk, der Einmarsch stärkt den Nationalismus und Faschismus in der Ukraine. Die NATO eskaliert die Lage, wieso sollten sie die Ukraine als einen neutralen Staat zurücklassen? Ein Regime-Change in der Ukraine müsste mit massenhafter Repression gegen die Arbeiterklasse einher gehen, erhöht das Weltkriegsrisiko umso mehr und ist daher ebenfalls keine Perspektive. Es ist auch gar nicht (mehr) Russlands Ziel einen Regime-Change umzusetzen. Dass die herrschende Klasse in der Ukraine gegenüber dem russischen Staat zu Zugeständnisse bereit ist, d.h. zu einer wirklichen Entnazifizierung und einer Abgrenzung vom Westen ist auch unrealistisch, da es den Charakter des Staates erheblich ändern würde. Der ukrainische Staat ist zu sehr mit den dortigen faschistischen Strukturen verwoben als dass sie sich davon trennen würden. Während aus dem Westen Waffen in die Ukraine kommen, werden sie zwar mehr Waffen fordern, sich aber nicht in Form von Zugeständnissen komplett vom Westen loslösen. Solche Hoffnungen, wie der Krieg doch irgendwie der ukrainischen Arbeiterklasse nutzen könnte, sind Spekulationen, die ins Leere laufen.

5. Dann wenigstens die nationale Befreiung?

Die Krim und auch die sogenannten ,,Volksrepubliken“ in der Ostukraine (Lugansk und Donezk) spielen bei Diskussionen um den Krieg eine wichtige Rolle. Erstmal muss aber festgehalten werden, dass der russische Einmarsch in die ,,Volksrepubliken“ etwas anderes ist als der in den Rest der Ukraine. Ich bin mir nicht sicher, ob Genossen bei uns mit der nationalen Frage argumentieren, dennoch möchte ich kurz auf diesen Aspekt eingehen. 2014 hat die NATO den profaschistischen Putsch in der Ukraine unterstützt, das Ganze wurde und wird von westlichen Medien natürlich anders dargestellt (1409) Die Anstalt – Manipulation durch Medien im Ukrainekonflikt – 23.09.2014 – YouTube, doch seitdem hat sich die Lage in der Ukraine massiv verändert. Die ukrainische Regierung übt  rassistischen Terror gegen die ostukrainische, russische Bevölkerung aus 19.02.2022: »Kiew übt Staatsterror aus« (Tageszeitung junge Welt). Im Bürgerkrieg von 2014 bis 2022 sind ca. 14.000 Menschen verstorben. Der faschistische Terror gegen die ,,Volksrepubliken“ hat dazu geführt, dass diese den russischen Staat um Hilfe gebeten haben. Einige Kommunistische Parteien, wie z.B. die RKAP (russisch-kommunistische Arbeiterpartei) sprechen sich für die Unabhängigkeit der ,,Volksrepubliken“ aus und begrüßen dabei, dass die Russische Förderation diese anerkannt hat. Das Fordern und Begrüßen der Anerkennung der Unabhängigkeit ist jedoch was anderes als das Befürworten des russischen Einmarsches.

Sollten Kommunisten Hoffnungen auf einen imperialistischen Staat setzen, um die nationale Frage zu lösen? In meinem Diskussionsbeitrag zur PKK bin ich bereits auf die Thematik der nationalen Frage eingegangen. Wenn sich nationale Bewegungen in ihrem Kampf einem imperialistischen Staat unterordnen und sich von ihm abhängig machen, können sie keine antiimperialistische und fortschrittliche Klassenorientierung entwickeln. Ihr Verhältnis zum Imperialismus muss unser Hauptkriterium sein, wenn wir eine nationale Bewegung beurteilen. Spätestens als sich die ,,Volksrepubliken“ in die Abhängigkeit Russlands begeben haben bzw. mussten, hatten sie kein Potenzial mehr für eine sozialistische Entwicklung. Um es mit den Worten der TKP zu sagen: ,,Weder Russland, noch China können im Vergleich zu den Vereinigten Staaten die bessere Alternative sein. Die Alternative zu Kapitalismus kann nicht Kapitalismus sein. Die Alternative zu einem imperialistischen Machtzentrum kann kein anderes, neues Machtzentrum sein. Die Lösung dieser Situation liegt in der Diktatur des Proletariats.” TKP: Thesen zum Imperialismus entlang der Achse von Russland und China (2017) | Kommunistische Organisation Aus diesem einzelnen Zitat mag vielleicht der Eindruck einer Äquidistanz entstehen, daher kurz um es klarzustellen: Die TKP charakterisiert die USA richtigerweise als den mächtigsten Imperialisten auf dem Planeten und die NATO als den Hauptaggressor.

Ich habe jetzt zwar meinen Beitrag zur PKK erwähnt, ich möchte aber keineswegs die Nähe der PKK zu den USA mit dem Hilferuf aus den ,,Volksrepubliken“ an die russische Regierung gleichsetzen. Dafür gibt es viele Gründe, die ich hier nicht ausführe. Jeder von euch kann sich natürlich gerne meinen Diskussionsbeitrag genau durchlesen und dann meine Kritik an der PKK überdenken. Auch ohne beide nationalen Kämpfe gleichzusetzen, kann man in beiden Fällen kritisieren, dass unter diesen Umständen – der Unterordnung unter einen imperialistischen Pol – keine antiimperialistische Perspektive mehr denkbar ist.

Es muss vor allem festgehalten werden, dass auch die nationale Frage nicht dazu führen darf, dass Kommunisten den russischen Einmarsch in die Ukraine befürworten. Nun habe ich in diesen und in den vorherigen Kapiteln einige Gründe genannt, weshalb der Einmarsch nicht befürwortet werden sollte. Schließlich verurteilen in einem gemeinsamen Statement über 60 KPen die russische Invasion In Defense of Communism: UKRAINE WAR: Joint Statement of Communist and Workers’ Parties — No to the imperialist war! (idcommunism.com).

7. Lenin zum Krieg

Ich weiß jetzt nicht genau, ob ich den Text der Genossin Klara zu schnell gelesen habe oder ob sie zwischen ihren ganzen Leninzitaten wirklich die Behauptung aufstellt, Russland führe gerade einen nationalen Befreiungskampf. Mit unseren pT wäre das jedenfalls nicht zu vereinbaren. Wenn man von unseren pT ausgeht und Russland als imperialistisch charakterisiert sind hingegen die drei Leninzitate, die ich hier bringe eher angebracht. Mit diesen Zitaten versuche ich kurz seine Haltung darzustellen und sie auf die aktuelle Situation anzuwenden.

,,A. Potressow machte sich keine Gedanken über die Bedeutung der Wahrheit, die er in jenen Worten aussprach. Nehmen wir einmal an, zwei Länder führen miteinander Krieg in der Epoche der bürgerlichen, nationalen Freiheitsbewegungen. Welchem Lande soll man vom Standpunkt der heutigen Demokratie den Sieg wünschen? Es ist klar: dem, dessen Sieg die Freiheitsbewegung der Bourgeoisie kräftiger vorwärts stoßen und stürmischer entwickeln, den Feudalismus kräftiger unterwühlen wird. Nehmen wir weiter an, dass das bestimmende Moment der objektiven geschichtlichen Lage sich geändert hat und dass an die Stelle des sich national emanzipierenden Kapitals das internationale, reaktionäre, imperialistische Finanzkapital getreten ist. Das eine Land beherrsche drei Viertel von Afrika, das andere ein Viertel. Objektiver Inhalt ihres Kriegs ist die Neuaufteilung Afrikas. Welcher Seite soll man den Sieg wünschen? Die Frage ist in ihrer früheren Fassung unsinnig, denn es fehlen uns die früheren Einschätzungskriterien: weder langjährige Entwicklung der bürgerlichen Freiheitsbewegung noch langjähriger Untergangsprozess des Feudalismus. Es ist nicht Sache der heutigen Demokratie, weder dem einen Land bei der Befestigung seines „Rechts“ auf die drei Viertel von Afrika zu helfen noch dem andern (und möge es sich auch ökonomisch rascher entwickeln als das erste) bei der Unterwerfung dieser drei Viertel unter seine Herrschaft beizustehen.

Die heutige Demokratie wird nur in dem Falle sich selbst treu bleiben, wenn sie sich keiner einzigen imperialistischen Bourgeoisie anschließt, wenn sie sagt: „beide sind das größere Übel“, wenn sie in jedem Lande die Niederlage der imperialistischen Bourgeoisie wünscht. Jede andere Entscheidung kann in der Tat nur eine national-liberale sein, die mit wahrhafter Internationalität nichts gemein hat.“ Wladimir I. Lenin 19150200 Unter fremder Flagge – Sozialistische Klassiker 2.0 (google.com)

Die Kernaussagen:

  • Die Haltung von Kommunisten zu Kriegen ist abhängig von der Epoche.
  • In der Epoche des Imperialismus treten wir nicht für das ,,Recht“ einer der imperialistischen Blöcke ein, die Ukraine zu unterwerfen.
  • Die Kommunisten dürfen sich keiner einzigen imperialistischen Bourgeoisie anschließen, jede Bourgeoisie muss ihre Niederlage erfahren

,,Es kämpfen miteinander große Haifische, um fremde „Vaterländer“ zu verschlingen. Das Manifest zieht die unvermeidlichen Schlüsse aus den unbestreitbaren historischen Tatsachen: dieser Krieg kann nicht „auch nur durch den geringsten Vorwand eines Volksinteresses gerechtfertigt werden“; er wird vorbereitet „zum Vorteile des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien“. Es wäre ein „Verbrechen“, wenn die Arbeiter „aufeinander schießen“ würden. So das Manifest.

Die Epoche des kapitalistischen Imperialismus ist die des reifen und überreifen Kapitalismus, der vor dem Zusammenbruch steht, der reif ist, dem Sozialismus Platz zu machen. Die Epoche 1789 bis 1871 war die des fortschrittlichen Kapitalismus, als auf der Tagesordnung der Geschichte die Niederringung des Feudalismus, des Absolutismus, die Abschüttelung des fremden Joches stand. Auf diesem und nur auf diesem Boden war die „Vaterlandsverteidigung“ zulässig, das heißt eine Verteidigung gegen die Unterdrückung. Im Kriege gegen die imperialistischen Großmächte könnte dieser Begriff auch jetzt angewandt werden, aber es ist eine Absurdität ihn auf den Krieg zwischen den imperialistischen Großmächten anzuwenden, auf einen Krieg, in dem es darum geht, wer die Balkanländer, Kleinasien usw. mehr ausplündern kann.“ Lenin – Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale (mlwerke.de)

Die Kernaussagen:

  • In der Epoche des Imperialismus ist bei zwischenimperialistischen Konflikten die ,,Vaterlandsverteidigung“, d.h. das Bündnis der Arbeiter mit der Bourgeoisie nicht zulässig. Kommunisten dürfen nicht für klassenübergreifende Sicherheitsinteressen eintreten, indem sie dafür plädieren, dass es in imperialistischen Staaten zu klassenübergreifenden Bündnissen kommt.
  • Die ,,Vaterlandsverteidigung“ ist nur legitim, wenn es sich gegen imperialistische Großmächte richtet, d.h. wenn diese nicht auf beiden Seiten des Konfliks involviert sind.

,,Die Epoche von 1789 bis 1871 hinterließ tiefe Spuren und revolutionäre Erinnerungen. Vor dem Sturz des Feudalismus, des Absolutismus und der Fremdherrschaft konnte von einer Entwicklung des proletarischen Kampfes um den Sozialismus nicht die Rede sein. Sprachen die Sozialisten im Hinblick auf die Kriege einer solchen Epoche von der Berechtigung des „Verteidigungs”krieges, so bauen sie stets gerade diese Ziele, das heißt die Revolution gegen Mittelalter und Leibeigenschaft im Auge. Die Sozialisten verstanden unter einem „Verteidigungs”krieg stets einen in diesem Sinne „gerechten” Krieg (wie sich Wilhelm Liebknecht einmal ausdrückte). Nur in diesem Sinne erkannten und erkennen jetzt noch die Sozialisten die Berechtigung, den fortschrittlichen und gerechten Charakter der „Vaterlandsverteidigung” oder des „Verteidigungs”krieges an. Wenn zum Beispiel morgen Marokko an Frankreich, Indien an England, Persien oder China an Rußland usw. den Krieg erklärten, so wären das gerechte Kriege, Verteidigungskriege, unabhängig davon, wer als erster angegriffen hat, und jeder Sozialist würde mit dem Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten über die Unterdrücker, die Sklavenhalter, die Räuber – über die „Groß”mächte – sympathisieren.“ W.I. Lenin: Sozialismus u. Krieg (Kap.1) (marxists.org)

Die Kernaussagen:

  • Es geht nicht darum, wer als erster angegriffen hat, sondern darum, wer diese Kriege führt. Wenn zwei Großmächte Kriege führen, sind wir gegen beide. Wenn eine Kolonie einen Krieg gegen eine Großmacht führt, ist es ein gerechter Krieg.
  • Das heißt, ob die NATO ja schon seit Jahrzehnten mit ihrer Politik angefangen hat, indem sie Russland bedroht hat und sich Russland aus einer defensiven Position ,,verteidigt“, darf nicht dazu führen, sich mit der schwächeren Großmacht zu solidarisieren.

6. Konsequenzen aus der Befürwortung des russischen Einmarsches?

Ich befürchte, dass einige Genossen nach dem Gedanken urteilen ,,Hauptsache gegen die NATO“ und dass sie meinen, wenn Russland nicht einmarschieren würde, würde sich niemand gegen die NATO stellen. Aber ist es nicht die Aufgabe aller Kommunisten eine eigenständige Arbeiterbewegung aufzubauen, die eben die NATO bekämpft statt sich einem der imperialistischen Pole unterzuordnen, weil niemand die NATO bekämpft?

Ich habe einige offene Fragen an die Genossen, die den Einmarsch begrüßen: Wenn ihr das militärische Vorgehen begrüßt, seid ihr dann dafür, dass mehr Leute dem russischen Militär beitreten und der russische Staat seine Militärausgaben erhöht, denn so könnte dieser ja mehr der NATO entgegensetzen? Seid ihr dafür, dass weitere tausende Russen festgenommen werden, die gegen den Krieg demonstrieren?

Eine Konsequenz aus dem Krieg ist, dass hier in Deutschland und vermutlich auch in anderen westlichen Ländern die Leute massenhaft auf Pro-NATO-Demonstrationen laufen. Wenn wir nun den Einmarsch befürworten, wird es uns als Kommunisten komplett isolieren. Viele der ,,Friedensdemos“ zeigen einen Rechtsruck in der Bevölkerung, einen sehr lauten Ruf nach Waffenlieferungen und einem Kriegseintritt. Wie wollt ihr diesem Rechtsruck entgegenwirken, wenn ihr euch hinter Russland stellt?

In Belarus gab es einen Streik, der Waffenlieferungen an Russland gestoppt hat. Die Genossen, die den russischen Einmarsch begrüßen, müssten dann aber solche Streiks ablehnen, weil sie für Waffenlieferungen an Russland sind?

Wenn man sich über die militärische Stärke Russlands informiert und auch berücksichtigt, dass Russland mit China verbündet ist und sie beide aufstrebende Staaten sind mit viel Einfluss, da dürfte man eigentlich zustimmen, dass beides imperialistische Großmächte sind. Die DKP würde mir da aber nicht zustimmen, soweit ich weiß stufen ihre Leitung und die Mehrheit der Basis China als sozialistisch und Russland als nicht-imperialistische Friedensmacht (oder mit anderen Worten: Sie bezeichnen entweder Russland als ganzes oder zumindest dessen Außenpolitik als ,,objektiv antiimperialistisch“) ein. Es geht mir aber nicht um die DKP, sondern die mögliche Entwicklung unserer Genossen offen als eine Gefahr für unsere Organisation auszusprechen. Und auch wenn der inhaltliche Einfluss von der DKP kommt, sehe ich leider, dass Genossen von uns darüber hinausgehen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass obwohl die ,,Lager“ nicht homogen sind, das gesamte ,,DKP-nahe-Lage“ den Standpunkt vertritt, dass Russland kein imperialistisches Land sei. Denn die Haltung, wie z.B. die Angst vor der Äquidistanz, die klassenübergreifenden Interessen usw. deuten sehr darauf hin, dass die Genossen den russischen Staat grundsätzlich anders einschätzen. Es wäre jetzt aber merkwürdig, wenn Genossen nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert ist, zu dem Standpunkt kommen, Russland sei nicht imperialistisch. Ich frage mich, wann und wie ihr zu der Haltung gekommen seid, dass die pT – unsere programmatischen Grundlagen – falsch seien. Die Genossin Klara beschreibt den Standpunkt der KKE als eine falsche Reaktion auf den rechten Opportunismus. Aber wie ist euer Standpunkt zustande gekommen? Vielleicht ist es eine Reaktion auf eure Angst vor Äquidistanz, vielleicht aber auch eine Reaktion auf die enorme Macht der NATO und ihre breite Anhängerschaft. In beiden Fällen würde ich die Reaktion als falsch charakterisieren.

Trotz dessen, dass der russisch-chinesische Pol im Weltsystem schwächer ist als der westliche, dürfen wir nicht für einer der Pole Partei ergreifen. Dass dieser in einer defensiven Position ist, bedeutet nicht, dass er einen Verteidigungskrieg im Sinne der Arbeiterbewegung führt. Die schwächeren Imperialisten zu unterstützen, würde dazu führen, ein relatives Gleichgewicht der imperialistischen Pole, eine multipolare Weltordnung, zu befürworten. Ist das in unserem Sinne? Ich denke nicht.

8. Warum ich den russischen Einmarsch ablehne?

Die Genossin Klara Bina schreibt in ihrem Diskussionsbeitrag: ,,Fragen wir aber, warum Genossen in der Organisation und in der Bewegung so vehement darauf bestehen, dass der russische Militäreinsatz verurteilt wird. Besteht die Sorge, dass große Teile der Arbeiterklasse in Deutschland sich unter die Flagge Russlands stellen könnten? Geht es darum, eine agitatorische Taktik anzuwenden? Oder geht es darum, Wahrheiten zu verkünden? Gibt es nicht die Sorge, dass wir dadurch möglicherweise in die gleiche Kerbe schlagen, wie die bürgerlichen Medien in Deutschland und dem politischen „Westen“?“

Mit anderem Worten fragt sie danach, warum wir (das ,,pT-Lager“) weiterhin hinter den programmatischen Grundlagen steht. Meine Antwort: Der russische Einmarsch führt nicht zu einer Schwächung der NATO oder des Faschismus, sondern zu einer Stärkung von beidem. Der russische Einmarsch stärkt Nationalismus und Faschismus in der Ukraine, die Repression in Russland wird massiv verstärkt, die NATO-Staaten rücken noch stärker zusammen, die Arbeiterklassen in ihr stehen noch enger hinter ihr als vorher. Die Gefahr eines dritten Weltkrieges wurde erhöht.

Stellen wir die Frage von der Genossin zurück an sie, warum sie den Einmarsch denn unbedingt verurteilen will und damit die programmatischen Grundlagen unserer Organisation verlassen will. Klara, du schreibst, dass du auf keinen Fall die Propaganda der deutschen Bourgeoisie unterstützen möchtest und aus diesem Grund den russischen Einmarsch nicht verurteilen willst: ,,Weil wir damit aktiv die Propaganda des Klassengegners unterstützt hätten.“ Immer und für jeden Preis genau das Gegenteil des Klassengegners zu propagieren, klingt für mich doch sehr linksradikalistisch. Wenn jetzt eine Impfpflicht eingeführt worden wäre, wärst du dann plötzlich dagegen, damit du nicht die Propaganda des Klassengegners unterstützt?

Es ist meines Erachtens nicht nur möglich, sondern darüber hinaus sogar die Pflicht der Kommunisten den Einmarsch zu verurteilen und sich gleichzeitig und hauptsächlich gegen die Propaganda des Klassengegners zu stellen. Genau das ist die Herausforderung vor der wir stehen.

9. Abschließende Anmerkungen

Die Frage nach der konkreten und abstrakten Ebene der Diskussion sollte man nicht trennen, sondern im Verhältnis zueinander beantworten:

  • Was nutzt der Krieg konkret der Arbeiterklasse in der Ukraine und in Russland? (Tod, Flucht, Repression, Rechtsruck, erhöhte Weltkriegsgefahr und/oder einen Stopp der NATO-Osterweiterung, Entnazifizierung der Ukraine) Was resultiert daraus für das Verständnis des imperialistischen Weltsystems? (Verschiebungen innerhalb der imperialistischen Pyramide oder ein Verwerfen des Imperialismusmodell?)
  • Als auch umgekehrt: Was folgern wir aus unserem Verständnis vom Imperialismus um den konkreten Konflikt zu bewerten? (Es ist ein Krieg, der aus jahrelangen zwischenimperialistischen Spannungen entstanden ist, die Interessen der Imperialisten stehen in einem unversöhnlichen Widerspruch zu denen der Arbeiterklassen und die Kommunisten aller Völker müssen gegen den Krieg mobilisieren, wobei die USA an der Spitze des Weltsystems sind und unser Hauptfokus auf unseren Klassengegner gerichtet sein muss.)

Es kam vor, dass Genossen, die die russische Invasion begrüßen, diese in Diskussionen mit dem gerechten Kampf des palästinensischen Volkes gegen die israelische Besatzung und mit dem Kampf der Sowjetunion gegen den deutschen Faschismus gleichgesetzt haben. Ich gehe hier auf diese gänzlich unpassenden Vergleiche nicht ein, da ich hoffe, dass sie voreilig ausgesprochen wurden und die Genossen nicht mehr dahinter stehen. Einen imperialistischen Staat mit einem sozialistischen Staat oder mit einem antikolonialen, antiimperialistischen Kampf gleichzusetzen bedeutet nämlich, dass ich nicht weiß, was für ein Klassenstandpunkt, was für ein Verständnis von Imperialismus, Sozialismus usw. dahinter steht.

Ich hoffe, dass ich mit dem kurzen und spontanen Text einen konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten kann. Mir sind noch einige weitere Aspekte der Diskussion bekannt, die ich hier aber außen vor lasse, da andere Genossen darauf eingegangen sind und/oder eingehen und meine Zeit für das Verfassen des Textes natürlich begrenzt war. Mit diesem Beitrag habe ich versucht den Dissens mehr auf den Tisch zu legen, erwähnen möchte ich aber noch, dass die beiden ,,Lager“ nicht homogen sind und auch, dass nicht jeder fest einem ,,Lager“ zuzuordnen ist. Sowohl zu meinem inhaltlichen Standpunkt als auch zu meiner Einschätzung bezüglich der beiden ,,Lagern“ sind Ergänzungen und Kritiken natürlich sehr willkommen.

Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung

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von Klara Bina 

Vorab: Kritik und Selbstkritik

Einleitung
Zielstellung und Aufbau des vorliegenden Textes
Meine Einschätzung der aktuellen Lage in Thesenform
Die Positionen und Probleme in der KO und in der Bewegung

Imperialismus und Opportunismus

Ein hierarchisches Weltsystem gegenseitiger Abhängigkeit

Imperialismus und Krieg
Lenin und die Frage des Krieges
Kommunisten und der gegenwärtige Krieg

Vorab: Kritik und Selbstkritik

Zunächst eine Selbstkritik: ich muss eingestehen, dass ich über Jahre hinweg Zweifel, Kritik und Fragen, die mir bei der Imperialismusfrage, vor allem in Bezug auf die Vorstellungen eines „imperialistischen Weltsystems“[1], so wie sie insbesondere von der KKE vertreten werden, nicht ernsthaft behandelt und formuliert habe. Spätestens nach dem Erscheinen des Beitrags des Genossen Sörensen von der KP Schewedens (SKP) auf unserer Website Anfang 2019[2] hätte ich meine Kritik verschriftlichen und als Diskussionsbeitrag der Organisation geben müssen. Des Weiteren muss ich zugeben, dass mich lange Zeit ein gewisses Vertrauen gegenüber Organisationen, die es schon werden besser wissen als ich, davon abgehalten hat, die Positionen, die mir ja durchaus bekannt waren, kritisch zu hinterfragen. Es kann aber nicht sein, dass es nur Vertrauen oder Zurückhaltung war. Es ist auch ein Anteil falsche Prioritätensetzung und bestimmt auch Bequemlichkeit gewesen. Auch das muss ich selbstkritisch eingestehen.

Jetzt, wo diese offensichtlichen Probleme dieser Theorie sich in ihrer Konsequenz durch die historische Realität zeigen, wird mir die Relevanz dieser Verantwortung bewusst. Daraus zu lernen, heißt einerseits die eigene, ganz persönliche Verantwortung nicht zu relativieren, andererseits aber weiterhin nicht zu glauben, dass Individuen werden diese Verantwortung alleine tragen können und entsprechend an ihrer kollektiven Lösung zu arbeiten. Es ist müßig, sich die Frage zu stellen, warum Dinge gemacht oder nicht gemacht wurden. Ich will aber jetzt die Verantwortung übernehmen und mein bescheidenes Wissen, aber vor allem meine unzähligen Fragen, Zweifel und Kritik an der Herangehensweise des Weltsystem-Ansatzes der KKE – so werde ich ab jetzt die Vorstellungen eines hierarchischen Weltsystems gegenseitiger Abhängigkeiten – nennen, der Organisation und hoffentlich auch darüber hinaus der Bewegung zur Verfügung stellen.

Ich will aber auch eine allgemeine Kritik formulieren: es ist nicht produktiv, dass in der gesamten Bewegung die Positionen und Sichtweisen so wenig zielführend und ernsthaft, ja führungslos, auseinandergesetzt werden. Die TKP ist die einzige Partei, die ihre Thesen zum Imperialismus[3] in umfassenderer Form der Bewegung zur Verfügung gestellt hat. Aber auch hier wäre es sehr hilfreich zu wissen, welche Diskussionen über die einzelnen Fragen geführt wurden und wie der Prozess der Entwicklung der Thesen vonstatten gegangen ist, welche Methoden wurden angewendet, welche Kriterien für die Analyse angelegt. 
Es ist auch nicht sehr hilfreich, wenn nur Endresultate unter dem Mantel des Kampfes gegen Revisionismus/Opportunismus – und damit immer in einschüchternder Weise – der Bewegung hingestellt werden, ohne die dahinter liegenden Analysen und Quellen der eigenen Position offenzulegen. Es macht es dadurch äußerst schwer nachvollziebar, worauf die Analysen basieren und welche grundlegenden Annahmen vorausgesetzt sind. Gerade weil wir es mit einer tiefen Krise der kommunistischen Weltbewegung zu tun haben, müssen wir sehr viel Wert darauf legen, genau und nachvollziehbar zu argumentieren. Dabei geht es mir nicht um bürgerlich-akademische Formalitäten, sondern um ganz einfache Regeln der Nachvollziehbarkeit. Auch diese Regeln haben ihren Sinn. Ich werde vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Imperialismusverständnis der KKE genauer darauf eingehen.

Wenig produktiv finde ich auch, dass nicht viel Wert gelegt wird auf die Lebendigkeit und Offenheit der Diskussion. Es wurde z.B. die Diskussionen, die es offensichtlich hätte zum Joint-Statement[4] geben können nicht geführt. Ein öffentlich artikuliertes Anliegen der KPRF (Kommunistische Partei der Russischen Föderation) zum Joint Statement gab[5] es, aber leider keine öffentliche Antwort darauf von den Parteien, die das Statement unterschrieben haben. Ich finde nicht, dass die Kritik an falschen Positionen einer Partei im Allgemeinen eine solche Herangehensweise legitimieren. Es geht dabei vor allem darum, dass die Bewegung, die interessierten Kommunisten international, den Austausch der Argumente lesen und beurteilen können. Gerade bei einer so brennenden Frage wäre das meiner Ansicht nach richtig gewesen, eine Antwort auf die Anfrage der KPRF zu geben. 

Mir ist auch klar, dass es für die Organisierung einer Diskussion eine Autorität geben muss, die als Führung anerkannt wird. Die Kommunistische Internationale (KI) wäre das richtige Gremium dafür.  Offensichtlich haben wir diese Instanz nicht mehr und sind uns nicht einmal einig, ob es sie wieder geben soll. Die Organisationen aber, die für den Wiederaufbau der KI streiten, müssten aber doch alles dafür tun, dass die ersten Ansätze in diese Richtung passieren. Die KKE hat diesbzüglich schon einige sehr wichtige Schritte unternommen. Der Prozess der Entstehung einer solchen Führung ist jedoch auch mit einer Kultur der lebendigen Diskussion eng verknüpft. Vor der Entstehung der historischen KI mussten auch einzelne Organisationen und Parteien, aber auch Einzelpersonen die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Probleme, Widersprüche und Dissense beim Namen genannt wurden. Leider sehe ich gerade nicht, dass das heute passiert. Ich habe den Eindruck, dass das Reden von Krise der Bewegung eine Art Angst vor einer noch tieferen Krise erzeugt hat und man deswegen Vorsicht walten lassen will. Ich denke aber, dass diese Art Vorsicht nur dem Opportunismus nützt und die Krise vertieft. 

Wir als KO sollten meiner Ansicht nach unsere Aufgabe – gerade jetzt im Aufbau – darin sehen, eine kollektive Kultur wissenschaftlicher Auseinandersetzung und lebendiger, gerne auch sachlich-konfrontativer Diskussion zu schaffen.

Einleitung 

Zielstellung und Aufbau des vorliegenden Textes

Mit dem vorliegenden ersten Aufschlag zu den Fragen Imperialismus und Krieg möchte ich einen kritisch-konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten, der hoffentlich einige Unklarheiten, Einseitigkeiten und Bequemlichkeiten zumindest sichtbar macht. Ich denke nicht, dass wir so schnell zu einer Einigung kommen werden, was die Inhalte und konkreten Einschätzungen angeht. Z.B. die Frage danach, ob der Begriff des Imperialismus noch Weltbeherrschung einiger weniger imperialistischer Staaten über den Rest der Welt bedeutet oder nicht. Nur durch eine disziplinierte und konkrete historisch-materialistische Untersuchung werden wir nach und nach zu Ergebnissen kommen, die dann – this will be the proof of the pudding – die entsprechenden Verallgemeinerungen als richtige oder falsche erweisen. Eine Theorie mit der man in der Praxis nichts anfangen kann, ist eine tote Theorie.

Unklarheiten bestehen viele in unserer Diskussion. Sicherlich gehört dazu, dass wir nicht einmal die Hintergründe, Motivationen und Implikationen der Aussagen der Gegenseite verstehen, kennen und nachvollziehen können. Ich habe mich bemüht etwas besser nachzuvollziehen, wie sich das beim Weltsystem-Ansatz der KKE verhält. Ich habe mich darauf konzentriert, weil ich der Meinung bin, dass wir vor allem dadurch geprägt sind, aber gleichzeitig noch nicht über das Wiederholen der Thesen dieses Ansatzes hinausgewachsen sind. Es mag sein, dass einzelne Genossen mehr über die Quellen und Hintergründe der Debatten der KKE, die zu ihren Beschlüssen bezüglich der Imperialismusfrage geführt haben, wissen. Wenn das der Fall sein sollte, sollten diese Genossen ihre Verantwortung diesbezüglich übernehmen und diese Hintergründe in Artikeln und Beiträgen der Organisation und der Bewegung darlegen.

Die Einseitigkeiten, die ich versuche zu beseitigen, beziehen sich vor allem auf die Anwendung des Wissenschaftlichen Kommunismus. Hier kommt der Bezug auf unsere Klassiker häufig in einer einseitigen Form zum Einsatz. Diese werden als ein Gemischtwarenladen für jede Gelegenheit verwendet und zwar immer nur nach der Seite hin, wie die eigene Position (?) sich am besten „belegen“ lässt. Vielleicht haben wir auch durch unsere Art den Klärungsprozess zu führen, – und dazu habe ich sicherlich auch meinen Beitrag geleistet – einer solchen Herangehensweise Vorschub geleistet. Und zwar indem wir unsere Grundannahmen mit Klassikerzitaten belegt haben. Ich finde dieses Herangehen immer noch richtig, weil es nur die Auseinandersetzung mit den Quellen des „Marxismus-Leninismus“ ist, die uns eine Basis für die Diskussion schafft. Dass daraus aber eine Einseitigkeit entstehen kann, ist eben auch möglich. Diese Einseitigkeit gibt es aber nicht nur bei uns, ich würde sogar sagen, dass sie in der Bewegung sehr weit verbreitet ist. Vielleicht werden wir durch den Akt der Klärung der Fragen, die den gegenwärtigen Krieg betreffen, einen anderen Umgang mit dem historischen Material finden – und dazu gehören eben auch die Ausarbeitungen der Klassiker bzw. die Früchte ihrer Arbeit auf dem Feld des ideologischen Klassenkampfes.

Die Frage der Bequemlichkeit bezieht sich vor allem darauf, dass wir aufhören sollen, den Kampf um die Wahrheit mit der Proklamation feststehender Sätze zu verwechseln. Der Wissenschaftliche Kommunismus ist keine Ansammlung von Lehrsätzen, die ein für allemal auf alle Phänomene der Welt draufgesetzt werden müssen. Wir müssen uns wirklich anstrengen diese – doch sehr einfache und bequeme – Arbeitsweise zu überwinden. Wir müssen lernen aktiv um die historisch-materialistische Analyse der Wirklichkeit zu kämpfen.

Meine Thesen zum gegenwärtigen Krieg und zur internationalen Lage habe ich an den Anfang gestellt, damit die Leser gleich wissen, aus welcher Position heraus ich die weiteren Ausführungen mache. Ich stelle einerseits dar, wie die Widersprüche, die der Kapitalismus in seiner imperialistischen Epoche aufweist, die materielle Grundlage für die Entstehung falscher Vorstellungen und opportunistischer Politik schaffen und andererseits wie aus der Reaktion auf den Opportunismus wiederum neue falsche Vorstellungen entstehen können und wiederum selbst das Potential für opportunistische und zuweilen auch chauvinistische Politik bieten. Die Hauptauseinandersetzung findet in diesem Zusammenhang mit dem für uns relevanten Weltsystem-Ansatz der KKE statt.
Weiterhin werde ich kurz durch die Hauptargumente Lenins zum Ersten Weltkrieg führen und durch seine Ausführungen zu möglichen Fehlern, die aus der Vulgarisierung genau dieser seiner Argumente abgeleitet werden können.

Es sei noch angemerkt, dass ich aufgrund der Kürze der Zeit und anderer Probleme, nicht an allen Punkten die entsprechende Strukturiertheit und Stringenz erreichen konnte, die für eine solche Debatte wichtig wäre. Außerdem konnte ich für diesen vorliegenden Beitrag einige sehr wichtige Fragen, wie z.B. die Frage der Quellen des Imperialismusverständnisses der KKE nur schlaglichtartig angehen. Auf die damit zusammenhängenden Debatten konnte ich leider noch gar nicht eingehen, dafür fehlen mir auch noch die entsprechenden Quellen, die es größtenteils nur auf Griechisch gibt. Ich hoffe, dass auch andere Genossen manch einen Faden, der hier nur angedeutet wird, aufnehmen und sich intensiver mit den aufgeworfenen Fragen beschäftigen werden, so dass wir kollektiv eine bessere Grundlage für unsere Diskussion erarbeiten.

Meine Einschätzung der aktuellen Lage in Thesenform

  • Nachdem Russland seit zirka 2011 (Wendepunkt war der zerstörerische Krieg gegen Libyen) seine strategische Position bezüglich der Weltmachtansprüche der USA und seinen Verbündeten in Richtung einer Einhaltepolitik änderte, ist die USA zunehmend auf eine Strategie der direkten Konfrontation mit Russland eingeschwenkt. Der Vorlauf dieser Entwicklung war geprägt von einer Position der Schwäche Russlands gegenüber den Vorstößen der USA entlang seiner Grenzen, sei es durch NATO-Osterweiterung oder durch die Kriege in West- und Zentralasien. Die Einhaltepolitik Russlands zeigte sich in Syrien zum erstenmal auf einer militärischen Ebene. Als Reaktion auf die Ankündigung Obamas, den Luftraum über Syrien zu schließen, ließ Russland die Schwarzmeerflotte[6] an die libanesische Küste fahren und dort patrouillieren. Bekanntermaßen blieb von den großen Ankündigungen Obamas nichts als heiße Luft: die anvisierte Bombardierung Syriens wurde nicht durchgeführt. Die nächste Station war Ukraine: Russland erkannte schnell oder gerade rechtzeitig, worum es ging als die Maidan-Putschisten sich mit Hilfe der USA und der EU immer stärker aufbauten: es ging um die Schwarzmeerflotte, die beruhend auf einem langen Vertrag mit der Ukraine auf der Krim anlegte, gesichert werden musste. Die von der NATO forcierten politischen Veränderungen in der Ukraine mögen zwar das Ziel, die Flotte von der Krim zu vertreiben oder gar zu konfiszieren, fehlgeschlagen sein, aber die Umwandlung der Ukraine zu einem Frontland der NATO hat – wie wir sehen können -, bestens funktioniert. Es war absehbar, dass Russland nicht wird akzeptieren können, dass die Ukraine an die NATO (in welcher Weise auch immer, ob formal oder de facto) angegliedert wird. Genau das scheint eine der Strategien des US-Imperialismus zu sein, um langfristig Russland militärisch, politisch und ökonomisch auszuschalten[7] bzw. zu ruinieren. Auch wenn Russland es durch diese Einhaltepolitik geschafft hat, den Vorstößen der NATO an bestimmten Punkten zu begegnen, konnte es nicht aus der allgemeinen Defensiv-Position herauskommen. Allen voran die USA haben die Gesamtlage aufgrund ihrer Vormachtstellung unter Kontrolle. 
  • Hintergrund Weltlage: kurzgefasst kann festgestellt werden, dass die USA immer noch eine starke Vormachtstellung gegenüber anderen imperialistischen Ländern haben. Jedoch ist die Akzeptanz dieser Stellung vor allem durch Deutschland und Frankreich immer wieder infrage gestellt worden. China mag zwar ökonomisch aufgeholt haben, aber ist immer noch weit hinter den Erfordernissen einer „weltbeherrschenden“ Stellung. Weder ökonomisch, noch militärisch ist China in diesem Sinne den USA und ihren Verbündeten gewachsen oder kann mit ihnen mithalten. Die Militär- und Sicherheitsausgaben der USA sind im Trillionen-Bereich, die USA haben zirka 800 dauerhafte Militärstützpunkte weltweit und um die 200 000 Soldaten dauerhaft außerhalb ihrer Grenzen im Einsatz – und zwar ohne die Kräfte, die aktiv im Kriegseinsatz sind. China hat, soweit ich informiert bin, einen einzigen Militäreinsatz an der Küste von Dschibuti. Für die USA ist auch zunehmend und im Rahmen ihrer strategischen Orientierung der Absicherung ihrer Vormachtstellung (vor dem Hintergrund ihrer ökonomischen Krisenlage und militärischer Niederlagen) die Absicherung der Position ihrer Verbündeten ein Muss, allen voran Deutschland und Frankreich.
  • Der Ukraine-Krieg erfüllt für die USA zweierlei Funktionen: erstens Kontrolle Deutschlands („Deutschland unten halten“) und zweitens Russland ‚raushalten’[8] (These: raushalten aus dem Club der Räuber!), was heute eher zum Slogan „Russland ruinieren“ geworden ist. Beides scheint zurzeit zu gelingen. Die Frage, ob Russland in eine Falle geraten ist oder eine andere Möglichkeit hatte, als das zu tun, was es jetzt tut, ist gar nicht so schwer zu beantworten: Russland musste meiner Ansicht nach in diese „Falle“ gehen und versucht noch trotz der schlechten Gesamtsituation das Bestmögliche herauszuholen, eine Alternative zum jetzigen militärischen Vorgehen hatte Russland nicht. Für diejenigen, die das nicht verstehen wollen: die Unterwerfung ist keine Alternative und es ist entweder naiv zu glauben, dass ein Land sich wehrlos unterwerfen würde oder es ist reiner Chauvinismus die Unterwerfung als Alternative zu bezeichnen. Ich stelle hier auch die These auf, dass ein Ruin oder eine Unterwerfung Russlands den Lebensinteressen der Arbeiterklasse in Russland widerspricht. 
    Ob es den USA tatsächlich gelungen ist, Deutschland unten zu halten, werden wir noch sehen. Sicherlich ist es gelungen for the time being Deutschland fester im NATO-Bündnis einzubinden. Inwiefern die deutsche Bourgeoisie aber jetzt schon an Optionen arbeitet, sich aus dieser Schlinge zu lösen, kann ich nicht konkret beantworten, aber vermute, dass diesbezüglich eine hohe Aktivität in Gang gesetzt wurde. Ein eigenständiger Weg Deutschlands ist jedoch keineswegs wünschenswert. Auch darauf werde ich weiter unten nochmal eingehen.
  • Russland geht es mitnichten um Märkte, Rohstoffe, Einflussgebiete und Ähnliches in der Ukraine. Diese Sichtweise ist nicht nur verengt, sondern falsch, wenn nicht vulgär. Russland geht es in der Ukraine um Sicherheit. Das heißt nicht, dass es Russland niemals in der Ukraine um andere Dinge gegangen ist oder gehen wird. Das gilt für alle kapitalistischen Länder irgendwie immer. Das treibende Motiv in diesem jetzigen Krieg ist aber das Sicherheitsinteresse Russlands. Wer das nicht erkennt, hat ein Wahrnehmungsproblem, wer das aber nicht anerkennt, hat offensichtlich politische Motive. 
    Ist also dieser Krieg ein imperialistischer Krieg? Diese Frage hängt unter anderem von der Beantwortung der Frage ab, ob Russland ein imperialistisches Land ist. Wie diese Frage beantwortet wird, hängt natürlich davon ab, welche Vorstellung von Imperialismus angewendet wird. Wenn davon ausgegangen wird, dass die Kategorie „imperialistisches Land“ auf mehr oder weniger alle Länder im imperialistischen Weltsystem[9] irgendwie zutrifft, sobald dort ein monopolistisches Stadium in der ökonomischen Entwicklung festzustellen sei, dann ist Russland ein imperialistisches Land. Eine solche Vorstellung würde ich mittlerweile als vulgär-ökonomistisch bezeichnen. Damit wäre aber die Frage nicht beantwortet, ob Russland imperialistisch ist. Dafür müssten wir tatsächlich noch einige Analysen machen und uns auf ein entsprechendes Verständnis von Imperialismus einigen. Wenn man aber davon ausgeht, dass mit dem Adjektiv ‚imperialistisch‘ bezüglich eines Landes / eines Staates die reale polit-ökonomische (das schließt militärisch ein) Potenz zur Beherrschung der Welt gemeint ist, dann ist Russland nicht im Club der Imperialisten dabei. Diese Potenz hängt nämlich nicht einfach nur von ‚Monopolisierung‘ in einem Land ab, sondern vom Grad der Monopolisierung, was sich vor allem in der Stärke des Finanzkapitals und im Kapitalexport ausdrückt und im Verhältnis zu anderen weltbeherrschenden Staaten. Das Entscheidende dabei ist die Stärke. Ein Weizenmonopol ist zwar ein Monopol, aber im Vergleich zum Finanzkapital, das sich in BlackRock sammelt, ziemlich lächerlich und das ist viel wichtiger – ein abhängiges Monopol. 
    Also stelle ich hiermit die These auf: Russland ist nicht im Club der imperialistischen Mächte und soll es aus Sicht der anderen auch nicht sein. Daraus folgt: 
    Erstens: der jetzige Krieg ist ein imperialistischer Krieg gegen Russland. Russland musste zur Verteidigung[10] seiner Sicherheitsinteressen einen großangelegten und risikoreichen Militäreinsatz wagen. Die Sicherheitsinteressen Russlands sind nicht zu trennen von den nationalen Interessen der gesamten russischen Nation und diese wiederum sind nicht zu trennen von den Klasseninteressen des russischen Proletariats. Damit zusammenhängend ist die Zielstellung der „Entmilitarisierung“ und „Entnazifizierung“ der Ukraine. Die militärische Neutralität der Ukraine ist im Interesse der russischen, der ukrainischen und des internationalen Proletariats. Wäre die Ukraine nicht zum Instrument in den Händen der NATO geworden, würde die Krim, genauso wie die Volksrepubliken im Donbass noch zur Ukraine gehören. Es ist völlig klar, dass es der russischen Bourgeoisie nicht um antifaschistische Motive geht, wenn sie von „Entnazifizierung“ sprechen. Aber ganz egal wie sie zum Faschismus allgemein stehen, es ist eine Tatsache, dass es die Faschisten sind, die die Putschregierung seit 2014 stützen. Es ist belegt, dass diese Faschisten durch USA und EU finanziert und ausgerüstet werden. Sie zu beseitigen, kann nur im Interesse der ukrainischen Arbeiterklasse sein, ganz egal, ob es subjektiv von Teilen der Arbeiterklasse – vor allem in der Ukraine so wahrgenommen wird oder nicht. Diese Tatsachen zu übergehen und sie ins Lächerliche zu ziehen, indem man auf Faschisten in Russland oder in der Nähe von Putin verweist, ist ein Zeugnis für die Ignoranz der Situation der Arbeiterklasse in der Ukraine, die seit Jahren unter dem faschistischen Terror leidet.
  • Zu den Volksrepubliken: wir müssen uns zunächst die Frage stellen, ob wir uns genügend mit der Entstehung und der Situation im Donbass beschäftigt haben. Ich habe den Eindruck, dass das nicht der Fall ist. Wenn das so ist, dann sollten wir eine Beurteilung an den Schluss unserer Beschäftigung mit ihnen setzen. Mein bisheriger Stand ist, dass die Volksrepubliken vor allem das Ergebnis eines Massenaufstandes gegen die Faschisten zum Zwecke des Selbstschutzes sind. Wenn das so sein sollte, dann finde ich es mehr als nachvollziehbar, wenn sie sich von der Zentralregierung abkoppeln. Auch war die Zustimmung zur Abtrennung sehr groß. Wie die inneren Entwicklungen innerhalb der Volksrepubliken abgelaufen sind und welchen Einfluss die russische Regierung auf den weiteren Verlauf genommen hat, sollte nicht als Grund für die Beurteilung ihrer Entstehung dienen. Das wiederum steht auf einem anderen Blatt geschrieben und muss gesondert untersucht werden.

Die Positionen und Probleme in der KO und in der Bewegung

Es ist bemerkenswert, worüber wir uns gerade innerhalb der KO die Köpfe zerbrechen: über den Charakter des russischenMilitäreinsatzes in der Ukraine und über die Stellung Russlands in der heutigen Welt. Man hätte durchaus auch erwarten können, dass wir uns darüber den Kopf zerbrechen, welche Rolle dem deutschen Imperialismus, der NATO und speziell den USA zukommt und über entsprechende Parolen und im besten Falle darüber, wie wir gegen die Mobilmachung an der Heimatfront vorgehen wollen. Die Ursachen dieser Zustände innerhalb der KO können von den objektiven Bedingungen nicht abgetrennt werden: 1. Der Stellung des deutschen Imperialismus in der heutigen Welt, die sich unwillkürlich als materielle Gewalt auf unser Bewusstsein auswirken muss und 2. Der tiefen Krise der revolutionären Arbeiterbewegung und mit ihr des Wissenschaftlichen Kommunismus. Die Krise auch einer notwendigen Disziplin (die es nur im Rahmen einer revolutionären internationalen Bewegung geben kann), die wiederum nötig wäre, um uns der Wirkmächtigkeit der eigenen Bourgeoisie, also ihrer Möglichkeit uns mit einer gewissen materiellen Sicherheit und individuellen Planbarkeit unseres Lebens bestechen zu können. Wir müssen uns sehr ernsthaft und selbstkritisch der Frage stellen, warum wir uns mit der aggressiven Außenpolitik unseren Feindes in Afghanistan, Mali, Ukraine, Bosnien und anderen Ländern der Welt nur dann beschäftigen, wenn es wieder mal heiß her geht.

Aber wieder zurück zur gegenwärtigen Auseinandersetzung:

Interessanterweise rumorte es schon in der Organisation vor dem 24. Februar 22, also vor dem Militäreinsatz Russlands, den einige Genossen dann verurteilt haben. Die Stellungnahme der KO vom 24.Januar 22 war zuerst der Anlass für eine Diskussion. Da gab es noch keinen russischen „Angriffskrieg“.  Der Titel der Stellungnahme „Die NATO ist der Aggressor“, aber sicherlich auch der Inhalt, sorgte bei einigen Genossen für Unmut, weil aus ihrer Sicht zu einseitig. Die Rolle des russischen Imperialismus würde nicht genügend Beachtung finden. Auch die darauf folgende Stellungnahme vom 15. Februar 22 würde nicht Russlands aggressive imperialistische Politik benennen. Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine fühlten sich nun diejenigen bestätigt, die diese Kritik vorgetragen hatten, weil sie den Einsatz als aggressiven imperialistischen Akt ansehen. Darüber ist nun, seit der Krieg in der Ukraine tobt, in der Organisation eine Diskussion ausgebrochen, die noch nicht die Qualität einer konstruktiven Diskussion erreicht hat. Sie ist genau genommen eine Weiterführung der Diskussion, die wir im Rahmen der Ereignisse in Kasachstan hatten und eine Fortsetzung der Diskussion um die Stellungnahme der KO zum Verlassen der Besatzungstruppen aus Afghanistan.

Auch in der kommunistischen Bewegung jenseits deutscher Grenzen scheinen Meinungsverschiedenheiten zur Einschätzung des Krieges in der Ukraine auf.

Die kommunistische Bewegung spaltet sich in der Frage der Beurteilung des Charakters des russischen Militäreinsatzes genauso wie wir. Die eine Position plädiert für eine klare Verurteilung des Einsatzes, während die andere dafür plädiert, den Einsatz als Akt der Zurückdrängung der Aggression und der Belagerung der Ukraine zu betrachten.

Die sich unter einer gemeinsamen Stellungnahme[11] sammelnden Parteien argumentieren, dass Russland ein imperialistischer Staat sei und deshalb der Krieg in der Ukraine ein Krieg zwischen Imperialisten, bei der die Arbeiterklasse nichts zu gewinnen hätte. Sie warnen davor die Arbeiterklasse weder unter der einen, noch unter der anderen Flagge zu sammeln.

Die andere Position beinhaltet folgende Punkte: die führenden NATO-Länder sind auf ganzer Linie die Aggressoren, Russland handelt aus Gründen der Selbstverteidigung und hier überschneidet sich das Interesse der Arbeiterklasse in Russland zeitweise mit dem Interesse der russischen Bourgeoisie. Die in Deutschland sich hier positionierenden Parteien wie DKP oder KPD konzentrieren sich vor allem auf den Hauptfeind und dessen Kriegspropaganda zur Aufstellung der Heimatfront. Unter all diesen, teilweise sehr unterschiedlichen Parteien mit sonst sehr großen Differenzen, z.B. in der Strategiefrage, ist zumindest keine Partei mit einem Aufruf zum Sammeln unter der Flagge Russlands aufgefallen, aber es scheint trotzdem den Reflex zu geben, davor zu warnen die Arbeiterklasse unter der einen oder anderen Flagge zu sammeln. Mir scheint aber, dass die größere Angst mancher darin besteht, dass die Bewegung sich unter die russische Flagge sammeln könnte, als das, was tatsächlich passiert, nämlich dass sie sich unter der ‚eigenen‘ nationalen Flagge sammelt. 

Die unterschiedlichen Positionen, die sich in der kommunistischen Bewegung und in der KO herauskristallisiert haben, sollten genau bestimmt werden, damit nicht Pappkameraden die Diskussionen beherrschen. Wir haben nichts davon, wenn wir aneinander vorbei diskutieren. Deshalb will ich hier zunächst bestimmen, worum es bei der Diskussion nicht geht und nicht gehen sollte, da es als Dissens meiner Ansicht nach nicht im Raum steht:

  1. Die russische Bourgeoisie verfolgt ihre eigenen Interessen und nicht die Interessen der Arbeiterklasse! In der Diskussion scheint mir niemand, auch nicht die KPRF zu behaupten, dass die Bourgeoisie in Russland in irgendeiner Weise fortschrittlich, klassenneutral, friedliebend oder gar antifaschistisch sei. Das Argument, dass zeitweise (begrenzt auf diesen Militäreinsatz) die Interessen, die die Herrschenden in der Russischen Föderation vertreten, mit den Interessen der Arbeiterklasse sowohl in Russland, als auch in der Ukraine, aber auch weit darüber hinaus (nicht inhaltlich, sondern auch für andere Völker) ineinanderfallen. Die internationale kommunistische Bewegung hat die Pflicht diese Situation im Sinne der Arbeiterklasse zu nutzen!
    Wir sollten die Diskussion also nicht so führen, als müsste jemand (unter uns) überzeugt werden, dass Putin kein Antifa sei oder dass Russlands Regierung keine kapitalistischen Interessen hätte.
  2. In der Diskussion scheint mir noch niemand die Forderung aufgestellt zu haben, dass man sich „unter die Flagge“ einer Kriegspartei stellen sollte. Das zu tun wäre absolut falsch. Mir scheint es allen klar zu sein, dass die Arbeiterklasse einen eigenständigen Standpunkt entwickeln und ihn umsetzen muss. Das Argument, dass der Militäreinsatz Russlands zu befürworten sei, weil es im Interesse der Arbeiterklasse ist, beinhaltet keinesfalls eine vollumfängliche Unterstützung der RF. Im Gegenteil: es beinhaltet sogar eine Kritik an der Halbherzigkeit und am Zuspätkommen des Einsatzes. Für die Diskussion wäre es also sehr hilfreich, wenn nicht der falsche Vorwurf erhoben werden würde, dass sich bestimmte Genossen / Organisationen unter eine „Flagge“ stellen würden, wenn diese argumentieren, welche Interessen die Arbeiterklasse an diesem Krieg haben kann.

Ein weiteres Problem, was ich bei unseren Diskussionen beobachtet habe ist, dass wir die konkreten Aussagen und Anliegen von Genossen nicht im konkreten Zusammenhang und so wie sie gemeint sind, bewerten und kritisieren, sondern mit teilweise völlig abwegigen Verallgemeinerungen oder sagen wir Ablenkungen antworten. Als Beispiel sei hier die Frage der „Destabilisierung“ genannt. Im Zusammenhang der Diskussion (zu den Entwicklungen in Kasachstan) war unmissverständlicherweise mit Destabiliserungsversuchen das gemeint, womit geläufigerweise eine spezielle Methode der USA und ihrer Verbündeten beschrieben wird, die darin besteht Länder zu zerstören oder zu ruinieren, indem man sie durch Stellvertreter, meistens Milizen oder terroristische Gruppen destabilisiert. Darauf zu antworten, dass Kommunisten ja nicht gegen Destabilisierung sein dürfen, ist völlig deplatziert und macht mich wirklich sprachlos. Welchen Beitrag leistet eine solche Antwort auf die Frage, ob Imperialisten ein Land destabilisieren? Sind wir auch für imperialistische Angriffe auf Länder, weil die Arbeiterklasse ja nicht allgemein gegen Krieg ist, sondern ihn sogar in einen Bürgerkrieg gegen die Herrschenden wenden kann? Wie absurd ist das. Im konkreten Fall – Kasachstan – ging es doch darum, dass es Kräfte gibt, die die Proteste der Arbeiterklasse nutzen können, um das ganze Land, wenn nicht sogar die Region zu destabilisieren und dass wenn die Arbeiterklasse selbst nicht stark genug ist, diese Elemente zu kontrollieren, zu neutralisieren und im besten Falle zurückzudrängen, dann überlegen muss, ob ein taktischer Rückzug nicht sinnvoll ist, um die eigenen Kräfte nicht der Repression sinnlos auszuliefern. Es bedarf schon einer großen Distanz zur konkreten Frage, um dann zu sagen, aber wir Kommunisten (wer wir? wir in Deutschland?) wollen doch Destabilisierung, weil wir gegen die Stabilität der Herrschaft sind. Nein. Wir wollen nur dann Destabilisierung, wenn wir diese für uns ausnutzen können. Und das können wir nur, wenn wir dafür entsprechend aufgestellt sind. Die Position gegen die imperialistischen Destabilisierungsversuche widerspricht überhaupt nicht der Position der Befürwortung eines Militäreinsatzes gegen eine Putschregierung mit faschistischen Stützen. Auf einen solchen Widerspruch kommt man nur, wenn man von einer pazifistischen Kritik der Destabilisierung ausgegangen ist. Genauso verhält es sich mit zerstörerischen Kriegen gegen Länder wie Irak, Afghanistan und Syrien, wo jede Form der gesellschaftlichen Struktur vernichtet wurde und Menschen Jahrzehntelang im Kriegszustand leben. Das zu verurteilen widerspricht auch nicht der Zustimmung zu einem Militäreinsatz. Ich meine auch, dass der Einsatz der Russischen Föderation sich sehr von den Kriegen der USA und der NATO unterscheidet. Das erkennt man einerseits an der recht geringen Zahl an zivilen Opfern (und ich vermute viele dieser Opfer sind den faschistischen Truppen zuzuschreiben) und andererseits an der Konzentration auf Schläge gegen militärische Anlagen – Stichwort „Entmilitarisierung“.

Die Probleme der KO und der gesamten Bewegung sind vielfältig. Wir müssen auf der einen Seite erkennen, dass wir viele Schwächen und Mängel haben, auf der anderen Seite aber auch nicht diese als Ausrede für Passivität nehmen. Trotz oder gerade wegen dieser Schwächen muss der Grad der Aktivität gesteigert werden. Es ist die Pflicht und die Verantwortung gerade der Teile der Bewegung, die – wie jetzt schon öfter gesagt – aufgrund ihrer privilegierten Position im Verhältnis zum internationalen Proletariat einem besonderen bewusstseinsmäßigen Einfluss durch die bürgerliche Ideologie ausgesetzt sind und gleichzeitig mehr Mittel und Möglichkeiten haben die Arbeit zu leisten, die anderen Teilen der Arbeiterklasse durch Illegalität und sonstigen Bürden, sehr erschwert wird. Durch Kritik und Selbstkritik und eine ernsthafte und beherzte Aktivität an die Aufgaben heranzugehen, die sich uns stellen.

Imperialismus und Opportunismus

Ich will in diesem Abschnitt auf den Zusammenhang zwischen Imperialismus als die höchste Entwicklungsstufe des Kapitalismus und Opportunismus eingehen. Zunächst einmal aber ein paar Worte zum Imperialismus. Warum hat Lenin eigentlich das Wort Imperialismus benutzt? Er selbst sagt dazu: 

„In den letzten 15-20 Jahren, besonders nach dem Spanisch-Amerikanischen

Krieg (1898) und dem Burenkrieg (1899-1902), verwendet die ökonomische sowie die politische Literatur der Alten und der Neuen Welt immer häufiger den Begriff ‚Imperialismus‘, um die Epoche, in der wir leben, zu charakterisieren.“ (Lenin: LW22/S.199) Er bezieht sich auf J.A. Hobson und dessen Werk Imperialismus, das „eine sehr gute und ausführliche Beschreibung der grundlegenden ökonomischen und politischen Besonderheiten des Imperialismus“ gebe. Lenin übernimmt die Bezeichnung Imperialismus, weil er ihn richtig findet – so denke ich und finde keinen Widerspruch dazu in seiner Imperialismusschrift. Was war mit der Bezeichnung Imperialismus gemeint? Sehr allgemein gesprochen war mit Imperialismus das Streben von Staaten nach Imperien, also großen Weltreichen, heißt Eroberung der Welt gemeint. Imperialismus beschreibt eine Stufe, die der Kapitalismus erreicht hat, die vor allem darin besteht, dass die Großmächte (auch hiervon ist durchgehend in der Imperialismusschrift die Rede) die Welt gewaltsam unterwerfen und aufteilen. Sowohl Hobson, aber auch Hilferding, Luxemburg und mit ihnen in der Sache übereinstimmend auch Lenin, beschreiben mit Imperialismus zunächst einmal ein Phänomen, das sich als Expansionismus, Annexionismus, kriegerische Ausbreitung eines oder mehrerer Mächte darstellt. Es ist also eine Tatsachenbeschreibung. Dieses Phänomen, dass also bestimmte Länder wie eine aggressive Räuberbande über andere Länder und Völker herfallen, sie unterwerfen und in jeglicher Hinsicht – Rohstoffe, Waren- und Kapitalexport, Absatzmarkt, Handelswege …. – ausbeuten und auspressen, hat bestimmte historische Triebkräfte, denen Lenin (auch Hilferding, Luxemburg, Kautsky, aber auch der bürgerliche Hobson) in seiner Imperialismusschrift nachgeht. Wie Lenin selbst schreibt, geht es ihm in der Imperialismusschrift nicht um eine außerordentliche und herausragende Aufdeckung von Dingen, die bis dahin keiner gesehen hat, sondern darum „den Zusammenhang und das Wechselverhältnis der grundlegenden ökonomischen Besonderheiten des Imperialismus in aller Kürze und in möglichst gemeinverständlicher Form darzustellen. Auf die nichtökonomische Seite der Frage werden wir nicht so eingehen können, wie sie es verdienen würde.“ (Lenin: LW22/S.200) Teilweise Hobson und vor allem Hilferding (und bestimmt auch andere, die ich nicht kenne) haben die ökonomischen Grundlagen des Imperialismus, also Konzentration und Zentralisation des Kapitals, daraus hervorgehend das Monopol, die Entstehung des Finanzkapitals durch Verschmelzung von Bank- und Industriekapital und die steigende Bedeutung von Kapitalexport im Vergleich zum Warenexport beschrieben. Was Lenin tatsächlich macht, ist eine pointierte und verständliche Darlegung dieser Erkenntnisse zu liefern und die wesentlichen Triebkräfte, die dieser Entwicklung zugrundeliegen und die Widersprüche, die sich aus ihr ergeben, zu benennen. Darüber hinaus leistet Lenin eine Kritik am Opportunismus, zeigt auf die materielle Grundlage der Entstehung einer bestochenen Schicht innerhalb der Arbeiterklasse in den imperialistischen Ländern, die die materielle Grundlage des Opportunismus bildet und last but not least zeigt er, warum das imperialistische Stadium das letzte Stadium des Kapitalismus sein muss und wie in diesem Stadium schon die materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus geschaffen werden. Die Hauptaussagen sind folgende, die ich vor allem von ihrer Widerspruchsseite her darstellen möchte, um damit auch gleich einzusteigen in die Darstellung des Zusammenhangs mit den notwendig falschen Illusionen, die sich aus diesen Widersprüchen ergeben.

Illusionen als Ausdruck der Widersprüche des Imperialismus

Aus dem ersten Stadium des Kapitalismus, dem Konkurrenzkapitalismus, musste unweigerlich der Imperialismus hervorgehen, weil die Kapitalakkumulation zu Konzentration und Zentralisation des Kapitals führt, diese wiederum unweigerlich zum Monopol, dieses unweigerlich zum staatsmonopolistischen Kapitalismus und alles in allem wiederum zu einem Drang zur Expansion und Eroberung für die eigenen nationalen Monopole und also Krieg zwischen den imperialistischen Großmächten. Das Ganze nicht linear als Abfolge einer Entwicklung, sondern als ein Auf und Ab, ein Aufstreben und Zurückfallen und letztlich dennoch immer wieder Durchsetzung der Gesetzmäßigkeiten, so wie hier beschrieben. Also: diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, Kapitalismus führt unweigerlich zum Imperialismus! Es sei eine Illusion zu glauben, dass es die Möglichkeit einer Rückkehr zum ersten Stadium des Kapitalismus geben könne. Damit zusammenhängend eine Illusion zu glauben, dass es einen friedlichen Imperialismus geben könne. In dieser scheinbar chaotischen, aber im Kern gesetzmäßigen Entwicklung sind folgende Widersprüche am Wirken, die ihrerseits wieder notwendig falsches Bewusstsein erzeugen, je nachdem was sie in ihrer Oberfläche an Projektionen bei entsprechend empfänglichen Subjekten erzeugen.

  • Der Widerspruch zwischen Monopol und Nicht-Monopol nimmt zu. Das nicht-monopolistische Kapital wird negiert durch das monopolistische Kapital, also zerstört, verdrängt, einverleibt. Die Zunahme erfolgt durch die immerfort vorantreibende Akkumulation…. Monopol … usw. Hieraus ergibt sich die Illusion, dass nicht-monopolistisches Kapital bzw. deren gesellschaftliche Träger, die nicht-monopolistischen Kapitalisten eine Art, wenn auch nur zeitweise, Interessensüberschneidung mit der Arbeiterklasse gegen das monopolistische Kapital hätten. Aus diesem Widerspruch ergibt sich aber auch die Illusion, dass es ein Supermonopol (und oder eine Supermacht) geben kann, die dann die gesamte Welt beherrscht und damit die inneren Widersprüche (Monopol-Nichtmonopol und Widersprüche zwischenimperialistischen Widersprüche) aufgehoben sind.
  • Der Widerspruch zwischen den imperialistischen Großmächten nimmt zu, da die Welt schon aufgeteilt ist und nur noch durch Gewalt, also Krieg neu aufgeteilt werden kann. Hier ist das Potential der Veränderung, heißt auch Verdrängung alter durch neuer Großmächte gegeben. Die Zunahme (der innerimperialistischen Widersprüche) ist begründet durch voranschreitende Monopolisierungstendenz. Die Welt wird immer enger für die Bedürfnisse des monopolistischen Kapitals. Hieraus ergibt sich die Illusion, dass neue imperialistische Großmächte eine andere Politik machen würden, als die alten Großmächte. Weiterhin lauert die Illusion, Imperialismus sei lediglich Aggression, Annexion, also ‚nur’ durch aggressive Außenpolitik und Expansionismus gekennzeichnet. Ein Fehler, der hier inhaltlich oft mit dieser Illusion einhergeht, ist dass die Politik eines imperialistischen Landes oder allgemeiner noch auf internationaler Ebene von der ökonomischen Grundlage abgetrennt wird. Es wird nicht gesehen, dass die Produktionsverhältnisse es sind, die solche Verhältnisse, im Sinne von Zuständen, also Krieg und so weiter hervorbringen. Im Wort Produktionsverhältnissesteckt ja auch beides drin: Politik und Ökonomie oder Politische Ökonomie. Die Illusion ist, dass es also ohne Aggression im Rahmen der gegebenen Produktionsverhältnisse möglich wäre, eine andere Politik, eine weniger aggressive oder eine sogar friedliche Politik zu betreiben.
  • Der Widerspruch zwischen den aufsteigenden kapitalistischen Ländern und den alten (verfaulenden, weil immer krisenhafteren) alten Großmächten steigt. Dieses Phänomen ist eine Folge der notwendigen Zentralisation und Konzentration des Kapitals – ein Bewegungsgesetz des Kapitals. Diese Prozesse führen zur Monopolisierung des Kapitals auf allen Ebenen (also auch bei allen kapitalistischen Ländern auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen). Das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung kapitalistischer Länder wirkt sich auf die Veränderung der Machtverhältnisse in der Welt aus. Die hierbei erzeugte Illusion ist erstens, dass sich durch den Wechsel der Mächtigen auch die Eigenschaften der Herrschaft, also das Wesen des Kapitalismus wandelt. Zweitens entsteht die Illusion, dass alle Länder zu Imperialisten werden (weil Monopole), nur auf unterschiedlicher Stufe (Pyramide). Die Vorstellung von einer Handvoll weltbeherrschender imperialistischer Staaten wird relativiert bis abgelehnt. Drittens entsteht die falsche Vorstellung, dass es keine nationale Unterdrückung mehr gibt, weil ja alle Länder sich kapitalistisch entwickeln, zwar nicht gleichzeitig, aber nach und nach zu eigenständigen Playern im System werden können.
  • Der Widerspruch zwischen den Großmächten einerseits und den anderen Nationen und Völkern andererseits nimmt zu, da letztere durch erstere negiert werden. Die vielschichtige Ausbeutung der Welt (Ressourcen, Menschen, Märkte …) muss immer größere Ausmaße annehmen, da die Kapitalakkumulation immer wieder an reale Grenzen stößt. Hier lauert die Illusion, dass die Kapitalistenklasse in den unterdrückten Nationen die gleichen Interessen hat wie die Arbeiterklasse dieser Länder. Hier steckt wieder das Potential drin, dass der Imperialismus abgekoppelt wird von der Ökonomie und die aggressive Außenpolitik überbetont wird.
  • Der Widerspruch zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnissen, der sich letztlich in immer heftigeren Krisen bis hin zur Allgemeinen Krise[12] des Kapitalismus ausdrückt und den Fäulnis-Charakter des Imperialismus als höchste und letzte Stufe des Kapitalismus ausmacht. Dieser Widerspruch zeigt unter anderem die Grenzen der Entwicklung der Großmächte an und die Notwendigkeit der Zerstörung von Kapital vor allem durch Krieg, um durch den Wiederaufbau wieder eine neue Runde der Kapitalakkumulation zu beginnen. Durch Krise und Krieg, aber auch durch das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung verschiedener Monopole, Branchen, Verbände und Staaten ergibt sich das Potential der Veränderung der Stellung imperialistischer Länder in der jeweiligen historischen Lage. Auch hiermit gehen Illusionen einher: erstens die Illusion, dass mit einer veränderten Weltordnung eine verbesserte Welt einhergehen könnte (siehe oben). Zweitens, dass das Verhältnis zwischen den imperialistischen Großmächten und dem Rest der Welt sich grundsätzlich verändern könnte (siehe auch oben), wenn immer mehr Länder ein bestimmtes kapitalistisches Entwicklungsniveau erreicht haben.
  • Der Widerspruch zwischen der Arbeiteraristokratie und seinem politischen Ausdruck, dem Opportunismus auf der einen Seite und der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung auf der anderen Seite nimmt zu. „Der Imperialismus, der die Aufteilung der Welt (…) bedeutet, der monopolistisch hohe Profite für eine Handvoll der reichsten Länder bedeutet, schafft die ökonomische Möglichkeit zur Bestechung der Oberschichten des Proletariats und nährt, formt und festigt dadurch den Opportunismus.“ (Lenin: LW22/S.286) Dieser Widerspruch ist real ein Widerspruch zwischen einem relevanten Teil der Arbeiterklassen der unterdrückenden Länder und dem internationalen Proletariat. Illusionen gehen damit eigentlich nicht einher, außer vielleicht auf Seiten der Arbeiteraristokratie und zwar bezüglich Sozialpartnerschaft, Sozialer Marktwirtschaft und ähnliche Vorstellungen von Klassenversöhnung. Hauptsächlich erzeugt dieser Widerspruch eine Entsolidarisierung bzw. Spaltung innerhalb der internationalen Arbeiterklasse und erzeugt die Politik des Sozialchauvinismus. 

Wir sehen, dass uns die Widersprüche, die sich in der imperialistischen Entwicklungsstufe des Kapitalismus vertiefen, viele potentielle Illusionsfallen bieten. Der Opportunismus entwickelt sich entlang dieser Illusionen, aber ist nicht lediglich ein Fehler im Denken. Er ist auch nicht einfach gleichzusetzen mit einem falschen Erklärungsansatz. Illusionen bieten den fruchtbaren Boden auf dem der Opportunismus als „Alternative“ zur revolutionären Orientierung gedeihen kann. Das treibende Motiv bzw. das Subjekt des Opportunismus selbst hat eine materielle Grundlage: entweder ist sie in der Arbeiteraristokratie als Agent der imperialistischen Großmächte, im Kleinbürgertum oder in den Kapitalistenklassen sowohl der unterdrückenden, als auch der unterdrückten Länder zu finden. Es ist kaum anders vorstellbar, als dass sich der Opportunismus mit dem Imperialismus entwickeln muss. So haben wir es heute in einem sich seit über 120 Jahren entwickelnden Imperialismus mit immer wieder neuen Erscheinungsformen des Opportunismus zu tun. Diesen sollten wir auf die Spur gehen, wollen wir den revolutionären Pfad der internationalen Arbeiterbewegung wieder aufnehmen. Der Kampf gegen Opportunismus aber selbst kann auch zu falschen, weil einseitigen Antworten führen. 

Lenins Vorstellung vom Imperialismus 

Bevor wir uns aber diese Erscheinungsformen in Erinnerung rufen und manche neuere Phänomene genauer anschauen, möchte ich an dieser Stelle noch das Bild, das uns Lenin in seiner Schrift hinterlassen hat, nochmal deutlich vor Augen führen:

Der Imperialismus ist eine Stufe der Entwicklung des Kapitalismus, in der es vor allem um Weltherrschaft oder sagen wir Beherrschung der Welt geht. Dieses Bild beinhaltet konstitutiv, dass es eine Welt ist, wo auf der einen Seite die „Handvoll Räuber“ und auf der anderen Seite „die Beraubten“, auf der einen Seite „die unterdrückenden“, auf der anderen Seite „die Unterdrückten“ stehen. Wenn dieses Bild nicht mehr stimmen soll, dann handelt es sich genau genommen nicht mehr um Imperialismus. Diese Form der Abänderung der Leninschen Vorstellung wird weiter unten meine Hauptbeachtung finden, da die anderen opportunistischen Vorstellungen erstens bekannt, zweitens für uns nicht so relevant sind. Drittens aber, weil ich diese Auflösung des Imperialismusbegriffs und die Beschreibung dessen als eine Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten aus zwei Gründen für besonders gefährlich halte: erstens weil sie als Kritik des Opportunismus und damit als revolutionär oder sagen wir besonders radikal erscheint, zweitens weil sie de facto die Seite der imperialistischen Großmächte stärkt.

Lenin bietet uns eine Kurzdefinition, trotz und im Bewusstsein aller berechtigten Wenns und Abers, die Graustufen und Zwischenstufen, die eine solche Definition notwendig auslassen muss:

„Würde eine möglichst kurze Definition des Imperialismus verlangt, so müsste man sagen, daß der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist. Eine solche Definition enthielte die Hauptsache, denn auf der einen Seite ist das Finanzkapital das Bankkapital einiger weniger monopolistischer Großbanken, das mit dem Kapital monopolistischer Industriellenverbände verschmolzen ist, und auf der anderen Seite ist die Aufteilung der Welt der Übergang von einer Kolonialpolitik, die sich ungehindert auf noch von keiner kapitalistischen Macht eroberte Gebiete ausdehnt, zu einer Kolonialpolitik der monopolistischen Beherrschung des Territoriums der restlos aufgeteilten Erde.“ (Lenin: LW 22/ S.270)

Das „monopolistische“ Stadium ist in der Hauptsache die Existenz des Finanzkapitals einiger weniger und die Beherrschung der restlos aufgeteilten Welt durch eben dieses Finanzkapital bzw. ihrer monopolistischen Träger. Es geht nicht um die allgemeine Feststellung, dass Kapital zum Monopol oder Kapitalismus zur Monopolisierung tendiert. Das tut es. Den Imperialismus aber macht die Beherrschung der Welt durch wenige und durch bestimmte Monopole aus. Wir kommen noch darauf zurück, wenn wir weiter unten die Auflösung dieses Imperialismusbegriffs anschauen und wenn wir zur aktuellen Weltlage kommen.

Erscheinungsformen des Opportunismus

Im Folgenden werde ich zunächst auf die Hauptformen des Opportunismus in der Imperialismusfrage eingehen. Diese aufzuzeigen, halte ich für relevant, da sonst in der Diskussion die Vorstellung entsteht, dass diese nicht bekannt oder nicht durchdrungen seien. Zusätzlich halte ich diese Darstellung auch deshalb für relevant, um diese anderen Erscheinungsformen mindestens in Erinnerung zu rufen, weil der Weltsystemansatz als eine Reaktion auf andere opportunistische Vorstellungen in der Imperialismusfrage auftritt. Sicherlich wird diese Darstellung nicht ausreichen, um die hier dargelegten Illusionen und die opportunistische Politik, die damit einhergeht, zu durchdringen, aber für unsere Diskussion ist es wichtig, dass sie bekannt sind.

Illusionen eines friedlichen oder besseren Kapitalismus

Interessanterweise tritt die Vorstellung von einer friedlicheren Welt unter dem Kapitalismus je nach aktueller Weltlage, gerade in zwei sehr entgegengesetzten Formen in Erscheinung. Kautsky noch träumte von einem Überimperialismus, in der durch ein Übereinkommen verschiedener großer Imperialisten, eine Art ‚Ultraimperialismus’, eine nicht-kriegerische Form der Beherrschung der Welt möglich wäre. Die Realität beweist uns gerade das genaue Gegenteil. Der US-Imperialismus wütet seit Jahrzehnten und hat alle Hände voll mit Versuchen der kriegerischen Unterwerfung Anderer zu tun. Kautsky formulierte seine Vorstellungen in einer Zeit, in der sich gerade relativ gleich starke oder erstarkende imperialistische Großmächte gegenseitig den Garaus machten. Heute, wo sich vor unseren Augen eine immer noch gigantische Übermacht eines einzelnen Imperialisten zeigt, tritt die Illusion einer friedlichen Welt in der Vorstellung einer möglicherweise multipolaren Weltordnung zutage. An dieser Stelle muss man jedoch aufpassen und das sollten wir auch in den kommenden Auseinandersetzungen tun: nicht alle, die meinen, dass eine multipolare Weltordnung eine bessere Ausgangslage für die Kämpfe der Arbeiterklasse bietet, verbinden damit Illusionen einer friedlicheren Welt, sondern sehen darin Spielräume für Kämpfe der Arbeiterklasse weltweit und /oder für nationale Befreiungskämpfe. In einem Interview mit Rania Khalek z.B. erklärt Prabhat Patnaik seine Vorstellungen in diesem Sinne.[13] Welche Akteure in der Bewegung gerade überhaupt die Illusion einer potentiell friedlicheren multipolaren Weltordnung vertreten, muss man sich, wenn man die Sache ernst nimmt, genauer anschauen und auch prüfen, ob diese Akteure ihre Positionen in den letzten Jahren verändert bzw. modifiziert haben oder nicht. Mir scheint jedenfalls, dass in Teilen der Bewegung, aber auch bei uns, der wirkliche Nachweis einer solchen Position scheinbar nicht mehr als nötig erachtet wird. Die aktuelle Position der Marxistischen Linken (MaLi) zum Krieg in der Ukraine ließe sich in diese Richtung interpretieren[14], ebenso die Positionen der Freidenker[15].

Uns interessieren solche Illusionen als einseitige Spiegelung der Wirklichkeit, als falscher Schein aber ja nicht nur deshalb, weil wir ihre Träger und den Kontext der Illusion besser verstehen wollen. Vielmehr entspricht einer solchen Illusion eben auch eine Politik, die als mögliche Alternative einerseits zum angeblich radikaleren Kapitalismus (hier z.B. Keynesianismus versus Liberalismus), andererseits zur radikalen Umwälzung der kapitalistischen Verhältnisse angeboten wird. Das ist der Reformismus, also Opportunismus, der uns im revolutionären Kampf im Wege steht. Der Ultraimperialismus-Illusion entspricht der Kampf für eine Politikreform, die sich offensichtlich an den starken Imperialismus wendet. Mit der Vorstellung einer friedlicheren multipolaren Weltordnung geht die Politik von mehr Verträgen, mehr Bündnispolitik, mehr Regulierung einher. Je nachdem, welche Politik gerade für welchen Imperialisten eben opportuner ist. Für einen Imperialisten, der gerade nach Weltmacht strebt, ist es durchaus opportun eine Politik des Friedens für die Welt zu verkünden. Für einen Imperialisten, der die Vormachtstellung eines anderen Imperialisten gerade infrage stellt, ist es opportuner eine multipolare Weltordnung als friedliche Alternative zu propagieren. 

Ein Kapitalismus ohne imperialistische Politik ist aber nicht möglich! Die Illusion, dass das doch möglich sei, ist die Quelle opportunistischer Politik, der die Arbeiterklasse auf eine vermeintliche ‚friedliche‘ Politik der Kapitalistenklasse vor allem in den imperialistischen Ländern orientiert. Das ist eine Irreführung par excellence, denn eine solche friedliche Politik kann es nicht auf einer grundsätzlichen Ebene[16] geben. Und hier ist die richtige Kritik am falschen Bewusstsein: eine grundsätzlich friedliche Perspektive kann es unter dem Imperialismus nicht geben! Die allgemein richtige politische Schlussfolgerung muss sein: eine eigenständige politische Perspektive der Arbeiterklasse zu entwickeln, die sich in einer revolutionären Strategie und Taktik ausdrückt. Eine Orientierung, die grundsätzlich die richtige Richtung anzeigt. 

Warum betone ich hier so sehr das Wort ‚grundsätzlich‘? Weil es noch etwas anderes als grundsätzlich gibt, dass für den Kampf äußerst relevant ist und das ist die konkrete Bewegung der Geschichte. Diese Wirklichkeit ist voll von Widersprüchen und voller Ausnahmen. Die Erkenntnis des Verhältnisses zwischen allgemeinen Bewegungsgesetzen, also über das Wesen des Systems Kapitalismus und dessen konkreter Erscheinung in unseren täglichen Auseinandersetzungen mit ihr, ergibt zusammen die wirkliche Erfassung und damit die Möglichkeit wirksame Kampfmethoden für die Realität zu entwickeln. Deshalb brauchen wir eine einheitliche Strategie und Taktik. Wenn die Welt sich linear entwickeln würde, würden wir lediglich eine richtige Strategie brauchen. So ist es aber nicht. Deshalb sind wir in der Praxis aufgeschmissen, weil uns die taktischen Manöver, die taktische Ausnutzung von Gelegenheiten fehlen. 

Nur die eine Seite zu betonen, also entweder die allgemeine oder die konkrete, führt zu falschen Schlussfolgerungen, zu Illusionen, zu einer falschen Politik. Eine falsche Politik ist aber nichts anderes als eine schlechte Politik für das Proletariat und schlechte Politik für das Proletariat ist ausnahmslos eine gute Politik für die Kapitalistenklasse, und das völlig unabhängig vom Willen, von den Absichten und vom Bewusstsein derjenigen, die diese Politik machen. Auch die radikalste Erscheinung antikapitalistischer Politik und Kritik, kann vom Klassengegner für die eigene Sache ausgeschlachtet und genutzt werden. Worin sonst liegt unser Verständnis vom Wesen des linken Opportunismus? Es ist mal wieder nötig, dass wir eine Schau über den linken Opportunismus in der heutigen Bewegung machen. Das kann ich hier nicht leisten, aber vielleicht fühlen sich ja Genossen der KO oder auch andere dazu angestiftet, dazu zu arbeiten.

Imperialismus als reiner Expansionismus oder als aggressive Außenpolitik

Meistens geht die Vorstellung, Imperialismus sei dann gegeben, wenn es sich um expansionistische oder aggressive Außenpolitik handele, einher mit der faktischen Loslösung der Politik von der Ökonomie. Was mit den bisherigen Ausführungen klar geworden sein sollte ist, dass es natürlich kein Imperialismus ohne Expansionismus und ohne eine aggressive Außenpolitik geben kann. 

Die absurdesten Erscheinungsformen dieses Opportunismus sind in der „Sozialimperialismus-These“ zu finden. Trotzkismus und Maoismus sind vereint in dieser opportunistisch-konterrevolutionären Sichtweise, die sich gegen die Sowjetunion richtete. Völlig unabhängig davon, ob die Politik der Sowjetunion in Bezug auf andere Länder, ob kapitalistische oder sozialistische Länder, aus Sicht des internationalen Proletariats kritikwürdig ist oder nicht, ist es falsch diese Politik als ‚imperialistisch‘ zu bezeichnen. Die Einflussnahme und sogar Beherrschung anderer Länder durch ein sozialistisches Land sind nicht gleichzusetzen mit der Außenpolitik eines imperialistischen Landes. Dabei können sogar die gleichen Mittel zum Einsatz kommen. Der Inhalt, die Zielstellung und der Gesamtzusammenhang der Außenpolitik ist eine ganz andere und muss eine ganz andere, wenn nicht sogar eine gegenteilige Politik sein. Eine solche opportunistische Sichtweise, die auch beinhaltet, dass es sich bei der Sowjetunion nicht um ein sozialistisches Land gehandelt habe, ist nur möglich, wenn die ökonomische Basis, die Produktionsverhältnisse und damit die Machtverhältnisse in einem Land, völlig außer Acht gelassen werden. Um falschen Reaktionen vorzubeugen: das hier Gesagte bedeutet nicht, dass die Politik im Sozialismus nicht eine wesentliche Rolle spielt und gerade im Ringen um eine wirkliche Arbeitermacht spielen muss. Es sagt nur aus, dass die Ökonomie nicht völlig außer Acht gelassen werden kann. Eine Einschätzung der falschen und richtigen Analyse der konkreten sozialistischen Versuche kann und soll auch nicht an dieser Stelle geleistet werden. Hier soll es reichen auf eine der Formen des Opportunismus hinzuweisen, die Imperialismus auf aggressive Außenpolitik reduzieren.

Es ist jedenfalls überhaupt nicht überraschend, dass die allermeisten trotzkistischen und maoistischen Parteien und Organisationen im gegenwärtigen Krieg, aber auch in Syrien, sehr schnell die äquidistante Position eingenommen haben, dieser Krieg würde von zwei imperialistischen Seiten geführt. Offensichtlich musste weder viel nachgedacht, noch analysiert werden: das Konkrete interessiert hier nicht, es wird mit der allgemeinen Schablone gearbeitet, wenn Staaten aggressive Außenpolitik machen (z.B. eine militärische Offensive starten), dann ist das imperialistisch. Punkt. Welche Inhalte aber transportiert werden und wie die Arbeiterklasse orientiert wird, das steht auf einem anderen Blatt.

Auch autonome und anarchistische Gruppen neigen häufig zu solchen unzulässigen Schlüssen und Verallgemeinerungen, die häufig eine moralische Komponente haben und mit dieser Komponente wären wir auch schon bei den relevanteren Akteuren, die eher in der Friedensbewegung, also im Pazifismus anzutreffen sind und häufig überhaupt nichts mit proletarischer Revolution im Sinn haben, geschweige denn mit dem Proletariat zu tun haben. Ich werde jetzt auch hier keine Bewegungsschau machen können, will aber betonen, dass es unabdingbar ist eine solche Analyse der Bewegung zu leisten.

Imperialismus als Alleinherrschaft eines Imperiums

Hier sind verschiedene Sichtweisen zu unterscheiden. Die Vorstellung, dass es eine absolute Alleinherrschaft eines Imperiums gäbe, ist in dieser Extremform abzugrenzen von der allgemeinen und meiner Ansicht nach auch nicht falschen Darstellung des derzeitigen Imperialismus als unipolare Herrschaft. Dabei ist klar, dass mit dem Imperium die USA gemeint ist. Die Vorstellungen von dieser Alleinherrschaft unterscheiden sich, wenn auch durch Nuancen. Aus ihnen folgen häufig ähnliche politische Schlussfolgerungen, die die Arbeiterklasse in die Irre führen können.
Wenn Alleinherrschaft so gemeint ist, dass alle anderen imperialistischen Großmächte aufgrund ihrer relativen Schwäche gegenüber dem US-Imperialismus nichts als Vasallen der USA sind, dann geht damit die Illusion einher, dass es in Deutschland, Frankreich und anderen imperialistischen Großmächten um eine nationale Befreiung gegenüber dem US-Imperialismus gehen müsse[17]. Diese Vorstellung kann natürlich auch etwas abgemilderter auftauchen, wie vor Kurzem z.B. bei Vijay Prashad in einem Seminar des International People’s Assembly[18], wo er dem deutschen Imperialismus riet, eine eigenständige Außenpolitik zu betreiben und sich nicht zum Handlanger der USA machen zu lassen. Es ist wahrscheinlich unnötig zu sagen, welche Illusionen damit einhergehen können und welche fatale Politik daraus folgen würde. Ich sage es der Vollständigkeit halber trotzdem: die Illusion, dass die eigene Bourgeoisie in einem imperialistischen Land wie Deutschland, aufgrund seiner Stellung zum US-Imperialismus im Rahmen einer nationalen Befreiung vom Joch der USA ein Partner der Arbeiterklasse sein könnte. Überhaupt, dass eine eigenständige Politik Deutschlands in irgendeiner Weise besser für die deutsche und/oder internationale Arbeiterklasse wäre, ist naiv und gefährlich. Warum? Weil der deutsche Imperialismus durch seine ökonomische Potenz bei gleichzeitiger und gerade aufgrund seines politischen Hinterherhinkens hinter den anderen imperialistischen Räubern, genau diese Tendenz aufweist, einen eigenständigen Weg gehen zu wollen. Eine Eigenständigkeit, deren Aggression wir in der Geschichte schon gesehen haben. Die Möglichkeit, dass die deutsche Bourgeoisie diese Option an irgendeinem Punkt wieder ins Auge fasst, ist gegeben und real. Die Arbeiterklasse in Deutschland in welcher Weise und mit welchen Begründungen auch immer auf eine Politik der Eigenständigkeit des deutschen Imperialismus vorzubereiten, heißt die Arbeiterklasse in fataler Weise auf einen Pfad der wiederholten Aggression gegenüber anderen Ländern, heißt sie als Fußtruppe einer reaktionären Sammlungsbewegung genau für diese Option der eigenen Bourgeoisie zu bringen.

Auch bei der Sichtweise, die zwar keine absolute, aber eine starke Abhängigkeit der anderen imperialistischen Länder von den USA beinhaltet (was an sich nicht falsch sein muss), wird häufig die relative Eigenständigkeit und die real vorhandene materielle Basis (ökonomische und / oder politische, vor allem militärische Stärke) dieser Eigenständigkeit bei den entsprechenden Ländern unterschätzt. 

Es liegt auf der Hand, welche Politik sich aus einer solchen Sichtweise ergeben kann: eine Politik der Klassenversöhnung mit dem Klassengegner, eine Burgfriedenpolitik. Die Frage, die sich für Kommunisten stellen muss, ist erstens zu erkennen, was die real wirkenden Erscheinungen und mit ihnen die Widersprüche sind, die solche Sichtweisen produzieren, zweitens welche Klassenpolitik der strategischen Orientierung auf Umsturz der eigenen Bourgeoisie dient. Erstens also zu erkennen, dass es in einer historischen Phase, in der ein imperialistischer Räuberstaat eine immense Vormachtstellung hat, es darauf ankommt korrekt zu bestimmen in welchem Verhältnis der eigene Staat zu diesem Alpha-Räuber und zum Rest der Welt steht. Zweitens heißt das entsprechend der Stellung des eigenen Imperialisten Taktiken zu überlegen, welche Politik zur dauerhaften und nachhaltigen Schwächung und im besten Falle Spaltung der herrschenden Klasse führt. Was im Falle Deutschlands hieße, zu verhindern, dass es der Bourgeoisie gelingt eine Sammlungsbewegung für eine eigenständige aggressive Außenpolitik aufzubauen, hieße für Russland potentiell die Bourgeoisie zu ‚zwingen‘ bzw. je nach Stärke der Arbeiterklasse dazu zu drängen, eine eher nationale Eigenständigkeit zu verfolgen und noch mehr das eigene militärische Potential für die Unterstützung anderer Länder und Arbeiterklassen zum Einsatz zu bringen. Wir sehen wie der proletarische Internationalismus hier funktionieren würde: eine einheitliche Politik der internationalen Arbeiterklasse gegenüber Russland, die im Kern eine Unterstützung des Militäreinsatzes gegen die Faschisten in der Ukraine beinhaltete, aber auch eine solche Position z.B. bezüglich Westasien und Afrika[19] vertreten und praktizieren würde. Wäre das nicht etwa auch eine Politik der Klassenversöhnung? Möglicherweise ja. Genau das müssten wir Kommunisten verhindern: dass eine im Sinne der revolutionären Strategie, richtige taktische – vielleicht sogar über eine längere Phase anhaltende Orientierung – nicht in Klassenversöhnung umschlägt. Sich aber auf Phrasen auszuruhen, nur noch die richtige Zielstellung (Sozialismus) und einen allgemeinen Plan (Strategie) zu haben (?), sich aber nicht in Kämpfe werfen wollen, weil sie die Gefahr bergen, Fehler machen zu können, das ist eine von vornherein falsche Politik, weil sie die Klasse in den konkreten Abläufen dem Einfluss des Gegners überlässt.

Ein hierarchisches Weltsystem gegenseitiger Abhängigkeit

Wie oben schon gesagt, werde ich mich vor allem mit dem Weltsystem-Ansatz der KKE befassen, weil ich glaube, dass dieser Ansatz für unsere Diskussion in der KO, aber auch als ein wichtiger Pol innerhalb der kommunistischen Bewegung relevant ist.

Leider ist es nun nicht so, dass mir ein systematisches Werk mit nachvollziehbaren Belegen und Bezugspunkten, einschließlich der Genese der Position der KKE vorliegt. Ich kenne tatsächlich nur die Quellen, die ich hier anführen werde. 

Eine Quelle, die auch bei uns in der Organisation und auch vor der Konstituierung der KO, eine wichtige Rolle gespielt hat, ist ein Artikel von der Genossin Aleka Papariga[20] aus dem Jahre 2013, der auf der englischen Website der KKE als ein Beitrag für die theoretische Zeitschrift der KP Mexiko ausgewiesen wird. In diesem Artikel erwähnt Papariga, dass die Einschätzung, die sie hier darlegen wird, auf Beschlüssen des 15.Parteitages der KKE aus dem Jahre 1996 beruht. Leider ist es nicht möglich, auf der Website des theoretischen Organs der KKE (www.komep.gr) bis zu dieser Zeit zu recherchieren, um die Hintergründe und möglichen Diskussionen, die ja stattgefunden haben müssen, nachvollziehen zu können. Das Archiv geht nur bis zum Jahr 2001. Tatsächlich wäre es aber sehr wichtig, die Quellen und die Genese der Debatte um diesen Beschluss besser nachvollziehen zu können. Das würde es uns und in diesem Fall mir erleichtern, besser zu verstehen, woher die Vorstellungen und Analysen genommen wurden bzw. werden.

Da ich aber keinen Zugang dazu hatte, muss ich mich an dem wenigen Wissen und Informationen halten, die mir zur Verfügung stehen, um diese Sichtweise zu verstehen. Was steht mir noch zur Verfügung? Vor allem drei weitere Texte aus der Komep, auf die ich weiter unten eingehen werde. Ich denke, dass wir in der nächsten Zeit versuchen sollten, mehr Quellen zu finden, die uns die Einschätzungen besser darlegen. Des Weiteren stehen mir natürlich die Beschlüsse des Parteitages (bzw. der Parteitage) und die Stellungnahmen der KKE zur Verfügung.

Der historische Kontext der Entstehung dieser Einschätzung der KKE auf ihrem 15.Parteitag ist der Kampf innerhalb der Partei gegen den Opportunismus. Bekanntlich wurden Anfang der Neunziger (zwischen 1991-1996) in der KKE harte Kämpfe zwischen dem rechten Opportunismus und dem revolutionären Flügel geführt, die letztendlich vom revolutionären Teil für sich entschieden wurden[21]. Der Kampf gegen den rechten Opportunismus beinhaltete vor allem den Kampf gegen die Sozialpartnerschaft, gegen Bündnisse mit der eigenen Bourgeoise, gegen die Vorstellung von Etappen zum Sozialismus, die über eine Etappe der antimonopolistischen Demokratie führten. Dieser Kampf gegen den rechten Opportunismus ist nicht durch den Sieg in der KKE beendet worden, sondern wurde und wird bis heute in der Bewegung sowohl in Griechenland, als auch international weitergeführt, was im Artikel von Aleka Papariga deutlich herauszulesen ist. Leider wird im Artikel nicht konkret benannt, welche Akteure und Wortführer hier konkret gemeint sind, so dass der Leser sich ein genaues Bild über die Positionen dieser Protagonisten machen kann. Zuweilen macht es den Eindruck, dass sehr unterschiedliche Akteure gemeint sind. Das Spektrum scheint von nationalistischen bis bürgerlich-liberalen Sozialdemokraten bis linksradikale und Kommunisten zu umfassen. Das macht die Nachvollziehbarkeit auch schwierig.

Die Pyramide – das Weltsystem gegenseitiger Abhängigkeiten

Worum geht es aber im Text der Genossin Papariga vor allem und in welcher Weise ist er – nicht nur für uns -, sondern auch in anderen Teilen der Bewegung ein Bezugspunkt geworden?

Hauptsächlich geht es im Artikel darum, opportunistische Positionen zurückzudrängen, die eine Zusammenarbeit mit der eigenen nationalen Bourgeoisie mit einer (ökonomischen) Abhängigkeit von starken imperialistischen Ländern begründen. In der Hauptsache argumentiert Papariga, dass diese falsche Politik aus einem falschen Verständnis des Imperialismus erwächst, die die politischen Verhältnisse, die Klassenverhältnisse von der ökonomischen Basis ablöst. Diese falsche Vorstellung würde nur die starken imperialistischen Länder als imperialistisch ansehen und nicht erkennen, dass Imperialismus nicht ein Charakteristikum eines Landes, sondern eines Systems sei, indem bestimmte ökonomische Gesetzmäßigkeiten, wie z.B. Monopolisierung, alle Länder in diesem System erfassen und entsprechend Klassenverhältnisse produzieren. Außerdem würden die Opportunisten die Dynamik im System und damit das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung nicht erkennen oder anerkennen und gingen davon aus, dass Machtverhältnisse statisch seien. Im Zuge der Entfaltung ihrer Argumente verwirft sie einerseits die Vorstellung, dass der Imperialismus dadurch gekennzeichnet sei, dass eine Handvoll Räuber einerseits den Rest der Welt unterdrücken bzw. von sich abhängig machen würden und andererseits entwirft sie das Bild der Pyramide, das der Hierarchie im System, das sich vor allem in Abhängigkeiten ausdrückt, Rechnung tragen soll. Diese Abhängigkeiten aber seien nicht einseitig, sondern gegenseitig. Vor allem in Bezug auf Griechenland zeigt Papariga auf, dass falsche Vorstellungen von Abhängigkeit zu einer Politik der Klassenversöhnung führen und die strategische Orientierung auf die sozialistische Revolution aufgegeben wird.

Ein Bezugspunkt in unserer Entwicklung war diese Position vor allem hinsichtlich der Frage der strategischen Orientierung z.B. auf Bündnisse mit Teilen der Bourgeoisie, die wir in der Strategie der Antimonopolistischen Demokratie in der DKP kritisiert hatten.

Die nach Papariga falsche Vorstellung der Abhängigkeitsverhältnisse beschreibt sie wie folgt:

„Sie verwenden willkürlich die Einschätzung von Lenin in seinem bekannten Werk IMPERIALISMUS DIE HÖCHSTE STUFE DES KAPITALISMUS, dass eine Handvoll, eine sehr kleine Anzahl von Staaten die große Mehrheit der Staaten auf der ganzen Welt ausplündert. Als Konsequenz wird der Imperialismus mit einer sehr kleinen Anzahl von Ländern identifiziert, die an einer Hand abgezählt werden können, während alle anderen untergeordnete, unterdrückte Kolonien sind, besetzt aufgrund ihrer Unterwürfigkeit gegenüber dem liberalen Standpunkt.“[22]

In mehrfacher Hinsicht sind diese Aussagen kritikwürdig. Erstens, weil sie nicht belegt – und meiner Ansicht nach auch nicht wird belegen können -, dass diese konkrete Aussage, die sie hier kritisiert, – also Handvoll Räuber beuten die Welt aus – eine Verfälschung der Leninschen Auffassung von Imperialismus sei. Zweitens ist die übertreibende Aussage, dass die von ihr kritisierten Positionen (ausnahmslos?) behaupten würden, auf der Seite der abhängigen Länder seien nur „unterdrückte Kolonien“. Das müsste man erst einmal nachweisen. Es gibt sicherlich in der Bewegung solche Ansichten, keine Zweifel. Aber wer behauptet konkret, dass Abhängigkeit heute überhaupt, hauptsächlich oder in vielen Fällen die Form der Kolonisierung annimmt? Sind solche Positionen nicht meistens Positionen von reaktionären Kräften, die auf demagogischer Weise die Bezeichnung „Kolonisierung“ verwenden? Vielmehr noch: es wird suggeriert, dass die anderen die These aufstellen würden, dass es sich dabei sogar um Besatzung handeln würde. Wie gesagt: das ist durchaus möglich. Aber wie relevant und ernst zu nehmen sind solche Positionen? 

Wir werden gleich noch genauer darauf eingehen, wie die Vorstellungen der KKE vom Imperialismus als ein System gegenseitiger Abhängigkeiten sehr grundsätzlich den Vorstellungen Lenins widersprechen. Hier sei nur in Bezug auf die Darstellung der Gegenposition gesagt, dass es sich an diesem Zitat sehr gut zeigen lässt, warum es Sinn machen würde, die anderen Positionen, die man kritisieren möchte, konkret zu benennen. Die hier kritisierte Vorstellung erinnert mich vor allem an neofaschistische Argumentationen aus Griechenland (ähnliche Positionen gibt es wie ich meine, auch in anderen Ländern wie z.B. Polen), die z.B. von einer Kolonisierung und Besatzung Griechenlands sprechen. Vorstellbar ist auch, dass solche Positionen tatsächlich im linken bis kommunistischen Spektrum zu finden wären, aber sind diese die Hauptprotagonisten? Beinhalten aber nicht die allermeisten Argumente eher, dass Griechenland in immer größere Abhängigkeit gerät? Wird das nicht mit der Verschuldung und dem Diktat der Troika begründet? Müsste man nicht genauer darauf eingehen, worin möglicherweise diese Abhängigkeit tatsächlich besteht und worin nicht? Genossin Papariga geht weiter unten im Text auf die Frage der Abhängigkeit Griechenlands etwas mehr ein. 

Ihr Hauptargument ist aber nicht die Nicht-Abhängigkeit, sondern dass die griechische Bourgeoisie Vorteile aus der Gesamtstruktur bzw. aus dem System schlägt. Die Frage der Abhängigkeit ist aber nicht mit der Tatsache, dass die herrschenden Klassen daraus oder trotz der Abhängigkeiten Vorteile ziehen, ausreichend beantwortet. Im Rahmen der weiteren Auseinandersetzung müssten genau solche Fragen viel intensiver behandelt und diskutiert werden. Das kann ich und möchte ich an dieser Stelle nicht leisten, weil sonst der rote Faden meiner Argumentation verloren gehen würde[23].

Gehen wir deshalb der Frage nach, wie die Vorstellungen vom ‚imperialistischen‘ Weltsystem sind:

„Die Abhängigkeit und Interdependenz der Volkswirtschaften sind natürlich nicht gleich und werden durch die wirtschaftliche Stärke jedes Landes sowie bestimmte andere militärpolitische Elemente bestimmt, je nach den besonderen Bindungen eines Bündnisses. 

Und selbst wenn ein oder mehrere Länder auf höchstem Niveau und führend in der kapitalistischen Internationalisierung, in der Neuaufteilung der Märkte sind, hören sie nicht auf, in einem Regime der gegenseitigen Abhängigkeit von anderen Ländern zu existieren. Zum Beispiel mag Deutschland die führende Macht in Europa sein, aber seine Exporte von Kapital und Industriegütern hängen von der Kapazität der europäischen Länder und Chinas ab, sie aufzunehmen. Schon krisenbedingt beginnt diese Kapazität begrenzt zu werden, weshalb die führenden Kreise der Regierung und Teile der Bourgeoisie insbesondere in der Industrie besorgt und nachdenklich sind. 

Der Kurs der US-Wirtschaft ist in hohem Maße von China und den gegensätzlichen Interessen in der EU abhängig. Der Kampf von Dollar, Euro und Yen ist sichtbar.“[24]

Das zentrale Argument ist hier, dass es sich beim Imperialismus nicht um eine einseitige Abhängigkeit, so gesehen schon gar nicht um Weltbeherrschung, Unterwerfung und Ausbeutung der Welt, sondern um ein Regime der gegenseitigen Abhängigkeit handelt. Die Frage, die sich mir hier stellt: ist ein solches System überhaupt noch als imperialistisch zu bezeichnen? Aber lesen wir zunächst weiter, wie Papariga darauf aufbauend die Pyramide beschreibt:

„Die Zahl der Staaten nimmt zu, die Regionalmächte, Satelliten starker imperialistischer Mächte, Länder sind, die eine besondere Rolle in der Bündnis- und Partnerschaftspolitik der verschiedenen Mächte in der Pyramide spielen. Die interimperialistischen Widersprüche wirken in jeder Form des Bündnisses, und all diese vielschichtigen Beziehungen, die ausnahmslos jedes kapitalistische Land der Welt umfassen, bilden die imperialistische Pyramide.“[25] Wie oben schon gesagt, reicht das Material für eine noch weitergehende Kritik nicht aus, aber halten wir erstmal fest, was hier eigentlich gesagt wird:

  • strukturell ist Abhängigkeit im Weltsystem nicht einseitig, sondern gegenseitig
  • Qualitativ ist Abhängigkeit nicht im Sinne von Machtausübung des einen über den anderen, sondern als Gleiches auf beiden Seiten definiert, indem z.B. die Qualität von Exporten mit der Qualität von Importen gleichgesetzt wird. Deutschland ist von China abhängig, weil China die Exporte, hier auch explizit Kapitalexport, abnehmen muss. 
  • Die Zahl von Regionalmächten nimmt im System zu – diese spielen als ‚Partner‘ eine besondere Rolle in der Pyramide
  • Irgendwie sind alle kapitalistischen Länder Teil des imperialistischen Systems – diese Aussage ist besonders diffus. Es wird nicht klar, ob sie auch deshalb imperialistisch sind, weil sie kapitalistisch sind, weil also diese Tatsache wiederum gesetzmäßig zur Monopolisierung führt usw.[26]

Hierarchie ja, aber keine Weltherrschaft?

Wir werden sehen, dass eine der zentralen Aussagen im Text der Genossin Papariga und überhaupt in der Weltsystem-Vorstellung ist, dass es falsch sei die Welt als eine Welt von „unterdrückten und unterdrückenden Völkern, Ländern oder Nationen“ zu betrachten. Die Behandlung der Frage der Abhängigkeit ist eine Unterabteilung dieser großen Frage. Und sie wird hier mit einer Relativierung dessen beantwortet, was nicht nur Lenin – und vor ihm andere – mit Abhängigkeit meinten, sondern auch wie die Welt tatsächlich konstituiert ist. Was aber offensichtlich ist, ist dass eine solche Relativierung nicht richtig funktioniert. Deshalb muss die Relativierung selbst immer wieder durch den Zusatz von weiteren Relativierungen nochmal korrigiert werden und zwar sinngemäß wie folgt: ‚es wäre zwar keine einseitige Abhängigkeit, aber das hieße natürlich nicht, dass nicht die Schwächeren von den Stärkeren abhängig seien und deshalb ja auch das Bild der Pyramide, die genau dieser Hierarchie Rechnung tragen soll‘.

Was ist aber die Bedeutung dieser Hierarchie, wenn die Länder an der Spitze auch von den Ländern weiter unten in der Pyramide abhängig seien? Nicht nur hier, sondern auch an anderen Beispielen werden wir sehen, dass diejenigen, die sich diese Argumentation zu eigen machen, sich unwillkürlich in Widersprüche und Schwierigkeiten in der Begründung verwickeln müssen.

Dazu lesen wir den Beitrag eines weiteren Genossen der KKE aus dem Jahre 2017, der im theoretischen Organ der KKE erschienen ist:

„Es liegt auf der Hand, dass die unterschiedlichen Entwicklungsstufen des Monopolkapitalismus in verschiedenen Ländern dem einen oder anderen Land unterschiedliche Macht im imperialistischen Weltsystem (in Kombination mit seiner politischen und militärischen Macht) verleihen, daher unterschiedliche Möglichkeiten der politischen Intervention und Interessenvertretung seiner Monopolgruppen. Die unterschiedliche Macht jedes Landes, die auf der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus beruht, bestimmt den Grad, in dem jedes Land an der Verteilung der Beute teilnimmt. Die geteilte Beute besteht aus dem gesamten Mehrwert, der von der Arbeiterklasse produziert wird, wobei die Erde, das „Opfer“, die Weltarbeiterklasse als Ganzes ist.“[27]

Was ist die Kernaussage hier? Das Hauptsächliche ist, dass es zwar eine Hierarchie der Macht gibt, aber dass alle „Länder“, – der Genosse hätte hier tatsächlich zwecks besseren Verständnisses und Kohärenz seiner Argumentation die ‚Kapitalistenklassen‘ aller Länder schreiben sollen – entsprechend ihrer Machtstellung an der Beute beteiligt werden. Sie sind also allesamt Beutemacher, nur auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Die Macht dient nicht der Unterwerfung, sondern bestimmt nur – vereinfacht gesagt – die Menge, die das jeweilige Land von der Beute abbekommt. Woher kommt die Beute? Von der Erde und der Weltarbeiterklasse. Es ist der Versuch die Klassenfrage in die Betrachtung einzubeziehen. Auf die Klassenfrage werde ich weiter unten genauer eingehen, denn auch diese steht im Widerspruch zu den Vorstellungen Lenins über die besondere Stellung der Arbeiterklasse in den unterdrückenden Ländern.

Was mir an dieser Stelle wichtig ist, ist dass die Frage der Macht, die ja unmittelbar mit der Frage der Abhängigkeit zusammenhängt, so beantwortet wird: das ganze System ist ein Club der Mächtigen (wohlwollend gelesen, sind hier die Kapitalisten aller Länder gemeint), darin gibt es graduelle Unterschiede, aber die Qualität ist gleich, weil kapitalistisch. Die innerimperialistischen bzw. innerkapitalistischen Widersprüche sind auf der Ebene des gesamten Systems insofern gleich, weil es sich um gleiche Interessen handelt, nach denen alle streben: Einflusssphären, Märkte, Rohstoffe, billige Arbeitskräfte etc. pp.

Man könnte den Kern dieser Aussage auch so zusammenfassen: Mehr oder weniger Mächtige teilen das Interesse der Ausbeutung der Weltarbeiterklasse – und wenn ich ihn richtig verstehe, der Erde – und teilen sich die Beute. 

Wenn man die anderen Aussagen bezüglich der Dynamik der Entwicklung der verschiedenen Länder im System, aufgrund des Gesetzes der ungleichmäßigen Entwicklung dazu nimmt, verblasst die Frage der Macht innerhalb des Systems zunehmend und ist nicht mehr ein konstitutives Charakteristikum, keine relevante Größe in der Beschreibung der Welt, so wie wir sie heute vorfinden. Der Widerspruch zwischen den „imperialistischen Großmächten“ und dem Rest der Welt ist letztlich der gleiche Widerspruch wie der zwischen den imperialistischen Großmächten selbst. Es gibt nicht mehr ‚die Handvoll‘, die die Welt aufteilen, sondern alle teilen irgendwie alles auf, die einen bekommen mal mehr, die anderen mal weniger.

Das ist ein völlig anderes Verständnis der Welt, als das Verständnis, was uns Lenin in seiner Imperialismusschrift vorgelegt hat. Wenn wir das nachweisen, haben wir noch nicht viel über den Wahrheitsgehalt, über die Richtigkeit dieser Weltsicht gesagt. Das zu verstehen, hilft uns aber dabei, die Welt nach der einen oder anderen Weltsicht, nach den Mustern der Erklärung der einen oder anderen, zu untersuchen.

Lenin sagt unmissverständlich und das zieht sich wie ein roter Faden durch die Imperialismusschrift, dass es erstens Großmächte gibt, die sich qualitativ vom Rest der Welt unterscheiden, zweitens, dass diese Großmächte die Welt beherrschen, drittens dass der Widerspruch zwischen ihnen darin besteht, wie sie die Beute unter sich aufteilen. Das steht überhaupt nicht im Widerspruch dazu, dass auch die Länder, die nicht im Club der Räuber sind, auch einen Teil der Beute abbekommen können, auch nicht im Widerspruch dazu, dass sich die Räuberbande erweitern, verkleinern oder einzelne Länder ihre Positionen wechseln können. 

Das Gleiche, also die Unterscheidung Mächtige und Nicht-Mächtige, gilt für Großmonopole, Großbanken, weltbeherrschende Monopole und Monopolverbände im Verhältnis zu anderen Banken, Monopolen etc. Diese Abhängigkeit, Unterdrückung, Ausbeutung und/oder Abhängigkeit findet sowohl im nationalen Rahmen als auch im internationalen Kontext statt. Auch findet die Beherrschung sowohl innerimperialistisch als auch als Beherrschungsweise des Restes der Welt statt. Der qualitative Unterschied ist zwar zunächst ein quantitativer (wieviel Abhängigkeit), der aber bei einer gewissen Quantität in eine andere Qualität umschlägt und umschlagen muss und zwar in eine einseitige Abhängigkeit, die bis hin zur totalen Unterwerfung oder sogar Zerstörung jeglicher Reste von Eigenständigkeit gehen kann. Beispiele dafür sind Kriege, durch die auch mal vorher kollaborierende Bourgeoisien zur totalen Kapitulation gezwungen werden sollen.

Ich will hier im Folgenden zu diesen Fragen ein paar Schlaglichter auf Lenins Imperialismusschrift werfen, damit das hier Gesagte nicht im Vakuum bleibt:

„Die „Gruppe“ der „Deutschen-Bank“ ist eine der größten, wenn nicht die größte, von allen Gruppen der Großbanken. Um die wichtigsten Fäden, die alle Banken dieser Gruppe miteinander verbinden, in Betracht zu ziehen, muß man „Beteiligungen“ ersten, zweiten und dritten Grades unterscheiden oder, was dasselbe ist, eine Abhängigkeit (der kleineren Banken von der ‚Deutschen Bank‘) ersten, zweiten und dritten Grades.“[28] (LW 22, S. 216) 

und weiter: 

„Zu den 8 Banken des ‚ersten Abhängigkeitsgrades‘, die sich die ‚Deutsche Bank‘ ‚mit wechselndem Interesse‘ untergeordnet hat, gehören drei ausländische Banken: eine österreichische (der ‚Wiener Bankverein‘) und zwei russische (die Sibirische Handelsbank und die Russische Bank für auswärtigen Handel). Im ganzen gehören zur Gruppe der ‚Deutschen Bank‘ direkt und indirekt, ganz und teilweise 87 Banken, und der Gesamtbetrag des eigenen und fremden Kapitals, über das die Gruppe verfügt, beläuft sich auf 2-3 Milliarden Mark. (…)“ (LW 22, S.217)

und weiter: 

„Wir sehen, wie schnell ein dichtes Netz von Kanälen entsteht, die das ganze Land überziehen, sämtliche Kapitalien und Geldeinkünfte zentralisieren und Tausende und aber Tausende von zersplitterten Wirtschaften in eine einzige gesamtnationale kapitalistische Wirtschaft und schließlich in die kapitalistische Weltwirtschaft verwandeln. Jene ‚Dezentralisation‘, von der Schulze-Gaevernitz als Vertreter der bürgerlichen politischen Ökonomie unserer Tage in dem oben angeführten Zitat spricht, besteht in Wirklichkeit darin, daß zunehmend immer mehr früher verhältnismäßig ‚selbständige‘ oder, richtiger gesagt, lokal begrenzte Wirtschaftseinheiten einem einzigen Zentrum unterworfen werden. In Wirklichkeit ist das also eine Zentralisation, eine Steigerung der Rolle, der Bedeutung, der Macht der Monopolriesen.“ (LW 22, S.217)

Und weiter:

„Die Bank, die das Kontokorrent für bestimmte Kapitalisten führt, übt scheinbar eine rein technische, eine bloße Hilfsoperation aus. Sobald aber diese Operation Riesendimensionen annimmt, zeigt sich, daß eine Handvoll Monopolisten sich die Handels- und Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Gesellschaft unterwirft, indem sie – durch die Bankverbindungen, Kontokorrente und andere Finanzoperationen – die Möglichkeit erhält, sich zunächst über die Geschäftslage der einzelnen Kapitalisten genau zu informieren,  dann sie zu kontrollieren, sie durch Erweiterung oder Schmälerung, Erleichterung oder Erschwerung des Kredits zu beeinflussen und schließlich ihr Schicksal restlos zu bestimmen, die Höhe ihrer Einkünfte zu bestimmen, ihnen Kapital zu entziehen oder ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Kapital rasch und in großem Umfang zu erhöhen usw.“ (LW 22, S.217)

und weiter:

„Die Trennung des Kapitaleigentums von der Anwendung des Kapitals in der Produktion, die Trennung des Geldkapitals vom industriellen oder produktiven Kapital, die Trennung des Rentners, der ausschließlich vom Ertrag des Geldkapitals lebt, vom Unternehmer und allen Personen, die an der Verfügung über das Kapital unmittelbar teilnehmen, ist dem Kapitalismus überhaupt eigen. Der Imperialismus oder die Herrschaft des Finanzkapitals ist jene höchste Stufe des Kapitalismus, wo diese Trennung gewaltige Ausdehnung erreicht. Das Übergewicht des Finanzkapitals über alle übrigen Formen des Kapitals bedeutet die Vorherrschaft des Rentners und der Finanzoligarchie, bedeutet die Aussonderung weniger Staaten, die finanzielle ‚Macht‘ besitzen. In welchen Ausmaßen dieser Prozeß vor sich geht, läßt sich beurteilen an Hand der Statistik der Emissionen, d.h. der Ausgabe von Wertpapieren aller Art.“ (LW 22, S.242)

Ich habe diese Zitate ausgewählt, um folgende Punkte hervorzuheben:

  • Abhängigkeit ist nicht gleich Abhängigkeit (siehe verschiedene Grade der Abhängigkeit)
  • ab einem gewissen Grad (Quantität) der Abhängigkeit tendiert die Kontrolle des Abhängigen zum Absoluten, also zur absoluten oder sagen wir einseitigen Kontrolle
  • Kontrolle und Abhängigkeit tritt nicht immer als formale oder rechtliche Abhängigkeit (z.B. Einverleibung als Besitz) in Erscheinung, sondern durch wie hier z.B. ökonomische Kontrolle über ein „weitverzweigtes Netz“
  • Unterwerfung kann nur als Verhältnis verstanden werden (hier Monopolriese Deutsche Bank im Verhältnis zu anderen Banken und Industriekapitale) – dazu gleich weiter unten ein paar Worte mehr
  • Schlussendlich: es sondern sich Machtzentren – „wenige Staaten“ – ab, die finanzielle Macht besitzen, also ein besonders hohes Niveau der kapitalistischen Entwicklung erreicht haben, das man an der Stärke, Menge des Finanzkapitals (Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital) messen kann.

Bleiben wir zunächst beim letzten Punkt. Lenin führt uns aufbauend auf den Erkenntnissen, wie die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten zum Monopol der Banken und Industrie, wie diese zu einer Verschmelzung beider Kapitale zur Bildung des Finanzkapitals[29] führen, dahin wie die weltbeherrschende Rolle des Finanzkapitals weniger imperialistischer Länder sich herausbildet. Er schreibt:

„Diese vier Länder (gemeint sind England, Frankreich, Deutschland und USA, Anm. KB) zusammen besitzen 479 Milliarden Francs, d. h. nahezu 80% des Weltfinanzkapitals. Fast die ganze übrige Welt spielt so oder anders die Rolle des Schuldners und Tributpflichtigen dieser Länder – der internationalen Bankiers, dieser vier ‚Säulen‘ des Weltfinanzkapitals.“ (LW 22, S.244)

Die Herausbildung dieser mit unglaublichen Mengen an Finanzkapital ausgestatteten Staaten drängt das Kapital zum Export. Es muss immer wieder weltweit neue Einsatzorte finden, um sich verwerten zu können. In diesem Zusammenhang geht Lenin auf die ungleichmäßige Entwicklung verschiedener Industriezweige und damit auch von Ländern ein, die durch den geschichtlichen Gang oder bestimmte politische Maßnahmen wie Protektionismus, sprunghafte Entwicklungen vollziehen können. Es wird auch beschrieben wie durch den Kapitalexport in weniger entwickelte Länder und Regionen, diese eine kapitalistische Entwicklung durchmachen. Der Unterschied aber zwischen den „überreifen“ kapitalistischen Staaten, die das Weltfinanzkapital kontrollieren, zu diesen Ländern ist, dass sie in der Lage sind durch das Vorhandensein von immensen Kapitalsummen die ganze Welt mit ihrem Kapital zu überziehen und zu kontrollieren. 

„Die kapitalexportierenden Länder haben, im übertragenen Sinne, die Welt unter sich verteilt.“ (LW 22, S. 249) 

Wohlgemerkt: die kapitalexportierenden Länder teilen die Welt unter sich auf, nachdem historisch einmal die Welt komplett aufgeteilt wurde. Wie geht diese Aufteilung unter den Riesen vor sich? Lenin beschreibt anhand der Konkurrenz der Monopole General Electrik und AEG wie eine solche Aufteilung konkret vor sich geht und schlussfolgert:

„Man versteht ohne weiteres, wie schwierig die Konkurrenz gegen diesen faktisch einheitlichen, die gesamte Welt umspannenden Trust ist, der über ein Kapital von mehreren Milliarden verfügt und seine ‚Niederlassungen‘, Vertretungen, Agenturen, Verbindungen usw. an allen Ecken und Enden der Welt hat. Aber eine Aufteilung der Welt unter zwei mächtige Trusts schließt natürlich eine Neuaufteilung nicht aus, sobald das Kräfteverhältnis – infolge der ungleichmäßigen Entwicklung, von Kriegen, Zusammenbrüchen usw. – sich ändert.“ (LW 22, S.252)

Es ist nicht so leicht in den Club der kapitalexportierenden Mächtigen und damit unter die Räuberbande zu kommen. Unmöglich ist es nicht, denn die Weltgeschichte verläuft nicht linear.  Aber festzuhalten ist:

Erstens erkennen wir die weltbeherrschenden Monopole und Staaten daran, in welchem Maße sie mit Finanzkapital ausgestattet sind und wie der Anteil des Kapitalexportes ist.

Zweitens: es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen der Abhängigkeit von einem Räuber und der allgemein existierenden gegenseitigen Abhängigkeit, die gelinde gesagt so wie es hier von Genossen der KKE formuliert wird, an Sinnentleerung des Begriffs Abhängigkeit grenzt.

Drittens ist es zwar möglich, aber nicht so einfach in den Club der Räuber zu kommen. Es stellen sich hier viele Fragen, wenn wir versuchen wollen die heutige Lage zu verstehen: ab welchem Maß an Finanzkapitalisierung kann man von Weltbeherrschung sprechen? Wie funktioniert heute das weit verzweigte Netz der Kontrolle der Weltökonomie durch ökonomische Mittel? Welche Bedeutung hat der Staat als ideeller Gesamtkapitalist und als Machtfaktor zum Schutz der eigenen Monopole und zur Kontrolle, Unterwerfung oder Zerstörung anderer Länder?

Imperialismus Ciao!

Ich will hier einen Zwischenstand formulieren, der noch einmal den Unterschied zwischen der Leninschen Darstellung und der der KKE zeigt:

Imperialismus ist nach Lenin die Beherrschung der Welt durch wenige Monopole und ihre Staaten. Die KKE argumentiert gegen die Vorstellung, dass wenige Staaten die Welt beherrschen und argumentiert, dass die Welt ein System gegenseitiger Abhängigkeiten ist. Das Bild der Pyramide dient meiner Ansicht nach nur dazu, die offensichtliche Schwäche dieser Argumentation zu kaschieren, weil es Hierarchien anerkennt und auch anerkennen muss, da diese sich offensichtlich schon bei einer einfachen Betrachtung der Welt aufdrängen.

„Die Position gegenüber einer ‚Handvoll Länder‘ definiert verschiedene Formen der Beziehungen zwischen den kapitalistischen Ländern, die durch Ungleichmäßigkeit gekennzeichnet sind, dies beschreibt die Pyramide, um die globale kapitalistische Ökonomie zu veranschaulichen. 

Vor allem stellte Lenin klar, dass der Imperialismus Monopolkapitalismus ist, dass er die globale kapitalistische Wirtschaft ist, dass er der Prolog für die sozialistische Revolution in jedem Land ist.“ (Papariga 2013)

Das schreibt Papariga nachdem sie Lenin allgemein anführt, um zu bestätigen, dass sich ein paar Länder durch ihr Finanzkapital in der Welt ausbreiten. Was aber heißt hier „verschiedene Formen der Beziehungen“? Das ist doch nichtssagend. Was genau soll die Pyramide hier verdeutlichen? Weltherrschaft? Nein! Da wird drumherum laviert, dass es einem vor lauter Unklarheit schwindelig wird. Dass der Imperialismus Monopolkapitalismus ist? Geschenkt. Daraus wird jedoch von anderen (siehe Sörensen 2019) abgeleitet, dass jedes Land mit Monopolen schon quasi imperialistisch ist. 

Meistens implizit, aber auch recht eindeutig an manch einer Stelle, argumentiert Papariga, dass alle Länder im Weltsystem imperialistisch seien, auch wenn sie hier schwammig wird. Diese implizite Behauptung findet sich in der Aussage der Wesensgleichheit der verschiedenen Entwicklungsstände.

„Die kapitalistischen Länder auf dem Gipfel sind nicht die einzigen, die eine imperialistische politische Linie umsetzen, die auf den unteren Ebenen tun dies auch, sogar diejenigen, die starke Abhängigkeiten von den stärkeren Mächten als regionalen und lokalen Mächten haben. Zum Beispiel ist die Türkei heute eine solche Macht in unserer Region, aber auch Israel, arabische Staaten und solche Kräfte, durch die sich Monopolkapital neues Terrain in Afrika, Asien, Lateinamerika erschließt, als Folge haben wir das Phänomen der Abhängigkeit und Verflechtung. Abhängigkeit. 

Die Abhängigkeit und Interdependenz der Volkswirtschaften sind natürlich nicht gleich und werden durch die wirtschaftliche Stärke jedes Landes sowie bestimmte andere militärpolitische Elemente bestimmt, je nach den besonderen Bindungen eines Bündnisses.“ (Papariga 2013)

Sie schreibt auch, dass die Entwicklung der Monopole „in gleicher Weise“ stattfindet, „wobei der Kapitalexport den Warenexport überwiegt.“ Das ist eine gewagte These, die faktisch belegt werden müsste, wenn das als „Wesen“ der Entwicklung auf alle Länder zutreffen soll. Lesen wir, was sie schreibt: 

„Die Geschichte zeigt, dass Monopole als Ergebnis der Kapitalkonzentration als Grundgesetz der heutigen Phase des Kapitalismus weltweit die allgemeine Tendenz sind und neben vorkapitalistischen Wirtschafts- und Eigentumsformen koexistieren können. Ende des 19. Jahrhunderts beschleunigte die Wirtschaftskrise die Entstehung von Monopolen, wie alle zyklischen Wirtschaftskrisen die Konzentration und Zentralisierung und die Entstehung mächtiger Monopole, die Reproduktion des Wettbewerbs auf höherem Niveau, beschleunigten. Die Entstehung von Monopolen und ihre Entwicklung, ihre Ausdehnung und Durchdringung vollzieht sich nicht in allen Ländern gleichzeitig, auch nicht in den Nachbarländern, aber durchaus in gleicher Weise, wobei der Kapitalexport den Warenexport überwiegt.“ (Papariga 2013)

Soweit so unklar, wie das gemeint ist. Was soll das heißen, dass in allen Ländern die Monopolisierung zwar nicht gleichzeitig, aber in gleicher Weise stattfindet? Was ist diese gleiche Weise? Etwa die ‚einfache‘ Feststellung, dass durch Kapitalakkumulation, damit Konzentration und Zentralisation, damit Monopolisierung stattfindet? Ja, aber das sagt ja noch nichts über das Verhältnis zu den existierenden weltbeherrschenden Monopolen aus? Müsste man nicht genau dieses Verhältnis aber in die Betrachtung einbeziehen, um zu zeigen, dass die Monopolisierung überall in gleicher Weisestattfindet? Findet also z.B. Monopolisierung in den USA in gleicher Weise statt wie in Zimbabwe? Wesensgleich im allerabstraktesten Sinne, aber nicht im Sinne der realen Machtverhältnisse. Da diese Widersprüche und Unklarheiten ihrer Aussagen so sehr auf der Hand liegen, geht sie direkt im nächsten Abschnitt auch darauf ein:  

„Das Entstehen und Erstarken von Monopolen, auch wenn sie sich auf mehrere Sektoren auf nationaler Ebene beschränken, verursacht Anarchie in der kapitalistischen Produktion als Ganzes. Dies war besonders charakteristisch für das 20. Jahrhundert und bis heute und im Ungleichgewicht der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion, dem Ungleichgewicht in Bezug auf die Entwicklung der verschiedenen Industriezweige. Das Ungleichgewicht bezieht sich nicht nur auf die Produktionssektoren, sondern auch auf das Ungleichgewicht bei der Implementierung und Nutzung von Technologie. Die Plünderungspolitik, die Politik der Annexionen, die Politik der Umwandlung von Staaten in Protektorate, die Politik der Zerstückelung von Staaten ist weder das Ergebnis politischer Unmoral seitens des starken Imperialisten noch eine Frage der Unterwürfigkeit und Feigheit seitens des starken Imperialisten der bürgerlichen Klasse des Landes, das Abhängigkeiten erlebt, aber ein dem Kapitalismus innewohnendes Problem des Kapitalexports und der Ungleichheit auf nationaler und internationaler Ebene.“ (Papariga 2013)

… Weltbeherrschung, Abhängigkeit, Unterwerfung etc. ist also weder der Unmoral der einen, noch der anderen Seite geschuldet. Das ist alles und es sagt nicht viel. Die Frage wird einfach nicht beantwortet, sondern mit einem Manöver, das signalisieren soll, dass man ja um die Machtverhältnisse wisse, umgangen. Die kapitalistische Entwicklung (sagen wir also Monopolisierung) findet in gleicher Weise statt, aber irgendwie auch nicht, weil die einen die Entwicklung der anderen durch Plünderung, Annexion, kriegerische Zerstörung etc. verhindern können? Also kann die Entwicklung aufgrund der Machtverhältnisse gar nicht in gleicher Weise stattfinden.

Leider wurde ich auch sonst nicht fündig, was eine wirkliche gute Argumentation der Frage der Abhängigkeit angeht und möchte es eigentlich auch bei der Erkenntnis belassen, dass erstens nicht nur ein anderes Bild von Imperialismus entworfen wird, sondern dass Imperialismus ersetzt wird durch das Bild eines kapitalistischen Systems gegenseitiger Abhängigkeiten in einer hierarchischen Weltordnung.

Ich würde zunächst dabei bleiben, dass „Der Imperialismus (…) die Epoche der fortschreitenden Unterdrückung der Nationen der ganzen Welt durch eine Handvoll ‚Groß’mächte (ist) (Anm.KB), (…)“[30] und in dieser Aussage „fortschreitende Unterdrückung“ unterstreichen.

Schwierigkeiten bei der Anwendung des Weltsystem-Ansatzes

Bevor wir darauf eingehen, welche Motivationen dieser Herangehensweise der KKE zugrunde liegen könnten, noch ein paar Worte über die Schwierigkeiten, die mit einer solchen Theorie einhergehen. In einem Interview beim Nachrichtenorgan der Kommunistischen Partei der Türkei (TKP) mit dem Vorsitzenden der Partei Kemal Okuyan[31], wird im Interview die Frage gestellt, ob Russland ein imperialistisches Land ist. Diese Frage muss in unterschiedlicher Weise wiederholt gestellt werden. Es wird darauf aber keine klare Antwort geben. Warum ist das so? Hier die Stelle aus dem Interview: 

Sehen Sie Russland als Teil der imperialistischen Welt? 

Der Imperialismus ist heute ein Weltsystem und alle kapitalistischen Ökonomien sind ein Teil davon. Und alle kapitalistischen Länder streben danach, dort eine stärkere Position zu erlangen, mehr Anteile zu bekommen. 

Bedeutet das, dass wir alle Länder als imperialistisch definieren? 
Nein. In unserer Zeit, in der der Monopolkapitalismus zur Regel geworden ist, sollten Begriffe wie Abhängigkeit jedoch mit Vorsicht verwendet werden. Ja, Ressourcen werden ständig in die mächtigsten imperialistischen Länder transferiert, aber hier gibt es nicht einmal einen Funken unschuldigen oder unterdrückten Kapitalismus. Jedes kapitalistische Land als imperialistisch zu bezeichnen, ist in jeder Hinsicht ein großer Fehler, so etwas kann es nicht geben. Es ist jedoch ein großer Fehler, eine Bewertung anhand eines einzelnen Parameters vorzunehmen, wie es manche tun. Imperialismus ist kein Begriff, den wir nur nach der Höhe des Kapitalexports oder der Macht des Finanzkapitals verwenden können. Imperialismus ist eine Position, die durch eine Reihe von Faktoren erreicht wird. Diese Faktoren sind zu komplex, um ein quantitatives Ranking der Länder zu ermöglichen. Es gibt keine konkrete Grenze oder Skala, anhand derer wir feststellen können, ob ein Land imperialistisch ist oder nicht. Wir müssen das wissen. Alle kapitalistischen Länder mit einem gewissen Entwicklungsstand neigen dazu, imperialistisch zu werden. einschließlich der Türkei. Ein Land als imperialistisch zu bezeichnen, erfordert jedoch letztlich einen politischen Ansatz. Ausführliche Thesen veröffentlichte die TKP vor Jahren, nach den parteiübergreifenden Debatten. Nachdem wir die wirtschaftlichen Dimensionen des Problems untersucht hatten, betonten wir, dass der Unterschied zwischen der Tendenz eines Landes, imperialistisch zu werden, und einer solchen Bezeichnung die Fähigkeit ist, in die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Prozesse anderer Länder einzugreifen und die Gleichgewichte in diesem Land zu verändern. Dies ist ein äußerst wichtiges Kriterium. (…)[32]Russlands Bankensystem ist sehr schwach; Argumente wie Russland liege weit hinten im Ranking der kapitalexportierenden Länder sind unzureichend und das Ergebnis einer extrem mechanischen Herangehensweise an den Begriff des Imperialismus. 

Fragen wir also, ist Russland imperialistisch? 
Die Kommunistische Partei der Türkei ist keine Denkfabrik, sie ist eine politische Partei. Wissenschaftlichkeit ist uns natürlich wichtig, keiner unserer politischen Ansätze kann auf der Verleugnung der objektiven Realität aufbauen. Einige Benennungen sind jedoch Gegenstand der Politik. Definitionen wie faschistisch und imperialistisch haben auch einige andere Konsequenzen. Wir vermeiden es, diese Konzepte willkürlich zu verwenden. Wir werden keine Haltung einnehmen, die die Existenz und die Gefahr, die vom US-Imperialismus und seinen Verbündeten in der Türkei und der Region ausgeht, mindern wird. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Der italienische Imperialismus ist keineswegs unschuldig, er ist eine Tatsache. Wenn wir jedoch über die imperialistischen Länder in Europa sprechen, sprechen wir in erster Linie über den deutschen, britischen und französischen Imperialismus. Diese Wahl kann nicht allein nach wirtschaftlichen Kriterien getroffen werden. Wir sprechen von einer rein politischen Transaktion. Russland ist ein imperialistisches Land, wenn wir die Politik etwas zurücknehmen wollen. Die TKP sagt jedoch in ihrer politischen Arbeit, dass die Konfrontation in der Ukraine heute ein Kampf um die Hegemonie im imperialistischen System ist, sagt aber nicht ausdrücklich den russischen Imperialismus.“

Ich habe dieses Interview hier so ausführlich zitiert, weil ich meine, dass man aus den Antworten des Genossen Okuyan sehr gut herauslesen kann, mit welchen Problemen man in der konkreten Anwendung des Schemas des Weltsystem-Ansatzes der KKE konfrontiert wird. Ist es tatsächlich unnötig oder unwissenschaftlich, wenn die Frage gestellt wird, ob ein Land imperialistisch ist? Widerspricht es wirklich der Erkenntnis, dass der Kapitalismus als Ganzes in seiner imperialistischen Phase ist? Es ist absolut richtig, dass wir nicht Länder willkürlich als imperialistisch oder faschistisch bezeichnen sollten. Und auch ist es meiner Ansicht nach sehr richtig, dass wir die Welt nicht nur nach wirtschaftlichen Kriterien beurteilen können. Diese Einseitigkeit wäre reiner Ökonomismus. Ich finde den Ansatz der TKP interessant, dass ein Land danach beurteilt werden soll, ob es dazu in der Lage ist, andere Länder zu verändern. Es müsste aber erstens konkretisiert werden, was mit ‚Veränderung eines anderen Landes‘ gemeint ist und zweitens wenn erklärt werden würde, was mit ‚Tendenz‘ gemeint ist. Alles in Allem ist mein Eindruck, dass die Aussagen des Genosse Okuyan wie aus einer Art Korsett der Vorsicht anhören. Ob und warum das so ist, sollten wir herausfinden.

In den Thesen der TKP zum Imperialismus[33] fehlt es zwar teilweise auch an Stringenz und Klarheit, aber insgesamt finde ich sie sehr hilfreich für unsere Diskussion. These 7 dürfte für uns besonders interessant sein, wenn es um die konkreten Diskussionen geht: die Frage danach, wann wir von „imperialistischen Ländern“ sprechen, wird beantwortet mit: „Ein imperialistisches Land ist ein Land, das in einem hierarchischen Weltsystem im Endstadium der kapitalistischen Entwicklung die Fähigkeit hat, die ökonomische, politische, militärische, ideologische und kulturelle Dynamik anderer konstituierender Länder der Struktur zu beeinflussen und zu steuern. Die Tendenz, solche Beziehungen herzustellen, ist nicht gleichzusetzen mit der Fähigkeit, solche Beziehungen konkret herzustellen. Es ist immer das zweite Kriterium, das für die Definition eines imperialistischen Landes gilt. Deshalb sollte die Frage, ob ein bestimmtes Land imperialistisch ist oder nicht, am Ende einer konkreten Analyse immer mit einer politischen Perspektive beantwortet werden.“

Heißt das, dass die TKP diejenigen Länder als imperialistische Länder bezeichnet, die den höchstmöglichen Reifegrad des Imperialismus erreicht haben und aufgrund dieser Reife ganz konkret die Geschicke (…) anderer Länder steuern? Und um genau zu sein, müsste man das Verb ‚steuern‘ unterstreichen und abgrenzen von ‚steuern könnten‘. Heißt es, dass die Länder, die das zwar aufgrund ihrer Potenz könnten, aber nicht tun, nicht imperialistisch sind? 

Ich meine, dass die TKP mit ihren Thesen stellenweise im Widerspruch zu den Vorstellungen eines hierarchischen Weltsystems gegenseitiger Abhängigkeiten kommt, auch wenn sie sehr stark versucht die Argumente dieses Ansatzes zu übernehmen. Eine mögliche Kritik drückt sich z.B. in der These 18 gut aus: „Man ist gut beraten, Analysen zu vermeiden, die zwar die Charakteristika des Imperialismus als ein die ganze Welt durchdringendes System und die von jedem Land in einer bestimmten Phase des Kapitalismus übernommenen imperialistischen Rollen betonen, aber die imperialistische Hierarchie selbst trivialisieren. Das Phänomen der imperialistischen Hegemonie als grundlegendes Element der imperialistischen Hierarchie sollte nicht unterbewertet und die Verflechtung zwischen antiimperialistischen Kämpfen und sozialistischer Revolution nicht geschwächt werden.“[34] Bei mir löst das zumindest eine Assoziation aus mit den Stellungnahmen der KKE zum laufenden Militäreinsatz Russlands in der Ukraine und zu den allgemeinen Texten, die ich hier diesbezüglich angeführt habe. Werden dabei nicht etwa die Machtverhältnisse zwischen den Kontrahenten ‚trivialisiert‘? Oder ist die Tatsache des Besitzes der Atomwaffe ein Ausgleich dieser Machtverhältnisse? Alles Fragen, mit denen wir uns in der gesamten Bewegung und nicht nur in der KO auseinandersetzen müssen.

Wie Genosse Okuyan im Interview mit SoL-Haber sagt, ist es auch politisch von höchster Relevanz, z.B. in Bezug auf konkrete Kriege, genau zu bestimmen Wer Wen und wie die Politik der eigenen Bourgeoisie im Verhältnis zur Macht und zur Aggression steht: „Wir werden keine Haltung einnehmen, die die Existenz und die Gefahr, die vom US-Imperialismus und seinen Verbündeten in der Türkei und der Region ausgeht, mindern wird.“ Ich werde weiter unten argumentieren, warum es die Gefahr der NATO und des deutschen Imperialismus mindert, wenn Kommunisten heute nicht den Aggressor, in Falle des gegenwärtigen Krieges die USA und die führenden NATO-Staaten, eindeutig und klar benennen und sogar in die allgemeine Propaganda eines „russischen Angriffskrieges“ einstimmen. Um das aber tun zu können, müssen wir schon genaue Analysen machen und erstens den Charakter der beteiligten Staaten genau erfassen und zweitens den konkreten historischen Verlauf der Entwicklungen, die zu einem Krieg geführt haben, verstehen. Relativierungen bezüglich der tatsächlichen Verhältnisse mit spitzfindigen Argumenten, die sich auf Abhängigkeit oder Hierarchien beziehen und die besagen, dass ja alles im Fluß sei und man nicht so absolute Aussagen machen soll, sind dabei nicht nur nicht hilfreich, sondern politisch äußerst fraglich.

Der Weltsystem-Ansatz als Argument gegen den Opportunismus?

Wie kommt es nun dazu, dass die KKE so sehr darauf besteht, dass man die Welt nicht als eine Welt von „einseitigen Abhängigkeiten“ verstehen soll, dass man nicht mehr von „unterdrückenden und unterdrückten Ländern“ sprechen kann? Wer die entsprechenden Texte und Dokumente liest, dem wird schnell klar, dass die Motivation, die Weltordnung so zu beschreiben, aus der Absicht herrührt den Opportunismus zu kritisieren, der wiederum mit der Begründung, das eigene Land sei ein kolonisiertes, ein unterdrücktes, ein abhängiges Land, eine Zusammenarbeit mit der eigenen Kapitalistenklasse oder Teilen davon propagiert.

Es geht also um den Opportunismus, den wir weiter oben schon behandelt haben: die Politik der Klassenzusammenarbeit mit der eigenen Bourgeoisie zwecks Zurückdrängung der Macht der imperialistischen Mächte, von denen das eigene Land abhängig ist – abgesehen davon in welchem Grad. Wie wir gesehen haben, wird eine solche Perspektive durch den tatsächlichen Widerspruch zwischen den unterdrückenden und unterdrückten Ländern erzeugt, da auch die eigene Bourgeoisie zumindest zeitweise oder teilweise das Potential besitzt, sich gegen diese Abhängigkeitsverhältnisse zur Wehr setzen zu wollen. Der Opportunismus besteht meiner Ansicht nach nicht in der taktischen Bündnispolitik im nationalen Kampf um Unabhängigkeit (im schlimmsten Falle um die Abwehr von totaler Zerstörung und Unterwerfung durch Krieg), sondern in der strategischen Orientierung auf ein Bündnis mit der eigenen Bourgeoisie und damit einhergehend die Aufgabe einerseits des Kampfes gegen die eigene Bourgeoisie als ganze Klasse und andererseits die Aufgabe der Strategie der revolutionären Umwälzung der Verhältnisse durch eine sozialistische Revolution. Wir kennen diesen Opportunismus auch in ähnlicher Form, nur nicht bezogen auf nationale Abwehrkämpfe gegen imperialistische Unterwerfung, sondern als antimonopolsistische Bündnisvorstellung. Aber darum soll es hier nicht gehen. Mit diesen strategischen Bündnisvorstellungen geht die Vorstellung einer Verschiebung der Zielstellung Sozialismus zugunsten einer Zwischenetappe einher, entweder der Etappe der nationalen Befreiung oder der Etappe einer antimonopolistischen Demokratie. In der Epoche des faulenden und verfallenden Kapitalismus, also in der Epoche des Imperialismus, nicht die Epoche der proletarischen Revolution zu erkennen, welches eine strategische Orientierung auf den revolutionären Umsturz der Kapitalistenklasse einschließt, heißt die Haupttendenz dieser Epoche nicht zu erkennen. Wiederum aber nicht zu erkennen, dass die nationalen Befreiungskämpfe in den unterdrückten Ländern ein Bestandteil der proletarischen Revolution sind, heißt auch die Aufgabe der Arbeiterklasse in den unterdrückenden Nationen in eben dieser Epoche nicht wahrzunehmen. Diese Aufgabe besteht in der unverbrüchlichen praktischen Solidarität eben mit diesen Befreiungskämpfen[35].

Nun ist es absolut richtig und relevant den Opportunismus zu bekämpfen, aber um das zu tun, kann man nicht die materielle Grundlage aus der dieser Opportunismus erwächst einfach wegtheoretisieren. Ja! Dieser Opportunismus entsteht aus den Widersprüchen, die ich oben besprochen habe. Aber man kann ihn doch nicht bekämpfen, indem man behauptet, es gäbe diese Widersprüche nicht, hier konkret den Widerspruch zwischen unterdrückenden und unterdrückten Ländern. 

Wäre alle diese Kritik nicht auch mit den Leninschen Bestimmungen des Imperialismus möglich? Zu erkennen und zu kritisieren, dass die Widersprüche, die das imperialistische System mit sich bringt, notwendigerweise falsche Vorstellungen und Illusionen schaffen und dass darauf eine opportunistische Politik aufgebaut werden kann, ist Aufgabe von Kommunisten. Wir lösen das Problem aber nicht, wenn wir die Widersprüche, die diese Illusionen erzeugen, voluntaristisch wegdefinieren, sondern indem wir sie offenlegen und die Perspektive des Klassenkampfes unter eben diesen widersprüchlichen Bedingungen aufmachen und eine revolutionäre Strategie und Taktik ableiten, die diese Widersprüche berücksichtigt.

Offensichtlich geht es der KKE darum, die Positionen zu bekämpfen, die die Klassenverhältnisse ausblenden und daraus der Arbeiterklasse eine strategische Bündnisorientierung mit der eigenen Bourgeoisie machen. Aber warum reicht es nicht, die Klassenverhältnisse zu berücksichtigen und eine revolutionäre Strategie zu formulieren ohne die Möglichkeit taktischer Manöver wie z.B. ein zeitweises Bündnis unter bestimmten historischen und nationalen Bedingungen, auszuschließen? Widerspricht eine solche Herangehensweise nicht dem historischen Materialismus in der Analyse und den Grundsätzen des Wissenschaftlichen Kommunismus? Unsere Einsicht ist doch, dass die materiellen Bedingungen bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgen, aber die Entwicklung nicht linear verläuft, sondern real immer die besonderen Bedingungen bestimmend für den konkreten Kampf sind. Es mag sein, dass in Griechenland ein Bündnis mit der nationalen Bourgeoisie heute in jedem Fall ein Fehler wäre, aber ist es das auch für andere Länder zu allen Zeiten? Warum wird daraus ein allgemeines Prinzip gemacht?

Meiner Ansicht nach widerspricht eine solche Sichtweise dem Wissenschaftlichen Kommunismus und den Lehren, die wir aus der Geschichte der Kämpfe der internationalen Arbeiterbewegung und der nationalen Befreiungsbewegungen ziehen können.

Es ist möglich, dass die KKE aus den Erfahrungen des Kampfes und die Niederlage der EAM[36] und später der DSE[37](Demokratische Armee Griechenlands) und die Bündnispolitik mit der griechischen Bourgeoisie und der bitteren Niederlage der Kommunisten in diesem Kampf, also ihre ‚Entwaffnung‘ mit der Folge der harten Repression gegen sie – zu diesem Schluss gekommen ist, dass das eine grundsätzlich falsche Orientierung sein muss. Das bestätigt auch der Beitrag von Makis Mailis aus dem Jahre 2012, auch in der KOMEP erschienen[38].

Diese Analysen der KKE sind für die internationale kommunistische Bewegung äußerst nützlich und von großer Bedeutung, wie auch viele andere Beiträge der KKE, was den Kampf gegen Opportunismus und die eigenständige Organisation der Arbeiterklasse angeht.

Den Opportunismus bekämpfen, das ist eine unbedingte Pflicht der Kommunisten. Den Kampf gegen den Opportunismus können wir aber nur wirksam führen, wenn wir uns davor hüten, aus einer richtigen konkreten Kritik eine allgemein fehlerhafte Schlussfolgerung zu ziehen. Diese Schlussfolgerungen – in unserem Fall der Abschied von der Vorstellung einer imperialistischen Weltordnung – müssen Gegenstand der kollektiven Auseinandersetzung innerhalb der kommunistischen Bewegung sein, aber auch unbedingt öffentlich vor der gesamten internationalen Arbeiterklasse geführt werden.

Imperialismus und Krieg

Wie kommen wir zu einer Charakterisierung des aktuellen Krieges?

Eine der Hauptfragen, die im Raum steht ist, ob der vor unseren Augen sich abspielende Krieg ein imperialistischer Krieg ist. Aber was meint „imperialistischer Krieg“? Sagen wir erst einmal, was diese Beschreibung nicht meint: es meint nicht einen bzw. jeden Krieg, der im imperialistischen Stadium des Kapitalismus stattfindet. Ein imperialistischer Krieg ist nicht dadurch definiert, dass er im Rahmen des Imperialismus (manchmal wird stattdessen „Monopolkapitalismus“ geschrieben, wie z.B. im Joint Statement Punkt 2 siehe Link oben) stattfindet. Ein imperialistischer Krieg ist dadurch definiert, dass er erstens von Imperialisten und / oder zweitens zwecks Durchsetzung imperialistischer Ziele geführt wird. Im Zeitalter des Imperialismus gibt es aber auch nationale Kriege, da die Epoche des Imperialismus, wie oben schon gesagt, eine Epoche der „fortschreitenden Unterdrückung“ von Nationen ist. 

Wie ich oben gezeigt habe, ist es zunächst die Aufgabe der Stunde, unser Verständnis von Imperialismus aufbauend auf einer historisch-materialistischen Analyse zu schärfen. Offensichtlich sind einige Koordinaten in der Bewegung entweder nicht mehr vorhanden und/oder sind untauglich, um das reale Geschehen zu erklären und/oder es fehlt eine konkrete Anwendung der Begriffe auf die heutige Zeit. Jedenfalls gibt es viel Dissens. Wir werden aber nicht bestimmen können, ob es sich bei einem konkreten Krieg um einen imperialistischen Krieg handelt, wenn wir nicht die Frage des Imperialismus in seiner konkreten historischen Erscheinungsform beantworten. Wer meint, sich auf prinzipielle Antworten in Bezug auf historisch-konkrete Fragen ausruhen zu können, irrt gewaltig.

Genausowenig und aus den selben Gründen können wir, meiner Ansicht nach, nicht die Frage des aktuellen Krieges mit den allgemeinen Positionen zum Krieg oder mit konkreten Analysen zum Ersten Weltkrieg beantworten. Wenn Genossen zu dieser Frage Lenins Analysen des Ersten Weltkrieges zitieren, müssten sie also in diesem Zusammenhang zeigen, warum diese Gleichsetzung beider Kriege richtig ist. Sie müssten die Bedingungen, die beteiligten Staaten, die Geschichte des Krieges und das heißt, die der Politik der beteiligten Länder, die zu diesem Krieg geführt hat analysieren und ihre Schlüsse daraus ziehen. Mir scheint, dass häufig übersehen oder überlesen wird, dass Lenin vom „gegenwärtigen“ Krieg oder dem „jetzigen Krieg“ spricht. Natürlich gibt es auch Verallgemeinerungen bei Lenin, aber diese beziehen sich häufig auf allgemeine Fehler, wie z.B. dass es keine fortschrittlichen Kriege mehr der entwickelten bürgerlichen Klassen in den überreifen imperialistischen Staaten mehr geben kann, weil diese schon (! Anfang des 20. Jahrhunderts wohlgemerkt) reaktionäre seien.

Ich möchte hier zunächst kurz darlegen, welche Positionen das sind, die von Lenin[39], von den Bolschewiki und anderen Revolutionären entwickelt wurden. Vielleicht lässt sich unsere Diskussion dadurch qualifizieren.

Lenin und die Frage des Krieges

Der Hintergrund der Entwicklung der klassenbewussten und revolutionären Positionen, die wir von Lenin, Liebknecht, Luxemburg und anderen kennen, ist der Revisionismus / Opportunismus der II. Internationale, der Verrat an der Arbeiterklasse durch sozialchauvinistische Antworten bezüglich des vor sich gehenden Krieges. Auch ist die Stärke der Arbeiterbewegung, der hohe Grad der Organisierung der Arbeiterklasse in Deutschland, aber auch in Russland und weltweit, ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Entwicklung einer richtigen Haltung zum Krieg. Des Weiteren war die Frage, wie die imperialistischen Großmächte und ihre Stellvertreter bzw. die mit ihnen verbündeten, aber abhängigen Staaten aufgestellt waren, weitestgehend geklärt – siehe Imperialismusschrift von Lenin.

Die Positionen, die wir u.a. in der Schrift von Lenin „Sozialismus und Krieg“ (LW 21, S.295 ff) kennen, sind vor diesem Hintergrund zu verstehen. Welche Positionen sind das? 

  • grundsätzlich wird ein Unterschied zwischen der allgemeinen Haltung der Kommunisten zum Krieg und der pazifistischen Haltung gemacht:
    „Es hat in der Geschichte manche Kriege gegeben, die trotz aller Greuel, Bestialitäten, Leiden und Qualen, die mit jedem Krieg unvermeidlich verknüpft sind, fortschrittlich waren, d. h. der Entwicklung der Menschheit Nutzen brachten, da sie halfen, besonders schädliche und reaktionäre Einrichtungen (z. B. den Absolutismus oder die Leibeigenschaft) und die barbarischsten Despotien Europas (die türkische und die russische) zu untergraben. Wir müssen daher die historischen Besonderheiten eben des jetzigen Krieges untersuchen.“ (LW 21, S.299)
  • die Kriege in der Epoche des Imperialismus können nicht mit den gleichen Maßstäben beurteilt werden wie die Kriege in der Epoche des Konkurrenz-Kapitalismus bzw. die Epoche des aufsteigenden Kapitalismus. Warum? Weil die Phase der bürgerlich-demokratischen Revolutionen zwecks Zurückdrängung der alten Klassen beendet ist. Gemeint ist das in Bezug auf die Staaten, die eine Reife in ihrer kapitalistischen Entwicklung erreicht haben, das sind die imperialistischen Staaten. „Sprachen die Sozialisten im Hinblick auf die Kriege einer solchen  Epoche von der Berechtigung des „Verteidigungs“krieges, so hatten sie stets gerade diese Ziele, das heißt die Revolution gegen Mittelalter und Leibeigenschaft im Auge. Die Sozialisten verstanden unter einem „Verteidigungs“krieg stets einen in diesem Sinne „gerechten“  Krieg (wie sich Wilhelm Liebknecht einmal ausdrückte).“ (LW 21, S.300/301)
  • In der Epoche des Imperialismus kann es auch „gerechte“ Kriege geben, das sind die Kriege der unterdrückten, abhängigen Staaten gegenüber den sie unterdrückenden imperialistischen Großmächten. „Wenn zum Beispiel morgen Marokko an Frankreich, Indien an England, Persien oder China an Rußland usw. den Krieg erklärten, so wären das ‚gerechte‘ Kriege, ‚Verteidigungskriege‘, unabhängig davon, wer als erster angegriffen hat, und jeder Sozialist würde mit dem Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten über die Unterdrücker, die Sklavenhalter, die Räuber – über die ‚Groß’mächte sympathisieren.“ (LW 21, S.301)
  •  ein imperialistischer Krieg aber sei ein Krieg zwischen den Räubern, den „Sklavenhaltern“ und könne von Kommunisten nicht als fortschrittlich angesehen werden. Unter solchen Umständen sei es völlig egal, wer zuerst angegriffen habe, wer aggressiver sei und wer in der Verteidigungsposition. Hierbei muss die Arbeiterklasse stets versuchen, den Krieg in einen Bürgerkrieg für die sozialistische Revolution umzuwandeln. (u.a. siehe LW 21, S. 301)

Unter der Überschrift „Der gegenwärtige Krieg ist ein imperialistischer Krieg“ erläutert Lenin unmissverständlich, was er unter einen imperialistischen Krieg versteht. Wie wir sehen, hängt das genau mit der Frage zusammen, die wir unter den Abschnitten oben diskutiert haben.

„Fast alle erkennen an, daß der heutige Krieg ein imperialistischer Krieg ist, aber zumeist verfälscht man diesen Begriff oder wendet ihn jeweils nur auf eine Seite an oder unterstellt schließlich trotzdem die Möglichkeit, daß dieser Krieg die Bedeutung eines bürgerlich-fortschrittlichen, eines nationalen Befreiungskrieges haben könne. Der Imperialismus stellt die erst im 20. Jahrhundert erreichte höchste Entwicklungsstufe des Kapitalismus dar. Dem Kapitalismus ist es zu eng geworden in den alten Nationalstaaten, ohne deren Bildung er den Feudalismus nicht stürzen konnte. Der Kapitalismus hat die Konzentration bis zu einem solchen Grade entwickelt, daß ganze Industriezweige von Syndikaten, Trusts, Verbänden kapitalistischer Milliardäre in Besitz genommen sind und daß nahezu der ganze Erdball unter diese ‚Kapitalgewaltigen‘ aufgeteilt ist, sei es in der Form von Kolonien, sei es durch die Umstrickung fremder Länder mit den tausendfachen Fäden finanzieller Ausbeutung. Der Freihandel und die freie Konkurrenz sind ersetzt durch das Streben nach Monopolen, nach Eroberung von Gebieten für Kapitalanlagen, als Rohstoffquellen usw. Aus einem Befreier der Nationen, der er in der Zeit des Ringens mit dem Feudalismus war, ist der Kapitalismus in der imperialistischen Epoche zum größten Unterdrücker der Nationen geworden. Früher fortschrittlich, ist der Kapitalismus jetzt reaktionär geworden, er hat die Produktivkräfte so weit entwickelt, daß der Menschheit entweder der Übergang zum Sozialismus oder aber ein jahre-, ja sogar jahrzehntelanger bewaffneter Kampf der ‚Groß’mächte um die künstliche Aufrechterhaltung des Kapitalismus mittels der Kolonien, Monopole, Privilegien und jeder Art von nationaler Unterdrückung bevorsteht.“ (LW 21, S.301/302)

Wahrscheinlich wird der Inhalt dieses Zitates von Lenin vielen, die den gegenwärtigen Krieg im Jahre 2022 ohne vorherige konkret-historische Analyse als imperialistischen Krieg bezeichnen, aus der Seele sprechen. Hier ist jedoch Vorsicht geboten: die Aussagen sollten erstens genau und zweitens im Kontext der gesamten Zeit und aller unterschiedlichen Schriften gelesen werden. Ich werde im Folgenden ausführlicher Lenin zitieren, um zu zeigen, wie sehr man sich selbst betrügen kann, wenn man hier und da das zusammenpickt, was einem selbst gut in die Argumentation passt. Verbleiben wir aber kurz bei den Aussagen von Lenin. Auch aus diesem Zitat spricht eine klare Sprache bezüglich der Abhängigkeits- und Machtverhältnisse. Weiter heißt es, dass der „Kapitalismus“, also dieses System der privaten Aneignung gesellschaftlicher Erzeugnisse und Reichtümer, „zum größten Unterdrücker der Nationen“ geworden ist und das drücke sich in einem „bewaffneten Kampf der ‚Groß’mächte“[40] um die Erhaltung dieser Herrschaftsverhältnisse aus.

Um hier nicht den Raum zu sprengen, werde ich jetzt nicht noch den Resolutionsentwurf der Zimmerwalder Linken (LW 21, S.348 ff), geschrieben am 2.September 1915 zitieren, aber darauf hinweisen, dass diese Resolution, die häufig als Grundlage genommen wird, um allgemeine Leitlinien für Kommunisten in der Beurteilung von Kriegen zu formulieren, noch einmal gründlich untersucht werden sollte. Jedenfalls hoffe ich, dass die folgenden Aussagen, die ich hier anführe, hilfreich sein werden, um eine einseitige Lektüre zu vermeiden.

Im Juli 1916 schreibt Lenin eine Kritik an der so genannten „Junius-Broschüre“ (LW 22, S. 310 ff), die Rosa Luxemburg kurz zuvor unter dem Titel „Die Krise der Sozialdemokratie“[41] veröffentlicht hatte. Bevor ich aber auf die Kritik von Lenin eingehe, muss dazu gesagt werden, dass dieser Text von Rosa Luxemburg ein höchst lesenswerter Text ist, dessen Bedeutung und Richtigkeit durch die Kritik von Lenin kaum geschmälert wird. Das wird Lenin selbst nicht müde zu betonen. Für unsere Auseinandersetzung heute aber ist die Kritik, die Lenin an den Fehlern der Broschüre hat, äußerst spannend, deshalb führe ich sie an. Im Kern geht es dabei darum, wie man aus den Analysen und Schlussfolgerungen bezüglich des Ersten Weltkrieges falsche Verallgemeinerungen machen kann, die dem Geist des Wissenschaftlichen Kommunismus widersprechen. Lenin betont wie richtig es sei, dass Junius (zu dem Zeitpunkt wusste Lenin nicht, dass Junius ein Pseudonym von Rosa Luxemburg war) die Parole eines ‚nationalen Krieges‘ in Bezug auf den Ersten Weltkrieg, der imperialistischen Charakter hatte, zurückweist. Er meint aber zwischen den Zeilen eine potentielle Verallgemeinerung dieser These in dem Sinne herauszulesen, dass es in der imperialistischen Epoche überhaupt keine nationalen Kriege mehr geben könne. Auf die Gefahr hin, dass er Junius zu Unrecht kritisiere, sei es dennoch wichtig diese Kritik zu formulieren, weil er diese Gefahr der Verallgemeinerungen auch bei anderen Sozialdemokraten (damals kein Schimpfwort) beobachten würde. 

Was beinhaltet die Kritik Lenins?

Der erste mögliche Fehler ist, dass die Unmöglichkeit nationaler Kriege damit begründet wird, dass jeder Krieg letztendlich in einen imperialistischen Krieg umschlagen muss, weil es in der Epoche des Imperialismus keinen Flecken Erde mehr gibt, der nicht von den imperialistischen Großmächten aufgeteilt wäre und somit diese Mächte notwendigerweise darin verwickelt seien. 

„Die Unrichtigkeit dieses Arguments ist augenfällig. Selbstverständlich ist es ein Grundsatz der marxistischen Dialektik, daß alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind, daß es keine einzige Erscheinung gibt, die nicht unter gewissen Bedingungen in ihr Gegenteil umschlagen könnte. Ein nationaler Krieg kann in einen imperialistischen umschlagen und umgekehrt. Ein Beispiel: Die Kriege der Großen Französischen Revolution begannen als nationale Kriege und waren auch solche. Diese Kriege waren revolutionär, sie dienten der Verteidigung der großen Revolution gegen eine Koalition konterrevolutionärer Monarchien. Als aber Napoleon das französische Kaiserreich errichtete und eine ganze Reihe seit langem bestehender, großer, lebensfähiger Nationalstaaten Europas unterjochte, da wurden die nationalen französischen Kriege zu imperialistischen, die nun ihrerseits nationale Befreiungskriege gegen den Imperialismus Napoleons erzeugten.“ (LW 22, S. 314, Hervorh. von Lenin)

Für unsere heutige Auseinandersetzung wird folgende weitsichtige Formulierung relevant sein: auch ein imperialistischer Krieg kann also in einen nationalen Krieg umschlagen? Es ist sicherlich eine Herausforderung und dazu noch eine große Verantwortung diese Frage bezüglich konkreter kriegerischer Auseinandersetzungen zu beantworten. Man kann sie nur nicht – so hier die Quintessenz der Aussage – allgemein oder mit den Ergebnissen der Analyse anderer Kriege zu anderen Zeiten unter anderen historischen Bedingungen beantworten. Deshalb ist es auch meiner Ansicht nach sehr falsch, heute auf die Analyse des Ersten Weltkrieges zu verweisen, wenn es um die Frage der Einschätzung des heutigen Krieges geht.

Zwei Faktoren, die es als eher unwahrscheinlich erscheinen ließen, dass der Erste Weltkrieg in einen nationalen Krieg umschlagen könne, seien, so Lenin, erstens das Proletariat, das in diesem Krieg objektiv danach strebt, den Krieg in eine sozialistische Revolution, also in einen Bürgerkrieg gegen die Kapitalistenklassen der imperialistischen Ländern umzuwandeln und dass die beteiligten imperialistischen Staaten sich nur unwesentlich voneinander unterscheiden würden. Aber auch hier argumentiert Lenin gegen vorschnelle Statements und gegen Verabsolutierungen. Für uns sind seine Ausführungen deshalb von Interesse, weil sie uns potentiell helfen, aus dem schablonenhaften Denken herauszukommen. Wenn das Proletariat ohnmächtig wäre, so Lenin, wenn der Krieg (wohlgemerkt der innerimperialistische Krieg) zur Versklavung von Kriegsparteien führen würde, wenn also eine Seite eine andere Kriegspartei unterwerfen würde usw. und so fort, dann wäre sogar ein nationaler Krieg in Europa möglich. 

Ich belasse es hierbei und überlasse es unseren weiteren kollektiven Auseinandersetzungen aus diesen Zitaten hier zu lernen, wie eine Anwendung des Wissenschaftlichen Kommunismus aussehen könnte.

Hier aber erstmal Lenin im Original:

„Daß der gegenwärtige imperialistische Krieg, der Krieg von 1914 bis 1916, in einen nationalen Krieg umschlägt, ist deshalb in hohem Grade unwahrscheinlich, weil die Klasse, in der sich die Vorwärtsentwicklung verkörpert, das Proletariat ist, das objektiv danach strebt, diesen Krieg in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie umzuwandeln, ferner aber auch deshalb, weil die Kräfte beider Koalitionen sich nur unerheblich voneinander unterscheiden und das internationale Finanzkapital überall eine reaktionäre Bourgeoisie geschaffen hat. Aber man kann ein solches Umschlagen nicht für unmöglich erklären: wenn das Proletariat Europas auf 20 Jahre hinaus ohnmächtig bliebe; wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endetewennder außereuropäische Imperialismus (der japanische und der amerikanische in erster Linie) sich ebenfalls noch 20 Jahre halten könnte, ohne, z. B. infolge eines japanisch-amerikanischen Krieges, in den Sozialismus überzugehen, dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich. Das wäre eine Rückentwicklung Europas um einige Jahrzehnte. Das ist unwahrscheinlich. Es ist aber nicht unmöglich, denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.“ (LW 22, S. 315, Hervh. von Lenin)

Von Lenin lernen, heißt den Realitäten, ohne Angst vor unbequemen Schlussfolgerungen, in die Augen zu sehen. Mit Realitäten sind die konkret vor sich gehenden historischen Vorgänge gemeint. Besonders hervorheben will ich die Frage der Passivität („Ohnmacht“) des Proletariats, die Lenin hier als einen wesentlichen Faktor anführt. Das heißt ja, wenn ich das richtig verstehe, wenn die Arbeiterklasse nicht in der Lage sein sollte einen Krieg in einen Bürgerkrieg gegen die eigene Bourgeoisie zu verwandeln, um die sozialistische Revolution zu vollziehen und die Diktatur des Proletariats zu errichten, dann könnte der Krieg in einen nationalen Krieg (in Europa!) umschlagen, wenn die Unterwerfung des entsprechenden Landes drohen würde?

Ich möchte, wie oben schon gesagt, Lenin an dieser Stelle ausführlich zitieren. Im folgenden Beispiel erklärt Lenin wie der Beistand eines imperialistischen Staates in einem nationalen Krieg gegen einen anderen imperialistischen Staat, dann als nationaler Krieg zu werten ist, wenn die Rivalität zwischen den Imperialisten weniger Gewicht hat, als der Befreiungskrieg der Nation gegen die Unterdrückung durch einen Imperialisten.

„Ein Beispiel: England und Frankreich haben im Siebenjährigen Krieg um Kolonien gekämpft, d.h. einen imperialistischen Krieg geführt (der ebenso auf der Basis der Sklaverei und der Basis des primitiven Kapitalismus wie auf der gegenwärtigen Basis des hochentwickelten Kapitalismus

möglich ist). Frankreich wird besiegt und verliert einen Teil seiner Kolonien. Einige Jahre später beginnt der nationale Befreiungskrieg der nordamerikanischen Staaten gegen England allein. Frankreich und Spanien, die selbst noch Teile der heutigen Vereinigten Staaten besitzen, schließen aus Feindschaft gegen England, d. h. aus ihren imperialistischen Interessen heraus, einen Freundschaftsvertrag mit den Staaten, die sich gegen England erhoben haben. Französische Truppen schlagen zusammen mit den amerikanischen die Engländer. Wir haben es hier mit einem nationalen Befreiungskrieg zu tun, in dem die imperialistische Rivalität ein hinzugekommenes Element ohne ernste Bedeutung ist – im Gegensatz zu dem, was wir im Kriege 1914-1916 sehen (das nationale Element im Österreichisch-Serbischen Krieg hat keine ernste Bedeutung im Vergleich mit der alles bestimmenden imperialistischen Rivalität). Daraus ist ersichtlich, wie sinnlos es wäre, den Begriff Imperialismus schablonenhaft anzuwenden und aus ihm die ‚Unmöglichkeit‘ nationaler Kriege zu folgern. Ein nationaler Befreiungskrieg beispielsweise eines Bündnisses von Persien, Indien und China gegen diese oder jene imperialistischen Mächte ist durchaus möglich und wahrscheinlich, da er sich aus der nationalen Befreiungsbewegung dieser Länder ergeben würde, wobei das Umschlagen eines solchen Krieges in einen imperialistischen Krieg zwischen den jetzigen imperialistischen Mächten von sehr vielen konkreten Umständen abhinge, für deren Eintreten zu bürgen lächerlich wäre.“ (LW 22, S. 316)

Und schließlich geht Lenin noch einen Schritt weiter, um jegliches Schablonendenken zurückzuweisen und stellt die These auf, dass es sogar denkbar wäre, dass es in Europa nationale Kriege geben könne. Das könnte z.B. (Konjunktiv! Beispiel!) ein Krieg vonseiten der kleineren europäischen Mächte gegen die „imperialistischen“ (!) Mächte sein. Von besonderer Bedeutung ist, wie ich finde, der Hinweis auf das „eigentümlich Politische“ in Bezug auf Österreich. Wir sollten wirklich versuchen dieses Herangehen, diese Art der Anwendung des Wissenschaftlichen Kommunismus zu erlernen. Was ist das besondere Merkmal eines Staates, was sind die besonderen Bedingungen und immer wieder: erst verstehen, dann urteilen, dann kämpfen. Aber lesen wir erstmal wieder, was Lenin zur Möglichkeit eines nationalen Krieges unter den gegebenen Bedingungen in Europa schreibt:

„Drittens darf man selbst in Europa nationale Kriege in der Epoche des Imperialismus nicht für unmöglich halten. Die „Ära des Imperialismus“ hat den jetzigen Krieg zu einem imperialistischen gemacht, sie wird unweigerlich (solange nicht der Sozialismus kommt) neue imperialistische Kriege erzeugen, sie hat die Politik der jetzigen Großmächte zu einer durch und durch imperialistischen gemacht, aber diese ‚Ära‘ schließt keineswegs nationale Kriege aus, z. B. von Seiten der kleinen (nehmen wir an, annektierten oder national unterdrückten) Staaten gegen die imperialistischen Mächte, wie sie auch im Osten Europas nationale Bewegungen in großem Maßstab nicht ausschließt. Betreffs Österreichs z.B. hat Junius ein sehr gesundes Urteil, da er nicht nur das ‚Ökonomische‘, sondern auch das eigentümlich Politische in Betracht zieht, die ‚innere Lebensunfähigkeit Österreichs‘ hervorhebt und feststellt, daß‚ die Habsburgische Monarchie nicht die politische Organisation eines bürgerlichen Staates, sondern bloß ein lockeres Syndikat einiger Cliquen gesellschaftlicher Parasiten‘ darstellt und daß die ‚Liquidierung Österreich-Ungarns historisch nur die Fortsetzung des Zerfalls der Türkei und zusammen mit ihm ein Erfordernis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses‘ ist. Mit einigen Balkanstaaten und mit Rußland steht es nicht besser. Und unter der Voraussetzung einer starken Erschöpfung der ‚Groß’mächte in diesem Krieg oder unter der Voraussetzung des Sieges der Revolution in Rußland sind nationale Kriege, sogar siegreiche, durchaus möglich. Die Einmischung der imperialistischen Mächte ist in der Praxis nicht unter allen Umständen durchführbar, das einerseits. Wenn man anderseits aber so ‚ins Blaue hinein‘ urteilt, der Krieg eines kleinen Staates gegen einen Giganten sei aussichtslos, so ist darauf zu sagen, daß ein aussichtsloser Krieg auch ein Krieg ist; überdies können gewisse Erscheinungen im Innern der ‚Giganten‘, z. B. der Ausbruch einer Revolution, einen ‚aussichtslosen‘ Krieg sehr ‚aussichtsreich‘ machen.“ (LW 22, S. 316/317, Hervorhebung Lenin)

Zuallerletzt möchte ich das vorerst letzte Zitat Lenins in die Diskussion einbringen, um einen weiteren Aspekt der Bedeutung unserer – hoffentlich bald beginnenden und hoffentlich ernsthaften – Auseinandersetzungen hervorzuheben. Es geht um das Potential oder die Gefahr eines bornierten Dogmatismus, der in Chauvinismus umschlagen kann und dessen objektive Grundlage wiederum die bestochenen Teile der internationalen Arbeiterklasse vor allem in den imperialistischen Großmächten und in den mit ihnen historisch-konkret verbündeten Ländern ist. Dabei geht es um eine Sichtweise, die die Position einnimmt, dass es keine anderen Kriege mehr geben könne als reaktionäre Kriege, außer sie seien der Krieg des Proletariats gegen die Kapitalistenklasse, also die Position, die die Möglichkeit nationaler Kriege im Zeitalter des Imperialismus in allgemeiner und dogmatischer Weise ausschließt.

„Wir sind nicht nur deshalb so ausführlich auf die Unrichtigkeit der Behauptung, daß es ‚keine nationalen Kriege mehr geben kann‘, eingegangen, weil sie offensichtlich theoretisch falsch ist. Es wäre natürlich sehr traurig, wenn die ‚Linken‘ in einer Zeit, in der die Gründung der III. Internationale nur auf dem Boden des nicht vulgarisierten Marxismus möglich ist, der Theorie des Marxismus gegenüber einen Mangel an Sorgfalt bekunden würden. Aber auch in praktisch-politischer Hinsicht ist dieser Fehler sehr schädlich, denn daraus wird die unsinnige Propaganda für

die ‚Entwaffnung‘ abgeleitet, da es angeblich keine anderen Kriege mehr geben könne als reaktionäre; daraus wird die noch unsinnigere und direkt reaktionäre Gleichgültigkeit den nationalen Bewegungen gegenüber abgeleitet. Eine solche Gleichgültigkeit wird zum Chauvinismus, wenn Angehörige der europäischen ‚großen’ Nationen, d. h. der Nationen, die eine Masse kleiner und kolonialer Völker unterdrücken, mit hochgelehrter Miene erklären: ‚Nationale Kriege kann es nicht mehr geben!‘ Nationale Kriege gegen imperialistische Mächte sind nicht nur möglich und wahrscheinlich, sie sind unvermeidlich, sie sind fortschrittlich und revolutionärobgleich natürlich zu ihrem Erfolg entweder die Vereinigung der Anstrengungen einer ungeheuren Zahl von Bewohnern unterdrückter Länder (Hunderte Millionen in dem von uns angeführten Beispiel Indiens und Chinas) erforderlich ist oder eine besonders günstige Konstellation der internationalen Lage (z. B. die Lähmung einer Einmischung imperialistischer Mächte infolge ihrer Schwächung, ihres Krieges, ihres Antagonismus u. dgl. m.) oder der gleichzeitige Aufstand des Proletariats einer der Großmächte gegen die Bourgeoisie (dieser in unserer Aufzählung letzte Fall ist der erste vom Standpunkt des Wünschenswerten und für den Sieg des Proletariats Vorteilhaften).“ (LW 22, S. 317/318 Hervorhebungen Lenin)

Kommunisten und der gegenwärtige Krieg

Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn auf die gegenwärtigen Ereignisse mit einer gewissen Gelassenheit und Selbstsicherheit reagiert wird, vor allem dann, wenn offensichtlich keine Analyse der Lage vorgenommen wurde. Wenn Akteure in der Bewegung mit sehr allgemeinen Urteilen aufwarten, die nichts anderes als allgemeine Parolen zum Imperialismus / Kapitalismus und zur proletarischen Revolution beinhalten, dann frage ich mich, ob sie nicht merken, dass sie völlig an der Sache vorbeireden und letztendlich nur zu sich selbst im Sinne einer Selbstvergewisserung sprechen.

Aber gut. Es stellen sich ganz konkrete praktische Fragen in Bezug auf den gegenwärtigen Krieg. Hier nur ein paar Schlaglichter:

  • in welcher Weise und mit welchen Parolen kann die Arbeiterklasse unter den unterschiedlichen nationalen Bedingungen kämpfen? 
  • ist die Parole „Raus aus der NATO“ in Deutschland genauso richtig oder ausreichend wie z.B. in Griechenland? Ist der deutsche Imperialismus außerhalb der NATO eine noch größere Bedrohung und potentiell eigenständig aggressiver? 
  • In welchen Ländern könnte die Verteidigung der Grenzen eine nicht im Sinne der „Vaterlandsverteidigung“ der Bourgeoisie, also nationalistisch-völkisch verhetzt, sondern der Verteidigung der nationalen Sicherheit relevant werden.
  • Wie wird gerade der Pazifismus hierzulande zum Instrument in den Händen der kriegführenden Regierung? Wie müssen sich Kommunisten dazu verhalten?

Die Debatte innerhalb der KO bekam eine praktische Relevanz, als es um die Frage ging, ob wir uns auf bestimmte Parolen einigen können. Das mag so aussehen als hätte die Tatsache, dass wir das bis jetzt nicht konnten, keine gesellschaftliche Relevanz, weil die KO so klein und die Bewegung so isoliert etc. ist. Meiner Ansicht nach ist diese Wahrnehmung aber falsch. Von der Konsequenz her gedacht, ist die Handlungsunfähigkeit nichts anderes als eine Art der Neutralisierung der Arbeiterklasse durch den Klassenfeind bzw. in seinem Interesse, denn in diesem Fall musste der Feind nicht viel dafür tun. 

Wir konnten uns also nicht darauf einigen, unseren Kampf auf den Hauptfeind in unserem Land, den deutschen Imperialismus und damit auch auf die NATO, weil unser Hauptfeind ein gewichtiger Teil dieses Bündnisses ist, zu konzentrieren. Der Einwand war, dass das nur möglich sei, wenn wir auch den Militäreinsatz Russlands in der Ukraine als einen Angriffskrieg bzw. als einen aggressiven imperialistischen Akt benennen. Hätten wir uns darauf geeinigt, wäre das schlechter gewesen als einfach nur nichts zu sagen. Warum? Weil wir damit aktiv die Propaganda des Klassengegners unterstützt hätten. Ja, wir hätten wahrscheinlich einiges an Zuspruch auf der Straße und sonstwo bekommen. Genau das sollte uns alarmieren, bei der chauvinistischen Verhetzung, die gerade auf offensichtlich fruchtbarem Boden fällt. Wahrscheinlich hätten wir aber auch gerade die Teile der Arbeiterklasse nicht erreicht, die noch nicht von dieser Verhetzung ergriffen sind.

Fragen wir aber, warum Genossen in der Organisation und in der Bewegung so vehement darauf bestehen, dass der russische Militäreinsatz verurteilt wird. Besteht die Sorge, dass große Teile der Arbeiterklasse in Deutschland sich unter die Flagge Russlands stellen könnten? Geht es darum, eine agitatorische Taktik anzuwenden? Oder geht es darum, Wahrheiten zu verkünden? Gibt es nicht die Sorge, dass wir dadurch möglicherweise in die gleiche Kerbe schlagen, wie die bürgerlichen Medien in Deutschland und dem politischen „Westen“?

Zu glauben, dass es irgendjemanden zurzeit interessiert, ob wir zusätzlich zur Verurteilung Russlands auch allgemein gegen Krieg sind (was meiner Ansicht nach keine kommunistische Position sein kann) oder ob wir die NATO kritisieren, ist recht naiv. Für die Kriegspropaganda ist doch vor allem wichtig, dass alle einstimmen, wenn es um die Hauptstoßrichtung in ihrem Sinne geht, also gegen Russland. Es ist am Ende des Tages sogar wünschenswert, wenn so viele unterschiedliche Teile der Gesellschaft sich endlich einig sind – von links bis rechts alle gegen Russland und sogar die allerradikalsten Kommunisten sind dabei. Ich meine, dass man mit ein bisschen Klasseninstinkt und einem Hauch Gespür dafür, was sich in dieser Gesellschaft gerade an reaktionärem Potential zusammenbraut, erkennen müsste, dass es in so einer Situation besser ist, wenn man den Mund hält, anstatt auch nur eine Silbe Schützenhilfe für die Kriegspropaganda zu leisten. Gerade dann, wenn man nicht einmal in der Lage ist, die Arbeiterklasse so zu erreichen, dass man ihr die Differenzierungen und „Wenns und Abers“ seiner Stellungnahmen vermitteln kann. 

Ich kann nur sagen: zum Glück haben wir als Organisation bisher lieber geschwiegen oder noch besser Selbstkritik geübt. So leisten wir zwar auch eine Art Dienst für den Klassengegner, indem wir uns selbst neutralisieren, aber wir nehmen das ernst und arbeiten an uns.

Die internationale kommunistische Bewegung sollte diesen Krieg im Sinne eines Paukenschlags sehr ernst nehmen. Wie die letzten Jahrzehnte gezeigt haben, haben Kriege eine immense Sprengkraft – gerade dann, wenn keine soliden Grundlagen für die Orientierung der internationalen Bewegung geschaffen sind. Wie wir sehen können, ringen viele Kommunisten um die richtigen Positionen, um die richtige Haltung zum gegenwärtigen Krieg. Im schlimmsten Fall führt dieses Ringen um die richtige revolutionäre Linie zum Auseinanderfallen von bestehenden Strukturen, zum Zerfall und zur Zersetzung der Gesamtbewegung.

Deshalb plädiere ich dafür organisiert, diszipliniert und kollektiv, selbstkritisch und vor allem sachlich-konkret und wissenschaftlich an die Arbeit zu gehen und zu versuchen die Arbeit zu leisten, die geleistet werden muss, um eine richtige kommunistische Position und Haltung zu diesem Krieg zu entwickeln. Wir haben die Ressourcen dafür, nichts und niemand steht uns im Weg, wir müssen es nur tun. 


[1] Ich werde im Folgenden das Imperialismusverständnis der KKE als Weltsystem-Ansatz bezeichnen, weil ich meine, dass die Überbetonung, wenn nicht sogar die Verabsolutierung des Weltsystems als Struktur wesentlich für diesen Ansatz ist. Dazu weiter unten mehr. Dieser Ansatz ist zwar nicht zu verwechseln mit der Weltsystem-Analyse, die vor allem von Immanuel Wallerstein begründet wurde, jedoch sind einige Ähnlichkeiten festzustellen, denen man nachgehen könnte. Die Aufteilung der Welt in drei Hauptschichten „Zentrum“, „Semiperipherie“ und „Peripherie“, die durch hierarchische interdependente Verhältnisse gekennzeichnet sind, wird häufig auch in einer Art Dreieck bzw. Pyramidenform dargestellt.

[2] Diskussionsbeitrag Genosse Sörensen (SKP) Januar 2019: https://kommunistische-organisation.de/diskussion/zur-frage-des-imperialismus-on-the-question-of-imperialism/

[3] https://kommunistische-organisation.de/diskussion/tkp-thesen-zum-imperialismus-entlang-der-achse-von-russland-und-china-2017/

[4] http://solidnet.org/article/Urgent-Joint-Statement-of-Communist-and-Workers-Parties-No-to-the-imperialist-war-in-Ukraine/

[5] http://www.solidnet.org/article/CP-of-the-Russian-Federation-Letter-from-the-CPRF/

[6] https://www.wsj.com/articles/SB10001424127887324767004578488212012776272

[7] “… the Western objective must be to leave Russia profoundly weakened and militarily crippled, incapable of renewing such an onslaught, isolated and internally divided until the point that an aging autocrat falls from power.“  https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2022/03/strategy-west-needs-beat-russia/626962/

[8] Was der erste Generalsekretär der NATO, Lord Ismay in Bezug auf SU und Deutschland als strategische Zielstellung der NATO formulierte, gilt bis heute zugeschnitten auf Russland: https://www.nato.int/cps/en/natohq/declassified_137930.htm

[9] auch hier wird genauer zu klären sein, was überhaupt mit diesem Weltsystem gemeint ist bzw. welche unterschiedlichen Vorstellungen es davon gibt 

[10] im vorliegenden Text ist weder Platz für genauere Ausführungen zur Kriegstheorie, noch habe ich dazu die nötige Vorbereitung und müsste das erst leisten. Es sei hier nur auf gewisse scheinbare Widersprüche verwiesen, die bei unseren Diskussionen für Konfusion gesorgt haben. Einige Genossen glauben, dass ein aggressiver oder gewaltvoller Akt nicht Teil einer Verteidigung sein kann und schlussfolgern aus den einzelnen Aktionen ein allgemeines Urteil darüber, dass es sich hierbei um einen Angriffskrieg Russlands handelt. Das ist eine sehr oberflächliche Betrachtung. Ein Angriff und damit auch der Einsatz offensiver militärischer Mittel kann durchaus ein integraler Bestandteil der Verteidigung sein. Hierzu lohnt es sich, – und das tut es auch in vielerlei anderer Hinsicht für Revolutionäre – Clausewitz zu lesen. Siehe S. 232-235 https://www.clausewitz.com/readings/VomKriege1832/_VKwholetext.htm#6-1

[11] http://www.solidnet.org/article/Urgent-Joint-Statement-of-Communist-and-Workers-Parties-No-to-the-imperialist-war-in-Ukraine/

[12] http://www.politische-oekonomie.org/Lehrbuch/kapitel_21.htm

[13] https://www.youtube.com/watch?v=xZay4Y9ilF8

[14] https://kommunisten.de/marx-linke/marxistische-linke-ev/8461-marxistische-linke-zum-krieg-russlands-gegen-die-ukraine

[15] http://multipolare-welt-gegen-krieg.org/

[16] So und nicht anders sind die Formulierungen in unseren Programmatischen Thesen zu verstehen. https://kommunistische-organisation.de/programm-thesen/4-der-imperialismus/

[17] es wäre lohnenswert hier mal eine Recherche zu machen, um zu sehen welche Teile der Bewegung in diese Richtung tendieren. Eine Richtung, die ich gefährlich finde. Ich meine eine solche Sichtweise bei den Freidenkern wahrgenommen zu haben.

[18] https://www.youtube.com/watch?v=_4KcI-upk54

[19] Wenn alles nach Plan läuft, werde ich in einem weiteren Beitrag diese Gedanken ausführlicher darlegen.

[20] Aleka Papariga: On Imperialism – the Imperialist Pyramid, 2013 in: https://inter.kke.gr/de/articles/On-Imperialism-The-Imperialist-Pyramid/ – zu diesem Zeitpunkt war Aleka Papariga Mitglied des ZK der KKE – übersetzt mit Google – geprüft durch K.Bina, da englische Quelle (das ist leider bei den Artikeln in griechischer Sprache nicht möglich gewesen – siehe weiter unten)

[21] http://interold.kke.gr/News/2008news/2008-1-aleka/index.html

[22] ebd. Die Formulierung mit der Unterwürfigkeit unter dem liberalen Standpunkt lässt sich besser nachvollziehen, wenn man weiß, dass sie vorher folgendes dazu geschrieben hat: „In Europa identifizieren die Opportunisten Imperialismus mit Deutschland und dem, was sie den dogmatischen autoritären liberalen Standpunkt nennen.“

[23] aber auch hier möchte ich dazu anregen, dass das eine der Felder ist, die wir uns noch erschließen müssen. Möglicherweise fühlen sich Genossinnen und Genossen hier angeregt, das zu tun.

[24] ebd.

[25] ebd.

[26] Eine solche Sichtweise vertritt Genosse Sörensen von der SKP (Kommunistische Partei Schweden). Er argumentiert, dass alle kapitalistischen Länder letztlich imperialistische Länder sind, weil Kapitalismus gleich Kapitalakkumulation gleich Konzentration und Zentralisation des Kapitals gleich Monopolisierung und irgendwann Kapitalexport und irgendwie beteiligt an der Aufteilung der Welt. Diese Sichtweise ist eine komplette Relativierung dessen, was Imperialismus bedeutet, da hier alle am Beutemachen beteiligt werden. Diskussionsbeitrag Genosse Sörensen von der SKP 2019: https://kommunistische-organisation.de/diskussion/zur-frage-des-imperialismus-on-the-question-of-imperialism/

[27] Vasilis Opsimos in KOMEP 2/17 https://www.komep.gr/m-article/I-TIEORIA-TOY-LENIN-GIA-TON-IMPERIALISMO-KAI-OI-DIASTREBLOSEIS-TIS/  – Übersetzt aus dem Griechischen mit Google – Überprüfbarkeit durch K.Bina nicht gegeben

[28] Alle Lenin-Zitate hier aus Leninwerke Band 22, Dietz Verlag Berlin 1971 – Digitalisierte Version abrufbar unter https://marx-wirklich-studieren.net/

[29] auch hierzu gibt es in unseren Reihen Dissens, den wir noch nicht bearbeitet haben. Inwiefern dieser Dissens mit den unterschiedlichen Vorstellungen vom Imperialismus im Allgemeinen zusammenhängt oder nur zufällig mit der Position der „gegenseitigen Abhängigkeiten im Weltsystem“ einhergeht, kann ich noch nicht beurteilen.

[30] Lenin 1915: Sozialismus und Krieg, Leninwerke Band 21, Dietz Verlag Berlin 1960, S.318

[31] Interview mit Okuyan auf SoL-Haber: https://haber.sol.org.tr/haber/soylesi-kemal-okuyan-yanitladi-rusya-ukrayna-savasi-nereye-evriliyor-328854

[32] In der Übersetzung steht hier „Sir“, was keinen Sinn macht. Im Türkischen beginnt der Satz mit „Efendim“, was ich hier eher mit „Sehen Sie“ oder „Sieh mal“ übersetzen würde. Ich habe es aber zugungsten der Lesbarkeit lieber rausgenommen.

[33] https://kommunistische-organisation.de/diskussion/tkp-thesen-zum-imperialismus-entlang-der-achse-von-russland-und-china-2017/

[34] ebenda

[35] Die Frage, was wir unter nationalem Befreiungskampf verstehen, muss an anderer Stelle behandelt werden. Auch das würde hier den Rahmen des Beitrages sprengen. Aber diese Fragen müssen uns im Zusammenhang mit der Imperialismusdiskussion beschäftigen, weil auch hier einige Genossen die Gefahr eines „Etappismus“ sehen, der auf nationale Befreiungskämpfe bezogen und kritisiert wird.

[36] Nationale Befreiungsfront und EAS, bewaffneter Arm der EAM, die während des Zweiten Weltkrieges gegen den Faschismus kämpfte und 1945 im Abkommen von Varkiza größtenteils die Waffen streckte. Die KKE hat in einer Reihe von Analysen und Forschungen diese Politik als falsch ausgewertet und bewertet diese im Zusammenhang mit der Politik der SU bezüglich „Normalisierung“ des Verhältnisses zu den imperialistischen Ländern nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus. Dazu folgender Lesetipp: Rede von Eleni Bellou 2019 in Istanbul, damals Mitglied des Politbüros der KKE, der sich genau mit der Frage der Fehler der KKE in Fragen der Zusammenarbeit mit der griechischen Bourgeoisie befasst: 
https://inter.kke.gr/en/articles/Conclusions-from-KKEs-armed-struggle-during-WWII-and-from-the-struggle-of-DSE-Democratic-Army-of-Greece-through-the-scope-of-the-strategy-of-the-international-communist-movement/

[37] Demokratische Armee Griechenlands war die bewaffnete Armee der KKE, die nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus ab 1946 als DSE den bewaffneten Kampf gegen die Regierung bis zu ihrer Niederlage 1949 fortsetzte.

[38] Makis Mailis in KOMEP 2/12 https://www.komep.gr/m-article/O-NIKOS-ZAXARIADIS-MESA-APO-TO-DOKIMIO-ISTORIAS-TOY-KKE-B-TOMOS-1949-1968

[39] Fast alle Beiträge Lenins zur Frage Imperialismus und Kriege sind im Band 21 der Leninwerke zu finden

[40] Warum Lenin an mehreren Stellen ‚Groß‘ in Anführungszeichen setzt, ist mir nicht klar. Ich vermute, dass er damit eine positive Zuschreibung im Sinne von „Größe“ relativieren bzw. herabsetzen oder ironisieren wollte.

[41] Luxemburg, Rosa: Die Krise der Sozialdemokratie. Erstveröffentlicht Zürich 1916 In: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4 (6. überarbeitete Auflage), Berlin 2000, S. 51-164. oder unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1916/junius/

Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland

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Von Philipp Kissel

  • Russland ist mit der Militäroperation einem Angriff der Ukraine und der NATO zuvorgekommen und handelt, um sich zu verteidigen.
  • Die NATO rehabilitiert den Faschismus, um einen Feldzug und die Aufrüstung gegen Russland umsetzen zu können. 
  • Eine Gleichstellung Russlands und der NATO als zwei mehr oder weniger gleiche Seiten ist falsch und führt die Arbeiterklasse in die Irre.
  • Die Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine ist im Interesse der Arbeiterklasse Russlands und der Ukraine und des internationalen Proletariats, um zu verhindern, dass sie zu einem Rammbock der NATO gegen Russland gemacht wird.
  • Es handelt sich um eine konkrete, partielle und zeitweise Interessensüberschneidung zwischen der nationalen Bourgeoisie Russlands und dem Proletariat, nicht um eine Identität dieser Interessen.

Einleitung

Teil 1: Zur Kritik am „Joint Statement“

Teil 2: Zu den Ereignissen und ihrer Einschätzung

I.      2019/2020: Vorlauf – Ukraine wird NATO-Partner

II.     Anfang 2021: Der militärische Angriff auf die Volksrepubliken und die Krim wird eingeleitet

III.     Die Vorbereitungen werden seitens der NATO in Europa konkretisiert

IV.    Januar 2022: Ablehnung der russischen Vorschläge – Aufrüstung und Truppenverlegung der NATO

V.     Februar 2022: EU- „Krisendiplomatie“ ohne Ergebnisse

VI.    15. Februar: Duma-Beschluss zur Anerkennung der VR

VII.        Selenskijs München-Rede und Anerkennung der Volksrepubliken

VIII.       Die NATO setzt Angriffspläne fort, Russland beginnt mit Militäroperation

IX.     Schlussfolgerungen

Einleitung

Dieser Text besteht aus zwei Teilen.

Im ersten Teil wird eine Kritik am „Joint Statement“ (JS) einiger Kommunistischen Parteien geübt. Im zweiten Teil versuche ich die Ereignisse darzulegen und einzuschätzen. Damit will ich meine Einschätzung begründen und transparent darlegen und meine Kritik am JS untermauern. Ohne eine genaue Betrachtung der konkreten Ereignisse und ihrer Entwicklung können wir nicht die richtigen Fragen stellen und nicht zu den richtigen Schlüssen kommen.

Die Einschätzung der Entwicklung braucht sowohl eine konkrete Analyse als auch eine damit zusammenhängende Reflexion auf theoretischer Ebene. Zu den Problemen der Imperialismusanalyse, die sich auch anhand der Ereignisse zeigen, will ich einen weiteren Text schreiben.

Zur Einschätzung der Ereignisse und ihrer Vorgeschichte im zweiten Teil habe ich versucht, einige Daten und Fakten in einen zeitlichen Zusammenhang zu stellen, um die Dynamik der Entwicklung zu verstehen. Die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, habe ich in Kurzform an den Anfang gestellt und am Ende noch einmal ausgeführt.

Ich bin kein Experte und mir fehlen viele Quellen und vertiefte Kenntnisse. Ich möchte hiermit zunächst versuchen, meine politische Einschätzung zu belegen. Es ist notwendig, weitere Informationen, Ausarbeitungen, Artikel, etc. zu lesen, um die Entwicklung zu verstehen. Deshalb möchte ich meine Schlussfolgerungen explizit zur Diskussion stellen und der Kritik unterziehen.

Selbstkritisch muss ich feststellen, dass ich viele der hier aufgeführten Entwicklungen vor allem der NATO-Aggression zwar wahrgenommen, aber ihre Bedeutung unterschätzt und insofern nicht ausreichend verstanden habe. Das ist ein Fehler, der mit einer mangel- und fehlerhaften Theorie bzw. allgemeineren politischen Imperialismusanalyse zusammenhängt.

Der Text besteht aus Fragmenten von Ereignissen und Entwicklungen. Er müsste anhand der Stränge, die sich daraus ergeben, durchgearbeitet werden. Beispielsweise müsste der Strang des (gescheiterten) Versuchs der Russischen Föderation (RF), Kiew zur Umsetzung des Minsker Abkommens zu bewegen genauer untersucht und dargestellt werden.

Für den Zweck, einer vorläufigen Erklärung der Entwicklung ist eine Veröffentlichung dennoch sinnvoll. Es handelt sich aber auch deshalb um einen Diskussionsbeitrag, da in der Diskussion Korrekturen, Ergänzungen, andere Fakten, etc, eingebracht werden können. Es wird mit Sicherheit in der nächsten Zeit Ausarbeitungen zu den Ereignissen geben, die man dann nutzen sollte. Als Grundlage wurden verschiedene Dokumente genutzt, darunter vorhandene Chronologien, Studien der IMI, jW-, UZ- und RT-Artikel, sowie einzelne Artikel weiterer Medien. Zum Teil sind sie eingebaut. Ich habe an einigen Stellen eine Überprüfung bzw. Vertiefung der in Artikeln gemachten Angaben vorgenommen, an einigen Stellen noch nicht.

Teil 1: Zur Kritik am „Joint Statement“

Am 03.03.22 haben die Kommunistische Partei Griechenlands, der Türkei, Spaniens (PCTE) und Mexikos eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht, die im weiteren Verlauf von mehreren Kommunistischen Parteien unterzeichnet wurde. Die Stellungnahme und eine Anfrage der KP der Russischen Föderation befinden sich in einem zum Text zusammen gestellten Reader. (http://www.solidnet.org/article/Urgent-Joint-Statement-of-Communist-and-Workers-Parties-No-to-the-imperialist-war-in-Ukraine/)

Ich möchte eine Kritik am Joint Statement (JS) vornehmen, da es zum einen falsche Positionen zu den Ereignissen darstellt. Diese waren meiner Ansicht nach bereits in Stellungnahmen zu vorherigen Ereignissen, vor allem zu Kasachstan sichtbar. Zum anderen, weil in unserer Organisation verständlicherweise das JS auf Zustimmung gestoßen ist. Das liegt daran, dass viele der unterzeichnenden Parteien als uns ideologisch nahestehend bzw. wir ihnen nahestehend wahrgenommen werden. Unabhängig davon, ob das so ist, muss Kritik ausgesprochen und klar formuliert werden. Das erfordert nicht nur der Klärungsprozess, sondern gehört meiner Ansicht nach zum guten Umgang zwischen Kommunisten dazu.

Ausgangspunkt des JS ist der „Imperialistische Krieg“. Die Überschrift lautet „Nein zum imperialistischen Krieg in der Ukraine“. Damit wird eine nicht explizit ausgeführte Assoziation zum ersten Weltkrieg gemacht, den Lenin und die Bolschewiki als imperialistischen Krieg bezeichnet haben. Ist diese Analogie zutreffend? Aus meiner Sicht nicht. Heute besteht eine andere Situation, andere internationale Verhältnisse als 1914. Die Analogie mit dem ersten Weltkrieg unterschätzt die Dominanz und die Macht der USA und ihrer Verbündeten, dem Westen. Mit der Überschrift wird bereits ein Ergebnis einer Analyse vorweggenommen, deren wichtigste Aussage ist, dass es sich um gleiche Seiten handelt, die ihre Konkurrenz austragen. Diese Gleichsetzung ist aus meiner Sicht falsch und hat Konsequenzen. Es wird auch nicht geklärt, was unter einem imperialistischen Krieg zu verstehen ist und ob beispielsweise die Angriffskriege der USA gegen Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, etc. ebenfalls so bezeichnet werden.

In These 1 wird ausgeführt, dass die unterzeichnenden Parteien sich gegen den „imperialistischen Konflikt in der Ukraine“ stellen, der als eine der Folgen der Situation bezeichnet wird, die durch den Sturz des Sozialismus und die Auflösung der Sowjetunion entstanden sei. Damit wird nicht die unmittelbare Ursache des Kriegs beschrieben, sondern eher ein größerer Zusammenhang, der aber auch nicht ausgeführt wird. Wird damit angedeutet, dass mit dem Sturz des Sozialismus Russland als imperialistisches Land entstanden ist, das nun einen imperialistischen Krieg führt? Das müsste dann aber explizit ausgesprochen werden und begründet werden. Ist das eine adäquate Beschreibung der Entwicklung der RF? Heißt das dann einfach nicht-sozialistisch ist gleich imperialistisch? Ab wann und entsprechend welcher Kriterien wird ein Land, in dem Fall die RF, als imperialistisch bezeichnet? Diese Fragen bleiben offen bzw. werden implizit in der JS postuliert.

Es werden bürgerliche und opportunistische Kräfte kritisiert, die nun bloßgestellt seien, weil sie Jahre lang das Ende der Sowjetunion gefeiert hätten, aber die Tatsache verschwiegen hätten, dass mit der Restauration des Kapitalismus der Abbau der Errungenschaften der Arbeiterklasse bedeutete und die Völker der UdSSR zurück in die Ära der Klassenausbeutung und imperialistischen Kriege gebracht hätte. Es ist natürlich richtig, solche Kräfte zu kritisieren. Aber welche genau sind gemeint? Und müsste man sie nicht viel schärfer angreifen, weil sie zu Teilen der herrschenden NATO-Propaganda oder teilweise sogar der aktiven Kriegspolitik geworden sind? Die Aussage bleibt ungenau und unklar.  

In These 2 wird ausgeführt, dass die Entwicklungen in der Ukraine auf dem „Boden des Monopolkapitalismus“ stattfinden würden. Sie stünden in Verbindung mit dem Vorhaben der USA, der NATO und der EU und deren Eingreifen in der Region, sowie mit dem „erbitterten Konkurrenzkampf zwischen ihnen und dem kapitalistischen Russland um die Kontrolle der Märkte, Rohstoffe und Transportnetze der Ukraine“. Es ist davon auszugehen, dass „imperialistischer Krieg“ als Kampf um Rohstoffe, Märkte, Transportnetze verstanden wird. Aus meiner Sicht ist das keine richtige Analyse der Ursache des Kriegs. Es wird von einer allgemeinen Definition des Monopolkapitalismus die Behauptung aufgestellt, dass das der Grund für die Ereignisse sei, ohne dass dafür Tatsachen angeführt werden, Fragen und offensichtliche Widersprüche erklärt werden. Der Grund für den Krieg wird auf ökonomische Fragen reduziert und damit eben nicht erklärt. Der Begriff Monopolkapitalismus beschreibt das ökonomische Wesen des Imperialismus, auf dieses kann man aber nicht alle Aspekte verschiedener Ereignisse reduzieren. Vor allem aber sagt die Benennung des Rahmens oder der Epoche noch nicht viel über den Charakter konkreter einzelner Länder, Staaten, Nationen aus. Auch nichts über den konkreten Charakter des Krieges, der von vielen Besonderheiten geprägt sein muss, die aber für das Urteil über dessen Charakter absolut notwendig sind. Dieser Aufgabe, den konkreten Charakter des Krieges und der beteiligten Länder zu erklären, wird das JS nicht gerecht.

Die Reduzierung beziehungsweise Abstraktion von den tatsächlichen Ursachen ermöglicht allerdings die Gleichsetzung „beider Seiten“. Denn da die Russische Föderation ein kapitalistischer Staat ist, scheint es einleuchtend, dass es um Märkte, Rohstoffe, etc. geht. Es ist bestimmt so, dass russische Oligarchen Interessen an den Gas-Pipelines, Rohstoffen etc. der Ukraine haben. Aber das ist nicht der Grund für die Militäroperation. Zudem ist es auch auf der Ebene der ökonomischen Konkurrenz nicht einfach ein Kampf zwischen zwei gleichen Seiten. Auch hier besteht eine deutliche Übermacht der USA und EU und sie müssen mit Mitteln der Spaltung, Aggression, faschistischer Kräfte, etc. vorgehen, um Länder wie die Ukraine aus ihren regionalen Zusammenhängen zu reißen und an sich zu binden. Die NATO und die EU wollen die Ukraine außerdem nur als Anhängsel im Sinne einer verlängerten Werkbank, um billige Arbeitskräfte auszubeuten und als Rohstofflieferanten, aber nicht als Konkurrenten mit eigener industrieller Basis. Sie fördern deshalb Kräfte im Land, die die Produktivkräfte schwächen und ihnen schaden. Es ist also, abgesehen davon, dass es nicht die konkrete Ursache der Auseinandersetzung ist, nicht richtig ein Bild von zwei gleichen Seiten darzustellen.

Die Missachtung der Tatsachen, die etwas mit der Eskalation zu tun haben, drückt sich in den nächsten Aussagen aus. Diese „Bestrebungen“ (nach Kontrolle der Märkte, Rohstoffe und Transportnetze) würden von den „sich widerstreitenden imperialistischen Mächten“ mit Vorwänden verschleiert. Die Vorwände werden aufgezählt: „Verteidigung der Demokratie“, „Selbstverteidigung“, „Recht auf freie Bündniswahl“, „Einhaltung der UN- oder OSZE-Prinzipien“, „Angeblicher Faschismus“, der bewusst vom kapitalistischen System getrennt werde.

Diese Herangehensweise ist mehr als fragwürdig. Müsste man nicht zunächst die Vorwände den „Seiten“ zuordnen und dann überprüfen, ob sie richtig sind? Oder ob sie eine Teilwahrheit haben oder ob sie tatsächlich als Vorwand genutzt werden? Was passiert, wenn man diese sehr unterschiedlichen Aussagen als Lügen gleichstellt?

Versuchen wir die „Vorwände“ zuzuordnen:

„Verteidigung der Demokratie“: Diese Aussage wird von Seiten der USA/NATO/EU/Westen benutzt.

„Selbstverteidigung“: Diese Aussage wird von Russland und von der Ukraine benutzt.

„Recht auf freie Bündniswahl“: Das ist eine Aussage der USA/NATO/EU/Westen.

Einhaltung der UN- oder OSZE-Prinzipien: Das ist eine Aussage der RF und der EU.

„Faschismus“ – Das ist eine Aussage der RF.

Versuchen wir diese Aussagen mit den Tatsachen abzugleichen.

„Verteidigung der Demokratie“ von USA/NATO: Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, Syrien, Irak…ich glaube, dazu muss nicht mehr gesagt werden.

„Selbstverteidigung“ Aussage durch die RF: Ist sie nicht bedroht durch die NATO? Gibt es nicht Hinweise, dass ein Angriff der NATO bevorstand und die Bedrohung die ganze Zeit vor sich geht? Das Argument könnte man nicht einfach von der Hand weisen, man müsste es zumindest in Betracht ziehen und überprüfen.

„Selbstverteidigung“ Aussage durch Ukraine: Ist sie nicht zu einem Brückenkopf des NATO-Militärs gemacht worden? Beteiligt sich die Kiewer Regierung nicht selbst aktiv an dem Angriff auf die Volksrepubliken? Will die Kiewer Regierung nicht noch mehr Waffen?

Muss man daher das Argument auf Seiten der Kiewer Regierung nicht zurückweisen, weil es den Tatsachen – ihrer eigenen aggressiven Politik – widerspricht? Die Frage ist auch, ob die die Ukraine von der RF bedroht wäre, wenn sie nicht im Sinne der NATO handeln würde? Der „Vorwand“ der Selbstverteidigung ist also nur von einer „Seite“ ernsthaft in Betracht zu ziehen. Eventuell könnte eingewandt werden, dass bereits die „Annexion“ der Krim ein Angriff gewesen sei und die Separation der Volksrepubliken auch. Hier müsste man also tiefer gehen und die Vorgänge 2014 prüfen. Davon ist aber keine Rede im JS.

„Recht auf freie Bündniswahl“ von USA/NATO: Dieses „Recht“ ist NATO-Propaganda. Es ist eine Entscheidung der NATO-Staaten, wen sie aufnehmen. Das ist also das Ziel der NATO, die Ukraine aufzunehmen, dafür wurde eine entsprechende Regierung ins Amt geputscht. Die bis dahin eher zu Russland oder zumindest nicht zur NATO neigende Bevölkerung musste auf Kurs bzw. die skeptischen Teile zum Schweigen gebracht werden durch faschistische Mörderbanden und nationalistische Propaganda.

„Einhaltung der UN- oder OSZE-Prinzipien“ Argument durch die RF: Sie pocht darauf, dass sie eingehalten werden, beispielsweise im Rahmen des Minsker Abkommens in der Ukraine – ohne Erfolg. Die RF hat auch bei Jugoslawien, Irak oder Libyen auf die Einhaltung der UN-Regeln gepocht – auch ohne Erfolg. Der Grund für das Eintreten der RF ist einfach: Sie erhofft sich dadurch die Gewährleistung ihrer nationalen Sicherheit. Die EU benutzt diese Aussage, wenn es in den außenpolitischen Kram passt, um Länder unter Druck zu setzen, sich Einfluss zu verschaffen oder „Friedenstruppen“ zu entsenden. In Bezug auf die Volksrepubliken hat die EU dieses Prinzip nie ernsthaft eingefordert. Die EU und NATO nutzen also den Vorwand, um ihre Aggression zu rechtfertigen. Beide „Seiten“ beziehen sich also auf diese Prinzipien, aber der Kontext und die Position sind sehr unterschiedlich bis hin zu gegensätzlich. Das kann man nicht ausblenden, wenn man verstehen will, was die Bedeutung dieser Aussagen ist.

„Faschismus“ Aussage durch die RF: Die Entwicklung in der Ukraine seit 2014 nicht als faschistisch zu bezeichnen, würde bedeuten, sich über die Tatsachen hinwegzusetzen. In These 3 wird auf die faschistischen Kräfte der Ukraine eingegangen. Es geht also darum, dass es seitens der RF nur ein Vorwand sei. Es stimmt, dass die Regierung Putin nicht „an sich“ antifaschistisch ist oder grundsätzlich antifaschistisch ist. Sie handelt in erster Linie, um die Bedrohung der RF abzuwenden. Da diese von Faschisten ausgeht, ist sie dazu gezwungen, gegen diese auch tatsächlich vorzugehen. Sie ist gegen den NATO-Faschismus in der Ukraine gerichtet, weil von ihm die Gefahr für die RF ausgeht. Es ist aber deshalb kein Vorwand, denn die faschistischen Bataillone werden tatsächlich eliminiert. Ein Vorwand wäre es, wenn es ganz und gar nicht darum gehen würde und die RF tatsächlich auch nicht gegen Faschisten vorgehen würde. So wie es den USA nie um Demokratie ging und sie auch nirgendswo tatsächlich Demokratie hingebracht haben.

Der Vorwurf, der Faschismus werde vom Kapitalismus getrennt, um ihn als Vorwand nutzen zu können, erscheint mir seltsam. Eine kapitalistische Regierung trennt den Faschismus vom Kapitalismus – ok. Aber sie geht praktisch und konkret dennoch gegen Faschisten vor. Das ist nicht ausgeschlossen und kein Widerspruch. Es gibt überall auf der Welt Kräfte, die den Faschismus nicht als untrennbar vom Kapitalismus verstehen und dennoch gegen ihn vorgehen. Wäre andersherum die Trennung des Faschismus von der NATO-Aggression und von ihren Kriegsplänen nicht das größere Problem? Dieser Zusammenhang wird zwar in These 3 angedeutet. Dort heißt es: „Wir verurteilen die Nutzung reaktionärer politischer Kräfte der Ukraine, einschließlich faschistischer Gruppierungen, durch die euroatlantischen Mächte für die Umsetzung ihrer Pläne.“ Aber dass es sich um Kriegspläne gegen die RF handelt, wird nicht benannt.

Diese Aussage wird umgehend mit einer anderen verknüpft: „Inakzeptabel ist darüber hinaus die antikommunistische Rhetorik gegen Lenin, die Bolschewiki und die Sowjetunion, auf die die russische Führung zurückgreift, um ihre eigenen strategischen Pläne in der Region zu rechtfertigen.“ Ist es richtig, diese beiden verschiedenen Fakten auf eine Ebene zu stellen? Haben sie nicht völlig verschiedene Auswirkungen? Dass der russische Präsident sich antikommunistisch äußert und verhindern will, dass die Völker der Sowjetunion nicht nur ein gemeinsames Leben wieder haben wollen, sondern auch ein sozialistisches, ist wenig überraschend. Ich hätte von der Regierung Putin nicht erwartet, dass sie nicht antikommunistisch ist. Aber dies auf eine Stufe mit den Machenschaften der NATO zu stellen, die in ganz Osteuropa faschistische Kräfte finanziert, bewaffnet, an die Macht putscht und ihre Ideologie und Hetze rehabilitiert, ist fatal. Die NATO und vor allem die USA sind ebenfalls gezwungen, genau dies zu tun. Denn ein Krieg gegen Russland zu entfachen, ist ohne Rehabilitierung des Faschismus nicht möglich. Es sind die Kräfte, die bereits auch in der Geschichte diese Aufgabe erfüllt haben – von Bandera in der Ukraine bis hin zu den faschistischen Verbänden im Baltikum.

Eine falsche Verknüpfung von Ereignissen wird in These 4 vorgenommen. Dort heißt es: „Die Entscheidung der Russischen Föderation, zunächst die ‚Unabhängigkeit‘ der sogenannten ‚Volksrepubliken‘ im Donbass anzuerkennen und dann unter dem Vorwand der ‚Selbstverteidigung‘ Russlands, der ‚Entmilitarisierung‘ und ‚Entnazifizierung‘ der Ukraine zu einer Militärintervention überzugehen, diente nicht dem Schutz des Volkes (…).“ Hier wird suggeriert, dass die RF die Volksrepubliken nur anerkannt hätte, um einen Vorwand für die Intervention zu haben. Aus meiner Sicht sind die Tatsachen genau umgekehrt. Die RF ist den Schritt der Anerkennung nur gezwungenermaßen gegangen und ebenso den Schritt der Militäroperation. Diese Frage ist nicht irrelevant, weil das JS damit den Eindruck vermittelt, die RF hätte die Militäroperation unprovoziert und unberechtigterweise begonnen. Das ist aber auch die Behauptung der NATO-Propaganda, deren wesentlicher Bestandteil ist, die Aggression der RF anzulasten, um davon abzulenken, dass sie selbst die Quelle von Krieg und Faschismus sind.

Weiter heißt es in These 4, dass die Intervention nicht dem Schutz des Volkes in der Region oder dem Frieden diene, „sondern den Interessen der russischen Monopole auf ukrainischem Territorium, und ihrer erbitterten Konkurrenz mit den westlichen Monopolen.“ Diese Argumentation wird nicht belegt und geht auch nicht auf den Widerspruch ein, dass durch die Intervention die Kosten und der Schaden für die russische Wirtschaft deutlich höher sind, als potentielle oder tatsächliche Profitmöglichkeiten in der Ukraine. 

Das ist der auffälligste Unterschied des JS zu vielen anderen Stellungnahmen, die wenigstens die Aggression der NATO benennen und in Rechnung stellen, auch wenn sie trotzdem die Militäroperation der RF verurteilen, etc. Aus dem JS geht nicht hervor, dass die NATO der Aggressor ist.

In These 5 wird eine weitere Nivellierung der Gefahr, die durch die NATO ausgeht, vorgenommen. Zunächst werden verschiedene Illusionen aufgezählt, die von bürgerlichen Kräften verbreitet werden würden: „eine ‚bessere Sicherheitsarchitektur‘ in Europa durch ein Eingreifen der EU, eine NATO ‚ohne militärische Projekte und aggressive Waffensysteme auf ihrem Territorium‘, eine ‚friedliebende EU‘ oder eine ‚friedliche multipolare Welt‘“. Dies sind tatsächlich alles Illusionen, allerdings wird nicht benannt, wer diese genau verbreitet und es wird übersehen, dass es Unterschiede zwischen diesen Illusionen gibt. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob jetzt diese Illusionen die größte Gefahr für die Bewegung sind. Meiner Ansicht nach nicht, denn die größere Gefahr geht von Positionen aus, die die NATO-Aggression relativieren.

Entscheidend ist aber die Aussage: „Die Wahrheit ist jedoch, dass die NATO und die EU, wie jede kapitalistische zwischenstaatliche Vereinigung, räuberische Bündnisse mit einem zutiefst reaktionären Charakter sind, die nicht volksfreundlich werden können und weiterhin gegen die Rechte der Arbeiter, gegen die Völker vorgehen werden.“ (Hervorhebung von mir). Wenn sich diese Aussage gegen Illusionen in NATO und EU richten soll, wäre das gut, aber eine sehr missverständliche Form, um das zu tun. Denn: Ist die Shanghai-Cooperation (Volksrepublik China, Indien, Kasachstan, Kirgisistan, Pakistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan) genauso reaktionär wie die NATO? Ist das ALBA-Bündnis in Lateinamerika genauso reaktionär wie die NATO? Auch wenn es sich um Bündnisse größtenteils kapitalistischer Staaten handelt (Ausnahme Kuba), sind sie doch in ihrer Politik und Wirkung nicht gleichzusetzen mit dem größten Kriegsbündnis der Geschichte, das zahlreiche Angriffskriege geführt hat und die Ausbeutung und Unterdrückung vieler Länder im Interesse des Westens sicherstellt. Eine Kritik aus Sicht der Arbeiterklasse auch an der Politik der anderen Bündnisse zu üben, ist richtig und notwendig. Aber eine Gleichstellung aller zu räuberischen Bündnissen wie sie hier vorgenommen wird, in einer Stellungnahme zu einem Ereignis, wo sich der reaktionäre Charakter der NATO und EU besonders krass zeigt, ist falsch und schädlich. Eventuell interpretiere ich diese Aussage auch falsch, aber ich vermute, dass sie die Position, dass es sich um zwei mehr oder weniger gleiche „imperialistische Seiten“ handele, untermauern soll.

In These 6 wird die Schlussfolgerung gezogen: „Wir rufen die Völker der Länder, deren Regierungen insbesondere durch die NATO und die EU, aber auch durch Russland an den Entwicklungen beteiligt sind, dazu auf, gegen die Propaganda der bürgerlichen Kräfte zu kämpfen, die die Völker unter verschiedenen fadenscheinigen Vorwänden in den Fleischwolf des imperialistischen Krieges werfen. Die Völker müssen die Schließung von Militärstützpunkten, die Rückkehr von Truppen aus Auslandseinsätzen, die Stärkung des Kampfes für das Losbinden der Länder von den imperialistischen Vorhaben und Bündnissen wie der NATO und der EU fordern.“ Hier wird erneut die Propaganda beider Seiten gleichgestellt, was wie oben gezeigt werden sollte, nicht richtig ist. Eine weitere Frage ist, ob hier mit dem Kampf für „die Rückkehr von Truppen aus Auslandseinsätzen“ auch die russischen Truppen gemeint sind. Das lässt der Rest des Textes vermuten, dann ist die Frage, warum es nicht explizit benannt wird. Was würde ein Rückzug der russischen Truppen aus der Ukraine jetzt bedeuten? Ein Sieg der NATO und des Faschismus in der Ukraine mit verheerenden Folgen für die Völker der Region. 

These 7 fordert, eine weitere Schärfung der Klassenkriterien bei der Analyse der Entwicklungen. „Es verlangt von uns, die Weichen für einen eigenständigen Weg gegen die Monopole und die Bourgeoisien zu stellen, für den Sturz des Kapitalismus, die Stärkung des Klassenkampfes, gegen den imperialistischen Krieg, für den Sozialismus, der aktueller und notwendiger denn je ist und bleibt.“ Wie die Überschrift bereits ausführt, sei ein eigenständiger Kampf gegen die Monopole und Bourgeoisien notwendig. Diese Aussage ist allgemein richtig. Aber was heißt das, worin genau besteht die Aufgabe?

Meiner Ansicht nach nimmt das JS eine Isolierung des Klasseninteresses der Arbeiterklasse vor. Zu den Klasseninteressen der russischen Arbeiterklasse gehört aber auch ihr nationales Interesse nach der Sicherheit des Landes. Die Bedrohung durch die NATO und die Unterminierung der Produktivkräfte durch die westlichen Monopole, ihrer Verbände und Institutionen widersprechen den Klasseninteressen der Arbeiterklasse. Sie vertritt sie sogar viel konsequenter als die Bourgeoisie, die mit einem Bein immer auch auf Seiten der Kollaboration und Unterwerfung für schnelle Geschäfte steht.

Die ukrainische Arbeiterklasse hat noch viel mehr ein Interesse an der Beseitigung der Marionetten- und Büttelregierung in Kiew, die Befehlsempfänger Washingtons und der EU ist. Sie betreibt in deren Interesse die Zerstörung des Landes, die Zerstörung der Einheit der Völker, die dort leben und die Zerstörung der Produktivkräfte dieser Völker. Der anti-nationale und zutiefst korrupte Charakter des Regimes in Kiew widerspricht diametral den Interessen der Arbeiterklasse dieses Landes. Seine faschistischen Methoden, die Nutzung und der Aufbau faschistischen Terrors gegen die Arbeiterklasse sind ein wichtiger und offensichtlicher Bestandteil des volksfeindlichen Charakters dieses Regimes. Die Befreiung der Ukraine von diesem Regime und von der NATO und der EU, also den Kräften, die dieses aufgebaut und bewaffnet haben, ist die erste Priorität der Arbeiterklasse in der Ukraine.

Bei einer konkreten Betrachtung der Verhältnisse ergibt sich aus meiner Sicht also, dass die Abtrennung der Klasseninteressen von den nationalen Interessen nicht nur methodisch falsch ist, sondern einen Einblick in die tatsächlichen Klassenverhältnisse verhindert.

Indem es die Situation einfach als einen Kampf zweier mehr oder weniger gleicher Seiten beschreibt, ist die Ableitung des Standpunkts der Arbeiterklasse scheinbar klar. Aber da diese Darstellung nicht den Tatsachen entspricht, ist die Beschreibung des Klassenstandpunkts des Proletariats nicht klar. Für die Arbeiterklasse ist es wichtig, zu erkennen, dass es nicht zwei gleiche Seiten sind, sondern dass die eine viel gefährlicher, aggressiver und reaktionärer ist und nicht anders sein kann – die NATO bzw. der Westen. Die andere Seite – die Regierung der RF – ist nicht die Vertreterin des Interesses der Arbeiterklasse, der Standpunkt der Regierung der RF und der des Proletariats sind nicht identisch. Aber es gibt Überschneidungen und diese gilt es zu erkennen. Zum einen, um die Regierung gegebenenfalls dazu zu bewegen, diese wirklich durchzuführen, beispielsweise die Abwehr der Gefahr oder die Abhängigkeiten vom Westen und vom Rohstoffexport zu reduzieren. Und auch, um den Unterschied der Klasseninteressen richtig zu benennen und einen Weg für das Proletariat aufzuzeigen, für seine der nationalen Bourgeoisie entgegenstehenden Interessen zu kämpfen. Die Antwort kann aber nicht sein, dass es zu jeder Zeit und in jeder Situation die Aufgabe ist, die Regierung zu bekämpfen oder zu stürzen, egal in welchem Land, egal in welcher Situation es sich befindet. Damit würde man die konkreten Umstände ausblenden und damit auch ausblenden, dass genau das sogar im Interesse des noch größeren Feinds der Arbeiterklasse ist – dem Westen und seiner Kollaborateure im Land. Es geht nicht um ein strategisches allgemeines Bündnis mit der eigenen Bourgeoisie oder strategisch auf einen Burgfrieden zu orientieren. Solche historischen Situationen stellen die Arbeiterklasse vor großen Herausforderungen, weil sie Einfallstore für den Opportunismus in dieser Form bieten, aber eben auch für den Opportunismus, der die scheinbar gegenteilige, scheinbar prinzipienfeste Position mit scheinbar radikalen Argumenten darstellt.

Der Hauptfehler des JS darin besteht, die tatsächlichen internationalen Kräfte- und Machtverhältnisse nicht zu erfassen. Die Dominanz und Aggressivität des Westens gegenüber dem Rest der Welt, sein Bestreben, diesen weiter ausbeuten und in seinem Sinne aufteilen zu können, ist das bestimmende Moment in der aktuellen historischen Situation. Darin gibt es wichtige Widersprüche und Konkurrenz zwischen diesen Ländern, wie zwischen Deutschland und den USA – es ist ein Wolfsrudel. Aber bestimmend ist ihr gemeinsames unterdrückerisches Regime auf ökonomischer, politischer, kultureller und militärischer Ebene. Es ist in der Krise und im Abstieg begriffen, was es aber umso gefährlicher und aggressiver macht. Das müssen wir erkennen und konkret darlegen. Dadurch kommt es nicht zu einer Verschmelzung der Klasseninteressen des Proletariats mit den nationalen Teilen der Bourgeoisie in den anderen Ländern, wie Russland. Aber es kommt zu einer Situation, in der es zeitweise einen gemeinsamen Feind gibt.

Das JS liegt allgemein richtig, dass es um einen eigenständigen Weg des Proletariats geht. Es liegt aber falsch in der Analyse der Situation und der Klasseninteressen in dieser Situation. Die Gefahr, die Arbeiterklasse der nationalen Bourgeoisie unterzuordnen und nicht mehr zu benennen, wo sie diese bekämpfen muss und wo diese nicht mehr so handelt, dass es auch dem Interesse der Arbeiterklasse dient, ist nicht zu unterschätzen. Dieser Gefahr kann man aber nur begegnen, wenn man die richtigen Analysen und konkreten Einschätzungen leisten kann. Denn eine oberflächliche generelle Ablehnung ist dazu ebenso nicht in der Lage. Die Aufgabe, konkret und genau zu bestimmen, wie die Arbeiterklasse in dieser Situation einen Schritt weiter nach vorne für ihren Kampf um Befreiung und für den Sozialismus gehen kann, ist eine komplizierte Aufgabe. Ich denke, dass wir in dieser Frage von den Genossen der KPRF, der RKAP und der KP der Volksrepubliken lernen können und ein Austausch gerade mit diesen Organisationen sehr wichtig ist und dass es nicht richtig ist, ihre Sicht und ihre Erfahrungen zu ignorieren.

Da im JS auf der Ebene der Analyse eine Gleichstellung auf abstrakter Ebene vorgenommen wird und die tatsächlichen Verhältnisse verwischt werden, ist die Artikulation des Klassenstandpunkts nur allgemein und leer, eine Phrase. Die Aufgabe ist, den Kampf und die Perspektive des Proletariats tatsächlich mit den Verhältnissen und Widersprüchen zu verbinden.

Damit nimmt die Stellungnahme meiner Ansicht nach keinen richtigen Bezug auf das internationale Proletariat. Das zeigt sich auch in der falschen Darstellung der Volksrepubliken, die in Anführungszeichen und als sogenannte bezeichnet werden. Auch deren Unabhängigkeit wird nur in Anführungszeichen gesetzt und als Vorwand der RF umgedeutet. Warum wird nicht auf den tatsächlichen Charakter der VR eingegangen – dass sie sich gegen die faschistische Putschregierung und gegen die Verfolgung durch faschistische Milizen gewehrt haben und von einer überwältigenden Mehrheit des Volkes per Referendum gegründet wurden, dass sie die Unabhängigkeit von der Ukraine wollen und Teil der RF sein wollen. Die Tatsachen der Bewegungen und Entscheidungen der Menschen dort mit Anführungszeichen und mit dem Zusatz „so genannte“ wegzuwischen, ist falsch. Warum wird die Einschätzung der KP der Volksrepublik Donezk ignoriert? Warum werden ihre Aufrufe nicht geteilt? Warum wird nicht zur Solidarität mit den Volksrepubliken aufgerufen? Das ist aus meiner Sicht neben der Solidarität mit den Kommunisten in der Ukraine, die seit 2014 krasser Repression und Verfolgung ausgesetzt sind, ein wichtiger Akt der internationalen Solidarität. Falls das JS das unterlässt, weil man die Volksrepubliken als Marionetten und Manövriermasse der RF sieht, ignoriert man nicht nur die Stimmen der Kommunisten von dort, sondern scheint sich auch wenig mit den Tatsachen befasst zu haben. Die KP der Volksrepublik Donezk thematisiert selbst das problematische Verhältnis der RF zu den Volksrepubliken und dass von dort aus bürgerliche Kräfte befördert werden, die dazu beitragen sollen, dass sozialistische und kommunistische Kräfte isoliert werden. Wenn es eine andere Einschätzung zu den Volksrepubliken gibt, dann wäre man dazu verpflichtet diese der Bewegung zur Verfügung zu stellen.

Die falsche Positionierung des JS, die man auch als Äquidistanz bezeichnen kann, wobei man damit das Problem noch nicht richtig getroffen hat, hat meiner Ansicht nach Folgen für den Kampf der Arbeiterklasse. Der Kampf gegen die NATO wird abgeschwächt, ihre Aggression, ihre Propaganda wird nicht ausreichend angegriffen und erfasst. Mir ist bekannt, dass viele der unterzeichnenden Parteien Aktionen gegen die NATO organisieren, was sehr gut ist. Dennoch ist das JS falsch und hat schlechte Folgen. Vieles von dem, was die Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen diesen Krieg und gegen den Hauptfeind – die NATO und die mit ihr verbundenen Bourgeoisien – braucht, leistet das JS nicht.

Das JS ist auch problematisch in Hinsicht auf die Auseinandersetzung in der Kommunistischen Bewegung. Es kommt dazu, dass Standpunkte anderer Parteien gar nicht berücksichtigt werden oder pauschal als opportunistisch oder revisionistisch eingeordnet werden, ohne deren Inhalte, Argumente und Analysen zu prüfen. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls bei uns in der Organisation in Bezug auf die KPRF, die oft pauschal als reformistisch oder Kremlpartei abgetan wird, deren Standpunkte aber oft kaum bekannt sind. Mir geht es nicht darum zu sagen, dass alle Standpunkte der KPRF richtig sind, ich kenne viele noch nicht. Aber ich denke, dass eine Debatte in der Internationalen Kommunistischen Bewegung anders geführt werden muss, Differenzen und Standpunkte gründlich dargelegt werden müssen und viel umfassender sich mit den Bedingungen der Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern beschäftigen muss. Eine Lagerbildung auf dünner oder sogar falscher Grundlage hilft dem Proletariat nicht weiter und das verstehe ich nicht unter Klärungsprozess. Die Fragen und Diskussionsangebote und Standpunkte müssen sehr konkret behandelt werden. Es geht jetzt nicht um eine allgemeine Einschätzung und Beurteilung einer Partei, sondern darum ihre konkreten Positionen zu einer konkreten brennenden Frage ernst zu nehmen. Deshalb sollte beispielsweise eine Antwort auf die Anfrage der KPRF zum JS beantwortet werden, und sei es in Form einer Kritik oder Beginn einer Diskussion.

Es mag überraschend sein, dass ich mich mit einer Kritik am JS in dieser Form äußere, da ich lange Zeit viele Positionen einiger Parteien vertreten habe bzw. mich an deren Analysen und theoretischer Arbeit orientiert habe und diese sehr hilfreich fand. Ich denke auch weiterhin, dass sie zu wichtigen Fragen in der Kommunistischen Bewegung viel geleistet haben. Fehler, Mängel und Einseitigkeiten sind mir früher weniger aufgefallen, da es sich auch um berechtigte (aber deshalb noch nicht richtige) Reaktionen auf Opportunismus in der Kommunistischen Bewegung handelte. Seit einiger Zeit, unter anderem ausgelöst durch die Ereignisse und Entwicklungen (tendenziell bereits zur Lage in Syrien, wo mir eine äquidistante Position aufgefallen ist), stellen sich mir aber viele Fragen und ich erkenne Fehler in der Imperialismusanalyse und Einschätzung der Verhältnisse, unter anderem die Reduktion auf ökonomische Aspekte. Das werde ich in anderen Texten versuchen auszuführen. Es handelt sich deshalb auch um eine Selbstkritik und den Versuch, zur richtigen Erkenntnis und Einschätzung durchzudringen.

Teil 2: Zu den Ereignissen und ihrer Einschätzung

Ereignisse in Kurzform

  • 2019 und 2020 wird die NATO-Integration der Ukraine vertieft.
  • Ab März 2021 beginnt die Umsetzung eines Militärischen Angriffsplans gegen die Volksrepubliken und die Krim per Dekret durch die ukrainische Regierung und mutmaßlich unterstützt von der NATO.
  • Die RF reagiert darauf mit verstärkter Truppenpräsenz an seiner Westgrenze.
  • Im Juni 2021 kommt es zu einem Gipfeltreffen Putin-Biden, ohne Ergebnisse.
  • Bis November 2021 verstärkt die NATO ihre Truppenplanungen in Osteuropa und die Aufrüstung der Ukraine, sowie Vorbereitungen zur Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa. Die Angriffsvorbereitungen werden konkretisiert umgesetzt. Die Sanktionsdrohungen gegen Russland werden gesteigert.
  • Im Dezember 2021 versucht die RF im Rahmen einer öffentlichen Diplomatie zu Verhandlungen über Vertragsvorschläge an die USA und die NATO zu kommen – ohne Erfolg.
  • Im Januar 2022 nehmen die Waffenlieferungen an die Ukraine, sowie die Truppenverlegungen der NATO deutlich zu.
  • Im Februar 2022 zeigen auch die Staats- und Regierungschefs Frankreichs und Deutschlands keine Bereitschaft zur ernsthaften Verhandlung der Sicherheitsforderungen Russlands und die Kiewer Regierung sabotiert unter ihrer Duldung weiter das Minsker Abkommen.
  • Nach vermehrtem Beschuss der Volksrepubliken und einem Aufmarsch der ukrainischen Armee, fordert die Duma den Präsidenten der RF auf, die Volksrepubliken anzuerkennen.
  • Nachdem die NATO-Staaten und die Ukraine weiter keinerlei Anzeichen für ein Einlenken geben und sogar die Absicht der Kiewer Regierung geäußert wird, Atomwaffen beschaffen zu wollen, erkennt die RF die Volksrepubliken an.
  • Auch diese letzte rote Linie wird von der NATO überschritten. Die RF beginnt mit einer Militäroperation in der Ukraine.

Schlussfolgerungen in Kurzform

  • Die RF war zu der Militäroperation gezwungen, um einen groß angelegten Angriff der NATO und Ukraine auf die Volksrepubliken und die Krim und damit im weiteren Verlauf einen möglichen Angriff auf die RF zu verhindern. 
  • Die Militäroperation versucht das Ziel, das durch Verhandlungen nicht zu erreichen war, zu erreichen: Einen neutralen Status der Ukraine und die Beendigung der Kriegsgefahr, die durch die NATO von der Ukraine ausgeht, sowie von dem damit verbundenen Faschismus.
  • Die NATO ist der Aggressor und setzt diese Aggression in erhöhtem Ausmaß fort. Sie hat den Krieg in die Ukraine gebracht, indem sie das Land zu einem Aufmarschgebiet und Provokateur gegen Russland machen wollte bzw. gemacht hat.
  • Das Ziel des Westens ist es, die RF zu unterwerfen und zerteilen, zu einem Anhängsel der Monopole des Westens als Rohstoff- und Arbeitskraftlieferant zu machen und eine eigenständige Entwicklung zu verhindern.
  • Mit dieser Aggression ist die Rehabilitierung des Faschismus untrennbar verbunden, er ist die notwendige Form dieser zutiefst reaktionären und räuberischen Politik.
  • Es war eine Frage der Zeit, bis die RF sich gegen diese Aggression zur Wehr setzen musste.
  • Die Russische Föderation ist ein kapitalistischer Staat und seine Regierung vertritt nicht die Interessen der Arbeiterklasse. Es gibt in dieser Situation aber eine Überschneidung der Interessen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie, das Land gegen die NATO zu verteidigen und eine Zersplitterung und weitere Abhängigkeit vom Westen zu verhindern, sowie den Faschismus in der Ukraine zu beseitigen.
  • Mit der eingetretenen Entwicklung werden viele bereits zuvor stattfindenden und geplanten Entwicklungen beschleunigt. Dazu gehört die rasante Steigerung der Aufrüstung der NATO-Staaten, insbesondere der BRD, die Zunahme der Militarisierung und reaktionärer Maßnahmen, bis hin zum Verbot russischer Medien, der rigorosen Entlassung russischer Kulturschaffender, etc. 

Die Ausführung der Schlussfolgerungen sind nach der Darstellung der Ereignisse zu lesen.

     I.         2019/2020: Vorlauf – Ukraine wird NATO-Partner

NATO-Aufnahme wird vorbereitet

Das Ziel, die Ukraine (und Georgien) in die NATO aufzunehmen, verfolgen insbesondere die USA bereits seit 2008. Mit dem „Bukarester Beschluss“ der NATO aus diesem Jahr wurden den beiden Ländern die Perspektive zur Aufnahme angeboten. Das war ein wesentlicher Schritt zur Eskalation der Einkreisung und Bedrohung der Russischen Föderation.

Die Einkreisung Russlands und Bedrohung durch die NATO umfasst alle Grenzen der Russischen Föderation und viele Länder. Die Ukraine spielt eine besondere Rolle aus mehreren Gründen. Sie ist als Aufmarschgebiet besonders gut geeignet. Über Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien können problemlos Waffen, Truppen und Nachschub geleitet werden. Sie liegt am Schwarzen Meer und damit an einer für die RF strategisch extrem wichtigen Stelle. Von hier aus kann die NATO die RF vom Mittelmeer und anderen Regionen abschneiden. Und von der Ukraine aus ist das südliche Zentralrussland schnell zu erreichen, das ein wichtiges industrielles Zentrum (unter anderem der Erdölindustrie) der RF ist mit mehreren wichtigen Städten (Wolgograd/Stalingrad, Woronesh, Saratow, Rostow und Krasnodar, die alle um die 1 Million oder mehr Einwohner haben). Mit einer Kontrolle über die Ukraine hätte der Westen ein direktes Bedrohungs- und Erpressungsinstrument in den Händen. Die Ukraine ist außerdem mit Russland sowohl historisch als auch aktuell sehr eng verbunden, große Teile sind stark russisch geprägt und Teil des Wirtschafts- und Kulturraums der RF. Die Ukraine zu einem Anti-Russland zu machen, wie es die NATO betreibt, ist auch politisch und kulturell für die RF eine starke Provokation. Die Bestrebungen, die Ukraine aus dem russischen Gebiet heraus zu brechen und als Rammbock gegen Russland einzusetzen, haben bereits eine lange unheilvolle Tradition im deutschen Militarismus und Faschismus.

Seit Bestehen der aus der Sowjetunion ausgetretenen Ukraine 1991 und insbesondere durch die „orangene Revolution“ und die daraus hervorgegangene Regierung Juschtschenko 2004 gab es konkrete Schritte in Richtung Aufnahme der Ukraine in die NATO. Seit 2002 gibt es den NATO-Ukraine Action Plan und seit 2005 ist die Ukraine Teil der „Partnerschaft für den Frieden“ sowie in ein „intensiviertes Dialogprogramm“ der NATO eingebunden. Das ist eine Stufe vor dem „Membership Action Plan”, der konkrete Schritt der Aufnahme bedeutet. Den Eintritt in diese letzte Stufe hatte die Regierung Juschtschenko/Timoschenko 2008 beantragt. Tatsächlich dürfte die Verzahnung der ukrainischen Streitkräfte mit der NATO schon viel weiter sein, als es durch den offiziellen NATO-Status abgebildet wird. Den USA war stets bewußt, dass eine intensivierte Aufnahme der Ukraine in die NATO zu einer Konfrontation mit Russland führen muss. 

Mit dem faschistischen Putsch von 2014, der durch die USA und die EU organisiert und finanziert wurde, sollte die Aufnahme in EU und NATO beschleunigt werden. Die Putschregierung beschloss umgehend, den Vertrag der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim zu kündigen, was eine direkte Konfrontation mit der RF bedeutete, die darauf hin die Krim in die RF eingliederte.

Die sich der Regierung und ihrer faschistischen Truppen widersetzenden Volksrepubliken im Donbass erklärten sich für unabhängig nach deutlicher Zustimmung der Bevölkerung in Referenden. Seitdem wurden sie von den Kiewer Truppen beschossen. Die Kiewer Regierung entsandte faschistische Trupps in alle Teile des Landes, in denen sich Widerstand regte. Diese Trupps terrorisierten die Bevölkerung, ermordeten Oppositionelle und verübten Sabotage in den Volksrepubliken. Die ukrainische Armee führte einen seitdem andauernden Krieg gegen die Volksrepubliken und die zivile Bevölkerung. In diesem Krieg kamen seit 2014 insgesamt mehr als 14.000 Menschen ums Leben.

Die Faschisierung der Ukraine und die Integration in die NATO-Strukturen ist ein nicht voneinander zu trennender Prozess. Die konkrete Entwicklung dieses Zusammenhangs muss ausgearbeitet werden. Für die Zeit zwischen 2015 und 2019 müsste eine Auflistung von Gesetzen und Maßnahmen der Kiewer Regierung hergestellt werden. Die Regierungszeit Poroschenko ging von 2015 bis 2019. Seit Mai 2019 ist Selenskij im Amt.

Im Februar 2019 verankerte die Ukraine die NATO-Mitgliedschaft in der Verfassung und bereitete zahlreiche Schritte zur Aufnahme vor. Es müsste eine Übersicht der Eingliederung der Ukraine in die NATO vorgenommen werden, dazu gehörten die Einsätze der Kiewer Truppen im Rahmen von NATO-Kriegen, gemeinsame Manöver, gemeinsame Kommandostrukturen, etc. 

Im Juni 2020 wurde der Ukraine der NATO-Partnerstatus verliehen, nachdem sie bereits eng in die militärischen Strukturen der NATO eingebunden war und an Interventionen teilgenommen hatte. Der Status soll die Zusammenarbeit vertiefen und dient dazu, die Strukturen umzustellen, damit sie in die NATO integriert werden können. Es ist eine direkte Vorbereitung einer Aufnahme, aber außerhalb des Membership Action Plans. Partnerstatus haben nur sechs weitere Länder: Australien, Finnland, Georgien, Jordanien und Schweden – zwei davon (Georgien und Finnland) mit Grenzen zu Russland.

Spätestens seit Anfang 2020 wurden verstärkte Anstrengungen seitens der NATO unternommen, die Aufnahme der Ukraine in die NATO gegen den Willen der RF zu erzwingen und in diesem Zusammenhang die Krim und die Volksrepubliken militärisch anzugreifen.

   II.         Anfang 2021: Der militärische Angriff auf die Volksrepubliken und die Krim wird eingeleitet

Im Januar 2021 ermöglichte die Kiewer Regierung die Stationierung von 4000 NATO-Truppen. Diese Entscheidung dürfte im Zusammenhang mit dem kurz darauf beschlossenen militärischen Aktionsplan stehen. Inwiefern die Stationierung umgesetzt wurde, muss recherchiert werden. Bekannt ist, dass NATO-Soldaten als Ausbilder und Berater in der Ukraine sind.

Im März 2021 erließ die Regierung Selenskij ein Dekret, dass die Rückeroberung der Volksrepubliken und der Krim vorsieht. Ein umfassender militärischer Aktionsplan wurde in Kraft gesetzt. Selenskij forderte die schnelle Aufnahme in die NATO. Das Dekret sieht auch die Verfolgung russischer Bevölkerung vor, die als „Nicht-Einheimische“ gebrandmarkt wird. 

Insgesamt nehmen die Aktivitäten der NATO in diesem Zeitraum stark zu. Eine direkte militärische Invasion der Volksrepubliken und der Krim ist das Ziel. (https://www.imi-online.de/2022/01/24/nato-aggression-und-russlands-reaktion/)

April 2021: Russland reagiert auf die Eskalation

Im April 2021 verstärkte Russland als Reaktion darauf seine Truppen in der Grenzregion und forderte den Stopp des Beschusses der Volksrepubliken und die Aufnahme der Minsk-Verhandlungen. Der Westen verurteilte die Verstärkung der russischen Truppen. Russland zog einen Teil der Truppen zurück, um Verhandlungen zu ermöglichen.

Juni 2021: Treffen Putin-Biden

Im Juni 2021 fand ein Gipfeltreffen zwischen Putin und Biden statt. Die Gespräche wurden als konstruktiv bezeichnet, die Botschafter zurückgesandt. Der Gipfel diente vorerst dazu, erstmals nach vier Jahren überhaupt Gespräche auf dieser Ebene wieder zu ermöglichen. Die Beziehungen waren auf einem Tiefpunkt angekommen. Ziel Russlands war, dass Kontakte wieder hergestellt und ein Dialog begonnen werden kann.

Kurz vor dem Treffen fand der NATO-Gipfel in Brüssel statt, der die Frontstellung des Bündnisses gegen Russland und China betonte. In der offiziellen Agenda des NATO-Gipfels 2021 heißt es: „Wenn es um die Aufrechterhaltung der regelbasierten internationalen Ordnung geht, teilen Länder wie Russland und China die Werte des Bündnisses nicht. Sie stehen an vorderster Front eines Widerstands gegen diese Ordnung. Dies hat Auswirkungen auf die Sicherheit, die Werte und die demokratische Lebensweise der Länder des Bündnisses.“ (https://de.rt.com/international/119057-nato-gipfel-2021-china-und/)

Kurz vor dem Gipfel hatten die USA zudem der Ukraine weitere militärische Unterstützung im Umfang von 150 Millionen Dollar zugesagt, die Ausrüstung, Ausbildung und Beratung umfasst. Die USA sagten Kiew unter anderem Artillerieaufklärungsradare, Systeme zur Erkennung von Drohnen und abhörsichere Kommunikationsausrüstung zu. Wenige Tage nach dem Gipfel erklärte der Berater für nationale Sicherheit der USA, weitere Sanktionen gegen Russland zu planen, wie bereits vor dem Gipfel.

In der EU wurde ebenfalls über einen möglichen Gipfel mit Russland diskutiert. Frankreich und Deutschland befürworteten direkte Gespräche, konnten sich aber nicht durchsetzen oder waren nicht erpicht genug, um diese durchzusetzen.

Am 30. Juni drang ein Lenkwaffenzerstörer der britischen Marine in russische Hoheitsgewässer und drehte erst nach Warnschüssen ab. Russland gab bekannt, dass das britische Schiff durch ein US-Aufklärungsflugzeug, das von Kreta aufgestiegen sei, unterstützt worden sei.

Im Juni 2021 fand außerdem der NATO-Gipfel statt, auf dem die Erarbeitung eines neuen strategischen Konzepts beschlossen wurde, das im Juni 2022 beschlossen werden soll und im Zentrum die Aktivitäten der NATO gegen China haben soll und Russland als „die noch bestimmende Herausforderung“ bezeichnet wird. Die verstärkte Truppenpräsenz an den Grenzen zu Russland wurde beschlossen. (https://www.swp-berlin.org/en/publication/der-aufstieg-chinas-und-das-neue-strategische-konzept-der-nato), (https://www.hss.de/news/detail/ein-neues-kapitel-fuer-die-allianz-news7775/)

Die Entwicklungen zwischen Juni und November 2021 müssen genauer betrachtet werden. Hier werden vorerst nur einzelne Ereignisse fragmentarisch genannt.

September 2021: Das Joint Support and Enabeling Command (JSEC) wurde in Ulm eröffnet – es ist eines von mittlerweile vier operativen Militärhauptquartieren der NATO. Die direkte Planung und Führung von Kampfeinsätzen steht in Ulm allerdings nicht auf der Agenda. Im NATO-Sprech wird das JSEC auch als Rear Area Command, also als Kommando für den rückwärtigen Raum in Europa, bezeichnet. Hier werden Truppenbewegungen, Aufmarschrouten und die Absicherung militärisch relevanter Infrastruktur im rückwärtigen Raum der NATO in Europa koordiniert. Damit wird das JSEC in Ulm in Zukunft an allen Manövern der NATO beteiligt sein, bei denen sich größere Truppenkontingente über den europäischen Kontinent bewegen. (https://www.imi-online.de/2022/02/24/organisierter-aufmarsch/)

Im Oktober 2021 fand ein Gipfeltreffen der NATO-Verteidigungsminister statt (21.10.21), im Vorfeld mit einem gemeinsamen Seminar mit allen EU-Verteidigungsministern. Dort wurde beschlossen, „Koalitionen von Willigen“ zu ermöglichen, um schneller Truppen in Einsätze schicken zu können (https://www.bmvg.de/de/aktuelles/nato-verteidigungsminister-verteidigung-abschreckung-5234124). Diese von NATO und EU gemeinsam betriebenen Pläne sollten genauer untersucht werden, da sie der direkten Kriegsvorbereitung gegen Russland dienen und insbesondere die Militarisierung der EU bzw. ihre Fähigkeit zur Kriegsführung zum Ziel haben.

 III.         Die Vorbereitungen werden seitens der NATO in Europa konkretisiert

November 2021: USA bereiten Stationierung von Raketen in Europa vor

Anfang November 2021 reaktivieren die USA das 56. Artilleriekommando in Mainz-Kastel. Für dieses Regiment sollen wohl Hyperschall- und andere Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa stationiert werden. Die Raketen selbst könnten aber vermutlich auch in die osteuropäischen Staaten in die Nähe Russlands disloziert werden. Diese Handlung hängt direkt mit der Kündigung des INF-Abkommens zusammen, dass die Stationierung von diesen Raketen untersagt hatte und 2019 von US-Präsident Trump einseitig gekündigt wurde. Russland warnt vor der Stationierung von Raketen, die Russland erreichen können. Dieser Schritt ist hervorzuheben, weil er eine wichtige militärische Eskalation bedeutet, die die RF auch an mehreren Stellen kritisiert und vor den Folgen gewarnt hat. In der westlichen Öffentlichkeit hat sie dagegen keine Rolle gespielt.

IMI zitiert die Stiftung Wissenschaft und Politik zu dieser Entscheidung: „Die US-Streitkräfte, insbesondere das Heer, setzen bei ihren Modernisierungsanstrengungen auf weitreichende Abstandswaffen – sogenannte Long-Range Precision Fires (LRPF). Dazu zählen auch die oben erwähnte Mid-Range Capability sowie die neue Hyperschallwaffe. Stationierungsentscheidungen auf amerikanischer Seite stehen noch aus. Doch würde es aus der Perspektive der USA wenig Sinn ergeben, solche Waffen zu entwickeln, ohne sie später in Europa stationieren zu wollen.“

Mitte Dezember reagierte laut IMI der russische stellvertretende Außenminister, Sergei Ryabkow, dass die RF die Re-Aktivierung des 56. Artillerieregiments als „indirektes Zeichen“ für NATO-Planungen zur Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen sehe und falls Angebote der RF zur gegenseitigen Abrüstung abgelehnt werden würden, dies eine militärische Reaktion der RF erforderlich mache und sie ebenfalls solche Waffensysteme aufstellen müsse. Die USA reagierten nicht auf das Abrüstungs-Angebot und auch nicht auf die Warnung.

(https://www.imi-online.de/2021/12/16/die-neue-nachruestung/)

(https://www.nd-aktuell.de/artikel/1158515.militaer-us-raketenkommando-reaktiviert.html)

Laut Euronews vom 29.11.2021 hatten die USA bereits mehrfach „atomwaffensignierte“ Flugzeuge nach Polen verlegt als deutliches Zeichen gegen die RF, die dieses auch „gelesen“ und darauf reagiert habe.

Bis Ende November verstärkte die RF die Truppen an der Westgrenze und der Grenze zu Weißrussland. Westliche Kommentatoren interpretierten dies als Untermauerung der Forderungen der RF insbesondere nach Umsetzung des Minsker Abkommens durch die Kiewer Regierung.

Am 18. November veröffentlichte das russische Außenministerium den Briefwechsel zwischen dem russischen, dem deutschen und französischen Außenminister. Das ist für diplomatische Kreise ein ernster Schritt. Das russische Außenministerium sah sich dazu gezwungen, da die russische Position verzerrt dargestellt worden sei: „Die Position Russlands und seine Rolle bei der Regelung des innerukrainischen Konflikts sowie seine Ansätze für ein mögliches Ministertreffen im Normandie-Format sind in letzter Zeit verzerrt worden. Um weitere Spekulationen zu vermeiden, beschloss das russische Außenministerium, die Originaldokumente zu verbreiten und den diplomatischen Briefwechsel zwischen dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und den Außenministern Deutschlands und Frankreichs Heiko Maas und Jean-Yves Le Drian zu veröffentlichen.“ (https://russische-botschaft.ru/de/2021/11/18/ueber-die-veroeffentlichung-des-diplomatischen-briefwechsels-zwischen-dem-russischen-aussenminister-sergej-lawrow-und-aussenministern-deutschlands-und-frankreichs-heiko-maas-und-jean-yves-le-drian/)

Einordnung: Die USA und die NATO hatten seit 2019 die Eskalation des Kriegs vorbereitet und 2021 gesteigert und setzen diesen Kurs fort. Die Forderungen Russlands werden nicht nur ignoriert, sie werden aktiv bekämpft durch die Herstellung von militärischen Fakten und massiven Drohungen der ökonomischen Schädigung des Landes.

Im November 2021 wurde mit der Vorbereitung zur Verlegung von größeren NATO-Truppen nach Osteuropa begonnen. Insbesondere die Reaktivierung des 56. Artilleriekommandos und die damit verbundene Stationierung von Hyperschall-, Kurz- und Mittelstreckenraketen ist eine drastische Eskalation.

Nachdem im April 2021 sich die Situation zugespitzt hatte, kam es im November zu einer erneuten Zuspitzung, unter anderem durch die hier beschriebenen Maßnahmen der NATO. Zugleich scheinen die Bemühungen der RF, den Minsker Prozess in Gang zu bringen, gescheitert zu sein. Es zeigte sich also bereits in dieser Situation, dass die NATO die Konfrontation weiter gesucht und vorbereitet hatte.

Dezember 2021: Videogipfel – USA drohen mit Sanktionen und kündigen Verstärkung der NATO-Truppen an

Am 08. Dezember 2021 fand ein Videogipfel zwischen Putin und Biden statt. Russland vertrat folgende Positionen: Keine Stationierung von NATO-Truppen in der Ukraine, schriftliche Zusage, dass keine Osterweiterung der NATO stattfinde, Dialog zwischen den Volksrepubliken und Kiew, Einhaltung von Minsk II durch Kiew und Stopp des Beschusses der Volksrepubliken. Die Antwort der USA lautete: Androhung von Sanktionen, darunter des Ausschlusses des Landes aus dem SWIFT-Abkommens.

Die USA schürten die Kriegshysterie gegen Russland wegen der Truppenkonzentration an dessen Westgrenze. Russland betonte, keinen Angriff zu planen und stattdessen seine Grenzen zu sichern. Russland beschuldigte zudem die Ukraine, mehr als 120.000 Soldaten an die Linie zu den prorussischen Separatistenregionen Donezk und Lugansk verlegt zu haben.

Am Abend vor dem Videogipfel Putin-Biden fand ein NATO-Gipfel statt, auf dem das gemeinsame Lageverständnis und Vorgehen besprochen wurde. Es ist davon auszugehen, dass hier Absprachen getroffen wurden, die das Ziel der weiteren militärischen Aktivitäten verfolgten, unter anderem die Verstärkung der Truppen in Osteuropa.

Dezember 2021: Ukraine ermöglicht per Gesetz zahlreiche NATO-Manöver im Land

Am 14. Dezember 2021 beschloss das ukrainische Parlament ein Gesetz über ausländische Truppenbewegungen auf ukrainischem Boden. Die NATO hatte für 2022 zehn (!) Manöver in der Nähe der Russischen Föderation geplant, darunter auch Angriffsoperationen gegen Russland und Weißrussland. Wie RT beschreibt, wären damit die Ukraine und das Schwarze Meer zum ganzjährigen Aufmarschgebiet zu Lande, zu Wasser und in der Luft geworden. Insgesamt hätten ca. 45.000 Soldaten teilgenommen, darunter da. 26.000 der ukrainischen Armee.

Im Zusammenhang mit den Manövern stünden auch Provokationen gegen das russische Militär, wie die des britischen Zerstörers im Juni 2021. Sie gehörten zur psychologischen Kriegsführung und sollen den „Verschleiß des Feindes“ betreiben. Zudem würden im Rahmen solcher Manöver heimlich Waffen in Militärdepots auf dem Territorium der Ukraine verschwinden. Diplomatische Versuche Moskaus, nach dem Erlass dieses Gesetzes, Großbritannien und Frankreich zu Verhandlungen zu bringen, scheiterten.

Von besonderer Bedeutung war bereits das multinationale Manöver von 2021 „United Efforts“. Das „Manöverdrehbuch“ des ukrainischen Generalstabs habe vorgesehen, dass sich der Kampf auf der diplomatischen Ebene zwischen Ost und West zu einem offenen, bewaffneten Konflikt entwickelt, in dem Russland und die Republik Weißrussland die wichtigsten „Aggressoren“ seien.

Ebenfalls von besonderer Bedeutung ist eine Waffenübung, die für den 22. – 24.03.22 geplant war/ist und mit NATO-Truppen in Georgien stattfinden sollte/soll. Ab dem 5. Juni sollten dann Polen, Litauen, Lettland und Estland hinzukommen. Ziel war/ist die Abwehr ballistischer Flugkörper. Die NATO sagt laut RT dazu auf ihrer Website: „…Diese Übung zur integrierten Luft- und Raketenabwehr (IAMD) (Integrated Air Missile Defense) wird die größte bodengestützte IAMD-Übung der Welt sein und NATO-IAMD-Verbündete und -Partner zusammenbringen, um eine umfassende Fähigkeit zu gemeinsamen Operationen zu sichern.“

Im Klartext: Die Anrainerstaaten Russlands sollen die Föderation mit einem Gürtel von antiballistischen Abwehrraketen umgeben, die auch die neuen russischen Überschallraketen und damit jede russische Abwehr- und Angriffsfähigkeit blockieren.

Weitere Details zu den Manövern im RT-Artikel: (https://de.rt.com/meinung/132986-nato-verfolgt-strategie-spannung/)

Die Stationierung von ausländischen Truppen ist einer der vielen Verstöße der ukrainischen Regierung gegen das Minsker Abkommen, das unter Punkt 10 besagt: „Abzug aller ausländischer bewaffneter Einheiten und von [deren] Militärtechnik, ebenso von Söldnern, vom Territorium der Ukraine unter Beobachtung durch die OSZE. Entwaffnung aller illegalen Gruppierungen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Minsk_II)

Mit der andauernden Verhinderung der Umsetzung des Minsker Abkommens durch Kiew und durch die Ermöglichung von Manövern für das ganze Jahr 2022 stellte sich die Situation im Dezember für die RF verfahren dar. Die russische Regierung warnte mehrmals davor, dass es zu einer Eskalation kommen könne, falls die NATO diesen Kurs beibehält. Hier sei bemerkt, dass die psychologische Kriegsführung der NATO wichtig ist, die darauf abzielt, die Schuld für die Eskalation Russland zu geben und die eigene Rolle als defensiv darzustellen. Die permanente Hysterie vor einer Invasion Russlands in der Ukraine dürfte ein perfides Spiel gewesen sein, weil man zugleich alles dafür getan hat, um genau dies zu provozieren und die eigenen Angriffspläne zu vertuschen.

Dezember 2021: Russland legt Vertragsvorschläge für gemeinsame Sicherheit vor

Nach diesem Vorgehen der NATO und der gesteigerten Drohungen vor allem der USA gegen Russland ist die Regierung Putin zur öffentlichen Diplomatie übergegangen und hat in zwei Vertragsdokumenten einen Vorschlag für eine Sicherheitsordnung vorgelegt. Ein Dokument schlägt einen Vertrag der RF mit den USA vor, das andere ein Abkommen zwischen der RF und den NATO-Mitgliedsstaaten. 

Da die westlichen Regierungen dies bisher einfach vom Tisch gewischt hatten, sollte dies auch ein Signal an die Weltöffentlichkeit sein, um nachzuvollziehen, was die Forderungen Russlands sind, die ja eigentlich immer öffentlich waren, aber nun in Form von konkreten Dokumenten Ausdruck finden sollten.

Am 17. Dezember veröffentlichte die Regierung zwei Dokumente.

Die zentralen Aussagen sind:

  • Die Osterweiterung der NATO muss gestoppt werden.
  • Die NATO soll keine Truppen an den Grenzen Russlands stationieren oder in europäischen Staaten weitreichende Raketen aufstellen, die Russland bedrohen könnten.
  • Die NATO soll sich verpflichten, die Ukraine und weitere Länder nicht aufzunehmen.
  • Stattdessen soll rechtsverbindlich erklärt werden, dass auf eine künftige Erweiterung verzichtet wird und die Truppen zurückgezogen werden, die nach dem Mai 1997 in Osteuropa stationiert wurden.

Dies sind die Forderungen, die Russland seit langer Zeit stellt. Die Bedrohung durch ein Militärbündnis, das bereits zahlreiche Angriffskriege geführt hat und die Russische Föderation als Feind bezeichnet und Raketen in die Reichweite russischer Städte stationiert ist nicht abzustreiten. Die Sicherheitsinteressen Russlands sind legitim. Vermutlich hat die RF diesen öffentlichen Schritt getan, auch um die „Roten Linien“ deutlich aufzuzeigen. Darauf hatten seit November 2021 wiederholt der Außenminister und der Präsident hingewiesen.

Die Antwort der meisten westlichen Regierungen kam umgehend und drückte eine tiefe Ignoranz und Aggressivität aus: Die Forderungen seien alle inakzeptabel. Es gab in einigen Staaten auch tendenzielle Bereitschaft, zu verhandeln, allerdings ohne Konsequenzen.

https://www.jungewelt.de/artikel/416845.westen-rückt-vor-aufmarsch-statt-dialog.html

 IV.         Januar 2022: Ablehnung der russischen Vorschläge – Aufrüstung und Truppenverlegung der NATO

Am 10. Januar 2022 kam es zu einem Treffen zwischen amerikanischen und russischen Unterhändlern. Es kam zu keinen Ergebnissen. Die USA boten laut SPIEGEL Abrüstungsgespräche an, falls Russland im gleichen Sinne dazu bereit sei. Um welche es sich dabei handelt, wurde nicht näher benannt. Die Forderung nach einem Ausschluss der NATO-Osterweiterung wurde erneut abgelehnt.

Der am 12. Januar tagende NATO-Russland-Rat brachte ebenfalls keine Fortschritte. Der russische Unterhändler, Aleksandr Grushko, warf der NATO vor, sie sei auf Angebote zur Deeskalation nicht eingegangen. „Die NATO hält an der Taktik der Eindämmung Russlands aus dem Kalten Krieg fest. Eine weitere Verschlechterung der Situation kann zu unvorhersehbaren und ernsten Konsequenzen für die europäische Sicherheit führen”. Erneut erging seitens Russlands die Forderung, die NATO dürfe keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen und solle Truppen aus neuen östlichen Mitgliedsstaaten abziehen. 

Am 13. Januar fand eine Sitzung der OSZE statt, auf der ebenfalls die Forderungen Russlands abgelehnt wurden und der russische Vertreter vor einer „unvermeidlichen Verschlechterung der Sicherheitslage ausnahmslos aller Staaten“ warnte, falls die Verhandlungen verschleppt würden. Am 21. Januar fanden Verhandlungen zwischen Blinken und Lawrow in Genf statt, die aber ebenfalls keinen Durchbruch brachten. 

Am 26. Januar fand ein Treffen im Rahmen des Normandie-Formats in Paris statt, zunächst auf niedriger Ebene und ohne Ergebnisse. Der Vertreter Russlands beklagte, dass die ukrainische Seite auf Kontaktversuche der Vertreter der Volksrepubliken ablehnend oder gar nicht reagiere und keinerlei Perspektive für die Region vorlege. Das nächste Treffen am 10. Februar könne nur stattfinden, wenn vorher eine Einigung über den geplanten rechtlichen Status des Donbass und über die Abhaltung von Wahlen dort erzielt werde.

Ebenfalls am 26. Januar beantworteten die USA und die NATO die Vorschläge Russlands für Verträge mit einem Nein. Die mögliche Aufnahme der Ukraine in die NATO sei unverhandelbar. Putin warnte, dass „alle notwendigen Maßnahmen“ ergriffen würden, falls der Westen seine aggressive Politik fortsetze. Der russische Außenminister kritisierte am 27. Januar ebenfalls die Ablehnung von Garantien. Russland sei aber weiter offen für Verhandlungen. Lawrow forderte am 28. Januar auch eine Antwort der OSZE, vor allem Erläuterungen zum Prinzip der „unteilbaren Sicherheit“ in Europa. Ein Land dürfe seine Sicherheit nicht auf Kosten eines anderen festigen. Eine Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO wäre eine Bedrohung für Russland. Falls die Bemühungen um gegenseitig annehmbare Prinzipien einer Gewährleistung der Sicherheit in Europa kein Ergebnis bringen, werde Russland Maßnahmen als Antwort ergreifen müssen.

Damit war im Januar eine Situation eingetreten, in der die RF konkrete Verträge vorgelegt hatte und diese in allen relevanten internationalen Gremien oder Gremien des Westens pauschal abgelehnt und ohne jede weitere Prüfung bei Seite gewischt wurden. Die diplomatische Offensive der RF ist gescheitert. Hinzu kamen verstärkte militärische Aktivitäten der USA und der NATO.

Januar 2022: Steigerung der Aufrüstung und Truppenstärke – US-Großmanöver

Im Januar 2022 steigerten die USA und Großbritannien ihre Waffenlieferungen an die Ukraine deutlich. Großbritannien sendete Panzerabwehrwaffen, die USA gaben den baltischen Staaten die Zustimmung zur Weitergabe von US-Waffen an die Ukraine – was wiederum verdeutlicht, wozu die NATO-Mitgliedschaft der anderen osteuropäischen Staaten unter anderem dient, sie sind vorgelagerte Stationen der US-Armee. Es wurde außerdem die Lieferung von Waffen im Wert von 200 Millionen Dollar genehmigt. (Weitere Zahlen zur Dimension der Waffenlieferung in der IMI-Analyse 2022/02: https://www.imi-online.de/2022/01/24/nato-aggression-und-russlands-reaktion/)

Die USA begannen am 22. Januar ein großes Manöver im Mittelmeer, das sich zuvor nicht auf einer Liste mit allen angekündigten Manövern befand. Im Einsatz war der Flugzeugträger USS Harry Truman, der eigentlich verlegt werden sollte, aber auf Anordnung des US-Verteidigungsministers im Mittelmeer belassen wurde.

Am 24. Januar kündigten die USA an, weitere Truppen nach Osteuropa zu verlegen und weitere Schiffe und Kampfflugzeuge zu stationieren. Es wurden sofort 8.500 zusätzliche Soldaten verlegt und die mögliche Verlegung von 50.000 Soldaten vorbereitet. Die USA und weitere westliche Staaten räumten ihre Botschaften und riefen alle Staatsbürger dazu auf, das Land zu verlassen.

Am 20. Januar kündigte Russland ein Marinemanöver in Atlantik, Arktis, Pazifik und Mittelmeer an. An den Übungen sollen 140 Schiffe und 60 Flugzeuge teilnehmen. Ziel sei, auf Bedrohungen Russlands aus den Meeren und Ozeanen zu begegnen. Außerdem kündigte Russland ein gemeinsames Manöver mit Belarus für den 10. Bis 20. Februar an.

Russland betonte, dass es keine Invasion beabsichtige und forderte von den USA eine schriftliche Antwort auf ihre Vertragsvorschläge. Die USA lehnten diese als inakzeptabel ab, es wurden keine Verhandlungen oder Treffen angeboten, um Möglichkeiten für Verhandlungen auszuloten und es wurden auch sonst keinerlei Anzeichen gegeben, dass es irgendeinen Spielraum für die Vorschläge Russlands geben würde.

Stattdessen verlegten am 29. Januar die USA, Dänemark und Deutschland weitere Kampfflugzeuge und Schiffe nach Osteuropa. Der Beschuss der Volksrepubliken hielt unvermindert an.

Von Anfang Januar bis Mitte Februar soll laut russischem Außenministerium die Ukraine etwa 50 Transportflugzeuge mit Waffen bekommen haben. Laut seiner Sprecherin sollen der ukrainische Verteidigungsminister und der Oberbefehlshaber am 14.02.22 gemeinsam erklärt haben, dass seit Jahresbeginn rund 2000 Tonnen modernster Waffen aus den USA, Großbritannien, Kanada, Polen und Litauen geliefert worden waren. (SNA News 05.03.22)

Auch kubanische Medien hatten schon zu diesem Zeitpunkt vor einem Krieg und einer Zuspitzung des Konflikts durch die USA gewarnt. Laut UZ vom 11. März „schlug der ehemalige CIA-Doppelagent Raúl Capote bereits am 6. Dezember 2021 in der KP-Zeitung „Granma“ Alarm. Am 2. Februar 2022 meldete die Zeitung: „Presseberichten zufolge erhielt die Ukraine am 22. Januar mehr als 90 Tonnen tödliche Waffen aus den USA, am 23. Januar weitere 80 Tonnen, und zwei Tage später trafen nochmals 80 Tonnen US-Panzerabwehrraketensysteme ein.“ (https://www.unsere-zeit.de/realistische-diplomatische-loesung-166691/?fbclid=IwAR2ZYmoSnCcgOR0PhPV1hJE5t5OuETjeCflefDV9DQRMt6vjKsZkjeBeD-s)

   V.         Februar 2022: EU- „Krisendiplomatie“ ohne Ergebnisse

Ergebnis: Kein Eingehen auf Russlands Forderungen

Am 1. Februar warnte Putin bei einem Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten vor der Gefahr eines Kriegs in Europa, falls die Ukraine NATO-Mitglied werden sollte und versuchen sollte, die Krim zurückzuerobern. Er warnte diesbezüglich vor einem möglichen bewaffneten Konflikt des Militärblocks und der NATO um die Krim: „Stellen wir uns vor, die Ukraine ist ein NATO-Mitglied und beginnt diese militärischen Einsätze. Sollen wir gegen den NATO-Block in den Krieg ziehen?” Putin zeigte sich weiterhin bereit zum Dialog über die zur Debatte stehenden Sicherheitsfragen: „Ich hoffe, dass wir am Ende eine Lösung finden werden.”

Im Februar 2022 begann eine intensivere Phase der Diplomatie auf höchster Ebene der europäischen Staaten. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs sprachen mit dem russischen Präsidenten. Auch auf Außenminister-Ebene gab es zahlreiche Treffen, darunter mit der deutschen und der britischen Außenministerin, die mehr als enttäuschend für die RF verlaufen sind, da die Vertreterinnen der beiden Länder nicht mehr als das zu sagen hatten, was sie auch in Medien verbreiten würden.

Am 1. Februar fand der Besuch Orbans statt, am 7. Februar der Besuch Macrons, der vermutlich der wichtigste in dieser Reihe war und am 15. Februar der Besuch Scholz‘, der der letzte in der Reihe war und vermutlich verdeutlicht hat, dass der Westen zu keinerlei Zugeständnissen oder Änderung seiner Pläne bereit ist.

Der Staatsbesuch Macrons ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil Frankreich noch am ehesten die Bereitschaft zeigte, zumindest verbal auf die Sicherheitsinteressen Russlands einzugehen und versucht hatte, das Minsker Abkommen im Spiel zu halten und es wieder zu beleben. Laut RT hatte Macron einige Vorschläge gemacht, über die es aus Sicht Russlands sinnvoll wäre, weiter zu verhandeln. Details dazu wurden von beiden Seiten nicht bekannt gegeben. Im Vorfeld des Treffens sagte Macron in einem Interview, dass das Ziel Russlands „eindeutig nicht die Ukraine, sondern die Klärung der Regeln der Koexistenz mit der NATO und der EU“ sei und hat damit zumindest ein gewisses Sachverständnis für die Fragen, um die es geht, geäußert. (https://de.rt.com/europa/131125-macron-hofft-auf-ukraine-abkommen/)

Am 12. Februar fand ein weiteres Telefonat zwischen Macron und Putin statt, um die Besprechungen nachzubereiten. Dies fand zwei Tage nach dem zweiten ergebnislosen Normandie-Treffen statt. Außer der Absicht beider Seiten, den Dialog auf höchster Ebene fortzusetzen, gab es keine Ergebnisse. Am 20. Februar fand noch einmal eine Telefonkonferenz zwischen Macron und Putin statt, die aber keine belastbaren Ergebnisse brachte, auch wenn Paris das laut RT anders dargestellt hatte. Die russische Regierung wies auf den anhaltenden Beschuss der Volksrepubliken hin sowie die Evakuierung, die deshalb notwendig geworden sei, Kiew täusche die Verhandlungsbereitschaft nur vor und weigere sich, Minsk umzusetzen. De facto blieb die Kiewer Regierung bei ihrer Planung und setzte den Beschuss fort. Aus einem Gespräch Macrons mit Selenskij wurde lediglich gemeldet, dass Macron diesen für seine Gelassenheit gelobt habe und seine Entschlossenheit, eine Eskalation zu verhindern.

Während Macron mit Putin sprach, befand sich der deutsche Bundeskanzler in Washington. Dort kamen die wesentlichen Aussagen vom US-Präsident, der klar über die deutsch-russische Pipeline NordStream2 bestimmte und sagte, sie werde auf jeden Fall gestoppt und die USA hätten Mittel, um das zu tun. Das Signal des Treffens bestand vor allem darin, erneute Drohungen gegen Russland auszusprechen für den Fall, dass ein Angriff auf die Ukraine bevorstehe. Die Forderungen Russlands waren kein ernsthaftes Thema. (https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bundeskanzler-scholz-reise-washington-2002916)

Am 14. Februar reiste Scholz nach Kiew, wo laut RT eine Andeutung Selenskijs fiel, der Weg der Ukraine in die NATO könne länger dauern und das sei als Basis für einen Kompromiss mit Moskau zu verstehen. Dieses Signal gehe aber nicht von ihm, sondern von anderen Staaten aus und eine Aufnahme in die EU müsse auf jeden Fall beschleunigt stattfinden. Die Formulierungen lassen erkennen, dass es sich um eine Hinhaltetaktik gegenüber Russland handelte ohne ernsthafte Überlegungen, Pläne zu ändern. (https://de.rt.com/europa/131526-selenskij-nach-gipfel-mit-scholz-nato-fuer-ukraine-weit-entfernter-traum/)

Am 15. Februar fand dann der Besuch Scholz‘ in Moskau statt. Vermutlich hat Scholz hier versucht, die russische Regierung damit zu vertrösten, dass eine schnelle Aufnahme der Ukraine in die NATO nicht geplant sei. Putin antwortete laut RT darauf, dass diese Aussagen zu vage seien und man dem Westen zu lange geglaubt habe und nun schriftliche Zusagen brauche. Scholz betonte zwar, dass nachhaltige Sicherheit nur mit und nicht gegen Russland zu erreichen sei und die diplomatischen Mittel nicht ausgeschöpft seien. Konkretere Angebote machte er aber nicht. Das entscheidende Thema des Treffens war indes die Frage der Volksrepubliken und der möglichen Anerkennung durch die RF. Dazu weiter unten mehr.

(https://de.rt.com/international/131634-scholz-besuch-im-kreml-nachhaltige-sicherheit-nur-mit-russland-moeglich/)

Februar 2022: Militärische Fakten schaffen

Während dieser Phase der Diplomatie werden militärisch Fakten geschaffen.

Am 2. Februar begannen Frankreich und die USA mit der Verlegung von Truppen nach Osteuropa, in den folgenden Tagen sollten ca. 3000 US-Soldaten nach Rumänien, Polen und Deutschland verlegt werden. Am 5. Februar wurden 1000 US-Soldaten aus Bayern nach Osteuropa verlegt. Zudem streute das Pentagon zahlreiche Behauptungen, dass Russland unter Vorwänden in die Ukraine einmarschieren werde. Selenskij behauptete, er sei für Minsk-Verhandlungen bereit. 

Die BRD-Außenministerin Baerbock reiste nach Kiew und ging in Kampfmontur in die Nähe der Kontaktlinie zum Donbass. Sie verlor kein Wort über die Verletzungen des Waffenstillstands seitens der Ukraine, sondern versprach explizit den „Beistand“ Deutschlands. Deutschland stockte außerdem die Truppen im Baltikum auf. Die USA setzten ihre Propaganda-Strategie fort, die vor allem darin bestand zu behaupten, dass eine russische Invasion kurz bevorstehe. Angeblich plane Russland eine false-flag-Operation mit einem gefälschten Video, um einen Einmarsch zu rechtfertigen. Beweise oder belastbare Hinweise konnten die Sprecher auch nach mehrmaligen Nachfragen nicht vorlegen.

Am 10. Februar begann die RF in Belarus ein gemeinsames Manöver mit Belarus.

Dies war bereits angekündigt. Dennoch dürfte es nicht zufällig für diesen Zeitraum geplant gewesen sein, da die NATO-Truppenverstärkungen und Aufrüstungen der RF länger bekannt gewesen waren.

Am 11. Februar forderten zahlreiche Länder, darunter Deutschland, ihre Staatsbürger auf, die Ukraine umgehend zu verlassen. Die USA verlegten Kampfjets von Deutschland nach Rumänien und entsendeten weitere Truppen nach Osteuropa. Putin telefonierte mit Biden und stellte fest, dass sich die Gespräche in einer Sackgasse befänden, die Forderungen Russlands wurden weiterhin ignoriert. Die westlichen Regierungen steigerten ihre Propaganda, dass Russland plane, die Ukraine anzugreifen.

Am 13. Februar relativierte die Bundesregierung ihre Ablehnung von Waffenlieferungen und zeigte sich bereit, „nicht-tödliche“ Waffen zu liefern und die Wunschliste der Ukraine zu prüfen. Die Lieferung von elektronischen Ortungssystemen, Minenräumgeräten, Schutzanzügen, digitalen Funkgeräten, Radarstationen oder Nachtsichtgeräten sei denkbar. Außerdem sollten der ukrainischen Regierung weitere Gelder zur Verfügung gestellt werden.

Am 10. Februar twitterte der ukrainische Verteidigungsminister Olexi Resnikow Fotos von amerikanischen Frachtflügen mit mehr als 200 Tonnen Waffen. Insgesamt seien Lieferungen von mehr als 1200 Tonnen Munition, tragbaren Abwehrraketen, Granaten und Ausrüstung in Kiew angekommen.

Im Zeitraum von Anfang bis Mitte Februar lassen sich also deutliche Steigerungen der Aufrüstung der Ukraine und der Truppenverlegung der NATO beobachten bei anhaltendem und steigernden Beschuss der Volksrepubliken. Es ist davon auszugehen, dass die Staatsbesuche der europäischen Regierungschefs vor allem die Funktion hatten, die RF hinzuhalten und damit der ukrainsichen Armee Zeit für die Vorbereitung des Angriffs zu verschaffen.

 VI.         15. Februar: Duma-Beschluss zur Anerkennung der VR

Am 15. Februar beschloss die Duma, den Präsidenten der RF aufzufordern, die Volksrepubliken Donbass und Lugansk anzuerkennen. Dieser Beschluss war nicht nur überfällig, er sollte auch ein Stopp-Zeichen setzen. In der UZ wird die Erklärung zitiert: „Eine solche Anerkennung wird die Grundlagen dafür schaffen, um Sicherheitsgarantien und den Schutz ihrer Völker gegen äußere Bedrohungen und gegen die Umsetzung einer Politik des Genozids gegen die Einwohner der Republiken zu gewährleisten (…)‘, heißt es in der Resolution der Duma.“ Die Entscheidung der Anerkennung lag noch beim Präsidenten. Die Regierungen der beiden Volksrepubliken haben die Entscheidung begrüßt, ebenso die Kommunistische Partei der Volksrepublik Donezk.

Zum Hintergrund wird in der UZ ausgeführt, dass die Angriffe stark zugenommen hätten und dass sowohl die RF als auch die VR vor einem breit angelegten Angriff der Kiewer Truppen warnen. Die NATO nutzte dagegen den Beschluss, um die Kriegsrhetorik zu verstärken. Moskau habe mit dem Minsker Abkommen gebrochen. Putin betonte dagegen bei der Pressekonferenz mit Scholz, dass trotz des Duma-Beschlusses die Möglichkeiten von Minsk nicht ausgeschöpft seien. Die UZ fasst zusammen: „Offensichtlich will die russische Regierung den Beschluss der Duma nutzen, um noch einmal Druck auf den Westen auszuüben, Kiew zu direkten Verhandlungen mit den Republiken des Donbass zu zwingen und gleichzeitig, sollte dies keinen Erfolg haben, weitere Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.“ Auch die KPRF vertrat die Auffassung, dass direkte Verhandlungen notwendig seien, auch im Falle einer Anerkennung müsse über eine friedliche Koexistenz der Staaten mit der Ukraine verhandelt werden. Man kann sagen, dass Moskau damit eine klare rote Linie gezogen hat, die aber vom Westen in überheblicher Weise ignoriert wurde.

(https://www.unsere-zeit.de/kein-ersatz-fuer-verhandlungen-166019/)

Bei der Pressekonferenz von Putin und dem BRD-Kanzler Scholz sprach Putin sehr deutlich an, dass der Beschuss gestoppt werden müsse und dass in den Volksrepubliken ein Völkermord stattfinde. Es ist erkennbar, dass mit dem Beschluss der Duma Druck ausgeübt werden sollte, dass der Westen jetzt ernsthafte Anstrengungen in Bezug auf die Minsker Verhandlungen leisten müsse. Putin weiter: „Ich werde davon ausgehen, dass wir alles daransetzen müssen, die Probleme des Donbass zu lösen. Aber das muss so geschehen, wie es vom Bundeskanzler bereits verlautbart wurde. Wir müssen davon ausgehen, dass die Möglichkeiten bei der Erfüllung der Minsker Vereinbarungen noch nicht ausgeschöpft sind. Wir hoffen sehr, dass unsere Partner aus Übersee und in Europa, insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich, entsprechenden Einfluss auf die Kiewer Regierung von heute ausüben werden und Lösungen gefunden werden.“

Die Antwort von Scholz verrät sowohl, dass es offensichtlich Probleme seitens Kiew bei der „Rückkehr zu Minsk“ gebe, aber auch, dass er hier keinen Fahrplan, keine handfesten Vorschläge hat, die er aus seinen Gesprächen mit Selenskij einen Tag vorher hätte mitbringen können: „Selbstverständlich würde das bedeuten, die Minsker Vereinbarungen zu missachten, wenn die Resolution, die das Parlament heute getroffen hat, Realität würde. Ich glaube, das wissen auch alle Beteiligten. Deshalb geht es nicht um diese Resolution – die würde dagegen sprechen; dann wäre der Prozess abgebrochen und beendet und das wäre eine politische Katastrophe -, sondern es ginge nur, wenn dann gewissermaßen alle wieder zu dieser Minsker Vereinbarung zurückkehren, nach der Sie eingangs gefragt haben. Die hat eben klare Kriterien.“

(https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/pressekonferenz-von-bundeskanzler-scholz-und-praesident-putin-zum-besuch-des-bundeskanzlers-in-der-russischen-foederation-am-15-februar-2022-2005530)

Am 15. Februar begann Russland mit dem Rückzug erster Soldaten von der russischen Grenze, um ein Zeichen für Verhandlungen zu setzen. Auch auf dieses Zeichen ging die NATO nicht ein und lehnte jegliche Verhandlungen ab.

Antwort der NATO: Kampftruppen auch nach Rumänien und Bulgarien

Zwischen dem 15.02. und dem Tag der Anerkennung der Volksrepubliken, dem 21.02. liegt knapp eine Woche. In dieser Woche müssen die Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff zugenommen haben.

Anstatt nun Optionen für Verhandlungen zu überlegen, bestand die Antwort der NATO darin, am 16. Februar beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister zu beschließen, die Präsenz in Osteuropa dauerhaft zu auszubauen. In Zukunft sollen auch in südwestlich der Ukraine gelegenen NATO-Ländern wie Rumänien multinationale Kampftruppen stationiert werden. Diese sogenannten Battlegroups gibt es bislang nur in den baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland sowie in Polen. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, die Verteidigungsminister der Mitgliedsländer hätten der Militärführung ein Mandat zur Ausarbeitung der Pläne erteilt. Deutsche Eurofighter wurden nach Rumänien verlegt.

Damit wurden erneut Fakten geschaffen, die direkt den Forderungen Russlands entgegen stehen. Die Verlegung nach Rumänien und Bulgarien ist von besonderer Bedeutung, weil sie am Schwarzen Meer liegen.

Russland fordert Zusagen und warnt vor Maßnahmen

Am 17. Februar veröffentlichte das russische Außenministerium ein Antwortschreiben auf die schriftliche Antwort der USA zu dem Vorschlag für Sicherheitsverträge. Darin heißt es: „Wir stellen fest, dass die amerikanische Seite keine konstruktive Antwort auf die grundlegenden Elemente des von der russischen Seite vorbereiteten Entwurfs eines Vertrags mit den USA über Sicherheit gegeben hat.“ Russland beklagt, dass die USA lediglich einzelne Forderungen, die für sie eventuell zu erfüllen wären, herausgepickt hätten und die Forderungen aber nur im Zusammenhang zu verstehen seien.

 (https://www.euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/russland-usa-soll-waffen-und-personal-aus-neuen-nato-mitgliedsstaaten-abziehen/)

Die NATO beginnt mit der Vorbereitung massiver Truppenverlegungen

Am 18. Februar, also drei Tage nach dem Duma-Beschluss zur Anerkennung der Volksrepubliken, versetzte die NATO ihre Truppen in erhöhte Alarmbereitschaft. Die Bereitschaftszeiten für mehrere zehntausend Bündnissoldaten wurden von 30 Tagen auf 7 Tage drastisch verkürzt. Innerhalb von nur sieben Tagen wäre eine Verlegung der schnellen Eingreiftruppe NRF („NATO Response Force“) möglich. Die Gesamtgröße der NRF wurde von der NATO zuletzt mit rund 40.000 Soldaten angegeben. Für weitere Truppenteile gelte ab sofort eine sogenannte „Notice-to-Move“-Frist von 30 statt von 45 Tagen. Das Bundesverteidigungsministerium bestätigte, dass der Befehl auch für die deutschen Soldaten gelte. „Auf Antrag des Supreme Allied Commander Europe (Saceur), General Wolters, und in enger Abstimmung mit den Alliierten wird die Bundesregierung die Reaktionsfähigkeit der in die NATO Response Force (NFR) eingemeldeten Kräfte der Bundeswehr erhöhen”, teilte sie mit. Mit der Maßnahme gingen angeblich keinerlei Verlegungen einher. Eine tatsächliche Verlegung der Kräfte bedürfte letztendlich eines politischen Beschlusses des NATO-Rats. Dieser erfolgte am 25.02.22 nach dem Beginn der Militäroperation Russlands. Seitdem sind Truppenverlegungen in großem Ausmaß im Gange. https://www.rnd.de/politik/ukraine-konflikt-nato-erhoeht-einsatzbereitschaft-der-streitkraefte-EJRFK7MJPI4XXEOWAFPYAPWDVA.html)

Russland kündigte für den 18. Februar einen Test der Zuverlässigkeit seiner strategischen Nuklearwaffen an, der aber bereits länger vorher angekündigt worden war. 

Es ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt die Anstrengungen der NATO, den Angriff vorzubereiten und durchzuführen in eine neue Stufe getreten sind. Um dies zu verifizieren, müssten weitere Details der militärischen und politischen Vorgänge recherchiert und eingeordnet werden. Es ist ebenfalls davon auszugehen, dass Russland diese Vorgänge genau beobachtet hat und daher verstärkte Manöver ansetzt. Möglich ist auch, dass Russland sich bereits länger auf diese Eskalation der NATO vorbereitet hat und Maßnahmen eingeleitet hat, um einen präventiven Gegenzug zu organisieren.

Die Angriffe auf die Volksrepubliken werden massiv intensiviert

Am 17. Februar meldete die OSZE verstärkten Beschuss der Volksrepubliken. 

Am 18. Februar evakuierten die Volksrepubliken die Bevölkerung aufgrund des starken Beschusses und der Gefahr einer militärischen Eskalation. Die Vertreter der Volksrepublik Donezk warnten davor, dass die Kiewer Regierung kurz davor sei, eine Offensive zu starten. Über 700.000 Menschen sollten in Sicherheit gebracht werden.

Am 19. Februar, also vier Tage nach dem Beschluss der Duma, meldete die OSZE eine drastische Zunahme der Verstöße gegen die Waffenruhe. In Lugansk seien 648 Verstöße gegen die Waffenruhe festgestellt worden, darunter 519 Explosionen. Für die Region Donezk wurden 222 Verstöße gemeldet, darunter 135 Explosionen. Eine deutliche Zunahme im Vergleich zu den Wochen davor. Die Volksrepubliken begannen mit der Mobilisierung der wehrfähigen Bevölkerung und warnten vor einer Offensive der Kiewer Regierung.

Man muss dazu anmerken, dass die OSZE keine neutrale Instanz ist und viele Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen seitens der Ukraine nicht meldet. 

VII.         Selenskijs München-Rede und Anerkennung der Volksrepubliken

Die vielleicht entscheidende Eskalation: Selenskij löst sich vom Budapester Memorandum

Am 19. Februar, ebenfalls vier Tage nach dem Duma-Beschluss, nutzten die westlichen Staaten die „Münchner Sicherheitskonferenz“, um weitere Drohungen gegen Russland auszusprechen und jegliche Forderungen vollständig abzulehnen. Es wurde keinerlei Bereitschaft zur Verhandlung gezeigt, obwohl sich die russische Regierung dazu mehrmals bereit gezeigt hatte.

Stattdessen kündigte Selenskij in München an, falls keine von der Ukraine erzwungenen Verhandlungen über das Budapester Memorandum stattfänden, dieses aufzukündigen. In seiner Rede stellte er die Verbindung her, dass die Ukraine diese Waffen brauche, um ihre Sicherheit zu garantieren. Damit kündigte die Regierung an, Atomwaffen haben zu wollen. Eine erneute drastische Eskalation, die von den anwesenden Staatschefs mit keiner Silbe kritisiert wurde. (Im Wortlaut: https://www.berliner-zeitung.de/welt-nationen/selenskyj-einer-von-uns-luegt-li.212932)

Die Ukraine erlaubt bereits seit dem Jahr 2000 per Gesetz die Stationierung von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen anderer Staaten auf ihrem Territorium. Dieses Gesetz wurde im Zuge des Kriegs gegen den Donbass verändert, die Standortbestimmung der Trägerwaffen kann seitdem durch die Ukraine selbst vorgenommen werden. Laut RT dient dies dazu, bei der Rückeroberung der Krim und der Volksrepubliken den Streitkräften einer „internationalen Friedenssicherung“ auch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu ermöglichen. Das Gesetz ermöglicht in jedem Fall die Stationierung von US-Trägersystemen von ABC-Waffen, ganz unabhängig davon, ob die Ukraine Teil der NATO ist. 

Diese Möglichkeit der Stationierung von Massenvernichtungswaffen an der russischen Grenze ist kein einziges Mal von UNO, EU, OPCW oder anderen internationalen Organisationen kritisiert worden. Laut RT gab es seit 2014 mehrere Versuche der Kiewer Regierung, die Anschaffung eigener Atomwaffen voranzubringen, die aber an der Befürchtung eines Kontrollverlusts der USA gescheitert seien.

(https://de.rt.com/europa/132775-gefahr-ist-real-stationierung-von/)

Diese Provokation der Kiewer Regierung unter Duldung der NATO-Staaten dürfte ein entscheidendes Alarmzeichen für die RF gewesen sein. Am 20. Februar kündigten die RF und Belarus an, das Manöver fortzusetzen, das eigentlich am 20.02. hätte enden sollen und begründeten dies mit der eskalierten Situation.

Am 21. Februar ließ Biden mitteilen, für ein Treffen mit Putin offen zu sein. Macron und Putin vereinbarten in einem Telefonat, „die Wiederherstellung des Waffenstillstands zu erleichtern und Fortschritte bei der Lösung des Konflikts zu gewährleisten“. Es wurden Andeutungen für kommende Gespräche gemacht. Die Ukraine forderte dagegen sofortige Sanktionen gegen Russland.

Anerkennung der Volksrepubliken

Am 21. Februar erkannte die Russische Föderation die Volksrepubliken Donezk und Lugansk an und kündigte Beistand für sie an. Zunächst war unklar, wann russische Truppen zur Hilfe der VR ausrücken.

In der UZ heißt es, dass Putin in der Rede zur Anerkennung der Volksrepubliken ausführt, dass die Beziehungen zur Ukraine nicht gekappt werden sollen und dass diese aber von den USA und der NATO als Schauplatz künftiger Feindseligkeiten ausgebaut werde und alleine für dieses Jahr zehn gemeinsame Manöver geplant seien. Auf die Frage nach den Gründen für den westlichen Aufmarsch gebe es nur eine Antwort: „Es geht nicht um unser politisches Regime, es geht um nichts anderes, sie brauchen ein so großes unabhängiges Land wie Russland einfach nicht.“ Die Vertreter der Volksrepubliken begrüßen die Entscheidung.  

Die Anerkennung der Volksrepubliken war nicht nur überfällig, sondern entsprach auch dem Völkerrecht. Die Reaktion des Westens ist mehr als nur heuchlerisch. Für die Darstellung hier ist wichtig, dass die NATO und die Kiewer Regierung auch dieses Stopp-Zeichen ignorieren und den Beschuss der Volksrepubliken steigern. Weitere Details müssen extra zusammengestellt werden. Zahlreiche wichtige Informationen sind hier zu finden:

VIII.         Die NATO setzt Angriffspläne fort, Russland beginnt mit Militäroperation

Der Westen verhängt Sanktionen, Kiew steigert die Kriegsaktivitäten

Die westlichen Staaten reagierten feindselig auf die Anerkennung. Die EU kündigte Geldleistungen für die Ukraine im Umfang von 1,2 Milliarden Euro an. 

Am 22. Februar stoppte die BRD die Inbetriebnahme der Pipeline „NordStream 2“. Die EU verhängte Sanktionen vor allem gegen russische Banken und Unternehmen, die in der Ostukraine aktiv sind und fror deren Vermögenswerte in der EU ein. Die USA sanktionierten zwei russische Banken und den Handel mit russischen Staatsanleihen.

Statt nun Bedingungen für Verhandlungen zu schaffen, werden die Kriegsaktivitäten der Kiewer Regierung, vermutlich gedeckt und befeuert durch die NATO, gesteigert.

Am 23. Februar verhängte die Ukraine den Ausnahmezustand, verstärkte die Polizeipräsenz und erlaubte willkürliche Kontrollen. Das Parlament billigt ein Gesetz, das Privatpersonen das Tragen von Schusswaffen und das Handeln zur Selbstverteidigung erlaubt. Selenskij beschloss außerdem eine Mobilmachung der operativen Reserve, die normalerweise bei anhaltenden Feindseligkeiten aktiviert wird.

Zwischen der Anerkennung der Volksrepubliken und dem Beginn der Militäroperation gab es für Russland keine sichtbaren Anzeichen für eine Änderung der Kriegspläne der NATO. Hier sind weitere Details notwendig, um den genauen Hergang der Ereignisse zu verstehen.

Die Russische Föderation beginnt mit der Militäroperation

Am 24. Februar begann die Russische Föderation ihre Militäroperation.

Das offiziell erklärte Ziel ist neben dem Schutz der Bevölkerung im Donbass die

Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine mit einem neutralen Status.

In seiner Rede zur Erklärung der Militäroperation rekapituliert der russische Präsident die Entwicklung der letzten dreißig Jahre und führt die Angriffskriege der NATO an. Er vergleicht die aktuelle Situation mit der vor dem Überfall Nazi-Deutschlands, als die Sowjetunion zu spät Verteidigungsmaßnahmen ergriffen habe, nur um den Gegner nicht zu provozieren. Das dürfe sich nicht wiederholen. Mir geht es nicht darum zu sagen, dass diese Aussagen Putins zur historischen Situation richtig sind, sondern darum die Einschätzung der Lage durch die russische Regierung aufzuzeigen.

Putin führt aus, dass ein Zusammenstoß Russlands mit den Kräften der NATO unausweichlich und nur eine Frage der Zeit sei, die NATO rote Linien überschritten habe und Russland deshalb jetzt handeln müsse: „Für die USA und ihre Verbündeten bietet diese sogenannte Politik der Eindämmung Russlands natürlich geopolitische Vorteile. Aber für uns ist es eine Frage von Leben und Tod, die Frage unserer historischen Zukunft als Volk. Das ist genau die rote Linie, über die wir mehrfach gesprochen haben. Sie haben sie überschritten. Alle uns vorliegenden Analysen sagen, dass der Zusammenstoß Russlands mit diesen Kräften unausweichlich ist. Er ist nur eine Frage der Zeit. Sie bereiten sich vor und warten auf den für sie geeignetsten Moment. Jetzt beansprucht die Ukraine sogar noch Atomwaffen. Das werden wir nicht zulassen. Russland hat nach dem Zerfall der UdSSR die neuen geopolitischen Realitäten akzeptiert. Wir respektieren die seitdem neu entstanden Staaten. Aber Russland kann sich in einer Situation fortwährender Bedrohung vom Territorium der heutigen Ukraine aus nicht in Sicherheit fühlen und entwickeln. Wir haben keine andere Möglichkeit mehr als die, zu der wir jetzt zu greifen gezwungen sind, um Russland und unsere Menschen zu verteidigen. Die Umstände verlangen von uns entschiedenes und unverzügliches Handeln.“

Putin führt weiter aus, dass keine Okkupation ukrainischer Territorien geplant sei. Die Militäroperation diene „der Verteidigung Russlands gegen diejenigen, die die Ukraine als Geisel genommen haben und versuchen, sie gegen unser Land und sein Volk zu instrumentalisieren. Unser Handeln ist ein Akt der Selbstverteidigung gegen Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, und gegen ein noch größeres Unglück als das, was heute geschieht.“ (https://www.jungewelt.de/artikel/421512.tv-ansprache-dokumentiert-auszüge-der-rede-des-russischen-präsidenten-am-23-februar-zur-begründung-des-ukraine-einsatzes.html)

NATO und EU forcieren den Krieg

Die weiteren Ereignisse zeigen auf, dass die NATO diesen Plan bis heute weiter umsetzt und unvermindert die Aggressionen gegen Russland steigert. Sie unternimmt alles, um Verhandlungen zu sabotieren, in dem sie die Kiewer Regierung mit Waffen beliefert, Gelder pumpt und massive Sanktionen gegen Russland verhängt. Zahlreiche Pläne, die es bereits lange gab, werden nun beschleunigt umgesetzt, darunter die drastische Erhöhung der Rüstungshaushalte.

Ab hier muss eine Fortsetzung der Ereignisse und einer Einschätzung des Charakters der Militäroperation sowie der vom Westen verhängten Sanktionen erfolgen. Es gibt bereits eine Reihe an Veröffentlichungen der Volksrepubliken und des russischen Verteidigungsministeriums, die geprüft werden sollten, die darauf hinweisen, dass der Angriff der ukrainischen Armee auf den 8. März terminiert war und dass Labore mit der Entwicklung von biochemischen Kampfmitteln unter Leitung des Pentagon auf dem Territorium der Ukraine gearbeitet haben.

 IX.         Schlussfolgerungen

Aus dem was mir bisher an Informationen zur Verfügung steht, komme ich zu dem Schluss, dass die Russische Föderation mit der Militäroperation in der Ukraine einem Angriff der Ukraine – unterstützt, bewaffnet und finanziert durch die NATO – auf die Volksrepubliken und die Krim, sowie eventuell im weiteren Verlauf eines Angriffs mehrerer NATO-Länder auf die RF, zuvorgekommen ist. Dadurch konnte ein Zeitvorsprung von ca. ein bis zwei Wochen gewonnen werden und eventuell ein neuer Ausgangspunkt für Verhandlungen geschaffen werden. Vor allem aber konnte vorübergehend die NATO von der Möglichkeit des Angriffs auf die RF zurückgedrängt werden.

Die NATO-Planungen sahen nicht nur einen Angriff auf die Volksrepubliken und die Krim vor, sondern auch große Manöver in der Ukraine und im Schwarzen Meer, die zu einem großen Aufmarsch über das ganze Jahr 2022 geführt hätten. Außerdem war die Verstärkung der NATO-Truppen in Osteuropa vorgesehen. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass die NATO mit der Provokation des Angriffs auf die Volksrepubliken und die Krim die RF in kriegerische Handlungen verwickelt hätte, in dessen Zusammenhang ein Angriff auf die RF nicht ausgeschlossen werden kann. Die Ukraine hätte als Nachschub- und Aufmarschgebiet gedient, wozu sie bereits aufgebaut worden war.

Die Option für die RF, sich nur auf den Schutz und die Stationierung von Militär in den VR zu beschränken, scheint mir unrealistisch. Von dieser Position aus gegen die vereinte NATO, die offen und verdeckt in der Ukraine agiert, zu handeln, wäre aussichtslos gewesen. 

Hinzu kommt ein wichtiger Faktor: Die Auseinandersetzung dreht sich nicht nur um die direkt in der Ukraine stattfindenden Ereignisse. Die NATO hat wesentliche Schritte zur Gefährdung der Sicherheit der RF unternommen, vor allem mit der Vorbereitung einer möglichen Stationierung von Mittelstreckenraketen in Osteuropa und mit der geduldeten Ankündigung der Kiewer Regierung, Atomwaffen anzustreben. Diese direkte massive Bedrohung konnte die RF nicht unbeantwortet lassen. Die angestrebte Entmilitarisierung der Ukraine ist der Versuch der RF, diesen wesentlichen Baustein in der NATO-Strategie unschädlich zu machen und sich dadurch mehr Spielraum gegenüber der NATO zu erarbeiten.

Ob es weitere andere Optionen gegeben hätte, müsste konkret geklärt werden erstens anhand der genaueren Untersuchung der Ereignisse, zweitens anhand von damit zusammenhängenden realistischen Überlegungen. Die allgemeine Aussage, das hätte die RF nicht gedurft und auch nicht gemusst, ist nicht ausreichend.

Die Darstellung, die RF hätte mit ihrer Truppenkonzentration an der ukrainischen Grenze die Eskalation ausgelöst und die NATO reagiere nur defensiv mit der Stationierung weiterer Truppen darauf, widerspricht den Tatsachen und dem Ablauf der Ereignisse. Die Schritte der Eskalation gingen eindeutig von der NATO und der Kiewer Regierung aus, vor allem mit der Ankündigung der Rückeroberung der Volksrepubliken und der Krim, sowie der Option auf Atomwaffen. Die RF hat soweit ich das aus den Informationen sehen kann, mehrmals versucht durch Truppenreduzierung eine Ebene der Verhandlungen zu eröffnen, die aber stets durch mehr Truppenkonzentration und andere Provokationen durch die NATO zunichte gemacht wurden.

Soweit ich das einschätzen kann, blieb der RF keine andere Wahl als die Militäroperation zu beginnen, wenn man die „Wahl“, die Sicherheit und den Bestand des eigenen Landes zu opfern nicht als ernsthafte Option in Betracht zieht. Es wird häufig eingewendet, dass die Militäroperation völkerrechtswidrig und deshalb abzulehnen sei. Ich kann die völkerrechtliche Legitimation nicht beurteilen. Aber mir stellt sich die Frage, wie ein Land auf eine solche Bedrohung wie sie vorlag bzw. vorliegt reagieren soll. Diese Frage wird sich nicht einfach mit Verweis auf die Gesellschaftsordnung eines Landes beantworten lassen, also damit abtun lassen, dass es ja ein kapitalistisches Land sei und damit implizit ausgeschlossen wird, dass eine Verteidigung grundsätzlich unzulässig sei.

Die Risiken und Kosten sind für die RF sehr hoch und der Ausgang ist bis jetzt ungewiss. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die RF sich gezwungen sah, diesen Schritt zu gehen, um eine Bedrohung der nationalen Sicherheit bis hin zur Bedrohung durch Atomwaffen abzuwehren. Der gesamte Vorlauf zeigt, dass die RF auf den verschiedensten Wegen versucht hat, Verträge zur Garantie der Sicherheit zu erlangen. Die NATO lehnte dies stets ab und steigerte Bewaffnung, Truppenpräsenz und die Aufrüstung der Ukraine. 

Aus meiner Sicht ist es richtig, von einer Militär- oder Spezialoperation zu sprechen. Die RF setzt relativ kleine Teile ihrer Armee ein, darunter viele Sondereinheiten und sie nutzt einen kleinen Teil ihrer Feuerkraft. Die militärische Führung der Operation unterscheidet sich deutlich von den massiven Bombardements der NATO in Jugoslawien, Irak, Afghanistan, etc.

Der Verlauf der Militäroperation und die Handlungen der NATO zeigen die Fortsetzung der Politik beider Seiten. Die RF versucht nach bisherigen Erkenntnissen, die zivilen Opfer gering zu halten. Die ukrainische Armee und insbesondere die faschistischen Bataillone verschanzen sich in Wohngebieten, Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern und nehmen die Zivilbevölkerung in Geiselhaft. Das gefährdet nicht nur Zivilisten, sondern dient zugleich zur psychologischen Kriegsführung, in dem der russischen Armee vorgeworfen wird, sie begehe Kriegsverbrechen.

Die RF strebt keine dauerhafte Besatzung der Ukraine an, soweit das bisher erkennbar ist. Es wäre auch viel zu teuer und politisch fragwürdig. Für Russland ist es entscheidend, nicht das ganze Land gegen sich aufzubringen, sondern gezielt gegen die Faschisten und die ukrainische Armee vorzugehen.

Die NATO-Staaten halten an ihrem Vorhaben, die Ukraine zu einem Brückenkopf für ihre Angriffspläne gegen Russland zu machen, fest. Sie liefert tonnenweise Waffen, Söldner und viel Geld in die Ukraine. De facto führt die NATO den Krieg gegen Russland, den sie ohnehin geplant hatte, allerdings unter für sie erschwerten Bedingungen.

Wenn Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, so zeigen die Kriegsführungen beider Seiten ihre politischen Ziele, die sich ja durch den Krieg nicht geändert haben. Für die RF ist das eine komplizierte Ausgangslage, da sie in ihrer Operation vor allem die faschistischen Bataillone neutralisieren muss, die ukrainische Armee zwar bekämpfen und zurückdrängen muss, aber mit möglichst wenigen toten ukrainischen Soldaten und Zivilisten, da sie keine vertiefte Spaltung des Landes anstrebt. Ohne die Details der Operation prüfen zu können, scheint es plausibel, dass der relativ langsame Vormarsch und die relativ vorsichtige Taktik diese politischen Absichten widerspiegeln.

Die Ukraine selbst, bzw. die Kiewer Regierung spielt eine wichtige Rolle in dieser Eskalation. Sie ist eine Regierung, die ein faschistisches Terrorregime in weiten Teilen des Landes errichtet hat und völlig abhängig von Geldern und politischer Anleitung aus dem Westen, insbesondere den USA ist. Ihre Integration in die NATO und die Faschisierung hängen unmittelbar zusammen. Die Ukraine wurde damit zu einem Hort der Kriegsgefahr für die RF und zu einem Hort des Faschismus, von der NATO aufgebaut und finanziert. Ihre provokatorischen Handlungen stellen eine ernste Bedrohung nicht nur für Russland dar. Die NATO rehabilitiert den Faschismus und sie muss dies tun, um ihre Aggression umsetzen zu können. Die KPRF warnt zurecht vor dieser Rehabilitierung (http://www.solidnet.org/article/CP-of-the-Russian-Federation-The-United-States-and-the-European-Union-are-heading-for-the-rehabilitation-of-fascism/http://www.solidnet.org/article/CP-of-the-Russian-Federation-What-is-happening-in-and-around-Ukraine/).

Die NATO und insbesondere die USA wollen mit diesen Maßnahmen die RF zur Unterwerfung zwingen. Ihr Ziel bleibt die Zersplitterung und Ausbeutung Russlands, seine Zurückstufung auf ein abhängiges Land, das nicht zur eigenständigen Entwicklung in der Lage ist. Der NATO und insbesondere den USA geht es darum, die RF dauerhaft zu einem Anhängsel ihrer Monopole zu machen oder dauerhaft ihre Entwicklung zu verhindern, sie auf den Status eines billigen Rohstofflieferanten, und evtl. Arbeitskraftreservoir zu reduzieren. Ob das realistisch ist oder nicht, spielt für das Verfolgen dieser Ziele für die westlichen imperialistischen Staaten keine Rolle. Zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt musste es zu einer Abwehrreaktion der Russischen Föderation kommen. Sie kann, so wie andere Länder, diese Bedrohung und kriegerische Bekämpfung durch die NATO nicht hinnehmen.

Die Regierung der RF vertritt nicht die Interessen der Arbeiterklasse, sondern die der nationalen Bourgeoisie, die allerdings im Vergleich zur Kompradorenbourgeoisie (für die tendenziell die Regierung Jelzin stand), die einen Ausverkauf des Landes und seiner Ressourcen anstrebt, in dem (begrenzten) Sinne fortschrittlicher ist, dass sie Bedingungen zur erfolgreichen Akkumulation des Kapitals herstellen will und dafür eine gewisse Eigenständigkeit braucht. In der jetzigen Situation gibt es eine Überschneidung der Interessen der nationalen Bourgeoisie mit denen der Arbeiterklasse in der Verteidigung des Landes und der Verhinderung der Zersplitterung und Unterwerfung. Sollte die NATO ihre Ziele erreichen, wäre es eine katastrophale Situation für die Arbeiterklasse. Die Entkoppelung vom Westen ist im Interesse der Arbeiterklasse und nur zum Teil oder mit Widersprüchen verbunden im Interesse der nationalen Bourgeoisie, die eigentlich eine Einbindung in den Westen angestrebt hatte.

Es handelt sich also um eine partielle und begrenzte Überschneidung der Interessen, nicht um eine generelle. Die KPRF formuliert auch die Unterschiede der Klasseninteressen in den Punkten, wo es eine Überschneidung gibt. Dazu möchte ich Vyacheslav Tetekin, Historiker und ehemaliger Duma-Abgeordneter der KPRF zitieren: „Seit 30 Jahren bin ich einer der aktivsten Kritiker der Innen- und Außenpolitik der russischen Elite. In ihrem Klassencharakter unterscheidet sich die oligarchisch-bürokratische Macht in Russland nicht sehr von der Macht in der Ukraine (außer ohne Faschismus und volle US-Kontrolle). Doch in den leider seltenen Fällen, in denen die Führung Russlands eine Linie verfolgt, die den historischen Interessen des Landes und der Bevölkerung entspricht, ist das Prinzip der ‚automatischen‘ Kritik kaum angebracht. Ich habe lange argumentiert, dass Sanktionen eine positive Wirkung haben werden, um die auferlegte Abhängigkeit Russlands vom Westen in verschiedenen Lebensbereichen zu beseitigen. Erste Schritte in diese Richtung unternimmt die russische Regierung bereits. Die Aufgabe der linken Kräfte besteht darin, die Behörden energisch zu ermutigen, nicht nur die Außenpolitik, sondern auch den sozioökonomischen Kurs zu ändern, der nicht den Interessen der Menschen entspricht.“ (http://www.solidnet.org/article/CP-of-the-Russian-Federation-Hostilities-in-Ukraine.-What-is-happening-and-why/) Zur Frage, wie die KPRF sich diese „Kursänderung“ vorstellt und wie wir überhaupt die Entwicklung des Landes verstehen müssen, ist mir nicht klar. Hier muss eine genaue und kritische Beschäftigung noch vorgenommen werden. Hier geht es mir darum, anzureißen, dass es sich um eine partielle und zeitweise Überschneidung der Interessen handelt und auch darin Widersprüche zu erkennen sind. Das ist an dieser Stelle insofern wichtig, dass wir eine klare und sachliche Sicht auf die Verhältnisse brauchen und weder eine ungenaue und äquidistante noch eine mit falschen Illusionen bzw. ungenauen Vorstellungen über die Klassenverhältnisse.

Die KPRF ruft die Kommunistischen und Arbeiterparteien auf: „Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation hat wiederholt die Frage der Anerkennung der sich nach den Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit entwickelnden Volksrepubliken Donezk und Lugansk zur Sprache gebracht und vor den möglichen Folgen gewarnt, wenn die offensichtlichen Tatsachen ignoriert werden. Die Partei ging ausschließlich von den Interessen der Werktätigen der Region aus und hielt es für sehr wichtig, die Pläne zur Entmilitarisierung der Ukraine umzusetzen. Die Notwendigkeit, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren, um zu verhindern, dass sie zu einer Brutstätte der Nazi-Ideologie wird, sollte zum Hauptanliegen der Weltgemeinschaft werden, um zu verhindern, dass sich das Land in einen Nazi-Staat verwandelt, in einen Brückenkopf der aggressiven imperialistischen USA-NATO-Allianz gegen eurasische Länder. Wir rufen alle fortschrittlichen und politischen Kräfte in Russland und der Welt auf, die Mechanismen der Volksdiplomatie im Interesse der jahrhundertealten Freundschaft zwischen Russen und Ukrainern zu nutzen.“

(http://www.solidnet.org/article/CP-of-the-Russian-Federation-CPRF-Position-concerning-the-special-operation-of-the-RF-in-Ukraine/)

Eine wichtige Frage für die Kommunisten in Deutschland ist die Rolle des deutschen Imperialismus. Grundsätzlich sollte er nicht unterschätzt werden, auch wenn er im Moment scheinbar eher eine den USA untergeordnete Rolle spielt. Er strebt danach, eine eigenständige Machtpolitik entfalten zu können. Die jetzt vorgenommene massive Aufrüstung und Ausdehnung des Militärhaushalts ist ein Zeichen dafür, dass die Bedingungen für diese Machtpolitik vorbereitet werden. (https://www.jungewelt.de/artikel/422170.taumelnder-sieger.html?sstr=taumelnder) Aufgrund seiner schwierigen Lage – ökonomisch stark, militärisch schwach, politisch darauf angewiesen Europa unterzuordnen – besteht grundsätzlich die Gefahr der besonderen Aggressivität des deutschen Imperialismus. Jegliche Illusionen in ihn, die ihn entweder als „Vasall“ der USA unterschätzen oder die Hoffnungen haben, er könne eine weniger aggressive Politik gegenüber Russland machen, sind gefährlich. Eine richtige Analyse der Rolle Deutschlands in der NATO-Aggression nimmt auch Merle Weber in der jW vor: „Ihre Abhängigkeit von den USA hält die anderen Staaten der NATO nicht davon ab, ihre eigene Agenda voranzutreiben. Auch die BRD ist bemüht, die Partnerschaft mit Washington zu nutzen, um ihre Position im internationalen Kräfteverhältnis zu verbessern. Die Militarisierung in Osteuropa hat die Bundesrepublik entschieden mitgetragen. Sie versucht sich in diesem Kontext als unverzichtbare »Drehscheibe« und Schaltzentrale der europäischen NATO-Kriegslogistik zu positionieren.“ (https://www.jungewelt.de/artikel/375563.krieg-und-frieden-schlachtfeld-osteuropa.html)

Zur weiteren Analyse müssen mehr Faktoren herangezogen werden, politische, militärische und ökonomische. Für den Zweck an dieser Stelle soll die Darstellung von Fakten und Ereignissen zunächst dabei helfen, die Diskussion auf eine solidere Grundlage zu stellen. Es gibt zahlreiche Positionen und Analysen, die von einer Defensivhandlung der RF ausgehen. Ich möchte hier die kurzen Einschätzungen der Regierung Kubas empfehlen, die meiner Ansicht nach die Situation treffend charakterisieren. Ich habe dazu einige Texte in einem Reader zusammengestellt, die aus meiner Sicht hilfreich und interessant sind.

Gefahren der aktuellen Diskussion um die Einordnung Russlands für unsere revolutionäre Strategie

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Von Fatima Saidi

Die aktuelle Diskussion in der KO zum Konflikt in der Ukraine liegt meiner Meinung nach weniger auf der empirischen Ebene, weniger daran, dass wir ökonomische Kennzahlen wie die Direktinvestitionen Russlands oder die Summe des Militärbudget unterschiedlich benennen oder interpretieren. Stattdessen sind die Differenzen bis auf unsere ML-Grundlagen zurückzuführen.

Zu Beginn möchte ich mich auf die Einschätzung beziehen, dass Russland momentan – gelegentlich wird hier auch eine Allianz mit China genannt – im imperialistischen Weltsystem der aggressiven Vormachtstellung der USA etwas entgegenzusetzen hat, und damit die Lage der Arbeiterklasse verbessert. Russland sei in einer defensiven Rolle und können nicht anders, als der NATO-Aggression mit dem Einmarsch in die Ukraine mit militärischen Mitteln zu begegnen.

Für unsere korrekte Einschätzung der Weltlage und auch die Ableitung unserer Taktik ist es natürlich unerlässlich, sowohl die Schwächen und Stärken des deutschen Imperialismus, als auch der Länder, die auf der Bühne des Weltsystems die größte Rollen spielen, richtig einzuschätzen. Von dieser Analyse aber dazu überzugehen, Partei zu ergreifen für die herrschende Klasse eines Landes, weil es nicht an der Spitze des Weltsystems steht und damit konkurrierende Interessen zur gegenwärtig stärksten Weltmacht hat, ist falsch und widerspricht den Analysen unserer Programmatischen Thesen und den ML-Grundlagen. So schätzen die programmatischen Thesen neben der EU als imperialistischem Bündnis und dem US-Imperialismus als militärisch gefährlichstem imperialistischen Pol auch die BRICS-Gruppe als Teil des imperialistischen Weltsystems ein. Davon abzurücken, heißt zu ignorieren, dass die wesentlichen politischen Konflikte heute in der Welt zwischenimperialistische Konflikte und Ausdruck der im imperialistischen Weltsystem fortlaufenden Neuaufteilung sind. So ist auch der aktuelle Konflikt als Ausdruck der gesetzmäßig ungleichmäßigen Entwicklung der Länder des imperialistischen Systems zu sehen. Aus meiner Sicht ist die zwingende Anwendung dieser Erkenntnisse auf jeden Konflikt des imperialistischen Systems durch Lenin mit folgenden beiden Zitaten ausgedrückt:

„Es fragt sich, welches andere Mittel konnte es auf dem Boden des Kapitalismus geben außer dem Krieg, um das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und der Akkumulation des Kapitals einerseits und der Verteilung der Kolonien und der „Einflußsphären“ des Finanzkapitals anderseits zu beseitigen?“ (Der Imperialismus, LW 22, S. 280)

„Von einer konkret-historischen Einschätzung des gegenwärtigen Krieges kann selbstverständlich keine Rede sein, wenn diese nicht auf einer vollständigen Klarlegung sowohl des ökonomischen als auch des politischen Wesens des Imperialismus beruht. Anders kann man zu keinem Verständnis der ökonomischen und diplomatischen Geschichte der letzten Jahrzehnte gelangen, ohne ein solches Verständnis aber wäre es einfach lächerlich, eine richtige Auffassung vom Krieg erarbeiten zu wollen.“ (Vorwort zu Bucharins Broschüre, LW 22, S.101)

Dabei kann es niemals im Interesse der internationalen Arbeiterklasse sein, sich in diesen Konflikten auf eine Seite der beteiligten imperialistischen Konfliktparteien zu schlagen, weil die Interessen der herrschenden Klassen grundsätzlich antagonistisch zu denen der Arbeiterklasse sind. Mit der Orientierung auf eine herrschende Klasse im Kapitalismus werfen wir den Kampf der internationalen Arbeiterklasse weit zurück. Damit lenken wir von dem einzigen Ziel, dem Sturz der Bourgeoisie und dem darauf folgenden Aufbau des Sozialismus ab. So ist der Aufruf an das deutsche Kapital, weltweiten Frieden herzustellen durch die Kooperation mit Russland, wie es beispielsweise die DKP macht[1], problematisch. Ebenso, die russische Regierung als potentiellen Verbündeten der Arbeiterklasse zu sehen mit dem Argument überschneidender Interessen und Verweis auf die Rolle in Syrien und Zusammenarbeit (Kapital- und Warenexport) mit abhängigen afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern. Damit wird der erste Schritt getan, auf die Unterstützung der herrschenden Klasse eines nicht-sozialistischen Staats zu orientieren. Darin verbergen sich deutlich die Gefahren der Illusionen in die Klassenneutralität des bürgerlichen Staats. Damit ist der Schritt zum Fehler der Anti-Monopolistische Strategie der DKP nicht mehr weit. 

Eine (scheinbare) kurz- oder mittelfristige Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse wird hiermit im Argument soweit überdehnt, dass schlussendlich taktische Überlegungen dominieren und die Gefahr besteht, dass die revolutionäre Strategie aus den Augen verloren wird.

Stattdessen muss der Fokus immer darauf sein, in Unabhängigkeit von jeder herrschenden Klasse der kapitalistischen Länder für den Sturz des Kapitalismus zu kämpfen. Unsere Solidarität muss für die aktuelle Situation den Völkern der Ukraine und Russlands gelten, die unter dem Austragen eines zwischenimperialistischen Konflikts leiden.

Für die weitere Diskussion finde ich es hilfreich, die Debatte im Rahmen des Austrittsprozesses von Teilen der heutigen KO aus DKP und SDAJ anzuschauen, wie den Artikel „Worum geht es bei den Diskussionen in DKP und SDAJ? Thesen zur Strategie-, Organisations- und Imperialismusdebatte“, mit dem einige Genossen das Konzept des objektiven Antiimperialismus kritisierten. Auch nach dem Austrittsprozess übte die KO in ihrem Text „Zu einigen Problemen und Unklarheiten des Leitantrages an den 23. Parteitag der DKP“ Kritik an „eine[r] Darstellung von China und Russland als Friedensmächten, die auf Kooperation setzen und „objektiv antiimperialistisch“ wirken.

Ein Argument für die eingangs genannten Positionen zu Russland scheint die gegenwärtig aufgeheizte Stimmung in der deutschen Bevölkerung zu sein. Große Teile der linken Bewegung und der Gewerkschaften haben ihre bisherige Haltung für Frieden, gegen die NATO und gegen die Aufrüstung des deutschen Staates über Bord geworfen und organisieren Friedensdemos, die Aufrüstung und Kriegseinsätze fordern. Unsere Hauptaufgabe als deutsche Kommunisten muss deswegen in der Praxis sein, die Hetze des Staates und der Medien zu entlarven und als Teil der Strategie des deutschen Imperialismus, unserem Hauptfeind, einzuordnen. Dazu gehört auch, Veranstaltungen und Kundgebungen zu machen und Diskussionen im Rahmen der Massenarbeit im Betrieb und Stadtviertel anzustoßen. Aus dieser richtigen Konsequenz für unsere Praxis und Agitation dürfen wir aber nicht eine Notwendigkeit für die Position unserer Analysen herleiten. Unsere Analyse, wie der militärische Einmarsch eines Landes in ein anderes Land einzuordnen ist, muss unabhängig von der aktuellen Stimmung des Volks und potentiellen Gefahren in der Agitation sein. Erst im nächsten Schritt dürfen wir uns damit beschäftigen, wie unsere richtige Erkenntnis in eine korrekte Agitation zu übersetzen ist und in eine Taktik, die im Rahmen unserer Strategie liegt.

Obwohl der Fokus auf den oberen Betrachtungen liegen sollte, gibt der folgende Abschnitt einige Schlaglichter zur Einordnung Russlands und das Konflikts in der Ukraine.

Zunächst sollten die Beziehungen Russlands zu den arabischen Ländern im Maghreb-Gebiet und dem mittleren Osten, sowie den ehemaligen Staaten der Sowjetrepubliken genauer betrachtet werden.

Die USA und die EU versuchen seit der Konterrevolution, sich Zugang zu den Ressourcen, den Absatzmärkten für Kapital und Waren und dem geopolitischen Einflussgebiet der ehemaligen Länder der Sowjetunion Zugang zu verschaffen. Um dies zu verhindern, ist die herrschende Klasse Russlands seit der Jahrtausendwende bestrebt, Allianzen auf wirtschaftlichem oder sicherheitspolitischem Gebiet zu schmieden, wie die Shanghai Organisation für Zusammenarbeit und die eurasische Wirtschaftsunion.

Zu einzelnen Staaten hat Russland dabei besondere Beziehungen, so bestehen mit Israel auf ökonomischer und politischer Ebene enge Kooperationen. Zusätzlich ließ Russland in Syrien gelegentliche Luftangriffe der israelischen Luftwaffe geschehen, die Lieferung von iranischen und syrischen Waffen an die Hisbollah verhinderten.[2]

Gelegentlich wird die Intervention in Syrien gegen die Angriffe der USA als Beispiel für die Überschneidung der russischen Handlungen mit den Interessen der Arbeiterklasse genannt. Wie auch der russische Außenminister 2013 öffentlich klar machte, sollte damit allerdings vor allem den USA eine Lektion erteilt und demonstriert werden, dass der russische Imperialismus nicht mehr ignoriert werden kann. Andererseits ist auch die Überschneidung der angekündigten Absichten mit denen der USA in den letzten 20 Jahren zu sehen, da die herrschenden Klassen beider Länder zum Ziel erklärt haben, sunnitische Dschihadisten in der Region zu bekämpfen. Dafür bot die russische Regierung direkt nach der Ankündigung der USA zum beabsichtigten Krieg gegen den Terror direkt die Unterstützung bei der Besatzung Afghanistans an, wozu es schließlich Westen in den neunziger Jahren als gescheitert herausgestellt hatte, wurden die Beziehungen seitens Russland zu den verschiedenen arabischen Ländern wie Iran oder Syrien wieder bewusst aufgebaut, um sie als Hebel gegen die westlichen Mächte zu verwenden. 

Zur Einordnung des russischen Staats  gemäß der weiteren Merkmale der Imperialismustheorie nach Lenin bedarf die Interpretation von Kennziffern der heutigen bürgerlichen Statistiken, wie beispielsweise Direktinvestitionen, weiterer Diskussionen. Dafür bietet der aktuell veröffentlichte Artikel in der offen-siv „die Notwendigkeit der Klarheit über die ökonomische Struktur Russlands“  (2022-2) einen guten Ausgangspunkt. 

Zuletzt möchte ich mich konkret zu Einschätzungen äußern, dass der Einmarsch Russlands in die Ukraine richtig – im Sinne der Arbeiterklasse – war:

Hier ist für mich nicht nachvollziehbar, wie sich die Lage der Arbeiterklasse in einem Land verbessern kann, indem dort durch Interventionen verursachte Kriegszustände herrschen. Noch im Rahmen der Diskussion um Afghanistan und Kasachstan wurde von einigen Genossen der Schrecken des Kriegs betont, jetzt werden solche Positionen als pazifistisch abgetan. Im Rahmen der Diskussion um das Ende der Besatzung in Afghanistan war für mich das Argument, dass die Kampfbedingungen nach Abzug der USA unter Herrschaft der Taliban verbessert sind, nachvollziehbar: Die Arbeiterklasse eines besetzten Landes muss das Ziel haben, die fremde Macht abzuschütteln. In einem solchen Fall haben natürlich auch nationale Befreiungskriege ihre Berechtigung. Der Konflikt in der Ukraine stellt allerdings sogar ansatzweise die umgekehrte Situation dar, dass die herrschende Klasse eines anderen Landes Soldaten einmarschieren lässt.

Nicht zuletzt ist mit dem Einmarsch der russischen Truppen ein Schritt hin zu deutlich mehr Konfrontation und Aggression getan, dessen Auswirkungen letztendlich potenziell schlimme Konsequenzen für die Arbeiterklasse der gesamten Welt haben können, wenn sich hier die russische Armee einer durch die NATO unterstützten Macht gegenüberstellt.


[1] Z.B. https://www.unsere-zeit.de/frieden-geht-nur-mit-russland-167031/, 18.03.2022 

[2] Hamilton, Daniel S.; Meister, Stefan; Relations, Paul H. Nitze School of Advanced International Studies. Center for Transatlantic; Politik, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige: The Russia File: Russia and the West in an Unordered World.: Center for Transatlantic Relations, 2017.

Zum imperialistischen Krieg in der Ukraine und zur revolutionären Strategie

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von Joschua Relko

Ich möchte mich mit folgendem Beitrag in unserer aktuellen Diskussion positionieren. Mir ist bewusst, dass die Argumentation nicht ausgereift ist, aber ich möchte einige Aspekte zum Imperialismus, zum derzeitigen Krieg in der Ukraine und zur Position der Kommunisten einbringen, weil ich sie für wichtig halte.

Arnold Schölzel schrieb am 01. März in der Jungen Welt:

„…Wettrüsten in neuer Dimension. Russland hat sich darauf ebenso wie China bislang nicht eingelassen, es hat kein globales Netz von Militärbasen, betreibt keinen Neokolonialismus, sondern stoppt westliche Kriege. Wer da von Imperialismus auf beiden Seiten redet, dem sind die Maßstäbe der Leninschen Analyse gründlich verlorengegangen.“ (Arnold Schölzel, Rüstungswalze – Kommentar in der Jungen Welt)

Ich denke, der folgende Ausschnitt aus den Programmatischen Thesen kann durchaus als Beispiel für die Position herangezogen werden, die Schölzel hier kritisiert:

„Eine der zentralen Spaltungslinien in der kommunistischen Weltbewegung ist die Debatte um die These „objektiv antiimperialistischer“ Staaten. So wird z.B. Russland wegen seiner Interessendivergenzen mit den USA oft eine solche Rolle zugesprochen. Diese These ist jedoch falsch. Sie beruht auf der falschen Vorstellung, der Imperialismus sei die Vorherrschaft einiger, „westlicher“ oder „nördlicher“ Staaten wie der USA, Westeuropas und Japans. Wir halten jedoch daran fest, dass der Imperialismus eine gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus in seinem monopolistischen Stadium ist. Es ist falsch, bestimmten, relativ unterlegenen imperialistischen Polen innerhalb dieses Systems ein prinzipielle Friedensfähigkeit oder fortschrittliche Rolle zuzuschreiben.“ (KO, Programmatische Thesen)

Meinem Verständnis nach steht diese Aussage im klaren Widerspruch zur These von Schölzel, dass es auf russischer Seite nicht um Imperialismus ginge. Die Imperialismus ist gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus, (objektiv) antiimperialistische kapitalistische Staaten sind nicht existent.

Es geht um Imperialismus und imperialistischen Krieg

Wir haben in den Programmatischen Thesen nicht konkret ausgeführt, wie wir zu der zitierten Einschätzung gelangten, haben uns genau das aber richtigerweise vorgenommen. Es stellen sich Fragen, zu dieser Einschätzung, auf die ich gern eingehen würde, aber dafür bräuchte ich etwas mehr Vorbereitungszeit und ehrlich gesagt auch Unterstützung: Wie ist das russische Kapital wirklich aufgestellt, wie sieht die Monopolisierung aus? Welchen Einfluss gibt es international und wo, ökonomisch, politisch, kulturell,…? Welche Bedeutung gewinnt die umfangreiche militärische Macht in den internationalen zwischenimperialistischen Widersprüchen? Und so weiter – ich möchte auf die „Thesen zum Imperialismus entlang der Achse von Russland und China“ der Kommunistischen Partei der Türkei (TKP) von 2017 (letzten Sommer ins Deutsche übersetzt) hinweisen, als übersichtliche und genauere Beschreibung, welche Fragen für so eine Einschätzung relevant sind.

Vielleicht ist die bisher ausstehende Klärung zu diesen Fragen eine Ursache dafür, dass jetzt die (faktische) Relativierung des imperialistischen Charakters Russlands hier und da aufkommt. Damit meine ich die Positionen, die Russlands imperialistische Militäraktionen in der Ukraine rechtfertigen mit dem Argument, es handle sich um einen Verteidigungskrieg, den ein sozialistischer Staat möglicherweise genauso führen würde.

Deshalb noch etwas zum imperialistischen Krieg und warum ich denke, dass sich beim aktuellen russischen Einmarsch um imperialistischen Krieg handelt.

Ich will auf zwei Aussagen von Lenin verweisen. Bevor jetzt die Augen verdreht werden, möchte ich eins voranstellen: Das Werk Lenins ist keine Autorität in unserer Diskussion, nur weil es von Lenin ist! Nur etwas von ihm zu zitieren, heißt nicht, dass man im Recht ist. Ich führe Lenin (und die Aussagen, die ihr sicher gut kennt) hier an, weil er eine der Grundlagen ist, auf die wir uns geeinigt haben und weil er die Sache gut erklärt.

„Der Krieg steht in keinem Widerspruch zu den Grundlagen des Privateigentums, er stellt vielmehr eine direkte und unvermeidliche Entwicklung dieser Grundlagen dar. Unter dem Kapitalismus ist ein gleichmäßiges Wachstum in der ökonomischen Entwicklung einzelner Wirtschaften und einzelner Staaten unmöglich. Unter dem Kapitalismus gibt es keine anderen Mittel, das gestörte Gleichgewicht von Zeit zu Zeit wiederherzustellen, als Krisen in der Industrie und Kriege in der Politik.“ (Lenin, Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa)

Lenin weist auf die Wurzeln des imperialistischen Krieges hin, die bei keiner imperialistischen Konfrontation außer Acht gelassen werden können, weil sie über den Krieg letztlich bestimmen. Der Krieg ist unter kapitalistischen, imperialistischen Staaten also unvermeidlich, weil ihre ökonomischen Grundlagen früher oder später immer zum Krieg führen. Zweite Aussage:

„Aber stellen wir uns einmal vor, ein Sklavenhalter, Besitzer von 100 Sklaven, läge im Krieg mit einem anderen Sklavenhalter, Besitzer von 200 Sklaven. Es ist klar, dass die Anwendung der Begriffe „Verteidigungs“krieg oder „Vaterlandsverteidigung“ auf einen solchen Fall historisch verlogen und praktisch ein glatter Betrug wäre, begangen von gerissenen Sklavenhaltern am einfachen Volk, an den Kleinbürgern, an der unaufgeklärten Masse.“ (Lenin, Sozialismus und Krieg. Die Stellung der SDAPR zum Krieg).  

Lenin schließt in seine Ablehnung des Krieges unter kapitalistischen, imperialistischen Staaten auch die Möglichkeit mit ein, dass eine Kriegspartei ökonomisch schwächer aufgestellt ist, als die andere. Ich finde, die Aussagen passen sehr gut zum aktuellen Geschehen in der Ukraine. Sie unterstreichen die Position, dass es Russland eben nicht einfach darum geht (gehen kann), die Ukraine zu „entnazifizieren“ und zu „entmilitarisieren“. Sie unterstreichen die Position, dass es sich beim russischen Einmarsch in die Ukraine nicht einfach um eine Verteidigung des russischen Vaterlandes oder der russischen Bevölkerung in der Ukraine gegen die NATO-Aggression handelt (handeln kann). In erster Linie geht es um eine Auseinandersetzung zwischen den Imperialisten um die Neuaufteilung der Welt.

Was unter anderem diskutiert und geklärt werden sollte

Ich denke, drei Punkte fassen die oben beschriebenen Umstände gut zusammen und ich stelle sie als meine Position zum Thema für Beiträge von weiteren Genossen zur Diskussion:

1. Russland ist ein imperialistisches Land. Seine Stellung im imperialistischen Weltsystem müssen wir noch genauer analysieren ausgehend von den verschiedenen Ebenen (siehe oben), die auf diese Stellung Einfluss nehmen.

Ich bin der Ansicht, dass der russische Imperialismus eine gestaltende, aktive Rolle in diesem Weltsystem einnimmt. Mindestens militärisch befindet er sich auf Weltmachtsniveau. Er ist kein Verbündeter der Arbeiterklasse in ihrem eigenständigen (!) Kampf, auch wenn er von Zeit zu Zeit die nationale Souveränität von verbündeten Staaten und traditionellen Einflussgebieten gegen die Einmischung des NATO-Blocks verteidigt, weil es hier zu Überschneidungen mit den imperialistischen Interessen Russlands kommt. So ist es im Falle Syriens geschehen und so geschieht es jetzt vermutlich in den Autonomiegebieten in der Ostukraine.

2. Der Krieg, der sich aktuell in der Ukraine Bahn bricht, ist ein imperialistischer Krieg, ein Krieg unter Räubern um die Aufteilung ihrer Reviere, wobei die Ukraine selbst keineswegs einseitig abhängig von ihnen sein muss (siehe dazu auch die Thesen der TKP zum Imperialismus, These 12), auch wenn ihre eigenen kapitalistischen Interessen in der aktuellen Situation vielleicht gewissermaßen in den Hintergrund rücken. Die Arbeiterklasse hat in diesem Krieg keine der Kriegsparteien zum Verbündeten, weil diese Auseinandersetzung im Kern der Kampf der Imperialisten um Einfluss in der Ukraine ist.

3. Die KO als Ausdruck der Sammlung von Kommunisten und Aufbauorganisation der KP muss das imperialistische Kriegstreiben aufdecken und die Arbeiterklasse aufklären soweit sie es in ihrer aktuellen Verfasstheit und angesichts der Aufgabe des Parteiaufbaus kann. Entsprechend der Leitlinie „Der Hauptfeind“ stehen die Aktivitäten der BRD und der NATO in dieser Auseinandersetzung im Vordergrund. Aber es ist nicht Aufgabe der Kommunisten, den russischen Imperialismus in irgendeiner Weise vor der NATO-Aggression in Schutz zu nehmen. Der Kampf gegen den deutschen Imperialismus und die NATO bedeutet nicht, den russischen Imperialismus zu stärken, sondern dass es der einzige Weg für die Arbeiterklasse ist, den Krieg zu beenden. Das steht natürlich in krassem Gegensatz dazu, vom Kriegstaumel angeheizt nur auf die fremden Imperialisten zu schimpfen, wie es ein bedeutender Teil der „deutschen Linken“ längst tut.

Unsere Aufgabe

Als Kommunisten müssen wir für den Sozialismus-Kommunismus kämpfen und das ist eine zwar langwierige, aber sehr konkrete Angelegenheit. Das möchte ich hervorheben angesichts des Vorwurfs gegen die oben angeführten Positionen, dass man sich ja mit der Forderung nach Revolution leicht herausreden könne, dass der Sozialismus „abstrakt“ sei und, dass es zu einfach sei, den Krieg als imperialistisch „abzutun“. Ich halte diese Vorwürfe für abwegig. Die Erklärung des Sozialismus zu einem fernen Ziel kann außerdem Etappen-Theorien befördern, die die revolutionäre Strategie verwässern, weil sie auf z.B. antimonopolistische Zwischenetappen auf dem Weg zu Sozialismus setzen. Sie richten den Kampf nicht an der Aufgabe der sozialistischen Revolution aus, sondern schüren Illusionen in Teile der gegnerischen Klasse, in der falschen Hoffnung, dort Verbündete zu finden. Eine falsche Hoffnung ist es meiner Ansicht nach daher auch, im internationalen Lager der gegnerischen Klasse Verbündete der Arbeiterklasse zu suchen.

In Teilen der internationalen kommunistischen Bewegung konnten solche falschen Strategien aufgearbeitet werden oder sie werden gerade aktiv aufgearbeitet. In der Folge können diese Teile unter anderem auch dem aktuellen Krieg mit einer revolutionären, antiimperialistischen Perspektive begegnen. Wir haben uns die Aufarbeitung im kommunistischen Klärungsprozess zur Aufgabe gemacht.

Zu guter Letzt noch einmal die TKP. Das ist ein Auszug aus einer ihrer Stellungnahmen anlässlich der russischen Einmarschs und der zunehmenden Eskalation in der Ukraine. Ich denke, er sollte in unserer aktuellen Diskussion hervorgehoben werden:

„Communists come from a tradition that opposes race- and national-base conflicts, and that stands for class-based conflicts.“ („Kommunisten kommen aus einer Tradition, die rassen- oder nationalbasierten Konflikten entgegensteht und die für klassenbasierte Konflikte steht.“) (TKP, Who will stop NATO?)

Das zwischenimperialistische Kräftemessen und der Angriff Russlands auf die Ukraine

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20 Thesen zum Krieg in der Ukraine, den zwischenimperialistischen Konflikten und der Haltung der Kommunisten.

Von Thanasis Spanidis

These 1: Wir leben im Imperialismus und der Imperialismus ist das heute herrschende Entwicklungsstadium des Kapitalismus. Der Imperialismus ist nicht nur eine bestimmte Form der Politik, sondern imperialistische Politik ist eine Folge der imperialistischen sozioökonomischen Basis. Der Imperialismus ist keine auf wenige Länder beschränkte Eigenschaft, sondern Kennzeichen des ganzen Weltsystems – was nicht bedeutet, dass alle Länder gleichermaßen imperialistisch wären oder dass es Sinn macht, jedes einzelne Land als imperialistisch zu bezeichnen. Der Imperialismus ist gekennzeichnet durch die Vorherrschaft des Monopolkapitals, seine bestimmende Wirkung auf die Politik, seine Tendenz zum Kapitalexport, zur Internationalisierung seiner Operationen sowie die gesellschaftliche Tendenz zu Reaktion und Krieg. 

These 2: Die nach der Konterrevolution in der Sowjetunion einsetzende historische Phase der „unipolaren Weltordnung“ ist endgültig an ihr Ende gekommen. Der Übergang in eine „multipolare Weltordnung“, in der verschiedene imperialistische Zentren existieren und miteinander um Einfluss ringen, hat bereits stattgefunden, auch wenn das Kräfteverhältnis zwischen diesen Zentren weiterhin nicht symmetrisch ist.

These 3: Russland hat sich nach der Zerschlagung der Sowjetunion zu einem imperialistischen Staat entwickelt. Nach der für das russische Volk, aber auch für die Stabilität des russischen Staates katastrophalen Phase der 1990er Jahre ist es der russischen Führung unter Putin gelungen, eine Stabilisierung herbeizuführen und die Stellung Russlands in der internationalen imperialistischen Hierarchie aufzuwerten. 

Die russische Bourgeoisie ist im Vergleich zu den führenden Wirtschaftsmächten wie den USA, Deutschland, Japan oder China in einer schwächeren Position. Der größte russische Monopolkonzern ist Gazprom aus dem Energiesektor, der größte Erdgasproduzent der Welt. Gazprom wird mit etwas über 50% vom russischen Staat kontrolliert, ähnlich wie der Ölkonzern Rosneft, der das zweitgrößte russische Staatsunternehmen darstellt. Mit Lukoil und weiter unten auf der Rangliste Surgutneftegas gibt es auch große private Konzerne im Öl- und Gassektor. Der Export von Öl und Gas ist Hauptquelle von Devisen für die russische Wirtschaft. Damit ist der russische Kapitalismus stark abhängig von der Entwicklung der Weltmarktpreise für fossile Brennstoffe. Auch die Produktion und Verarbeitung nicht-energetischer Rohstoffe, v.a. metallurgische Industrien spielen eine wichtige Rolle, mit dem Novolipetsk-Stahlkonzern, Rusal (Aluminium) und Norilsk Nickel. Dennoch ist es falsch, abgeleitet von der Dominanz des Rohstoffexports in der russischen Exportstruktur den imperialistischen Charakter Russlands zu negieren, denn gerade auch im Rohstoffsektor findet auf globaler Ebene ein intensiver Konkurrenzkampf des Monopolkapitals um die Extraprofite statt, die aus knappen Rohstoffen gewonnen werden. Weitere komparative Stärken hat das russische Kapital in den Bereichen Rüstung (mit den mehrheitlich staatlichen Konzernen Rostec, OAK sowie im Schiffsbau der Konzern OSK) und zivile Luftfahrt (mit der mehrheitlich staatlichen Aeroflot, einer der größten Airlines der Welt). Der Finanzsektor in Russland wird vor allem von der Sberbank und der VTB Bank dominiert, die beide mehrheitlich im Staatsbesitz sind, sowie von der privaten Investmentfirma Sistema. Damit ist der russische Kapitalismus von einer starken direkten Einflussnahme des Staates gekennzeichnet, wobei der Staat – ähnlich wie in China – Unternehmen und Branchen von strategischer Relevanz mehrheitlich kontrolliert, ohne etwas an ihrer kapitalistischen Operationsweise zu ändern. Diese Strategie ist Folge der relativ schwachen ökonomischen Position des russischen Imperialismus und ermöglicht es dem Staat, eine gezielte Entwicklungspolitik zu betreiben und, insbesondere im Rüstungssektor, diejenigen Konzerne zu fördern, die für die Machtprojektion des Staates erforderlich sind. 

Eine Besonderheit Russlands ist sein überaus schlagkräftiges Militär, das Russland in der zwischenimperialistischen Konkurrenz gemessen an seiner reduzierten Wirtschaftskraft stark heraushebt. Die russischen Streitkräfte und der Rüstungssektor profitieren bis heute davon, dass die Sowjetunion jahrzehntelang eine Weltmacht war und Rüstungsgüter von höchster Qualität produzierte. Die russische Armee und Generalität sind durch die Kriege in Afghanistan (in den 1980ern), Tschetschenien, Syrien und Georgien kampferfahren und professionell. Dies erlaubt Russland trotz eines im Vergleich zu den USA und China kleinen Verteidigungshaushaltes eine enorme militärische Stärke einbringen zu können. Russland hat zahlenmäßig das weltgrößte Arsenal an atomaren Sprengköpfen. Es hat in den vergangenen Jahren insbesondere seine Raketentechnologie modernisiert und die Fähigkeit zur Konstruktion von Hyperschallraketen erlangt, die z.B. zum Versenken feindlicher Schiffe eingesetzt oder auch jeweils mit einer Vielzahl nuklearer Sprengköpfe bestückt werden können, um diese über interkontinentale Distanzen zu transportieren. In vielen dieser Bereiche liegt das russische Militär technologisch gleichauf oder sogar vor der Armee der USA. Dies erlaubt es der russischen herrschenden Klasse, ihren Interessen militärisch Nachdruck zu verleihen und sie gegebenenfalls auch gewaltsam durchzusetzen. 

These 4: Die neue Multipolarität ist hauptsächlich von einem Gegensatz zwischen zwei Blöcken gekennzeichnet: Auf der einen Seite steht der westliche Block der EU und NATO, auf der anderen Seite das Bündnis von Russland und China, das seit einigen Jahren zunehmend enger wird und sich im Rahmen der Shanghai Cooperation Organisation auch eine feste Form gegeben hat. Der Konflikt zwischen den beiden Blöcken hat keineswegs, wie auch Teile der kommunistischen Bewegung fälschlich einschätzen, den Charakter einer Auseinandersetzung zwischen imperialistischen und nicht-imperialistischen Staaten. Er hat den Charakter einer zwischenimperialistischen Auseinandersetzung – einer Auseinandersetzung zwischen imperialistischen Zentren.

These 5: Beide Blöcke sind von inneren Widersprüchen gekennzeichnet: So zeigten sich immer wieder Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Außenpolitik zwischen führenden EU-Staaten und den USA, beispielsweise bei der Haltung zum Irakkrieg von 2003, aber auch bezüglich des Umgangs mit Russland. Innerhalb der EU selbst traten in der 2008/9 beginnenden Wirtschaftskrise die gegensätzlichen Strategien der deutschen und französischen Bourgeoisie zutage, während auch südeuropäische Staaten die von Deutschland vertretene Krisenpolitik teilweise ablehnten (Streitpunkte waren u.a. die Frage der „Eurobonds“, die Konditionalität für „Rettungsmaßnahmen“ der Troika usw., wo Frankreich und die südeuropäischen Staaten ihre Interessen an einer sie stärker entlastenden gemeinsamen Krisenpolitik der EU nicht durchsetzen konnten). Auch das Bündnis zwischen Russland und China ist nicht widerspruchsfrei. Das ökonomische Kräfteverhältnis geht stark zulasten der Russischen Föderation, China ist in der Partnerschaft die bei weitem dominierende Macht, was aus Sicht der russischen Bourgeoisie die Gefahr einer einseitigen Abhängigkeit von China beinhaltet.

These 6: Weder die „unipolare“ noch die „multipolare“ Weltordnung ist im Interesse der Arbeiterklasse oder des Friedens. Während in der von den USA geführten „unipolaren“ Weltordnung die führende imperialistische Macht in der Lage war, ihre Interessen durch Angriffskriege offensiv durchzusetzen, stößt sie in der „multipolaren“ Welt zunehmend auf die Opposition der neu aufstrebenden imperialistischen Mächte. Daraus können sich in bestimmten Situationen verbesserte Spielräume für die Kommunisten ergeben, die taktisch genutzt werden können (z.B. sozialistische Staaten, für die sich daraus erweiterte Möglichkeiten zur Durchbrechung ihrer wirtschaftlichen Isolation ergeben usw.). Diese Spielräume müssen konkret analysiert werden, wobei es in jedem Fall zu vermeiden ist, daraus grundsätzliche Einschätzungen über den Charakter des agierenden imperialistischen Staates abzuleiten. 

Vor allem aber darf dieser Aspekt nicht überschätzt werden und bedeutet auch nicht, dass im Allgemeinen die „multipolare Weltordnung“ für die Arbeiterklasse günstiger wäre. Denn die Multipolarität ist zwangsläufig von zunehmenden Spannungen zwischen den Polen und ständiger Gefahr eines verallgemeinerten Weltkriegs gekennzeichnet, in der die Arbeiter der verschiedenen Länder gegeneinander aufgehetzt und ins Gemetzel geschickt werden würden. Auch der Krieg in der Ukraine zeigt, dass sich aus den zwischenimperialistischen Konflikten keineswegs zwangsläufig verbesserte Kampfbedingungen für die Arbeiterklasse ergeben, sondern ganz im Gegenteil diese auch drastisch eingeengt werden können, etwa durch Verstärkung des Nationalismus und Chauvinismus, verstärkte Repressionen gegen Kommunisten oder auch durch den Krieg selbst, der für große Teile des Volkes das nackte Überleben in den Vordergrund stellt und den Klassenkampf enorm erschwert. 

Die eskalierenden Spannungen bergen für die Arbeiterklasse eine riesige Gefahr, dass sie sich für die Pläne des einen oder anderen imperialistischen Pols einspannen lässt. Während die staatstreuen Gewerkschaften beispielsweise eine fast bedingungslose Unterordnung unter die Pläne der NATO betreiben, ist in der kommunistischen Bewegung die Parteinahme für China und Russland verbreitet. Für die Arbeiterklasse in Westeuropa stellt die Unterordnung unter die „eigenen“ imperialistischen Regierungen die größere Gefahr dar, da eine Identifikation größerer Bevölkerungsteile mit dem russischen oder chinesischen Imperialismus unwahrscheinlich erscheint. Doch für die kommunistische und auch die Friedensbewegung ist die Gefahr, sich in die Strategien Russlands und Chinas einzugliedern, sehr real und bedeutet letztendlich ebenfalls, die eigenständige Rolle der Arbeiterklasse und den Kampf für den Sozialismus aufzugeben.

These 7: Unter imperialistischen Bedingungen ist die entscheidende Frage zur Beurteilung eines Krieges die, von welchen Kräften er aus welchen Gründen und mit welchen Zielen geführt wird. Kriege zwischen imperialistischen Mächten werden letztlich um die Neuverteilung von Einflusssphären, Märkten, Rohstoffen und Transportwegen geführt. Sie haben nichts mit den Interessen der Arbeiterklasse und der Völker zu tun. Sich im Fall eines Konfliktes auf die Seite der unterlegenen oder angegriffenen imperialistischen Macht zu stellen, ist ein fataler Fehler. Diesen Verrat begingen die sozialdemokratischen Parteien im Ersten Weltkrieg, Kommunisten dürfen ihn heute nicht wiederholen. Lenin formulierte den Standpunkt des proletarischen Internationalismus bezüglich der Frage der „Verteidigungskriege“ beispielsweise so: „Stellen wir uns einmal vor, ein Sklavenhalter, Besitzer von 100 Sklaven, läge im Krieg mit einem anderen Sklavenhalter, Besitzer von 200 Sklaven, um die „gerechtere” Neuaufteilung der Sklaven. Es ist klar, daß die Anwendung der Begriffe „Verteidigungs”-Krieg oder „Vaterlandsverteidigung” auf einen solchen Fall historisch verlogen und praktisch ein glatter Betrug wäre, begangen von gerissenen Sklavenhaltern am einfachen Volk, an den Kleinbürgern, an der unaufgeklärten Masse[1]. In einem Brief an den russisch-französischen Sozialisten und späteren Trotzkisten Boris Souvarine erklärte er zu derselben Frage: „Als ob die Frage wäre: Wer hat zuerst angegriffen und nicht: Was sind die Ursachen des Krieges? Was sind seine Ziele? Welche Klassen führen ihn? Könnte man sich beispielsweise einen geistig gesunden Sozialisten vorstellen, der Englands Recht auf „Vaterlandsverteidigung“ im Jahr 1796 anerkennen würde, als die französischen revolutionären Truppen begannen, mit den irischen zu fraternisieren? Und dennoch waren es die Franzosen, die England angegriffen hatten und tatsächlich eine Landung in Irland vorbereiteten.“[2].

Lenins Haltung zu dieser Frage war grundsätzlicher Natur und nicht alleiniger Ausdruck einer spezifischen Situation. Denn wer den Krieg der eigenen imperialistischen Regierung unterstützt, beraubt sich dadurch selbst der Möglichkeit, auf den revolutionären Sturz dieser Regierung zu orientieren. Er erzieht die Arbeiterklasse nicht im Geist des proletarischen Internationalismus, sondern des Nationalismus und Militarismus.

Die Frage, welche Macht die angreifende und welche die verteidigende ist, ist zwar deshalb auf der anderen Seite nicht irrelevant zur Beurteilung eines Konfliktes. In der Agitation muss diese Tatsache ihre Berücksichtigung finden, ohne jedoch dadurch die Position der angegriffenen Macht einzunehmen, zu beschönigen oder dazu zu schweigen. Ziel muss dabei aber immer die eigenständige Organisierung der Arbeiterklasse aller Länder sein – eigenständig auch im weltanschaulich-politischen Sinne, als eigenständige Positionierung gegen alle kapitalistischen und imperialistischen Mächte. Argumentationen, die sich explizit oder implizit auf den Standpunkt der „Sicherheitsinteressen“ eines imperialistischen Staates stellen oder ihre Politik für legitim erklären, führen letztlich immer dazu, dass die kapitalistische Konkurrenz und mörderische imperialistische Rivalität als Geschäftsgrundlage der Politik akzeptiert werden. Dies ist analog zur Argumentation der reformistischen Gewerkschaften und Parteien, die die Perspektive des „Wirtschaftsstandortes“ einnehmen und deshalb Lohneinbußen und andere Angriffe auf die Arbeiterklasse mittragen. In beiden Fällen wird ein unabhängiger Klassenstandpunkt zugunsten der Werktätigen aufgegeben und durch den „Burgfrieden“ mit dem Kapital ersetzt. 

These 8: In der geopolitischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Blöcken ist der „Westen“ der ursprüngliche Aggressor, der seit über drei Jahrzehnten mit der NATO- und EU-Osterweiterung entgegen historischer Absprachen, der einseitigen Aufkündigung von Rüstungsbegrenzungsverträgen usw. aggressiv gegen Russland vorgeht. Das gilt auch für den Konflikt um die Ukraine, wo die EU bereits mit der „Farbenrevolution“ von 2004, dann mit dem Assoziierungsabkommen versucht hat, die Ukraine in den westlichen Machtbereich zu holen und mit dem Maidan-Putsch 2014 eine aggressive antirussische Linie eingenommen hat. In den folgenden Jahren haben die westlichen Staaten weiterhin das ukrainische Regime unterstützt, als es die Umsetzung der Minsker Vereinbarungen verweigerte und stattdessen auf die kriegerische Eskalation des Konflikts im Donbass setzte. Mit der Zunahme der zwischenimperialistischen Spannungen und insbesondere der kriegerischen Eskalation des Konflikts in der Ukraine ist mit einer sprunghaften Verschärfung der antirussischen (und antichinesischen) Propaganda im Westen zu rechnen. Aufgabe der Kommunisten ist es, dieser Propaganda entgegenzutreten, indem die führende Verantwortung des Westens immer wieder herausgearbeitet wird. Verzerrenden und verfälschenden Darstellungen der russischen und chinesischen Politik, die Teil der westlichen Kriegspropaganda sind, sollte entgegengetreten werden, indem auf die Fakten und die Verantwortung der westlichen Imperialisten verwiesen wird. Der rassistischen Stimmung gegen Russen oder Deutsche mit Wurzeln aus Russland muss insbesondere der Kampf angesagt werden. Bei alldem besteht die Aufgabe für Kommunisten darin, die westlichen Imperialisten anzugreifen – sie besteht allerdings nicht umgekehrt auch darin, den russischen oder chinesischen Imperialismus in Schutz zu nehmen oder zu relativieren. 

These 9: Das Völkerrecht ist heute ein Kompromiss zwischen den Kapitalistenklassen der Welt, v.a. der führenden imperialistischen Länder, auch wenn Teile davon unter Mitwirkung der Sowjetunion entstanden sind. Auch wenn die Regelung des zwischenstaatlichen Verkehrs sowie die Festlegung von Regeln für die Austragung von Konflikten in bestimmten Fällen dazu beitragen mag, kriegerische Auseinandersetzungen zu verhindern, ist es falsch, das Völkerrecht als Garant des Friedens zu betrachten. Es ist ebenso falsch und auch idealistisch, das Völkerrecht getrennt von den realen Kräfteverhältnissen im imperialistischen System aufzufassen. Seine Bestimmungen sind notwendigerweise für viele konkrete Fälle zu allgemein, sodass sich gegnerische Seiten auf unterschiedliche Aspekte berufen können. So ist der russische Einmarsch in der Ukraine zwar zweifellos völkerrechtswidrig, doch beruft Russland sich umgekehrt auf die in der KSZE-Schlussakte von 1975 festgehaltene Verpflichtung zur gegenseitigen Achtung von Sicherheitsinteressen usw. Doch „zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt“[3], wie Marx sagt. Und die Gewalt ist die der miteinander rivalisierenden herrschenden Klassen. Bezugspunkt für Kommunisten kann daher nicht das Völkerrecht, sondern müssen die Interessen der arbeitenden Klassen sein. 

These 10: Es ist ein schwerer Fehler, Russland und China als rein defensive Mächte zu verstehen, als passive Opfer der NATO-Aggressionen. Russland und China haben in den letzten 1-2 Jahrzehnten den Status militärischer Supermächte (wieder-)erlangt. Beide Staaten sind bereit, zur Verfolgung ihrer imperialistischen Interessen das Militär einzusetzen und schrecken notfalls nicht vor Krieg zurück: Dies zeigt der russische Krieg in der Ukraine, aber auch bereits der Einsatz der OVKS-Truppen in Kasachstan Anfang 2022, die eine Stabilisierung des kasachischen Regimes zum Ziel hatten und diesem den Rücken freihielten, um die berechtigten Proteste der Arbeiterklasse niederzuschlagen. In Libyen war es zwar der Angriffskrieg der NATO-Staaten, der dafür gesorgt hat, die libysche Staatlichkeit zu zerschlagen und das Land in einen blutigen Bürgerkrieg zu stürzen. Dieser Krieg wurde jedoch von Russland und China indirekt toleriert, indem sie im März 2011 bei der Abstimmung zur Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates kein Veto einlegten und somit zuließen, dass der Angriff durch ein UN-Mandat gedeckt wurde. Russland hat seitdem im libyschen Bürgerkrieg gemeinsam mit dem französischen Imperialismus die Seite des Warlords General Khalifa Haftar unterstützt und ist daher mitverantwortlich für das anhaltende Blutbad in Libyen.

Die chinesische Regierung hält sich bewusst die Option offen, die Wiedervereinigung mit der „Republik China“ (Taiwan) auch durch Krieg zu erzwingen. Dies stellt ein Risiko für den Frieden im ostasiatischen Raum dar, unabhängig davon, wie der völkerrechtliche Status Taiwans zu bewerten ist, das historisch tatsächlich aus der Besatzung der Insel durch die Guomindang hervorgegangen ist. Ein Krieg um Taiwan, in den auch die USA intervenieren könnten, wäre katastrophal für die Arbeiterklasse Taiwans, aber auch der VR China. Ähnliches gilt für die Infragestellung der territorialen Souveränität der Nachbarstaaten im „südchinesischen Meer“ durch China, insbesondere Vietnams und der Philippinen.

Die Charakterisierung eines Staates als „aggressiv“ oder „defensiv“ ist eine oberflächliche Sichtweise, die von den tiefer liegenden Ursachen und Gesetzmäßigkeiten abstrahiert. Dies bedeutet nicht, dass es zwischen den verschiedenen Strategien und Aktivitäten imperialistischer Staaten keine konkreten Unterschiede gibt. Doch letzten Endes ist dies abhängig vom Entwicklungsgrad der monopolkapitalistischen politökonomischen Beziehungen innerhalb eines Landes und den Mitteln, die dem imperialistischen Staat zur Verfügung stehen, um seine Interessen zu verfolgen. Es handelt sich also nicht um eine grundsätzliche Bestimmung des Charakters einer herrschenden Klasse oder eines Staates.

Russland und China beispielsweise agieren sowohl defensiv als auch aggressiv. Welcher Aspekt überwiegt, ist abhängig von ihrer Stellung innerhalb der globalen imperialistischen Hierarchie und der Dynamik der zwischenimperialistischen Auseinandersetzung. Nach einer langen Phase überwiegend defensiven Agierens Russlands geht dieses nun seit einigen Jahren zu einem offensiveren Agieren über, was mit dem Angriff auf die Ukraine einen vorläufigen tragischen Höhepunkt gefunden hat.

These 11: Ökonomische Expansion und militärische Expansion lassen sich dabei nicht absolut voneinander trennen. Die zunehmende Rolle des chinesischen Kapitals auf dem gesamten asiatischen Kontinent, aber auch in Afrika, Lateinamerika und selbst Europa geht auch mit einer Stärkung von politischen Beziehungen und damit einer Zurückdrängung des politisch-militärischen Einflusses des NATO-Blocks einher. Sie hat daher keinen „passiven“, „defensiven“ oder „friedlichen“ Charakter, auch wenn es sich momentan um eine Expansion mit nicht-kriegerischen Mitteln handelt. Der Krieg ist nichts als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, ebenso wie die Politik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist. Es ist deshalb ein grober analytischer Fehler, lediglich militärische Aktivitäten wie Aufrüstung, Truppenstationierungen oder Krieg als aggressiv zu werten, da im imperialistischen Konkurrenzkampf politische, ökonomische und militärische Aktivitäten ineinander übergehen. Dennoch stellt der offene Krieg gegenüber imperialistischer ökonomischer Expansion oder aggressiver Außenpolitik eine qualitativ höhere Eskalationsstufe dar.

These 12: Der russische Krieg in der Ukraine ist eine Folge der Situation, die von der NATO und der EU seit drei Jahrzehnten herbeigeführt wurde. Eine besondere Verantwortung für diese Situation trägt auch das oligarchische Regime in Kiew, das bereits seit 2014 mit Unterstützung der NATO und EU einen Krieg gegen das Donbass führt, dem Tausende zum Opfer gefallen sind. Der Staatsstreich, mit dem der damalige ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch entgegen den Bestimmungen der ukrainischen Verfassung aus dem Amt geputscht wurde, hatte seine Grundlage innerhalb der nationalistischen und dem westlichen Imperialismus zugewandten Teile der ukrainischen Gesellschaft. Er wurde aber auch von der EU und den USA aktiv angetrieben, die dafür auf dem Maidan auch Neonazis als Stoßtruppen nutzten. NATO und EU waren, nachdem sie bereits den Rest Osteuropas (bis auf Weißrussland) in ihren Machtbereich integriert hatten, nicht bereit, Russland irgendeinen Einfluss in der Ukraine zuzugestehen oder auch nur vitale russische Sicherheitsinteressen als legitim anzuerkennen. Es ging ihnen von vornherein „ums Ganze“, nämlich um die vollständige und unwiderrufliche Verwandlung der Ukraine in ein gegen Russland gerichtetes Bollwerk und möglichst exklusives Betätigungsfeld des westeuropäischen und nordamerikanischen Kapitals. Angesichts der bekannten Tatsache, dass etwa 30% der ukrainischen Bevölkerung (nach einem Zensus von 2001) Russisch als Muttersprache sprechen und die östliche und südliche Ukraine sich historisch mit Russland (und/oder der Sowjetunion) verbunden fühlt, muss allen maßgeblichen Entscheidungsträgern klar gewesen sein, dass dieses Ziel nur auf dem Weg der Installation eines autoritären Regimes und mit Gewalt möglich sein würde. Russland spielte in dieser Phase des Konfliktes eine zurückhaltende Rolle und intervenierte weniger offen als der Westen in die politischen Ereignisse. Der Krieg um den Donbass und die Sezession der Krim liegen ebenfalls in der Hauptverantwortung des Kiewer Regimes, dass die Kompromissforderung einer Föderalisierung der Ukraine ablehnte und stattdessen die Diskriminierung der russischsprachigen Ukrainer massiv verschärfte. NATO und EU haben letztlich die Ukraine in einen Krieg getrieben, von dem sie wussten, dass er für die Bevölkerung verheerend sein würde. Sie haben auch kein Interesse an einer schnellen Beilegung des Krieges, denn eine langfristige Verwicklung Russlands in einen teuren und verlustreichen Konflikt entspricht ihrem Interesse an der Schwächung des imperialistischen Konkurrenten Russland.

These 13: Dennoch handelt es sich bei der in der Nacht auf den 24.2. begonnenen Militäroperation um einen verbrecherischen imperialistischen Krieg und eine Aggression von Seiten der Russischen Föderation. Russland agierte dabei zwar aus einer defensiven Position heraus, ging aber spätestens mit dem Angriff auf die Ukraine selbst zur Aggression über. Es handelt sich dabei um einen Übergriff auf einen souveränen Staat, um eine Aktion, die weit über alles hinausgeht, was als „defensiv“ bezeichnet werden könnte. Mit der Entscheidung, die Abschreckungsstreitkräfte inklusive sämtlicher nuklearer Streitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen, hat die russische Regierung den Konflikt weiter eskaliert und auf eine gefährlichere Ebene gehoben. Diese Entscheidung diente dazu, eine massivere Unterstützung der ukrainischen Armee durch die NATO-Staaten zu blockieren und damit Hindernisse für die Invasion aus dem Weg zu räumen. Die Folgen dieser Eskalation für die Völker der Region und der ganzen Welt sind potenziell verheerend. 

Weder der Krieg, noch der Schritt, die Abschreckungsstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen, diente der Verteidigung Russlands gegen einen potenziellen Angriff auf sein Territorium. Zwar war und ist die Bedrohung Russlands durch die NATO real und ernst. Doch war ein Angriff der NATO-Streitkräfte auf russisches Territorium zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen und die propagandistische Behauptung Russlands, mit seinem Krieg unter dem Druck einer unmittelbaren existenziellen Bedrohung zu handeln, entspricht nicht den Tatsachen. Daran ändert auch die Enthüllung über die Existenz biologischer Forschungslabore in der Ukraine durch die US-Diplomatin Victoria Nuland nichts. Denn auch auf ukrainischer Seite ist letztendlich davon auszugehen, dass die herrschenden Akteure rationalen Interessen folgen und keinen selbstmörderischen Angriffskrieg gegen Russland begonnen hätten. Das Dekret des ukrainischen Präsidenten Selenski vom 24.3.2021 zur „Ent-Besatzung und Reintegration“ der Krim in den ukrainischen Staat stellt eine Provokation Russlands und ein Beispiel nationalistischer Rhetorik dar, für einen tatsächlich geplanten Angriff der ukrainischen Armee fehlten jedoch alle Anzeichen und dem ukrainischen Militär auch die Fähigkeiten. Zudem kann es als sehr unwahrscheinlich betrachtet werden, dass die NATO sich an einem solchen Krieg gegen Russland beteiligt hätte. Dies hat im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens liegt ein offener Krieg mit Russland, der auch zu einem den Fortbestand der Menschheit bedrohenden Nuklearkrieg eskalieren könnte, nicht im Interesse der herrschenden Kreise der NATO. Aus diesem Grund sendeten die Führungen der westlichen Staaten in den Wochen vor der russischen Invasion immer wieder deutliche Signale, dass ein Angriff auf die Ukraine mit scharfen Sanktionen, nicht jedoch mit NATO-Truppen in der Ukraine beantwortet werden würde. Forderungen nach einer Flugverbotszone, die einen Kriegseintritt der NATO gegen Russland bedeutet hätte, wurden deshalb auch zurückgewiesen. Zweitens haben die USA bereits seit mehr als einem Jahrzehnt begonnen, den Schwerpunkt ihrer militärischen Aktivitäten in den pazifischen Raum zu verlegen, um sich auf die Konfrontation mit China vorzubereiten. Ein „heißer“ Krieg mit Russland, selbst wenn er auf der konventionellen (d.h. nicht-atomaren) Ebene bliebe, würde diese Strategie ernsthaft unterminieren.

Die russische Aggression in der Ukraine hat alle Illusionen, wonach die Russische Föderation eine Friedensmacht und ein Verbündeter der fortschrittlichen Kräfte in Europa sei, endgültig als fatale Fehleinschätzungen entlarvt. Diese Illusionen zu bekämpfen, ist Aufgabe der revolutionären Kräfte innerhalb der kommunistischen Weltbewegung.

These 14: Der imperialistische Charakter des Krieges ergibt sich daraus, dass es sich um einen Krieg um die Neuaufteilung von Einflusssphären handelt. Der Argumentation, wonach der Krieg nicht imperialistisch sein könne, weil Russland ihn um seine Sicherheitsinteressen statt um Wirtschaftsinteressen führe, liegt ein verflachtes Verständnis von Imperialismus und imperialistischen Konflikten zugrunde. Ein Krieg trägt nicht erst dann imperialistischen Charakter, wenn Truppen ausgesandt werden, um Ölfelder zu besetzen oder den Marktzugang für das eigene Kapital zu erzwingen. Die Eskalation des Konfliktes um die Ukraine begann 2013 mit der Auseinandersetzung um die Anbindung des Landes an zwei wirtschaftliche Zusammenschlüsse – die Europäische Union, mit der die Ukraine ein Assoziierungsabkommen unterzeichnen wollte und die von Russland geführte Eurasische Wirtschaftsunion (EWU), bei der die Regierung Janukowitsch 2013 einen Beobachterstatus beantragte. 2011 unterzeichneten Russland und eine Reihe anderer Staaten inklusive der Ukraine im Rahmen der EWU die Schaffung einer Freihandelszone; 2012 wurde der Gemeinsame Wirtschaftsraum Russlands, Kasachstans und Weißrusslands beschlossen, der nach dem Vorbild der EU die „vier Freiheiten“ von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften zwischen den drei Ländern vorsieht. Da bisher überwiegend kleinere und schwächere Volkswirtschaften Teil der EWU waren, hätte der Beitritt der Ukraine dieses Bündnis enorm aufgewertet. Das russische Monopolkapital, das in vielen Bereichen innerhalb dieser Union führend ist, hätte dadurch seine Position stärken können. Im Handel innerhalb der EWU ist der russische Rubel die bei weitem vorherrschende Währung, wovon russische Banken und Investmentgesellschaften profitieren. In der nicht-kriegerischen Phase des Tauziehens um die Ukraine hat Russland ab dem Zeitpunkt verloren, als die Regierung Janukowitsch, die für eine multivektorale Politik zwischen den beiden Polen einstand, 2014 aus dem Amt geputscht wurde. Nach der aggressiven Liquidation aller russischen Einflüsse durch das neue Regime versuchte Russland, seinen Einfluss in der Ostukraine durch die Unterstützung des Donbass zu wahren bzw. zu verstärken und mit der Annexion der Krim Sewastopol als strategisch wichtigen Hafen für die russische Schwarzmeerflotte zu sichern. Die Schwarzmeerflotte ist für Russland insbesondere wichtig, um im Schwarzmeerraum (inklusive dem umkämpften Kaukasus) und potenziell im Mittelmeerraum seine Macht projizieren zu können und die Interessen seiner herrschenden Klasse damit auch offensiv verfolgen zu können. Für die russische Invasion der Ukraine waren militärische und geopolitische Interessen unmittelbar ausschlaggebend – Auslöser des Krieges waren ukrainische Vorbereitungen für eine Offensive gegen Donezk und Lugansk sowie die Weigerung, einen ukrainischen NATO-Beitritt mittel- und langfristig auszuschließen –, die tieferliegende Ursache sind jedoch miteinander im Konflikt stehende Kapitalinteressen. 

Die Argumentation, dass der Krieg nicht imperialistisch oder aggressiv sei, weil er sich letztlich auch schlecht für die Interessen Russlands auswirken könnte, ist unsinnig. Der imperialistische Charakter eines Krieges hängt nicht davon ab, ob der Ausgang des Krieges wirklich den Erwartungen des Aggressors entspricht.

These 15: Die Folgen des Krieges sind katastrophal für die Arbeiterklasse, für das ukrainische und das russische Volk und für die kommunistische Bewegung auf der ganzen Welt. Jenseits der Toten und Verwundeten auf beiden Seiten und der Kriegszerstörungen in der Ukraine wird die politische Lage in diesen Ländern sich massiv verschlechtern. Die bisher eher schmale Massenbasis des nationalistischen Kiewer Regimes schwillt durch den Krieg enorm an. Nach anfänglichen Illusionen nach Selenskis Regierungsübernahme im Mai 2019 war die Zustimmung für ihn rapide in den Keller gefallen: Zwei Jahre später beurteilten gerade noch 24% der Ukrainer seine Arbeit als „gut“ oder „sehr gut“, während 42% sie als „unbefriedigend“ oder „sehr schlecht“ ansahen – wobei natürlich die Bevölkerung der Krim und des Donbass nicht eingerechnet wurden. Besonders Korruption, Einfluss der Oligarchen, die schlechte Wirtschaftsentwicklung, aber auch das Fehlen von Fortschritten bezüglich des Waffenstillstands im Donbass wurden als Hauptgründe für die Ablehnung seiner Regierung genannt[4]

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Krieg die Kräfteverhältnisse völlig verändert hat. Die NATO-Mitgliedschaft und Unterstützung für den profaschistischen ukrainischen Nationalismus werden nun endgültig zur Mehrheitsposition in der Ukraine, zumal die am stärksten prorussischen Gebiete (Krim und Donbass) nicht mehr Teil der innerukrainischen politischen Auseinandersetzung sind. Selbst große Teile der russischsprachigen Bevölkerung, z.B. in Charkiw/Charkow, Odessa oder Mariupol lehnen die russische Invasion ab und werden durch sie in die Arme des Kiewer Regimes getrieben. 

In ganz Europa und anderen Teilen der Welt ist eine Welle NATO-treuer Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung im Gange, die den Herrschenden die Möglichkeit zu weiteren Aufrüstungs- und Eskalationsschritten gibt, wie die Aufrüstung der deutschen Bundeswehr um weitere 100 Mrd. € zeigt. Jede Opposition gegen NATO und EU hat durch den Krieg eine gravierende Schwächung erlitten. Am stärksten werden letztlich diejenigen Kräfte in der kommunistischen Bewegung getroffen werden, die sich nicht zu einer Verurteilung des russischen Angriffskrieges durchringen konnten oder ihn gar unterstützen. Sie werden sich von der Arbeiterklasse in dem Maße isolieren, wie ihre Position sich von der Realität entfernt. 

Die verlogene Propaganda der reaktionären osteuropäischen Regierungen, dass sie die NATO bräuchten, um sich vor einer russischen Aggression zu schützen, wird vielen Menschen nun als unbedingt glaubwürdig erscheinen und weitere aggressive Schritte der osteuropäischen Staaten (v.a. Polen und das Baltikum) befördern. In Russland selbst wird der Krieg von der Arbeiterklasse bezahlt, die zuerst in einer militärischen Offensive verheizt wird, in der sie nichts zu gewinnen hat und dann unter den verschärften Sanktionen der westlichen Imperialisten, dem Ausschluss aus dem SWIFT-System und den Kosten von Krieg und Besatzung langfristig zu leiden haben wird. Auch reaktionäre prowestliche Kräfte, die in Russland bisher ein Schattendasein fristeten, könnten durch die Ablehnung des Krieges in der Bevölkerung an Stärke gewinnen. Die Vorstellung, dass es im Interesse der ukrainischen Arbeiterklasse wäre, wenn ein prowestliches Regime durch ein prorussisches Regime ersetzt würde, entbehrt jeder Grundlage. Die kapitalistische gesellschaftliche Grundlage und der Antikommunismus wird von beiden Seiten vorangetrieben. Tatsächlich betonte Putin in seiner Rede zur Anerkennung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk vom 22. Februar 2022: „Sie wollen die Entkommunisierung? Sehr gut, das passt uns sehr gut. Aber warum auf halbem Weg stehen bleiben? Wir sind bereit zu zeigen, was eine echte Entkommunisierung für die Ukraine bedeuten würde“. Dies passt zu seinem Geschichtsbild, das in dieser Rede ebenfalls zum Ausdruck kam, wo er die Bolschewiki für den Zerfall des starken russischen Staates verantwortlich machte und Lenin die künstliche Erschaffung der Ukraine vorwarf. Auch der russischen Regierung gelten Kommunisten als subversive Elemente, die den Zusammenhalt des Staates zersetzen und daher letztlich liquidiert werden müssen. Die kommunistischen Parteien sind zwar in Russland, anders als in der Ukraine legal, doch Kommunisten, kämpferische Gewerkschafter und Friedensaktivisten sind regelmäßig massiven Repressionen ausgesetzt, ob nun bei Arbeiterprotesten, bei Aktionen gegen die russische Intervention in Kasachstan oder gegen den Krieg in der Ukraine. Vor dem Hintergrund des Krieges verschärft sich der reaktionäre und repressive Charakter des russischen Staates noch weiter.

These 16: Die Darstellung des Krieges als „antifaschistischer“ Befreiungskrieg, als Konflikt zwischen „bürgerlicher Demokratie“ und „Faschismus“ in der russischen Kriegspropaganda entspricht nicht der Realität. Zuerst ist zu sagen, dass die Ukraine keine faschistische Diktatur ist, sondern ein Regime von nationalistischen Neoliberalen und Faschistenfreunden, das Opposition, vor allem die der Linken, unterdrückt und verbietet, aber gleichzeitig die Fassade einer bürgerlichen Demokratie aufrecht erhält. Auch Russland entspricht nicht den bürgerlichen Maßstäben einer „Demokratie“, was die harsche Unterdrückung von Friedensdemonstrationen und weitgehende Zensur der Medien während des Krieges erneut gezeigt hat. Der grundlegende Fehler dieser Argumentation liegt jedoch darin, zwischenimperialistische Konflikte als Konflikte zwischen unterschiedlichen Systemen oder Ideologien zu sehen und nicht als Konflikte zwischen aufeinanderprallenden imperialistischen Interessen, Projekten und Strategien. 

Die „antifaschistische“ Begründung des Krieges durch Putin koexistiert in seinen Reden mit großrussischem Chauvinismus. Wenn Putin wenige Tage vor dem Angriff feststellt, dass „die moderne Ukraine vollständig von Russland geschaffen wurde, genauer gesagt vom bolschewistischen, kommunistischen Russland“ und die „Abtrennung dessen, was historisch gesehen russisches Land ist“ geschaffen worden sei und dies als „für Russland extrem hart“[5] bezeichnet, ist damit offensichtlich beabsichtigt, der Ukraine ihre Selbstbestimmung als unabhängiger Nationalstaat abzusprechen. Während Putin wahrheitsgetreu den Einfluss extremer Nationalisten auf ukrainischer Seite darstellt, verbreitet er selbst nationalistische Auffassungen.

Faschistische Kräfte kämpfen seit Beginn auf beiden Seiten des Konfliktes mit. Während das Kiewer Regime seit 2014 mit den nazistischen Kampfverbänden kooperiert, diese in seine reguläre Nationalgarde inkorporiert hat und Faschisten hohe Positionen im Staatsapparat besetzen, greift auch Russland in dem Konflikt auf faschistische Kräfte zurück. Hier ist die von dem Neonazi Dimitri Utkin gegründete paramilitärische „Wagner-Gruppe“ zu nennen, die seit 2014 zeitweise in der Volksrepublik Lugansk aktiv war, zwischenzeitlich aber auch für Russland im syrischen Bürgerkrieg kämpfte. Auch über die Aktivität von „Tschetniks“, also serbischer Faschisten, auf Seiten des Donbass gibt es verschiedene Berichte. Aleksandr Dugin, ein „neurechter“ faschistischer Ideologe und Professor an der Moskauer Staatsuniversität, zählt zudem zum Beraterumfeld Putins, auch wenn dies nicht bedeutet, dass Wladimir Putin dessen Weltanschauung folgt. 

Russland hat zwar gleichzeitig in der Tat ein reales Interesse, die antirussischen faschistischen Milizen in der Ukraine zu bekämpfen – dies jedoch nicht aus antifaschistischer Motivation, sondern weil die faschistischen Truppen den fanatischsten antirussischen Kern der ukrainischen Streitkräfte ausmachen. Die dafür gewählte Form, eine Invasion in der Ukraine, wird allerdings die Widersprüche zwischen den beiden Nationen nur noch verschärfen und den faschistischen Gruppen einen noch günstigeren Nährboden verschaffen. Die führenden Politiker des Kiewer Regimes wie Jazenjuk, Poroschenko und Selenski waren vor dem Krieg allesamt äußerst unbeliebt, was eine Folge des wirtschaftlichen Niedergangs ab 2014 und des drastisch fallenden Lebensstandards war. Diese Widersprüche konnten Nationalismus und faschistischer Geschichtsrevisionismus auf Dauer nicht zudecken. Selbst nachdem die Krim und das Donbass aus den politischen Auseinandersetzungen in der Ukraine ausgeschieden waren, trotz zeitweise terroristischer Unterdrückung waren die Stimmen, die für eine Verständigung mit Russland und dem Donbass eintraten in der Ukraine nicht verstummt. Die bürgerliche, aber auf eine Beendigung des Konfliktes orientierte „Oppositionsplattform – für das Leben“ führte vor dem Krieg in den Umfragen. Die Beziehungen zwischen Russland und Ukraine, zwischen Ukrainern und Russen werden nun wahrscheinlich auf Jahrzehnte vergiftet sein und der weiteren Faschisierung des politischen Klimas in der Ukraine einen günstigen Nährboden liefern.

Vor diesem Hintergrund ist es gänzlich unverständlich, wenn Kommunisten und Antifaschisten in der Invasion einen Beitrag zur Bekämpfung des Faschismus sehen. Es ist fatal, wenn Kommunisten sich in ihren Analysen und Schlussfolgerungen von Zerrbildern und nostalgischen Gefühlen bezüglich der Sowjetarmee und dem Großen Vaterländischen Krieg leiten lassen, anstatt die realen Hintergründe des imperialistischen Krieges zu analysieren.

These 17: Die „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk (die mit den historischen Volksrepubliken/Volksdemokratien nichts gemein haben) im Donbass entstanden 2014 durch einen Volksaufstand der lokalen Bevölkerung, die sich gegen die faschistischen Tendenzen des Putschregimes und die aggressive Auslöschung der russischen und sowjetischen Identität richtete. In der Bevölkerung des Donbass waren ehrliche und starke antifaschistische und prosozialistische Ambitionen vorherrschend, die sich allerdings von vornherein mit der ethnischen und sprachlichen Komponente des Konfliktes vermischten, was eine klare Klassenorientierung der Bewegung verhinderte. Trotz der prosowjetischen und prosozialistischen Stimmung waren Kommunisten im Donbass nur schwach und inhaltlich zu unklar, sodass der Volksaufstand sich nicht zu einer sozialistischen Revolution entwickeln konnte. Im weiteren Verlauf übernahmen kapitalistische Kräfte die Führung über die beiden Republiken. Die politischen Freiräume für Kommunisten sind in den „Volksrepubliken“ zwar viel größer als in der Ukraine, wo ihre Organisationen und Symbole verboten sind und verfolgt werden und teilweise nackter Terror gegen Kommunisten und Antifaschisten vorherrscht. Doch auch in der „Volksrepublik Donezk“ wurde den Kommunisten der Antritt zu den Wahlen untersagt. Auch im Donbass wird von den Herrschenden eine Politik gegen das Interesse der Arbeiterklasse verfolgt, während diese am meisten unter dem Krieg des Kiewer Regimes leidet und obwohl sie es war, die das Donbass bisher gegen dessen militärische Offensiven verteidigt hat. Die extrem angewachsene militärische, politische und ökonomische Abhängigkeit des Donbass von der Russischen Föderation stellt ein enormes Hindernis für eine Überwindung des Kapitalismus dar, wie sie von großen Teilen der Bevölkerung gewünscht wird.

These 18: In Teilen der kommunistischen Bewegung trägt die Erinnerung an die Sowjetunion dazu bei, eine diffuse Sympathie für Russland zu erhalten. Auch in der Bevölkerung Russlands und anderer ehemaliger Sowjetrepubliken wird die Nostalgie für die UdSSR, in der sie ein sehr viel besseres Leben führen konnte als heute, teilweise mit einer Parteinahme für das heutige kapitalistische Russland verwechselt. Die russische Führung nutzt diese Tatsache aus, indem sie sich auf das großartige Erbe des antifaschistischen Sieges im Großen Vaterländischen Krieg beruft und in ihrer Geschichtspolitik zwischen wohlwollenden und antikommunistischen Darstellungen der sowjetischen Geschichte laviert. Tendenziell werden dabei Lenin, die Bolschewiki und der revolutionäre Bürgerkrieg negativ konnotiert, weil sie zu dem Leitbild des starken russischen Staates in einem Spannungsverhältnis stehen, während der militärische Sieg über Nazideutschland und der Aufstieg der UdSSR zur Supermacht eher positiv dargestellt werden, beispielsweise durch die jährlichen Paraden zum 9. Mai, die Weiterverwendung sowjetischer Hoheitsabzeichen durch die russischen Streitkräfte usw. Die kommunistische Bewegung darf sich von diesen manipulativen Manövern nicht über den Charakter des russischen Staates täuschen lassen. Emotionale Verbundenheit aus historischen Gründen ersetzt keine sachliche Analyse. Der Sozialismus wurde durch die Konterrevolution in Russland restlos beseitigt und kann nur durch den Sturz der kapitalistischen Regierung, durch eine sozialistische Revolution wiederhergestellt werden. Vergleiche des heutigen Russlands mit der UdSSR, die darauf abzielen, das Vorgehen Russlands als „defensiv“ und „legitim“ darzustellen, sind nicht nur realitätsfern, sondern begünstigen eine falsche Einordnung der russischen Führung, der somit ein fortschrittlicher Charakter attestiert wird.

These 19: Der Leninschen Position, jede imperialistische Herrschaft und jeden imperialistischen Krieg abzulehnen, wird oft entgegengehalten, dies sei zu „allgemein“, wohingegen es notwendig wäre, die Realität „konkret“ zu analysieren. Dies ist ein sehr grundsätzlicher Irrtum, der auf einer verfälschenden Darstellung der Antikriegsposition beruht. Die korrekte kommunistische Position, sich gegen den imperialistischen Krieg Russlands wie auch gegen die Kriegsmobilisierung in Deutschland, NATO und EU zu wenden, ist keineswegs weniger „konkret“ als die Haltung, die den russischen Einmarsch legitimiert oder dazu schweigt. Konkret zu analysieren, bedeutet nicht, dass man die Situation vom Standpunkt der „Legitimität“ der russischen Staats- oder Sicherheitsinteressen analysieren müsste. Der Unterschied liegt im Inhalt und in der diametral entgegengesetzten Haltung zum russischen Imperialismus (und damit letztlich auch zum Imperialismus als solchem), er liegt nicht darin, dass eine Seite der Diskussion „konkret“ argumentieren würde und die andere „abstrakt“. Aus der Verurteilung der Imperialisten ergeben sich konkrete Handlungsanweisungen: Heraus auf die Straßen; Unterstützung der bescheidenen, aber vorhandenen Friedenskräfte, die den Krieg Russlands, aber auch die Verantwortung der NATO verurteilen und Aufrüstungsmaßnahmen und Sanktionen gegen Russland ablehnen; Formulierung und Verbreitung der Position „Nein zum imperialistischen Krieg in der Ukraine! Nein zu Aufrüstung und Sanktionen! Nein zu NATO und EU!“; breite Aufklärung über die Geschichte des Konflikts mit Schwerpunkt auf die Rolle des ukrainischen Putschregimes, der USA, Deutschlands, der NATO und EU; für die Schließung aller US-Militärbasen und den Abzug aller Atomwaffen; Aktionen gegen Aufrüstung, gegen Rüstungsbetriebe, gegen die bürgerlichen Kriegsparteien (einschließlich Vertretern der Linkspartei), zur Solidarität und konkreten Hilfe für Flüchtlinge aus der Ukraine sowie für Opfer der antirussischen Pogromstimmung in Deutschland usw.

Doch was ist mit den Arbeiterklassen der beiden direkt kriegführenden Staaten, d.h. der russischen und ukrainischen Arbeiterklasse? Wie sollten die Kommunisten in diesen Ländern sich verhalten? Die Position innerhalb der deutschen Linken, die Russland und seinen Krieg in Schutz nimmt, versagt völlig bei der Herausforderung, dafür eine konkrete Orientierung zu bieten. Wenn Russland nicht als Aggressor benannt, nicht einmal das Ende des Krieges gefordert werden soll, bleibt den Kommunisten in Russland nur der Burgfrieden mit der eigenen Bourgeoisie. Glücklicherweise haben die Genossinnen und Genossen der Russischen Kommunistischen Arbeiterpartei, aber auch eine Reihe von Kadern, Mitgliedern und Anhängern der KP der Russischen Föderation diesen schlechten Rat nicht angenommen, sondern agieren gegen den Krieg und das bürgerliche Regime in ihrem Land. Die ukrainischen Kommunisten dürften nach dieser Logik der russischen Invasion, die gerade ihr Land zerstört und ihre Klassengeschwister tötet, nichts entgegensetzen und nicht auf der territorialen Souveränität der Ukraine bestehen, sondern müssten an den konkreten Realitäten ihres Landes vorbei allein die NATO angreifen, wenn nicht gar zur Hilfstruppe der russischen Besatzer werden. Eine Position, die – verständlicherweise – zur völligen Diskreditierung und Isolierung der Kommunisten von den Volksmassen führen würde. Die richtige, wenn auch nicht unkomplizierte Position der Kommunisten in der Ukraine wäre aber: Gegen den Krieg im Donbass und in der Ukraine, gegen die Invasionstruppen des russischen Imperialismus, gegen das Regime in Kiew und gegen die Einbindung der Ukraine in imperialistische Pläne und Strategien zu kämpfen. 

Die künstliche Trennung von „abstrakten“ Argumenten (z.B. der Analyse zwischenimperialistischer Konflikte) und „konkreten“ Argumenten (z.B. der Beurteilung des Handelns der russischen Regierung) entspricht nicht der Methodik des wissenschaftlichen Sozialismus. Aus Sicht des Marxismus werden konkrete Entwicklungen stets vor dem Hintergrund verallgemeinerter theoretischer Erkenntnisse analysiert, sie fließen dann umgekehrt wiederum in das theoretische Weltverständnis des Marxismus ein und bereichern dieses. Konkrete und allgemein-theoretische Analyse sind nicht voneinander zu trennen. Dies bedeutet einerseits, dass es zu kurz greift, einen konkret stattfindenden Krieg nur mit allgemeinen Aussagen über Imperialismus und Krieg zu kommentieren, aber das Handeln der Akteure nicht aufzugreifen. Andrerseits ist es aber auch falsch – und dies ist im Vergleich der schwerwiegendere Fehler – nur noch auf der Ebene der konkreten Analyse zu verbleiben und den theoretischen Hintergrund der marxistischen Imperialismusanalyse dabei faktisch auszuklammern. Eine Argumentation, die sich auf den Standpunkt von Russlands Sicherheitsinteressen stellt, bleibt letztlich auf der Ebene bürgerlicher Außen- und Geopolitik. Wird die Analyse der zwischenimperialistischen Widersprüche ausgeblendet, bleibt auch die konkrete Analyse unzureichend, weil es ihr darum geht, im Ringen zwischen den Imperialisten Partei zu ergreifen und deshalb die wechselseitige Einwirkung, Aktionen und Reaktionen der imperialistischen Zentren nicht richtig bestimmt und dargestellt werden können.

Wenn der Sozialismus, die Macht der Arbeiterklasse als „abstrakte Parolen“ fernab der Realität denunziert werden, dann ist auch das ein Missverständnis.  Dieser Fehler ist eine Folge davon, dass nicht verstanden wurde, dass der Sozialismus als unmittelbares Ziel im Klassenkampf tatsächlich eine konkrete Handlungsanweisung ist. Diese strategische Orientierung bedeutet nichts anderes, als die Politik des Kapitals grundsätzlich abzulehnen und ihr gegenüber immer den unabhängigen Standpunkt des Kommunismus, der Interessen der Arbeiterklasse geltend zu machen. Dies gilt für die Kriegsfrage ebenso wie für die Haltung zu sozialen Reformen oder gegenüber „linken Regierungen“ auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung.

These 20: Beim Wiederaufbau der kommunistischen Weltbewegung ist die Position, alle imperialistischen Mächte und alle imperialistischen Kriege abzulehnen, von entscheidender Bedeutung. Die Identifizierung von Kommunisten mit einem imperialistischen Pol bedeutet letztendlich eine Selbstaufgabe. Auch der Standpunkt, der zwar in Worten anerkennt, dass Russland imperialistisch ist, aber sich de facto hinter seine „legitimen Sicherheitsinteressen“ stellt, die jede Aktion des russischen Staates legitimiert, unterscheidet sich de facto kaum von der Position, die Russland als „objektiv antiimperialistisch“ oder „Friedensmacht“ glorifiziert. Kräfte der Linken oder gar Kommunisten, die sich auf die Seite der russischen Aggression stellen, entfernen sich damit vom Standpunkt des proletarischen Internationalismus. In den Teilen der Internationalen Kommunistischen Bewegung, die sich auf den Standpunkt des russischen Imperialismus gestellt haben, kann nun nur eine gründliche Aufarbeitung dieser Fehler und eine ebenso gründliche Selbstkritik einen Ausweg aus der Krise der kommunistischen Bewegung eröffnen.


[1] Wladimir Lenin: Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg), LW 21, S. 301.

[2] Wladimir Lenin: Offener Brief an Boris Souvarine, Lenin Collected Works 23, 1964, Moskau, S. 195-204 (Übersetzung T.S.).

[3] Karl Marx: Das Kapital, MEW 23, S. 249.

[4] Ukraine-Analysen, Ausgabe 252: Zwei Jahre Selenskyj aus Sicht der Bevölkerung, online: https://www.laender-analysen.de/ukraine-analysen/252/zwei-jahre-selenskyj-aus-sicht-der-bevoelkerung/, abgerufen 15.3.2022.

[5] Rede von Wladimir Putin, 22.2.2022, online: https://www.spiegel.de/ausland/der-kremlchef-und-seine-drohungen-gegen-den-westen-putins-ukraine-rede-im-wortlaut-a-fab35f1d-3a2e-494c-af44-72798d2aa42c, abgerufen 13.3.2022.

Diskussion zur Imperialismusfrage und zur Situation rund um die Ukraine und Russland

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Vor einem Monat begann die bis heute andauernde russische Militärintervention in der Ukraine. Wie wir im Rahmen einer selbstkritischen Einordnung vor einer guten Woche herausgearbeitet haben, existieren in der Kommunistischen Organisation sehr unterschiedliche, mitunter auch entgegengesetzte Positionen zu den Geschehnissen und ihrer grundlegenden Analyse. Es ist notwendig, diese klar und offen auf den Tisch zu legen und ihre argumentative Basis schon bestmöglich darzustellen, damit wir uns einen Überblick über die real vertretenen Standpunkte verschaffen können. Wertvoll können dabei auch Hinweise auf ungeklärte Fragen und Unsicherheiten sein, die manch eine Position begleiten mögen. Uns haben schnell erste Debattenbeiträge von Genossen erreicht, die wir in den nächsten Tagen veröffentlichen werden. Dies kann eine systematische und kollektive Bearbeitung der zugrundeliegenden Fragen nicht ersetzen, aber einleiten. In diesem Sinn sind die Diskussionsbeiträge der nächsten Tage zu verstehen als der Aufschlag zu einer strukturierten Debatte. Wir wünschen allen Genossen viel Erkenntnisgewinn beim Studieren und Verfassen von Diskussionsbeiträgen

Die Redaktion

Zur Klärung der Imperialismusfrage – Eine Selbstkritik

Seit Wochen sind die Nachrichten vom Krieg in der Ukraine geprägt. Wir gehen davon aus, dass die russische Militäroperation tatsächlich einen Umbruch markiert: 

Mit dem Einmarsch und den darauffolgenden Reaktionen der anderen Staaten zeichnet sich eine Veränderung auf der Ebene der Konfrontation im internationalen Gefüge ab. Nicht nur die NATO-Staaten und Russland sind damit gemeint. Es ist zu erwarten, dass sich nachhaltige Verschiebungen in den gesamten internationalen Beziehungen ergeben werden.

Gleichzeitig spiegeln sich die Veränderungen in der deutschen Politik wider. Geradezu beflügelt und enthemmt geben sich insbesondere die transatlantischen Kräfte der deutschen Bourgeoisie. Dient ihnen der russische Einmarsch doch als ultimative Legitimierung ihrer scheinbar alternativlosen Aufrüstungs- und Verarmungspolitik.

Eigentlich wäre nun die Diskussion über die Perspektiven dieser Veränderungen zu führen. Es ginge darum, politische Antworten auf die sich aufdrängenden Fragen zu finden. Doch ganz im Gegenteil zeigten sich in der Debatte unserer Organisation schon auf der Ebene der Analyse, also der Einordnung und Bewertung der eingetretenen Ereignisse, grundsätzliche Kontroversen.

Zwar sind wir uns einig darin, dass wir gegen die Aufrüstung, die Waffenlieferungen und gegen die Unterstützung der ukrainischen Regierung sind. Außerdem sind wir uns einig in der Ablehnung der anti-russischen Hetze, insbesondere des aktuell aufkeimenden Chauvinismus und Rassismus. Uneinig sind wir uns aber vor allem darin, wie die Militäroperation bzw. der Einmarsch Russlands zu bewerten ist und welchen Anteil jeweils die NATO und Russland an der Eskalation haben. 

Unerwartet hält uns die Entwicklung der vergangenen Wochen also den Spiegel vor, indem sie deutlich die Unklarheit in der Organisation ans Tageslicht bringt. Wir müssen konstatieren, dass wir vor dem Problem von mangelndem Wissen stehen, aber besonders auch vor dem Problem eines mangelhaften theoretischen Fundaments in der Imperialismusanalyse.

Während sich diese Situation zunächst in einer Lähmung unserer zentralen Leitung ausdrückte, konnten wir eindrücklich beobachten, dass es die verschiedenen Positionen in der kommunistischen Bewegung insgesamt waren, die in unserer Diskussion kontrovers auf einander prallten. 

Die Schlussfolgerung, die die Redaktion aus dieser Situation zieht, ist die Formulierung einer Selbstkritik, was mit diesem Text erfolgen soll. Wir denken, dass es dringend erforderlich ist, den Hintergrund dieser Mängel nachzuvollziehen. Außerdem sind wir der Meinung, dass es einen organisierten Diskussionsprozess braucht, um uns einen produktiven Umgang mit unseren Problemen zu ermöglichen.

Worin besteht die Kontroverse?

Um deutlich zu machen, worin die Kontroverse besteht, soll sie im Folgenden grob skizziert werden. Dabei können natürlich nicht alle Positionen wiedergegeben werden, die im Zuge unserer Diskussionen formuliert wurden. Auch sollen dadurch nicht zwei tatsächlich so existierende „Lager“ mit einheitlicher Meinung bestimmt werden. Stattdessen sollen die Grundlinien der sich wiedersprechenden Argumentationen und die damit verknüpften Einwände gegen andere Positionen nachgezeichnet werden.

Vor allem bei der Beurteilung der spezifischen Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt, zeigen sich gegensätzliche Positionen. Explizit der Einmarsch am 24. Februar wird unterschiedlich bewertet: 

Auf der einen Seite wird der Einmarsch als eine Maßnahme der Verteidigung gegen die NATO-Aggression verstanden. Russland reagiere damit letztlich auf eine gefährliche Position, in die es gedrängt wurde. Zur Option stand für Russland entweder die Aufgabe elementarer Sicherheitsinteressen auf der einen Seite oder aber die wirtschaftlichen und politischen Kosten der nun erfolgten Militäroperation auf der anderen Seite. Der Charakter des Einmarsches sei daher im Kern ein Akt der Verteidigung, der durch die NATO strategisch und bewusst herbeigeführt wurde.

Hierbei wird die hegemoniale Stellung der USA und der maßgeblich durch sie gesteuerten NATO betont. Aus dieser Position ergebe sich eine aggressive Strategie, die aktuell insbesondere gegen Russland und China gerichtet sei. Die USA müsse als Aggressor bestimmt werden, eine Gleichstellung der Akteure wird explizit abgelehnt. Die Handlungsfähigkeit und Orientierung der internationalen Arbeiterbewegung müsse die Unterschiedlichkeit der kapitalistischen Länder und ihrer sich daraus ergebenen weltpolitischen Rolle genau berücksichtigen.

Auf der anderen Seite wird betont, dass auch Russlands Handeln imperialistischen Charakter trägt und erklärt, dass es nicht im Interesse der Arbeiterklasse Russlands oder der Ukraine sein könne. Zwar erfolge der Einmarsch Russlands im Kontext des Ukraine-Konfliktes und in seiner Widersprüchlichkeit habe der Einsatz natürlich auch eine defensive Seite, vor allem stelle er aber den Versuch dar, die geopolitischen Interessen der russischen Bourgeoisie zu sichern. Der Einmarsch sei insofern nicht durch die NATO erzwungen worden, sondern sei ein Ausdruck der imperialistischen Konkurrenz, in dessen Rahmen Russland ebenso wie die NATO-Staaten den Versuch unternehme, seinen Einflussbereich beizubehalten und auszudehnen. 

Zentral für diese Argumentation ist die Betonung, dass die genannten Akteure allesamt imperialistischen Charakter tragen und die Unterscheidung in Aggression und Verteidigung nicht ausreichend ist, um das Wesen innerimperialistischer Konflikte zu beschreiben.

Damit entspringt die Differenz sowohl einer unterschiedlichen Einschätzung der konkreten Weltlage und seiner einzelnen Akteure, als auch der zugrunde liegenden theoretischen Konzeption des heutigen imperialistischen Weltsystems.

Über die Relevanz dieser Differenzen sollten wir uns keine Illusionen machen. Wir können sie nicht einfach auflösen oder durch einen Minimalkonsens ersetzen. Spätestens in der politischen Auseinandersetzung auf der Straße wird eine Positionierung zur Rolle Russlands eingefordert. Wir alle sehen, dass die Stimmung von der bürgerlichen Propaganda dominiert ist und dass diese eine regelrechte Russland-Hetze betreibt. Viele lehnen diese Hetze explizit ab und doch existiert eine allgemeine Tendenz dazu, Russland für den Krieg verantwortlich zu machen und den Einmarsch zu verurteilen. Der Druck, sich ebenso zu distanzieren, ist groß, denn es geht soweit, dass schon der Anspruch, über die Hintergründe des Krieges sprechen zu wollen, als „pro-russisch“ verleumdet wird.

Vor diesem Hintergrund drängen sich eine Reihe trügerischer Kompromisse geradezu auf. So dient beispielsweise der Bezug auf das Völkerrecht dazu, das Handeln Russlands ganz unabhängig vom Handeln der NATO zu beurteilen. Ein anderes Beispiel ist die Positionierung ganz allgemein „gegen jeden Krieg“ einzustehen. Beide Positionen dienen dazu, einen Kompromiss zu formulieren, indem man auf der einen Seite die Rolle der NATO in der Vorgeschichte des Konfliktes kritisieren kann, während man Russlands Handlung ganz unabhängig davon ebenso verurteilen kann. Anstatt der Betonung und Bewertung der Zusammenhänge, werden sie auf diese Weise ausgeblendet.

Würden wir also auf die Straße gehen, auf Basis eines solchen Minimalkonsenses, der in einer Kritik an der NATO besteht, ohne aber zu einer echten Klarheit in den zugrunde liegenden Fragen gekommen zu sein, würden wir entweder wenig überzeugend wirken oder aber der Druck würde dazu führen, dass die meisten Genossen auf die eine oder andere Weise eben doch die Position einnehmen, Russland zu verurteilen, ohne dass dies aus einer klar begründeten Sicht heraus erfolgt.

Unabhängig davon, welche Position wir als Organisation beziehen werden, sollte klar sein, dass wir diese Position anhand einer Diskussion und Klärung entwickeln müssen.

Das Verhältnis zur internationalen Debatte

Natürlich kommt die Kontroverse um das Verständnis des imperialistischen Weltsystems nicht zufällig über uns. Im Rahmen des Klärungsprozesses haben wir die unterschiedlichen Sichtweisen in dieser Frage bereits als Dissens in der kommunistischen Bewegung identifiziert. In der Einleitung der Dissensbeschreibung hat die AG Politische Ökonomie dessen Bedeutung wie folgt begründet:

Die Analyse der internationalen Kräfteverhältnisse spielt eine wichtige Rolle in der Strategie der kommunistischen Bewegung, da sie untrennbar mit der Bündnisfrage und Friedensfrage verbunden ist. Wie sind die verschiedenen Konfliktparteien in militärischen Auseinandersetzungen zu bewerten? Was muss dafür beachtet werden, was kann dafür ausgeblendet werden? Gibt es fortschrittliche, friedliche oder antiimperialistische Kräfte im kapitalistischen Weltsystem? Die Arbeiterklasse braucht Klarheit in diesen Fragen, um ihre Kämpfe und ihre Solidarität in einen internationalen Rahmen setzen zu können.“[1]

Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass wir uns jetzt mit dieser Fragestellung konfrontiert sehen, angesichts der Eskalation des Krieges und der damit verbundenen Kriegspropaganda, deren ideologischer Angriff zielgenau in diese Kerbe schlägt.

In der sich weiter zuspitzenden Lage, erkennen wir ein Spaltungspotenzial, das wir nicht ignorieren können. Die Debatten sehen wir bereits jetzt in der Friedensbewegung sowie in linken und kommunistischen Kontexten. Der Vorwurf lautet beispielsweise, dass die zerstörerische Rolle Russlands ignoriert werde und vor allem die Arbeiter unter der russischen Flagge versammelt würden. Andererseits wird kritisiert, dass die NATO verharmlost werde, während der bürgerlichen Propaganda der russischen Bedrohung nicht begegnet und somit das Tor für den Opportunismus geöffnet würde.

Besonders problematisch ist es daher, dass eigentlich keine offene Debatte stattfindet. Sowohl in der deutschen, als auch in der internationalen kommunistischen Bewegung werden nur sehr selten andere Positionen und Parteien explizit kritisiert. Stattdessen zirkulieren diverse Stellungnahmen und Erklärungen mit zum Teil sehr widersprüchlichen Positionen. Gleichzeitig ist kaum ersichtlich, auf welcher konkreten analytischen Grundlage diese zustande kamen. 

Gerade weil die Einschätzung der Entwicklungen kompliziert und schwierig ist, wäre es aber die Pflicht der Kommunisten, ihre Positionen öffentlich darzulegen und vor allem auch gut zu begründen. Schon gar nicht sollten wir davor zurückscheuen, Kritik zu formulieren. In diesem Sinne haben wir auch folgendes in der „Resolution zum proletarischen Internationalismus“ aufgeschrieben: 

Der Austausch öffentlicher Kritik unter den kommunistischen Parteien darf nicht als Schwäche vor dem Gegner gesehen werden, sondern ist im Gegenteil ein Mittel, um ein höheres Maß an politisch-ideologischer Einheit zu erreichen. Die internationale Diskussion der Kommunisten über den Weg und die Methoden der proletarischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus betrifft nicht nur die Kommunisten selbst, sondern die Arbeiterklasse insgesamt. Eben weil die Kommunisten letztlich vor der Arbeiterklasse Rechenschaft über ihr Handeln ablegen müssen, dürfen sie sich nicht davor fürchten, ihre Positionen und Analysen offen zur Diskussion zu stellen und die Fehler anderer kommunistischer Parteien im Geiste der revolutionären internationalen Solidarität zu kritisieren.“[2]

Ein höheres Maß an politisch-ideologischer Einheit zu erreichen, betrachten wir als das Gebot der Stunde. Die Debatten nicht offen und umfänglich auszutragen, hieße für uns als KO, dass wir die Handlungsunfähigkeit, mit der wir in den letzten Wochen konfrontiert waren, aufrecht erhalten würden. Aber auch in der Bewegung sehen wir die Notwendigkeit einer Debatte, sofern sie sich nicht von der bürgerlichen Propaganda vor sich hertreiben lassen will.

Selbstkritik

Wir sagen offen, dass uns diese Situation kalt erwischt hat, da wir eine so grundsätzliche Unklarheit nicht haben kommen sehen. Wir haben erkannt, dass wir uns schon im Vorfeld nicht ausreichend mit der Thematik befasst haben. Außerdem stellen wir fest, dass wir zu wenig Fachwissen haben. Sowohl über die konkrete Lage der beteiligten Länder und ihre ökonomische wie politische Struktur, als auch über die maßgeblichen Entwicklungen, die zur aktuellen Weltlage geführt haben.

Insbesondere wollen wir die Planungen und Vorhaben der NATO, genauso wie die Entwicklung Russlands und den sich stetig entwickelnden Konflikt in der Ukraine tiefer durchdringen.

Wir müssen stärker auf die kommunistische Bewegung schauen. Ihre Argumente, ihre Positionierungen und ihre Arbeit zu eben jenen Fragen haben wir nicht ausreichend studiert. Wir werden eine intensivere Prüfung von Publikationen der verschiedenen Akteure vornehmen, und dürfen uns nicht mit einer oberflächlichen Auseinandersetzung zufriedengeben, die keine kritische Kontrolle unserer sowie auch der Positionen anderer erlaubt.

Schließlich erkennen wir, dass wir nicht in der Lage sind, den Wissenschaftlichen Kommunismus wirklich auf die sich verändernde Lage anzuwenden, um eine klare Position zu beziehen. Gleichzeitig wissen wir, dass es ein Fehler wäre, die Positionierungen anderer kommunistischer Kräfte zu übernehmen, ohne sie wirklich durchdrungen zu haben. 

Schlussfolgerungen

Indem wir die genannten Probleme erkennen, schaffen wir die Voraussetzung, um unsere Mängel mit Motivation anzupacken. Auf dieser Grundlage wollen wir einen strukturierten Diskussionsprozess gestalten.

Wir erkennen die Notwendigkeit, jetzt eine Klärung dieser Fragen herbei- und offen die Diskussion zu führen. Wir werden politisch Position beziehen müssen und dafür systematisch die Fragen, die sich uns und der internationalen kommunistischen Bewegung stellen, bearbeiten. Dafür müssen wir die Ebene der konkreten Analyse mit der allgemeinen theoretischen Ebene verbinden. Nur so können wir einer wissenschaftlichen Herangehensweise gerecht werden und die dahinterstehende Imperialismusfrage beantworten. Wir müssen zu einer belastbaren Einordnung der aktuellen Lage gelangen.

Es ist nötig, dass wir besser verstehen, welche Rolle insbesondere der deutsche Imperialismus in der aktuellen Situation spielt. Sowohl wie er nach außen wirkt, als auch wie er die Konfrontation nach innen umsetzt.

Die Debatte, die wir führen wollen, muss begrenzt bleiben und wir dürfen uns nicht im Klein-Klein verlieren. Schließlich müssen wir zu einer Klarheit gelangen, die uns die Frage beantworten lässt, wie wir uns in der politischen Auseinandersetzung positionieren können. Wie genau wir die Diskussion gestalten, werden wir noch entwickeln müssen – klar ist jedoch, dass wir sie mit und in der Bewegung führen müssen, von der wir zu aller erst viel zu lernen haben.

In diesem Rahmen werden wir sowohl unsere bisherigen Aussagen in unserer Publikationstätigkeit wie auch in unseren Programmatischen Thesen [3] reflektieren müssen.

[1] https://wiki.kommunistische.org/index.php?title=Imperialismus_als_Weltsystem

[2] Internationale Resolution

[3] https://kommunistische-organisation.de/programmatische-thesen

Freiheit für die Genossen Kononovich!

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Der Vorsitzende des ukrainischen Leninistischen Komsomol Michailo Kononovich und sein Bruder, Aleksander wurden vor sechs Tagen vom ukrainischen Inlandsgeheimdienst  (SBU) verschleppt und sind seitdem in Gefangenschaft. Gestern konnte der Weltbund der demokratischen Jugend (WBDJ) die Nachricht verbreiten, dass der Kontakt zu den Genossen hergestellt werden konnte. Sie befinden sich in Untersuchungshaft in Kiew und berichten von heftigen Misshandlungen. Wir unterstützen die internationalen Aktivitäten zur sofortigen Freilassung der Genossen, und unterstützen die Aktionen und die Stellungnahme der SDAJ, in der es heißt:

Michailo und Aleksander Kononovich wurden „[…] unter fadenscheinigen Vorwürfen der russischen bzw. belarussischen Spionage verhaftet. Dies ist vorgeschoben: im Krieg gegen Russland nimmt das in die Enge getriebene und von Faschisten durchgezogene Regime von Kiew die beiden Genossen als menschlichen Faustpfand. Beide setzten sich aktiv gegen das herrschende Verbot der kommunistischen Partei ein und organisierten Protest sowie Informationen gegen die Faschisierung des ukrainischen Staates. Der staatliche Terror gegen die Beiden ist dabei nur die Fortsetzung von 2014: schon nach dem Regime-Change auf dem prowestlichen Maidan wurden Beide Opfer staatlich-faschistischer Attacken. Michailo wurde von einem faschistischen Angriff schwer verletzt, seine Nase gebrochen und seine Hand durchbohrt. Sein Bruder, von der Hochschule suspendiert, wurde durch den Geheimdienst mit einem Elektroschocker gefoltert. Doch dagegen regt sich international breiter Widerstand – die Genossen Kononovich sind nicht vergessen: von sämtlichen Jugendverbänden des Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) und weit darüber hinaus wurde die Verschleppung und Verhaftung breit verurteilt. Weltweit demonstrierten Jugendliche wegen der Freilassung und das Leben der beiden Genossen, auch in der Bundesrepublik regt sich Widerstand. Die SDAJ demonstrierte in nahezu allen Orten vor ukrainischen Konsulaten sowie der Botschaft in Berlin gegen das kriminelle Gebaren der ukrainischen Regierung.

Wir stellen erneut klar: 

Lasst die Genossen Kononovich frei! Es lebe der leninistische Komsomol der Ukraine!“ 

Kasachstan – Hintergründe und Zusammenhänge

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Von Yana Zavatsky (Vorsitzende der Internationalen Kommission der KPD)

Der folgende Text ist in der Ausgabe von März-April 2022 von offen-siv erschienen.


Im Januar wurde die ganze Welt Zeuge der massiven Proteste in einem asiatischen Land, das früher eine der Sowjetrepubliken war, in Kasachstan. Es wurde viel darüber geschrieben, die Solidarität mit den streikenden Arbeitern haben viele (allerdings nicht alle) ausgedrückt. Dennoch stellte sich heraus, dass noch Bedarf besteht, hier Klarheit zu schaffen, um vielleicht auch die allgemeine Lage und die Vorgehensweise bei solchen Ereignissen besser zu verstehen. 

Es entstanden einige Fragen und sogar Mythen und es wäre besser, sofort auf diese Fragen einzugehen. Aber leider, bevor wir damit anfangen, muss ich die Geschichte im Ganzen von Anfang an darstellen. 

Kasachstan ist ein Land mit typischer Peripherie-Wirtschaft und es ist keineswegs Richtung Russland oder China orientiert, auch wenn diese Länder unter anderen eine gewisse Rolle in seiner Wirtschaft spielen. Nursultan Nasarbajew, früherer erster Sekretär der KPdSU in Kasachstan, Anhänger von Gorbatschow, hat direkt nach der Konterrevolution persönlich damit angefangen, die großen kasachischen Unternehmen zu privatisieren und deren Aktien an US-Amerikaner übergeben. 

Es handelt sich um eine typische Rohstoff-Ökonomie, das Land, wohin die imperialistischen Zentren ihre Kapitale exportieren und daraus immense Profite  erzielen. 

Hier stelle ich die Länder nach ihrem Investitionsvolumen dar (2021; die Zahlen können sich etwas unterscheiden von Jahr zu Jahr, aber nicht massiv).

Investitionsvolumen ausländischen Kapitals in Kasachstan:

Niederlande 30,2%

USA 24,3%

Schweiz 10,9%

China 6,1%

Frankreich 4,3%

Russland 3,9%

Belgien 3,7%

Großbritanien 2,4%

Südkorea 1,7%

Japan 1,7%

Zu 50% ist die kasachische Wirtschaft von den USA und der EU abhängig. Es werden vor allem Rohstoffe exportiert (Öl, Gas, Metalle, Mineralien), und Produkte nach der Erstbearbeitung (Metallurgie). (Quelle: https://mangystau.invest.gov.kz/ru/about-kazakhstan/economy/)

Wirtschaftsstruktur von Kasachstan:

Rohstoffgewinnung 15%

Rohstoffbearbeitung 11%

Handel 17%

Bauwesen 6%

Lager- und Transportwesen 8%

Andere Branchen sind weniger bedeutend. Daraus kann man auf jeden Fall die Schlussfolgerung ziehen, dass die klassische industrielle Arbeiterklasse in Kasachstan eine sehr große Rolle spielt. (Quelle: https://raexpert.ru/researches/int_fin/central_asia_2021/#part1

Was die kasachische Bourgeoisie betrifft, handelt es sich um eine klassische Kompradoren-Bourgeoisie. Weder Nasarbajew (der fast 30 Jahre Präsident war) noch Toqajew und sein Kabinett haben einmal die massive Rohstoffausbeutung von ausländischen (vor allem westlichen) Konzernen in Frage gestellt. Ökonomisch ist diese Bourgeoisie und ihre Staatsangestellten alles andere als national (und auch nicht gen Russland und China orientiert). Sie stört nicht, dass die massiven Gewinne aus dem Land verschwinden, wichtig ist nur, dass sie selbst ein paar Krümmel davon abbekommen. 

Politisch wurde Kasachstan fast 30 Jahre autoritär von Nursultan Nasarbajew geführt, der später seinen Präsidentensessel an Qassym-Schomart Toqajew übergeben hat, besitzt aber bis dato noch einen sehr wichtigen Posten in der Regierung, das ihn auch teilweise über den Präsidenten stellt. Als Ergebnis des Aufstandes im Januar ging Nasarbajew endgültig in Rente (das war auch die Forderung des Volkes). 

Auch politisch ist Kasachstan keineswegs prorussisch orientiert. Das Land hat sich nicht antirussisch gestellt, das ist wahr und es ist mit Russland durch verschiedene Verträge, auch über die Zusammenarbeit in militärischem Bereich, verbunden. Russland mietet in Kasachstan z.B. den Weltraumhafen Baikonur. 

Dennoch ist Kasachstan ökonomisch vom Westen abhängig und mit diesem pflegte es einen genauso freundlichen Umgang. Die Zusammenarbeit der Republik Kasachstan mit der NATO basiert auf dem 1994 unterzeichneten Rahmendokument der Partnerschaft für den Frieden (PfP). (Quelle: https://www.gov.kz/memleket/entities/mfa-brussels/activities/1678?lang=ru)

2016 wurde in Almaty ein amerikanisches Labor eröffnet, angeblich um besonders gefährliche Krankheitserreger zu verarbeiten, die aus dem sowjetischen militärbiologischen Programm übrig geblieben waren. Dieses Labor kostete das US-Pentagon 130 Millionen Dollar und wird vom US-Verteidigungsministerium verwaltet. Die russischen Behörden, vertreten durch den Außenminister der Russischen Föderation Lawrow, äußerten diesbezüglich im Juni dieses Jahres ihre Besorgnis und forderten Zugang zur Arbeit dieser Labors.

Seit 2008 existiert in Kasachstan das NATO-Ausbildungszentrum „Kaz Cent“, das einzige zertifizierte NATO-Ausbildungszentrum in Zentralasien. (Quelle: https://forum-msk.org/material/news/14910557.html)

Regelmäßig werden gemeinsame Übungen der NATO und der Armee von Kasachstan „Stepnoi Orjol“ (Steppenadler) durchgeführt. 

Aber vielleicht ist Kasachstan dann besonders freundlich gegenüber Russland und dankbar für die gemeinsame sowjetische Vergangenheit und pflegt wenigstens keine Feindschaft gegen Russen?

Leider ist auch das nicht der Fall. Von 1989 bis 2021 sank der Bevölkerungsanteil slawischer Herkunft (überwiegend Russen) von 7,3  auf 3,7 Millionen. Und die meisten russischen Anwohner blieben vor allem im Norden der Republik, im Süden sind sie kaum noch vorhanden. Gleichzeitig gewann auf Anregung der kasachischen Behörden eine aktive antirussische Propaganda an Fahrt, in der die Russen, die seit Jahrhunderten auf dem Territorium des modernen Kasachstan leben, zu „Eroberern“ und „Besatzern“ erklärt wurden und vertrieben werden. Das kasachische Alphabet, das zu Sowjetzeiten auf der Grundlage des kyrillischen Alphabets erstmalig geschaffen wurde, wurde ins Lateinische übersetzt. (Quelle: https://news-front.info/2022/01/11/tridtsat-let-etnotsida-russkih-v-kazahstane-strashnye-tsifry-i-pechalnye-itogi)

Konterrevolutionäre und nationalistische Aufstände werden bejubelt und mehrere Lenin-Denkmale wurden abmontiert.

Kämpfe der Arbeiterklasse in Kasachstan

Ferner müssen wir etwas über die Vorgeschichte der Arbeiterbewegung in Kasachstan berücksichtigen. Für Menschen, die sich mindestens ansatzweise für das Land interessieren, sind die Januar-Ereignisse keineswegs neu, die Beteiligten sagen: „Kasachstan lebt bereits seit 10-15 Jahren wie auf dem Pulverfass“. 

Die kasachische Arbeiterklasse kämpft erbittert für ihre Rechte. Die Regierung antwortet mit Repression. Mehrere sitzen in Gefängnissen oder sollten aus dem Land fliehen. Die Kommunistische Partei wurde verboten, es blieb ein opportunistisches Überbleibsel namens „Kommunistische Volkspartei“, diese änderte 2020 ihren Namen um in schlicht „Volkspartei Kasachstans“, was auch ihrem bürgerlichen Charakter entspricht. Die neu entstandene „Sozialistische Bewegung Kasachstans“ wird hingegen hart verfolgt. Die „Unabhängige Vereinigung der Gewerkschaften“ wird 2014 verboten, Gewerkschaftsaktivisten werden verfolgt.

2006 wurde der Aufstand der Bewohner der Siedlung „Shanyrak“ blutig niedergeschlagen. 2011 wurden in Schangaösen streikende Ölarbeiter brutal erschossen, dieses Verbrechen wird nie vergessen, weder in Kasachstan noch in Russland und in der internationalen kommunistischen Bewegung. 

Die Streiks in Kasachstan haben in den letzten 10 Jahren einen regelmäßigen und harten Charakter. Das ist keine Seltenheit, schauen wir, z.B. in das Jahr 2021:

September: in Tainschyn halten die Arbeiter von „Obuchowsky GOK“ 27 Tage Hungerstreik gegen die Schließung des Werkes.

30. September: Streik und Kundgebung der Kraftfahrer in Schymkent. 

12. Oktober: mehrere Tage Streik der Transportarbeiter in Schangaöseng.

22. Oktober: Kurier-Streik in Nursultan und Almaty.

22. Oktober: politische Kundgebungen der Lehrkräfte im Turkestan-Gebiet.

23. Oktober: Streik der Müllmänner in Semej. 

11. November: Streik der Pflegekräften und Ärzte in Aktau.

10. – 12. November: Streik der Arbeiter des deutschen Konzerns „Heidelberg Zement“ in Mangystau.

30. Dezember: Streik der Ölarbeiter in drei Betrieben in Kysyl-Orda (direkt vor den Ausschreitungen im Januar!)

(Quelle: http://socialismkz.info/?cat=24)

Das ist nur eine unvollständige Liste der ganzen Streiks und Proteste im Land in den letzten sechs Monaten, aber das vermittelt auch so bereits eine gute Vorstellung über die Situation im Land. Wir müssen betonen, die Arbeiterbewegung ist spontan. Nichts ist einstudiert wie in Deutschland, durch die bezahlten, gut sozialisierten DGB-Gewerkschafter; die Arbeiter organisieren sich selbst und formen Arbeiterkomitees und neue Gewerkschaften. Die Streiks tragen oft politischen Charakter. 

So wird z. B. in Schangaösen regelmäßig die Nationalisierung der Öl-Betriebe zur Forderung erhoben. 

Gleichzeitig ist im Land auch Arbeitslosigkeit vorhanden, insbesondere bei der Jugend und besonders betroffen sind die südlichen Regionen und Almaty. (Quelle: https://marketingcenter.kz/20/economy-kazakhstan.html#invest

Und nun, nach dieser Vorgeschichte, kommen wir zu den Fragen und Mythen, die um die Januar-Aufstände gebaut worden sind. Ich fange zunächst mit 5 bekannten Mythen an.

Mythos 1: Die Informationslage

Viele sagen „Wir haben ja einfach nicht genug Informationen, um diese Proteste richtig einzuschätzen“. Das hat wirklich keiner. Deswegen sollen wir feststellen, welche Informationsquellen wir dazu nutzen, und in welche Reihenfolge, um ein objektives Bild zu schaffen.

Heutzutage, mit Übersetzungshilfen von Google und co., gibt es kein Problem, eine zuverlässige Information direkt vor Ort zu bekommen. Die Ansprechpartner müssen die Bewegungen und Parteien sein, die unseren Ansichten an nahesten stehen. Diesen Ansprechpartner haben wir in Kasachstan, und das ist die Sozialistische Bewegung Kasachstans. (Quelle: http://socialismkz.info/)

Sie arbeitet eng mit der russischen RKAP zusammen und ist ein Mitglied in Solidnet. Wenn wir unseren Genossen, den Marxistisch-Leninisten in anderen Ländern nicht trauen, wem sollen wir dann mehr trauen? Russischen Opportunisten und bürgerlichen Medien? 

Selbstverständlich kann sich auch eine Partei vor Ort irren. Deswegen gibt es auch andere Quellen: 

  • Die anderen Solidnet-Parteien, vor allem aber die russischen RKAP und VKP (letztere gehört nicht zu internationalen Vereinigungen, es existiert aber ein Einigungsprozess zwischen RKAP und VKP). 
  • Die bürgerlichen Medien, die man natürlich mit Bedacht auswerten soll. Medien aus Russland und China sollte man genauso vorsichtig nutzen, wie auch die westlichen Medien und immer daran denken, dass die Bourgeoisie in jedem Land vor allem ihre eigenen Interessen verteidigt. Die Stellungsnahmen von opportunistischen „Kommunisten“ wie KPRF muss man genauso vorsichtig auswerten. 

Es ist leider nicht der Fall und in unseren Parteimedien konnten wir Stellungsnahmen und Aussagen vor allem der russischen Staatsbeamten und der opportunistischer KPRF lesen. 

Mythos 2: Kasachstan ist angeblich ein prorussisches Land, vergleichbar mit Belarus. 

Falsch! Wie oben gezeigt, ist Kasachstan alles andere als prorussisch. Der Nationalismus wird dort auf Staatsebene betrieben. Die sowjetische Vergangenheit wird offen als „Okkupation“ bezeichnet. Derzeit hält der bekannte antirussische Nationalist Askar Umarov den Posten des Ministers der Information. 

Selbst die Mitbürger slawischer Nationalitäten wurden aus dem Land rausgepresst. 

Was ist da noch vergleichbar mit Belarus? 

  • Eigenständige unabhängige Politik? – nein.
  • Nationale unabhängige Ökonomie, kein ausländisches Kapital? – nein. 
  • Keine Zusammenarbeit mit NATO? – doch!
  • Feiern der sowjetischen Feiertage, sowjetischer Geschichte als glorreichem Teil der Landesgeschichte? – nein. 

Einzige oberflächliche Ähnlichkeit zu Belarus ist, dass Nasarbajew genauso wie Lukaschenko lange Zeit im Präsidentensessel blieb. Dabei wird Lukaschenko als„der brutale Diktator“ dargetellt, Nasarbajew in westlichen Medien hingegen als „gewählter Präsident“.

Mythos 3: Es geht um die „Farbenrevolution“/regime change, die dazu bestimmt ist, die Lage an der Grenze Russlands zu destabilisieren, genauso, wie es in der Ukraine gemacht wurde.

(Dieser Standpunkt wurde besonders von Gen. Brigitte Queck, sowie in offiziellen Standpunkten der russischen und chinesischen Regierung vertreten). 

Falsch! Eine Farbenrevolution wird normalerweise von ausländischen interessierten Kräften angestiftet, um ihre Herrschaft im Land zu etablieren. Aber die bestehende Regierung ist bereits der beste Dirigent des westlichen Einflusses. Sie erlaubt den westlichen Konzernen ihre Profite ungestört aus dem Land zu ziehen und zeigt keinerlei Anzeichen von Widerstand. 

Auch die militärische Barriere gegen Russland könnte die NATO bei dem bestehenden Vertrag ohne Staatsstreich stärken, einfach, indem sie ihre Anwesenheit im Land mit Erlaubnis der Regierung erweitert. 

Außerdem können wir die Information in den westlichen Medien als zusätzlichen Faktor auswerten. Die realen Farbenrevolutionen (wie in Syrien oder Belarus) werden immer von einer massiven Propagandakampagne gegen die bestehende Regierung begleitet. 

Das war hier nicht der Fall. Toqajew wurde nie als „blutiger Tyrann“ oder „Diktator“ bezeichnet, wie wir das bei Lukaschenko, Janukowitsch, Assad, Gaddafi u. a. beobachteten. Toqajew wird immer nur „Präsident“ genannt, und die deutschen Medien wünschten höchstens eine friedliche Lösung des Konflikts. 

Mythos 4: Es heißt häufig: Ja, es gab Arbeiterproteste, aber nur im Westen Kasachstans und zwischen den Arbeiterstädten im Westen des Landes und der Stadt Almaty bestünde ein Riesenunterschied, da liegen angeblich Welten dazwischen.

Falsch! Es gibt keinen „Riesenunterschied“ zwischen den verschiedenen Gebieten Kasachstans. Die Rohstoffquellen sowie die Verarbeitungsindustrie befinden sich nicht nur im Westen. Vor allem muss man Karaganda in Zentrum des Landes erwähnen, ein riesiges Kohlen- und metallurgisches Zentrum, vergleichbar mit Donetzk oder Kuznetzk. Aber auch im Süden befinden sich Gas-Quellen, z. B. zwischen Frunse und Almaty, und in Almaty selbst, sowie auch im südlichen Schymkent, sind überall industriellen Städte mit Maschinenbau, Metallurgie, chemischer Produktion, Fabriken der Leichtindustrie usw. 

Es ist wahr, dass die Streiks im Januar im Westen des Landes, in Mangystau (wo sich auch Schangaöseng) befindet, angefangen haben. Diese Streiks verbreiteten sich aber auch sofort auf andere Gebieten des Landes: Es protestierten die Bergarbeiter in Karaganda, Jeskasgan, die Arbeiter in Aktjubinsk, Uralsk, Kysyl-Ordy, Schymkent, Kokschetau, Kostanai und vielen anderen Städten und Orten, in Schymkent haben die Lastwagenfahrer die Straßen gesperrt. Somit ist praktisch das ganze Land mit Protesten bedeckt. (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=48bWYu748sA)

Mythos 5: Man kann doch nicht Provokateure befürworten, die Autos in Brand setzen und Frauen vergewaltigen 

Nirgends haben Kommunisten Provokateure befürwortet, außerdem hat die RKAP in ihrer Erklärung erwähnt:

„Wir verurteilen aufs schärfste die Aktionen deklassierter Elemente, von Provokateuren und Plünderern, die sich dem Volksprotest angeschlossen haben, die Leistung des multinationalen Proletariats Kasachstans diskreditieren und es den Behörden erleichtert haben, Streiks, Kundgebungen und Demonstrationen unter dem Deckmantel des „Schutzes der Bevölkerung vor Terroristen“ gewaltsam zu unterdrücken.“ (Quelle: http://www.solidnet.org/article/RCWP-/)

Auch die Nationalisten und islamischen Fundamentalisten haben versucht, die Proteste zu ihrem Zweck auszunutzen. Das alles kann man nicht befürworten und begrüßen. Ich möchte hier aber fragen: wie stellen die heutigen Kommunisten sich die Revolution vor? Vielleicht denken sie, dass z. B. die Große sozialistische Oktoberrevolution oder die Revolution von 1905 in Russland ausschließlich von ruhigen, disziplinierten Arbeitertruppen durchgeführt wurde, dass es keine Plünderungen und anarchistische Elemente gab, kein Chaos, keine konterrevolutionären Aufstände usw.? Keine Kräfte haben je versucht, die Situation für sich auszunutzen? Ich muss nur sagen: solche Kommunisten täuschen sich gewaltig. Leider ist Chaos eine Begleiterscheinung in jedem Aufstand, das ist eine soziale Explosion, wo auch das Lumpenproletariat beteiligt ist, mit bekannten Folgen. 

Nach diesen 5 Mythen möchte ich auf die Fragen der Kommunistischen Organisation eingehen, die sie in ihrer offenen Diskussion gestellt hat und sie beantworten. 

Frage 1:

Wie schätzt ihr die Gefahr einer Destabilisierung in Kasachstan ein, selbst wenn die Arbeiterbewegung sich unabhängig von den Interessen der westlichen Imperialisten positioniert? War diese Gefahr zumindest in Teilen des Landes vor dem Einsatz der CSTO Truppen gegeben?

Antwort: Eine Revolution, die Kommunisten eigentlich bestreben sollten, setzt eine Destabilisierung des alten Regimes voraus. Daher ist die Frage unverständlich. Man könnte die Regierung Kasachstans unterstützen, wenn sie antiimperialistisch oder zumindest prorussisch und antiwestlich wäre, aber wie wir oben gezeigt haben, ist das nicht der Fall. Auch wenn die Regierung gestürzt wäre, hätte das die Situation der Arbeiterklasse und die Grenzsituation für Russland kaum zum negativen verändert.

Aus allen bekannten Quellen kann man allerdings schließen, dass ohnehin keine Gefahr für die Regierung bestand. Die Proteste waren gegen Nasarbajew, jedoch nicht gegen Toqajev gerichtet und Nasarbajew hat seinen Platz freiwillig geräumt. Es wird deswegen nachvollziehbar spekuliert, dass die Volksproteste als Mittel des Kampfes zwischen den Regierungseliten benutzt worden sind. 

Frage 2:

Im imperialistischen Weltsystem nehmen der russische und der US-Imperialismus eine unterschiedliche Stellung ein, wobei es die USA und ihre Bündnispartner sind, die Russland aktuell politisch unter Druck setzen und militärisch einkreisen, während Russland aus der Defensive heraus agiert. Teilt ihr diese Einschätzung und welche Konsequenzen zieht ihr daraus für die Agitation und Propaganda der Kommunisten und für die Einschätzung von Protesten in der russischen Einflusssphäre, auf eure Einschätzung von russischen Militäreinsätzen? Muss die Kommunistische Bewegung ihren Kampf vor allem gegen den Imperialismus der USA und NATO-Staaten ausrichten, weil von ihm die größte Bedrohung ausgeht und welche Auswirkung hat das auf die Praxis der Kommunisten? Welche Rolle spielt die Bedrohung durch den Westen für die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse?

Antwort: Hier darf man nicht verallgemeinern. Die westliche kommunistische Bewegung muss ihren Kampf vor allem gegen den Imperialismus der USA und NATO richten, weil es der eigene Imperialismus ist („Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ Karl Liebknecht). Und ja, weil Russland im Moment eher aus der Defensive heraus agiert. Der Kampf für den Frieden ist natürlich auch gegen die feindlichen Angriffe auf Russland gerichtet. 

Dennoch sollte man Russland nicht überschätzen (wie es manche leider weiterhin tun). Es ist ein kapitalistisches Land mit eigenen schwach entwickelten imperialistischen Interessen. Da, wo Russland sich um den eigenen Schutz kümmert oder die berechtigten Interessen des Volkes beschützen soll (wie im Fall Donbass), gilt es, die Russische Föderation zu unterstützen. Da, wo das gegenwärtige Russland sich aber einer rechtskonservativen Reaktion anschließt oder auch hilft, die Arbeiterbewegung niederzuschlagen, da kann keine Unterstützung für die russische Regierung sein.

Deswegen gibt es leider kein einfaches Rezept für  die Agitation und Propaganda, außer vielleicht „Wir sind gegen Krieg mit Russland“. Ähnlich haben auch Liebknecht und Luxemburg agiert: sie haben sich klar gegen den Krieg positioniert, vergaßen aber zu keiner Zeit, dass das zaristische Regime in Russland konservativ und brutal ist und das eigene Volk Repressionen aussetzt. 

Frage 3: 

Wie analysiert ihr den Einsatz der CSTO* in Kasachstan im Zusammenhang mit der imperialistischen Konkurrenz zwischen USA, Russland, China und EU?

*Collective Security Treaty Organization – Организация Договора о коллективной безопасности – Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit

Antwort: Dieser Vertrag wurde 1992 unterschrieben, aber kam bis heute noch nie zur Anwendung. Es kann sein, dass er zu einem neuen Schritt bei der Erweiterung des militärischen Einflusses Russlands innerhalb seiner „Einflusssphäre“ genutzt wird. 

Dennoch sollte man das nicht überschätzen. Die Kräfte innerhalb der CSTO haben kaum eine Rolle bei den Kämpfen gegen die Aufständischen gespielt, die meiste Arbeit wurde von der kasachischen Armee und Polizeieinheiten durchgeführt. Die Kräfte der CSTO haben lediglich 2 Flughäfen und einige wirtschaftliche Objekte gesichert und das dauerte nur eine Woche. Sie spielten hier eher eine Rolle der möglichen Abschreckung. Die russischen kommunistischen Parteien haben den Einsatz der CSTO scharf verurteilt. Sie vergleichen es mit der Politik des zaristischen russischen Imperiums, das sich überall eingemischt hat, wo die revolutionäre „Gefahr“ drohte. 

Hier sollte man aber vorsichtig sein, denn diese Einmischung war keinesfalls massiv und die Truppen haben kaum eine Rolle in den allgemeinen Ereignissen gespielt und wurden sehr schnell wieder abgezogen. Das kann natürlich einen Präzedenzfall für mögliche zukünftige Einsätze bedeuten. Aber im Moment was das eher harmlos.  

Was wir als Kommunisten nicht vergessen sollen: für uns ist der Aufstand in Kasachstan „vorbei“. Es ist aber nicht so für die kasachischen Arbeitern, Kommunisten und Gewerkschafter. Auch heute gehen die massiven Streiks in Schangaöseng weiter. Die Repressalien gegen die Teilnehmer der Proteste (und nicht nur gegen „chaotischen Provokateure“, sondern auch gegen die Streiksanführer) gehen ebenso weiter. In Gefängnissen werden Menschen gefoltert (Quelle: https://vk.com/ainurkurmanov?w=wall572673964_2024%2Fall)  

Der Abgesandte der USA hat der Regierung Toqajew volle Unterstützung der Biden-Administration zugesagt. 

Die Arbeiter in Kasachstan, die klassenbewussten Arbeiter, die in der schlimmsten Situation ohne legale Kommunistische Partei, ohne ausreichende Organisation kämpfen müssen, brauchen auch weiterhin unsere Solidarität und Unterstützung. 

Das dürfen wir nicht vergessen.