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Spaltung und Haltung der Internationalen Kommunistischen Bewegung in der neuen Etappe des Imperialismus

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Gastbeitrag von Oskar Kirsch

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Liebe Genossen und Genossinnen,

es freut mich außerordentlich, zu sehen, dass die Kommunistische Organisation die angestrebte Arbeitsweise des BolscheWikis – die Dissense in der Internationalen Kommunistischen Bewegung durch Diskussionen unter den kommunistischen Gruppierungen und wissenschaftliches Studium klären zu helfen – zur Vorbereitung des Kommunismus-Kongresses durch Analysen, Podcasts und Rezensionen auf breiter Grundlage anwendet. Der folgende Beitrag, der am 27. August 2022 fertig gestellt wurde, soll daran anknüpfen und darin einige weitere Aspekte beleuchten.

I. Die neue Etappe des Imperialismus

Mit dem Übertritt der Grenze zwischen Russischer Föderation und Ukraine am 24. Februar 2022 durch russische Truppen ist die Welt in eine neue Etappe des Imperialismus eingetreten: Zum ersten Mal haben reguläre Verbände der russischen Atommacht einen der am stärksten militärisch und ideologisch entwickelten Vorposten der beiden miteinander verzahnten imperialistischen Zentren und Atommächte USA und EU – oder, wenn man anders will: die Länder an der Spitze der imperialistischen Pyramide –, beschossen. Die Kämpfe dauern bis heute an. Die weitere Eskalation der Kämpfe, unter Umständen ein NATO-Bündnisfall und der Einsatz von erst taktischen und dann strategischen Nuklearwaffen könnten im Verhungern eines Großteils der Menschheit enden.

Niemals zuvor waren so reich entwickelte Produktivkräfte der Menschheit so eng in ihren Produktionsverhältnissen gefesselt. Die gigantischen weltweit verflochtenen Produktionskapazitäten an Nahrung, Kleidung, Baumaterial und Methoden der Energiegewinnung werden regelmäßig zu großen Teilen vernichtet anstatt die Hunderten Millionen Hungernden sich satt essen oder die Frierenden Kleidung und warme und helle Wohnungen bekommen zu lassen. Wir könnten zu den Sternen fliegen, die hintersten Winkel der Menschheitsgeschichte erforschen, um einander besser zu verstehen und unser Leben stetig verlängern. Stattdessen fließt Überschuss größtenteils in Militär, dekadenten Luxus oder wird bewusst reduziert – Kapitalismus, bei der der Reichtum der Bourgeoisie die Armut des Proletariats und der Bauern schafft.

Die Bourgeoisie, die schon zwei Weltkriege und Tausende kleinere Kriege verbrochen, Milliarden zu früh Gestorbene und die Bremsung des gesellschaftlichen Fortschritts der ganzen Welt auf dem Gewissen hat, dominiert seit weit über einem Jahrhundert und weder die Revolutionen des russischen noch des chinesischen Volkes konnten ihr bis jetzt den wohlverdienten Todesstoß versetzen. Bourgeois existieren heute in jedem Land und sie kämpfen miteinander um jedes Fleckchen Erde, jedes Gramm Rohstoff und jede Sekunde ausgebeutete Arbeitszeit. Teilweise sind sie gut organisiert und nennen Monopole ihr eigen, womit sie die Staats- und Hegemonieapparate zur Unterdrückung und Integration von Proletariat, Kleinbürgertum und Bauernschaft „unterwerfen“ (Stalin 1953, 52).

In den imperialistischen Zentren hat sich die Bourgeoisie als Finanzkapital konzentriert – aktuell geführt aus den USA. Über die Banktrusts Blackrock, Vanguard und Co. beeinflusst es die Firmen- und Politikentscheidungen ihrer Anlageorte, versucht, diese zu kontrollieren (vgl. Rügemer 2018, 12 sowie Bina 2022b) und über Stiftungen, Presse, Parteien und Wissenschaft unterhält es eine Armee von Lohnschreibern zur Manipulation der öffentlichen und privaten Meinung. Dabei stützt es sich auf regionale Kompradoren, die durch den politischen, geheimdienstlichen und militärischen Druck der imperialistischen Zentren in ihren Machtpositionen gehalten werden und sich für das jeweilige Stillhalten einen Teil der Profite einstreichen dürfen.

Zwischen Kompradorenbourgeois und dem führenden Finanzkapital in den USA besteht seit dem Zweiten Weltkrieg aufgrund der massiven ökonomischen und militärischen Überlegenheit der USA ein relativer Waffenstillstand – bei zu Grunde liegender Normalität des Dauerkriegszustandes innerhalb des Imperialismus. Gerne würde der deutsche Imperialismus seinen dritten Anlauf zur Weltdominanz nehmen, wird aber von den USA noch erfolgreich niedergehalten.

Die beiden anderen wirtschaftlich und militärisch eigenständigen Zentren im imperialistischen Weltsystem sind die Russische Föderation und die Volksrepublik China. Der Rest der Länder verhält sich jeweils zu einem oder mehrerer dieser Zentren in unterschiedlichem Maße als Halbkolonie. Echte Kolonien existieren bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr.

Um die Produktivkräfte zu befreien und die Überproduktionskrisen und die Kriegszirkularität des Kapitalismus zu beenden, steht die Menschheit vor der Aufgabe, das ökonomische Grundgesetz des Kapitalismus von der Sicherung des Maximalprofits praktisch durch das des Sozialismus zu ersetzen: „Sicherung maximaler Befriedigung der ständig wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft durch ununterbrochenes Wachstum und ununterbrochene Vervollkommnung der sozialistischen Produktion auf der Basis der höchsten Technik“ (Stalin 1953, 49). Der Vortrupp der revolutionären Klasse des Proletariats, welches die schwankenden Schichten mit sich ziehen muss, um sich gegen die Bourgeoisie durchsetzen zu können, sind die Kommunistischen Parteien:

  • Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) – 95 Millionen Mitglieder1 – versucht auf dem Wege des „Sozialismus chinesischer Prägung“ mit einer „sozialistischen Marktwirtschaft“, nachdem die Revolution und der ökonomische Wechsel gelungen waren, die sozialistische Produktion durch marktwirtschaftliche Elemente letztendlich zu vervollkommnen und sich so auch darauf vorzubereiten, einen Vernichtungsschlag des US-Imperialismus gegen sich selbst als mächtigsten Gegner abwehren zu können.
  • Die Partei der Arbeit Koreas – 7 Millionen Mitglieder – versucht, gegen den US-Imperialismus militärisch wehrhaft zu werden und aus einer Position der Stärke heraus die Wiedervereinigung Koreas zu erreichen.
  • Die Kommunistische Partei Vietnams – 3,6 Millionen Mitglieder – versucht, Neutralität zu wahren und derweil die Landesproduktion zu entwickeln.
  • Die Kommunistische Partei Kubas – 670.000 Mitglieder – versucht, der Blockade zu trotzen und der Welt ein leuchtendes Beispiel für den inklusiven Charakter des Sozialismus zu geben.
  • Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) – 160.000 Mitglieder – versucht, das russische Volk zu vereinen und das Erbe der Sowjetunion unter kapitalistischen Bedingungen zu verteidigen.
  • Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) – mehrere 10.000 Mitglieder und eine parteinahe Gewerkschaft mit knapp einer Million Mitglieder – versucht in einem dem deutschen und dem US-Imperialismus halbkolonial untergeordneten Land die Arbeiterklasse für eine sozialistische Revolution zu organisieren.

II. Spaltung in der Internationalen Kommunistischen Bewegung

Anlässlich des Grenzübertritts am 24. Februar hat die KKE zusammen mit weiteren Parteien – inzwischen über 40 – eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Von den meist kleineren unterzeichnenden Parteien sind die bedeutendsten die South African Communist Party mit 200.000 sowie die KKE selbst als Initiatorin. Dabei ist unbekannt, inwieweit die Formulierungen der Erklärung von jedem Mitglied getragen werden, wie sie in den unterschiedlichen Sprachen jeweils verstanden werden und ob manche Unterzeichnungen nur das Ergebnis kurzfristiger Mehrheiten in Führungsgremien sind, die die Auffassungen der Parteibasis nicht korrekt abbilden. Dennoch trat mit der Erklärung ein relevanter Teil der Internationalen Kommunistischen Bewegung auf.

Darauf bat die KPRF darum, folgenden Satz zu streichen: „Die Entscheidung der Russischen Föderation, zunächst die ‚Unabhängigkeit‘ der sogenannten ‚Volksrepubliken‘ im Donbass anzuerkennen und dann unter dem Vorwand der ‚Selbstverteidigung‘ Russlands, der ‚Entmilitarisierung‘ und ‚Entnazifizierung‘ der Ukraine zu einer Militärintervention überzugehen, diente nicht dem Schutz des Volkes in der Region oder dem Frieden, sondern den Interessen der russischen Monopole auf ukrainischem Territorium, und ihrer erbitterten Konkurrenz mit den westlichen Monopolen“ (Joint Statement 2022) oder durch folgenden zu ersetzen: „Der Zweck der militärischen Sonderoperation zielt darauf ab, Millionen von Menschen, die seit acht Jahren unter Belästigung und Völkermord durch das Kiewer Regime leiden, zu schützen“ (Internationale Abteilung des ZK der KPRF 2022a). Den Rest der Erklärung trug die KPRF mit. Dies ist nachvollziehbar, da die Initiative für die Anerkennung der Volksrepubliken und die damit verbundene staatliche russische Militär- und Wirtschaftshilfe seit dem Maidan-Putsch primär von der KPRF ausging. Sie selbst war auch Hauptakteur der humanitären Hilfe und hat die Verteidigung der Volksrepubliken gegen militärische Angriffe immer unterstützt.

In ihrer Erwiderung greift die KKE Sjuganow als ihrer Einschätzung nach ideologischen Hauptvertreter der KPRF an, argumentiert mit den Rohstoff- und Marktzugängen der russischen Bourgeoisie in der Ukraine als Kriegsgrund und stellt die russische Bourgeoisie als in der Russischen Föderation seit 1990 quasi unverändert ruchlos und dominierend dar (vgl. Abteilung Internationale Beziehungen des ZK der KKE 2022a). Dazu stellt sie zum Verhältnis Russland-Ukraine fest: „Als sich in der Ukraine die Goebbels-Propaganda verbreitete, leistete Russland der Ukraine, mit den Worten W. Putins, ‚materielle Unterstützung‘“. Putin würde einen „Ideologen des Faschismus“ der russischen Jugend empfehlen und die KPRF würde dieser Regierung nun folgen (vgl. ebd.). Dennoch wurde der zur Streichung erbetene Passus seitens der KKE nicht wiederholt, sondern die Teile betont, bei denen die KPRF signalisiert hatte, sich ebenfalls anschließen zu können und versucht, die Debatte – wenn auch polemisch – zu vertiefen.

Darauf antwortete die KPRF wiederum ihrerseits, dass der Charakter des Krieges „ein nationaler Befreiungskrieg der Menschen im Donbass“ und „aus russischer Sicht ein Kampf gegen eine äußere Bedrohung der nationalen Sicherheit und gegen den Faschismus“ sei (Internationale Abteilung des ZK der KPRF 2022b). Dazu sei die russische Bourgeoisie gegen den Militäreinsatz gewesen und hätte kein Interesse an der Ausbeutung der ukrainischen Ressourcen, da sie sich in ihrer Mehrheit mit dem US-Finanzkapital gut stellen wollte. Es sei nicht die KPRF, die der Linie der russischen Regierung folge, sondern umgekehrt müsse die Regierung „unter dem Druck historischer Imperative dem Weg folgen, den die KPRF seit drei Jahrzehnten vertritt“ (ebd.).

Die parallel gelaufene Kontroverse zwischen der Russischen Kommunistischen Arbeiterpartei (RKAP) – 60.000 Mitglieder – und der KKE, die sehr viel heftiger verlief, weil es eine engere gemeinsame Geschichte der beiden Parteien gibt, drehte sich primär um die unterschiedliche Einschätzung der imperialistischen Stärke der Russischen Föderation, der faschistischen Qualität der NATO-Staaten und der Bündnispolitik der RKAP sowie die Kultur der Zusammenarbeit zwischen den Kommunistischen Parteien (vgl. Politischer Rat des ZK der RKAP 2022a, Abteilung Internationale Beziehungen des ZK der KKE 2022b, 2022c sowie Internationale Abteilung des ZK der RKAP 2022 und Internationale Kommission des ZK der RKAP 2022 als auch Düll 2022b).

Unterm Strich hätte man sich etwas mehr Sensibilität der drei Parteien für die unterschiedlichen Umstände in den jeweiligen Ländern gewünscht – gerade jetzt, wo der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit besonders auf den radikaleren gesellschaftlichen „Abweichlern“ liegt, um den Konsens der Mehrheit besser manipulieren zu können. Beispielhaft bei folgendem Fall: „So veröffentlichte G. Zyuganov Fotos der Kundgebung der KKE erneut in den sozialen Medien und interpretierte sie als Unterstützung für die sogenannte russische Welt … Diese Nachricht erschien in einer bürgerlichen Zeitung unseres Landes, die versuchte, die KKE der Doppelzüngigkeit und Unterstützung des kapitalistischen Russlands zu beschuldigen“ (Abteilung Internationale Beziehungen des ZK der KKE 2022a). Mit diesem Problem des Fünfte Kolonnen-Vorwurfs haben alle Kommunistischen Parteien in NATO-Ländern zu tun. In der BRD ist die Parteinahme für Russlands militärisches Vorgehen sogar unter Strafe gestellt, auch wenn einem die Heuchelei dabei, zieht man einen Vergleich zu anderen ebenfalls als völkerrechtswidrig gekennzeichneten Militärhandlungen der Vergangenheit, fast die Schuhe ausziehen kann. Auf der anderen Seite ist die beschriebene Lage von KPRF und RKAP keine einfache und Polemiken – insbesondere ungenaue – in der Öffentlichkeit sind unter diesem Druck leichter dazu geeignet, als anmaßend empfunden zu werden. So ist eine weitere Spaltung in der Internationalen Kommunistischen Bewegung entstanden, deren weiterer Verlauf und Konsequenzen noch schwer abzusehen sind.

III. Die Haltung der deutschen Kommunisten zur neuen Etappe

Wie ist die Haltung der deutschen Kommunisten zum Grenzübertritt?

Die Kommunistische Plattform in der Partei DIE LINKE – 1.000 Mitglieder – ist sich uneins: „Manche meinen, die Ignoranz des Westens gegenüber den begründeten Forderungen nach Sicherheitsgarantien seitens der Russischen Föderation rechtfertigten die Anerkennung der »Volksrepubliken« Donezk und Lugansk durch Russland. Andere halten es für ungerechtfertigt…Keine Meinungsunterschiede gibt es hinsichtlich der Legitimität russischer Sicherheitsinteressen, vor allem im Zusammenhang mit der wortbrüchigen NATO-Osterweiterung und dem Boykott der Minsker Vereinbarungen durch den Westen und Kiew. Die KPF hat sich zu diesen Fragen seit Jahr und Tag immer wieder eindeutig geäußert und sieht keinen Grund, ihre Position in Frage zu stellen, dass die NATO und vor allem der US-Imperialismus die Hauptverantwortung dafür tragen, dass die Weltlage heute so ist, wie sie ist.“ (Bundessprecherrat der KPF 2022).

Die Deutsche Kommunistische Partei – 2.800 Mitglieder – sieht die Anerkennung der Volksrepubliken durch die Russische Föderation, das Beistandsabkommen sowie die militärischen Aktivitäten auf dem Territorium der Volksrepubliken als völkerrechtskonform an und ist sich uneins bei den Kampfhandlungen im Rest der Ukraine: zu „verurteilender Angriffskrieg“ oder „präventive Verteidigung gegen einen Angriff der Ukraine, hochgerüstet und letztlich politisch dirigiert durch USA und NATO“ (Köbele 2022).

Die Kommunistische Partei Deutschlands – 150 Mitglieder – sieht einen Ablenkungscharakter: „Je mehr wir Kommunisten in Europa uns mit diesem einen Krieg in der Ukraine beschäftigen, desto weiter rücken die anderen politischen Ereignisse auf der ganzen Welt in unserem Bewußtsein in den Hintergrund“ (Geppert 2022, 1) und verweist auf die Medienpropaganda: „Durch die hiesigen Medien wurde und wird Rußlands Rolle im Ukraine-Konflikt maßlos aufgeblasen. Das ist die Begleitmusik dazu, daß sich einige wenige aber einflußreiche Kräfte die Hände reiben, denn endlich gibt es wieder eine günstige Gelegenheit, die Welt ein Stückchen weiter neu aufzuteilen, dieses Mal auf Kosten des russischen Kapitalismus“ (Schöwitz 2022).

Die KO ist sich ebenfalls uneins und variiert leidenschaftlich zwischen folgenden Positionen:

a.

  • 1. Russland ist kapitalistisch (vgl. Bina 2022, Kiknadze 2022, Kissel 2022a).
  • 2. Der Grenzübertritt diente der Verhinderung eines späteren NATO-Angriffes von ukrainischem Territorium aus (vgl. Düll 2022a, Kiknadze 2022, Kissel 2022a).
  • 3. Er fand gegenüber einem nicht souveränen Staat statt (vgl. Düll 2022a, Kiknadze 2022).
  • 4. Die Lage der Arbeiterklasse in Russland und der Ukraine würde sich durch ihn verbessern (vgl. Bina 2022, Düll 2022a, Kiknadze 2022, Kissel 2022a).
  • 5. Man müsse deshalb allein gegen die NATO agitieren (vgl. Bina 2022, Kissel 2022b).

und b.

  • 1. Russland ist imperialistisch (vgl. Aurora 2022, Barth 2022, Hensgen 2022, Hensgen & Spanidis 2022, Honer 2022, Müller 2022, Oskar 2022, Relko 2022, Saidi 2022a, Spanidis 2022a & b, Spanidis & Vermelho 2022), China auch (vgl. Hensgen 2022, Hensgen & Spanidis 2022, Honer 2022, Medina 2022, Müller 2022, Oskar 2022, Saidi 2022a & b, Spanidis 2022a & b, Spanidis & Vermelho 2022).
  • 2. Die NATO würde „rationalen Interessen folgen und keinen selbstmörderischen Angriffskrieg gegen Russland“ beginnen wollen (Spanidis 2022a, vgl. auch Aurora 2022, Hensgen 2022, Spanidis & Vermelho 2022).
  • 3. Der Grenzübertritt war ein Angriff auf einen souveränen Staat (vgl. Spanidis 2022a).
  • 4. Die Lage der Arbeiterklasse in Russland und der Ukraine würde sich durch ihn verschlechtern (vgl. Aurora 2022, Hensgen 2022, Hensgen & Spanidis 2022, Müller 2022, Oskar 2022, Saidi 2022a, Spanidis 2022a, Spanidis & Vermelho 2022).
  • 5. Konsequenz sei, den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg aus der BRD heraus zu verurteilen und auf dieser Basis Bündnisse in der Friedensbewegung gegen Waffentransporte, Aufrüstung und die NATO zu schließen (vgl. Hensgen & Spanidis 2022, Spanidis 2022a).

Zur Klärung der Grundlagen dieser Varianz hat die KO Podcasts zur Kongress-Vorbereitung aufgenommen, in denen die fünf Streitpunkte diskutiert wurden:

Zu 1. Charakter des russischen Staates

Koppe sieht Russland als ein nicht-imperialistisches, vom Imperialismus teilweise halbkolonial abhängiges, kapitalistisches Land mit einer Kompradorenbourgeoisie, deren Monopole durch die Aneignung von sozialistischem Eigentum entstanden seien (vgl. 2022, 20:15). Zavatzky sieht die Kompradorenbourgeoisie vordergründig auf der Extraktion von Rohstoffen fußend und eine im Verhältnis zur NATO geringe konventionelle Militärstärke (vgl. 2022b, 80:45). Die Bourgeoisie sei mehrheitlich gegen den Grenzübertritt gewesen, da sie kein Interesse an ukrainischem Territorium habe. Russland sei reich genug an Boden und Rohstoffen. Zahlreiche Milliardäre protestierten deshalb dagegen oder flüchteten aus Russland (vgl. ebd., 15:35). Corell sieht eine Aufteilung in Kompradoren- und nationale Bourgeoisie und verweist auf die dazugehörige historisch von der KPCh stammende Volksdefinition als bestehend aus Bauern, städtischem Kleinbürgertum, Proletariat und nationaler Bourgeoisie (vgl. 2022, 39:35). Er sieht Russland ebenfalls als Halbkolonie und damit als einen „Staat, der politisch souverän scheint, aber ökonomisch vom Imperialismus abhängig ist“ (ebd., 15:20). Dies würde durch die nicht dominierende Stellung der russischen Unternehmen auf dem Weltmarkt bestätigt (vgl. ebd., 54:35). Zeise hält die Begriffe National- und Kompradorenbourgeoisie, welche antirussisch und pro-amerikanisch sei (vgl. 2022, 67:50), ebenfalls für anwendbar auf Russland, sieht aber das Finanzkapital einen russischen Imperialismus führend (vgl. ebd., 75:20). Lauterbach stimmt zwar dieser begrifflichen Unterscheidung innerhalb der russischen Bourgeoisie nicht zu, beschreibt aber ebenfalls eine westangebundene Kapitalistengruppe und eine, die von Staatsaufträgen lebt (vgl. 2022, 107:00). Zenker sieht das Vorhandensein eines russischen Monopolkapitals und einer Finanzoligarchie und deshalb einen russischen Imperialismus (vgl. 2022, 32:45). Bauer verweist auf die historisch hohe Bedeutung des russischen Volkes in der Zeit der Sowjetunion, dessen sich die Russen heute weiter bewusst seien und deshalb ihre bedeutende Rolle in der Welt wieder erlangen wollten (vgl. 2022, 28:25). Dazu nennt er China, ein Land mit „sozialistischem Anspruch“, als eigentlichen „Hauptgegner“ der USA (ebd., 63:30), welches für ihn eine „große Hoffnung“ darstellt, da die KPCh die Landesentwicklung kontrolliere und erfolgreich eine regulierte Marktwirtschaft etabliert (vgl. ebd., 64:40). Dies begründet er allgemein mit den zwei Seiten einer sozialistischen Gesellschaft und Staatlichkeit: der politischen und der ökonomischen Macht. Die erstere würde von der KPCh ausgeübt und diese müsse in Zukunft beweisen, dass die dortige Ökonomie sich auf Basis dieser Macht in eine sozialistische Richtung entwickele (vgl. ebd., 68:22).

Zur Analyse des Klassencharakters des russischen Staates wären darüber hinaus noch hinzuzufügen die Analysen von Genosse Jeremiah, dass der russische Kapitalexport im Vergleich zu den Kapitalexporten der führenden imperialistischen Staaten weitaus weniger bedeutend und der russische Staat deshalb nicht imperialistisch sei (vgl. 2022, 34ff.) sowie von Stiller, der das hohe Gewicht des russischen Staatsbesitzes betont (vgl. 2022, 51ff.).

Zusammengenommen lassen die skizzierten Analysen sowie die vielfach erwähnte mangelnde Auseinandersetzung mit dem engsten Bündnispartner Russlands – China – die These vom imperialistischen Charakter des russischen Staates und dessen zukünftigen imperialistischen Agierens etwas wackelig erscheinen. Durch die Schwächung der Kompradorenbourgeoisie wird das Gewicht des staatlichen Eigentums weiter zunehmen und dadurch auch den politischen Einfluss der Nationalbourgeoisie schmälern. So steigt der mögliche Einfluss des Proletariats und des Kleinbürgertums auf das Staatshandeln, welchem dazu durch ein fehlendes herrschendes privates Finanzkapital keine Klassenbasis für imperialistische Eroberungen zu Grunde liegen wird. Damit steigt auch tendenziell die Bedeutung von diplomatischer Zusammenarbeit und der Vereinbarung von zwischenstaatlichen wirtschaftlichen Kooperationen. Der Klassencharakter des chinesischen Staates wird deshalb in Zukunft eine noch viel größere Auswirkung auf den des russischen Staates haben. Die Taiwan-Frage macht deutlich, dass die internationale Kommunistische Bewegung sich bald genötigt sehen wird, den Charakter des chinesischen Staates ebenfalls genauer zu analysieren. Dafür müssten hierzulande unter anderem Kunzmanns Replik (2018) auf Spanidis (2016) sowie Flegels und Gepperts ökonomische Analyse Chinas (2020) grundlegender untersucht werden.

Zu 2. Kriegsanlass

Kissel beschreibt, dass dem Grenzübertritt eine „geplante Invasion der ukrainischen Armee auf den Donbass vorausging. Das heißt, Truppen wurden massiert und der militärische Aktionsplan der ukrainischen Regierung sah eine Rückeroberung der Volksrepubliken und der Krim vor. Dann hat die Anerkennung der Volksrepubliken und der militärische Beistand durch die Russische Föderation stattgefunden“ (2022c, 5:25), was Zavatzky ähnlich sieht (vgl. 2022b, 10:00). Wagner führt die massiven Waffenstillstandsverletzungen als Indizien eines für die russische Seite so verstehbaren bevorstehenden ukrainischen Einmarsches an (vgl. 2022, 13:50), während Lauterbach das für nicht nachgewiesen hält (vgl. 2022, 140:45).

Hinzuzufügen wären die Einschätzungen der KPRF und der RKAP zu der sie selbst scheinbar bedrohenden Lage: „Gleichzeitig war die Stationierung taktischer US-Atomwaffen in der Ukraine im Gespräch. Die Ukraine, die über vier Atomkraftwerke und ein beträchtliches wissenschaftlich-technisches Potenzial verfügt, hat mit den Vorbereitungen zur Herstellung einer eigenen Atomwaffe begonnen. Unter der Schirmherrschaft des Pentagon errichtete die Ukraine mehr als 30 Labors zur Entwicklung bakteriologischer Waffen. Es gibt Dokumente, die belegen, dass diese Labors mit besonders gefährlichen Bakterien tödlicher Krankheiten arbeiteten und Methoden untersuchten, sie auf Menschen verschiedener Rassen zu verteilen. All dies stellt nicht nur eine Bedrohung für Russland dar, sondern für die gesamte Menschheit“ (Internationale Abteilung des ZK der KPRF 2022b). Und: „Die Imperialisten brachten die NATO zielstrebig näher an die Grenzen Russlands heran und arbeiteten daran, Russland zu schwächen, um eine immer größer werdende, überhängende Bedrohung für Russland zu schaffen. Angefangen bei Raketen mit minimaler Flugzeit bis hin zu einem Netz von biologischen Labors mit der Aussicht auf neue biologische Waffen“ (Politischer Rat des ZK der RKAP 2022a). Hinweise auf US-Biowaffenlabore gibt es auch in zahlreichen anderen Ländern wie Kasachstan (vgl. Zavatzky 2022a).

Der Klassencharakter des US-amerikanischen Staates als vom weltweit führenden Finanzkapital unterworfen und mit dem deshalb höchsten Verfaultheitsgrad legt nahe, dass es den Plan verfolgt, das russische Volk bei Bedarf biologisch und atomar zu großen Teilen ausrotten zu können. Das hätte es leichter aus der Ostukraine heraus und mit einer zurückeroberten Krim tun können. Der jetzt stattfindende Versuch der wirtschaftlichen Erdrosselung war sichtbar die mildeste intendierte Folge der US-Zustimmung zu den offensiven ukrainischen Militäraktivitäten.

Zu 3. Charakter des ukrainischen Staates

Bauer spricht von „Selbstverteidigung“ in Bezug auf das Völkerrecht (vgl. 2022, 33:00) und zur präventiven Selbstverteidigung sagt Sjuganow: „Im militärpolitischen Bereich müssen Entscheidungen dann getroffen werden, wenn sie die größte Wirkung erzielen“ (2022). Wagner argumentiert, warum sich die Russische Föderation nicht auf das UN-Selbstverteidigungsrecht berufen könne, sondern einen völkerrechtswidrigen Präventivkrieg gestartet hätte (vgl. 2022, 28:40). Zenker nennt es „imperialistischer Angriffskrieg“ (2022, 75:10). Lena weist darauf hin, dass das Völkerrecht aber nur von einer starken organisierten Arbeiterschaft durchgesetzt werden könne (vgl. 2022, 89:50). Die Ukraine sieht Lauterbach in einer „de facto Marionettenrolle“ in „extremer finanzieller Abhängigkeit von westlichen Zuwendungen“, aber nicht als Kolonie, die gänzlich „keine eigene politische Subjektivität“ habe (2022, 19:50). Er (vgl. 2022, 77:45) sowie Fazolo (vgl. 2022, 22:10) halten die Staatsform in der Ukraine für keinen Faschismus an der Macht. Zavatzky hält die Qualität des Faschismus in der Ukraine für vergleichbar mit lateinamerikanischen Formen des Faschismus in einem Peripherieland (vgl. 2022b, 47:20). Die Bevölkerung in den Volksrepubliken möchte laut Koppe lieber zu Russland gehören als zu einer unreformierten Ukraine (vgl. 2022, 17:30).

Faschismus an der Macht als offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals trifft aufgrund des großen Anteils an Verdecktheit in der Ukraine noch nicht zu. Durch den zu geringen Einfluss der Sozialdemokratie als objektiv gemäßigtem Flügel des Faschismus gelang es auch noch nicht, eine ausreichende Massenbasis für einen Faschismus an der Macht zu organisieren. Dennoch ist das Vorhandensein der verdeckten terroristischen Diktatur dieser Elemente des Finanzkapitals der Beweis für die nicht vorhandene Souveränität des ukrainischen Staates. Dazu wollten große Teile der als „Neurussland“ bezeichneten Gebiete seit 2004 stetig steigend in die Russische Föderation und haben damit auch die Einheitlichkeit des ukrainischen Staatsgebietes in Frage gestellt. Eine größere Autonomie der Gebiete innerhalb der Ukraine wäre nur ein Kompromiss mit dieser Bewegung gewesen.

Im Völkerrecht gibt es dafür eine aus der Kolonialbefreiung entstandene, aber bisher selten angewandte Grundlage innerhalb des Selbstbestimmungsrechtes der Völker: Unter nicht diskriminierenden Bedingungen müssen Entscheidungen über Aufteilungen eines Staatsgebietes im Gesamtstaat und innerhalb dessen Verfassung durchgeführt werden. Dies fand in der Ukraine nicht statt. Wenn eine Regierung aber nicht „die gesamte Bevölkerung des Gebiets ohne Unterschied der Rasse, des Glaubens oder der Hautfarbe vertritt“ (Generalversammlung der Vereinten Nationen 1970, 7), entfällt die an selber Stelle ausgedrückte Ablehnung von „Maßnahmen, welche die territoriale Unversehrtheit oder die politische Einheit souveräner und unabhängiger Staaten…ganz oder teilweise auflösen oder beeinträchtigen würden“. Damit entfällt die Notwendigkeit der gesamtstaatlichen Abstimmung und da ein eigenes Volk mit eigenständigen Rechten existiert, welches von einem anderen Volk im bisherigen Staat unterdrückt wird, hat das unterdrückte Volk auch Anrecht auf diplomatische und im zweiten Schritt militärische Beihilfe durch die Vereinten Nationen. Formal gesehen ist das Völkerrecht somit auch für diesen Fall relativ gut ausgearbeitet und würde man es vom Standpunkt der Völker anwenden, würden sich die meisten Konflikte auf der Welt zwischen diesen damit lösen lassen. Da aber internationales Recht seiner gesellschaftlichen Basis entspringt, dient es in der Epoche des Kapitalismus im Stadium des Imperialismus primär dem führenden Finanzkapital. Unter diesen Bedingungen hatten und haben auch sozialistische und halbkoloniale Staaten wenig Interesse an einem generellen Recht auf Sezession, da dieses vom Finanzkapital zu ihrer Destabilisierung missbraucht würde. In diesem Zusammenhang hat die Russische Föderation als eines der beiden unabhängigen dem führenden Finanzkapital gegenüber feindlich eingestellten Wirtschafts- und Militärzentren kein grundsätzliches Interesse an der Sezession gehabt, da eine Kompromisslösung in der Ukraine mehr Gelegenheit gegeben hätte, den Einfluss des US- und EU-Finanzkapitals auf nicht-militärischem Wege zurückzudrängen und damit mehr den Interessen des gesamten russischen Volkes zu entsprechen. Allein die Kriegsorientierung des US-Finanzkapitals und seiner ukrainischen Kompradoren hat dies verhindert. Die Russische Föderation hat mit ihren Verhandlungsbemühungen auch die ganze Zeit dem Völkerrecht entsprochen, obwohl eine schon frühere Militärbeihilfe von diesem ebenfalls abgedeckt gewesen wäre. Der völkerrechtskonforme Weg für eine Militärbeihilfe wäre aber eine Entscheidung des UN-Sicherheitsrates. Da mindestens die USA wiederum dort ein Veto eingelegt hätten, hat die Russische Föderation durch ihren Grenzübertritt – unter der Prämisse, die feindlichen Verbände, die an der Unterdrückung des russischen Volksteils im Donbass beteiligt sind, kampfunfähig zu machen – dem Willen eines Teiles der Völkerrechts-Gesetzgeber wie der Sowjetunion, aber nicht dem der aktuell dominierenden Gesetzausleger entsprochen. Die aktuelle in der BRD vorgeschriebene Kennzeichnung eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges ist deshalb korrekt – wenn man sich auf den Standpunkt des US- und EU-Finanzkapitals und ihrer Lakaien stellt.

Zu 4. Veränderung der Lage der Arbeiterklasse

Lauterbach sagt, dass die russische Militäroperation bisher das Gegenteil ihres Zieles der Demilitarisierung wie auch der Entnazifizierung bewirkt hätte (vgl. 2022, 142:20) und, dass es der russischen und ukrainischen Arbeiterklasse durch sie nicht besser gehen würde (vgl. ebd., 56:00). Zenker sieht dies ähnlich, insbesondere, weil immer Arbeiter aufeinander schießen sollen (vgl. 2022, 82:30).

Wiegt man das bisher zerstörte Militärpotential gegen das hinzugekommene in der Ukraine auf, kann in Bezug auf die Ukraine eindeutig von einer Demilitarisierung gesprochen werden. Eine Militarisierung fand eher in anderen Ländern statt, diese waren aber auch nicht erklärte Ziele der Russischen Föderation. Die Anzahl der bewaffneten faschistischen mordbereiten und foltererfahrenen Getöteten ist so groß, dass die gestiegene ideologische Faschismusbereitschaft in der Ukraine qualitativ als von sehr viel geringerer Bedeutung eingeschätzt werden kann. Anders herum ist es wiederum in anderen Ländern wie der BRD.

Die Zerstörungen und Totenzahlen sowie die auf beiden Seiten unkonstruktiv für Waffen und Kriegslogistik verwendeten Produktionskapazitäten lassen die Lage der ausgebeuteten Klassen kurzfristig deutlich schlechter erscheinen. Langfristig gesehen kämpfen die russische Arbeiterklasse und das Kleinbürgertum – einschließlich Donbass, bzw. Neurusslands – dafür, eine Unterwerfung durch das US- und EU-Finanzkapital sowie die steigende Gefahr eines Dritten Weltkrieges bei einer weiteren Aufrüstung und Faschisierung der Ukraine abzuwenden. Dass dies aktuell nur unter kurzfristiger Erhöhung der Gefahr eines Dritten Weltkrieges und unter großen Opfern realisierbar erscheint, liegt nicht primär im Willen der kämpfenden unterdrückten Klassen, sondern im Grad der Verfaultheit des Finanzkapitals begründet.

Zu 5. Losungen

Da die Podcast-Gäste größtenteils individuell publizistisch tätig sind, konzentrieren sie sich mehr auf die Agitation innerhalb der deutschen Online-Öffentlichkeit als auf Straßenpropaganda und treffen insoweit kaum Aussagen über die richtigen Losungen in der aktuellen Lage.

Dazu scheint der Wunsch nach richtigen Losungen im Angesicht der Schwäche der deutschen Kommunisten – denkt man nicht, dass es nur allein schon der richtigen Losungen bedürfe, um die Massen zu versammeln – öfter unter der Prämisse aufzutreten, dass man die Richtung der Politik nicht grundsätzlich ändern könne, aber anhand des fortlaufenden schlechten Handelns der eigenen Regierung sowie des Erklärens der Hintergründe gegenüber der Arbeiterklasse zeigen könnte, wie überzeugend der Sozialismus sei, in dem so etwas dann nicht mehr stattfände oder zumindest vom gewerkschaftlichen Klassenkampf überzeugen könnte, der einem eine bessere materielle Lage beschere, weil das Kapital sonst leichtes Spiel habe. In diesem Zusammenhang wirkt die Bezugnahme auf den Krieg in der Ukraine manchmal eher wie ein Instrument, um zeigen zu können wie schlecht der Kapitalismus für die Ausgebeuteten ist und es scheint – offensichtlich aufgrund einer eher pessimistischen Sichtweise – weniger darum zu gehen, die Umstände, die den Krieg von Deutschland aus unmittelbar am Laufen halten, wirklich zu ändern, auch unter der Erkenntnis, dass man an der Bereitschaft des US-Finanzkapitals, den Krieg weiter zu eskalieren, wiederum wirklich nicht viel ändern kann. Diese Umstände sind zuallererst die Finanzhilfe sowie die Waffen- und Truppentransporte über deutschen Boden. Für die Änderung dieser Umstände bräuchte man aber Bündnisse, und zwar schnell. Die kommunistischen Gruppen müssten durch Demonstrationen, Flugblattverteilungen und Online-Agitation mit den Massen zusammen Druck auf Nicht- und LINKE-Wähler sowie die Gewerkschaften ausüben, die ihrerseits Druck auf die SPD-Wähler ausüben, sodass die SPD die Führungsgruppe um Scholz stürzt und die Regierung verlässt. Gleichzeitig müsste es Agitation in den sozialdemokratischen Teilen des CDU- und CSU-Klientel geben – Beispiel: Kretschmers Linie gegen Merz’ Linie unterstützen –, damit diese das Geschäft nicht einfach fortführt. Jede Spaltlinie zwischen Kompradoren- und Nationalbourgeoisie, zwischen Bourgeoisie und Kleinbürgertum, zwischen Arbeiteraristokratie und Proletariat müsste zu Ungunsten des Krieges ausgenutzt werden, um der Politik von Grünen und FDP als aktueller Hauptstütze des US-Finanzkapitals sowie deren Massenbasis einen empfindlichen Ansehensverlust zuzufügen. Parallel müssten die hiesigen Truppen- und Waffentransportwege identifiziert, unter breiter Beteiligung durch zivilen Widerstand empfindlich gestört und ihr Vorhandensein diskreditiert werden. Dabei kann man mit zahlreichen Partnern in der Friedensbewegung Bündnisse schmieden – unabhängig davon, ob man das Handeln der ukrainischen oder der russischen Regierung unterschiedlich bewertet. Für eine solche Massenagitation und solche Bündnisse bräuchte man allerdings wirklich die richtigen Losungen, wenn man sich nicht zum Anhängsel der Bürgerlichen machen will. Ob diese aber aus dem klassischen Repertoire wie „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ stammen sollten oder ob im Angesicht der zurzeit vorhandenen potentiellen Bündniskräfte nicht andere Standpunkte wie „Keine deutsche Einmischung mehr in die Angelegenheiten anderer Länder“ wie auch dazu gehörend, aber oft ungerechtfertigterweise nicht so ernst genommen: „Keine Einmischung anderer Länder in die deutsche Politik“ nötig wären, kann nur die weitere Diskussion unter den deutschen Kommunisten ergeben. In dieser sowie in Bezug auf die vielen anderen aufgeworfenen Fragen hoffe ich auf gute Ergebnisse durch den Kommunismus-Kongress der Kommunistischen Organisation.

In diesem Sinne wünsche ich zum Gelingen des Kongresses alles Gute, ich werde selbst daran teilnehmen und dafür werben, dass sich noch weitere zukünftige Genossinnen und Genossen ebenfalls dafür entscheiden.

1 Die angenommenen Mitgliederzahlen sind entnommen aus – mit einem letzten Zugriff am 27.08.2022 12:00: https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Chinas (KPCh), https://de.wikipedia.org/wiki/Partei_der_Arbeit_Koreas (PdA Korea), https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Vietnams (KP Vietnam), https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Kubas (KP Kuba), https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_der_Russischen_F%C3%B6deration (KPRF), https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Publ-Texte/Texte_52.pdf S. 90 (KKE), https://de.wikipedia.org/wiki/Militante_Arbeiterfront (PAME), https://en.wikipedia.org/wiki/South_African_Communist_Party (SACP), https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Kommunistische_Arbeiterpartei_%E2%80%93_Revolution%C3%A4re_Partei_der_Kommunisten(RKAP), https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Plattform (KPF), https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Kommunistische_Partei (DKP), https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Deutschlands_(1990) (KPD)

Quellen

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Abteilung Internationale Beziehungen des ZK der KKE (2022b). Zur Haltung der RKAP zum imperialistischen Krieg in der Ukraine, in „Rizospastis“ vom 29. April 2022, online unter: https://kommunistische-organisation.de/dossier/kke-ii-zur-haltung-der-rkap-zum-imperialistischen-krieg-in-der-ukraine/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Abteilung Internationale Beziehungen des ZK der KKE (2022c). Über die inakzeptable Haltung der RKAP gegenüber der KKE, online unter:  https://kommunistische-organisation.de/dossier/kke-iii-ueber-die-inakzeptable-haltung-der-rkap-gegenueber-der-kke/, Zugriff 27.08.2022 12:00

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Internationale Abteilung des ZK der RKAP (2022). Zum Klassenverständnis des Kampfes gegen den Faschismus und den Irrtümern des ‚Linkssinns‘ der griechischen Genossen, online unter: https://kommunistische-organisation.de/dossier/rkap-ii-zum-klassenverstaendnis-des-kampfes-gegen-den-faschismus-und-den-irrtuemern-des-linkssinns-der-griechischen-genossen/, Zugriff 27.08.2022 12:00

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Kiknadze, Alexander (2022). Zum Defensivschlag Russlands gegen die NATO, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zum-defensivschlag-russlands-gegen-die-nato/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Kissel, Philipp (2022a). Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-kritik-am-joint-statement-und-zur-nato-aggression-gegen-russland/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Kissel, Philipp (2022b). Zur Zukunft der KO, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-zukunft-der-ko/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Kissel, Philipp (2022c). Podcast #25 – Renate Koppe (DKP) zur Bedeutung und Entwicklung der Volksrepubliken im Donbass, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=osYP44OJ8vw&t=6s, Zugriff 27.08.2022 12:00

Köbele, Patrick (2022). Referat des Parteivorsitzenden auf dem 24. Parteitag der DKP. Noch nie seit 1945 hat eine deutsche Regierung so massiv an der Eskalation eines Krieges gedreht wie die jetzige, in: Unsere Zeit vom 1. Juli 2022, online unter: https://www.unsere-zeit.de/noch-nie-seit-1945-hat-eine-deutsche-regierung-so-massiv-an-der-eskalation-eines-krieges-gedreht-wie-die-jetzige-169377/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Koppe, Renate (2022). Podcast #25 – Renate Koppe (DKP) zur Bedeutung und Entwicklung der Volksrepubliken im Donbass, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=osYP44OJ8vw&t=6s, Zugriff 27.08.2022 12:00

Kunzmann, Marcel (2018). Theorie, System & Praxis des Sozialismus in China. Berlin: Mirco Kolarczik.

Lauterbach, Reinhard (2022). Podcast #21 – Reinhard Lauterbach über Russland, die Ukraine und den Krieg, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=0s6141pAKjc, Zugriff 27.08.2022 12:00

Lena (2022). Podcast #26 mit Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung (IMI), online unter: https://www.youtube.com/watch?v=3MYQHRmWpy0, Zugriff 27.08.2022 12:00

Medina, Pablo (2022). Unipolare Welt?, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/unipolare-welt/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Müller, Hugo (2022). Der Imperialismus von gestern und von heute, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/der-imperialismus-von-gestern-und-von-heute/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Oskar, Bob (2022). Russlands imperialistischer Krieg, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/russlands-imperialistischer-krieg/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Politischer Rat des ZK der RKAP (2022a). Bericht des Politischen Rates an das Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands 26. März 2022, online unter: https://kommunistische-organisation.de/dossier/rkap-i-zur-haltung-der-rkap-zu-den-militaerischen-aktionen-der-russischen-regierung-und-der-streitkraefte-des-donbass-in-der-ukraine/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Relko, Joschua (2022). Zum imperialistischen Krieg in der Ukraine und zur revolutionären Strategie, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zum-imperialistischen-krieg-in-der-ukraine-und-zur-revolutionaeren-strategie/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Rügemer, Werner (2018). Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure. Köln: PapyRossa.

Saidi, Fatima (2022a). Gefahren der aktuellen Diskussion um die Einordnung Russlands für unsere revolutionäre Strategie, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/gefahren-der-aktuellen-diskussion-um-die-einordnung-russlands-fuer-unsere-revolutionaere-strategie/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Saidi, Fatima (2022b). Imperialismus, Lenins Vorgehensweise, Befreiungskriege – zum Beitrag Klara Binas, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/imperialismus-lenins-vorgehensweise-befreiungskriege-zum-beitrag-klara-binas/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Schöwitz, Torsten (2022). Erklärung: Deutschland rüstet wieder zum Krieg!, online unter: http://www.k-p-d.org/index.php/aktuell/partei/1223-erklaerung-deutschland-ruestet-wieder-zum-krieg, Zugriff 27.08.2022 12:00

Sjuganow, Gennadi Andrejewitsch (2022). Rede des Vorsitzenden der KPRF vor der Staatsduma am 22.02.2022, online unter: https://kommunistische-organisation.de/dossier/kprf-i-g-a-sjuganow-die-anerkennung-der-volksrepubliken-donbass-ist-fuer-uns-eine-grundsatzfrage/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Spanidis, Thanasis (2016). Die Diskussion um den Klassencharakter der VR China: Ausdruck der weltanschaulichen Krise der kommunistischen Weltbewegung, in: Theorie & Praxis 41, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion/die-diskussion-um-den-klassencharakter-der-vr-china-ausdruck-der-weltanschaulichen-krise-der-kommunistischen-weltbewegung/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Spanidis, Thanasis (2022a). Das zwischenimperialistische Kräftemessen und der Angriff Russlands auf die Ukraine, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/das-zwischenimperialistische-kraeftemessen-und-der-angriff-russlands-auf-die-ukraine/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Spanidis, Thanasis (2022b). Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen der KO!, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-verteidigung-der-programmatischen-thesen-der-ko/, Zugriff: 27.08.2022 12:00

Spanidis, Thanasis & Vermelho, Rudy (2022). Gründe und Folgen des Ukraine-Kriegs, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/gruende-und-folgen-des-ukraine-kriegs/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Stalin, Josef Wissarionowitsch (1953). Die Ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR. Wien: Sowjetischer Informationsdienst.

Stiller (2022). Kritik zu „Notwendigkeit und Klarheit über die ökonomische Struktur Russlands“, offen-siv 2-2022 und 4-2022, in: offen-siv. Zeitschrift für Frieden und Sozialismus Ausgabe Juli-August 2022, online unter: https://offen-siv.net/wp-content/uploads/2022/08/offen-siv-5-2022.pdf, Zugriff 27.08.2022 12:00

Wagner, Jürgen (2022). Podcast #26 mit Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung (IMI), online unter: https://www.youtube.com/watch?v=3MYQHRmWpy0, Zugriff 27.08.2022 12:00

Zavatzky, Yana (2022a). Kasachstan – Hintergründe und Zusammenhänge, online unter: https://kommunistische-organisation.de/diskussion/kasachstan-hintergruende-und-zusammenhaenge/, Zugriff 27.08.2022 12:00

Zavatzky, Yana (2022b). Podcast #18 – Mit Yana (KPD) zur Ukraine und Fragen zum Imperialismus, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=1uooKgPnEYw, Zugriff 27.08.2022 12:00

Zeise, Lukas (2022). Podcast #23 – Lucas Zeise (DKP) über den Ukraine-Krieg und politökonomische Aspekte des Kriegs, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=C9Fl5vXFQPw, Zugriff 27.08.2022 12:00

Zenker, Tibor (2022). Podcast #27 mit Tibor Zenker (PdA) zum Imperialismus als Weltsystem und den Krieg in der Ukraine, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=SCGii0MRPgY, Zugriff 27.08.2022 12:00

Interview: „Ich denke, es ist eine Illusion der Sowjets gewesen, dass es mit dem Faschismus vorbei sei“

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Holger Michael studierte an der Offiziersschule Plauen im Vogtland und an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam. Seine Diplome in Geschichte und Germanistik erwarb er 1977-1981 an den Universitäten Warschau und Wroclaw. Er beendete seine dreijährige Aspirantur mit Spezialisierung Geschichte und Landeskunde Polens und Deutschlands an der Karl-Marx-Universität Leipzig mit seiner Promotion zum Dr.phil. Nach einer Tätigkeit als Sprachmittler für Polnisch nahm Michael 1986 eine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Allgemeine Geschichte (Fachbereich Osteuropa) an der Akademie der Wissenschaften der DDR auf. Seit den neunziger Jahren arbeitete Dr. Holger Michael als Fachlehrer in deutsch-polnischen Schulprojekten, bildete im Auftrag des Goethe-Instituts Deutschlehrer in Kasachstan aus und war schließlich Dozent für Integrationskurse in Fürstenwalde.

Holger Michael ist Autor verschiedener Bücher zur Geschichte Osteuropas  darunter das hier mehrfach erwähnte Buch „Vom Baltikum nach Mittelasien: Legenden und Tatsachen um ehemalige Sowjetrepubliken“, erschienen 2009 im Kai Homilius Verlag.

Lieber Holger, kommen wir zunächst zum Nationalismus in den baltischen Staaten, den du in deinem Buch historisch aufarbeitest. Beginnen wir mit Litauen. Dort forderten die litauischen Kommunisten selbst den Einmarsch der sowjetischen Truppen, um ihre gewählte Volksregierung gegen die Nationalisten abzusichern. Die heutige nationalistische Geschichtsschreibung in vielen baltischen Staaten spricht dagegen von einer sowjetischen, vom Volk abgelehnten Annexion. Diese Annexionspläne habe Russland auch heute wieder. Kannst du auf die Ereignisse 1939-1940 eingehen: Welche Bedeutung spielt dieses Narrativ in den baltischen Staaten heute?

In meinem Buch beschreibe ich, dass der Sturz der reaktionär-faschistoiden bürgerlichen Regierung im März 1940 in Litauen maßgeblich von Kommunisten und fortschrittlichen Linken, vor allem aus der Intelligenz, angeführt wurde. Der Sturz der Regierung war, im Gegensatz zu den Behauptungen der heutigen Nationalisten, zunächst nicht von der Sowjetunion gewünscht. Das primäre Interesse auf sowjetischer Seite war erst einmal eine Regierung, die sich an die noch kurz vorher beschlossenen Beistandsverpflichtungen zwischen Litauen und der Sowjetunion hält. Diese wurden, je mehr sich diese Regierung Hitlerdeutschland annäherte, immer weiter ausgehöhlt. Gleichzeitig geriet das Land in wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten, die die litauischen Linken und Kommunisten nutzen konnten. Die nationalistische Geschichtsschreibung heute verschweigt, dass es sich um eine breite, in der Bevölkerung Litauens verankerte Bewegung gehandelt hat. Natürlich gab es, so ist es ja immer, auch Leute, die dagegen waren – insbesondere unter Leuten aus dem Bürgertum, deren Privilegien von der alten Regierung abgesichert wurden. Aber die Linken und Kommunisten und letztlich die aus ihnen gebildete Volksregierung hatten breiten Rückhalt in der Bevölkerung. Ihre Machtergreifung war staatsrechtlich sogar von der damaligen bürgerlichen Verfassung Litauens garantiert und keinesfalls das Resultat einer „sowjetischen Okkupation“, wie heute behauptet wird. Das schreibe ich auch in meinem Buch.

Zum Nationalismus im Baltikum allgemein: Er kann sich nur erhalten, in dem die dort lebenden Russen ständig diskriminiert werden, d.h. ihnen bspw. die Staatsbürgerschaft nicht zuerkannt wird. Das gilt vor allem in Lettland und Estland. Faktisch wird dort eine Apartheidpolitik betrieben, worauf sich die Leute in den letzten Jahren auch schon eingestellt haben. Weder Putin noch Jelzin haben sich dort ausreichend um ihre Landsleute gekümmert. Dazu kommt die historisch-kulturelle Dimension: In Litauen herrschte eine ganz andere Mentalität als in Estland und Lettland. Die Esten und Letten waren wesentlich vorsichtiger, da sie eine Handelsbourgeoisie hatten, die Beziehungen auch zu Russland pflegen musste. Die Litauer besaßen einen eigenen Staat und waren auf großen Landbesitz, auch in Polen, aus. Das ist der historisch-kulturelle Hintergrund für die besondere Aggressivität des litauischen Nationalismus – auch noch heute. Man sieht die Aggressivität Litauens auch im jüngsten Konflikt um die Zulieferwege nach Kaliningrad.

Ein weiterer Grund für ihre Aggressivität ist Angst: Sie haben große wirtschaftliche Einbußen, sie haben große Probleme mit Arbeitslosigkeit, vor allem in Lettland. Russland hat die Häfen von Riga und Tallin blockiert, das macht natürlich große Einbußen, etwa 20-30% des BIP! Das ist einer der Gründe für ihre sehr wilde Politik: Sie wollen vom Westen als Frontstaat gegen Russland anerkannt werden, was die USA auch sehr gerne annehmen und teilweise bezahlen. Das ist der Grund dafür, dass sie so scharf agieren.

Der bis 2009 amtierende litauische Staatspräsident Valdas Adamkus organisierte sich, wie du in deinem Buch schreibst, in den 40er-Jahren in der faschistischen Litauischen Aktivistenfront (LAF), die maßgeblich am antisowjetischen Widerstand beteiligt und am ersten Tag nach der Besetzung von Litauen durch Nazideutschland 3500 Juden erschlug. Er konnte nach der Befreiung Litauens durch die Rote Armee mit weiteren 60.000 litauischen Nazis in die BRD fliehen und war später an der Konterrevolution und am Aufbau eines bürgerlichen Litauens beteiligt. Kannst du uns über weitere faschistische Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten Russlands berichten, die eine maßgebliche Rolle bei der Konterrevolution spielten? Welche Rolle spielen sie heute?

Erst einmal muss man sagen, dass Litauen ursprünglich ein sehr gutes Verhältnis zur Sowjetunion hatte, was auch korrekt war, da die Sowjetunion Litauens Kampf gegen Polen unterstützt hatte und als Schutzmacht agierte, obwohl sie keine gemeinsamen Grenzen hatten. Sie waren zwar antikommunistisch aber nicht unbedingt antisowjetisch. 1926 wurde das liberal-demokratische Litauen dann durch einen Putsch des Faschisten Antonas Smetona beseitigt. Diese faschistische Regierung pflegte widersprüchliche Beziehungen zum faschistischen Deutschland, worauf ich in meinem Buch mehr eingehe. Es herrschten widersprüchliche Interessen in diesem Bündnis. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs verstärkten sich diese Widersprüche, die in einer maßgeblichen Schwächung dieser faschistischen Regierung mündeten. Sie wurde in diesem Moment der Schwäche von der Volksbewegung gestürzt. Die neue Regierung hatte allerdings mit vielen wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen. Auf Grundlage dieser Probleme machten die Nationalisten aller baltischen Staaten gemeinsame Pläne zur Beseitigung der neuen Volksregierung.  Das haben die Sowjets mitbekommen und gesagt, dass sie eine Regierung haben wollen, die auch wirklich die gemeinsamen Verträge mit der Sowjetunion erfüllt- sie wurden ja offiziell nicht infrage gestellt. Daraufhin haben sie dort eine Regierungsumbildung gemacht. Die Sowjetunion hat dort dann Truppen stationiert, die aber de facto nichts bewirkt haben – sie hatten keinen Einfluss im Land. Allerdings: Dadurch, dass eine neue Regierung kam (eine Regierung, die maßgeblich von linken Intellektuellen besetzt war) kam die Sache natürlich in Schwung: Sie haben mit der neuen Regierung die nationalistischen, faschistischen Parteien verboten. Die Sowjetunion hatte definitiv nicht die Absicht, die baltischen Republiken in die Union einzugliedern. Ihr Interesse war ein Bündnis ähnlich dem Warschauer Pakt. Aber: Die baltischen Kommunisten selbst sagten, dass es nicht ohne Anschluss an die Sowjetunion geht. Sie wollten den Anschluss an die Union. Der Widerspruch war folglich der: Es gab keine Volksabstimmung über den Anschluss an die Sowjetunion – sondern das war die Entscheidung dieser linken Volksregierungen durch Parlamentsbeschlüsse. Die Sowjets waren also in einer üblen Situation- einerseits wollten sie den Anschluss nicht, anderseits konnten sie die Kommunisten dieser Regierungen nicht im Stich lassen.

Man kann also durchaus sagen, dass in Litauen eine Revolution stattgefunden hat und diese Revolution die Litauer selbst gemacht haben. Die Sowjets haben dort selbst sehr wenig bewegt. Die Revolution hat es gegeben – bevor die Russen dort stationiert wurden gab es ja schon eine neue Regierung.

Ab Herbst 1940 gab es Widerstandsgruppen, die sich gegen die Volksregierung und den Anschluss an die Union stellten. Diese Widerstandsgruppen wollten sich gegen die neue Regierung wehren und wurden dabei ertappt und verhaftet. Die Behauptung ihrerseits, dass die Volksregierung gegen den Willen des Volkes handele, ist in diesem Kontext dann natürlich eine Behauptung, die man von ihrer Seite aus nachvollziehen kann – schließlich haben sie sich selbst als wahre Volksvertreter gesehen.

Fakt ist aber: Es hat in allen drei Republiken einen ordentlichen Parlamentsbeschluss zum Anschluss gegeben.  Und das vor allem aus ökonomischen Gründen: Es sollte gegen die Arbeitslosigkeit gekämpft werden, es sollten Schulden der Bauern gestrichen werden. Das ist auch geschehen, und der Lebensstandard, vor allem die Lebensmittelversorgung, hat sich wesentlich verbessert. Die Beschlüsse, die für den Anschluss an die Sowjetunion getroffen wurden, lassen sich  nicht infrage stellen – entsprechend sind die Erzählungen über eine angebliche sowjetische Annexion großer Unsinn.

In Estland und Lettland sind diese Umwälzungen wesentlich komplizierter abgelaufen als in Litauen. In Estland war es sehr schwierig.

Ich hatte noch nach faschistischen baltischen Geflüchteten in den Westen gesagt- kannst du noch prominente Beispiele nennen?

Ein wichtiger Name ist Vytautas Landsbergis-Zemkalnis. Er war einer der Minister der nach dem Überfall 1941 gebildeten faschistischen Regierung, die schon antisemitische Gesetze auf den Weg gebracht hatte. Allerdings wurde er von den Deutschen dann abgesetzt und ist über Deutschland nach Australien geflohen. Er hat nach der Befreiung allerdings immer wieder um die Erlaubnis gebeten, zurückzukehren und dies hat ihm die Sowjetregierung unter Chruschtschow tatsächlich auch erlaubt. Er ist der Vater des ersten Präsidenten Litauens ab 1990, Vytautas Landsbergis. Der hat dann noch lange gelebt und war noch lange Diplomat. Man sieht die Verbindungen.

Es ist also nicht so, dass die SU dort brutal vorgegangen sei. Sie haben viele deportiert, nämlich die aktiven Rechten. Allerdings durften diese Leute alle wieder zurückkehren nach 1956. Das war natürlich ein schwerer Fehler Chruschtschows. Damit wurden Gerichtsurteile außer Kraft gesetzt, es sind Leute verurteilt worden, sie sind ja nicht umsonst deportiert worden – da waren richtige Faschisten dabei. Da war übrigens auch der letzte Ministerpräsident dabei – der ist dann allerdings zurückgetreten und hat politisch keine weitere Rolle gespielt. Ich denke, es war eine Illusion der Sowjets gewesen, dass es mit dem Faschismus vorbei sei.

 .. und offensichtlich war es dann ja nicht vorbei – wie man an Valdas Adamkus gesehen hat, der sich an der Konterrevolution beteiligt hat.

Genau – sie haben vor allem in der Zeit, als sie zurückgekehrt sind, eine Rolle gespielt und haben erzählt, wie schlimm es mit dem Sozialismus gewesen sei. Das Problem war auch, dass die baltischen Kommunisten teilweise leider auch nationalistische Züge hatten und in ihren Bildungssystemen nationalistische Tendenzen zugelassen haben. Sie sind davon ausgegangen, dass sich die politische Bedeutung des Nationalismus mit steigendem Lebensstandard von selbst erledigen würde – das war wie gesagt ein Fehler und sicher auch ein Faktor, warum es den Nationalisten dann wieder so leicht gemacht wurde, eine starke politische Rolle einzunehmen.

Auch in Kasachstan wurden bzw. werden antisowjetische bzw. antirussische Separationsbestrebungen vom Westen unterstützt. Du schreibst, dass sich im Gegensatz zu den baltischen Staaten dort nie eine wirklich nationale Bewegung entwickelt hat, da sich bis zur Errichtung der Sowjetmacht dort noch gar keine bürgerliche Klasse herausgebildet hatte. Aufgabe der Sowjetmacht sei es gewesen, die regionalen Feudalherren zu enteignen und politisch zu entmachten. Kasachstan habe sich insbesondere während des zweiten Weltkriegs zu einer stabilen Sowjetrepublik entwickelt. Das Land sei nach der Konterrevolution in ein innenpolitisches, wirtschaftliches und soziales Chaos  versunken. Der Präsident Nursultan Nasarbajew, der als ehemaliger KP-Funktionär selbst an der Loslösung von Russland beteiligt war, wolle gegen dieses Chaos seit 1997 mit dem Programm “Kasachstan 2030” vorgehen. Dieses Programm sehe im wesentlichen eine innenpolitische und wirtschaftliche Stabilisierung des Landes durch eine stark staatliche geführte Entwicklung auf Grundlage der Marktwirtschaft vor. Ob dieser Plan aufginge, sei bei der mittlerweile starken Präsenz von ausländischem und privatem Kapital fragwürdig, außerdem seien konjunkturelle Einbrüche gar nicht einberechnet. Er sei zuletzt durch starken Einfluss der USA und antirussischer Nationalisten gefährdet.

Viele Kommunisten schätzten die Eindämmung der Proteste in Kasachstan 2021 durch die OVKS-Truppen als Niederschlagung von Arbeiteraufständen, maßgeblich vom kapitalistischen Russland initiiert, ein. Wie schätzt du die Ereignisse ein? Hat es sich um einen Machtkampf zwischen Nasarbajew und Tokajew gehandelt? Welche Kräfte haben bei den Aufständen eine Rolle gespielt?

Die Vorgänge in Kasachstan hatten nichts mit einem Arbeiteraufstand zu tun. In Almaty gibt es so gut wie keine Arbeiterklasse. Die Kasachen selbst stellen nur einen sehr kleinen Teil der Arbeiterklasse dar- zu Sowjetzeiten bspw. nur ca. 18%. Die Bewegung ist nicht groß gewesen, es waren nur sehr wenige Leute auf der Straße. Es ist schlecht vorbereitet gewesen, ich nehme stark an, dass auch die USA etwas damit zu tun hatten: Kasachstan ist ein Schlüsselpunkt im Kampf gegen China und Russland. Es ist ein Kampf zwischen zwei oligarchischen Systemen. Es ging überhaupt nicht um die Verbesserung der sozialen Verhältnisse. In anderen Städten waren die Nationalisten sehr präsent. Darüber hinaus waren auch viele Studenten aktiv, denen es vor allem um ihre eigenen Privilegien -sie studieren vor allem an von der EU und USA finanzierten Universitäten- ging. Außerdem hörte ich davon, dass auch islamistische Truppen beteiligt waren.

Kannst du weiter darauf eingehen, wie die Verbindungen der liberal und westlich orientierten Teile der kasachischen Gesellschaft -du spricht vor allem von Studenten- in Richtung USA und EU aussehen?

Die Proteste müssen organisiert gewesen sein, die Studenten haben ja ihre Studienplätze riskiert. Die Sicherheitskräfte müssen das toleriert haben, die Regierung muss das geduldet haben. Es war in Kasachstan im System Nasarbajew ansonsten nicht möglich, wirkliche Proteste zu organisieren: Die Kommunistische Partei ist verboten und ich schätze die Lage in Kasachstan nicht so ein, dass es dort breite, wirklich in der Bevölkerung verankerte Proteste gab. Die Bevölkerung ist an einer ruhigen Lage interessiert, diese Proteste kamen definitiv von außen. Es gibt kaum eine Industrie und eine Arbeiterklasse; die meisten jungen Leute wollen studieren und ins Ausland. Es kann kein breit in der Bevölkerung angelegter Arbeiteraufstand gewesen sein.

Kommen wir zur Ukraine und den Wurzeln des Nationalismus in diesem Land. Du beschreibst sehr verständlich, dass die ursprüngliche ukrainische nationale Bewegung die politische Bewegung einer sich herausbildenden Bourgeoisie (insbesondere Händler, Kaufleute und Handwerker) unter der 300 Jahre währenden polnischen Adelsherrschaft im Gebiet der heutigen Ukraine war. Der polnische Adel realisierte seine Herrschaft mittels der in der Ukraine ansässigen Juden. Der Kampf gegen den Feudalismus wurde also gegen Polen und Juden geführt, dies sei die Wurzel des bis heute starken Antisemitismus und antipolnischen Rassismus im ukrainischen Nationalismus. Weiterhin richtete sich der Nationalismus gegen die herannahende Sowjetmacht, die das Eigentum der Großbauern und bürgerlichen Klasse gefährdete. Er setzte zuletzt auf die Unterstützung durch die deutschen Faschisten. Kannst du genauer auf die Zusammenarbeit der ukrainischen Nationalisten und deutschen Faschisten eingehen?

Also erstmal muss man sagen, dass Deutschland ein sehr wichtiger Emigrationsort für ukrainische Faschisten war. Auch die Tschechoslowkai war ein Ort dafür. Die Tschechen haben die ukrainischen Nationalisten unterstützt, weil sie antipolnisch waren und prosowjetisch. Sie haben sich aber wie gesagt auf polnischem Territorrium organisiert und ihre Kongresse abgehalten. Von deutscher Seite gab es immer ein Interesse an der Ukraine, sie haben 1918 ja dort ihren ersten Marionettenstaat (das als „Hetmanat“ bezeichnete von Pawlo Skoropadskyj aus Kiew regierte Staatswesen, das von deutschen und österreich-ungarischen Truppen nach ihrer Besetzung installiert wurde, Anm. A.K.). Die ukrainischen Nationalisten wussten also, dass die Deutschen dort immer ein Interesse hatten. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs gab es eine ukrainische Legion mit ein paar Tausend Leuten, die gegen die Polen mit einmarschiert sind. Als dann jedoch die Sowjettruppen von der anderen Seite einmarschiert waren, hat man diese ukrainischen Legionäre zurückgezogen. Deutschland hatte nie daran gedacht, die Ukraine als eigenständigen Staat zu nehmen, dafür hielten sie die Ukrainer auch für zu unzuverlässig und sie wollten es lieber selbst machen. Die Ukrainer haben mit den Deutschen zusammengearbeitet und sich dann aber gegen die Deutschen gewandt, weil diese ja wiederum Bandera und andere Führer verhafteten, sie haben den Staat nicht anerkannt. Aber sie haben trotzdem gemeinsame Sachen gemacht gegen die Juden.

Kannst du darauf nochmal genauer eingehen? Du hattest in deinem Buch gesagt, dass die Deutschen die ukrainischen Nazis fallengelassen haben, weil sie sie für unzuverlässig hielten. Du hattest in deinem Buch auch geschrieben, dass sich ein hoher deutscher Beamter sehr abfällig über die Ukrainer geäußert hat. Warum konnten die Deutschen nicht einfach zu 100% mit ihnen kollaborieren?

Die Ukrainischen Nazis waren extrem brutal. Ihre politische Agenda war außerdem die, dass sie einen eigenen Staat aufbauen wollten. Die deutschen Faschisten wollten aber keinen ernstzunehmenden Partner mit einer eigenen Staatlichkeit. Sie hatten für sie nur die Funktion als Kraft gegen die Sowjetunion. Die ukrainischen Faschisten waren ja nur in der Westukraine, in den drei polnischen Wojewoidschaften, präsent und nicht in der Zentral- und Ostukraine. Sie waren nicht mehr als eine unsolide, sehr selbstbewusste aber wenig verankerte und für die Deutschen politisch sehr unzuverlässige Mörderbande. Das ist der Grund für dieses widersprüchliche und abfällige Verhältnis der Deutschen zu ihnen.

Du unterscheidest in deinem Buch sehr stark zwischen der Ost- und Westukraine. In ersterer habe sich aufgrund der Rohstoffvorkommen und schnellen Industrialisierung ein Proletariat herausgebildet, das immer sehr wenig mit dem Nationalismus der ukrainischen Bourgeoisie im Westen anfangen konnte und seine Interessen eher in der Sowjetmacht realisiert sah. Wie drückte sich dieser Interessensgegensatz in den 1940er-Jahren aus und welche Rolle spielt diese Spaltung in der Ukraine heute?

Ich muss erstmal grundsätzlich sagen, dass die Ukraine über Jahrhunderte gespalten war. Erstmal war ein Großteil polnisch, die Polen standen ja im 17.Jahrhundert in Moskau. Die Polen haben also einen Großteil der Ukraine gehabt, der musste Stück für Stück befreit werden. Im 17. Jahrhundert wurde die Befreiungsbewegung stark, aber sie konnte nur einen Teil befreien. Die Polen wurden schließlich aus der Ukraine rausgeworfen, allerdings gab es noch einen polnischen Teil, der Rauswurf der Polen ist also zum Preis der ukrainischen Teilung passiert. Die Westukraine blieb nach Brest-Litowsk dann weitestgehend bäuerliches Land. Im Osten war das anders: Diese Region war wegen der großen Bodenschätze stark industrialisiert und gehörte zum Russischen Reich. Dort hat sich eine Arbeiterklasse formiert. Nach dem Bürgerkrieg war dann Charkow (ukr. Charkiw, Anm. A.K.) bis 1934 ukrainische Hauptstadt, erst dann wurde Kiew Hauptstadt. Das lag daran, dass die Nationalisten dort immer sehr starke Positionen besaßen und auch die ukrainischen Kommunisten nicht immer eine ganz saubere Position eingenommen haben, es gab viele Dissidenten, es war eine sehr komplizierte Situation. Im Osten gab es auch mehr Russen. 1922 wurde ja die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik gegründet. Die starke Besiedelung durch Russen hieß aber erstmal nichts, außer dass der ukrainische Nationalismus dort natürlich nicht sehr beliebt war. Der Westen blieb in erster Linie unter polnischer Herrschaft, sodass dort natürlich der Nationalismus weiter blühte. Man hätte, als die Sowjetunion zu Bruch ging, das möglicherweise klären können, aber daran hatte die Ukraine meines Erachtens kein Interesse – sie hätten da nichts hergegeben. Was schlimm ist: Sie haben sich vom Westen “beschwatzen” lassen, vom Westen, dessen Interesse es natürlich war und ist, die Ukraine für sich zu gewinnen. Die Fragen der Einbindung an den Westen/an die EU ist also nicht aus dem Nichts gekommen und hat seine Geschichte. Neben wirtschaftlichen Interessen an der Ukraine will der Westen sie natürlich auch als Gegengewicht gegen Russland haben.

Du führst in deinem Buch aus, dass die in der Ukrainischen Aufständischenarmee UPA organisierten Faschisten sich nach dem Vorrücken der Roten Armee nach Westeuropa absetzten oder von der Sowjetmacht liquidiert oder deportiert wurden. Allerdings konnten nicht alle unschädlich gemacht werden – der Faschismus in der Westukraine war folglich auch in den folgenden Jahren weiterhin stark in der Bevölkerung verankert. Wie ist diese Verankerung in der westukrainischen Bevölkerung historisch zu erklären und wieso konnte die Sowjetmacht den Faschismus nicht vollständig beseitigen?

Heute hat der ukrainische Nationalismus in der Westukraine eine Mehrheit, ganz klar. Damals war es so, dass die Sowjettruppen nach der Befreiung die ukrainischen Kollaborateure bestraft haben. Außerdem gab es die Situation, dass ein großer Teil der ukrainischen Bevölkerung nicht wieder zurück zur Kollektivierung wollte. Es ging – vor allem bei den Klein- und Großbauern – um ganz einfache Besitzfragen und die ukrainischen Nationalisten standen auf dem Standpunkt des Privateigentums. Damit verbunden spielte das Gefühl, mal eine große und starke bedeutende Bewegung gewesen zu sein, natürlich eine Rolle. Außerdem ist der Nationalismus natürlich mit Antisemitismus und Hass auf alles Russische verbunden. Auch die Polen haben den Hass gegen Russland gepredigt. Nationalismus kriegt man also unter besten Bedingungen nicht weg.

Es gab diesen Nationalismus auch bei uns in der DDR – auch dort haben wir ihn nicht wegbekommen. Die Idee des “Wir waren mal wer” und “Wir haben mal jemanden geschlagen, der uns unterdrückt hat” verfängt immer wieder sehr stark in der Bevölkerung.

Zuletzt wollen wir über den Anfang deines Buchs sprechen. Wir haben jetzt viel über historische Zusammenhänge gesprochen und festgestellt, dass die antirussischen nationalistischen Bewegungen in den Randstaaten Russlands immer vom Westen genutzt wurden, um Russland zu bedrohen und zu schaden. Du sprichst davon, dass Russland sich heute in einer ähnlichen geopolitischen Situation wie im 16. Jahrhundert befinde: Seine staatliche Souveränität sei durch Destabilisierungs- und Separationsstrategien seiner politischen Gegner gefährdet. Allein die USA gäben sehr viel Geld für diese Programm aus, man wolle Russland wieder zu einem Rohstoffversorger degradieren. Dies halten viele Linke in Anbetracht der Größe und ihrer Einschätzung nach Stabilität Russlandsfür sehr unwahrscheinlich. An welchen Akteuren, Papieren, Ereignissen machst du diese Strategie konkret fest und für wie wahrscheinlich hältst du einen Erfolg?

Das Problem der westlichen Separationsstrategie für den Westen selbst ist, dass diejenigen, die das in Russland durchsetzen wollen, keine große politische Rolle spielen. Außerdem sagen Schätzungen des Russlandspezialisten Alexander Rahr, dass die prowestlich orientierte Bevölkerung in Russland nur ca. 15% ausmacht. Man könnte auch sagen, dass die westlichen Strategen nicht viel von Russland verstehen. Mit diesen 15% haben die westlichen Strategen Verbindungen. Ein Beispiel war Grigori Jawlinski, der bis 2008 Vorsitzender der liberalen Jabloko-Partei war.

Die Strategie besteht darin, Russland entlang der verschiedenen Ethnien, die in den Regionen Russland leben, in verschiedene Teilgebiete aufzuteilen. Das wurde auch öffentlich mehrfach gesagt. Sie sprechen dabei auch von einer „Dekolonisierung“ Russlands, womit eine Zerschlagung gemeint ist. Diese Gebiete sollen unabhängig von Moskau und einzeln von prowestlichen Marionettenregierungen regiert werden.

Das Hauptziel dabei ist aber nicht Russland, Russland ist nur Mittel zum Zweck. Das Hauptziel ist China. Wenn der Westen es schafft, Russland auf seine Seite zu ziehen, hat China ein echtes Problem. Dann kommt China  nicht an die wichtigsten Rohstoffe und Erdöl. Dann ist Chinas einzige Möglichkeit, ans Erdöl zu kommen, der Iran, was vom Westen allerdings leicht gesperrt werden kann. Das würde sich katastrophal auf die chinesische Wirtschaft auswirken. Das -die Verhinderung, dass China Nr.1 wird- ist der Grund dafür, dass sie so gegen Russland drängen.

Wir erinnern uns an den Marineoffizier Kay-Achim Schönbach und seine Aussage, man müsse sich auf China konzentrieren und den Konflikt gegen Russland nicht eskalieren lassen, man brauche Russland noch gegen China. Er wurde für diese Aussagen entlassen – da er aus dem Nähkästchen geplaudert hatte. Aus meiner Sicht ist es so: Die westlichen Strategen können sich nicht vorstellen, dass Russland das lange durchhält. Sie kennen die Kraft der russischen Bevölkerung nicht, sich zu stabilisieren und dem zu widersetzen. Es ist nicht das erste Mal, dass Destabilisierung und Separation in Russland geschürt werden sollen, die Bevölkerung kennt das. Russland ist als Staat nicht zu besiegen. Selbst wenn jemand wie Jelzin, der alles verschleudert hat, an der Macht ist. Heute habe ich noch gelesen, dass der Westen bis zu 60-70% der russischen Industriekapazitäten besitzt. Ihnen geht es jedoch darum, alles zu bekommen. Putin fragte mal auf einer Konferenz, was man ihnen denn noch geben solle, man könne ihnen nicht noch mehr geben. Der Westen wird jedoch erst Ruhe geben, wenn Russland seine Kolonie ist.

Ich würde zum Thema Separations- und Destabilisierungsstrategie nochmal gerne konkreter nachhaken, da diese Strategien häufig als Verschwörungstheorien eingeschätzt werden. Welche Separationsbestrebungen wurden und werden heute konkret vom Westen unterstützt?

Ein Beispiel ist Tschetschenien. Dieser Krieg war sehr wichtig für Russland. Hätten sie diesen verloren, hätten sich die Separationsbewegungen in anderen Regionen der Föderation ebenfalls bestärkt gefühlt. Das kann aber gar nicht erfolgreich sein, da in diesen Gebieten neben den ethnischen Minderheiten ja sehr viele Russen leben.  Diese ethnischen Minderheiten sind sehr wenige, sie wären nicht in der Lage, dort selbstständig zu agieren. Die Russen agieren taktisch sehr klug – indem sie diese Minderheiten demokratisch am Staatswesen, beispielsweise durch eigene regionale Parlamente beteiligen. Gegen diese Taktik haben die westlichen Unterstützungsstrategien für radikale separatistische Bewegungen keine Chance.

Um es nochmal ganz klarzuziehen: Du hältst es also für unwahrscheinlich, dass die westliche Strategie für Russland funktionieren wird?

Ja. Auch die nationalen Minderheiten selbst stehen nicht dahinter. Es gibt dort keine ernstzunehmenden separatistischen Tendenzen. Die würden aber möglicherweise größer werden, wenn man ihnen freien Lauf ließe. Diese Erfahrung hat Russland ja historisch gemacht und deshalb reagieren sie auf diese Bestrebungen auch sehr aufmerksam und repressiv, bspw. durch die Gesetze gegen ausländische Agenten.

Mir ist auch noch wichtig zu sagen, dass  die Regierung die Bevölkerung in dieser Frage hinter sich hat. Außerdem kommt natürlich hinzu, dass Russland bzw. die SU immer der größte Staat der Welt ist und war.

Du schreibst weiter, dass der Kampf Russlands um seine territoriale Einheit, Integrität und staatliche Souveränität unsere Solidarität verdiene. In der Debatte sagen viele Linke und Kommunisten, es sei nicht Sache der Arbeiterklasse, sich für die Souveränität eines bürgerlichen Klassenstaates einzusetzen. Wie begründest du deine Forderung? Wofür sollte die internationale Arbeiterklasse in diesem Krieg kämpfen?

Wir haben jetzt eine neue Situation. Lenin hatte nie die Möglichkeit ins Auge gefasst, dass es große bürgerliche Länder gibt, mit denen man sich solidarisieren könne, bzw. dass es solche Länder gäbe, die  im Interesse für Frieden und sozialen Fortschritt agieren könnten.

Es ist heute aber so, dass Russland im Bündnis mit China einen Friedensfaktor darstellt, da sie die absolute Hegemonie der USA und Westeuropäer verhindern. Das einheimische Kapital in Deutschland wird durch diese Politik schwächer, was man ja gerade an den Diskussionen um die Gasknappheit innerhalb der deutschen Bourgeoisie erkennt. Deshalb muss diesen Staaten unbedingt unsere Solidarität gehören. Unter Lenin gab es diese Situation nicht, da war Russland natürlich ein imperialistisches Land. Es ist ganz klar, dass das heutige Russland das Resultat einer antikommunistischen Konterrevolution ist – trotzdem gilt diesem Staat unsere Solidarität. Das Bündnis mit China wird nur noch enger werden und es wird für eine günstige Veränderung der Arbeiterklasse international sorgen. Du musst auch sehen, dass die KPRF die russische Regierung in einem gewissen Maße unterstützt – auch wenn uns die Argumente vielleicht nicht immer gefallen. Es geht um Frieden in Europa, deshalb müssen wir diese Kräfte unterstützen.

Es muss uns in Europa und Deutschland darum gehen zu sagen: Der Krieg, den unsere Regierung führt, das ist nicht unser Krieg. Wenn wir diese Losung in Europa und Deutschland durchbekommen, dann kippen die Sanktionen.

Fassen wir zusammen: Du sagst, die RF und China sind Friedensmächte, weil sie die absolute Hegemonie der USA und Westeuropäer schwächen. Schwächen diese die Hegemonie nicht nur, weil sie selbst aufstrebende imperialistische Staaten sind? Was nützt es der Arbeiterklasse auf Dauer, diese Staaten zu unterstützen, wenn sie doch später als imperialistische Staaten agieren?

China ist ein sozialistisches Land. China ist nicht aggressiv und betreibt keine imperialistische Politik. Natürlich versuchen sie Einfluss zu gewinnen, aber ihre Politik bspw. in Afrika ist auch im Sinne der Menschen dort. Das macht der Westen nicht. Russland ist natürlich schwach, es hat aber die Rohstoffe. Es gibt immer imperiale Traditionen, aber dass sie das Baltikum wieder zurückhaben wollen ist großer Unsinn. China betreibt in Afrika wirkliche Entwicklungshilfe, sie bauen dort etwas und sie bekommen etwas dafür. Die afrikanischen Staaten wissen aus ihrer Erfahrung mit  den Briten, Franzosen etc., was koloniale Ausbeutung bedeutet. Man darf nicht davon ausgehen, dass die Afrikaner nicht wüssten, was sie tun. China ist sehr willkommen dort. Sie investieren in Afrika zugunsten der Bevölkerung vor Ort. Viele dieser Staaten lassen sich nicht ins antirussische Konzept reindrängen, das hängt auch mit China zusammen. China ist für Russland sehr wichtig als Rohstofflieferant und logistisch für die neue Seidenstraße. China geht von einer multipolaren Welt aus, die für die Arbeiterklasse und ihre Kampfbedingungen definitiv besser ist als die monopolare Welt der USA und EU. Die USA wissen genau, dass China von dieser multipolaren Welt ausgeht und das ist der Grund dafür, dass sie Russland besiegen wollen: Sie wollen Russland als Rohstofflieferant für China vernichten, um die ökonomische Entwicklung Chinas und damit die Infragestellung der unipolaren Weltordnung zu verhindern.

Das Interview führte Alexander Kikanadse

Podcast #30 – Hannes Hofbauer über die Entwicklung Russlands und die NATO- und EU-Osterweiterungen

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Hannes Hofbauer ist Journalist, Autor und Verleger aus Wien. Mit ihm sprachen wir unter anderem über die Entwicklung Russlands seit 1990 und die EU- und NATO Osterweiterung als Vorgeschichte zum aktuellen Ukraine-Krieg.

Live-Streams vom Kommunismus-Kongress 2022

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Beim Kommunismus-Kongress am kommenden Wochenende in Berlin werden wir die zentralen Podien und Einführungsvorträge live streamen. Auf unserem YouTube-Kanal und in diesem Beitrag findet ihr alle Links dazu.

Freitag 16:15 Uhr: Eröffnung – Welche Fragen der Kommunistischen Bewegung stehen im Raum?

Freitag 19:00 Uhr: RKAP – Die Russische Kommunistische Arbeiterpartei berichtet

Samstag 14:00 Uhr: Podium – Imperialistischer Krieg, Verteidigungskrieg, gerechter Krieg?

Samstag 18:30 Uhr: Podium – Der gegenwärtige Imperialismus und die Kommunistische Bewegung

Sonntag 13:00 Uhr: Podium – Klassenkampf ohne Klarheit? Die Notwendigkeit der revolutionären Theorie und Praxis

Dieses Podium wird nur als Audio gestreamt.

Anmeldung zum Kommunismus-Kongress noch bis Donnerstag Abend möglich

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Online-Anmeldungen zum Kommunismus-Kongress sind noch bis Donnerstag, 22.09.22 bis 23:59 möglich. Danach können vor Ort Tickets gekauft werden.

Anzahl der Tagestickets vor Ort entsprechend der freien Kapazitäten.

Kommunismus-Kongress 2022

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Alle Aufzeichnungen des Kommunismus-Kongress 2022 finden sich hier.

Programm

als PDF hier

als Tabelle hier

Freitag, 23.09.22

14:00 Einlass

16:00

Eröffnung: Welche Fragen der Kommunistischen Bewegung stehen im Raum?

Wir wollen hier darstellen, welche Dissense es aus unserer Sicht in der Kommunistischen Bewegung gibt und um welche inhaltlichen Fragen es sich dabei dreht. Wir wollen auch über unsere Diskussion und unseren Versuch, eine Klärung zu organisieren, berichten. Das Programm des Kongresses soll in die Debatten der Internationalen Kommunistischen Bewegung eingeordnet werden.

Münzenbergsaal + Stream in Seminarraum 1

18:00 Abendessen, Innenhof

19:00

RKAP– Die Russische Kommunistische Arbeiterpartei berichtet

Vertreter der RKAP werden über die Situation und ihre Position zur Militäroperation und zum antiimperialistischen Kampf berichten.

Anschließend besteht die Möglichkeit für Fragen und Diskussion.

Münzenbergsaal + Stream in Seminarraum 1

21:30 Kulturprogramm, Münzenbergsaal

Samstag, 24.09.22

9:00

Einlass

9:15-10:15

Vorbereitung der Vorträge

Hier wird kurz in das Thema eingeführt. Es wird eine Übersicht über die verschiedenen Positionen gegeben, die es zum Thema des Vortrags gibt. Es ist möglich Fragen zu stellen und ausgewählte Artikel zu lesen.

In den jeweiligen Räumen der Vorträge

10:30-12:30

Vorträge

Die Vorträge finden parallel in separaten Seminarräumen statt. Im Anschluss an den Vortrag wird es die Möglichkeit der Diskussion geben.

Die Volksrepubliken Donezk und Lugansk – Legitimer Verteidigungskampf gegen NATO-Aggression und Faschismus oder nützliche Instrumente für Russland?

Zur Entstehung und Entwicklung der Volksrepubliken im Donbass und zur Rolle der Kommunisten in diesem Prozess. Der Vortrag soll sich auf der einen Seite konkret mit der historischen Entstehung und Entwicklung der Volksrepubliken befassen und sich aber auch mit den damit verbundenen Fragen der Strategie der Kommunisten.

Münzenbergsaal

Renate Koppe ist im Sekretariat des Parteivorstands der DKP für internationale Beziehungen zuständig und verfolgt die Entwicklung der Volksrepubliken und hat enge Kontakte in die VR Donezk. Sie hat zahlreiche Artikel in der „UZ“ zu den Volksrepubliken und dem Minsker Prozess veröffentlicht.

Monopolkapital, Finanzkapital, transnationales Kapital?

Was ist das Finanzkapital? Was ist das Monopolkapital? Welche unterschiedlichen Vorstellungen vom transnationalen Agieren und Charakter des Kapitals gibt es? Wie ist das Verhältnis des transnationalen Kapitals zum Staat, gibt es auch hier unterschiedliche Vorstellungen? Hat sich und wenn ja wie im Laufe der Geschichte der Charakter des Kapitals geändert?

Seminarraum 1

Beate Landefeld ist Mitglied der DKP, veröffentlicht regelmäßig in den „Marxistischen Blättern“, der „Unsere Zeit“ und hat zahlreiche Analysen zur Verfasstheit des deutschen Monopolkapitals erstellt, sowie das Buch „Staatsmonopolistischer Kapitalismus“ im Papyrossa-Verlag mitverfasst.

Lenin und Krieg

Hier geht es darum herauszuarbeiten, welche Schlussfolgerungen aus den diversen Aussagen Lenins zum Thema Krieg gezogen werden können. Was lernen wir über die Methode, worauf basieren diese Aussagen, welche Perspektive nehmen sie ein? Aber auch, welche Kontroversen gibt es hinsichtlich des Umgangs mit diesen Aussagen?

Seminarraum 2

Heinz Ahlreip veröffentlicht regelmäßig in der Zeitschrift „offen-siv“ und der Zeitung der KPD „Die Rote Fahne“.

Die Stellung Russlands mit Blick auf die Neuaufteilung der Welt seit 1990

Hier soll die Stellung Russlands im imperialistischen Gesamtgefüge nach Lenins Hauptkriterien herausgearbeitet werden – mit besonderem Blick auf die ‚Neuaufteilung der Welt‘ seit 1990. Das globale ökonomisch-militärisch-politische Kräfteparallelogramm soll in seinen wesentlichen Zügen erfasst werden (also – nicht nur unmittelbar Russland betreffende – Staaten- und Interessenkonstellationen, zwischenstaatliche Kräfteverhältnisse in der Dynamik der letzten 30 Jahre).

Seminarraum 3

Eva Niemeyer ist Mitglied der Marx-Engels-Stiftung, des Hamburger Arbeitskreises „akdiamat“ und der Gesellschaft für dialektische Philosophie. Sie ist freie Publizistin und veröffentlicht zu Themen aus Technik (Künstliche Intelligenz), Philosophie und Politik (bzgl. Russland u.a. zum Kaukasus-Krieg und der Unabhängigkeit des Kosovo 2008).

Einschätzungen zur Militärstrategie Russlands

Wie ist die militärische Macht Russlands einzuschätzen? Welche Kriegsstrategie verfolgt die Russische Föderation in der Ukraine? Geht es um die südlichen und östlichen Regionen oder um den Sturz der Regierung? Inwiefern hängt beides miteinander zusammen? Hier geht es sowohl um die konkrete Kriegsführung als auch um Grundlagen der Militärtaktik und militärische Begriffe.

Seminarraum 4

Ingo Höhmann war Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und hat einen Beitrag in dem Buch „Die verratene Armee“ von Uwe Markus und Ralf Rudolph verfasst.

Zur Geschichte des Nationalismus in den Ex-Sowjetrepubliken

In diesem Vortrag wird es um die Geschichte des Nationalismus und ihre (widersprüchliche) Kollaboration mit den deutschen Faschisten in den Ex-Sowjetrepubliken gehen. Außerdem um ihre Rolle in der Konterrevolution und in der heutigen Politik, als erneute antirussische Projekte.

Seminarraum 7

Holger Michael war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR. In den neunziger Jahren bildete er Deutschlehrer in Kasachstan aus. Er ist Autor verschiedener Bücher zur Geschichte Osteuropas, darunter das Buch „Vom Baltikum nach Mittelasien: Legenden und Tatsachen um ehemalige Sowjetrepubliken“ (2009)

12:30 Mittagessen Innenhof

14:00 Podium Krieg

Münzenbergsaal + Stream in Seminarraum 1

Imperialistischer Krieg, Verteidigungskrieg, gerechter Krieg?

  • Erhard Crome
  • Hannes Hofbauer
  • Renate Koppe (DKP)

Wie ist die Militäroperation Russlands einzuschätzen, welche Entwicklung führte dazu? Das Podium wird sowohl darüber diskutieren, wie die internationalen Verhältnisse einzuschätzen sind als auch die konkretere Entwicklung in der Ukraine vor und nach dem Februar 2022. Die Diskussion reicht von der Frage, ob es ein „Weltordnungskrieg“ ist und wenn ja, für welche „Ordnung“ bis zur Einschätzung der Volksrepubliken und dem Minsker Prozess.

Erhard Crome ist Politikwissenschaftler und geschäftsführender Direktor des WeltTrends-Instituts für Internationale Politik in Potsdam. Er hat in der DDR studiert, promoviert und habilitiert. Er publiziert in zahlreichen Zeitschriften, darunter die „Zeitschrift Z – für marxistische Erneuerung“. In der „jungen Welt“ erschien zuletzt ein Artikel von ihm zur Einschätzung des Kriegs in der Ukraine (Thema vom 22.04.22).

Hannes Hofbauer (Wien) ist Verleger (Promedia Verlag) und Autor zahlreicher Bücher und Artikel zum Schwerpunkt Osteuropa.  Sein 2016 erschienenes Buch „Feindbild Russland“ gibt einen Einblick in die Geschichte Russlands und sein von Spannungen und Widersprüchen geprägtes Verhältnis zum Westen.

Renate Koppe ist Mitglied des Sekretariats des Parteivorstands der DKP und dort zuständig für internationale Beziehungen. Sie verfolgt die Entwicklungen in den Volksrepubliken und der Ukraine sowie der Russischen Föderation und hat enge Kontakte zur KP Donezk. Sie hat in der Wochenzeitung „Unsere Zeit“ zahlreiche Artikel zu den Volksrepubliken, zum Minsker Prozess und zur Entwicklung in der Ukraine veröffentlicht.

Vorträge

16:00-18:00

Neokolonialismus – Zum Verhältnis ehemals kolonialer Länder zu imperialistischen Kernländern

Was heißt Abhängigkeit und wie wirkt sie sich aus? Was wird mit Neokolonialismus beschrieben und wo ist der Unterschied zum Kolonialismus? Wie hat sich der Neokolonialismus in den letzten Jahren entwickelt und welche unterschiedlichen Ansätze einer anti-(neo-)kolonialen Perspektive tun sich auf?

Seminarraum 3

Der Vortrag findet digital und auf englisch statt. Eine Flüsterübersetzung vor Ort ist begrenzt möglich.

Vijay Prashad ist Autor und Direktor des Tricontinental Institute – einem internationalen Institut für Sozialforschung, das versucht, eine Brücke zwischen akademischer Produktion und politischen und sozialen Bewegungen zu schlagen.

16:30-18:00

Zur Rolle der USA in der Welt – Ökonomie, Politik, Militär, Arbeiterklasse

Leben wir noch in einer unipolaren Weltordnung, an dessen Spitze die USA mit ihren ungeheuren Machtinstrumenten stehen oder ist die Stunde des Abstiegs der Weltmacht USA schon längst geschlagen und die Welt ist zu einer multipolaren Welt geworden, in dem die USA eine Macht unter anderen Großmächten ist? Welche Machtinstrumente sind es, die den USA zur Verfügung stehen? Wie steht es mit den transatlantischen Partnern der USA? Wie steht es um die US-amerikanische Arbeiterklasse?

Münzenbergsaal

Ben Becker ist Gründungsmitglied der Party for Socialism and Liberation (USA). Die PSL wurde 2004 gegründet. Ben Becker hat in einer Neuausgabe der Imperialismusschrift Lenins ein einleitendes Kapitel zum aktuellen Entwicklungstand des Imperialismus im 21.Jahrhundert geschrieben.

Der Vortrag findet auf Englisch statt. Flüsterübersetzung vor Ort ist in begrenzt möglich.

Lage und Organisierung der Arbeiterklasse in der Russischen Föderation

Hier wird es um die Lebensbedingungen, Bewußtseinslage und die Organisierung der Arbeiterklasse unter anderem in Gewerkschaften gehen.

Seminarraum 4

Yana (KPD) setzt sich mit der Entwicklung in Russland auseinander und betreibt einen Telegram-Kanal mit Informationen zur Entwicklung der Militäroperation. Ihr könnt einen Podcast mit ihr zum Thema hören und einen Diskussionsbeitrag zur Imperialismusdiskussion lesen auf kommunistische.org


16:30-18:00

Diskussionsräume

In den jeweiligen Räumen wird es die Möglichkeit geben, sich im kleineren Rahmen weiter zu den Themen und über die Vorträge auszutauschen, zu diskutieren, sich über weiterführende Literatur zu informieren und Gedanken und Ideen festzuhalten.

Diskussionsraum 1

Der Krieg in der Ukraine

Seminarraum 2

Diskussionsraum 2

Gegenwärtige Weltordnung – Multipolarität/Unipolarität

Seminarraum 4

Diskussionsraum 3

Finanzkapital

Seminarraum 7

18:00-18:30

Snack und Pause, Münzenbergsaal

18:30 Podium Imperialismus

Münzenbergsaal + Stream in Seminarraum 1

Der gegenwärtige Imperialismus und die Kommunistische Bewegung

  • Dima Alnajar (Partei des Volkswillens Syrien)
  • Björn Blach (DKP)
  • Torsten Schöwitz (KPD)
  • Andreas Sörensen (SKP)

Zur Diskussion steht das Verständnis des Imperialismus unserer Zeit. Können wir von unterdrückenden und unterdrückten Staaten sprechen oder hat sich das Verhältnis der Länder untereinander angeglichen? Wie ist das Verhältnis der nationalen Frage zum Kampf um den Sozialismus einzuschätzen, was bedeutet Antiimperialismus heute? Wo liegen opportunistische Irrwege in den Annahmen und in der Untersuchung des Imperialismus?

Dima Alnajar ist Journalistin der Wochenzeitung der Partei des Volkswillens „Kassioun“. Sie hat als Gastautorin in der „jungen Welt“ zu Syrien geschrieben.

Björn Blach ist Redakteur der Wochenzeitung „Unsere Zeit“ sowie Leiter der Karl-Liebknecht-Schule der DKP. Zuletzt erschien eine Artikelreihe von ihm zum Thema „Gerechte Kriege?“ in der UZ vom 22.07. und 29.07.

Torsten Schöwitz ist Vorsitzender der KPD. Ihm ist die Verteidigung des realen Sozialismus der DDR und allen anderen sozialistischen Länder sowie die Formierung einer einheitlichen Kommunistischen Partei auf marxistisch-leninistischer Grundlage wichtig.

Andreas Sörensen ist Vorsitzender der SKP. Wir haben ihn in einem Podcast zu seinen Positionen befragt (siehe kommunistische.org).

20:30-21:30 Abendessen

22:00-22:45 Kulturprogramm, Münzenbergsaal

Sonntag, 25.09.22

9:00

Einlass

9:00-9:45

Vorbereitung für die Vorträge

Hier wird kurz in das Thema eingeführt. Es wird eine Übersicht über die verschiedenen Positionen gegeben, die es zum Thema des Vortrags gibt. Es ist möglich Fragen zu stellen und ausgewählte Artikel zu lesen.

In den jeweiligen Räumen der Vorträge

10:00-12:00

Vorträge

Die aktuelle Stellung des deutschen Imperialismus

Es wird um die Frage der Eigenständigkeit des deutschen Imperialismus und sein Verhältnis zu den USA, sowie um die EU als Instrument der BRD für ihre Weltmachtpläne gehen. In dieses Gesamtverhältnis soll die Ostpolitik der deutschen Strategen eingeordnet werden.

Münzenbergsaal

Gretl Aden schreibt regelmäßig für die Kommunistische Arbeiterzeitung (KAZ). Sie äußerte sich mehrfach zur Strategie des deutschen Imperialismus in der KAZ sowie im Zuge der Konferenz „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“.

Faschismus in der Ukraine: Entwicklung und Charakter des ukrainischen Faschismus im Kontext der Entwicklungen der gegenwärtigen imperialistischen Weltordnung.

Das Interesse der NATO, EU, Deutscher Imperialismus am ukrainischen Faschismus als Instrument zur Durchsetzung ihrer geopolitischen Interessen.

Der Vortrag befasst sich mit der historischen Entwicklung des westukrainischen Faschismus. Es soll auch um die Auswirkungen hierzulande gehen, wie hier Geschichtsrevisionismus und Faschismus gestärkt werden.

Seminarraum 1

Susann Witt-Stahl hat sich intensiv mit der Entwicklung des Faschismus in der Ukraine befasst, ebenso wie mit dem antifaschistischen Kampf im Donbass. Sie hat zahlreiche Recherchen in der „jungen Welt“ und in weiteren Publikationen verfasst, sowie das Buch „Antifa heißt Luftangriff!“ herausgegeben. Sie ist Chef-Redakteurin des linken Kulturmagazins Melodie&Rhythmus.

Schweden und die NATO

Geschichte der „Neutralität“ – War und ist Schweden je ein wirklich neutraler Staat gewesen? Inwiefern war Schweden schon seit Längerem an die NATO angegliedert? Innenpolitische Reaktionen? Gibt es Opposition gegen den NATO-Beitritt, wie relevant ist diese?

Seminarraum 2 

Der Vortrag wird von Aris Patris (SKP) gehalten. Der Vortrag findet auf Englisch statt. Auch hier ist eine Flüsterübersetzung begrenzt möglich.

Zur Lage in und dem Charakter der Russischen Föderation

Wie sieht die Lage der Arbeiterklasse und der Kommunisten in der Russischen Föderation aus? Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf die Arbeiterklasse? Welche Debatten innerhalb der kommunistischen Bewegung in Russland hat sie entfacht?

Seminarraum 3

Der Vortrag wird digital und auf englisch stattfinden, eine Flüsterübersetzung wird begrenzt möglich sein. Politsturm ist eine länderübergreifende unabhängige kommunistische Informationsquelle.

Diskussionsraum 1

Wesen des Imperialismus – Abhängigkeit und Hierarchie

Seminarraum 1

12:00-13:00 Mittagessen

13:00

Podium Klärung

Münzenbergsaal + Stream in Seminarraum 1

Klassenkampf ohne Klarheit? Die Notwendigkeit der revolutionären Theorie und Praxis

  • Hans Bauer – (GRH)
  • Hände weg vom Wedding
  • Hauke (Kämpfende Jugend)
  • Gregor Lenßen (KPD)
  • Max (KO)

Wir resümieren die Diskussionen in der Kommunistischen Bewegung, insbesondere vor dem Hintergrund der Debatten am Wochenende. Welche Relevanz haben diese Auseinandersetzungen für den Kampf der Arbeiterbewegung in Deutschland? In welchem Verhältnis stehen diese Debatten zur Militarisierung und Verarmungspolitik der Regierung? Wie wichtig ist die Klärung dieser Fragen für den Klassenkampf? Ist es übertriebene Seminaristik oder droht sonst blindes Handwerkeln? Wie muss und kann eine Debatte und Klärung aussehen?

Hans Bauer

Hans Bauer ist Vorsitzender der Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung (GRH), die sich für die Rechte von DDR-Bürgern einsetzt, die von der politischen Strafjustiz der BRD verfolgt werden und Mitglied der DKP. Er war stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR.

„Hände weg vom Wedding“

Die Initiative „Hände Weg Vom Wedding ist eine linke Stadtteilorganisation, die seit 2012 Nachbarn organisiert, um auf Verdrängung und andere soziale Missstände aufmerksam zu machen und diese mit antikapitalistischem Kampf zu verbinden. Weitere Themen sind Feminismus, Antifaschismus und Arbeitskämpfe.

Die „Kämpfende Jugend“

Die Kämpfende Jugend Bremen wurde 2019 gegründet, sie organisiert Jugendliche und veranstaltet Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Faschismus. Sie versteht sich internationalistisch und strebt eine neue Kommunistische Partei an.

KPD

Die Kommunistische Partei Deutschlands wurde 1990 noch auf dem Boden der DDR gegründet und sieht sich in der Tradition der KPD Liebknechts und Luxemburgs, Thälmanns und Piecks. Sie organisiert zusammen mit der Zeitschrift „offen-siv“ das marxistisch-leninistische Fernstudium.

KO

Die KO wurde 2018 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, einen Klärungs- und Aufbauprozess zu organisieren.

15:00 Abschluss, Münzenbergsaal

Podcast #29 – Susann Witt-Stahl über den Faschismus in der Ukraine und die aktuelle „Heimatfront“

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Susann Witt-Stahl arbeitet als freie Journalistin u.a. für die junge Welt, ist Buchautorin und Chefredakteurin des Gegen-Kulturmagazins Melodie & Rhythmus. Susann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Entwicklungen in der Ukraine, war mehrmals dort und pflegt Kontakt zu vielen antifaschistischen Genossen vor Ort.

Wir haben die Entwicklung des Faschismus in der Ukraine nachgezeichnet und diskutiert. Im Fokus stand dabei auch die Frage, welche Wirkung diese Entwicklungen hier an der „Heimatfront“ haben, wo die deutsche Linke steht und was nun die Aufgabe von Antifaschisten und Kommunisten ist.

Außerdem haben wir uns mit der jüngsten Diskussion in der Kommunistischen Bewegung zum „exportierten Faschismus“ auseinandergesetzt und die Notwendigkeit eines fundierten Faschismusbegriffs als Aufgabe der Bewegung herausgestellt.

Interview: „In einem Konflikt zwischen zwei Räubern werden Kommunisten nicht eine Seite wählen“

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Tibor Zenker zum Imperialismus als Weltsystem, zur Rolle Chinas und Russlands und zum Krieg in der Ukraine.

Wir haben mit Tibor Zenker, dem Vorsitzenden der Partei der Arbeit (PdA) aus Österreich, einen Podcast gemacht, der auf unserer Website in Gänze zu finden ist. Ausschnitte daraus geben wir hier in Schriftform wieder. Der Fokus dieses Auszugs liegt auf dem Imperialismusverständnis, der Stellung von Russland und China in der Welt, der Einschätzung des Krieges in der Ukraine und den Differenzen innerhalb des kommunistischen Lagers.

Sind die Aggression der USA und ihrer Verbündeten das bestimmende Moment in der aktuellen Situation oder geht es nicht auch um eine Rivalität zwischen aufsteigenden und etablierten imperialistischen Mächten? Häufig wird die momentane Situation auch mit dem Vorabend des Ersten Weltkriegs verglichen. Würdest du sagen man kann diesen Vergleich so ziehen?

Generell sind solche Vergleiche bis zu einem gewissen Grad bequem und ich würde davon grundsätzlich eher Abstand nehmen. Wichtiger ist genau zu analysieren, wie das Hier und Jetzt ausschaut und nicht in historischen Analogien zu denken. Es mag nachvollziehbare Parallelen geben, aber eben auch markante Unterschiede. Wenn man an 1914 denkt, dann haben wir es heute z.B. definitiv mit mehr Akteuren zu tun und außerdem auch mit globalen Verhältnissen. Man darf nicht vergessen, dass der Erste Weltkrieg schlussendlich vornehmlich ein europäischer Krieg war. Meines Erachtens ist der Schlüssel zum Verständnis das Gesetz über die ungleichmäßigen Entwicklungen im Kapitalismus. Wir haben es mit aufsteigenden und regionalen Mächten zu tun, die ihren Platz an der Sonne einfordern – ökonomisch, politisch und in letzter Instanz militärisch.
Wir befinden uns im Kampf um die Neuaufteilung der Welt, das muss aber nicht immer nach demselben Schema ablaufen. Die besondere Aggressivität der USA und von Teilen der NATO ist zweifellos die Hauptgefahr für den Frieden. Sie sind die Hauptkriegsverbrecher – nicht Russland. Diese Aggressivität hat meines Erachtens ihre Ursache im ökonomischen Abstieg der USA. Die Imperialmacht verteidigt ihre Stellung vermehrt militärisch, weil ihr immer weniger andere Möglichkeiten bleiben. Zugespitzt könnte man formulieren: Der verbliebene Rüstungsvorsprung, die Waffenarsenale und ihre weltweite Einsatzfähigkeit bieten genau jenes Argument, warum man den US-Dollar überhaupt noch als seriöses Zahlungsmittel akzeptiert. Kurz gesagt, die militärische Karte – oder weiter gedacht der direkte Großmachtkonflikt und der drohende Weltkrieg – muss keineswegs zuerst von der aufstrebenden Macht ausgespielt werden. Das hat auch damit zu tun, dass wir kein klassisches Kolonialsystem mehr haben wie zu Lenins Zeiten und auch noch in den Jahrzehnten danach. Die Stellungen, die hier verteidigt oder angegriffen werden, sind ein bisschen subtiler.
Aufstrebende Mächte haben andere Möglichkeiten. Trotzdem, wenn er nicht verhindert wird, dann kommt es am Ende zum großen imperialistischen Krieg. Aber ich würde mein Geld eigentlich nicht darauf verwetten, dass der Krieg von China oder Russland begonnen wird oder bereits begonnen wurde. Ich denke, dieser Krieg wird von der Pole-Position aus geführt und das natürlich mit Provokationen, um gegebenenfalls öffentlich etwas Anderes behaupten zu können. Das heißt für mich unterm Strich, dass die globale US-Aggressivität bestimmend ist. Und ich weiß schon, dass ich da ein Problem minimiere, das anderswo ein größeres ist. Aber sie ist eben auch das Ergebnis der ungleichmäßigen Entwicklung und der von anderer Seite angestrebten Neuaufteilung der Welt.

Und wie würdet ihr die Rolle Russlands und Chinas einschätzen? Ist da ein imperialistischer Pol im Entstehen, der sich als ebenbürtiger Rivale neben den USA etablieren will?

Natürlich gibt es in einem globalen System – und das ist der Imperialismus – eine entsprechende Konkurrenz zwischen den USA und ihren Verbündeten. Deren Interessen fallen nicht immer zusammen. Ebenso ist es mit Russland und China. Jedes imperialistische Bündnis ist ein Zweckbündnis. Es gibt ein russisches Monopolkapital sowie eine russische Finanzoligarchie mit allen zwingenden Konsequenzen: internationaler Kampf um Einflusssphären, Ressourcen, Transportwege, Investitionsmöglichkeiten, geopolitische Positionen. Das ist bekannt.

Bislang ist der russische Imperialismus im Gegensatz zum US-Imperialismus vornehmlich an seinen eigenen Grenzen besonders ambitioniert. Doch grundsätzlich besteht der expansive Drang. Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass Russland ihn ohne chinesische Hilfe umfassender realisieren kann.

Ich will aber noch etwas zu bedenken geben: Gegenwärtige Bündnisse müssen nicht Bestand haben. Selbstverständlich gibt es auch Bruchlinien, sogar regelrechte Sollbruchstellen in der NATO und in der EU. Und auch die sogenannte transatlantische Partnerschaft ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Aber der Ukrainekrieg und die allgemeine Frontstellung gegen Russland verdecken das gegenwärtig. Das ist ein wichtiger Bonus für die USA.

Trotzdem denke ich, dass zwischenimperialistische Verhältnisse rascher an Dynamik gewinnen können, als es statisch betrachtet wirken mag. Um noch einmal präziser zu antworten: Nimmt man China und Russland zusammen, dann haben die USA bereits einen weitgehend ebenbürtigen Rivalen und ich denke, das weiß man in Washington am besten.

Woran machst du den expansiven Charakter Russlands denn fest?

Ich denke, dass dieser expansive Charakter als Tendenz den imperialistischen Staaten gegeben ist, aber immer nach Maßgabe der realen Möglichkeiten. Das österreichische Bundesheer kommt mit EU- und NATO-Unterstützung bis auf den Balkan. Bei Russland geht es um ein bisschen mehr und es geht nicht nur darum, etwas zu verteidigen, sondern etwas zurückzugewinnen. Denn die Ukraine oder zumindest der größte Teil der Ukraine ist 2014 verloren gegangen, nachdem es bereits in den Jahren davor ein bisschen unentschieden war.

Im Prinzip ist es auch, was Kasachstan betrifft, nicht ganz so einfach. Da haben auch verschiedene Akteure ihre Hände im Spiel. Darüber hinaus gibt es auch das Eingreifen in Syrien, das eindeutig außerhalb der ehemaligen Sowjetunion liegt. Syrien ist von besonderer Bedeutung, denn dort hat die russische Flotte im Zweifelsfall einen Mittelmeerhafen.

Ich habe jetzt nur die militärische Seite betrachtet, da geht es sehr wohl langsam, aber sicher auch über die Nachbarschaft hinaus. Ich glaube, ökonomisch sind wir da schon längst. Das wird gerne klein geredet, um zu beweisen, dass Russland gar kein imperialistischer Staat ist. Aber natürlich gibt es eine nennenswerte russische Finanzoligarchie mit allen möglichen Verstrickungen, Investitionen und einem entsprechenden Kapitalexport. Auch in Europa und in Österreich wissen wir das sehr genau. Sehr große Konzerne sind mit der Russischen Föderation verbunden.

In Russland und China sind die ökonomischen Verhältnisse und auch die Rolle des Staates in gewisser Weise anders gelagert als in den westlichen Ländern. Kann man bei Russland und China trotzdem von Imperialismus sprechen?

Unterm Strich wüsste ich nicht, wie es anders einzuschätzen wäre. Es gibt da unterschiedliche Varianten und unterschiedliche Formen, wie man das umsetzt. Aber im russischen Fall habe ich eigentlich keine Zweifel, dass man von einem imperialistischen Staat sprechen kann. Es ist im Prinzip alles vorhanden, wenn man die Merkmale Lenins auf einzelne Staaten anwenden will. Ich weiß, dass das nicht unbedingt common sense ist. Aber es besteht überhaupt kein Zweifel, dass sie alle gegeben sind. Insofern halte ich es für relativ müßig, Russland den imperialistischen Charakter absprechen zu wollen. Die Tatsachen sprechen meines Erachtens für sich.

Ich glaube, dass man Illusionen anhängt, wenn man Russland den Imperialismus abspricht oder falschen Hoffnungen oder auch Symptomschmerzen hat, die seit 1991 unangebracht sind. Diese Rolle spielt Russland sicher nicht und man sollte auch nicht glauben – das ist ja das Naivste überhaupt –, dass wenn Russland irgendwo auf der Welt einen Gegenpart zu den USA darstellt, dass das aus antiimperialistischen Gründen passiert. Natürlich passiert das aus zutiefst imperialistischen Gründen. Wenn das dann doch eine Auswirkung hat, mit der man mitgehen kann, wie etwa in Syrien, dann ist das eine Scheinkorrelation. Aber das ist weder die Ursache noch der Grund, aus dem Russland agiert. Russland agiert nicht antiimperialistisch, sondern im Interesse des russischen Monopol- und Finanzkapitals. Das ist für mich ganz klar.

Anders als die USA und ihre Verbündeten überziehen China und Russland die Welt nicht mit Krieg, ihre Außenpolitik zielt häufig auf eine softere Einflussnahme. Was bedeutet das?

Ich denke, dass die USA im Wesentlichen ihren Pool an Verbündeten haben und dabei sind, ihre Position im System zu verteidigen. Wie ich schon sagte, mit einer entsprechenden militärischen Aggressivität. Russland und China hingegen verfügen natürlich auch über eine Handvoll traditioneller Verbündeter, aber über wesentlich weniger. Und neue Verbündete bauen sie sich im Wesentlichen gerade erst auf, v.a. in den Staaten der sogenannten ‚Dritten Welt‘ und nur vereinzelt in Europa. Das macht man auf eine andere Weise als mit mit Bombardements.

China – und auch Russland bis zu einem gewissen Grad – suchen sich ihre Verbündeten mit den soften Methoden, mit Kooperation vordergründig. Hintergründig werden auch ökonomische Abhängigkeiten geschaffen, das ist eine Tatsache. Aber am Ende geht es darum, diesen Pool auch um entsprechende Verbündete zu erweitern. Ich denke, dass in vielen Fragen, bei vielen Ländern, die durchaus eine größere Relevanz haben, das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Ist es deiner Ansicht nach plausibel, dass man von einem imperialistischen System mit einer von oben nach unten abgestuften Rangordnung gegenseitiger Abhängigkeiten spricht? Oder ist die Situation im Wesentlichen doch eine ähnliche, wie zu Zeiten Lenins, auch wenn es keine formellen Kolonien mehr gibt? Gibt es eine Handvoll faktischer Kolonialmächte, also die Triade Japan – EU – USA und der Rest sind eigentlich abhängige und unterdrückte Länder?

Es ist klar, dass der Imperialismus ein Weltsystem ist, das die ganze Erde erfasst. Das gilt heute sogar noch mehr als 1916 und 1917. Das heißt, jedes Land unseres Planeten befindet sich in diesem System. Und jedes Land hat in diesem System auch eine Position abhängig von seinen politischen, ökonomischen und militärischen Potenzen.

Es gibt trotzdem imperialistische Hauptmächte, die auch die Haupträuber sind, die sich einen Großteil der Monopol- bzw. Extraprofite aneignen. Sie sind es, die ihre Macht mehr oder minder global zur Geltung bringen können, auch wenn sie über keine oder fast keine direkten Kolonien mehr verfügen. Möchte man diese Gruppe benennen, könnte man die G7 in Betracht ziehen, wobei das, wenn man sich den Haupträuber anguckt, fast schon wieder zu groß ist.

Am anderen Ende des Systems gibt es durchaus eine Vielzahl von Ländern, die in der Entwicklung sehr weit zurückstehen und daher vornehmlich zu Opfern der imperialistischen Mächte werden. Und dazwischen gibt es eine ganze Reihe kleinerer imperialistischer Staaten, zu denen ich z.B. auch Österreich zählen würde. Diese haben nur limitierte oder regionale Bedeutung und sind auf größere Verbündete und Bündnisse wie EU und NATO angewiesen. Was zweifellos eine gewisse Abhängigkeit impliziert. In dem Bereich gibt es auf jeden Fall eine Art Doppelcharakter, den wir, die Österreicher, hervorheben.

Das imperialistische Weltsystem hat also logischerweise eine Hierarchie, eine Rangordnung und tatsächlich ergeben sich dabei auch wechselseitige Abhängigkeiten. Insbesondere bei der Verfügung von wichtigen Rohstoffen. Japan, durchaus eine Großmacht, ist z.B. das Paradebeispiel einer rohstoffarmen imperialistischen Hauptmacht. Insbesondere am Beispiel von Erdöl zeigt sich, wie rückständige Länder, die darüber verfügen, ihre Position verbessern können. Und natürlich am besten noch, wenn man sich organisiert wie in der OPEC. Auf dieser Basis kann man zu einem relevanten Kapitalexporteur und Investor aufsteigen, wie es z.B. die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien zeigen. Insofern könnte man sagen, es besteht auch für die USA als Hegemonialmacht eine gewisse Abhängigkeit von diesem Öl und gewissermaßen auch von deren Dollarreserven. Aber als imperialistische Hegemonialmacht holt man sich im Zweifelsfall bis heute das, was man braucht, mit Gewalt – siehe Irak oder Libyen. Insofern würde ich die gegenseitige Abhängigkeit als limitiert begreifen, nämlich nach Maßgabe der restinstanzlichen allgemeinen Entwicklungen.

Wenn die ganze Welt imperialistisch ist, sind dann alle Staaten imperialistische Staaten, nur in unterschiedlicher Ausprägung? Wenn man das bejaht, dann entledigt man sich so nebenbei natürlich brennender Fragen, die sich Lenin gestellt hat. Zum Beispiel: Ist Russland überhaupt ein imperialistischer Staat? Ich bin mir nicht sicher, wie viel damit gewonnen ist. Zugespitzt gesagt: Was nützt es Haiti oder die Zentralafrikanische Republik zu imperialistischen Staaten zu erklären? Dass es sich um bürgerlich-kapitalistische Staaten, um Klassengesellschaften handelt, ist klar. Vielleicht gibt es auch größere Kapitalisten und Kapitalexport im geringen Ausmaß. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass beide sehr weit unten in der zentralen Rangordnung stehen und Ziele imperialistischer Interventionen von imperialistischen Großmächten sind.

Für problematisch halte ich es, in diesen Fällen dann die Legitimation nationaler Befreiungskämpfe in Abrede stellen zu müssen. Damit würde ich doch ein gewisses Standbein des Antiimperialismus negieren. Also unterm Strich bin ich sehr wohl dafür, die Haupträuber, also die imperialistischen Großmächte zu benennen und ebenso die regionalen Mächte. Ich kann die imperialistische Ausplünderung der jugoslawischen Länder durch Österreich nicht vom Tisch wischen, weil umgekehrt vielleicht irgendein kroatischer Investor ein Projekt in Wien unterhält oder an einem österreichischen Unternehmen beteiligt ist. Und ich kann es auch deshalb nicht, weil natürlich nicht alle Staaten im gleichen Ausmaß imperialistisch sein können, gerade weil es ein Weltsystem ist. Imperialismus bedeutet Extraprofite, Ressourcen-Aneignung, Investitionssphären und Marktanteile in anderen Ländern. Das kann nicht für alle gleichermaßen funktionieren. Es können schließlich auch nicht alle Menschen der bürgerlichen Gesellschaft Kapitalisten sein. Ein solches Imperialismusverständnis käme – natürlich nicht intentional – wieder ins Fahrwasser des Ultraimperialismus.

Wir haben zum besseren Verständnis die Rangordnung, wenn man so will das Pyramidenmodell des Imperialismus. Das funktioniert im Wesentlichen auch und muss nicht in irgendeinen Gegensatz zu Lenin gestellt werden. Und trotzdem hat die Pyramide einen Fehler. Die Pyramiden von Gizeh stehen schon seit viereinhalbtausend Jahren in der Wüste und das unveränderlich. Einer der wesentlichsten Punkte des Imperialismus ist doch, dass sich die Steine bewegen, dass sie nach oben oder nach unten wandern können. Mir ist jetzt keine echte Pyramide bekannt, bei der das möglich wäre. Das heißt für den Marxismus-Leninismus ist nicht nur wichtig die Statik, sondern die Dynamik zu erfassen und auch zu beschreiben. Damit sind wir wieder beim Gesetz der ungleichmäßigen politischen und ökonomischen Entwicklung. Vor dem Hintergrund können wir aktuelle Haupträuber benennen, wir können aber auch absteigende und aufstrebende Mächte beobachten, die auf eine Klärung des Ungleichgewichts drängen. Das bedeutet, dass wir nicht fertig mit unserer Imperialismusbetrachtung sind, wenn wir nur die G7 oder die USA im Auge haben. Es bedarf der Betrachtung und Einbeziehung der BRICS-Länder und weiterer Akteure. Warum ist das jetzt gerade wichtig? Hierin liegt wieder das begründet, was uns gegenwärtig antreibt – nämlich die Frage des imperialistischen Kriegs.

Eins sei in diesem Kontext auch noch einmal erwähnt: Wer glaubt, dass eine multipolare Weltordnung der Friedenssicherung dient, hat meiner Meinung nach sehr wenig verstanden. Sie ist in Wirklichkeit das komplette Gegenteil, nämlich der unweigerliche Ausgangspunkt für neue zwischenimperialistische Konflikte und Kriege, die dadurch angekündigt werden.

Seht ihr gerade noch nationale Befreiungskämpfe in der Welt und welche Rolle spielen sie für das imperialistische Weltsystem? Und ergeben sich durch die multipolare Weltordnung nicht doch Spielräume und kann dadurch nicht eine Situation entstehen, die für den Kampf der Arbeiterklasse eine bessere Situation schafft?

Nationale Befreiungskämpfe haben ihren Zenit gewissermaßen überschritten, denn ihre klassische Form war der Antikolonialismus. Aber die Ablösung des klassischen Kolonialsystems bedeutet nicht, dass Abhängigkeiten und Einflusssphären nicht mehr gegeben gewesen wären. Vor allem, was Afrika betrifft, aber auch große Teile Asiens. Ich glaube nicht, dass das das große Thema ist, das kann es aber durchaus wieder werden. Ich weiß, dass man da verschiedene Schichten unterschiedlich einordnen kann und dass man nicht überall Konsens herstellen können wird.

Es ist auch so, dass der zukünftige Charakter der verschiedenen Bewegungen nicht so eindeutig einzuordnen ist. Vor dem Hintergrund kann man so etwas auch anerkennen und wenn es eine militärische Form annimmt zum Beispiel auch als einen gerechten Krieg bezeichnen, ohne dass man es methodisch für richtig halten muss. Letzteres würde sich zum Beispiel rund um das Thema Kurdistan anbieten.
Was aber auf jeden Fall relevant ist, ist Palästina. Und in einer ganzen Reihe von afrikanischen Staaten haben wir Regime an der Macht, die sich im Wesentlichen nur durch die Unterstützung der imperialistischen Staaten des Nordens halten, die dann Grenzfälle sind. In all diesen Staaten müssen die Kommunisten eine entsprechende Rolle spielen. Ein Beispiel ist Swasiland, wo das ganz besonders zugespitzt ist. Das ist aber auch nicht die klassische Variante.

Zur multipolaren Weltordnung: Es gibt kommunistische Parteien, die sagen, das ist das, was wir verteidigen, dass das ist das, was den Frieden sichert, weil es ein Gleichgewicht schafft. Der Punkt ist, es gibt kein Gleichgewicht im Imperialismus und Kapitalismus, sondern nur die ungleichmäßige Entwicklung. Und wenn sich da neue Mächte einbringen in der sogenannten multipolaren Weltordnung, dann ist das eine entsprechende Gefahr und entsprechende Botschaft an die anderen – nämlich, dass man was zu unternehmen hat. Dementsprechend ist die multipolare Weltordnung gesetzmäßig eher der Anlass für Konflikte. Was aber stimmt, ist, dass zwischenimperialistische Konflikte, aber auch Kriege durch fortschrittliche Bewegungen, revolutionäre Bewegungen, sozialistische Bewegungen, kommunistische Bewegungen auch ausgenutzt werden können. Man muss dabei auch nicht übermäßig moralisch agieren, denn es wäre naiv, solche Widersprüche nicht zum eigenen Vorteil zu nutzen. Man kann es aber auch übertreiben. Ich bin kein Freund der Rojava-Kollaboration mit dem US-Imperialismus, um ein Beispiel zu nennen.

Zum Krieg in der Ukraine gibt es verschiedene oder sogar sehr gegensätzliche Bewertungen. Einige sagen, dass es ein gerechter Krieg sei, weil es sich um einen Verteidigungskrieg handele. Würdet ihr sagen, dass man von einem Verteidigungskrieg sprechen kann?

Wir können diesen Krieg nicht unterstützen und ihn als Verteidigungskrieg einordnen, das erscheint mir geradezu absurd. Ich habe bereits gesagt, Russland ist ein imperialistischer Staat und natürlich ist es ein imperialistischer Angriffskrieg, der auf die Erweiterung der Einflusssphäre und vermutlich auch auf Annexionen abzielt. Ich glaube, dass man nach 30 Jahren zur Kenntnis nehmen muss, dass in Moskau im Kreml nicht mehr unsere Genossen sitzen. Die Russische Föderation ist nicht die Sowjetunion und sie spielt nicht diese Rolle. Das heißt, dass man sie nicht in diesem Sinne zu verteidigen hat. Und die Annahme, das russische Handeln wirke hier oder dort objektiv antiimperialistisch, ist falsch, das ist eher eine zufällige Scheinkorrelation.

Tatsache ist, dass die russische Politik und der russische Staat die Interessen des russischen Monopolkapitals und der Finanzoligarchie markieren und sonst nichts. Ich glaube, es ist auch keine besonders gute kommunistische Herangehensweise in einem imperialistischen Konflikt – und ich betrachte den Ukrainekrieg auch als Stellvertreterkrieg – einfach für das kleinere Übel Partei zu ergreifen. Nur weil der russische Imperialismus dem US-Imperialismus gegenübersteht, ist er ja noch lange kein guter Imperialismus. Einen solchen Imperialismus gibt es nicht. Ich denke auch, dass sich die Kommunisten in aller Regel davor hüten sollten, unbedingt Geopolitik betreiben zu wollen. Unsere Aufgabe ist der Klassenkampf und unsere Standpunkte müssen von den Interessen der Arbeiterklasse bestimmt werden. Da bleibt es unterm Strich dabei: In einem Konflikt zwischen zwei Räubern werden Kommunisten nicht eine Seite wählen. Es handelt sich auf beiden Seiten um einen ungerechten Krieg, um auch diese Einordnung explizit vorzunehmen.

Wenn Russland seine Einflussgebiete verteidigt, also in diesem Fall die Ukraine, dann stellt sich die Frage, aus welchen es das tut. Naja, aus imperialistischen Gründen! Und dann ist es auch ein imperialistischer Krieg. Das erscheint mir recht einfach. Aber offensichtlich gibt es da einen Dissens.

Was die Volksrepubliken betrifft: Das sollte man nicht überbewerten. Man sollte nicht der Illusion verfallen, dass hier etwas besonders Progressives entstanden wäre. Das hat es vielleicht in manchen Elementen am Anfang gegeben, aber das ist vom Tisch und zwar vollständig. Natürlich geht es noch um Bezugnahmen auf die Sowjetunion und den großen vaterländischen Krieg. Damit schmückt man sich. Das macht auch die russische Regierung, aber die ist nun mal definitiv antikommunistisch und antisowjetisch.

Ich würde die Rolle und den Charakter der Volksrepubliken nicht überbewerten. Ich denke, dass es aus russischer Sicht logisch wäre, diese Gebiete vollständig anzugliedern, wenn das möglich ist. Es hat wenig Sinn, die Gebiete so bestehen zu lassen.

Was die Verbesserung der Interessensüberschneidungen und der Kampfbedingungen betrifft: Dem würde ich auch nicht unbedingt folgen. Ein imperialistischer Krieg ist keine wünschenswerte Situation für die Arbeiter, weil es immer die Arbeiter sind, die ins Feld geschickt werden und aufeinander schießen sollen. Die Frage ist, ob sich dann in weiterer Folge die Kampfbedingungen für die Kommunisten und Kommunistinnen in einem ‚befreiten‘ Donbass oder in der Ostukraine verbessern. Da bin ich ein bisschen skeptisch. Der Gegner wäre dann nicht mehr das Kiewer Regime und der oligarchische Schokoladenkönig der Ukraine. Dann wäre der Gegner ungleich größer, nämlich der russische Staat und die russische Finanzoligarchie und im Zweifelsfall die russische Armee. Eine Optimierung schaut für mich anders aus.

Kann man dem Krieg dennoch etwas abgewinnen, weil er einen antifaschistischen Charakter trägt?

Da tue ich mich ehrlich gesagt schwer. Ich denke, dass hier weder ein antiimperialistischer noch ein antifaschistischer Krieg geführt wird. Das Regime in Kiew ist antidemokratisch und nationalchauvinistisch und es ist auf der Grundlage des Maidan-Putsches von 2014 entstanden. Unter diesen Bedingungen ist es, natürlich mit entsprechenden Parteiverboten usw., kein faschistisches Regime. Daran ändern auch das Asow-Batallion oder die Bandera-Verklärung nichts, denn das ist ja eine Äußerlichkeit.

Dass die Bevölkerung des Donbass seit acht Jahren durch das westukrainische Regime mit Krieg bedacht wird, ist eine Tatsache und dass es da einen entsprechenden Widerstand gibt, ist auch logisch. Ich würde aber nicht meinen, dass es ein antifaschistischer Widerstand ist. Heute sind die militärischen Einheiten der Volksrepubliken nur noch Anhängsel der russischen Armee und somit ist es eine komplett neue Situation. Und an den antifaschistischen Imperialismus würde ich auf gar keinen Fall glauben. Das gibt es nicht.

Was wäre denn die richtige Orientierung in solch einer Situation? Mit welcher Stoßrichtung, mit welchen Parolen müssten sich die Kommunisten dort zum Krieg verhalten?

Allgemein ist es immer schwierig Kommunisten in anderen Ländern Ratschläge aufzuzwingen. Aber trotzdem: Ich denke, das ist recht einfach. Die richtigen Parolen wären jene Lenins und Liebknechts. Kommunisten verweigern dem imperialistischen Krieg die Gefolgschaft. Sie verweigern die Vaterlandsverteidigung und sie verweigern den Burgfrieden mit der Bourgeoisie. Sie verschärfen hingegen vielmehr den Klassenkampf und klären die Arbeiterklasse im Land über die Hintergründe des Krieges auf. Ihr Aufruf ist es, die Waffen gegen die eigenen Herrschenden, deren Niederlage sie wünschen, zu kehren und dadurch den Frieden zu erzwingen.

Und ich füge noch hinzu: Sie streben grundsätzlich nach einer Umwandlung des Krieges in einen revolutionären Bürgerkrieg, auch wenn die Voraussetzungen hierfür gegenwärtig nicht gegeben sind. Und das alles gilt nicht nur für die Ukraine und den Donbass, sondern im Prinzip genauso für Russland. So würde ich das sehen.

Kann man sagen, dass der Krieg die Differenzen in der internationalen kommunistischen Bewegung vertieft hat und es aus eurer Sicht den marxistisch-leninistischen Kräften geholfen hat, sich besser vom opportunistischen Lager abzugrenzen?

Ich denke, der Ukraine-Krieg und die Positionen, die damit zu tun haben, haben durchaus manches vertieft; anderes aber auch nur offengelegt, was ohnehin schon da war, aber aus diesen oder jenen Gründen überdeckt oder bewusst nicht thematisiert wurde. Ich meine, dass man z.B. jetzt auch innerhalb der Initiative (gemeint ist die Initiative kommunistischer und Arbeiterparteien Europas, Anm. KO) Differenzen hat und dabei nicht zuletzt mit dem russischen Mitglied (gemeint ist die RKAP, Anm. KO).

Das ist etwas, was dann doch etwas unangenehm ist und nicht das ist, was man sich erhofft oder sogar erwartet hätte. Ob uns das hilft, ist also fraglich. Es muss am Ende helfen, denn es führt ja sowieso kein Weg daran vorbei, das Richtige zu tun und das Richtige zu sagen. Das ist zumindest die Mindestanforderung an uns Kommunisten. Auch wenn das vorübergehend Rückschläge bedeuten mag, muss es in Kauf genommen werden, denn nur das ist die Grundlage, um auch wieder vorwärtszukommen – auf nationaler wie auf internationaler Ebene.

Interview: „Die Unterschiede müssen herausgearbeitet werden“

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Richard Corell (KAZ) zu Übergängen und Widersprüchen der historischen Entwicklung

Wir haben Richard Corell von der Kommunistischen Arbeiterzeitung (Ausrichtung Kommunismus) zur Einschätzung Russlands, zur Entwicklung des Imperialismus und zur Strategie der Arbeiterklasse interviewt. Das Gespräch ist in voller Länge als Podcast auf unserer Website zu finden.

Wie ist deiner Meinung nach der Krieg in der Ukraine einzuschätzen? Wie ist es zu der gegenwärtigen Situation gekommen und was sind die wesentlichen Interessen der beteiligten Akteure?

Das Wesentliche an der Geschichte ist, dass die NATO der Aggressor in dem Ganzen ist. Nur daraus lässt sich der ganze Krieg verstehen. Das Vorrücken der NATO in Richtung Osten ist wohl bekannt. Auch die strategische Bedeutung der Ukraine machte Zbigniew Brzeziński schon früh deutlich. Der entscheidende Punkt ist das Ziel, die Ukraine auf die Seite der Imperialisten zu ziehen. Es geht in der gesamten Auseinandersetzung und in diesem Krieg darum, Russland ökonomisch und politisch nicht mehr hochkommen zu lassen. Die NATO soll so weit vorangetrieben werden, dass sie eine direkte Bedrohung für Moskau darstellt. Bei dieser Schwächung der Russischen Föderation ist es wichtig, Russland als Bündnispartner Chinas zu verstehen.

Dieser Krieg, der sich gegen Russland richtet, versteht sich nur, wenn man sich über das große Ziel der Imperialisten im Klaren ist: die Zerstörung der VR China als ein sozialistisches Land. Es geht darum, die Allianz zwischen China und Russland zu zerstören und schließlich Russland so zu schwächen, dass es für die Imperialisten wieder möglich wird, ein neues, dem Imperialismus höriges Regime zu installieren. Die NATO stellt bei dem Ganzen keinen einheitlichen Block dar. In dieser gesamten Auseinandersetzung finden sich unterschiedliche Interessen, bspw. zwischen dem deutschen Imperialismus als Vormacht in der EU und dem US-Imperialismus.

Darin, dass die NATO ein Aggressor ist, besteht unter Kommunisten Einigkeit. Die Kontroversen beginnen, wenn es um die Einschätzung der Aktivität Russlands geht. Wie würdest du das militärische Vorgehen Russlands einzuschätzen?

In der aktuellen Diskussion geht es um die Frage, ob Russland ein imperialistisches Land ist oder etwas anderes. Ich würde sagen, dass man der Beantwortung dieser Frage erst einmal vorwegschieben muss, dass es sich bei der Geschichte der russischen Föderation um einen in der Menschheitsgeschichte bisher einmaligen Vorgang handelt.

Russland befindet sich seit der Konterrevolution in einem Übergang, in einer Art Transformation vom Sozialismus. Und hier setzt die Frage an, Transformation wohin? Diese Frage ist in meinen Augen noch nicht ganz entschieden. Ich denke, dass sich in Russland aus dieser Besonderheit einer Gesellschaft im Übergang eine Differenzierung ergeben hat, die ich mit den Begrifflichkeiten ‚nationale‘ und ‚Kompradorenbourgeoisie‘ beschreiben würde. Geht es im Transformationsprozess nach der russischen Kompradorenbourgeoisie, dann soll sich Russland zu einer imperialistischen Großmacht entwickeln. Geht es nach der Arbeiterklasse, ist es das Interesse, dass aus Russland wieder ein sozialistisches Land wird, dass die Diktatur des Proletariats wieder erkämpft wird. Möglich wäre, als ein Übergang zur Diktatur des Proletariats, eine Volksdemokratie wie es in China der Fall war – ein Zustand, in dem mehrere revolutionäre Klassen die Herrschaft übernehmen.

Solange die Frage der Transformation Russlands unentschieden bleibt, solange ist klar, dass der Imperialismus das Interesse hat, das Land in dem Status einer Halbkolonie zu halten. Unter einer Halbkolonie verstehe ich das, was Lenin auch immer wieder in seiner Imperialismusschrift anführt, also einen Staat, der politisch souverän scheint, aber ökonomisch vom Imperialismus abhängig ist. Diese Kategorie kann man heute noch auf sehr viele Länder dieser Welt anwenden.

Zu der Frage, wie Kommunisten sich zu den Klassenauseinandersetzungen in Halbkolonien stellen müssen, möchte ich auf Lenin verweisen, bei dem wir hier fündig werden. Lenin schrieb bereits auf dem ersten Weltkongress der Komintern einschlägige Sachen zu der nationalen und kolonialen Frage. Die wurden lange diskutiert und auf dem vierten Weltkongress mündete dies in einer Resolution. Auch auf dem sechsten Weltkongress wurde noch einmal einiges zu dieser Frage geschrieben.

In der Diskussion über die Einschätzung der russischen Föderation spielt die ökonomische Verfasstheit des Landes eine wichtige Rolle. Kann man hier von einem russischen Imperialismus sprechen?

Wir sollten in der Diskussion mitbedenken, dass es etwas Neues ist, wenn es Großunternehmen gibt – ich verwende hier noch nicht den Begriff Monopole –, die aus der Kollektivwirtschaft hervorgegangen sind. Diese stellen etwas anderes dar als Großunternehmen, die aus dem Akkummulationsprozess im Kapitalismus über die Konzentration und Zentralisation gewachsen sind und schließlich zu Monopolen geworden sind. Es geht hier um eine Entwicklung des Kapitalismus hin zum Imperialismus, die fast einhundert Jahre dauerte. Der Übergang von Volkseigentum in kapitalistisch wirtschaftende Großunternehmen beschreibt etwas ganz Neues, das wir noch nicht theoretisch durchdrungen haben.

Blickt man auf die wirtschaftliche Stellung Russlands im globalen Kontext, zeigt sich etwas Typisches für Halbkolonien. Beim Warenexport Russlands stellt sich die Frage, in welchem Bereich sie auf dem Weltmarkt eine starke Stellung einnehmen, welche es ihnen ermöglichen würde, dort wirklich mit anderen Imperialisten in Konkurrenz zu treten. Eine starke Stellung besitzt Russland nur im Rohstoffbereich. Über diesen Bereich hinaus besitzt Russland keine Stellung, die ihm eine ökonomische Großmachtposition erlauben würde. Die russischen Energieunternehmen sind nicht Teil des Ölkartells. Sie sind Außenseiter dieses Kartells und es war immer das Bestreben der Kartellmitglieder, Russland unter Kontrolle zu bringen. Nicht, um es in das Kartell aufzunehmen, sondern um leichter die Ölpreise diktieren zu können.

Auch in der russischen Rüstungsindustrie sehen wir etwas, das aus der Sowjetzeit übernommen wurde. Diese Übernahme stellt ein Faustpfand für Russland dar, mit dem sich Russland vor direkten Zugriffen des US-Imperialismus und anderen Imperialisten schützen kann. Die Rüstungsindustrie in Russland schafft die Möglichkeit, dass sich andere Halbkolonien ebenfalls bewaffnen können, um sich unter Umständen auch zur Wehr setzten zu können. Russlands Stärke in diesem Bereich ist ein Problemfeld. Aber es bietet auch ein Potenzial, dass es in eine fortschrittliche Richtung geht. Dass Völker und Länder unterstützt werden, die berechtigterweise um ihre Unabhängigkeit ringen.

Wie würdest du die politische Herrschaft, also die Staatsmacht in Russland charakterisieren?

Ich denke, dass das in Russland noch nicht entschieden ist. Im Augenblick scheint es so, als würde eine kleine Clique, die hinter Putin steht, den Staatsapparat kontrollieren. Das ist vermutlich aber nicht so einfach. In Russland geht es um eine Auseinandersetzung um die Identität des Landes. Da kann diese Clique nicht einfach herrschen, wie sie will.

Es gibt in der Bourgeoisie eine Differenzierung zwischen Kompradoren und der nationalen Bourgeoisie. Blickt man auf den Krieg, dann hatte diese nationale Bourgeoise die Zustimmung der russischen Kommunistischen Partei, die ich als Vertretung der Arbeiterklasse sehe. Der Ausgangspunkt des Krieges war, dass die KPRF in der Duma beantragt hatte, dass die Volksrepubliken im Donbass anerkannt und die Beziehungen zu den Volksrepubliken geöffnet werden sollen. Das war ein Rückgriff auf den Versuch, die Arbeiterklasse mit ins Boot zu holen. Das ist etwas Bekanntes in nationalrevolutionären Befreiungskriegen.

Du schreibst davon, dass in Russland die nationale Bourgeoisie an der Macht sei. Wie ist das einzuschätzen? Ist von ihr etwas anderes als eine imperialistische Politik, wie sie die alten Imperialisten betreiben, zu erwarten?

Die Frage, wie es mit Russland weitergeht, ist für mich noch nicht entschieden. Es ist klar, dass die nationale Bourgeoise als solche nicht in der Lage ist, eine Befreiungsmission zum Sieg zu führen. Die Führung in einer volksdemokratischen Revolution kann nur die Arbeiterklasse übernehmen. Wenn die Arbeiterklasse nicht die Führung übernimmt, wird das Übliche passieren. Die Bourgeoise wird versuchen, stärker zu werden, es wird wieder größere Versuche geben, sich an den Imperialismus dranzuhängen und sich mit einer imperialistischen Macht zu verbinden.

Ich denke, genau das ist die Fragestellung und die Aufgabe, vor der die Russische Föderation steht und über die sich auch die Genossen der KPRF streiten. Wie schwierig es ist, die ganze Strategiefrage zu entscheiden, wissen wir selbst zu gut. Daher sind es große Fragestellungen, die auch in der Russischen Föderation gegeben sind. Ich denke, wir müssen hier eine Klärung betreiben und uns historische Beispiele anschauen. Da ist China ein wichtiges Beispiel, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Worauf müsste deiner Einschätzung nach die Arbeiterklasse in Russland orientiert werden?

Ratschläge an Organisationen in anderen Ländern sind nicht mein Ding. Folgt man meiner Analyse, dass es sich bei Russland um eine Halbkolonie handelt und der Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, würde man sich darauf verständigen, dass man in Russland so etwas wie eine volksdemokratische Revolution anstrebt. Eine neue Demokratie, die die Unabhängigkeit Russlands verteidigt und sich daraus der Weg zum Sozialismus öffnet. Das sage ich unter dem Vorbehalt, dass wir die Transformation vom Sozialismus – wohin auch immer – noch nicht wirklich verstanden haben. Die Zeiträume, in denen sich Gesellschaftsformationen ändern, sind oft sehr lange.

Was würdest du sagen, ist heute charakteristisch für die Dynamik des Imperialismus im Unterschied zu Lenins Zeiten?

Die Dynamik des Imperialismus würde ich so sehen: Die Konterrevolution 1989 und die folgenden Jahre, in denen alles untergepflügt wurde, zum Teil mit den sog. ‚Bunten Revolutionen‘, haben die Dynamik des Imperialismus nochmal richtig angeheizt. Wir sind in einer Phase der territorialen Neuaufteilung der Welt angekommen. Zunächst mal ohne Weltkrieg. Das ist die Besonderheit, die man sehen muss. Die Konterrevolution hat dem Imperialismus eine Atempause gegeben, die er in bekannter Weise genutzt hat, um die Ausplünderung der Welt nochmal in neue Höhen zu führen. Direkt nach 1992 hat eine sog. Koalition der Willigen den großen Golf-Krieg angezettelt, dann der Jugoslawien-Krieg und viele weitere, die folgten. Bis 2010 ist zudem das Vormachtstreben des deutschen Imperialismus eine prägende Entwicklung. Auf der einen Seite gibt es also die Tendenz des abnehmenden US-Imperialismus und auf der anderen Seite eine zunehmende Stärke Europas, die meines Erachtens jetzt scheinbar an eine Grenze gestoßen ist.

Ein Punkt innerhalb der Diskussion ist die Frage der mulipolaren Weltordnung. Siehst du in ihr etwas, mit der die Arbeiterklasse ihre Stellung verbessern kann?

Ich denke, dass man sich bei dieser Frage in die Lage der sozialistischen Länder, aber auch Halbkolonien versetzten muss. Diese Länder sagen natürlich, umso multipolarer die Welt, umso mehr imperialistische Zentren, desto besser ist die Situation für uns. Im besten Fall können wir einen „Schutzherrn“ auswählen. Das ist das klassische Spiel, das Halbkolonien unter der Führung der nationalen Bourgeoisien gespielt haben. Sie versuchten, die Imperialisten gegeneinander auszuspielen. Aus der Perspektive der sozialistischen Länder ist klar, dass Multipolarität gut ist. Wenn ein solches Land nur dem US-Imperialismus gegenübersteht und dies die anderen imperialistischen Großmächte vereint, dann können sie einem viel leichter etwas diktieren, als wenn sie gegeneinander ausgespielt werden. Für uns muss klar sein, dass wir alles dafür tun müssen, den deutschen Imperialismus bei seinen Versuchen, mit der EU unter seiner Hegemonie selbst ein eigenständiger Pol zu werden, zu bekämpfen. Wenn ein sozialistisches Land wie Vietnam oder China sagt, dass es toll wäre, wenn die EU als imperialistisches Projekt stärker wird und dem US-Imperialismus Paroli bietet, dann ist das aus ihrer Perspektive richtig. Wir müssen die EU trotzdem bekämpfen, denn die Stärkung der EU ist im Augenblick die Stärkung des deutschen Imperialismus.

In der Auseinandersetzung um die Entwicklung Russlands spielen der deutsche und der US-Imperialismus eine wichtige Rolle. Wie würdest du das Verhältnis dieser beiden Imperialisten zueinander beschreiben? Gibt es hier Widersprüche?

Der deutsche Imperialismus ist in der Entwicklung Richtung Osten in einen Widerspruch mit dem US-Imperialismus gekommen. Ich denke mit Nord Stream 2 ist dies mehr als deutlich geworden. Das ist nur die offensichtliche Seite von etwas, das schon lange schwelt. Die strategische Orientierung der frühen NATO war immer „keeping the Soviets out of Europe, keeping the Germans down in Europe and keeping the US in Europe”. Eine gewisse Parallele dazu zeigt sich auch heute. Die USA haben zwischen Russland und Deutschland eine Art Schutzkorridor gebaut mit Polen und einem Teil der baltischen Staaten, wo der US-Imperialismus entsprechende Raketenbasen stationiert hat. Das ist nicht nur etwas, dass sich gegen Russland richtet, sondern auch Deutschland unten halten soll. Das ist der Hintergrund von Victoria Nulands Aussage „Fuck the EU“.

Was aktuell passiert, gibt dem deutschen Imperialismus mehrere Optionen. Über all im Osten sollen mehr Truppen, mehr Waffen stationiert werden. Der deutsche Imperialismus kann endlich aufrüsten. Wenn der Einfluss der USA in Osteuropa schwächer wird, dann werden noch mehr Staaten und diese dann noch stärker vom deutschen Imperialismus dominiert – mehr als sie es im Rahmen der EU bereits sind.

Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, welcher EU-Staat im Osten bereits ein Eurostaat und dadurch leichter erpressbar ist. Oder welche EU-Staaten wie Polen mit dem Zloty oder Ungarn mit dem Forint zwar schon vielfach abhängig sind, aber doch noch gewisse Hebel haben. Hier zeigt sich die nächste Welle des deutschen Ostland-Ritts, der gerade eingeläutet wird. Dafür auch die militärische Power durch das 100 Mrd.-Sondervermögen, das bereits vor dem Krieg in der Ukraine geplant war. Der deutsche Imperialismus versucht gerade etwas auf die Beine zu stellen.

Das ist der Hintergrund hinter den ganzen Fragen der digitalen, militärischen und Rohstoffsouveränität. Aus diesen Ansprüchen ergibt sich, dass der Einzige, der in der Lage ist eine Koalition gegen Russland zu führen, wenn die USA im Ukrainekrieg eine Niederlage erfahren, letztlich Deutschland ist. Der deutsche Imperialismus hat sich zeitweise dem US-Imperialismus untergeordnet, weil sie noch nicht in der Lage sind, einen Konflikt offen auszutragen. Die AfD vertritt letztlich genau diese Position als Sprachrohr eines bestimmten Teils des deutschen Monopolkapitals, wonach die USA sich eine Niederlage in der Ukraine einholen sollen. Am Ende ist Russland geschwächt, die USA sind geschwächt und der deutsche Imperialismus kann endlich auftreten.

Ich denke, in diesem Sinn ist es das Interesse der internationalen Arbeiterklasse, dass der Imperialismus auf keinen Fall in der Ukraine siegen darf. Es ist, glaube ich, ganz klar in unserem Interesse, dass der deutsche Imperialismus, der ja inzwischen Kriegspartei ist, das müssen wir auch mal deutlich zum Ausdruck bringen, dort nicht weiter kommt, sondern ihm klar die Grenze in der Ukraine gezeigt wird.

Was ist dein Eindruck von der gegenwertigen Debatte in der internationalen kommunistischen Bewegung zu der Frage in der Ukraine, aber auch der Frage des Imperialismus. Welche Relevanz spielt dieser Dissens, diese Unklarheiten für unsere Bewegung und wie können wir da vorankommen, was brauchen wir eigentlich?

Ich habe in Gesprächen mit Leuten die Erfahrung gemacht, wenn man einen klaren Standpunkt zum Krieg bezieht, dass es dann wenig hilfreich ist, wenn man sagt „Ich bin ja auch gegen den Krieg und das ist ja alles nicht so doll.“. Meine Erfahrung ist, wenn man sagt, dass Russland sich wehrt und zwar zu Recht, dass man dann gleich ganz anders ins Gespräch kommt. Wenn man von vorneherein sagt „Die Russen sind nicht schuld.“, dann hat man eine ganz andere Gesprächsgrundlage. Eine Äquidistanz zu Russland hält uns eher von einer direkten Auseinandersetzung ab, in der man erkennen kann, wo Kollegen stehen.

Dass wir in der kommunistischen Bewegung solche Debatten führen müssen, ist natürlich auch unsere Schwäche. Es ist schade, dass gerade solche hervorragenden Parteien wie die KKE und andere hier meines Erachtens keinen Weg zur Lösung einschlagen. Das ist insgesamt ein Mangel an Führung. Vielleicht zur Einordnung: Nach dem Ersten Weltkrieg hat sich die Lage nochmal geändert. Vor dem Ersten Weltkrieg und zu Lenins Zeiten war klar, dass es unsere Aufgabe ist, für die Niederlage der eigenen Bourgeoisie zu kämpfen. Nach dem Ersten Weltkrieg ergab sich aber auch eine neue Situation, in der man auch für den Sieg des sozialistischen Landes eintreten musste. Das war damals die Sowjetunion. Ich tue mir da etwas leichter als ihr, weil ich sage, wir müssen heute auch für den Sieg des sozialistischen Landes China kämpfen. Hinzu kommt: Wir müssen auch für den Sieg eines Landes eintreten, das um seine nationale Unabhängigkeit gegen den Imperialismus ringt wie das aktuelle Russland.

Wir sind alle noch im Findungsprozess und ich möchte davor warnen zu glauben, dass es die Strategie in ihrer Gesamtheit bereits gibt. Ich denke, wir müssen zwei Dinge berücksichtigen. Das erste ist: Was haben wir in unserem Werkzeugkasten und was davon wurde aus verschiedenen Gründen nicht genutzt. Zu diesen nicht genutzten Werkzeugen gehören die Fragen der Halbkolonie, Kompradoren und der nationalen Bourgeoisie. Das zweite ist: Die Strategie ist immer von der Entwicklung abhängig. Ich verweise nochmal auf Lenin zur „Junius-Broschüre“, das ist gleich im Band 22 hinter dem Imperialismus. Er verweist sehr deutlich darauf, wie sich Zeiten verändern können und plötzlich auch bei imperialistischen Ländern nationale Befreiungskriege möglich werden und dann wieder die Strategie geändert werden muss. Von daher plädiere ich dafür, dass man erst auf die Welt schaut und sagt, welche Umstände in den unterschiedlichen Ländern zu finden sind und welche Strategien sich daraus ergeben.

Aus diesen Erkenntnissen heraus können wir dann etwas dazu sagen, was uns in einem imperialistischen Land mit den Kämpfen verbindet, die Genossen und Völker in Halbkolonien, vom Imperialismus abhängigen Ländern und in sozialistischen Ländern führen. Wenn man sich einigen will auf eine Strategie, dann muss man auch erst die Unterschiede kennen, die es in den verschiedenen Ländern gibt, und verstehen, dass sie nicht alle in einen Topf geworfen werden können. Die Unterschiede müssen herausgearbeitet werden, damit man zusammenkommen und sich dann auf der Grundlage verständigen kann.

Richard Corell schreibt für die Kommunistische Arbeiterzeitung, die „Junge Welt“, die „Unsere Zeit“ und die „World Review for Political Economy“, die Zeitschrift der World Association for Political Economy (WAPE). Er hat Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaftslehre studiert und zuletzt an einer privaten Fachhochschule gearbeitet.

Imperialismus und die Spaltung der kommunistischen Bewegung

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Gastbeitrag von Yana (KPD)

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Wo genau liegt die Spaltung?

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Aufruhr in der kommunistischen Bewegung Deutschlands, Europas und Russlands. Aspekte kommen zum Vorschein und werden kontrovers diskutiert, die schon seit vielen Jahren geklärt werden sollten. Die militärische Operation, die Russland in der Ukraine angefangen hat, stellte plötzlich alle vor die Frage: Auf welcher Seite stehen wir eigentlich? Wie schätzen wir die Situation ein? Was sollen wir den Arbeitermassen sagen? Diese Fragen waren auch früher wichtig, weil nicht weniger wichtige Ereignisse z.B. im Nahen Osten stattgefunden haben, aber erst jetzt kommt wirklich Bewegung in die Diskussion. Und das Problem geht weit über die Einschätzung eines bestimmten Landes. Es geht nicht oder nicht nur um Russland. Es ist vielen klar geworden, dass auch die allgemeine Einschätzung des Imperialismus in den letzten Jahren vielleicht doch in einer Sackgasse gelandet ist. Ein klares und eindeutiges Verständnis vom Imperialismus ist nicht mehr vorhanden.

Das ist allerdings nicht bei allen Kommunisten der Fall. Die griechische Kommunistische Partei KKE hatte kein Problem damit, weil sie seit Jahren eine neue Theorie des Imperialismus ausgearbeitet hat. Und diese Theorie gibt ihr, wie es scheint, ein zuverlässiges Instrument, um jedes Ereignis in der Welt richtig einzuschätzen. Dank der großen Autorität der KKE auf der internationalen Ebene, sind viele Parteien und Kommunisten auch unter den Einfluss dieser Theorie geraten und halten sie für die einzig mögliche „Fortsetzung der Leninschen Theorie des Imperialismus auf moderner Ebene“.

Kurz zusammengefasst, betrachtet die Theorie der imperialistischen Pyramide den Imperialismus als Stadium des Kapitalismus, das jedes Land einzeln erreicht, solange dort Monopole gebildet sind und der Kapitalexport zum Vorschein gelangt. Faktisch heißt es, dass jedes oder fast jedes moderne kapitalistische Land auch gleichzeitig imperialistisch ist. Da die wirtschaftliche Stärke der Länder sich voneinander unterscheidet, bilden sie eine allgemeine „Pyramide“: Die Länder an der Spitze sind vorherrschend, an der Basis befinden sich ganz arme Länder (die dennoch auch imperialistisch sind).

Vasilis Opsimos (KKE) kritisiert in seinem Artikel „Lenins Theorie über den Imperialismus und ihre Verzerrungen“ (1) scharf die viele „Opportunisten“, die diese Theorie in Frage stellen. So schreibt er zum Beispiel:

„Charakteristisch für all diese Bemühungen ist das kontinuierliche sich Herausreden und die Trübung der Wasser, typisches Merkmal des Opportunismus, den Lenin selbst zu seiner Zeit gebrandmarkt hat. Sie lehnen es nicht nur ab historische Lehren zu ziehen, sondern sie verlassen den Boden der revolutionären Dialektik, der konkreten Analyse des konkreten Zustandes und kehren zu den verknöcherten Formen einer ‚modernen‘ menschewikischen, reformistischen Strategie zurück.“

Dieses Zitat dient einem Zweck: Zu zeigen, in welchem problematischen Ton die KKE generell diskutiert und wie die Kommunisten eingeschätzt werden, die es wagen, an der Theorie der KKE zu zweifeln.

Genosse Opsimos schreibt über das „opportunistische Gerede, das den Imperialismus angeblich als neues Stadium des Kapitalismus akzeptiert, aber im ‚System‘ des Imperialismus ‚imperialistische‘ und nicht imperialistische Länder unterscheidet.“ (Meine Hervorhebung, Y.). Außerdem kritisiert er scharf die praktischen Folgen: Die Möglichkeit der nationalen Befreiung und die möglichen Bündnisse mit der national orientierten Bourgeoisie in den ausgebeuteten Ländern.

Ich werde im Weiteren oft auf den Artikel von Gen. Opsimos zurückgreifen, nun aber schauen wir, wer sind denn diese Opportunisten, die es wagen, imperialistische Länder von nicht-imperialistischen zu trennen!

Chronologisch ist der erste dieser Opportunisten… Wladimir Iljitsch Lenin. Gen. Opsimos merkt auch selbst, dass Lenin in seinem berühmtesten Werk über den Imperialismus Kolonien und verschiedene Arten der Abhängigkeit (an den Beispielen Argentinien und Portugal) aufführt (10), und versucht es zu widerlegen, im Sinne, dass heute alles anders sei! Aber schauen wir auch auf andere Arbeiten von unserem Klassiker. Z. B. in seiner Rede beim II. Kongress der Komintern sagt Lenin folgendes:

„Was ist der wichtigste, der grundlegende Gedanke unserer Thesen? Die Unterscheidung zwischen unterdrückten und unterdrückenden Völkern. Wir heben diesen Unterschied hervor — im Gegensatz zur II. Internationale und zur bürgerlichen Demokratie. In der Epoche des Imperialismus ist es für das Proletariat und die Kommunistische Internationale besonders wichtig, die konkreten wirtschaftlichen Tatsachen festzustellen und bei der Lösung aller kolonialen und nationalen Fragen nicht von abstrakten Leitsätzen, sondern von den Erscheinungen der konkreten Wirklichkeit auszugehen. Das charakteristische Merkmal des Imperialismus besteht darin, daß sich, wie wir sehen, gegenwärtig die ganze Welt in eine große Zahl unterdrückter Völker und eine verschwindende Zahl unterdrückender Völker teilt, die über kolossale Reichtümer und gewaltige militärische Kräfte verfügen.“ (2)

Man kann nicht noch deutlicher sagen, dass genau die Unterscheidung zwischen der Minderheit der imperialistischen Länder und Mehrheit der unterdrückten Nationen (zu denen nicht nur Kolonien, sondern auch abhängige Nichtkolonien gehören!) eine bolschewistische Einstellung prägt.

In der gleichen Rede spricht Lenin ebenfalls über Bündnisse mit Bourgeoisie.

„Wir als Kommunisten müssen und werden die bürgerlichen Befreiungsbewegungen in den kolonialen Ländern nur dann unterstützen, wenn diese Bewegungen wirklich revolutionär sind, wenn ihre Vertreter uns nicht hindern, die Bauernschaft und die breiten Massen der Ausgebeuteten in revolutionärem Geist zu erziehen und zu organisieren. Sind dagegen diese Bedingungen nicht vorhanden, so müssen die Kommunisten in diesen Ländern die reformistische Bourgeoisie bekämpfen.“ (2)

Also sind laut Lenin Bündnisse mit der Bourgeoisie nicht ausgeschlossen, man muss aber immer konkret einschätzen, ob dieses Bündnis schädlich oder nützlich für die Arbeiterklasse sein könnte.

Es war auch später nicht anders. Im Laufe des 20. Jahrhundert wurde diese Haltung eigentlich kaum in Frage gestellt – außer durch die bürgerliche Wissenschaft, die diese Einstellung selbstverständlich nicht akzeptieren wollte. Stalin war in diesem Sinne auch ein Schüler Lenins und hat die Bewegungen der nationalen Befreiung unterstützt. Für ihn war es selbstverständlich, dass Länder sich in die imperialistischen und abhängigen unterteilen. Das prägt nicht nur viele seiner Reden und Schriften, sondern auch die praktische Tätigkeit. Er hat z. B. den chinesischen Kommunisten bis 1927 geraten, mit der bürgerlichen Kuomintang zusammenzuarbeiten, und selbst nach dem Verrat durch die nationale Bourgeoisie und grausamer Verfolgung der Kommunisten hat die Sowjetunion zwar erst die Verbindung zur Kuomintang abgebrochen, aber diese 1937 dennoch wiederhergestellt und hat sowohl die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) als auch die Kuomintang unterstützt. Es gibt zahlreiche Aussagen Stalins über die Zusammenarbeit der Kommunisten und der bürgerlichen nationalen Bewegung in China. So z. B. sagt er zu möglichen zukünftigen revolutionären Regierung Chinas:

„Die zukünftige revolutionäre Macht in China wird gegenüber der MacDonald-Regierung den Vorzug haben, dass sie eine antiimperialistische Macht sein wird. Es handelt sich nicht nur um den bürgerlich-demokratischen Charakter der Kantoner Regierung, die den Keim der zukünftigen allchinesischen revolutionären Macht bildet, sondern es handelt sich vor allem darum, dass diese Macht eine antiimperialistische Macht ist und gar nichts anderes sein kann, dass jedes weitere Vordringen dieser Macht einen Schlag gegen den Weltimperialismus bedeutet, folglich auch einen Schlag zugunsten der internationalen revolutionären Bewegung.“ (3, meine Hervorhebung)

Wer sind noch gleich die „Opportunisten“, die gemäß Genosse Opsimos (KKE), die kapitalistischen Länder nicht alle als imperialistisch betrachten?
Weitere „Opportunisten“ waren die führenden Persönlichkeiten von Korea und Kuba, die dennoch die erfolgreichen sozialistischen Revolutionen durchgeführt haben. Kim Jong Il (4) äußerte sich über den Neokolonialismus gegenüber den Ländern, die sich gerade vom kolonialen Joch befreit haben, so schrieb er in 1960 über die Republik Korea (Südkorea):

„Wegen der alten kolonialistischen Politik des japanischen Kolonialismus wies Korea früher das Antlitz eines kolonial abhängigen Staates auf, aber das heutige Südkorea, das der neokolonialen Politik der USA zu Opfer fällt, ist eine Kolonie unter der Maske eines ‚unabhängigen Staates‘.“

Laut Kim Jong Il wurden Kolonien in abhängige Länder umgewandelt und die koloniale Ausbeutung ging in versteckter Form weiter. Die Imperialisten exportieren Kapital und verhindern die Entwicklung der Nationalwirtschaft. Was für uns in Bezug auf die Ukraine interessant ist: „verwandeln sie in ihre Militärstützpunkte“ (ebenda, S. 140).

Aber die DVRK (Nordkorea) ist aus der Sicht der KKE ohnehin ein „revisionistisches“ Land. Vielleicht sagen z. B. die Kommunisten Kubas etwas anderes?

Che Guevara:

„Wir müssen uns daran erinnern, dass der Imperialismus, das letzte Stadium des Kapitalismus, ein Weltsystem ist, und eine globale Konfrontation notwendig ist, um ihn zu besiegen. Das strategische Ziel unseres Kampfes ist die Zerstörung des Imperialismus. Die Beteiligung unserer Völker, der Völker der rückständigen und ausgebeuteten Länder, muss unweigerlich zur Zerstörung der Versorgungsbasen des Imperialismus führen, dazu, seine Kontrolle über unsere unterdrückten Länder abzuschneiden: Länder, aus denen der Imperialismus heute sein Kapital bezieht, aus denen er billige Rohstoffe und billige Fachkräfte bezieht, wo billige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und wohin neues Kapital als Herrschaftsinstrument, Waffen und andere Mittel geschickt werden, um unsere totale Abhängigkeit aufrecht zu erhalten.“ (5, meine Hervorhebungen)

Man kann diese Liste unendlich erweitern.

Außerdem kann man sagen, dass die meisten erfolgreichen und mehrere beinahe erfolgreichen Revolutionen des 20. Jahrhunderts, im Unterschied zur russischen Revolution (obwohl es auch hier Besonderheiten gibt, auf die wir hier nicht näher angehen können), eher diejenigen waren, die von der Idee der nationalen Befreiung dominiert waren. Die Gruppe um Fidel Castro und seine revolutionäre Armee war keineswegs marxistisch, bestand größtenteils aus Bauern (die Arbeiterklasse Kubas war noch klein und wenig bedeutend), es gab nur einzelne Kommunisten (wie Che), und erst später nach dem Sieg der Revolution, unter dem Einfluss der Sowjetunion, wurde Kuba sozialistisch (was allerdings die weiteren Erfolge der Revolution bestimmte). In China, Vietnam und Korea waren die Motive zur nationalen Befreiung in den breiten Massen stärker ausgeprägt als die reine Aktivität des Proletariats in Richtung Sozialismus. Die kommunistischen Parteien der drei Länder verstanden es jedoch, Führungskraft der nationalen Bewegung zu sein. Man mag es unterschiedlich einschätzen, aber man muss diese Tatsachen mit offenen Augen betrachten. Und es gibt viel mehr von diesen Tatsachen.

Also: es gab im 20. Jahrhundert kaum Zweifel in der kommunistischen Bewegung an den Tatsachen, dass es imperialistische Länder, „ein Haufen Länder“ (nach Lenin) gibt, und sie genau deswegen imperialistisch sind, weil die anderen Länder zu deren Opfern wurden. So lehrte man es in der Sowjetunion und der DDR.

Diese Haltung zur neokolonialen Ausbeutung war völlig selbstverständlich in der ganzen kommunistischen Bewegung im 20. Jahrhundert. Auch in der kommunistischen Bewegung der BRD konnten wir keine anderen Vorstellungen finden. So beschrieb z. B. Michael Opperskalski die Situation in 21. Jahrhundert als Hegemonie der USA und der neu aufsteigenden imperialistische Macht, dem von der BRD geführten Europa (6), die sich die Rohstoffe der anderen Länder sichern wollen. Später hat er auch andere Zentren des Imperialismus betrachtet, z. B. Japan und Russland. Außerdem sprach M. Opperskalski über den Antiimperialismus. Antiimperialistischer Kampf wurde in kommunistischer Bewegung als sehr wichtig betrachtet. Die Autorin dieses Artikels war früher ein Mitglied in der heute nicht mehr existierenden Kommunistischen Initiative (KI), in der M. Opperskalski und F. Flegel als leitende Mitglieder wirkten. Zu dieser Zeit, ca. 2008 – 2015, haben wir Syrien unterstützt und Äquidistanz kritisiert, wenn angebliche Kommunisten z. B. im Rahmen der vom Imperialismus unterstützten sogenannten „grünen Revolution“ (2009) im Iran einen Regime Change mitunterstützen. Das taten wir, obwohl der Iran rechtskonservativ und antikommunistisch ausgerichtet ist, denn Iran stand für die Kommunisten damals auf antiimperialistischen Positionen. Wir haben auch das Vorgehen der BRD gegen das Volk Griechenlands während der Krise scharf kritisiert und dagegen gekämpft, was in den BRD-Medien als „Hilfe für die faulen Griechen“ dargestellt wurde. Für uns, Kommunisten der BRD, war das ein klarer imperialistischer Angriff der BRD auf Griechenland.

Nun stellt sich heraus, dass die Kommunisten Griechenlands generell den Begriff Antiimperialismus ablehnen und alle Länder mit kapitalistischer Wirtschaft auch als imperialistisch bezeichnen. Sie unterschieden sich quantitativ, in der Wirtschaftsstärke, aber nicht qualitativ voneinander. Da die KKE eine sehr angesehene Partei auf internationaler Ebene ist, stehen jetzt viele Parteien (darunter z.B. ebenfalls die sehr starke TKP) unter ihrem theoretischen Einfluss. Auch viele Kommunisten in der BRD sind unter diesen Einfluss geraten und lehnen nun jeglichen antiimperialistischen Kampf ab, wenn er nicht rein sozialistisch und proletarisch ist. In verschiedenen Diskussionen sollte die Autorin dieses Artikels sogar hören, dass auch Venezuela und Nicaragua eigentlich zu imperialistischen Ländern gehören sollen, da dort eben kapitalistische Wirtschaft vorherrsche. Und das äußerten sehr erfahrene leitende Mitglieder kommunistischer Parteien und Organisationen.

Aufgrund dessen, was in diesem Kapitel dargestellt wurde, kann man sagen, dass die Sicht, die durch die KKE vorgetragen wurde, absolut neu ist und nichts mit der Weiterentwicklung der Leninschen Imperialismustheorie im Laufe des 20. Jahrhundert zu tun hat. Um diese Theorie anzunehmen, müssten wir auf die ganze revolutionäre Erfahrung von Kuba, Korea, China, Vietnam und der Sowjetunion verzichten.

Wie wir sehen, es besteht ein sehr viel tieferer und grundlegender Gegensatz in der Bewegung als nur der aufgrund verschiedener Einschätzung eines einzelnen Landes (z. B. Russlands oder China) oder eines Krieges.

Und genau dieser massive Gegensatz sollte erst geklärt werden. Erst danach kann man wieder über Russland, Ukraine oder ein anderes einzelnes Land sprechen.

Anmerkungen zu Wissenschaftlichkeit

Der Marxismus ist dadurch gekennzeichnet, dass er im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Theorien streng wissenschaftlich sein soll. Wissenschaftlichkeit ist unser unbestrittenes Ziel. Aber was wird unter der Wissenschaftlichkeit verstanden?

1.    Diskussion

Ein Genosse aus der KPD schreibt zum Beispiel: „Kann man über den Charakter eines Krieges eine ‚Meinung‘ haben? Muss man nicht vielmehr mit dem Instrumentarium, das uns der Marxismus-Leninismus in die Hand gibt, die Realität wissenschaftlich entschlüsseln?“ Generell werden „Meinungen“ von manchen Genossen abgelehnt, weil ja die objektive Wahrheit existiert, die von der Wissenschaft erforscht wird.

Wenn wir aber von Wissenschaft sprechen, lässt diese immer verschiedenen Meinungen zu. Das gilt besonders für die noch wenig erforschten Gebiete, wie z. B. moderne Physik, die mehrere Theorien (zu „dunkler Materie“, „Strings“ usw.) betrachtet, weil sie noch keine fertige objektive Wahrheit über das Universum nachweisen konnten. Rudolf Virchow war der Meinung, dass die Tuberkulose durch die schlechten sozialen Bedingungen hervorgerufen wird, Robert Koch hat den Erreger der Tuberkulose entdeckt. Ihre Meinungen zur Entstehung der Erkrankung waren unterschiedlich und führten zu heftigen Streitigkeiten. Erst mit der Zeit wurde die objektive Wahrheit festgestellt, die lautete, dass beide Wissenschaftler Recht hatten.

Ja, es gibt eine objektive absolute Wahrheit, das Problem liegt aber darin, dass wir uns als Menschen ihr nur durch relative Wahrheiten, die Teile der absoluten Wahrheit enthalten, schrittweise annähern. Wissenschaft ist nur ein Versuch, diese Wahrheit festzustellen (s. auch „Dialektik der Natur“ von Engels). Darum sind verschiedene Meinungen notwendig, und die Wahrheit wird nur im Prozess einer wissenschaftlichen Diskussion, mit Beweisen und Experimenten, erkannt. Auch im Marxismus sind verschiedene Meinungen unvermeidbar, und ich würde nicht die Anhänger anderer Meinung sofort ohne weiteres als „Revisionisten“ oder „Opportunisten“ bezeichnen, ohne eine sachliche Diskussion mit ihnen zu führen.

2.    Autorität

Wissenschaftliche und politische Autorität sind sehr verschiedene Kategorien. Ja, eine politische Errungenschaft bedeutet im Marxismus so viel, wie ein erfolgreiches Experiment in einer Naturwissenschaft. Deswegen zählen wir Stalin sogar zum Klassiker, und Mao, Kim Il Sun und Kim John Il als sehr angesehene Theoretiker: genau, weil sie unbestrittene Erfolge auf politischer Ebene erzielten.

Dennoch wenn wir über Wissenschaft sprechen, sollen wir uns auch die theoretischen Ideen der politisch weniger erfolgreichen Persönlichkeiten anschauen. Auch die bürgerlichen Wissenschaftler, z. B. im Bereich Ökonomie sollen studiert und betrachtet werden. Das war beim Begründer des Marxismus auch der Fall: Marx hat sich stark mit den Theorien von Adam Smith befasst und sogar auf ihnen aufgebaut. Das Buch von Engels „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ ist auf der Grundlage einer Forschung von Lewis Morgan geschrieben. Morgan war eindeutig ein bürgerlicher Wissenschaftler. Lenin studierte für sein Buch über Imperialismus sehr viele bürgerliche Quellen und das Werk des späteren Opportunisten (ohne Gänsefüßchen!) Rudolf Hilferding.

Heute aber äußern einige Genossen, dass nur jene kommunistischen Wissenschaftler, die zu einer „richtigen“ (also nicht maoistischen, trotzkistischen oder revisionistischen) Partei angehören Recht haben dürfen und nur ihre Worte überhaupt berücksichtigt werden sollen. In einer Diskussion hat ein Genosse die Überlegungen eines marxistischen Philosophen aus sowjetischer Schule abgelehnt, mit der Begründung, dass dieser Philosoph im Moment nicht ein aktives Mitglied einer kommunistischen Partei sei und lediglich die politische Arbeit in einer Bildungsorganisation führe. So ein nicht ganz reiner Kommunist kann doch nichts beitragen, was von wissenschaftlichem Interesse sein könnte!

Das alles hat nichts mit Wissenschaft zu tun! Die Wissenschaft muss alles zulassen und jeder Meinung zuhören, ob sie von ideologischen Feinden oder sogar „nicht ganz richtigen“ stammt. Ansichten werden widerlegt oder erweitert, oder sie werden in die marxistische Sichtweise integriert. Aber jemanden generell ablehnen, weil er kein Marxist oder nicht richtiger Marxist ist, wäre unwissenschaftlich, hier zählt nur der Erkenntnisgewinn der Aussagen.

3.    Wissenschaftliche Qualifikation

Das Problem beim Marxismus ist, dass er eine sehr komplexe Wissenschaft ist. Um marxistische Aussagen machen zu können, sollte man mindestens Politikwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften vorher studieren, zusätzlich unbedingt Philosophie, Geschichte, Soziologie und weitere Disziplinen (je nachdem, welche Richtung des Marxismus wir betrachten). Das ist nicht machbar. Das verlangt auch keiner. Jede Disziplin in der modernen Welt ist komplex. Dennoch sollte man mindestens das Grundwissen von vielen Disziplinen haben und dazu ein grundlegendes tiefes Wissen der marxistischen Schriften und der Geschichte des Kampfes um den Sozialismus. Und was nicht weniger wichtig ist: Es sollten die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens erlernt werden, und diese Arbeit muss zuverlässig durchgeführt werden. Leider ist das oft nicht der Fall.

In bestehenden Diskussionstexten gibt es eine ganze Menge fehlerhafter Daten, die entweder veraltet sind oder aus falscher Quelle stammen. Wenn die Quelle gut ist, stellt sich oft heraus, dass der Autor einfach den Sinn dieser Daten nicht versteht oder falsch interpretiert hat.

Beispielsweise in der Ausgabe von Offensiv Juli-August 2022 kritisiert der Genosse Stiller (7) den Offensiv-Artikel von E. Cervi und A. Vicario aus der Ausgabe 2/2022 (8) für die unklaren Zahlenangaben, die mit anderen bekannten Quellen nicht übereinstimmen, für die ungenauen Angaben der Ränge der russischen Milliardäre und Unternehmen in der Forbes Liste. Außerdem stellt sich heraus, dass die angenommenen russischen „Kapitalexporte“ entweder an Offshore-Inseln oder westliche Banken erfolgen. Genosse Stiller merkt zurecht an, dass es sich bei den „Exporten“ eher um Casinokapital oder Steuervermeidung handelt, was strenggenommen eigentlich keine wissenschaftlichen Begriffe sind.
Ein weiteres Beispiel dafür finden wir in einem Brief der KKE an die RKAP, wo es heißt: „Das sagt man über Russland, die zweitgrößte Militärmacht der Welt“(20). An Militärausgaben steht aber Russland am 5. Platz zwischen Großbritannien und Frankreich (21), und wenn man viele anderen Kriterien berücksichtigt (auf die wir hier nicht näher angehen können), kann man Russland keineswegs als „zweitgrößte Militärmacht“ bezeichnen.  

Auch in anderen Artikeln werden oft Zahlen und Daten genannten, von denen entweder die Quelle unklar ist, oder die Bedeutung dieser Zahlen falsch interpretiert wird. Aber aufgrund des fehlenden Platzes werde ich jetzt nicht weiter darauf eingehen.

Des Weiteren versuchen die Anhänger der „richtigen, nicht-revisionistischen Theorie“ immer wieder festzustellen, ob ein Land imperialistisch ist. Obwohl es nach der Theorie der Pyramide eigentlich überflüssig ist: alle Länder bis auf Kuba sind ja in der Pyramide drin. Hier kann ich wieder auf den Artikel von Cervi und Vikario „Die Notwendigkeit der Klarheit über die ökonomische Struktur Russlands“ (8) verweisen, oder die Arbeit zu Ökonomischer Analyse Chinas (9). Die Methode dabei ist sehr einfach: man nutzt die fünf Merkmale des Imperialismus, die Lenin in seiner grundlegenden Arbeit (10) genannt hat und überprüft diese Merkmale in Bezug auf das entsprechende Land. Dabei wird ganz außer Acht gelassen, dass diese Merkmale von Lenin keineswegs als „diagnostische“ aufgeführt wurden und sie nicht ein einzelnes Land betrafen, sondern den Imperialismus als Stadium, das in der ganzen Welt aufgetreten ist. Da zwei der fünf Merkmale offensichtlich nicht nur ein Land betreffen (Abgeschlossene Teilung der Welt; Bildung der internationalen Konzerne), werden nur drei davon genutzt.

Warum gilt diese Methode als zuverlässige, um die imperialistischen Länder von den ausgebeuteten zu unterscheiden? Keine Antwort. Ich finde, dass diese Methode vor allem deswegen nicht relevant ist, weil sie

1. Das einzelne Land allein, ohne Zusammenhänge mit den anderen Ländern der Welt betrachtet, 2. Suggeriert, dass der Imperialismus ein Stadium der Entwicklung eines einzelnen Landes ist, dabei ist es nicht so, und nicht jedes Land der Welt muss z. B. zuerst feudal, dann kapitalistisch, dann imperialistisch werden. Vielmehr ist der Imperialismus ein ganzheitliches System, das verschiedene Glieder – Zentrum, Halbperipherie, Peripherie – einschließt, und ja, jedes Land gehört zu der imperialistischen Weltordnung, aber nicht jedes Land ist in dieser Ordnung der imperialistische Ausbeuter. Alle Länder spielen in dieser Weltordnung verschiedene Rollen.

Eine wissenschaftliche Arbeit braucht vor allem die Begründung ihrer Methoden. Diese Begründung fehlt aber in den oben genannten Beispielen; wenn in einer Diskussion gefragt wurde, warum diese Kriterien von Lenin überhaupt für die „Diagnose“ eines einzelnen Landes geeignet seien (ohne an diesen Kriterien generell zu zweifeln), kam als Antwort „Das ist einfach Revisionismus und Angriff auf die Grundlagen des Marxismus-Leninismus!“ Diese Aggression hat mit Wissenschaft auch nichts zu tun. Man muss sachliche Erklärungen der wissenschaftlichen Methodik erwarten!

Der Marxismus basiert in vielen Aspekten auf der Ökonomie. Die moderne Ökonomie ist aber sehr kompliziert, es ist kaum möglich, diese als Autodidakt zu begreifen und zu erlernen. Genau dadurch entstehen Fehler (wenn die Autoren zuverlässig sind und gute moderne Quellen finden, können sie trotzdem nicht immer die ökonomische Bedeutung, z.B. von BIP oder Staatsschulden begreifen). Ich verfüge auch über keine spezielle ökonomische Ausbildung oder Studium. Dennoch kann man ohne Ökonomie keine Analyse der Basis durchzuführen, also die Produktionskräfte und -verhältnisse einzuschätzen. Ich sehe hier einen Ausweg in der Spezialisierung. Es existieren marxistische Schulen der Wirtschaftswissenschaft, also Menschen, die gleichzeitig Ökonomie beruflich studiert haben und sich als Marxisten positionieren. Ich werde im Weiteren auf die Daten und Schlussfolgerungen dieser Schulen zurückgreifen, ohne die politische Meinung ihrer Repräsentanten unkritisch zu übernehmen.

Frage der Unterscheidung zwischen imperialistischen und ausgebeuteten Ländern

Die Theoretiker der KKE sind sich über die Existenz solcher ökonomischen Schulen bewusst. So schreibt Gen. Opsimos über die „Abhängigkeitstheorien“, mit denen er sich allerdings nicht so genau auseinandersetzen will, sie aber pauschal ablehnt.

Wie wir im ersten Teil gesehen haben, war aber das ganze 20. Jahrhundert politisch von dem Begriff der neokolonialen Abhängigkeit geprägt. Es sind auch viele Theorien erschienen, die auf verschiedene Weise die ökonomischen Mechanismen dieser Ausbeutung beschrieben haben. Das sind, einerseits, die Theorien der Weltsystemanalyse (Wallerstein, Braudel, Samir Amin), andererseits die Abhängigkeitstheorien (P. Baran, A.G.Frank).

Ihre Ansichten sind in vielen Aspekten unterschiedlich und können nicht unkritisch als „ideologische Grundlage“ aufgenommen werden. Dennoch sind diese Forschungen für das Verständnis des Imperialismus aus ökonomischer Sicht unentbehrlich.

Im Allgemeinen, nach modernen Vorstellungen, wird die Welt hier als „System“ betrachtet, das aus dem Zentrum und der Peripherie besteht. Zwischen Zentrum und Peripherie besteht ein nicht äquivalenter Tausch. Der Kapitalfluss strömt überwiegend aus der Peripherie zum Zentrum. Dies verursacht immer größeren Reichtum des Zentrums und eine Unmöglichkeit der Peripherie ohne politischen Kampf für die Unabhängigkeit, nur durch den Ausbau der Wirtschaft, sich weiterzuentwickeln: Dieser Ausbau wird von den Imperialisten künstlich gekürzt und gestoppt.

Die zentralen Länder investieren in die Wirtschaft der Länder der Peripherie, um dort möglichst hohe Profite zu erzielen. Aber auch die Arbeitsteilung selbst ist entscheidend für den nicht-äquivalenten Tausch.

So schreibt R. Dzarasov (11, meine Übersetzung).:

„Arbeitsintensive Produktion mit geringer Kapitalintensität (niedrige organische Kapitalstruktur) ist charakteristisch für die Peripherie des Weltkapitalismus, während die kapitalintensive Produktion mit einer hohen Kapitalausstattung der Arbeit (hohe organische Struktur des Kapitals) charakteristisch für das Zentrum ist. Dies kommt zum Ausdruck in der Struktur der Preise, welche höher sind als die Arbeitskosten für Produkte aus entwickelten Ländern und niedriger als die Arbeitskosten für die Erzeugnisse der unterentwickelten Länder. Dies bedeutet, dass die Volkswirtschaften der Peripherie der Welt gezwungen sind, einen beträchtlichen Teil des von ihren Arbeitern geschaffenen Arbeitswertes kostenlos den Volkswirtschaften des Zentrums zu überlassen. Dies ist das Wesen des nicht-äquivalenten Tauschs und der Ausbeutung der Peripherie des Weltkapitalismus durch sein Zentrum.“

Durch diesen von Dzarasov charakterisierten nicht-äquivalenten Tausch wird es erst möglich, dass sich in den zentralen Ländern eine Arbeiteraristokratie entwickelt, die auf Kosten der Arbeiter der globalen Peripherie etwas bessere Lebensbedingungen für sich durch legalen ökonomischen Kampf durchsetzen kann. Der Kampf der Arbeiter in der Peripherie hingegen wird überwiegend durch massive Repression unterdrückt. Dabei stehen diese Arbeiter unter einem doppelten Druck: einerseits ist das die Ausbeutung durch die eigene Bourgeoisie, andererseits, durch die Vermittlung von dieser eigenen (so genannten Kompradoren-) Bourgeoisie durch das ausländische Kapital.

Ich hoffe, wir müssen jetzt nicht den Begriff „Neokolonialismus“ und seine Geschichte und Bedeutung betrachten. Wenn dieser Bedarf weiterhin besteht, kann man dazu viel mehr schreiben. Es gibt Arbeiten, die speziell die Geschichte der Ausbeutung und Unterdrückung der Länder Afrikas oder Lateinamerikas durch die imperialistischen Zentren betrachten. Dies muss ich hier leider auslassen, in der Hoffnung, dass zumindest die größten Ereignisse in diesem Sinne allgemein bekannt sind.

Ich komme jetzt zu der Frage, die vielleicht am wichtigsten ist, auch in Betracht heutiger Ereignisse, und die Gen. Opsimos so formulierte:

„So ist es heute denjenigen, die auf der Unterscheidung der Länder in imperialistische und abhängige beharren, unmöglich, streng wissenschaftliche Kriterien für die Zuordnung zu diesen oder jenen zu liefern.“

Tatsächlich gibt es bereits solche streng wissenschaftlichen Kriterien, und ich werde sie jetzt aufführen.

Ich berufe mich im Weiteren auf die Arbeiten der russischen marxistisch-ökonomischen Schule, und genau gesagt, die von P. Dzarasov und O. Komolov. Der letzte ist ein Kandidat der Wirtschaftswissenschaften, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Plechanov-Akademie und politisch aktiv als Kommunist in „Rot Front“ (und hat übrigens andere Ansichten zur Spezialoperation Russlands als die Autorin dieses Artikels, also ist nicht politisch daran interessiert, ihre Notwendigkeit zu beweisen). Dennoch sind seine wissenschaftlichen Arbeiten hier von Bedeutung (Arbeiten von Komolov werden überwiegend im letzten Teil betrachtet).

R. S. Dzarasov (11) identifiziert vier Hauptelemente, die dem nicht-äquivalentem Tausch zugrunde liegen:

1) Preisstruktur – die Preise für die Produkte der Zentrumsländer steigen schneller als die der peripheren Volkswirtschaften;

2) technologische Unterschiede – die Produktion mit hoher Wertschöpfung ist in den Zentrumsländern angesiedelt, die mit niedriger Produktivität in der Peripherie;

3) Währungsbeziehungen – die nationalen Währungskurse der rückständigen Länder werden künstlich unterbewertet, was den Ressourcenfluss erleichtert, indem die Exporte angekurbelt werden;

4) Finanzströme – Einkommen aus der Peripherie wird in den entwickelten Volkswirtschaften investiert

Nach diesen Kriterien kann man recht einfach unterscheiden, ob das Land zum imperialistischen Zentrum oder zur Peripherie gehört. Es gibt Länder mit „starken“ und „schwachen“ Devisen und die Stärke einer Währung ist direkt mit der Lage im Weltsystem verbunden. Auch die Struktur der Wirtschaft lässt sich leicht erkennen. Die Länder in der Peripherie liefern Rohstoffe, Produkte der Landwirtschaft, also Produkte, die niedrigen Mehrwert haben (wie z. B. Walzerzeugnisse oder auch Bekleidung und Alltagsgegenstände). Die Produktion der Zentren hingegen ist teuer, komplex und akkumuliert die billige Arbeit aller vorherigen Teilnehmer des Produktionsprozesses, dadurch entsteht ein hoher Wert dieser Produktion. So arbeitet zum Beispiel ein Programmierer im kalifornischen Silicon Valley an Computern, die in Asien hergestellt wurden, die Rohstoffe zur Herstellung lieferten afrikanische Länder. Die Software, die der Programmierer produziert, ist teuer und beinhaltet die Werte aller Komponenten, die er dafür nutzt. Die Komponenten dagegen werden durch die billige Arbeit mit der geringen organischen Zusammensetzung (= viel körperliche Arbeit, wenig Automatisierung) des Kapitals geschaffen. Diese Arbeitsteilung zwischen den Ländern ist keineswegs ein „natürliches“ Phänomen, diese Arbeitsteilung wird durch politische Mittel (z. B. direkter politischer Druck, Farbenrevolutionen, regime changes, Putsch, Krieg) bewahrt.

Entscheidendes Kriterium ist aber der Fluss des Kapitals. Die Profite aus der Peripherie fließen zum Zentrum durch verschiedene Mechanismen: z. B. Staatsschulden, die ärmere Länder regelmäßig tilgen müssen. Oder Kapitalflucht: die Kompradorenbourgeoisie schafft die Kapitale aus dem Land und platziert sie in „sicheren“ imperialistischen Banken oder Steueroasen. Ein weiterer Aspekt ist die direkte Ausbeutung der billigen Arbeitskraft im Land der Peripherie durch ausländische Beteiligung an Kapitalen oder direkte ausländische Unternehmen. Das sind nur einige sehr verbreitete Mechanismen, die die Kapitalströme von der Peripherie zum Zentrum lenken. Das widerspricht (für die Puritaner!) keineswegs dem „Kapitalexport“ nach Lenins Definition, denn Kapital wird eben gerade dafür exportiert, um Profite zu erzielen, und diese Profite sind größer als das exportierte Kapital, und sie fließen in die andere Richtung.

So viel zum kurzen Exkurs zu den ökonomischen Grundlagen des modernen Imperialismus. Wohlgemerkt, die Theorien des Weltsystems und der Abhängigkeit sind unterschiedlich und teilweise verwirrend. Daran kann man vieles kritisieren. Dennoch ist das nach wie vor die einzige ökonomische, wirtschaftswissenschaftliche Orientierung, die imperialistische Beziehungen adäquat widerspiegelt. Die Theorie der imperialistischen Pyramide ist dagegen streng genommen eine politische und keine ökonomische Theorie. Der Marxismus hat kein anderes ökonomisches Instrument, um die Beziehungen in der heutigen Welt zu beschreiben. Und dieses Instrument, wie oben gezeigt, widerspricht keineswegs dem grundlegenden Werk von Lenin, sondern bestätigt ihn auf der neuen Ebene.

Nun kommen wir zu der Betrachtung des modernen Weltsystems.

Moderner Imperialismus

Die Genialität von Lenin besteht darin, dass er, obwohl 1916 in der Welt noch das koloniale System herrschte, alle weitere Entwicklungen in seinem Buch schon vorausgesagt hat. Nicht direkt und nicht als Prophezeiung. Aber er hat genau beschrieben, welche Formen der Abhängigkeit, außer direkter kolonialen Abhängigkeit, damals existierten.

Zuvorderst ist das die neokoloniale Abhängigkeit, die Lenin am Beispiel von Argentinien zeigte (10):

„Typisch für diese Epoche sind nicht nur die beiden Hauptgruppen von Ländern – die Kolonien besitzenden und die Kolonien selber -, sondern auch die verschiedenartigen Formen der abhängigen Länder, die politisch, formal selbständig, in Wirklichkeit aber in ein Netz finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit verstrickt sind. Auf eine dieser Formen, die Halbkolonien, haben wir bereits hingewiesen. Ein Musterbeispiel für eine andere Form ist z.B. Argentinien.

‚Das südliche Südamerika, insbesondere Argentinien‘, schreibt Schulze-Gaevernitz in seinem Werk über den britischen Imperialismus, ‚findet sich in solcher finanzieller Abhängigkeit von London, daß es fast als englische Handelskolonie zu bezeichnen ist.‘ Die in Argentinien investierten Kapitalien Englands schätzt Schilder auf Grund des Jahresberichtes des österreichisch-ungarischen Konsuls in Buenos Aires für 1909 auf 83/4 Milliarden Francs. Man kann sich leicht vorstellen, mit wie festen Banden infolgedessen das Finanzkapital Englands – und sein treuer ‚Freund‘, die Diplomatie – mit der Bourgeoisie Argentiniens und den führenden Kreisen seines gesamten wirtschaftlichen und politischen Lebens verknüpft ist.“

Nach der Befreiung der Kolonien sind die meisten in die beschriebene neokoloniale Abhängigkeit geraten, deren ökonomische Mechanismen oben bereits beschrieben wurden.

Andererseits beschreibt Lenin auch die andere bestehende Situation:

„Eine etwas anders geartete Form finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit, bei politischer Unabhängigkeit, bietet uns Portugal. Portugal ist ein selbständiger, souveräner Staat, aber faktisch steht es seit mehr als 200 Jahren, seit dem spanischen Erbfolgekrieg (1704-1714), unter dem Protektorat Englands. England verteidigte Portugal und dessen Kolonialbesitz, um seine eigene Position im Kampfe gegen seine Gegner, Spanien und Frankreich, zu stärken. Dafür erhielt England Handelsprivilegien, bessere Bedingungen beim Warenexport und besonders beim Kapitalexport nach Portugal und seinen Kolonien, die Möglichkeit, die Häfen und Inseln Portugals zu benutzen, seine Kabel usw. usf. Derartige Beziehungen zwischen einzelnen großen und kleinen Staaten hat es immer gegeben, aber in der Epoche des kapitalistischen Imperialismus werden sie zum allgemeinen System, bilden sie einen Teil der Gesamtheit der Beziehungen bei der ‚Aufteilung der Welt‘ und verwandeln sich in Kettenglieder der Operationen des Weltfinanzkapitals.

Diese zwei Formen, die von Lenin noch als seltene Ausnahmen charakterisiert wurden, sind heute in etwas modifizierter Form, vorherrschend auf der Erde. Die meisten Länder sind heute entweder abhängig nach dem Beispiel Argentiniens oder „Protektorate“ wie damals Portugal. Betrachten wir dieses System genau. So schreibt der marxistische Wirtschaftswissenschaftler Samir Amin(12)[1]:

„Der Zweite Weltkrieg führte zu einem bedeutenden Wandel in den Formen des Imperialismus, der eine Vielzahl von Imperialismen in ständigem Konflikt durch einen kollektiven Imperialismus ersetzte. Dieser kollektive Imperialismus ist ein Zusammenschluss der Zentren des kapitalistischen Weltsystems oder, einfacher ausgedrückt, eine Triade: die Vereinigten Staaten und ihre äußere kanadische Provinz, West- und Mitteleuropa und Japan. Diese neue Form des imperialistischen Expansionismus hat verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen, existiert aber seit 1945 ununterbrochen.“ (Meine Hervorhebung – Y).

Samir Amin erklärt diese Änderung durch die Notwendigkeit, der sozialistischen Welt und den Bewegungen der nationalen Befreiung in Asien und Afrika einen geschlossenen Widerstand entgegen zu stellen. In diesem Sinne waren zwischenimperialistische Widersprüche zweitrangig: nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Imperialismus angefangen, um seine bloße Existenz zu fürchten. Andere Autoren (darunter z. B. Kim Jon Il, s. 4) erklären die Entwicklung dieses geschlossenen imperialistischen Blocks durch die unvergleichbare Größe der USA, die aus dem Ausgang des 2. Weltkriegs gewaltige Vorteile zog, während alle anderen Länder mit Zerstörungen und Verlusten daraus hervorgingen.

Ich würde nicht über die „Abhängigkeit“ der BRD reden, im direkten Sinne ist die BRD nicht abhängig und beutet ihre eigenen „Neokolonien“ zuverlässig aus. Dennoch ist die Situation heute ganz anders als im Jahr 1914, und wenn jemand sagt, dass heute selbstverständlich ein Krieg zwischen, z. B. Deutschland und Frankreich, oder USA und Japan möglich ist, wäre das sehr realitätsfern. Diese Länder kämpfen nicht mehr direkt gegeneinander, sondern bilden einen „Kollektiven Imperialismus“. Diesen Begriff finde ich sehr gut, weil der oft erwähnte Begriff des „Kollektiven Westens“ eher an die Zivilisationstheorie denken lässt.

Das ist wiederum keine Bestätigung für die Theorie von Kautsky, falls jemand so denken sollte. Laut Kautsky sollten die nationalen Staaten die Bedeutung verlieren, es passierte aber genau das Gegenteil. In der DDR und UdSSR ging man mit damaligem Wissen davon aus, dass der Zusammenschluss der Imperialisten ein vorläufiges Phänomen ist, solange sie mit dem gemeinsamen Feind, also dem Weltsozialismus und den nationalen Befreiungsbewegungen ringen. Mit dem Wissen von heute im Jahr 2022 und der nackten Tatsache, dass die NATO sich trotz Wegfall des weltanschaulichen Todfeindes nicht aufgelöst, sondern sogar erweitert hat, kann man mit Fug und Recht trotz innerer Widersprüche (zeitweiliger Austritt Frankreichs aus der NATO, Streit um den Irakkrieg zwischen USA und Frankreich und BRD, Brexit, U-Boot Deal mit Australien zwischen USA und Frankreich, Streit um Sanktionen gegen China) davon ausgehen, dass dieser imperialistische Bund bestehen bleibt. Das Bündnis nutzt seine geballte Macht um potentielle Aufsteiger wie das kapitalistische Russland oder (noch gefährlicher für den Westen) China von vornherein unten zu halten, um sie präventiv daran zu hindern ebenbürtig zu werden.

Samir Amin schreibt weiter:

„Die blockfreien Staaten befinden sich also in einem Zustand der Konfrontation mit dem fast unteilbaren westlichen Block.“

Amin setzt noch diese wichtige Aussage hinzu:

„Die herrschende Klasse der Vereinigten Staaten erklärt offen, dass sie nicht zulassen wird, dass sich irgendeine wirtschaftliche oder militärische Kraft wieder durchsetzt, die ihr Monopol der planetarischen Vorherrschaft in Frage stellen könnte, und hat sich daher das Recht gegeben, Präventivkriege zu führen. Drei Hauptgegner könnten ins Visier genommen werden – Russland, China, Europa.“ (12)

Es ist wahr, dass in der Welt, neben den „kollektiven Imperialisten“ auch andere aufsteigende „Kandidaten“ für die imperialistische Rolle existieren. Aber wie weit sind sie in diese Rolle vorgedrungen, und wie realistisch sind ihre Chancen?

China kommt der Rolle des konkurrierenden Imperialisten mit seiner starken Wirtschaft am nächsten.

Nehmen wir an, China hätte sich mit den USA militärisch angelegt.

Auf der Abbildung 1 sehen wir den direkten Vergleich zwischen den Armeen Chinas und der USA. Sie ist allerdings noch sehr unvollständig. Hier werden z.B. nicht die Militärstützpunkte der USA berücksichtigt, das heißt, Positionen, über die die USA direkt an den Küsten Chinas verfügt (umgekehrt existieren keine chinesischen Stützpunkte in der Nähe der USA). Dennoch kann man schon einige Punkte vergleichen:

Abbildung 1.

Vergleich des Militärs der USA und China 2015  
Vergleich wichtiger Militäreinheiten der USA und China im Jahr 2015  
 USAChina
Soldaten13812502333000
Interkontinentalraketen45062
Artillerie742913380
Kampfpanzer28316540
Kampfflugzeuge31301866
Bomber157150
Kampfhubschrauber902200
Flugzeugträger101
Kreuzer, Zerstörer, Fregatten8873
Atomsprengköpfe*7000260

Quelle: 13.

Auch ein Vergleich der Militärausgaben ist aufschlussreich. Die USA gaben 2021 801 Milliarden Dollar aus, China im Vergleich 293 Milliarden Dollar (14). Wie wir sehen können, ist China den USA in einigen Bereichen sogar voraus, etwa bei Panzern und Artillerie, sowie bei der Truppenstärke. Allerdings ist China viel schwächer bei der Luftwaffe, Flugzeugträgern, Raketen und Atomsprengköpfen.

Das klingt für China auf den ersten Blick nicht so schlecht, allerdings wird China beim direkten Konflikt gegen die USA allein gegen den „kollektiven Imperialismus“ stehen. Es besteht kein Militärblock z. B. mit Russland. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) ist keinerlei „Alternative“ NATO (geschweige denn BRICS). Es bestehen keine militärischen Abkommen und Verpflichtungen, die Russland zwingen, China militärische Hilfe zu leisten (und auch umgekehrt).

Gegen China werden dann sowohl die NATO, als auch der neue Block AUKUS, der Australien einschließt, kämpfen. Wie groß sind heute die Chancen Chinas gegen alle diese Kräfte zusammen?

Warum konnte China in Taiwan nicht sofort eingreifen, als dort provokativ Ms Pelosi gelandet ist? Selbst die kleinsten Schritte innerhalb der eigenen Einflusssphäre (rechtlich gesehen gehört Taiwan sogar zum eigenen Territorium!) darf sich dieser „Imperialist Nummer 2“ nicht erlauben.

Dass auf der Erde ein kollektiver Imperialismus existiert, können wir gut am Beispiel des aktuellen Kriegs beobachten. Selbst der engste Verbündete Russlands, Belarus, der als „Mittäter“ auch unter Sanktionen steht, leistet keine militärische Hilfe. Kein einziger belorussischer Soldat unterstützt Russland. Es gibt nur Gerüchte, dass Iran vielleicht Russland einige Drohnen verkauft, oder auch nicht, und diese Gerüchte sorgen schon für Riesenaufruhr. Russland steht ganz allein gegen den kollektiven Imperialismus, dessen Mitglieder nicht nur seit Februar 2022, sondern bereits seit acht Jahren Waffen in die Ukraine liefern und dort Soldaten ausbilden.

Nicht nur die Kommunisten der KKE glauben sinngemäß an „mehrere imperialistische Zentren, die sich auf Augenhöhe bekämpfen, genau wie 1914“. Auch Putin sprach kürzlich häufiger über die „Multipolare Welt“, die nichts anderes bedeuten würde als die Situation der Vergangenheit, die des Anfangs des 20. Jahrhunderts. Das ist aber nur Wunschdenken der russischen und chinesischen Regierungen.

Nichts ist unmöglich. Aber im Moment sind wir sehr weit von dieser „multipolaren“ Welt auf Augenhöhe entfernt.

Eher werden Krisen von unvorstellbarer Kraft die westliche Welt erschüttern, und eher entsteht ein neuer Sozialismus aus dieser Auseinandersetzung, als dass die Verhältnisse aus dem „guten alten“ 1914 so zurückkehren. Oder eben eine Vernichtung in einem Atomkrieg, denn eher provozieren oder entfachen die Mitglieder des „Kollektiven Imperialismus“ einen Atomkrieg, als dass sie „Autoritäre Regime gewinnen“ lassen (übersetzt: die anderen Kandidaten zu gleichwertigen imperialistischen Zentren werden lassen).

Deswegen ist in der heutigen Welt kein Krieg zwischen imperialistischen Kräften nach dem Muster von 1914 möglich. Denn der „Kollektive Imperialismus“ lässt die anderen Länder nicht mal zu Kandidaten für diese Rolle aufsteigen. Sie werden beim Abflug abgeschossen. Noch beim Versuch, aus der Abhängigkeit rauszukommen. Das ist nicht vergleichbar mit den Versuchen der deutschen Imperialisten im Jahr 1914 und in den 1930ern sich verspätet noch Kolonien anzuschaffen und einen Platz neben Großbritannien und Frankreich zu sichern: Deutschland war bereits ein imperialistisches Land (1914 hatte es auch Kolonien, aber „zu wenige“ für seinen Heißhunger nach neuen Märkten). Es war keineswegs abhängig, vielmehr war Russland und eine Reihe europäischer Länder von deutschem Kapital abhängig. Und die Aggression des deutschen Imperialismus war eine imperialistische Aggression. Heute existiert nirgendwo auf der Welt eine vergleichbare Situation, sondern nur Versuche, sich politisch unabhängig zu machen und gegen den kollektiven Imperialismus vorzugehen. Also ein antiimperialistischer Kampf (später mehr dazu).

Politische Folgen

Die politische Widerlegung der Theorien der Weltsystemanalyse, die Gen. Opsimos aufgeführt hat, ist folgende:

„[Diese Theorien] ignorieren die Ausbeutung, die die große Masse der Arbeiterklasse und der armen Bevölkerungsschichten in den entwickelten kapitalistischen Ländern erleidet und die quantitativ (als Prozentsatz und als Masse des Mehrwerts) voluminöser ist als jeder ‚Tribut‘, der durch die Monopolgewinne von der ‚Peripherie zum Zentrum‘ hingeht. Diese Form steckt die Arbeiterklasse in den mehr entwickelten Ländern mit den Ausbeutern in einen Sack und behindert objektiv den gemeinsamen Kampf der Arbeiterklasse auf globaler Ebene.“ (1)

Mir sind leider die Arbeiten nicht bekannt, die quantitativ die Größe der Ausbeutung der Arbeiter in den zentralen Ländern und der Monopolgewinne aus der Peripherie vergleichen. Also lassen wir es stehen. Aber dieser Vergleich wäre leider sehr unvollständig. Einer der Mechanismen der imperialistischen Ausbeutung besteht eben darin, dass in der Peripherie die Rohstoffe, Landwirtschaftsproduktion und andere Produktion mit niedrigem Mehrwert produziert wird, während die zentralen Länder die komplexe Produktion mit hohem Mehrwert leisten. Ein Hollywood-Film oder ein Düsenflieger kostet mehr und bringt mehr Profit als ein T-Shirt oder ein Laptop. In dieser komplexen Produktion können heimische qualifizierte Arbeiter für ihre Ausbeuter im Zentrum viel mehr Profit bringen als Kinder im Kongo, die mit ihren Händen Cobalt abbauen. Selbst die miserabelsten Bedingungen in Deutschland, wie Hartz IV und der Niedriglohnsektor, sind für ein Kind aus dem Kongo verhältnismäßig erstrebenswert, wie die Flüchtlingsströme in Richtung Westeuropa Zeugnis geben.

Hier schlägt uns Genosse Opsimos vor, dass wir einfach die Augen vor den realen Tatsachen verschließen und mit Scheuklappen weiterhin sagen, dass die Arbeiter in allen Ländern gleiche Lebensbedingungen und gleiche Probleme haben. Das widerspricht aber nicht nur den realen Tatsachen, sondern auch Marx und Engels, die den Begriff „Arbeiteraristokratie“ eingeführt haben, mit dem Hinweis, dass die bessere Lage von englischen Arbeitern durch die koloniale Ausbeutung anderen Ländern ermöglicht wird.

So heißt es bei Engels: (15)

„Solange Englands Industriemonopol dauerte, hat die englische Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grad teilgenommen an den Vorteilen dieses Monopols. Diese Vorteile wurden sehr ungleich unter sie verteilt; die privilegierte Minderheit sackte den größten Teil ein, aber selbst die große Masse hatte wenigstens dann und wann vorübergehend ihr Teil. Und das ist der Grund, warum seit dem Aussterben des Owenismus es in England keinen Sozialismus gegeben hat.“

Lenin schreibt noch schärfer darüber:

„Nun hat aber die ausgedehnte Kolonialpolitik für das europäische Proletariat zum Teil eine solche Lage geschaffen, dass die Gesellschaft als Ganzes nicht von seiner Arbeit, sondern von der Arbeit der fast zu Sklaven herabgedrückten kolonialen Eingeborenen lebt. Die englische Bourgeoisie z. B. zieht aus den Millionen und aber Millionen der Bevölkerung Indiens und anderer Kolonien größere Profite als aus den englischen Arbeitern. Unter solchen Verhältnissen entsteht in bestimmten Ländern eine materielle, ökonomische Grundlage für die Ansteckung ihres Proletariats mit dem Kolonialchauvinismus.“ (16)

Auch während des Großen Vaterländischen Krieges fragten die Menschen in der UdSSR die Parteipropagandisten: warum haben die deutschen Arbeiter uns, das erste sozialistische Land, angegriffen?! Das ist doch gegen ihre Klasseninteressen, und sie verfügen doch über ein sehr gutes Klassenbewusstsein? Vielleicht sollen wir jetzt lieber in nationalen Kategorien denken? Selbst die Propagandisten konnten damals nicht immer diese Frage beantworten.

Die richtige Antwort bestand darin, dass der deutsche Imperialismus den Faschismus hervorgerufen und den Arbeitern versprochen hat, auf Kosten der „minderwertigen“ Völker ihr wunderschönes Traumreich aufzubauen. Damit waren die Faschisten leider erfolgreich! Mit der Ideologie der „Volksgemeinschaft“ auf Kosten der „Untermenschen“ gelang es den deutschen Faschisten die Masse von skeptisch bis feindlich gesinnten Arbeitern nach Ausschaltung ihrer führenden Kraft, also der Kommunisten und widerständigen Sozialdemokraten, zu neutralisieren und wohlwollender zu stimmen. Ein wesentliches Element, die Arbeiter gefügig zu machen, war sicher auch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, freilich durch die massive Hochrüstung zur Vorbereitung auf die Revanchekriege. Solange der Krieg im Sinne der deutschen Eroberer verlief, konnte sich so manche vorher gedrückt lebende Existenz an der Front im Sinne der „Volksgemeinschaft“ austoben und dort eine Art von individuellem Erfolg und Reichtum als Sklavenhalter über die minderwertigen „Wilden“ erzielen. Wer vorher in Deutschland nie etwas zu melden hatte, konnte als Besatzer immer noch jedes Mädchen haben. Allerdings: Das sowjetische Volk wollte nicht zu den neuen „Indianern“ werden und hat sich gegen den imperialistischen Angriff zur Wehr gesetzt.

Führt dieses Verständnis zur Spaltung der Arbeiterklasse? Das erinnert mich an die Ausführungen von männlichen Chauvinisten: man darf nicht über die besondere Ausbeutung der Frau reden, weil die Männer sich eben beleidigt und unterschätzt fühlen, und das spaltet die Arbeiterklasse! Aber in der westeuropäischen Bewegung ist das kein Problem (das ist eher ein Problem der einigen russischen Kommunisten), weil es für alle klar ist: die männlichen Proletarier müssen einfach einsehen, dass Frauen noch größere Probleme haben, und das ist eine reale, gut nachweisbare Tatsache.

Genauso sehe ich als Arbeiterin in einem Land des imperialistischen Zentrums absolut kein Problem, zu erkennen, dass die Arbeiter in anderen Ländern noch schlechter leben, weniger essen, sogar hungern, weniger medizinische Hilfe und soziale Leistungen bekommen! Das macht unseren Gewerkschaftskampf nicht weniger nötig, aber es liegt an uns, den Arbeitern des Zentrums, besondere Verantwortung und Bereitschaft, die Proletarier der Peripherie solidarisch zu unterstützen und ihre Probleme und doppelte Ausbeutung zu verstehen.

Wer zur internationalen Solidarität nicht bereit ist, darf kein Kommunist werden!

Warum ist es eigentlich wichtig, diese Unterscheidung zwischen den Staaten des Zentrums und der Peripherie zu erkennen?

Der Unterschied liegt in der Taktik. Lenins Theorie der imperialistischen Ausbeutung gibt bestimmte strategische und taktische Empfehlungen. Es gilt, einen antiimperialistischen Kampf, der gegen den kollektiven Imperialismus unter Führung der USA gerichtet ist, generell zu unterstützen, auch wenn er von einem bürgerlichen Regime geführt wird. Innerhalb des peripheren Landes müssen die Kommunisten eine Taktik auswählen, je nachdem ob die Regierung anti- oder prokommunistisch ist und je nachdem, ob diese Regierung im Antiimperialismus konsequent ist.

Die Arbeiterklasse ist immer konsequenter antiimperialistisch als die Bourgeoisie, deswegen müssen die Kommunisten das gegenüber dem Volk offenlegen und die Regierung dazu drängen, konsequent in diesem Kampf zu sein, und auch selbst diesen Kampf, neben dem „normalen“ Klassenkampf führen. Es gibt Begriffe wie „Kompradoren-Bourgeoisie“ und „national orientierter Bourgeoisie“, „Nationale Befreiung“ und „Unabhängigkeitskampf“, auch Nationalismus kann bis zu einem gewissen Grad links und progressiv sein (solange es Nationalismus einer wirklich unterdrückten Minderheit ist), und so weiter. Der Kampf in abhängigen Ländern unterscheidet sich in vielen Hinsichten vom Kampf in den zentralen Ländern.

Was bietet uns die Theorie der KKE an? Unabhängig von dem vorhandenen Klassenbewusstsein, muss man gemäß der Pyramidentheorie immer die bürgerliche Regierung bekämpfen, auch dann, wenn das z. B. wie in Belarus oder Venezuela auch prowestliche Kräfte der Farbenrevolutionen und der regime changes immer wieder versuchen. Das heißt, sich mit diesen „Ratten“ solidarisieren und dem kollektiven Imperialismus in die Hände spielen. Das ist eine sehr fragliche Strategie mit wenig Fingerspitzengefühl! Solange es nur um die revolutionären Parolen und Plakate geht, ist es auch in Ordnung, das stört ja keinen. Wenn man aber mit ganz konkreten Massen arbeiten will, wird es sehr fraglich. Sollen die Arbeitermassen in Venezuela, z. B. sich mit Guaidó solidarisieren und mit der „Opposition“ zusammen zu Kundgebungen gegen die Regierung der Chavisten gehen? Auch wenn sie dabei ihre eigenen Plakate und Flugblätter mitbringen. Ebenso fragwürdig wären auch Parolen, die Maduro und Guaidó gleichsetzen und dazu auffordern „Weder Maduro noch Guaidó!“.

Ich zeige es nun konkret am Beispiel Donbass. Die Menschen dort spüren sehr deutlich die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die ihnen mit Rückendeckung aus den imperialistischen Zentren, mit den Händen des ukrainischen Militärs und Faschisten, angetan werden. Sie sind erfüllt von dem Gefühl, die Heimat und sich selbst, ihre eigene Identität und einfach ihr eigenes Leben verteidigen zu müssen. Dafür brauchen sie keine Propaganda. Die Propaganda in westlichen und ukrainischen (für sie verfügbaren!) Medien stellt sie als „prorussische Separatisten“ und gar „Faschisten“ dar, nimmt ihnen jedes moralische Recht, sich selbst zu verteidigen. Ihnen wird auch der eigene Willen und Subjektivität nicht zugestanden, sie sind ja nur „prorussische Agenten“.

Dann gibt es sogar Kommunisten wie die der KKE, die diese Erzählung des kollektiven Imperialisten blind übernehmen und sinngemäß etwa folgendes sagen: „Ihr seid doch nur Handlanger des anderen Imperialisten (der eigentlich genauso schlimm ist), mit einer sogenannten Volksrepublik in Gänsefüßchen, also ist euer Kampf nicht gerechtfertigt. Geht nach Hause, schließt Frieden mit den ukrainischen Faschisten (Wie auch immer man dauerhaft Frieden mit Faschisten schließen kann, vielleicht durch die freiwillige Aufstellung von Bandera Denkmälern?) und versucht lieber ein bisschen mehr Lohn durch die Gewerkschaft zu erkämpfen, das ist der richtige Weg. Vielleicht in 50 Jahren lernt ihr endlich, dass man sich kollektiv verteidigen kann, bekommt eine organisierte Arbeiterbewegung nach unseren Vorstellungen, und dazu noch eine richtige kommunistische Partei ohne revisionistische Abweichungen, und dann ok, dann sagen wir vielleicht, dass euer Kampf gerecht und richtig ist!“

Ups. Wenn das Kommunismus ist, dann bin ich ganz eindeutig keine Kommunistin. Ich will zu den Reihen gehören, wo unsere gefallenen Kämpfer Alexey Mozgovoj (überhaupt kein Kommunist) und Alexey Markov-Dobryi stehen! Wo noch einige im Kampf gefallene oder noch lebende Kommunisten und Nicht-Kommunisten stehen. Ich will da hingehören, wo gerade Geschichte geschrieben wird.

Ich will in die Reihen gehören, wo mal Che, Allende, Ho Chi Minh, Sankara und Lumumba und Kim Il Sung standen.

In die Reihen des antiimperialistischen Widerstandes!

Wie schon erwähnt: Wenn die Kommunisten in den zentralen Ländern nicht anerkennen, welche mehrfachen Probleme das Proletariat in den Ländern der Peripherie hat, wie sollen sie solche Erscheinungen wie Migration (sehr aktuell!) oder „Farbenrevolutionen“ einschätzen? Wie können die Genossen der KKE dann überhaupt erklären, dass einige Länder hochentwickelt, und andere rückständig sind? Vielleicht wiederholen sie die Lügen der deutschen Medien über die „faulen Griechen“: angeblich sind Griechen nicht so fleißig wie die Deutschen, und so kommen sie zu ökonomischen Problemen? Die Theorie des Weltsystems (oder der Abhängigkeit) lässt verstehen, warum gerade Griechenland, die europäische Halbperipherie, während der letzten großen Wirtschaftskrise so ausgequetscht wurde. Es ist aber davon auszugehen, dass die Genossen spätestens dann selbst darauf kommen, wenn sie nach einer Erklärung für den Hunger in Afrika suchen, dass hier offensichtlich imperialistische Ausbeutung die Ursache ist. Jede andere Erklärung wäre rassistisch.

Anderenfalls wäre mir absolut unklar, wozu die KKE dann sonst überhaupt einen Begriff wie „Imperialismus“ bräuchte? Es wäre sonst ja genug zu sagen, dass alle Länder kapitalistisch sind, und dass ein kapitalistisches Land, wenn es eine gewisse Stärke hat, immer eine aggressive Politik führt. Und wir müssen eben „einfach“ gegen alle Kapitalisten vorgehen und auf der Seite der Arbeiterklasse stehen, und gut ist!

Russland

Im letzten Teil komme ich zu dem eigentlichen Auslöser der heutigen Denkkrise: Russland mit seiner Spezialoperation und der darauf folgende Wirtschaftskrieg des Westens.

Die Diskussionen der letzten Jahre um Russland haben sich immer um die gleichen Probleme gedreht: eine Seite behauptete, dass Russland ein angehender imperialistischer Riese ist (und dabei die drei von fünf Lenins Merkmale von allen Seiten massiv mit Zahlen zugebombt). Die andere Seite schien eine emotionale Neigung zu Russland zu haben und erklärte Russland für „nicht-kapitalistisch“, fast sozialistisch, „Dritter Weg“, „Genosse Putin“, „In Russland steht die Politik über der Ökonomie“ und weitere verwirrende Aussagen. Der zweite Standpunkt schien mir sehr realitätsfern (und er ist es auch immer noch!), und ich habe daher eher zu dem ersten geneigt.

Um die wahre Position Russlands im heutigen Weltsystem zu erkennen, möchte ich wieder zu den Arbeiten von Oleg Komolov greifen. In Gänsefüßchen sind meine direkten Übersetzungen aus seinem Artikel (17). Alle Hervorhebungen habe ich gemacht. Im Artikel gibt es viel Grafiken und Tabellen, die ich hier nicht aufführe, da sie auch übersetzt werden müssen und den Artikel noch weiter unnötig aufblähen, und jeder Interessierte kann neben diesen Grafiken auch die Quellen von Komolov im Artikel selbst mit Hilfe automatisierter Übersetzungen wie Google Translate oder DeepL ansehen.

Komolov betrachtet den Begriff der Kapitalabwanderung, der die Kategorien Kapitalexport, Flucht oder Ausfuhr umfasst.

„Unter Kapitalexport versteht man traditionell die Ausfuhr von Kapital ins Ausland in Geld- oder Warenform zur Steigerung der Profite, welche zur Stärkung der wirtschaftlichen und politischen Position und zur Ausweitung des Ausbeutungsbereichs durchgeführt werden.“

Diese Erklärung steht dem Begriff, den Lenin in seiner Arbeit „Imperialismus als das höchste Stadium des Kapitalismus“ verwendet hat, nahe. Russland hat auch Kapitalexport.

„Die größten russischen Unternehmen und transnationalen Konzerne investieren aktiv im Ausland, erwerben Vermögenswerte und kämpfen dafür, ihren Anteil auf ausländischen Märkten zu erhöhen. Zum Beispiel investiert PJSC Gazprom 102,4 Milliarden Rubel in das Nord Stream-2-Projekt [3]. Der Bestand an Auslandsaufträgen der Rosatom Corporation belief sich Ende 2016 auf 133 Milliarden US-Dollar [4]. Insgesamt beliefen sich die kumulierten ausländischen Direktinvestitionen Russlands im Ausland Ende 2016 auf 335,7 Milliarden US-Dollar [5].“

(Die in eckigen Klammern markierten Quellen kann man im Artikel von Komolov sehen, s. Literaturliste).

Übrigens, hier merken wir schon, dass der ganze Export von Gasprom eigentlich für die Katz war, Nord Stream 2 bringt keinen Profit.

„Der Kapitalexport ist charakteristisch für die entwickelten, starken Volkswirtschaften, die Kapital ins Ausland schicken, um es dort gewinnbringend einzusetzen.

In diesem Fall wird das Exportland einen ständigen Nettokapitalzufluss haben, wobei jeder exportierte Dollar einen Gewinn von zum Beispiel 10 Cent einbringen wird. Die seit Jahrzehnten anhaltenden Nettokapitalabflüsse aus Russland deuten jedoch darauf hin, dass diese Gewinne entweder im Ausland bleiben und nicht in die russische Wirtschaft zurückkehren oder nicht ausreichen, um den ‚nicht-investiven‘ Kapitalabfluss aus dem Land zu kompensieren. Darüber hinaus können solche Investitionen als Mittel zur Verlagerung von Vermögenswerten aus dem Land in Offshore-Zonen genutzt werden. So, gemäß der Zentralbank von Russland, im Jahr 2014. Russland beschert der Wirtschaft der britischen Jungferninseln mehr als 82 Mrd. $ in Form von direkten Investition 6], was dem 77-fachen des jährlichen nominalen BIP dieses Landes entspricht [7].

Natürlich können solche Auslandsinvestitionen nicht dem Kapitalexport zugeschrieben werden.“

Des Weiteren existieren noch Kapitalabfluss und -abwanderung (die sich nur durch die Geschwindigkeit und Motivation unterscheiden). Sie entstehen dadurch, dass die Eigentümer versuchen, ihr Vermögen an zuverlässigere Orte zu bringen.

Es existiert in der kommunistischen Bewegung der BRD die Legende, dass die Kapitalflucht in Russland mit dem Ende der 1990er, durch das Durchgreifen Putins, größtenteils aufgehört habe (8). Komolov zeigt, dass dem nicht so ist.

„In Russland hat sich die Kapitalflucht besonders in den Jahren 2008 und 2014 verschärft. In beiden Fällen sah sich das Land mit einem Anstieg der Inflation, einem Rückgang der Verbrauchernachfrage und Massenkonkursen von Unternehmen konfrontiert. Dies ging einher mit einer hohen Volatilität der Wechselkurse, Abwertungserwartungen und steigenden Zinssätzen. In diesen beiden Jahren zog sich der private Sektor aus der Wirtschaft 285 Mrd. USD.“

„Einigen Schätzungen zufolge, macht der Kapitalabfluss ohne Bezug zur normalen Geschäftstätigkeit und mehr auf ihre Verheimlichung ausgerichtet ist, etwa 70 % aller Vermögenswerte aus, die die russische Grenze überschreiten.“ [11, S. 114]

„Wohin fließt das russische Kapital? In den letzten Jahrzehnten wurden (und werden) russische Vermögenswerte hauptsächlich im Ausland gelagert – in 42 klassischen Offshore-Zonen, die in der offiziellen Liste der russischen Zentralbank [12] aufgeführt sind (dazu gehören vor allem exotische Inselstaaten), sowie ‚Offshore-Pipeline‘-Länder [13, S. 8] (Vereinigtes Königreich, Niederlande, Irland, Schweiz, Zypern, Liechtenstein, Luxemburg), die als Umschlagplätze dienen.«

„Um den Anteil der Offshore-Unternehmen am gesamten Kapitalabfluss aus Russland zu ermitteln, wenden wir uns den Statistiken über die russischen Auslandsinvestitionen (Direkt- und Portfolioinvestitionen) zu. Nach Angaben der russischen Zentralbank entfielen in den letzten zehn Jahren rund 70 % der Auslandsinvestitionen auf Offshore-Anlagen. Die meisten von ihnen gingen in Offshore-Länder, während der Anteil der Inselstaaten Offshore in diesem Zeitraum auf 10 % im Jahr 2017 gesunken ist (Abbildung 2).

Diese Situation spiegelt zweifellos den ungesunden Zustand der russischen Wirtschaft wider. Auch die Behörden auf höchster Ebene sprechen über dieses Thema.“

(Die russische Regierung versucht Maßnahmen zu treffen, um das Kapital zurück ins Land zu holen, diese Maßnahmen sind aber ineffektiv).

„Fünf Jahre sind seit der Kriegserklärung an das Offshoring vergangen, aber die Ergebnisse der Deoffshorisierungs- und Rückführungspolitik können nicht als erfolgreich bezeichnet werden. Die russische Wirtschaft verliert weiterhin jährlich Dutzende von Milliarden Dollar, und 2017 lag der Offshore-Anteil des Kapitalabflusses bei über 82 %. Gleichzeitig ist der nominale Rückgang des Nettokapitalabflusses in den letzten Jahren vor allem auf einen starken Rückgang der Deviseneinnahmen aus Rohstoffexporten und eine fast zweifache Abwertung der russischen Landeswährung gegenüber dem Dollar zurückzuführen.“

Auf diese Weise zeigt Komolov, dass der Abfluss und die Abwanderung des Kapitals in Russland den Kapitalexport massiv übersteigen. Des Weiteren erklärt er den Mechanismus, mit dessen Hilfe speziell die russische Wirtschaft ausgebeutet wird. Die Wirtschaften der Peripherie konkurrieren gegeneinander beim Verkauf, in diesem Fall, von Rohstoffen. Komolov:

„Eines der wirksamsten Instrumente in diesem Kampf (um die Märkte) ist die bewusste Politik der Peripheriestaaten, die nationalen Währungen unterzubewerten, was zu günstigen wirtschaftlichen Bedingungen für Exporteure führt. Wie M.V. Ledneva hervorhebt, sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Peripherie und dem Zentrum des Weltkapitalismus dafür zu sorgen, dass die westlichen Länder (in denen 16 % der Weltbevölkerung leben) 85 % der natürlichen Ressourcen der Welt verbrauchen [22, S.46]. Im Allgemeinen besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Entwicklungsstand des Landes und dem Grad der Abweichung des nominalen Wechselkurses der Landeswährung von der Kaufkraftparität (KKP) zum US-Dollar (Abb. 3).“

„Bis 2014 hatte sich die Handelsbilanz der Russischen Föderation mehr als verdreifacht, nämlich von 60 Milliarden auf 190 Milliarden US-Dollar [25]. Der massive Zufluss von Petrodollars auf dem Devisenmarkt konnte einen erheblichen Druck auf den Rubelkurs ausüben und dessen Wachstum anregen…  Diese Situation verschlechterte die Lage der russischen Exporteure und zwang die Regierung, Maßnahmen zur Eindämmung dieses Wachstums zu ergreifen.

Der stetig sinkende nominale effektive Wechselkursindex, der nur durch die bewusste Einflussnahme der großen Akteure zustande kommen konnte, ist ein deutlicher Hinweis darauf.

Unter diesen Umständen ist der umfangreiche Nettokapitalabfluss aus der russischen Wirtschaft ein positiver Faktor für die Regierung, der das Angebot an Dollar auf dem Devisenmarkt reduziert, um damit die Aufwertung der Landeswährung zu begrenzen. Darüber hinaus hat der russische Staat in all den Jahren selbst aktiv Kapital aus dem Land abgezogen, und zwar in nicht geringerem Umfang als der private Sektor. Zu diesem Zweck haben die Regierung und die Zentralbank zwei Hauptinstrumente eingesetzt: Aufbau von Währungsreserven und Tilgung der Staatsschulden.

Wie aus den obigen Zahlen hervorgeht, fungiert der Staat als aktives Subjekt des Kapitalabflusses aus Russland. Und als der Privatsektor aufhörte, Vermögenswerte aus der heimischen Wirtschaft abzuziehen (2006-2007), tat der Staat dasselbe. In dieser Zeit begann die Zentralbank mit dem zügigen Aufbau von Reserven – um die auf den russischen Devisenmarkt gelangten Dollars zurückzukaufen und so ihr Angebot zu senken. Diese Mittel wurden dann zu einem großen Teil in den Kauf von Wertpapieren der westlichen Welt investiert.

Die russische Regierung hat auch in Wertpapiere der Industrieländer investiert. Zwischen 2007 und 2013 stiegen beispielsweise die Investitionen Russlands in US-Staatsanleihen von 8 Milliarden Dollar auf 164 Milliarden Dollar…

Dieses Geld arbeitet nicht in Russland, es wird nicht in die Entwicklung der heimischen Wirtschaft investiert, sondern im Gegenteil in die Wirtschaft der westlichen Länder, ohne aufgrund der niedrigen Zinssätze, die heute im Westen gelten, große Gewinne für den Anleger zu bringen. Ein weiteres Instrument für den Abzug von Dollar-Guthaben aus der Wirtschaft ist die Begleichung von Auslandsschulden durch den Staat. Im Jahr 2000 beliefen sich die Auslandsverbindlichkeiten des russischen Staates auf 149 Mrd. USD, im Jahr 2017 hatte sich diese Summe auf 51 Mrd. USD geschrumpft [27].

Indem sie in Fremdwährung getätigt werden, ist ihre Rückzahlung auch ein wichtiges Instrument zur Entlastung des inländischen Devisenmarktes. Kombiniert man beide Kanäle des Kapitalabflusses aus Russland (privat und staatlich), so stellt man fest, dass der Gesamtabfluss von Vermögenswerten aus der heimischen Wirtschaft periodengerecht steigt (Abb. 6).

Addiert man diese Zahlen nach Jahren, erhält man den Betrag der Nettokapitalabflüsse aus der russischen Wirtschaft in den letzten zwanzig Jahren. Diese beliefen sich auf mehr als 1 Billion Dollar.

Daher kann die Regierung den Kapitalabfluss nicht als negativen Faktor für das Funktionieren des russischen Wirtschaftsmodells ansehen. Im Gegenteil, der private Sektor hilft der Regierung, ein wichtiges wirtschaftspolitisches Ziel zu erreichen, das typisch für periphere und semi-periphere Länder ist, nämlich die nationale Währung auf einem unterbewerteten Niveau zu halten. Doch was bedeutet dies für die russische Wirtschaft?

Letztlich macht die Unterstützung eines bestimmten Wechselkurses ein Land weder reicher noch ärmer. Sie ist lediglich ein Instrument zur Umverteilung von Vermögenswerten zwischen den Wirtschaftsakteuren. Wenn der Rubel unterbewertet ist, werden den Importeuren Vermögenswerte entzogen: die normalen Verbraucher, die ausländische Waren kaufen, leiden, sowie die eigene Produktion: das verarbeitende Gewerbe und insbesondere Landwirtschaft mit einem hohen Anteil an importierten Maschinen, Düngemitteln, Saatgut usw. Die russischen Exporteure (und das sind 70 % der Rohstoffunternehmen) schwimmen in Rubelliquidität….

Nach Angaben der FCS, entfielen im Jahr 2016 47 % der russischen Importe auf Maschinen und Ausrüstungen und 18 % auf Chemikalien [29]. Und das sind Traktoren und Mähdrescher, Transportmittel und Werkzeugmaschinen, Düngemittel und Chemikalien – die wichtigsten Bestandteile der Produktionskosten von Gütern des täglichen Bedarfs. Gleichzeitig sind die Rohstoffindustrien zu den wichtigsten Profiteuren des billigen Rubels geworden. Der Anteil von Erdöl und Erdgas an den Inlandsausfuhren liegt selbst bei einem zweifachen Rückgang der Preise für diese Rohstoffe jetzt bei 60 %. Die Rohstoffsektoren konnten aufgrund der hohen Rentabilität einen steigenden Anteil der Investitionen in der heimischen Wirtschaft absorbieren, der für die Erschließung neuer Felder erforderlich ist [30, S. 18]. Die privilegierte Stellung der Rohstoffindustrie aufgrund des unterbewerteten Rubels führt dazu, dass es rentabler wird, Brennstoffe zu exportieren als sie im Inland zu verkaufen. Dies führt zu einer Verknappung des Angebots auf dem heimischen Markt und zu einem zusätzlichen Anstieg der Preise für Brennstoffe und Energieerzeugnisse auf dem Inlandsmarkt. Der unterbewertete Rubel verringert die Effizienz bei der Aufnahme von Fremdwährungskrediten und schwächt Russlands Rolle als Investor in der Weltwirtschaft, da ausländische Vermögenswerte zu teuer werden.

Zusammenfassend stellen wir fest, dass Kapitalabflüsse für die Volkswirtschaften der globalen Peripherie, die in nicht-äquivalenten Austauschbeziehungen zu den Industrieländern stehen, typisch sind. Da Russland als Rohstofflieferant Teil des globalen kapitalistischen Systems bleibt, scheint der Kampf gegen die Kapitalflucht sinnlos und vergeblich. Auch die immer häufigeren Forderungen nach Rückgabe von Gold und Devisenreserven, die in Wertpapieren ausländischer Staaten angelegt sind, lassen Zweifel aufkommen. Wenn das derzeitige sozioökonomische Modell beibehalten wird (dominiert von rohstoffbasierten Industrien und Öffnung für den Weltmarkt durch die WTO-Mitgliedschaft) würde das Land nur einen Rückgang der Exporteinnahmen und Haushaltsungleichgewichte erleiden.

Es ist nicht möglich, ein Element zu ändern und gleichzeitig das System unverändert zu lassen. Der Kampf gegen den Kapitalabfluss aus Russland muss mit der Ausarbeitung einer neuen Strategie für die Entwicklung der nationalen Wirtschaft und ihrer Reindustrialisierung einhergehen. Verwendung von Planungsmechanismen, wirtschaftlicher Aufschwung in Russland. Der Staat sollte seine Ressourcen auf einige der wichtigsten Branchen konzentrieren, Industrien, vor allem wissensintensive Industrien. In diesem Fall wird die Einbehaltung des abfließenden Kapitals aus Russland zu einer Quelle von Startinvestitionen, und die Stärkung des Rubelkurses wird es ermöglichen, diese Industrien schnell und billig mit moderner Ausrüstung auszustatten.

Durch die Stärkung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit dieser Industrien wird Russland die Möglichkeit haben, in einer neuen Rolle auf dem Weltmarkt aufzutreten und sich mit Produkten zu versorgen, die es derzeit in großen Mengen importiert. Bleibt es jedoch bei der derzeitigen sozioökonomischen Strategie, die in erster Linie auf den Schutz der Interessen der Rohstoffkonzerne abzielt, so ist die Umsetzung einer solchen Regelung zweifelhaft.“

Dieser lange und umständlich übersetzte Bericht war zur wissenschaftlichen Erklärung der Entwicklung der russischen Wirtschaft notwendig. Nach den westlichen Sanktionen sehen wir nicht zufällig, dass der Rubel plötzlich gegenüber Dollar und Euro stark gewachsen ist (von 80 – 90 im Februar, bis zu 60 und früher sogar 50 Rubel für einen Dollar). Die Mechanismen der Absenkung des Rubels haben aufgehört zu wirken (nun werden sie wiederhergestellt, nach Angaben von Komolov selbst, deswegen sehen wir kein weiteres Wachstum der russischen Devisen – Russland exportiert Rohstoffe weiter und soll zugunsten der Exporteure den Rubel unten halten).

Somit ist Russland ein typischer Staat der kapitalistischen Peripherie. Obwohl keine schwarz-weiße Sicht möglich ist, denn es gibt auch Kapitalexporte und Kapitalfluss nach Russland, der Kapitalabfluss aber doch deutlich überwiegt, und die Position als Lieferant billiger Rohstoffe für Europa ist alles andere als gesund und bereichernd für das russische Volk. Putin hat diese Situation keineswegs verändert, und bereits in der späten Gorbatschow-Sowjetunion war die Rolle der Rohstoffexporteur nicht prinzipiell anders (18), aber in der UdSSR gab es natürlich keinen Kapitalabfluss in westliche Banken, sowie auch kein Privateigentum auf diese Kapitale.

In Russland herrscht eine Kompradoren-Bourgeoisie, Rohstoff-Könige, die sehr wenig an der territorialen Integrität und Unabhängigkeit Russlands interessiert sind. Auch wenn die Russische Föderation auf viele kleine Subjekte geteilt und komplett ausgeplündert wird, auch wenn ausländische Unternehmen direkten Zugang zu Öl und Gas bekommen, erhalten diese Oligarchen trotzdem ihren Anteil an Profiten und werden damit zufrieden sein. Sie haben Villen und Schlösser im Westen, ihre Kinder haben westliche Bildung bekommen und fühlen sich ohnehin weniger als Russen, mehr als westliche Weltbürger. Ein Teil der hohen Beamten verhält sich genauso und bedient die Interessen von diesen Kompradoren.

Es gibt allem Anschein nach eine andere Fraktion von Beamten um Putin, die eine relativ selbständige Politik Russlands unterstützt. Die Putin-Regierung versucht alternative Verbündeten zu finden und auch gewisse soziale Errungenschaften zu erhalten (obwohl hier gibt es auch Einbußen, wie z. B. Erhöhung des Rentenalters oder „Optimierung“ der Bildung und Medizin).

Ausgehend aus den bekannten Fakten der Umkreisung Russlands durch die NATO (hier kann ich auf den hervorragenden Artikel des Genossen Kissel der KO verweisen, 19) und generell aggressiver Politik und Rhetorik, kann man schließen, dass die heutige Situation in Russland für den kollektiven Imperialisten unzureichend ist. Die reichen Ressourcen dieses Landes sollen noch billiger und ganz ohne Bedingungen verkauft werden, womöglich möchten die US-Konzerne einfach selbst die Kontrolle übernehmen und Russland nach Belieben zerlegen. Genau deswegen wurde die Ukraine und teilweise auch eine Reihe anderen Nachbarländern zu einem „Militärischen Stützpunkt“ (4) gegen Russland verwandelt.

Zu den politischen Voraussetzungen und Einzelheiten um die Spezialoperation wurde bereits viel geschrieben, und ich will das hier nicht wiederholen.

Fazit

Aus dem, was oben geklärt wurde, ist eindeutig klar, dass:

  1. Russland ein Land der imperialistischen Peripherie ist, ihre Wirtschaft wird ausgebeutet und hat wenig Möglichkeiten, sich zu entwickeln, die Profite aus Russland fließen überwiegend zum kollektiven Imperialisten.
  2. Die russische Regierung führt dennoch eine selbständige Politik und will zumindest politische Unabhängigkeit, territoriale Integrität und ein gewisses Lebensniveau für das Volk erhalten.
  3. Die eigene Großbourgeoisie ist in großen Maßen eine Kompradorenbourgeoisie und steht auf der Seite des kollektiven Imperialisten.
  4. Die Krise in der Ukraine wurde seit 2014 und eigentlich noch viel früher von den Diensten des kollektiven Imperialisten vorbereitet, mit dem Ziel, Russland politisch in die Schranken zu weisen und es nach Möglichkeit auch so zu zerlegen, dass es nicht mehr selbständige Entscheidungen treffen kann (keine Atomwaffen, keine große Armee, Territorien teilen usw).
  5. Es gibt keinen Zweifel, dass die Politik der westlichen Imperialisten und der NATO höchst gefährlich auch für die Arbeiterklasse Russlands ist. Der oben beschriebene „Sieg“ über Russland und die Entnahme seiner Unabhängigkeit bedeutet auch eine massive Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse, ökonomisch und politisch (Stichwort „Dekommunisierung“).
  6. Die Arbeiterklasse der Ukraine leidet jetzt bereits mindestens seit 2014 unter dem faschistischen und komplett abhängigen Regime (Ähnliches würde der kollektive Imperialist auch gerne in Russland sehen.) Neben einer sehr schlechten sozialen Lage, Antikommunismus und teilweise (insbesondere im Osten und Süden) faschistischem Terror, gab es nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums sogar biologische Experimente an Menschen durch biologische Testanlagen der NATO. Selbstverständlich bringt auch der aktuelle Krieg ein enormes Elend über das ukrainische Volk. Die Beendigung dieses Krieges ist sehr wünschenswert. Aber da der Krieg bereits ausgebrochen ist, soll er dann beendet werden, wenn die Interessen aller beteiligten Völker – die von Russland, vom Donbass und von der Ukraine – geschützt werden, und nicht im Interesse des kollektiven Imperialisten, der unter dem Vorwand von „Kindertränen“ (Dostojewski) sehr gerne die Krim und den Zugang zur Schwarzmeerküste, die reichen Ressourcen von Donbass und Tavrida und in der Perspektive auch die Zerlegung Russlands und seine vollständige Abhängigkeit bezwecken möchte.
  7. Dieser Krieg kann nicht als „zwischenimperialistisch“ bezeichnet werden, weil gerade die größte russische Bourgeoisie nicht an diesem Krieg interessiert ist, was auch durch die zahlreichen Äußerungen der Oligarchen und die Abwanderung z.B. von Chubais, Prochorov und anderen Superreichen belegt werden kann. Das ist nicht der Krieg, den „russische Imperialisten“ führen, sondern der Krieg der national orientierten Bourgeoisie und patriotischen Beamten bei großer Unterstützung des Proletariats (75% Unterstützung nach Umfragen, große Bewegung der Freiwilligen).

Das ist ein antiimperialistischer Verteidigungskrieg.

  • Die weltweiten Ambitionen der Imperialisten werden durch diesen Krieg ausgebremst. In diesem Sinne ist jede Äquidistanz, jede Verurteilung Russlands als „auch Aggressor“ und „auch Imperialist“ ein Verrat an der internationalen Solidarität.

Literaturverzeichnis

  1. Vasilis Opsimos (2017): Lenins Theorie über den Imperialismus und ihre Verzerrungen. KOMEP, Heft 02/2017, Übersetzung: Franz Holzer
  2. Lenin Werke, Band 31, S. 228. „Bericht der Kommission für die nationale und die koloniale Frage“.
  3. Stalin Werke, T.7, S. 189. „Über die Perspektiven der Revolution in China“.
  4. Kim John Il, Ausgewählte Werke T 1.  August 1960-Juni 1964
  5. Ernesto Che Guevara. „Botschaft des Kommandanten Che Guevara an die Völker der Welt, vermittelt durch die Trikontinentale“, 1966.
  6. Michael Opperskalski. „Einige Thesen zur sogenannten „Neuen Weltordnung“, in: „Imperialismus und anti-imperialistische Kämpfe in 21. Jahrhundert“, 28/29 Oktober 2020, Hrsg: Offensiv.
  7. Stiller, „Kritik zu Notwendigkeit der Klarheit über die ökonomische Struktur Russlands“ in: Offensiv 04-2022.
  8. E.Cervi, S.Vicario „Die Notwendigkeit der Klarheit über die ökonomische Struktur Russlands“ in: Offensiv 02-2022.
  9. F. Flegel, J. Geppert „Ökonomische Analyse Chinas“, 2019.
  10. W.I. Lenin. „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, 1916. Verfügbar Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus [Inhaltsverzeichnis] (mlwerke.de), letztes Mal geprüft 25.08.2022.
  11. Дзарасов, Р. С. Развитие в современном мире. Возможен ли национально ориентированный капитализм? / Р. С. Дзарасов // Экономика мегаполиса и регионов. – 2013. – № 1(48). – С. 8–35.
  12. Самир Амин. Американский империализм, Европа и Ближний Восток. 2004. Verfügbar: Самир Амин. Американский империализм, Европа и Ближний Восток (archive.org) letztes Mal geprüft 25.08.2022.
  13. Statista.de. USA und China – Vergleich des Militärs 2015 | Statista
  14. Statista.de de.statista/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten-militaerausgaben/
  15. Friedrich Engels. „Vorwort zu englischer Ausgabe (1892) der „Lage der arbeitenden Klasse in England“. Verfügbar unter Friedrich Engels – Vorwort zur englischen Ausgabe (1892) der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ (mlwerke.de)  letztes Mal geprüft 25.08.2022.
  16. W.I. Lenin „Der internationale Sozialistenkongress in Stuttgart“. Verfügbar unter: Wladimir I. Lenin 19071102 Der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart – Sozialistische Klassiker 2.0 (google.com)    letztes Mal geprüft 25.08.2022.
  17. О. Комолов. «Отток капитала из России в контексте мир-системного анализа». Verfügbar unter: Отток капитала из России в контексте мир-системного анализа – тема научной статьи по экономике и бизнесу читайте бесплатно текст научно-исследовательской работы в электронной библиотеке КиберЛенинка (cyberleninka.ru)
  18. Внешняя торговля СССР. Внешняя торговля СССР | Проект «Исторические Материалы» (istmat.org)
  19. Ph. Kissel. „Zur Kritik der „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland“.

Verfügbar unter: Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland | Kommunistische Organisation


[1] Da ich diesen Text nur auf Russisch finden konnte, gebe ich ihn hier in meiner Übersetzung.

Interview: „Im Donbass kämpfen die Menschen gegen ein faschistisches Regime“

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Interview mit Renate Koppe (DKP) über die Volksrepubliken und ihre
Entwicklung sowie über die Rolle Russlands und die Militäroperation. Der Podcast zum Nachhören findet sich hier.

Der Situation vom Februar 2022 ging eine geplante Invasion der ukrainischen Armee in den Donbass voraus. Dann hat die Anerkennung der Volksrepubliken stattgefunden und auch der militärische Beistand durch die Russische Föderation. Wie war die Lage in den Monaten vor dem Februar 2022? Stand ein Angriff der ukrainischen Armee bevor und was hätte das bedeutet?
 
Bereits vor der Anerkennung hat sich die Lage verschlechtert. Gut war sie nie. Ab Februar 2022 hat der Beschuss stark zugenommen und ukrainische Truppen wurden am Donbass konzentriert. Ab diesem Moment ist die Lage eskaliert. Es gibt viele Hinweise, dass ein Angriff bevorstand. Die ukrainische Regierung hat auch immer wieder angekündigt, dass eine militärische Rückeroberung durchaus zu ihren Optionen gehört – im Übrigen auch der Krim. Ein Erlass der Regierung Selensky vom Frühjahr 2021 sah das vor. Wenn die ukrainische Armee den Angriff hätte ausführen können, wäre die Lage jetzt katastrophal, weil es ihnen möglicherweise gelungen wäre, die Front weiter in den Großraum Donezk zu schieben. Ich bin allerdings keine Militärexpertin und daher nicht in der Lage, das umfassend zu bewerten.
 
Viele linke Organisationen, darunter auch wir, haben die Militäroperation nicht kommen sehen, manche hatten Hoffnung, dass es zu Verhandlungen kommt. Aber man konnte ja auf der russischen Seite auch Militärbewegungen beobachten. Wie hast du das gesehen?
 
Es gab vorher Militärbewegungen auf russischer Seite. Es gab in der Oblast Rostow zusätzliches russisches Militär. Das heißt aber nicht automatisch, dass es auch eingesetzt wird. Viele, auch die Menschen vor Ort, hatten die Hoffnung, dass die Ukraine damit an den Verhandlungstisch gezwungen werden kann. Als die Russische Föderation die Volksrepubliken anerkannt hatte und gleichzeitig die Freundschafts- und Zusammenarbeitsverträge einschließlich militärischer Unterstützung unterzeichnet wurden, da war mir schon irgendwie klar, dass zumindest im Donbass russische Truppen sein werden.
 
Neben der geplanten Invasion in den Donbass seitens der Ukraine spitzte sich auch die Aggression der NATO mit der Diskussion um die Aufnahme der Ukraine in die NATO, mit zehn geplanten NATO-Manövern in der Ukraine und weiteren Provokationen zu. Russland hat auf Verhandlungen gedrängt und verschiedene Vorschläge gemacht, die aber alle einfach abgewatscht wurden. Gleichzeitig wurde die militärische Drohkulisse der NATO ständig erhöht. War die Anerkennung der Volksrepubliken durch die Russische Föderation lediglich ein Vorwand für Russland, um zu intervenieren oder was ist wirklich die Bedeutung der Anerkennung der Volksrepubliken?
 
Die Anerkennung hat es natürlich erst mal über einen völkerrechtlichen Vertrag ermöglicht, dort einzugreifen. Das ist auch nichts, was aus dem Nichts kam. Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) fordert schon seit 2014, dass das Ergebnis der beiden Referenden anerkannt werden muss und damit auch die Anerkennung der Volksrepubliken als souveräne Staaten. Eine Begründung war, dass dann die Möglichkeit besteht, die Bevölkerung zu schützen. Wie der Schutz dann aussieht, wurde offengelassen. Das hängt schließlich auch davon ab, wie sich die Verhandlungssituation in so einem Fall entwickelt. Ich halte es deshalb nicht für einen Vorwand, sondern eher für einen Punkt, an dem die russische Regierung auch ein wenig von Links getrieben worden ist.

Es ist zudem nicht der einzige Grund für das Eingreifen – da geht es nicht nur um den Donbass. Die Ukraine ist seit 2014 zu einem Brückenkopf, einer Speerspitze gegen die Russische Föderation ausgebaut worden. Das war der Sinn hinter dem vom Westen stark unterstützten Putsch im Jahr 2014. Seit 2021 war die offizielle Doktrin der ukrainischen Regierung, dass auch die Krim – wenn nötig – militärisch erobert werden soll.

Insgesamt ist es meines Erachtens so, dass der Imperialismus Russland wieder in einen abhängigen Zustand bringen will, wie es auch nach 1991 unter Jelzin der Fall gewesen ist. Diese verschiedenen Aspekte – also die Frage des Donbass und die Bedrohung Russlands – kann man nicht trennen. Dazu kam die Ankündigung der Ukraine auf der Münchner Sicherheitskonferenz, wieder ein Atomwaffenstaat zu werden, indem Selensky die Aufkündigung des Budapester Memorandums angedroht hat. Das hat Selensky kaum aus einer Laune heraus gesagt, das war mit den NATO-Ländern abgesprochen.

Aber geht es hier nicht auch um Einflusssphären, Rohstoffe und die Vergrößerung des Einflussgebiets der RF unter anderem durch die Forderung, dass die Volksrepubliken Teil der Russischen Föderation werden?
 
Der Wunsch, dass die Republiken Teil oder Mitglied der russischen Föderation werden, ist vorhanden und wird in den Volksrepubliken breit unterstützt. 2014 haben viele gehofft, dass die Referenden ein erster Schritt sind, um so vorgehen zu können wie die Krim. Das ist damals nicht möglich gewesen, denn die russische Regierung wollte das nicht. Es gibt das Interesse Russlands, dass das Nachbargebiet nicht unter NATO-Einfluss kommt und zu einem NATO-Aufmarschgebiet wird, das ist richtig. Aber für Russland geht es nicht darum, imperialistische Interessen zu vertreten, sondern seine eigene Souveränität als Nationalstaat behalten zu können und nicht zu einer Halbkolonie herabzusinken. Russland ist in weiten Teilen vom Westen abhängig. Etwa 60% der russischen Großindustrie stehen unter Einfluss von westlichem Kapital. Da stellt sich mir die Frage, was wäre dann überhaupt ein so genannter russischer Imperialismus?

„Russland geht es nicht darum, imperialistische Interessen zu vertreten, sondern seine eigene Souveränität als Nationalstaat behalten zu können und nicht zu einer Halbkolonie herabzusinken.“

Ein Land, das teilweise halbkolonial abhängig ist, kann nicht als imperialistischer Player gesehen werden. Natürlich ist es ein kapitalistisches Land. Natürlich gibt es dort auch Monopole – aber diese haben einen anderen Charakter. Sie sind entstanden durch die Aneignung des ehemaligen sozialistischen Eigentums durch die Oligarchen und eine Kompradorenbourgeoisie. Natürlich liegt der Erhalt der nationalen Souveränität im Interesse eines großen Teils des russischen Kapitals, allerdings nicht des gesamten Kapitals. Ein Teil der russischen Oligarchen, die sehr westlich orientiert sind und großen Einfluss haben, steht dem Militäreinsatz keineswegs freundlich gegenüber.

Es gibt in der Ukraine Rohstoffe, allerdings ist die Russische Föderation ein sehr rohstoffreiches Land. Ich glaube nicht, dass ein solcher Krieg von einem Land mit so vielen Rohstoffen geführt werden würde, nur um Rohstoffe zu gewinnen. Und in den Donbass müsste erstmal ganz viel Geld reingesteckt werden, unmittelbarer oder mittelfristiger Profit ist da nicht zu erwarten.

Ich sehe hier tatsächlich einen Krieg zur Verteidigung der eigenen nationalen Souveränität und das liegt keineswegs nur im Interesse des Kapitals. Zu verhindern, dass ein Land in einen kolonialen Abhängigkeitsstatus gerät, liegt in einem nicht-imperialistischen, kapitalistischen Land nicht nur im Interesse der Bourgeoisie. Die Kampfbedingungen werden in einem solchen Abhängigkeitsstatus für die Arbeiterklasse nicht besser.
 
Kommen wir zu einem weiteren Gegenstand der Diskussion in der kommunistischen Bewegung. Es wird gesagt, dass die Verteidigung des Donbass gerechtfertigt sei, aber die Militäroperation darüber hinaus – das heißt in andere Gebiete der Ukraine – nicht. Was würdest du dazu sagen, Renate?
 
Ja, diese Diskussion gibt es auch in unserer Partei. In unserem Parteitagsbeschluss vom Mai haben wir das erstmal als Dissens formuliert und nicht versucht, diese Frage durch eine Kampfabstimmung zu lösen, was ich auch gut finde. So löst man solche Fragen nicht, die mitten in einer Diskussion sind. Im Beschluss wurde formuliert, dass die militärische Unterstützung der Republiken des Donbass in unseren Augen dem Völkerrecht entspricht, dass aber die Frage des militärischen Eingreifens in den übrigen Gebieten der Ukraine bei uns umstritten ist.

Ich würde hier zwei Aspekte nennen: Ich bin schon der Meinung, dass das nicht zu umgehen war und auch dem Völkerrecht entspricht. Es wäre schlichtweg nicht möglich gewesen, den Donbass zu befreien und dort Frieden zu gewährleisten, wenn nicht gegen das militärische Potenzial der Ukraine vorgegangen wird und letzten Endes auch gegen das nationalistische und faschistische Regime. Das jetzt erstmal zur Donbass-Frage. Auch das Problem, dass die Ukraine zu einer Speerspitze gegen Russland aufgebaut wurde, wäre allein durch die Befreiung des Donbass nicht gelöst worden. Ich denke, es ist sehr schwierig zu einem Aspekt ja zu sagen und zu dem anderen nein, da sich die Sachen einfach nicht trennen lassen und das eine ohne das andere wahrscheinlich unmöglich wäre. Insgesamt handelt es sich um ein defensives Vorgehen, wenn es auch teilweise auf offensive Weise erfolgt.
 
Ist es nicht ein Fehler, sich auf die eine Seite eines kapitalistischen Landes zu stellen und dieses als Opfer zu betrachten und den Krieg als gerecht zu bezeichnen? Leidet die Arbeiterklasse nicht im Krieg?
 
Die Arbeiterklasse leidet natürlich. Menschen leiden immer im Krieg. Auch in Befreiungskriegen leiden Menschen auf der Seite derjenigen, die sich befreien. Die Frage ist dennoch, was dort in welchem Interesse ist. Zum einen verteidigt Russland seine Souveränität, zum anderen muss man die Auseinandersetzung im Kontext der gesamten Lage der Welt sehen. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Russland hier durch das sozialistische China unterstützt wird. China ist nicht neutral, sondern eng mit Russland verbündet. Es geht darum, gegen die Dominanz des US-Imperialismus anzugehen. Dadurch ist ein kapitalistisches Land wie Russland gezwungen, sich mit einem ökonomisch starken, sozialistischen Land wie China relativ eng zu verbünden. Das wird von manchen Teilen der herrschenden Klasse in der BRD auch als Befürchtung geäußert. Aber über den Charakter der Volksrepublik China können wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Das würde zu weit führen.

Wie kann ein Angriff ein Verteidigungsakt sein und kann es einen gerechten Krieg eines kapitalistischen Landes geben?
 Meines Wissens bezieht sich die Frage eines gerechten Kriegs bei Lenin durchaus nicht nur auf Kriege sozialistischer Länder, die sich verteidigen. Das sind die einfachen Fälle. Aber auch Kriege von Ländern, deren Souveränität vom Imperialismus direkt bedroht ist, würde ich unter Verteidigungskriege fassen. Es ist hier ein defensives Vorgehen, das in einer sehr offensiven Form stattfindet. Das macht die Einschätzung schwieriger und das macht auch teilweise die Argumentation hier schwieriger, z.B. in Zusammenhängen der Friedensbewegung. Dort ist es manchmal recht schwer klarzumachen, dass der Aggressor dennoch die NATO ist. Wir können von Russland und auch von der russischen Bevölkerung nicht erwarten, dass sie es uns leichter machen, in der Friedensbewegung zu argumentieren. Das ist nicht ihre Aufgabe.
 
Kommen wir etwas genauer zu den Volksrepubliken. Wer waren die Träger des Aufstands im Donbass 2014 und handelte es sich dabei um eine sozialistische Revolution?

Es gibt ausführliche Argumentationen von Genossen der KP der DVR, in denen sie analysieren, wer eigentlich der soziale Träger 2014 im Donbass war. Sie sehen dort nicht die Arbeiterklasse als die führende Kraft des Aufstands, sondern kleinbürgerliche Elemente, die stark von der Arbeiterklasse, beispielsweise Bergarbeitern und Metallarbeitern, unterstützt wurden. Es wird nicht als sozialistische Revolution interpretiert. Was es natürlich gegeben hat, war eine starke prosowjetische Stimmung in einem Großteil der Bevölkerung. Aber das führt ja nicht allein zu einer sozialistischen Revolution. Dafür braucht man auch eine Organisation der Arbeiterklasse, die wirklich politisch an der Spitze steht und die gab es damals nicht.

Die Menschen haben sich gegen einen faschistischen und nationalistischen Putsch gewehrt und waren zunächst fassungslos, dass sie mit schweren Waffen angegriffen wurden. Sie haben sich also gegen den Putsch gewehrt und vor allem dagegen gewehrt, dass Russland und Russen und die russische Sprache, die die Mehrheit im Donbass stellen, als Feindbild dargestellt werden. Im Donbass konnte sogar der militärische Angriff zurückgewiesen werden, den die Ukraine mit westlicher Unterstützung durchgeführt hat und damit einen Bürgerkrieg ausgelöst hat. Es war kein Krieg, in den Russland involviert war, sondern ein Bürgerkrieg, bei dem die eine Seite eine vom Westen unterstützte Putschregierung war. So hat der Krieg angefangen.

Sie haben den Kampf weitergeführt und ihr Recht auf Selbstbestimmung erkämpft und sich von der Ukraine getrennt. Es ist darum gegangen, einen Staat aufzubauen, in dem beispielsweise Bodenschätze und Grund und Boden Staatseigentum sind und das ist auch bis jetzt noch der Fall. In den gemeinsamen Bestrebungen der kleinbürgerlichen Schichten und der Arbeiterklasse gegen die Kompradorenbourgeoisie ist zudem recht viel gelungen.

Wenn es sich nicht um den Aufbau des Sozialismus dreht und die Arbeiterklasse nicht die politische Führung hatte, ist dann der Begriff der Volksrepubliken überhaupt haltbar?
 
Wenn man unter Volksrepubliken nur sozialistische Republiken verstehen würde, wie zum Beispiel die Volksrepublik Polen oder andere, dann wären es keine Volksrepubliken. Aber beispielsweise auch in der DDR ging es zunächst um eine demokratische Umgestaltung, allerdings unter anderen Kräfteverhältnissen und der Bedingung der Präsenz der Sowjetunion. Dadurch konnte der Begriff eine andere Bedeutung annehmen. Im Donbass ist der Begriff mit Bezug auf die sowjetischen Traditionen gewählt worden. Die Menschen im Donbass haben beschlossen, diese Bezeichnung für ihre Republiken zu wählen. Dafür gab es eine breite Unterstützung. Das muss man akzeptieren und sich nicht davon distanzieren. Natürlich gibt es in so einer Situation Klassenauseinandersetzungen, aber es gibt eben auch Erfolge.

Wir haben doch solche Situationen auch in anderen Ländern. In Venezuela beispielsweise sehen wir viele Widersprüche und auch Handlungen der Regierung gegen die KP. Aber wir sehen einen antiimperialistischen Kampf, der keineswegs unmittelbar zum Sozialismus führt. Aber in der Bevölkerung gibt es eine Hinwendung zum Sozialismus oder zu sozialistischen Konzepten. Das ist ein großer Unterschied zu Ländern, in denen die Regierung oder Staatsräson nationalistisch oder faschistisch ist, wie es in der Ukraine der Fall ist.

Wie sind die Kampfbedingungen und die Möglichkeiten im Donbass aktuell?

Die Kommunisten, damals noch als Teil der Kommunistischen Partei der Ukraine (KPU), waren maßgeblich an der Organisierung des Referendums und der Formulierung der Souveränitätserklärung beteiligt. Bei den Wahlen 2015 und 2018 wurden die Kommunisten nicht zugelassen, die KP hat es auch schwer, in die Medien zu kommen. Auf der anderen Seite ist die KP nicht verboten und hat ziemlich breite Aktionsmöglichkeiten, auch solche die wir hier nicht haben. Sie kann in Schulen gehen und dort Unterrichtseinheiten zur sowjetischen Geschichte durchführen. Die Situation ist also widersprüchlich, aber in keiner Weise mit der in der Ukraine zu vergleichen, wo mit brutaler Gewalt gegen alles Linke und inzwischen gegen jegliche Opposition vorgegangen wird. Es gibt also Antikommunismus, aber dennoch haben die Kommunisten Möglichkeiten, aktiv mit der Bevölkerung zu arbeiten.

Wie ist der Einfluss Russlands zu bewerten?

Man kann auf keinen Fall sagen, dass die Republiken ein Projekt der RF sind. Sie sind ein Projekt der Bevölkerung, die dort lebt. Die Regierung der RF hatte an den Referenden und der Ausrufung der Republiken 2014 kein sonderliches Interesse. Sie hat sogar die Führung des Aufstands aufgefordert, das Referendum zu verschieben, worauf diese allerdings nicht eingegangen ist.

Natürlich gibt es einen Einfluss Russlands, auch weil die Bevölkerung sich sehr stark auf Russland bezieht. Die Mehrheit hatte die Hoffnung, dass es einen ähnlichen Verlauf wie auf der Krim geben könnte, also einen Eintritt in die RF. Allerdings ist dieser Einfluss nicht nur negativ zu bewerten, beispielsweise war die humanitäre Hilfe durch die RF sehr wichtig.

Dass mit dem Einfluss auch politisch bürgerliche und zum Teil antikommunistische Tendenzen verstärkt wurden, ist richtig. Man kann von einem kapitalistischen Land nicht erwarten, dass es den Aufbau von Verhältnissen, die vielleicht Richtung Sozialismus gehen, unterstützt. Aber die RF hat durch die Hilfe und die Unterstützung der Bevölkerung verhindert, dass die Ukraine die Republiken wieder zerstören konnte.

Auch Minsk geht auf die Initiative Russlands zurück und war der Versuch, eine breite militärische Auseinandersetzung einzudämmen und zu Verhandlungen zu kommen. Es hat sich nur sehr schnell herausgestellt, dass es nicht funktioniert, weil die Ukraine auf Betreiben des Westens sich nicht darauf eingelassen hat und auch nicht darauf einlassen sollte. Russland hat insgesamt eine zwiespältige Rolle, nicht eine einseitig negative.

Beispielsweise wurden 2017 viele Betriebe unter äußere Verwaltung gestellt – ein Fortschritt gegenüber den vorherigen Eigentumsverhältnissen. Eine wirkliche Nationalisierung konnte aber nicht durchgesetzt werden. Bei dieser äußeren Verwaltung hat russisches Kapital eine große Rolle gespielt und spielt es noch. Unter den gegebenen Verhältnissen wäre das vermutlich gar nicht anders zu lösen gewesen. Da läuft ein Klassenkampf und der muss zusammen mit dem in Russland laufen. Der Klassenkampf in der RF hat sich unmittelbar im Verhältnis zu den Volksrepubliken ausgewirkt. Es ist inzwischen ein gemeinsamer Raum des politischen Klassenkampfes. Auch in den Volksrepubliken haben bürgerliche Schichten die Macht. Die Genossen kämpfen für eine Gesetzgebung zur Regelung gesellschaftlicher und politischer Organisationen, sowie zur kommunalen Selbstverwaltung und für den Aufbau von Genossenschaften in der Wirtschaft. Sie stehen an vorderster Front in der Verteidigung der Volksrepubliken.
 
Ist wirklich die Perspektive der Arbeiterklasse mit einer Angliederung an die RF und mit diesem Krieg gerade besser?
 
Mit der Militäroperation werden Gebiete befreit, die seit acht Jahren unter Besatzung und Beschuss des Kiewer Regimes leiden. Ich sehe einen Unterschied zwischen einer bürgerlichen Demokratie, wie sie die RF ist und einem Staat wie der Ukraine. Die Ukraine ist in keiner Weise das, was man als eine bürgerliche Demokratie bezeichnen kann. Man kann darüber diskutieren, was Faschismus in einem Land bedeutet, das voll und ganz vom Imperialismus abhängig ist. In der Ukraine ist nicht in erster Linie das eigene Finanzkapital relevant, sondern das westliche. Dieser Aspekt des Faschismus in der Ukraine ist auffällig. Tatsache ist aber, dass es ein faschistisches Regime ist.

Durch die Anerkennung und die militärische Unterstützung ist es überhaupt erstmals möglich, aus hunderten von Ortschaften und Städten die ukrainischen Faschisten zu vertreiben. Durch die Kampfhandlungen sind die Bedingungen wesentlich schlimmer, als sie es vor dem Krieg waren, aber das ist irgendwann vorbei. Es geht langsam voran, aber es geht nach vorne und nicht mehr zurück. Der Beitritt zur RF, sollte es dazu kommen, entspricht nicht nur dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung, sondern auch den ökonomischen, kulturellen und historischen Verbindungen.
 

Ist Solidarität mit dem Kampf des Donbass wichtig? Warum ist sie gerade für Kommunisten wichtig?

Die jetzige Auseinandersetzung in der Ukraine ist ein Teil eines Kampfes gegen den Imperialismus und insgesamt die Vorherrschaft insbesondere des US-Imperialismus. Der antifaschistische Kampf im Donbass wird im Moment weiter geführt – es sind weiterhin Städte noch nicht befreit. Die Solidarität mit diesem Kampf ist wichtig und richtig. Genauso wie man Solidarität mit anderen antiimperialistischen Kämpfen übt, auch wenn sie nicht immer von sozialistischen Ländern geführt werden. Ja, wir haben das sozialistische Kuba, aber wir haben auch Länder wie Venezuela, die sehr widersprüchlich in ihrem Inneren sind, aber dennoch einen antiimperialistischen Kampf führen. Das wird auch dort von den Genossen nicht bestritten.

Insofern halte ich eine Solidarität mit dem Donbass für sehr wichtig und ich habe manchmal in der Diskussion den Eindruck, dass es leicht war solidarisch zu sein, so lange Leute beschossen wurden und eigentlich nicht viel machen konnten. In dem Moment, wo aber dann eine Befreiung mit Unterstützung möglich wird, dann sieht man das auf einmal nicht mehr so und abstrahiert völlig von den konkreten Bedingungen und – zack, dann steht man auf der Seite der NATO.

Dort im Donbass sind Menschen, die konkret gegen ein nationalistisches, faschistisches Regime kämpfen. Allein das erfordert unsere Solidarität. Natürlich ist auch materielle Solidarität wichtig. Das ist uns nur sehr beschränkt möglich. Es geht aber vor allem um politische Solidarität. Die Genossen aus dem Donbass haben oft gesagt, dass das wichtigste ist, dass wir hier bei uns informieren, was im Donbass wirklich abläuft und dass wir Position beziehen.

Renate Koppe ist Mitglied des Sekretariats des Parteivorstands der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und dort zuständig für internationale Beziehungen. Sie hat enge Kontakte in die Donezker Volksrepublik und zu den Genossen der dortigen KP. Sie verfolgt die Entwicklungen detailliert, schreibt in der „Unsere Zeit“ und informiert in ihrem Telegram-Channel. Renate Koppe wird auf dem Podium „Krieg in der Ukraine“ des Kommunismus-Kongress teilnehmen.

„Es kann keinen Frieden mit Faschisten geben“

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Wir wollen hier einige Aussagen der RKAP zu Imperialismus und Krieg wiedergeben. Wir hoffen, dass es möglich sein wird, dass Genossen der RKAP zu unserem Kongress zugeschaltet werden und Einblick in ihre Analysen geben und Fragen beantworten können.

In einem Bericht des Zentralkommittees der RKAP vom 27.03.22 hat die RKAP ihre Sicht auf die Lage des Imperialismus und den Krieg ausgeführt.

„Die stärksten imperialistischen Länder brauchen Russland mit einer starken, entwickelten Wirtschaft nicht als gleichberechtigten Partner. Nicht weil in den USA und Nato-Staaten nur Schurken an der Macht sind, sondern weil die kapitalistische Welt von ganz materiellen Wirtschaftsinteressen getrieben wird, von Profitinteressen. Bereits im November 1991 stellte der Gründungskongress der RKAP fest, dass Russland auf dem Weg zum Kapitalismus durchaus seine Integrität und sogar seine Eigenstaatlichkeit verlieren könnte. Die Behörden des bürgerlichen Russlands und ihre Anhänger sind natürlich schuld und müssen dem Volk gegenüber zur Rechenschaft gezogen werden für die Illusionen, die sie im Land über die Fruchtbarkeit und den konfliktfreien Eintritt der Russischen Föderation in den Weltmarkt geweckt haben. Und für den Verlust ganzer Wirtschaftszweige, den Rückgang des technischen Niveaus von Produktion und Produkten.

Putin bat Clinton im Jahr 2000 sogar, Russland in die NATO aufzunehmen! Aber sie verfehlten. Und die Tatsache, dass Russland heute nicht in der NATO ist, dass sich NATO-Stützpunkte noch nicht auf russischem Territorium befinden, ist, wie wir bereits gesagt haben, nicht das Verdienst der russischen Behörden, nicht Putins, sondern der Wille der imperialistischen Klassen, denen Clinton dient. Die Gesetze des kapitalistischen Profits sind hart – Konkurrenten werden nicht benötigt, Teilen wird nicht akzeptiert. Aber die Imperialisten brachten die NATO absichtlich näher an die Grenzen Russlands, arbeiteten daran, Russland zu schwächen, um eine immer größere Bedrohung zu schaffen, die über Russland schwebte. Angefangen bei Raketen mit minimaler Flugzeit bis hin zu einem Netzwerk biologischer Labore mit der Aussicht, neue biologische Waffen zu erhalten.

Beachten Sie, dass Lenins Konzept einer Handvoll Länder in der Analyse, die er 1916 durchführte, nicht auf ein, zwei oder drei Länder reduziert wurde, sondern durch eine „großzügige“ Berechnung von 1/5 der Erdbevölkerung bestimmt wurde (heute ist dies ungefähr die  goldene Milliarde). Der kapitalistische Parasitismus einer Handvoll der reichsten Staaten nimmt immer mehr zu. Das 1944 geschaffene moderne Finanzsystem von Bretton Woods organisiert mit seinen späteren Modifikationen Währungsbeziehungen und Handelsabwicklungen auf der Grundlage einer einzigen Währung – des Dollars, der Währung des größten Imperialisten, der Vereinigten Staaten (es ersetzte das Finanzsystem auf der Grundlage der „Goldstandard“). Finanzinstitute wie die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) und der Internationale Währungsfonds (IWF) wurden gegründet, die den Prozess des einfachen Abschneidens von Coupons zur höchsten Perfektion brachten und eine neue Art von Kolonialismus schufen – den Finanzsektor. Wenn Länder und Völker oft ohne Blut und Schüsse versklavt werden, ist es fast unmöglich, ohne eine Revolution daraus herauszukommen.
(…)

Man darf nicht vergessen, dass der russische Imperialismus auf den enormen Rohstoffreichtum des Landes, auf die Überreste des sowjetischen wissenschaftlichen und industriellen Potenzials sowie auf das sowjetische Erbe der Verteidigungsmacht, vor allem das nukleare Potenzial, angewiesen ist. Im Allgemeinen ist die Wirtschaft der Russischen Föderation im Vergleich zu den alten imperialistischen Raubtieren sehr schwach, sowohl in ihrer Größe als auch in ihrer deformierten Struktur und ihrem ziemlich niedrigen technischen Niveau. In den Jahren der Kapitalisierung ist diese Lücke entstanden und hat sich in der Folge deutlich vergrößert. Gleichzeitig ist der Monopolisierungsgrad und dementsprechend die wirtschaftliche Schichtung der russischen Bevölkerung sehr hoch. (…)

Wir sind bereits zu dem Schluss gekommen, dass die Russische Föderation jung ist, noch in den Kinderschuhen steckt, immer noch ziemlich schwach, abhängig, mit einer verzerrten Wirtschaft, aber bereits ein ziemlich imperialistischer Staat mit einem ausgezeichneten Appetit und dem Wunsch, die Größe eines großen Raubtiers zu erreichen.“

In einem Artikel für die International Communist Review von 2015 führte die RKAP aus:

„Wir können auch hinzufügen, dass die russischen Kapitalisten ihr Bestes tun, um einen ernsthaften Bruch mit dem Westen zu vermeiden, und dass sie nur bestrebt sind, vorteilhaftere Bedingungen für die „Partnerschaft“. Inzwischen haben die russischen Kapitalisten den USA in Wirklichkeit geholfen, ihre antirussischen Pläne umzusetzen, insbesondere diese Pläne, die darauf abzielen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und Integration zwischen Russland und Europa zu unterbrechen. (…)

Was den Zoll und die von Russland geführten Eurasischen Unionen anbelangt, handelt es sich ebenfalls um imperialistische Bündnisse, die im Interesse des Großkapitals der beteiligten Länder geschaffen wurden, vor allem im Interesse des russischen Monopolkapitals, das sich schwächere postsowjetische Staaten unterwirft (und im Kampf um sie mit den USA und der EU konkurrieren). Dennoch wäre es falsch, sich der wirtschaftlichen Integration und den Einigungstendenzen auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR entgegenzustellen, da die UdSSR früher ein einheitlicher Wirtschaftskomplex war und es teilweise auch in kapitalistischer Form bleibt, zumal Kommunisten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken haben immer die Wiedervereinigung unseres Volkes gefordert. (…)

Wir denken, dass die allgemeine Haltung der russischen Kommunisten zur Eurasischen Wirtschaftsunion im Moment ruhig und ausgeglichen sein sollte. Wir sollten Stärken und Schwächen der Gewerkschaft diskutieren und gleichzeitig klären, was positiv oder negativ ist. Gleichzeitig sollten wir diesen Zusammenschluss weder aus antiimperialistischen Gründen ablehnen noch unkritisch unterstützen und diesen Prozess als angebliche Rückkehr in die UdSSR betrachten.“

Im Bericht des ZK vom März 2022 führt die RKAP zum Krieg aus:

„Eine Analyse der Ereignisse legt nahe, dass Russland, wenn es keine Atomwaffen besäße, durchaus das Schicksal des Irak und Libyens erleiden könnte. Aber angesichts der Macht des Verteidigungspotentials der Russischen Föderation haben die US- und EU-Imperialisten die Taktik gewählt, den Faschismus in der Ukraine wiederzubeleben und ihn gegen den Donbass und die Russische Föderation aufzustacheln.

Wir sind uns bewusst, dass Putin und die russischen Behörden nicht von patriotischen Solidaritätsgefühlen getrieben werden. Wir erinnern uns, wie Putin die Republiken von Donbass davon abhielt, Referenden abzuhalten, wie er die Offensive der Milizen im Jahr 2014 stoppte und die sogenannten Minsker Vereinbarungen gegen den Willen der Bevölkerung von Novorossia, der am 11. Mai 2014 in einem Referendum zum Ausdruck kam, einleitete. (…)

Aber es waren die Kiewer Behörden, die ein echtes Nazi-Regime in der Ukraine errichteten und den Menschen im Donbass acht schmerzhafte Jahre des Todes und der Entbehrungen brachten. Deshalb gibt es und kann es keinen Frieden in der Ukraine geben, solange Kiew von denen regiert wird, die im Februar 2014 einen Staatsstreich durchgeführt haben.

Die RKAP unterstützte nicht nur die Anerkennung der Donbass-Republiken von Anfang an bei der Ausrufung dieser Republiken, sondern forderte auch, dass die bürgerlichen Behörden der Russischen Föderation diesen Schritt als Anerkennung des Rechts des Volkes auf Selbstbestimmung unternehmen und als Unterstützung bei der Konfrontation der Volksrepubliken Donbass gegen die faschistische Aggression der Kiewer Nazis. Wir stellen fest, dass die Anerkennung erfolgte, wenn auch spät, viel später als es hätte sein sollen, aber besser spät als nie. 
(…)

Solange die bewaffnete Intervention Russlands dazu beiträgt, die Menschen im Donbass vor Repressalien der Faschisten zu bewahren, werden wir uns dieser tatsächlichen Hilfe nicht widersetzen. Insbesondere halten wir es für akzeptabel, wenn es aufgrund der Umstände notwendig ist, Gewalt gegen das faschistische Kiewer Regime anzuwenden. Gleichzeitig sollten wir nicht die Illusion säen, das Putin-Regime sei grundsätzlich in der Lage, das Problem der Entnazifizierung grundsätzlich zu lösen. Wir können bestenfalls von der Unterdrückung der ungeheuerlichsten, reaktionärsten Erscheinungen sprechen. (…)

Die Tatsache, dass es für die Republiken des Donbass unmöglich ist, in diesem Kampf ohne die Hilfe des bürgerlichen Russlands zu überleben, ist seit 2014 absolut klar, zumal sie gegen die vereinten Kräfte des weltimperialistischen Kapitals sind. Aber das bedeutet keineswegs, dass die Republiken diese Hilfe der Russischen Föderation ablehnen sollten. Lassen Sie uns wiederholen, die RKAP hat von den Behörden immer mehr Unterstützung, einschließlich militärischer Unterstützung, nicht nur zugelassen, sondern immer auch gefordert. Wir glauben, dass die Nazis mit jeder Waffe geschlagen werden müssen, immer mit allen Verbündeten und Weggefährten.

Zu den Aufgaben der Arbeiterklasse. In „Der Linke Radikalismus“ schrieb Lenin, dass es wichtig sei, „die Notwendigkeit einer streng objektiven Darstellung der Klassenkräfte und ihrer Wechselbeziehungen vor jeder politischen Aktion zu verstehen“.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist die Ausrichtung der Klassenkräfte so, dass sie es uns noch nicht erlaubt, die Arbeiterklasse Russlands als vollwertiges Subjekt der Politik zu betrachten. In der Sprache der Theorie fand die Umwandlung einer Klasse an sich in eine Klasse für sich nicht statt. In der jüngeren Geschichte müssen die Werktätigen noch die minimalsten Kampferfahrungen sammeln und im Kampf Klassenbewusstsein erlangen. Nun aber haben die Werktätigen weder anwendungsreife Erfahrung noch ein klar zum Ausdruck gebrachtes Klassenbewusstsein. Daher kann man sagen, dass die Kommunisten in der Russischen Föderation zum jetzigen historischen Zeitpunkt keine Massenunterstützung von den Arbeitern haben und bis zum Aufstieg der Arbeiterbewegung nicht in der Lage sein werden. Sie müssen hart daran arbeiten, dieses Problem zu lösen, und sei es nur, indem sie eine Bewegung starten, Beispiele schaffen, durch Agitation.

Unter diesen Umständen wird die Weigerung, die Arbeiter des Donbass zu unterstützen, die zwar kein vollständig angemessenes Verständnis ihrer historischen Rolle haben, aber bereits Erfahrungen im Kampf gegen den Faschismus gesammelt haben, ein schwerer Fehler sein.

Aufgrund der allgemeinen Schwäche der Arbeiterbewegung können die Kommunisten in der jetzigen Zeit keine echte Alternative zum Kampf der Werktätigen im Donbass anbieten. Folglich wird jede Loslösung vom andauernden antifaschistischen Kampf die Kluft zwischen der Arbeiterklasse (in Russland, Donbass und der Ukraine) und den Kommunisten nur noch weiter vertiefen.

Angesichts der gegenwärtigen Ausrichtung der Klassenkräfte ist es notwendig, den Kampf der imperialistischen Zentren zu nutzen, den erzwungenen antifaschistischen Kampf der Russischen Föderation zu unterstützen, uns aber entschieden von allen imperialistischen Zielen Russlands zu distanzieren.

Gleichzeitig betonen wir, dass die moderne Arbeiterklasse niemals eine Klasse für sich werden wird, wenn ihre Avantgarde, die Kommunistische Partei, nicht zuerst ihre Gedanken und dann ihre Taten darauf richtet, diejenigen zu stürzen, die den Krieg entfesselt haben. Wir müssen das Bewusstsein des Proletariats dahingehend schärfen, dass der Hauptfeind der Werktätigen nicht derjenige ist, der vor der Waffe eines Soldaten steht, sondern derjenige, der hinter seinem Rücken steht und diesen Soldaten über jeden der Kriegführenden befehligt. Der einzige Weg zum Frieden führt nicht über die militärische Gewalt einiger Imperialisten gegenüber anderen, sondern über den bedingungslosen Sturz des Kapitalismus in allen kriegführenden Ländern.

Zu den Parteiaufgaben. Auf der Grundlage des bisher Gesagten bestätigt der Politische Rat des Zentralkomitees der RKAP seine Position einer positiven Bewertung der Befreiung durch die Streitkräfte der Russischen Föderation und des Donbass des Territoriums der Republiken der LDNR von Nazi-Elementen, der Lösung des Problems der Erlangung eines neutralen Status der Ukraine.

Indem sie die Aktionen der russischen und Donbass-Streitkräfte zur Unterdrückung der Nazis unterstützen, müssen die Kommunisten in jeder Hinsicht die Aufdeckung der betrügerischen Politik des russischen imperialistischen Regimes verstärken.“

Update Kongress-Informationen

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Der Kongress rückt näher, hier noch ein paar kleine Infos vorab

Hygiene-Konzept
Corona ist nicht aus der Welt, die bisherigen Immunisierungen durch Impfungen oder durchgemachte Infektionen bieten gegenüber den derzeit verbreiteten Virusvarianten einen sehr geringen Schutz. Vor Ort gilt: Masken tragen in den Innenräumen (medizinische Maske ist ausreichend, im besten Fall aber FFP2) die ganze Zeit über, d.h. auch beim Sitzen am Platz. Wir bitten außerdem darum kurz vor der Anreise zum Kongress einen Schnelltest zu machen.

Programm
Kleine Änderungen am Programm ergeben sich kontinuierlich und voraussichtlich auch weiterhin bis kurz vor dem Kongress. Damit ihr up to date seid schaut regelmäßig auf die Webseite. Wir werden alle Vorträge und Podien aufzeichnen, um sie nach dem Kongress zum Nachhören zu veröffentlichen.

Verpflegung
Wir haben einen Caterer vor Ort, der für Abendessen am Freitag, Mittag- und Abendessen am Samstag und ein Mittagessen am Sonntag sorgen wird. Die Kosten dafür sind nicht im Ticketpreis enthalten. Am Einlass kann die Teilnahme am Catering für das Wochenende bezahlt werden. Wir gehen aktuell von den untenstehenden Kosten für die vier Mahlzeiten aus, gegebenenfalls ändern sie sich noch geringfügig, entsprechend des tatsächlichen Einkaufspreises. Bitte plant das Geld für euch am Wochenende ein:

• Soli: 24 € (Pro Mahlzeit 6€)
• Normal 18€ (Pro Mahlzeit 4,5€)
• Sozi 12 € (Pro Mahlzeit 3 €)

Getränke können vor Ort günstig gekauft werden und helfen uns zur Finanzierung des Kongresses. Kaffee und Tee werden kostenlos zur Verfügung gestellt.

Info- und Büchertische
Lediglich alle im Programm vertretenen Organisationen können vor Ort einen Info- und Büchertisch aufbauen. Alle weiteren Gruppen und Organisationen können vor Ort keine Flyer/Zeitungen o.ä. verteilen bzw. auslegen

Podium Imperialismus – Ein Überblick

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Wir haben die Teilnehmer des Abendpodiums zum Thema des gegenwärtigen Imperialismus gebeten, zwei Fragen zu beantworten. Die erste Frage betrifft das imperialistische Weltsystem, die Abhängigkeiten und wie die herrschende Ordnung im Moment einzuschätzen ist. Die zweite dreht sich um die Nationale Frage im Imperialismus und die Frage, welche Rolle sie heute spielt.

Dima Alnajar (Partei des Volkswillens, Syrien)

Die leninistische Definition des Imperialismus ist inhaltlich immer noch richtig, was sich geändert hat, ist die Form. In seiner neuen Form gibt es zwei entscheidende Elemente:

Erstens: Die Verflechtung zwischen der Sonderstellung des Dollars als Weltwährung und dem ungleichen Tauschsystem (Schulden, Preisschere, technologische Abhängigkeit, Abwanderung von Fachkräften) gab den Besitzern des Dollars eine größere Möglichkeit, nicht nur die Länder der Peripherie zu plündern, sondern auch alle anderen Länder der Welt. Es entstand ein Zentrum des Zentrums.

Zweitens: der Post-Neokolonialismus, eine Negation der Negation in der kolonialen Entwicklungsform. Es ist eine Kombination der Methoden zwischen der alten militärischen und der neuen ökonomischen Form des Kolonialismus. Die direkte Intervention durch militärische Gewalt kehrte zurück bei gleichzeitiger Fortsetzung der Mechanismen der indirekten Plünderung. Diese neue Form wird durch eine Reihe von Stellvertreterkriegen ergänzt.

Auf diese Weise ist die ganze Welt geteilt zwischen einem Plündererzentrum (dem globalen imperialistischen Club) und der ausgeplünderten Peripherie. Mit der sich vertiefenden Macht des globalen Finanzkapitals mit seinem Dollarzentrum, aber einem transnationalen Charakter, sind die Staaten und Regierungen innerhalb des Clubs bloße Instrumente in den Händen des globalen Finanzkapitals. Mit der Krise des Kapitalismus ist der historische Horizont für die Völker, auch für die europäischen, sich von der Macht des globalen Finanzkapitals zu befreien, geöffnet.

Diese Plünderung umfasst sowohl Russland als auch China, die wie andere auch, den ungleichen Austauschbeziehungen unterliegen. Sie sind als abhängige Länder einzustufen. Der Kampf gegen die heftige imperialistische Ausplünderung, der parallel zur globalen kapitalistischen Krise verläuft, die auch Russland und China einschließt, wird zu einem existenziellen Kampf dieser Länder. In der gegenwärtigen Situation gilt Lenins Spruch: Die Völker werden sich im Rahmen ihres Kampfes gegen den Imperialismus wenden, gegen den Kapitalismus in ihren Ländern. Zeichen davon sieht man sowohl in Russland als auch in China.

In Syrien müssen die revolutionären Kräfte für eine zeitgemäße demokratische und nationale Revolution kämpfen, in der die Aufgaben der nationalen Befreiung mit den sozioökonomischen und demokratischen Aufgaben verflochten und parallel erkämpft werden. Ausgangspunkt ist eine politische Lösung der Syrienkrise durch die Umsetzung der UNO-Sicherheitsratsresolution 2254.

Andreas Sörensen (SKP, Schweden)

Wir verstehen den Imperialismus zuerst als System. Das heißt, dass wir den Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus an sich verstehen. Wir sehen den Imperialismus nicht als eine Entwicklungsstufe, die einzelne Länder erreichen.

Die Entwicklung des Kapitalismus in den Imperialismus bedeutet eine starke Zuspitzung der Widersprüche. Es bedeutet, dass die Kriege global geworden sind und dass Umverteilungskriege die logische Konsequenz sind. Der Kampf zwischen den Kapitalisten wird blutiger als bisher.

Die einzelnen Nationen können wir aber nicht als entweder ‚imperialistisch‘ oder ‚kapitalistisch‘ bezeichnen. Wenn wir so etwas versuchen würden, stünden wir vor vielen wissenschaftlichen Problemen: Welche Maßstäbe sollten wir verwenden, um die Nationen zu beurteilen? Was wir aber sehen können, ist, wie jede Nation ihre eigene Position zu stärken versucht. Egal ob groß oder klein, jede kapitalistische Nation kämpft um Vorteile für ihre eigenen Monopolgruppen; für bessere Bedingungen und stärkere Positionen. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen stärker und schwächer.

Die Unterschiede zwischen den Nationen sehen wir eher als quantitativ, aber nicht qualitativ: Der Charakter der verschiedenen Nationen ist gleich, die Stärke aber ist es nicht. Das hat Folgen für die Positionierung der Kommunisten. Wir stellen uns nicht an die Seite des einen Räubers gegen den anderen, eben weil wir wissen, dass sie für das gleiche Ziel kämpfen. Unsere Position ist bei den Völkern, gegen das Kapital.

So ist die Situation in jeder kapitalistischen Nation und kann nicht anders sein. Mit Lenins Worten: Im Kapitalismus liegt ein „stark entwickelte[r] Antagonismus zwischen Proletariat und Bourgeoisie vor uns“. Diesen Antagonismus müssen wir erkennen als den wichtigsten in jeder kapitalistischen Nation, weil es der einzige revolutionäre Antagonismus ist, der den Weg zum Sozialismus öffnet.

Wir verstehen deshalb die nationale Frage als abgeschlossen für die kapitalistischen Nationen. Das heißt, in den kapitalistischen Nationen führt die Illusion der nationalen Frage zu falschen Schlussfolgerungen. Wo einige die Mitgliedschaft Schwedens in der EU oder der NATO als nationale Unterwerfung sehen, sehen wir es als eine Klassenfrage. Die schwedische Bourgeoisie hat nach ihrem eigenen Interesse agiert und die Lösung dieser Frage ist nicht eine nationale Befreiung, sondern ein Kampf gegen die schwedische Bourgeoisie und gegen den Kapitalismus als solchen.

Björn Blach (DKP)

Die inneren Gesetzmäßigkeiten führen dazu, dass der Kapitalismus parasitär, sterbend wird. Obwohl der Monopolkapitalismus in einigen Bereichen die Produktivkräfte weiterentwickelt, sind diese im gesamtgesellschaftlichen Maß in Destruktivkräfte umgeschlagen. Sie dienen ausschließlich zur Absicherung der Monopolprofite. In den einzelnen Staaten zwingt die Monopolbourgeoisie ihre Interessen allen anderen Klassen auf.
Sie erreicht dies über ihre ökonomische Macht und durch die Verschmelzung mit dem bürgerlichen Staat. Nach innen verfügt das Monopolkapital über die Repressionsorgane, nach außen über das Militär. Dieses dient dazu, andere nicht-imperialistische Staaten unter die Vorherrschaft des Imperialismus zu zwingen. Weitere Mittel dazu sind die Sanktionspolitik, die Vorherrschaft in den internationalen Organisationen, der Dollar als Leitwährung oder die Verfestigung ökonomischer Abhängigkeiten.

Der US-Imperialismus konnte sich aufgrund der Stärke der Sowjetunion nach der Befreiung vom Faschismus als ‘ideeller Gesamtimperialist’ etablieren. Mit der Konterrevolution fiel das sozialistische Weltsystem, das im Rahmen des internationalen Klassenkampfes den Imperialismus zum Frieden zwingen konnte, weg. Der deutsche Imperialismus stieg zur Führungsmacht in der EU auf.

Die inneren Widersprüche des Imperialismus haben zu seiner ökonomischen Schwächung geführt und lassen seine Vorherrschaft brüchig werden. Insbesondere die VR China stellt das System der imperialistischen Vorherrschaft und Abhängigkeit in Frage. Der Imperialismus kann die Krise, die er selbst hervorruft, nur mit Unterdrückung und Krieg „lösen“.

Koloniale Unterdrückung und Ausbeutung gehören zum Imperialismus wie der Krieg. Er ist nicht in der Lage, ohne diese auszukommen. Die nationale Frage bildet eine dialektische Einheit mit der Klassenfrage. Die Lösung dieses Widerspruchs kann nur konkret erfolgen. Die konsequenteste Vertreterin der nationalen Frage ist die Arbeiterklasse. Die Bourgeoisie der unterdrückten Länder kann ihre kurzfristigen Interessen als Handlanger der Imperialisten, als Kompradorenbourgeoisie durchsetzen.
Sie verrät damit ihre nationalen Interessen. Als nationale Bourgeoisie kann sie eine progressive Rolle spielen. Eine Reihe von Ländern sind heute gezwungen, ihre nationale Souveränität militärisch gegenüber dem Imperialismus zu sichern. Viele andere Länder kämpfen um die Überwindung der ökonomischen Abhängigkeit. Am effektivsten gelang dies Ländern, die die nationale und soziale Frage gemeinsam angegangen sind und einen sozialistischen Entwicklungsweg eingeschlagen haben.

Torsten Schöwitz (KPD)

Lenin hat die Wesenszüge des Zeitalters des Imperialismus herausgearbeitet und dargestellt. Dies ist für uns Orientierung. Vorstellungen in der Richtung, es gäbe heutzutage ein einziges herrschendes imperialistisches Land (USA) und ansonsten nur Vasallen und eine Peripherie halten wir für falsch – und in ihrem Hintergrund für leicht durchschaubar: Russland soll unter allen Umständen von imperialistischen Interessen freigesprochen werden, und dafür sind manche Genossinnen und Genossen bereit, Lenin zum alten Eisen zu werfen.

Die Frage der nationalen Befreiung aus kolonialer Abhängigkeit zu trennen von der sozialen Frage, also der Klassenfrage, halten wir für sehr kurzsichtig. Die Geschichte zeigt: dort, wo die nationale Befreiung aus kolonialer Abhängigkeit mit der Überwindung des Kapitalismus verbunden werden konnte, konnten langfristig Erfolge erzielt werden. Beispiele: China, Korea, Kuba, Vietnam. Dort, wo dies nicht gelang, sondern der Kapitalismus nach der nationalen Befreiung bestehen blieb, wurden anfängliche Verbesserungen der sozialen Lage der Bevölkerung sehr bald zerschlagen. Beispiele: Indien, Algerien, Ägypten, Südafrika, Angola, leider auch Venezuela.

Deshalb halten wir die zu diskutierende Frage, ob die nationale Befreiung „progressiven Charakter“ tragen kann – für eben keine Frage. Nationale Befreiung unter Beibehaltung des Kapitalismus bringt kurzfristig manchmal etwas Erleichterung, langfristig aber keine wesentlichen Verbesserungen für die Bevölkerung.

Zeitungseditorial: Krieg, Imperialismus und die Kommunistische Bewegung

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Der Kommunismus-Kongress will Standpunkten auf den Zahn fühlen und die Diskussion voranbringen

Die Außenministerin ruft: „Russland muss ruiniert werden!“ und „die Deutschen werden kriegsmüde!“ Die Vertreter der Herrschenden verlangen nach mehr Führung, nach mehr Krieg, nach mehr Weltmachtrolle. Und setzen es in die Tat um.

Und die Kommunisten diskutieren?
 
Tatsächlich darf die Diskussion nicht der Diskussion wegen geführt werden. Es geht darum, sie zu verändern, die Welt. Aber dafür müssen wir sie verstehen. Deshalb wollen wir eine Bühne für die wissenschaftliche Debatte eröffnen und durch Austausch, Prüfen und Vertiefen von Argumenten um Klarheit ringen. Es geht uns auf dem Kommunismus-Kongress darum, die wichtigsten und wesentlichsten Punkte der aktuellen Debatte aufzugreifen und diese zu bearbeiten.
 
Es gehen größere Ereignisse vor sich. Damit ist nicht die „Zeitenwende“ von Kanzler Scholz gemeint, der damit die Offensive seiner Regierung meint – Aufrüstung, Sozialabbau und Wirtschafts- und Stellvertreterkrieg gegen Russland. Das meiste davon war schon lange geplant und offen angekündigt. Von historischer Bedeutung ist, wie sich die Kräfte gegen diese Aggressoren aufstellen, wie die kämpfenden Massen und Organisationen die nächsten Schritte abwägen und mit welchen Widersprüchen sie konfrontiert sind. Und dazu gehört auch, wie sie die ganz konkreten Verhältnisse, in die sie verwickelt sind, verstehen und begreifen.
 
Der Dissens in der internationalen kommunistischen Bewegung ist recht groß und tiefgreifend, die Diskussion wird aber selten offen geführt. Vielleicht gibt es dafür manchmal nachvollziehbare Gründe. Aber es muss einen Raum und einen Rahmen geben, wo die strittigen Fragen systematisch angepackt werden. Auf dem Kommunismus-Kongress sollen Vertreter mit verschiedenen Positionen präsent sein und ihre Einschätzung zur aktuellen Lage mit uns teilen.

Wenn wir auf dem Kommunismus-Kongress verschiedene Positionen diskutieren, geht es nicht darum, nur munter zu streiten, und auch nicht darum, alle Standpunkte nur nebeneinander zu stellen. Die Diskussion soll dazu dienen, die neuralgischen Punkte besser herauszuschälen, die Punkte zu bestimmen, an denen weiter gearbeitet werden muss.
 
Es geht nicht um abstrakte Lehrweisheiten, sondern darum, wie sich zu Krieg und Imperialismus aufzustellen ist, welches die richtige Analyse und die richtige Losung ist. Das ist aber kein Gegensatz zur Theorie – es kommt darauf an, sie richtig anzuwenden und zu durchdringen. Die Herausforderung ist, genau sagen zu können: Das sind die Widersprüche und das ist nun zu tun! Weltweit werden dabei gerade wichtige Erfahrungen gesammelt, Probleme reflektiert und Schlüsse gezogen.

Wir wollen versuchen, verschiedene Erfahrungen und Positionen auf den Kongress zu holen und fruchtbar zu machen. Wir sehen bei uns und in der Debatte Mängel der Wissenschaftlichkeit und Fragen der Methoden und Herangehensweise. Wir wollen etwas dazu beitragen, den Mangel an Wissenschaftlichkeit zu überwinden, um uns in diesem Prozess weiter nach vorn zu bewegen und der Arbeiterklasse richtige Antworten zu liefern.
 
Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt uns, wie notwendig eine intensive Debatte um die Verhältnisse und die ideologischen Grundlagen unserer Weltanschauung ist. Die Bolschewiki beschritten über Jahre einen solchen Weg in der Auseinandersetzung mit den Menschewiki um Ideologie und revolutionäre Strategie und Taktik. Weil sie genauer und näher an den tatsächlichen Veränderungen waren, konnten sie gewinnen. Aber auch weil sie umfassender und in diesem Sinne allgemeiner – mit dem Blick für das Ziel – an die Fragen herangegangen sind und schließlich beides richtig miteinander verbinden konnten.
 
Die Bewegung befindet sich seit der Konterrevolution 1989/91 in einer Krise. Diese zeichnet sich durch verschiedene Formen des Revisionismus und Opportunismus aus. Ideologische Verwirrung, diverse Strömungen und die dazugehörigen Organisationen und Parteien sind Ausdruck davon. Der Kampf gegen Revisionismus und Opportunismus ist aber nur durch hartnäckige Arbeit und Selbstkritik möglich. Also einmal tief durchatmen, das Kampffeld abstecken und gemeinsam Richtung revolutionäre Einheit schreiten!
 
Ein solcher Klärungsprozess ist nichts Abgesondertes von der wirklichen Bewegung und auch nicht von uns selbst, er bestimmt unsere Aufgaben. Er wird auch nicht in kurzer Zeit abzuhandeln sein. Ein Blick in die Welt zeigt, dass wir unsere Vorstellungen, von dem was geschieht, schärfen müssen und die verschiedenen Einordnungen und Interpretationen der Vorgänge besser verstehen sollten.

Wir versuchen im Moment, die verschiedenen Positionen der kommunistischen Bewegung zu erfassen, erste Ergebnisse und Eindrücke wollen wir auf dem Kommunismus-Kongress sichtbar machen. In der aktuellen Phase unseres Prozesses geht es vor allem darum, Lücken zu erkennen, Fragen und Dissense sachlich zu beschreiben und Transparenz zu schaffen. Wie werden Thesen aufgestellt, Standpunkte eingenommen, Theorien hergeleitet und in der Praxis umgesetzt?
 
Im nächsten Schritt müssen die Einschätzungen und Positionen einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen werden. Entsprechen sie den Tatsachen? Sind sie genau genug vorgegangen? Haben sie wesentliche Beziehungen übersehen? Haben sie Grundlegendes über Bord geworfen oder haben sie es zu starr aufgefasst? Weiter geht es darum, zu hinterfragen und zu betrachten, wie die jeweiligen Akteure der Weltgeschichte und die Kräfte der verschiedenen Länder die aktuelle Lage bewerten und sich zu ihr in ein bestimmtes Verhältnis setzen. Durch welche Umstände sind sie bestimmt?
 
Es ist klar, dass eine solche Aufgabe letztlich nur durch eine koordinierte Aktion mehrerer Kräfte gelingen wird. Im Moment stellt sich die kommunistische Bewegung eher als eine Sammlung verschiedener Standpunkte dar – mal mehr, mal weniger isoliert voneinander. Zum Teil erscheint es, als habe jeder für sich seine richtige Antwort und grenze sich von den anderen Teilen ab.
 
Die Ereignisse und die Kämpfe zwingen uns, diesen Zustand zu überwinden und zu einer Verständigung, zu einem Prozess zu kommen, der nicht Beliebigkeit bedeutet, sondern wissenschaftliche Gründlichkeit und umfassenden Blick, damit wir uns in die Lage versetzen, sagen zu können, was die nächsten Schritte zum Ziel Sozialismus sind.


Unsere zweite Ausgabe der Kommunismus Kongress-Zeitung liegt druckfrisch vor. Die 12 Seiten sind vor allem mit einer Vorstellung der Workshops und Podien des Kongresses gefüllt. Hier findet ihr eine Übersicht über unsere Ortsgruppen bei denen ihr auch vor dem Kongress ein Exemplar bekommen könnt.

Aktionsbericht zum Antikriegstag 2022

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Der diesjährige Antikriegstag, der an den Überfall Deutschlands auf Polen vor 83 Jahren erinnerte, stand ganz im Zeichen des Ukraine-Kriegs. Wir gingen unter anderem in Berlin, Chemnitz, Duisburg, Erfurt, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Leipzig, Mannheim und Tübingen gegen den Krieg und die NATO-Aggression auf die Straße und verteilten unsere Stellungnahme zum 1. September

Darüber hinaus warben wir auch für den anstehenden Kommunismus-Kongress, welcher sich dem Krieg und der Imperialismusfrage widmen wird. Viele Leute waren interessiert an unserer Kongress-Zeitung und wir konnten einige Tickets verkaufen.

Berlin

Die Berliner Ortsgruppe folgte am 1. September dem Aufruf „Für Frieden – gegen Kriege weltweit! Gegen einen neuen Rüstungswettlauf! Die Waffen müssen endlich schweigen!“, der von Teilen des DGB, der ver.di Berlin und der Friedenskoordination verfasst wurde. Wir haben die Zeitung zum Kommunismus-Kongress verteilt und sind mit den versammelten Friedensbewegten über Krieg und Imperialismus in die Diskussion gekommen.

Chemnitz

Die Ortsgruppe Chemnitz nutzte den Weltfriedenstag, um sich mit Mitstreitern und Genossen aus der Chemnitzer Friedensinitiative auf dem Neumarkt vor dem Rathaus mit Infoständen zu positionieren. Vor allem viele in der DDR sozialisierte Menschen reagierten sehr positiv auf uns und waren begeistert von unseren Flyern und Stellungnahmen. Unsere Fähigkeiten im Diskutieren mussten wir in teilweise sehr harten Auseinandersetzungen mit Verschwörungstheoretikern, Asow-Anhängern und Antikommunisten unter Beweis stellen. Nicht nur an unserem Stand, sondern in der gesamten Innenstadt waren wir mit unseren Flyern unterwegs und führten interessante Gespräche mit der Bevölkerung.

Duisburg

Am Samstag, den 3. September, folgten unsere Genossen in Duisburg dem Aufruf eines Bündnisses von DKP, Friedensbewegung, VVN-BdA, Linkspartei und weiteren linken Organisationen. Mit kämpferischen Reden gegen Waffenlieferungen und sozialen Kahlschlag und mit Parolen wie „Mieten runter, Löhne rauf – das ist das, was Duisburg braucht!“ ging es durch die volle Innenstadt, wobei wir die Aufmerksamkeit und das Interesse vieler Passanten auf uns ziehen konnten. Daneben nutzten wir die Demo, um den Kommunismus-Kongress bekannter zu machen und unsere Stellungnahme zum Antikriegstag zu verteilen. Beides stieß auf Interesse und wir führten zahlreiche spannende Diskussionen.

Erfurt

Im Arbeiterviertel Erfurt Nord haben wir mit einer Straßenausstellung auf im öffentlichen Diskurs kaum bekannte Aspekte des Ukraine-Konflikts aufmerksam gemacht, insbesondere die Verantwortung und Interessen des Westens an dem Krieg. Unsere Aufsteller beleuchteten dabei chronologisch die weltweiten Aggressionen der NATO, von deren Gründung über den Kalten Krieg bis zur Kulmination der NATO-Osterweiterung im aktuellen Konflikt. Außerdem wurde die Rolle der faschistischen Bewegung in der Ukraine seit 2014 und die Rolle des deutschen Imperialismus thematisiert. Wir konnten mit einigen Leuten interessante Gespräche über ihre Sicht auf den Krieg und die aktuelle Politik der deutschen Regierung führen. Viele teilten hierbei die Einsicht, dass es sich beim Krieg nicht einfach um einen Eroberungskrieg Putins handelt, wie es in deutschen Medien oft dargestellt wird, und dass die aktuelle Politik der BRD weder in unserem Interesse noch im Sinne des Friedens ist. Abseits der Kriegsthematik haben einige Besucher mit uns auch rege über ihre Erfahrungen in der DDR gesprochen. Vor Ort waren auch Genossen der KPD, um mit uns und anderen Leuten auf der Straße zu diskutieren.

Essen

In Essen nahmen wir am 1. September an einer Demo teil, zu der verschiedene Gruppen aus dem maoistischen und hoxhaistischen Spektrum, aber auch die SDAJ, aufgerufen hatten. Indem wir mit Parolen wie „Keine Waffen für die Ukraine“ und „NATO raus aus der Ukraine“ den BRD- und NATO-Imperialismus als unseren Hauptfeind herausstellten, hoben wir uns von der restlichen Demonstration ab, die einen starken Fokus auf den vermeintlich zwischenimperialistischen Charakter des Ukrainekrieges legte – eine Frage, die bei uns, wie in weiten Teilen der kommunistischen Bewegung, umstritten ist und die zu klären wir uns zur Aufgabe gesetzt haben.

Die Essener Polizei, die in den letzten Jahren durch massenhaft rassistische Razzien, Übergriffe und Misshandlungen bundesweites Aufsehen erregt hat, zeigte sich derweil von ihrer hässlichsten Seite: Noch während der Auftaktkundgebung wurden zwei minderjährige Demoteilnehmer, die FFP2-Maken trugen, wegen angeblicher „Vermummung“ festgenommen und abtransportiert. Im Anschluss wurde die Demo immer wieder mit Auflagen schikaniert.

Frankfurt am Main

In Frankfurt haben wir bei einer Kundgebung des DGB und der Friedens- und Zukunftswerkstatt unsere Stellungnahme zum Antikriegstag und unsere Zeitungen zum Kommunismus-Kongress verteilt. Dabei haben wir interessante Gespräche geführt. Teilweise hatten wir den Eindruck, dass klare Anti-NATO-Positionen durchaus auf Zustimmung gestoßen sind. Auch gegenüber der Klärung der Frage des Imperialismus und der Einschätzung des Krieges in der Ukraine gab es Offenheit. Unter den Rednern waren Politiker der Kriegsparteien SPD und Grüne sowie der Partei Die Linke (PdL). Tenor war das Regierungs-Mantra, dass Russland zu verurteilen sei. Aber es gab auch die Forderung nach einem Stopp der Waffenlieferungen und der Aufrüstung. Christine Buchholz (Die Linke) vertrat die fatale Linie des PdL-Parteitags, indem sie Sanktionen „gegen die Elite“ Russlands befürwortete und damit das Einknicken von Teilen der politischen Linken und ihrer Partei vor dem Wirtschaftskrieg der NATO mitmachte.

Hamburg

In Hamburg haben wir uns an einer vom „Hamburger Forum“ organisierten Demonstration beteiligt. Die Beteiligung war besser als im Jahr zuvor, allerdings geringer als 2019. Wir waren mit Transparent und Fahnen, den Zeitungen für den Kommunismus-Kongress und unserer Stellungnahme zum Antikriegstag präsent. Insbesondere die Zeitung stieß auf großes Interesse unter den Anwesenden. Gemeinsam mit vorwiegend jungen Menschen schafften wir es, unseren Positionen auch mit lautstarken Parolen Ausdruck zu verleihen, welche sich hauptsächlich auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen Krieg und Kapitalismus richteten und mit der BRD und der NATO unseren Hauptfeind benannten.

Köln

In Köln haben wir uns am 1. September an zwei Aktionen beteiligt: Die erste Kundgebung wurde vom Kölner Friedensforum am Rudolfplatz ausgerichtet unter dem Motto: „Für den Frieden – Gegen einen neuen Rüstungswettlauf“. In den Redebeiträgen wurde vor allem die Verantwortung der NATO und auch Deutschlands für den Krieg in der Ukraine hervorgehoben, gleichzeitig aber auch der russische Einmarsch abgelehnt. Eine zweite Kundgebung, die sich dann als kleine Demonstration vom Friesenplatz zum Heumarkt bewegte, wurde eher von Gruppen der „roten Szene“ ausgerichtet, auf denen z.B. MLPD und der Kommunistische Aufbau vertreten waren. Dabei stand der Ukrainekrieg weniger im Fokus als vielmehr das Thema Kurdistan. Wir konnten die Zeitung zu unserem Kommunismus-Kongress verteilen und auch ein paar gute Gespräche führen, in denen wir u.a. die Notwendigkeit einer Kommunistischen Partei neuen Typs hervorhoben und unseren Plan für den Aufbau einer solchen Partei in den nächsten Jahren argumentierten.

Leipzig

In Leipzig beteiligten sich unsere Genossen an einer Demo des Personenbündnisses „Leipzig gegen Krieg“. Nachmittags waren wir mit einer Ausstellung zur blutigen Geschichte der NATO und zu Faschisten in der Ukraine auf dem kleinen Wilhelm-Leuschner-Platz präsent. Dort wurde mit Interessierten über die aktuelle Lage diskutiert, Material verteilt und zum Kommunismus-Kongress eingeladen. In einer Rede stellten wir außerdem die Rolle der NATO und des deutschen Imperialismus deutlich heraus und verurteilten die Spaltung von Geflüchteten anhand der Herkunftsländer.

Auch auf die problematische Rolle der „linken“ Akteure in Leipzig, die sich der bürgerlichen Darstellung des Krieges anschließen, Waffenlieferungen befürworten, ukrainischen Faschisten Bühnen bieten und somit eine Querfront bilden, wurde in der Rede eingegangen. Dabei wurde konkret auf die Vorfälle bei der Filmvorführung des Leipziger Filmfestivals GlobaLE eingegangen und sich mit den Veranstaltern solidarisiert. Chauvinismus, Hass gegen russisch-sprachige Menschen und Kriegshetze wurden im Zuge dessen klar verurteilt.

Auch wenn einige Interessierte vor Ort waren und die Demo mit ca. 100 Personen durch die Leipziger Innenstadt ziehen konnte, zeigte sich doch einmal mehr, wie zerfasert und klein die Friedensbewegung ist. Während Antideutsche in Einklang mit der Staatsräson in einem sehr kleinen, doch lauten Gegenprotest biertrinkend der Demo rassistische und arbeiterfeindliche Parolen entgegen schrien (z.B. „Scheiß auf die Arbeiterklasse“ und zu russisch-sprachigen Teilnehmenden „Geht doch zurück nach Russland!“), versuchten vereinzelt rechte und verschwörungstheoretische Kräfte wieder einmal die Demo zu vereinnahmen: So musste u.a. ein rechter Medienmacher der Demo verwiesen werden, andere scheinen sich bedeckt gehalten zu haben und konnten erst im Nachhinein identifiziert werden. Dies wurde kritisch ausgewertet und dient unserem Lernprozess.

Mannheim

Am 1. September haben wir uns zunächst mit einem Transparent an der DGB-Kundgebung zum Antikriegstag beteiligt und dort die Burgfriedenpolitik der Gewerkschaftsführung kritisiert. Unsere Stellungnahme stieß auf Interesse unter den Anwesenden. An unserem Infostand stellten wir eine Wandzeitung auf, an der sich Interessierte über die Geschichte der NATO informieren konnten. In verschiedenen Redebeiträgen thematisierten wir die antirussische Hetze und die Rolle der NATO und der BRD in Bezug auf die historische Entwicklung und die aktuelle Situation in der Ukraine. Auch klärten wir über die Rolle von faschistischen Kräften in der Ukraine und die Finanzierung der Aufrüstung des BRD-Imperialismus mit Hilfe von Krediten und Steuergeldern auf. Durch viele Gespräche konnten wir uns ein Bild von den Sichtweisen der Leute auf die aktuelle Situation machen und unsere Perspektive vermitteln.

Tübingen

In Tübingen hat sich die KO an der Antikriegskundgebung vom Friedensplenum beteiligt. Daran nahmen ungefähr 50 Personen teil. In den Reden von MLPD, DKP, Informationsstelle Militarisierung (IMI) und VVN-BdA wurden vor allem die kriegerische Politik der Bundesrepublik und die Zuspitzung der militärischen Auseinandersetzungen weltweit thematisiert, wie auch die Abwälzung der Krisen- und Kriegslasten auf die breite Bevölkerung, besonders die Arbeiterklasse. Wir haben die Kongress-Zeitung und die Stellungnahme verteilt und dabei einige produktive Gespräche mit Teilnehmern geführt. Insbesondere die Zeitungen stießen auf großes Interesse.

Zweite Kongress-Zeitung erschienen

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Unsere zweite Ausgabe der Kommunismus Kongress-Zeitung liegt druckfrisch vor. Die 12 Seiten sind vor allem mit einer Vorstellung der Workshops und Podien des Kongresses gefüllt.

Hier findet ihr eine Übersicht über unsere Ortsgruppen bei denen ihr auch vor dem Kongress ein Exemplar bekommen könnt:

Programm des Kommunismus-Kongress auf einen Blick

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Hier könnt ihr euch das Programm des Kommunismus-Kongress herunterladen.

Eine detailliierte Beschreibung: Hier

Eine Übersicht in einer Tabelle: Hier

Falls ihr euch noch nicht angemeldet habt: kommunistische.org/kongress

Verwaltungsapparat des gesamten Systems

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Die US-amerikanische Partei PSL über die Rolle der USA im Imperialismus unserer Tage

Von Paul Oswald
Die Party of Socialism and Liberation (PSL) legte im Jahr 2015 mit ihrem Buch „Imperialism in the 21st Century: Updating Lenin’s Theory a Century Later“ (Liberation Media Verlag) – anlässlich des 100. Jahrestages – Lenins Imperialismusschrift auf 216 Seiten neu auf. Lenins Schrift wird mit vier Artikeln eingeleitet, welche die Aktualität seines Imperialismusverständnisses darlegen. Die US-amerikanische PSL ist eine Partei, die sich 2004 von der Workers World Party abspaltete. Beide Parteien berufen sich auf die Tradition von Sam Marcy, welcher Trotzkist war.

Die PSL führt an, dass Lenins fünf Kriterien zur Bestimmung des Imperialismus (Entstehung von Monopolen; Aufkommen einer Finanzoligarchie auf dem Boden des Finanzkapitals; Bedeutung des Kapitalexports; internationale Monopolverbände; Beendigung der Aufteilung der Welt) als die allgemeinen Merkmale des globalen Kapitalismus in seiner monopolistischen Phase zu verstehen seien, in welcher die Expansion – welche die PSL mit dem Kolonialismus in Verbindung bringt – der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder zur absoluten Notwendigkeit geworden sei. Lenins Kriterien sind nach der PSL nicht als eine Art Checkliste verfasst worden, um den Charakter eines Landes zu bestimmen. Es wird hervorgehoben, dass sich der moderne Imperialismus nicht verstehen ließe, wenn wirtschaftliche Merkmale einzelner Länder isoliert voneinander betrachtet werden würden.

Die PSL argumentiert, dass die Position eines Landes im globalen Wirtschaftssystem sowie ihre Beziehungen zu dem Club an Ländern, welche die Weltordnung dominieren, betrachtet werden muss (S. 65 f.). Daher ergäbe es für die PSL keinen Sinn, jedes Land, welches Kapital exportiert oder versucht, einen Zugang zu Ressourcen zu erlangen, als imperialistisch zu charakterisieren. Der Zugang zu Ressourcen ist nach der PSL ein unvermeidliches Merkmal in einer Gesellschaft, die auf der Entwicklung der Produktivkräfte, dem damit im Kapitalismus notwendigerweise einhergehenden Profitstreben und einem Bevölkerungswachstum basiere. Die Grenzen zwischen ihrer relevanten Macht würden verschwimmen, würden all diese Länder als imperialistisch bezeichnet werden. Nach der PSL sind imperialistische Länder jene, die das globale System beherrschen oder es versuchen und nicht jene, die um einen Aufstieg kämpfen (S. 68).

Die PSL führt an, dass Lenin die Neuaufteilung der Welt als eine Neuaufteilung der Kolonien unter den Imperialisten verstand. Dieser Kampf um die Neuaufteilung wird nach der PSL auch heute noch geführt, allerdings nicht durch die territoriale Aufteilung eines Kolonialreichs (S. 8). Dies wird daraus abgeleitet, dass die USA das alte Kolonialsystem mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch ein neues ersetzt hätten, welches Kwame Nkrumah, der Ghana als eines der ersten afrikanischen Länder in die Unabhängigkeit führte und später der wichtigste Sprecher der panafrikanischen Bewegung wurde, als ‚Neokolonialismus‘ bezeichnete. Die Annahme ist, dass dieses neue Kolonialsystem den Ländern eine nominelle Unabhängigkeit gewähre, um die Märkte dieser Länder für verschiedene Imperialisten zu öffnen. Gleichzeitig würden aber die politischen und wirtschaftlichen Kernangelegenheiten unter imperialistischer Kontrolle bleiben.

Die PSL vertritt die Annahme, dass die Imperialisten bis zur Konterrevolution ein gemeinsames Ziel verfolgten: die Unterdrückung von sozialistischen und fortschrittlich nationalistischen Tendenzen (S. 13f.). Nach der PSL vollzog sich eine Teilung der Kapitalistenklasse in den Kolonien und Neokolonien. Diejenigen, die dem neuen Kolonialsystem dienten, bezeichnen sie als „Kompradoren“. Die Kapitalisten, welche eine unabhängige nationale Entwicklung der Wirtschaft anstreben, stellen nach der PSL die „nationale Bourgeoisie“ dar. Die PSL führt aus, dass diese „nationale Bourgeoisie“ während des Kalten Kriegs durch die Unterstützung der sozialistischen Länder mehr Handlungsspielraum als heute besaß (S. 69 f.).

Die Partei argumentiert zudem, dass die Haupttriebkraft, die zu Lenins Zeiten zum Krieg führte (die Neuaufteilung der Kolonien), weggefallen sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten die sozialistischen Länder gemeinsam einen Block mit jenen Ländern, die für die nationale Befreiung kämpften (S. 33 ff.). Die USA strebten danach, in einem gemeinsamen Bündnis aller Imperialisten diesen Block „einzudämmen“. Dies bedeutete – so die PSL – einen ununterbrochenen Krieg. An fast jedem Ort in der Welt brachen Kämpfe zwischen dem Imperialismus und dem sozialistischen Block aus. Für die PSL bedeutet dies, dass es keine politische Bewegung außerhalb dieses Kampfes geben konnte (S. 41 f.). Mit der Konterrevolution brach das politische und wirtschaftliche Gegengewicht zum Imperialismus weg, welches vielen Staaten der ehemals kolonialisierten Welt ermöglichte, eine nationale Entwicklungspolitik zu betreiben (unabhängige Außenpolitik, Verstaatlichung der Schlüsselindustrie, Sozialleistung usw.). Die USA griffen unmittelbar nach der Konterrevolution den Irak an. In der Clinton-Zeit folgten dann Somalia, Sudan, Haiti und Jugoslawien. Diese Reihe setzt sich unter Bush jr. und Obama fort. Nach der PSL würde das Schicksal Iraks zeigen, wie die aufeinanderfolgenden Stadien des Imperialismus ineinander übergehen und sich der Kalte Krieg in einen Krieg gegen unabhängige Staaten wandelte. Nach der Konterrevolution richtete sich die oberste Priorität der USA auf die Vorherrschaft über den Nahen Osten und seine Energiequellen (S. 56 f.).

In Bezug auf den US-Imperialismus hebt die PSL hervor, dass dieser nicht nur als Ausdruck der US-Konzerne und seiner Finanzoligarchie verstanden werden dürfe. Er sei der Verwaltungsapparat des globalen kapitalistischen Systems insgesamt. Daraus ergebe sich ein übergeordnetes politisches Ziel für die USA: die Erhaltung dieser Weltordnung. Hieraus zieht die PSL den Schluss, dass die USA durch die jüngsten Kriege gegenüber den Entwicklungsländern und ihren eigenen imperialistischen Partnern demonstrieren würden, dass ihre Hegemonie nicht in Frage gestellt werden dürfe (ebd., S. 54 f.). Die größte Herausforderung des Imperialismus heute sieht die PSL darin, dass die USA versuchen, den Aufstieg neuer Mächte (Russland, China usw.) anzupassen und zu steuern. Sie wollen dadurch die Bedingungen bestimmen, unter denen Unabhängigkeit definiert wird, indem die US-Hegemonie aufrechterhalten wird. Gleichzeitig werde gegen jeden Krieg geführt, der diesen Konsens hinterfrage (S. 71).
Hervorzuheben ist in diesem Buch das Verständnis der PSL der fünf Merkmale Lenins. Anhand dieser Ausführung wird eine klare Unterscheidung zwischen dem Imperialismus als Epoche und einzelnen imperialistischen Ländern möglich.

■ Party of Socialism and Liberation / Ben Becker: Imperialism in the 21st century, San Francisco: Liberation Media 2015. 216 Seiten. Kindle Version

Podcast #28 mit Jörg Kronauer über den Krieg in der Ukraine und die Interessen und Ziele der Kriegsparteien

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Jörg Kronauer ist Journalist u.a. für die junge Welt, sitzt in der Redaktion des Nachrichtenportals german foreign policy und ist Autor verschiedener Bücher, die sich mit dem Ukrainekonflikt und der Konfrontation der westlichen Staaten mit Russland und China beschäftigen. Sein neuestes Buch „Der Aufmarsch – Vorgeschichte zum Krieg“  ist am 1. April 2022 im PapyRossa Verlag erschienen. Wir haben mit Jörg über die Ausgangssituation vor dem 24. Februar 2022, die Interessen und Ziele Russlands in diesem Krieg, die gemeinsamen und entgegengesetzten Ziele des Westens und die Rolle anderer Staaten wie z.B. Indien gesprochen.

Herrscher, Vasall – oder etwas dazwischen?

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Deutscher Imperialismus im Spiegel des Ukraine-Konfliktes

Von Joshua Relko
„Der Hauptfeind steht im eigenen Land, er heißt deutscher Imperialismus“ – so oder ähnlich lauten die Losungen angesichts des gegenwärtigen Ukraine-Konfliktes in der kommunistischen Bewegung, einerseits. Andererseits sehen wir uns in dieser Situation mit der Frage konfrontiert, warum die BRD derzeit eigentlich so handelt, wie sie das tut – und was das mit den USA als ihrem NATO-Partner im Kampf gegen Russland zu tun hat. Dem zugrunde liegt die Vorstellung vom imperialistischen Weltsystem: Wird die Auffassung von mehreren, in Konkurrenz zueinander stehenden imperialistischen Zentren vertreten oder die Auffassung von einem mehr oder weniger unipolaren System mit einem imperialistischen, durch die USA dominierten Pol? Manche Vertreter eines weitgehend unipolaren Weltsystems erklären die BRD zum „Satelliten“ oder „Vasallen“ der USA.

Im Folgenden möchte ich einen Einblick in die Diskussion und Analyse des BRD-USA-Verhältnisses aus meiner Sicht geben. Die Aktualität und Dringlichkeit der im Text aufgeführten Fragen ergibt sich auch aus der Konfrontation der NATO-/EU-Länder mit Russland (und China).

Aktuelle Lage in der Ukraine und im Verhältnis BRD-USA

Mit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine suggerieren die Länder der NATO, insbesondere die USA und die BRD, auffallende Geschlossenheit. In der Vergangenheit gab es lange ein Zögern der BRD in der Frage der Sanktionen gegen Russland und der Energieimporte einerseits, US-Diplomatin Nulands „Fuck the EU“ als Ausdruck der abgekühlten transatlantischen Verhältnisse besonders präsent in der Trump-Ära andererseits. Spätestens seit dem 24. Februar scheint die Einheit des westlichen Bündnisses über Allem zu stehen. Teile der kommunistischen Bewegung ziehen diese Beobachtung als Beweis für die Dominanz der USA, auch über die deutsche Außenpolitik, heran. Sie weisen unter anderem auf den wirtschaftlichen Schaden der Sanktionen hin, der sich ungleich verteilt (zum Beispiel bei den Energieembargos):
Während die BRD wirtschaftliche Probleme bekommt, die Konjunktur nachlässt, die Energieversorgung unsicher ist und so weiter, tragen die USA kaum ökonomische Nachteile davon – im Gegenteil profitieren sie massiv vom voraussichtlich stärker werdenden eigenen Energieexport (aus Fracking gewonnenes Gas soll per Schiff in die EU importiert werden – der Infrastrukturausbau dafür läuft auf Hochtouren).

Der BRD-Imperialismus muss weitgehend unabhängig werden von Energieimporten (egal von wem) und sie diversifizieren. Ist der aktuelle Konflikt, das Embargo nicht sogar ein möglicherweise willkommener Anlass dazu? Die derzeitige Stimmungsmache – „Frieren für den Frieden“ – gibt zumindest Stoff, um Energieknappheit gegenüber der Bevölkerung zu rechtfertigen.

Der militärische Bereich ist angesichts der drohenden Eskalation im Konflikt, angesichts der hochgerüsteten beteiligten Staaten ebenso Teil unserer Diskussion. Die Zeitschrift Internationale Politik sieht eine von den USA unabhängige Aufrüstung: „Der Bundeskanzler sprach von einer ‚Zeitenwende‘, um einen Paradigmenwechsel in der deutschen Sicherheitspolitik zu beschreiben. Die weitreichendste konkrete Maßnahme seitdem war die Ankündigung, dass Deutschland umgehend Lockheed Martins F-35-Kampfflugzeuge anschaffen werde, um seine in die Jahre gekommene Tornado-Flotte zu ersetzen und weiterhin die „nukleare Teilhabe“ im NATO-Rahmen zu ermöglichen.“ (IP: Zeitenwende light, Ausgabe #4/2022) Nukleare Teilhabe – das ist eine im Rahmen der Aufrüstung besonders spannende Frage. Ist die Präsenz von US-Atomwaffen auf deutschem Boden Ausdruck einer US-Dominaz oder eher einer nuklearen Teilhabe der BRD?

Wir müssen insgesamt die Präsenz von mehreren zehntausend US-Soldaten in Deutschland bewerten. Wer wendet sich aus den Kreisen der Herrschenden gegen sie? Welche Rolle spielen diese Militärbasen für das BRD-USA-Verhältnis?
Wie steht es um den militärisch-industriellen Komplex, wie schätzen wir die dort vorzufindende Konkurrenz ein? Einerseits bezieht die BRD Militärtechnik aus den USA, siehe die angesprochenen F-35-Flugzeuge. Andererseits lesen wir zum Beispiel bei der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik (DGAP): „Diese Chance, europäische Verteidigung voranzubringen, besteht wahrscheinlich nur in diesem Jahr. Andere füllen bereits die Lücken an Rüstungsgütern, allen voran die USA, und stellen damit die rüstungspolitischen Weichen in Mittel- und Osteuropa auf Jahrzehnte.“ (DGAP: Eine Starthilfe für die europäische Rüstungswende, DGAP Online Kommentar, 07. Juni 2022) Die DGAP spricht die (in diesem Fall rüstungsindustrielle) Konkurrenz aus. Keine warmen Worte von transatlantischer Partnerschaft, stattdessen der Fokus auf europäische Aufrüstung.
„Der deutsche Imperialismus versucht derzeit seine Interessen hinsichtlich der zwischenimperialistischen Konkurrenz (vor allem gegenüber den USA) wie auch gegenüber Russland und China im Rahmen der NATO-Strukturen durchzusetzen“, schätzte Björn Blach in einem Diskussionsbeitrag zum 24. Parteitag der DKP ein (UZ: Debattenbeiträge des 24. Parteitags (Teil 2)). Abschließend müssen wir in der Einschätzung der aktuellen Lage fragen: Welche Alternativen hätte die BRD zu ihrem aggressiven Vorgehen gegen Russland? Ist es die Dominanz der USA, die dieses Vorgehen bewirkt oder ist das Ziel der Eindämmung und Zerschlagung Russlands ganz im Interesse der BRD?

Stellung der BRD im imperialistischen Weltsystem

Die Stellung in der imperialistischen Hierarchie, unabhängig davon, wie man diese beschreibt, gibt Aufschluss über die realen Einflussmöglichkeiten und Partnerschaften der BRD in der Welt, Aufschluss über ihre Stärke und damit auch den Grad ihrer Eigenständigkeit gegenüber den USA. Welchen Einfluss haben NATO und EU? Welche Rolle spielt die BRD darin? Wie ist ihr Verhältnis zu anderen imperialistischen Staaten? Wie sieht es mit dem Verhältnis zu Russland aus, wie hat es sich entwickelt? Während wir heute vor allem mit Kriegshetze konfrontiert sind, die keinen Platz mehr lässt für politische oder ökonomische Partnerschaften zwischen der BRD und Russland, gab es in der kommunistischen Bewegung stets Diskussionen um die Frage des strategischen Nutzens einer solchen Partnerschaft. Eva Niemeyer schätzte 2009 die Situation so ein: „Deutschland schafft es mit der ‚Doppelstrategie‘, sich viele Optionen offen zu halten (mit/ohne Russland; mit/ohne Frankreich; mit/ohne/gegen USA).“ (Offen-siv 8/09: Der BRD-Imperialismus nach 1989). Eine die Partnerschaft mit Russland intensivierende Ära Schröder (Nord Stream als ein Kind dieser Zeit, Stärkung der EU als Steigbügelhalter für Deutschlands Aufstieg) bekräftigte Niemeyers These.
Wie hat sich das BRD-USA-Verhältnis von Beginn an entwickelt? War die alte BRD im Zuge von Besatzungszonen, Marshall-Plan und strategischer Partnerschaft gegen den Sozialismus ein bloßer Vasall der USA oder errangen die alten deutsch-imperialistischen Kreise schon früh wieder ihre Eigenständigkeit? Wie ging die Entwicklung weiter? In einem Artikel der KAZ wurde formuliert: „Umgekehrt hält der US-Imperialismus – trotz aller von keinerlei Diplomatie mehr verhüllten Angriffe auf den deutschen Imperialismus – noch an dem Bündnis mit diesem fest. Ein Krieg gegen Russland und China scheint aus US-amerikanischer Sicht ohne den deutschen Imperialismus nicht führbar zu sein.“ (KAZ: Der Imperialismus und die Epoche der Weltkriege, KAZ Nr. 366) Und in Offen-siv 4-2021 äußerten sich Frank Flegel, Jürgen Geppert und IФB: „Treuschwüren in Richtung USA folgten Annäherungen an die Sowjetunion (in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts) oder an Russland (während der Jelzin-Zeit und nochmals während der Kanzlerschaft Schröders), seit einiger Zeit vorherrschend aber Distanz und Feindschaft gegenüber Russland und China. Ähnlich schwankend ist die Haltung gegenüber den USA, denn eins ist immer klar: jeder imperialistische Konkurrent ist potentiell ein Feind.“ (offen-siv 4-2021)

Strategie des deutschen Imperialismus

Zu einem Überblick über unsere Diskussion zum BRD-USA-Verhältnis gehört abschließend auch die Strategie des deutschen Imperialismus, seine Ziele, langfristigen Partnerschaften und Bündnisbeteiligungen. Die Orientierung des BRD-Imperialismus zu erfassen, ist eine Voraussetzung für unsere eigene revolutionäre Strategie. Wir müssen verstehen, wie diese Orientierung zustande kommt, wie die politischen Prozesse innerhalb der herrschenden Klasse ablaufen. Es geht zum Beispiel um die Frage der Kapitalfraktionen, der sicher ein ganzer eigener Artikel gewidmet werde könnte (siehe die Ausarbeitungen zum Thema im BolscheWiki der KO). Wie definieren wir Kapitalfraktionen, wie finden ihre Interessen einen politischen Ausdruck? Konkret: Inwiefern stehen die bürgerlichen Parteien für die Interessen bestimmter Teile der Bourgeoisie? Welche Bedeutung haben bestimmte Kapitalinteressen gegenüber dem bürgerlichen Staat als ideellem Gesamtkapitalisten?
Abseits strategischer und politischer Überlegungen demonstrieren die Debatten um das Verbot russischer Energieimporte auch die Verwundbarkeit des BRD-Imperialismus. Hinzu kommt ein Mangel an internationalem geostrategischen Einfluss, ein Rückstand bei der Aufrüstung (das ändert sich mittelfristig vermutlich mit Sondervermögen und regulärer Etaterhöhung), fehlende feste Bündnispartner, eine vielleicht noch nicht ausreichende Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung.
Dennoch stellt sich die Frage, welche Alternativen der deutsche Imperialismus zu seinem aggressiven Vorgehen gegen Russland hat. Ist es die Dominanz der USA, die die aktuell aggressive BRD-Politik gegen Russland bewirkt oder ist die notwendige Politik der Eindämmung und Zerschlagung Russlands ganz im Interesse der BRD?

Mein Fazit

Ausgehend von den aufgeworfenen Fragen und angeführten Debattenbeiträgen denke ich, dass das Bündnis des deutschen Imperialismus mit den USA angesichts der jüngsten Eskalationen im Konflikt mit Russland wieder an Bedeutung gewonnen hat, auch wenn es nicht das Level an Partnerschaft in Phasen der Konfrontation mit den sozialistischen Staaten erreicht. Das Bündnis war und ist imperialistischer Natur, beide Staaten orientieren sich im Fall der Fälle an nationalen (Gesamt-)Kapitalinteressen. Wenn wir den deutschen Imperialismus in seiner Rolle unterschätzen oder gar in ein von den USA diktiertes Dasein einordnen, laufen wir Gefahr, die Arbeiterklasse zu desorientieren. Wir laufen Gefahr, dem deutschen Imperialismus den Rücken zu stärken gegen „äußere Feinde“, letztlich Klassenversöhnung zu befördern und die Revolution, den Sozialismus zu unterminieren. Die revolutionäre Strategie und Taktik müssen wir an dieser Realität ausrichten. Sie müssen Strategie und Taktik gegen den deutschen Imperialismus und gegen das gesamte imperialistische Weltsystem sein.