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74 Jahre Widerstand gegen die andauernde Nakba

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Der 15. Mai ist der Tag, an dem das palästinensische Volk an die historische Katastrophe – arabisch Nakba – erinnert, die ihm durch die zionistische Kolonialmacht und ihren Verbündeten angetan wurde und die bis heute andauert. Bereits vor der Staatsgründung Israels am 15. Mai 1948 beschloss die zionistische Führung die systematische ethnische Säuberung Palästinas. In den folgenden Monaten wurde mehr als die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung Palästinas vertrieben und über 500 Dörfer zerstört.1 Die ethnische Säuberung Palästinas war kein Kollateralschaden des Krieges, sondern erfolgte planmäßig und war logische Konsequenz des zionistischen Siedlerkolonialismus: Der Aufbau Israels als „jüdischer Staat“ war nur auf Grundlage einer weitreichenden Vertreibung der ursprünglichen, größtenteils nicht jüdischen Bevölkerung möglich. Wenn heute ein Bekenntnis zum „Existenzrecht Israels“ verlangt wird, kann unsere Antwort daher nur lauten: Dieses „Existenzrecht“ bedeutet Vertreibung und Unterdrückung. Es zu bekämpfen, ist unsere Pflicht!

Die Nakba ist nicht vorbei

Die Nakba dauert an, nicht nur weil den 1948 Vertriebenen bis heute ihr Recht auf Rückkehr verweigert wird. Die Geschichte des palästinensischen Volkes ist die einer andauernden Enteignung. Bauern werden gewaltsam von ihrem Boden vertrieben und arbeiten fortan als entrechtete Tagelöhner auf ihrem eigenen Land. Es sind die Hände palästinensischer Arbeiter, die die Häuser errichten, in denen ihre Besatzer leben, weil sie keine andere Möglichkeit haben, sich und ihre Familien zu ernähren. Zum Teil illegal, aber im Wissen und mit Zustimmung der Kolonialmacht überwinden jede Nacht zehntausende palästinensische Arbeiter aus der Westbank die Sperranlagen, um in den 48er-Gebieten – also den Gebieten, die seit 1948 als israelisches Staatsterritorium gelten – ihre Arbeitskraft zu verkaufen.2 Ohne jeden Arbeitsschutz sind die auf immer engerem Gebiet zusammengedrängten palästinensischen Massen Lohndrücker und industrielle Reservearmee in der Ökonomie der Besatzung.

Gleichzeitig setzt der Zionismus seinen Kampf gegen alles Palästinensische fort. Entsprechend der rassistischen Logik des Siedlerkolonialismus ist die fundamentalste Bedrohung Israels als „jüdischer Staat“ das sogenannte „demographische Problem“. Jedes neugeborene palästinensische Kind stelle allein durch seine bloße Geburtden jüdischen Charakter des Staates in Frage.3 Und so gibt es keinen Ort, an dem Palästinenser vor der Gewalt der Kolonialmacht sicher sind. Die Taktik des israelischen Militärs lautet: „making the presence felt“ – die Präsenz der Besatzung spüren lassen.4 Und das tut sie. Palästinenser spüren die Besatzung, wenn sie nachts von Schüssen geweckt werden, weil die Armee wieder das Flüchtlingscamp, die Stadt oder das Dorf überfällt, in dem sie leben. Wenn sie ihre Söhne sehen, die gefesselt und mit verbundenen Augen vom zionistischen Militär entführt werden und in den Gefängnissen der Besatzung verschwinden. Sie spüren sie, wenn israelische Scharfschützen Demonstrierende und Journalisten mit Kopfschüssen hinrichten. Wenn sie auf den Trümmern ihrer Häuser stehen, Häuser in denen Jahre harter Arbeit steckten, die ein Zuhause waren und jetzt nichts als Erinnerungen sind. Die Besatzung kommt mit Soldaten, mit Bulldozern und Flugzeugen. Sie lassen Leere zurück, Verlust und Wut.

Nicht selten erfüllt eine Eskalation der Gewalt auch innenpolitische Zwecke. So standen die letzten Wochen nicht nur im Zeichen einer wieder akut gewordenen israelischen Regierungskrise, auch die Brutalität der Besatzung nahm spürbar zu.5 Während des islamischen Fastenmonats Ramadan stürmten israelische Einsatzkräfte mehrmals das Gelände der Al-Aqsa-Moschee. Die Ausgänge wurden verriegelt und auf die im Inneren dicht gedrängten Menschen wurde mit Tränengas und Gummiprojektilen geschossen. Hunderte Verletzte und Verhaftete waren die Folge.6 Der Gazastreifen, eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete der Welt, wurde bombardiert. Fischer, die trotz der Blockade versuchten, ihren Fang einzuholen, wurden beschossen. Auch die Zahl der Verhaftungen ohne Anklage (bekannt als „Administrativhaft“) erreichte im vergangen Monat den höchsten Stand seit über 5 Jahren.7 Bis zum 15. April tötete die israelische Besatzungsmacht seit Jahresbeginn fünfmal mehr Palästinenser als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres.8

Solidarität mit dem Freiheitskampf des palästinensischen Volkes

Der Tag der Nakba ist auch ein Tag des Kampfes, an dem das palästinensische Volk voller Stolz auf seinen trotz aller Repression nicht endenden Widerstand gegen Kolonialismus und Unterdrückung blickt. Im Mai des vergangenen Jahres gingen in zahlreichen Städten weltweit, auch in Deutschland, so viele Menschen wie nie zuvor für ein freies Palästina auf die Straße.9 Der „Streik der Würde“, der erste Generalstreik in allen Teilen Palästinas seit Jahrzehnten, weckte Hoffnungen auf eine neue, wiedergewonnene Einheit des palästinensischen Volkes.10 Diese Einheit umfasst Gaza, die 48er-Gebiete, die Westbank und die Diaspora. Sie umfasst alle Formen des Widerstands: Boykott, Demonstrationen, Streiks, zivilen und auch bewaffneten Widerstand. Der vereinte palästinensische Widerstand richtet sich, unabhängig von seiner sonstigen politischen Ausrichtung, gegen einen gemeinsamen Gegner: Die israelische Besatzung. Unsere Solidarität gehört diesem Widerstand als Ganzen. Heute – 30 Jahre nach den sogenannten „Friedensabkommen von Oslo“ – ist das Ziel der Einheit wichtiger denn je. Mit dem Versprechen auf eine stückweise Autonomie wurde der breite Volkswiderstand der Ersten Intifada gebrochen und durch die eigene politische Führung verraten. Mit der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) wurde eine Kompradorenbourgeoisie institutionell etabliert, die als Kollaborateur der Besatzung unter dem Vorwand der „Autonomie“ die Verwaltung der Besatzung organisiert und im Rahmen sogenannter „Sicherheitsabkommen“ gewaltvolle Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung durchsetzt.11 Es bleibt abzuwarten, ob sich die Hoffnung auf Einheit erfüllt und es mit der vereinten Kraft des palästinensischen Volkes gelingt, die Strukturen der PA hinwegzufegen, die das palästinensische Volk seit dem Tag ihrer Gründung verkauft. Der sogenannte Frieden der Autonomiebehörde ist nichts weiter als fortgesetzter Raub, ihre Autonomie nicht mehr als eine Lüge und ihre Sicherheit nicht weniger als Gewalt.

Wenn wir unsere Solidarität ernst meinen, dann darf sie sich nicht auf einen Tag im Jahr beschränken. Der Kampf für ein freies Palästina wird täglich gekämpft, nicht nur dann, wenn wieder Bomben auf Gaza fallen. Es gilt, die Stärke, die in den Demonstrationen auch hier in Deutschland sichtbar wurde, zu organisieren und kontinuierlich arbeitende Strukturen aufzubauen. Nicht im Versuch den herrschenden Diskurs zu verschieben, kann Palästinasolidarität in Deutschland an Stärke gewinnen, sondern wenn es gelingt, die in Deutschland lebenden palästinensischen Massen zu organisieren. Es sind die palästinensischen Massen, denen zwei unverrückbare Grundsätze stets klar waren. Erstens: Das Recht auf Rückkehr steht nicht zur Verhandlung. Und zweitens: Ein freies Palästina bedeutet das ganze Palästina – vom Jordan bis zum Mittelmeer. Gerade auf sie müssen wir hören. Palästinaarbeit, das bedeutet immer auch kämpfen lernen. Es ist eine Aufgabe, die konkret angegangen werden muss. Vor Ort müssen wir mit den Palästinensern in der deutschen Arbeiterklasse in Kontakt zu kommen. Statt uns in endlosen Scheindiskussionen darüber zu verlieren, ob die Forderung nach einem freien Palästina antisemitisch sei, gilt es innerhalb der Palästinasolidarität die Diskussionen zu führen, um die es wirklich geht: Wie verstehen wir das Recht auf Rückkehr? Welche Rolle hat die palästinensische Diaspora im Kampf um die Befreiung Palästinas? Wie können wir unsere politische Arbeit in Deutschland mit dem Widerstand in Palästina verbinden? Welche Rolle spielt der Zionismus für den deutschen Imperialismus?

Ökonomische, ideologische und militärische Kooperation der BRD mit der Besatzungsmacht

Gerade für uns als Kommunisten ist es eine noch offene Aufgabe, die konkreten Interessen die den deutschen Imperialismus mit dem zionistischen Siedlungsprojekt verbinden, genau zu durchdringen. Fest steht: Dieser Staat lässt innen- und außenpolitisch keinen Zweifel, auf welcher Seite er steht. Die EU, in der die BRD eine führende Rolle einnimmt, ist Israels größter Handelspartner.12 Deutschland gehört zu den wichtigsten Geberstaaten, die die Reproduktionskosten der palästinensischen Arbeiterklasse übernimmt und damit die Besatzung stabilisiert und unterstützt. Auch an der Ausbildung von Repressionsorganen der Besatzungskollaborateure der Autonomiebehörde ist Berlin beteiligt.13 Seit Jahrzehnten existiert eine enge Rüstungskooperation zwischen der Bundesrepublik und der zionistischen Besatzungsmacht. Der Gazastreifen ist ein großes Testlabor für israelische Waffensysteme, die auch von der BRD gekauft werden, wie etwa die bewaffneten Drohnen der israelischen Firma Elbit Systems, die mit Geldern aus dem 100 Milliarden Euro Sondervermögen gekauft werden sollen.14

Ideologisch fungiert die Unterstützung des zionistischen Siedlerkolonialismus innenpolitisch als Legitimationsideologie: Die unbedingte Unterstützung der israelischen Besatzung als Staatsräson ersetzt jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus als kapitalistische Herrschaftsform, die nur durch den Aufbau des Sozialismus verhindert werden kann. Jeder Hinweis auf den rassistischen und kolonialen Charakter des israelischen Staates und seine Funktion als Vorposten des westlichen Imperialismus wird unter dem Deckmantel des angeblichen Kampfes gegen Antisemitismus unterdrückt. Personen mit palästinensischen Wurzeln werden öffentlich verleumdet und müssen um ihre Jobs fürchten, migrantischen Organisationen droht das Verbot, das Aufenthaltsrecht wird verschärft, Fördermittel gestrichen, Räume verweigert und Demonstrationen werden kriminalisiert oder gleich ganz verboten wie auch jetzt in Berlin.15

Wie verlogen der inflationäre Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs ist, zeigt sich aktuell besonders deutlich daran, dass dieselben Lenker und Meinungsmacher ukrainische Neonazis ohne Skrupel rehabilitieren, hofieren und mit Waffen und Geldern unterstützen. Das Gerede vom „importierten Antisemitismus“ kann nur mühsam den dahinterstehenden Rassismus verbergen, der unaufhörlich Varianten der immergleichen Lügen von wahlweise Muslimen oder Arabern als gewaltliebend, frauenfeindlich und unzivilisiert hervorbringt. Es waren dieselben Lügen, die den Überfall und die Besatzung Afghanistans und des Iraks legitimieren sollten. Das alles hält Teile der selbsterklärten deutschen Linken nicht davon ab, in den Ruf nach Abschiebung für diejenigen, die sich an palästinensischen Demonstrationen beteiligen, einzustimmen. Prozionistische Ideologie geht dabei mit einer Delegitimierung weiterer linker Grundsätze einher: Jede Analyse, die sich nicht nur auf ein abstraktes „System“ beschränkt, sondern auf einer konkreten Benennung von Klasseninteressen besteht, wird als „strukturell antisemitisch“ gebrandmarkt. Benennen wir diese Kräfte als das was sie sind: rassistisch und reaktionär.

Unser Kampf gegen die Unterdrückung des palästinensischen Volkes muss hier beginnen. Unser Platz ist an der Seite dieses Volkes, das uns in seinem Kampf gegen die koloniale Unterwerfung täglich ein Beispiel für revolutionären Mut und Standhaftigkeit ist. Dieser Kampf wird andauern, bis zur Befreiung und Rückkehr. Der letzte Tag der Besatzung wird der erste Tag des Friedens sein.

Es lebe der Widerstand! Palästina wird frei sein!

Hoch die internationale Solidarität!

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 1. Ilan Pappé weist den systematischen Charakter der Vertreibungen in seiner Studie „Die ethnische Säuberung Palästinas“ mithilfe zahlreicher Quellen aus israelischen Militärarchiven nach. Die hier verwendeten Zahlen beziehen sich auf die Einleitung des Buches.

2: Eine ausführliche Studie zu Umfang und Praxis palästinensischer Arbeit in der israelischen Ökonomie legte die International Trade Union Confederation vor: https://www.ituc-csi.org/IMG/pdf/ituc_palestinereport_en.pdf

3: Angesichts dieser Entwicklungen können selbst bürgerliche Menschenrechtsorganisationen die Augen nicht davor verschließen, dass die Herstellung einer rassistisch definierten jüdischen Vormachtstellung Ziel israelischer Politik ist. So hat die israelische Menschenrechtsorganisation B´tselem im Januar 2021 ihren Bericht veröffentlicht, der klarstellt „Ein Regime der jüdischen Vorherrschaft vom Jordan bis zum Mittelmeer: Das ist Apartheid“. Zu demselben Ergebnis kommt der im April 2021 veröffentlichte Bericht „A Threshold Crossed: Israeli Authorities and the Crimes of Apartheid and Persecution“ von Human Rights Watch.

4: Diese Taktik wird unter anderem in zahlreichen Berichten ehemaliger israelischer Soldaten beschrieben: https://www.breakingthesilence.org.il/testimonies/videos/?ci=190

5: Zu den Hintergründen der Regierungskrise: https://www.nytimes.com/2022/04/06/world/middleeast/idit-silman-israel-coalition.html und https://occupied-news.medium.com/israelische-regierung-wackelt-soll-sie-wieder-durch-krieg-gefestigt-werden-9175f70d1230

6: https://www.aljazeera.com/news/2022/4/20/timeline-raids-closures-and-restrictions-on-al-aqsa

7: https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-number-of-palestinians-in-detention-without-trial-in-israel-hits-5-year-high-1.10763244

8: https://reliefweb.int/report/occupied-palestinian-territory/israel-killed-five-times-many-palestinians-2022-it-killed-same

9: https://www.aljazeera.com/news/2021/5/22/palestinian-solidarity-protests-marked-around-the-world

10: Ein eindrückliches Dokument dieser Einheit ist das „Manifest der Würde und Hoffnung“ was im Zusammenhang mit dem Streik veröffentlicht wurde: https://senderfreiespalaestina.de/pdfs/manifest-der-hoffnung-18.05.21.pdf

Bericht zu den Streiks am 18. Mai 2021 bei denen 3 Palästinenser getötet wurden: https://www.middleeasteye.net/news/israel-palestine-strike-jordan-river-mediterranean-sea-call

Zur Geschichte und Rolle von Streiks im palästinensischen Befreiungskampf: https://jacobinmag.com/2021/06/palestinian-labor-trade-unions-strike-resistance-worker-solidarity-may-18-labor-history

11: Infolge der Ermordung des palästinensischen Oppositionspolitikers Nizar Banat im Juni letzten Jahres durch palästinensische Repressionsorgane protestieren Palästinenser in vielen Städten gegen die Autonomiebehörde als solche und die „Sicherheitskooperationen“ im Besonderen. Die zentrale, an die Kollaborateure der PA gerichtete Forderung der Proteste war: „Verschwindet!“.

Dieser Artikel zu den „Sicherheitskooperationen“ gibt einen guten Überblick: https://www.middleeasteye.net/opinion/palestine-nizar-banat-killing-why-pa-days-numbered

In dieser Meldung wird von der israelischen Polizei selbst erklärt, warum die palästinensischen Repressionsorgane eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der Besatzung spielen: https://israelpolicyforum.org/2021/12/13/for-west-bank-stability-israeli-pa-security-cooperation-is-a-necessity/

12: https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/israel_en

13: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/palaestinensischegebiete-node/deutsche-hilfe-palaestina/203632

14: Zum Kauf der bewaffnungsfähigen Drohnen „Heron TP“: https://netzpolitik.org/2018/eine-milliarde-fuer-bewaffnungsfaehige-drohnen-vertragsschluss-steht-bevor/

Zur Firma Elbit Systems den durch sie produzierten Drohnen: https://www.palestineaction.org/stop-elbit/

Zu der Verkaufsstrategie israelischer Waffen als „kampferprobt“: https://www.rosalux.org.il/waffenexport-das-geschaft-mit-dem-krieg/. Auch der Film „The Lab“ von Yotam Feldman behandelt dieses Thema.

15: Einige Beispiele: Der Prozess gegen den palästinensischen Schriftsteller Khaled Barakat, dem von der Berliner Ausländerbehörde verboten wurde, an politischen und gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen und in der Folge abgeschoben wurde: https://samidoun.net/de/2022/02/gerechtigkeit-fuer-palaestina-in-deutschland-unterstuetzt-den-rechtsfall-von-khaled-barakat/

Die Hetzkampagne gegen die palästinensische Wissenschaftsjournalistin Nemi El-Hassan: https://www.berliner-zeitung.de/wochenende/die-medialen-reaktionen-auf-nemi-el-hassans-gastbeitrag-sind-erschreckend-li.192850?pid=true

Das Verbot von Kundgebungen und Demonstrationen in Berlin: https://www.rbb24.de/content/rbb/r24/panorama/beitrag/2022/04/polizei-verbietet-pro-palaestinenser-demonstration-in-berli.html und https://perspektive-online.net/2022/05/vor-dem-nakba-tag-bei-der-solidaritaet-mit-palaestina-hoert-die-versammlungsfreiheit-auf/

Dank euch ihr Sowjetsoldaten! Aktionen zum Tag der Befreiung 2022

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Nicht nur in Berlin erinnerten wir beim diesjährigen 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Hitler-Faschismus, an den großen Dienst der Sowjetunion und ihrer Verbündeten. Auch in anderen Städten bemühten wir uns, dieses Gedenken hochzuhalten, um dem zunehmenden Geschichtsrevisionismus in der BRD etwas entgegenzusetzen und uns die heutigen Aufgaben im Kampf gegen Kriegstreiber und für den Sozialismus zu vergegenwärtigen.

Frankfurt a.M.

Der Morgen der Frankfurter Ortsgruppe startete mit der Teilnahme am Unsterblichen Regiment, bei dem traditionellerweise am 8. Mai der im 2. Weltkrieg gefallenen Sowjetsoldaten gedacht wird. Wie jedes Jahr brachten in Frankfurt viele Angehörige – sowohl Russen als auch Ukrainer – Fotos von ihren gefallenen Vorfahren mit. Wir nahmen ausschließlich mit Sowjetfahnen teil, um der 28 Millionen toten Sowjetbürgern im zweiten Weltkrieg zu gedenken, von denen viele starben, um Deutschland vom Faschismus zu befreien. Auch angesichts des Ukrainekriegs war die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung wichtig, da die Sowjetunion eine vorbildliche Völkerfreundschaft pflegte, die den von kapitalistischen Widersprüchen zerrissenen Nationen der heutigen Zeit weit voraus war. Auf diesen Rückschritt wurde auch in einigen Redebeiträgen hingewiesen. Insgesamt wurden die vielen Sowjetfahnen sehr begrüßt und einige Teilnehmende fragten uns, ob sie mit den Fahnen Fotos machen können. Es gab eine kleine Gegendemonstration von etwa 15 Personen, welche faschistische ukrainische Sprüche rief und dadurch versuchte, die Teilnehmenden einzuschüchtern und das Gedenken zu stören.

Anschließend haben wir bei der Befreiungsfeier der VVN/BdA vorbeigeschaut. Ironischerweise wurde dazu auch von der SPD, den Grünen und der Linkspartei aufgerufen, obwohl vor allem die beiden Regierungsparteien SPD und Grüne mitverantwortlich sind für NATO-Kriege, 100 Milliarden Aufrüstung und das Anwachsen faschistischer Kräfte in Europa. Vor Ort war vor allem die Linkspartei präsent und auch ihr Antifaschismus und Bezug auf die Befreiung sind scheinheilig: Neben ihrer arbeiterfeindlichen Politik in Regierungsbeteiligung wie in Berlin und Thüringen hat sie auch keine klare Haltung gegen die NATO. Mit ihrer reformistischen Politik trägt sie zur Integration der Arbeiterklasse in den bürgerlichen Staat bei. Durch diese integrierende Rolle schützt sie letztlich den Staat und das System, welches den Faschismus überhaupt hervorbringt.

Anschließend haben wir an der Kundgebung der DKP und SDAJ an der Deutschherrenbrücke teilgenommen. In unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte für die Deportationen aus der Großmarkthalle wurde mit Redebeiträgen und Musik den Befreiern gedacht. Auch hier waren wir mit vielen Sowjet-Fahnen präsent, nicht zuletzt, um gegen die Verbotsverfügung in Berlin zu demonstrieren und dem Geschichtsrevisionismus der BRD etwas entgegenzusetzen. Die Redebeiträge erinnerten an die Befreiung Deutschlands vom Faschismus und in welchem Kontrast diese zur heutigen Aufrüstung im Krieg gegen Russland steht. Unser Redebeitrag fokussierte sich auf den Geschichtsrevisionismus, der besonders perfide auch von der rot-rot-grünen Regierung Berlins durchgesetzt wird. Einige Passanten blieben stehen und wollten wissen, was der Inhalt der Kundgebung war und warum wir Sowjet-Fahnen dabeihatten. Es wurde deutlich, dass bei der Aufklärung der Massen noch viel zu tun ist.

Hamburg

Am 7. Mai nahmen wir in Hamburg an der jährlichen Kundgebung der DKP Bergedorf teil. Auf dem Ehrenfriedhof wurde mit Musik und Reden der sowjetischen Soldaten, die im KZ Neuengamme ermordet wurden, gedacht. Die Veranstaltung gab Anlass, sich über den aktuellen Krieg in der Ukraine und die unterschiedlichen Positionen dazu auszutauschen und zeigte wie wichtig es ist, in der heutigen Zeit deutlich zu machen, dass eine Gesellschaft ohne Kriege nur im Sozialismus möglich ist.

Am 8. Mai lud das große 8.-Mai-Bündnis zu einer Demonstration ein. Begleitet von Redebeiträgen über Zeitzeugen-Erfahrungen und Hintergrundinformationen startete die Demonstration mit einem großem Jugendblock am „Hannoverschen Bahnhof“ – der zentralen Deportationsstelle für Juden, Sinti und Roma – an dem heute, anstelle der geplanten Ausstellungsräume zum Gedenkort, die Firma Wintershall DEA, die an Zwangsarbeit und Krieg viel Geld verdiente, ihren Sitz hat. Diese Privatisierung wurde von der Hamburger Bürgerschaft abgesegnet. Über das Kontorviertel, in dem italienischer Zwangsarbeiter gedacht wurde, ging es zum Rathausmarkt, wo die Demo in ein Befreiungsfest überging. Das Motto der Demo und die wichtigste Forderung des Bündnisses an die Politik war: 8. Mai soll Feiertag werden! Das finden wir nicht ausreichend. Wir verteilten unsere Stellungnahmen und diskutierten mit den Anwesenden über den aktuellen Geschichtsrevisionismus der Regierung und der Medien sowie über die Gefahr eines oberflächlichen Verständnisses von Antifaschismus. Denn nur ein Antifaschismus, der die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse als Grundlage des Faschismus bekämpft, kann mehr als nur Symptombekämpfung sein.

Der 9. Mai war für uns ein Höhepunkt an Eindrücken: Bürger der ehemaligen Sowjetrepubliken sowie Deutsche feierten gemeinsam den Sieg der Roten Armee über den deutschen Faschismus. Der Demozug, angeführt vom Unsterblichen Regiment, war eingerahmt von zahlreichen roten Sowjetfahnen und Bildern von Kämpfern der Roten Armee und bewegte sich vom umstrittenen Kriegsdenkmal am Dammtor zur Fontaine des Jungfernstiegs. Aus vielen Kehlen wurde das beliebte „Katjuscha“-Lied gesungen, beendet mit lauten „Hurra“-Rufen. Trotz unterschiedlicher Meinungen zum aktuell stattfindenden Krieg waren sich die Demoteilnehmer einig in ihrem Gedenken an die Heldentaten der Roten Armee und dass die ganze Demo im Zeichen dieses Gedenkens stand. Der aktuelle Krieg spielte in Gesprächen insofern eine Rolle, dass betont wurde, dass die Völker in der Sowjetunion friedlich zusammengelebt hatten.

Gießen

In Gießen haben wir zum Tag der Befreiung und in Gedenken an die Opfer des deutschen Faschismus einen Spaziergang organisiert. Zu Beginn lasen wir gemeinsam unsere Stellungnahme, gingen anschließend zur Gedenkstätte der Landes-Heil- und Pflegeanstalt auf dem Gelände der heutigen Vitosklinik und beschäftigten uns mit der Geschichte des Ortes. Dieser Ort war Teil der systematischen Vernichtung von politischen Gegnern des Faschismus und als nicht lebenswert geltenden Menschen. An diesem Ort wurden durch den Faschismus hunderte Menschen ermordet. 1911 wurde hier die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Gießen eröffnet. Ab 1933 wurde sie als psychiatrisches Krankenhaus in die NS-„Euthanasie“- Verbrechen einbezogen. Bereits im Laufe des Jahres 1933 wurde all jenes Personal entlassen, das kommunistisch, gewerkschaftlich und sozialdemokratisch aktiv war. In den folgenden Jahren wurden an diesem Ort unter dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ massenweise Menschen zwangssterilisiert. Ab 1940 wurde die Gießener Heil- und Pflegeanstalt zur sogenannten „Sammelstelle für jüdische Patienten und Heimbewohner“ aus Nordhessen und dem westlichen Westfalen. Nur wenige Monate später wurden 100 Menschen von hier aus nach Brandenburg verschleppt und ermordet. 1941 wurden im Zuge des Mordprogramms, der sogenannten „T4-Aktion“, mindestens 261 Menschen, die an diesem Ort eingesperrt waren, nach Hadamar deportiert und ermordet. Über ein Drittel der Gießener Patienten verlor dabei ihr Leben. Das hier ansässige „SS-Lazarett“ wurde auf 150 Betten erweitert und zusätzlich eine Sanitäts-Ausbildungs-Kompanie der Waffen-SS angegliedert. Im Laufe der Jahre starben immer mehr Menschen an Hunger, Überbelegung, bewusster Vernachlässigung und Unterversorgung. Im hinteren Teil der damaligen Heil- und Pflegeanstalt wurde ab 1944 das Außenkommando Gießen des Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtet. Es war eines von 87 Außenlagern des KZ Buchenwald. Mindestens 80 Zwangsarbeiter wurden in diesem sogenannten „festen Haus“ inhaftiert. Es waren politische Gefangene aus Polen, der Sowjetunion, Böhmen und Deutschland. Im Zuge der „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ von 1933 wurden tausende Menschen, die sich mit allen Mitteln dem Faschismus entgegenstellten, ohne Gerichtsurteil in „Schutzhaft“ genommen und später als Zwangsarbeiter interniert. Mindestens 3 der Gefangenen des Außenlagers Gießen starben an diesem Ort.

Berlin

In Berlin haben wir zum Tag des Sieges am 9. Mai Nelken am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park niedergelegt. Nach den Erfahrungen des Vortages hatten wir bereits mit Verboten und polizeilicher Willkür gerechnet – und tatsächlich wollte uns die Polizei zunächst daran hindern, die Gedenkstätte mit KO-Fahnen zu betreten. Wir weigerten uns, unsere Fahnen einzurollen und konnten uns dabei auf die Unterstützung vieler Anwesender verlassen, die die Auflagen des Berliner Senats ebenfalls skandalös fanden. Während die Polizisten offensichtlich verunsichert Absprachen mit ihren Vorgesetzten trafen, verteilten wir unsere Stellungnahmen und klärten über den Geschichtsrevisionismus der Herrschenden auf. Schließlich musste die Polizei unseren Aufzug inklusive KO-Fahnen erlauben. Hier zeigt sich, wie dünn die antikommunistischen Verbote der letzten Tage sind: Jeder entschlossene Widerstand dagegen lohnt sich!

NRW

In NRW beteiligten wir uns in Aachen, Köln und Duisburg an verschiedenen Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen der kommunistischen Bewegung und antifaschistischen Gedenkvereinen. In Duisburg nahmen wir an der Gedenkveranstaltung auf dem Waldfriedhof teil, die von DKP, VVN/BdA, „Duisburg stellt sich quer“ und dem örtlichen Friedensforum organisiert wurde und an der auch Hinterbliebene und Nachkommen von ermordeten Rotarmisten aus Moldau teilnahmen. Dabei wurden die Gräber sowjetischer Zwangsarbeiter geputzt und Blumen niedergelegt.

Chemnitz

Am 8. Mai kam die Chemnitzer Ortsgruppe mit vielen interessierten Jugendlichen im Rahmen unseres Bildungskollektives in den Austausch. Anhand verschiedener Texte kamen wir über die sogenannte „Stalin Ära“ in der Sowjetunion ins Gespräch. Grundlage dafür waren verschiedene Texte, u.a. zu den Themen Säuberungen und Diktatur des Proletariats. Hier konnten wir viele spannende Diskussionen führen sowie bürgerliche Diffamierungen der Sowjetunion entschlüsseln und entkräften. Außerdem machten wir deutlich, in welch engem Zusammenhang die Sowjetunion und die Bedeutung des 8. Mai stehen. Als Bildungskollektiv entschlossen wir uns dazu, uns in einer weiteren Sitzung tiefgründiger mit dieser Thematik zu befassen.

Wir begingen unsere Gedenkveranstaltung auf dem Chemnitzer Ehrenfriedhof für die gefallenen Sowjetsoldaten: Im Jahre 1946 wurden hier 1130 Sowjetbürger beigesetzt, die zuvor an anderen Stellen beerdigt waren. Wir verlasen unsere Stellungnahme zum 8. Mai, legten Blumen nieder und führten im Rahmen der Besichtigung der Gedenkanlage in viele spannende Diskussionen.

Jena

In Jena haben wir uns an einer Gedenkkundgebung beteiligt. Morgens besuchten wir das Mahnmal am Heinrichsberg und sind anschließend, am Gedenkstein für den Todesmarsch vorbei, zum Nordfriedhof gegangen. Dort haben wir den Grabstein der Familie Schumerus besucht. Die drei Söhne dieser Familie sind im Februar 1942, 1943 und 1944 im vom faschistischen Deutschland angezettelten Weltkrieg gefallen. Der unscheinbare Grabstein der Familie ist so zu einem eindrücklichen Mahnmal gegen Krieg und Faschismus geworden.
Anschließend haben wir die Gedenkstätte für die gefallenen Sowjetsoldaten besucht. Dort haben wir unsere Stellungnahme verlesen und über die aktuelle Situation der Friedensbewegung und unsere Aufgaben darin diskutiert. In weiteren Redebeiträgen wurde die sowjetische Nationalhymne rezitiert und die aktuelle kriegstreiberische Politik und antirussische Propaganda in der BRD angeprangert.
Bereits am Vorabend hatten wir im Rahmen einer Filmveranstaltung von „Ich war neunzehn“ über die besondere Rolle der Friedensmacht Sowjetunion aufgeklärt und uns dem heute offensiv betriebenen Geschichtsrevisionismus entgegengestellt.

Leipzig

In Leipzig unterstützten wir am Vortag des 8. Mai mit zwei Personen das vom VVN/BdA organisierte Putzen der Gräber der Opfer des Faschismus auf dem Leipziger Südfriedhof.

Das offizielle Gedenken der Stadt Leipzig am 8. Mai auf dem Ostfriedhof fand nicht wie in den Jahren zuvor zusammen mit dem Russischen Generalkonsulat statt: Der hinter Oberbürgermeister Burkhard Jung versammelte Tross mied sogar die Gräber der gefallenen Antifaschisten und Sowjetsoldaten und hielt sein Gedenken am Ehrenmal für die Leipziger polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges ab.

Die Leipziger Ortsgruppe veranstaltete am Tag der Befreiung einen Rundgang durch den Osten der Stadt, bei dem wir an verschiedenen geschichtlichen Orten an die Profiteure der Zwangsarbeit in Leipzig (u.a. HASAG) und den Widerstand der Kommunisten in der Stadt während des Faschismus erinnerten. Wir beendeten den Rundgang am Ostfriedhof, wo wir mit etwa 30 Leuten einen Kranz und Nelken am sowjetischen Ehrenhain niederlegten. Wir verlasen einige Namen der getöteten Sowjetsoldaten sowie von Leipziger und internationalen Widerstandskämpfern, die auf dem Ostfriedhof beigesetzt sind und schlossen das Gedenken vor Ort mit dem „Lob der Dialektik“ von Bertolt Brecht (1934):

Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.
Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.
Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.
Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden.
Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:
Jetzt beginne ich erst.
Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:
Was wir wollen, geht niemals.
Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,
Und aus Niemals wird: Heute noch!

Antifaschismus unterdrückt – Faschisten hofiert!

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Der 77. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus ist in Berlin zu einem Spektakel antikommunistischer Verbote, pro-imperialistischer Kriegspropaganda und polizeilicher Willkür geworden.

Im Vorfeld des Jahrestages waren unzählige Veranstaltungen in der Umgebung der sowjetischen Ehrenmäler angemeldet worden, darunter viele, die offen geschichtsrevisionistische Positionen vertreten. Anstatt diese Instrumentalisierung des Gedenkens zu verhindern, schlug der rot-rot-grüne Berliner Senat mit einer Allgemeinverfügung in die gleiche Kerbe: Auflage für die Gedenktage 8./9. Mai ist unter anderem das Verbot sowjetischer Flaggen und Symbole, da diese eine Zustimmung zum russischen Militäreinsatz in der Ukraine ausdrücken würden. Der aktuelle Konflikt wird also aktiv genutzt, um die Geschichte zu verdrehen: Die Befreier vom deutschen Faschismus, die für weite Teile Europas Frieden und Sozialismus brachten, werden zum Symbol für die heutige kriegerische Auseinandersetzung zwischen kapitalistischen Staaten gemacht. Eine positive Erinnerung an die antifaschistischen Befreier, die die Nazi-Kollaborateure in der Ukraine damals bekämpft und besiegt haben, wird unterdrückt. Zugleich werden die Faschisten, die sich offen in die Tradition der deutschen Nazi-Unterstützer stellen, mit Milliarden und schweren Waffen beliefert und politisch hofiert. Die deutsche Regierung hat ihre Seite in der Geschichte unmissverständlich gewählt! Die Flagge der UdSSR steht jedoch nicht für Krieg, sondern im Gegenteil für die proletarische Brüderlichkeit und den Frieden zwischen den Völkern der Sowjetunion. Sie ist nicht das Symbol Russlands, sondern das Emblem eines sozialistischen Staates, dessen Volk zur Befreiung der Massen vom Joch des deutschen Faschismus millionenfach sein Leben gab. Mit dem Verbot sowjetischer Symbole deutet der bürgerliche Staat die Geschichte um und verkennt, dass es die sowjetische Arbeiterklasse war, die die Hauptlast des faschistischen Vernichtungskrieges tragen musste.

Doch nicht nur das Zeigen der Symbole unserer Befreier war beim diesjährigen Gedenken untersagt: Während einer angemeldeten Kundgebung erweiterte die Berliner Polizei ihre Auflagen dahingehend, dass auch die Fahne der Kommunistischen Organisation sowie rote Fahnen ohne Embleme untersagt wurden. Eine rechtliche Grundlage oder inhaltliche Begründung blieb sie schuldig. Genauso wurde ein zunächst genehmigtes Banner mit Kritik an der deutschen Kriegspolitik nach etwa einer halben Stunde mit der Begründung untersagt, dass es sich um eine Gedenkveranstaltung handele und daher „tagespolitische Äußerungen“ unerwünscht seien. Doch selbst der Spruch „Dank Euch, Soldaten der Anti-Hitler-Koalition“ wurde von der Berliner Polizei spontan verboten.

Dass das kommunistische Gedenken somit in Gänze untersagt wurde, stand heute in konkretem Zusammenhang mit dem Besuch des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk am Ehrenmal. Bereits vor Eintreffen des Faschisten-Freundes Melnyk, der sich positiv auf NS-Kollaborateure wie Stepan Bandera bezieht, hatten ukrainische Militärs auf dem Gelände der Gedenkstätte Fotowände aufgestellt, die Parallelen zwischen dem faschistischen Zweiten Weltkrieg und der russischen Militäroperation in der Ukraine konstruieren sollten. Der Auftritt Melnyks wurde von zahlreichen ukrainischen Flaggen sowie einem beachtlichen Presseaufgebot begleitet. Anwesend waren darüber hinaus Vertreter verschiedener bürgerlicher Parteien, darunter Klaus Lederer (Die Linke) und Marieluise Beck (Grüne). Damit dieser skandalöse Schulterschluss von bürgerlichen Kräften mit ukrainischen Faschisten ungestört vollzogen werden konnte, mussten sie das Gedenken an die Friedensmacht Sowjetunion verhindern.

Gemeinsam mit Aktiven aus der kommunistischen und Friedensbewegung haben wir lautstark gegen die Instrumentalisierung des Gedenkens durch Faschisten und Geschichtsklitterer protestiert. Der bürgerliche Staat hat heute mit offener Fratze bewiesen, wer ihm Freund und wer ihm Feind ist. Wir werden dieses System, das Chauvinismus und Faschismus in sich trägt, niemals dulden! 

Entgegen der antisowjetischen Propaganda sagen wir festentschlossen:

Wir danken Euch, Ihr Sowjetsoldaten! Nieder mit dem Faschismus! Es lebe der Tag der Befreiung und der Tag des Sieges über den Faschismus! Für den Sozialismus, der die Wurzel des Faschismus beseitigt!

Der 8. Mai mahnt: Deutsche Kriegstreiber stoppen!

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77 Jahre nach der Befreiung Deutschlands und Europas vom Faschismus durch die Rote Armee und die Alliierten sollen wieder deutsche Panzer nach Osten rollen. 

77 Jahre nach dem Ende des deutschen Vernichtungskrieges, den das sowjetische Volk mit 28 Millionen Opfern bezahlte, wird in Deutschland wieder rassistische antirussische Hetze betrieben. 

77 Jahre nach dem faschistischen Menschheitsverbrechen werden Faschisten in der Ukraine vom Westen verharmlost und aufgebaut. 

Die Parole „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ wird längst von dem neuen Schlachtruf der Herrschenden übertönt: „Wer Krieg führen will, darf den Faschismus nicht verdammen!“

Es waren die NATO-Staaten, die 2014 die Ukraine zu einem Hort des Faschismus machten, als sie eine prowestliche ultranationalistische Putsch-Regierung mithilfe faschistischer Kräfte installierten, die sich offen in die Tradition des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera stellen. NATO und BRD unterstützten von Beginn an diejenigen Kräfte, die ganz offen in der Tradition der faschistischen OUN/UPA stehen, die gemeinsam mit Wehrmacht und SS Genozide an Polen, Juden, Roma, Russen und an antifaschistischen Partisanen verübten.

Seit dem Putsch ist die Verfolgung von Kommunisten und antifaschistischen Kräfte in der Ukraine an der Tagesordnung. Die russischen Bevölkerungsteile werden diskriminiert und seit 2014 herrscht ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung im Südosten des Landes, wo große russische Bevölkerungsteile leben. Die Herrschaft von Kiew basierte von Beginn an auf Terror: das Massaker im Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014, das Verbot der Kommunistischen Partei (KPU), die Verfolgung und Ermordung von Kommunisten, antirussische Gesetze und der Krieg in der Ostukraine, bei dem tausende Menschen umkamen. 

Die NATO-Staaten setzten von Beginn an auf die Spaltung zwischen den ukrainischen und russischen Bevölkerungsteilen und schüren den Hass, um die Ukraine als militärisches Aufmarschgebiet und durch EU-Integration gegen Russland in Stellung zu bringen. Die Faschisten, ihr Terror und ihre brutale menschenverachtende Ideologie gehören zur deutschen und NATO-Kriegspolitik.

Das Gedenken an die Opfer des Faschismus hochzuhalten, bedeutet für alle Antifaschisten, die Augen vor dem heutigen Faschismus nicht zu verschließen. Gerade in Deutschland wurden die Entwicklungen in der Ukraine in den letzten Jahren überwiegend ignoriert – während gleichzeitig die Ukraine zu einem internationalen Übungsplatz für Neonazis u.a. aus Deutschland wurde. 

Reaktionäre Formierung der Heimatfront

Die Wirkung des Bündnisses zwischen westlichem Imperialismus und ukrainischem Faschismus bleibt nicht auf die Ukraine beschränkt. Auch für die Formierung im Inneren erfüllt der ukrainische Faschismus wichtige Funktionen für den deutschen Imperialismus. So sind wir an der “Heimatfront” mit einer Normalisierung faschistischer Kräfte, umfassendem Geschichtsrevisionismus und Kriegsmobilisierung konfrontiert. 

77 Jahre nach der Niederlage Nazideutschlands werden die Nachfolger der Wehrmachtskollaborateure als Vaterlandsverteidiger gefeiert, Homestories über ukrainische Nazis erscheinen im SPIEGEL, Asow-Fahnen gab es zwischenzeitlich bei Kaufland als Schnäppchen und Fabio de Masi (PdL) sinniert auf Twitter über „nützliche Nazis“, wenn sie das Land verteidigen. 

Die Befreier Deutschlands und die Friedensmacht Sowjetunion sollen zum Aggressor umgedeutet werden. Die Schändungen sowjetischer Ehrendenkmäler zeigen uns, auf welche Art die Geschichte entsorgt werden soll. Die Geschichtsfälscher sehen ihre Stunde gekommen, um uns die Lehren der Geschichte vergessen zu machen, um uns hinter einem stärkeren Kriegskurs des deutschen Imperialismus zu versammeln. Die Lehren der Geschichte hochzuhalten ist damit Teil des Kampfes gegen die Interessen des deutschen Imperialismus. 

Mit der Verharmlosung des ukrainischen Faschismus und der Dämonisierung der Sowjetunion geht eine sukzessive Rehabilitierung NS-Deutschlands einher, die die Schlächter zu Opfern und patriotischen Helden und die Befreier zu Aggressoren umdeutet. Dabei war es die Sowjetunion, die den Frieden in Europa erkämpfte! Dieser Revisionismus ist eine neue reaktionäre Qualität im herrschenden Geschichtsbild, welche durch die jahrzehntelang betriebene Gleichsetzung des Sozialismus mit dem Faschismus vorbereitet wurde. Die Reinwaschung der Faschisten dient dazu, die deutsche bürgerliche Klasse von ihrer Kriegsschuld zu entlasten, um neue Kriege vom Zaun brechen zu können. 

Anstatt auf Deeskalation und Friedensverhandlungen zu setzen, rühren die deutschen Militaristen eifrig die Kriegstrommeln. Der 100-Milliarden Kriegskredit verspricht immense Gewinne für die deutschen Rüstungskonzerne und soll die BRD für einen großen Krieg bereit machen. 

Aus dem „Nie wieder Krieg“ ist ohrenbetäubendes Kriegsgeheule geworden, bei dem sich alle bürgerlichen Parteien zu übertönen versuchen. Am lautesten kreischen wohl die Grünen, die sich im Wahlkampf noch dreist als Friedenspartei zu verkaufen versuchten. Aber auch die Führung der Partei Die Linke (PdL) und große Teile der Parteibasis sind eingeknickt oder fordern sogar direkt Waffenlieferungen an die Ukraine und eine Aufgabe ihrer Anti-NATO-Positionen. Auch die Gewerkschaftsführung hat ihr antimilitaristisches Selbstverständnis aufgegeben, ordnet sich der herrschenden Kriegslogik unter und verhindert damit, Kämpfe gegen die laufenden Verschlechterungen der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu organisieren. Denn der Krieg wird von den Herrschenden genutzt, um die steigenden Lebensmittel- und Spritpreise und die Inflation auf Russland zu schieben. Dabei war der Anstieg der Spritpreise bereits monatelang geplant; auch die Inflation ist keine Folge der steigenden Energiepreise, sondern ein Instrument der Monopole, ihre Profite abzusichern, bzw. des Staates, sich hohe Staatsausgaben von der Arbeiterklasse zu rauben. 

Die in den letzten Wochen grassierende Russophobie dient dabei direkt der Kriegsvorbereitung durch die Entmenschlichung des „Feindes“ im Osten, ebenso wie zur Disziplinierung der deutschen Bevölkerung, die nun wieder strammstehen soll. Dieser westliche Chauvinismus geht bis zum Boykott russischer Kultur, seien es russische Nationalschriftsteller und Musik, aber auch das „Canceln“ von russisch-deutschen zivilen Forschungsprojekten, das Streichen von Stipendien russischer Studierender usw. Zunehmend sind auch Deutschrussen rassistischen Angriffen ausgesetzt, wie der feige Brandanschlag auf eine deutsch-russische Schule in Berlin zeigte.

Mit der Zensur russischer Nachrichtenkanäle, des Z-Symbols und den Verboten sowjetischer Fahnen auf Demonstrationen in manchen Städten, findet ein Angriff auf die bürgerlich-demokratische Meinungsfreiheit statt. 

An der medial groß inszenierten „Solidarität“ mit den ukrainischen Flüchtenden, zeigt sich der Kontrast zum Umgang mit Geflüchteten aus Ländern, in welchen der westliche Imperialismus Krieg führte: Afghanistan, Syrien, Irak. Die bevorzugte Behandlung ukrainischer Geflüchteter hat mehrere Funktionen: Zum einen ist die Spaltung von Flüchtlingen ein nützliches Werkzeug, um diese unter Druck zu setzen, sich sofort in den Arbeitsmarkt zu integrieren, also ihre Arbeitskraft auch zu schlechten Bedingungen ausbeuten zu lassen. Die bevorzugte Behandlung ukrainischer Geflüchteter und der gleichzeitige Rassismus gegen alle anderen Flüchtlinge, die an den EU-Grenzen frieren, hungern, geschlagen werden oder ertrinken, hängen andererseits mit den Plänen, welche für die Ukraine vorgesehen sind, zusammen: Zum Zweck der EU- und NATO-Integration der Ukraine gilt es für die Ukraine eine gemeinsame „europäische“ Identität und Geschichte zu konstruieren.

Die Aufgaben der Kommunisten und der Arbeiterbewegung

Im Zentrum unserer Anstrengungen muss nun der Kampf gegen die deutsche Kriegstreiberei und die Normalisierung und Rehabilitierung des Faschismus stehen: 

  • Der Hauptstoß muss gegen den deutschen Imperialismus gerichtet werden – gegen die Militaristen, die Hetzer und die Geschichtsfälscher! 
  • Wir bekämpfen die NATO, ihre Kriegspolitik, Kriegslügen und Kriegspropaganda. 
  • Kämpfen wir gegen Aufrüstung und Kriegsmobilisierung – keine Waffen und kein Geld an die Ukraine! Jede Waffenlieferung verlängert den Krieg und dient nur der Macht der deutschen Imperialisten und ihrer Rüstungsmonopole. 
  • Wir treten dem Geschichtsrevisionismus entschieden entgegen und verteidigen die Erinnerung an die Sowjetunion, die mit ihrer Roten Armee Deutschland vom Faschismus befreite und dafür einen hohen Blutzoll zahlen musste. Schützen wir sowjetische Denkmäler und antifaschistische Gedenkstätten vor Angriffen!
  • Wir bekämpfen den Faschismus, der durch die NATO und die BRD in der Ukraine und in Osteuropa aufgebaut und bewaffnet wird – und den Faschismus in unserem Land. 
  • Solidarität mit den verfolgten Antifaschisten und Kommunisten in der Ukraine und den Volksrepubliken!
  • Wir bekämpfen den deutschen Chauvinismus, die antirussische und allgemein rassistische Hetze und das Verbot von sowjetischen und russischen Symbolen, Zeichen und Fahnen sowie denen der Volksrepubliken. Die rassistische und chauvinistische Hetze gegen Russland, gegen sein Volk und seine Kultur wird von den Herrschenden befeuert und dient der ideologischen Mobilmachung. Wir kämpfen gegen die Verfolgung, Einschüchterung und Bedrohung unserer russischen Mitbürger. Wir kämpfen gegen die Ungleichbehandlung Geflüchteter aus anderen Ländern. 
  • Der Kampf gegen das Vergessen und gegen die Diffamierung der Sowjetunion ist nicht nur eine Pflicht im Sinne des Gedenkens an die Opfer des Faschismus. Die Verteidigung der historischen Errungenschaften der Sowjetunion für den Frieden und die Befreiung der Völker bedeutet gleichzeitig, die Zukunft der Menschheit ins Auge zu fassen. Denn nur der Sozialismus wird letztendlich die Wurzeln des Faschismus und Kriegs beseitigen.

Der Krieg zeigt deutlich die Stoßrichtung der Kämpfe, die jetzt von den Kommunisten initiiert und geführt werden müssen. Doch müssen wir auch der Tatsache ins Auge sehen, dass die kommunistische und Arbeiterbewegung international und besonders in Deutschland bestimmte Kämpfe momentan nicht wird gewinnen können. Das entbindet uns nicht von der Pflicht, diese Abwehrkämpfe gegen Krieg und Faschismus jetzt zu organisieren und nach unseren besten Möglichkeiten zu führen. Aus der Krise kann sich die kommunistische Bewegung dennoch nur langfristig herausbewegen durch den Aufbau der Kommunistischen Partei und die eigenständige und kämpferische Organisierung der Massen. Der Krieg und die Entwicklungen in Europa und Deutschland zeigen uns, dass dies überlebenswichtig ist.  Wir dürfen nicht die Augen verschließen und müssen uns gegen die Angriffe, die auch in Deutschland auf die Arbeiterklasse, Kommunisten und Antifaschisten zukommen, rüsten. 

Die Krise der internationalen kommunistischen Bewegung drückt sich auch in Unklarheit und Uneinigkeit in der Einschätzung des Charakters des Krieges aus. Auch wir sind Teil dieser Krise und haben bisher als KO keine gemeinsame Einschätzung der russischen Militärintervention. Wir haben uns jedoch dieser Aufgabe angenommen und wollen mit der Klärung der Imperialismus- und Kriegsfrage durch die offen-selbstkritische, zielgerichtete und wissenschaftliche Debatte einen Beitrag für die kommunistische Bewegung leisten. Wir laden alle Kommunisten ein, daran teilzunehmen und voneinander zu lernen.

Und so muss es 77 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus wieder heißen: 

Kampf dem Krieg! Kampf dem Faschismus! 

Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

Filmvorführung: Das andere Leben – anschließendes Gespräch mit Hans Bauer

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Die Kommunistische Organisation lädt herzlich zu ihrer Filmveranstaltung am 28.05.2022 ein. Im FilmForum Höchst werden zwei Teile aus der Zeitzeugendokumentation „Das andere Leben“ vorgestellt und im Anschluss mit einem der Filmemacher und einem der Protagonisten diskutiert. Die vorgestellten Filme bieten Einblicke in das Arbeits- und Wirtschaftsleben der DDR-Bürger, sowie in das politische System in dem die DDR-Bürger eingebunden waren.

Gäste:
🎥 Lorenz Küstner
(einer der Filmemacher und Teil der AG Sozialismus der Kommunistischen Organisation)

⚖️ Hans Bauer (Protagonist aus dem Film):
Jahrgang 1941, Dipl.-Jurist 1965, Dipl.-Gesellschaftswissenschaftler 1978, 1966 bis 1990 Staatsanwalt, 1986 Abteilungsleiter beim Generalstaatsanwalt der DDR, 1989/90 Vize-Generalstaatsanwalt der DDR. Beschäftigung mit Fragen der Kriminalitätsursachen und -vorbeugung, der internationalen Beziehungen und der Menschenrechte, einjährige Tätigkeit im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, Teilnahme an Kriminalitätskongressen der UNO und der sozialistischen Staaten; mehrjährige Beratertätigkeit im Ausland. Seit 1992 Rechtsanwalt in Berlin. Mitbegründer (1993) und seit 2005 Vorsitzender der „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung“ e.V. (GRH), Vizepräsident des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden (OKV).
In DDR Auszeichnungen, u.a. mit Vaterländischen Verdienstorden; nach der Konterrevolution Preis für Solidarität und Menschenwürde vom Bündnis für Solidarität und Menschenwürde (BüSGM) 2013.

💬 „Ich war und bin Kommunist. In der DDR Mitglied der SED (Parteifunktionen), danach PDS, heute Mitglied der DKP, vielseitige Kontakte zu KPD und anderen kommunistischen Gruppen. Besonders eng verbunden mit ISOR, Rotfuchs, Freidenker.“

Zur Filmreihe:
Die Filmreihe „Das andere Leben“ ist ein vierteiliges Interviewprojekt zum Leben in der DDR. Jeder der Teile setzt einen anderen Schwerpunkt, bei dem die Zeitzeugen über ihre Kindheit und Jugend, Arbeit und Wirtschaft, den Staat und das Ende der DDR sprechen.

Eckdaten:
Datum: Sa. 28.05.2022

Uhrzeit: Einlass ab 15:30 Uhr
Veranstaltungsdauer: 16:00-19:00 Uhr
Ort: Filmforum Höchst, Emmerich-Josef-Straße 46a, Frankfurt am Main
Ticket: 5€

Diskussionsveranstaltung mit Alberto Fazolo über Faschismus in der Ukraine

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Faschismus in der Ukraine und antifaschistischer Widerstand im Donbass

Wann: Sonntag, 15.05.22, 18:00
Wo: Saalbau Gallus, Frankenallee 111, Frankfurt/Main

Eine Veranstaltung des Albert-Kuntz-Vereins in Kooperation mit der Kommunistischen Organisation

Die grüne Bundestagsvizepräsidentin, Katrin Göring-Eckardt, rief im Plenarsaal die Parole der ukrainischen Faschisten: Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden. Der ukrainische Botschafter verehrt offen den Anführer der Faschisten, Stepan Bandera. Viele bestreiten, dass die Rolle der Faschisten in der Ukraine wichtig sei. Dabei stechen sie förmlich ins Auge mit dem Asow-Regiment, dem „Rechten Sektor“ und dem Bandera-Kult. Aber vor allem auch mit dem brutalen Krieg des Kiewer Regimes gegen die eigene Bevölkerung im Donbass.

In der Ostukraine bildete sich Widerstand gegen den Putsch und gegen die Faschisten. Kiew reagierte mit Massakern und dem Einsatz der Armee. Wie verlief die Entwicklung des Faschismus in der Ukraine, insbesondere seit dem Maidan-Putsch 2014? Wie waren die Entwicklungen in der Ostukraine und den Volksrepubliken? Darüber wird der italienische Autor, Alberto Fazolo, referieren.

Anschließend werden wir darüber diskutieren können. Spannend für alle, die Fragen und Interesse an der Entwicklung in der Ukraine und an den Volksrepubliken haben.

Alberto Fazolo ist Publizist aus Rom und Koautor des Buches »In Donbass non si passa. La resistenza antifascista alle porte dell’Europa« (Im Donbass sind sie nicht durchgekommen. Antifaschistischer Widerstand vor den Toren Europas), das 2018 erschienen ist. Von 2015 bis 2017 hat er in der Volkrepublik Lugansk mit dem politischen Kommissar der Kommunistischen Einheit, ab 2016 Kommandeur der Prizrak-Brigade, Alexej Markow, humanitäre Hilfe und politische Projekte organisiert. Der Vortrag findet in englischer Sprache statt und wird übersetzt. albert-kuntz.de, kommunistische.org

Aktionen zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse 2022

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Bericht zum 1. Mai 2022

Zum Tag der Arbeit nahmen wir als Kommunistische Organisation u.a. an DGB-Demos und -Kundgebungen in Aachen, Berlin, Duisburg, Frankfurt, Essen, Hamburg, Jena, Leipzig, Köln, Mannheim, Stuttgart und Tübingen teil. Wir verteilten unsere Stellungnahme zum 1. Mai und diskutierten mit den Kolleginnen und Kollegen auf Straßen und Plätzen u.a. über den aktuellen Kriegskurs der BRD, die laufenden Angriffe des Kapitals auf die Lage der Arbeiterklasse und die opportunistische Haltung der Führung der DGB-Gewerkschaften in dieser Situation.

Hier Eindrücke aus verschiedenen Städten:

In Berlin beteiligte sich die KO an verschiedenen Veranstaltungen und forderte eine Abkehr von der Burgfriedenspolitik der Gewerkschaften. Unsere Losung hier lautete „Sozialpartnerschaft lohnt sich nicht – Klassenkampf statt Lohnverzicht!“ Bei der Abschlusskundgebung des DGB wurde lautstark gegen die Rede von der Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) protestiert, welche in den letzten Monaten u.a. versucht hatte, die Tarifkämpfe der organisierten Lehrer zu unterbinden. Um die Kontinuität der arbeiterfeindlichen Politik der Sozialdemokraten aufzuzeigen, beteiligten wir uns hier außerdem an dem Gedenken an die 1929 auf Befehl des SPD Polizeipräsidenten Zörgiebel ermordeten Weddinger Arbeiter.

In NRW begann der 1. Mai mit einer Vorabend-Demo am Samstag in Duisburg. Mit Palästina-Fahnen, einem Transparent gegen Sozialpartnerschaft und Burgfrieden, gegen Aufrüstung, Waffenexporte und anti-russischen Rassismus sowie Parolen wie „Keine Waffen für die Ukraine!“, „NATO raus aus der Ukraine!“ und „Von Duisburg nach Gaza – Sieg der Intifada!“ setzten wir auf der Demo ein internationalistisches Zeichen gegen den westlichen Imperialismus und unseren Hauptfeind, die BRD.

In Chemnitz wurden bei der Kundgebung des DGB vor dem Karl-Marx-Kopf Personen mit NATO-kritischen Plakaten von den Rednern angegriffen und Sanktionen sowie Waffenlieferungen offen befürwortet. Unsere Stellungnahme zum 1. Mai und unsere Kritik an der Gewerkschaftsführung kam in vielen Gesprächen und Diskussionen dementsprechend sehr gut an und stieß auf positive Resonanz.

Auch die Frankfurter Ortsgruppe forderte mit Transparent, Schildern und Stellungnahmen, dass „kein Cent und Tropfen Blut dem NATO-Imperialismus“ geopfert werde und stellte sich gegen Kriegskredite, Waffenlieferungen, Verharmlosung von Faschisten und die zunehmende Russophobie.

Auch in Leipzig haben wir an der 1. Mai Kundgebung des DGB teilgenommen. Mit der Losung „Nein zum Krieg heißt Nein zur NATO!“ auf dem Transparent haben wir hier für Aufmerksamkeit gesorgt und konnten viele spannende Gespräche beim Verteilen von Stellungnahmen führen. Es gab viel Zustimmung der Kolleginnen und Kollegen vor Ort zu unserer Ablehnung von Aufrüstung und Waffenlieferungen.

In Stuttgart erntete die Aussage der stellvertretenden Vorsitzenden der IG Metall Christiane Benner, dass die Lieferung schwerer Waffen mit Abrüstung vereinbar wäre und es nicht um Aufrüstung sondern Ausrüstung ginge, Pfiffe und Buhrufe von großen Teilen der Kundgebung. An der Demonstration nahmen ca. 4000 Teilnehmer teil. Sichtbar waren vor allem Arbeiter und Angestellte, Gewerkschaften und verschiedene linke und kommunistische Parteien. Auch hier verteilten wir Stellungnahmen und diskutierten mit den anwesenden Kolleginnen und Kollegen.

In Tübingen beteiligten wir uns an der DGB-Demonstration und bauten bei der Schlusskundgebung einen kleinen Infotisch auf mit einigen Tafeln auf, wo wir über die Rolle der Gewerkschaften im jetzigen System unterrichteten.

Leipzig: Stadtrundgang zum Tag der Befreiung

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Sonntag, 08. Mai 2022
Treffpunkt Rundgang: 9:45 Uhr, Lukaskirche auf dem Volkmarsdorfer Markt Beginn 10 Uhr
Treffpunkt Gedenken: 12:00 Uhr, Eingang zum Ostfriedhof (Oststraße); Beginn ca. 12:15 Uhr

Die Leipziger Ortsgruppe der Kommunistischen Organisation lädt anlässlich des Tages der Befreiung zu unserem antifaschistischen Stadtrundgang am 08.05.2022 ein.
Das Gedenken an die Befreiung von Krieg und Faschismus ist für uns eine Notwendigkeit. Die aktuelle Kriegshetze gegen Russland und die offene Unterstützung faschistischer Kräfte in der Ukraine zeigen uns, wie aktuell und notwendig der antifaschistische Kampf ist.

Dazu wollen wir uns unsere lokale Geschichte erschließen, aneignen und über aktuelle Bezüge sprechen. Dafür veranstalten wir einen Rundgang durch den Leipziger Osten, um mehr über die Entwicklung des Faschismus und des antifaschistischen Widerstandskampfes in Leipzig zu lernen. Der Rundgang wird am Ostfriedhof enden, wo wir ein gemeinsames Gedenken abhalten werden.
Der Rundgang wird ca. zwei Stunden zu Fuß dauern. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, nur an der Gedenkveranstaltung am Ostfriedhof teilzunehmen.

Bitte bringt euch ausreichend Trinken und eine Kleinigkeit zu Essen mit. Anschließend gibt es die Möglichkeit, noch gemeinsam etwas zu essen und zu trinken.

Wir freuen uns auf euer Kommen und ein gemeinsames und kämpferisches Gedenken!

Bericht zur vierten Vollversammlung der Kommunistischen Organisation



Nach über zwei Jahren, in denen wir pandemiebedingt keine Präsenzvollversammlung abhalten konnten, fand unsere vierte Vollversammlung in Präsenz statt. Aufbauend auf unserem Diskussionsprozess um die Frage der Kommunistischen Partei im vergangenen Jahr fassten wir einen zentralen Beschluss zur Parteifrage, der unsere weitere Arbeit leiten wird. Außerdem entwickelten wir einen Beschluss zur Klärung der Imperialismusfrage, mit dem wir auf den diesbezüglich bestehenden Dissens in unserer Organisation und in der kommunistischen Bewegung reagieren.

Vom 22.-24.04. führten wir unsere vierte Vollversammlung (VV) durch. Die VV ist das höchste beschlussfassende Gremium der Kommunistischen Organisation. Auf ihr entscheiden die Mitglieder über die zentralen Vorhaben der kommenden Legislatur. Als Ort der Diskussion, Kritik und Beschlussfassung ist die Vollversammlung zentraler Bestandteil unseres Organisationsprinzips, des Demokratischen Zentralismus. Eine gute Vorbereitung ist dabei unerlässlich, weshalb die Diskussionen und Planungen zur VV bereits in den letzten Monaten in unserer Organisation viel Raum einnahmen.

Verabschiedung der Thesen zum Aufbau der Kommunistischen Partei

2021 beschlossen wir auf unserer dritten VV, uns ein Selbstverständnis im Sinne einer Verständigung über uns selbst, unseren Charakter und unsere Ziele zu erarbeiten. Diesem Beschluss ging eine Phase der intensiven Selbstreflexion über die vor uns liegende Aufgabe voraus: Die Formierung der Kommunistischen Partei. Ein Schwerpunkt der vierten Vollversammlung war nun, das nach umfassender Diskussion in unserer Organisation und nicht zuletzt auf unserem zurückliegenden Sommercamp entwickelte Selbstverständnis als Thesen zum Aufbau der Kommunistischen Partei zu beschließen. Damit halten wir unseren kollektiven Diskussionsstand zur Frage fest, wie die Kommunistische Partei aussehen muss und wie wir ihren Aufbau angehen. Die Thesen sind ein kollektives Verständnis über unsere Aufgaben als Klärungs- und Aufbauprozess und damit die Voraussetzung des planmäßigen Parteiaufbaus.

Die Thesen zum Aufbau der Kommunistischen Partei umfassen zwei Teile: Der erste Teil hält das Konzept der Partei Neuen Typs als notwendige Organisationsform der Kommunisten zur Führung der Arbeiterklasse in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus/Kommunismus fest und geht insbesondere auf die Prinzipien des Demokratischen Zentralismus, die Frage der Entwicklung der richtigen Strategie und Taktik sowie auf die Notwendigkeit eines Kaderstamms ein. Der zweite Teil der Thesen stellt den Aufbau der Kommunistischen Partei und den Kampf gegen den Revisionismus als die notwendigen Aufgaben der Kommunisten in Deutschland heute heraus. Insbesondere wird auf die Krise der kommunistischen Bewegung eingegangen, deren zentrale Ursache die Durchsetzung von Revisionismus ist, auf den planmäßigen und abrechenbaren Charakter des Aufbaus sowie auf den Klärungsprozess als Instrument der KO, um die theoretischen Voraussetzungen für die Parteigründung zu schaffen.

Wir wollen die Thesen weiterentwickeln, sie sind ein erster Aufschlag und nicht endgültig. Wir wollen sie der Kritik und Auseinandersetzung in der kommunistischen Bewegung unterziehen. Ursprünglich war für das nächste Jahr geplant, unser Verständnis der Aufgaben der Kommunistischen Partei und der Probleme bei ihrem Aufbau anhand der Erfahrungen und Diskussionen der kommunistischen Bewegung nach den konterrevolutionären Prozessen vor gut dreißig Jahren zu vertiefen. Wir halten dies weiterhin für eine wichtige Aufgabe, die noch vor uns liegt.

Dissens in der Imperialismusfrage

Der Parteiaufbau findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern erfordert Klarheit in den zentralen Fragen der kommunistischen Bewegung und des Klassenkampfes unserer Zeit. Wir brauchen Klarheit über das imperialistische Stadium des Kapitalismus, in dem wir leben und nach dem wir unseren Kampf ausrichten müssen. Die Frage, wie die aktuelle russische Militärintervention in der Ukraine zu bewerten ist, hat in der kommunistischen Bewegung, so auch in unserer Organisation, offengelegt, welche unterschiedlichen und teils gegensätzlichen Einschätzungen des Imperialismus bestehen. In einer Selbstkritik hielten wir fest, dass wir als Organisation die Klärung organisiert angehen müssen.

Daraus folgend war die Frage des Imperialismus und konkret der Einschätzung der russischen Militärintervention ein weiterer Schwerpunkt unserer Vollversammlung. Wir begannen mit einer längeren Generaldebatte, die an den Diskussionsbeiträgen anknüpfte, die auf der Diskussionstribüne zum Imperialismus im Vorfeld zur VV veröffentlicht wurden. Die Diskussionstribüne eröffneten wir, um die bestehenden Dissense in dieser Frage und die damit zusammenhängenden Annahmen und Argumente grob abzubilden.

Priorisierung der Klärung

Schließlich beschlossen wir, den bestehenden Dissens und unsere daraus entstandene Lähmung nicht zu ignorieren, sondern die organisierte Diskussion und Klärung jetzt anzugehen. Wie bei den Thesen zum Parteiaufbau wollen wir in die Diskussion mit anderen Teilen der kommunistischen Bewegung gehen. Bis zur fünften Vollversammlung im kommenden Jahr wollen wir sie zum vorläufigen Abschluss bringen. Konkret stellen wir unter anderem folgende Fragen für die Klärung in den Mittelpunkt: 

Wie ist der Militäreinsatz beziehungsweise der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine einzuschätzen? Ist er ein imperialistischer Angriff? Ist der Krieg imperialistisch, weil Russland ein imperialistisches Land ist? Ist der Krieg eine Verteidigungsmaßnahme? Gibt es bei diesem Militäreinsatz eine Überschneidung mit den Interessen der Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine und international? Wie muss sich demnach die Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine, in Deutschland und im internationalen Maßstab zu dem Konflikt klassenkämpferisch positionieren?

In den kommenden Monaten wird die Klärung und ihre Organisierung unser Handeln als Organisation bestimmen. Der vom 23. bis 25. September in Berlin stattfindende Kommunismus Kongress wird ein Zwischenstand unserer Klärung sein. Hierzu laden wir Kommunisten in Deutschland und international ein, sich zu beteiligen und produktiv an der Überwindung der ideologischen wie politischen Unklarheiten und Dissense zu arbeiten!

Wir sind uns einig, dass wir umfassend und ernsthaft an die Diskussionen herangehen müssen, da sonst – hinsichtlich des Dissenses – die Gefahr der fortschreitenden Lähmung oder sogar Zersplitterung droht. Wir setzen uns aber auch zum Ziel, durch die Klärung der Imperialismus- und Kriegsfrage in der Umsetzung des Kommunistischen Klärungsprozesses und im Aufbau der Kommunistischen Partei einen wesentlichen Schritt voranzukommen.

Ein weiterer, daran anknüpfender, Beschluss unserer Vollversammlung ist eine Aktionsorientierung gegen den deutschen Imperialismus als unseren Hauptfeind. Wir haben beschlossen, in der aktuellen Situation Aktionen gegen die Aufrüstung und Waffenlieferungen der BRD, gegen die Präsenz der NATO, gegen den Geschichtsrevisionismus, die Kriegshetze und den antirussischen Chauvinismus durchzuführen. Unseren Dissens in der Einschätzung der Militärintervention und der Rolle Russlands wollen wir dabei offen benennen und erklären, dass wir einen Klärungsprozess zu diesen Fragen organisieren.

Grußworte an die Vollversammlung

Auf unserer vierten VV konnten wir Vertreter der Kommunistischen Partei Schwedens (SKP) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) begrüßen. Im Namen ihrer Parteien hielten sie Grußworte an unsere Versammlung. Uns erreichten weitere Zuschriften der Kommunistischen Partei der Arbeiter Spaniens (PCTE) und der Marxistisch-Leninistischen Bewegung Alavanca aus Portugal. Alle Grußworte brachten das gemeinsame Bemühen zum Ausdruck, die Krise der kommunistischen Bewegung zu überwinden und der Arbeiterklasse in Zeiten massiver Angriffe auf ihre Lebensbedingungen eine Orientierung zu geben. Die Notwendigkeit des Klärungsprozesses, auch konkret in der Imperialismusfrage, wurde uns so noch einmal vor Augen geführt.

Wir möchten uns bei allen Organisationen, die mit Gästen an unserer Vollversammlung teilnahmen oder uns Grußworte zukommen ließen, bedanken.

Schließlich wählten wir auf der Vollversammlung auch eine neue Zentrale Leitung, die die Entwicklung und politische Führung der Gesamtorganisation auf Grundlage unserer gefassten Beschlüsse zur Aufgabe hat. Die alte Zentrale Leitung legte Rechenschaft über ihre Arbeit in der vergangenen Legislatur ab und wurde entlastet.

Hinter uns liegt nun eine weitere Vollversammlung, auf der wir – anknüpfend an eine breite Diskussion – zentrale Beschlüsse für unseren Klärungs- und Aufbauprozess fassen konnten. In erster Linie fallen darunter die Thesen zum Aufbau der Kommunistischen Partei als unser Selbstverständnis und der Beschluss zur Klärung der Imperialismusfrage. Wir erkennen die Gefahren für unseren Prozess, die sich aus dem Dissens zu dieser Frage ergeben und ziehen daraus den Schluss, ihre Klärung im kommenden Jahr mit hoher Priorität und großer Ernsthaftigkeit anzugehen. Wir rufen alle Interessierten auf, sich in die Klärung einzubringen!

Steigende Preise – niedriger Lohn und Mobilmachung an der Heimatfront

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Stellungnahme zum 1. Mai 2022

  • Keine Unterstützung der Rot-Grün- Gelben Kriegsregierung durch die Gewerkschaften!
  • Keine Waffenlieferungen & keine Aufrüstung – Nein zum 100- Milliarden-Kredit!
  • Internationale Solidarität statt Spaltung und antirussischer Hetze!
  • Hoch die internationale Solidarität – Klassenkampf statt Burgfrieden!

1. Mai – internationaler Kampftag der Arbeiterklasse

Leere Regale, steigende Preise, Kriegspropaganda, kostspielige Aufrüstungspläne und Waffenexporte in neuen Dimensionen – so sahen die letzten Wochen in Deutschland aus. Aber auch in anderen Ländern greift die kapitalistische Politik die Lebensgrundlage der Arbeiterklasse massiv an. Armut, Hungersnöte und Inflationsraten nehmen weltweit zu. In den bürgerlichen Medien wird propagiert, der Krieg und allen voran Putin sei Schuld an alledem und „wir Europäer“ (zu denen „die Russen“ laut herrschender Meinung nicht zählen) müssen enger zusammenrücken. Die Heimatfront soll also stabil stehen, um gegen andere Nationen Kriege führen zu können.

Heute ist der 1. Mai, der internationale Kampftag der Arbeiterklasse. Wir dürfen uns nicht entlang nationaler Linien spalten lassen, denn die Kampflinie verläuft zwischen Klassen. Weltweit wird die eine Klasse unterdrückt und ausgebeutet, während die andere diese Ausbeutung und Unterdrückung organisiert, vorantreibt und von diesem Zustand lebt. Es ist also unsere internationalistische Pflicht, gegen die Kriegspläne des deutschen Imperialismus und seine Burgfriedens- und Verelendungspolitik zu kämpfen. Es ist die Aufgabe der Kommunisten, ihre Kollegen, Nachbarn und Kommilitonen aufzuklären, dass sie schon wieder für die deutschen Monopolherren als Kanonenfutter herhalten und gegen ihre Klassengeschwister ins Feld ziehen sollen. Wir müssen unsere Gewerkschaften zu Organisationen des Widerstands machen und dürfen es der Führung nicht mehr erlauben, sie zu Kollaborateuren der deutschen Kriegsregierung zu machen.

Inflations- und Kriegspolitik

Laut Statistischem Bundesamt lag im März 2022 (vorläufige Zahlen) die Inflationsrate schon bei 7,3 %. Zum Vergleich: 1960 bis 2021 lag die durchschnittliche Inflationsrate bei 2,6 % pro Jahr. Gleichzeitig wurde angekündigt, den Kriegsetat – auch gern Verteidigungshaushalt genannt – von ca. 50 Mrd. € auf 2 % des BIP (das wären aktuell ca. 70 Mrd. €) zu steigern, hierfür soll sogar das Grundgesetz geändert werden. Das ist ein massiver Sprung, um Deutschland in die Lage zu versetzen, eigenständig Kriege führen zu können. Das war schon längst geplant, es fehlte nur noch der richtige Moment, um es durchzusetzen. Der ist nun gekommen und wir sollen dafür zahlen!

Denn für die Arbeiterklasse heißt es zynisch: „Gürtel enger schnallen und am besten so wenig wie möglich Energie verbrauchen, wir müssen sparen für den Krieg gegen ,den Russen’“.

Ein weiterer Blick auf die vergangenen Jahre zeigt aber deutlich, dass nicht erst seit dem Beginn der russischen Militärintervention in der Ukraine die Inflation und der „Verteidigungshaushalt“ wachsen. Schon im Jahr 2021 betrug die durchschnittliche Inflationsrate 3,1 %, seit Juli 2021 stieg sie konstant an von 3,8 % bis zu 5,3 % im Dezember vergangenen Jahres. Und das obwohl der Krieg in der Ukraine noch kein Thema in Deutschland war.

Der Kriegsetat stieg von 32,4 Mrd. (2014) auf 46,93 (2021) Mrd. €. Dass die Bundeswehr kaputt gespart wurde, ist also eine blanke Lüge. Auch die Waffenexporte nahmen in den letzten drei Jahren kontinuierlich zu.

Der Krieg wird nun also genutzt, um diese Verarmungs- und Aufrüstungspolitik noch aggressiver fortzusetzen. Denn weder Inflation noch Aufrüstung sind Naturgewalten, mit denen wir jetzt einfach umgehen lernen müssen. Beides ist menschengemacht und kann von Menschen geändert werden. Die Inflation kommt hauptsächlich von den Preiserhöhungen, die die Monopole aus ihrer Machtstellung heraus diktieren, um ihre Gewinne zu steigern, so lange, wie es irgendwie möglich ist. Angebot und Nachfrage spielen hier nur eine untergeordnete Rolle.

Aber auch der Staat hat ein Interesse an hohen Preisen und hohen Steuern, er kann so die Staatsschulden auf die Arbeiterklasse abwälzen und beispielsweise 100 Mrd. € Sondervermögen in den Militärapparat pumpen. Die Regierung will gleichzeitig höhere Energiepreise, denn sie wollen dass wir weniger verbrauchen. Die sogenannte „CO2-Bepreisung“ der Rot-Grün-Gelben Bundesregierung, als „Anreiz für sparsameren Energieverbrauch und Klimaschutz“ auf die Sektoren Wärme und Verkehr bedeutet nichts anderes. Das wollen sie, weil sie die Importe aus Russland im Sinne der Konfrontationspolitik der NATO senken wollen. Wir sollen also frieren, damit sie ihren Wirtschaftskrieg gegen Russland führen können. Es ist nicht Frieren für den Frieden, sondern im Gegenteil Frieren für die Großmachtpolitik Deutschlands.

Wir kennen dieses Spiel: Durch Kurzarbeit und Jobverlust konnten die Unternehmen bereits während der Corona-Pandemie die Krisenkosten erfolgreich auf die Arbeiterklasse abwälzen, auch das wurde uns als „Solidarität“ verkauft. Beide Faktoren hatten erhebliche Auswirkungen auf die entsprechend sinkenden Bruttolöhne und mit Klassensolidarität hatte das Ganze nichts zu tun.

Schlechte Tarife, starke Sozialpartner

Nach den neusten Ergebnissen des WSI – dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung – erfährt im Jahr 2021 die durchschnittliche Tariflohnentwicklung gerade einmal eine Steigung von 1,7 %. Nimmt man nun hier die Inflationsrate von 3,1 % (Jahr 2021) hinzu, macht dies einen Reallohnverlust von 1,4 %. Die Tarifabschlüsse gleichen daher nicht ansatzweise die Inflation zugunsten der Arbeitenden aus. In den Tarifrunden der letzten beiden Jahre ging es ab und zu darum, dass die Inflationsrate bereits gestiegen war. Der Fakt wurde aber einfach weggewischt mit dem „Argument“, die Inflationsrate werde schon wieder sinken und da müsse man jetzt nicht übersteuern. Wohin uns diese falsche Rücksichtnahme aufs Kapital führt, haben die letzten Verhandlungen deutlich gezeigt.

Vergangenen November verhandelte die Bundestarifkommission (unter anderem VerDi, GEW, GDP, IGBAU) über den Tarifvertrag der Länder – mit dem Ziel besserer Löhne für ca. 1,2 Millionen Tarifbeschäftigte im öffentlichen Dienst. Warnstreiks wurden durchgeführt, doch machte die Kapitalseite deutlich, dass wegen der Pandemie kein Geld da sei. Ein Argument, welches immer zu hören ist, um den Arbeitenden nicht mehr Lohn zu zahlen. Statt zu streiken und sich die großangekündigte Anerkennung für die Berufe zu holen, die während der Pandemie unter miserablen Arbeitsbedingungen den Laden am Laufen gehalten haben und dabei ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, schlossen die Gewerkschaften mit der Arbeitgeberseite einen neuen Tarif ab, der im ersten Jahr eine Nullrunde für die Beschäftigten bedeutete und erst ab Dezember 2022 eine Erhöhung von 2,8 %. Lieber wird die Corona-Prämie von 1300 € steuerfrei hochgelobt, da sie die vermeintliche Nullrunde ausgleichen würde. 1300 € auf 12 Monate aufgeteilt sind bei den steigenden Kosten aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Hinzu kommt, dass solche Einmalzahlungen eine prozentuale Lohnerhöhung verhindern und somit den Reallohn senken, da die Preise nicht einmalig erhöht und dann wieder gesenkt werden. Dennoch wurde mit dem Tarifabschluss ein Lohnkampf für die nächsten zwei Jahre – dank der Friedenspflicht – verunmöglicht. Das zeigt, wie schwach die Gewerkschaften in Deutschland sind und wie praktisch es für die Kapitalisten ist, solch einen schwachen und „netten“ Partner zu haben.

War es dort nun das Argument der Pandemie, ist es dieses Jahr das Argument des Krieges bei der IG BCE, die erst kürzlich über den TV Chemie verhandelt hatte – für ca. 580.000 Tarifbeschäftigte, die nun bis Oktober mit dem Brückengeld von 1400 €, zzgl. Versteuerung, auskommen müssen. Statt die Arbeitenden und ihre Interessen zu vertreten, soll lieber im Oktober neu bewertet werden, welche Auswirkungen der Krieg auf die vermeintlich leidenden Unternehmen hat. Das Leid der Arbeiterklasse in Deutschland spielt hier eine untergeordnete Rolle, das der Arbeiter in der Ukraine und Russland sowieso.

Regierung und DGB – Hand in Hand

Seit Kriegsbeginn hat die herrschende Klasse einen vermeintlich neuen Grund für die angespannte Lage und die Abwälzung der Kosten auf die Arbeiterklasse. So beginnt nun die groß-angekündigte „Zeitenwende“ von Bundeskanzler Scholz zur Aufrüstung der Bundeswehr in Höhe von 100 Mrd. €, wenngleich an allen Ecken und Enden gespart werden muss, weil kein Geld da sei. Hieß es nicht eben noch wenige Monate vorher, dass im öffentlichen Dienst keine besseren Löhne gezahlt werden könnten, weil die Kassen leer seien? Zwar gibt es gewerkschaftliche Stimmen gegen diese Milliardensummen, aber die Beurteilung des Krieges und die Befürwortungen der Sanktionen laufen ganz getreu der Linie der Kapitalisten und ihres Staates. Bereits am 25. Februar hatte sich die IG-Metall-Führung hinter die Bundesregierung gestellt und die Sanktionen befürwortet, aber auch betont, Waffenlieferungen in die Konfliktregion lehne sie ab und unterstütze hier den aktuellen Kurs und die Haltung der Bundesregierung.

Bereits die Befürwortung der Sanktionen ist ein Skandal. Die Sanktionen sind ein starker Angriff auf die russische Arbeiterklasse, sie leidet bereits jetzt unter dem Absturz des russischen Rubels, ihre Kaufkraft sinkt und ihre Verelendung nimmt zu. Und all das unter Befürwortung der deutschen Gewerkschaften. Das hat nichts mit Klassensolidarität zu tun. Sanktionen sind ein politisches Kriegsmittel kapitalistischer Staaten, um die Bevölkerung gegen ihre Regierung aufzubringen. In Kuba wird diese Politik von den USA bereits seit einem halben Jahrhundert eingesetzt, um Hunger, Elend und Leid zu provozieren.

Seitdem die Bundesregierung nun auch Waffen liefert, schweigt der IG-Metall-Vorstand. Eine Woche später wird dann auch der Schulterschluss mit dem Kapital geübt und in einer gemeinsamen Erklärung mit Gesamtmetall verlautbart: „Angesichts der völkerrechtswidrigen Aggression Russlands sind die Wirtschafts- und Finanzsanktionen gegen Russland eine unausweichliche und richtige Antwort. Dass diese Sanktionen auch für Deutschland, seine Wirtschaft und ihre Beschäftigten ihren Preis haben werden, ist nicht zu vermeiden.“

Die eigene Verantwortung für die verschlechterte Lebenslage der Arbeiterklasse wird natürlich geleugnet und die Beschäftigten werden auch nicht zum Kampf gegen die Kriegs- und Verteuerungspolitik aufgerufen. Die Heimatfront steht in Deutschland also stabil.

Dass das auch anders geht, zeigen Gewerkschaften in anderen Ländern wie Italien und Griechenland. In Athen haben beispielsweise Anfang April mehrere Tausend Arbeiterinnen und Arbeiter mit einem 24-Stunden-Streik gegen die Erhöhung der Lebensmittel- und Benzinpreise und gegen jede Beteiligung des griechischen Staates am imperialistischen Krieg der NATO in der Ukraine protestiert.

In Deutschland wurde zur Beschwichtigung nun die Energiekostenpauschale vom Bundesfinanzminister Christian Lindner angekündigt – 300 € für alle einkommenssteuerpflichtigen Arbeitnehmer. Das heißt real netto ca. 150 € je nach Lohnsteuerklasse; Rentner, Auszubildende und Minijobber werden mit den hohen Kosten allein gelassen – sofern sie nicht eh schon durch ihre schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Renten gezwungen sind, mittels Sozialleistungen aufstocken zu müssen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass dieses Geld annähernd reichen würde.

Die Unterstützung der Gewerkschaften für die deutsche Kriegspolitik beinhaltet aber auch deren Duldung der Faschisierung der Ukraine. In der Ukraine kämpfen von der NATO ausgebildete Faschisten mit den aus Deutschland gelieferten Waffen. Im März diesen Jahres wurde das Arbeitsgesetz der Ukraine massiv verschlechtert und erinnert an die Herstellung des Betriebsfriedens, des Führerprinzips und die Zerschlagung der Gewerkschaften im deutschen Faschismus. Tarifverträge können nun einseitig aufgekündigt werden und Gewerkschaften dienen als staatliche Kontrollorgane und nicht mehr als Akteure in Tarifauseinandersetzungen. Die Faschisten, die am 2. Mai 2014 in Odessa ein Massaker im Gewerkschaftshaus angerichtet haben, sind nach wie vor auf freiem Fuß und werden von Teilen der ukrainischen Regierung sogar bejubelt, genau wie andere Faschisten wie Stepan Bandera. Die Führungen der DGB-Gewerkschaften schweigen hierzu. Doch wir haben unsere grausam ermordeten Kolleginnen und Kollegen nicht vergessen. Wir haben auch nicht vergessen, dass es wieder deutsche Politiker, wie Steinmeier (SPD) und Baerbock (Grüne) waren, die den ukrainischen Faschisten die Hände geschüttelt, ihnen Waffen und Geld geliefert haben. Wir rufen alle Kolleginnen und Kollegen auf, gegen den Faschismus aufzustehen und keine Relativierung und Verharmlosung der Faschisten zuzulassen.

Gleichzeitig soll nun auch schweres Kriegsgerät an die Ukraine geliefert werden und der Krieg wird so mit deutscher Unterstützung und deutschen Waffen am Laufen gehalten. Während GEW und VerDi die geplanten Aufrüstungsvorhaben und Waffenlieferungen kritisieren, hüllen sich die Industriegewerkschaften in Schweigen.

Es scheint egal zu sein, dass in den Satzungen der Einzelgewerkschaften und auch des DGB Antifaschismus, Abrüstung und Verbot von Waffenexporten als zentrale Ziele festgehalten sind. Im Zweifelsfall üben die Gewerkschaftsführungen den Schulterschluss mit dem Staat und seinen Kapitalisten, um deutsche Interessen international durchzusetzen. Diese tödliche Burgfriedenspolitik hat auch schon zu Beginn des 1. Weltkrieges der Antikriegs- und Arbeiterbewegung das Genick gebrochen und unzählig viele Tote verursacht. Und auch die militärische Aufrüstung der BRD in den 1950er Jahren, der – mit Millionen koreanischer Toter und der dauerhaften Spaltung Koreas erkaufte – sogenannte „Korea-Boom“ oder der deutsche Angriffskrieg auf Jugoslawien 1999 wäre ohne den Schulterschluss der Gewerkschaften mit dem Staat nicht möglich gewesen.

Kommunistische Bewegung am Boden – doch was tun?

Solange die kommunistische Bewegung am Boden ist, wird sich an diesem Zustand auch nichts ändern: Die Gewerkschaften werden eine wichtige Stütze des Systems bleiben und nicht wie von Karl Marx einst gefordert zu Sammelpunkten des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Aktuell hat die Sozialdemokratie jedoch die Gewerkschaften und auch die Friedensbewegung fest in ihrer Hand. So schafft die Regierung es unter irreführenden Slogans der Solidarität und des Friedens antirussischen Rassismus, Aufrüstung und Kriegsexporte durchzusetzen und wird von Teilen der Gewerkschaften, der linken und Friedensbewegung sogar noch bejubelt. Um dem Kriegstreiben einen Riegel vorzuschieben und wirklich in Frieden und Solidarität leben zu können, müssen wir dem deutschen Staat und seinen Konzernen das kapitalistische Rückgrat brechen.

Die revolutionäre Arbeiterbewegung hat den 1. und den 2. Weltkrieg beendet und nur sie wird auch einen 3. Weltkrieg verhindern können. Es waren die revolutionären, inhaltlich klaren und straff organisierten Bolschewiki, die im Oktober 1917 den 1. Weltkrieg beendet haben. Und es war die Rote Armee gemeinsam mit den Partisanen- und Widerstandsorganisationen in ganz Europa, die 1943 bis 1945 die deutsche Wehrmacht immer wieder in die Knie zwangen und letztendlich den 2. Weltkrieg beendeten.

Historisch war es die kommunistische Bewegung, die gegen Sozialpartnerschaft, Burgfrieden und somit die Aufstellung der Heimatfront und für Gewerkschaften als Kampforganisationen gegen Krieg und Kapital kämpfte.

Doch die kommunistische Bewegung ist international in einer tiefen Krise. Auch in der Einschätzung des aktuellen Konflikts in der Ukraine hat sie keine einheitliche Position und Handlungsorientierung zu bieten. Es wird deutlich, dass sehr unterschiedliche Imperialismusverständnisse ihren Verlautbarungen zu Grunde liegen. So gibt es keine kommunistische Internationale und auch keine Kommunistische Partei in Deutschland, die in der Lage wäre, der aktuellen Kriegs- und Verelendungspolitik der Herrschenden etwas entgegenzusetzen.

Auch wir als Kommunistische Organisation haben keine Klarheit und Einheit in der aktuellen Situation. Aber uns ist bewusst, dass es dringend notwendig ist, dass wir einen klaren Standpunkt zum Krieg in der Ukraine entwickeln. Deshalb organisieren wir einen Kongress im September, um uns diesen Fragen zu widmen und uns einem solchen Standpunkt anzunähern. Nur so wird der Aufbau einer Kommunistischen Partei und auch der Aufbau einer Antikriegsbewegung und kämpferischen Gewerkschaftsfront möglich sein, durch Klarheit, Einheit und Organisation!

Quellen:

https://www.zeit.de/news/2022-02/16/loehne-steigen-schwaecher-als-verbraucherpreise?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/diw-wissenschaftlerin-im-interview-die-inflationsrate-wird-sinken/27907626.html

https://www.haufe.de/oeffentlicher-dienst/entgelt/sozial-und-erziehungsdienst-tarifrunde-2022-aktueller-stand_150_559964.html

https://www.wsi.de/de/blog-17857-tarifrunde-2022-zwischen-kaufkraftsteigerung-und-preis-lohn-preis-spirale-39299.htm

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/03/PD22_137_611.html

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/01/PD22_025_611.html

https://www.inflationsrate.com

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/klimaschutz/weniger-co2-emissionen-1790134

https://igbce.de/igbce/bruecke-in-den-herbst-gebaut-205890

https://igbce.de/igbce/alles-zum-chemie-tarifabschluss-31318

https://www.gew.de/dasgewinnenwir/fragen-und-antworten

https://www.nordkurier.de/ratgeber/wie-bekomme-ich-jetzt-die-300-euro-energiepauschale-0547732804.html

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/wie-werden-die-buerger-entlastet-101.html

https://www.dgb.de/themen/++co++9d2d8ff8-a5ff-11ec-9574-001a4a160123

https://www.dgb.de/themen/++co++2602d6d6-9bb0-11eb-93fd-001a4a160123

https://www.igmetall.de/presse/pressemitteilungen/gemeinsame-erklaerung-von-ig-metall-und-gesamtmetall

https://www.igmetall.de/politik-und-gesellschaft/internationales/krieg-gegen-die-ukraine-stoppen

https://www.verdi.de/themen/internationales/++co++b7e8b506-9fb1-11ec-ad5d-001a4a160129

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/gew-verurteilt-angriffskrieg

http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_101.htm#K14

https://www.jungewelt.de/artikel/419908.politische-ökonomie-bürgerliche-nebelschwaden.html?sstr=Inflation)

https://www.jungewelt.de/beilage/art/425243

Beschluss der VV4: Klärung der Imperialismus- und Kriegsfrage

24. Mai 2022

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Beschluss der 4. Vollversammlung, April 2022

1. Die politische Entwicklung und die damit verbundenen Streitfragen zwingen uns dazu, die Klärung der Imperialismusfrage in den Vordergrund zu stellen. Die KO organisiert in der nächsten Legislatur eine intensive, bewegungsöffentliche Auseinandersetzung zur Imperialismusfrage mit dem Ziel den Dissens in der KO und der kommunistischen Bewegung darzulegen, zu durchdringen und in eine Klärung zu überführen.

2. Diese Auseinandersetzung mit der Imperialismusfrage wollen wir im Zusammenhang mit der Beantwortung folgender Fragen organisieren: Wie ist der Militäreinsatz bzw. der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, der am 24.02.22 begonnen wurde, einzuschätzen? Ist er ein imperialistischer Angriff? Ist der Krieg imperialistisch, weil Russland ein imperialistisches Land ist? Ist der Krieg eine Verteidigungsmaßnahme? Gibt es bei diesem konkreten Militäreinsatz eine Überschneidung mit den Interessen der Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine und international? Wie muss sich demnach die Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine, Deutschland und im internationalen Maßstab zu dem Konflikt klassenkämpferisch positionieren? Zur VV5 wollen wir diese Frage der Einschätzung des laufenden Militäreinsatzes / Angriffskrieges beantworten. Der Fokus auf diese Frage zwingt uns dazu, alle für die Beantwortung nötigen Mittel – sowohl der empirischen Erhebung, der Methoden, als auch auf der Ebene der Erkenntnis der allgemeinen Entwicklungsgesetze – heranzuziehen. Er ermöglicht uns eine strukturierte und produktiv begrenzte Auseinandersetzung, in der zugleich möglichst viele Aspekte der Imperialismusdiskussion konkret entfaltet und entwickelt werden müssen.

3. Zur Klärung und Beantwortung dieser Frage wird die gesamte Organisation einbezogen. Die politische Entwicklung entlang dieser Frage hat Priorität und wird zum Schwerpunkt der Tätigkeit der gesamten KO in der nächsten Legislatur.

4. Der Kommunismus-Kongress soll organisiert werden, um den Zwischenstand unserer Auseinandersetzung mit der Imperialismus- und Kriegsfrage darzustellen und unsere weitere Klärung durch die bewegungsöffentliche Diskussion voranzubringen.

5. Die Thesen zur Kommunistischen Partei und zum Selbstverständnis der KO sind weiterhin Ausdruck einer guten Entwicklung der KO hin zu mehr Klarheit und Einheit. Sie sollen weiterhin von der VV diskutiert und beschlossen werden. Im Versuch der Klärung der Imperialismusfrage liegt großes Potential für unsere Entwicklung hin zu einer stärkeren Organisation und hin zu einem besseren Verständnis der Anforderungen an die Partei. Mit einem solchen Verständnis werden wir in der Diskussion gut an dem Stand des Selbstverständnisses anknüpfen können.

Beschluss der VV4: Aktionsorientierung der KO gegen den deutschen Imperialismus

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Beschluss der vierten Vollversammlung, April 2022

Die KO organisiert Aktionen, Kundgebungen, Demos, Veranstaltungen und weitere geeignete Formen, um entsprechend dieser Orientierung gegen den deutschen Imperialismus und gegen Faschismus und Geschichtsrevisionismus aktiv zu werden.

Wir bekämpfen die Kriegspolitik des deutschen Imperialismus, einem der mächtigsten NATO-Staaten. Wir bekämpfen die NATO, ihre Kriegspolitik und Kriegslügen und Propaganda.

Wir bekämpfen Waffenlieferungen an die Ukraine.
Keine Waffen und kein Geld an die Ukraine! Jede Waffenlieferung verlängert den Krieg und dient nur der Macht der deutschen Imperialisten und Rüstungsmonopole.

Wir bekämpfen die 100-Milliarden-Kriegskredite.
Damit will der deutsche Imperialismus sich in die Lage versetzen, eigenständig größere Kriege zu führen. Der proletarische Internationalismus gibt uns den Auftrag, das zu verhindern oder zumindest zu bekämpfen, solange wir es nicht verhindern können.

Wir bekämpfen die NATO in Deutschland, ihre Truppenverlegung nach Osteuropa und ihre Osterweiterung. Die NATO-Truppen und Einrichtungen in Deutschland sind wesentlicher Bestandteil der Kriegsführung der USA, der BRD und der NATO insgesamt. Sie sind Zentren des Militarismus und der Bedrohung für andere Länder sowie eine Gefahr für die Arbeiterklasse hierzulande.

Wir bekämpfen den Faschismus, der durch die NATO und die BRD in der Ukraine und in Osteuropa aufgebaut und bewaffnet wird – und gegen den Faschismus in unserem Land. Die Faschisten, ihr Terror und ihre brutale menschenverachtende Ideologie gehört zur deutschen und NATO-Kriegspolitik. Es ist unsere Pflicht, die Faschisten zu bekämpfen, wo wir sie treffen.

Wir bekämpfen die Rehabilitierung des Faschismus und den Geschichtsrevisionismus. Die Reinwaschung der Faschisten dient dazu, die deutsche bürgerliche Klasse von ihrer Kriegsschuld reinzuwaschen, um neue Kriege vom Zaun brechen zu können – dazu dient der Geschichtsrevisionismus.

Wir bekämpfen den deutschen Chauvinismus, die antirussische und allgemein rassistische Hetze und das Verbot von sowjetischen, russischen und den Fahnen der Volksrepubliken, Symbolen und Zeichen. Die rassistische und chauvinistische Hetze gegen Russland, gegen sein Volk und seine Kultur wird von den Herrschenden befeuert und dient zur ideologischen Mobilmachung.

Wir kämpfen gegen die Verfolgung, Einschüchterung und Bedrohung unserer russischen Mitbürger. Wir kämpfen gegen die Ungleichbehandlung Geflüchteter aus anderen Ländern.

Mit dem in unserer Organisation bestehenden Dissens zur Imperialismus- und Kriegsfrage gehen wir offen um und nutzen ihn, um offensiv die Notwendigkeit eines kommunistischen Klärungsprozesses in die Bewegung zu tragen. Individuelle Analyse und Position kennzeichnen wir gegenüber Dritten als solche.

Auf der Straße gegen die NATO-Kriegspolitik

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Bericht vom Ostermarsch 2022 

Angesichts der sich zuspitzenden Eskalationspolitik des Westens gegen Russland, der damit verbundenen Rehabilitierung des historischen wie aktuellen Faschismus und der Mobilisierung einer auf Russophobie, Sparmaßnahmen, Aufrüstung und Krieg  getrimmten „Heimatfront“ war die Teilnahme an den diesjährigen Ostermärschen aus unserer Sicht besonders wichtig. Vor diesem Hintergrund beteiligte sich die Kommunistische Organisation an Demonstrationen in zahlreichen Städten in der gesamten BRD: In Berlin, Chemnitz, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Leipzig, Mannheim und Stuttgart gingen unsere Genossen auf die Straße, um gegen die Kriegs- und Sanktionspolitik der NATO, das Aufrüstungsprogramm der Bundesregierung und die Waffenlieferungen an die Ukraine, gegen antirussischen Rassismus, die Rehabilitierung des Faschismus und Antikommunismus zu demonstrieren. Zugleich ging es uns darum, mit anderen Teilen der kommunistischen und der Friedensbewegung über die großen Dissense, die sich angesichts der russischen Militärintervention sowohl bei uns als auch in weiten Teilen der Bewegung auftun, ins Gespräch zu kommen. Hierzu verteilten wir unseren Ostermarsch-Flyer, machten auf unsere Diskussionstribüne zur Imperialismusfrage aufmerksam und warben für den im September angesetzten Kommunismus-Kongress

In allen Städten konnten wir erfreut feststellen, dass die Beteiligung dieses Mal größer war als in den vergangenen Jahren: In Frankfurt etwa waren ca. 3.000 Leute auf der Straße, in Stuttgart rund 2.500, in Hamburg über 2.000, in Berlin etwa 1.500 und in Düsseldorf mehrere Hundert. In den meisten Städten wurde zudem klar Position gegen den Militarisierungs- und Aufrüstungskurs der Ampel-Koalition bezogen. Trotzdem fehlte es meist an einer klaren Stoßrichtung und an kämpferischen Parolen. Zudem tauchten überall immer wieder einzelne Ukraine- oder auch EU-Fahnen auf, auch wenn die Ostermärsche nicht, wie von manchen befürchtet, von jenen verhetzten, NATO-begeisterten Kleinbürgermassen gekapert wurden, die in den Tagen nach dem 24. Februar von den Parteien und Medien der Herrschenden allerorts mobilisiert wurden. In Düsseldorf störte eine Handvoll Provokateure mit einer NATO-Fahne, einer Ukraine-Flagge und einem Banner mit dem Schriftzug „Free Europe from Nazi-Putin“ die Abschlusskundgebung des Ostermarschs. Sie wurden jedoch von Demonstranten umstellt und isoliert und schließlich unter „NATO raus!“-Rufen des Platzes verwiesen. Ebenfalls zu Provokationen, diesmal vonseiten Einzelner aus dem „linksautonomen“ Spektrum, kam es in Dresden.

In Leipzig nahmen unsere Genossen unter dem Motto „Waffenlieferungen stoppen, keine Unterstützung für Faschisten – Nein zum Krieg heißt Nein zur NATO!“ am dortigen Ostermarsch teil. Gegenüber des Leipziger Hauptbahnhofs wurde eine Rede der KO gehalten, die vor allem durch ihre klare Position gegen den Hauptfeind, den NATO- und BRD-Imperialismus, auf viel Zustimmung stieß. Auch in Frankfurt gingen wir mit der Hauptstoßrichtung gegen Waffenlieferungen und Aufrüstung einerseits und gegen den sich ausbreitenden antirussischen Rassismus und die westliche Unterstützung für ukrainische Faschisten auf die Straße. Zugleich setzten unsere Genossen auch ein Zeichen gegen die antikommunistischen Kriminalisierungsversuche der Staatsgewalt, indem sie in vorderster Reihe die Fahne der Sowjetunion hoch hielten, was von Teilen der Demonstration durchaus positiv aufgefasst wurde. Die Frankfurter Polizei schritt trotz der von ihr verhängten abstrusen Auflagen, wonach das Zeigen der Flagge der UdSSR verboten war, nicht ein. In Stuttgart führten Genossen von uns zudem Palästina-Fahnen mit, obwohl dies von der Demo-Leitung explizit „nicht erwünscht“ war. Auch diese Durchsetzung internationalistischer Positionen sehen wir als zwar kleinen, aber absolut notwendigen politischen Erfolg. 

In Berlin ging es im Anschluss an den Ostermarsch zur Ehrung Ernst Thälmanns anlässlich dessen 136. Geburtstages. Die CDU-Fraktion der lokalen Bezirksverordnetenversammlung forderte erst kürzlich, das berühmte Thälmann-Denkmal im Stadtteil Prenzlauer Berg einzuschmelzen und die Materialeinnahmen an die von Faschisten durchsetzte ukrainische Regierung zu spenden. Diesem neuerlichen Akt des Geschichtsrevisionismus setzten wir unser Erinnern an Ernst Thälmann entgegen: Als Führer der KPD, des Rotfrontkämpferbundes und der Antifaschistischen Aktion kämpfte er in vorderster Reihe gegen die Nazis und wurde dafür 1944 auf Hitlers persönlichen Befehl hin ermordet. Sein konsequentes Handeln und sein Mut sind uns in einer Zeit, in der hierzulande Faschismus und Krieg wieder rehabilitiert, in der ukrainische Neonazis hofiert und kommunistische Symbole kriminalisiert werden, ein Vorbild! 

Zu Zweck und Inhalt der Programmatischen Thesen

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Von Tom Hensgen und Thanasis Spanidis

Einer der letzten Diskussionsbeiträge war mit „Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen (PTh) der KO“ übertitelt. Dieser Titel war nicht zufällig gewählt. Es ging dabei darum, mit Argumenten und Fakten zu belegen, dass die KO bereits ein Imperialismusverständnis besitzt und dass dieses Verständnis das Wesen der Sache richtig trifft. Es ging auch darum, dass der Tendenz einiger Genossen, unsere programmatischen Grundlagen in ihrer Bedeutung für die Organisation zu relativieren, eine Absage erteilt werden muss.

Klaras und Philipps neue Diskussionsbeiträge belegen aus unserer Sicht nun eindeutig, wie richtig und wichtig das war. Denn Klara scheint den Verweis auf die nach wie vor geltenden PTh als „Verhärtung der Lager“ zu verstehen. Ist es das? Ist das Beharren darauf, dass wir uns auf eine verbindliche inhaltliche Grundlage geeinigt haben die Ursache der Entstehung von inhaltlich stark divergierenden, teilweise gegensätzlichen „Lagern“ in der KO?

Wir meinen, die Ursache der Entstehung von Lagern liegt doch woanders und dass es überhaupt notwendig geworden ist, daran zu erinnern, dass wir eine programmatische Grundlage haben, ist eine Folge dieser Lagerbildung – und nicht umgekehrt. Weshalb genau jetzt eine Reihe von Genossen relativ plötzlich zu der Einschätzung gekommen ist, mit der Imperialismusanalyse in den PTh würde grundsätzlich etwas nicht stimmen, können wir nicht genau beurteilen. Diesen Prozess können die Genossen selbst genauer darstellen, wenn sie möchten. Uns scheint aber eindeutig zu sein, dass die Verschärfung der zwischenimperialistischen Auseinandersetzungen dazu geführt hat, dass Mängel im Verständnis des Imperialismus, die einige Genossen aufweisen, nun deutlich zutage treten und sich in einer völlig falschen politischen Orientierung äußern.

Es ist zunächst einmal richtig: Wir haben die PTh in dem Bewusstsein verabschiedet, dass es später möglich sein wird, sie zu überarbeiten, zu erweitern und zu korrigieren. Das allein ist noch kein Unterschied zu einem Programm, denn auch ein solches kann und muss mit der Zeit immer wieder angepasst und überarbeitet werden, um den aktuellen Gegebenheiten zu entsprechen. Es ist allerdings auch richtig, dass die PTh noch kein ausgewachsenes Programm einer KP darstellen. Deshalb finden sich darin auch nicht nur klare Aussagen (diese finden sich allerdings sehr wohl), sondern auch Punkte, die vertiefend geklärt werden sollen.

All das ändert aber nichts an einer entscheidenden Tatsache: Die Programmatischen Thesen wurden nicht als ein „Arbeitspapier“ beschlossen, wo man einfach mal einen aktuellen Stand festhalten wollte. Philipp schreibt richtigerweise: „Im Prozess vor der Konstituierung gab es Genossen, die eine Standortbeschreibung abgelehnt hatten und einen ganz offenen (auch gegenüber trotzkistischen und maoistischen Gruppen) Prozess wollten. Diesen Weg sind wir zum Glück nicht gegangen, er wäre schnell im Chaos und in der Beliebigkeit geendet und er hätte fundamental unseren bisherigen Grundfesten insbesondere zur Geschichte der Kommunistischen Bewegung widersprochen. Deshalb ist zum Beispiel der Bezug der Thesen auf die DDR als größte Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung und auf die Sowjetunion als größte Errungenschaft der internationalen Arbeiterbewegung sehr zentral.“. Völlig unklar bleibt aber, warum die Charakterisierung der DDR wichtiger und zentraler gewesen sein soll als unsere Einschätzung zum Imperialismus und die Abgrenzung von bestimmten Imperialismusvorstellungen, die von den opportunistischen Teilen der kommunistischen Bewegung vertreten werden. Die Haltung zu imperialistischen Mächten und ihren Kriegen ist wohl kaum weniger entscheidend als die Einschätzung sozialistischer Staaten der Vergangenheit.

Worin besteht also nun der Charakter der Programmatischen Thesen?

Erstens wurden sie als die inhaltliche Grundlage der Kommunistischen Organisation beschlossen. In den PTh selbst steht dazu: „Die vorliegenden programmatischen Thesen sind die vorläufige inhaltliche Grundlage unserer Organisation. Diese dienen uns als Richtschnur, an der wir unsere Praxis ausrichten. Sie sind die Arbeitsgrundlage für die Analyse der historischen Periode, in der wir uns befinden“. Dass diese Grundlage vorläufig ist, liegt in der Natur der Sache. Niemand fordert einen Ewigkeitsanspruch für dieses Dokument. Einen solchen Anspruch kann – wie gesagt – auch ein ausgearbeitetes Parteiprogramm nie erheben. Es ist immer möglich, Änderungen auf einer Vollversammlung/einem Kongress zu beantragen.

Trotzdem gilt uneingeschränkt: Bis ein neues Programm beschlossen oder die Programmatischen Thesen überarbeitet sind, sind sie die gültige programmatische Grundlage der KO. Das war auch die bisherige Praxis bei der Aufnahme neuer Genossen. Für die Führung gilt das in einem besonderen Maße: Gerade sie ist an die Programmatischen Thesen gebunden.

Tatsächlich ist es sehr gefährlich, den Charakter der PTh als verbindlicher programmatischer Grundlage zu relativieren. Denn ohne eine solche Grundlage gibt es keinen Demokratischen Zentralismus. Die KO würde ohne die PTh im Wesentlichen auf einen bloßen Diskussionszirkel herabsinken. Sie wäre keine Organisation im engeren Sinne mehr und sollte dieses Wort wohl auch nicht mehr im Namen führen.

Zweitens entstanden die PTh nicht aus einer Laune heraus, sondern als Ergebnis eines Diskussionsprozesses. Der Genosse Edgar Kunze hat in einem Diskussionsbeitrag aufgezeigt, dass die Diskussion um den russischen Imperialismus bereits Jahre vor der Konstituierung der KO in der DKP und SDAJ geführt wurde. Bedauerlicherweise hat er aber die inhaltliche Positionierung ausgelassen, die von unserer Seite, damals noch als Mitglieder der DKP, in dieser Diskussion stattgefunden hat (zwar etwas später im Jahr 2017, da allerdings auch als Ergebnis von längeren, überwiegend mündlich geführten Diskussionen). Dass auch von Genossen, die maßgeblich an der Gründung der KO beteiligt waren, die Diskussion um den Imperialismus und besonders auch die Rolle Russlands und Chinas geführt wurde, sollte berücksichtigt werden, weil es ein anderes Gesamtbild ergibt. Es ist daher notwendig, an dieser Stelle ausführlich aus einem damaligen Beitrag zu zitieren:

In der kommunistischen Bewegung stehen aktuell verschiedene Auffassungen darüber, wie die Leninsche Imperialismustheorie auf die heutigen Verhältnisse anzuwenden ist, gegeneinander. Nach einer Lesart, die auch in der DKP vorherrschend ist, ist der Imperialismus vor allem als Dominanz einer relativ kleinen Gruppe westlicher Staaten zu verstehen, die sich den Großteil der restlichen Welt unterwerfen. Afrika, Lateinamerika und viele Länder Asiens, aber nach manchen Lesarten selbst europäische Länder wie Griechenland, Portugal oder Osteuropa, sind demnach einfach abhängige Staaten. Dabei beruft man sich auf Lenins Unterscheidung zwischen unterdrückenden und unterdrückten Nationen. Manchmal wird diese Abhängigkeit auch als „Neokolonialismus“ beschrieben, womit betont wird, dass der Kolonialismus nie wirklich überwunden wurde, sondern nur andere Formen annahm. Nach vielen Vertretern dieser Deutung gelten die Rivalen der USA und EU, hauptsächlich Russland und China, teilweise aber auch Länder wie Brasilien, nicht als imperialistisch; von manchen werden sie sogar als objektiv antiimperialistisch charakterisiert, da sie dem westlichen Vormachtstreben Widerstand leisten. Erst recht gilt das für kleinere Staaten, die in Opposition zur Vorherrschaft der NATO-Mächte stehen, z.B. Syrien, Iran, Venezuela, Ecuador, Bolivien.

Im Widerspruch dazu steht eine andere Imperialismusanalyse, die heute von einer Reihe kommunistischer Parteien vertreten wird. Demnach ist der Imperialismus viel stärker als ein internationalisiertes System von Produktionsbeziehungen zu verstehen, das alle kapitalistischen Länder umfasst. Der Imperialismus ist also nicht nur eine „Eigenschaft“ einiger Führungsmächte, sondern weil seine ökonomische Grundlage, der Monopolkapitalismus, in alle Ecken der Welt eindringt, sind auch grundsätzlich alle diese Länder Teil desselben imperialistischen Weltsystems. Antiimperialismus kann demnach nur bedeuten, das imperialistische System, d.h. den Monopolkapitalismus zu bekämpfen. Und da es kein Zurück zu einem nichtimperialistischen Kapitalismus geben kann, ist Antiimperialismus zwangsläufig antikapitalistisch. Die Vorstellung, eine nationale Unabhängigkeit vom Imperialismus erkämpfen zu können, ohne mit dem Kapitalismus zu brechen, ist demnach eine Illusion.

Von einem weltumfassenden imperialistischen System zu reden, bedeutet aber noch lange nicht, dass die einzelnen Staaten darin auf gleicher Stufe stehen. Im Gegenteil entwickelt der Kapitalismus sich je nach Land hochgradig ungleichmäßig. Daraus ergeben sich Hierarchien und Abhängigkeiten, die zwar auf Gegenseitigkeit beruhen, aber trotzdem sehr ungleich sind – so sind die USA auch von Mexiko abhängig, aber lange nicht so stark wie umgekehrt. Aus diesen Ungleichgewichten entstehen auch ständige Widersprüche und Konflikte zwischen den Staaten. Daher wurde für diese Analyse das Bild einer imperialistischen Pyramide geprägt, in der es zahlreiche Abstufungen gibt, aber alle Teil desselben Systems sind (zum Begriff der imperialistischen Pyramide: Aleka Papariga 2013: Über den Imperialismus und die imperialistische Pyramide, auf deutsch übersetzt unter: http://kommunisten-online.de/uber-den-imperialismus-und-die-imperialistische-pyramide/ ; KKE 2015: The imperialist unions, the inter-imperialist contradictions and the stance oft he communists, online: http://www.iccr.gr/en/news/The-imperialist-unions-the-inter-imperialist-contradictions-and-the-stance-of-the-communists/ ).

Die politischen Konsequenzen liegen jeweils auf der Hand: Während aus der ersten Analyse die Unterstützung bürgerlicher Regierungen und Staaten folgen kann, wenn diese als nicht imperialistisch oder gar antiimperialistisch eingeordnet werden, richtet sich die zweite Position notwendigerweise gegen das imperialistische und kapitalistische System als Ganzes.“i

Es ist sehr irreführend, wenn nun so getan wird, als seien die PTh nicht aus einer Diskussion hervorgegangen und als wäre nicht gerade auch die Positionierung zum Imperialismus das Ergebnis einer solchen Diskussion gewesen. Dass nicht alle Genossinnen und Genossen diese Diskussion im gleichen Maße durchdrungen haben, mag schon so sein. Das wird aber immer so sein, da sich unserer Bewegung immer wieder neue Leute anschließen, die sich die Komplexität der Diskussionen erst einmal mühevoll erarbeiten müssen. Ist das aber ein Grund, den bereits erreichten kollektiven Stand abzuwerten und zu relativieren?

Drittens besteht kein Widerspruch zwischen der uneingeschränkten Gültigkeit der Programmatischen Thesen als programmatischer Grundlage und der „Kritik und Selbstkritik und Offenheit der Diskussion“, wie Klara sie einfordert. Es ist doch sehr verwunderlich, wieso auf einmal das Pochen auf die Gültigkeit der programmatischen Grundlage in einem Gegensatz dazu gestellt wird, dass man offen diskutieren kann. Offen diskutieren, das kann und soll man und es ist sehr gut, dass wir das gerade tun. Aber Grundlage unserer Positionierung und auch der Aufnahme neuer Genossinnen und Genossen sind und bleiben die PTh. Daran gibt es nichts zu rütteln. Mit „Dogmatismus“, den Klara zu wittern meint, hat das alles wenig zu tun.

Viertens ist es inakzeptabel, wenn die eindeutigen Aussagen der PTh zum Imperialismus nun relativiert werden, weil man selbst inzwischen vielleicht lieber hätte, dass da eine andere Formulierung stünde. Klaras Beitrag liest sich so und soll wohl auch den Eindruck erwecken, aus den PTh ließe sich alles Mögliche ableiten.

Klara schreibt: „Ich meine, dass ein konsititutives (sic) Charakteristikum dieses Systems die Weltbeherrschung durch bestimmte Monopole und ihrer Staaten bedeutet“. Wie sie das meint, kann man in ihrem Beitrag „Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung“ nachlesen: Sie geht von einer „unipolaren“ Beherrschung der Welt durch die USA, ggf. im Bündnis mit einer Handvoll anderer „Räuber“ aus. Weshalb diese Analyse nicht nur falsch ist, sondern auch dem Verständnis der PTh widerspricht, wurde in dem Beitrag „Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen der KO“ aufgezeigt. In den PTh steht eben doch eindeutig etwas anderes, was sie auch selbst zitiert: „Wir kämpfen aber Seite an Seite mit unseren Genossen auf der ganzen Welt gegen den Imperialismus als Ganzes, als weltweites System. Besonders hervorzuheben sind daher auch die EU als imperialistisches Bündnis, die aufstrebenden Ökonomien der BRICS-Gruppe und der US-Imperialismus als nach wie vor militärisch gefährlichster imperialistischer Pol der Welt“.

Klara meint nun, man könnte diese Passage ganz unterschiedlich deuten („auch wenn es insofern interpretationsoffen ist, dass man auch daraus ableiten könnte, dass die BRICS imperialistisch sind“). Wirklich? Will irgendjemand ernsthaft behaupten, es wäre uneindeutig, wie diese Passage gemeint war und ist? Es ist doch wohl recht eindeutig: Es geht um den „Imperialismus als Ganzes, als weltweites System“. Der Kampf gegen diesen, als Gesamtsystem, ist das Wesentliche unserer Strategie. In diesem Kontext, quasi als Unterpunkte der Überschrift „Imperialismus“, werden nun die EU, die BRICS-Gruppe und die USA konkret genannt. Es ist wirklich unklar, wie diese Aussagen anders interpretierbar sein sollen, als dass den genannten Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika – ein auch imperialistischer Charakter zugeschrieben wird.

Noch klarer wird das durch diese Passage: „Diese These ist jedoch falsch. Sie beruht auf der falschen Vorstellung, der Imperialismus sei die Vorherrschaft einiger, „westlicher“ oder „nördlicher“ Staaten wie der USA, Westeuropas und Japans“. Ist das wirklich interpretationsoffen? Oder wird hier nicht vielmehr einer Vorstellung, wie Klara sie eindeutig in ihrem Diskussionsbeitrag zum Imperialismus vertritt, eine unmissverständliche Absage erteilt?

Klara zitiert auch folgende Aussage der PTh: „Es ist falsch, bestimmten, relativ unterlegenen imperialistischen Polen innerhalb dieses Systems eine prinzipielle Friedensfähigkeit oder fortschrittliche Rolle zuzuschreiben. Die fatale Konsequenz aus solchen Fehleinschätzungen ist, dass die Arbeiterklasse sich unter der Fahne fremder Interessen, nämlich des einen oder anderen imperialistischen Pols sammelt“. Leider arbeitet sie sich dann aber an den Punkten „prinzipielle Friedensfähigkeit“ und „fortschrittliche Rolle“ ab. Das war bisher tatsächlich nicht der Kern der Debatte, auch wenn Philipp in Russland tatsächlich eine „nationale Bourgeoisie“ auszumachen glaubt, die „in dem (begrenzten) Sinne fortschrittlicher ist, dass sie Bedingungen zur erfolgreichen Akkumulation des Kapitals herstellen willii. Entscheidender ist aber der zweite Satz des Zitates, auf den Klara leider gar nicht eingeht: Nämlich die deutliche Warnung vor einer „fatalen Konsequenz“, die da lautet: „sich unter der Fahne fremder Interessen, nämlich des einen oder anderen imperialistischen Pols“ zu sammeln. Wir haben diesen Satz sehr bewusst in die PTh geschrieben. Er schließt an der Position der Bolschewiki und der anderen internationalistischen Teile der sozialistischen Bewegung zum Ersten Weltkrieg an: Damals fand genau dieses Sammeln unter der Fahne des Imperialismus statt. Auch damals sprachen viele Opportunisten dem Imperialismus keine „prinzipielle Friedensfähigkeit“ zu. Auch damals wurde lediglich eine „Überschneidung der Interessen der Arbeiterklasse“ mit denen des einen oder anderen imperialistischen Pols behauptet: Sei es nun Deutschland, das vor der russischen Autokratie beschützt werden müsse oder Frankreich, das vor dem Militarismus der „Hunnen“ zu verteidigen sei oder „Mütterchen Russland“, das die deutsche Invasion abwehren müsse… natürlich immer nur, um Schlimmeres zu verhindern.

Kommen wir zurück zu den Programmatischen Thesen. Diese sind doch recht klar in einigen wesentlichen Aussagen: Erstens, Russland ist ein imperialistischer Akteur innerhalb eines imperialistischen Weltsystems. Zweitens, die Konflikte zwischen Russland/China einerseits und den USA, der NATO, der EU andrerseits sind zwischenimperialistische Konflikte. Die daraus hervorgehenden Kriege sind zwischenimperialistische Kriege. Drittens, wir als Kommunisten dürfen uns unter keinen Umständen auf eine der beiden Seiten stellen. Das ist die grundlegende Orientierung der PTh. Wenn einige nun die „Äquidistanz“ als Hauptgefahr in der kommunistischen Bewegung zu erkennen glauben, obwohl dies ein reiner Strohmann ist, so findet sich im Gegensatz dazu in den PTh keinerlei Grundlage dafür. Wenn Philipp den in den PTh erreichten Stand trivialisiert, indem er behauptet, „Im Abschnitt zum Imperialismus beschreiben wir zunächst auf sehr allgemeiner Ebene den Imperialismus vor allem auf ökonomischer Ebene als Monopolkapitalismus und bestimmen damit die Epoche. Das ist auch der Hauptzweck der Thesen in diesem Abschnitt – die Epoche zu bestimmen im größeren historischen Sinne“, dann ist das nicht richtig. In Wirklichkeit haben wir sehr viel mehr als nur solche allgemeinen Aussagen festgehalten.

Deshalb kommt Klara auch letzten Endes selbst nicht umhin, ihren Widerspruch zu den PTh offen zu artikulieren: „Die Begründung der Kritik jedoch, die in den PTh geliefert wird, finde ich falsch und irreführend. Erstens ist es ein Charakteristikum der imperialistischen Epoche des Kapitalismus, dass es die Vorherrschaft einiger Staaten gibt, zweitens ist die Tatsache, dass der Imperialismus eine gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus ist, keine Begründung für die Nicht-Existenz von Vorherrschaft.“. Auch Philipp schreibt an verschiedenen Stellen, dass er die durchaus klaren PTh für „missverständlich“ oder „wenig nützlich“ einschätzt. Die PTh würden angeblich die angebliche „weltbeherrschende Rolle“ des Westens relativieren – das tun sie in der Tat, allerdings bewusst und zurecht, da die Vorherrschaft des Westens in der Tat sehr viel relativer und stärker infrage gestellt ist, als Klara und Philipp es sehen wollen. Fakten dazu liefert der Artikel von Thanasis „Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen“.

Nun, natürlich behauptet niemand, dass es keine „Vorherrschaft“ im imperialistischen System gäbe. Die Frage ist doch vielmehr, ob man diese als absolute Vorherrschaft eines Pols betrachtet (so Klara, Philipp und Alexander in ihren Diskussionsbeiträgen) oder, wie die PTh, als eine relative Vorherrschaft an der Spitze der „Pyramide“, die sich zudem der „Westen“ inzwischen mit China und auch anderen Ländern teilen muss. Die Charakterisierung des Imperialismus als monopolistischer Kapitalismus steht eben sehr wohl im Gegensatz zu einer solchen Auffassung, die glaubt, Imperialismus wäre lediglich am obersten Punkt der Spitze der Hierarchie zu finden, also da wo es piekst, wenn man sich draufsetzt. Denn es ist nicht zu bestreiten, dass das gesellschaftliche Verhältnis des Imperialismus sich auch auf den niederen Stufen dieser Pyramide findet.

Philipp macht klar, wie sehr sein Standpunkt im Gegensatz zu den PTh steht, wenn er schreibt, die Aufzählung von EU, BRICS und USA wäre „falsch, sie missachtet das tatsächlich herrschende Machtverhältnis auf politischer, ökonomischer und militärischer Ebene“. Und: „Es ist auch eine oberflächliche und unrealistische Aussage, gegen den „Imperialismus als Ganzes“ zu kämpfen – so etwas gibt es in der Realität nicht. Ich denke nicht, dass uns dieser Fehler bewußt (sic) war, das macht ihn aber nicht besser“. Diese Aussage hat es in sich – Philipp unterstellt hier unserem Kollektiv, es sei quasi „unbewusst“ in die Positionierung geschlittert, dass wir gegen den Imperialismus als Ganzes, als Weltsystem kämpfen. Dem ist nicht so. Diese Formulierung war kein Versehen, sondern eine bewusste Stellungnahme gegen ein Verständnis von „Antiimperialismus“, das damit nur eine Ausrichtung gegen den US-Imperialismus oder den „Westen“ meint.

Nun sagen die PTh auch etwas zum „Hauptfeind“: „Als Kommunisten in Deutschland sehen wir den deutschen Imperialismus, d.h. die deutsche Monopolbourgeoisie und ihren Staat als unseren Hauptgegner an“. Klara interpretiert das, man könne diesen Kampf auch führen, indem man ausschließlich den deutschen Imperialismus (ggf. noch seine Verbündeten, also USA etc.) angreift. Das ist allerdings damit ganz eindeutig nicht gemeint, wie der Satz davor („Der antiimperialistische Kampf muss sich deshalb gegen das Kapital und das kapitalistische System als Grundlage des Imperialismus richten“) und der Satz danach („Wir kämpfen aber Seite an Seite mit unseren Genossen auf der ganzen Welt gegen den Imperialismus als Ganzes, als weltweites System“) mehr als deutlich machen. Gegen den Imperialismus als System zu kämpfen schließt doch wohl logisch ein, auch gegen alle Staaten zu kämpfen, die dieses System stützen, einschließlich Russland und China. Ansonsten müsste man sich auch fragen, wie die Orientierung gegen den „Hauptfeind“ mit der Aussage in Einklang zu bringen wäre, sich auf keine Seite eines zwischenimperialistischen Konfliktes zu stellen.

Was ist das Problem mit der von Klara vorgeschlagenen Orientierung? Wäre es jetzt eine mögliche Lösung, einfach Parolen gegen den deutschen Imperialismus aufzustellen, ohne sich zum Krieg Russlands zu äußern? Allein die Vorstellung ist absurd: Wir würden damit auf die Straße gehen, anlässlich eines gerade stattfindenden Krieges, der in erster Linie vom russischen Imperialismus aktiv geführt wird (Ja, es ist ein Unterschied, ob man mit über 100.000 Soldaten in einem anderen Land Krieg führt, oder ob man „nur“ Waffen und Geld in dieses Land schickt, um eine Kriegspartei zu unterstützen). Wir würden aber zu diesem Krieg selbst eigentlich gar nichts sagen können, außer dass wir die Beteiligung Deutschlands daran ablehnen. Auf die dann zwangsläufig und zurecht kommende Frage, wie wir denn den Krieg und die Rolle Russlands einschätzen, könnten wir keine Auskunft geben. Oder schlimmer noch: Jeder würde das sagen, was er persönlich denkt. Ein einheitliches Agieren als Organisation wäre das nicht. Es würde auch zur Diskreditierung der KO innerhalb der Friedensbewegung beitragen, indem falsche Positionen, die das Morden an der ukrainischen Arbeiterklasse gutheißen, in unserem Namen auf die Straße getragen würden.

Was ist überhaupt der Sinn davon, dass Kommunisten mit ihren Positionen in Auseinandersetzungen eingreifen? Man möchte meinen, es ginge darum, Aufklärung über das Wesen der Dinge, über die Ursachen der Widersprüche und den Weg zu ihrer Lösung zu leisten. Genau das passiert durch die einseitige „Hauptfeind“-Fokussierung aber nicht, ganz im Gegenteil. Das Wesen des Krieges, nämlich das Aufeinanderprallen imperialistischer Interessen, wird nicht nur nicht benannt, es wird sogar verschleiert. Denn wenn der Krieg allein als Folge der aggressiven Politik eines Blocks dargestellt wird, erscheint die Außenpolitik der USA als das Hauptproblem, und nicht mehr die Widersprüche des imperialistischen Systems. Unsere Agitation und Propaganda wäre somit keine Aufklärung im Sinne der Arbeiterklasse mehr, sondern würde einfach dem russischen Imperialismus in die Hände spielen.

Am Ende verweist Klara darauf, dass wir in den PTh eine Reihe von Fragen zur Klärung festgehalten haben. Das ist richtig. Die „Entwicklung des Kapitalismus in Russland und China sowie die Formen ihrer Einbindung in das imperialistische Weltsystem“ wollten wir uns tatsächlich noch genauer ansehen. Wie gezeigt wurde, bedeutet das nun nicht, dass wir diese „Entwicklung des Kapitalismus“ und die „Formen ihrer Einbindung“ nicht auch damals schon glaubten einschätzen zu können. Heute, vier Jahre später, hat sich das Verständnis dieser Fragen sicherlich eher weiterentwickelt. Dazu haben auch verschiedene Publikationen beigetragen, z.B. „Zum ‚Handelskrieg‘ zwischen den USA und China“ oder „Machtverschiebungen in der imperialistischen Pyramide in der ‚Coronakrise‘“.

Klara verweist auf die Notwendigkeit weiterer Klärung. Sicherlich, eine weitere Vertiefung unseres Verständnisses des russischen und chinesischen Imperialismus, des Imperialismus als Weltsystem überhaupt, ist notwendig. Diese Notwendigkeit wird sich aber auch in ein paar Jahren nicht erledigt haben. Sie bleibt eine ständige, für immer unvollendete Arbeit. Wir können unser Verständnis hierzu lediglich verbessern und nie abschließen. Es stellt auch niemand infrage, dass hierzu eine Diskussion mit der DKP und SDAJ notwendig ist. Hier ist Bescheidenheit unsererseits in der Tat angebracht – hat sich doch gerade in den letzten Wochen gezeigt, dass die SDAJ eher in der Lage war, eine korrekte internationalistische und leninistische Position zum Ukrainekrieg einzunehmen als die KO. Hier sollten wir den Austausch suchen.

Klara geht es aber eigentlich um etwas anderes: „Ich gehe davon aus, dass die faktenreichen Darlegungen in den letzten Diskussionsbeiträgen, die in diese Richtung argumentieren, nicht diese Vertiefung meinen können“. „Leider scheint es bei manchen Beiträgen so, als müssten jetzt nur ein paar Daten und Fakten aneinandergereiht werden und so wäre die eine oder andere These belegt und basta. So ist es nicht.“

Wie sie zu diesen Einschätzungen kommt, erklärt sie leider nicht. Weder wird klar, wie sie dazu kommt, die verschiedenen Diskussionsbeiträge, die im Gegensatz zu ihrem weitgehend faktenfreien eigenen Beitrag nun endlich eine sachliche Fundierung der Diskussion versuchen (hier sind die Beiträge von Fatima Saidi, Bob Oskar, Pablo Medina und Thanasis Spanidis zu nennen), als Aneinanderreihung von Daten und Fakten abzuqualifizieren. Wird darin nicht eine theoretische und konzeptionelle Einordnung dieser Daten geleistet? Wenn sie dieser Einordnung widerspricht, wäre es hilfreicher, eine alternative Deutung zu entwickeln, anstatt zu leugnen, dass sie überhaupt stattfindet.

Noch wird nachvollziehbar, wieso Klara meint, die „faktenreichen Darlegungen“ wären nicht bereits Teil der von ihr geforderten „Klärung“ und „Vertiefung“. Was denn bitte sonst? Klara scheint mit „Klärung“ einen Prozess zu meinen, der nicht im Hier und Jetzt stattfindet und zu einem Teil auch bereits stattgefunden hat, sondern einen metaphysischen Zustand der allgemeinen und vollkommenen Erleuchtung, den wir irgendwann in ferner Zukunft erreichen können. Und bis dahin scheinen ihr die Programmatischen Thesen auch nur von begrenzter Gültigkeit zu sein.

All das bedeutet nicht, dass mit irgendeinem der bisher geschriebenen Beiträge „das letzte Wort“ gesprochen wäre und die Diskussion sich erledigen würde. Nein, wir müssen unser Verständnis – wie nun schon mehrfach betont – weiter vertiefen. Vertiefen heißt aber ganz ausdrücklich nicht, dass wir unsere Analyse über Bord werfen sollten. Denn dann werfen wir uns selbst, als eine Organisation mit einer klaren Grundlage, die im offenen Widerspruch zu dem von anderen Teilen der Bewegung entwickelten Verständnis steht, mit über Bord.

i Thanasis Spanidis/ Jona Textor/ Bob Oskar/ Antonio Veiga 2017: Worum geht es bei den Diskussionen in DKP und SDAJ? Thesen zur Strategie-, Organisations- und Imperialismusdebatte; Leider wurde dieser Artikel inzwischen von der Website der DKP entfernt.

ii Philipp Kissel: Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland.

Von Bildern, imperialistischen Ländern und Schiedsrichtern

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von Patrick Honer

Übersicht

  1. Vorbemerkungen
  2. Pyramide als Bild
  3. Zur Beschreibung der Rolle und des Charakters eines Landes
  4. Aufklärer statt Schiedsrichter – Die Agitation und Propaganda der Kommunisten
  5. Literaturverzeichnis

Vorbemerkungen

Die Frage nach dem Charakter des Imperialismus ist neben der – äußerst eng damit verbundenen – Frage nach Strategie und Taktik entscheidend für den revolutionären Charakter einer Organisation oder Partei. Wir handeln dementsprechend richtig, wenn wir unsere Dissense, Zweifel, Fragen nicht länger ignorieren, sondern sie bewusst angehen wollen. Ich würde ergänzend hinzufügen: Es ist nicht nur jetzt richtig, so zu handeln, es war auch in den letzten Monaten, ggf. seit der Diskussion um Afghanistan, spätestens seit der Diskussion um den Einsatz der OVKS Truppen in Kasachstan ein Versäumnis, nicht intensiver in die Diskussion einzusteigen und hierbei auch unsere bisherigen Beschlüsse, vor allem die Programmatischen Thesen in die Diskussion miteinzubeziehen.

Es wurden jetzt schon einige Diskussionsbeiträge veröffentlicht – ich will nicht alles, was ich teile wiederholen, ich will an dieser Stelle auch nicht alles, was ich falsch finde kritisieren. Ich versuche hier vielmehr drei mehr oder weniger zusammenhängende Einwürfe: Beginnend mit Überlegungen zum Unterschied von Bild, Theorie und Modell– was bezogen auf das Bild der Pyramide meiner Ansicht nach für Verwirrung gesorgt – werde ich daraufhin meine Gedanken zur Frage, wie die Rolle eines Landes, wie sein Charakter bestimmt werden kann vorstellen und abschließen möchte ich mit einem Versuch, die allgemeinen Aufgaben der Kommunisten – vor allem bezogen auf die Agitation und Propaganda – am konkreten Beispiel darzustellen.

Pyramide als Bild

Die „imperialistische Pyramide“ ist ein Bild, das von einigen Vertretern der KKE bemüht wurde, um einzelne Aspekte ihres Verständnisses des Imperialismus als Weltsystem zu erklären. (Vgl. Papariga: On Imperialism, 2013 und Papodopoulos: Aktualität) Ich behaupte, dass es lohnenswert ist, sich einmal kurz die Unterscheidung der Werkzeuge Bild, Modell und Theorie zu vergegenwärtigen, ich behaupte nämlich dass erstens das Bild der imperialistischen Pyramide und die Theorie des imperialistischen Weltsystems nicht dasselbe sind und dass Kritiken am Bild der Pyramide die Diskussion nicht voran bringen, wenn eigentlich die genannte Theorie kritisiert werden soll.

Beginnend nun mit den Gemeinsamkeiten: Bild, Modell und Theorie sind (potentiell/ ihrer Zielstellung nach) Widerspiegelungen der wirklichen Welt. Im Kontext (ansatzweise) wissenschaftlicher Bestrebungen sind sie alle bewusste Konstrukte, die Phänomene in der Welt – Teile von ihnen, einzelne Seiten von ihnen – mental abbilden. Im Fall des Modells und des Bilds kann aus der mentalen Abbildung auch wieder eine stoffliche Abbildung geschaffen werden, z.B. eine Graphik oder ein gebautes Modell eines Flugzeugs.

Bild, Modell und Theorie unterscheiden sich aber bezüglich der Art und Weise der jeweiligen Widerspiegelung, bezüglich dessen, wie sie selbst konstituiert sind. Während Theorie eine Sammlung und logische Verbindung von Aussagen, hauptsächlich Gesetzesaussagen ist, ist das Modell „immer ein konkretes Gebilde, das in einer bestimmten Form oder in einem bestimmten Grade anschaulich, endlich und der Betrachtung oder der praktischen Tätigkeit zugänglich ist.“ (Štoff: Modellierung, 1969). Dass die Zugänglichkeit für die praktische Tätigkeit kein stofflich-materielles Modell voraussetzt, zeigen z.B. mathematische Modellierungen, bei denen die Entwicklung komplexer Phänomene (z.B. Preisentwicklung) durch relativ einfache Formeln oder Algorithmen angenähert werden. Ein Bild kann wesentliche Aspekte (ähnlich dem Modell) abbilden, allerdings ohne, dass es der „praktischen Tätigkeit zugänglich“ ist, man könnte sagen, ohne dass es eine interaktiv gestaltet ist. Man kann es sich anschauen, es mental ausmalen, aber es hat kein „Verhalten“ dass das Verhalten eines Tatsächlichen Phänomens repräsentiert.

Bild, Modell und Theorie hängen auch eng zusammen. Um ein Phänomen modellieren zu können, muss ich es gut verstanden haben, ich muss eine Theorie dieses Phänomens entwickelt haben, muss wesentliche von unwesentlichen Faktoren unterscheiden können. Dann kann ich einzelne Aspekte des Phänomens herausgreifen, schauen, welche wesentlichen Einflüsse es gibt und wo Zufälligkeiten ins Spiel kommen und diese ganzen Faktoren in mein Modell einfließen lassen. Das Modell ist damit immer reduziert, keine Kopie des Phänomens, sondern beschränkt auf einen Aspekt – mit einem Computermodell, dass das Verhalten von Wasser unter bestimmten Einwirkungen modelliert, kann ich mich zum Beispiel nicht waschen. Da Modelle die zufälligen Umweltfaktoren ausschließen bzw. kontrollierbar machen, kann die Arbeit mit einem Modell die Thesenbildung und damit die Weiterentwicklung der Theorie unterstützen. Ein Bild spielt im Gegensatz zu Modell und Theorie eher in der Vermittlung, als in der Forschung eine Rolle. Dafür werden Metaphern oder starke Vereinfachungen genutzt, die an der Erfahrung und dem Wissensstand der Rezipienten anknüpfen, um Aspekte der eigenen Theorie zu vermitteln.

Die imperialistische Pyramide ist nun weder eine Sammlung von Aussagen über die Welt, ebenso wenig ist sie allerdings ein Modell. Sie ist ein anschauliches und recht konkretes, endliches Gebilde, allerdings ist sie nicht der praktischen Tätigkeit zugänglich: Mithilfe der Vorstellung der Pyramide können keine Aussagen über aktuelle und kommende Entwicklungen getroffen werden. Man kann keine Zahlen eingeben und erhält ein Ergebnis, man kann auch nicht an der einen Seite ziehen und schauen was passiert. Das liegt wohlgemerkt nicht daran, dass die Pyramide nicht aus Holz nachgebaut vorliegt. Wenn ich mir überlege, wie es meinem Gegenüber geht, kann ich meinen eigenen Erkenntnis- und Emotionsapparat nutzen, um mich in ihn hinzuversetzen und „nachzufühlen“ wie es mir dann ginge. Ich kann also meine eigenen Empfindungen als Modell für die Empfindungen meines Gegenüber nutzen, ganz ohne meine Empfindungen aus meinem Kopf herauszuholen und nachzubasteln, ich kann dieses mentale Modell nutzen, obwohl es nur ein mentales Modell ist. Ein weiteres Beispiel: Wenn ich einen Hebel benötige und wissen muss, wie lang er sein muss, muss ich nicht erst ein kleines skaliertes Modell der Situation bauen, ich kann auch auf den Hebelsatz zurückgreifen und dieses rein mentale mathematische Modell nutzen. Mit der Pyramide kann ich solche Überlegungen über „wenns“ und „danns“ nicht in sinnvollem Maß anstellen.

Deshalb empfehle ich das Verständnis der Pyramide lediglich als Bild, als Veranschaulichung. Dabei wird nicht die gesamte Theorie (!) des Imperialismus als Weltsystems veranschaulicht, sondern nur einzelne wenige Aspekte:

  • Die Pyramide hat per Definition eine sehr „kleine Spitze“, es gibt nur eine Handvoll Länder, die über (fast) allen anderen stehen.
  • Die Einheit des Weltsystems: Kein kapitalistisches Land befindet sich außerhalb der Pyramide, alle kapitalistischen Länder haben den Handlungsrahmen des imperialistischen Weltsystems und keinen anderen, sie sind den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus, wie sie sich in der Epoche des Imperialismus ausdrücken, ausgeliefert.
  • Die Asymmetrie der wechselseitigen Beziehungen: Wenn wir die vertikale Achse im Bild der Pyramide als Darstellung der Hierarchien verstehen, lassen sich die asymmetrischen wechselseitigen Beziehungen sehr gut aus dem Bild herauslesen. Die Beziehungen sind „wechselseitig“, aber eben nicht symmetrisch, was im Bild bedeutet, dass jeweils höher stehende Länder ökonomisch, militärisch, politisch Abhängigkeiten bei den jeweils darunter oder daneben liegenden Ländern schaffen, diese ausbeuten und ihnen Maßnahmen diktieren, die Pyramide aber zusammenbrechen würde, gäbe es die unteren Länder gar nicht. Unter ungefähr gleichstarken Ländern kann es Vereinbarung und Beziehungen im Interesse beider Bourgeoisien geben, in der Regen sind die Beziehungen und damit die Abhängigkeiten aber asymmetrisch, das heißt, dass ein Land ein anderes übervorteilt und direkt abhängig macht, während es selbst aber auch abhängig davon ist, irgendwo Extraprofite generieren zu können, irgendwo Anteile von Märkten übernehmen zu können etc.

Einige Eigenschaften der Theorie des Imperialismus als Weltsystem werden allerdings nicht oder nur äußerst mangelhaft im Bild der Pyramide dargestellt:

  • Qualitative Sprünge werden nicht abgebildet: Die Asymmetrie der Beziehungen wird zwar dargestellt, die qualitativen Sprünge finden aber keinen Niederschlag im Bild der Pyramide, sie hat keinen Sockel, keine abgesetzten, getrennten Elemente. Allein die Häufigkeit, in der Teilmetaphern („Spitze“, „Zwischenschichten“) bemüht werden, zeigt an, dass das Bild hier unzureichend ist und der Fokus auf andere Aspekte gesetzt wird.
  • Die Steine liegen, wie sie liegen: Die Dynamik im imperialistischen System, z.B. die aktuelle Entwicklung weg von einer unipolaren, hin zur multipolaren Weltordnung (Vgl. Medina: Unipolare Welt?, 2022) passt nicht zum Bild einer Pyramide, ein Bauwerk, dass bekannt dafür ist, so wie es ist die Jahrtausende zu überdauern. Man könnte dafür argumentieren, dass die Tendenzen des Aufstrebens und Absteigens dadurch in der Pyramide abgebildet sind, dass sie (wie oben erwähnt) die qualitativen Sprünge nicht abbildet, aber eine explizite Entsprechung haben diese Tendenzen im Bild der Pyramide nicht.

Tatsächlich sind die wesentlichen Kernaussagen der KKE zum Imperialismus im Bild der Pyramide überhaupt nicht abgebildet. In ihrem Programm eröffnet die KKE das Kapitel zum Imperialismus mit dem zentralen Punkt: Der Imperialismus ist die Epoche „der Notwendigkeit des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, weil die materiellen Bedingungen für die sozialistische Organisation der Produktion und der Gesellschaft reif sind“ (KKE: Programm, 2013, S. 3) er wird verstanden als „reactionary era of capitalism which is decaying and dying, with unified features for all the states of the international imperialist system, whether they are weaker or stronger at any given moment“ („reaktionäre Ära des Kapitalismus, welcher zerfällt und stirbt, mit einheitlichen Merkmale, die für alle Staaten des internationalen imperialistischen Systems gelten, ob sie nun zu einem bestimmten Zeitpunkt schwächer oder stärker sind“, Papadopoulos: Imperialist Unions).

Das Bild der Pyramide darf also nicht mit der Theorie des Imperialismus als Weltsystem verwechselt oder gleichgesetzt werden. Lenin benutzte das Bild der Kette, um anschaulich zu erklären, warum er die Revolution in Russland und nicht z.B. in Deutschland als erstes erwartet. So falsch es wäre ihm vorzuwerfen, dass eine Kette in der Regel aber zwei Enden hätte und diese Enden im imperialistischen System nicht auszumachen wären, so absurd wäre es, Vertretern der Theorie des Imperialismus als Weltsystem vorzuwerfen, im Bild der Pyramide wäre nicht jedes Element der tatsächlichen Entwicklung enthalten.

Zur Beschreibung der Rolle und des Charakters eines Landes

Ob die Bezeichnung „imperialistisch“ für ein Land nun sinnvoll ist, ob damit „fast alle Länder imperialistisch sind“ (Oswald: Wissenschaftliche Analyse, 2022) oder ob mit dem Adjektiv nur ausgedrückt wird, dass ein Vorgehen eines Landes, ein Bündnis oder Konflikt wesentlich dem Charakter der Epoche entspricht, ist mit der Beschreibung des Imperialismus als Weltsystem noch nicht gesagt. Die KKE und einige der ihr nahe stehenden Parteien scheinen die Bezeichnung für Länder eher zu vermeiden (vgl. „capitalist Russia“ z.B. in Koutsoumbas: We do not choose, 2022 oder Communist and Worker’s Parties: Joint Statement, 2022) und betonen die Beschreibung der epochalen Charakteristika.

Doch auch ohne die adjektivische Verwendung des Imperialismus-Begriffs für einzelne Länder kann von einer Gleichmacherei nicht die Rede sein. Dies drückt sich sowohl in der politischen Praxis der KKE aus, die klar und eindeutig die stärkeren und gefährlicheren Akteure, sowie „das eigene Lager“ ins Visier rückt, als auch in der Beschreibung der Weltsituation, worauf z.B. die Genossin Saidi (Imperialismus, 2022) und andere ausreichend eingegangen sind.

Die wesentlichen Charakteristiken, die nach Lenin den Übergang vom Kapitalismus der „freien“ Konkurrenz zum Imperialismus ausmachen beschreiben die Tendenzen des imperialistischen Systems und machen keine Checklist für die Einteilung in „imperialistische Länder“ und „unterdrückte Länder“ aus. Die Entwicklungen im System sind dynamisch und so dürfen auch die Rollen im imperialistischen System nicht als feststehende Wahrheiten schablonenhaft festgesetzt werden, sondern die Länder müssen in ihrem Aufstieg und Abstieg verstanden werden.

Das alles verunmöglicht keineswegs die Analyse qualitativer Unterschiede zwischen unterschiedlichen Ländern und Blöcken. Die Lage und Rolle im imperialistischen Weltsystem ist wesentlich von den häufig betrachteten Faktoren (Grad der Monopolisierung, Verhältnis von Kapital- und Warenexport, militärische Stärke) bestimmt. Die Entwicklungen und Entwicklungstendenzen, das Auf- und Absteigen von Ländern im Weltsystem drücken sich in diesen quantitativ bestimmbaren Eigenschaften aus. Allerdings zeigen sich die qualitative Sprünge in der Entwicklung der kapitalistischen Länder nicht unmittelbar in Metriken, sie lassen sich nicht einfach anhand von Zahlen auslesen. Würde man versuchen, die qualitativen Unterschiede an quantitativen Unterschieden festzumachen, bleibt es eine Frage des Ermessens, der Definition, welche Rolle man einem Land nun zuschreibt. Das ist nicht vollkommen unmaterialistisch, vermittelt über die Quantitäten drückt es tatsächlich etwas über die Welt aus, aber ich halte es für gewinnbringender hier eine Unterscheidung zu machen. Die Tendenzen und allmählichen Entwicklungen kann und muss man anhand solcher Statistiken analysieren.

Das Adjektiv imperialistisch kann man aber bedeutend produktiver einsetzen, indem man es daran knüpft, wie stark sein tatsächlicher ökonomischer, politischer (inkl. kultureller und ideologischer) und militärischer Einfluss auf andere Länder entwickelt ist (vgl: TKP: Thesen, 2017, These 7). Bemerkenswert finde ich hier die Anmerkung der TKP, dass auch Länder, „die nicht an der Spitze der Hierarchie [des imperialistischen Weltsystems] stehen, regionale oder konjunkturelle imperialistische Rollen innerhalb des Systems“ (ebd., These 17) einnehmen können.

Bei der Einschätzung der Rolle und des Charakters der jeweiligen Länder dürfen wir also nicht in starre oder schematische Denkmuster verfallen. Jedes Land nimmt immer wieder eine in sich widersprüchliche Rolle ein: zum einen, weil jede Entwicklung immer im Widerspruch von sein und vergehen, von Kontinuität und Veränderung stattfindet, aber auch konkret, indem (Des-)Industrialisierungsprozesse stattfinden, vor- oder nachteilhafte Verträge abgeschlossen werden und um jeden Milimeter Einfluss gerungen werden muss. Dies gilt verstärkt für Länder, die sich noch nicht an der Spitze des Weltsystems befinden, die aber der Tendenz nach aufsteigen. Sie sind in nachteiligen abhängigen Beziehungen, in die sie die führenden Mächte zwingen, können sich meistens nur in deren Schatten bewegen, vermehren aber gleichzeitig ihre Beziehungen zu anderen Ländern, die klar ihnen zum Vorteil gereichen und ihren Einfluss in der Welt steigern.

Ebenso, wie die Rolle selbst widersprüchlich sein kann, ist aber auch das Handeln im Weltsystem überhaupt von ineinander übergehenden Widersprüchen geprägt. Politische und militärische Mittel erscheinen wie starke Gegensätze, der Übergang von einem zum anderen, also der Beginn oder das Ende eines Krieges sind wichtige gesellschaftliche Ereignisse, aber dennoch können die beiden Mittel nicht absolut gegeneinander gestellt werden. Sie gehen immer wieder auseinander hervor, bedingen sich immer wieder gegenseitig, Elemente des einen sind immer im anderen enthalten. Das Militär und eine Drohkulisse werden verwendet, um eine spezielle Politik im Land durchzusetzen, während politische Bündnisse genutzt werden, um sich geostrategische Vorteile zu verschaffen. In Deutschland kennen wir das aus eigener Erfahrung, nach dem militärischen Sieg der Alliierten im 2. Weltkrieg folgte die Besatzung. Doch auch nach der Phase der militärischen Einmischung wurde eine Phase von politischer „Unterstützung“ und „Zusammenarbeit“ (Stichwort Marshallplan) genutzt, um die Bundesrepublik zur (ideologischen, politischen, aber vor allem auch) militärischen Frontstellung gegen die sozialistische Welt aufzubauen.

Auch Offensive und Defensive schließen sich nicht vollkommen gegenseitig aus, wenn der offensive Charakter einiger Aktionen der Russischen Föderation (z.B. aktuelle Militäroperation) benannt wird, heißt das noch nicht, dass das Verhältnis von NATO und Russland wesentlich von der russischen Aggressivität geprägt wäre. Ob die Arbeiterklasse und die Volksschichten (kurzzeitig) von der politischen, ökonomischen, ja vielleicht sogar militärischen Einflussnahmen profitieren, sagt nichts über deren Charakter als „besonders aggressiv“ oder „besonders wenig aggressiv“ aus, der Marshallplan ging eben auch mit der Stationierung von Truppen, später mit der Unterstützung der Wiederaufrüstung Deutschlands einher.

Das Verhältnis von Ursache und Wirkung ist ein weiteres, das sich in ständigem Wechsel befindet: Pole, die „sowie wir den einzelnen Fall in seinem allgemeinen Zusammenhang mit dem Weltganzen betrachten, zusammengehen, sich auflösen in der Anschauung der universellen Wechselwirkung“ (Engels: Anti-Dührung, 1978, S. 21 f.). Natürlich ist es zentral für die Analyse konkreter Prozesse, für die Agitation und für die Verallgemeinerung, welche Partei aus welchen Gründen, mit welchen Motiven und Zielen einen Krieg beginnt, aber die Antwort auf die tatsächliche Ursache lässt sich nicht einfach in den jeweils einzelnen Abläufen und Fakten finden. Eine materialistische Untersuchung der Ursachen des ersten Weltkriegs darf sich nicht mit einer Geschichte über Franz Ferdinand zufrieden geben – die Ursachen liegen tiefer: abstrakt allgemein in der Zuspitzung der zwischenimperialistischen Widersprüche bei der Neuaufteilung der Welt, konkret allgemein im Drang nach Kolonien durch das deutsche und österreichische Kapital.

Die Bezeichnung als „imperialistischer Krieg“ halte ich deshalb nicht nur für Kriege angemessen, die zwischen imperialistischen Ländern (oder gar führenden imperialistischen Ländern) geführt werden, nicht einmal nur Kriege, die von einer imperialistischen Macht begonnen werden, sondern alle Kriege, die aus der Logik des Imperialismus heraus entstehen, aus den Konflikten bei der Neuaufteilung der Welt, aus dem Drang nach Einflussgebieten, respektive dem Schutz der eignen Einflussgebiete und übervorteilten politischen und ökonomischen Beziehungen. Ein solches Verständnis erlaubt wohlgemerkt immer noch die Abgrenzung von gerechten Kriegen wie dem Befreiungskampf der Palästinenser oder einige der Versuche (und Erfolge) der lateinamerikanischen Guerillabewegungen.

Aufklärer statt Schiedsrichter – Die Agitation und Propaganda der Kommunisten

Wie müssen sich die Kommunisten denn nun zum Krieg in der Ukraine verhalten? Wer in den letzten Wochen politische Gespräche mit eigentlich egal wem geführt hat wird festgestellt haben: Die Kriegshetze zeigt ihre Wirkung auf ganzer Linie. Jede Infragestellung der absoluten Boshaftigkeit und/oder des hellen Wahnsinns Russlands und speziell Putins liegt außerhalb des akzeptablen Diskussionsrahmens, während gleichzeitig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Top-Formaten darüber gesprochen wird, dass der Russe doch einfach ganz anders drauf ist als wir.

Dieser Stimmung müssen die Kommunisten etwas entgegensetzen, sie müssen aufzeigen, dass das deutsche Kapital in diesem Krieg eigene Interessen hat und einen großen Teil zur Eskalation des Konflikts beigetragen hat. Die Kriegsstimmung ist hier mit Sicherheit kein guter Krisenberater, damit wird sich keine Orientierung für die Arbeiterklasse finden lassen. Die unbestritten größte Gefahr für die deutsche Arbeiterklasse ist eine Einbindung die herrschende Politik, ein Sammeln hinter den Plänen des deutschen Kapitals. Die Hauptstoßrichtung muss also klar gegen die NATO und die deutsche Bourgeoisie gerichtet sein.

Allerdings geht es nicht nur darum, der Propaganda etwas entgegenzusetzen und eine sachliche Grundlage für die Diskussion zu schaffen, sondern auch darum, Einschätzungen zu den kommenden Entwicklungen treffen zu können und Entwicklungstendenzen zu verstehen. Dazu gehört neben den Plänen Deutschlands und der USA in Europa und den Plänen der USA für Asien auf der einen Seite auch das Aufsteigen Russlands und die damit einhergehenden Anforderungen und Ansprüche auf der anderen Seite.

Aufgabe der Kommunisten ist es aber nicht, Schiedsrichter in Konflikten zwischen Polen im imperialistischen Weltsystem zu spielen – und für diese Aufgabenbestimmung ist es unerheblich, ob man Russland grundsätzlich als imperialistisch oder nur mit einer regionalen und/oder konjunkturellen imperialistischen Rolle versteht. Während es in der Agitation darauf ankommt, die himmelschreienden Doppelstandards und die Kriegshetze des deutschen Kapitals aufzudecken und die Gefährlichkeit des Burgfriedens für die Arbeiterklassen Osteuropas und Eurasiens, aber auch für die Arbeiterklasse in Deutschland aufzuzeigen und man hier nicht in jedem Flugblatt Russlands Rolle ergründen muss, muss es in der Propaganda darum gehen, ein Verständnis der Welt und unserer Lage in ihr zu vermitteln. Wenn wir diese Aufgabe erfüllen wollen, müssen wir uns doch sehr wohl um die Rolle Russlands und den Charakter des Imperialismus streiten. Wenn wir Propaganda betreiben, sollen die Leute nicht nur (aber selbstverständlich auch) erfahren, warum dieser Krieg abzulehnen ist, sondern warum der nächste und übernächste auch abzulehnen sein werden, warum die Kriege trotzdem kommen werden (Gesetzmäßigkeit des Imperialismus) und was wir dagegen tun müssen (Klassenkampf, Revolution, Sozialismus). Lediglich die Hauptaggressoren zu benennen taugt ggf. zu einer akzeptablen Orientierung für die Friedensbewegung, eine kommunistische Position muss aber darüber hinaus gehen und die Entwicklung im Kontext des imperialistischen Weltsystems erklären.

Selbst wenn es sich also um einen „defensiven Präventivschlag“ (Kiknadze: Defensivschlag, 2022) handeln würde (was ich für eine verfehlte Beschreibung halte), dürften wir uns doch nicht zum Anwalt der Defensivschläger machen, sondern müssten aufzeigen, wie dieses System immer wieder den Krieg hervorbringt und diesen Umstand verurteilen. Wenn die USA zu einem aggressiveren Vorgehen gezwungen sind, weil sie den Völkern der Erde nichts zu bieten haben und sie sich auf dem absteigenden Ast befinden, relativiert der Faktor, dass sie keine andere Wahl hätten, doch nicht den imperialistischen Charakter ihrer Politik.

Literaturverzeichnis

Communist and Worker’s Parties: Joint Statement – No to the imperialist war in Ukraine! Gemeinsame Stellungnahme einiger Parteien und Organisationen, 2022. Abrufbar unter: http://solidnet.org/article/Urgent-Joint-Statement-of-Communist-and-Workers-Parties-No-to-the-imperialist-war-in-Ukraine/.

Engels, Friedrich: Anti-Dührung. In: MEW, Band 20, Dietz, Berlin 1978.

Kiknadze, Alexander: Zum Defensivschlag Russlands gegen die NATO. Diskussionsbeitrag zur Imperialismusdiskussion der KO, 2022. Abrufbar unter https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zum-defensivschlag-russlands-gegen-die-nato/.

KKE: Programm der Kommunistischen Partei Griechenlands. Eigenverlag, Gütersloh 2013. Abrufbar unter: http://de.kke.gr/de/articles/PROGRAMM-DER-MMUNISTISCHEN-PARTEI-GRIECHENLANDS/.

Koutsoumbas, Dimitris: We do not choose a camp between thieves, we choose the camp of the peoples. Rede auf einer Demo der KKE gegen den imperialistischen Krieg, 2022. Abrufbar unter: https://inter.kke.gr/en/articles/D-Koutsoumbas-We-do-not-choose-a-camp-between-thieves-we-choose-the-camp-of-the-peoples/.

Medina, Pablo: Unipolare Welt? Diskussionsbeitrag zur Imperialismusdiskussion der KO, 2022. Abrufbar unter https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/unipolare-welt/.

Oswald, Paul: Die wissenschaftliche Analyse nicht über Bord werfen! Diskussionsbeitrag zur Imperialismusdiskussion der KO, 2022. Abrufbar unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/die-wissenschaftliche-analyse-nicht-ueber-bord-werfen/.

Papadopoulos, Makis: The imperialist unions, the inter-imperialist contradictions and the stance of the communists. In: International Communist Review, Ausgabe 6, 2015. Abrufbar unter https://www.iccr.gr/en/news/The-imperialist-unions-the-inter-imperialist-contradictions-and-the-stance-of-the-communists/.

Papadopoulos, Makis: Η ΕΠΙΚΑΙΡΟΤΗΤΑ ΤΗΣ ΛΕΝΙΝΙΣΤΙΚΗΣ ΘΕΩΡΙΑΣ ΤΟΥ ΙΜΠΕΡΙΑΛΙΣΜΟΥ (Die Aktualität der leninistischen Theorie des Imperialismus). In: ΚΟΜΕΠ (Komep), Ausgabe 4, 2016. Automatisiert übersetzt abrufbar unter: https://www-komep-gr.translate.goog/m-article/I-EPIKAIROTITA-TIS-LENINISTIKIS-TIEORIAS-TOY-IMPERIALISMOY/?_x_tr_sl=el&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de.

Papariga, Aleka: On Imperialism – The imperialist Pyramid. Artikel für „El Machete“ der PCM, 2013. Nachveröffentlicht und abrufbar unter: https://inter.kke.gr/de/articles/On-Imperialism-The-Imperialist-Pyramid/.

Saidi, Fatima: Imperialismus, Lenins Vorgehensweise, Befreiungskriege – zum Beitrag Klara Binas. Diskussionsbeitrag zur Imperialismusdiskussion der KO, 2022. Abrufbar unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/imperialismus-lenins-vorgehensweise-befreiungskriege-zum-beitrag-klara-binas/.

Štoff, V.A.: Modellierung und Philosophie. Akademie Verlag, Berlin 1969.

TKP: Thesen zum Imperialismus entlang der Achse von Russland und China. Resolution des Parteitags, 2017. Übersetzt abrufbar unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion/tkp-thesen-zum-imperialismus-entlang-der-achse-von-russland-und-china-2017/.

Zur Zukunft der KO

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Die KO ist keine Anti-DKP-Organisation und wird es hoffentlich auch nie werden.

Von Philipp Kissel

In manchen Beiträgen werden die Programmatischen Thesen und Positionen der DKP in einen Gegensatz gebracht. Das ist in beiderlei Hinsicht falsch – also sowohl in Bezug auf die programmatischen Thesen als auch in Bezug auf Positionen und Diskussionen der DKP. 

Die programmatischen Thesen sind 2018 in einem sehr kurzen Zeitraum (knapp zwei Monate) erstellt und diskutiert worden. Sie waren und sind notwendig, damit wir uns als Organisation in der Kommunistischen Bewegung positionieren und eine Richtschnur, wenn man sich der KO anschließen will. Im Prozess vor der Konstituierung gab es Genossen, die eine Standortbeschreibung abgelehnt hatten und einen ganz offenen (auch gegenüber trotzkistischen und maoistischen Gruppen) Prozess wollten. Diesen Weg sind wir zum Glück nicht gegangen, er wäre schnell im Chaos und in der Beliebigkeit geendet und er hätte fundamental unseren bisherigen Grundfesten insbesondere zur Geschichte der Kommunistischen Bewegung widersprochen. Deshalb ist zum Beispiel der Bezug der Thesen auf die DDR als größte Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung und auf die Sowjetunion als größte Errungenschaft der internationalen Arbeiterbewegung sehr zentral. Wir beziehen uns auf sie als unsere Kampflinie, als die Leistungen und Anstrengungen unserer Vorkämpfer.

Viele Aussagen in den Programmatischen Thesen haben aber natürlicherweise einen relativen Charakter, sie sind notwendigerweise unreif. Es ist deshalb falsch, die Thesen als Ergebnis einer Klärung oder als für immer feststehend zu begreifen und erst recht ist es falsch, sie ungenau als Mittel in der Diskussion einzusetzen, eher um Kritik oder weitergehende Fragen zu delegitimieren. Ich kann dem Genossen Kunze nur zustimmen: „Wir haben die Thesen geschrieben mit dem Ziel sie zu korrigieren. Nicht weil die Thesen falsch sein müssen, sondern weil wir notwendigerweise noch nicht dazu in der Lage waren (und sind) den Stand der kommunistischen Bewegung in seiner Gesamtheit kritisch zu erfassen. Ich verstehe den Klärungsprozess insofern als ständigen Prozess der Selbstkritik, in dem uns die Relativität und die Einseitigkeiten unserer Standpunkte immer klarer werden.“

Im Abschnitt zum Imperialismus beschreiben wir zunächst auf sehr allgemeiner Ebene den Imperialismus vor allem auf ökonomischer Ebene als Monopolkapitalismus und bestimmen damit die Epoche. Das ist auch der Hauptzweck der Thesen in diesem Abschnitt – die Epoche zu bestimmen im größeren historischen Sinne. Wir gehen dann darauf ein, dass aus diesem Stadium des Kapitalismus Krise, Krieg und Reaktion hervorgehen müssen und gehen kurz auf allgemeiner Ebene auf die Entstehung der Nationen und der Neuaufteilung der Welt unter den imperialistischen Zentren ein. Wir wenden uns gegen die Vorstellung, dass ein Imperialismus mit menschlichem Antlitz möglich sei. 

Diese Passagen verdeutlichen, dass wir hier erstmal nur skizzieren, dass wir uns auf das leninistische Imperialismusverständnis beziehen, wobei wir hier bereits interne Diskussionen insbesondere zum Begriff des Staatsmonopolistischen Kapitalismus hatten, den einige Genossen kritisch gesehen bzw. abgelehnt hatten, andere (darunter ich) aber nicht. Dass wir uns da nicht einig waren, sieht man daran, dass diese Frage unter den zu vertiefenden Fragen auftaucht. Es gab zahlreiche weitere Diskussionen, wo wir uns nicht einig waren, zum Beispiel zur Rolle des Nationalstaats – auch diese ist unter den zu klärenden Fragen aufgelistet.

Dann wenden wir uns zunächst gegen die These eines „kollektiven Imperialismus“, wonach sich die zwischenimperialistischen Widersprüche abschwächen würden, eine Position, die heute kaum noch in der Kommunistischen Bewegung vertreten wird, damals in der DKP auch nur von den Teilen rund um Leo Mayer. Dann sagen wir, dass eine „‘multipolare Weltordnung‘, in der neben den USA und der EU weitere Zentren die Weltordnung bestimmen, nur Ausdruck der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus und sich verändernder Kräfteverhältnisse“ sei und „eine Hoffnung auf eine friedlichere Welt darin nicht“ liege. Dann gehen wir auf den reaktionären Charakter der EU ein.

Dann bezeichnen wir als eine der zentrale Spaltungslinien in der kommunistischen Weltbewegung die Debatte um die These „objektiv antiimperialistischer“ Staaten, die eine friedensfördernde Rolle spielen würden. Diese These sei falsch, weil sie auf der falschen Vorstellung beruhe, „der Imperialismus sei die Vorherrschaft einiger, ‚westlicher‘ oder ‚nördlicher‘ Staaten wie der USA, Westeuropas und Japans.“ Die Kritik an der Bezeichnung „objektiv antiimperialistisch“ teile ich nach wie vor, sie ist nicht geeignet, um die Verhältnisse zu beschreiben. Allerdings wird sie auch nicht von der DKP dafür genutzt. Die Begründung in den Thesen halte ich aber mittlerweile für sehr missverständlich. Denn Imperialismus ist zwar mehr als die Vorherrschaft des Westens. Wenn man aber nicht nur die allgemeine Bestimmung als letztes Stadium des Kapitalismus meint, dann ist die Vorherrschaft des Westens für den aktuellen Imperialismus wesentlich. Wir fahren in den Thesen auch eher auf allgemeiner Ebene fort: „Wir halten jedoch daran fest, dass der Imperialismus eine gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus in seinem monopolistischen Stadium ist.“ Das ist keine falsche Aussage, aber keine richtige Reaktion auf die Frage der konkreten Verhältnisse.

Dann folgt die Aussage „Es ist falsch, bestimmten, relativ unterlegenen imperialistischen Polen innerhalb dieses Systems eine prinzipielle Friedensfähigkeit oder fortschrittliche Rolle zuzuschreiben.“ Das ist zwar keine falsche Aussage, aber sie ist wenig nützlich, um zu verstehen, wie das Verhältnis zwischen dem Westen und den von ihm bedrohten Ländern ist. Es blendet auch aus, dass beispielsweise die Politik Russlands Ländern nutzen kann in ihrer Verteidigung vor der Vernichtung durch den westlichen Imperialismus. Syrien ist dafür ein wichtiges Beispiel, das ohne den Militäreinsatz Russlands der völligen Zerstörung anheim gefallen wäre.

Die konkreten Verhältnisse erfasst auch folgende Aussage nicht: „Der Imperialismus ist ein globales System gesellschaftlicher Beziehungen, das alle kapitalistischen Länder umfasst, nicht nur die USA, Japan und Westeuropa. Auch andere Staaten, in denen (monopol-)kapitalistische Verhältnisse bestehen, wie etwa China, können keinen antiimperialistischen Charakter annehmen.“ Dies ist eine allgemeine Aussage zum Imperialismus, mit der aber wichtige Unterschiede und vor allem die wesentliche Entwicklung und Dynamik verwischt werden, wenn es um das konkrete Verhältnis bestimmter Länder geht. Hierin liegt der Fehler der Thesen. Sie lösen die tatsächlichen Verhältnisse einer Vorherrschaft des Westens im Allgemeinen auf und damit relativieren sie diese Vorherrschaft. Damit versperren wir uns den Blick auf die tatsächliche weltbeherrschende Rolle dieser Länder und auch darauf, welche fatalen Auswirkungen diese hat. Das ist ein Fehler und Mangel in unserer Imperialismusanalyse, den wir korrigieren müssen und können. 

Auch die Aussage zum anti-imperialistischen Charakter von Ländern meinen wir hier auf einer sehr allgemeinen, epochebestimmenden Ebene: „Eine Rückentwicklung vom Monopolkapitalismus zum Kapitalismus der freien Konkurrenz ist nicht möglich, weil sie den grundlegenden Entwicklungsgesetzen der kapitalistischen Produktionsweise widerspricht, insbesondere dem Gesetz der fortschreitenden Konzentration und Zentralisation des Kapitals.“ Das ist natürlich eine richtige Aussage und sie ist als Kritik an reformistischen Vorstellungen, die zu einem besseren Kapitalismus ohne Imperialismus zurückwollen, gemeint. Aber auch sie sagt nicht wirklich etwas über die konkreten Verhältnisse aus.

Der Fehler der Thesen drückt sich auch in folgender Aussage aus: „Wir kämpfen aber Seite an Seite mit unseren Genossen auf der ganzen Welt gegen den Imperialismus als Ganzes, als weltweites System. Besonders hervorzuheben sind daher auch die EU als imperialistisches Bündnis, die aufstrebenden Ökonomien der BRICS-Gruppe und der US-Imperialismus als nach wie vor militärisch gefährlichster imperialistischer Pol der Welt.“ Diese Aneinanderreihung ist falsch, sie missachtet das tatsächlich herrschende Machtverhältnis auf politischer, ökonomischer und militärischer Ebene. Es ist auch eine oberflächliche und unrealistische Aussage, gegen den „Imperialismus als Ganzes“ zu kämpfen – so etwas gibt es in der Realität nicht. Ich denke nicht, dass uns dieser Fehler bewußt war, das macht ihn aber nicht besser. Es ist falsch, dem einfach zu entgegnen, damit würde man einer Möglichkeit des friedlichen Imperialismus oder einem objektiv anti-imperialistischen Charakter einzelner Länder das Wort reden. 

Es ist nicht richtig, aus den Thesen ableiten zu wollen, dass wir bereits Klarheit darüber hätten, wie der aktuelle Imperialismus sich darstellt und welche Rolle Russland darin spielt. Zu den Fragen, die wir klären wollen, führen wir in den Thesen auf: „Die Entwicklung des Kapitalismus in verschiedenen Ländern wie z.B. Russland und China sowie die Formen ihrer Einbindung in das imperialistische Weltsystem.“

Für mich ist klar: Die Ereignisse zeigen, dass eine Einreihung verschiedenster Länder falsch ist, Verhältnisse und Entwicklungen nicht erfasst und dass die Missachtung der massiven Macht der westlichen Monopole und ihrer Staaten ein fataler Fehler ist. Wir dürfen nicht ignorieren, dass die USA und ihre Verbündeten die anderen Länder unterwerfen und wenn nötig vernichten wollen bzw. es bereits tun und dass sie dazu auch sehr viele Mittel haben. Es ist ein Unterschied, den wir in seinen konkreten Einzelheiten begreifen müssen: Die US-Monopole haben eine finanzielle und ökonomische Macht, die mehr ist als nur Kapitalexport und sie haben eine militärische Macht, die sie skrupel- und grenzenlos dafür einsetzen. Unabhängig davon, wie wir die gesellschaftlichen Verhältnisse beispielsweise in China einschätzen (auch das ist eine Aufgabe, die wir noch lange nicht erledigt haben), ist es oberflächlich und falsch, anhand einzelner Daten oder ökonomischen Projekte China als ebenso imperialistischen Konkurrenten darzustellen. China wird, ebenso wie Russland massiv von der NATO bedroht, es wird auf allen Ebenen bekämpft und sieht sich einer gesteigerten Aggression beispielsweise über das eindeutig zu China gehörende Taiwan ausgesetzt. Die Aussagen des Genossen Spanidis in seinem ersten Beitrag verdrehen diese Tatsachen – die Aggression geht auch hier eindeutig vom Westen aus!

Zur DKP und der Diskussion zum Imperialismus hat bereits Genosse Kunze ausgeführt, dass wir genau, differenziert und interessiert sein müssen. Ich will das kurz ergänzen: Im neuesten Referat beim Parteivorstand benennt der Vorsitzende der DKP, Patrik Köbele, die Dissense in der Partei und die schwierigen Fragen, die zu klären sind. Ich finde dieses Referat sehr interessant, es geht auf viele Punkte ein, die auch für uns zu klären sind. Es versucht die Entwicklung in ihrem historischen Verlauf einzuordnen und skizziert eine kurze Einschätzung Russlands. Köbele neigt zu der Position, dass Russland ein kapitalistisches Land ist, dass das imperialistische Stadium noch nicht erreicht hat. Ich finde, dass wir das sehr ernst nehmen müssen und in unsere Klärung einbeziehen müssen und es nicht einfach abtun dürfen, denn es werden Argumente und Fakten genannt, die wir nicht ignorieren dürfen. Neben vielen wichtigen Punkten, die Köbele nennt, zeichnet sich das Referat durch Ehrlichkeit, Selbstkritik und Transparenz aus. Das ist sehr wichtig in der Auseinandersetzung und das nehmen wir oft für uns in Anspruch. Wir sollten diesen Anspruch erfüllen und ohne jegliche Vorurteile und ohne aus Unkenntnis resultierender Arroganz an die Fragen herangehen. Köbele benennt außerdem etwas sehr wichtiges, nämlich dass unabhängig davon, wie einige Fragen einzuschätzen sind, der Kampf gegen die NATO und ihre Kriege geführt werden muss. Das sollten wir aktiv unterstützen.

Ich habe auch nochmal ein Referat von Hans-Peter Brenner von 2014 gelesen, in dem er auf die imperialistische Kriegspolitik eingeht. Er behandelt mit vielen Daten und Fakten ebenfalls die historische und aktuelle Entwicklung Russlands und der NATO-Kriegspolitik. Er kommt zu dem vorläufigen Schluss, dass Russland ein imperialistisches Land sei, das aber geschwächt ist. Ich will kurz aus diesem Referat zitieren, um deutlich zu machen, dass eine Darstellung – hier die KO, da die DKP – grundfalsch ist und sich offensichtlich nicht mit den Diskussionen und Einschätzungen beschäftigt hat: „Eine Position der sog. ‚Äquidistanz‘, die den Unterschied zwischen den aggressiven Einkreisungsplänen der USA und der NATO mit dem berechtigten Widerstand Russlands gegen den Vormarsch der NATO gleichsetzt, kann für uns absolut nicht in Frage kommen. Ich sage deshalb auch ganz ausdrücklich, dass der auf der Homepage der ‚Marxistischen Linke‘ abgedruckte Beitrag eines ukrainischen Liedermachers mit dem Titel ‚Dies ist nicht unser Krieg, doch es kämpfen in ihm – auf beiden Seiten – unsere Menschen‘ keine Position der DKP ist und auch nicht werden wird. Dessen Gleichsetzung von NATO und Russland trägt zur Verharmlosung der aggressiven Pläne des Imperialismus bei und leistet den Plänen der gesamten antirussischen Demagogie der bürgerlichen Medien Vorschub. Die DKP kann aber zweitens (…) das postsowjetische Russland und die derzeitige russische Führungsschicht nicht einfach als eine Art ‚natürlichen Bündnispartner‘ oder als eine ‚genuine Friedensmacht‘ ansehen.“

Um es klar zu machen: Wir brauchen eine selbstkritische Diskussion unserer eigenen unreifen Annahmen und müssen viel Arbeit leisten, um unser Verständnis zu vertiefen. Die Anerkennung unserer Unreife ist der erste Schritt, um sie zu überwinden. Wenn wir einen Klärungsprozess in diesem Sinne organisieren können, dann kann die KO etwas zur Kommunistischen Bewegung beitragen. Wenn sie an unreifen Annahmen festhält und sie wie ein Glaubensbekenntnis behandelt, das nur hier und da vertieft werden müsse, dann rutscht sie auf das Niveau einer Sekte herab.

Wir brauchen die Diskussion mit der DKP und wir brauchen die DKP als Organisation, weil die dort organisierten Genossen als organisierte Struktur etwas zur Weiterentwicklung der Kommunistischen Bewegung beitragen – und ich finde, es wäre vermessen und falsch, wenn wir das einfach abstreiten würden. Die Diskussion war das, was wir vor unserem Austritt immer eingefordert haben. Die DKP ist außerdem eine Organisation, die an vielen Stellen offen und ehrlich Fragen und Widersprüche benennt und in der außerdem viele Genossen sind, die viel zur Diskussion beizutragen haben und von denen wir lernen können. Das war auch bei unserem Austritt meine Sicht. Der Mangel der DKP, keine systematische Diskussion und Klärung und eine dafür geeignete Organisationsweise zu entwickeln, war der Grund für unseren Austritt, nicht einfach der Dissens zum Beispiel in der Strategiefrage. Nicht der Dissens war das Problem, sondern keinen Weg einzuschlagen, wie er gelöst werden kann oder ihn nicht als solchen zu sehen. In jedem Fall ist eine gemeinsame Diskussion und Zusammenarbeit für uns sehr wichtig. Das gilt übrigens auch für die KPD, von der wir ebenfalls viel lernen können und hoffentlich im engeren Austausch stehen werden. Ich gehe an dieser Stelle nicht auf die internationale Ebene ein, aber verweise kurz auf die Auseinandersetzungen in der RKAP, die ebenfalls sehr interessant und lehrreich für uns sind. Wir können sie nicht einfach durch das Lagerschema abtun, denn wo wären sie dann? Oder wollen wir jetzt immer so vorgehen – wer nicht unserer zudem noch unklaren „Linie“ entspricht, ist im anderen Lager?

Wenn wir nun als KO trotz unserer bisherigen Anstrengungen, einen Klärungsprozess zu organisieren, diesen stoppen, bevor er überhaupt angefangen hat, weil wir behaupten, die Thesen seien schon die Antwort, dann wären wir gescheitert.

Ich denke, dass die KO das Potential hat, etwas zu den Fragen der Kommunistischen Bewegung beizutragen. Ein bisschen hat das vielleicht auch schon unsere Debatte gezeigt. Aber wir müssen dafür sehr genau und offen sein und in die Tiefe gehen wollen. Ich denke, dass unsere bevorstehende Vollversammlung mit einem Beschluss zur Klärung der Imperialismusfrage einen guten Schritt in diese Richtung gehen kann, allerdings muss diese dann entsprechend dieser Kriterien auch organisiert werden – kein einfaches Unterfangen.

Fakt ist, dass es im Moment beide Positionen in der KO gibt: Die, die die Militäroperation Russlands als Verteidigung gegen die NATO gerechtfertigt ansieht und die, die sie als imperialistischen Krieg verurteilen will. Das ist eine komplizierte Situation, die wir aber vermutlich mit anderen Organisationen teilen. Der Vorschlag, diese Fragen einer systematischen Klärung zu unterziehen, ist ein produktiver und konstruktiver Vorschlag.

Die KO hat außerdem bescheidene Möglichkeiten, den Kampf gegen die NATO und den deutschen Imperialismus zu unterstützen. Wir sollten deshalb unsere Aktionen gegen die NATO und den Faschismus ausrichten und die Frage der Einschätzung Russlands und der Militäroperation offen lassen und benennen, dass wir da unterschiedliche Einschätzungen haben und an einer Klärung arbeiten. Also weder durchsetzen wollen, dass die Militäroperation gerechtfertigt ist, noch diese zu verurteilen. Das ist möglich und würde eine Zerreißprobe vermeiden. Wir sind eine kleine und noch nicht lange bestehende Organisation, die Widersprüche aushalten muss und versuchen muss, sie produktiv aufzulösen.

Statt Lager-Denken: Kritik und Selbstkritik und Offenheit der Diskussion!

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von Klara Bina

Ich werde im Folgenden schlaglichtartig Aspekte der bisherigen Debatte reflektieren – selbstverständlich weder mit dem Anspruch der Vollständigkeit, noch der genügenden Tiefe, die unsere Debatte sicherlich einfordert.

Trotz der möglichen Mängel meiner Ausführungen, sehe ich es als notwendig an, quasi auf die Schnelle noch, ein paar Anmerkungen zur Debatte zu machen. Warum? 

Erstens weil ich befürchte, dass manche Einwürfe die konstruktive und lebendige Diskussion behindern. Das gilt vor allem für die Beiträge, die die Programmatischen Thesen (PTh) im Sinne einer Verhärtung der Lager einbringen. 

Zweitens weil ich an einigen Stellen meine, dass die Unterstellungen bezüglich der „Ablehnung“ oder „Infragestellung“ der PTh, inhaltlich falsch sind.

Drittens, weil ich meine dass der Charakter der PTh, ihr Sinn und Zweck und ein richtiger Umgang mit ihnen – im Verhältnis zum selbstgesetzten Ziel der Klärung – offensichtlich unterschiedlich aufgefasst werden und ich auf diesem Wege meine Vorstellungen darlegen möchte.

Viertens, weil ich meine, dass jetzt schon in der Debatte deutlich wird, dass die PTh nicht nur unterschiedlich interpretiert werden können, sondern auch dass sie leider (immer noch) nicht kollektiv ‚durchdrungen‘ oder mindestens nicht genau genug gelesen wurden.

Außerdem finde ich es sehr schädlich wie einzelne Genossen, besonders im Beitrag von Genossen Hensgen, das Verhältnis zur DKP begreifen. Es mag sein, dass manche Genossen weder den Verlauf der Debatte innerhalb der DKP auf dem Schirm haben, noch sich genauer mit der DKP befasst haben, noch die Bedingungen und Diskussionen, die vor der Konstituierung der KO vorhanden waren, kennen. Gerade ein solcher Umstand sollte aber mehr Grund für Bescheidenheit in der eigenen Identifizierung mit Thesen und Standpunkten sein. In einem solchen Fall ist es besser, sich zunächst dem Studium dieser Dinge zu widmen. Der Verlauf der Debatte wurde in einem Text von ein paar Genossen, die im August 2017 aus der DKP ausgetreten waren und die KO mitgegründet haben, reflektiert und in offen-siv 7-2017 veröffentlicht. (der Text ist online verfügbar)

Zu den Programmatischen Thesen

Zum Charakter und zur Durchdringung der Programmatischen Thesen

Bei der Konstituierung der KO im Juli  2018 wurden die PTh von der Vollversammlung verabschiedet. Im August 2017 waren die ersten Austritte aus DKP und SDAJ, im darauffolgenden Herbst die nächsten vor allem aus der SDAJ. Die Genossinnen und Genossen, die bei der Gründung der KO dabei waren, waren aber nicht nur aus SDAJ und DKP. Einige waren überhaupt erst vor Kurzem zum Kommunismus gekommen. Da es schon vor der Konstituierung unterschiedliche Positionen bezüglich des Charakters der KO gab, organisierten wir ein etwas mehr als einwöchiges Treffen, wo wir verschiedene Themen im Schnelldurchlauf studierten und diskutierten. Es ist nicht nötig darauf hinzuweisen, wie tiefgehend dieser Austausch sein konnte. Daraufhin trennten sich die ersten von dem Zusammenhang, der damals noch provisorisch „Wie weiter“ genannt wurde.
Aus dem Bewusstsein der Unzulänglichkeiten und Mängel unserer eigenen Reife und im vollen Bewusstsein dessen, dass wir nicht in der Lage waren, ein kommunistisches Programm zu schreiben, was diesen Namen verdiente ohne einen kommunistischen Klärungsprozess (KKP) in bestimmten grundlegenden Fragen gemacht zu haben, verabschiedeten wir Thesen, die im KKP überprüft werden sollen.
Das Papier war an vielen Stellen unzureichend, so unzureichend dass wir im ersten Aufschlag des Klärungsprozesses durch eine so genannte Vorlage der damals noch AG Wissenschaft (Heute AG Diamat) sofort mit der Kritik an den PTh begannen. Dabei ging es um die Frage, ob der Begriff „Notwendigkeit“ in den PTh richtig verwendet wird.

Leider hat weder eine richtige Diskussion stattgefunden, noch hat es weitere selbskritische und konstruktive Vorlagen gegeben, die hätten eine Diskussion anleiten, strukturieren und zu einem Ziel hin, also einer Klärung, orientieren können. Der Grund dafür ist einfach: die meisten Genossinnen und Genossen haben zurückgemeldet, dass sie sich dazu nicht in der Lage sehen, diese Diskussion zu führen. Erstens sei ihr Bildungsstand dafür nicht ausreichend, zweitens könnten sie sich nicht im Selbststudium diesen Stand erarbeiten, drittens fehle ihnen auch die zeitliche Kapazität. Die meisten dieser Genossinnen und Genossen hatten aber die PTh beschlossen.

War das ein Fehler? Meiner Meinung nach nicht. Warum? Weil die PTh eben im Bewusstsein unserer mangelndenkollektiven Durchdringung und im Bewusstsein unserer bestehenden Dissense in sehr wichtigen Fragen als Thesenformuliert wurden. Denjenigen, die bei der Konstituierung anwesend waren, müsste dieser Umstand zumindest bewusst sein. Es ist aber durchaus möglich, dass die Genossen, die jetzt die PTh als Maß des Wissenscshaftlichen Kommunismus (WiKo) behandeln – aus welchen Gründen auch immer – nicht oder nicht durchgehend bei der Konstituierung anwesend waren und / oder den Prozess der Entstehung der Thesen nicht wirklich mitverfolgt haben und / oder eigene Wünsche und Vorstellungen hineinprojiziert haben, ohne die reale kollektive Entwicklung der Organisation im Auge zu haben.

Wir sollten, meiner Ansicht nach, diese Gelgenheit jetzt nutzen, um uns ein kollektives Verständnis über den realenCharakter der PTh zu erarbeiten. 

Daraus folgt:

Erstens: die Programmatischen Thesen sind Thesen. Thesen sind Behauptungen, die noch überprüft, diskutiert und belegt werden müssen.

Zweitens: die Inhalte dieser Thesen wurden nicht von den Genossinnen und Genossen der KO kollektiv durchdrungen.

Zum Sinn von und Umgang mit den Programmatischen Thesen

Die Verabschiedung der PTh war aber auch deshalb kein Fehler, weil wir richtigerweise nicht im luftleeren Raum agieren wollten. 

In gewissen Fragen war es erstens wichtig, dass wir die KO in der kommunistischen Bewegung verorten. Verorten heißt, dass wir offenlegen, aus welcher Strömung wir stammen, wie unsere allgemeinen Orientierungen sind, vor allem aber wie wir zur Sowjetunion und DDR stehen. 

Zweitens waren wir uns bewusst, dass wir kein offener Freiraum werden wollen, wo völlig losgelöst von den Grundlagen des WiKo eine Art Debattierclub entsteht. Aus dieser Perspektive sind die PTh unbedingt im Verhältnis zum anderen zentralen Ziel der KO, nämlich dem Aufbauprozess, zu sehen. 

Dieses Verhältnis zum Aufbauprozess beinhaltet zwei wesentliche Aspekte: erstens die Disziplin und zweitens die Kollektivität. Beide Aspekte sind Bestandteile des Demokratischen Zentralismus (DZ). Auch hier war von Anfang klar, dass wir uns in einem unzulänglichen und widersprüchlichen Verhältnis zu unseren Ansprüchen entwickeln müssen. Anspruch und Wirklichkeit mussten und müssen bis heute in einem Spannungsverhältnis zueinander gedacht, gelebt und zuweilen ausgehalten werden.

Zur Disziplin: Unsere Thesen sollten uns dazu zwingen die Inhalte auf die wir uns in Form von Beschlüssen geeinigt haben, ernst zu nehmen und nicht willkürlich mit Standpunkten umzugehen. Das ist, meiner Ansicht nach, bisher gut gelungen. Die Stellungnahmen der KO, das heißt unsere Positionierungen in bestimmten Fragen, sind auf Grundlage der Thesen formuliert worden.

Zur Kollektivität: das Verhältnis der PTh zum Aufbauprozess beinhaltet bewusst, dass wir am Ausbau, an der Vertiefung und Intensivierung der Kollektivität arbeiten müssen. Das heißt, daran zu arbeiten, dass der Stand der Entwicklung der Genossinnen und Genossen auf allen Ebenen angeglichen und gehoben wird.

Mitnichten konnten wir und können es auch heute nicht, eine Durchdringung der Thesen voraussetzen und trotzdem mussten wir und müssen immer noch eben diese Durchdringung als Anspruch formulieren. Genau in diesem Spannungsverhältnis kann sich die KO entwickeln.

Wenn jetzt die PTh den Rang einer schon begriffenen Wahrheit zugesprochen bekommen, dann droht uns Dogmatismus auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe. Durch ein solches Herangehen wird das Potential für die weitere Entwicklung erstickt, bevor es sich überhaupt entfalten kann. 

Wenn offensichtlich in vielen inhaltlichen Fragen die Kollektivität in der Organisation noch der Entwicklung bedarf, dann können wir nicht darüber hinwegsehen und die Entwicklung der Kollektivität durch eine künstliche (und inhaltsleere) Disziplin ersetzen. 

Vielmehr ist die Freiheit der Diskussion und die Kritik und Selbstkritik gefragt. Beides ist unzertrenntlich mit dem DZ verbunden. Die KO hat genau an den Stellen, wo sich Dissense in der Organisation massiv aufgedrängt haben (siehe Stellungnahme zu Kasachstan und die Selbstkritik bezüglich des Krieges in der Ukraine), genau das getan. Das finde ich sehr richtig und meine, dass wir uns nur so werden kollektiv weiterentwickeln können.

Auf der Website der KO unter der Rubrik ‚Über uns‘ findet sich ein Text mit dem Titel „Unser Organisationsprinzip“. Dort ist folgendes zu lesen: 

„Das Prinzip von Kritik & Selbstkritik ist fundamental für den DZ. Es ist zentral für die Entwicklung der einzelnen Mitglieder und darüber hinausgehend für die Entwicklung der gesamten Organisation. Denn aus Fehlern zu lernen ist ein entscheidender Hebel zur richtigen wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Strategie & Taktik der Organisation.“

Das heißt also:
In unseren Programmatischen Thesen spiegelt sich unser Entwicklungsstand wider. Dieser Entwicklungsstand ist von Unreife und mangelnder Kollektivität geprägt. Der Sinn dieser Widerspiegelung ist, kurz gesagt, die Herstellung von Selbstbewusstsein über diesen Zustand. Das ist die Voraussetzung für eine Selbstkritik. Der Umgang mit ihnen sollte im Wesentlichen eine selbstkritische Überprüfung sein, die entweder in einer Bestätigung, einer Verbesserung oder Widerlegung mündet. Dabei hilft uns eine solidarische, konstruktive und angstfreie Offenheit der Diskussion. 

Die Behandlung der Imperialismusfrage in den Programmatischen Thesen

An dieser Stelle möchte ich die Aussagen zum Imperialismus in unserem PTh, die als umstrittene Inhalte identifiziert sind, reflektieren, mit dem Ziel mögliche Ablenkungen, Missverständnisse und auch Fehlleitungen sichtbar zu machen. 

  1. Imperialismus als Epoche und als Merkmal von Staaten
    Beide Feststellungen sind in den PTh enthalten.
    „Der heutige Kapitalismus ist imperialistischer Kapitalismus. Der ökonomische Kern des Imperialismus ist das Monopol. Der heutige Kapitalismus ist dominiert vom Monopolkapital, das sich durch die Konzentration und Zentralisation des Kapitals herausgebildet hat. Dieser Wesenszug bestimmt die gesamte Epoche, in der wir leben. Im Imperialismus ist der Drang zum internationalen Kapitalexport enorm erhöht. Weil die territoriale Aufteilung der Welt unter die imperialistischen Staaten und Monopolgruppen abgeschlossen ist, geht das internationale Agieren des Kapitals mit dem ständigen Drang zur Neuaufteilung einher.“

    Beide Aspekte sind zwar nicht falsch, aber in einer unzureichenden Weise dargelegt. Es wird nicht erläutert, was es heißt, dass der ökonomische Kern des Imperialismus als Epoche das Monopol ist. Das müssen wir unbedingt verbessern und korrigieren. Denn die Formulierung Lenins, worauf Bezug genommen wird, ist sehr mangelhaft widergegeben. Wie ich schon in meinem letzten Diskussionsbeitrag angemerkt habe, fehlt die die wesentliche Charakterisierung des monopolistischen Stadiums, sage die monopolistische Beherrschung der Welt, in den Ausführungen in den PTh. 
    Im angeführten Zitat und an anderen Stellen im PTh ist von imperialistischen Staaten, Zentren oder imperialistischen Polen die Rede. Als integraler Bestandteil dieser Zentren oder Pole sind Staaten gemeint. So ist kein Zweifel daran, dass hier implizit Staaten als imperialistisch definiert werden. An keiner Stelle aber ist die Rede davon, dass damit gesagt sei, dass alle Staaten der Welt imperialistisch seien und sei es auch nur in der Tendenz. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn Genossen ihre Gedanken im Widerspruch zu den PTh in die Diskussion einbringen, da uns das nur hilft, den realen Stand der Durchdringung der Thesen besser zu erfassen.
  2. Imperialismus als weltumspannendes System
    In unseren PTh heißt es: 
    „Der Imperialismus ist ein globales System gesellschaftlicher Beziehungen, das alle kapitalistischen Länder umfasst, nicht nur die USA, Japan und Westeuropa. Auch andere Staaten, in denen (monopol-)kapitalistische Verhältnisse bestehen, wie etwa China, können keinen antiimperialistischen Charakter annehmen. Eine Rückentwicklung vom Monopolkapitalismus zum Kapitalismus der freien Konkurrenz ist nicht möglich, weil sie den grundlegenden Entwicklungsgesetzen der kapitalistischen Produktionsweise widerspricht, insbesondere dem Gesetz der fortschreitenden Konzentration und Zentralisation des Kapitals.“

    Ja, der Imperialismus ist ein weltumspannendes System. Und ja: dieses System umfasst nicht nur die hier genannten Länder. Aber offensichtlich verstehen wir darunter bzw. darüber hinaus sehr unterschiedliche Dinge. Ich meine, dass ein konsititutives Charakteristikum dieses Systems die Weltbeherrschung durch bestimmte Monopole und ihrer Staaten bedeutet. Das beinhaltet das Beherrschtsein durch diese Monopole und ihre Staaten. Ich verzichte hier auf weitere Ausführungen. Meine Absicht ist nur deutlich zu machen, dass die PTh hier offensichtlich die gemeinsame Grundlage für zwei unterschiedliche Positionen bieten. Bewusst oder unbewusst haben wir in diesen sehr holprigen Formulierungen unseren Minimalkonsens zum Ausdruck gebracht.
  3. Weltbeherrschung und Unipolariät
    „Wir kämpfen aber Seite an Seite mit unseren Genossen auf der ganzen Welt gegen den Imperialismus als Ganzes, als weltweites System. Besonders hervorzuheben sind daher auch die EU als imperialistisches Bündnis, die aufstrebenden Ökonomien der BRICS-Gruppe und der US-Imperialismus als nach wie vor militärisch gefährlichster imperialistischer Pol der Welt.“
    Was heißt das jetzt für wen? Aus meiner Perspektive steht da folgendes: Die EU ist ein imperialistisches Bündnis (dem stimme ich zu), die BRICS-Gruppe sind aufstrebende Ökonomien (finde ich richtig, auch wenn es insofern interpretationsoffen ist, dass man auch daraus ableiten könnte, dass die BRICS imperialistisch sind.) und die USA der militärisch gefährlichste Pol (auch völlig richtig). Weiter oben steht, dass in China „(monopol-)kapitalistische Verhältnisse“ herrschen. Ich würde sagen, dass das zwar keine falsche Formulierung ist, aber besonders genau und verständlich ist es nicht. 
    „Länger existierende zwischenstaatliche Bündnisse, wie die EU, sind Bündnisse imperialistischer Länder zur besseren Durchsetzung ihrer weltpolitischen Interessen. Sie sind durch ständige Konkurrenz unter den Mitgliedern, ungleichmäßige Entwicklung und die Gefahr des Auseinanderbrechens gekennzeichnet.“ Warum steht da eigentlich „Länger“ am Anfang des Satzes? Soll das heißen, dass die zwischenstaatlichen Bündnisse, die noch nicht so lange existieren, keine Bündnisse imperialistischer Länder sind? Ich gehe einfach mal davon aus. Es lässt sich aber bestimmt auch anders lesen. Auch hier finde ich es völlig in Ordnung, wenn Genossen in ihren Diskussionsbeiträgen andere Bündnisse wie BRICS oder SCO als imperialistische Bündnisse bezeichnen. Gut wäre es dann nur, wenn wir in der Diskussion versuchen in einer konstruktiven Weise unsere Maßstäbe und Kriterien zu überprüfen mit dem Ziel zu einer Einigung in wissenschaftlicher Weise zu kommen und nicht dogmatisch auf unseren Meinungen zu beharren.
  4. Prinzipielle Friedensfähigkeit von imperialistischen Ländern / Polen 
    „Es ist falsch, bestimmten, relativ unterlegenen imperialistischen Polen innerhalb dieses Systems eine prinzipielle Friedensfähigkeit oder fortschrittliche Rolle zuzuschreiben. Die fatale Konsequenz aus solchen Fehleinschätzungen ist, dass die Arbeiterklasse sich unter der Fahne fremder Interessen, nämlich des einen oder anderen imperialistischen Pols sammelt.“
    Gibt es jemanden in unserer Organisation, der behauptet dass bestimmte imperialistische Pole prinzipiellfriedensfähig oder gar fortschrittlich seien? Ich meine nicht und denke, dass wir es auch hier mit einem Konsens zu tun haben. Natürlich kann ich das nicht wissen, da ich nicht alle Genossinnen und Genossen der KO befragt habe. Mein Eindruck ist aber, dass aus den Positionen, die den russischen Militäreinsatz jetzt begrüßen (das tue ich), fälschlicherweise gelesen wird, dass deshalb irgendwelche prinzipiellen Charakteristika wie „Friedensfähigkeit“ oder „Fortschrittlichkeit“ (whatever that means) abgeleitet werden kann. Ich plädiere dafür erstens die PTh und zweitens die Diskussionsbeiträge von Genossen genau zu lesen.
  5. Objektiver Antiimperialismus“
    Folgendes steht dazu in den Thesen
    „Eine der zentralen Spaltungslinien in der kommunistischen Weltbewegung ist die Debatte um die These ‚objektiv antiimperialistischer‘ Staaten. Nach dieser Auffassung spielten bestimmte kapitalistische Staaten eine ‚objektiv antiimperialistische‘ und damit friedensfördernde Rolle. So wird z.B. Russland wegen seiner Interessendivergenzen mit den USA oft eine solche Rolle zugesprochen. Diese These ist jedoch falsch. Sie beruht auf der falschen Vorstellung, der Imperialismus sei die Vorherrschaft einiger, ‚westlicher‘ oder ‚nördlicher‘ Staaten wie der USA, Westeuropas und Japans. Wir halten jedoch daran fest, dass der Imperialismus eine gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus in seinem monopolistischen Stadium ist.“

    Zu diesem Teil in den PTh habe ich eine kritische Haltung. Tatsächlich lehne ich eine Beschreibung von Staaten (ganz egal ob imperialistische oder nicht – also natürlich nicht bezogen auf sozialistische Staaten) als „objektiv antiimperialistisch“ ab. Warum? Antiimperialismus ist und kann nicht objektiv sein, also ist nicht unabhängig vom Willen und vom Bewusstsein der Akteure. Ich bin z.B. der Meinung, dass die Taliban im August letzten Jahres dem US-Imperialismus und seinen Verbündeten einen guten Hieb versetzt haben. Dieser kann ein erster Schritt Richtung nationaler Befreiung Afghanistans sein. Aber: die Taliban sind keine Antiimperialisten. Sie können es auch nicht „objektiv“ (was auch immer das heißen soll) sein, weil ihre Handlungen sich nicht gegen den Imperialismus als solchen richten, sondern unmittelbar gegen ihre eigene Unterdrückung und Besatzung. Aus Sicht der Taliban war auch die SU eine imperialistische Macht. Auch wenn ich weiß, dass diejenigen, die das Wortpaar „objektiv imperialistisch“ affirmativ benutzen, damit genau sagen wollen, dass das subjektive Element in der Opposition bzw. im Kampf gegen imperialistische Mächte nicht vorhanden ist, sondern eben nur „objektiv“ auftritt, bin ich gegen die Verwendung dieser Formulierung, weil ich der Überzeugung bin, dass Antiimperialismus im Gegensatz zum nationalen Befreiungskampf nicht vom Subjekt getrennt werden kann. Vergleichbar wäre das auf innenpolitischer Ebene mit gewerkschaftlichem Kampf und revolutionärem Kampf. 
    Wie sieht es nun mit der Formulierung „friedensfördernd“ aus? Im Kontext der hier gemachten Aussage ist die Formulierung, meiner Ansicht nach, richtig. Eine solche allgemeine Beschreibung eines kapitalistischen Staaates als „friedensfördernd“ kann nur falsch sein. Leider gibt es in der Bewegung solche Vorstellungen und deshalb ist die Kritik richtig. Das wiederum heißt nicht, dass nicht in bestimmten historisch spezifischen Situationen ein Staat eine solche Rolle einnehmen kann. 
    Die Begründung der Kritik jedoch, die in den PTh geliefert wird, finde ich falsch und irreführend. Erstens ist es ein Charakteristikum der imperialistischen Epoche des Kapitalismus, dass es die Vorherrschaft einiger Staaten gibt, zweitens ist die Tatsache, dass der Imperialismus eine gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus ist, keine Begründung für die Nicht-Existenz von Vorherrschaft. Diese Sätze in den PTh sind, wie ich finde, falsch und sollten nach einer selbstkritischen Diskussion, korrigiert werden.
  6. PTh und die Hauptfeind-Frage
    „Der antiimperialistische Kampf muss sich deshalb gegen das Kapital und das kapitalistische System als Grundlage des Imperialismus richten. Als Kommunisten in Deutschland sehen wir den deutschen Imperialismus, d.h. die deutsche Monopolbourgeoisie und ihren Staat als unseren Hauptgegner an. Wir kämpfen aber Seite an Seite mit unseren Genossen auf der ganzen Welt gegen den Imperialismus als Ganzes, als weltweites System.“
    Diese Stellen haben meine volle Zustimmung und ich sehe sie gerade durch unsere Praxis infrage gestellt. Ein Teil der Organisation stellt für den Kampf gegen den Hauptfeind eine Bedingung auf: sie sei nicht bereit, diesen Kampf zu führen ohne auch den russischen Militäreinsatz zu verurteilen, obwohl das zurzeit möglich wäre. Hier finde ich, dass wir schnellstmöglich zu einer kollektiven Einigung kommen sollten und auf der Grundlage der PTh die Handlungsfähigkeit wiedererlangen. Diese Einigung sollte demokratisch herbeigeführt werden. Jenseits aller Unzulänglichkeiten und Schwächen, die wir haben und der offensichtlich mangelhaften Durchdringung unserer eigenen Thesen, ist es unsere Pflicht unseren Hauptfeind zu bekämpfen, der gerade auf Seiten des „gefährlichsten Pols“ USA dabei ist, die deutsche Arbeiterklasse auf einen brutalen Bellizismus einzuschwören und dabei russophobe Hetze, Antikommunismus, Geschichtsrevisionismus, Repression und die Rehabilitierung des Faschismus nicht scheut.
  7. PTh und Klärungsfragen
    Dazu steht in den PTh folgendes:
    „Im weiteren Klärungsprozess wollen wir zahlreiche Fragen zur politischen Ökonomie des Imperialismus vertiefen. Darunter die Zusammensetzung und Interessen des deutschen Kapitals; die Entwicklung des Kapitalismus in verschiedenen Ländern wie z.B. Russland und China sowie die Formen ihrer Einbindung in das imperialistische Weltsystem; die Eigentümerstrukturen der bestimmenden Monopole und ihr Verhältnis zum Nationalstaat; die Lage und Strategien des deutschen Imperialismus; die empirische Überprüfung der These des sogenannten ‚transnationalen Kapitals‘ und ihre Bedeutung für die Strategie der ‚antimonopolistischen Übergänge‘; die Frage der gegenseitigen Abhängigkeiten innerhalb der imperialistischen Kette; die Rolle und Bedeutung der nicht-monopolistischen Bourgeoisie; die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital; die verschiedenen imperialistischen Pole, ihre Entwicklung und Verhältnisse zueinander.“
    Ich bin mir nicht sicher, ob es nötig ist, die Inhalte hier nochmal auszubuchstabieren. Vielleicht doch in einem Punkt: da steht also tatsächlich, dass wir „die Entwicklung des Kapitalismus in Russland und China sowie die Fromen ihrer Einbindung in das imperialistische Weltsystem“ im Klärungsprozess vertiefen wollen. Es scheint so, als hätten einige Genossen diesen Prozess für sich schon abgeschlossen. Es wäre gut, wenn die Genossen den Prozess und die Inhalte ihrer Vertiefung der Organisation zur Verfügung stellen, so dass wir daran teilhaben können. Ich gehe davon aus, dass die faktenreichen Darlegungen in den letzten Diskussionsbeiträgen, die in diese Richtung argumentieren, nicht diese Vertiefung meinen können.
    So oder so: Stand der Dinge ist, die KO hat diese Fragen noch nicht kollektiv geklärt. 

Ein paar Schlussbemerkungen

Ich meine nicht, dass die Debatte, die wir eröffnet haben, eine ernsthafte und wissenschaftliche Analyse ersetzen kann. Leider scheint es bei manchen Beiträgen so, als müssten jetzt nur ein paar Daten und Fakten aneinandergereiht werden und so wäre die eine oder andere These belegt und basta. So ist es nicht. 

Die laufende Debatte hat zunächst einmal nur einen Zweck: sie soll den Dissens an die Oberfläche spülen. Damit ist ihr Zweck aber auch schon erfüllt. Nun sollte zügig eine strukturierte, organisierte und zielführende Arbeit beginnen. Es sollte uns allen klar sein, dass das eine Herausforderung ist. Denn: wir müssen uns sehr disziplinieren, wenn wir zu Ergebnissen kommen wollen. Zu dieser Disziplin gehört, dass wir es uns nicht einfach und bequem machen, sondern selbst hinterfragen. Wenn wir feststellen, dass wir bestimmte Dinge nicht erklären können, dann sollten wir das offenlegen und nicht versuchen zu verdecken. Niemand erwartet, dass vor dem Hintergrund der Krise der kommunistischen Weltbewegung, das Niveau der kleinen und jungen KO gleich von Anfang an sehr hoch sein muss. Etwas mehr Bescheidenheit ist gefragt.

Des Weiteren sollten wir mit Offenheit auf die Beiträge, das Wissen und die Potentiale anderer Organisationen und auch Einzelpersonen zugehen. Ganz gleich, ob wir deren politische Schlussfolgerungen richtig oder falsch finden, sollten wir uns mit der Argumentation ernsthaft auseinandersetzen. 

Auch meine ich vor einem gewissen Defätismus warnen zu müssen. Es kann sein, dass wir noch nicht alle Fragen, die wir haben und alle Dissense, die es gibt werden beantworten können. Es kann sein, dass wir sehr grundlegende Probleme und noch tiefere Dissense feststellen werden. Es kann sein, dass wir feststellen, dass wir nicht einmal die Grundlagen des WiKo verstanden haben. Was ist mit ökonomischer Basis gemeint oder mit dialektischer Methode, wie erforscht man historisch-materialistisch richtig? Es besteht die Gefahr, dass wir vulgäre Antworten auf diese Fragen geben. All das ist möglich. Dass das Scheitern möglich ist, sollte uns jedoch nicht daran hindern, die Arbeit aufzunehmen und gegebenenfalls wieder einmal unseren wirklichen Potentialen im ständigen Ringen um die Wahrheit anzupassen.

Antikommunismus im Gewand der Meinungsfreiheit – Studentische Selbstverwaltung auf Abwegen

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Der Leipziger Studierendenrat (StuRa) beschloss kürzlich den Boykott der Kommunistischen Organisation sowie anderer linker und kommunistischer Strukturen. Der Beschluss mit dem zynischen Titel „Meinungsfreiheit und freie Rede“ ist nicht nur ein Tiefpunkt der Leipziger Hochschulpolitik, sondern ein Angriff auf wirkliche Meinungsfreiheit und Teil einer breiten antikommunistischen Hetze auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Wir verurteilen diese Attacke und fordern eine Aufhebung des Beschlusses sowie Solidarität mit allen Betroffenen.


Am 04.01.2022 beschloss der StuRa der Universität Leipzig, die „Kommunistische Organisation […] sowie Gruppen bzw. Veranstalter_innen, die mit den Genannten kooperieren, von seinen ideellen wie finanziellen Fördermöglichkeiten auszuschließen“. Aus „ideologischen Gründen (wie beispielsweise antiimperialistischem Weltbild)“ wird der KO die Unvereinbarkeit ausgesprochen. Die KO selbst wurde über diesen Unvereinbarkeitsbeschluss allerdings nicht informiert, was bemerkenswert ist, wenn es angeblich um die Diskussion und freie Meinungsbildung gehen soll. Der Beschluss betrifft auch weitere Gruppen, die sich als kommunistisch verstehen: Sozialistische Organisation Solidarität (SOL), Rote Wende, Roter Aufbau, International Youth and Students for Social Equality (IYSSE), Revolution, Kommunistischer Aufbau, Kommunistische Jugend, Kommunistische Frauen. All diese „sowie Gruppen bzw. Veranstalter_innen, die mit den Genannten kooperieren“ sollen also vom Campus entfernt werden. Offensichtlich ist das ein Versuch, sich unliebsame politische Akteure vom Halse zu halten ─ ein Kahlschlag gegen Kommunisten an der Hochschule.

Damit steht der Antrag in einer unsäglichen Tradition der Bekämpfung von kommunistischen Inhalten an der Universität durch den StuRa. Als Aufhänger und entscheidendes Instrument dieser Politik dient immer wieder die angebliche Bekämpfung des Antisemitismus: Im Jahr 2016 wurde ein Unvereinbarkeitsbeschluss gegen alle Akteure verabschiedet, die etwas mit der BDS-Kampagne zu tun hatten. In der Folge wurden jene linken Hochschulgruppen massiv angegangen. 2017 wurde der trotzkistischen Hochschulgruppe IYSSE aufgrund fadenscheiniger Verschwörungstheorie- und Antisemitismusvorwürfe der Status als Hochschul-AG verweigert.1 Auch dem Leipziger globalisierungskritischen Filmfestival GlobaLE wurden immer wieder Fördermittel entzogen – aufgrund von absurden Antisemitismusvorwürfen oder wie zuletzt, weil zwei Dokumentarfilme zur DDR der Kommunistischen Organisation gezeigt wurden. Einen Tiefpunkt erlebten wir im Jahr 2018, als der StuRa einer Veranstaltung im Rahmen der Reihe „70 Jahre Israel“, auf der der Bahamas-Redakteur Thomas Maul sprechen sollte, erst nach öffentlichem Druck seine finanzielle Unterstützung entzog. Der eingeladene Referent war bekannt als Linkenhasser und islamfeindlicher Rassist und hatte kurz vor seinem geplanten Besuch in Leipzig die AfD als „EINZIGE Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag“ bezeichnet.2 Im Jahr 2020 nahm das studentische Gremium dann die Antisemitismus-Definition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) an.3 Wesentlicher Inhalt dieser „Definition“ ist die Gleichsetzung von Kritik an der israelischen Besatzung und Unterdrückung der Palästinenser mit einem antisemitischen Motiv. So dient sie als Instrument der Bekämpfung von unliebsamen Stimmen durch eine schamlose Instrumentalisierung des Kampfes gegen Antisemitismus.4

Es ist eine Politik der Verdrehung von Begriffen zur Verunmöglichung der Diskussion durch plumpe Verleumdung, die im Leipziger StuRa fest verankert zu sein scheint. Jene, die diese Politik betreiben, benutzen nun dreist den Begriff der Meinungsfreiheit, um das Gegenteil damit zu erreichen. Der Beschluss ist eine Maßnahme, der abermals jene zu tabuisieren versucht, die auf dem antikommunistischen Radar der Antragsteller erscheinen.

Antisemitismus und „Totalitarismus“ – Waffen gegen den Kommunismus

Es ist sicherlich keine neuartige Methode bürgerlicher Politik, politische Gegner mit unbegründeten Vorwürfen und Verdrehungen ihrer Positionen mundtot zu machen. Antisemitismus und „Totalitarismus“ haben sich dafür als besonders effektive Kampfbegriffe etabliert.

Der Antisemitismusvorwurf des Antrags folgt einer Logik, welche den Antisemitismusbegriff entleert und dadurch von der vorhandenen Gefahr durch wirklichen Antisemitismus sowie Rassismus ablenkt. Für den StuRa gilt jede Kritik am Staat Israel – demnach auch jede Kritik an Krieg und kolonialer Unterdrückung – als antisemitisch. Wer, wie der StuRa, eine solche Definition vom Antisemitismus nutzt, vermischt Judentum, Zionismus und die Politik des Staates Israel in absichtsvoller Weise. Es wird eine Gleichheit von Dingen konstruiert, die gar nicht gleich zu setzen sind. Wer die Interessen des imperialistischen zionistischen Staates Israel als Verteidigung der Juden charakterisiert und verteidigt, der verbindet den Kampf gegen Antisemitismus mit der Realität der Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung. Rassismus wird so nicht bekämpft – im Gegenteil wird der antimuslimische und antiarabische Rassismus, der die israelische Besatzung legitimieren soll, schlicht übernommen.

Der StuRa will den Kampf gegen koloniale Unterdrückung und die Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand vom Campus verbannen. Aber durch eben diese Entstellung des Kampfes gegen Antisemitismus reiht er sich in die Stimmungsmache gegen Geflüchtete und Muslime ein. Eine Normalisierung, mit der sich der StuRa in letzter Konsequenz mit den Rechten von AfD und Co. gemein macht. Diese widerwärtige Hetze zeigte in Leipzig erst kürzlich ihre Wirkung, als aus einer „linken“ Demonstration heraus eine Moschee angegriffen wurde.5

Als antikommunistische Hauptwaffe nutzt der Antrag jedoch den Vorwurf des „Totalitarismus“. Dieser Begriff wurde nach 1945 zu einem pseudowissenschaftlichen System ausgebaut, dessen Kern die Entstellung von historischen Tatsachen und Erfahrungen darstellt, um damit eine Wesensgleichheit zwischen Faschismus und Sozialismus/Kommunismus zu konstruieren. In Wirklichkeit dienen beide entgegengesetzten Interessen: Während der Faschismus Rassismus, Krieg, Unterdrückung und Vernichtung mit sich bringt, gerade um die kapitalistische Herrschaft abzusichern, ist der wesentliche Inhalt des Sozialismus die Befreiung der Menschheit vom Kapitalismus. Der Sozialismus soll mit dem Hitlerfaschismus in Verbindung gebracht werden, um positiven Bezügen zum Sozialismus und einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Geschichte entgegenzuwirken. Die Übernahme dieses zutiefst bürgerlichen Anliegens, den Sozialismus wo es nur geht zu verunglimpfen, spricht Bände über die politische Verortung der Antragsteller.

Gegen Antikommunistische Hetze an der Hochschule

Der StuRa-Antrag verdeutlicht, dass der Antikommunismus im Namen der Demokratie und Meinungsfreiheit auch keinen Halt vor der Hochschule macht. Indem der StuRa die Meinungsfreiheit als Legitimation für das Verbot antiimperialistischer Positionen nutzt, führt er einerseits seine eigene Argumentation ins Absurde, andererseits demonstriert er den wahren Charakter der bürgerlichen Demokratie: Meinungsfreiheit gibt es nur für diejenigen, die sich hinter die Interessen des eigenen Imperialismus stellen. In einer Zeit, in der viele junge Menschen auf der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen sind, versuchen die Kräfte, die u.a. im StuRa tonangebend sind, eben jene Alternativen zu diskreditieren und zu verleumden. Diese bürgerliche Hegemonie ist das Ergebnis des Wirkens von Antikommunisten in linken Organisationen, den Gewerkschaften, der linken Szene oder eben auch im StuRa.

Es wird Zeit, sich diesen Kräften entgegenzustellen. Wir nehmen diesen Antikommunismus nicht hin und wehren uns gegen die verleumderischen Vorwürfe. Wir treten für eine antiimperialistische – das heißt eine wirklich antikapitalistische, eine wirklich antirassistische und eine wirklich antimilitaristische – Politik an der Hochschule ein.

Deshalb fordern wir:

Die Aufhebung des StuRa-Beschlusses!

Die Solidarität mit den Betroffenen!

Das Ende der antikommunistischen Hetze an der Hochschule!

1 https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/11/stur-n11.html und https://www.luhze.de/2019/11/12/linke-hochschulgruppe-wirft-uni-stura-zensur-vor/

2 https://www.thomasmaul.de/2018/05/afd-als-einzige-stimme-der-restvernunft.html

3 https://stura.uni-leipzig.de/beschlussdatenbank/

4 https://www.juedische-stimme.de/2021/01/19/stellungnahme-zum-eu-handbuch-zur-anwendung-der-ihra-arbeitsdefinition-des-antisemitismus/

5 https://kommunistische-organisation.de/stellungnahmen/angriff-auf-eine-moschee-in-leipzig-arbeiterfeindlich-rassistisch-pro-imperialistisch/

Ist es für die Einordnung des Konfliktes so wichtig, ob Russland imperialistisch ist?

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von Diana Barth

Ich habe zwei Punkte, die ich mich während der jetzigen Diskussion frage: Warum hinterfragen wir, ob Russland imperialistisch ist und warum ist das der Hauptgrund anhand dessen der Krieg bewertet wird? Denn die Schlussfolgerung: Russland ist imperialistisch, also ist auch der jetzige Militäreinsatz zu verurteilen oder Russland ist nicht imperialistisch also ist auch dieser Militäreinsatz nicht zu verurteilen, wirken beide verkürzt auf mich.

Wurde von der KO nicht bisher immer vom russischen Imperialismus gesprochen (Wie in dieser Veröffentlichung [1])? War nicht schon das russische Zarenreich imperialistisch? Und setzt nicht erst der Imperialismus die sozialistische Revolution auf die Tagesordnung? Denn, entgegen der Behauptung Russland war damals zu rückständig, also noch nicht bereit zur sozialistischen Revolution, behauptete Lenin:

„In Rußland muß sich die Diktatur des Proletariats infolge der sehr großen Rückständigkeit und des kleinbürgerlichen Charakters unseres Landes unvermeidlich durch gewisse Besonderheiten im Vergleich mit den fortgeschrittenen Ländern unterscheiden. Aber die Hauptkräfte – und die Hauptformen der gesellschaftlichen Produktion – sind in Rußland die gleichen wie in jedem beliebigen kapitalistischen Lande, so daß diese Besonderheiten keineswegs das Allerwichtigste betreffen können.“ [2] oder “und schließlich ein Land, das in ökonomischer Hinsicht am meisten zurückgeblieben ist (Rußland), in dem der moderne kapitalistische Imperialismus sozusagen mit einem besonders dichten Netz vorkapitalistischer Verhältnisse überzogen ist.” [3]

Und was würde es heißen im Umkehrschluss zu sagen, dass Russland nicht imperialistisch ist? Dass die sozialistische Revolution nicht auf der Tagesordnung steht? Was wäre Russland dann sonst? Kapitalismus der freien Konkurrenz? Und wieso gibt es keine Diskussion darüber, dass man in Italien vom italienischen Imperialismus spricht? Ist Italien so viel mächtiger als Russland oder was sind die Kriterien wonach man Italien als ein imperialistisches Land bezeichnen kann, Russland aber nicht? Und wenn Imperialismus nicht nur von aggressiver Außenpolitik definiert ist, dann sollte, ob ein Land imperialistisch ist auch nicht nur von seiner Stellung im Weltsystem abhängen? (Den Eindruck hatte ich in Klaras Diskussionsbeitrag) 

“Eine der zentralen Spaltungslinien in der kommunistischen Weltbewegung ist die Debatte um die These „objektiv antiimperialistischer“ Staaten. Nach dieser Auffassung spielten bestimmte kapitalistische Staaten eine „objektiv antiimperialistische“ und damit friedensfördernde Rolle. So wird z.B. Russland wegen seiner Interessendivergenzen mit den USA oft eine solche Rolle zugesprochen. Diese These ist jedoch falsch. Sie beruht auf der falschen Vorstellung, der Imperialismus sei die Vorherrschaft einiger, „westlicher“ oder „nördlicher“ Staaten wie der USA, Westeuropas und Japans. Wir halten jedoch daran fest, dass der Imperialismus eine gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus in seinem monopolistischen Stadium ist.“ [4]. Anhand des letzten zitierten Satzes de programmatischen Thesen verstehe ich gerade Imperialismus als letzte Stufe des Kapitalismus und somit jedes Land, dass sich vom Kapitalismus der freien Konkurrenz in ein monopol-kapitalistisches Land entwickelt hat, als imperialistisch. Und ich verstehe es bislang auch als gesetzmäßige Entwicklung, die jedes Land durchläuft. Wenn durch die Konzentralisation und Zentralisation des Kapitals das Kapital nach Kapitalexport drängt, muss das doch in jedem kapitalistischen Land geschehen? Also eben auch Russland?

Aber in diesem Konflikt frage ich mich eigentlich nicht, ob Russland imperialistisch ist, sondern ob nicht auch in einem imperialistischen Land die Interessen der Arbeiterklasse sich zeitweise überschneiden können mit denen der nationalen Bourgeoisie. Wie in ein paar der letzten Diskussionsbeiträgen dargelegt wird, wäre das bei einem nationalen Krieg der Fall. Lenin schloss die Möglichkeit der Umwandlung eines imperialistischen Krieges in einen nationalen nicht aus. Ich finde das Beispiel von Domenico Losurdo spannend. Er meint, diese Situation sei im 2. Weltkrieg eingetreten. Zum Beispiel als Frankreich oder Italien besetzt worden sind. Hier ging es um eine nationale Befreiung von einem Besatzer. Das heißt, dass zwei imperialistische Länder trotzdem einen nationalen Krieg führen mussten. [5] Die RKAP bringt auch das Beispiel Großbritanniens in einem Beitrag, bei dem die englischen Kommunisten, weil die Regierung gerade gegen den deutschen Faschisten kämpfte, still hielten: “Bezeichnend ist jedoch, dass die UdSSR und die Kommunisten anderer Länder zu dieser Zeit beispielsweise Äthiopien unterstützten, eine absolute Monarchie mit einer Vielzahl mittelalterlicher Überreste, die sich im Krieg mit dem faschistischen Italien befand. Und schließlich bildete sich allmählich ein antifaschistischer Block, dem die UdSSR, die USA, Äthiopien und viele andere Länder mit sehr unterschiedlichen sozioökonomischen und politischen Strukturen angehörten. Für die englischen Kommunisten zum Beispiel ist die antikommunistische Churchill-Regierung immer feindlich gewesen, aber unter diesen konkreten historischen Bedingungen musste ihre Position korrigiert werden.“ [6]

Ich frage mich ob das hier Beispiele sind, in denen zum einen ein imperialistischer Krieg sich in einen nationalen wandelte und in denen ein imperialistisches Land überschneidende Interessen der Arbeiterklasse mit der nationalen Bourgeoisie hatte. Oder waren die Länder plötzlich nicht mehr imperialistisch, nur weil es zeitweise Überschneidungen mit dem Interesse des internationalen Proletariats mit der nationalen Bourgeoisie eines Landes gab? Ich sehe gerade jedenfalls nicht den Widerspruch, dass Russland nicht imperialistisch sein kann und es nicht trotzdem zeitweise überschneidende Interessen der Arbeiterklasse mit der nationalen Bourgeoisie geben kann. Gerade frage ich mich eher, und sehe das Hauptproblem darin, ob der Krieg wirklich den Interessen der weltweiten Arbeiterklasse entspricht oder nicht. Aber selbst wenn das nicht zutrifft, sehe ich auch nicht das Problem die NATO weiterhin als Hauptfeind und Aggressor zu benennen.

Natürlich brauchen wir eine Klärung zum Imperialismusverständnis. Ich glaube nur, dass wir auch nach der Klärung der Imperialismusfrage den Konflikt weiterhin unterschiedlich bewerten können und wir erstmal weiterhin keine Positionierung zu diesem finden werden. Egal ob am Ende Russland als imperialistisch eingestuft wird oder nicht, den Konflikt selbst werden wir noch mal konkret einordnen müssen.

[1] https://kommunistische-organisation.de/stellungnahmen/schluss-mit-der-aggression-gegen-russland/

[2] Lenin, Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats, Sämtl. Werke, Bd.XXIV, S.508 russ.

[3] Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus

[4] KO, Programmatische Thesen, https://kommunistische-organisation.de/programmatische-thesen/4-der-imperialismus/

[5] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus – Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, S.61f.

[6] https://rkrp-rpk.ru/2022/03/25/%d1%83%d0%ba%d1%80%d0%b0%d0%b8%d0%bd%d1%81%d0%ba%d0%b8%d0%b9-%d0%bd%d0%b0%d1%86%d0%b8%d0%b7%d0%bc-%d0%ba%d1%80%d0%be%d0%b2%d0%b0%d0%b2%d1%8b%d0%b9-%d1%81%d0%bb%d0%b5%d0%b4-%d0%b4%d0%bb%d0%b8%d0%bd/ (Mit deepl.com übersetzt)

Die Wiederholung einer Debatte? – Oder: Was heißt eigentlich Klärung?

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von Edgar Kunze

Inhalt

Einleitung

Imperialismusdebatte in der DKP 2014/15

Entwicklung der Standpunkte in der Kommunistischen Organisation

Die Aufgabe zur Klärung liegt vor uns – nicht hinter uns

Einleitung

In unserer Diskussion ist der Eindruck entstanden, dass wir angesichts des Krieges in der Ukraine eine Debatte wiederholen, die wir bereits geklärt und doch mit dem Verlassen der DKP längst hinter uns gelassen hätten. In den programmatischen Thesen käme genau das zum Ausdruck, wenn wir Positionen kritisieren, die manchen kapitalistischen Ländern eine objektiv antiimperialistische oder prinzipiell friedensfördernde Rolle zusprechen.

Ich möchte in diesem Beitrag versuchen den Verlauf unserer Debatte, d.h. die Basis, auf der wir uns auf die programmatischen Thesen geeinigt haben zu reflektieren. Es besteht in unserer Debatte eine Gefahr die politische Krise der Bewegung und die Notwendigkeit zur Klärung zu einfach, d.h. unzureichend zu erfassen. Ein Problem, das seine Ursachen bereits im Austrittsprozess aus der DKP hat. Anders formuliert: Mit unserer ganzen Entwicklung mussten (und müssen) wir uns ein immer besseres Verständnis der Krise der Bewegung und dem, was Klärungsprozess bedeutet, aneignen, und dabei Einseitigkeiten und Vereinfachungen überwinden. 

Zu Beginn möchte ich Ausschnitte aus der Diskussion von 2014 zur Lage in der Ukraine und zur Einschätzung Russlands anführen, die in unserer Strömung geführt wurde. Auf dieser Grundlage möchte ich die Vorstellung der Klärung und die Positionen zum Imperialismus, die wir nach und nach entwickelt haben diskutieren.

Imperialismusdebatte in der DKP 2014/15

Vor dem Hintergrund des von der NATO unterstützten Putsches in der Ukraine entbrannte innerhalb der kommunistischen Bewegung eine kontroverse Diskussion zur Einschätzung Russlands, der Lage in der Ukraine, zum Verständnis des Imperialismus allgemein und der Rolle des deutschen Imperialismus konkret, der Konsequenzen für die Arbeiterbewegung usw.
Ich habe Aussagen von Autoren aus der Theorie & Praxis (T&P) Nr. 36 und 37, erschienen zwischen Juni bis September 2014, den Marxistischen Blättern (MB) (1-2015) und der Kommunistischen Arbeiterzeitung (KAZ) Nr. 234 vom Dezember 2014 (Die KAZ ist natürlich nicht Teil der DKP, die hier aufgegriffene Position sicherlich schon) ausgewählt. Ich habe dabei zum Teil etwas längere Ausschnitte ausgewählt, um einen genaueren Einblick in die damals geführten Diskussionen zu ermöglichen. Mein Eindruck ist, dass wir es uns in der KO zum Teil zu leicht machen und ungenau sind mit der Kritik insbesondere an der DKP, aber auch an der Bewegung insgesamt. Dabei droht die Gefahr eine Diskussion entlang von Signalwörtern (In den Beiträgen werden sie uns auch begegnen: Multipolarität, aggressive Außenpolitik, objektiver Antiimperialismus, Ausnutzen zwischenimperialistische Widersprüche, etc.) und letztlich gegen Strohmänner zu führen, die den Kern der vorgebrachten Standpunkte nicht trifft.

Die Auswahl der Zitate und Texte bleibt notwendig beschränkt selektiv. Für einen kurzen Einblick und Eindruck von der Art der Debatte, und zentralen Thesen sollen sie genügen. Es bleibt eine zu leistende Aufgabe, umfassender die Entwicklung der Diskussion in der Bewegung, insbesondere auch in der DKP, zu erfassen. Es war sehr spannend einige der Beiträge (teilweise nochmals) zu lesen, mitunter hätten sie ohne Änderungen auch gegenwärtig veröffentlicht werden können. Ob die Autoren angesichts des russischen Militäreinsatzes ihre Positionen weiterhin vertreten? Ich versuche die einzelnen Zitate jeweils kurz zu kommentieren, um besonders spannende Aspekte hervorzuheben, abschließend versuche ich die Diskussion etwas grundsätzlicher einzuschätzen.

Renate Münder: „Hände Weg von der Ukraine!“ (T&P, 36)[1] 

„Der Faschismus kehrt nach Europa zurück – nein, es ist nicht das erste Mal, dass in einem europäischen Land Faschisten an der Regierung beteiligt sind. Aber die neue Regierung der Ukraine, durch einen Putsch an die Macht gekommen, offenbart frech ihre terroristische Natur, jagt Juden, Antifaschisten und Kommunisten, verfolgt, verbrennt sie, schlägt sie tot, sich stolz ihrer Massaker rühmend. Dass diese Handlanger der Oligarchen und der Imperialisten die Regierung übernehmen konnten, daran ist entscheidend der deutsche Imperialismus beteiligt. Ohne die von Deutschland geführte EU könnte der „neoliberale-faschistische Block“, so die ukrainische Organisation Union Borotba, die Ukraine nicht ins Verderben stürzen. Allerdings ist es nicht – wie geplant – ihr Mann, der an der Spitze steht, sondern der des US-Imperialismus. […]

Die deutsche Linke ist nicht in der Lage, die Politik der Herrschenden zu entlarven, die Medienhetze zu durchbrechen und die Arbeiter- und demokratische Bewegung in ausreichendem Maße zu mobilisieren. Die Ursachen sind eine erschreckende Unkenntnis der Verhältnisse, die zur Verharmlosung und sogar Verherrlichung der ukrainischen Faschisten geführt hat, und vor allem fehlende Klarheit über Russland. Verantwortlich seien alle Imperialisten – auch Russland werden imperialistische Interessen unterstellt.

Auch innerhalb der DKP gibt es Widersprüche, wie der Genosse Hans Günter Szalkiewicz in einem Brief vom 25. Mai 2014 […] darstellt. Er fordert zur Diskussion über die Konfliktsituation in der Ukraine und ihre Verursacher auf. […] Die entscheidende Feststellung darin ist, dass Russland nicht der Aggressor ist und auch keine Teilverantwortung für die Situation trägt. Eine Gleichsetzung Russlands mit den imperialistischen Hegemonialmächten wird scharf zurückgewiesen und die Interessengleichheit der Antifaschisten mit Russland in der Ukrainefrage betont. Das muss nicht zu der Schlussfolgerung führen, Russland sei generell eine Friedensmacht.
Der Nachweis, dass Russland kein imperialistisches Land ist, bedarf allerdings einer fundierten Analyse auf der Grundlage der Leninschen Imperialismustheorie und wird einige Arbeit erfordern.“


Erstens fordert Münder richtigerweise ein, Klarheit über den Charakter Russlands zu gewinnen und betont, dass es dazu einer umfassenden Diskussion und Analyse bedarf. Etwas, das organisiert und kollektiv nicht eingelöst wurde. Zweitens ist für uns interessant, dass Münder hier bereits eine Abgrenzung vornimmt, indem sie sagt, dass eine Interessengleichheit in einer Frage nicht bedeute, dass Russland generell zur Friedensmacht werde.

Hans-Günter Szalkiewicz: „Analyse der Kommunisten gefragt“ (T&P, 36)[2]

„Putin hat seit 1999 im Grunde genommen nichts weiter getan, als dem nationalen Verrat und dem völligen nationalen Ausverkauf ein Ende zu setzen und den Interessen des Landes Schritt für Schritt zu entsprechen. Er hat Russland aus der politischen, ökonomischen und sozialen Zersetzung herausgeholt. Er hat die katastrophalen Folgen des Versagens der „KPdSU-Patrioten“ aufgefangen und in einer patriotischen Anstrengung die Kolonialisierung des Landes verhindert. Anzunehmen, dass das Russland unter Jelzin eine neue, selbstständige imperialistische Macht geworden wäre, ist geradezu irreal. […]
Das Problem beginnt damit, dass Lenin mit seiner Imperialismus-Analyse nicht ernst genommen wird. Die fünf Merkmale haben wir gelernt, heute wird gesagt – sieht das alles etwas anders aus als im Jahre 1916, der Begriff des Finanzkapitals wird verflacht und entstellt, u. a. durch die Version von der dominierenden Rolle der Finanzmärkte usw. […] Offensichtlich ist die Einsicht abhanden gekommen, dass es sich beim Imperialismus um ein ökonomisch und politisch definiertes Herrschaftssystem handelt. 
[Hervorhebung im Original] Elemente dieses Systems – in Stichworten und sehr eng bei Lenin bleibend – sind die wechselseitige Verflechtung der privaten und staatlichen Monopole, wobei „die einen wie die anderen in Wirklichkeit bloß einzelne Glieder in der Kette des imperialistischen Kampfes zwischen den größten Monopolisten um die Teilung der Welt sind“ (S. 255), das Finanzkapital als eine so „entscheidende Macht in allen ökonomischen und in allen internationale Beziehungen, dass es sich sogar Staaten unterwerfen kann und tatsächlich unterwirft, die volle politische Unabhängigkeit genießen (S. 264); eine ungeheurere Anhäufung von Geldkapital in wenigen Ländern. (…) Die Welt ist in ein Häuflein Wucherstaaten und in eine ungeheure Mehrheit von Schuldnerstaaten gespalten.“ (S. 281/282)

Wer glaubt, das heutige Russland in die Reihe der „größten Monopolisten“ einordnen zu können, hat weder den Charakter des Finanzkapitals noch das politische System des Imperialismus begriffen.“

Der in der T&P leider nur gekürzt erschienene Beitrag ist insgesamt lesenswert, vor allem deshalb, weil Szalkiewicz selbst die bereits laufende Debatte in der DKP bespricht. Die Diskussion zur Einschätzung Russlands wird hier nur angedeutet, insbesondere die „patriotische Anstrengung“ Putins gegen die Kolonialisierung wird bei einigen Lesern Alarmsignale aktivieren. Werden hier die Interessen der Arbeiterklasse mit der Konsolidierung der nationalen russischen Bourgeoisie gemein gemacht? Wie verhält sich die Arbeiterbewegung zu den unterschiedlichen Abhängigkeitsverhältnissen und Konkurrenzbeziehungen der kapitalistischen Länder? Wir sind jedenfalls mittendrin, in der Auseinandersetzung um den Imperialismus und die Frage, wie der Widerstand einer nationalen Bourgeoisie gegen die Unterwerfung imperialistischer Staaten einzuschätzen ist; wie sich die Arbeiterbewegung dazu stellen muss.

Der Bezug auf Lenins Imperialismusverständnis ähnelt in einigen Aspekten, Positionen unserer laufenden Debatte: Die Hervorhebung des Autors, dass es sich beim Imperialismus sowohl um ökonomische als auch politische Merkmale handelt, die Bedeutung des Finanzkapitals und die Bestimmung von einer Gruppe imperialistischer Großmächte, zu denen Russland nicht gehöre.

Klaus Linder: „Ukrainer, Faschismus und Deutsche Osteuropa-Strategie“ (T&P 36)[3] 

„Das alles erscheint erst schlüssig, wenn der ukrainische Faschismus als wesentliches Instrument deutscher Osteuropa-Strategie erkannt wird. […] So mühelos in den 90er Jahren Genscher-Deutschland zur Zerschlagung Jugoslawiens auf die Re-Mobilisierung kroatischer Ustascha Faschisten zurückgriff, so mühelos kann heute in der Ukraine das Auswärtige Amt an die Kollaboration der Bandera Faschisten anknüpfen; und zwar sowohl über ihren parlamentarischen als auch über ihren militärischen Arm.
[…]
Die Propagandakampagne zu diesem Zweck arbeitet mit dreierlei: 1. Umetikettierung des ukrainischen Faschismus als „pro-europäischer Nationalismus“, 2. Leugnung seines antisemitischen Charakters, 3. Präsentation des organisierten Faschismus als Willensbekundung einer „Zivilgesellschaft“.
[…]
Es steht in der Ukraine kein verfassungsmäßig legitimierter „Staat“ mehr der „Zivilgesellschaft“ gegenüber, sondern eine von Bündnissen konkurrierender Imperialismen an die Macht gehievte, brüchige und provisorische Putschistenriege. Staat und Zivilgesellschaft wurden aus den Angeln gehoben. Als Gegenpol einer fiktiven „Zivilgesellschaft im Protest“ bleibt der Propaganda folglich nur ein exterritorialer Staat als Zielscheibe: der Moskauer. So begrenzt dessen faktische Macht auch ist: Es geht bei der Pseudo-Entgegensetzung von „Ukrainischer Zivilgesellschaft“ und „Moskauer Staat“ um etwas anderes als das empirische Russland von heute. Es geht um die Mobilisierung gegen einen fiktiven Staat schlechthin, den „Sowjetstaat“. Der ist politisch und geographisch Historie. Aber bei aller Irrealität kommt hier ein innerstes Anliegen des deutschen Imperialismus zum Vorschein: Der weltgeschichtliche Sieg der Sowjetunion, des Sowjetvolkes und der Roten Armee über den Faschismus soll in der Ukraine widerrufen werden, und zwar gerade hier. Über die Ukraine soll das Ziel der Konterrevolution verwirklicht werden, mit dem Oktober 1917 auch den 8. Mai 1945, mit der Oktoberrevolution auch den Sieg über den Faschismus rückgängig zu machen.“
Linder hebt zunächst die historische Kontinuität der Bedeutung der Faschisten für die Strategie des deutschen Imperialismus hervor. Neben der sich gerade vollziehenden Zuspitzung der Rehabilitierung des Faschismus ist es allemal ein interessanter Punkt, dem man nachgehen sollte. Es wäre genauer zu untersuchen, wie die historisch gewachsene Strategie des deutschen Imperialismus immer wieder aufs Neue bestimmte politische Partner zur Durchsetzung seiner ökonomischen Interessen braucht und hervorbringt.

So wie ich den zweiten Zitatteil lese, überhöht Linder die historische Bezugslinie des deutschen Imperialismus mit den ukrainischen Bandera-Faschisten allerdings soweit, dass es Deutschland auch heute (bzw. 2014) wesentlich um die Revidierung der Oktoberrevolution und des Siegs der roten Armee gehe. Auch wenn der Antikommunismus zu den Grundlinien deutscher Politik zählt, ist der Geschichtsrevisionismus in der Frage der Ukraine kein Hauptanliegen, sondern notwendiges und gern ergriffenes Beiwerk der deutschen Politik. Eine vermeintliche oder tatsächliche Gleichsetzung Russlands mit der Sowjetunion kann ich aber auch in der Position Linders nicht erkennen.

Björn Schmidt: „Distanzierung überwinden!“ (T&P 37)[4]

„Russlands Politik ist von einer geostrategischen Defensive geprägt. Seine wirtschaftliche Einflusssphäre ist vor allem eine Pufferzone gegen die Aggressionen von NATO und EU. Angesichts dieser Kräfteverhältnisse von einer zwischenimperialistischen Rivalität zu sprechen, die eine ernsthafte Herausforderung des Westens durch Russland suggeriert, verkennt das derzeitige internationale Kräfteverhältnis. 
[…] Auch heute spricht einiges dafür, dass die historisch nie dauerhaft geglückte Unterwerfung Russlands erneut angegangen werden soll. 
[…]
Neben der erdrückenden Übermacht des Westens kommt zur Beurteilung der russischen Rolle die Situation in der Ukraine selbst. Dort findet eine Transformation hin zu einem faschistischen Regime statt. Es ist eine Situation entstanden, in der die mit Russland verbündeten Milizen gegen den Faschismus und für bürgerlich demokratische Freiheiten kämpfen, während die mit der NATO/EU verbündeten Banden und die ukrainische Armee den Übergang zu einem faschistischen Herrschaftssystem repräsentieren. 

In dieser Situation gefährden Aufrufe an die ukrainische Bevölkerung, sich nicht mit einer kapitalistischen Macht zu verbünden, den antifaschistischen Kampf. Hier zeigt sich, dass die grundsätzlich richtige Strategie, die Arbeiterbewegung auf Autonomie und Überwindung des Kapitalismus zu orientieren, nicht in die falsche Taktik münden darf, die unterschiedlichen Kampfbedingungen unter einer demokratisch-liberalen und unter einer faschistischen Herrschaft zu ignorieren. Es ist eben kein „No-go“, in bestimmten historischen Situationen mit kapitalistischen Staaten zu kooperieren, wenn ein klarer Blick über die jeweiligen Interessen bewahrt wird und das zu erreichende kurzfristige Ziel den Bevölkerungsinteressen und dem strategischen Ziel – dem Sozialismus – dient.

In der Bevölkerung muss verbreitet werden: Russland ist in dieser Situation nicht der Aggressor, sondern wird umgekehrt von der NATO/EU bedrängt.“

Interessant ist die von Schmidt sehr klar getroffene Einschätzung, dass die ukrainische Arbeiterklasse einen antifaschistischen Kampf führen muss und insofern notwendigerweise ein taktisches Bündnis mit allen Kräften, die gegen die ukrainischen Faschisten kämpfen (d.h. unter anderem mit Russland), eingehen muss. Neben der generellen Einschätzung der Rolle Russlands gegenüber den westlichen Imperialisten, wird der Blick auf die konkreten Kampfbedingungen der ukrainischen Arbeiterklasse gerichtet. 

Relevant für die Debatte auch heute ist zudem die Diskussion um das Verhältnis von Strategie und Taktik. Hierauf gehe ich später noch ein.  

Kerem, SDAJ: „Analyse braucht Fakten“ (T&P 37)[5]

„Die Fakten zeigen: Russland ist eine imperialistische Macht mit eigener Einflusssphäre, vor allem in der „GUS“. Es hinkt einerseits den anderen imperialistischen Hauptmächten hinterher, entwickelt sich andererseits aber schnell und baut seine ökonomische Stärke relativ gesehen weiter aus. Gerade deshalb wird es über kurz oder lang auch politisch entschieden auf seine Interessen pochen müssen. 

Mit Blick auf die Ukraine sollten wir klar vor Augen haben, dass Russland zwar nicht der Aggressor ist, aber auch nicht aus friedliebenden oder antifaschistischen Motiven handelt, sondern aus eigenen imperialistischen Interessen. Dass es aktuell im Kampf gegen die faschistische Gefahr in der Ukraine möglich sein mag, die zwischenimperialistischen Widersprüche zum eigenen Vorteil auszunutzen, ist der konkreten taktischen Situation geschuldet und birgt keine grundsätzliche und langfristige strategische Option für den antiimperialistischen Kampf.“

Russland wird hier eindeutig als imperialistisches Land eingeschätzt. Interessanterweise eine Position, die auch heute noch von der SDAJ so klar bezogen wird.[6] Im Text selbst argumentiert Kerem seine Schlussfolgerungen mit Blick auf einige russische Monopole und Banken, sowie die ausländischen Direktinvestitionen Russlands (Kapitalexport) und dem Ausbau der russischen Einflusssphäre mittels der Eurasischen Union und der Organisation des Kollektiven Sicherheitsvertrags (OVKS). 

Im Schnelldurchlauf diskutiert Kerem also die fünf Merkmale des Imperialismus, die er Lenin entnimmt, entlang der russischen Verhältnisse. Insbesondere die von ihm anerkannte Unterschiedlichkeit zu den anderen imperialistischen Ländern wird allerdings letztlich nicht untersucht und in ihrer Bedeutung nicht eingeschätzt. 

Ansonsten ist interessant, dass sich explizit und offensiv von Vorstellungen abgegrenzt wird, die Russland unabhängig von der besonderen Lage eine fortschrittliche Rolle beimessen, wenngleich unklar bleibt, gegen wen sich konkret abgegrenzt wird. Von wem und wie diese Position also vertreten werden.

AG Ukraine (Corell, Karlchen, Lobo, O’Nest): „‘Äquidistanz’ zu Russland heißt Unterstützung des eigenen Imperialismus“ (KAZ Nr. 349, Dezember 2014)[7]

„Man stellt fest, es gibt Monopole in Russland, es gibt Kapitalexport aus Russland, es gibt dort auch die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital, da die großen Industriekonglomerate auch gleich noch selbst Banken haben; man stellt schablonenhaft fest, dass die russischen Konglomerate und Russland selbst in die Neuaufteilung der Welt eingreifen. Und resümiert dann schließlich, dass wir doch nicht den einen Imperialisten, auch wenn er schwächer wäre, gegen den anderen verteidigen. […] Generell heißt Widersprüche zwischen Imperialisten ausnutzen in konkreten Fällen üblicherweise, den einen Imperialisten gegen den anderen zu unterstützen, mindestens den einen Imperialisten weniger unter Feuer zu nehmen als den anderen. Deswegen ist schließlich auch die Festlegung eines Hauptfeinds in einer gegebenen historischen Situation von einiger Bedeutung. […]

Die Vertreter dieser Linie vergessen, dass der alte Imperialismus, der sich auf eigener kapitalistischer Grundlage entwickelt hat, grundverschieden ist von einem Kapitalismus, der auf den Trümmern des Sozialismus errichtet wird. […]

Nach dem Sieg der Konterrevolution und in der Etappe der Aufteilung der Beute unter den Imperialisten und der neuen Bourgeoisie – in Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion – wurden diese Kräfte zum Teil Kompradorenbourgeoisie und zum Teil nationale Bourgeoisie. Diese Teilung wird gerade durch den Begriff „Oli­garchen” verdeckt. […] Der Imperialismus, der Gorbatschow und Jelzin unterstützte, hatte für das wieder kapitalistisch werdende Russland nicht die Rolle einer neuen Großmacht vorgesehen, das hätte geheißen, einen neuen imperialistischen Konkurrenten heranzuziehen. Sie hatten Russland die Rolle einer Halbkolonie zugedacht, die permanent destabilisiert, den freien Zugriff auf die Rohstoffe und Märkte dieses Landes durch die westlichen Monopole ermöglicht hätte. […]

Die Regierung Russlands unter Vladimir Putin handelte hier – angesichts des durch den Zerfall der UdSSR zu Ungunsten Russlands veränderten internationalen Kräfteverhältnisses – im Interesse der russischen nationalen Bourgeoisie, aber auch im nationalen Interesse Russlands gegen den Imperialismus und damit auch im Interesse der internationalen Arbeiterklasse. […] Russland handelte hier, wie es früher Entwicklungsländer getan haben, um die Herrschaft über ihre Ressourcen zu gewinnen. Man mag das ökonomisch als Staatskapitalismus bezeichnen, faktisch ist es nichts anderes als der Versuch, die politische Souveränität Russlands ökonomisch zu untermauern und zu verhindern, dass Russland weiter in die Stellung einer Halbkolonie herabsinkt. […]

Und Russland handelt auch in unserem Interesse, wenn es dem aggressiven Vormarsch des Imperialismus an seine Grenzen entgegentritt und die Kiewer Putschisten und Faschisten bekämpft. Aber man vergesse nicht, dass auch die nationale Bourgeoisie eben Bourgeoisie ist und letztlich für Profit und nicht für nationale Interessen und schon gar nicht für proletarischen Internationalismus steht. Und man vergesse nicht, dass sich Putin klar gegen die Kommunisten in Vergangenheit und Gegenwart positioniert hat. Im gegenwärtigen Ukraine-Konflikt aber steht er gegen den Imperialismus, und solange er das tut, verdient er jegliche Unterstützung.“

Im ersten Abschnitt wird meines Erachtens berechtigterweise eine verkürzte Methode zur Imperialismusanalyse kritisiert, wie sie beispielsweise Kerem im zuvor zitierten Beitrag praktiziert.

Der Beitrag von Corell, Karlchen, Lobo und O’Nest ist insgesamt sehr lesenswert. Entlang der Beschreibung über die Formierung der Kompradorenbourgeoisie wird die Entwicklung des kapitalistischen Russlands in den 90er Jahren beschrieben. Erst auf dieser Grundlage ergebe sich ein Verständnis der Konfrontation zwischen NATO und Russland heute. Die Politik Putins wird verstanden als Versuch dem Herabdrücken auf den Status einer Halbkolonie zu begegnen, ohne dabei den antikommunistisch-kapitalistischen Charakter dieser Politik zu vergessen. 

Daniel Bratanovic und Sebastian Carlens: „Der Ukraine-Konflikt als Epochenzäsur“(T&P 37)[8]

„In der gegenwärtigen Phase besteht in der Frage des Antifaschismus für uns Interessengleichheit mit dem Vorgehen Russlands und dem der ukrainischen Antifaschisten. Russland ist das Land, das angegriffen wird, das dürfen Antimilitaristen und Antiimperialisten hierzulande nicht vergessen.

Das Russland Putins ist kapitalistisch, es ist ein verhinderter Imperialismus in einer Defensivposition, das sich – aus der Situation der Umzingelung heraus – außenpolitisch oftmals objektiv antiimperialistisch verhält, dennoch aber eigene politökonomische Interessen verfolgt. Trotz nicht unerheblicher Diversifizierungsbemühungen in den letzten Jahren konzentriert sich die russische Wirtschaft noch immer auf die Ausbeutung primärer Rohstoffe, vornehmlich im Energiebereich. Diese Rentenökonomie ist mit der Staatsmacht weitgehend verschmolzen. Der Anteil am Welthandel ist vergleichsweise gering. Gleichwohl: Als kapitalistischer Staat betreibt Russland kapitalistische Außenpolitik und versucht, seine Einflusssphären zu sichern. Es benötigt an seinen Grenzen Staaten, die dem eigenen Anspruch auf Teilhabe am Weltmarkt nicht im Wege stehen.

[…]

Es ist die Übereinstimmung der beiden maßgeblichen imperialistischen Blöcke – der USA und ihrer Vasallen und der von der BRD dominierten EU – in dieser einen Frage: Ein Wiederaufstieg Russlands in den elitären Zirkel der Großmächte ist nicht gewünscht, denn jeder Konkurrent kann nur zu Lasten der bereits etablierten Mächte aufsteigen. Russland soll nicht am Weltmarkt teilnehmen, es soll ganz zerlegt werden.“

Im Versuch die Lage theoretisch zu fassen, bilden und verwenden Bratanovic und Carlens hier große Begriffe („Epochenzäsur“, „verhinderter Imperialismus in Defensivposition“, „objektiver Antiimperialismus“). Meinem Eindruck nach tragen diese nicht zur Klarheit über die Lage bei, sondern überladen die Diskussion mit zum Teil missverständlichen und unklaren Begriffen. Insbesondere die Bezeichnung des „objektiven Antiimperialismus“ ruft bis heute, berechtigterweise, viele Fragezeichen hervor. Geht es dabei um eine längerfristige Charakterisierung der Rolle eines Landes, oder um konkrete Einzelfälle? Inwieweit kann ein kapitalistisches Land, wenn auch nur objektiv und nicht subjektiv, gegen den Imperialismus gerichtet sein, und nicht wenn dann nur gegen die Vorherrschaft einzelner imperialistischer Länder? Daran anknüpfend: Kann sich ein antiimperialistischer Charakter im Handeln eines kapitalistischen Landes verwirklichen, ohne dass es vom Standpunkt der internationalen Arbeiterbewegung integriert wird in die Strategie des weltweiten Klassenkampfes?

Willi Gerns – „Das Putinsche Russland – Machtverhältnisse und Politik“ (MB – 01-2015; S. 67-77)

„Fazit: Das Russland Putins ist ein kapitalistisches Land in dem die ökonomischen Grundlagen des Monopolkapitalismus/Imperialismus mit gewissen Besonderheiten durchaus weitgehend gegeben sind. […]

Die wichtigste Besonderheit des russischen Kapitalismus liegt dabei darin, dass dieser durch seine Integration in das von den USA, der EU unter Führung des deutschen Imperialismus und Japan beherrschte System der kapitalistischen Weltwirtschaft in diesem System nur eine zweitrangige Rolle spielt. Seine Hauptfunktion besteht darin, Rohstofflieferant für ökonomisch höher entwickelte, imperialistische Länder und Markt für deren technisch fortgeschrittene oder konkurrenzfähigere Produkte zu sein. […] Der Platz des heutigen Russlands im System der kapitalistischen Weltwirtschaft findet seinen Ausdruck auch in der Verwundbarkeit des Landes durch die von den USA und der EU verhängten Sanktionen. […]

Sein Einfluss in der Welt beruht heute auf seinem Status als Atommacht und Vetomacht in der UNO, auf seinen Naturreichtümern, insbesondere den Vorräten an Energieträgern, und darauf, dass sein Eintreten für eine multilaterale Weltordnung in China, den übrigen BRICS-Staaten, in der Schanghai-Kooperationsorganisation sowie in weiteren regionalen Organisationen und Staaten eine zunehmende Unterstützung erfährt. Nach alledem lässt sich aus meiner Sicht die in der Zwischenüberschrift gestellten Frage ob Russland ein imperialistisches Land ist, trotz des Vorhandenseins wesentlicher ökonomischer Merkmale dieses Entwicklungsstadiums des Kapitalismus nicht mit einem uneingeschränkten „JA“ beantworten. […]

Schließlich gehört zu den marxistisch-leninistischen Charakteristika des Imperialismus auch die auf seine ökonomischen Merkmale gründende Politik imperialistischer Staaten, insbesondere deren aggressive, mit Hilfe von imperialistischen Kriegen auf die Neuaufteilung der Einflusssphären in der Welt gerichtete Außenpolitik. In dieser Hinsicht bestehen allerdings wesentliche Unterschiede zwischen dem Putinschen Russland und den klassischen imperialistischen Mächten. […] Im Unterschied zu den USA mit ihrem NATO-Gefolge sind auf diesem Feld zumindest heute und in der nächsten Zukunft keine russischen Ambitionen auf die Weltherrschaft zu erwarten. Dafür wären auch die Kräfteverhältnisse nicht gegeben. Hier strebt das Russland Putins danach, dem Weltherrschaftsanspruch des US-Imperialismus und seiner Verbündeten eine multipolare Weltordnung entgegenzusetzen.“

Versteht Gerns dann also Imperialismus als aggressive Außenpolitik? Ich denke, dass klar wird, dass eine solche Bewertung eine völlige Vereinfachung, ja Verdrehung der Position von Gerns wäre. Er macht klar, dass sich die Politik auf Grundlage der Ökonomie entwickelt, sie fortsetzt, insbesondere eben in der Außenpolitik mit dem Ziel der Neuaufteilung der Einflusssphären. Interessant ist, dass Gerns die Gesamtheit der Verhältnisse Russlands in den Blick nimmt, ebenso wie es Szalkiewicz einfordert, die ökonomischen und politischen Aspekte im Zusammenhang betrachtet, wobei die Analyse letztlich unzureichend bleibt. Die Qualität der russischen Monopole müsste im Verhältnis zu den Monopolen westlicher Imperialisten untersucht werden. Die internationale Verflechtung des russischen Finanzkapitals, seine Potenz Arbeit in aller Welt kommandieren zu können, müsste im Verhältnis zu denen US-Amerikanischer, deutscher und weiterer Monopole diskutiert werden. Eine solche Auseinandersetzung könnte den Zusammenhang zwischen russischer (Außen-)Politik und der ökonomischen Potenz Russlands herstellen. 

Beate Landefeld – „Im Übergang zur Multipolarität“ (Marxistische Blätter 01-2015, S.19-29)

„Während Multipolarität in wirtschaftlicher Hinsicht heute durchaus existiert, herrscht auf militärischem Gebiet die nach wie vor erdrückende, unangefochtene Dominanz der USA.  […] Dass sie diese Stärke ausspielen, auch in Kompensation des schleichenden Niedergangs auf anderen Feldern, ist typisch für einen absteigenden Hegemon: Er ersetzt Führung zunehmend durch Zwang. Dies macht den langen Übergang von der Unipolarität zur Multipolarität oder zu einer irgendwann entstehenden, neuen Hegemonie zu einer Periode großer Gefahren. […]

Die US-Strategie zielt darauf, potentielle Rivalen einzudämmen. Daher liegt das Hauptaugenmehr der NATO-Führung auf der Osterweiterung und der militärischen Einkreisung Chinas. […]

Ab 1998 durfte Russland am Tisch der G7 Platz nehmen, doch nur solange es sich in die ihm zugedachte Rolle des Rohstofflieferanten und Absatzmarkts für die Exporte der alten imperialistischen Mächte fügte. Putins Stopp des Ausverkaufs der Ressourcen des Landes führte zur Abkühlung. Als nun mit dem Krim-Referendum das Vorrücken der NATO auf ein deutliches Stoppschild stieß, wurde Putin aus der G7 verbannt. […]

In einer multipolaren Welt wird es voraussichtlich Verflechtungscluster um mehrere Zentren herum geben. Unterschiedliche, auch konkurrierende, regionale und kontinentale Integrationsprojekte existieren in Teilen der Welt jetzt schon, darunter fortschrittliche, wie in Lateinamerika. […] Das Gewicht der BRICS erleichtert Ländern mit sozialistischer Orientierung und Projekten wie ALBA, die Folgen kolonialer Abhängigkeit zu überwinden. […]
Die Länder, die sich heute gegen die Einmischung des Imperialismus in ihre inneren Angelegenheiten zur Wehr setzen, sind extrem unterschiedlich. Sie reichen vom reaktionären Regime des Iran, über ein Russland in Oligarchenhand bis zum sozialistischen Kuba. Die Durchsetzung zwischenstaatlicher Beziehungen der Kooperation anstelle von Beherrschung, Unterordnung und Konfrontation liegt jedoch im ureigenen Interesse aller Lohnabhängigen.“

Landefeld versucht die ganz allgemeine Entwicklungsrichtung im Imperialismus zu fassen, als langsame Ablösung der Unipolarität zur Multipolarität. Aus dieser weltbestimmenden Entwicklungstendenz ergebe sich eine zunehmende Kriegsgefahr und gleichzeitig sieht sie Potentiale für fortschrittliche Bewegungen. Interessant ist ihre These, dass es die Multipolarität in wirtschaftlicher Hinsicht zwar bereits gebe, der Prozess der Ablösung der Unipolarität damit aber nicht abgeschlossen sei. Es kommt demnach auf die Gesamtheit der Bewertung der verschiedenen Faktoren zur Hegemonie an.

Auffällig ist die Bezeichnung der „Länder mit sozialistischer Orientierung“. Wer ist hier gemeint? Kuba, die Demokratische Volksrepublik Korea? Glimmen hier die letzten Funken der Hoffnung über den Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Lateinamerika? Unabhängig davon eröffnet Landefeld aber eine spannende Diskussion um die Frage des Antiimperialismus. Welche Bedeutung hat die Abwehr und Zurückdrängung imperialistischer Abhängigkeit? Wie können diese Kämpfe mit dem Kampf um den Sozialismus verbunden werden? Ist das alles eine überholte Diskussion der antikolonialen Bewegungen, oder kann es unter den Bedingungen neokolonialer Abhängigkeiten noch bedeutsam für die Strategie und Taktik der Arbeiterbewegung sein?

Was zeigt die Diskussion?

In der Diskussion werden viele wichtige und komplizierte Fragen aufgemacht:

  • Es wird darum diskutiert wie wir an eine Imperialismusanalyse herangehen können und welche Kriterien letztlich entscheidend dafür sind um ein Land als imperialistisch zu bezeichnen. Diskutiert wird das Verhältnis von Ökonomie und Politik, das richtige Verständnis Lenins usw.
  • Es wird konkret darum gerungen, die Situation in der Ukraine einzuschätzen, welche Rolle die Faschisten haben, welche vorrangige Aufgabe sich der ukrainischen Arbeiterklasse stellt. Damit zusammen hängt die Frage nach der Bedeutung von Faschismus und Antifaschismus allgemein für die Strategie und Taktik der Arbeiterklasse.
  • Es wird konkret über die Rolle Russlands in der Welt diskutiert und die Bedeutung der besonderen Genese des russischen Kapitalismus auf Grundlage der Konterrevolution. Dabei wird darüber gestritten, ob Russland ein imperialistisches Land ist, wie die russische Bourgeoisie und ihr Konkurrenzverhältnis zu den Kapitalisten der westlichen Imperialisten einzuschätzen ist.
  • Es wird diskutiert über die tendenzielle Entwicklung hin zur Multipolarität und die Bedeutung dieser Entwicklung für die Arbeiterklasse. 

Was ich aus den oben zitierten Beiträgen nicht herauslese sind einfache Behauptungen Russland sei eine prinzipielle Friedensmacht oder, dass „die Erinnerung an die Sowjetunion dazu bei[trägt], eine diffuse Sympathie für Russland zu erhalten“ (Thanasis – Das zwischenimperialistische Kräftemessen und der Angriff Russlands auf die Ukraine). 

Aus meiner Sicht verdeutlichen die Beiträge mit Nachdruck, dass wir sehr genau arbeiten müssen und uns nicht an vermeintlichen Strohmännern abarbeiten dürfen. Wenn unsere Kritik ungenau wird, wird sie die Bewegung letztlich auch nicht voranbringen können.

Das soll nicht heißen, dass es nicht auch Einfallstore für Illusionen in den Imperialismus bzw. eine Abkehr von einem unabhängigen Standpunkt der Arbeiterbewegung in der Debatte gab. Ein wesentliches Problem ist offensichtlich, dass die zusammengefassten Fragen und Diskussionskomplexe auch heute noch in der DKP (ebenso wie bei uns und der Kommunistischen Bewegung insgesamt) bestehen. Das zeigt nicht zuletzt das Referat von Patrik Köbele auf einer Tagung des Parteivorstandes der DKP Anfang April:

„Die Bandbreite der Meinungen in unserer Partei ist groß. Es gibt einige, die bereits ausgetreten sind, weil sie in den Erklärungen des Parteivorstands keine eindeutige und scharfe Verurteilung des ‚Aggressors Putin/Russland‘ sehen. Es ist in Reden und Flugblättern die Rede von dem ‚durch nichts zu rechtfertigenden‘ Angriff Russlands. Es gibt andererseits Genossinnen und Genossen, die in dem Einmarsch des russischen Militärs in der Ukraine einen Akt der Nachvorneverteidigung sehen.“[9]


Das verdeutlicht, dass die Debatte seit 2014 nicht organisiert und strukturiert fortgeführt und zu einem produktiven Ende gebracht wurde. Die Positionen, die von den Beteiligten damals ergriffen wurden, bestehen heute in der Bewegung im Wesentlichen fort. Die Diskussion funktionierte als Schlagabtausch einzelner Autoren, die versucht haben, Einschätzungen und Analysen zu liefern. Als ganzes hat die DKP nicht diskutiert oder auf eine Klärung hingearbeitet. Die Aufgabe, die Renate Münder in ihrem zu Anfang zitierten Beitrag stellt bleibt offen: „Der Nachweis, dass Russland kein imperialistisches Land ist, bedarf allerdings einer fundierten Analyse auf der Grundlage der Leninschen Imperialismustheorie und wird einige Arbeit erfordern.“

Hierin liegt ein Grundproblem, das wesentlich zu der Position geführt hat, dass wir uns unabhängig organisieren müssen, um einen kommunistischen Klärungsprozess zustande zu bringen. So lange die Klärung nicht organisiert angepackt wird, sind die Kommunisten tatsächlich dazu verdammt, die Debatte auf ähnlich gleichbleibenden Niveau zu wiederholen. Konkret heißt das im übrigen, dass wir den Modus unserer Diskussion, wie sie zur Zeit geführt wird, möglichst bald überführen müssen, in eine kollektive Arbeit mit der wir die Kernfragen der Debatte wissenschaftlich bearbeiten.

Entwicklung der Standpunkte in der Kommunistischen Organisation

Kollektive Austrittserklärung aus SDAJ und DKP (November, 2017)

Vor dem Hintergrund auch dieser Auseinandersetzungen schrieben die Genossen, die im Herbst 2017 SDAJ und DKP verlassen haben folgendes zum Thema der Imperialismusfrage in ihre Austrittserklärung:

„Nach einer Lesart, die auch in der SDAJ und DKP vorherrscht, ist der Imperialismus vor allem als politökonomische Dominanz einer relativ kleinen Gruppe westlicher Staaten zu verstehen, die sich den Großteil der restlichen Welt unterwerfen. Afrika, Lateinamerika und viele Länder Asiens, manchmal sogar europäische Länder Osteuropas oder Griechenland und Portugal, sind demnach einfach abhängige Staaten. Dabei beruft man sich auf Lenins Unterscheidung zwischen unterdrückenden und unterdrückten Nationen. Vielen Vertretern dieser Deutung gelten die Rivalen der USA und EU, hauptsächlich Russland und China, nicht als imperialistisch. 

1. inwiefern ist es sinnvoll vom Imperialismus als „Eigenschaft“ einiger Führungsmächte zu sprechen, wenn doch gerade seine weltweite Durchsetzung kennzeichnend ist? Gerade weil doch die zunehmende Internationalisierung der Produktionsbeziehungen in alle Ecken der Welt eindringt, sind auch alle kapitalistischen Länder Teil desselben imperialistischen Weltsystems, wenn auch auf der Grundlage extrem ungleicher Entwicklungen und Durchsetzungsmittel. 

2. Kann es fortschrittlich sein, auf dem Boden des Kapitalismus um die wirtschaftliche Unabhängigkeit des eigenen Nationalstaats zu kämpfen, ohne diese Frage mit der revolutionären Überwindung des Kapitalismus zu verbinden? Oder ist das unter den Bedingungen des heutigen Weltmarkts und der Staatenkonkurrenz im imperialistischen Weltsystem sowieso eine Illusion? 

3. Inwiefern sollte es für uns in irgendeiner Form notwendig und gewinnbringend sein, uns im Sinne der „Ausnutzung innerimperialistischer Widerspruche“ mit Solidarisierungen auf eine Seite zwischenimperialistischer Konflikte zu schlagen? Die genannten Staaten haben zwar einen partiellen Interessengegensatz gegenüber den derzeit führungsstärksten hegemonialen Staaten wie allen voran den USA, aber sie verlassen dabei nicht den Boden der kapitalistischen Weltordnung, den sie beinahe ausnahmslos befürworten. Subjektiv ideologisch verbindet uns in den allermeisten Fällen nichts mit ihnen. 

Diese Zweifel endlich auszuräumen wollen wir uns zur Aufgabe machen!“

Zweifellos treffen die Absätze durchaus Grundlinien der Argumentationen der oben zitierten Diskussionsbeiträge. Der Imperialismus wird darin verstanden als ein System aus Unterdrückenden und Unterdrückten Staaten. Russland und China werden mehrheitlich nicht als imperialistisch bezeichnet. Das Hinterfragen und Kritisieren dieser Punkte bildet den damaligen Diskussionsstand der Genossen ab. 

Entscheidend ist aber: Hier werden zunächst vor allem Fragen formuliert. Eine umfassende Auseinandersetzung und kollektive Diskussion haben zu diesem Zeitpunkt und seitdem bisher nicht stattgefunden. Das Wissen und die Beschäftigung mit der Debatte der kommunistischen Bewegung in Deutschland und International ist unter uns unterschiedlich und allgemein auf nicht ausreichendem Niveau. 

Die programmatischen Thesen

In den programmatischen Thesen, die auf der Gründungsversammlung der KO im Sommer 2018 verabschiedet wurden, legen wir die „[…] politischen Standpunkte dar, von denen ausgehend wir den Klärungs- und Aufbauprozess organisieren.“ Auch daraus will ich kurz zitieren, um den Stand der Debatte klar vor Augen zu haben.

Zur Debatte um den Imperialismus ist dieser Absatz hier zentral:

„Eine der zentralen Spaltungslinien in der kommunistischen Weltbewegung ist die Debatte um die These „objektiv antiimperialistischer“ Staaten. Nach dieser Auffassung spielten bestimmte kapitalistische Staaten eine „objektiv antiimperialistische“ und damit friedensfördernde Rolle. So wird z.B. Russland wegen seiner Interessensdivergenz mit den USA oft eine solche Rolle zugesprochen. Diese These ist jedoch falsch. Sie beruht auf der falschen Vorstellung, der Imperialismus sei die Vorherrschaft einiger, „westlicher“ oder nördlicher“ Staaten wie der USA, Westeuropas und Japans. Wir halten jedoch daran fest, dass der Imperialismus eine gesetzmäßige Entwicklung des Kapitalismus in seinem monopolistischen Stadium ist. Es ist falsch, bestimmten, relativ unterlegenen imperialistischen Polen innerhalb dieses Systems eine prinzipielle Friedensfähigkeit oder fortschrittliche Rolle zuzuschreiben. Die fatale Konsequenz aus solchen Fehleinschätzungen ist, dass die Arbeiterklasse sich unter der Fahne fremder Interessen, nämlich des einen oder anderen imperialistischen Pols sammelt. Der Imperialismus ist ein globales System gesellschaftlicher Beziehungen, das alle kapitalistischen Länder umfasst, nicht nur die USA, Japan und Westeuropa.“

Die Aufgabe zur Klärung liegt vor uns – nicht hinter uns

Die Debatte, die wir jetzt führen, aber auch die nochmalige Auseinandersetzung mit der Diskussion die 2014 in der DKP bereits geführt wurde zeigen für mich, dass die Beschreibungen der Problematik in den programmatischen Thesen noch ungenau sind und den Kern der Auseinandersetzung noch nicht gut treffen. Völlig richtig ist, dass wir klarstellen, dass sich der Kapitalismus und einzelne kapitalistischen Länder niemals grundsätzlich gegen den Imperialismus richten. Die Entwicklung hin zum Imperialismus verlief eben notwendigerweise, d.h. nach der Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus. Eine Rückkehr zum Kapitalismus der freien Konkurrenz ist nicht möglich. Der Monopolkapitalismus ebenso wenig wie der Krieg, der sich in letzter Instanz ebenso notwendig aus der Konkurrenz des Monopolkapitals entwickelt ist nur mit dem Sozialismus aus der Welt zu kriegen. Historischen Fortschritt und prinzipielle Friedensfähigkeit bringt nur die Diktatur des Proletariats. Soweit so klar und allgemein. Knifflig wird’s vor allem beim letzten zitierten Satz und hier liegt denke ich eine entscheidende Diskussion. Wir verstehen den Imperialismus als Entwicklungsepoche des Kapitalismus, die wesentlich durch die Vorherrschaft des Monopolkapitals bestimmt ist. Insofern ist der Imperialismus natürlich weltumspannend. Das Monopolkapital und seine Staaten befindet sich ja in permanentem Konkurrenzkampf um Neuaufteilung. Aber was heißt das nun für die Beurteilung einzelnen Länder? Die Unterschiedlichkeit im Grad der Entwicklung der Länder und ihre ungleichen Abhängigkeitsverhältnisse werden nicht geleugnet, aber tendenziell zugunsten der Gleichheit der kapitalistischen Produktionsweise unterbetont und nicht bestimmt. Wir müssen uns darüber Klarheit verschaffen wie wir die Unterschiedlichkeit und die Abhängigkeitsverhältnisse fassen und welche Bedeutung sie für unseren Kampf haben. Ich meine, dass hier eine Gefahr zur Indifferenz gegenüber der politischen, ökonomischen und militärischen Unterwerfung einzelner Länder liegt, die dann nicht länger in der Lage ist, den Kampf um den Sozialismus mit dem Kampf gegen diese Unterwerfung zu verbinden. In der Konsequenz kann es so etwas wie antiimperialistische Bündnisse nicht geben. Antiimperialismus ist dann einfach dasselbe wie Antikapitalismus. Zum Verständnis antiimperialistischer Bündnisse wäre es gut noch intensiver zu diskutieren, evtl. kann ich mich in einem weiteren Beitrag dazu äußern. Für eine Strategie der internationalen Arbeiterbewegung kommen wir nicht umhin, die verschiedenen Dynamiken und Kämpfe der Klassen und Staaten zu beurteilen, und ihre Potentiale für den epochenbestimmenden revolutionären Bruch vom Kapitalismus zum Sozialismus zu diskutieren. In diesem Zusammenhang müssten wir uns die antiimperialistische Strategie[10] des sozialistischen Lagers nach dem zweiten Weltkrieg genauer ansehen. Ist die mit dem Wegfall direkter kolonialer Unterwerfung und mit der Niederlage des sozialistischen Lagers passé, war sie von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Die Positionierung in unseren Thesen wendet sich im Kern gegen eine Haltung, die sich auf die Seite einzelner kapitalistischer Mächte stellt, also eine Aufgabe eines Standpunktes der Arbeiterklasse bedeutet. Aber wer tut das? Geht es nicht vielmehr darum, ob es in Einzelfragen und bestimmten Situation eine Interessensübereinstimmung geben kann? Ganz ohne also zu leugnen, dass es die Interessen der Bourgeoisie eines Landes sind, die politisch wirksam werden, steht die Frage, ob sie für bestimmte Situationen und Zusammenhänge dem Kampf der Arbeiterklasse zuträglich sein können bzw. von uns in diesem Sinne genutzt werden müssen.

Die Grundfrage, um die meines Erachtens alles kreist ist, wie wir das Verhältnis des Kampfes der Arbeiterbewegung für den Sozialismus zu den Dynamiken und Beziehungen der kapitalistischen Ordnung bestimmen. Wie muss sich der Kampf der revolutionären Arbeiterbewegung auf die Entwicklungen im Imperialismus beziehen? 

Ich meine, dass die oben zitierten Texte fast alle genau diese Frage zum Ausdruck bringen. Das nicht zu sehen, und in der Kritik zu behaupten, es werde einfach der Klassenstandpunkt des Gegners eingenommen trifft das Problem nicht. Es besteht ein Problem, aber das ist so einfach noch nicht gegriffen. Die Argumentation von Thanasis ist wesentlich davon getragen sich vehement gegen die Gefahr der Aufgabe des unabhängigen Standpunktes der Arbeiterklasse zu wenden. Die Gefahr eben, sich „für die Pläne des einen oder anderen imperialistischen Pols einspannen“ (Thanasis) zu lassen und vom Kampf um den Sozialismus abzurücken. 

Die Gefahr des Verlassens des proletarischen Klassenstandpunktes hat einen wahren Gehalt. Ich meine, dass diese Gefahr die Ausrichtung der DKP als Ganzes durchaus trifft. Der materielle Kern der Kritik liegt in einer Überbetonung und letztendlichen Abkopplung der Taktik vom strategischen Kampf für den Sozialismus. Taktische Überlegungen zum Kampf der Arbeiterklasse sind nicht integriert in einem einheitlichen Kampf für den Sozialismus. Das Ziel des revolutionären Umsturzes ist nicht sichtbar und vorhanden als Teil jedes einzelnen Schrittes dorthin. Kurzum: Eine revolutionäre Strategie für den Sozialismus fehlt. Und so lange sie fehlt, trägt jede taktische Überlegung die Gefahr in sich, letztlich nicht in den Kampf für den Sozialismus zu münden, sondern davon abzukommen. Auch dann, wenn der Sozialismus als Ziel prinzipiell benannt wird.

In Reaktion auf diesen Mangel dürfen wir nicht den reflexartigen Fehler machen nur noch das strategische Ziel zu kennen, und jede taktische Überlegung als Abrücken vom Weg zum Sozialismus oder gleich als Etappismus zu verstehen. Natürlich hat unser Kampf Etappen, entscheidend ist, dass sie alle auf das Ziel des revolutionären Umsturzes gerichtet sind. Unsere Strategie muss in der Lage sein das ganze Material an politischen und ökonomischen Widersprüchen und Bewegungen in sich aufzunehmen und produktiv im Sinne der Arbeiterbewegung zu verarbeiten. Es ist zugleich eine Strategie in Hinblick auf den Klassenkampf im Weltmaßstab, d.h. unter Berücksichtigung der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung. Das Problem der Internationalen Kommunistischen Bewegung liegt genau an diesem Punkt, es mangelt uns an einer weltumspannenden Strategie und Taktik, die sich ganz konkret auf die politische, ökonomische und militärische Lage bezieht.

Sich dahin anzunähern ist Ziel und Zweck des Klärungsprozesses. Die Austrittserklärung und die programmatischen Thesen markieren Standpunkte, keine fundierten Einschätzungen. Sie sind nicht Endpunkt, sondern Start- bzw. Wegpunkte der Klärung, indem sie versuchen die politischen Probleme unserer Bewegung zu greifen. Und dafür sind sie ein sehr tauglicher Zwischenstand. Eine falsche Verabsolutierung, wie sie Hensgen in seinem Beitrag vornimmt, führt uns allerdings ab vom Ziel des Klärungsprozesses. Schärfer formuliert: Wir haben die Thesen geschrieben mit dem Ziel sie zu korrigieren. Nicht weil die Thesen falsch sein müssen, sondern weil wir notwendigerweise noch nicht dazu in der Lage waren (und sind) den Stand der kommunistischen Bewegung in seiner Gesamtheit kritisch zu erfassen. Ich verstehe den Klärungsprozess insofern als ständigen Prozess der Selbstkritik, in dem uns die Relativität und die Einseitigkeiten unserer Standpunkte immer klarer werden.

Hensgen sagt es gehe um den „den Charakter der KO“. Ich plädiere dafür ihn einzulösen und tiefer einzusteigen in die Dissense die vor uns liegen, um den Kern der Auseinandersetzung wirklich umfassend zu verstehen. Die Gründe zur Formierung der „Lager“ sind zu dünn, die Abgrenzung zu ungenau (nicht nur innerhalb der KO, letztlich auch innerhalb der Internationalen Kommunistischen Bewegung). Auf einer solchen Grundlage bedeutet Lagerbildung Abwendung von Klärung. „Die Lager beim Namen nennen“ bedeutet nicht mehr als die Unreife der Position der KO mit scheinklarer Rhetorik zu übertünchen.


[1] https://theoriepraxis.files.wordpress.com/2014/06/tup_36_druck.pdf

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] https://theoriepraxis.files.wordpress.com/2014/10/tup37.pdf

[5] Ebd.

[6] https://www.jungewelt.de/artikel/423449.sozialistischer-jugendverband-viele-ahnen-dass-sie-die-rechnung-zahlen-werden.html?sstr=Andrea%7CHornung

[7] https://www.kaz-online.de/artikel/aequidistanz-zu-russland-heisst-unterstuetzung-des-eigenen-imperialismus

[8] https://theoriepraxis.wordpress.com/2014/10/11/der-ukraine-konflikt-als-epochenzasur-2/

[9] https://www.unsere-zeit.de/frieden-geht-nur-mit-russland-und-china-168025/?fbclid=IwAR2jf8n7Vu-ZAq7lcz6jRKwj3MeQjDQRHQFZ1fuXa_DzbBnvv2P0w6MSyjk

[10] Die Komplexität der zu leistenden Aufgabe wird im kleinen politischen Wörterbuch unter der Definition des „internationalen Kräfteverhältnis“ schon ganz gut beschrieben: „Verhältnis der durch ökonomische, politische, ideologische, militärische, soziale, ideologische, militärische, soziale, historische, demographische u.a. Faktoren bestimmte Potentiale und den sich darauf ergebenden Wirkungsmöglichkeiten und Einflüssen aller Klassen, Staaten und Staatengruppierungen, die in der Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus existieren.“ – Eine solche Aufgabe verlangt geradezu nach der internationalen Organisierung der Kommunisten!

Russlands imperialistischer Krieg

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von Bob Oskar

Russland hat am 24. Februar eine militärische Offensive auf die Ukraine begonnen, die bis zum heutigen Tag anhält. Sie stellt eine neue Eskalation des seit 2014 in der Ukraine schwelenden und immer wieder auflodernden Krieges dar, auch wenn Russland weiterhin euphemistisch von einer „Sonder-Militäroperation“ spricht. In der Kommunistischen Organisation gibt es sehr unterschiedliche Positionen zu diesem konkreten Konflikt, die zusammenhängen mit allgemeinen Fragen. Ich will in diesem Beitrag erstens für eine materialistische Einordnung von Gewalt und Krieg argumentieren (mit diesem Abschnitt bin ich noch unzufrieden, aber ich will ihn trotzdem schon einmal in die Debatte einbringen). In einem zweiten Abschnitt möchte ich eine grobe Einordnung der ökonomischen Stellung Russlands im imperialistischen Weltsystem geben. Drittens gehe ich auf die Ursachen des Krieges und sein Wesen als imperialistischer Krieg ein und kommentiere kurz den Begriff der Äquidistanz.

Übersicht

  1. Für eine materialistische Einordnung von Gewalt und Krieg
  2. Für eine materialistische Analyse der Russischen Föderation
  3. Für eine materialistische Analyse des Kriegs in der Ukraine
  4. Den Imperialismus als Weltsystem zu verstehen ist keine Äquidistanz
  5. Schlussbemerkung

Für eine materialistische Einordnung von Gewalt und Krieg

Sowohl die bürgerlich-verdrehte Sicht der Dinge, die auf uns alle tagtäglich einprasselt, als auch der simple Fakt, dass wir in einem imperialistischen Zentrum leben und die allermeisten von uns noch nie einen Krieg am eigenen Leib zu spüren bekommen haben, haben Auswirkungen darauf, wie wir uns zu einem solchen Krieg verhalten, wie er gerade in der Ukraine abläuft. Man kann diesen Krieg aus verschiedener Perspektive befürworten, beispielsweise laufen die Einschätzungen einiger Genossen der KO darauf hinaus, und wie in meinem Text deutlich werden dürfte halte ich das für einen großen Fehler. Man kann diesen Krieg aber auch aus sehr unterschiedlicher Perspektive verurteilen, und auch hier kann man verschiedene Fehler machen, die sich in der Art und Weise und der Schlagrichtung der Verurteilung ausdrücken. Ein solcher Fehler ist es, eine pazifistische Position einzunehmen und zu denken, man könne die Kriege aus der Welt schaffen ohne die Klassen aus der Welt zu schaffen. Ein weiterer Fehler besteht darin, Kriege allgemein zu verurteilen, ohne sie konkret zu analysieren und sie auf ihren gesellschaftlichen Gehalt zu prüfen. Nicht ohne Grund schrieb Lenin zum ersten Weltkrieg, dass seine Einschätzung als imperialistischer Krieg „neben ernsten Gegnern auch unernste Freunde [findet], für die das Wort Imperialismus eine „Mode“ geworden ist“i

Kommunisten analysieren politische Entwicklungen nicht mit dem Ziel, sie moralisch einzusortieren, sondern um Erkenntnisse für den bewussten Klassenkampf zu erlangen. Und umgekehrt lassen sie sich in ihrem Urteil nicht vom moralischen Reflex leiten – wäre dem so, dann wäre jede politische Handlung einfach in dem Maße zu verurteilen, wie sie Elend und Tod hervorbringt. Gerade für Kriege wäre die Sache dann denkbar einfach, und auch im Fall des Ukrainekriegs wäre das Urteil schnell gefällt: seit Beginn des russischen Einmarschs (24. Februar 2022) sind dort bis Mitte März mutmaßlich hunderte Zivilisten und tausende Soldaten auf beiden Seiten gestorben (ganz zu schweigen von den ca. 14.000 Toten die seit 2014 vermeldet wurden), Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine und in die Nachbarländer geflohen, bereits jetzt bestehen Versorgungsengpässe an Medikamenten und Nahrung, und es droht innerhalb des nächsten Jahres ein Getreidemangel, der vor allem Länder Nordafrikas und Asiens treffen würde. Damit ist zwar noch nichts über die Ursachen gesagt, aber aus oberflächlich-moralischer Perspektive wäre die Sache recht klar.

Eine materialistische Analyse (aus der dann ein moralischer Standpunkt abgeleitet werden kann) sieht anders aus. „Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“ schrieb Karl Marx im Kapital im Kapitel über die sogenannte ursprüngliche Akkumulationii. Deren Methoden seien „alles andere, nur nicht idyllisch“, denn „in der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle“iii. Die Trennung von Produzent und Produktionsmitteln, die vom Kapitalverhältnis vorausgesetzt wird, vollzog sich historisch gewaltförmig, wie Marx am Beispiel der Vertreibung der Bauern in England deutlich macht. Das Kapital kommt „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ auf die Weltiv. Zwei Dinge kann man aus den Darstellungen von Marx lernen: zum einen war die Einordnung der Gewalt das Resultat konkreter Untersuchungen. Zum anderen hat Marx dabei herausgearbeitet, dass in der ursprünglichen Akkumulation die Gewalt die Form war, in der sich der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bewegte. Sie existiert nicht „einfach so“, sondern ist bedingt durch die gesellschaftlichen Umstände und ihre Veränderung. Einzelne Gewaltakte in der ursprünglichen Akkumulation sind dabei weder unvermeidlich, noch sind sie im absoluten Sinn zufällig.

Was Marx hier zur Rolle der Gewalt beim Übergang von einer Gesellschaftsformation in eine andere schreibt lässt sich erweitern auf die Entwicklungen innerhalb einer Gesellschaftsformation. Im Imperialismusv haben sich die Akkumulations- und Expansionstendenzen des Kapitals in einem solchen Ausmaß verwirklicht, dass erstens Monopole geschaffen werden, die entscheidenden politischen Einfluss haben, und zweitens „die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder“ beendet istvi. Die Form und Konfiguration dieser Aufteilung ist offensichtlich heute eine andere als bei Lenin. Geblieben ist jedoch, dass Nationalstaaten als ideelle Gesamtkapitalisten darum konkurrieren, die Verwertungsmöglichkeiten ihres national verankerten Kapitals zu optimieren. Dies beinhaltet zum Beispiel den Zugriff auf Ressourcen, die Sicherung von Transportwegen, den Kapitalexport und die Realisierung von Mehrwert im Ausland.

Wie hat sich diese Konkurrenzsituation in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Mit der vorläufigen Niederlage des Sozialismus hatte die Kapitalakkumulation schlagartig einen größeren Radius. Die aktive Zerschlagung der möglichen neuen Konkurrenz in den ehemals sozialistischen Staaten ging einher mit der Vereinnahmung der neuen Arbeits- und Absatzmärkte. Natürlich kam dadurch mitnichten die Geschichte an ihr von bürgerlichen Ideologen beschworenes Ende. Nach drei Jahrzehnten zeigt sich vielmehr, dass die unipolare Weltordnung an ihr Ende gekommen ist. Diese Weltordnung war – in aller Kürze – dadurch gekennzeichnet, dass die USA als Garant westlicher Weltvorherrschaft (der USA, EU, Japan usw.) jede nichtgefügige Konkurrenz und jedes aufsässige Land im Zweifel wegbomben kann und dies gelegentlich auch tut, sich das von anderen Staaten durch die Dominanz des Dollars bezahlen läßt, und mit riesigen Handelsbilanzdefiziten die Warenüberschüsse von exportorientierten Staaten wie Deutschland aufsaugt. Ohne dies jetzt im Detail nachzuweisen denke ich, dass die USA zum jetzigen Zeitpunkt weiterhin der größte der imperialistischen Räuber sind, man kann dafür die Eckdaten der größten Volkswirtschaften, den Stand der Produktivkräfte, ihre militärischen Kapazitäten und vieles mehr vergleichen. Außerdem deutet vieles darauf hin, dass China die Hauptkraft eines Pols darstellt, der die Hegemonie der USA offen herausfordert: China ist bereits jetzt das Land mit dem höchsten kaufkraftbereinigten BIP, investiert strategisch und staatlich orchestriert in die Entwicklung von Hochtechnologie, rüstet stark auf und ist immer noch – mit knappem Vorsprung vor Indien – das bevölkerungsreichste Land der Welt, mit entsprechend wachsender Binnenmarktnachfrage usw. Es gibt natürlich keinen Automatismus, dass China nicht in der mittleren Einkommensfalle (middle income trap) hängenbleibt, und vor allem ist es alles andere als ausgeschlossen, dass die USA versucht den aufstrebenden Konkurrenten militärisch niederzuhalten (ob sie dazu noch in der Lage wären ohne auf ihr Nukleararsenal zurückzugreifen ist eine andere Frage).

Entscheidend ist jedenfalls nicht, wie genau eine nicht-unipolare Weltordnung aussehen wird sondern die generelle Entwicklungsdynamik: „Die Ungleichmäßigkeit und Sprunghaftigkeit in der Entwicklung einzelner Unternehmungen, einzelner Industriezweige und einzelner Länder ist im Kapitalismus unvermeidlich“ stellte Lenin festvii, und präzisiert an anderer Stelle: „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.“viii. Dieses Gesetz wird von der Wirklichkeit eindrücklich bestätigt. Es steht also die Frage im Raum, wie die Verschiebungen im globalen ökonomischen Gefüge sich übersetzen in veränderte Einflusssphären. Und auch hier gibt es meines Erachtens nach keinen Anlass, von Lenins sehr grundsätzlicher Position abzurücken: „Unter kapitalistischen Verhältnissen ist jedoch jede andere Basis, jedes andere Prinzip der Teilung als das der Macht unmöglich […] Um die tatsächliche Macht eines kapitalistischen Staates zu prüfen, gibt es kein anderes Mittel und kann es kein anderes Mittel geben als den Krieg. Der Krieg steht in keinem Widerspruch zu den Grundlagen des Privateigentums, er stellt vielmehr eine direkte und unvermeidliche Entwicklung dieser Grundlagen dar. Unter dem Kapitalismus ist ein gleichmäßiges Wachstum in der ökonomischen Entwicklung einzelner Wirtschaften und einzelner Staaten unmöglich. Unter dem Kapitalismus gibt es keine anderen Mittel, das gestörte Gleichgewicht von Zeit zu Zeit wiederherzustellen, als Krisen in der Industrie und Kriege in der Politik.“ix. Auch Multipolarität kann in einer imperialistischen Weltordnung immer nur vorübergehenden, imperialistischen Frieden bedeuten, einen Frieden, der in dem Maße infrage gestellt ist, in dem die globale ökonomische und politische Machtverteilung nicht mehr die Kräfteverhältnisse der kapitalistischen Länder wiederspiegelt.

Das ist in groben Zügen der welthistorische Hintergrund des Ukrainekriegs. Sowohl bei Marx und Engels, als auch bei Lenin findet sich der zustimmende Hinweis auf Clausewitz Feststellung, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Jeder Krieg ist genau daraufhin zu befragen: welche Politik wird denn hier fortgesetzt? Der zweite Weltkrieg setzte die Politik der deutschen Faschisten fort, die revolutionäre Bewegung zu zerschlagen, die Verwertungsbedingungen ihres Industriekapitals zu verbessern und die Kosten dafür auf andere Völker, primär die Völker der Sowjetrepubliken abzuwälzen, er setzte auch die Politik der „friedlichen“ territorialen Expansion fort (z.B. Anschluss Österreichs). Die Verwandlung der zaristischen Beteiligung am ersten Weltkrieg in einen russischen Bürgerkrieg 1917 setzte die Politik der Bolschewiki fort, die bürgerlich-revolutionären Entwicklungen von 1905 und 1917 weiterzutreiben zur proletarischen Revolution. Es gibt also unterschiedliche Arten von Kriegen, weshalb Lenin sich auch ausführlich damit beschäftigt hat, was nationale Kriege von imperialistischen Kriegen unterscheidet. Einer Einschätzung des jetzigen russischen Kriegseinsatzes muss zweierlei zugrunde liegen: erstens eine Einschätzung der Stellung Russlands im imperialistischen Weltsystem, und zweitens eine Analyse der politischen Entwicklungen, wobei sich letztere natürlich nicht auf die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine begrenzen lassen.

Für eine materialistische Analyse der Russischen Föderation

Es gibt in unserer Organisation Genossen, die infragestellen, ob Russland imperialistisch sei. Ja? Nein? Eine solche Diskussion kann in eine falsche Richtung abdriften. Ich denke, dass im Vergleich zum Beginn des 20. Jahrhunderts heute eine einfache Zweiteilung in unterdrückende, Kolonien besitzende, imperialistische Räuber auf der einen und unterdrückte Kolonien auf der anderen Seite weniger weit hilftx. Das bedeutet nicht, dass es nicht wichtige qualitative Unterschiede zwischen den Ländern gibt, oder dass man nicht bestimmte Länder ohne jeglichen Zweifel hier einordnen könnte, z.B. die USA. Aber ich denke, dass verschiedene Faktoren (z.B. die weitere Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise und die Ausdifferenzierung der globalen Wertschöpfungsketten) dazu geführt haben, dass es eine große Gruppe an Ländern gibt, die sich dieser Zweiteilung entziehen. Man kommt nicht umhin, sich einen Begriff vom Imperialismus als Weltsystem zu machen.

Lenins Imperialismustheorie hat anderen Theorien viel voraus, dazu gehört auch die Feststellung, dass Imperialismus sich nicht reduzieren lässt auf eine kriegerische Außenpolitik. Umgekehrt ist es aber ein Fehler, Lenins Analyse eins zu eins auf die heutige Situation zu übertragen. Allein die bisherigen Diskussionsbeiträge zeigen, dass wir hier offensichtlich Klärungsbedarf haben. Dazu gehört meines Erachtens die Frage, welchen Wert ein „adjektivischer“ Imperialismusbegriff hat, bei dem sich am Ende alles um die Frage dreht, welche Länder imperialistisch sind und welche nicht. Das Problem dieser Fragestellung besteht darin, dass sie keine vernünftige Charakterisierung liefert gerade für die Länder, die im Zuge der ungleichmäßigen Entwicklung im imperialistischen Weltsystem aufsteigen.

Eine sinnvolle Art, die Frage von vornherein anders zu stellen ist meines Erachtens: Welche Stellung nimmt Russland im imperialistischen Weltsystem ein, welche Rolle spielt es in diesem Weltsystem? In welchem Verhältnis steht es zu anderen Ländern, sowohl stärkeren als auch schwächeren? Aus diesem Blickwinkel haben wir auch in den programmatischen Thesen von 2018 eine grobe Einordnung gegeben, in denen der Imperialismus als „globales System gesellschaftlicher Beziehungen, das alle kapitalistischen Länder umfasst“ verstanden wird. Ich finde in diesem Zusammenhang die Thesen der TKPxi hilfreich, um an diese Frage heranzugehen. Die TKP nennt z.B. in These 8 verschiedene Dimensionen (ökonomisch, politisch, militärisch, ideologisch und kulturell), die bei der Analyse des Weltsystems berücksichtigt werden sollten, wobei direkt anschließend betont wird, dass die ökonomische Ebene ein hohes Gewicht habe und dass es notwendig sei, die Beziehungen zwischen diesen Ebenen zu analysieren.

Wir sollten versuchen, eine solche Analyse in den nächsten Monaten gemeinsam anzugehen, also auszudeklinieren, welche Bestandteile die verschiedenen Dimensionen konkret haben, und uns diese dann zu erarbeiten. Es ist wichtig, über die allgemein richtige Aussage hinauszugehen, dass sich Länder und Monopole ungleichmäßig entwickeln. Mit einer solchen Position kann man doch letztendlich den Fehler machen, die konkreten Kräfteverhältnisse zu übergehen und die konkrete Situation nicht zu verstehen. Wer denkt, der russische Imperialismus bewege sich in allen Belangen (ökonomisch, militärisch, politisch) auf einer Augenhöhe mit dem westlichen Block, der liegt falsch.

Ich denke für die jetzige Diskussion ist es dennoch sinnvoll, eine ungefähre Vorstellung von der relativen Stellung Russlands zu bekommen. Ich will daher einige (zugegebenermaßen grobe) Eckdaten zusammenfassenxii, aus denen m.E. deutlich wird, dass Russland in Bezug auf den westlichen imperialistischen Block aus USA-EU-NATO eine unter dem Strich deutlich unterlegene Position einnimmt, auch wenn es ein eigenständiger imperialistischer Akteur ist. Die unterlegene Position ist direkter Ausdruck der relativ (zum Westen) unterentwickelten ökonomischen Basis. Die imperialistische Eigenständigkeit entstammt dem vergleichsweise schlagkräftigen Militärapparat und der politisch-militärischen Interventionsfähigkeit auch gegen das Einverständnis anderer imperialistischer Staaten, wie in Syrien oder jetzt gerade in der Ukraine. Das Folgende ist natürlich keine konkrete „Imperialismusanalyse“. Für eine solche wären erstens mehr Aspekte zu berücksichtigen, diese müssten zweitens in Relation zu anderen Staaten und drittens in ihrer Entwicklung betrachtet werden, und letztendlich wäre auch der anfängliche Imperialismusbegriff anhand der Ergebnisse zu reflektieren.

  • Bruttoinlandsprodukt: Russland stellt gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) die elftgrößte Volkswirtschaft darxiii. Berücksichtigt man die Kaufkraftparität (BIP KKP) steht es hier an sechster Stelle hinter China, den USA, Indien, Japan und Deutschlandxiv, wobei China (24 Billionen $) und die USA (21 Billionen $) hier großen Vorsprung vor z.B. Deutschland (4.5 Billionen $) und Russland (4.4 Billionen $) haben. Russland ist mit knapp 146 Millionen Einwohnern weltweit allerdings auch der neuntgrößte Staat, und hinsichtlich des BIP pro Kopf ist er nur auf Platz 84 bzw. Platz 53 (KKP) zu finden, wobei diese Zahlen insofern wenig aussagekräftig sind, als dass sich jede Menge Kleinststaaten auf den vorderen Rängen wiederfinden. Verglichen mit den USA ist die mittlere Wirtschaftsleistung pro Einwohner in Russland jedenfalls um einen Faktor 6 (BIP pro Kopf) bzw. einen Faktor 2 (BIP KKP pro Kopf) niedriger. Entsprechend ist auch die Arbeitsproduktivität in Russland weniger als halb so hoch wie in westlichen Ökonomienxv.
  • Exporte: Die russische Wirtschaft ist stark von Rohstoffexporten geprägt. 2020 waren beispielsweise Erdöl (22,5% des Handelswerts) und raffiniertes Erdöl (14,5%), Erdgas (6,0%) und Kohle (4,0%) ebenso vorne mit dabei wie Gold (5,7%) und Platin (3,2%), hinzu kommen zahlreiche andere Metalle, Holz uswxvi. Das spiegelt sich auch in den Monopolkonzernen des Landes wieder, unter den nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen finden sich unter anderem Gazprom (Gas), Novatek (Gas), Surgutneftegas (Gas), Rosneft (Mineralöl), Lukoil (Mineralöl), Nornickel (Bergbau und Metallurgie), Polyus (Goldabbau) und Phosagro (Düngemittel). Als Vergleich: Deutschland exportierte im gleichen Jahr vorrangig Maschinengüter (17,5% des Handelswerts), Kfz und Kfz-Teile (15,9%), Elektronik (10,9%), pharmazeutische Produkte (7,5%), sonstige Instrumente (5,5%) und Plastik sowie Plastikerzeugnisse (4,8%)xvii. Hinsichtlich des Warenexports ähnelt die russische Wirtschaft also tendenziell eher abhängigen Ländern, die über keine ausgeprägte Industrieproduktion verfügen. Dennoch gibt es drei Unterschiede: Erstens befindet sich die exportierende Industrie überwiegend in russischer Hand, beispielsweise hält der russische Staat eine Mehrheit von gut 50% an Gazprom, und zwei russische Milliardäre halten indirekt zusammen die Mehrheit an Novatek. Zweitens bedeutet die schiere Größe der Rohstoffvorkommen und der Exporte eine vergleichsweise starke Position. Drittens handelt es sich bei Öl, Gas und vielen Metallen um strategisch relevante Rohstoffe.
  • Größte Unternehmen: Russlands größte Unternehmen sind im globalen Vergleich klein. Ein Report vom März 2021 weist für 2021 eine Gesamtmarktkapitalisierung der 100 weltweit größten Unternehmen von fast 32 Billionen $ aus, was ein sprunghaftes Wachstum um 48% gegenüber dem Vorjahr bedeutetexviii. Unter anderem war dies auf die Covid19-Pandemiebedingungen zurückzuführen, beispielsweise fiel die Marktkapitalisierung von Amazon um 61% höher aus als ein Jahr zuvor. 59 der größten Unternehmen sind in den USA angesiedelt, 14 in China (inklusive Hong Kong und Taiwan), 18 in Europa und die restlichen 9 entfielen auf andere Länder. Russland war nicht dabei, wohingegen 2009 mit Gazprom und Rosneft sich immerhin noch zwei Unternehmen unter den Top 100 wiedergefunden hattenxix – allerdings fiel Gazprom Stand Oktober 2021 mit 118 Mrd $ nur knapp aus der Liste herausxx. Ein ähnliches Bild ergibt sich im Bankensektor, dort findet sich lediglich die Sberbank auf Platz 60 (gemessen nach der Bilanzsumme), auf Platz 19 (gemessen nach Marktkapitalisierung) und auf Platz 30 (gemessen nach Umsatz)xxi.
  • Relevante Industrieproduktion: Russland besitzt dennoch große Marktanteile in mindestens zwei auch strategisch bedeutsamen Bereichen, in der Waffenentwicklung und -produktion und im Bau von Kernkraftwerken. Russland war zwischen 2017 und 2021 der zweitgrößte Waffenexporteur hinter den USA (19% vs. 34%), wobei es hier deutlich Marktanteile gegenüber dem Zeitraum 2012-2016 verloren hat (24% Russland vs. 32% USA)xxii. Zudem konzentrierten sich die russischen Waffenexporte hauptsächlich auf vier Länder, nämlich Indien, China, Ägypten und Algerien, wobei China und Indien die Länder mit der größten Truppenstärke sindxxiii. Schaut man auf die Waffenproduktion sieht das aber auch schon wieder anders aus: die fünf größten Waffenproduzenten (nach Umsatz) stammen aus den USA (Lockheed Martin, Raytheon, Boeing, Northrop Grumman, General Dynamics), und hinter einigen europäischen und chinesischen Unternehmen finden sich als russische Unternehmen Almaz-Antey erst auf Platz 17 und United Aircraft auf Platz 21xxiv. Insgesamt machte der Umsatz russischer Waffenproduzenten 2020 vom Gesamtumsatz der Top-100 Waffenproduzenten nur noch 5% aus (USA: 54%, China: 13%, UK: 7%). Im Bereich der Kernenergie ist Rosatom, welches 2007 von einer Bundesbehörde in ein Staatsunternehmen umgewandelt wurde, zum weltweit größten Hersteller von Kernreaktoren geworden und scheint sich inbesondere Märkten zuzuwenden, die in die Kernenergie einsteigenxxv. Aufgrund der langen Laufzeiten von Kernkraftwerken sind ihr Export sowie dazugehörige Serviceverträge wichtige Steuereinnahmequellen für den russischen Staat, weshalb dieser die Geschäfte von Rosatom (wie auch in anderen Ländern mit anderen Branchen üblich) diplomatisch unterstütztxxvi.

Interessante und relevante Punkte, die es hier zu ergänzen gäbe wären z.B. die Modernisierungsstrategien des russischen Kapitals und die Lage der russischen Arbeiterklasse, insbesondere auch mit Blick auf eine eine Arbeiteraristokratie, dieser „Oberschicht“ der Arbeiterklasse, deren Existenz eng mit den Extraprofiten verknüpft ist. Außerdem habe ich die Frage des Kapitalexports ausgespart. Der Kapitalexport nimmt zwar zurecht in Lenins Imperialismustheorie einen zentralen Platz ein und wir sollten ihn unbedingt in der zukünftigen Diskussion berücksichtigen. Der Zusammenhang des realen Kapitalexports mit verfügbaren ökonomischen Daten wie eingehenden und ausgehenden ausländischen Direktinvestitionen (ADI, engl. outward/inward foreign direct investions (FDI)) ist allerdings nicht trivial (u.a. wegen sogenanntem „round-tripping“ FDI, das im Ursprungsland reinvestiert wird) und wird für Russland dadurch erschwert, dass ein beträchtlicher Anteil über die „Umschlagplätze“ Zypern, die Niederlande und die British Virgin Islands zu laufen scheintxxvii. Fest steht, dass für einige Länder in Russlands direkter Nachbarschaft (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) die russischen Direktinvestitionen einen beträchtlichen Teil der Gesamtinvestitionen ausmachenxxviii.

Für eine materialistische Analyse des Krieges in der Ukraine

Nicht jeder Krieg in der imperialistischen Epoche ist auch ein imperialistischer Krieg. Das ist erstmal eine recht banale, aber deswegen nicht minder wichtige Feststellung, weshalb Lenin sie auch recht vehement vertreten hat, z.B. hier in einem Brief an Sinowjew vom August 1916, also während des ersten Weltkriegs:

„Wir sind ganz und gar nicht gegen die „Vaterlandsverteidigung“ schlechthin, nicht gegen „Verteidigungskriege“ schlechthin. In keiner Resolution (und in keinem meiner Artikel) werden Sie irgendwo einen solchen Unsinn finden. Wir sind gegen Vaterlandsverteidigung und gegen Verteidigung im imperialistischen Krieg von 1914-1916 und in anderen imperialistischen Kriegen, die für die imperialistische Epoche typisch sind. Aber in der imperialistischen Epoche kann es auch „gerechte“ Kriege, „Verteidigungs“kriege, revolutionäre Kriege geben nämlich: 1. nationale Kriege; 2. Bürgerkriege; 3. sozialistische Kriege usw.“xxix.

Die „Vaterlandsverteidigung“ ist dabei für Lenin „einfach der verbreitetste, gebräuchlichste, manchmal einfach spießbürgerliche Ausdruck für die Rechtfertigung eines Krieges. Sonst nichts, sonst absolut nichts!“xxx. Sie sei eine „eine Lüge im imperialistischen Krieg, aber durchaus keine Lüge in einem demokratischen und revolutionären Krieg“, und diese Kriege wiederum unterschieden sich, obgleich sie jeweils die Gewalt an die Stelle des Rechts setzten, nach „ihrem sozialen Gehalt“xxxi.Wenn wir uns also uneinig darüber sind, ob es sich hier um einen imperialistischen Krieg handelt, dann sollten wir uns anschauen, wer mit welchen Interessen und welchen konkreten Zielen diesen Krieg führt. Denn ich denke wir sollten Lenin auch in einer weiteren Feststellung folgen, dass es nämlich „theoretisch weit richtiger und praktisch unermeßlich wichtiger [ist] zu sagen, dass in diesem imperialistischen Krieg (gemeint ist in diesem Zusammenhang der erste Weltkrieg, Anmerkung BO) die Vaterlandsverteidigung ein bürgerlich-reaktionärer Schwindel ist, als die „allgemeine“ These gegen „jede“ Verteidigung des Vaterlands aufzustellen“xxxii.

Auf die Gründe der Russischen Föderation, am 24. Februar militärisch in die Ukraine vorzustoßen wurde bereits in verschiedenen Diskussionsbeiträgen Bezug genommen. Thanasis Spanidis argumentiert, dass militärische und geopolitische Interessen ausschlaggebend gewesen sindxxxiii, in einem ähnlichen Sinn interpretiere ich die These von Joshua Relko, dass es sich um einen „Krieg unter Räubern um die Aufteilung ihrer Reviere“ handlexxxiv. Eine grundsätzlich andere Einschätzung kommt von den Genossen Philipp Kisselxxxv, Klara Binaxxxvi und Alexander Kiknadzexxxvii, die Russlands Agieren als Defensivaktion im Sicherheitsinteresse Russlands einordnen, wobei sie explizit oder implizit als Ziele die Absetzung der ukrainischen Regierung sowie die von Russland deklarierte „Entnazifizierung und Entmilitarisierung“ anerkennen (Klara Bina hebt explizit hervor, dass die russische Bourgeoisie natürlich dennoch keine antifaschistischen Motive hegt, und ich gehe davon aus, dass das alle Genossen teilen). Eine partielle Überschneidung zwischen den Positionen sehe ich bei dem Ziel der „Entmilitarisierung“ – allerdings wird konträr eingeordnet, ob es sich dabei um eine legitime Rechtfertigung des Einsatzes handelt, und damit sind wir bei einem weiteren zentralen Streitpunkt.

Ich denke, dass der Kriegseinsatz von Russland aus geostrategischen Überlegungen heraus begonnen wurde (was „sicherheitspolitische“ Aspekte beinhaltet), letztendlich jedoch dazu dient, einen Hebel für die russischen Kapitalinteressen zu schaffen. Die russische Ökonomie hat nach der russischen Finanzkrise 1998 ein rapides Wachstum im ersten Jahrzehnt 2000-2008 hingelegt, das auch mit stark ansteigenden ausländischen Direktinvestitionen in beide Richtungen einherging und dazu führte, dass der Anteil Russlands am weltweiten BIP in diesem Zeitraum von ca. 0.7% auf 2.5% anstieg. In exakt den gleichen Zeitraum fällt der fast ununterbrochene Anstieg des Ölpreisesxxxviii, was die relative Abhängigkeit Russlands von seinen Exporten verdeutlicht. Im Zuge der Eurokrise brach das russische BIP 2009 ein, erreichte (gerechnet in US$) dann 2013 ein Maximum, sank mit den politischen Turbulenzen im Ukrainekonflikt 2014 erneut und erholt sich seitdem nur langsamxxxix, sodass das durchschnittliche Wachstum zwischen 2008 und 2018 sogar leicht negativ war. Effektiv hat Russland es nicht geschafft, im Zeitraum des wirtschaftlichen Aufschwungs sich auf eine Ebene mit den imperialistischen Staaten zu katapultieren, die eine Palette an hochtechnologischen Produkten herstellen können – und das deutet darauf hin, dass Russland in der „middle income trap“ stecken geblieben ist, über die China gerade versucht seinen kapitalistischen Tiger hinwegspringen zu lassen. Gleichzeitig hat Russland ein demographisches Problem, welches durch den Einbruch der Geburtenrate von 2.2 Geburten (1987) auf 1.2 Geburten (1999) pro Frau im Nachgang der Konterrevolution entstanden istxl. Alles in allem sind das schlechte Aussichten für die Kapitalverwertung (auch wenn die TKP in ihren Thesen zurecht auf die beträchtliche Wirtschaftspotential hinweist).

Die russische Bourgeoisie ist auf der Suche nach Auswegen aus dieser mittelfristig sehr schlechten Situation. Ein wichtiger Faktor ist dabei die engere Anbindung an China, in der Hoffnung, im Windschatten der aufstrebenden Weltmacht die eigene Position zu verbessern. Ein zweiter und damit zusammenhängender Faktor ist die Herstellung eines eigenständigen eurasischen Pols, welcher Russland als Transmissionsriemen dienen kann. Zu diesem Zweck gründete Russland zu Beginn des Jahres 2015 zusammen mit Belarus und Kasachstan die eurasische Wirtschaftsunion (Eurasian Economic Union, EAWU/EAEU), der sich einen Tag später Armenien und noch im selben Jahr Kirgistan anschlossen. Dabei ist es dann allerdings auch geblieben, und das ist das Problem. Die Ukraine hatte zwar 2013 einen Beobachterstatus beantragt, welcher aber nach dem Putsch 2014 natürlich hinfällig geworden war. Ohne die Ukraine wiederum ist die EAWU deutlich weniger schwergewichtig, was man schon daran erkennen kann, dass Russland im Jahr 2020 fast 86% zum gesamten BIP der EAWU von 1732 Mrd US$ beisteuertexli. Zwar ist die Ukraine nicht nur im Vergleich zu europäischen Ländern vergleichsweise unterentwickelt, sondern auch gegenüber Russland, und in diesem beschränkten Sinn stellt sie keine direkte Stärkung der EAWU dar, sondern höchstens einen Arbeitsmarkt mit billigeren Arbeitskräften. Mit einem Beitritt der Ukraine wäre die EAWU aber auf einen Schlag um über 40 Millionen Menschen, 600.000 km² und 155 Mrd US$ BIP (2020) gewachsen, was sie wiederum attraktiver gemacht hätte für andere Länder aus Zentralasien, die sich bisher eher in der Economic Cooperation Organization (ECO) zusammen mit Iran und Türkei befinden.

Ein zentraler Stratege des US-Imperialismus, Zbigniew Brzeziński, schrieb 1994 es könne nicht genug betont werden, „dass Russland ohne die Ukraine aufhört, ein Imperium zu sein, aber mit einer unterworfenen und dann untergeordneten Ukraine [werde] Russland automatisch zu einem Imperium.“xlii. Ob es damals in dieser Schärfe zutraf kann ich nicht beurteilen, und ob es heute so stimmt wage ich auch zu bezweifeln. Es ist aber recht klar, dass die Ukraine für Russland nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus machtstrategischen Gründen sehr wichtig ist: erstens als Puffergebiet gegen einen feindlichen Vorstoß in das russische Kerngebiet, zweitens damit das nukleare Abschreckungspotential Russlands nicht durch weitere unmittelbar benachbarte Raketenabwehrsysteme (die auch als Abschussrampen für offensive Schläge genutzt werden können) beeinträchtigt wird, drittens aufgrund der Krim bzw. der strategischen und wirtschaftlichen Bedeutung des schwarzen Meeresxliii: Durch das Schwarze Meer laufen zwei Pipelines, die russisches Erdgas über die Türkei in Richtung Europa transportieren, es beherbergt mit Novorossiysk den größten Handelshafen Russlands und mit Sewastopol einen wichtigen eisfreien Militärhafen auf der Krimhalbinsel, welcher als einziger Hafen im Schwarzen Meer die russische Schwarzmeerflotte aufnehmen kann.

Der Westen war im Verlauf des Ukrainekonflikts an vielen Stellen nicht zu Kompromissen bereit, siehe z.B. die Verhandlungen zum Assoziierungsabkommen, welches die Ukraine in eine exklusive und nachteilhafte ökonomische Integration gen Westen gezwungen hätte. Russland war und ist daher mit der konkreten Möglichkeit konfrontiert, dass die Ukraine auf Dauer aus einer Nähe zur Russland herausgerissen und in die wirtschaftlich-politischen (EU) und militärischen (NATO) Bündnisse des Westens eingegliedert wird. Während für die russische Bourgeoisie gewisse Kompromisse annehmbar wären, würde eine solche Eingliederung aber nachhaltig die Entwicklungsmöglichkeiten Russlands beeinträchtigen. Insofern kann man sagen, dass Russland als aufstrebender imperialistischer Akteur nachvollziehbare Gründe hat, militärisch in der Ukraine zu intervenieren. Die Frage ist nur: ändert das den Charakter des Krieges? Natürlich nicht. Man kann in Anlehnung an Brecht sagen: die russische Bourgeoisie will den Krieg nicht – sie muss ihn wollen. Sowohl die Ziele der „Entnazifizierung“ als auch der Schutz der Bevölkerung in der Ostukraine scheinen mir dabei vorgeschobene Gründe für den Krieg zu sein. Die Auslöschung ukrainischer Faschisten fällt für Russland zusammen mit dem Ziel, keine anti-russisch ausgerichtete Ukraine zuzulassen, und sie dient der ideologischen Unterstützung der „Militäroperation“ in Russland. Letzteres gilt ebenso für den Schutz inbesondere russisch orientierter Menschen in der Ostukraine, in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk, auch wenn es ein Fakt ist, dass diese Menschen in den letzten acht Jahren furchbar unter den Auswirkungen des Krieges gelitten haben. Einen Hinweis, dass ihr Schicksal eher vorgeschoben ist sehe ich z.B. in der Tatsache, dass die über 3400 zivilen Opfer des Konflikts zwischen 2014 und 2021 vor allem in die Anfangsphase gefallen sind (2014 und 2015 gab es 2084 bzw. 955 zivile Opfer)xliv. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der ukrainische Präsident Selenskyj die Drohungen, sowohl die Krim als auch die Gebiete im Donbas zurückholen zu wollenxlv, ernst meint (worauf der steigende Artilleriebeschuss zu Beginn 2022 hindeutet) und nicht aus innenpolitischen Gründen in seiner Neujahrsansprache 2022 wiederholt hat (immerhin war er vor dem Krieg zunehmend unpopulär geworden) handelt es sich m.E. eher um Anlass und Rechtfertigung denn um den wahren Kriegsgrund.

Den Imperialismus als Weltsystem zu verstehen ist keine Äquidistanz

Ich habe weiter oben behauptet, man müsse sich einen Begriff vom Imperialismus als Weltsystem machen. Es ist sehr gut, dass es Parteien wie die KKE und die TKP gibt, die sich mit diesen Fragen befassen und an deren Arbeit wir anknüpfen könnenxlvi. Mehr noch: wir haben zu Beginn der KO daran angeknüpft, und in den programmatischen Thesen festgehalten, dass der Imperialismus „ein globales System gesellschaftlicher Beziehungen [ist], das alle kapitalistischen Länder umfasst, nicht nur die USA, Japan und Westeuropa“xlvii. Aber genau dieses Verständnis wird nun in Zweifel gezogen und ihm scheint die Brandmarkung der „Äquidistanz“ zu drohen. Es ist natürlich legitim, die Programmatischen Thesen in Zweifel zu ziehen, auch wenn sie den Ausgangspunkt unserer Organisation und eine Richtschnur für unsere Praxis darstellen und ihr Stellenwert daher nicht relativiert werden sollte. Die Zweifel und Fragen an den Thesen müssen natürlich explizit auf den Tisch. Ohne Frage gibt es auch viel zu entwickeln, bis wir zu einem revolutionären Programm kommen, das seinen Namen verdient. Sich jedoch davon zu entfernen, den Imperialismus als System analysieren zu wollen, und stattdessen Länder wie Russland rein als Opfer (anderer) imperialistischer Staaten zu verstehen, das geht meiner Meinung nach in eine komplett falsche Richtung. Ich sehe im Punkt der Imperialismusanalyse vielmehr die Notwendigkeit einer Entwicklung nach vorne, aufbauend auf dem, was in den Programmatischen Thesen festgehalten ist, und hin zu einem detaillierteren Verständnis des imperialistischen Weltsystems. Im Übrigen hat der Genosse Milo Barus gute grundlegende Fragen dazu formuliert, was überhaupt unter einem imperialistischen Weltsystem zu verstehen seixlviii.

Zurück zur Äquidistanz. Was ist Äquidistanz? Es ist die Gleichgültigkeit gegenüber den realen Kräfteverhältnissen. Äquidistanz ist Einebnung der Widersprüche und Ignoranz gegenüber der Realität. Äquidistanz heißt, dort abstrakt zu bleiben, wo es gilt konkret zu sein. Nichts davon kann ich in den Positionen erkennen, die bisher in unserer Organisation formuliert wurden – was wiederum nicht sagt, dass wir nicht unbedingt konkreter und genauer werden müssen in der Analyse! Zu sagen, dass die Russische Föderation imperialistisch ist heißt nicht, dass sie die gleiche Stellung im Weltsystem einnimmt wie die USA, dass die Bestechung der Arbeiterklasse das gleiche Ausmaß hat wie in Deutschland oder dass die Namen imperialistischer Staaten in Analysen einfach austauschbar wären. Ich denke wir sollten vorsichtig sein, was solche Begriffe wie Äquidistanz angeht. Wir sollten sie genau verwenden und wenn wir sie verwenden dies auch erläutern.

Schlussbemerkung

Es ist nicht unsere Aufgabe, vorübergehend unterlegene imperialistische Akteure zu unterstützen. Die Bourgeoisie ist objektiv rückschrittlich geworden, und das trifft nicht nur auf die Bourgeoisie der allerstärksten imperialistischen Kräfte zu. Aus taktischen Gründen ist natürlich viel denkbar, allerdings müsste man dann diese taktischen Gründe ausführlicher erläutern, mir sind sie aus den bisherigen Diskussionsbeiträgen noch nicht verständlich geworden und ich denke, dass derartige Versuche auch scheitern werden. Während des ersten Weltkriegs polemisierte Lenin gegen die Auffassung, man müsse sich fragen „auf welcher Seite ein Sieg am ehesten erwünscht wäre“xlix. Er argumentiert, dass diese Frage sich für Marx und Engels noch anders gestellt hat, nämlich in einer Zeit „in der zweifellos fortschrittliche bürgerliche Bewegungen existierten“. Ich denke, dass eine Verteidigung des russischen Angriffskriegs erklären müsste, inwiefern es sich um einen fortschrittlichen Krieg handelt.

Der oben angesprochene Text heißt „Unter fremder Flagge“ und wurde schon in diversen Beiträgen (bei uns und bei anderen) zitiert. Die „fremde Flagge“ ist dabei nicht die Flagge eines anderen imperialistischen Landes – gemeint ist, dass der revolutionären Arbeiterbewegung ein falscher Standpunkt untergejubelt wird. Die „fremde Flagge“ zu hissen heißt dabei (bewusst oder unbewusst) den eigenen Opportunismus zu kaschieren. Ich sehe eine große Gefahr darin, den russischen Kriegseinsatz (ich schreibe bewusst immer wieder vom Krieg, denn es ist einer) mit antiimperialistischer Rhetorik zu rechtfertigen. Dies trivialisiert die Kräfteverhältnisse in unzulässiger Weise und schafft Illusionen in „bessere Kampfbedingungen“ für die Arbeiterklasse, die nirgends am Horizont zu sehen sind.

Nichtsdestotrotz: dies ist in erster Linie eine Gefahr für die Kommunisten, denn sie verlieren dadurch die Fähigkeit, die Arbeiterklasse klar zu orientieren. Natürlich besteht die größte Gefahr für die Arbeiterklasse in Deutschland nicht darin, an russischer Seite in den nächsten Krieg zu ziehen, diese Vorstellung wäre absurd. Sie besteht darin, gegen ihre russischen Klassengeschwister als Kanonenfutter zu dienen. Die Arbeiterklassen der Länder werden verhetzt, der Krieg wird Normalität. Es gibt etwas zu gewinnen in imperialistischen Kriegen: die Erkenntnis, dass sie eine immerwiederkehrende Qual der Gesellschaftsformation sind, in der wir leben, und dass sie nicht dadurch verhindert werden, wenn sich die Arbeiterklasse unter dem Banner des einen oder des anderen Imperialismus sammelt.

Während der Lektüre zur Erarbeitung dieses Beitrags bin ich über eine interessante Stelle zu Beginn einer Antwort Lenins an Jury Pjatakow (gerichtet an sein Pseudonym, P. Kijewski) gestolpert. Lenin schreibt:

„Wie jede Krisis im Leben des Menschen oder in der Geschichte der Völker hat der Krieg die Wirkung, dass er die einen niederdrückt und zerbricht, die anderen aber stählt und klarer sehen lässt. Diese Wahrheit gilt auch für das Gebiet des sozialdemokratischen Denkens über den Krieg und im Zusammenhang mit dem Krieg. Es sind zwei verschiedene Dinge, ob man sich möglichst tief hineinzudenken versucht in die Ursachen und die Bedeutung des imperialistischen Krieges auf dem Boden des hochentwickelten Kapitalismus, in die taktischen Aufgaben der Sozialdemokratie und so weiter, oder ob man zulässt, dass der Krieg das eigene Denken unterdrückt, ob man unter dem Druck der entsetzlichen Erlebnisse und der quälenden Folgen oder Erscheinungen des Krieges aufhört zu argumentieren und zu analysieren“l

Lassen wir es nicht zu, dass der Krieg unser Denken unterdrückt, fahren wir fort damit, zu argumentieren und zu analysieren.

i Lenin, Über eine Karikatur auf den Marxismus, LW 23, S. 19
ii Karl Marx, Das Kapital Band I, MEW 23, S. 779
iii Karl Marx, Das Kapital Band I, MEW 23, S. 742
iv Karl Marx, Das Kapital Band I, MEW 23, S. 788
v Ich verstehe hier Imperialismus als Weltsystem und Epoche, in dem Sinn wie Thanasis Spanidis es in seinen Thesen
skizziert hat (https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/das-zwischenimperialistische-kraeftemessenund-der-angriff-russlands-auf-die-ukraine/).
vi Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. LW 22, S. 271
vii Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. LW 22, S. 244
viii Lenin, Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa. LW 21, S. 345
ix Lenin, Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, LW 21, S. 345
x Auch damals gab es natürlich Schattierungen, die in der konkreten Analyse berücksichtigt werden mussten. Lenin spricht z.B. in seiner Imperialismusschrift davon, dass typisch für die imperialistische Epoche auch „verschiedenartige Formen der abhängigen Länder, die politisch, formal selbstständig, in Wirklichkeit aber in ein Netz finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit verstrickt sind“ seien (LW 22, S. 267). Als Beispiele nennt er
Argentinien als Halbkolonie, und Portugal, das faktisch unter dem Protektorat Englands stehe. Derartige Beziehungen seien im Imperialismus „Kettenglieder der Operationen des Weltfinanzkapitals“ (LW 22, S. 268). Auf diese Frage geht auch der Diskussionsbeitrag von Paul Oswald ein: https://kommunistische-organisation.de/diskussionimperialismus/die-wissenschaftliche-analyse-nicht-ueber-bord-werfen/
xi https://kommunistische-organisation.de/diskussion/tkp-thesen-zum-imperialismus-entlang-der-achse-von-russland-und-china2017/
xii Etwas ausführlichere Artikel aus der angloamerikanischen Debatte zu dem Thema, die allerdings zu
unterschiedlichen Ergebnissen kommen bezüglich der Frage, welchen Charakter Russland hat, sind z.B.:
http://links.org.au/node/4629, https://critiqueofcrisistheory.wordpress.com/is-russia-imperialist/ ,
https://mronline.org/2019/01/02/is-russia-imperialist/,
http://www.bolshevik.org/1917/no41/ibt_1917_41_01_imperialist_rivalries.html
xiii https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD
xiv https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.PP.CD
xv https://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=PDB_LV
xvi https://oec.world/en/profile/country/rus
xvii https://oec.world/en/profile/country/deu
xviii https://www.pwc.com/gx/en/audit-services/publications/assets/pwc-global-top-100-companies-2021.pdf
xix https://www.pwc.com/gx/en/audit-services/capital-market/publications/assets/document/pwc-global-top-100-march-update.pdf
xx https://www.visualcapitalist.com/the-top-10-biggest-companies-in-russia/
xxi https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Banken_der_Welt
xxii https://www.sipri.org/sites/default/files/2022-03/fs_2203_at_2021.pdf
xxiii https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36470/umfrage/die-groessten-armeen-weltweit-nach-aktivertruppenstaerke/
xxiv https://sipri.org/sites/default/files/2021-12/fs_2112_top_100_2020.pdf
xxv https://www.sipri.org/sites/default/files/2019-02/eunpdc_no_61_final.pdf
xxvi https://www.sipri.org/sites/default/files/2019-02/eunpdc_no_61_final.pdf
xxvii Kuznetsov (2021) Direct investment from Russia abroad: changes since 2018.
https://link.springer.com/content/pdf/10.1134/S1019331621060162.pdf
xxviii https://www.investmentmonitor.ai/special-focus/ukraine-crisis/soviet-states-russian-investment-ukraine-fd
xxix Lenin, An G. Sinowjew, LW 35, S. 205
xxx Lenin, Über eine Karikatur auf den Marxismus, LW 23, S. 23
xxxi Lenin, Antwort an P. Kijewski (J. Pjatakow), LW 23, S. 11. Zu den verschiedenen Arten der Kriege siehe auch den
Diskussionsbeitrag von Paul Oswald: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/die-wissenschaftlicheanalyse-nicht-ueber-bord-werfen/
xxxii Lenin, Über die Losung der Entwaffnung, LW 23, S. 98
xxxiii https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/das-zwischenimperialistische-kraeftemessen-und-derangriff-russlands-auf-die-ukraine/
xxxiv https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zum-imperialistischen-krieg-in-der-ukraine-und-zurrevolutionaeren-strategie/
xxxv https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-kritik-am-joint-statement-und-zur-nato-aggressiongegen-russland/
xxxvi https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/imperialismus-krieg-und-die-kommunistische-bewegung/
xxxvii https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zum-defensivschlag-russlands-gegen-die-nato/
xxxviii https://tradingeconomics.com/commodity/crude-oil
xxxix https://www.statista.com/statistics/263772/gross-domestic-product-gdp-in-russia/
xl https://data.worldbank.org/indicator/SP.DYN.TFRT.IN?locations=RU
xli https://www.gtai.de/de/trade/eawu/wirtschaftsumfeld/in-der-eawu-kommt-die-konjunktur-in-fahrt-683992
xlii Zbigniew Brzeziński: The premature partnership. Foreign Affairs, Vol. 73, No. 2, eigene Übersetzung
xliii Siehe hierzu das neue (und lesenswerte) Buch „Der Aufmarsch“ von Jörg Kronauer
xliv https://ukraine.un.org/en/168060-conflict-related-civilian-casualties-ukraine
xlv https://taz.de/Konflikt-um-die-Ukraine/!5825545/
xlvi Es gibt dafür einige uns bekannte Texte, beispielsweise einen Artikel von der Genossin Papariga:
https://inter.kke.gr/de/articles/On-Imperialism-The-Imperialist-Pyramid/ und die bereits hier und in anderen
Diskussionsbeiträgen erwähnten Thesen der TKP. Wünschenswert wäre aus unserer Perspektive sicherlich, hier
mehr Austausch und mehr Material zur Verfügung zu haben
xlvii https://kommunistische-organisation.de/programmatische-thesen/
xlviii https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/das-wesen-der-zwischenimperialistischen-widerspruechefragen-an-die-imperialismusdebatte/
xlix Lenin, Unter fremder Flagge, LW 21, S. 127
l Lenin, Antwort an P. Kijewski, LW 23, S. 11