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Besatzung und Widerstand – Was hat Palästina mit uns zu tun? Vortrag und Diskussion mit Moshe Zuckermann

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Wo: Jena, Emils Ecke, Emil-Wölk-Str. 5

Wann: 16.11.2022, 18 – 20 Uhr

An der Einschätzung der Besatzung Palästinas spaltet und schwächt sich seit Jahrzehnten die politische Linke in Deutschland. Wir wollen uns mit dem Widerstand gegen das Apartheidsregime in Palästina auseinandersetzen, welche Formen der Solidarität es in Deutschland gibt und wie diese kriminalisiert werden. Außerdem wollen wir klären welche Formen des Widerstands legitim sind und warum es für Kommunisten in Deutschland wichtig ist, zum Konflikt Position zu beziehen.

Zwischen Friedensstaat und NATO-Rollfeld – Erfurt, 06.10.2022

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Wo: Erfurt, Willy-Brandt-Platz

Wann: 06.10.2022, 17 – 19 Uhr

Drei Tage nach dem sogenannten „Tag der deutschen Einheit“ und einen Tag vor dem Nationalfeiertag der Deutschen Demokratischen Republik wollen wir uns gemeinsam anhand von Stätten der Konterrevolution in Erfurt ansehen, wie sich der BRD-Imperialismus die DDR einverleibt hat.

Ausstellung zum Ukrainekonflikt – Jena, 08.08.2022

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Wo: Jena, Lobeda West – Unterführung nach Lobeda Ost

Wann: 08.08.2022, 16 Uhr

Seit Februar 2022 bezeichnen deutsche Medien den russischen Militäreinsatz in der Ukraine als einen Angriffskrieg. Im Zuge dessen verabschiedete der Deutsche Bundestag mit 100 MRD Euro das größte Aufrüstungspaket für die Bundeswehr. Wir wollen uns in einer Ausstellung damit auseinandersetzen, wie es zum Konflikt kam, welche Rolle die NATO- Osterweiterung und der deutsche Imperialismus spielen, welche Bedeutung der Banderafaschismus und Antikommunismus als Ideologie und Faschisten wie Asow in der Ukraine haben und wie die Kampfbedingungen der Gewerkschaftler und Kommunisten dadurch beeinflusst werden.

Was heißt es heute Kommunist zu sein? – Jena, 13.07.2022

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Wo: Jena, Haus auf der Mauer, Großer Saal

Wann: 13.07.2022, 18 – 21 Uhr

In unserer Auftaktveranstaltung wollen wir vorstellen, wer die KO ist und was sie sich vorgenommen hat. Ausgehend von unserer Einschätzung der Krise der kommunistischen Bewegung wollen wir erklären, wie wir uns vorstellen, Voraussetzungen für deren Überwindung zu schaffen und was unser Klärungs- und Aufbauprozess damit zu tun hat. In der kommunistischen Bewegung wie auch in der KO stellt sich dabei gerade die Frage der Einschätzung des Imperialismus als eine der drängendsten und legt viel Uneinigkeit offen. Wir wollen daher auch diskutieren, wie wir die Klärung dieser Frage aktuell zielführend vorantreiben können.

Darüber hinaus führen wir dieses Jahr weitere Veranstaltungen in Jena und Erfurt durch. Wir denken, dass es für den Aufbau einer schlagkräftigen Arbeiterbewegung notwendig ist, dass sich möglichst viele Genossinen und Genossen an der Klärung wesentlicher Dissense beteiligen, um dem Imperialismus gemeinsam den Kampf anzusagen!

NATO und G7 – Herrscher einer morschen Welt

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Die in Elmau zum G7- und in Madrid zum NATO-Gipfel versammelten Herrschenden schlagen um sich: Sanktionen, Drohungen und Zerstörungskriege sind ihr Programm. Militarismus, Aufrüstung und Verarmung sind für die NATO nichts Neues, das prägt sie seit ihrer Gründung. Sie steht seit 1949 für Reaktion auf ganzer Linie: Damals gegen die Befreiungskämpfe der von ihnen kolonisierten Völker und gegen den Sozialismus, heute gegen alle Länder, die sich ihrer Vorherrschaft nicht fügen wollen. Dieses reaktionäre Bollwerk kleidet sich zwischenzeitlich bunt und farbig – durch „green-“ und „pinkwashing“, indem es sich „weltoffen“ und „modern“ gibt, von Menschenrechten faselt und seine Regimechanges als „farbige Revolutionen“ verkauft. Doch im Kern ist es so braun, wie die Faschisten, die es von Beginn an mit aufbauten und die die NATO umgekehrt auch stets in verschiedenen Ländern unterstützt hat. Und auch das Ziel ist dasselbe geblieben: Die Absicherung der Herrschaft der westlichen Finanzoligarchie.
 
Doch ihr Herrschaftssystem ist morsch und faul. Es kommt seit 2008 nicht aus der Krise heraus; der Aufschwung nach der Konterrevolution 1989-91 war kurz: Die allgemeine Krise des Kapitalismus zeigt sich in den USA, wo die Lebenserwartung sinkt und große Teile der Bevölkerung verelenden. Die EU wiederum hat sich über lange Jahre hinweg deindustrialisiert und wird von inneren Widersprüchen zerrissen.
Die Krise verschärft in den Augen der Herrschenden offenbar die Notwendigkeit, weite Teile der Länder der Welt als Rohstoffanhängsel und Reservoiren für billige Arbeitskräfte zu halten, sie sogar auf einen semi-kolonialen Status herabzudrücken, auch wenn dazu nicht immer direkte politische Herrschaft und Besatzung notwendig sind.
 
Die Verhinderung jeder fortschrittlichen oder auch nur eigenständigen Entwicklung der unterdrückten oder abhängigen Länder ist notwendig. Jede Regung nach Loslösung von dem Einfluss und der Erpressung des Westens muss geahndet, am besten direkt im Keim erstickt werden. Dazu ist der Westen zur Destruktion in jeder Hinsicht bereit – ökonomisch, militärisch, politisch. Sanktionen, Blockaden, „Farbrevolutionen“, Erpressung und Unterwanderung – alle Mittel werden eingesetzt.
Eigene ökonomische Schäden werden in Kauf genommen und auf die eigene Bevölkerung abgewälzt. Der offensichtlich irrsinnige Boykott russischen Erdgases zu Gunsten amerikanischen Flüssigerdgases ist ein Beispiel dafür.
 
Terrorherrschaft des Westens
 
Die Spur der Zerstörung, die der Westen seit 1990 zieht, wird immer länger: Irak, Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, Syrien, … Mag Russland heute auch stabiler und als ein weniger leichtes Ziel   erscheinen – vor diesem Hintergrund müssen wir die seit Jahren gegen die Russische Föderation gerichteten Drohungen und die militärische Umzingelung durch die NATO sehen. Seit 10 Jahren bereitet sich die NATO auf eine militärische Konfrontation mit Russland vor. Zentrale Verträge wurden gekündigt, Raketenabwehr in Europa aufgebaut, die NATO dauerhaft an der Grenze zu Russland stationiert, Raketen mit kurzer Flugroute nach Moskau aufgestellt. Seit 2014, mit dem Putsch in der Ukraine, wurde diese Konfrontation auf die nächste Eskalationsstufe gehoben.
 
Gegen China werden nicht nur militärische Drohungen und Umzingelung eingesetzt, sondern auch internationale Propaganda-Kampagnen, Subversion, Aufstandsanstachelung in Hongkong, und Förderung von Separatisten in Xinjiang etc. All dies dient der Schwächung der Souveränität Pekings. Die Volksrepublik gilt der NATO spätestens seit 2021 als weltmachtspolitischer Hauptgegner. Der reale Kern liegt darin, dass der Aufstieg Chinas und Russlands die globale Hegemonie des westlichen Imperialismus tatsächlich bedroht.
Die Aggression gegen Russland und China hat nicht nur zum Ziel, diese als Machtfaktoren auszuschalten und unterzuordnen. Es ist zugleich ein „Ordnungskrieg“, der vielen anderen Ländern deutlich machen soll: Beugt euch unserem Diktat, sonst werdet ihr vernichtet. Das gilt für Iran, Venezuela, Vietnam, aber auch viele afrikanische Länder. Afghanistan, das den USA eine schwere Niederlage beigebracht hat, darf sich aus NATO-Sicht nicht wiederholen und soll vergessen gemacht werden.
 
Ein Pakt der Räuber
 
Das Gerede der Herrschenden von der „transatlantischen Freundschaft“ ist Heuchelei: Es gibt keine „Freundschaft“ zwischen imperialistischen Staaten, die NATO ist ein Pakt ungleicher Räuber. Der Herrschaftsanspruch der USA steht im Mittelpunkt – ihre Macht übersteigt die anderen des Westens militärisch, politisch und ökonomisch. Zugleich sind die USA in der Krise, nicht nur ökonomisch, sondern vor allem politisch. Die Durchsetzung ihrer Macht trifft auf immer mehr Widerstand und auch auf immer mehr Widersprüche. Das macht sie besonders gefährlich.
 
EU und Deutschland sollen sich unterordnen – und tun es auch. Auch das geht nicht ohne Widersprüche und Konfrontationen, aber noch verspricht der Pakt am ehesten die Möglichkeit die jeweils eigene Macht auszubauen. Die BRD nutzt am offensivsten die Situation, um sich aufzurüsten für einen eigenständigen Krieg.Aber auch zur Steigerung seiner Macht gegenüber schwächeren Staaten. Deutscher und amerikanischer Imperialismus gehen Hand in Hand, aber als Wölfe. Die Gefahr des deutschen Imperialismus ist nicht zu unterschätzen, auch wenn die USA klar den Takt vorgeben.
 
Die um sich schlagenden Herrscher dieses zunehmend morschen Systems richten sich gegen die Völker der Welt – auch gegen ihre eigenen, vor allem aber gegen jene, der überwältigenden Mehrheit der Länder, die vom Club der G7 und der NATO ausgeschlossenen und zu weiten Teilen unterentwickelt, abhängig oder gar unterdrückt sind. Zwei Drittel der Menschheit und Dutzende Regierungen suchen nach einem vom Westen unabhängigen Weg der Entwicklung, nach Befreiung aus der eisernen Umklammerung der mächtigen Monopole des Westens.
 
Ihre Bestrebungen, ihre Wege und Mittel die sie wählen, um der Aggression etwas entgegen zu setzen, müssen wir lernen und dahingehendunterstützen, dass sie das imperialistische System schwächen und die Kampfbedingungen für die internationale Arbeiterklasse verbessern. Einige Teile der Arbeiterklasse in den westlichen Staaten sind korrumpiert und in der Logik der Herrschenden gefangen. Aber die Arbeiterklasse insgesamt ist keineswegs begeistert, überzeugt oder wirklich mobilisiert. Einige Teile sind auch mehr als unzufrieden, sie glauben den Lügen der Herrschenden nicht und lassen sich von der antirussischen und der Kriegshetze nicht mitreißen. Diese – wenn auch häufig nur spontanen und sporadischen – Ansätze von Klassenbewusstsein gilt es aufzugreifen und zu stärken. Denn ohne den proletarischen Internationalismus, der sich sowohl mit den Kämpfen unserer Klassengeschwister weltweit, als auch mit den unterdrückten und vom Imperialismus bedrohten Völkern und Ländern verbindet, wird ein revolutionärer Kampf in den Ländern des Westens nicht möglich sein.
 
 
Wir als Kommunisten sind uns der Tatsache bewusst, dass überall auf der Welt, wo der Kapitalismus herrscht, der unauflösliche Klassenwiderspruch zwischen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse existiert und Klassenkämpfe stattfinden und stattfinden müssen. Es ist auch klar, dass es Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den verschiedenen Staaten gibt und dass diese sich graduell unterscheiden, je nach Entwicklungsstand des jeweiligen Landes, seiner Monopole und der Stärke des national kontrollierten Finanzkapitals unterscheiden. Über den Charakter und die Bedeutung dieser Abhängigkeiten führen wir gerade in unserer Organisation eine Diskussion. Die Frage, die für uns noch nicht geklärt ist, ist, wie sich diese Verhältnisse zwischen Staaten und Nationen heute auf die Klassenverhältnisse und Klassenkämpfe in den verschiedenen Ländern auswirken und welche kommunistische Politik den Weg zur revolutionären Überwindung der Verhältnisse weist. Die vorliegende Stellungnahme konzentriert sich auf die Rolle der NATO und insbesondere auf die Rolle der führenden NATO-Staaten. Dass diese Staaten und ihr Militärbündnis das derzeit aggressivste und gefährlichste imperialistische Lager darstellen, darüber besteht bei uns als KO kein Zweifel und wir werden entsprechend unserer gemeinsam beschlossenen Aktionsorientierung die NATO und ihre Verbrechen benennen und bekämpfen. Trotz unserer Uneinigkeit in der Frage, wie wir andere Länder wie z.B. Russland im imperialistischen Weltsystem heute verorten, bleiben wir geschlossen in der Aktion gegen unseren Hauptfeind, den deutschen Imperialismus und seinen reaktionär-militaristischen Bündnissen. (Die ursprüngliche Stellungnahme beinhaltete an dieser Stelle einen kürzeren Absatz. Da dieser nicht in allen Punkten klar formuliert war, haben wir ihn überarbeitet).
 
Die NATO war, ist und bleibt der Feind der Völker. Sagen wir ihrer Ordnung den Kampf an!
 
Nieder mit dem Imperialismus – hoch die internationale Solidarität!
Deutschland raus aus der NATO – NATO raus aus Deutschland!
 
 
Zur Geschichte der NATO: Tod, Zerstörung, Faschismus
 
Die Gründung der NATO (North Atlantic Treaty Organization)1949 war das offizielle Signal der Entwicklung nach 1945, in der die USA, Großbritannien und Frankreich zur Aggression gegen die Sowjetunion übergegangen waren. Bereits 1945 warfen die USA Atombomben auf Hiroshima; dieser Massenmord an einer Viertelmillion Menschen war wohl weniger gegen das fast schon besiegte Japan selbst gerichtet, als viel mehr der Drohung gegen die UdSSR. Der britische Premier Churchill entwarf ebenfalls 1945 einen Plan zur Invasion der Sowjetunion. Im Gründungsjahr der NATO beschlossen die USA den Plan „Dropshot“, der die Möglichkeit eines atomaren Vernichtungskriegs gegen die UdSSR bis 1957 unter Einsatz von 300 Atombomben und die Zerstörung von 100 Großstädten in der Sowjetunion vorsah.
 
Die Aggression der imperialistischen Staaten der NATO wendete sich aber nicht nur gegen den Sozialismus: Frankreich versuchte, die nationalen Befreiungsbewegungen in Vietnam, Algerien und weiteren Kolonien mit Gewalt zu ersticken; die USA führten zahlreiche barbarische Kriege, die gegen Korea und Vietnam mit besonderer Zerstörungswut; Großbritannien und Portugal bekämpften ebenfalls zahlreiche Befreiungsbewegungen in ihren jeweiligen (ehemaligen) Kolonialreichen. Außerdem unterstützte der Westen den südafrikanischen und israelischen Apartheidstaat, die beide als verlängerter Arm der NATO und als deren Speerspitze gegen die arabische bzw. die afrikanische Freiheitsbewegung dienten oder im Fall Israels bis heute dient. Auch wenn diese Feldzüge zur Unterdrückung der Mehrheit der Völker der Welt nicht offiziell als NATO geführt wurden, war sie dennoch von je her ein Pakt der Kolonialherren, die sich im Kampf gegen die nationalen Befreiungsbewegungen unterstützten.
 
Die NATO ist zugleich sowohl Ausdruck der Schwäche als auch ein Mittel zur Stärkung des westlichen Imperialismus. Die imperialistischen Staaten waren wegen des Sozialismus und der antikolonialen Befreiungskämpfe gezwungen, sich enger zusammen zu schließen, ihre Aggression stieß auf Hindernisse. Zugleich konnten sie mit dem Aufbau staatenübergreifender Strukturen insbesondere des Militärs und der Propaganda Synergieeffekte erzielen.
 
USA rein, Russland raus, Deutschland unten halten
 
Allerdings war die Allianz von Anfang an nicht ohne Widersprüche. Die Hauptmacht waren und sind die USA. Die NATO diente und dient in erster Linie ihren Kriegs- und Expansionszielen. Der erste Generalsekretär der NATO, Ismay, formulierte den Zweck der NATO sehr klar: Die NATO sei dazu da, „die Russen [aus Europa] rauszuhalten, die USA reinzuholen und die Deutschen dauerhaft unten zu halten“. Was mit „raus halten“ genau gemeint war, macht er an anderer Stelle deutlich: „Das zentrale oder auch politische Ziel besteht darin, Russland den Willen der Vereinigten Staaten und des Britischen Empires aufzuzwingen … es hängt ab von der russischen Entscheidung. Wenn sie den totalen Krieg haben wollen, dann können sie ihn bekommen.“ In Bezug auf Deutschland sollte dafür gesorgt werden, dass das industrielle Potential nicht zu einer erneuten eigenen Kriegsführung genutzt werden könne. Ziel der US-Strategen ist zudem, eine Verbindung der Produktionspotentiale Europas mit den Rohstoffen und der Größe Russlands zu verhindern.
 
Die NATO verfolgte gegenüber dem Sozialismus eine aggressive Strategie der Zurückdrängung der Sowjetunion. Diese Strategie beinhaltete immer Sanktionen, Sabotage und Bedrohungen. 1953 beschloss die NATO die nukleare Strategie der „Massiven Vergeltung“, die bei einem Angriff (konventionell oder atomar) die vollständige Vernichtung des Gegners vorsah. Die Aufstellung von Truppen und Angriffswaffen an die Grenzen der Warschauer-Vertrags-Staaten war stets ein wichtiges Mittel. Die Stationierung von Raketen in der Türkei 1959, die die UdSSR erreichen konnten, war eine solche Eskalation. Nachdem sich das sozialistische Lager durch Nachrüsten erfolgreich verteidigen konnte und die NATO mit ihrem „Rollback“ gescheitert war, fügte sie zur Aggression die Strategie der „Entspannung“, der Verhandlungen und Verträge hinzu. Das war zum einen ein Erfolg der sozialistischen Staaten, zum anderen sollte es aus Sicht der NATO wie „Zuckerbrot und Peitsche“ funktionieren. Der NATO-Doppelbeschluss von 1979 formulierte diese Strategie, die in geänderter Form bis heute formuliert wird: drohen und verhandeln, wobei die Zusagen sich meist als Täuschung und die NATO, insbesondere die USA, sich als Vertragsbrecher herausstellten.
 
Der Feind bleibt Russland
 
Mit der Auflösung der Sowjetunion und dem Warschauer Vertrag änderte sich an der NATO-Strategie wenig. Sie formulierte nur offener ihren Weltmachtanspruch mit der „Out-of-Area“-Einsatz-Politik, also der weltweiten Intervention. Die USA setzten mit dem Angriff auf den Irak 1990 und der folgenden Jahre der Sanktionen gegen das Land mit rund 1,7 Million Todesopfern ein klares Zeichen, dass sie ihre Macht mit allen Mitteln durchsetzen werden. Die NATO sollte aber nicht aufgegeben werden, da sie für die USA ein wichtiger Hebel zur Durchsetzung ihrer Interessen und ihres Einflusses ist. Der Angriff auf die Bundesrepublik Jugoslawien 1999 sollte die „Lebendigkeit“ der NATO demonstrieren. Er stellte zugleich eine Drohung an das mit Serbien verbündete Russland dar.
 
Die Expansion der Allianz selbst wurde ebenfalls sofort betrieben, und zwar Richtung Osten. Damit war sie weiterhin gegen Russland gerichtet, das seit der Konterrevolution zwar nicht mehr Kernland des sozialistischen Lagers, wohl aber ein kapitalistischer Konkurrent mit großem Potential ist: 1994 begann das Programm „Partnerschaft für den Frieden“, mit dem zahlreiche Staaten Schritt für Schritt in die NATO gezogen wurden. Polen, Tschechien und Ungarn kamen 1999, die baltischen Staaten und die Slowakei folgten 2004. Mit dem Baltikum rückte die NATO nicht nur direkt an die Grenze Russlands. Besonders brisant daran ist nämlich, dass diese Stationierungsräume der Allianz keinen rechtsgültigen Rüstungskontrollregeln unterlagen, weil sie keine Vertragsparteien der sog. KSE-Abrüstungsverträge, die die Obergrenzen für die Anzahl schwerer Waffensysteme in Europa festlegten, waren. Ab 2007 waren dort dauerhaft NATO-Truppen stationiert, getarnt in „rotierender“ Form. 2002 stiegen die USA aus dem Vertrag über die Begrenzung strategischer Raketen-Abwehrsysteme aus und stationierten 2007 in Polen und Tschechien Raketenabwehrsysteme mit dem Ziel, die Zweitschlagoption Russlands im Falle eines Angriffs auszuschalten.
 
Das Jahr 2008 war in mehrerer Hinsicht ein Hochzeit der Eskalation: Im April wurde in Bukarest wurde der Beitritt Georgiens und der Ukraine zur NATO beschlossen. Kurz darauf brach die georgische Armee den Waffenstillstand um Südossetien, tötete dabei mehrere russische Soldaten, die mit einem internationalen Mandat dort stationiert waren, und löste einen militärischen Gegenschlag Russlands aus. Ebenfalls 2008 erkannten zahlreiche westliche Staaten außerdem das von der NATO aus Jugoslawien herausgebrochene Kosovo an und legitimierten damit die Grenzänderung nach vorheriger Gewaltanwendung und ohne Zustimmung des Sicherheitsrats.
 
2010 beschloss die NATO eine neue Strategie, die vor allem in der Vergrößerung und Stärkung des Bündnisses auf allen Ebenen bestand. Die militärische Aufrüstung insbesondere in Europa steht seitdem im Mittelpunkt. 2011 wurden durch WikiLeaks Pläne der NATO für eine militärische Konfrontation mit Russland bekannt. Der Maidan-Putsch in der Ukraine 2014 und die folgende Aufrüstung der Ukraine sowie die Sanktionen gegen Russland waren der nächste Schritt der Eskalation. Die NATO beschloss 2014 die massive Aufrüstung in allen Mitgliedsstaaten mit dem 2%-Ziel – die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation musste als Vorwand herhalten. Die NATO steigerte außerdem die Manöver in Europa. Das Manöver „Defender 2020“sollte die schnelle Verlegung von Truppen über den Atlantik und in Europa nach Osten einüben. Das Ziel, Raketen so zu stationieren, dass sie in wenigen Minuten Moskau erreichen und ohne Gegenschlag bleiben, scheint durch die Ukraine als Aufmarschgebiet erreicht werden zu sollen.
 
Die Phase, die 2014 mit dem Putsch in der Ukraine eingeleitet wurde, beschrieb Merle Weber im März 2020 treffend in der jungen Welt: „Nach Jahrzehnten von Aufstandsbekämpfung und Interventionen vor allem im Mittleren Osten und in Nordafrika, bereitet sich das Kriegsbündnis seit 2014 wieder offen auf eine Großmachtkonfrontation vor. In diesem Sinne steht jenes Jahr tatsächlich für einen Wendepunkt. Die strategische Verschiebung hin zu Großmachtkonflikten bedeutet jedoch keine grundlegende Um- oder gar Neuorientierung, sondern ist im Gegenteil nur die konsequente Weiterführung der Osterweiterungspolitik“. In der neuesten Strategie rückt die NATO nun China als Feind ins Zentrum neben Russland.
 
Ein Blick auf die Karte zeigt unmissverständlich die Umzingelung Russlands und Chinas durch die Stützpunkte der NATO und der USA. Von ihnen geht eine permanente Bedrohung und Aggression gegen die beiden Länder aus.
 
Faschismus als Waffe
 
Eine weitere Kontinuität ist mit der NATO verbunden: der Faschismus. Sie stützte nicht nur faschistische und ultranationalistische Regime, wie jene in den Mitgliedsstaaten Portugal, Spanien, Griechenland und Türkei, sondern baute und baut überall faschistische Kräfte und Regime auf, die sie für ihre Zwecke einsetzt: Die rechtsradikalen Kräfte in der Ukrainewurden nach 1945 von den USA, Großbritannien und der BRD finanziert und unterstützt; sie töteten über 50.000 Menschen nach 1945. Der Faschismus ist selbst Teil der Strategie der NATO. Bis 1990 wurden unter dem Label „Stay behind“ faschistische Truppen aufgestellt, die Terrorattentate verübten und die Bevölkerung einschüchterten. Ihr Zweck war, im Falle einer Linksentwicklung diese Terrorfunktion auszuüben und Putsche zu ermöglichen. Ihnen kann das Bologna-Attentat durch den italienischen Ableger „Gladio“, aber wohl auch das Oktoberfest-Attentat zugerechnet werden. Auch heute finanziert, bewaffnet und unterstützt die NATO faschistische Organisationen und Kräfte und setzt sie – wie in der Ukraine – gezielt ein.
 

Erwiderung an Young Struggle: Wer von der PKK und Rojava redet, darf nicht vom US-Imperialismus schweigen!

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Diskussionsbeitrag von Tom Hensgen

Letztes Jahr habe ich den Diskussionsbeitrag ,,Das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die kurdische Frage“i verfasst, in dem ich die Haltung von Young Struggle (YS), der MLPD, der Perspektive Kommunismus (PK) und dem Kommunistischen Aufbau (KA) zu Rojava/Nordostsyrien und der PKK kritisiert habe. Vorab erstmal vielen Dank an die brasilianischen Genossen für die Übersetzung auf portugiesischii. Es freut mich, dass dieser Text viele Leute erreicht hat, da ich weiterhin der Meinung bin, dass viele Kommunisten der proimperialistischen PKK (diese Einschätzung habe ich in meinem vorherigen Beitrag begründet) hinterherlaufen statt notwendige Analysen anzustellen.

Im Januar hat YS darauf zweiteilig (iii // iv) geantwortet. Ich finde es gut, dass sie auf meinen Text eingegangen sind. In diesem neuen Text von mir geht es mir primär um die Eigenständigkeit nationaler Bewegungen und konkret um das Verhältnis der PKK zu den USA, im Anhang behandele ich kurz die Vorwürfe von YS gegenüber der TKP. Es geht mir in dieser Debatte um eine Abgrenzung gegenüber Revisionismus und Opportunismus, um den Kampf zur Überwindung der Krise der Kommunistischen Bewegung (KB). Solche Debatten über strittige Fragen sind wichtig, um eigene Standpunkte zu hinterfragen, die Krise der KB zu verstehen, die Argumentationen transparent zu machen und diese Krise lösen zu können. Schließlich versuche ich, dass die Leser die Debatte nachvollziehen können, wie es zu den unterschiedlichen Standpunkten kommt und wie diese inhaltlich verteidigt werden.

Beachtet in diesem Text, dass ich sowohl in Ich-Form als auch in der Wir-Form schreibe. Alles was nicht die Wir-Form beinhaltet, ist meine eigene Meinung. Diskussionsbeiträge auf unserer Website spiegeln nicht zwangsläufig die Positionen der gesamten Organisation wider, sie entstehen nicht aus kollektiven Diskussionsprozessen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Eine Zusammenfassung meiner Kernthesen
  2. Die notwendige Eigenständigkeit revolutionärer und nationaler Bewegungen
  3. Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen
    1. Die nationale Frage im Verhältnis zum Imperialismus
    2. Zum Dualismus in der Propaganda
    3. Die Entwicklung der objektiven Bedingungen in Bezug auf das Selbstbestimmungsrecht
  4. Der proimperialistische Charakter der PKK
  5. Der Vergleich mit Palästina
  6. Fazit
  7. Anhang: Die Verleumdungen von YS gegen die TKP

1. Eine Zusammenfassung meiner Kernthesen

Die Kernthesen aus meinem letzten und diesem Beitrag:

  • Revolutionäre und nationale Bewegungen müssen eigenständig sein. Nationale Bewegungen sollten hauptsächlich anhand ihres Verhältnis zum Imperialismus bewertet werden.
  • Die PKK hat sich ab den 1990er Jahren dem US-Imperialismus zugewandt. Seit Jahren orientiert sich die PKK/PYD an den USA, dabei handelt es sich nicht um eine militärische Notwendigkeit. Die PKK/PYD stärkt die Rolle der USA in Westasien auf militärischer (z.B. Militärbasen) und ökonomischer Ebene (z.B. Ölvertrag).
  • Die Stärkung des US-Imperialismus in Westasien dient nicht dem Kampf für die Befreiung der Völker und der sozialistischen Revolution, sondern steht diesem im Wege.
  • Der Kampf der PKK/PYD bringt die Kurden nicht näher zum Sozialismus, der palästinensische Volkswiderstand nutzt dem Kampf für den Sozialismus.
  • Die TKP organisiert in der Türkei türkische und kurdische Werktätige, um den Kampf für die sozialistische Revolution zu führen. Die TKP ist nicht reformistisch und nicht sozialchauvinistisch. Ihr Kampf für den Sozialismus beinhaltet das Eintreten für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der kurdischen Arbeiterklasse.

 

2. Die notwendige Eigenständigkeit revolutionärer und nationaler Bewegungen

Eines der wichtigsten Prinzipien kommunistischer Parteien (KPen) ist die Eigenständigkeit. Eine KP muss ideologisch, organisatorisch und finanziell unabhängig von der Bourgeoisie und der Sozialdemokratie sein, um den Kampf gegen sie führen zu können. Gerade aufgrund von der Schwäche der Kommunisten in vielen Ländern haben sich Parteien und Organisationen der Sozialdemokratie angenähert, um so zu versuchen, mehr Arbeiter zu erreichen und zu organisieren. Eine solche Annäherung ist aber kein Weg aus der Krise der Kommunisten, sondern verfestigt diese. Dieses Thema wurde unter Anderem 2019 beim internationalen Treffen kommunistischer und Arbeiterparteien in der Türkei aufgegriffenv.

Wie ist das bei nationalen Bewegungen? In meinem vorherigen Beitrag habe ich ausgeführt, dass insbesondere nationale Bewegungen vor der Gefahr stehen, von mächtigen und starken Staaten ausgenutzt zu werden und in eine Abhängigkeit geraten können und geraten. Einige Beispiele dafür habe ich bereits genannt. Staaten und ihre Monopole wollen ihre Profite erhöhen, indem sie die Kontrolle über Rohstoffquellen und Absatzmärkte erkämpfen, Zugang zu billigen Arbeitskräften und Handelswegen erlangen und ihre Konkurrenten schwächen. Um dies zu erreichen, organisieren vor allem die USA und die EU in verschiedenen Ländern Regime Changes und verursachen Bürgerkriege, wodurch Länder zerstört und Millionen Menschen ermordet werden.

Aus diesen Gründen ist es für nationale Bewegungen äußerst wichtig, dass sie sich nicht instrumentalisieren lassen. Wenn sie den Einfluss des Imperialismus stärken, wie z.B. die Militärpräsenz der USA in Westasien, dann ist dies nur eine Hilfe zur Durchsetzung US-amerikanischer Interessen in der Region, ein weiterer Türöffner für das US-amerikanische Militär, eine weitere Bedrohung aller Völker in der gesamten Region. Die Militärpräsenz der USA steht nicht für Frieden, sie führt zur Destabilisierung, Zerstörung und Zerstückelung von Ländern, zu Ausbeutung und fortlaufender Unterdrückung der Dortlebenden. Nationale Bewegungen müssen stets dafür kämpfen, den Einfluss und die Präsenz der USA und der EU zu bekämpfen. Wenn eine nationale Bewegung sich von den USA abhängig macht, um eine nationale Kapitalistenklasse zu stürzen, wird damit eine US-freundliche Regierung geschaffen und keine Befreiung erkämpft. Daher ist die Unabhängigkeit nationaler Bewegungen vom Imperialismus wichtig. Eine Unabhängigkeit nationaler Bewegungen von anderen Staaten, wie z.B. Russland und China, ist ebenfalls notwendig, um unabhängig vom Imperialismus sein zu können. Denn gerade die großen imperialistischen Blöcke können solche Bewegungen für sich nutzen. Wenn nationale Bewegungen taktische Bündnisse eingehen sollten, wären das spezielle Sonderfälle, bei denen z.B. die Kräfteverhältnisse nahezu ausgeglichen oder zu Gunsten der nationalen Bewegung sein müssen.

Young Struggle (YS) behauptet, ich würde den Marxismus-Leninismus karikieren und zitiert aus Lenins Schrift ,,Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den ,,imperialistischen Ökonomismus“. Dann zitiere ich doch auch mal aus dieser Schrift:

,,Der Marxismus gibt eine solche Analyse und sagt: wenn das „wirkliche Wesen“ eines Krieges zum Beispiel der Sturz einer nationalen Fremdherrschaft ist (wie dies insbesondere für das Europa von 1789-1871 typisch war), so ist dieser Krieg fortschrittlich vom Standpunkte des unterdrückten Staates oder Volkes. Wenn das „wirkliche Wesen“ des Krieges die Neuverteilung der Kolonien, die Teilung der Beute, der Raub fremden Bodens ist (so ein Krieg ist der von 1914-1916), dann ist die Phrase von der Vaterlandsverteidigung „reiner Volksbetrug“.

Wie kann man nun das „wirkliche Wesen“ eines Krieges erfassen und bestimmen? Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik. Man muss die Politik vor dem Kriege, die Politik, die zum Krieg geführt und ihn herbeigeführt hat, studieren. Wenn die Politik eine imperialistische war, d. h. eine Politik der Verteidigung der Interessen des Finanzkapitals, des Raubes und der Unterdrückung von Kolonien und fremden Ländern, dann ist auch der Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein imperialistischer. Wenn die Politik eine Politik der nationalen Befreiung war, d. h. die Massenbewegung gegen die nationale Unterdrückung zum Ausdruck brachte, dann ist der Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein nationaler Befreiungskrieg.

[…]

Ein Krieg gegen imperialistische, d. h. unterdrückende Mächte von Seiten der unterdrückten (z. B. kolonialen Völker) ist ein wirklich nationaler Krieg. So ein Krieg ist auch heute möglich. Die „Vaterlandsverteidigung“ seitens eines national unterdrückten Landes gegen ein national unterdrückendes ist kein Betrug, und die Sozialisten sind keineswegs gegen die „Vaterlandsverteidigung“ in einem solchen Kriege.“vi

Warum dieses Zitat?

  • In meinem vorherigen Diskussionsbeitrag habe ich bereits dargelegt, dass die PKK sich ab den 1990ern zu einer Organisation entwickelt hat, die sich am westlichen Imperialismus orientiert. Dieser politisch-ideologische Standpunkt der PKK bildet die Grundlage für ihr Handeln und der bewaffnete Kampf, den sie (sowie YPG/YPJ/SDF) führt ist eine Fortsetzung ihrer prowestlichen Politik mit anderen Mitteln.

  • Bei ihrem Kampf geht es daher nicht darum, die Kurden von nationaler Fremdherrschaft zu lösen, sondern von der einen Fremdherrschaft in die andere zu führen: Statt von der syrischen Regierung unterdrückt zu werden, haben sich die PKK/PYD von den USA abhängig gemacht. Das wirkliche Wesen des Krieges ist also eine Neuverteilung der Beute.

  • Ein Krieg, der sich gegen imperialistische Mächte richtet und für die Abschaffung nationaler Unterdrückung ist, ist ein fortschrittlicher, nationaler Befreiungskrieg. Doch einen solchen Krieg führen PKK/PYD nicht. Ihr Kampf dient den ökonomischen Interessen der USA, dem Errichten weiterer US-Militärbasen, dem Ausbeuten der Rohstoffe und das nicht zufällig, sondern weil der PKK-Vorsitzende Öcalan will, dass sich die PKK an den USA orientiert. Darauf bin ich bereits in meinem vorherigen Diskussionsbeitrag eingegangen.

Eine nationale Befreiungsbewegung darf nicht um eine Neuverteilung der Beute kämpfen, zum Spielball imperialistischer Interessen und ein Anhängsel dessen werden. Die Eigenständigkeit nationaler Bewegungen vom Imperialismus ist eine notwendige Eigenschaft, um einen fortschrittlichen Charakter aufweisen und um im Sinne der Arbeiterklasse handeln zu können.

3. Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen

Ein Aspekt aus meinem vorherigen Beitrag, der für Unklarheiten und Missverständnisse gesorgt hat, ist, dass ich nicht zwischen dem ,,Recht auf nationale Selbstbestimmung“ und der ,,Unterstützung des Kampfes um nationale Selbstbestimmung“ unterschieden habe. Was bringt eine Unterscheidung, wenn aus dem ,,Recht auf nationale Selbstbestimmung“ nicht zwangsläufig die ,,Unterstützung des Kampfes um nationale Selbstbestimmung“ folgt? Ich habe geschrieben, dass ich das ,,Recht“ nicht für universell halte, sondern dass dieses unter den konkreten Bedingungen analysiert werden muss. Dementsprechend kann daraus in einer bestimmten historischen Situation eine Einschätzung folgen, die später ggf. wieder revidiert werden muss. Bei der Erarbeitung einer kommunistischen Strategie und Taktik darf dem Kampf um nationale Selbstbestimmung nämlich nie die höchste Priorität eingeräumt werden. Kommunisten müssen primär darauf orientieren, gegen den Imperialismus und für den Sozialismus zu kämpfen, danach müssen auch nationale Bewegungen bewertet werden. Das bedeutet nicht, dass Kommunisten nationale Kämpfe in ,,ihrem“ Sinne ausnutzen sollten oder könnten, denn die Kommunisten haben keine ,,eigenen“ Interessen, sondern vertreten die der Arbeiter- und Volksmassen aller Nationen. Es kann Situationen geben, in denen der Kampf um nationale Selbstbestimmung dem Kampf gegen den Imperialismus und für den Sozialismus dienlich ist und es kann andere Situationen geben, in denen dieser dem im Wege steht. Daher nutzen allgemeine Phrasen vom ,,Recht auf nationale Selbstbestimmung“ niemandem, sondern nur die konkrete Anwendung und Behandlung der Frage, ob und warum bestimmte Kämpfe unterstützenswert sind.

3.1. Die nationale Frage im Verhältnis zum Imperialismus

Der Kommunistische Aufbau (KA) hat in seiner Grundlagenschulung ein eigenes Kapitel zur nationalen und kolonialen Frage, weil ich dieses interessant finde, zitiere ich direkt zu Beginn daraus:

,,Die nationale und die koloniale Frage sind heute, unter den Bedingungen des Imperialismus, auf das Engste miteinander verknüpft. Auch unter den Bedingungen des Neokolonialismus bleibt die nationale Frage eine allgemeine und internationale Frage, bleibt der Kampf um die Befreiung der unterdrückten Völker ein wesentlicher Bestandteil des Kampfes gegen das imperialistische System, des Kampfes um die sozialistische Revolution. Die unterdrückten Völker sind deshalb überall auf der Welt wichtige Verbündete der Arbeiter:innenklasse. Was bedeutet das konkret für die Positionierung kommunistischer Parteien und Organisationen gegenüber den nationalen Befreiungskämpfen auf der Welt?

Selbstbestimmungsrecht der Nationen

Die Kommunist:innen treten für das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung ein. Dies bedeutet das Recht der unterdrückten Völker der abhängigen Länder und Kolonien nicht bloß auf eine kulturelle Autonomie, sondern auf vollständige Lostrennung von den unterdrückenden Staaten und auf eine selbständige staatliche Existenz. Diese selbstständige staatliche Existenz wird noch heute vielen Völkern verwehrt, wie z.B. den Kurd:innen und Palästinenser:innen.

Das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung ist dabei keine formalrechtliche Frage, die losgelöst vom allgemeinen Kampf gegen den Imperialismus betrachtet werden darf. Es geht darum, dass die unterdrückten Nationen in den Kolonien und Neokolonien Bündnispartner:innen des Proletariats sind, darum, die revolutionären Möglichkeiten in den nationalen Befreiungsbewegungen für den Kampf gegen das imperialistische System auszunutzen. Es geht darum, die (neo)kolonialen Länder aus einer Stütze des imperialistischen Systems in eine Reserve für die proletarische Revolution zu verwandeln. Wie dies am besten geschehen kann, muss immer konkret analysiert werden.

Das bedeutet, dass es von Seiten der Kommunist:innen kein formales Herangehen an die nationale und koloniale Frage geben darf: Weder darf die staatliche Einheit eines Landes zum Selbstzweck erklärt werden, noch ist jede nationale Bewegung an sich fortschrittlich und unterstützenswert. Es geht darum, diejenigen nationalen Befreiungsbewegungen zu unterstützen, die den Imperialismus objektiv schwächen, die auf seinen Sturz ausgerichtet sind: „Die Frage nach den Rechten der Nationen ist keine isolierte, in sich abgeschlossene Frage, sondern ein Teil der allgemeinen Frage der proletarischen Revolution, der dem Ganzen untergeordnet ist und vom Standpunkt des Ganzen aus betrachtet werden muss. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war Marx für die nationale Bewegung der Polen und Ungarn und gegen die nationale Bewegung der Tschechen und Südslawen. Warum? Weil die Tschechen und Südslawen damals ‚reaktionäre Völker‘, ‚russische Vorposten‘ in Europa, Vorposten des Absolutismus waren, während die Polen und Ungarn ‚revolutionäre Völker‘ waren, die gegen den Absolutismus kämpften. Weil die Unterstützung der nationalen Bewegung der Tschechen und Südslawen damals eine indirekte Unterstützung des Zarismus, des gefährlichsten Feindes der revolutionären Bewegung in Europa, bedeutete.“ Auch heute versuchen die imperialistischen Staaten in ihrem Kampf um die Weltherrschaft, nationalistische Bewegungen in anderen Ländern aufzubauen, um ihre Konkurrenz zu schwächen. So haben die westlichen imperialistischen Länder unter Führung der USA beispielsweise seit Jahrzehnten separatistische islamistische Bewegungen in bestimmten Gebieten Russlands (z.B. Tschetschenien) und Chinas (z.B. Xinjiang) aufgebaut. Ebenso stachelten sie in den 1990er Jahren nationalistische Bewegungen in Jugoslawien auf, um das Land zu zerstückeln und die Beute unter sich aufzuteilen. Hieran war Deutschland, das gute Beziehungen etwa zu kroatischen Faschist:innen unterhält, maßgeblich beteiligt. Deutschland setzt in seiner imperialistischen Geostrategie in Europa außerdem auf die wirtschaftliche Durchdringung bestimmter Regionen in seinen Nachbarländern, z.B. Flandern in Belgien, der Lombardei in Italien, oder Katalonien in Spanien, und unterstützt in diesem Zusammenhang auch nationalistische Bewegungen in diesen Gebieten. Das bedeutet nicht, dass z.B. die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien nicht auch fortschrittliche Potenziale entfaltet hat, insofern sie größere Teile der Arbeiter:innen und unterdrückten Volksmassen in den Kampf gegen den spanischen Imperialismus einbezogen hat. Genau das ist es, was jeweils im Rahmen konkreter Analysen differenziert herausgearbeitet werden muss. Der Punkt ist jedoch, dass Kommunist:innen nicht jeder objektiv reaktionären Bewegung hinterherlaufen dürfen, nur weil sie sich das Etikett „nationale Befreiungsbewegung“ anheftet.

In diesem Zusammenhang sind weitere Punkte wichtig:

Der fortschrittlich-antiimperialistische Charakter einer Bewegung ist nicht in Stein gemeißelt, sondern kann sich im Verlauf der Entwicklung ändern, z.B. wenn nationale Bewegungen sich von einem imperialistischen Staat stückweise freikämpfen, um sich danach an einen anderen imperialistischen Staat zu ketten. Dies war das Schicksal zahlreicher Befreiungsbewegungen in den 1970er und 1980er Jahren (z.B. Vietnam, Angola), die sich letztlich dem Herrschaftsbereich des sowjetischen oder chinesischen Imperialismus unterworfen haben.

Das Eintreten der Kommunist:innen für das Recht auf Selbstbestimmung und staatliche Lostrennung ist auch bei fortschrittlichen nationalen Bewegungen nicht damit zu verwechseln, dass die Lostrennung auch unbedingt immer die beste Strategie im revolutionär-antiimperialistischen Kampf ist. Hier ist immer die Frage, welche Forderungen und welche Kampfmittel in einer konkreten Situation am besten geeignet sind, um die Klassenfrage hinter der nationalen Frage hervortreten zu lassen und den antiimperialistischen Kampf in den Kampf um die sozialistische Revolution zu überführen. Nichtsdestoweniger verteidigen Kommunist:innen das Recht auf Lostrennung stets genau aus diesem Grund, nämlich um allen nationalen und kolonialen Unrat beiseite zu räumen, und die Klassenfrage klar sichtbar zu machen. Besonders wichtig ist dieser Punkt für die Kommunist:innen in den unterdrückenden Ländern, die sonst Gefahr laufen, zu Chauvinist:innen und Helfershelfer:innen des eigenen Imperialismus zu werden.

Zusammenfassend muss die nationale Bewegung der unterdrückten Völker also konkret, vom Standpunkt der wirklichen Resultate in der Gesamtbilanz des Kampfes gegen das imperialistische System und für die sozialistische Revolution eingeschätzt werden.“vii

Der KA, eine hoxhaistische (Hoxha war Generalsekretär der Partei der Arbeit Albaniens) Organisation, schreibt natürlich von einem ,,sowjetischen Imperialismus“. Diesen gab es nie. Damit möchte ich mich aber nicht in diesem Text befassen, ein Genosse hat bereits die Einschätzungen des KA zur Sowjetunion kritisiert.viii Abgesehen davon, stimme ich dem KA-Zitat grundsätzlich zu. Daher hier nochmal einige Aussagen daraus zusammengefasst:

  1. Das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung ist keine formale Frage, denn nicht jeder Kampf um nationale Selbstbestimmung ist fortschrittlich und unterstützenswert.

  2. Es geht darum, diejenigen nationalen Befreiungsbewegungen zu unterstützen, die den Imperialismus objektiv schwächen, die auf seinen Sturz ausgerichtet sind.

  3. Die USA und Deutschland stärken nationale Bewegungen und missbrauchen das Selbstbestimmungsrecht zu ihrem Interesse.

  4. Kommunisten dürfen nicht objektiv reaktionären Bewegungen hinterherlaufen, nur weil sie sich das Etikett „nationale Befreiungsbewegung“ anheften.

  5. Der fortschrittlich-antiimperialistische Charakter einer Bewegung ist nicht in Stein gemeißelt, sondern kann sich im Verlauf der Entwicklung ändern.

  6. Kommunisten treten für das Recht auf Lostrennung ein, um allen nationalen und kolonialen Unrat beiseite zu räumen, und die Klassenfrage klar sichtbar zu machen. Wenn ich den KA richtig verstehe, treten Kommunisten aber nicht immer für dieses Recht ein, was vor allem in den Punkten 1, 2 und 4 deutlich wird.

  7. Kommunisten aus ,,unterdrückenden Nationen“, die nationale Bewegungen aus unterdrückten Nationen das Recht auf Selbstbestimmung verwehren, laufen Gefahr zu Chauvinisten und Helfershelfern des ,,eigenen“ Imperialismus zu werden.

  8. Die nationale Bewegung der unterdrückten Völker muss konkret, vom Standpunkt der wirklichen Resultate in der Gesamtbilanz des Kampfes gegen das imperialistische System und für die sozialistische Revolution eingeschätzt werden.

Wichtig ist es, dass Kommunisten aus ,,unterdrückenden Nationen“ nicht jeder Bewegung hinterherlaufen, nur weil sie sich ,,nationale Befreiungsbewegung“ nennen, sondern ihr Verhältnis zum Imperialismus analysieren und damit untersuchen, ob sie im Interesse der Arbeiterklasse handeln. Abhängig vom konkreten Verhältnis zum Imperialismus, kann eine Kommunistische Partei (KP) also zu dem Schluss kommen, dass sie bestimmte nationale Bewegungen nicht unterstützt. In einem solchen Fall besteht die Gefahr, dass sich die KP zu Chauvinisten und Helfershelfern des ,,eigenen“ Imperialismus entwickelt, weshalb gezielt dagegen vorgegangen werden muss. Die KP muss den Kampf gegen nationale Unterdrückung als Bestandteil des Kampfes für den Sozialismus betrachten, die Arbeiter der verschiedenen Völker in ihr organisieren und auf Augenhöhe mit ihr kämpfen. All das sehe ich bei der TKP (mehr dazu im Anhang).

Der KA geht differenziert an die Sache heran, während YS allgemeine Phrasen fast schon ausreichen: ,,Jede Nation – auch die Kurd*innen – haben ein Recht auf Selbstbestimmung, ohne wenn und aber.”ix und ,,Die kurdische Frage ist älter als der Imperialismus als monopolistischer Kapitalismus und kann nicht vom Interesse des US-Imperialismus abhängig gemacht werden.“x Also will YS die nationale Frage unabhängig und isoliert vom Imperialismus bewerten?

Auch wenn ich hier den KA zum Selbstbestimmungsrecht der Nationen zitiere und ihm da grundsätzlich zustimme, muss ich noch anmerken, dass wenn es dann um die Anwendung der Theorie auf die konkrete, aktuelle Lage und die objektiven Bedingungen vor Ort sowie die Schlussfolgerungen daraus geht, ich die Haltung vom KA ablehne. Das habe ich bereits in meinem letzten Diskussionsbeitrag zum Ausdruck gebracht.

3.2. Zum Dualismus in der Propaganda

So wie ich den 1. Teil von YS verstanden habe, geht es ihnen in ihrer Kritik an meinem Beitrag vor allem um den Dualismus in der Propaganda. Dafür haben sie Zitate ergänzt und deshalb werfen sie mir Elektizismus vor. Was besagt der Dualismus in der Propaganda? Türken und Kurden sollen unterschiedliche Propaganda betreiben. So schreibt es zumindest YS: ,,Während Kommunist:innen der unterdrückenden Nation also das bedingungslose Recht auf Loslösung der unterdrückten Nation verteidigen und fordern, dafür kämpfen, agitieren Kommunist:innen der unterdrückten Nation für die „freiwillige Einheit“ der Völker.“xi

Das ist vor allem aus drei Gründen falsch: Erstens gibt es in der Türkei nicht zwei Nationen, die sich gegenüber stehen. Was ist mit den Zaza, den Lasen, den Armeniern usw. usf.: Haben diese Völker ein eigenes Recht auf nationale Selbstbestimmung, sollen sie sich der kurdischen Nationalbewegung unterordnen oder ist es YS egal? Zweitens kann aufgrund dieses Dualismus keine einheitliche Bewegung der verschiedenen Völker aufgebaut werden. Drittens ist es so nicht möglich, Kurden und Türken in einer Kommunistischen Partei gemeinsam zu organisieren, da der Dualismus dem Demokratischen Zentralismus (DZ) widerspricht.

Lenin und Stalin vertraten in bestimmten Situationen diesen dualen Standpunkt. Aber statt das jetzt mechanisch zu übertragen, sollte man sich mal die Lage in der Türkei anschauen: In der TKP sind Kurden, Türken und auch Kommunisten anderer Völker miteinander vereint und betreiben eine einheitliche Propaganda. Genau das ist auch notwendig, um eine einheitliche Bewegung aufbauen und stärken zu können, um schließlich gemeinsam den Sozialismus erkämpfen zu können. Die Kurden der Partei verfassen nicht ihre ,,eigene“ Propanganda, die anders sei als die der Türken in der Partei. Das würde das Entstehen einer einheitlichen Bewegung der verschiedenen Völker für den Sozialismus verhindern und es wäre ein Bruch mit den Prinzipien des DZ. Die Prinzipien des DZ müssen unbedingt für alle Kommunistischen Parteien gelten. Entweder hat YS ein Problem mit den Prinzipien des DZ oder will für Kurden, Türken und evtl. auch für andere Völker in der Türkei getrennte Parteien und als Ziel keine sozialistische Türkei.

Lenin sprach in gänzlich anderen Situationen vom Dualismus. Wenn man Lenins Ausführungen zum Dualismus anwenden möchte, sollte es sich bei der unterdrückten Nation um eine Kolonie oder bei der betreffenden Organisation wenigstens nicht um eine proimperialistische Organisation wie die PKK oder HDP handeln. Und wenn man der Dualismus-Haltung von YS folgt, dann müsste ich als Kurde doch das Recht haben, eine staatliche Abspaltung durch die kurdischen Nationalbewegung abzulehnen und stattdessen für die Einheit der Völker im gemeinsamen Kampf für den Sozialismus einzutreten. Aber YS spricht mir das Recht ab, diese Haltung zu vertreten. Indem YS mir das Recht abspricht, diese Haltung zu vertreten (,,Da ist auch nicht mehr wichtig, ob Hensgen „als Kurde“ denkt und schreibt – wie er im letzten Satz noch ergänzt, als würde die Information seine Standpunkte „kurdischer“ aussehen lassen.“xii) widersprechen sie ihrer eigenen Dualismus-Haltung, die besagt, dass Angehörige unterdrückter Nationen dies vertreten dürfen. Meine Positionierung zur PKK ergibt sich eh nicht aus meiner eigenen Herkunft heraus, sondern aufgrund meines marxistisch-leninistischen Bewusstsein und der Analyse objektiver Tatsachen.

YS erweckt mit ihrer Dualismus-Argumentation den Eindruck als wäre der Kampf zur ,,Lösung“ der kurdischen Frage höher zu gewichten als der Kampf gegen den Imperialismus bzw. unabhängig von einer Analyse des Imperialismus zu bewerten und zu führen. Das Wort Lösung musste ich in Anführungszeichen setzen, weil der Ansatz von YS unter diesen Umständen keine Lösung herbeiführen kann. Denn der real stattfindende Kampf wird von einer proimperialistischen Organisation, der PKK, angeführt. Die Kommunisten (YS, TKŞ und MLKP), die diesen Kampf unterstützen haben keine marxistisch-leninistische Analyse, sie schweigen vom US-Imperialismus (z.B. im Programmxiii der TKŞ wird der US-Imperialismus nicht erwähnt). Sie können Lenin zum Dualismus zitieren, aber sie stärken den Imperialismus statt die kurdische Frage lösen!

Wenn man die Dualismus-Argumentation fortführt, müssten sich Kurden und Türken in getrennten politischen Parteien organisieren. Doch ist das wirklich die Konsequenz aus Lenins und Stalins Ansichten? War Lenin dafür, dass alle unterdrückten Völker ihre eigene Partei haben? 1897 gründete sich der ,,Allgemeine Verband jüdischer Arbeiter Litauens, Polens und Russlands“ (kurz: Bund). 1903 äußerte sich Lenin zu der Frage, ob das jüdische Proletariat eine eigene selbständige Partei braucht oder ob sie Teil der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) sein sollten: ,,Doch den „Bund“ für eine selbständige politische Partei erklären, heißt den Grundirrtum in der nationalen Frage in seiner ganzen Unsinnigkeit bloßstellen, denn diese selbständige Partei wird unbedingt und unvermeidlich zum Ausgangspunkt eines Umschwunges in den Anschauungen des jüdischen Proletariats und der jüdischen Sozialdemokraten überhaupt werden. Die „Autonomie“ in den Statuten von 1898 sichert der jüdischen Arbeiterbewegung alles, was sie braucht: Propaganda und Agitation in jüdischer Sprache, eigene Literatur, eigene Konferenzen, die Aufstellung von besonderen Forderungen bei der Herausbildung eines allgemeinen sozialdemokratischen Programms, die Befriedigung der örtlichen Nöte und Bedürfnisse, die sich aus den besonderen Bedingungen des jüdischen Lebens ergeben. In allem anderen ist die vollständige und engste Verschmelzung mit dem russischen Proletariat notwendig, sie ist notwendig für den Kampf des gesamten russischen Proletariats. Und dem ganzen Wesen der Sache nach [ist] jede Angst vor dem „Überstimmtwerden“ bei einer solchen Verschmelzung unbegründet, denn vor dem Überstimmtwerden im besonderen Fragen der jüdischen Bewegung sichert gerade die Autonomie, in Fragen des Kampfes gegen den Absolutismus o[d]er, des Kampfes gegen die gesamte russische Bourgeoisie müssen wir als eine einzige, einheitliche, kampffähige Organisation auftreten. Wir müssen uns auf das gesamte Proletariat stützen, ohne Unterschied der Sprache Und der Nationalität, auf das, durch die ständige gemeinsame Lösung der theoretischen und der praktischen, der taktischen und der organisatorischen Fragen geeinte Proletariat. Wir dürfen keine Organisationen schaffen, die getrennt marschieren, die ihre eigene Wege gehen; wir dürfen die Kraft unseres Ansturms nicht durch Zersplitterung in zahlreiche selbständige politische Parteien schwächen, keine Entfremdung und Isolierung in unsere Reihen hinein tragen, um dann nachher die künstlich eingeimpfte Krankheit mit den Pflastern der berüchtigten „Föderation“ zu heilen.“xiv

So wie Lenin sagte, der Bund sollte Teil der SDAPR sein, sage ich die kurdischen Werktätigen in der Türkei sollten Teil der TKP sein. Und innerhalb der TKP sollten sie mit ihren Genossen in der Agitation und Propaganda nicht getrennt bzw. dualistisch, sondern einheitlich auftreten, damit meine ich, dass es natürlich Agitation und Propaganda auf mehreren Sprachen gibt, aber nicht mit unterschiedlichen, gegensätzlichen Inhalten. Wie sich Kommunisten zur nationalen Frage positionieren, sollte nicht von einer dogmatisch-schematischen Falschanwendung der Klassiker abhängen, sondern von einer konkreten Analyse der objektiven Bedingungen. Die Positionierung zur nationalen Frage muss im Sinne der Proletarier aller Völker analysiert werden, d.h. in erster Linie als eine antiimperialistische Sache. Genauso analysieren es auch die kurdischen und türkischen Werktätigen der TKP. Das ist keine Entstellung oder Karikatur Lenins, sondern die korrekte Anwendung seiner Lehre auf Grundlage der gegebenen Verhältnisse in der Türkei. Das heißt, ob das Recht auf Lostrennung oder der Kampf zur freiwilligen Einheit propagiert wird, sollte keine Frage der Herkunft sein, sondern im Rahmen einer Analyse herausgearbeitet werden.

3.3. Die Entwicklung der objektiven Bedingungen in Bezug auf das Selbstbestimmungsrecht

Wir leben heute in der gleichen Epoche wie Lenin und Stalin: im Imperialismus bzw. Monopolkapitalismus. Die beiden haben erklärt, dass der Kampf um nationale Befreiung nur dann unterstützenswert ist, wenn er dem Kampf gegen Imperialismus und für Sozialismus dient und damit haben sie recht. Als die Sowjetunion existiert hat, hat sie weltweit zahlreiche nationale und antiimperialistische Kämpfe unterstützt. Seitdem die Sowjetunion jedoch zerschlagen wurde und es keinen starken sozialistischen Block mehr gibt, gibt es weltweit keinen Staat mehr, auf den sich nationale Bewegungen bei ihrem Kampf stützen können. In meinem vorherigen Diskussionsbeitrag habe ich bereits ausgeführt, inwiefern die USA und auch die EU nationale Kämpfe instrumentalisieren, das Selbstbestimmungsrecht missbrauchen und für sich ausnutzen. Gerade vor diesem Hintergrund muss der Charakter nationaler Bewegungen analysiert werden. Natürlich darf man nicht schlussfolgern, dass deshalb nationale Unterdrückung egal sei, sondern die Art und Weise, wie das Ende nationaler Unterdrückung erkämpft wird, muss konkret und im Verhältnis zum Imperialismus beantwortet werden.

Unsere Genossen aus der Türkei haben einige Texte zur nationalen Frage veröffentlicht, die ich sehr interessant finde:

,,Der Nationalstaat war während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts typisch für den kapitalistischen Staat. Der Übergang vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert kann im Rahmen eines solchen Normalisierungsprozesses bewältigt werden. Während sich der Kapitalismus entwickelt und sich auf der ganzen Welt ausbreitet, können wir die Entstehung von Nationalstaaten einen nach dem anderen sehen, ohne die ungleiche Entwicklung zu vernachlässigen. Jede erwähnte Periode kann auch in Bezug auf die Mission und Bildung des Nationalstaates neu gelesen werden.

Erstens fällt die Bildung des Nationalstaates mit den fortschrittlichen Jahren der Bourgeoisie zusammen. Dann stehen sich in Gegenwart dieses Staates das Proletariat und die Bourgeoisie gegenüber, wobei der Staat zweifellos eine Institution unter der Kontrolle und dem Dienst der Bourgeoisie ist, die die herrschende Klasse ist.

Nachdem das Proletariat zuerst die Macht übernommen hat und dann in vielen Ländern, gibt es jetzt Staaten auf der internationalen Bühne, die die Arbeiterklasse repräsentieren. Während dieser Periode wird die Bildung neuer Nationalstaaten natürlich von der Phase des Kampfes um Klassen beeinflusst werden. In Gegenwart eines Pols, der die Arbeiterklasse repräsentiert, haben nationale Bewegungen die Chance, sich vom kapitalistischen Lager zu lösen und gleichzeitig den Imperialismus zu konfrontieren. In der Phase der Entstehung dieser Nationalstaaten ist der globale Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus entscheidend. Nationale Bewegungen, die sich gegen den Imperialismus positionieren, sind revolutionäre Dynamiken, trotz des bürgerlichen Charakters, den sie tragen.

Schließlich, nach der Auflösung des Sozialismus, ist der bürgerliche Charakter am Werk, um dem Imperialismus zu dienen, in Ermangelung einer Macht, die sich zugunsten der Arbeiterklasse verhalten wird. Der Nationalstaat trägt einen doppelten Charakter: ein Mittel, das stattdessen andere Formen der Macht anstrebt, aber nicht aufgegeben werden kann, weil diese Formen nicht reifen können, und auf der anderen Seite eine Form der Souveränität, die das Maximum aus seiner Bildung ziehen wird.“xv

Ich finde es sehr spannend wie die TKP nationale Bewegungen im Verlaufe der Zeit betrachtet: Von der Entstehung der Nationalstaaten, hin zur Existenz des sozialistischen Lagers und seit der Zerschlagung des Sozialismus. Aufgrund der aktuellen Kampfbedingungen sieht also auch die TKP die Gefahr und mehrfach genutzte Option, dass die EU und USA nationale Kämpfe in ihrem Sinne so beeinflussen, dass sie letzendlich dem Imperialismus dienen statt der Befreiung unterdrückter Völker.

Wie man an das Selbstbestimmungsrecht nicht herangehen darf, erklärt die TKP unmissverständlich: ,,Die Linke kann nicht unterstützen, dass eine Nation ihr Recht auf Selbstbestimmung ausübt, nur um ihr eigenes Schicksal zu bestimmen, ohne gegen den Imperialismus zu kämpfen, ohne den Internationalismus zu verteidigen, ohne über die Interessen der Arbeiterklasse und der sozialistischen Revolution nachzudenken.“ xvi

Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen ist unter den aktuellen Bedingungen – der Nichtexistenz eines sozialistischen Lagers – eine komplizierte Angelegenheit. Nationale Bewegungen sind besonderen Herausforderungen und Risiken ausgesetzt, denn die Gefahr, zu einem Spielball des Imperialismus zu werden, ist besonders groß. Das Selbstbestimmungsrecht ist daher wie auch vor hundert Jahren eines, welches unter den konkreten Bedingungen analysiert werden muss: Welche Taktik ist richtig, um sich dem strategischen Ziel zu nähern? Was folgt aus einer Kooperation nationaler Bewegungen mit dem Imperialismus? Wie kann eine Kooperation mit den großen imperialistischen Blöcken vermieden werden? Diese und weitere Fragen müssen sich Kommunisten stellen.

4. Der proimperialistische Charakter der PKK

In meinem vorherigen Diskussionsbeitrag habe ich einige Aussagen zur PKK gemacht, diese vertrete ich weiterhin und sehe mich durch die Antwort von YS nicht widerlegt. Es gibt einige Sätze in der Antwort von YS, in denen sie auf die PKK und auch auf den US-Imperialismus eingehen, z.B.: ,,Die kurdische Frage ist älter als der Imperialismus als monopolistischer Kapitalismus und kann nicht vom Interesse des US-Imperialismus abhängig gemacht werden.“xvii Mit diesem einen Satz bestätigen sie also meine Befürchtungen. Ich habe in meinem Beitrag erklärt, dass politische Bewegungen nicht isoliert bewertet werden können, sondern im Weltmaßstab betrachten werden müssen. Die USA sind nicht irgendein Staat, sondern an der Spitze des Weltsystems, sie destabilisieren und zerstören Staaten und das insbesondere in Westasien. Es ist daher im Sinne aller Völker Westasiens, sich gegen die USA und den Imperialismus an sich zu wenden. Die USA müssen aus Westasien komplett verdrängt werden, um die Lebensbedingungen verbessern zu können und dem Kampf für den Sozialismus überhaupt eine Grundlage geben zu können. Es geht bei der Bewertung der PKK aber nicht bloß um die Interessen des US-Imperialismus wie es YS im zitierten Satz andeutet, sondern vor allem um das strategische Bündnis beider Akteure. YS sagt in dem Zitat aber ganz offen: Kurden gibt es länger als den Imperialismus und daher seien der Imperialismus und die USA egal.

Das war jetzt erstmal nur ein Satz aus der Antwort von YS, was hat YS noch zu sagen: ,,Die angeführten Zitate Hensgens zur ideologischen Charakterisierung der PKK als „proimperialistisch“ sind echt, nur nicht repräsentativ. Wir würden Hensgen zustimmen, wenn er sagen würde, dass die kurdische Befreiungsbewegung widersprüchliche Aussagen macht und die Linie zum Imperialismus nicht deutlich wird; denn das stimmt! Dies findet seine soziale Basis aber eben im kurdischen Kleinbürgertum, deren direkter Vertreter die PKK ist. Die ideologische Linie des Apoismus und die revolutionäre alltägliche Politik/Linie der kurdischen Freiheitsbewegung stehen in einem logischen Widerspruch zueinander; mehr noch: während die Theorie des „demokratischen Kommunalismus“ reformistisch ist, ist die Bewegung, die diese erkämpft, revolutionär.“xviii

Es stimmt, dass es auch aus der PKK US-kritische Aussagen gibt. Aber wenn es aus der PKK proimperialistische und antiimperialistische Aussagen gibt, was bedeutet das? Bei YS klingt es, dass die Haltung der PKK/PYD aufgrund von diesen widersprüchlichen Aussagen ausgeglichen bzw. ,,okay“ sei. Die Tatsache, dass es seit den 1990ern kontinuierlich diese Aussagen aus der PKK-Führung gibt, dass daraus auch konkrete Taten folgten wie die US-Militärbasen und den Ölvertrag, zeigen den problematischen Charakter dieses Bündnisses. Die antiimperialistischen Aussagen aus der PKK/PYD und ihnen nahen Organisationen, die YS meint, sind vor allem solche, die den Charakter des Bündnisses relativieren, falsche Vergleiche aufstellen und unehrlich sind. Um dies zu zeigen, bin ich in meinem Diskussionsbeitragxix auf Talal Cudi und Riza Altun eingegangen. Solche und weitere Aussagen können natürlich für die Leser irreführend sein, sie stehen aber nicht repräsentativ für das Denken und Handeln der beiden Parteien und können die PKK/PYD nicht in antiimperialistische Organisationen verwandeln. Auch Genossin Klara Bina ist in ihrem Diskussionsbeitrag darauf eingegangen, dass es innerhalb der PKK widersprüchliche Standpunkte und Aussagen gibtxx. Dass es unterschiedliche Positionen in der PKK gibt, wissen wir, doch darüber, was für den Charakter der PKK folgt, haben YS und ich unterschiedliche Meinungen. Wenn man sich z.B. hier in Deutschland die Linkspartei anschaut, muss festgestellt werden, dass darin Leute sind, die revolutionäre Aussagen tätigen. Sollte ich jetzt sagen, dort werden ,,widersprüchliche Aussagen“ getätigt? Das wäre zwar richtig, aber es verkennt den bürgerlichen und systemstützenden Charakter der Linkspartei.

Weiteres Argument von YS: ,,Hensgen versteht nicht oder verschließt seine Augen vor der einfachen Realität, dass diese Zusammenarbeit [zwischen PKK/PYD und Assad] nicht aus der Sicht der PKK oder der PYD in Rojava ein „No-Go“ war, sondern von Anfang an aus der Sicht des syrischen Regimes. Ganz im Gegenteil versichert die PYD, dass sie die syrische staatliche Integrität wahren, mit dem syrischen Regime verhandeln und eine „Lösung auf Grundlage eines gesamtsyrischen Veränderungsprozesses“ finden wollen. In der Hinsicht gab es Verhandlungen seit 2014, die sich seit 2018 intensiviert haben. Nur erkennt das syrische Regime die beiden Hauptforderungen, die Demokratisierung Syriens (in Form einer neuen Verfassung) und die Dezentralisierung der Herrschaft (und die Anerkennung der kurdischen Autonomie) in keinster Weise an. Unter russischer Beobachtung setzt sich das Assad-Regime die Liquidierung jeglicher national-demokratischer Errungenschaften und die Rückkehr zu den Verhältnissen vor 2011 zum Ziel.“xxi

Meine Erläuterungenxxii zum syrischen Staat als alternativen Bündnispartner bezogen sich explizit auf den Fall, wenn die PKK/PYD nicht proimperialistisch wäre (Konjunktiv!). Es handelt sich bei der Bündnisfrage also um eine Frage, die nicht 2014 bei der Schlacht um Kobane erst auf den Tisch kam, sondern bereits nach dem Fall der Sowjetunion mit dem Ende des sozialistischen Lagers fing die PKK an, sich zu fragen, ob Sozialismus überhaupt möglich sei und ihr Vorsitzender sagte auf einem Parteitag 1995, dass die USA Fortschritt repräsentieren würde. Obwohl er einige Jahre später von den USA entführt und festgenommen wurde, festigte sich sein proimperialistischer Standpunkt und die PKK/PYD stützten dies. Somit war bereits vor dem Krieg in Syrien klar, mit wem die PKK/PYD Bündnisse eingehen will. Das sagen sie ja auch selbst, wie z.B. der YPG-Sprecher Polat Can: ,,Lange vor dem Kobane-Widerstand hatten wir Beziehungen zu vielen Ländern einschließlich den USA. Als Kobane angegriffen wurde, wurde unsere Beziehung stärker und unser Austausch wurde in der Praxis umgesetzt. Die dringliche Situation hat einige Dinge beschleunigt. Eine wahre Partnerschaft wird realisiert, wenn die Situation schwer ist und sich Parteien gegenseitig unterstützen.“xxiii Im Endeffekt ist der Beginn der militärischen Zusammenarbeit von PYD und den USA nichts anderes als die Fortsetzung der bestehenden Politik mit anderen Mitteln: Die Standpunkte der PYD haben sich nicht sonderlich geändert, die Beziehungen zu den USA waren nicht neu, die Zusammenarbeit hat bloß andere Formen angenommen. Das Bündnis PYD-USA als ,,militärische Notwendigkeit“ zu bezeichnen, würde dieses auf den militärischen Charakter reduzieren und behaupten, dass es erst spontan zustande gekommen wäre, was nicht der Wahrheit entspricht. Auch die Behauptung die PYD würde stattdessen ein Bündnis mit dem syrischen Regime wollen, muss anhand ihrer vorher jahrelangen Annäherung an den westlichen Imperialismus analysiert werden.

Weiteres Argument von YS: ,Jenseits von Staat, Gewalt und Macht“ ist ein wichtiges Buch, in dem die neue ideologische Linie Abdullah Öcalans zusammengefasst nachgelesen werden kann, sie ist aber nicht die bindende Bibel der kurdischen Befreiungsbewegung, Vielmehr ist auszugehen von der theoretisch-praktischen Gesamtheit.“xxiv

Wenn es die ,,bindende Bibel“ wäre könnte sich PKK auch direkt umbenennen und nochmal ihre Flagge ändern. Dann müssten sie auch nicht Linken in aller Welt vorspielen, es handle sich um ein ,,taktisches“ und ,,militärisch notwendiges“ Bündnis. Wenn es die ,,bindende Bibel“ wäre, dann müssten die PKK/PYD ganz offen proimperialistisch sein. Aber das versuchen sie ja eher zu verstecken, nicht zuzugeben, zu relativieren usw. usf. Dennoch spielt dieses Buch eine wichtige Rolle und offenbart, die Tolerierung und Ehrung offen proimperialistischer und antikommunistischer Äußerungen. Der kurdische Studierendenverband in Deutschland (YXK) veranstaltet damit Lesekreise. Es gibt einen extrem krassen Personenkult um Öcalan. Er ist seit 1978 – der PKK-Gründung – der PKK-Vorsitzende. Natürlich hat sein Hauptwerk eine hohe Relevanz für die Bewegung. Daher sollte man nicht versuchen, diese mit den Worten es ist keine ,,bindende Bibel“ herunterzuspielen. Abgesehen davon habe ich in meinen vorherigen Diskussionsbeitrag bereits dargestellt, dass sich der Proimperialismus der PKK bei weitem nicht auf ihr theoretisches Hauptwerk reduzieren lässt, sondern bereits in den 90ern hervorkam und seitdem mehr und mehr fester Bestandteil von Theorie und Praxis, also von ihrer theoretisch-praktischen Gesamtheit, wurde.

Das nächste Argument von YS: ,,Die PKK wird vom US-Imperialismus und der EU bekämpft, die Türkei wird in ihrem Krieg gegen die Guerilla und die legale kurdische Politik vollständig auf allen Ebenen (politisch, diplomatisch, wirtschaftlich und militärisch) unterstützt und mitgetragen.“xxv

Auch die Tatsache, dass PKK-Kader sowie -Anhänger von starker Repression betroffen sind, spricht nicht gegen den proimperialistischen Charakter der PKK. Es ist viel eher ein Beleg dafür, wie unsinnig es von der PKK ist, trotz der starken Repression weiterhin Hoffnungen auf die USA zu setzen. Insbesondere die Entführung und Festnahme Öcalans, bei der Israel und die USA eine wichtige Rolle gespielt haben, zeigen die Widersprüchlichkeit des Ganzen. Denn einige Jahre später erhalten Funktionäre der PYD Visa in die USA und andere westliche Staatenxxvi, sodass sie mit Staatsvertretern dort ihre Absprachen und Abkommen treffen können. Die Zusammenarbeit von der PYD und den USA findet nicht auf Augenhöhe statt (was aufgrund von den Kräfteverhältnissen nicht möglich ist), die USA nutzt die PYD und die PYD ist damit einverstanden. Schließlich hat sich Öcalan in zahlreichen Schriften, die er im Gefängnis verfasst hat, klar geäußert: Er findet die EU und die USA fortschrittlich und dass sich die PKK an diesen orientieren sollte. Die PKK/PYD sind natürlich keine willenlosen Marionetten des Westens bzw. der NATO. Das wäre auch gar nicht möglich, alleine aufgrund der Widersprüchlichkeiten und Differenzen innerhalb der NATO. Mit proimperialistisch meine ich, dass die PKK/PYD objektiv und subjektiv auf mehreren Ebenen und über einen längeren Zeitraum mit einem imperialistischen Block paktiert.

YS findet es wichtig, in seinem Text zu thematisieren, dass die PYD/YPG/YPJ nicht nur zu den USA, sondern auch zu Russland Beziehungen haben. Warum ist das wichtig? In der Regel erwähnen es PYD-Anhänger, um dessen Zusammenarbeit mit den USA zu relativieren und zu behaupten, die PYD nutze alle Möglichkeiten und Widersprüche aus, die sich aus der Konkurrenz der beiden imperialistischen Blöcke ergeben. Die Zusammenarbeit mit den USA ist aber keineswegs mit der mit Russland zu vergleichen, dafür können einige Gründe angeführt werden, unter Anderem: Die PKK bezeichnet Russland nicht als fortschrittlich, sie lädt Russland nicht dazu ein, Militärbasen aufzubauen und schließt keine langfristigen ökonomischen Verträge ab. Die Zusammenarbeit in einzelnen Teilen Rojavas/Nordostsyrien mit Russland ist keine Legitimation für ihr strategisches Bündnis mit den USA.

Das nächste Argument von YS: ,,Abkommen mit US-amerikanischen Unternehmen wurden erst auf Grundlage des militärischen Bündnisses gegen den IS beschlossen und waren „begrenzt“ auf die Unterstützung der Föderation bei der Produktion und dem Schutz des „Öl“s. Die Gebiete der Ölfelder sind weiterhin im Visier des IS und werden von Zeit zu Zeit auch Ziel von Angriffen von „schlafenden Zellen“.

Der Caeser-Act der USA und westlichen Imperialisten gegen Syrien verbietet ökonomische Investitionen und Handel in Syrien. Auch Rojava-Nordsyrien ist nicht ausgenommen von diesem Embargo. Das Ölabkommen mit Delta Energy war eine Ausnahme, die aber auch schon abgelaufen ist! Biden hat das Abkommen nicht erneuern lassen. Das heißt; aktuell gibt es gar kein aktuelles Öl-Abkommen mehr. Wenn das Abkommen mit der US-amerikanischen Delta Crescent Energy LLC mit der Föderation Argument für die politisch-strategische Einheit, mehr noch Abhängigkeit sein kann, muss die „Aufgabe des Abkommens“ als Gegenargument anerkannt werden.“xxvii

Der Caeser-Act ist ein Gesetz, welches Sanktionen gegen Syrien umfasst. Der Öl-Deal zwischen Rojava/Nordostsyrien und den USA war möglich, da es dafür eine Sanktionsbefreiung gab und diese wurde von Biden nicht verlängert. Da hat YS recht. Als ich meinen Diskussionsbeitrag geschrieben habe, war mir das nicht bekannt. Scheinbar hat Biden also mit Trumps Absichten gebrochen. YS will uns nun verkaufen, dass der Charakter der PKK/PYD davon abhängig ist, was Trump oder Biden gerade wollen. Sollte der Charakter von PKK/PYD nicht eher von ihnen selbst abhängig sein? Sie selbst haben den Ölvertrag nicht beendet, sie würden ihn gerne weiterführen. Lesen wir doch selbst in der von YS aufgeführten Quelle nach:

,,“Unsere wirtschaftliche Situation ist so schwierig. Wir befinden uns unter wirtschaftlicher Belagerung mit internationalen Sanktionen und geschlossenen Grenzen. Und es war eine besonders schwierige Situation in diesem Jahr wegen des Mangels an Regen“, sagte eine Vertreterin des Syrischen Demokratischen Rates in Washington, Sinam Mohammed, gegenüber Al-Monitor.

Trotz der jüngsten Nachrichten ist Sinam immer noch optimistisch für gute Beziehungen zur derzeitigen Regierung.

„Wir haben ausgezeichnete Beziehungen zur Biden-Regierung“, fügte sie hinzu.“xxviii

Der syrisch-demokratische Rat ist der politische Arm der SDF, der von den YPG/YPJ aufgebauten Kampfeinheiten in Rojava/Nordostsyrien. Sie hatten also nicht nur zur Trump-Regierung, sondern haben auch zu Biden-Regierung gute Beziehungen. YS sagt über den Öl-Vertrag, dass dieser eine Ausnahme sei. Was sagt die Biden-Regierung, was sagt das Sanktionsgesetz Caeser-Act?

,,Der amerikanische Gesandte im Nordosten Syriens bestätigte bei seinem heutigen Treffen mit der Autonomen Verwaltung des Kantons Kobanê, dass das, was mit dem Strafrecht im Rahmen des Caesar’s Act zusammenhängt, die Bereiche der Autonomen Verwaltung ausschließt und es eine gemeinsame Arbeit und Koordination im Rahmen der amerikanischen Unterstützungsprogramme geben wird.“xxix

YS nennt den Öl-Vertrag einen ,,Ausnahme“-Vertrag. Das US-Sanktionsgesetz gilt nicht mehr für Rojava/Nordostsyrien, politische Vertreter aus Rojava/Nordostsyrien beziehen sich positiv auf die Biden-Regierung und sprechen von ,,ausgezeichneten Beziehungen“ zu ihr. Dann können jetzt also weitere ,,Ausnahme“-Verträge mit den USA kommen? YS schreibt immerhin selbst, dass es eine ,,Notwendigkeit ökonomischer Beziehungen zu ,,äußeren“ Kräften“ gebe.

Die ursprünglich vereinbarte Laufzeit des Ölvertrages ist mit 25 Jahren extrem lang und zeigt, dass bei Abschluss des Vertrages die Bereitschaft vorhanden war, langfristige, ökonomische Abkommen einzugehen. Es ist davon auszugehen, dass diese Absicht auf der Seite der PKK/PYD weiterhin vorhanden ist. Im Mai erschien ein Artikel bei Rudaw, der genau darauf eingeht: ,,Mazloum Abdi, Generalkommandeur der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), begrüßte am späten Freitag die Entscheidung der USA, ausländische Investitionen im Nordosten Syriens (Rojava) zuzulassen, und sagte, sie begrüßen alle Unternehmen, dort zu investieren.“xxx

Die strategische Orientierung und Unterordnung der PKK/PYD gegenüber den USA bezieht sich also – wie in meinem vorherigen Beitrag beschrieben – auf eine politisch-ideologische, ökonomische und militärische Ebene. Viele, die diese Zusammenarbeit verharmlosen oder legitimieren, reduzieren sie auf den militärischen Aspekt, um zu behaupten, dass es eine notwendige Zusammenarbeit sei. Das entspricht nicht der Realität. Es ist wichtig, den militärischen Aspekt ebenfalls hervorzuheben: Unsere Genossen aus Österreich haben erst im April in einem Artikelxxxi über die verstärkte militärische Präsenz und Aktivität der USA in Rojava/Nordostsyrien berichtet. Diese Präsenz ist für die USA ein Türöffner, um in der gesamten Region militärisch agieren zu können. Aber die Kooperation beschränkt sich keineswegs auf diesen Aspekt. Alle Aspekte des PKK/PYD-USA Bündnis insgesamt stehen für den proimperialistischen Charakter dessen.

5. Der Vergleich mit Palästina

In meinem Diskussionsbeitrag habe ich kurz erläutert, weshalb ich den in der deutschen Linken verbreiteten Palästina-Kurdistan-Vergleich für unpassend und schädlich halte. Ich bin dabei auf das Verhältnis von PKK/PYD, Fatah, Hamas und PFLP zum Imperialismus eingegangen. Was sagt YS dazu?

Sie schreiben: ,,Hensgen und die Vertreter:innen des sozialchauvinistischen Lagers, allen voran die TKP und DHKP-C können doch nicht behaupten, die Palästinenser:innen hätten weniger Beziehungen zu imperialistischen Kräften als die Kurd:innen.“xxxii

Wenn YS das Verhältnis palästinensischer Kräfte zum Imperialismus noch problematischer einstuft, als es das Verhältnis der PKK/PYD zu den USA sei, dann ist YS eine genauere Erklärung dazu schuldig. Denn erstens greifen die Ausführungen aus ihrem Beitrag dazu m.E. zu kurz und zweitens will YS anscheinend viele regionale Mächte nicht als imperialistisch charakterisieren. Welche palästinensischen Organisationen und welche imperialistischen Kräfte meint YS und welche Schlussfolgerungen sollten daraus folgen?

Was machen ,,die Palästinenser“?

  • In meinem vorherigen Diskussionsbeitrag und in der diesjährigen KO-Stellungnahmexxxiii zur Nakba steht sehr deutlich, dass wir die palästinensische Autonomiebehörde nicht als Teil des palästinensischen Volkswiderstands, sondern als Gegner dessen betrachten.

  • YS: ,,Die Hamas hatte direkte Beziehung zu Iran, später aber hat sie die Beziehung zu Erdogans Türkei vertieft und seine politische Führung dementsprechend nach Katar getragen.“xxxiv Ja, die Hamas hat Beziehungen zu relevanten Mächten innerhalb der Region. Sie ist zwar Teil des palästinensischen Volkswiderstands, aber selbst keine antiimperialistische Kraft.

  • In meinem vorherigen Beitrag habe ich mich dann auf die PFLP bezogen, da sie antiimperialistisch sei. Ich habe jedoch ihr Verhältnis zu Syrien und dem Iran ausgeklammert. Im Mai hat sogar ein Vertreter des ZK der PFLP am chinesisch-arabischen Forum teilgenommen. Die PFLP schreibt auf ihrer Website vom ,,Sozialismus chinesischer Prägung“ und dass sich die Kommunisten weltweit an China orientieren solltenxxxv. Ich weiß nicht, wie weit diese Position innerhalb der PFLP vertreten ist und welche konkreten Auswirkungen sie auf ihre Praxis hat. Ihr Verhältnis zum Imperialismus ist damit zumindest fragwürdig.

  • Es gibt die Palästinensische Volkspartei (PPP) und die Palästinensische Kommunistische Partei (PCP). Beide sind über das Solidnetxxxvi mit der KKE, der TKP und weiteren KPen lose verbunden. Teilweise unterstützen sie Erklärungen, die im Solidnet veröffentlicht werden.

Ich halte – wie beschrieben – die Eigenständigkeit revolutionärer und nationaler Bewegungen gegenüber dem Imperialismus für notwendig. Da der Imperialismus nicht bloß ein paar westliche Staaten sind, sondern das ganze Weltsystem umfasst, ist es an dieser Stelle wichtig, die Hamas und die PFLP zu kritisieren. Eine Kommunistische Partei in Palästina muss eine Bewegung aufbauen, die sich klar gegen beide imperialistische Pole richtet und sich weder von ihnen noch von regionalen Mächten abhängig macht. Sie muss sich auf ihr Volk und das internatioale Proletariat stützen.

Insgesamt ist also festzustellen, dass nicht nur die nationale Bewegung um die PKK, sondern auch einige Kräfte in Palästina keine klare antiimperialistische Ausrichtung haben. Dennoch kann man dies nicht miteinander gleichsetzen. Das Ziel des palästinensischen Volkswiderstands ist die Zerschlagung Israels, was zwangsläufig eine Verbesserung der Lebens- und Kampfbedingungen und damit ein Potenzial für den Kampf um den Sozialismus darstellt. Daher ist der Widerstand zu begrüßen, wobei Kommunisten vor Ort darum kämpfen müssen, die Führung zu erlangen und direkt den Kampf um den Sozialismus auf die Tagesordnung zu setzen. Der Kampf der PKK stärkt jedoch die Rolle der USA in Westasien, ihre Militärbasen vor Ort sind eine potenzielle Grundlage zur Durchführung weiterer Interventionen, Regime Changes, zum Anzetteln von Bürgerkriegen und zum Zerschlagen jedes revolutionären Potenzials. Daher muss ich hiermit zwar teilweise Aussagen aus meinem vorherigen Beitrag zurücknehmen, aber die Behauptung von YS, dass Palästinenser mehr Beziehungen zu imperialistischen Kräften hätten als Kurden ist nicht haltbar. Mir geht es hierbei aber im Gegensatz zu YS nicht um ,,mehr Beziehungen“ oder um ,,weniger Beziehungen“, sondern darum, mit welchen imperialistischen Kräften, in welchem Ausmaß sowie Kontext die Beziehungen stattfinden und welche Folgen drohen.

6. Fazit

Bereits in meinem vorherigen Beitrag habe ich beide imperialistischen Blöcke und ihre Rolle in Westasien behandelt. Revolutionäre Bewegungen dürfen sich weder der NATO noch der SCO unterordnen. Damit meine ich nicht, dass die Stärke, Aggressivität oder die Art und Weise, wie diese ihre ökonomischen Interessen durchsetzen identisch wären, sondern dass die Interessen beider Blöcke in einem unversöhnlichen Widerspruch zu den Interessen des internationalen Proletariats stehen. Sie sind nicht in Westasien, um dort Frieden zu stiften oder um im Sinne der dortigen Völker zu handeln, sondern um den Kampf um die Neuaufteilungxxxvii der Welt zu ihren Gunsten zu bestreiten, anhand dessen ist das Vorgehen der russischen, chinesischen und us-amerikanischen Bourgeoisie zu bewerten.

Die Arbeiterklasse braucht einen eigenständigen Charakter, um den Kampf für den Sozialismus führen zu können und nicht zu einem Anhängsel oder Spielball eines bürgerlichen Staates oder imperialistischen Blocks zu werden. Kein Anhängsel oder Spielball zu werden bedeutet, dass eine Zusammenarbeit revolutionärer Bewegungen mit bürgerlichen Regierungen (z.B. der syrischen) nicht generell, sondern nur in Ausnahmefällen (z.B. drohender Regime Change durch die USA) als Option in Betracht gezogen werden darf, eine solche potenzielle Zusammenarbeit muss von vornherein begrenzt (z.B. auf die Bekämpfung des IS, Verdrängung der USA) sein, es muss eine ideologische und organisatorische Anpassung verhindert werden und es müssen von der bürgerlichen Regierung Zugeständnisse eingefordert sowie umgesetzt werden (z.B. bürgerliche Rechte für die Kurden in Syrien). Ein solches Bündnis birgt immer zahlreiche Gefahren, daher sollten revolutionäre Bewegungen, die solche eingehen mit dem Partner in etwa auf Augenhöhe agieren, d.h. in etwa gleich stark sein, um eine Unterordnung zu vermeiden. So sind meine Ausführungen zum hypothetischen PKK-Syrien Bündnis zu verstehen, als eine taktische Angelegenheit. Nachdem die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit eines solchen Bündnisses nicht mehr gegeben wären, müssten Revolutionäre in einer revolutionären Situation die Waffen gegen ihre ,,eigene“ Bourgeoisie (also den syrischen Staat) richten und den Sozialismus erkämpfen.

Ich habe in meinem vorherigen Beitrag geschrieben, dass YS mit ihrer Haltung zur PKK/PYD proimperialistische Organisationen unterstützt. Dabei habe ich ausgeführt, dass YS nicht bewusst proimperialistisch handelt, sondern vermutlich analysefaul ist. Auf diese Einschätzung von mir reagiert YS mit dem Verweis auf eine Broschüre zur ,,Selbstverwaltung“xxxviii. Wieso YS gerade auf diese Broschüre verweist, ist ein Rätsel. Mir ist die Broschüre bekannt, in meinem vorherigen Diskussionsbeitrag habe ich sie bereits erwähnt und kurz kritisiert. Analysefaul nenne ich YS nicht, weil ich behaupten würde, dass YS nichts schreiben würde, sondern weil sie (und auch die MLKP und TKŞ) in ihren Texten den US-Imperialismus nicht oder nur möglichst kurz thematisieren möchten. Ihre Broschüre zur ,,Selbstverwaltung“ ist 32 Seiten lang, davon behandeln vielleicht 1-2 Sätze den US-Imperialismus. Der Verweis auf diese Broschüre bekräftigt also umso mehr meine Behauptung, dass YS so wenig wie möglich über den US-Imperialismus schreibt, sondern umso eher davon ablenken will und analysefaul ist. Wenn man sich die MLKP und TKŞ anschaut, dann ist diese Ignoranz gegenüber dem US-Imperialismus und Unterschätzung dessen wohl eine sehr wichtige Gemeinsamkeit und vermutlich auch notwendig, um ein Anhänger der PKK/PYD zu sein. In ihrer zweiteiligen Antwort an mich, ist YS nun auf den US-Imperialismus eingegangen, nachdem ich sie dazu aufgefordert habe. Ich bin jedoch der Meinung, dass sie die Rolle der USA sowie das Bündnis mit ihr massiv unterschätzen und relativieren, was für die Praxis fatale Konsequenzen hat.

Mit diesem Diskussionsbeitrag reagiere ich auf die Unterstellungen von YS, einige Anmerkungen dazu folgen im Anhang. YS wirft mir u.a. Elektizismus, Ökonomismus und Chauvinismus vor. Sie zitieren 10 Seiten Lenin, schreiben viel zur Geschichte der Kurden, dann einige Seiten gegen die TKP und einige Seiten zur TKŞ. Aber wie bereits Klara Bina in ihrem Kommentarxxxix als Reaktion auf den ersten Teil von YS geschrieben hat, geht es um die PKK. Die Ausführungen von YS dazu fand ich relativ schwach. Alles in allem bleibt es festzuhalten, dass die PKK eine proimperialistische Organisation ist, dass sie nicht im Interesse des kurdischen Volkes bzw. der kurdischen Völker und erst recht nicht im Interesse des internationalen Proletariats handelt. Auch aktuelle Ankündigungen des türkischen Staates einen erneuten Angriff auf kurdische Gebiete durchzuführen, ändern nichts an meiner Haltung: Die Perspektive für den Sozialismus und das Ende der nationalen Unterdrückung bietet nicht die PKK und ihre Kooperation mit dem US-Imperialismus, sondern die TKP. Dass die USA der PKK/PYD nicht hilft, wenn die Türkei droht und angreift, zeigt umso mehr, dass sich die PKK/PYD den falschen Partner ausgesucht hat. Gerade dass jetzt die PYD-nahe SDF die syrische Regierung um Hilfe bittetxl, zeigt erneut, dass diese Bündniskonstellation sinnvoller wäre als eine Unterordnung unter bzw. Abhängigkeit von den USA.

Mir ist es wichtig, meine Meinung sowie die dahinterliegende Argumentation offen und transparent darzulegen. Ich habe in meinem vorherigen Beitrag bewusst fordernd eingeladen, auf meinen Text zu reagieren, sodass mein Text aus einer anderen Perspektive kritisch überprüft wird. In der Antwort von YS sehe ich keine Widerlegung meiner Position, dafür beinhaltet ihr Text eine Anhäufung von falschen Unterstellungen gegenüber der TKP und mir. Wenn wir die Texte der Genossin Klara Bina mitzählen, ist das jetzt der vierte Beitrag (xli // xlii // xliii // dieser hier) zum Thema PKK und vermutlich reicht das auch erstmal so. YS schreibt, dass sie sich bis zum Sturz des Imperialismus mit dem befassen wollen, was sie unter ,,Sozialchauvinismus und imperialistischer Ökonomismus“ verstehen. Vielleicht ist jetzt aber bereits ein Punkt erreicht, an dem wir sagen können, dass die Leser nun die Argumentationen von mir und auch von YS nachvollziehen und sich selbst eine Meinung über diese bilden können.

Abschließend möchte ich nochmal – wie in meinem vorherigen Text – anmerken, dass ich selbst jahrelang auf Demonstrationen und auch zahlreichen anderen Veranstaltungen für die Solidarität mit der PYD/YPG/YPJ usw. war. Ich habe im Laufe der Zeit meine Meinung geändert und sehe die Haltung derer, die solidarisch mit den genannten Organisationen sind und ggf. sogar langfristig ihren politischen Schwerpunkt darauf legen, kritisch. Trotz allem möchte ich betonen, dass ich den Mut und die Bereitschaft von denen, die aus Deutschland in die Berge gehen und für die PYD/YPG/YPJ kämpfen, respektiere. Die politische Bewegung darum hat einen Märtyrerkult aufgebaut, der jedoch dazu führt, Jugendliche umso mehr dazu zu motivieren, unter Führung der PYD/YPG/YPJ/MLKP zu kämpfen. Meine Kritik daran habe ich nun in zwei Texten transparent gemacht. Für die sozialistische Revolution bedarf es eines bewaffneten Kampfes, dieser muss jedoch auf Grundlage eines revolutionären Programmes und einer ML-Analyse erfolgen, was m.E. bei der MLKP nicht der Fall ist.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Beitrag erneut zum Nachdenken und zum Diskutieren anrege. In diesem Beitrag habe ich versucht deutlich zu machen, wie Themen miteinander zusammenhängen. Die Imperialismusanalyse ist das Fundament für die Analyse bzw. Haltung zur nationalen Frage, zum proletarischen Internationalismus, zum Staat, zur Strategie und Taktik, zur Praxis usw. usf., aber eben nicht umgekehrt: Im Zuge der Einschätzung des Charakters einer Bourgeoisie als faschistisch und/oder kolonialistisch besteht eine hohe Gefahr, sich auf der Suche nach einem Bündnispartner, einem imperialistischen Pol unterzuordnen. Das geht mit der Unterschätzung imperialistischer Akteure einher. Wenn Kommunisten jedoch zu einem Anhängsel des Imperialismus werden, stärken sie diesen statt eigenständig zu sein und eine revolutionäre, antiimperialistische Position einnehmen zu können. Eine konkrete Situation in einer Region darf nicht dazu führen, die Imperialismusanalyse über Bord zu werfen, sondern muss anhand dieser betrachtet werden.


 

7. Anhang: Die Verleumdungen von YS gegen die TKP

Bevor ich auf die Verleumdungen von YS gegenüber der TKP genauer eingehe, möchte ich mich kurz zu unserem Verhältnis gegenüber der TKP äußern, um mögliche Missverständnisse zu vermeiden: Die KO und die TKP haben keine Beziehungen zueinander, wir sind keine Schwesterorganisationen. Die TKP und die KO eint es, dass sie den realen Sozialismus (gegenüber bürgerlichen, trotzkistischen, hoxhaistischen und maoistischen Verleumdungen, wie z.B. der Sozialimperialismusthese) verteidigen, daraus ergibt sich die Zugehörigkeit zur gleichen ideologischen Strömung. Die TKP ist Teil der ,,Initiative kommunistischer und Arbeiterparteien Europas“xliv, in unserer internationalen Resolution von unserer 2. Vollversammlungxlv heben wir diesen Zusammenschluss positiv hervor. Die Veröffentlichungen der Kommunistischen Parteien (KPen) innerhalb der Initiative verfolgen wir interessiert. Aufgrund von ideologischer Nähe – auch über die Sozialismusfrage hinaus – z.B. in der Ablehnung von Reformismus und Etappentheorien und im Verständnis des Imperialismus, interessiere ich mich für diese Organisation und beziehe mich positiv auf sie. Sie ist inhaltlich also weitaus stärker als alles, was ich von anderen KPen aus der Türkei weiß.

YS schreibt in seiner Antwort auf meinen Diskussionsbeitrag sehr viel über die TKP. Da ich mich positiv auf die TKP beziehe, ist es natürlich legitim, dass YS in einer Antwort Kritik äußert. Aber in ihren Äußerungen zur TKP verdrehen sie Sachen und nutzen Begriffe falsch, sie nutzen ihre falschen Aussagen gegenüber unseren Genossen aus der Türkei, um mich zu diskreditieren (,,Denn mit seiner Referenz (der TKP) steht er standfest auf dem Boden des türkischen Chauvinismus.“xlvi). Das solle wohl irgendwie als Diskussionswaffe dienen, um den Leser zu überzeugen, dass ich falsch liegen müsse. Im Folgenden gehe ich auf acht Textstellen (mit A-H bezeichnet) von YS zur TKP etwas ein, um dies gerade zu rücken. Alternativ könnte ich auch einfach TKP-Texte hier verlinken, aber ich versuche es möglichst zugänglich zu machen, sodass es nicht unbedingt notwendig ist, zahlreiche TKP-Texte zu lesen, die nicht auf deutsch verfügbar sind. Um die kurzen Ausführungen in diesem Anhang zu vertiefen, empfehle ich für die weitere Befassung mit der TKP das Durcharbeiten ihrer Internetseiten. Leider sind einige Stellen in diesem Anhang sprachlich etwas holprig, da ich Texte der TKP auf türkisch genommen habe, um sie zu zitieren, aber die Übersetzung meines Browsers nicht perfekt ist.

 

A) Vorwurf Kemalismus: YS führt nicht aus, was sie meinen und unterstellen unseren Genossen den Mord an der damaligen TKP-Führung zu begrüßen.

YS: ,,Die T“K“P: eine sozialchauvinistische und kemalistische Partei“ und ,,Die Ermordung der Führer:innen der historischen TKP durch die kemalistische Führung führte aber zu einem tiefen Bruch mit dieser revolutionären Position zur Regimefrage.“xlvii

YS schreibt erst, die TKP sei kemalistisch und danach, dass die kemalistische Führung die Führung der historischen TKP ermordete. Damit wird impliziert, dass die heutige TKP den Mord an den damaligen Führern gut finden würde. Den Mord an den Führern der historischen TKP verurteilen unsere Genossen klar: Die TKP führte im Januar in mehreren Städten große Gedenkveranstaltungen für die Führer der historischen TKP durchxlviii. Damit ist bewiesen, dass sie den Mord an der historischen Führung nicht begrüßen, sondern auf’s schärfte verurteilen.

Was ist nun dran, an dem Vorwurf des Kemalismus? Alle in der Türkei lebenden Völker haben einen Befreiungskampf gegen den Imperialismus geführt. Dieser Kampf mündete in die Gründung der türkischen Republik, einen Staat, der in seinen jungen Jahren unter Anderem für Säkularismus und Zusammenarbeit mit der Sowjetunion stand. Ja, darauf beziehen sich unsere Genossen positiv. Der TKP ist bewusst, dass unter Mustafa Kemal der kurdische Teil der Bevölkerung unterdrückt wurde, sie behandeln dies in mehreren Textenxlix. Den Kampf der jungen Türkei gegen den Imperialismus zu begrüßen, ist etwas anderes als die Unterdrückung gegen die Kurden zu befürworten. Unsere Genossen wendeten und wenden sich stets gegen die Unterdrückung der Kurden. Wenn YS die TKP kemalistisch nennt, sollte YS das mal definieren und belegen. Aber dafür müsste YS das ganze etwas differenzierter betrachten. Ich halte diesen Aspekt in meinem Text bewusst kurz, da das eigentliche Thema der Debatte nicht der Kemalismus, sondern die PKK ist.

B) Vorwurf Sozialchauvinismus: Ursprung des Vorwurfes ist, dass YS die Geschichte und Argumente der TKP nicht kennt und den Charakter der PKK und HDP nicht wahrhaben will.

YS: ,,Die Neugründung der TKP 1921 unter Şefik Hüsnü geschah auf klassenversöhnerischer Basis und das wirkte sich unmittelbar auf die politische Positionierung gegenüber der kurdischen Frage aus. Seitdem bewegt sich die TKP auf einer sozialchauvinistischen Grundlage. Diskutieren wir die Linie der aktuellen TKP anhand ihrer letzten Erklärung zur kurdischen Frage. Erstens ignoriert die TKP die politischen Subjekte der kurdischen Nation. Die Aussage, dass das kurdische Volk der Ansprechpartner bei der Lösung der kurdischen Frage ist mag volksnah und demokratisch klingen, ist aber nichts anderes als die bewusste Leugnung der kurdischen Befreiungsbewegung als politische Repräsentant:innen der Kurd:innen. Dass die TKP die PKK als die Hauptstütze der kurdischen Realität und deren politischen Repräsentanten Abdullah Öcalan nicht als Ansprechpartner anerkennt, ist nachvollziehbar (ausgehend von der programmatischen und ideologischen Linie). Aber dass sogar die HDP ignoriert wird und nicht als die Partei der kurdischen kollektiven Kampfes und als Ansprechpartner anerkannt wird, ist nicht nur eine ideologische Schwäche, sondern eine Schuld, die Wiederspieglung der Leugnungspolitik des kemalistischen Regimes gegenüber den Kurd:innen war. Sogar die kemalistische CHP hat zugegeben, dass die Lösung der kurdischen Frage ohne die HDP unmöglich ist und dass sie die HDP als legitime Ansprechpartner anerkennen werden. Natürlich war das eine taktische Aussage im Hinblick auf die Wahlen. Trotzdem zwingt die national-demokratische Kraft sie, die politischen Subjekte der Kurd:innen anzuerkennen. Die TKP aber ignoriert die Subjekte. Gleiches zeigt sich auch bei dem Versuch, ein „neues sozialistisches Bündnis“ jenseits der und ohne die HDP zu etablieren.“l

Die heutige TKP (Kommunistische Partei der Türkei) ist der Nachfolger der SIP (Partei für Sozialistische Macht), die SIP war der Nachfolger der STP (Partei der sozialistischen Türkei ). Diese drei Parteien sehen bzw. sahen sich in der Tradition der historischen TKP.

Um nicht ganz so weit zurück in die Geschichte zu gehen, beginne ich mal mit der Zeit nach der PKK-Gründung: Unsere Genossen in der Türkei haben die PKK sowie ihre legalen Arme anerkannt und unterstützt, bevor diese proimperialistisch wurden. Die STP trat für das Recht der Kurden auf staatliche Lostrennung ein. Die STP (bis zu ihrem Verbot 1993) und die SIP kannten die Legitimität und Autorität der kurdischen Nationalbewegung an. Die STP und SIP wollten, dass die PKK und ihr nahestende kurdische Organisationen die Kurden organisieren, weshalb sie selbst gar nicht in kurdischen Provinzen aktiv war. Nach dem Verbot der STP und der Gründung der SIP erklärte sich diese mit der DEP – der Demokratiepartei (Vorvorvorvorvorgängerpartei der heutigen HDP) solidarisch. Aufgrund vom staatlichen Druck gegen die DEP und dem Verbot ihr gegenüber an den Kommunalwahlen 1994 teilzunehmen, entschied sich die SIP dazu, die Wahlen zu boykottieren. Die SIP sah die DEP als einen Vertreter des kurdischen Volkes und betrachtete ihren Ausschluss aus den Wahlen als Ausschluss des kurdischen Volkes. Dass sich die PKK und ihre legalen Arme in Theorie und Praxis um 180 Grad gewendet haben, hat die SIP genau beobachtet. Die TKP (Gründung 2001) baute ab 2001 nach und nach zahlreiche Parteistrukturen in kurdischen Provinzen auf. (li // lii)

Unsere Genossen haben in den 2000er Jahren entschieden, die kurdische Arbeiterklasse nicht mehr der PKK zu überlassen, ihr proimperialistischer Charakter hatte sich bereits offen herauskristalisiert, weshalb ihr Kampf keine Perspektive für die Arbeiterklasse mehr bieten konnte. Also steht fest, dass die TKP nicht sozialchauvinistisch ist, sondern dass sie ihre Unterstützung der kurdischen Nationalbewegung davon abhängig macht, ob sie einen fortschrittlichen Charakter hat. Als sie diesen hatte, hat sie sie unterstützt und seitdem sie proimperialistisch ist, organisiert die TKP selbst kurdische Werktätige aus kurdischen Provinzen in ihren Reihen und kämpft mit ihnen gemeinsam für den Sozialismus. Im Text ,,Arbeiter und Kurden“ den die TKP im Januar veröffentlicht hat, schreibt sie: ,,Kurdische Arbeiter zu organisieren, um den Sozialismus zu erkämpfen, ist heute die dringendste Aufgabe in der kapitalistischen Türkei.“liii

Sie gehen auch auf die Ursachen ein, warum es eine Notwendigkeit für den gemeinsamen Kampf gibt: ,,Auf türkischer Ebene ist der gemeinsame Kampf eine Notwendigkeit mit bestimmten Ursachen und Bedingungen. Der wichtigste dieser Gründe und Bedingungen ist, dass die kurdische und die türkische herrschende Klasse ihre wirtschaftlichen Aktivitäten auf demselben „nationalen“ Markt fortsetzen. Der Feind ist monolithisch.“liv

Dieser gemeinsame Kampf der Kurden und Türken berücksichtigt natürlich, dass beide Völker nicht gleichberechtigt sind, dass es für die kurdischen Arbeiter als doppelt-unterdrückte (als Arbeiter und als Kurden) spezifische Formen von Agitation und Propaganda bedarf sowie auch spezifische Forderungen im Kampf um die Verbesserung ihrer Lage. Nur so ist ein wirklich gleichberechtiger Kampf auf Augenhöhe möglich. Kurdewari ist eine Institution der TKP, die die kurdische Kultur pflegt, schützt und weiterentwickelt. Der Genosse Ozkan Öztaş hat einige sehr interessante und wertvolle Beiträge im Zusammenhang mit der kurdischen Kultur geleistet. Er hat das Buch ,,Kurdische Kunst in der Sowjetunion“ verfasst. Die Sowjetunion leistete einen großen Beitrag zur Entfaltung der kurdischen Kultur: Der erste Film in der kurdischen Geschichte, der erste kurdische Roman, das erste kurdische Theaterstück, der erste Unterricht auf kurdisch und die am längsten laufende kurdische Zeitung, all das gab es in der Sowjetunion. Dies behandelt der Genosse in seinem Buch und verbindet so die Errungenschaften des ersten sozialistischen Staates mit dem Kampf der kurdischen Arbeiterklasse.lv Kurdewari hat öffentliche Seiten auf Facebook und Twitter, die sich jeder anschauen kann. Dort werden z.B. kurdische Gedichte gepostet oder auch Transparente unserer Genossen, die sich an Demos beteiligen. Ein Beispiel ist das Transparent mit dem kurdischsprachigen Spruch: ,,Imperialismus, wir werden dich besiegen!“lvi

YS unterstellt der TKP Sozialchauvinismus, weil sie die PKK und HDP nicht als ,,legimte Vertreter“ der Kurden anerkennt. Sind es denn die ,,legitimen Vertreter“? Ich denke nicht!

Solange die PKK eine proimperialistische Organisation ist und den US-Imperialismus (ob bewusst oder nicht) stärkt, führt sie objektiv betrachtet keinen Befreiungskampf. Die PKK-Bewegung bzw. wie YS es beschönigend formuliert die kurdische ,,Befreiungsbewegung“ ist nicht der Repräsentant der Kurden. Die TKP schreibt: ,,Die Antwort der TKP lautet, dass die Ansprechpartnerin weder das Parlament noch Abdullah Öcalan sein können, sondern dass es das werktätige Volk ist. […] Die Mentalität, die das kurdische Volk ignoriert, es dazu zwingt, dass es seine eigene Existenz leugnet, und es unterdrückt, trägt eine große Verantwortung dafür, dass einige Kurden in diesem Land ihre Hoffnung auf die internationalen Großmächte gesetzt haben. Es ist auch eine Schande für uns alle, dass wir nicht in der Lage waren, uns gegen diese Mentalität und diese ungerechte Ordnung als Ganzes stark zu machen.“lvii

Die TKP ignoriert die PKK nicht, sie erwähnt ihren Vorsitzenden, erklärt aber, dass er eben nicht die Lösung ist. Gleichzeitig leistet die TKP Selbstkritik, dass sie nicht in der Lage waren sich gegen die kurdenfeindliche Mentalität und ungerechte Ordnung stark zu machen. Das hängt natürlich damit zusammen, dass sie noch nicht lange in den kurdischen Provinzen der Türkei aktiv ist, dennoch hat sie in dieser Zeit bereits viele kurdische Werktätige organisiert und sich viel für sie eingesetzt.

Und wieso die TKP die HDP nicht als Ansprechpartner der Kurden anerkennt?

Eines der Probleme der HDP ist die Propagierung und Etablierung der These, dass die kurdische Frage die Hauptfrage und das Hauptproblem der Türkei sei. Sie ist eine Hauptthese der HDP und die Politik der HDP wird im Wesentlichen von dieser These geleitet. Diese Herangehensweise rückt die eigentliche Hauptfrage in der Türkei, nämlich die soziale bzw. Klassenfrage, in den Hintergrund und verschleiert den Klassengegensatz zwischen den Werktätigen und Kapitalisten in der Türkei allgemein. Dadurch wird also vom gemeinsamen Klassenkampf der kurdischen und türkischen Arbeiter abgelenkt und stattdessen eine Trennung dieser forciert. Die HDP propagiert damit einheitliche Interessen zwischen kurdischen Kapitalisten und Werktätigen, da es ja laut dieser These als erstes um die kurdische Frage und die Befreiung aller Kurden (kurdischer Kapitalisten und Arbeiter gemeinsam) in der Türkei geht. Das nutzt schließlich den kurdischen Kapitalisten und auch den türkischen Kapitalisten, weil sie die kurdischen Arbeiter vom Klassenkampf abhält und die Spaltung der Arbeiter in der Türkei vertieft.

In der HDP sind kurdische Herrschende, Kapitalisten und Großgrundbesitzer wie z. B. der Großgrundbesitzer Ahmet Türk organisiert. Sie wollen ihre Klasseninteressen über die HDP durchsetzen. In der HDP sind auch Revolutionäre vorhanden, die sich an den Interessen der Arbeiterklasse orientieren möchten. In ihr gibt es also eine Klassendifferenziertheit, was sie u. a. auch deshalb schwer in die bürgerliche Klassendiktatur in der Türkei vollkommen integrieren lässt. Sie ist (noch) ein heterogenes und dynamisches Subjekt, das sich aber in der Vergangenheit in vielen wichtigen politischen Fragen auf der Seite der Bourgeoisie positioniert hat.

Die Kritik der TKP an der HDP ist auch kein Geheimnis. Zum Beispiel in ihrem Bericht zu ihrer außerordentlichen Parteikonferenz im Januar gehen unsere Genossen darauf ein:

,,In mancher Hinsicht ist die Entwicklung der HDP, die als zweite sozialdemokratische Partei der Türkei bezeichnet werden kann, zweifellos das Produkt einer ganz anderen Dynamik.

Seit den 1980er Jahren, als sich das Kurdenproblem zu einer sozialen Dynamik entwickelte, die auf der armen Bauernbewegung in der Türkei basierte, waren alle Widersprüche, die eine nationale Bewegung bergen kann, nacheinander zu spüren, und es gab bedeutende Veränderungen in der Klasse, im ideologischen Charakter und in der politischen Positionierung dieser Bewegung.

Als wichtige politische Kraft kann die HDP nicht unabhängig von diesem Prozess behandelt werden. Es ist nicht möglich, eine Bewertung vorzunehmen, indem man das Gewicht der Probleme, die die Kurden in diesem Land und anderen Ländern der Region erleben, die Legitimität der Forderungen des kurdischen Volkes nach Gleichheit und Freiheit und den klassen-, ideologischen und politischen Charakter der HDP ignoriert.

Die Kommunistische Partei der Türkei hat im vergangenen Jahr ihre Herangehensweise an die Kurdenfrage dargelegt und der Öffentlichkeit erneut mitgeteilt (die Erklärung, dass der Ansprechpartner für das kurdische Problem die Werktätigen sind) und dass ihre bedeutende Unterstützung unter dem kurdischen Volk die HDP nicht zu einem Vertreter der kurdischen Arbeiter macht, weil sie durch das politische Parteiprogramm, ihre Haltung zu wichtigen Fragen, die Politik der Allianzen bewertet werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt hat die HDP, die keine homogene Struktur hat und viele verschiedene Elemente einschließlich Revolutionäre hat, drei Hauptthemen: Ihre Herangehensweise an Klassenwidersprüche, ihre Haltung gegenüber imperialistischen Zentren und ihre Position zum Säkularismus ist eher voller Fehler als Unsicherheit.

In der Türkei ist es nicht möglich, eine Orientierung auf der Grundlage des Konsenses von Arbeit und Kapital auf der Linken zu halten. Der Wunsch der HDP, in der türkischen Politik und von Zeit zu Zeit Verhandlungen mit den Herrschenden durchzuführen, passt nicht zur Definition von „links“. Die Herausforderungen, Platz für die HDP oder ähnliche Formationen im System zu schaffen, liegen jedoch auf der Hand, was die HDP zu einem dynamischen und offenen politischen Subjekt für Veränderungen macht. Als politische Partei, deren langjährige Machthaber meist im Gefängnis sitzen und deren Bürgermeister und Abgeordnete aus grundlosen Gründen verhaftet wurden, hat die HDP Schwierigkeiten, ideologische und politische Koordinaten festzulegen.

Ungeachtet dessen hat die Kommunistische Partei der Türkei wiederholt gesagt, dass sie sich von politischen Strukturen distanzieren wird, die die Gründung der Republik Türkei als illegitim betrachten, die arbeitende Bevölkerung durch ethnische Identitäten diskriminieren und zur gegenseitigen Eskalation des Nationalismus führen und nationale Diskriminierung und Repression als Rechtfertigung für die Assoziation mit imperialistischen Kräften und Projekten nehmen. Diese Distanz kann nicht im Namen des „Kampfes für Demokratie“ geschlossen werden, denn der Kampf für Demokratie ist ein Kampf, der einen funktionierenden Charakter hat, antiimperialistischen, aufgeklärten Charakter und auf Klassendynamiken und nicht auf Identitäten basieren sollte.

Darüber hinaus ist eine Quelle des ideologischen und politischen Wandels, den die nationale Bewegung, die sich als kurdische arme Bauernbewegung manifestiert, im Laufe der Zeit erlebt hat, die Schwäche der türkischen Arbeiterbewegung. Die Stärkung und Sozialisierung der türkischen Linken innerhalb der Arbeiter aller Nationen mit ihrer eigenen unabhängigen Existenz wird das politische Gleichgewicht der Türkei von oben nach unten verändern und die Vorurteile der kurdischen Frageachse positiv beeinflussen.

In diesem Sinne ist die TKP zu allen Arten von Interaktionen und konstruktiven Haltungen bereit, um eine Einheit und unabhängige Macht der Arbeiterklasse in der Türkei zu werden und Antiimperialismus und Säkularismus durch ein breiteres Segment zu vertreten. Was die TKP nicht akzeptieren wird, ist, sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen, ihre Grundprinzipien aus dem einen oder anderen Grund außer Kraft zu setzen und Teil einer klassenideologischen Unsicherheit zu sein.“lviii

 

Der Generalsekretär der TKP, Kemal Okuyan, äußert sich in einem Interview ebenfalls sehr deutlich zur HDP: ,,Die HDP geht bei drei grundsätzlichen Fragen einen ganz anderen Weg als wir. Dies ist nicht unser Anspruch. Es ist eine objektive Tatsache. Die Herangehensweise der HDP an Imperialismus, Reaktion und das aktuelle Ausbeutungssystem ist offensichtlich. In diesem Sinne ist die HDP für uns kein Bündniselement.lix

Der Kommunistische Frauenverband der TKP veröffentlichte 2016 einen Text gegen die HDP-Abgeordnete Hüda Kaya, da sie dem Kampf für den Säkularismus im Wege steht.lx Die HDP hat also bei sich Mitglieder, die sogar Abgeordnete werden können und werden und sich nicht für eine säkulare Türkei einsetzen, sondern stattdessen die Verbindung von Staat und Religion noch weiter stärken wollen. Kaya ist nämlich nicht die einzige mit solchen Positionen. Bis Altan Tan 2018 aus der HDP austrat, war er ebenfalls HDP-Abgeordneter, auch er wurde von der TKP kritisiert, da er sich gegen Säkularismus ausgesprochen hat.lxi

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass die TKP gute Gründe hat, weshalb sie die PKK und (damalige) HDP vor dem Paradigmenwechsel als Ansprechpartner der kurdischen Arbeiter sah, aber seitdem diese proimperialistisch wurden, diese nicht mehr als Ansprechpartner sehen. Dass die Vorvorgängerin der TKP die damalige PKK und die Vorvorvorvorvorgängerpartei der HDP anerkannte und unterstützte zeigt, dass die TKP nicht sozialchauvinistisch ist. Sie erkennt den Wandel der PKK und ihres Klassencharakters sowie ihren engen Bezug zum Imperialismus und hat aufgrund dessen ihre Einschätzung angepasst. Um es nochmal mit den Worten der TKP zu sagen: ,,Es ist an der Zeit, die Interessen der gemeinsamen Klasse zu erklären, zu verarbeiten und aufzubauen, dass die Interessen der kurdischen Arbeiter völlig getrennt von den kurdischen reichen Klassen, den „kurdisch-freundlichen“ Imperialisten und den religiösen Reaktionären sind.“lxii

Die HDP und PKK führen die Kurden nicht zum Sozialismus, sie können die kurdische Frage nicht lösen und daher keine ,,Ansprechpartner“ sein.

C) Vorwurf Sozialchauvinismus: Ursprung dieses Vorwurfes ist einfach, dass YS seine eigenen Augen verschließt.

YS: ,,Um diesen Sozialchauvinismus zu vertuschen, klammern sie sich an die allgegenwärtige Lüge, „dass einige Kurden in diesem Land ihre Hoffnung auf die internationalen Großmächte gesetzt haben“ und führen so die altbekannte Argumentation fort, die PKK teile in US-amerikanischer Aufsicht das Land.“lxiii

Es ist keine Lüge. Es sind auch nicht bloß ,,einige Kurden“, leider sind es sehr viele Kurden, die mit HDP und PKK symphatisieren, das heißt mit den Vertretern, die Hoffnungen auf internationale Großmächte setzen. Bereits in meinem letzten Diskussionsbeitrag habe ich bewiesen, dass die PKK diese Hoffnungen hat. YS schafft es in seinen Antworten nicht, mich zu widerlegen, sie stempeln es bloß als ,,Lüge“ ab. Das ist nun wirklich ein sehr schwaches Fundament für ihren Sozialchauvinismus-Vorwurf.

D) Vorwurf Sozialchauvinismus: Ursprung dieses Vorwurfes ist es, dass YS bewusst Begriffe verdreht.

YS: ,,Die Erklärung ist ein ausgezeichnetes Beispiel für den im ersten Teil ausführlich diskutierten Monismus in der Bewertung. Indem die TKP erklärt, dass „weder der kurdische oder der türkische Nationalismus […] dem anderen vorgezogen werden“ kann, setzt er die beiden Nationalismen gleich. […] Ohne auf die grundlegenden theoretischen Details einzugehen, die wir im ersten Teil ausführlich ausgeführt hatten, ist die Gleichsetzung des Nationalismus der Kurd:innen (im Folgenden werden wir das Patriotismus einer unterdrückten Nation nennen) und den Kampf für politischen Status und Selbstbestimmung mit dem chauvinistischen Nationalismus der unterdrückenden Nation von Erdogan-Bahceli-Perincek-IYIP-CHP die gröbste und offenste Form des Sozialchauvinismus.“lxiv

Hier hat YS es geschafft, den Nationalismus der Kurden mit Patriotismus gleichzusetzen. Eines haben sie dabei jedoch offen gelassen: Sie erklären nicht, ob sie die beiden Begriffe (Nationalismus und Patriotismus) nicht verstehen oder ob sie die TKP bewusst missinterpretieren. So wie ich den Text von YS verstehe, kommt der Begriff Patriotismus im Programm der MLKP vor, daher gehe ich mal davon aus, dass YS diesen Begriff kennt und die TKP bewusst missinterpretiert.

Gerade in der Türkei sind Patriotismus und Nationalismus in einem antagonistischen Gegensatz zueinander. Wenn man in der Türkei patriotisch sein will, muss man konsequent antinationalistisch und konsequent internationalistisch sein. Denn die einzelnen Nationalismen spalten die Arbeiterklasse des Vaterlandes sowie das Vaterland an sich. Kommunisten sind Patrioten für die Befreiung des Vaterlandes von Imperialismus, Kapitalismus, Nationalismus und der Reaktion, sie kämpfen also für ein sozialistisches Vaterland.

Der kurdische Nationalismus entsteht aus den nationalen Klasseninteressen der Bourgeoisie, ihrem Streben nach einem nationalen Markt, einem eigenen Nationalstaat, der Unterdrückung der eigenen sowie anderer Nationen beinhaltet. Er ist ein Produkt der Bourgeoisie und des Imperialismus. Der kurdische Nationalismus entsteht nicht bei kurdischen Werktätigen von alleine und ist keine natürliche oder legitime Ideologie, die aufgrund der Unterdrückung der Kurden entsteht. Forderungen von Kurden bspw. nach dem Recht auf Bildung in der Muttersprache werden von der TKP aufgestellt. Das ist selbstverständlich keine kurdisch-nationalistische Forderung, sondern eine, die sich gegen den Nationalismus der türkischen Bourgeoisie richtet.

Und hier noch in den Worten der TKP zum Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus: ,,Patriotismus heißt, die eigene Heimat vor dem Imperialismus zu schützen und gleichzeitig die Kapitalisten des eigenen Landes zu bekämpfen. Patriotismus oder Heimatliebe ist die eigene Heimat im Lichte der Interessen der Arbeiterklasse zu schützen. Heimatliebe heißt zu betonen, dass die Arbeiterklasse und die Bourgeoisie niemals gleiche Interessen haben werden und können.

Nationalismus jedoch, postuliert die Gleichheit aller Menschen (vor dem Gesetz), betont gleichzeitig, dass keine Klassenunterschiede sehen darf und spaltet die Arbeiter entsprechend ihrer Nationalitäten. In Wahrheit jedoch, ist der Nationalismus ein Instrument, um den Menschen entsprechend der Interessen der Bourgeoisie eine Richtung zu geben. Rückblickend war Nationalismus in der Geschichte ein Instrument zu Verwirklichung der Interessen der Bourgeoisie, indem Völker zu imperialistischen Kriegen gegeneinander überredet und gegeneinander ausgespielt wurden.“lxv

Die TKP sieht in der Arbeiterklasse in der Türkei eine gemeinsame Identität und um den gemeinsamen Kampf dieser zu stärken, muss gegen jede Form von Nationalismus gekämpft werden: ,,Wir sagen seit langem, dass eine Arbeiterklasse, die ihr Land nicht gegen den Imperialismus verteidigen kann, keinen Anspruch auf Machtkampf hat. Das ist richtig, es trifft sowohl türkische als auch kurdische Arbeiter zusammen. Die Lösung besteht darin, die kurdische nationale Dynamik in Klassen einzuteilen. Vielmehr geht es darum, auf die von der Bourgeoisie in dieser Richtung durchgeführte Operation zu reagieren. Die Klassenidentität, die türkische und kurdische Arbeiter gemeinsam entwickeln werden, erfordert keine nationale Diskriminierung. Und eine der Leitbedingungen dieser gemeinsamen Identität ist das bewusste Ausschließen von Nationalismen.“lxvi

,,Der Nationalismus ist eine Katastrophe in dem Sinne, dass er einen Arbeiter dazu anstiftet, seinen Ausbeuter einem Armen einer anderen Nation vorzuziehen; oder die Ausbeuter seines eigenen Landes zu bevorzugen, während er die Ausbeuter anderer Nationen hasst.

[…]

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus; während Nationalismus auf die Freisprechung einheimischer Ausbeuter hinausläuft, impliziert Patriotismus den Willen, das Land von einheimischen und ausländischen Ausbeutern zu reinigen.

Und das ist es, was die Menschheit braucht.

[…]

Eine Unabhängigkeitsbewegung, die sich auf die ausbeutenden Klassen im 21. Jahrhundert stützt, kann der Menschheit keineswegs dienen. Das Prinzip der Selbstbestimmung hat unter diesen Umständen keine Gültigkeit. Das einzige Prinzip der heutigen Revolutionäre ist es, gegen die Ausbeuter zu kämpfen.“lxvii

Während YS in Bezug auf die Kurden Nationalismus und Patriotismus gleichsetzt, kommen sie zu dem Schluss, dass dieser unbedingt fortschrittlich sein solle. Kommunisten müssen jedoch zwischen Nationalismus und Patriotismus differenzieren und gegen den Nationalismus aller in der Türkei lebenden Völker ankämpfen, um eine Einheit dieser im Kampf für den Sozialismus herstellen zu können. Ähnlich war es in der Sowjetunion, Stalin sagte dazu: ,,Deshalb ist es notwendig, diese zweifache Aufgabe der russischen Kommunisten (ich meine den Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus) und der nicht-russischen Kommunisten (ich meine ihren Kampf gegen den antiarmenischen, antitatarischen, antirussischen Chauvinismus) in den Thesen festzulegen. Andernfalls würden die Thesen einseitig werden, andernfalls würde man weder im Staats- noch im Parteiaufbau zum Internationalismus gelangen. Führen wir den Kampf nur gegen den großrussischen Chauvinismus, so wird dieser Kampf den Kampf der tatarischen und anderen Chauvinisten verdecken, der sich im Lande ausbreitet und der besonders jetzt, unter den Verhältnissen der NGP, gefährlich ist. Wir müssen unbedingt den Kampf an zwei Fronten führen, denn nur wenn wir den Kampf an zwei Fronten führen – auf der einen Seite gegen den großrussischen Chauvinismus, der die Hauptgefahr in unserer Aufbauarbeit bildet, und auf der anderen gegen den lokalen Chauvinismus – kann Erfolg erzielt werden; denn ohne diesen zweifachen Kampf wird der Zusammenschluss der russischen Arbeiter und Bauern mit den Arbeitern und Bauern anderer Nationalitäten nicht gelingen. Im entgegengesetzten Fall kann es zu einer Anspornung des lokalen Chauvinismus, zu einer Politik von Prämien für den lokalen Chauvinismus kommen, was wir nicht zulassen dürfen.“lxviii

Es müssen also beide Formen von Nationalismus und Chauvinismus bekämpft werden. Auch wenn eine der beiden gefährlicher ist, heißt das nicht, den ungefährlicheren zu stärken. Der gemeinsame Kampf, die Einheit der Arbeiterklasse, ist eine Voraussetzung für die sozialistische Revolution.

 

E) Vorwurf Ökonomismus: Ursprung dieses Vorwurfes ist es, dass YS sich nicht über die Standpunkte der TKP informiert hat.

YS: ,,Die TKP ignoriert jegliches kollektive Recht der Kurd:innen, begrenzt das kurdische Problem auf einige kulturelle Rechte (wie die Freiheit der Sprache), kann dieses Recht aber noch nicht einmal als kollektives Recht formulieren (wie Bildung in kurdischer Muttersprache etc.), definiert und löst das Problem nicht, sondern schlägt vor, von demokratischen und kollektiven Rechte als unterdrückte Nation abzusehen, der gemeinsamen Zukunft in der „sozialistischen Türkei“ willen – denn da wird es auch keine kurdische Frage geben. Indem Fragen der Demokratie auf diese Weise auf den Sozialismus verlagert werden, verlieren demokratische Bewegungen und Forderungen ihre eigene Kampfbasis. Das ist der imperialistische Ökonomismus, den Lenin schon ausführlich diskutiert und offengelegt hatte.“lxix

Entweder weiß es YS nicht oder sie unterstellen der TKP Standpunkte, die von ihnen nicht vertreten werden. Die TKP formuliert die Bildung in kurdischer Muttersprache als kollektives Recht und fordert es: Aus der TKP-Kampagne von 2021 zur Verstaatlichung der Bildungsdienstleistungen eine Forderung: ,,Wissenschaftliche, säkulare und muttersprachliche 12 Jahre Grundbildung sind obligatorisch und kostenlos, damit alle Kinder unter 18 Jahren staatlich garantierte Bildung erhalten“lxx. In der Broschüre ,,Die TKP in 100 Fragen“lxxi wird unter Punkt 32 auf der Seite 42 die Frage ,,Was denkt die TKP über die Bildung auf Muttersprache?“ behandelt.

Das war also schon der Ökonomismusvorwurf von YS? Sie unterstellen unseren Genossen, dass sie nicht für eine Verbesserung der Lage der Kurden kämpfen würden, obwohl gerade die Bildung in der Muttersprache ein sehr wichtiges Beispiel dafür ist und diese Forderung wird keineswegs auf die Zeit nach der Revolution verschoben.

Mit der Beseitigung des Kapitalismus wird der Nationalismus nicht automatisch verschwinden. Im Sozialismus-Programm der TKP geht sie auf ihre Vorstellungen vom Sozialismus ein und thematisiert darin unter Anderem den Kampf gegen den Nationalismus in der Zeit nach der Revolution, da dieser auch dann weiterhin eine wichtige Rolle für das Wohl der Gesellschaft einnimmt: ,,Die türkischen und kurdischen Menschen sind gleichgestellt. Dies ist ein Gründungselement einer sozialistischen Türkei. Es werden Maßnahmen ergriffen, um Segregations- und nationalistische Bestrebungen, die charakteristisch sind für die kapitalistische Türkei, zu liquidieren.“lxxii

F) Vorwurf Reformismus: Ursprung dieses Vorwurfes ist die linksradikalistische Denkweise von YS.

YS: ,,Während die TKP relative Freiheit der Organisierung und Versammlung genießt, TKP-Mitgliedschaft gesetzlich geschützt wird, ist die MLKP eine funktional zwei-geteilte Partei mit illegal organisiertem Skelett bestehend aus Berufsrevolutionär:innen, deren Führer:innen und Aktivist:innen getötet, verhaftet und vertrieben werden, die Mitgliedschaft mit mindestens 7,5 und bis zu 15 Jahren Haft bestraft wird.“lxxiii

Dass die Führer der MLKP vom Staat langjährige Haftstrafen bekommen, gefoltert und ermordet werden hängt damit zusammen, dass die MLKP eine bewaffnete Organisation ist und einen bewaffneten Kampf führt. Uns darf es aber nicht darum gehen, eine bewaffnet kämpfende Organisation zwangsläufig einer unbewaffneten vorzuziehen. Denn gerade bei der MLKP sehen wir ja, dass ihnen dieser Kampf wichtiger ist als das Vertreten einer marxistisch-leninistischen (ML) Analyse. Der Kampf für den Sozialismus, die Bewaffnung der Arbeiterbewegung usw. müssen auf der Grundlage einer ML Analyse erfolgen. Wer aber einfach den ML über Bord wirft und sich dort unterordnet, wo bewaffnet gekämpft wird, der ist von einer ,,Kinderkrankheit“ befallen, nämlich vom linken Radikalismus.

Die TKP ist natürlich auch von Repression betroffen, sie war verboten und hat 2001 ihre Legalität erkämpft. Welche Mitglieder welche konkreten Repressionen erfahren, muss an dieser Stelle nicht ausgeführt werden, da es bei dieser Frage nicht um die Repression geht, sondern um ML oder Linksradikalismus. YS stellt die Thematik der Repression also falsch dar.

Gemäß der Darstellung von YS gäbe es gegen PKK/MLKP usw. so viel Repression wie möglich und gegen die TKP gar keine. Wie ich oben gezeigt habe, erhalten verschiedene Funktionäre der PYD ihre Visa um in EU-Ländern Staatsvertreter zu treffen und Vereinbarungen abzuschließen. Unsere Genossen wollten Anfang Juni eine Theatertour in Deutschland machen und haben keine Visa erhaltenlxxiv. Es ist zwar richtig, dass die PKK/MLKP usw. deutlich mehr und in anderem Ausmaße von Repression betroffen ist als die TKP, das macht aber die MLKP nicht zu ,,besseren“ Kommunisten, es macht die PKK nicht zu Antiimperialisten und es verhindert nicht, dass die TKP ebenfalls Repression erfährt.

G) Vorwurf des Reformismus: Ursprung dieses Vorwurfes ist es anscheinend, dass YS die mögliche Unwissenheit seiner Leser ausnutzen will.

YS: ,,Während die TKP den Kampf für den Sozialismus abhängig macht von Ungewissheiten und nicht konkretisieren kann, wie sie die Diktatur des Proletariats in der Türkei errichten wird (unbewaffnet, mit einem Volksaufstand, im Parlament oder wie?), stellt die MLKP die Gewinnung der politischen Freiheiten durch eine „antiimperialistische, antikoloniale, geschlechterbefreiende demokratische Revolution“ als Voraussetzung für den Kampf für den sozialistischen Aufbau in einem Staat, der aktuell faschistisch ist und entwickelt die revolutionäre Strategie und Taktik dementsprechend, versucht alle Mittel für den Sieg der Revolution (friedlich, basierend auf praktisch-legitimen Kampfmitteln und bewaffnet, Guerilla in der Stadt und in den Bergen, die demokratischen Kräfte im Parlament, durch Bündnisse mit anderen revolutionären antifaschistischen Kräften etc.) zu mobilisieren.“lxxv

Auch hier ist es ganz einfach: ,,Die Antwort der TKP lautet, dass die Ansprechpartnerin weder das Parlament noch Abdullah Öcalan sein können, sondern dass es das werktätige Volk ist.“lxxvi Den Text der TKP kennt YS, da steht, dass das Parlament nicht der Ansprechpartner ist. Also wird die Diktatur des Proletariats auch nicht über das Parlament erkämpft, das weiß man dann eigentlich als aufmerksamer Leser. Die TKP kämpft für eine sozialistische Revolution in der Türkei, natürlich nicht mit der Vorstellung, dass diese unbewaffnet ablaufen wird.

Die MLKP ist eine hoxhaistische Partei und sieht den Kampf für den Sozialismus aktuell nicht als ihre Aufgabe, sondern stattdessen geht es ihr darum, vorher eine ,,(neu)demokratische Revolution“ zu erkämpfen (zumindest in ,,nicht-imperialistischen“ Ländern, wozu anscheinend die Türkei gehört). Diese ,,Revolution“ nennen sie zwar ,,antiimperialistisch“, sie richtet sich aber nicht gegen den US-Imperialismus (zumindest nicht konsequent, aufgrund von ihrer Unterordnung unter die PKK). Und im Zuge der ,,demokratischen Revolution“ sollen die Eigentumsverhältnisse anscheinend nicht angetastet werden, die Ausbeutung der Arbeiterklasse solle bestehen bleiben, es geht ihr mit dieser ,,Revolution“ nämlich wie sie schreiben um die ,,Eroberung der politischen Freiheit“. Dieses Konzept der Etappentheorie, welches von Hoxhaisten und Maoisten vertreten wird, zeigt eines der Probleme ihrer Strömunglxxvii.

Marxisten-Leninisten hingegen setzen den Kampf für den Sozialismus direkt auf die Tagesordnung. Die TKP lehnt jede Form von Etappentheorien ab, die sozialistische Revolution ist ihr strategisches Ziel. Sie ist in Teilen der Gewerkschaften verankert und hat mit der KKE (kommunistische Partei Griechenland) gemeinsam eine wichtige Rolle in der kommunistischen Weltbewegung.

 

H) Vorwurf den Imperialismus nicht verstehen zu können:

YS: ,,Ohne weiter zu vertiefen, möchten wir an dieser Stelle auch unterstreichen, dass das „Imperialismus-Verständnis“ der TKP veraltet ist. Es reicht ein Blick in die industrielle Produktion. Dort wird man sehen können, dass die finanz-ökonomische Abhängigkeit im Rahmen der imperialistischen Globalisierung die Industrie erst entwickelt und die Türkei in ein gemäßigt entwickeltes kapitalistisches Land gemacht hat. Es geht uns nicht um eine Verschönigung des Imperialismus, sondern um das Verständnis der materiell-gesellschaftlichen Realität. Mit der Verlagerung der industriellen Produktion aus den imperialistischen Ländern in die Neokolonien haben sich die alten Industrieländer (imperialistischen Länder) in finanz–kapitalistische Zentren, die Neokolonien in industrielle Produktionszentren verwandelt.“lxxviii

YS wirft erst unseren Genossen aus der Türkei vor, ein veraltetes Imperialismusverständnis zu haben und sagt dann, es reiche ein Blick auf die industrielle Produktion. Hier geht es aber vor allem darum, welche Staaten am mächtigsten sind, was ihre Interessen und Strategien sind, inwiefern diese Staaten ML-Taktiken missbrauchen, politische Bewegungen als Spielball nutzen, überall ihre Militärbasen aufbauen, Angriffskriege führen, Millionen Tote verursachen, Rohstoffe erbeuten, Regime Changes durchführen, Länder verwüsten und Marionettenregime aufbauen. Darüber müssen wir reden!

Bekanntlich diskutieren wir gerade in der KO über den Imperialismuslxxix. Wir sind uns sehr uneinig. Die Klärung wollen wir kollektiv angehen, unsere Diskussionstribüne ist der erste Versuch, die verschiedenen Argumentationen gegenüberzustellen, um einen Überblick über den Dissens zu gewinnen. Außenstehende sind eingeladen, die Beiträge zu lesen, mit uns zu diskutieren und sich zu positionieren.

YS stellt sich so dar als hätten sie die Wahrheit, die richtige Haltung zum Imperialismus, bereits verinnerlicht. Das halte ich vor allem aufgrund ihrer Haltung zu den m.E. proimperialistischen Organisationen für äußerst fragwürdig. YS bezieht sich auf die TKŞ, diese Organisation ist wohl ihre Perspektive für die Menschen in Syrien, Iran, Irak und die Türkei. Die TKŞ (Tevgera Komûnîst a Şoreşger – Kommunistische Revolutionäre Bewegung) bezeichnet sich als kommunistische Komponente der ,,Rojava-Revolution“.

Was findet sich im Programmlxxx der TKŞ? Die demokratische Organisierung in Räten nimmt darin viel Raum. Das klingt zwar schön und stößt sicherlich auf viel Zustimmung, aber auch auf offene Fragen. In meinem letzten Diskussionsbeitrag habe ich nämlich gefragt, wer diesen Ölvertrag zwischen Rojava/Nordostsyrien und den USA beschlossen hat, ob es die Räte oder eine Parteispitze war, darauf geben YS und die TKŞ keine Antwort. So bleiben weite Teile des TKŞ-Programms für mich sehr fragwürdig.

Zudem ist in ihrem Programm keine Rede von den USA! Warum? Wie ist das mit dem Bündnis zu den USA, wie wird es eingeschätzt, wann und wie soll es beendet werden? All das lässt die TKŞ offen, sie ignoriert es und lenkt bewusst ab mit schönen Gerede. Weiß die TKŞ nicht, dass PYD und PKK einen proimperialistischen Charakter haben? Sah man – wie ich in meinen letzten Diskussionsbeitrag dargelegt habe – die Ansätze dazu nicht bereits in den 1990er Jahren? Spielen die USA keine relevante Rolle in ganz Westasien und speziell in Syrien, sodass man die Rolle der USA einfach ignorieren kann? Im Programm wird Syrien als Kolonialmacht und Hauptkraft der Konterrevolution beschrieben, während die USA nicht erwähnt wird, was das bedeutet ist für mich klar: Es ist nichts anderes als die Legitimierung des Bündnisses mit den USA gegen den syrischen ,,Kolonialismus“. YS, MLKP und TKŞ wollen es wohl nicht offen zugeben und ziehen sich einen radikal-demokratischen Mantel über, um Zustimmung für ihre Politik zu finden.

Weil ich die Nutzung des Kolonialismus-Begriffes von YS für falsch halte, habe ich in meinem vorherigen Diskussionsbeitrag YS nach einer genaueren Erklärung dazu gefragt. In den Erläuterungen von YS sehe ich keinen Beweis dafür, dass der Iran, der Irak, Syrien und die Türkei kolonialistisch sind/waren. Selbst wenn es sich um Kolonialismus handeln sollte, kann der Kampf dagegen nicht losgelöst von einer Analyse des Imperialismus unterstützt werden. Die USA sind der mächtigste Imperialist und Syrien ist ein kleiner Staat, man kann ihn nicht mal als Regionalmacht bezeichnen. Der Kampf gegen den syrischen ,,Kolonialismus“ kann doch keine politisch-ideologisch Anbiederung an die USA, ein enges militärisches und wirtschaftliches Bündnis (und daher eine Unterordnung) von PKK/PYD mit den USA rechtfertigen. Und was sagen die Kommunisten (z.B. YS, MLKP und TKŞ) dann dazu: Sie schweigen über den Imperialismus und denken sich: ,,Hauptsache es geht gegen Kolonialismus“. Ich verstehe nicht, wie sie unseren Genossen ein veraltetes Imperialismusverständnis vorwerfen können, während sie ihre Vorstellungen vom Kolonialismus nicht in einen Zusammenhang mit dem Imperialismus und den aktuellen, konkreten Bedingungen setzen.

YS schreibt ,,Die Türkei ist kein imperialistischer Staat, sondern selbst abhängig vom Imperialismus.“lxxxi

Das zeigt m.E. ein falsches Imperialismusverständnis. Die fünf Imperialismus-Merkmale von Lenin beziehen sich nicht auf einzelne Länder, sondern auf die Epoche und das Weltsystem, in dem wir leben. Dass Staaten von anderen abhängig sind, macht sie nicht zu nicht-imperialistischen Staaten. Mehr dazu kann in verschiedenen Diskussionsbeiträgen auf der Imperialismus-Diskussionstribüne der KO nachgelesen werdenlxxxii.

Wie ich nun in meinen beiden Texten versucht habe zu zeigen, hat YS ein falsches Verständnis vom Imperialismus und gleichzeitig die falschen Schlussfolgerungen. In beiden Aspekten, der Theorie und der Praxis, ist die Orientierung der TKP die richtige. Während die Genossen von YS in Syrien die USA dazu einladen, weitere Militärbasen zu errichten, gehen unsere Genossen in der Türkei vor den Militärbasen der USA auf die Straße, um deren Schließung zu fordernlxxxiii.


xxxvii Mit Neuaufteilung ist gemeint, dass im Imperialismus Staaten danach streben ihre Einflüsse auszudehnen, andere auszubeuten und versuchen diese zu kontrollieren. Die beiden imperialistischen Blöcke konkurrieren miteinander um die Vergrößerung ihres Einflussgebietes, sie stehen in einem Kampf um die Neuaufteilung der Welt unter ihnen. Es gibt jedoch nicht nur ausbeutende Staaten und ausgebeutete, sondern auch zahlreiche Zwischenstufen, d.h. schwächere Staaten, die aber selbst andere Staaten ausbeuten.

lxxxii Ich empfehle insbesondere diesen Diskussionsbeitrag zur Imperialismusanalyse: Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen der KO! | Kommunistische Organisation

Podcast #20 – Vortrag von Alberto Fazolo zur Ukraine und zum antifaschistischen Widerstand im Donbass

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Alberto Fazolo ist ein italienischer Autor und politischer Aktivist. Er war zwei Jahre in der Volksrepublik Lugansk aktiv. In seinem Vortrag beschreibt er die Entwicklung der Ukraine, die Rolle des Westens und den antifaschistischen Kampf der Menschen in der Ostukraine. Er erklärt die Hintergründe des Maidan-Putsches von 2014 und welche Schlussfolgerungen die Menschen in der Ost- und Südukraine gezogen haben. Er geht auf die Volksrepubliken und die Bedeutung des antifaschistischen Kampfs auf internationaler Ebene ein.

Artikel von Alberto Fazolo: https://www.jungewelt.de/artikel/423855.krieg-in-der-ukraine-die-schande-ist-einfach-zu-gro%C3%9F.html

Podcast #19 – Hans Bauer zum Krieg in der Ukraine und Imperialismus

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In dieser Podcastfolge sprechen wir mit Hans Bauer. Er ist ehemaliger stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR, amtierender Vorsitzender der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e.V. (GRH) und Mitglied der DKP. Wir sprechen mit ihm über seine Sicht auf die Lage in der Ukraine und den Diskussionen, die darum herum in der kommunistischen Bewegung geführt werden.

Hans betont dabei den Gesamtzusammenhang, der verstanden werden muss, um den gegenwärtigen Krieg zu verstehen, und diskutiert die Bedeutung der Unterschiedlichkeit der Länder in der Welt für das Imperialismusverständnis. Dabei haben wir ihn gefragt, wie er die Rolle Russlands in der Welt einschätzt, welche Bedeutung die Schwächung der USA für den Kampf der internationalen Arbeiterklasse hat und was das mit Multipolarität tu tun hat. Dabei spricht Hans auch über seine Sicht auf die Rolle der VR China.

Zuletzt diskutieren wir die Lage des deutschen Imperialismus in der Welt und die Bedeutung von widerstreitenden Interessen unterschiedlicher Kapitalfraktionen für die Arbeiterbewegung und unseren Kampf.

100 Milliarden-Booster für die Interventionsarmee

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Der Bundestag grölte, als im Februar der Kanzler die größte Aufrüstung seit der Wiederbewaffnung ankündigte. Es war das Freudengeschrei der Kriegstreiber und Militaristen. Als Speerspitze des Militarismus haben sich seitdem vor allem die grünen Minister Baerbock und Habeck hervorgetan, die Russland „ruinieren“ wollen und sich über die „Kriegsmüdigkeit“ der Deutschen beklagen.

Die Kriegslust des deutschen Volks ist zu gering für die Absichten dieser Damen und Herren. Denn sie haben große Pläne. Der 100-Milliarden-Kredit ist nicht nur eine gigantische sprunghafte Aufrüstung. Mit dieser Aufrüstung wird die Bundeswehr zur größten konventionellen Armee Europas. Das Ziel des deutschen Imperialismus war schon lange vor dem 24. Februar, sich aufzustellen, um eigenständig größere Kriege führen zu können. Dazu braucht es bisher NATO-Unterstützung. Die Behauptung, es gehe um die Verteidigung der „Friedensordnung“ Europas vor dem bösen Russland könnte verlogener kaum sein, ist doch das 100-Milliarden-Paket die wirkliche Gefährdung des Friedens und die nächste Eskalation der Aggression gegen alle Länder, die sich nicht fügen wollen. Der Plan für das 100-Milliarden-Paket steht bereits seit Oktober 2021 fest.

Die Bundeswehr war nie eine Landesverteidigungsarmee. Bis 1990 war sie gerüstet als Panzer-Invasionsarmee gegen die DDR und die anderen sozialistischen Staaten. Nach 1990 wurde sie konsequent zur „Armee im Einsatz“ umgebaut – und damit ist der weltweite Einsatz gemeint. Denn die Interessen der deutschen Monopole müssen auch in fernen Ländern durchgesetzt werden. Jetzt erhält diese Interventionsarmee einen Booster. Das Gerede von der Landesverteidigung ist Vernebelung fürs Volk, denn wer ist nicht dafür, dass sich ein Land verteidigen kann. Die Aufteilung des Kriegskredits spiegelt den aggressiven Charakter wider: An erster Stelle steht mit Abstand die Luftwaffe und die Anschaffung von atomwaffenfähigen Kampfjets, dann die Marine. Weitere Milliarden für Drohnen, Einsatzkommandos, Hubschrauber.

Die Kapitalverbände akzeptieren das „Primat der Politik“ und nehmen kurzfristig auch eine Schmälerung der Profite durch Sanktionen gegen Russland hin. Denn die Aussicht auf das, was mit dem 100 Milliarden ermöglicht werden soll, ist wesentlich verlockender: endlich Rohstoffe, Absatzmärkte und Kapitalexportziele freibomben, wenn es nötig ist, und dabei auf keinen „Bündnispartner“ mehr Rücksicht nehmen müssen. Allein mit der neuen Marine kann man gute alte Kanonenboot-Diplomatie betreiben.

Auch wenn der deutsche Imperialismus sich zum Teil in die Kriegsplanungen der USA fügt, versucht er in diesem Zuge sich selbst stärker aufzustellen und eigene Ziele zu verfolgen. Deutschlands Rolle in der NATO-Osterweiterung ist dabei nicht unwichtig, insbesondere als „Speerspitze“ im Baltikum. Die Kriegsgefahr dürfte sich vor allem gegen Osten richten. Was den deutschen Generälen noch fehlt, sind die Atomaffen. Die zunehmend offen geführte Diskussion über „europäische“ Atomwaffen, mehr „Teilhabe“ oder offen ausgedrückt, worum es wirklich geht: deutsche Atombomben, spiegelt diese Bestrebungen wider.

Mit der Aufrüstung geht eine bereits voll einsetzende Militarisierung einher. Gesellschaftliche Fragen werden dem Willen und Bedürfnis des Militärs untergeordnet, die gesellschaftliche Debatte verlegt sich immer mehr auf militärische Logik. Wer der Propaganda widerspricht, wird an den Rand gedrängt oder Repression unterzogen. Parlamentarier üben sich in Demut vor der Geheimhaltung in militärischen Fragen. Die Verfassung wird militarisiert durch die Verankerung des Kriegskredits, der von der Schuldenbremse ausgenommen wird. „Das NATO-2%-Ziel steht zwar noch nicht im Grundgesetz, aber nun im Gesetz zum Sondervermögen de facto festgeschrieben, im Gegensatz zu den Behauptungen der Regierung. Die Aufrüstungsorgie soll nie mehr aufhören.

Auch hier sind wieder die Grünen die Spitze der Dreistigkeit und Provokation, die nicht nur bereit sind, alles der militärischen Logik unterzuordnen, sondern am unverschämtesten dem Volk diktieren: Friert und hungert, bezahlt den Preis und murrt nicht! Inflation, Verarmung und ökonomischer Niedergang sind nämlich die notwendige Kehrseite der Steigerung der Profite der parasitärsten Teile des Kapitals. Die SPD will Brotkrumen verteilen und die FDP diese gleich wieder einsammeln und dem Kapital in den Rachen werfen. Die Kosten werden abgewälzt, gesellschaftliche Ressourcen in großem Ausmaß abgezogen fürs Militär. Die Gewinne der Rüstungskonzerne, aber auch anderer Teile des Finanzkapitals saugen die Gesellschaft aus. Mit dem Sondervermögen zeigt die Bourgeoisie den Volksmassen ihren Weg in die Zukunft: In Krieg, Verarmung und Militarisierung. Der Kriegskredit steht außerhalb der Schuldenbremse, alles andere wird dem streng untergeordnet. Das ist die aktuelle Version von: „Kanonen statt Butter“.

Aber nicht nur der Kriegskredit ist monströs. Das Schweigen im Lande, die Agonie und Paralyse der Friedensbewegung, die unterstützende Haltung der Gewerkschaftsführung sind nicht minder erschreckend. Denn was ist anderes vom deutschen Militär zu erwarten als Provokation, Intervention und Aggression? Mit dem jetzigen sprunghaften Anstieg geht eine deutliche Steigerung der Kriegsgefahr durch Deutschland aus. Die deutsche Monopolbourgeoisie hat schon zweimal gezeigt, dass sie bereit ist, alle in den Abgrund zu ziehen. Die Hybris der Baerbocks ebenso wie der Merzens und ihrer Freunde in Washington verheißt nichts anderes als Leid und Zerstörung für andere Länder, Entbehrung und Verhetzung hierzulande.

Aber auch jetzt gibt es keine Begeisterung großer Teile der Arbeiterklasse und anderer Teile der Bevölkerung für diese Aussicht. Unzufriedenheit, Skepsis und teilweise offene Ablehnung sind bei einigen da, bei manchen auch mehr. Das gilt es auszuweiten, zu nutzen, zu fördern, zu konkretisieren, zu mobilisieren und zu bündeln. Es gilt aufzuzeigen, wie Inflation, Krieg und Krise zusammenhängen, soweit es unsere Möglichkeiten erlauben.

Daten und Fakten zum 100-Milliarden-Kriegskredit

Am 3. Juni stimmten im Bundestag 590 Abgeordnete für die Verabschiedung des sogenannten „Sondervermögen Bundeswehr“. Lediglich 80 Parlamentarier votierten mit „Nein“ – geschlossen die Linkspartei und rund die Hälfte der AfD-Fraktion. Dieser Abstimmung gingen mühsame Verhandlungen der Ampel-Regierung und der Union voraus. Denn für die Einrichtung des Kriegskredits bedurfte es zunächst Änderung des Artikels 87a im Grundgesetz, um die festgeschriebene Schuldenbremse zu umgehen. Aber wie flexibel es die Herrschenden mit dem Grundgesetz halten, wenn es den Interessen ihrer Großmachtbestrebungen entspricht, haben wir letzte Woche eindrücklich sehen können. Im Eiltempo sollte das Sondervermögen unbedingt noch vor der Sommerpause beschlossen werden. Zumindest darin waren sich Ampel und Union einig.

Letzterer gelang es – aufgrund der für die Abstimmung benötigten Zweidrittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat –, den Regierungsparteien ihre Forderungen durchzusetzen. Die Grünen hatten versucht, entsprechend ihrer Propaganda des „Menschenrechts“-Imperialismus, die 100 Milliarden als „Bündnis- und Verteidigungsfähigkeit“ inklusive Cybersicherheit, „Entwicklungshilfe“ und Unterstützung von Partnern, mit humanitärerem Antlitz zu verkaufen. Sie hatten sich außerdem bemüht, den Eindruck zu vermitteln, sie seien nicht für das 2%-Ziel im Sondervermögensgesetz. Allerdings kann die jetzige Formulierung auch bedeuten, dass in Zukunft sogar mehr als 2% aufgewendet werden könnten. Sie lautet: „Nach Verausgabung des Sondervermögens werden aus dem Bundeshaushalt weiterhin die finanziellen Mittel bereitgestellt, um das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr und den deutschen Beitrag zu den dann jeweils geltenden NATO-Fähigkeitszielen zu gewährleisten.“

Konkret sieht der Entwurf des Wirtschaftsplans über 40 Milliarden für die Stärkung der Luftwaffe vor – neben der Anschaffung von Transporthubschraubern, Bundeswehrdrohnen und Eurofightern, liegt hier der Fokus v.a. auf den Atombombern (F-35-Jets) aus den USA. Verteidigungsministerin Lambrecht (SPD) hat davon mindestens 35 Stück auf ihrer Einkaufsliste stehen. Die veranschlagten 19 Milliarden für die Marine werden hauptsächlich in die Produktion weiterer Kriegsschiffe und U-Boote fließen. 17 Milliarden sollen für die Nachrüstung von Schützen- (Puma) und Kampfpanzer (Leopard 2) ausgegeben werden, während mit 20 Milliarden die Kommunikation mithilfe von mehr Bundeswehrsatelliten und digitalen Funkgeräten, modernisiert werden soll. Weitere 2 Milliarden gehen in die persönliche Ausrüstung der Soldatinnen und Soldaten.

Wichtig sind außerdem die laufenden Großprojekte des deutschen und französischen Imperialismus – so die Planung des Kampfpanzersystems MGCS sowie das Luftkampfsystem FCAS (allein hier liegen die Entwicklungskosten bei 80-100 Milliarden ). Diese Vorhaben offenbaren auf ein Neues die Bestrebungen einen eigenständigen europäischen Rüstungskomplex aufzubauen, mit welchem man sich vom „transatlantischen Großen Bruder“ zu emanzipieren sucht.

Wir sehen:  Der Kriegskredit könnte den deutschen Imperialismus mit künftigen Militarisierungsausgaben von bis zu 75 Milliarden jährlich vom 7. auf den 3. oder 4. Platz in puncto Rüstungsetat hinter die USA und China katapultieren. Die Mär von der abrupten Zeitenwende, welche durch die russische Gefahr ausgelöst worden sei, gilt es zu begraben. Hier sei nur die bereits 2018 im Fähigkeitsprofil der Bundeswehr geplante Aufstockung des Bundeswehrpersonals von 180.000 auf 200.000 genannt. Auch im Weißbuch der Bundeswehr 2016 wurde bereits die Mobilmachung kaltstartfähiger Brigaden für einen potentiellen Einsatz gegen Russland beschlossen.

Erst Anfang Mai kündigte die Bundesregierung an, das Soldatenkontingent des größten Bundeswehreinsatzes für die UN-Mission in Mali von 1100 auf 1400 aufzustocken. Der deutsche Imperialismus übt sich nach dem erzwungenen Abzug der französischen Operation Barkhane in der Übernahme „geopolitischer Verantwortung“, lässt sich aber sicherheitshalber ein Hintertürchen für den unkomplizierten Abzug offen.

Der Status Quo ist aber keinesfalls eine herbeigeredete  „Zeitenwende“, sondern ziemliche logische Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Die Streitkräfte wurden nach der Zerschlagung des Hitler-Faschismus nicht lediglich als Verteidigungsarmee (wie es §87a definierte) aufgestellt, sie waren die Speerspitze der NATO gegen die sozialistischen Staaten. Die Bundeswehr steht nicht nur in der Kontinuität der Traditionen von Reichswehr und Wehrmacht, sie hat ihren Charakter als imperialistische Angriffsarmee nie verloren. Nach der Konterrevolution und der Eingliederung der DDR in die BRD 1990 begann der Umbau zur Interventionsarmee, die zu Einsätzen in weit entfernten Ländern bereit ist. „Landesverteidigung“ fand spätestens ab der Beteiligung im Afghanistan-Krieg auch im Ausland statt. Als sich aber 2006 die Kriegshandlungen in Afghanistan überschlugen, wollte die damalige schwarz-gelbe Regierung zunächst noch eine Strategie der Zurückhaltung einlegen und lehnte in nächster Konsequenz eine direkte Beteiligung an den Interventionen in Libyen und Syrien ab. Dafür erntete sie damals harsche Kritik des grünen Ex-Kriegsministers Joschka Fischer, dem ersten Krieg führenden deutschen Außenminister nach Ribbentropp.

Ein nächster Meilenstein wurde 2014 während der Münchner Sicherheitskonferenz gesetzt. Man wolle nicht mehr „Gestaltungsmacht im Wartestand“ bleiben, sondern zu einer „Kultur der Kriegsfähigkeit“ übergehen. Erich Vad, der langjährige Berater von Merkel sprach sich bereits damals für die Notwendigkeit einer nationalen starken Rüstungsindustrie aus – für „den eigenen Handlungsspielraum“. Der Rüstungsbericht von 2015 kam da gerade gelegen. Diagnose: Krasse Lieferverspätungen und unkalkulierte Teuerungen in der Anschaffung. Dass es nicht die Aufgabe fortschrittlicher Kräfte sein sollte, über ein organisatorisch besser abgewickeltes Beschaffungswesen zu diskutieren versteht sich von selbst, aber wurde doch eben dieses Bild des „unterfinanzierten Schrotthaufens“ Bundeswehr genutzt, um alle mögliche Investitionen zu rechtfertigen. Im Weißbuch 2016 erfolgte dann die strategische Umkehr zur Landes- und Bündnisverteidigung. Nicht nur die bereits erwähnte kaltstartfähigen Brigaden für die NATO wurden hier beschlossen, sondern auch Divisionen für die NATO, die laut aktuellen Debatten bis 2030 insgesamt knapp 60.000 Soldaten zählen sollen. „Landes“- ebenso wie „Bündnisverteidigung“ dienen dem Zweck, eine Armee zu schaffen, die dauerhaft zahlreiche Soldaten im Ausland stationieren kann und die zu Interventionen per Luft, See und Land fähig ist.

Podcast #18 – Mit Yana (KPD) zur Ukraine und Fragen zum Imperialismus

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Wir haben in dieser Podcast-Folge Yana als Gast gewonnen. Sie ist Mitglied der KPD und betreibt den Telegram-Channel craZy bear 2022 Russland Ukraine Z (https://t.me/craZybear2022). Sie setzt sich intensiv mit den Ereignissen auseinander und sammelt zahlreiche Informationen. Sie beschäftigt sich auch mit der Analyse des heutigen Imperialismus.

Wir haben sie zur Einschätzung der Militäroperation, zu den Zielen Russlands und zu der NATO-Strategie befragt. Sie erzählt außerdem, welche Informationen sie sammelt und wie das Vorgehen der russischen und ukrainischen Armee einzuschätzen ist und wie die Lage in der Ukraine, auch in den von der Russischen Föderation kontrollierten Gebieten, ist. Yana geht auch auf die Frage des Faschismus in der Ukraine ein und was er für die Menschen, nicht nur in der Ostukraine bedeutet.

Wir haben auch darüber gesprochen, was für viele Russen und Ukrainer der Große Vaterländische Krieg und der Kampf gegen den Faschismus bedeutet. Im letzten Teil geht es um die Debatte in der Kommunistischen Bewegung und darum, wie wir den heutigen Imperialismus verstehen.

Der Podcast bietet euch zahlreiche Informationen und Einschätzungen, die dem Propaganda-Lügen-Sturm entgegen stehen. Unser Gespräch ist Teil unserer Auseinandersetzung mit verschiedenen Protagonisten zu den Themen rund um Krieg und Imperialismus. Wir haben in der KO dazu Dissens und Fragen und wollen dazu eine Klärung organisieren.

Auf zum Kommunismus Kongress!

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Führt Russland einen Angriffskrieg oder ist es eine Verteidigungsmaßnahme – schließt sich das aus? Ist es ein imperialistischer Krieg von allen Seiten und was bedeutet das? Oder ist es ein notwendiger und überfälliger Schritt zur Eindämmung der NATO-Aggression? Wie ist die Rolle des Faschismus in der Ukraine einzuschätzen und welche Rolle spielt die NATO dabei? Wie muss sich die Arbeiterklasse positionieren? Gibt es eine Interessensüberschneidung der Arbeiterklasse mit Teilen der russischen Bourgeoisie, das Land zu verteidigen und den Faschismus zu besiegen? Widerspricht das einem unabhängigen Standpunkt der Arbeiterklasse? Worin besteht dieser? Wie sind die Macht- und Kräfteverhältnisse weltweit einzuschätzen? Handelt es sich um eine Aggression des Westens zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft oder ist es ein Kampf zwischen imperialistischen Staaten – aufstrebenden auf der einen, absteigenden auf der anderen Seite? Handelt es sich um ein Verhältnis gegenseitiger, ungleicher Abhängigkeiten oder um die Weltbeherrschung durch den Westen? Was bedeutet eine unipolare oder eine multipolare Weltordnung? Was verstehen wir unter unterdrückenden und unterdrückten Nationen und sind die Begriffe heute noch anwendbar? Welche Imperialismusanalyse ist am besten dazu geeignet, die Entwicklung zu verstehen? Und wie helfen uns Lenin und die anderen Klassiker und ihre Herangehensweise dabei? Was heißt das alles für den Kampf hier vor Ort gegen die NATO und gegen den Hauptfeind, den deutschen Imperialismus? Wie verstehen wir den Kampf gegen den Imperialismus als Ganzes und wie ergibt sich daraus eine Strategie und Taktik für die weltweite Arbeiterklasse?

Wir laden zum Kommunismus-Kongress zum Thema Krieg und Imperialismus ein.

Es gibt viel zu diskutieren und zu klären. Wir haben selbst viele Fragen und Uneinigkeit. Angesichts der Ereignisse ist das nicht verwunderlich. Klar ist aber auch: Waffenlieferungen, Aufrüstung, Faschismus und die deutschen Kriegspläne müssen bekämpft werden. Wir wollen beides tun: Die Diskussion und Klärung voranbringen, um besser eingreifen zu können. Der Kommunismus-Kongress soll deshalb inhaltlich in die Tiefe gehen mit dem Ziel der politischen Handlung, des Einmischens und Veränderns.

Wir wollen unterschiedliche Standpunkte, Analysen und Einschätzungen in die Diskussion bringen. Dabei darf es inhaltlich kontrovers werden, denn wir wollen zu den wichtigen Fragen und zu den Tatsachen vorstoßen.

Dafür wollen wir gegensätzliche Positionen in die Diskussion bringen – zur aktuellen Situation, zum Krieg in der Ukraine, aber auch dazu, wie wir den Imperialismus verstehen, wie der Westen, Russland und andere Länder und ihr Verhältnis zueinander darin eingeordnet werden. Welche Analyse am besten dafür geeignet ist, die Wirklichkeit zu erfassen und wie wir die Imperialismusanalyse Lenins und anderer verstehen. Die wichtigste Frage ist, wie die Arbeiterklasse sich zu der Lage verhalten muss, ob sie Widersprüche ausnutzen kann und was wir unter einem unabhängigen Standpunkt der Arbeiterklasse verstehen.

Wir haben uns vorgenommen, bis zum Kongress die verschiedenen Standpunkte und Einschätzungen in der internationalen kommunistischen Bewegung zu erfassen und durch Interviews und Beiträge richtig und verständlich darzustellen. Der Kongress soll eine Veranstaltung werden, auf der eine breite und offene Debatte stattfindet und auf der es um die Sache geht. Es soll Workshops und Podiumsdiskussionen geben. Wir wollen Gäste aus Deutschland und anderen Ländern für diese gewinnen, um möglichst verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen einfließen lassen zu können.

Der Kommunismus-Kongress soll sich mit Fragen rund um den Krieg in der Ukraine und den Imperialismus befassen und dabei sowohl Wissen vermitteln, als auch die Möglichkeit bieten, eine intensive und kontroverse Diskussion zu führen. Workshops, Vorträge und Podiumsdiskussionen sollen einen tieferen Einblick ermöglichen und die verschiedenen Argumentationen und Analysen in eine Auseinandersetzung bringen. In diesem Sinne laden wir alle Interessierten, organisierte wie unorganisierte, vom 23. bis 25. September 2022 zum Kommunismus-Kongress nach Berlin ein.

Weitere Informationen folgen auf unserer Kongress-Seite und Social Media. Zur Anmeldung geht es hier. Folgt dem Kongress auf Facebook, Instagram und Twitter!

Solidarität mit der jungen Welt – gegen antirussische Kriegshetze und Gleichschaltung!

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Wie die Tageszeitung junge Welt (jW) am Donnerstag bekannt gab, wurde in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ein Farbanschlag auf ihre Verlags- und Redaktionsräume in Berlin verübt: „Fuck Putin!“ wurde in meterhohen Lettern auf ihre Fassade geschmiert, ergänzt um zwei Anarchie-Zeichen.

Wir sehen in diesem Angriff eine Fortsetzung der aktuell laufenden Aufstellung der Heimatfront im Zuge der imperialistischen Aggression des Westens gegen Russland. Diese Mobilmachung verläuft auf allen Ebenen: militärisch (100-Milliarden-Kredit und 2-Prozent-Ziel), ökonomisch (Sanktionen und Loslösung vom russischen Markt) sowie politisch und ideologisch. Zu letzterem gehört unter anderem das Einschwenken fast aller deutschen Medien auf den antirussischen Kurs, sodass deren Berichterstattung mittlerweile direkt aus dem NATO-Hauptquartier zu kommen scheint. Höhepunkt dieser faktischen Gleichschaltung war das Verbot des russischen Senders RT in der EU, das durch weitere Einschränkungen gesetzlich oder faktisch laufend erweitert wird – ein Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit, der in der jüngeren deutschen Geschichte seines Gleichen sucht! Gleichfalls Teil dieser für die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in Deutschland katastrophalen Beschränkungen und Einschüchterungsversuche sind die Verbote sowjetischer Fahnen auf Demonstrationen, gegen die die DKP aktuell gerichtlich vorgeht.

Die jW ist indes nicht das erste Opfer der durch die Herrschenden geschürten antirussischen und kriegsgeilen Hysterie: Neben Angriffen auf russische Einrichtungen und Lebensmittelläden sind hier vor allem die Schändung des Ehrenmals für die Rote Armee am Treptower Park in Berlin und die sich gegen die DKP richtenden „Russian Scum“- („Russischer Abschaum“-)Schmierereien in München zu nennen. Von den öffentlichen Diffamierungen, den juristischen Attacken und den Anfeindungen gegen Kriegs- und NATO-Gegner als „Putin-Versteher“ und „Kriegstreiber“ ganz zu schweigen.

Der Angriff auf die jW führt indes vor Augen, dass diese Verhetzung nicht nur konservative, liberale und sozialdemokratische Teile der Bevölkerung betrifft, sondern auch Teile der politischen Linken. Wir wissen um die Debatten unter deutschen Anarchisten und Linksradikalen um die Frage, ob man die ukrainische Armee inklusive des faschistischen Asow-Bataillons gegen Russland unterstützen müsse. Dabei werden dieselben Argumente angeführt, die wir aus der westlichen Propaganda kennen: Die imperialistische, homophobe Putin-Diktatur habe die unschuldige Ukraine überfallen und bedrohe den freiheitlichen Westen. Auch wir als KO haben Fragen und Diskussionsbedarf bezüglich des Charakters dieses Krieges und sehen die in der linken und kommunistischen Bewegung verbreitete Orientierungslosigkeit und Uneinheitlichkeit als Herausforderung, die es anzugehen gilt. Dieser Akt des Vandalismus gegen die jW ist für uns aber keine akzeptable Form der Kritik, sondern ein Angriff auf unsere Bewegung im Interesse der Herrschenden. Wieder einmal verabschiedet sich ein Teil der deutschen radikalen Linken de facto ins NATO-Lager.

Die jW bekundete derweil, sie werde sich „nicht einschüchtern“ lassen und ihre „journalistische Arbeit unbeirrt fortsetzen“. Wir begrüßen diese Erklärung und unterstützen die Resistenz dieser wichtigsten und letzten linken deutschsprachigen Tageszeitung gegen diesen neuerlichen Angriff auf sie. Zudem sprechen wir ihr, wie auch allen anderen Opfern antirussischer und bellizistischer Hetze und Gewalt, unsere Solidarität aus!

Unterstützung für die DKP im juristischen Kampf gegen die Verbote der Sowjetfahne

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Die DKP geht juristisch gegen die Verbote der Sowjetfahne und andere Verbote am 8. und 9. Mai 2022 der Berliner Polizei vor.

Wir unterstützen diesen politisch wichtigen Kampf und rufen dazu auf, für den Fonds für Prozesskosten der DKP zu spenden.

Die Verbote sind nicht nur Ausdruck eines Angriffs auf den Antifaschismus, sondern auch Zeichen verschärfter Repression im Zusammenhang mit der NATO-Aufrüstung, Waffenlieferungen und dem 100-Milliarden-Kriegspaket.

Hier die Erklärung der DKP:

Per Allgemeinverfügung hatte die Berliner Polizei unter anderem das Zeigen der Fahne der Sowjetunion und der Roten Armee an Gedenkstätten der Befreiung von Krieg und Faschismus verboten. Damit wurden der 8. Mai (Tag der Befreiung) und der 9. Mai (Tag des Sieges über Krieg und Faschismus) geschändet. Die DKP hatte gegen diesen Skandal per Eilantrag geklagt, scheiterte aber vor dem Berliner Verwaltungsgericht und dem Oberverwaltungsgericht. Die Begründung der jeweiligen Urteile sind haarsträubend. So wird die richtige Aussage der DKP, dass es mit einer existierenden Sowjetunion und einer existierenden Sowjetarmee den Krieg in der Ukraine nicht gäbe, als Unterstützung aggressiver, großrussischer Hoffnungen und letztlich als »Billigung eines Angriffskrieges« diffamiert.

Die DKP nimmt weder die Schändung der Gedenktage noch diese Gerichtsurteile hin. Auch juristisch wird sie weiterkämpfen. Die Sowjetunion und die Rote Armee haben den größten Anteil an der Befreiung von Krieg und Faschismus, wir sagen heute und morgen: Dank euch, ihr Sowjetsoldaten. Die unsäglichen Verbote der Allgemeinverfügung der Berliner Polizei müssen fallen. Die DKP hat einen Fonds für die anfallenden Prozesskosten eingerichtet und bittet um Solidarität.

Spenden bitte auf das Konto DKP Parteivorstand

DE90 4306 0967 4002 4875 00 Stichwort „Prozesskosten“.

Beschluss zur Klärung der Imperialismus- und Kriegsfrage

Beschluss der 4. Vollversammlung, April 2022

1. Die politische Entwicklung und die damit verbundenen Streitfragen zwingen uns dazu, die Klärung der Imperialismusfrage in den Vordergrund zu stellen. Die KO organisiert in der nächsten Legislatur eine intensive, bewegungsöffentliche Auseinandersetzung zur Imperialismusfrage mit dem Ziel den Dissens in der KO und der kommunistischen Bewegung darzulegen, zu durchdringen und in eine Klärung zu überführen.

2. Diese Auseinandersetzung mit der Imperialismusfrage wollen wir im Zusammenhang mit der Beantwortung folgender Fragen organisieren: Wie ist der Militäreinsatz bzw. der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, der am 24.02.22 begonnen wurde, einzuschätzen? Ist er ein imperialistischer Angriff? Ist der Krieg imperialistisch, weil Russland ein imperialistisches Land ist? Ist der Krieg eine Verteidigungsmaßnahme? Gibt es bei diesem konkreten Militäreinsatz eine Überschneidung mit den Interessen der Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine und international? Wie muss sich demnach die Arbeiterklasse in Russland, in der Ukraine, Deutschland und im internationalen Maßstab zu dem Konflikt klassenkämpferisch positionieren? Zur VV5 wollen wir diese Frage der Einschätzung des laufenden Militäreinsatzes / Angriffskrieges beantworten. Der Fokus auf diese Frage zwingt uns dazu, alle für die Beantwortung nötigen Mittel – sowohl der empirischen Erhebung, der Methoden, als auch auf der Ebene der Erkenntnis der allgemeinen Entwicklungsgesetze – heranzuziehen. Er ermöglicht uns eine strukturierte und produktiv begrenzte Auseinandersetzung, in der zugleich möglichst viele Aspekte der Imperialismusdiskussion konkret entfaltet und entwickelt werden müssen.

3. Zur Klärung und Beantwortung dieser Frage wird die gesamte Organisation einbezogen. Die politische Entwicklung entlang dieser Frage hat Priorität und wird zum Schwerpunkt der Tätigkeit der gesamten KO in der nächsten Legislatur.

4. Der Kommunismus-Kongress soll organisiert werden, um den Zwischenstand unserer Auseinandersetzung mit der Imperialismus- und Kriegsfrage darzustellen und unsere weitere Klärung durch die bewegungsöffentliche Diskussion voranzubringen.

5. Die Thesen zur Kommunistischen Partei und zum Selbstverständnis der KO sind weiterhin Ausdruck einer guten Entwicklung der KO hin zu mehr Klarheit und Einheit. Sie sollen weiterhin von der VV diskutiert und beschlossen werden. Im Versuch der Klärung der Imperialismusfrage liegt großes Potential für unsere Entwicklung hin zu einer stärkeren Organisation und hin zu einem besseren Verständnis der Anforderungen an die Partei. Mit einem solchen Verständnis werden wir in der Diskussion gut an dem Stand des Selbstverständnisses anknüpfen können.

Aktionsorientierung der KO gegen den deutschen Imperialismus

Beschluss der vierten Vollversammlung, April 2022

Die KO organisiert Aktionen, Kundgebungen, Demos, Veranstaltungen und weitere geeignete Formen, um entsprechend dieser Orientierung gegen den deutschen Imperialismus und gegen Faschismus und Geschichtsrevisionismus aktiv zu werden.

Wir bekämpfen die Kriegspolitik des deutschen Imperialismus, einem der mächtigsten NATO-Staaten. Wir bekämpfen die NATO, ihre Kriegspolitik und Kriegslügen und Propaganda.

Wir bekämpfen Waffenlieferungen an die Ukraine.
Keine Waffen und kein Geld an die Ukraine! Jede Waffenlieferung verlängert den Krieg und dient nur der Macht der deutschen Imperialisten und Rüstungsmonopole.

Wir bekämpfen die 100-Milliarden-Kriegskredite.
Damit will der deutsche Imperialismus sich in die Lage versetzen, eigenständig größere Kriege zu führen. Der proletarische Internationalismus gibt uns den Auftrag, das zu verhindern oder zumindest zu bekämpfen, solange wir es nicht verhindern können.

Wir bekämpfen die NATO in Deutschland, ihre Truppenverlegung nach Osteuropa und ihre Osterweiterung. Die NATO-Truppen und Einrichtungen in Deutschland sind wesentlicher Bestandteil der Kriegsführung der USA, der BRD und der NATO insgesamt. Sie sind Zentren des Militarismus und der Bedrohung für andere Länder sowie eine Gefahr für die Arbeiterklasse hierzulande.

Wir bekämpfen den Faschismus, der durch die NATO und die BRD in der Ukraine und in Osteuropa aufgebaut und bewaffnet wird – und gegen den Faschismus in unserem Land. Die Faschisten, ihr Terror und ihre brutale menschenverachtende Ideologie gehört zur deutschen und NATO-Kriegspolitik. Es ist unsere Pflicht, die Faschisten zu bekämpfen, wo wir sie treffen.

Wir bekämpfen die Rehabilitierung des Faschismus und den Geschichtsrevisionismus. Die Reinwaschung der Faschisten dient dazu, die deutsche bürgerliche Klasse von ihrer Kriegsschuld reinzuwaschen, um neue Kriege vom Zaun brechen zu können – dazu dient der Geschichtsrevisionismus.

Wir bekämpfen den deutschen Chauvinismus, die antirussische und allgemein rassistische Hetze und das Verbot von sowjetischen, russischen und den Fahnen der Volksrepubliken, Symbolen und Zeichen. Die rassistische und chauvinistische Hetze gegen Russland, gegen sein Volk und seine Kultur wird von den Herrschenden befeuert und dient zur ideologischen Mobilmachung.

Wir kämpfen gegen die Verfolgung, Einschüchterung und Bedrohung unserer russischen Mitbürger. Wir kämpfen gegen die Ungleichbehandlung Geflüchteter aus anderen Ländern.

Mit dem in unserer Organisation bestehenden Dissens zur Imperialismus- und Kriegsfrage gehen wir offen um und nutzen ihn, um offensiv die Notwendigkeit eines kommunistischen Klärungsprozesses in die Bewegung zu tragen. Individuelle Analyse und Position kennzeichnen wir gegenüber Dritten als solche.

Der Imperialismus von gestern und von heute

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Hugo Müller, Mai 2022

Imperialismus, eine Definition

Es ist unter Kommunisten üblich, das Wort Imperialismus überall zu verwenden. Angesichts der gegenwärtigen Schwäche der kommunistischen Bewegung und unserer ideologischen und politischen Unzulänglichkeiten wäre es sinnvoller, einen Schritt zurückzutreten und zu klären, was wir meinen, wenn wir von Imperialismus sprechen, denn offensichtlich verstehen viele Genossen unterschiedliches darunter. Aber wenn wir diskutieren wollen, müssen wir die Begriffe definieren, ohne das auf eine semantische Frage zu reduzieren. Und da wir Marxisten-Leninisten sind, sollten wir mit der allgemeinsten Definition von Lenin anfangen, auch wenn es ein langes Zitat ist:

„Ökonomisch ist der Imperialismus (oder die „Epoche“ des Finanzkapitals – nicht um Worte geht es) die höchste Entwicklungsstufe des Kapitalismus, und zwar eine Stufe, auf der die Produktion so sehr Groß- und Größtproduktion geworden ist, daß die freie Konkurrenz vom Monopol abgelöst wird. Das ist das ökonomische Wesen des Imperialismus. Das Monopol findet seinen Ausdruck sowohl in den Trusts, Syndikaten usw. als auch in der Allmacht der Riesenbanken, sowohl im Aufkauf der Rohstoffquellen usw. als auch in der Konzentration des Bankkapitals usw. Das ökonomische Monopol – das ist der Kern der ganzen Sache.

Der politische Überbau über der neuen Ökonomik, über dem monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus ist monopolistischer Kapitalismus) ist die Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion. Der freien Konkurrenz entspricht die Demokratie. Dem Monopol entspricht die politische Reaktion. „Das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft“, sagt Rudolf Hilferding völlig richtig in seinem „Finanzkapital“.

Die „Außenpolitik“ von der Politik schlechthin zu trennen oder gar die Außenpolitik der Innenpolitik entgegenzustellen ist grundfalsch, unmarxistisch, unwissenschaftlich. Sowohl in der Außenpolitik wie auch gleicherweise in der Innenpolitik strebt der Imperialismus zur Verletzung der Demokratie, zur Reaktion. In diesem Sinne ist unbestreitbar, daß der Imperialismus „Negation“ der Demokratie überhaupt, der ganzen Demokratie ist, keineswegs aber nur einer demokratischen Forderung, nämlich der Selbstbestimmung der Nationen.“1

Noch dazu, haben wir die berühmten 5 Merkmale, die den Imperialismus definieren sollen. Im Übrigen sind Lenins Anmerkungen zu seiner Definition des Imperialismus ganz wichtig. „Deshalb muß man – ohne zu vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann – eine solche Definition des Imperialismus geben.“2 Die 5-Punkte-Definition ist:

„1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen. 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses „Finanzkapitals“. 3. Der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung. 4. Es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen. 5. Die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet“.3

Wie wir sehen, ist der Imperialismus für Lenin nicht einfach eine ökonomische Tatsache oder eine bestimmte Außenpolitik. Der Imperialismus ist also aus der Sicht des Marxismus-Leninismus eine (historische) Epoche, die der höchsten Stufe der kapitalistischen Entwicklung entspricht, in deren ökonomischer „Basis“ die kapitalistischen Verhältnisse aufrechterhalten werden, wenn auch mit einigen charakteristischen Merkmalen: dem Finanzkapital als Ergebnis der Verschmelzung von Bank- und Industriekapital, dem Vorrang des Kapitalexports vor dem Warenexport und der Vorherrschaft der Monopole, die an die Stelle der freien Konkurrenz treten. Dieser ökonomische Inhalt des Imperialismus braucht also eine entsprechende politische Form. Diese Form kann keine andere sein als der imperialistische Staat, dessen Verhalten nach außen und nach innen ebenfalls Besonderheiten aufweist (die je nach den Umständen von einer liberalen Republik bis zu einer faschistischen Diktatur reichen können). Die Kapitalistenverbände, die durch die imperialistischen Staaten gebildet wurden, teilen die Welt unter sich zu Gunsten ihrer Monopole. Und wenn die Aufteilung der Welt beendet worden ist, müssen sie für eine Neuaufteilung kämpfen. In der Innenpolitik sind die imperialistischen Staaten insofern antidemokratisch, als sie den in ihrem Staatsgebiet lebenden Völkern das Selbstbestimmungsrecht verweigern.

Die Beziehung zwischen Ökonomie und Politik ist selbstverständlich nicht unidirektional, sondern beide beeinflussen sich gegenseitig. Die Metapher Basis/Überbau dient der Veranschaulichung, denn eine wirkliche Trennung zwischen Ökonomie und Politik ist im Kapitalismus nicht möglich, und noch weniger in seiner imperialistischen Epoche.

Ich glaube, dass mit dieser gemeinsamen Grundlage über den Imperialismus können wir zum historisch-Konkreten übergehen. Zunächst möchte ich jedoch einige Bemerkungen vornehmen.

Obwohl es offensichtlich ist, dass es Parallelen zwischen der Situation zu Beginn des letzten Jahrhunderts und der heutigen Situation gibt, können wir keineswegs sagen, dass sie identisch sind, und daher ist es nicht möglich, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze zu zitieren, um zu erklären, was heute geschieht. Was wir jedoch tun können, ist zu lernen, wie Lenin die historische Situation mittels seines Imperialismus-Verständnises analysierte und welche politischen Schlussfolgerungen er daraus zog.

Wenn wir das geschafft haben, können wir dann in der Lage sein, den heutigen Imperialismus, den heutigen Krieg und die zukünftigen Kriege zu verstehen. Wenn wir verstehen, wie die historische Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus und zum Ersten Weltkrieg geführt hat, werden wir hoffentlich auch verstehen können, wie wir in die heutige Situation gekommen sind. Dies kann nur gemeinsam erreicht werden, und deshalb versuche ich hier, die Debatte in diese Richtung zu eröffnen.

Der Imperialismus von gestern

Ich denke, um Lenins Analyse des Ersten Weltkriegs und die politischen Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, nachvollziehen zu können, ist es notwendig, über die Definition hinaus zu verstehen, wie Lenin den konkreten Imperialismus von damals versteht. In meinem Versuch, Lenins Verständnis des Imperialismus und des Krieges wiederzugeben, werde ich ihn oft zitieren oder verweisen. Dies ist notwendig, um vereinfachende Kürzungen zu vermeiden.

Das konkrete Verständnis Lenins vom Imperialismus

Wann und wo entstand also der Imperialismus? Dabei geht es nicht um ein bestimmtes Datum, sondern um eine Periode. Lenin sagt, dass es in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die höchste, äußerste Entwicklungsstufe der freien Konkurrenz existierte.4 Genau diesen Kapitalismus der freien Konkurrenz konnte Marx in England studieren, als er „das Kapital“ schrieb. Allerdings hatte bereits Marx die Tendenz zum Monopol im freien Wettbewerb beobachtet.5

In seinem bekannten Werk Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus zeigt Lenin auf, wie die Entwicklung des Kapitalismus in Europa und Nordamerika im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in der Tat wirtschaftlich von der freien Konkurrenz zur Epoche der Monopole geführt hat. Diese neue Epoche des Kapitalismus fällt mit der Aufteilung von Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären durch die europäischen Mächte am Ende des 19. Jahrhunderts zusammen. Der Kapitalismus ist dann am Anfang des 20. Jahrhunderts „zum Imperialismus geworden“.6

Da Lenin immer von Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären spricht, ist es vielleicht sinvoll, diese Unterscheidung ein wenig zu klären, da sie später wichtig sein wird. Die Kolonien: als Kolonie bezeichnet Lenin ein auswärtiges, politisch abhängiges, national unterdrücktes Gebiet. Beispiele davon waren: Deutsch-Ostafrika, Belgisch-Kongo und Französisch-Westafrika. Die Halbkolonien: der Begriff „halbkolonial“ wurde auf sie angewandt, weil die Länder unter der direkten Einmischung ausländischer Mächte litten, auch wenn sie formal eine eigene Regierung hatten. Lenin spricht in der Regel von 3 halbkolonialen asiatischen Ländern,7 die sozusagen informelle Kolonien waren. Die typischen Beispiele davon waren: Türkei, China und Persien8. Die Einflußsphären: damit meinte Lenin „Sphären für gewinnbringende Geschäfte, Konzessionen, Monopolprofite usw.“9 Beispiele davon waren Dalmatien und Albanien10, sowie Argentinien11.

Um es auf den Punkt zu bringen: die großen asiatischen Reiche blieben formal unabhängig (Halbkolonien). Große Kolonien wie Kanada, Indien und Australien gehörten zu England. Die südamerikanischen Länder gehörten im Allgemeinen zur britischen Einflusssphäre, aber der Kampf um sie gegen die USA gewann an Schärfe (Stichwort: Monroe-Doktrin). Daher mussten die Imperialisten um Einflusssphären auf dem Balkan und um Kolonien in Afrika kämpfen.

Doch zuvor versuchten die Imperialisten, die Probleme auf diplomatischem Wege zu lösen. Bei dem Berliner Kongress von 1878 wurde die Balkankrise beendet und eine Aufteilung von Einflusssphären in Südosteuropa vereinbart. Die Berliner Konferenz von 1878 bildet die Grundlage für die Aufteilung der Kolonien in Afrika. Mit dem Londoner Vertrag von 1913 wurde eine Neuaufteilung der Einflusssphären in Südosteuropa vorgenommen.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Lenin zwischen den imperialistischen Ländern die Unterschiede bennent. Er bezeichnet sie zwar alle als imperialistisch, ist aber in der Lage, die Form, in der sie ihren Imperialismus ausüben, je nach ihrer eigenen Entwicklung und ihren Beziehungen zu anderen Ländern zu unterscheiden. Der deutsche Imperialismus, zum Beispiel, verfügte nicht über einen großen Kolonialbesitz und sein im Ausland investiertes Kapital verteilte sich am gleichmäßigsten auf Europa und Amerika.12 Der Kapitalexport des französichen „Wucherimperialismus“ war hauptsächlich nach Europa und vor allem nach Rußland.13 Interessanterweise unterscheidet Lenin zwischen zwei Arten von Imperialismus, die von Russland ausgeübt wurden. „Auf der einen Seite haben wir den modernen, kapitalistischen Imperialismus, dessen Ausdruck in der Politik des Zarismus gegenüber Persien, der Mandschurei und der Mongolei angezeigt wird. Auf der anderen Seite war der russische Imperialismus feudal und militärisch.“14

Ein weiteres Beispiel für Lenins Scharfsinn ist der Imperialismus Englands, den er als Kolonialimperialismus bezeichnet. In „England steht an erster Stelle sein Kolonialbesitz, der auch in Amerika sehr groß ist (z. B. Kanada), von Asien usw. gar nicht zu reden. Die riesige Ausfuhr von Kapital ist hier aufs engste mit den riesigen Kolonien verknüpft, von deren Bedeutung für den Imperialismus weiter unten noch die Rede sein wird.“15

Er geht weiter und beschreibt die Beziehung Englands mit einem anderen Imperialisten, Portugal. „Portugal ist ein selbständiger, souveräner Staat, aber faktisch steht es seit mehr als 200 Jahren, seit dem spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), unter dem Protektorat Englands. England verteidigte Portugal und dessen Kolonialbesitz, um seine eigene Position im Kampfe gegen seine Gegner, Spanien und Frankreich, zu stärken. Dafür erhielt England Handelsprivilegien, bessere Bedingungen beim Warenexport und besonders beim Kapitalexport nach Portugal und seinen Kolonien, die Möglichkeit, die Häfen und Inseln Portugals zu benutzen, seine Kabel usw. usf. Derartige Beziehungen zwischen einzelnen großen und kleinen Staaten hat es immer gegeben, aber in der Epoche des kapitalistischen Imperialismus werden sie zum allgemeinen System, bilden sie einen Teil der Gesamtheit der Beziehungen bei der „Aufteilung der Welt“ und verwandeln sich in Kettenglieder der Operationen des Weltfinanzkapitals.“16 Portugal sei dann finanziell und diplomatisch abhängig, politisch aber unabhängig.

Es gab aber auch Gebiete, die sich nicht ohne weiteres einer der europäischen Mächte zuordnen ließen, die aber eine besondere Rolle spielten. Zum Beispiel Afghanistan am Ende des 19. Jahrhunderts, das als Puffer zwischen den Gebieten Russlands und Englands diente, wo sich die Imperialisten nicht auf die Form der Teilung einigen konnten oder, in Lenins Worten, „wegen der Teilung der Beute in Mittelasien um ein Haar zu einem Krieg zwischen Rußland und England gekommen wäre (Afghanistan; der Vormarsch der russischen Truppen in Mittelasien bedrohte die englische Herrschaft in Indien).“17

Wie man sieht, das leninsche Verständniss vom Imperialismus ist sehr tief und konkret. Das ist nur möglich, weil Lenin den Marxismus beherrscht und die historische Entwicklung des Kapitalismus kennt. Lenin kennt auch die politischen und ökonomischen Verhältnisse zwischen und innerhalb von den Ländern. Er unterscheidet zwischen den „herrschenden“ Ländern (den verschiedenen Arten von Imperialisten), und auch zwischen den „beherrschten“ Ländern (Kolonien, Halbkolonien, Einflusssphären), wo die Grenzen nicht statisch sind, wobei es gibt Länder, die sozusagen eine Doppelrolle spielen können, wie z.B. Portugal.

Der Krieg und die damalige kommunistische Bewegung

Erst wenn die ganze Welt unter den kapitalistischen Staaten aufgeteilt geworden war, ist ein Kipppunkt erreicht, und damit der imperialistischer Weltkrieg. Die Kapitalisten brauchen neue Gebiete, neue Märkte, mehr Ressourcen und Arbeitskräfte. Von da an müssen die Imperialisten für eine neue Aufteilung der Welt kämpfen, d.h. für eine neue Aufteilung der Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären. Lenin erklärt dies wie folgt: „Es fragt sich, welches andere Mittel konnte es auf dem Boden des Kapitalismus geben außer dem Krieg, um das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und der Akkumulation des Kapitals einerseits und der Verteilung der Kolonien und der „Einflußsphären“ des Finanzkapitals anderseits zu beseitigen?“18

Das war den europäischen Staaten schon lange vor dem Krieg bewusst, für den sie sich in zwei Lagern organisierten. Obwohl der Krieg erst 1914 ausbrechen sollte, gingen ihm die beiden Seiten voraus. Der Dreibund wurde 1882 und die Triple-Entente 1907 gegründet. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass im Laufe des Krieges neue Mitglieder zu beiden Seiten stießen, wobei Italien der auffälligste Fall ist, da es zunächst dem Dreibund angehörte und später auf die Seite der Entente wechselte.

Was den Chauvinismus und die als Bündnisse getarnte Kriegspropaganda betrifft, deckte Lenin auf, dass die russischen Liberalen ebenfalls Chauvinisten waren, auch wenn sie nicht wie die Konservativen offen pro-russische Kriegspropaganda betrieben, sondern für die Entente waren. Lenin zeigt dies anhand einer tierischen Metapher: „Die Politik der Kadetten läuft auf den gleichen Chauvinismus und Imperialismus hinaus wie die des „Nowoje Wremja“, nur ist sie schlauer und gerissener. Das „Nowoje Wremja“ droht plump und grob mit Krieg im Namen Rußlands allein. Die „Retsch“ droht „geschickt und diplomatisch“ ebenfalls mit Krieg – doch im Namen der Triple-Entente; denn wenn man sagt: „Man soll nicht bescheidener sein als not tut“, so ist das eben eine Kriegsdrohung. Das „Nowoje Wremja“ ist für die Protegierung der Slawen durch Rußland, die „Retsch“ für die Protegierung der Slawen durch die Triple-Entente, d. h., das „Nowoje Wremja“ ist für den einen, für unseren Fuchs im Hühnerstall, die „Retsch“ aber für eine Entente von drei Füchsen.“19

Die damalige proletarische Weltorganisation, die Zweite Internationale, sah, bevor sie in Opportunismus und Zusammenbruch verfiel, ebenfalls die Möglichkeit eines Krieges voraus und warnte die Arbeiter vor ihm. „Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Büros, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.“20

Es ist wichtig festzustellen, dass die Zweite Internationale zwar 1912 das Basler Manifest verfasste, in dem sie sich gegen den bevorstehenden Krieg aussprach, aber als der tatsächliche Krieg nur zwei Jahre später ausbrach, brach die Mehrheit der internationalen Sozialdemokratie mit dem Marxismus, wurde opportunistisch und unterstützte den Krieg. Die Massenbewegung der Arbeiter jener Jahre ist ohne ihre revolutionäre Theorie inmitten des imperialistischen Gemetzels verloren. Obwohl es sicherlich Ausnahmen gab, wie zum Beispiel die Bolschewiki in Russland oder der Spartakusbund in Deutschland.

Doch was meint Lenin, als er von Opportunismus spricht? Lass ihn mal sich selbst erklären: „Ganz zu Unrecht hält man bei uns nicht selten dies Wort für ein „bloßes Schimpfwort“, ohne sich zu überlegen, was es bedeutet. Der Opportunist verrät seine Partei nicht, wird ihr nicht abtrünnig, verläßt sie nicht. Aufrichtig und eifrig fährt er fort, ihr zu dienen. Aber typisch und charakteristisch für ihn ist, daß er jeder Augenblicksstimmung erliegt, daß er unfähig ist, der Mode zu widerstehen, daß er politisch kurzsichtig und charakterlos ist. Opportunismus heißt die dauernden und lebenswichtigen Interessen der Partei ihren Augenblicksinteressen, vorübergehenden, zweitrangigen Interessen zum Opfer bringen.“21

In diesem Sinne könnte man sagen, dass Lenin von Opportunismus spricht, wenn die strategischen Interessen der Revolution für den Augenblick geopfert werden. Der Text von 1906 bezieht sich offensichtlich auf die Nachwirkungen der Revolution von 1905. Seine goldenen Jahre erlebte der Opportunismus jedoch 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach und die Opportunisten die Interessen der Revolution zurückstellten, um „ihre“ Bourgeoisie im Krieg zu unterstützen.

Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges schrieb Lenin 1914 Der Krieg und die russische Sozialdemokratie, in dem er seine Enttäuschung über den Opportunismus der europäischen sozialdemokratischen Parteien zum Ausdruck brachte:

„Mit dem Gefühl tiefster Bitterkeit muß man feststellen, daß die sozialistischen Parteien der wichtigsten europäischen Länder diese ihre Aufgabe nicht erfüllt haben und daß die Haltung der Führer dieser Parteien, insbesondere der deutschen Partei, an direkten Verrat an der Sache des Sozialismus grenzt. In einer Zeit von höchster weltgeschichtlicher Bedeutung versuchen die meisten Führer der jetzigen, der Zweiten (1889 bis 1914) Sozialistischen Internationale den Sozialismus durch den Nationalismus zu ersetzen. Ihrem Verhalten ist es zuzuschreiben, daß die Arbeiterparteien dieser Länder sich dem verbrecherischen Vorgehen der Regierungen nicht widersetzten, sondern die Arbeiterklasse aufforderten, mit den imperialistischen Regierungen gemeinsame Sache zu machen. Indem die Führer der Internationale für die Kriegskredite stimmten, die chauvinistischen („patriotischen“) Losungen der Bourgeoisie „ihrer“ Länder aufgriffen, den Krieg rechtfertigten und verteidigten, in die bürgerlichen Kabinette der kriegführenden Länder eintraten usw. usf., haben sie Verrat am Sozialismus geübt.“22

Wenn man argumentieren möchte, dass einige Parteien nicht in der Lage waren, revolutionäre Aktionen gegen ihre Regierungen zu starten, um den Krieg zu beenden, antwortet Lenin selbst: „Selbst angenommen, es habe der deutschen Sozialdemokratie so sehr an Kraft ermangelt, daß sie genötigt war, auf jederlei revolutionäre Aktion zu verzichten, so durfte sie sich auch in diesem Fall nicht dem chauvinistischen Lager anschließen, durfte sie nicht Schritte tun, auf Grund deren die italienischen Sozialisten mit Recht erklärten, daß die Führer der deutschen Sozialdemokraten das Banner der proletarischen Internationale entehren.“23

Auch wenn „die Organisation der Arbeiterklasse gegenwärtig weitgehend zerschlagen ist“, sagt Lenin, es wird die Aufgabe der revolutionären Sozialdemokratie sein, „weder auf die ständige, tägliche Kleinarbeit zu verzichten noch irgendeine der früheren Methoden des Klassenkampfes zu vernachlässigen“.24

Für Lenin ist klar, dass die Kommunisten auf die Revolution und den Sozialismus nicht verzichten können, um das Vaterland zu verteidigen, wie „ihre“ Bourgeoisie es von ihnen verlangt, auch wenn sie nicht in der Lage sind, die Revolution durchzuführen. Im Gegenteil, die Kommunisten müssen die Krisensituation ihrer eigenen imperialistischen Regierung nutzen, um die revolutionären Ziele voranzutreiben: „Der ideologisch-politische Inhalt des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und derselbe: Zusammenarbeit der Klassen statt Klassenkampf, Verzicht auf revolutionäre Kampfmittel, Unterstützung der „eigenen“ Regierung in einer für sie schwierigen Lage statt Ausnutzung dieser Schwierigkeiten für die Revolution.“25

Der Internationalismus des Proletariats ist nach Lenin mit der Verteidigung des Vaterlandes nicht vereinbar, auch wenn Trotzki und Potressow dies seinerzeit behaupteten. Potressow sprach sogar von der besonderen Lage des Staates, „der von Zerstörung bedroht ist“.26 Und damit rechtfertigte er die Vaterlandsverteidigung.

Doch mit der Februarrevolution 1917 ändert sich die spezifische Situation in Russland. Betrachten wir diese Situation jedoch genauer, da sie den Auftakt zur Oktoberrevolution bildet und noch in den Rahmen des Ersten Weltkriegs eingebettet ist.

Mit der bürgerlichen Revolution vom Februar 1917 in Russland wurde der Zarismus gestürzt und eine liberale provisorische Regierung27 in Russland eingesetzt. Das Proletariat nahm zwar an der Revolution teil, kam aber nicht an die Macht, obwohl die Sowjets als Parallelstaat wieder in Erscheinung traten. Die provisorische Regierung beschloss, den imperialistischen Krieg weiterzuführen28.

Als Schlussfolgerung der Analyse des Imperialismus seiner Zeit vertritt Lenin die Auffassung, dass der Krieg ein imperialistischer, reaktionärer Krieg, der von den herrschenden Klassen geführt wurde. Und er lehrt uns, wie wir den Massen (und uns selbst) den Krieg als Klassenkrieg erklären müssen. „Wir müssen es verstehen, die Massen darüber aufzuklären, daß der sozial-politische Charakter des Krieges nicht durch den „guten Willen“ von Personen und Gruppen oder selbst Völkern bestimmt wird, sondern durch die Stellung der Klasse, die den Krieg führt, durch ihre Politik, deren Fortsetzung der Krieg ist, durch die Verbindungen des Kapitals als der herrschenden ökonomischen Macht in der modernen Gesellschaft, durch den imperialistischen Charakter des internationalen Kapitals, durch die – finanzielle, bankmäßige und diplomatische — Abhängigkeit Rußlands von England und Frankreich usw.“29 Es scheint mir, dass diese Art der Erklärung des Charakters eines Krieges auch heute gültig ist, worauf ich später zurückkommen werde.

An dieser Stelle halte ich es für wichtig, einen Moment innezuhalten und den Wandel zu analysieren, den die Februarrevolution in der russischen Arbeiterbewegung darstellt.

Vor der Februarrevolution vertreten die Bolschewiki den revolutionären Defätismus, d. h. den Wunsch und die Unterstützung für die Niederlage der eigenen reaktionären Regierung im imperialistischen Krieg zum politischen Nutzen des Proletariats: Es liegt also in seinem Klasseninteresse. Lenin beschuldigt diejenigen, die sich dem widersetzen, als Sozialchauvinisten: „Die Verfechter des Sieges der eigenen Regierung im gegenwärtigen Krieg und die Anhänger der Losung „weder Sieg noch Niederlage“ stehen gleicherweise auf dem Standpunkt des Sozialchauvinismus. Die revolutionäre Klasse kann in einem reaktionären Krieg nicht anders als die Niederlage der eigenen Regierung wünschen, sie kann den Zusammenhang zwischen militärischen Mißerfolgen der Regierung und der Erleichterung ihrer Niederringung nicht übersehen.“30 Es ist wichtig, diesen letzten Punkt zu betonen: Die Niederlage der zaristischen Regierung liegt im Klasseninteresse des Proletariats, da sie bessere Bedingungen für ihren Sturz und den Sozialismus schafft. Daraus lassen sich zwei konkrete Schlussfolgerungen ziehen: Mit dem Sturz des Zarismus könnten die demokratischen Rechte errungen werden und die beiden Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft nun in einem offenen Kampf um die Macht stehen.

Dagegen haben Trozki und andere argumentiert. Trotzki glaubte, „die Niederlage Rußlands wünschen heiße den Sieg Deutschlands wünschen“. Semkowski meinte, „das sei Unsinn, denn siegen könne nur entweder Deutschland oder Rußland“. Der Wunsch nach der Niederlage der eigenen imperialistischen Bourgeoisie bedeutet keineswegs, den Sieg der anderen Bourgeoisie zu unterstützen. Das würde den Verzicht auf die ideologische und politische Unabhängigkeit des Proletariats bedeuten. „In allen imperialistischen Ländern muß das Proletariat jetzt die Niederlage seiner eigenen Regierung wünschen.“31 Die Aufgabe des russischen Proletariats war es, gegen die russische Regierung zu sein, sowie die Aufgabe des deutschen Proletariats es war, gegen die deutsche Regierung zu sein.

Was passierte nun nach der Februarrevolution? Es stimmt zwar, dass die Bolschewiki zunächst die Provisorische Regierung gegen den Zarismus unterstützten, nur um später die Frage der Macht und des Sozialismus gegen die Provisorische Regierung zu stellen.

Nach der Februarrevolution waren die Opportunisten die ganze Zeit für die Verteidigung der provisorischen Regierung. Lenin wirft ihnen vor, das Kapital zu unterstützen: „Der Vaterlandsverteidiger aus der Masse sieht die Dinge einfach, auf Spießbürgerart: „Ich will keine Annexionen, der Deutsche will mir ,an den Kragen‘, folglich verteidige ich eine gerechte Sache und durchaus nicht irgendwelche imperialistischen Interessen.“ Einem solchen Menschen muß immer wieder klargemacht werden, daß es nicht auf seine persönlichen Wünsche ankommt, daß es sich vielmehr um politische Verhältnisse und Beziehungen der Massen, der Klassen, um den Zusammenhang des Krieges mit den Interessen des Kapitals und dem internationalen Bankennetz usw. handelt.“32 Auch hier sehen wir den Klassenstandpunkt. Lenin zeigt uns, dass der imperialistische Krieg und die Vaterlandsverteidigung im Klasseninteresse des Kapitals und nicht des Proletariats liegt. Nach der Niederlage des Zarismus wurde der offene Kampf zwischen den beiden Hauptklassen der russischen kapitalistischen Gesellschaft immer deutlicher. Das Klasseninteresse des Proletariats war auch hier nicht die Verteidigung des Vaterlandes, sondern die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie für den Sozialismus.

Wie schon gesagt, vor der Februarrevolution propagierte Lenin den revolutionären Defätismus, um bessere Bedingungen für den proletarischen Kampf zu schaffen. Nach dem Sturz des Zarismus, wobei der Sturz Klassenkampf war und auch durch den zwischenimperialistischen Krieg ermöglicht worden ist, gewann der Klassenkampf um die Macht zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat immer mehr an Bedeutung. Sobald die Lage für den offenen Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat bereitet war, führten die Bolschewiki das Proletariat zur Machtergreifung.

Die spätere Praxis als Wahrheitkriterium hilft uns festzustellen, dass die Charakterisierung des Krieges und das entsprechende Vorgehen der Bolschewiki richtig war. Was im Oktober und nach dem Ende des Krieges passiert, ist hinlänglich bekannt.

Der Imperialismus von gestern ist das Produkt der „natürlichen“ Entwicklung des Kapitalismus, des historischen Übergangs von der freien Konkurrenz zum Monopol, der Aufteilung und des Kampfes um eine neue Aufteilung der Kolonien, Halbkolonien und Einflusssphären sowie der politischen Reaktion der einst revolutionären Bourgeoisien.

Zwischen dem Imperialismus von gestern und dem von heute besteht ein grundlegender Unterschied: der Zeitraum 1917-1991, da der heutige Imperialismus nicht aus der „natürlichen“ Entwicklung des Kapitalismus hervorgegangen ist, sondern aus der Konterrevolution, wie wir weiter unten sehen werden.

Die Oktoberrevolution in Russland markierte einen Meilenstein in der Geschichte der Menschheit, indem sie die Überwindung des Kapitalismus und damit des Imperialismus und seiner Kriege als reale Alternative darstellt. Die Bedeutung der Oktoberrevolution wurde von Stalin 1918 wie folgt beschrieben:

„Die gewaltige Weltbedeutung des Oktoberumsturzes besteht ja hauptsächlich gerade darin, dass er

1. den Rahmen der nationalen Frage erweitert und sie aus einer Teilfrage, der Frage des Kampfes gegen die nationale Unterdrückung in Europa, in die allgemeine Frage der Befreiung der unterjochten Völker, Kolonien und Halbkolonien vom Imperialismus verwandelt hat; 2. weitgehende Möglichkeiten und wirkliche Wege für diese Befreiung eröffnet hat, so dass er den unterdrückten Völkern des Westens und Ostens ihre Befreiung bedeutend erleichtert hat, indem er sie in den allgemeinen Strom des siegreichen Kampfes gegen den Imperialismus einbezog; 3. hierdurch eine Brücke zwischen dem sozialistischen Westen und dem versklavten Osten geschlagen und eine neue Front der Revolutionen aufgebaut hat, eine Front von den Proletariern des Westens über die Revolution in Russland bis zu den unterjochten Völkern des Ostens, eine Front gegen den Weltimperialismus.“33


Wie die Geschichte später zeigen sollte, markierte die Oktoberrevolution den Beginn eines Zyklus von Revolutionen (einige erfolgreich, andere nicht) zwischen 1917 und 1991, beendete den 1914 begonnenen imperialistischen Krieg, inspirierte und stimulierte nationale Befreiungskämpfe gegen den Imperialismus; kurzum, sie hielt den dekadenten Kapitalismus in Schach und schwächte vorübergehend den zwischenimperialistischen Kampf ab, um den Kampf gegen den gemeinsamen Feind aller Imperialisten, den Kommunismus, zu führen.

Die Oktoberrevolution und das Ende des Krieges waren trotz des Opportunismus der Zweiten Internationale nur durch die Gründung einer kommunistischen Partei neuen Typs möglich, die mit einer revolutionären Theorie ausgestattet und mit den arbeitenden Massen verbunden war, d.h. einer kommunistischen Partei, die zwischen dem revolutionären Proletariat und seiner Avantgarde-Theorie vermittelt.

Der historische Zeitraum von 1917 bis 1991 des internationalen Klassenkampfes unter der Führung des revolutionären Proletariats ist das, was den Imperialismus von gestern und von heute trennt.

Der revolutionäre Zyklus (1917-1991)

Bisher sind wir nur kurz auf die Geschehnisse vor und während des Ersten Weltkriegs eingegangen, um einfache Parallelen zur aktuellen Situation zu vermeiden. Nun ist es an der Zeit, den Zeitraum 1917-1991 zu betrachten. Es handelt sich um einen Zyklus, denn wenn er zu Ende geht, befinden wir uns wieder am gleichen Ausgangspunkt, wenn auch auf einer anderen Ebene. Dies ist jedoch nicht der richtige Ort für eine ausführliche Analyse der Ereignisse in diesem Zyklus.

Was wir tun können, ist ein kurzer Rückblick auf einige weltgeschichtliche Ereignisse zwischen 1917 und 1991, die ich für eine korrekte Einschätzung der aktuellen Situation für relevant halte. Die Notwendigkeit eines solchen Exkurses soll spätestens am Ende verstanden werden.

Die Bestandsaufnahme dieser Zeit könnte natürlich ganze Bücher füllen und kann nur im Rahmen des Klärungsprozesses kollektiv durchgeführt werden. Ich beschränke mich hier auf die Nennung allgemein bekannter Fakten, um zur Analyse des heutigen Imperialismus übergehen zu können.

Auf die Oktoberrevolution folgt die Novemberrevolution, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zusammenfällt, auch wenn diese schließlich besiegt wird. Das imperialistische Deutschland wird im Ersten Weltkrieg besiegt und die Weimarer Republik wird gegründet.

Eines der Ergebnisse des imperialistischen Krieges war die Gründung des Völkerbundes durch die Sieger, einer internationalen Organisation der Bourgeoisien, die versuchen sollte, ihre Differenzen auf diplomatischem Wege beizulegen. Die deutsche Bourgeoisie wurde wegen dem Ersten Weltkrieg bestraft und wurde nicht in den Völkerbund aufgenommen, d.h. sie hatte kein Recht auf die Vereinbarungen zur Neuaufteilung der Welt. Die USA beschlossen aufgrund von Differenzen zwischen den nationalen bürgerlichen Fraktionen dem Völkerbund nicht beizutreten.

1931 marschierte Japan, der letzte Akteur in der imperialistischen Arena, der nach der Aufteilung der Welt dazu gekommen war, in die Mandschurei ein. 1937 marschierte es in das übrige China ein und löste damit den Zweiten Sino-Japanischen Krieg aus. Auf chinesischer Seite war dieser Krieg ein Krieg der nationalen Befreiung, in dem die KP im Bündnis mit der Kuomintang eine wichtige Rolle spielte.

Dem Völkerbund als Vermittler zwischen den Imperialisten gelang es nur in einigen wenigen Fällen, eine Lösung zu finden. Italien und Japan, deren imperialistische Ambitionen in Äthiopien bzw. China durch den Völkerbund behindert wurden, gaben ihn schließlich auf.

Wie wir wissen, begann der Zweite Weltkrieg offiziell 1939, dessen wichtigstes Merkmal darin besteht, den Klassenkampf im Weltmaßstab darzustellen. Natürlich gibt es genügend Literatur über diesen Krieg. Was ich hier betonen will ist, dass es zwar zwischenimperialistische Konflikte gab, der Hauptkonflikt des Krieges aber die Ostfront war, wo der Kampf zwischen dem deutschen Imperialismus und dem sowjetischen Proletariat ausgetragen wurde. Als die UdSSR 1944-1945 in der Gegenoffensive gegen Deutschland nach Westen marschierte, gewann sie die Sympathie der befreiten Völker und einiger anderer, da sie Osteuropa vom Faschismus befreite.

1946 angesichts des offensichtlichen Versagens des Völkerbundes, einen weiteren Krieg zu verhindern, wurde er aufgelöst. Die Sieger des neuen Weltkriegs brauchten eine Institution für die friedliche Organisation der Welt. So wurde 1945 die UNO mit Sitz in New York gegründet, deren Sicherheitsrat aus den USA, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, der UdSSR und China bestand. Die Vereinigten Staaten sind aus dem Zweiten Weltkrieg als dominierendes imperialistisches Land hervorgegangen.

Im Jahr 1949 war die chinesische Revolution erfolgreich.

Im Jahr 1955 wurde der Warschauer Vertrag unterzeichnet; das Militärbündnis der UdSSR mit den osteuropäischen Volksdemokratien als Gegenmaßnahme zur Bedrohung durch die NATO.

Im Jahr 1966 begann in China die Kulturrevolution. Nach Maos Tod und der Verhaftung der Viererbande im Jahr 1976 wurde die Kulturrevolution niedergeschlagen und der rechte Flügel der KP Chinas kam an die Macht. Im Jahr 1978 begann die kapitalistische Restauration in China.

Der Einfluss, den die Oktoberrevolution auf die ganze Welt hatte, war noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bemerkenswert. Es ist unmöglich, hier alle kommunistischen Aufstände oder antiimperialistischen Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu nennen, daher beschränke ich mich auf einige der bekanntesten. Zu den Revolutionen, die sich auf die marxistische Tradition berufen, unabhängig davon, was wir von ihnen halten, gehören zum Beispiel: die kubanische Revolution (1959), die Naxaliten-Revolution (1967), die Revolution auf den Philippinen (1969), die Revolution in Grenada (1979), die Revolution in Peru (1980). Auch unter dem Einfluss der Oktoberrevolution gab es überall auf der Welt nationale Befreiungsbewegungen und bürgerlich-demokratische Revolutionen, z. B. in Angola, Burkina Faso, Nicaragua, Vietnam, um nur einige zu nennen.

Wie wir sehen können, war Stalins Vorhersage von 1918 über die Auswirkungen der Oktoberrevolution auf die Welt richtig.

Der Imperialismus nahm seinen Lauf, mal freier, mal gezügelter. Am Ende des Zyklus, wenn der revolutionäre Schwung überall schwächer wurde, der Klassenkampf in den sozialistischen Ländern in Vergessenheit geriet und die Zeichen der kommenden kapitalistischen Restauration sichtbar wurden, gewann der Imperialismus wieder Selbstvertrauen und wurde politisch und wirtschaftlich aggressiver. Einige Ereignisse am Ende des Zyklus können als Beispiel dienen: die Invasion in Grenada 1983 sowie die Invasion in Panama 1989. Am Ende des Zyklus begannen die westlichen Bourgeoisien, die keine Angst mehr vor dem Kommunismus hatten, das Klassenbündnis mit ihren Arbeiteraristokratien zu brechen und die Wohlfahrtsstaaten zu liquidieren, was die heutige Sozialdemokratie als „Neoliberalismus“ bezeichnet.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion markierte das Ende des revolutionären Zyklus unter dem Paradigma der Oktoberrevolution. In dieser Hinsicht ist es dringend notwendig, eine Bestandsaufnahme der revolutionären Praxis zur Weiterentwicklung der revolutionären Theorie im Hinblick auf den Parteiaufbau vorzunehmen.

Der Imperialismus von heute

Schließlich ist es an der Zeit, den heutigen Imperialismus zu analysieren. Ich werde hier versuchen, die historische Situation, in der wir uns befinden, in groben Zügen zu umreißen. Je besser und tiefer wir den revolutionären Zyklus analysiert haben, desto besser können wir unsere gegenwärtige Situation verstehen und verändern.

Aber zuerst kehren wir zu dem obengenannten Lenins Zitat zurück: „ohne zu vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann“. Lenin spricht hier von einer Erscheinung des Imperialismus. Daraus lässt sich ableiten, dass Lenin im Imperialismus von damals eine Erscheinung sah, wobei seine Definition dieser Erscheinung ziemlich vollständig ist und das Gesetz des Imperialismus enthält.

Doch was genau meint Lenin mit Erscheinung? Es ist bekannt, dass Lenin 1914 die Hegelsche Wissenschaft der Logik (wieder)gelesen hat. In seinen Randbemerkungen zur Logik schrieb er zu den Erscheinungen, dass „das Gesetz das identische in den Erscheinungen ist“, dass „eine Erscheinung die Ganzheit, die Totalität ist“ während „das Gesetz nur ein Teil ist“ oder dass „die Erscheinung reicher als das Gesetz ist“.34

Worauf ich hinaus will, ist, dass der Imperialismus von heute eine neue Erscheinung des Imperialismus ist. Da das Gesetz das identische in den Erscheinungen ist, muss der Imperialismus von gestern und von heute ein identisches Gesetz haben, auch wenn die Totalität von beiden anders ist, da die Erscheinungen reicher als das Gesetz sind. Das Gesetz ist meiner Ansicht nach, ökonomisch, die Herrschaft der Monopole, und politisch, die Reaktion nach innen und nach außen. Die Erscheinungsformen können unterschiedlich sein, haben aber diese gemeinsame Merkmale.

Aus meiner Sicht ist die Untersuchung dieser neuen Erscheinung des Imperialismus im Rahmen der ideologischen Aufgaben des Parteiaufbaus notwendig, denn „die Dialektik verlangt die allseitige Erforschung einer gegebenen gesellschaftlichen Erscheinung in ihrer Entwicklung sowie die Zurückführung des Äußerlichen und Scheinbaren auf die grundlegenden Triebkräfte, auf die Entwicklung der Produktivkräfte und den Klassenkampf“.35

Was sind also die Unterschiede zwischen dem Imperialismus von gestern und dem Imperialismus von heute? Meiner Ansicht nach gibt es 3 grundlegende Faktoren, die den heutigen Imperialismus bestimmen:

1. Wenn der revolutionäre Zyklus vorbei ist, sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse bereits überall auf der Welt vorherrschend. Monopole sind in vielen Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas auch Teil der kapitalistischen Normalität. Lenin hatte schon vorausgesagt, dass der Kapitalexport zur weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt führen würde: „der Kapitalexport beeinflußt in den Ländern, in die er sich ergießt, die kapitalistische Entwicklung, die er außerordentlich beschleunigt. Wenn daher dieser Export bis zu einem gewissen Grade die Entwicklung in den exportierenden Ländern zu hemmen geeignet ist, so kann dies nur um den Preis einer Ausdehnung und Vertiefung der weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt geschehen“.36

2. Die politische Form der Kolonien gehört, von Ausnahmen abgesehen, der Vergangenheit an. Während des revolutionären Zyklus gelang es den ehemaligen Kolonien, ihre eigenen Nationalstaaten zu gründen. Dies erklärt sich aus der Reifung der kapitalistischen Entwicklung im Allgemeinen, wo die lokalen Bourgeoisien auf die Schaffung solcher Nationalstaaten gedrängt haben, und auch aus dem Einfluss der Oktoberrevolution, sowohl ideologisch als auch politisch, da die Kommunisten oft auch an der Schaffung solcher (bürgerlicher) Nationalstaaten beteiligt waren.

3. Sobald das Proletariat im Weltmaßstab besiegt ist (1991), kann der Kampf um eine neue Aufteilung der (Kolonien, Halbkolonien und) Einflusssphären mit voller Intensität aufgenommen werden, ohne eine kommunistische Revolution mehr zu fürchten.

Der Imperialismus von heute hat zwar den gleichen ökonomischen Inhalt, wie der Imperialismus von gestern, aber die (politische) Form weist einige Unterschiede auf, die sich aus den unterschiedlichen historischen Bedingungen ergeben, in denen wir uns befinden.

Damals (1916) war nur „der fortgeschrittene europäische (und amerikanische) Kapitalismus in die neue Epoche des Imperialismus getreten“.37 Heute, mit der Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse in der ganzen Welt und der politischen Befreiung der ehemaligen Kolonien und der Konterrevolution, gibt es viel mehr kapitalistische Staaten, von denen nicht wenige auch schon in die Epoche des Imperialismus getreten sind.

Heute ist es nicht mehr notwendig (oder plausibel), Kolonien zu gründen, d. h. eine politische Herrschaft über andere Nationen de jure auszuüben, um de facto ökonomischen, politischen und sogar ideologischen Einfluss zu behalten. Daher ist die Form der Einflusssphären jetzt wichtiger (möglicherweise greifen die Imperialisten im Notfall wieder auf die Form von Halbkolonien zurück, obwohl dies von Fall zu Fall untersucht werden müsste). Mit anderen Worten, die imperialistischen Beziehungen haben sich weiterentwickelt und unter unseren historischen Bedingungen sind die Einflusssphären und nicht mehr die Kolonien ihre Hauptform. Diese neue Hauptform der imperialistischen Beziehungen muss notwendigerweise auch politisch und militärisch sein, nicht nur ökonomisch, sonst wäre sie eine ökonomische Reduktion des Imperialismus.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand hier den imperialistischen Charakter der europäischen und nordamerikanischen Mächte (oder Japans) in Frage stellt, wichtig ist hier die Charakterisierung der neuen Imperialisten. Auf der einen Seite haben wir die kapitalistischen Staaten, die durch ihre eigene Entwicklung die Epoche der Monopole erreicht haben (z.B. Griechenland, Indien, Brasilien) und auf der anderen Seite haben wir die Staaten der kapitalistischen Restauration, hauptsächlich China und Russland. Für mich ist es eindeutig, dass Russland und China imperialistisch sind, doch muss dies erst noch wissenschaftlich bewiesen werden. Eine vollständige Analyse der spezifischen Fälle Russlands und Chinas würde den Rahmen dieses Textes sprengen, aber ich möchte einige Notizen darstellen, die bei der kollektiven Entwicklung einer solchen Analyse helfen könnten.

Notizen für die Kritik des Imperialismus von heute – Russland und China

Wenn auch nicht ausreichend für eine unfassende Analyse, einige Punkte sind unerlässlich. Diese helfen meiner Einschätzung nach bei der Erfüllung der Leninschen Kriterien mit.

Doch zunächst ist es wichtig, die Kernpunkte der Leninschen Definition in Kurzform aufzugreifen: Ökonomisch geht es um die Herrschaft der Monopole. Politisch geht es um die Reaktion nach innen und nach außen. Hinzu kommt, dass die vorherrschende Form des Imperialismus von heute die Einflusssphären sind. All dies kann nicht von der konterrevolutionären historischen Entwicklung in beiden Staaten getrennt werden.

-Reaktionäre Politik: beide Staaten sind in ihrer Innenpolitik reaktionär, da sie nicht den Feudalismus, sondern den Sozialismus besiegt haben. Sie sind eher reaktionär, weil sie den Lauf der Geschichte nicht nur verlangsamt, sondern rückwärts gerichtet haben. Und sie agieren auch reaktionär. Das Buch von Anton Stengl38 zeigt die reaktionäre und arbeiterfeindliche Politik der KPCh sehr gut auf. Die Verfassungskrise in Russland im Jahr 1993 ist ein auch Beispiel dafür. Was die imperialistische Außenpolitik betrifft, so haben beide Staaten bereits ihren Charakter unter Beweis gestellt: China zum Beispiel mit der Intervention in Vietnam 1979 und der Vorbereitung auf die Verteidigung seiner Interessen in Afrika mit der Militärbasis in Dschibuti im Jahr 2017. Was Russland betrifft, so könnte der Krieg in Tschetschenien als Beispiel dienen.

-Ökonomie: Auf der ökonomischen Seite ist zu beachten, dass sowohl Russland als auch China aufgrund der Vergesellschaftung der Produktion im Sozialismus Monopole geerbt haben, von denen einige privatisiert wurden und andere in staatlicher Hand verbleiben sind. Dies bedeutet keineswegs ein sozialistisches Merkmal, da die betreffenden Staaten bürgerlich sind. Wichtig dabei ist aber, dass diese neuen bürgerlichen Staaten bereits über Monopole verfügen, ohne die „natürliche“ kapitalistische Entwicklung (nochmal) durchlaufen zu haben, und obendrein gibt es eine direkte Identifikation zwischen den Interessen des Staates und den Interessen der staatlichen Monopole.

-Einflusssphären: Wie ich bereits dargelegt habe, sind Einflusssphären die wichtigste Form der imperialistischen Beziehungen von heute. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erbte Russland die Einflusssphären des postsowjetischen Raums und des Warschauer Vertrages wegen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, die bis 1991 aufrechterhalten wurden. Aber Russland war weder wirtschaftlich noch politisch in der Lage, auf der imperialistischen Bühne zu konkurrieren, da es zunächst eine gewisse politische und wirtschaftliche Stabilität im neuen bürgerlichen Staat gewährleisten musste, was der Westen ausnutzte, um Russland „seine“ Einflusssphären im postsowjetischen Raum wegzunehmen. Der Westen integriert die ehemaligen Warschauer-Vertrag- sowie Sowjet-Republiken schrittweise in die EU und die NATO. In dem Maße, in dem der russische Imperialismus an politischer und wirtschaftlicher Stabilität gewinnt, beginnt er, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, um Einflusssphären zu kämpfen. In diesem Zusammenhang hat Russland angesichts des Euromaidan die Krim erobert, obwohl dies ein Sonderfall ist, der speziell analysiert werden muss. Dann kämpft Russland in Syrien gegen den Westen (oder dessen Söldner). Die Imperialisten haben aber aus ihren Erfahrungen gelernt und werden deswegen so weit wie möglich verhindern, dass es in ihren Ländern zu einem Krieg kommt. Deshalb führen sie jetzt so genannte „Stellvertreter-Kriege“ in dem Gebiet, um das sie kämpfen (z.B. Syrien).

-Bündnis: Da der revolutionäre Kommunismus als reale politische Kraft fehlt, neigen die neuen imperialistischen Mächte Russland und China also dazu, sich gegen den gemeinsamen Feind, den Westen, zu verbünden. Russland und China sind heute die größten Konkurrenten des Westens. Und zwar nicht, weil der Westen sie als Erben des Sozialismus oder als autokratische Staaten sieht (womit der Westen kein Problem hat, solange die autokratischen Staaten dem westlichen Kapital freundlich gesinnt sind, wie Saudi-Arabien), sondern weil diese Staaten im Zuge des konterrevolutionären Prozesses auch imperialistisch geworden sind, und sie wurden nicht in den westlichen Block integriert, zumindest nicht vollständig.

Falsches Verständnis vom Imperialismus und seine politische Folgen

Ein falsches Verständnis des Imperialismus von heute kann in die Irre bei der Einschätzung des Krieges führen. Ich werde hier versuchen, einige falsche Argumente bei der Charakterisierung des heutigen Imperialismus und deswegen des heutigen Krieges aufzuzeigen.

Das ist, aus meiner Sicht, was z.B. der Genossin Klara passiert ist, weil der Imperialismus von heute, wie schon gezeigt, eine neue, unterschiedliche Erscheinung ist, mehrere Akteure (auch wenn sie nicht gleich mächtig oder aggresiv wie der Westen sind) als der Imperialismus von gestern hat und nicht als eine „Handvoll Räuber“ und „die Beraubten“39 verstanden werden kann. Von dem falschen Verständniss des Imperialismus leitet sie falsche Schlussfolgerungen ab.

Genossin Klara verliert die Notwendigkeit ideologischer und politischer Unabhängigkeit aus den Augen und verdammt das Proletariat nicht nur Russlands und der Ukraine sondern der ganzen Welt zur Verteidigung der Interessen der russischen Bourgeoisie, selbst wenn sie hier von „Neutralität“ redet: „Die militärische Neutralität der Ukraine ist im Interesse der russischen, der ukrainischen und des internationalen Proletariats“.40 Später schreibt sie, dass „eine einheitliche Politik der internationalen Arbeiterklasse gegenüber Russland, die im Kern eine Unterstützung des Militäreinsatzes gegen die Faschisten in der Ukraine beinhaltete“, auch wenn das Klassenversöhnung sei, wäre „eine im Sinne der revolutionären Strategie, richtige taktische – vielleicht sogar über eine längere Phase anhaltende Orientierung.“41 Aber sie hat es nicht bewiesen. Alles, was sie hier getan hat, ist, uns die Interessen der russischen Bourgeoisie als die Interessen des internationalen Proletariats zu verkaufen.

Hier habe ich keine andere Wahl, als Klara direkt mit Lenin zu konfrontieren, da er bereits mit einem ähnlichen Argument konfrontiert wurde und ich könnte es nicht besser ausdrücken: „So ist auch die Haltung des Herrn A. Potressow, der unter „Internationalität“ versteht, daß man feststellt, wessen Erfolg im Krieg vom Standpunkt der Interessen nicht des nationalen, sondern des gesamten Weltproletariats am ehesten erwünscht oder am wenigsten schädlich wäre. Den Krieg führen die Regierungen und die Bourgeoisie,- das Proletariat habe zu bestimmen, der Sieg welcher Regierung für die Arbeiter der ganzen Welt die geringste Gefahr bedeute“.42 Das Proletariat wäre nicht länger ein unabhängiges politisches Subjekt, das seine eigenen Klasseninteressen verfolgt, sondern würde auf die Unterstützung der einen oder anderen Seite im imperialistischen Krieg reduziert.

Dann haben wir noch zwei andere problematischen Ideen im Abschnitt Lenin und die Frage des Krieges43, die ich so zusammenfasse: der Krieg in der Ukraine wäre für Russland ein nationaler Selbstverteidigungskrieg und daher gerechtfertigt.

Das Problem des nationalen Krieges Russlands wird nicht explizit angesprochen, aber sie zitiert Lenin ausführlich als Einleitung, stellt dann eine Frage und zitiert dann wieder Lenin als implizite Antwort. Sie sagt, dass sie Lenins Zitate benutzt, um zu zeigen, dass ein nationaler Krieg in Europa immer noch möglich wäre, aber in Wirklichkeit versucht sie auf raffinierte Weise zu zeigen, dass ein nationaler Krieg Russlands möglich wäre. Schauen wir uns also die konkreten Beispiele an, die Lenin verwendet.

Ich greife Lenins Bedingungen in dem Beispiel auf, das Klara als Einleitung verwendet, um ein paar Sachen von ihrer Argumentation aufzuzeigen: „Daß der gegenwärtige imperialistische Krieg, der Krieg von 1914 bis 1916, in einen nationalen Krieg umschlägt, ist deshalb in hohem Grade unwahrscheinlich […] Aber man kann ein solches Umschlagen nicht für unmöglich erklären: wenn das Proletariat Europas auf 20 Jahre hinaus ohnmächtig bliebe; wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endete; wenn der außereuropäische Imperialismus (der japanische und der amerikanische in erster Linie) sich ebenfalls noch 20 Jahre halten könnte, ohne, z. B. infolge eines japanisch-amerikanischen Krieges, in den Sozialismus überzugehen, dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich.“44

Es gibt einige Sachen, auf die ich hier hinweisen möchte. Erstens, dass in dem hypothetischen Beispiel, das Lenin anführt, mehrere europäische Staaten nach 20 Jahren imperialistischen Krieges, in denen die proletarische Revolution nicht stattgefunden hat, versklavt worden wären, was heute offensichtlich nicht der Fall ist. Zweitens, dass Lenin in dem hypothetischen Beispiel von der Umwandlung eines imperialistischen Krieges in einen nationalen Krieg spricht. In diesem Fall würde Klara zugeben, dass es sich bei dem Krieg in der Ukraine um einen imperialistischen Krieg handelt, der angeblich zu einem nationalen Krieg werden könnte.

Die Frage, die Klara zwischen den Zitaten stellt, lautet: „dann könnte der Krieg in einen nationalen Krieg (in Europa!) umschlagen, wenn die Unterwerfung des entsprechenden Landes drohen würde?“45 Selbst wenn es als Frage formuliert ist, geht es im Abschnitt im Großen und Ganzen darum, Russlands Angriff als einen nationalen und damit gerechten Krieg implizit darzustellen. Aber auch die nächsten Zitate Lenins, die sie verwendet, helfen nicht weiter.

Die weiteren Beispiele Lenins, die Klara anführt, sind folgende: der amerikanische Unabhängigkeitskrieg gegen England, den Frankreich aus eigenem Interesse unterstützte. In diesem Krieg überwogen laut Lenin die nationalen Interessen gegenüber den imperialistischen Interessen (es war ein Krieg der nationalen Befreiung einer Kolonie). Der Erste Weltkrieg wird von Lenin offensichtlich nicht als nationaler Krieg betrachtet. Dann redet Lenin von möglichen Befreiungskriegen von Persien, Indien und China (eine Kolonien und zwei Halbkolonien). Schließlich spricht Lenin über nationale Kriege von „Seiten der kleinen (nehmen wir an, annektierten oder national unterdrückten) Staaten gegen die imperialistischen Mächte wie sie auch im Osten Europas nationale Bewegungen in großem Maßstab nicht ausschließt“46. Hier spricht Lenin von kleinen, annektierten oder national unterdrückten, Staaten und den nationalen Bewegungen im Osten Europas – und was könnten diese nationalen Bewegungen sein, wenn nicht die der Nationen, die unter dem Joch des Zarismus litten?

Letztlich dienen die von Klara angeführten Beispiele Lenins nicht dem, was sie erwartet, sondern dem Gegenteil: sie weisen nach, dass für Lenin ein nationaler Krieg in Europa nur für die unterdrückten Nationen innerhalb eines imperialistischen Staates, und für die Kolonien und Halbkolonien möglich ist und nicht „wenn die Unterwerfung des entsprechenden Landes drohen würde“.

Im völligen Gegensatz zu allem, was Lenin uns lehrt, ersetzt Klara die Dialektik durch Sophistik, „das Studium aller konkreten Umstände des Ereignisses und seiner Entwicklung“ durch „das Herausgreifen der äußeren Ähnlichkeit verschiedener Fälle ohne den inneren Zusammenhang der Ereignisse“.47 Und was noch schlimmer ist, es geht nicht um reale Fälle (außer dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg), sondern um die Rechtfertigung eines imperialistischen Krieges mit hypothetischen Beispielen, die nicht einmal mit dem übereinstimmen, was sie zu argumentieren versucht.

Ich komme nun zur Frage der Selbstverteidigung Russlands. Diese Frage wird auch in dem Abschnitt behandelt, obwohl sie uns vorher gewarnt hatte: „Russland handelt aus Gründen der Selbstverteidigung“.48 Und dann im Abschnitt geht es darum, Zitate von Lenin einzuwerfen, um noch einmal implizit ihre Position sophistisch zu rechtfertigen. Die Beispiele Lenins, die Klara nimmt, sind über gerechte (hypothetische) Verteidigungskriege von Marokko gegen Frankreich, Indien gegen England, Persien oder China gegen Rußland49. Alle diese Länder, in denen nach Lenins Ansicht ein Verteidigungskrieg gerecht gewesen wäre, waren Kolonien oder Halbkolonien. In anderem Text redet Lenin sogar über einen gerechten Krieg von der Ukraine gegen Russland50, aber das kann man heute als Argument für eine Gegenposition nicht verwenden, denn „vom marxistischen Standpunkt aus muß man den politischen Inhalt eines Krieges in jedem einzelnen Fall und für jeden Krieg besonders bestimmen“.51

Man könnte sagen, dass es sich um einen imperialistischen Verteidigungskrieg handelt, aber es ist keineswegs ein gerechter Krieg, mindestens nicht im Sinne von Lenin. Wer das Gegenteil behauptet, muss es beweisen, und das hat Klara nicht geschafft. Nicht umsonst hat Lenin die Präzisierung über gerechte Verteidigungskriege vorgenommen, um die Argumente der Imperialisten zu entkräften, die heute wie gestern versuchen, ihre Kriege als gerechte Verteidigungskriege zu verkaufen. Im heutigen Imperialismus wäre immer noch möglich gerechte nationale Kriege zu führen, da hat Klara Recht. Dies ist jedoch bei Russland nicht der Fall, denn Russland ist kein koloniales oder halbkoloniales Land, sondern im Gegenteil, denn Russland verteidigt sein Recht auf Einflusssphären, auch wenn es eine vorgebliche Neutralität der Ukraine anstrebt.

In Wirklichkeit handelt es sich nicht um einen gerechten, sondern um einen imperialistischen Verteidigungskrieg, der nichts anderes als ein imperialistischer Krieg ist, da es für uns unerheblich ist, wer zuerst schießt, welcher Imperialist angreift oder sich verteidigt.

Die Frage, ob das Land das Recht hat, sich selbst zu verteidigen, ist nach Lenin keine grundlegende Frage: „ „Das angegriffene Land hat das Recht, sich zu verteidigen“. Als ob das Wesen der Sache darin bestünde, wer zuerst angegriffen hat, und nicht darin, welches die Ursachen des Krieges sind, welche Ziele er hat und welche Klassen ihn führen!“52 Meiner Meinung nach müssen wir diese Ursachen und Ziele im aktuellen Krieg eingehend untersuchen und die von den Imperialisten beider Seiten vorgebrachten Vorwände nicht als gültig akzeptieren.

Hier geht es nicht wirklich um die Neutralität oder die Entnazifizierung der Ukraine, sondern darum, dass die russische Bourgeoisie die Ukraine in seinem ererbten Einflussbereich halten will. Aber die Einflusssphären sollten nicht als eine grobe ökonomische Reduktion verstanden werden. Der Fehler, Wirtschaft und Politik im Imperialismus zu trennen, wurde bereits von Lenin kritisiert.53

Wie ich bereits dargelegt habe hat der Imperialismus einen ökonomischen Inhalt und eine politische Form (die auch das ideologische und militärische umfasst). In diesem Sinne könnte man argumentieren, dass Russland die Ukraine in seiner Einflusssphäre nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus politisch-militärischen Gründen braucht. Doch diese politisch-militärischen Gründe sind völlig untrennbar mit den ökonomischen verbunden, da die Erhaltung des russischen bürgerlichen Staates nicht abstrakt notwendig ist, sondern für die kapitalistische Akkumulation im russischen Staat.

Die Folge von Klaras falschem Verständnis des Imperialismus, das mit unserer ideologischen Schwäche zu tun hat, ist der Verzicht auf die politische Unabhängigkeit des Proletariats, das nur zu bestimmen hätte, der Sieg welcher Regierung – in diesem Fall Russlands – für die Arbeiter der ganzen Welt die geringste Gefahr bedeutet.

Ein anderes falsches Verständnis des Imperialismus lässt sich bei dem Genosse Philipp finden. Da sehe ich zwei Hauptprobleme. Das erste teilt er mit Klara und es geht um die Opferung der Klasseninteressen des Proletariats für die der russischen Bourgeoisie: „Es handelt sich um eine konkrete, partielle und zeitweise Interessensüberschneidung zwischen der nationalen Bourgeoisie Russlands und dem Proletariat, nicht um eine Identität dieser Interessen“.54 Glücklicherweise schränkt Philipp die Interessensüberschneidung ein. Wer aber von dieser vermeintlichen Interessensüberschneidung profitiert, ist die russische Bourgeoisie, denn die vermeintlich gemeinsamen Interessen sind ihre, während die des Proletariats der Vaterlandsverteidigung geopfert werden müssen: „zu den Klasseninteressen der russischen Arbeiterklasse gehört aber auch ihr nationales Interesse nach der Sicherheit des Landes.“55 Ihr „nationales Interesse nach der Sicherheit des Landes“ ist nichts anderes als die altbekannte Vaterlandsverteidigung.

In der Auseinandersetzung mit Klara haben wir bereits gesehen, dass es sich zwar um einen Verteidigungskrieg handelt, aber nicht um einen gerechten sondern einen imperialistischen. Schauen wir uns eine andere Formulierung Lenins zu diesem Thema an: „Die Frage, welche Gruppe den ersten militärischen Schlag geführt oder als erste den Krieg erklärt hat, ist bei der Festlegung der Taktik der Sozialisten ohne jede Bedeutung. Die Phrasen von der Verteidigung des Vaterlandes, von der Abwehr eines feindlichen Überfalls, vom Defensivkrieg – usw. sind auf beiden Seiten reiner Volksbetrug“.56 Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die NATO der Hauptaggressor ist und Russland sich verteidigt, rechtfertigt das auch keinen Krieg.

Philipp erkennt zwar, dass Proletariat und Bourgeoisie in Russland entgegenstehende Interessen haben: „Die andere Seite – die Regierung der RF – ist nicht die Vertreterin des Interesses der Arbeiterklasse, der Standpunkt der Regierung der RF und der des Proletariats sind nicht identisch. Aber es gibt Überschneidungen und diese gilt es zu erkennen. Zum einen, um die Regierung gegebenenfalls dazu zu bewegen, diese wirklich durchzuführen, beispielsweise die Abwehr der Gefahr oder die Abhängigkeiten vom Westen und vom Rohstoffexport zu reduzieren. Und auch, um den Unterschied der Klasseninteressen richtig zu benennen und einen Weg für das Proletariat aufzuzeigen, für seine der nationalen Bourgeoisie entgegenstehenden Interessen zu kämpfen“.57 Wieso beschließt Philipp denn, wenn es widersprüchliche Interessen gibt, dass die des Proletariats geopfert werden müssen? Warum nicht andersherum, warum nicht die Interessen der Bourgeoisie der sozialistischen Revolution opfern? Nein, zuerst muss das Vaterland verteidigt werden und dann, in einer ungewissen und abstrakten Zukunft, wird das Proletariat für seine der nationalen Bourgeoisie entgegenstehenden Interessen kämpfen. Und alles nur, wegen der besonderen Lage des Staates, der von Zerstörung bedroht wäre.

Das objektive Interesse des Proletariats, der Kommunismus, ist in einem bürgerlichen Staat nicht mit dem Interesse der Bourgeoisie vereinbar. Wenn man von Überschneidungen von Interessen zwischen der russischen Bourgeoisie und dem russischen (oder dem internationalen) Proletariat im Krieg redet, wie Philipp und Klara machen, muss man ganz konkret sagen, wie der Krieg die Revolution in Russland vorantreibt, weil nur das das Klasseninteresse des Proletariats ist, ansonsten werden die Interessen der Bourgeoisie als die Interessen des Proletariats verkauft. Die strategischen Interessen des Proletariats dürfen für die gegenwärtige Situation nicht geopfert werden, sondern im Gegenteil, die gegenwärtige Situation muss genutzt werden, um die strategischen Interessen des Proletariats zu erreichen oder voranzubringen.

Das zweite große Problem, das ich in Philipps Argumentation sehe, sind seine nichtssagenden Vergleiche, die sich letztlich auf sein Argument der Äquidistanz zurückführen lassen. Man muss ihm dennoch zugestehen, dass er auch eine berechtigte Frage gestellt hat. Er fragt, was unter einem imperialistischen Krieg zu verstehen sei.58 Diese Frage ist sehr wichtig und ich werde später darauf zurückkommen. Die nichtssagenden Vergleiche, die ich erwähnt habe, sind folgende: die Frage ob die Angriffskriege der USA gegen Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, etc. ebenfalls so bezeichnet werden.59 Später sagt er, dass „die militärische Führung der Operation sich deutlich von den massiven Bombardements der NATO unterscheidet.“60 Dann stellt er die Frage, ob die Shanghai-Cooperation oder das ALBA genauso reaktionär wie die NATO sind.61

Es geht nicht um die Frage, ob andere Länder bzw. Bündnisse genauso reaktionär oder agressiv wie die NATO sind. Natürlich sind sie es nicht, aber das bringt uns bei der wissenschaftlichen Analyse der Situation in der Ukraine nicht weiter. Was die USA gegen Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, usw. gemacht hat, waren imperialistische Angriffe, aber das bringt uns auch nicht weiter.

Schließlich könnte man die gesamte Argumentation Philipps in seinem eigenen Satz zusammenfassen: „Für die Arbeiterklasse ist es wichtig, zu erkennen, dass es nicht zwei gleiche Seiten sind, sondern dass die eine viel gefährlicher, aggressiver und reaktionärer ist und nicht anders sein kann.“62 Es ist richtig, dass die NATO ein viel aggressiveres Bündnis mit einer viel größeren Bilanz an Zerstörungen und Tod ist. Seine Schlussfolgerung ist aber, dass wir deshalb nicht äquidistant sein können, sondern unterstützen müssen, was andere tun, denn, egal was sie tun, die NATO wird immer schlimmer sein. Damit ersetzt Philipp die Klassenanalyse durch eine moralische Position.

Aber wir können uns nicht auf die Seite des weniger aggressiven und gefährlichen Landes, des kleineren Übels, stellen. Das hieße, auf die ideologische und politische Unabhängigkeit des Proletariats zu verzichten.

Wie schon gesagt, die Vaterlandsverteidigung ist in einem Land wie Russland nicht gerecht. Und die Situation des Kampfes gegen den Faschismus durch ein imperialistisches Land ist einfach nicht Vergleichbar mit dem Zweiten Weltkrieg – das wäre Sophistik. Die Analyse, die mit der Frage der russischen Vaterlandsverteidigung oder des Faschismus in der Ukraine beginnt, verwirft die marxistische Grundlage für die Kritik des heutigen Imperialismus.

Ich kehre nun zur Frage nach dem sozial-politischen Charakter des Krieges zurück. Welche Klasse führt Krieg und wozu? Wer profitiert von diesem imperialistischen Stellvertreter-Krieg? Was sind die Interessen des Westens und Russlands in der Ukraine?

Philipp selbst hat in seinem Text indirekt erwähnt, worum es in dem Konflikt wirklich geht, zieht trotzdem eine falsche Schlussfolgerung aus der Situation:“Auch hier besteht eine deutliche Übermacht der USA und EU und sie müssen mit Mitteln der Spaltung, Aggression, faschistischer Kräfte, etc. vorgehen, um Länder wie die Ukraine aus ihren regionalen Zusammenhängen zu reißen und an sich zu binden. Die NATO und die EU wollen die Ukraine außerdem nur als Anhängsel im Sinne einer verlängerten Werkbank, um billige Arbeitskräfte auszubeuten und als Rohstofflieferanten, aber nicht als Konkurrenten mit eigener industrieller Basis.“63 Was könnte Philipps Satz bedeuten, wenn nicht, dass der Westen die Ukraine aus der Einflusssphäre Russlands in seine eigene ziehen will, und dass der Krieg, den Russland und der Westen in der Ukraine führen, daher ein Kampf um Einflusssphären, ein imperialisticher Krieg ist? Die „regionalen Zusammenhänge“ (Einflusssphären) beschränken sich aber natürlich nicht nur auf den wirtschaftlichen, sondern schließen auch den politisch-militärischen Bereich ein.

Der heutige Krieg und unsere Position dazu

Es ist klar, dass nicht Russland, sondern der Westen die Neuaufteilung anstrebt, Russland aber „seine“ Einflusssphären verteidigt. Der Westen macht das durch ihre wirtschaftliche und politische Vorherrschaft. Russland hat versucht, die Neuaufteilung durch die Politik zu stoppen. Als dies gescheitert war, musste Russland die Armee einsetzen. In diesem Fall zeigt sich auf unverfälschte Weise, wie Krieg Politik mit anderen Mitteln ist, denn was Russland mit der Politik nicht erreichen konnte, versucht es nun mit der Armee.

Und nun möchte ich auf die wichtige Frage von Philipp zurückkommen: Was ist unter einem imperialistischen Krieg zu verstehen? Lenin hat dazu etwas zu sagen:

„Wie kann man nun das „wahre Wesen“ eines Krieges erkennen, wie kann man es bestimmen? Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik. Man muß die Politik vor dem Krieg, die Politik, die zum Krieg geführt und ihn herbeigeführt hat, studieren. War die Politik imperialistisch, d. h., verteidigte sie die Interessen des Finanzkapitals, war sie eine Politik der Ausplünderung und Unterdrückung von Kolonien und fremden Ländern, dann ist auch der Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein imperialistischer Krieg. War die Politik eine Politik der nationalen Befreiung, d. h., war sie Ausdruck der Massenbewegung gegen die nationale Unterdrückung, dann ist der Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein nationaler Befreiungskrieg“.64

Die Vorkriegspolitik, die nicht auf die Diplomatie oder den Konflikt um die Ukraine reduziert werden sollte, war bereits eine Politik der Rivalität um Einflusssphären, die wahrscheinlich auf das Jahr 1991 zurückgeht, als es sicherlich der Westen war, der eine Neuaufteilung der Einflusssphären anstrebte, die Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR geerbt hatte. Russlands Politik der Eindämmung zum Schutz seiner Einflusssphären in Osteuropa war gescheitert, so dass es zu den Waffen greifen musste, sobald es sich dazu in der Lage sah.

Ein guter Beitrag zur Beantwortung der Frage des Krieges im heutigen Imperialismus in unserer Diskussion ist der des Genossen Patrick Honer: „alle Kriege, die aus der Logik des Imperialismus heraus entstehen, aus den Konflikten bei der Neuaufteilung der Welt, aus dem Drang nach Einflussgebieten, respektive dem Schutz der eignen Einflussgebiete und übervorteilten politischen und ökonomischen Beziehungen“.65 Natürlich muss die „Logik des Imperialismus“ als die Logik des heutigen Imperialismus verstanden werden: die Herrschaft der Monopole, die Reaktion nach innen und außen unter den aktuellen Bedingugen, die neuen imperialistischen Mächte, der Kampf um Einflusssphären, usw. Es geht nicht mehr in erster Linie um den Kampf um Kolonien (oder Halbkolonien) und die entsprechende Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts, sondern um die Aneignung neuer und den Schutz bestehender Einflusssphären, d.h. um die Neuaufteilung der Welt unter den Bedingungen nach dem Ende des revolutionären Zyklus. Das ist die Logik des Imperialismus von heute. Und die Kriege, denen diese Logik zugrunde liegt, sind imperialistische Kriege.

In diese Logik lässt sich auch der Krieg in der Ukraine einordnen. Es geht hier um einen imperialistischen Krieg, unabhängig davon, was die NATO und Russland als Grund verkaufen wollen.

Der Westen argumentiert, dass er die Ukraine in ihrem Kampf um Demokratie und Unabhängigkeit unterstützt. Das ist, wie wir alle wissen, eine gigantische Lüge. Der Westen will die Ukraine für seine Einflusssphären gewinnen und investiert dafür sehr viel. Denn wenn er gewinnt, erhält er neben den von Philipp erwähnten wirtschaftlichen Vorteilen für seine Monopole einen weiteren Stützpunkt gegen Russland und es würde sein Streben nach Hegemonie im postsowjetischen Raum vorantreiben. Aus diesem Grund unterstützt der Westen die Ukraine wirtschaftlich und militärisch.

Russland argumentiert, dass seine Sicherheit gefährdet sei, was ich nicht bezweifel, das ändert aber nichts an dem Charakter des Krieges. Wenn Russlands Sicherheit durch NATO-Truppen in der Ukraine bedroht ist, dann deshalb, weil Russland ein imperialistischer Konkurrent des Westens ist, in diesem Fall um die Ukraine. Russland will die Ukraine aus wirtschaftlichen, politischen und militärischen Gründen nicht aus seiner Einflusssphäre verlieren und führt deshalb die angebliche „Entnazifizierung“ der Ukraine durch, nur, weil ukrainische Faschisten dem Westen im Kampf um die Ukraine helfen. Wären sie pro-russische Faschisten, hätte diese „Entnazifizierung“ der Ukraine nie begonnen. Das zeigt, es geht um den Schutz der Interessen der russischen Bourgeoisie, nicht um die Entnazifizierung. Es ist klar, dass das russische Finanzkapital nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen zur Ukraine nicht verlieren will, sondern auch keinen weiteren westlichen Stützpunkt an der Grenze seines Staates wünscht.

Aber die alten imperialistischen Argumente sind uns bereits bekannt. Damals schrieb Lenin: „Verlogen, sinnlos und heuchlerisch ist alles Geschwätz vom Verteidigungskrieg oder von der Vaterlandsverteidigung seitens der großen Mächte (lies: der großen Räuber), die um die Weltherrschaft, um die Märkte und „Einflußsphären“, um die Unterjochung der Völker Krieg führen!“66

Die Situation ist offensichtlich widersprüchlich, denn obwohl die Ukraine wirtschaftlich immer noch stark mit Russland verbunden ist, steht sie politisch seit dem Putsch von 2014 auf der Seite des Westens. Und dieser Widerspruch, der sich im Krieg auflösen kann, muss noch eingehend analysiert werden. In diesem Zusammenhang muss übrigens die Bedeutung der Ukraine im Energie- und Nahrungsmittelsektor berücksichtigt werden.

Dem Beispiel Lenins folgend,67 geht es hier nicht darum, die russische Bourgeoisie des Friedensbruchs zu beschuldigen und die lange und beharrliche Vorbereitung des Krieges gegen Russland durch die atlantische Bourgeoisie zu verheimlichen. Natürlich bedroht die Osterweiterung des Westens den russischen bürgerlichen Staat. Dieser Beitrag ist keine Rechtfertigung für die EU-Füchsen. Der Krieg hat den deutschen Chauvinismus in seiner europäischen Form gestärkt. Das deutsche Finanzkapital, das den deutschen Chauvinismus formell ablehnt, macht sich denselben Chauvinismus zu eigen, allerdings abgedeckt in Europäismus. Auf diese Weise strebt die deutsche Bourgeoisie unter dem europäischen Banner nach der Eroberung von Einflusssphären. Wie wir bereits gesehen haben, bedeutet das nicht, dass das Proletariat die andere Bourgeoisie unterstützen muss. Es geht auch nicht darum, den russischen Imperialismus allein zu verurteilen oder eine äquidistante Haltung einzunehmen.

Es geht darum, eine kollektive wissenschaftliche Analyse zu erstellen, zu dem dieser Text beitragen soll. Ziel dieses Textes ist es, einen Beitrag zur Schaffung einer unabhängigen proletarischen Position zu leisten. Agitatorische Parolen können eine wissenschaftliche Analyse nicht ersetzen. Im Gegenteil: Parolen und Losungen können nur aus einer wissenschaftlichen Analyse abgeleitet werden. Wir müssen die Frage des Imperialismus klären. In diesem Prozess kann man keine Argumente abtun oder andere validieren, um eine „Äquidistanz“ zu vermeiden. Die Analyse muss ohne Angst vor den Ergebnissen durchgeführt werden, die sie hervorbringen könnte. Man sollte eine theoretische Diskussion durch Agitationsparolen nicht ersetzen.68 Andererseits können wir, politisch, nicht neutral sein, denn der Hauptfeind steht immer noch im eigenen Land.

Die Methode Lenins

Ein gemeinsamer Fehler der Methoden Klaras und Philipps besteht darin, dass sie versuchen, den Krieg mit der russischen nationalen Selbstverteidigung und dem ukrainischen Faschismus zu erläutern, d.h. mit denselben Gründen, die Putin in seiner Rede vom 9. Mai genannt hat. Wenn man diese Faktoren als die Ursache des Krieges betrachtet, wird die Klassenanalyse bestenfalls zu einem Zusatz, wenn nicht gar völlig überflüssig. Ihre Analyse beginnt mit den Nationen, nicht mit den Klassen, die nur oberflächlich zur Rechtfertigung von Positionen einbezogen werden. Deshalb machen sie am Ende das Proletariat für die Verteidigung des Vaterlandes verantwortlich.69 70

Lenins Methode ist genau umgekehrt. Die materialistische Analyse der Gesellschaft beginnt notwendigerweise mit den Klassen. Wenn die Klassen und ihre widersprüchlichen Interessen zuerst betrachtet werden, kann man verstehen, warum sie so handeln, wie sie handeln, und mit welchen Mitteln sie handeln. In diesem Fall, wie die Bourgeoisie ihren Staat für die Verfolgung ihrer Interessen einsetzt und wie das Proletariat seine kommunistische Partei für die Verfolgung seiner Interessen einsetzen sollte, die denen der Bourgeoisie entgegengesetzt sind. Wenn es keine kommunistische Partei gibt, die das macht, muss das Proletariat eine aufbauen.

Der Anfang für eine Klassenanalyse ist in der ökonomischen Basis zu finden, sonst verliert man sich in der Vielzahl der politischen Fakten, in denen kein Zusammenhang zu finden ist, wenn die Klassen ignoriert werden. Obwohl Philipp einige der jüngsten Ereignisse, die zum Krieg in der Ukraine geführt haben, zusammenfasst, gelingt es ihm nicht, das imperialistische Wesen des Konflikts zu erfassen, weil seine Analyse nicht von der objektiven Lage der Klassen in der historischen Entwicklung der letzten 30 Jahre ausgeht. Er versucht, die Klassen nachträglich und oberflächlich einzuschieben, indem er die angebliche Überschneidung von Interessen erfindet. Wie immer, gibt es ein Zitat von Lenin, welches es am besten erklärt:

„Denn der Beweis für den wahren sozialen oder, richtiger gesagt, den wahren Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht in der diplomatischen Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in der Analyse der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen kriegführenden Staaten. Um diese objektive Lage darstellen zu können, darf man nicht Beispiele und einzelne Daten herausgreifen (bei der ungeheuren Kompliziertheit der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens kann man immer eine beliebige Zahl von Beispielen oder Einzeldaten ausfindig machen, um jede beliebige These zu erhärten),sondern man muß unbedingt die Gesamtheit der Daten über die Grundlagen des Wirtschaftslebens aller kriegführenden Mächte und der ganzen Welt nehmen.“71

Und das ist genau die Art von Analyse, die wir in Bezug auf die aktuelle Situation durchführen müssen.

Abschließend möchte ich euch ein letztes Zitat von Lenin mit auf den Weg geben:

„Im gegenwärtigen imperialistischen Krieg, der durch die Gesamtheit der Verhältnisse der imperialistischen Epoche erzeugt wurde, d. h. kein Zufall ist, keine Ausnahme, keine Abweichung vom Allgemeinen und Typischen, sind die Phrasen von der Vaterlandsverteidigung Volksbetrug, denn dieser Krieg ist kein nationaler Krieg“.72

1Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 34).

2Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 270). Hervorhebung ist von mir.

3Ebenda (Seiten 270-271).

4Ebenda (Seite 206).

5Ebenda (Seite 203).

6Ebenda (Seite 206).

7Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 303).

8Lenin. Über die Junius-Broschüre (LW B22, Seite 315).

9Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 305).

10Lenin. Bürgerlicher und sozialistischer Pazifismus (LW B23, Seite 188).

11Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 267).

12Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 247).

13Ebenda (Seite 247).

14Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 306).

15Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 247).

16Ebenda (Seite 268).

17Lenin. Über den Separatfrieden (LW B23, Seite 125).

18Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 280). Hervorhebung ist von mir.

19Lenin. Der Fuchs und der Hühnerstall (LW B18, Seite 344). Bemerkung: Nowoje Wremja war die Zeitung der erzreaktionären Gutsbesitzer und oktobristischen Kaufleute, und Retsch die Zeitung der liberalen Kadetten-Partei.

20Friedensmanifest des Internationalen Sozialistenkongress, 1912.

21Lenin. Der afterkluge russische Radikale (LW B11, Seite 229).

22Lenin. Der Krieg und die russische Sozialdemokratie (LW B21, Seite 15). Hervorhebung ist von mir.

23Ebenda (Seite 17).

24Lenin. Die Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR (LW B21, Seite 150).

25Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 301).

26Lenin. Die Sophismen der Sozialchauvinisten (LW B21, Seite 174).

27Lenin. An die Kameraden, die in der Kriegsgefangenschaft schmachten (LW B23, Seite 359).

28Lenin. Einleitung zu den Resolutionen der siebenten gesamtrussischen Konferenz der SDAPR (LW B24, Seite 307).

29Lenin. Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution (LW B24, Seite 50).

30Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 316).

31Lenin. Über die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Krieg (LW B21, Seite 274).

32Lenin. Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution (LW B24, Seite 50).

33Stalin. Der Oktoberumsturz und die nationale Frage (SW B4, Seite 145).

34Lenin. Aus dem philosophischen Nachlass (Seiten 69-71)

35Lenin. Der Zusammenbruch der II. Internationale (LW B21, Seite 211).

36Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 247)

37Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 27).

38Stengl, A. Chinas Neuer Imperialismus (2021).

39Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 14). https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/imperialismus-krieg-und-die-kommunistische-bewegung/

40Ebenda (Seite 7).

41Ebenda (Seiten 18-19).

42Lenin. Die Sophismen der Sozialchauvinisten (LW B21, Seite 175).

43Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 35-40).

44Lenin. Über die Junius-Broschüre (LW B22, Seite 315). Hervorhebung ist von Lenin.

45Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 39).

46Ebenda.

47Lenin. Die russischen Südekums (LW B21, Seite 107).

48Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite 9).

49Lenin. Sozialismus und Krieg (LW B21, Seite 301). Hervorhebung ist von mir.

50Lenin. Offener Brief an Boris Souvarine (LW B23, Seite 202).

51Ebenda (Seite 200).

52Ebenda (Seite 203).

53Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 34).

54Kissel, P. Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland (Seite 1). https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-kritik-am-joint-statement-und-zur-nato-aggression-gegen-russland/

55Ebenda (Seite 8).

56Lenin. Die Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR (LW B21, Seite 148).

57Kissel, P. Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland (Seite 9).

58Ebenda (Seite 3).

59Ebenda.

60Ebenda (Seite 33).

61Ebenda (Seite 7).

62Ebenda (Seite 9).

63Ebenda (Seite 4). Hervorhebung ist von mir.

64Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 23).

65Honer, P. Von Bildern, imperialistischen Ländern und Schiedsrichtern (Seite 7). https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/von-bildern-imperialistischen-laendern-und-schiedsrichtern/

66Lenin. Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale (LW B21, Seite 448). Hervorhebung ist von mir.

67Lenin. Die russischen Südekums (LW B21, Seite 106).

68Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 59).

69Kissel, P. Zur Kritik am „Joint Statement“ und zur NATO-Aggression gegen Russland (Seite 8).

70Bina, K. Imperialismus, Krieg und die kommunistische Bewegung (Seite7).

71Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (LW B22, Seite 194). Hervorhebung ist von mir.

72Lenin. Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ (LW B23, Seite 21).

Gründe und Folgen des Ukraine-Kriegs

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Zur Widerlegung einiger unhaltbarer Behauptungen bezüglich des Krieges

Diskussionsbeitrag von Thanasis Spanidis und Rudy Vermelho

In der Diskussion um den Krieg in der Ukraine kamen in den letzten Wochen aus den Reihen der KO bestimmte Auffassungen zum Vorschein, bei denen sich wohl viele von uns verwundert die Augen gerieben haben: Auf einer theoretischen Ebene wird nun unsere mit guten Argumenten entwickelte Imperialismusanalyse grundsätzlich infrage gestellt. Diese Kontroverse ist die wichtigste, da jede Parteinahme für das heutige kapitalistische Russland letzten Endes auf tiefgreifende weltanschauliche Irrtümer in Fragen der Strategie und Imperialismustheorie zurückgeht.

Gleichzeitig wird aber auch auf der Ebene der konkreten Politik der imperialistische Krieg Russlands mit einer Reihe von Behauptungen gerechtfertigt, die sich so oder ähnlich auch der russischen Propaganda entnehmen lassen. Das spricht im Prinzip noch nicht dagegen, dass sie trotzdem auch wahr sein könnten. Nun sind sie aber aus unserer Sicht nicht nur unwahr, sondern stehen auch in einem sehr offensichtlichen Widerspruch zur Realität.

Während die Diskussion um das korrekte marxistische Imperialismusverständnis an anderer Stelle geführt werden muss[i], soll es hier darum gehen, konkrete Behauptungen, die zur Rechtfertigung des imperialistischen Gemetzels in der Ukraine herangezogen werden, auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Der Artikel bezieht sich auf Behauptungen aus den Texten von Klara Bina, Philipp Kissel und Alexander Kiknadze. Während wir der Auffassung sind, dass die Wurzel des Problems in einem stark fehlerhaften Verständnis des Imperialismus bei den genannten Genossen liegt, wird auf der konkreten Ebene der Krieg der Russischen Föderation mit einer Reihe sehr weitreichender, aber dafür umso schwerer nachvollziehbarer Thesen legitimiert, verharmlost und beschönigt.

Alle drei Autoren stellen nämlich klar, welche Haltung sie zur russischen Invasion in der Ukraine einnehmen: Sie befürworten diese uneingeschränkt. Kritik wird nur bei Klara deutlich, allerdings lediglich „an der Halbherzigkeit und am Zuspätkommen des Einsatzes“.

Um die Invasion in der Ukraine irgendwie als legitime Verteidigungsmaßnahme zu deklarieren, führen die Genossen eine Reihe von Faktenbehauptungen an, die in ihrer Gesamtheit ein aus unserer Sicht völlig verzerrtes Bild zeichnen. Das Problem dabei ist, dass es vielen Genossen in der KO schwerfällt, zu bestimmten Detailfragen der politischen und militärischen Entwicklungen fundierte eigene Einschätzungen zu entwickeln und sie deshalb wohl tendenziell unterschätzen, wie sehr die Analysen von Klara, Philipp, Alexander und anderen daneben liegen. Um diese Fehleinschätzungen in einer auch für andere Diskussionsteilnehmer nachvollziehbaren Weise geradezurücken, werden wir sie uns nun Punkt für Punkt vornehmen.

Behauptung 1: „Der russische Einmarsch kam einem geplanten Angriff der NATO auf Russland zuvor“

Der Dreh- und Angelpunkt in Philipps Text ist die These, wonach die NATO kurz davor stand, Russland anzugreifen. Er behauptet: „Die RF war zu der Militäroperation gezwungen, um einen groß angelegten Angriff der NATO und Ukraine auf die Volksrepubliken und die Krim und damit im weiteren Verlauf einen möglichen Angriff auf die RF zu verhindern“. Diese These wird an mehreren Stellen in seinem Artikel wiederholt: „Eine direkte militärische Invasion der Volksrepubliken und der Krim ist das Ziel“; „Es ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt die Anstrengungen der NATO, den Angriff vorzubereiten und durchzuführen in eine neue Stufe getreten sind“. „komme ich zu dem Schluss, dass die Russische Föderation mit der Militäroperation in der Ukraine einem Angriff der Ukraine – unterstützt, bewaffnet und finanziert durch die NATO – auf die Volksrepubliken und die Krim, sowie eventuell im weiteren Verlauf eines Angriffs mehrerer NATO-Länder auf die RF, zuvorgekommen ist“. Philipp glaubt sogar zu wissen: „Dadurch konnte ein Zeitvorsprung von ca. ein bis zwei Wochen gewonnen werden“.

Diese Behauptungen sind äußerst weitreichend. Die Belege, die dafür angeführt werden, halten wir allerdings für ausgesprochen dürftig. An einer Stelle verweist Philipp zur Stützung seiner Behauptungen auf einen Artikel von Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung, allerdings belegt dieser keine von Philipps Thesen, vielmehr analysiert er den Konflikt zwischen der NATO und Russland als „gegenseitiges Hochschaukeln“[ii]. Philipp scheint der Überzeugung zu sein, dass das Nachzeichnen der Chronologie des Konfliktes und das Benennen aggressiver Handlungen des westlichen Imperialismus als konkreter Beleg für Angriffsplanungen ausreichend wäre. Dem ist nicht so, wie wir im Verlauf dieses Kapitels auch zeigen wollen.

Der einzige Punkt, den man als Beleg anerkennen könnte, ist die Nennung des von Selenskij unterzeichneten Dekrets zur Rückgewinnung des Donbass und der Krim. Es handelt sich hierbei um das Dekret 117/2021 vom 24. März 2021. Darin wird eine „Strategie zur De-okkupation und Reintegration der temporär besetzten Territorien der Autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol“ dargelegt, die durch eine Reihe von diplomatischen, militärischen, ökonomischen, informationellen, humanitären und anderen Maßnahmen das Ziel hatte, die territoriale Integrität der Ukraine wiederherzustellen[iii]. Beweist dieses Dekret wirklich, dass die Ukraine einen Angriff auf die Krim und damit auf Russland konkret geplant hatte?

Zunächst einmal sollte daran erinnert werden, dass die ukrainische Regierung zu keinem Zeitpunkt die Annexion der Krim durch Russland anerkannt hat und daher der ukrainische Anspruch auf „Reintegration“ der Halbinsel nichts Neues darstellte. Bedeutsam ist dabei, dass nun verschiedene Maßnahmen in Auftrag gegeben wurden, um dieses Ziel zu erreichen. Die Aufzählung unspezifizierter militärischer Maßnahmen als ein Unterpunkt neben anderen, u.a. auch diplomatischen, spricht nicht gerade dafür, dass es hier um die konkrete Planung eines offenen Krieges ging. Einen solchen Krieg zu beginnen, wäre für die Ukraine auch ohne Zweifel selbstmörderisch gewesen, denn zumindest auf der Krim wäre dieser Krieg ja unmittelbar ein Krieg zwischen der Ukraine und Russland geworden. Das militärische Kräfteverhältnis zwischen der Ukraine und Russland war (insbesondere vor dem Beginn der massiven Waffenlieferungen seit dem 24. Februar) hoffnungslos für die Ukraine, wenn es um einen ukrainischen Offensivkrieg gehen soll.

Vor allem aber, und das ist das Entscheidende, beweist es sicherlich keinen Plan der NATO, Russland anzugreifen. Genau das ist aber Philipps Behauptung. Er beschränkt sich nicht darauf, einen lokal begrenzten Krieg zwischen der Ukraine und Russland vorherzusagen, wobei die NATO ihrem Verbündeten Ukraine möglicherweise mit Waffenlieferungen unterstützt hätte. Ein solches Szenario scheint Alexander vor Augen zu haben, es bedeutet aber qualitativ etwas völlig anderes. Nein, Philipp behauptet, dass die dramatischste aller möglichen Entwicklungen eingetreten wäre, nämlich ein Weltkrieg zwischen der NATO und Russland.

Man sollte denken, dass ihm die Tragweite einer solchen Behauptung bewusst wäre und er sich daher eigentlich selbst in der Bringschuld sehen sollte, diese These besser zu belegen.  Da wir davon ausgehen, dass diese Behauptungen viele Genossen verwirren dürften und zudem dazu beitragen, durch absurde Schreckensszenarien die ganze Diskussion in eine unsachliche Richtung zu verschieben, wollen wir dennoch darauf eingehen. Diese These ist für Befürworter des momentanen russischen Krieges essenziell. Sie übernehmen damit die offizielle russische Propaganda, wonach Russland sich mit seiner Invasion in der Ukraine lediglich „zur Wehr setzen“ würde. Sicherlich kann man grundsätzlich infrage stellen, ob es richtig ist, einem imperialistischen Staat im Fall eines „Verteidigungskrieges“ die Solidarität auszusprechen – Lenins Position war dies keineswegs, wie nun schon oft anhand zahlreicher Zitate gezeigt wurde. Trotzdem macht die Behauptung des „Defensivschlags“ es schwieriger, den russischen Angriff eindeutig zu verurteilen. Für die konkrete Einordnung des Krieges macht es eben doch einen Unterschied, ob – wie behauptet – die Existenz des russischen Staates auf dem Spiel stand oder ob es sich nach den jahrelangen aggressiven Manövern der NATO nun schlicht um eine Gegen-Aggression Russlands handelt.

Wir greifen also die Behauptung Philipps deshalb hier auf, um sie auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Also: Wenn schon nichts für die These des bevorstehenden NATO-Angriffs angeführt werden kann, spricht denn umgekehrt etwas gegen diese These?

In den Beiträgen von Philipp, Klara und Alexander wird mit irreführenden und falschen Behauptungen ein Bedrohungsszenario konstruiert, nach dem die NATO nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den Willen habe, Russland in einem offenen Krieg mit konventionellen (oder auch nuklearen) Waffen zu besiegen. Den Genossen ist mit Sicherheit bewusst, dass Russland über ein substanzielles Arsenal nuklearer Gefechtsköpfe und Trägersysteme verfügt und zur Ausschaltung der nuklearen Zweitschlagfähigkeit somit ein massiver Enthauptungsschlag durch die NATO geführt werden müsste. Die Fähigkeit der NATO, einen solchen durchzuführen, resultiert ihrer Auffassung nach sowohl aus der Stationierung strategischer Trägerraketensysteme als auch von ABM-Systemen (Anti-Ballistic Missile) in Osteuropa. Erstere können einen Erstschlag durchführen, während letztere für die Abwehr der verbliebenen Zweitschlagfähigkeit zuständig sind. Während Philipp ein solches Szenario in näherer Zukunft für wahrscheinlich hält, sieht Alexander eher die Androhung der vollständigen Vernichtung als Mittel zur Durchsetzung der NATO-Interessen gegenüber Russland. Beides impliziert aber, dass die Möglichkeit zur vollständigen Enthauptung gegeben ist, denn keiner der beiden Genossen beschäftigt sich mit dem Szenario eines Gegenschlags, Alexander schreibt sogar von der „Verhinderung eines Zweitschlagszenarios“.

Wie ist also das nukleare Kräfteverhältnis tatsächlich, welche Systeme können nach dem öffentlich bekannten Stand der Dinge was leisten und was hat es überhaupt mit den Begriffen auf sich, mit denen hier um sich geworfen wird?

Alle nuklear bewaffneten Staaten der Erde besitzen zusammen geschätzte 13000 nukleare Gefechtsköpfe. Davon entfallen alleine ungefähr 48% auf Russland und 42,5% auf die USA. Nicht alle Gefechtsköpfe sind sofort einsatzbereit, beide Staaten besitzen um die 1800 Gefechtsköpfe, welche vollständig intakt sind, aber für die Demontage eingelagert wurden. Des Weiteren sind, durch die Ratifizierung und Verlängerung des New START Vertrags (New Strategic Arms Reduction Treaty) durch beide Staaten, „nur“ 1458 (Russland) bzw. 1389 (USA) strategische Sprengköpfe auf Raketen oder Bombern aufgestellt und damit unmittelbar einsatzbereit.[iv] Aufgrund fehlender Beschränkung von taktischen Atomwaffen durch Verträge ist die Zahl der einsatzbereiten taktischen Gefechtsköpfe und Systeme unbekannt. Die USA schätzen die Zahl der von Russland aufgestellten taktischen Nuklearwaffen auf 2000. Diese sind für das Szenario eines großangelegten Schlagabtauschs weniger relevant, ihr Zweck ist der Einsatz auf dem Schlachtfeld.[v] Dennoch liegt in ihrer Verbreitung eine besondere Gefahr, nämlich die mögliche „Versuchung“, einen Krieg durch einen begrenzten Atomwaffeneinsatz gegen lediglich militärische Ziele führen zu können, ohne eine massive Antwort des Gegners gegen eigene strategische Ziele zu provozieren. Im Falle eines ausgedehnten Atomkrieges ist natürlich sowieso auch mit dem massiven Einsatz taktischer Gefechtsköpfe zu rechnen. Ihre Vernichtung durch eine Enthauptung ist schon alleine durch die Unbekanntheit ihrer Zahl, Verbreitung und Orte ausgeschlossen.

Wie wir sehen, verfügt Russland also nach wie vor über die meisten Atomwaffen der Welt, trotz umfassender Abrüstung beginnend ab 1987 mit dem inzwischen durch die USA aufgekündigten INF-Vertrag. Angenommen, die NATO würde den besagten Enthauptungsschlag versuchen. Wäre es ihr dann möglich, durch die sogenannten ABM-Systeme einen Vergeltungsschlag mit den verbliebenen Raketen zu verhindern?

Raketenabwehrsysteme bestehen aus einem Netz von Radaranlagen und Raketenstellungen. Auf Seiten der NATO ist zu unterscheiden zwischen dem GMD-System (Ground-Based Midcourse Defense System) und Systemen wie „Patriot“, „THAAD“ oder dem „Aegis Combat System“.

Das GMD ist das Hauptsystem zur Raketenabwehr in den USA. Es hat die Aufgabe auf die USA abgefeuerte ballistische Interkontinentalraketen im Weltraum abzufangen, bevor sie wieder in die Erdatmosphäre eintreten. Im Jahr 2018 bestand es lediglich aus 44 Abfangraketen, zusätzlich wird die Wahrscheinlichkeit einer einzelnen Abfangrakete ein einzelnes Ziel erfolgreich abzufangen mit lediglich 56% angegeben. Das System ist damit völlig ungeeignet einen massiven Schlag mehrerer hundert bis tausend ballistischer Flugkörper in relevantem Ausmaß zu beeinträchtigen, geschweige denn zu verhindern. Das System kann realistischerweise nur einen Vergeltungsschlag einer kleinen Atommacht wie Nordkorea mit einer Handvoll abgefeuerter Interkontinentalraketen abfangen und dies vermutlich auch nur teilweise[vi].

Patriot, THAAD und Aegis sind mobile Systeme. Ihre Stationierung in Osteuropa seit einigen Jahren dient zweifellos unter anderem dem Ziel, im Falle eines Atomkrieges mit Russland die russische Zweitschlagsfähigkeit (oder ggf. Erstschlagsfähigkeit) einzuschränken – d.h. die NATO soll dadurch in die Lage versetzt werden, ihre Atomraketen auf Ziele in Russland abzufeuern, ohne dass Russland gegen die europäischen Verbündeten der USA zurückschlagen kann. Der offensive und aggressive Charakter dieses „Abwehrschildes“ ist damit offensichtlich. Doch bedeutet das, dass der Atomkrieg gegen Russland aus NATO-Sicht wirklich „führbar“ wird und dabei die eigene Vernichtung vermieden werden kann? Auf einen nuklearen Schlag gegen die USA selber haben diese Systeme in Osteuropa kaum Einfluss. Um das zu erkennen genügt ein Blick auf den Globus und die Tatsache, dass Interkontinentalraketen tief in russischem Gebiet ins Weltall gestartet werden können, der maximale Einsatzradius von Systemen wie Patriot oder THAAD aber bei weniger als 200km liegt.[vii] Auch die reale Möglichkeit eine relevante Zahl von – geschweige denn alle – Raketen, die auf europäische Länder abgefeuert würden abzufangen ist definitiv nicht gegeben. Erstens ist die Zahl der eingesetzten Systeme viel zu gering. Beispielsweise wird das Patriot System von Deutschland, Griechenland, Spanien und Rumänien eingesetzt. Zukünftig soll es auch von Polen eingesetzt werden. Polen will 4 Einheiten mit insgesamt 16 Startfahrzeugen kaufen, bei 4 unmittelbar einsatzbereiten Raketen pro Startfahrzeug ergibt das eine Zahl von 64 Abfangraketen.[viii] Diese Zahl steht in keinem Verhältnis zu den einsatzbereiten nuklear bestückbaren ballistischen Raketen oder Marschflugkörpern Russlands. Zweitens ist die Erfolgsrate der Systeme bisher relativ gering. Das Patriot System hat zwar in der Zwischenzeit Upgrades unterlaufen, wurde aber bereits im Ersten Golfkrieg das erste Mal eingesetzt, als der Irak 88 ballistische Kurzstreckenraketen auf Saudi Arabien und Israel abfeuerte. Laut einer Aussage des MIT-Professors Postol und seines Kollegen Pedatzur von der Tel Aviv Universität vor dem US-Kongress 1992, erreichte das Patriot System eine Erfolgsrate von weniger als 10% beim Versuch diese einfach konstruierten, ballistischen Raketen abzufangen.[ix]

Die Performance des Systems bei aktuellen Konflikten wie dem Saudi Arabischen Krieg im Jemen lässt ebenfalls zu wünschen übrig. So konnten die sechs durch Saudi Arabien eingesetzten Patriot Bataillone beispielsweise im September 2019 nicht die kritische Ölinfrastruktur vor veralteten ballistischen Kurzstreckenraketen vom „Scud“-Typ beschützen.[x] Auch hochgepriesene moderne Systeme, wie der erst 2010 in Betrieb genommene israelische „Iron Dome“ erreichen Berichten zufolge geringe Abfangquoten.[xi]

Eine wesentlich größere Gefahr für den Erhalt der russischen Zweitschlagfähigkeit gegen Ziele in den USA, stellt das hochmoderne seebasierte Aegis System dar. Obwohl die USA große Anstrengungen unternehmen diese Raketen in hoher Stückzahl auf ihren Kriegsschiffen zu stationieren, liegt die Gesamtzahl der bereiten Raketen vermutlich unter 300. Die theoretische Fähigkeit mit den neuesten Raketen Interkontinentalraketen abzufangen wurde im November 2020, jedoch in lediglich einem einzigen Test, zwar demonstriert.[xii] Es gibt  keine Daten, wie das System im Einsatz abschneidet, aber die Auswertung der Tests schafft ernstzunehmende Zweifel an der Effektivität auch dieses Systems, selbst gegen potenzielle Gegner wie den Iran oder Nordkorea. Zahlreiche Gegenmaßnahmen können sowohl Erfassung als auch Zerstörung verhindern.[xiii]

Zu solchen Gegenmaßnahmen gehört die schon seit den späten 60er Jahren eingesetzte sogenannte MIRV-Technologie (Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle), welche es erlaubt auf einer ballistischen Rakete mehrere Gefechtsköpfe und Täuschkörper unterzubringen. Die Täuschkörper verfolgen den Zweck die Raketenabwehr des Gegners durch die hohe Zahl an unabhängigen Flugkörpern auszutricksen und zu überfordern, sodass diese die tatsächlichen Gefechtsköpfe nicht verlässlich abfangen kann. Rechnet man die Zahl der dadurch eingesetzten Gefechtsköpfe, ob reale Bedrohung oder nur Täuschung, gegen die verfügbaren Abwehrraketen auf, wird klar, dass die potenzielle Fähigkeit einen massiven Atomschlag abzufangen noch deutlich sinkt. Zusätzlich wurden in den 80er Jahren die sogenannten MARV (Maneuverable Reentry Vehicle) entwickelt und aufgestellt, welche durch zufällige und unberechenbare Ausweichmanöver zusätzlich die Raketenabwehr erschweren. Wir sehen also: Entgegen der Vorstellung von Alexander und Philipp ist es absolut nicht trivial, einen feindlichen Angriff mit Atomraketen zu verhindern. Solche Raketen auf ihrer Flugbahn abzuschießen ist technisch äußerst schwierig, zumal seit Jahrzehnten große Anstrengungen unternommen werden, um genau dies weiter zu erschweren. Auch die USA sind dazu bisher, trotz aller Anstrengungen, nur in geringem Maße in der Lage.

Die also faktisch nicht vorhandene Sicherheit gegenüber ballistischen Raketenangriffen wird zusätzlich durch neuere Entwicklungen von sogenannten Hyperschallraketen unterlaufen. Diese bewegen sich mit Geschwindigkeiten von über Mach 5 durch die Atmosphäre und sind damit weniger vorhersehbar als die Trajektorie einer ballistischen Interkontinentalrakete, welche sich auf einer elliptischen (oder abgesenkten) Flugbahn durch den Weltraum mit anschließendem Wiedereintritt in die Atmosphäre bewegt.[xiv] Interessanterweise findet in Philipps Beitrag lediglich die angebliche Stationierung von Hyperschallraketen in Osteuropa durch die NATO Erwähnung. Um welche Systeme es sich dabei handeln soll, in Anbetracht der Tatsache, dass sich solche Waffen auf Seiten der NATO nur in einem experimentellen Stadium befinden, bleibt offen. Auch wird verschwiegen, dass Russland und China bei dieser Technologie weit voraus sind und bereits solche Waffen im Einsatz haben.[xv]

Nicht zuletzt ist ein nicht unerheblicher Teil der strategischen nuklearen Waffen auf U-Booten stationiert, deren Ort dem Gegner im Idealfall völlig unbekannt ist, welche über lange Zeiträume unabhängig operieren, über lange Zeit in den Tiefen verbleiben können und von denen aus atomare Schläge mit minimaler Vorwarnzeit möglich sind. Es ist praktisch unmöglich diesen Teil der nuklearen Abschreckung zu „enthaupten“.

Die Entwicklung und Verbreitung neuer, zielgenauer U-Boot-gestützten Atomwaffen veranlasste die UdSSR in den 80er Jahren das „Perimeter“-System zu entwickeln, da die Gefahr bestand, dass, wenn die NATO zu der Überzeugung gelangt die sowjetische Führung durch einen präzisen Erstschlag vollständig ausschalten zu können, sie diesen auch real erwägen würde. Das System stellt durch teilweise automatische Systeme sicher, dass selbst in diesem Fall die Fähigkeit zur nuklearen Vergeltung aufrecht erhalten bleibt und ein Gegenschlag durchgeführt wird.[xvi] Mutmaßlich ist dieses System nach wie vor für Russland im Einsatz, wie der Oberbefehlshaber der russischen strategischen Raketentruppen Karakajew 2011 bestätigte.[xvii]

Zusammengefasst: Ein atomarer Angriff gegen Russland wäre reiner Wahnsinn und sicherlich nicht im Interesse des westlichen Imperialismus. Wie sieht es dagegen mit einem konventionellen Angriff der NATO auf Russland aus?

Auch ein solcher Krieg wäre aus Sicht der NATO in höchstem Maße irrational und selbstmörderisch. Führen die Imperialisten Kriege, um sich selbst und die ganze Welt zu vernichten oder um ihre strategischen Ziele zu erreichen? Offensichtlich ist letzteres ist der Fall. Der Krieg ist, wie Carl von Clausewitz sagte, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Bei einem Krieg mit Russland gibt es für die westlichen Imperialisten nicht viel zu gewinnen und alles zu verlieren. Zu gewinnen gäbe es möglicherweise Zugeständnisse Russlands oder, was unwahrscheinlich ist, Gebietsabtretungen – all das aber nur unter zwei durchaus zweifelhaften Voraussetzungen: Erstens, dass der Krieg auf der konventionellen (d.h. nicht-atomaren) Ebene verbleibt und zweitens, dass die NATO einen konventionellen Krieg auf russischem Boden gewinnen würde. Eine Schwächung Russlands ist auf anderem Wege sehr viel billiger und risikoärmer zu haben: Durch wirtschaftliche Sanktionen, das Schüren von Krisenherden an Russlands Grenzen, die Verwicklung Russlands in ein Wettrüsten, das es nicht gewinnen kann usw. Weil das die aus westlicher Sicht weitaus sinnvolleren Optionen sind, sind es auch – im Gegensatz zum herbeiphantasierten NATO-Angriffskrieg – die Optionen, die der Westen wählt.

Doch die Annahme, dass ein Angriff auf Russland keinen atomaren Vergeltungsschlag nach sich ziehen würde, ist ohnehin höchst gewagt. Die Sowjetunion hatte explizit in ihrer Nukleardoktrin auf Erstschläge verzichtet und selbst bei existenzieller Bedrohung des Staates versichert nur konventionell zu antworten. Erst ein atomarer Schlag des Gegners hätte eine atomare Antwort der Sowjetunion hervorgerufen.[xviii] Mit dem Ende der Sowjetunion hat Russland diese Selbsteinschränkung aufgegeben. In der finalen Fassung der neuen Doktrin aus dem Jahr 2010 behält sich Russland das Recht vor Atomwaffen einzusetzen. Einerseits als Antwort auf die Benutzung von nuklearen Waffen oder anderen Massenvernichtungswaffen gegen Russland oder seine Verbündeten durch den Gegner. Andererseits auch bei einer Aggression durch konventionelle Waffen, welche die Existenz des Staates bedroht.[xix] Die durch den Genossen Alexander herbeibeschworene „faktische“ Gefährdung der Existenz Russlands durch die Ukraine würde also, wenn sie denn tatsächlich real wäre, einen nuklearen Erstschlag Russlands im Sinne der russischen Doktrin erst rechtfertigen können. Ganz zu schweigen von einer großangelegten NATO-Offensive auf russisches Territorium. Die NATO-Strategen würden also ihre Offensive in dem Wissen planen, dass ihr Erfolg höchstwahrscheinlich zu vernichtenden atomaren Schlägen gegen die Länder der NATO führen würde.

Was ist die Schlussfolgerung aus all diesen militärischen Details? Ein Atomkrieg mit Russland würde auch für den Westen vernichtende Gegenschläge und ein Ausmaß an Zerstörung bedeuten, das es in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat. Die USA wären, wenn sie den Krieg in irgendeiner Form als Staat überleben würden, keine Supermacht mehr, vermutlich auch keine Großmacht, sondern eine atomare Wüste mit Dutzenden Millionen Toten, verstümmelten und verstrahlten Menschen. Für Europa würde dasselbe gelten. Als unangefochtene Supermacht bliebe in dem Fall allein China.

Doch nicht einmal die Nichteinmischung Chinas kann als garantiert angesehen werden. Denn Russland und China sind Verbündete im Rahmen der SCO (Shanghai Cooperation Organisation). Seit dem Beitritt Indiens und Pakistans zur SCO umfassen die Staaten des Bündnisses fast die Hälfte der Weltbevölkerung. Über die Entwicklung und Rolle der SCO im imperialistischen Ringen muss zukünftig dringend mehr geforscht werden.

Der Eintritt Chinas in einen Atomkrieg und insbesondere auch in einen konventionellen Krieg würde eine erhebliche Verschiebung der Kräfteverhältnisse zugunsten Russlands bedeuten. China besitzt das personell stärkste Militär[xx] und die zahlenmäßig größte Kriegsflotte der Welt.[xxi] Es ist nach den USA das Land mit den höchsten Militärausgaben.[xxii] Obwohl sich die militärische Zusammenarbeit der SCO Länder offiziell hauptsächlich auf „Anti-Terror“-Operationen beschränkt, wurden die gemeinsamen militärischen Aktivitäten der SCO in den letzten Jahren umfassend ausgebaut. Seit 2003 wurden mehr als 24 (Stand 2018) gemeinsame Militärübungen durchgeführt, an denen jeweils mehrere Tausend Soldaten teilgenommen haben.[xxiii] Solche „Kriegsspiele“ großen Ausmaßes dienen wohl kaum der gemeinsamen „Terrorabwehr“, sondern vielmehr der Schaffung eines Militärbündnisses in Konkurrenz zur NATO. Sie finden zwar nicht in direkter Nachbarschaft zu den USA statt (im Gegensatz zu den NATO-Manövern, die bewusst in geografischer Nähe Russlands abgehalten werden), doch sicherlich können sie von Verbündeten der USA in der Region wie Japan, Südkorea und Australien ebenfalls als Bedrohung ihrer Sicherheitsinteressen interpretiert werden. Um einen möglichen Einwand vorwegzunehmen: Die SCO ist selbstverständlich nicht ohne Widersprüche. Indien hat sowohl mit Pakistan als auch China ungelöste Grenz- und Territorialkonflikte, obwohl alle drei Staaten Vollmitglieder der SCO sind. Ähnliches gilt allerdings auch für die NATO, bekanntlich sind mit Griechenland und der Türkei zwei NATO-Mitgliedsländer immer wieder (bei der türkischen Invasion Zyperns 1974, in den 90ern bei der Imia-Krise und in den letzten Jahren erneut) haarscharf an einem Krieg vorbeigeschrammt. All das ändert nichts daran, dass NATO und SCO die beiden wichtigsten und sich im Wesentlichen in Rivalität gegenüberstehenden Militärbündnisse der Welt sind.

Bezeichnend ist, dass Philipp die Militärübungen der russischen Seite zwar benennt, aber sogleich betont, dass es reine NATO-Propaganda sei, diesen einen aggressiven Charakter zuzuschreiben – während er umgekehrt jede noch so kleine Aktion der NATO als Beleg für ihre Angriffsplanungen wertet. In höchst irreführender Weise spricht Philipp von 2022 geplanten Angriffsoperationen der NATO gegen Russland und Weißrussland, obwohl es sich in Wirklichkeit „nur“ darum handelte, in den Manövern einen möglichen Krieg mit Russland zu simulieren. Es wäre wichtig, besser darauf zu achten, wie objektive Fakten wahrgenommen werden, ansonsten wird eine objektive wissenschaftliche Untersuchung eines so heiß umstrittenen Themas kaum gelingen.

Es entspricht auch gar nicht der aktuellen geopolitischen Strategie der USA, in Europa einen extrem gefährlichen Krieg mit Russland vom Zaun zu brechen, der im „besten“ Fall, d.h. in dem Fall, dass er auf der konventionellen Ebene bleibt, über längere Zeit einen Großteil der Streitkräfte und Ressourcen der USA binden würde. Der Hauptrivale der USA im zwischenimperialistischen Ringen ist nicht Russland, sondern die VR China. Spätestens mit der Ausrufung des „pazifischen Jahrhunderts“ durch die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton im Jahr 2011 ist die Verlagerung des „Engagements“ der USA in den Indo-Pazifischen Raum klare Strategie und der Öffentlichkeit bekannt.[xxiv] Das gibt auch Alexander zu, offenbar aber ohne die Implikation zu erkennen, dass diese Tatsache alleine bereits gegen die behaupteten Angriffspläne der NATO auf Russland spricht.

Hinzu kommt allerdings noch ein weiteres schwerwiegendes Gegenargument, das ebenfalls für sich genommen ausreichen würde, um große Zweifel an den Behauptungen der Genossen zu wecken: Es ist äußerst zweifelhaft ob ein Krieg der NATO gegen Russland überhaupt operativ durchführbar wäre bzw. was seine Aussichten wären, nicht in einem völligen Debakel für die NATO zu enden.

Wie sieht das militärische Kräfteverhältnis in Osteuropa konkret aus? Dafür hilft es wenig, die Truppenstärke aller NATO-Länder zu addieren und dann der Armee der Russischen Föderation gegenüberzustellen. Die Truppen der USA und in geringerem Maße auch anderer NATO-Staaten sind zum Teil auf der ganzen Welt verstreut und in anderen Kriegen gebunden. Doch auch für Kontingente, auf die dies nicht zutrifft, gilt, dass es kaum möglich wäre, riesige Truppenverbände von Hunderttausenden oder Millionen Soldaten innerhalb weniger Tage und Wochen ins Baltikum oder nach Osteuropa zu verlagern und zu versorgen.

Konkret standen im Januar 2022 laut Medienberichten in den NATO-Verbänden 4000 Soldaten in Polen und im Baltikum und weitere 4000 in Rumänien und Bulgarien. Hinzu kommen natürlich die regulären Truppen der genannten Länder: Polen und die drei baltischen Republiken verfügen zusammengenommen über eine aktive Mannstärke von weniger als 150.000 Soldaten. Die russischen Streitkräfte umfassen eine aktive Personalstärke von 850.000 Mann[xxv]. Bei Panzern, Artillerie oder Flugzeugen liegt das Stärkeverhältnis gegenüber Russland zwischen 1:10 und 1:20. Bei Kriegsschiffen ist es noch deutlich schlechter. Insgesamt haben die USA 74.000 Truppen in Europa stationiert, allerdings sind nicht alle davon im aktiven Dienst und die meisten davon nicht in Osteuropa[xxvi].

Vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine stand die NATO lediglich im Baltikum, genauer gesagt in Lettland und Estland, an der russischen Grenze. Hinzu kommen natürlich die Grenzen Litauens und Polens mit der Enklave Kaliningrad. In der Ukraine selbst waren und sind keine regulären Kampfverbände der NATO stationiert.

Der Vollständigkeit halber: Auf der anderen Seite der Welt liegen der russische Ferne Osten und Alaska sich ebenfalls gegenüber. Der militärische Sinn einer Invasion in diesem strategisch eher wertlosen und unwegsamen Gelände ist allerdings sehr zweifelhaft. Ein Angriff der NATO wäre also höchstwahrscheinlich aus dem Baltikum erfolgt (oder von Polen aus über Belarus). Nun muss man nur einmal die Landkarte ansehen: Die Versorgungslinien der NATO bei einem Krieg im Baltikum wären gelinde gesagt problematisch gewesen. Zwischen Belarus und Kaliningrad sind Polen und Litauen lediglich durch einen dünnen Grenzstreifen, die sogenannte „Suwalki-Lücke“ verbunden. Im Fall eines Krieges, der Belarus einbezieht, könnten russische und weißrussische Verbände möglicherweise in einem schnellen Schlag eine Brücke nach Kaliningrad herstellen und damit das gesamte Baltikum und alle dort stationierten Verbände einschließen. Die Versorgung dieser Truppen müsste dann über das baltische Meer erfolgen, wo Russland leicht die Lufthoheit erringen und feindliche Schiffe mit Antischiffsraketen effektiv und kostengünstig bekämpfen könnte. Die eingeschlossenen Verbände könnten kaum evakuiert werden und würden Gefahr laufen, schließlich von der lokalen russischen Übermacht aufgerieben zu werden. Doch selbst bei einem für die NATO günstigeren Verlauf des Krieges: In jedem Fall wäre es ein Krieg, den die NATO, sobald sie die Grenze überschreitet, auf feindlichem Gebiet kämpfen müsste, wobei sie den Nachteil schlechterer Ortskenntnis und einer feindseligen Zivilbevölkerung hätte, zusätzlich zu einer weitaus schlechteren Versorgung.

Ein offensiver Krieg mit mechanisierten und gepanzerten Verbänden, der Vorstöße ins feindliche Gebiet gestützt auf Luftüberlegenheit versuchen würde, benötigt zudem Unmengen an Treibstoff. Dies stellt ein weiteres schweres strategisches Hindernis eines solchen Krieges dar. Denn auch in Friedenszeiten können die europäischen Länder ihren Bedarf an Öl nicht ohne Russland decken, weshalb der Ölhandel bekanntlich trotz der Konfrontation in der Ukraine weiter läuft. 2022 beziehen die europäischen Länder mehr als ein Viertel ihres Rohöls aus Russland[xxvii]. In Kriegszeiten würde der Bedarf an Öl massiv ansteigen, die Abhängigkeit von Russland würde sich also noch viel stärker bemerkbar machen. Die USA sind zwar vom russischen Öl unabhängig, dies gilt allerdings nur auf ihrem eigenen Kontinent. Ein Krieg in Europa würde also enorme Öllieferungen über den Atlantik voraussetzen, was die Versorgungslinien wiederum verwundbar machen würde. Es ist völlig unklar, wie unter diesen Bedingungen aktuell ein Krieg gegen Russland möglich wäre, wenn Russland doch die Quelle eines erheblichen Teils des Treibstoffs ist, der für einen solchen Krieg benötigt wird. Offensichtlich ist dagegen, dass das deutsche Kapital es sich momentan noch nicht einmal leisten kann, auf die russischen Erdgasimporte zu verzichten, geschweige denn einen Krieg gegen das Land vom Zaun zu brechen, aus dem sie kommen. Zwar gibt es Bemühungen vieler westlicher Staaten, sich von den Öl- und Gasimporten aus Russland unabhängig zu machen, allerdings ist diese Unabhängigkeit noch lange nicht erreicht und es ist fraglich, ob es jemals vollständig dazu kommen wird. Schließlich haben auch die OPEC-Staaten ihre eigenen Interessen und folgen oftmals nicht den Bedürfnissen von USA und EU, wie sich auch an der aktuellen Weigerung einiger Staaten zeigt, ein Ölembargo gegen Russland mit umzusetzen[xxviii].

Nicht zuletzt spricht die offensichtliche Tatsache, dass die NATO nicht einmal bereit ist aktiv mit ihren Truppen in den jetzigen Krieg einzugreifen vollkommen gegen die These, die NATO habe einen Angriff auf Russland geplant. Ein Angriff von ukrainischem Territorium aus sollte also Philipp zufolge unmittelbar bevorstehen, aber die Ukraine gegen einen russischen Angriff verteidigen liegt außerhalb der Möglichkeiten oder des politischen Willens der NATO-Führung? Warum kündigte die NATO ihre militärische Nichteinmischung bereits vor der russischen Invasion an? Warum erteilt sie wiederholt dem Flehen der Ukraine nach einer Flugverbotszone klare Absagen? Wieso packt die NATO nicht die Gelegenheit beim Schopf und setzt ihren von langer Hand geplanten Angriff auf Russland nun in die Tat um? Warum stoßen keine NATO-Verbände vom Baltikum aus Richtung St. Petersburg vor? Wäre das gerade nicht der günstigste Moment dafür, wo Russland mit einem erheblichen Teil seiner einsatzfähigen Streitkräfte in einen verlustreichen Krieg an seiner Südwestflanke verwickelt ist? Warum hält die NATO sich bisher an ihre Aussage, keine Kampftruppen in die Ukraine zu schicken? Böten sich nicht auch dafür beste Voraussetzungen, um die russischen Verluste in der Ukraine in die Höhe zu treiben, um danach zur Gegenoffensive überzugehen?

Wäre das nicht der perfekte Auftakt zum geplanten Dritten Weltkrieg, bei dem man sich selbst auch noch als selbstloser Hilfeleister der bedrängten Ukraine präsentieren könnte?

Die Antwort auf all diese Fragen liegt doch auf der Hand: Die USA und der Großteil der NATO betreiben seit Jahren die Strategie, den Konflikt unterhalb der Schwelle des offenen Krieges mit Russland weiter köcheln und eskalieren zu lassen. Diese Strategie ist selbstverständlich brandgefährlich, weil es keine Garantie gibt, dass diese Schwelle infolge der Eskalation nicht doch überschritten wird. Das bedeutet aber nicht, dass dies das Ziel wäre.

Trotz aller dieser Widersprüche und unbeantworteter Fragen behauptet Philipp, der Angriff Russlands auf die Ukraine sei einem Angriff der NATO auf Russlands nur „ein bis zwei Wochen“ zuvorgekommen. Es findet sich in seinem Text keinerlei Beleg für diese doch wunderlich präzise Angabe. Nicht einmal die Behauptung des geplanten Angriffs selbst kann er beweisen. Die präsentierten Belege können nicht ansatzweise überzeugen. Es werden hauptsächlich NATO-Truppenverlegungen von wenigen tausend Soldaten angeführt, welche wohl kaum als Beweis für eine bevorstehende Invasion herhalten können. Ein Beispiel: Unmittelbar vor Beginn des Krieges verkündeten die USA am 12. Februar im Rahmen einer Übung angesichts der sich zuspitzenden Lage acht F-16 Kampfflugzeuge und 1000 Soldaten nach Rumänien verlegt zu haben. Einige Tage zuvor hatten sie bereits vier F/A-18 verlegt und 8500 Soldaten in erhöhte Bereitschaft versetzt um schnell verlegt werden zu können.[xxix] Wer da behauptet, dass es sich um konkrete Angriffsvorbereitungen handelt, der vergisst 1. dass zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 100.000 russische Soldaten an der russisch-ukrainischen Grenze massiert waren[xxx] und 2. dass die NATO beispielsweise vor ihrem Angriffskrieg gegen den Irak im Jahr 1991 2700 (!) Flugzeuge zusammengezogen hatte.[xxxi] Glaubt die NATO wirklich, dass Russland ein wesentlich schwächerer Gegner als der Irak ist? Diese riesige Diskrepanz ist wohl eher damit zu erklären, dass es sich bei der Verlegung um reine Symbolpolitik gehandelt hat, welche zwar – wie jede Truppenverlegung und jedes Manöver an der Grenze Russlands – ein Akt der Aggression ist, aber von einer konkreten Angriffsvorbereitung weit entfernt ist. Dass nach dem Beschluss der russischen Duma die „Volksrepubliken“ anzuerkennen und der damit einhergehenden Zuspitzung zusätzliche Soldaten verlegt wurden, dürfte auch niemanden wundern. In diesem Fall war es aber die NATO, die auf einen aggressiven Schritt Russlands reagiert hat.

Wir denken, dass wir ausreichend Fakten angeführt haben, um die Absurdität der These eines NATO-Angriffskrieges gegen Russland offengelegt zu haben. Wenn Genossen weiterhin an dieser Behauptung festhalten wollen, sind sie hiermit dazu aufgefordert, unsere Argumente zu widerlegen und endlich stichhaltige eigene Argumente für ihre These ins Feld zu führen.

Behauptung 2: „Russland hatte keine Alternative zur Invasion in der Ukraine“

Eine weitere Behauptung der Genossen besteht darin, dass Russland keine Optionen übrig blieben außer der, die „militärische Spezialoperation“ zu beginnen. So schreibt z.B. Klara: „Russland musste meiner Ansicht nach in diese „Falle“ gehen und versucht noch trotz der schlechten Gesamtsituation das Bestmögliche herauszuholen, eine Alternative zum jetzigen militärischen Vorgehen hatte Russland nicht. Für diejenigen, die das nicht verstehen wollen: die Unterwerfung ist keine Alternative und es ist entweder naiv zu glauben, dass ein Land sich wehrlos unterwerfen würde oder es ist reiner Chauvinismus die Unterwerfung als Alternative zu bezeichnen“.

Im Gegensatz zum Genossen Philipp, der konkrete Angriffsvorbereitungen der NATO auf Russland sieht, vertritt Genosse Alexander die These, dass die NATO nicht auf eine direkte Konfrontation mit Russland aus ist. Stattdessen sollte Russland durch einen Angriff der Ukraine auf das Donbass mit nur indirekter NATO-Unterstützung in eine offene militärische Auseinandersetzung gezwungen werden. Dass solche Pläne im Geheimen existiert haben könnten ist natürlich nicht vollständig auszuschließen. Es erschließt sich allerdings nicht, inwiefern das einen „Präventivschlag“ Russlands rechtfertigt, insbesondere nachdem die Erlässe zur Anerkennung der beiden „Volksrepubliken“ am 21. Februar in Kraft getreten und russische Truppen an die Kontaktlinie verlegt wurden. Hätte Russland nicht, wenn die Angriffsplanungen real waren, einen ukrainischen Angriff abwarten und erst dann zurückschlagen können? Damit hätten die russischen Truppen zwar für eine gewisse Zeit die Initiative verloren, es ist jedoch schwer vorstellbar, dass die ohnehin deutlich unterlegene ukrainische Armee an einer seit 8 Jahren bestehenden Frontlinie signifikante Fortschritte bei einer Angriffsoperation gegen eingegrabene und vorbereitete russische Einheiten hätte erzielen können. Stark vereinfacht lautet die militärtheoretische Daumenregel, dass ein Angreifer eine Übermacht von 3:1 erzielen muss, um einen Gegner in vorbereiteten Positionen besiegen zu können. Das benötigte Verhältnis, um einen Gegner aufzuhalten bis zusätzliche Kräfte mobilisiert werden können wird sogar mit nur 1:6 zugunsten des Verteidigers angegeben.[xxxii] Zusätzlich hätte Russland mit einem von der Ukraine ausgehenden Angriffskrieg zumindest teilweise die moralische Oberhand gegenüber der Weltöffentlichkeit behalten, es wäre unnötig gewesen die Tatsache, dass Krieg geführt wird, mit lächerlichen Begriffen wie der „militärischen Spezialoperation“ zu verschleiern oder unsinnige Propagandabehauptungen zur Rechtfertigung des eigenen Handelns in die Welt zu setzen.

Auch das Argument, dass ein potenzieller NATO-Beitritt der Ukraine in ungewiss entfernter Zukunft eine „existenzielle Bedrohung“ für Russland ist, wird durch die Tatsache, dass der aktuelle Krieg kurzfristig zum NATO-Beitritt Finnlands und vermutlich auch Schwedens führt vollkommen ad absurdum geführt.[xxxiii] Bereits im Jahr 2008 erhielt die Ukraine auf dem NATO-Gipfel in Bukarest eine grundsätzliche Beitrittsperspektive durch Unterstützung der USA. Jedoch sprachen sich schon damals insbesondere Deutschland und Frankreich gegen einen Beitritt der Ukraine aus.[xxxiv] Diese Politik hat sich zumindest aus Sicht der deutschen Regierung über die Jahre nicht geändert.[xxxv] Diese Tatsache widerspricht auch der Vorstellung, dass nicht auch im imperialistischen NATO-Bündnis widersprüchliche Positionen und Interessen existieren. Finnland pflegte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs traditionell gute Beziehungen zur Sowjetunion und später Russland und blieb weitgehend neutral zwischen den beiden Blöcken[xxxvi]. Das lag im Interesse Russlands, denn seine geografische Lage macht Finnland zu einer besonderen potenziellen Bedrohung. Beide Länder teilen heute eine 1300km lange Grenze und die russische Millionenstadt St. Petersburg (ehemals Leningrad) ist weniger als 170km von der finnischen Grenze entfernt. Finnland ist nicht nur deswegen als weitaus wertvollerer Verbündeter für die NATO zu betrachten als die Ukraine: obwohl es nur ein Achtel der Bevölkerung hat, erwirtschaftet es ein 73% höheres BIP.[xxxvii] Dass Finnland auch ein politisch wesentlich stabileres Land ist, welches sich nicht seit acht Jahren im Bürgerkriegszustand befindet, braucht nicht weiter erläutert zu werden.

Ohnehin ist die Argumentation Klaras hier sehr problematisch: Sie rechtfertigt Russlands Krieg damit, dass die Alternative eine „Unterwerfung“ gewesen wäre. Was ist hier mit „Unterwerfung“ gemeint? Dass Russland, hätte es nicht die Ukraine angegriffen, zu einer „Kolonie“ des Westens geworden wäre? Das ist offensichtlich absurd, denn der russische Großmachtstatus hängt nicht primär davon ab, was im wesentlich schwächeren und ärmeren Nachbarland Ukraine passiert. Oder einfach nur, dass es einen Teil seiner geostrategischen Ziele nicht erreicht hätte? Falls das so gemeint war, mag das stimmen oder auch nicht. So oder so bedeutet Klaras Aussage dann aber einfach, dass sich die Arbeiterklasse mit den Interessen des russischen Imperialismus und der möglichst erfolgreichen Durchsetzung all seiner Pläne identifizieren soll. So wird Klara das wohl nicht gemeint haben – allerdings ist auch nicht klar, wie sie es sinnvollerweise gemeint haben könnte.

Behauptung 3: „Der Krieg ist objektiv im Interesse der Arbeiterklasse und verbessert ihre Kampfbedingungen“

In der ganzen Diskussion ist bisher auf Seiten der Kriegsbefürworter die Perspektive der Arbeiterklasse auf den Krieg in bezeichnendem Maße abwesend. Es wird abgelehnt, von einem zwischenimperialistischen Krieg zu sprechen, als Ursache für den Krieg werden lediglich auf einer Seite imperialistische Motive ausgemacht, auf der russischen Seite hingegen vermeintlich klassenübergreifende „Sicherheitsinteressen“. Dadurch eröffnen die Autoren sich die Möglichkeit, noch einen Schritt weiter zu gehen: Wenn der Krieg nicht imperialistisch ist, jedenfalls nicht von Seiten Russlands, dann könnte es sich ja um einen Krieg im Sinne der Arbeiterklasse handeln! Schließlich unterschied doch auch schon Lenin imperialistische Kriege von legitimen nationalen Befreiungskriegen.

Alexander behauptet: „Die Absetzung der ukrainischen Regierung und Entmilitarisierung des Landes ist in der Tat das Ziel der russischen Intervention. Dieses Ziel fällt in dieser konkreten Situation mit dem Interesse der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse zusammen.“. Auch Nasrin „möchte (…) die These aufstellen, dass die russische Militärintervention grundsätzlich sowohl im Interesse der ukrainischen wie auch der russischen Arbeiterklasse ist“.

Stimmt das? Ist der aktuelle Krieg, der von Alexander als „Intervention“ verharmlost wird, im Interesse der russischen und sogar der ukrainischen Arbeiterklasse?

Fangen wir mit letzterer an: Die ukrainische Arbeiterklasse hat bisher seit Beginn der russischen Invasion einen schwer abschätzbaren, aber sicherlich im Bereich einiger Tausend Leben liegenden Blutzoll entrichtet. Das betrifft zum einen einige Tausende gefallene Soldaten, auf der anderen Seite aber auch Zivilisten, d.h. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bombardements, Raketenangriffe und Feuergefechte ums Leben gekommen sind. Nach Angaben der UN waren bis zum 15. Mai knapp 3.700 zivile Todesopfer und fast 3.900 verwundete Zivilisten bestätigt. Der Großteil dieser Opfer war das Ergebnis von Beschuss durch schwere Artillerie, MLRS (Mehrfachraketenwerfer), Luft-Boden-Raketen oder Marschflugkörper. Sicherlich muss eine Dunkelziffer hinzuaddiert werden[xxxviii]. Westliche Medien zitieren zudem eine Vielzahl von Augenzeugen, die von Kriegsverbrechen russischer Truppen berichten. Da der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen sich schwer zu 100% überprüfen lässt und die Lage der ukrainischen Arbeiterklasse selbst ohne Berücksichtigung solcher Akte ohne Zweifel katastrophal ist, sollen sie hier aber außen vor gelassen bleiben.

Auch die russische Arbeiterklasse bezahlt den Krieg teuer mit Tausenden Leben von meist jungen Rekruten, die teilweise offenbar anfangs in den Krieg geschickt wurden, ohne dass ihnen der Charakter ihres Einsatzes bewusst war.

Nun könnte die Behauptung aufgestellt werden, dass sich durch den Krieg die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse – die ja nun wahrlich auch vor dem 24. Februar nicht gerade erfreulich waren – so stark verbessern werden, dass diese Todesopfer, so schrecklich sie auch sind, als notwendiges Übel in Kauf zu nehmen wären. Da wir davon ausgehen können, dass Alexander und anderen Befürwortern des Krieges die Schrecken dieses Krieges durchaus bewusst sein müssen, scheint dies in der Tat die intendierte Argumentation zu sein.

Welche Verbesserungen des Lebensstandards stehen der ukrainischen Arbeiterklasse also nach Beendigung des Krieges in Aussicht?

Erstens wird sicherlich die mögliche Absetzung des Regimes in Kiew genannt werden. Es handelt sich dabei zweifellos um ein reaktionäres, nationalistisches und autoritäres Regime, das repressiv gegen die Opposition vorgeht. Der zweite Punkt wird sicher dann die Beseitigung der faschistischen Banden sein, die seit acht Jahren Linke und Antifaschisten terrorisieren und im Krieg im Donbass eine verbrecherische Rolle gespielt haben. Drittens könnte man die Beendigung des Kriegs im Donbass nennen, der ebenfalls seit 2014 Tausende Todesopfer gefordert hat.

Nun ist es inzwischen sehr zweifelhaft, ob der Krieg mit einer Absetzung der Regierung in Kiew enden wird. Die Umgruppierung der russischen Truppen und der Abzug von der Nordfront spricht nicht dafür, dass das Ziel eines militärisch erzwungenen Regierungswechsels verfolgt wird. Offiziell wird dem auch widersprochen, so die Sprecherin des russischen Außenministeriums Sacharowa bereits am 9. März: Ziel sei „weder die Besetzung der Ukraine noch die Zerstörung ihrer Staatlichkeit noch der Sturz der aktuellen Führung[xxxix]. Doch selbst, wenn im Ergebnis des Krieges Russland tatsächlich eine neue Regierung einsetzen würde, inwiefern wäre eine prorussische Marionettenregierung aus Sicht der ukrainischen Arbeiterklasse wünschenswert? In Russland selbst geht die Regierung mit großer Härte gegen Antikriegsproteste vor. Das ist bereits an sich zu verurteilen. Es ist aber auch absurd zu glauben, dass diese Repressionen sich nicht in Zukunft auch gegen Kommunisten richten werden – jedenfalls gegen diejenigen Teile der russischen kommunistischen Bewegung, die den Burgfrieden mit der Regierung ablehnen und weiterhin internationalistische Standpunkte vertreten: Der Revolutionäre Kommunistische Jugendverband (Bolschewiki), die Jugendorganisation der Russischen Kommunistischen Arbeiterpartei, hat sich beispielsweise klar gegen den Krieg positioniert[xl]. Aber auch vier Duma-Abgeordnete der KPRF haben sich entgegen der Parteilinie öffentlich gegen den Krieg positioniert. Weitere lokale Abgeordnete sowie in einem „Appell der Kommunisten und Sozialisten gegen den brudermörderischen Krieg“ Hunderte Mitglieder, Lokalpolitiker und Sympathisanten der Partei haben es ihnen gleich getan[xli]. Für den Wiederaufbau einer internationalistischen, sich gegen den „roten Putinismus“ der KPRF-Führung stellenden kommunistischen Bewegung werden diese mutigen und prinzipientreuen Äußerungen in Zukunft wichtige Anknüpfungspunkte sein. Sie gegen Repressionen und bellizistische Stimmungsmache in Russland zu verteidigen ist Aufgabe der Kommunisten in Deutschland und auf der ganzen Welt. Doch zurück zum Krieg in der Ukraine:

Auf Grundlage welcher Fakten soll man davon ausgehen, dass ein Regierungswechsel hin zu einer prorussischen Marionettenregierung günstige Bedingungen für die Betätigung von Kommunisten schaffen würde? Eine solche Regierung wäre mit Sicherheit überall in der Ukraine, abgesehen vielleicht von einigen Gebieten im Osten und Süden des Landes, extrem unbeliebt und müsste sich mit repressiven Mitteln an der Macht halten. Sicherlich ganz und gar keine guten Bedingungen für die Entstehung einer unabhängigen Arbeiterbewegung, für Streiks und Kämpfe für bessere Lebensbedingungen.

Vermutlich läuft der Krieg aber auf ein anderes Ergebnis hinaus, nämlich auf eine territoriale Aufspaltung der Ukraine in einen bzw. mehrere Teile, die mit Russland verbündet bzw. von diesem abhängig sein werden oder wie die Krim direkt annektiert würden und eine Rumpf-Ukraine, in der die pro-westlichen und nationalistischen Tendenzen die Mehrheit hätten.

Die Gründung einer „Volksrepublik Cherson“ in der Südostukraine wäre beispielsweise ein solcher Schritt, möglicherweise als Vorbereitung auf eine spätere Annexion. Anhand der „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk lässt sich erahnen, dass dieses Szenario wohl kaum im Interesse der Arbeiterklasse wäre. Lagen die Anfänge der „Volksrepubliken“ noch in einem genuinen Volksaufstand, der sich u.a. gegen die faschistischen und nationalistischen Tendenzen des neuen Regimes in Kiew richtete, haben in diesen quasistaatlichen Gebilden sehr schnell prokapitalistische Kräfte die Führung übernommen, die den demokratischen Bestrebungen der Anfangszeit ein jähes Ende gesetzt haben. Der Lebensstandard der Bevölkerung sank aufgrund der wirtschaftlichen Isolation und des Krieges rapide. Die völlige politische und ökonomische Abhängigkeit der beiden Republiken von Russland erschwert den Klassenkampf für verbesserte Lebensbedingungen massiv – in der Tat stellt sich ja die Frage, worin letztlich die strategische Perspektive des Kampfes bestehen soll, wenn die beiden Republiken dauerhaft und vollkommen am Tropf Moskaus hängen. Anders als in der restlichen Ukraine ist die Betätigung von Kommunisten in Donezk und Lugansk zwar weiterhin erlaubt, allerdings wurde der Kommunistischen Partei der Volksrepublik Donezk die Teilnahme an den Wahlen untersagt – und das trotz ihrer russlandfreundlichen und sicherlich nicht konsequent revolutionären Haltung. Es gibt zahlreiche Indizien dafür, dass Machtkämpfe in Donezk und Lugansk immer wieder durch politische Morde „gelöst“ wurden. Alexej Mosgowoj, der beliebte Kommandant der bekannten Prisrak-Brigade der „Volksrepublik Lugansk“ wurde unter ungeklärten Umständen und nach wiederholten Mordversuchen und einem gescheiterten Anschlag im Mai 2015 ermordet. Mosgowoj hatte sich immer wieder kritisch zu den herrschenden Kreisen der „Volksrepublik“ geäußert, so z.B. zu den „Wahlen“ in den „Volksrepubliken“ am 2.11.2014: „In der gesamten Periode der Existenz unserer Republik und ihrer Regierung gab es genau genommen noch nichts Konstruktives. Nur die dumme Erfüllung der Wünsche einiger Herren. Das Gleiche ist es mit den anberaumten Wahlen. Ein Gelage in Zeiten der Pest. Nur eine Masse an Versprechen und schöner Losungen“[xlii]. Auch der spätere Kommandant der Brigade, Alexej Markow, der sich selbst als Sozialist verstand, kam unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall im Jahr 2020 ums Leben.

Eine Spaltung der Ukraine wäre zudem bereits an sich mit einer Verschlechterung der Kampfposition der Arbeiterklasse verbunden. Sie würde die Politik in allen Teilen weiter auf die Grundlage des ethnischen Nationalismus orientieren (auch mit negativen Konsequenzen für die kleineren Minderheiten wie Juden, Griechen oder Tataren). Sie würde die verschiedenen daraus entstehenden Splitterstaaten noch stärker von den beiden involvierten imperialistischen Polen machen (die NATO/EU, USA, Deutschland usw. einerseits, Russland andrerseits). Sie würde einen gemeinsamen Kampf der gesamten Arbeiterklasse der Ukraine auf Dauer unmöglich machen.

Diese Spaltung der Ukraine ist selbstverständlich nicht alleine Russland anzulasten. Es stimmt, dass es zuerst die NATO und von ihr geförderten Faschisten waren, die die Spannungen zwischen russisch- und ukrainischsprachigen Bevölkerungsteilen angeheizt haben. Doch der Krieg Russlands löst diese Situation nicht im Interesse der Arbeiterklasse, ganz im Gegenteil beteiligt Russland sich damit an der territorialen Aufspaltung des Landes und versucht, „seinen“ Anteil mit Gewalt zu vergrößern.

Der Krieg, die Verheerungen der Ukraine, die vielen Toten, die territoriale Spaltung, die nationalistische, teilweise faschistische Kriegspropaganda der ukrainischen Seite, aber auch der chauvinistische Nationalismus der russischen Seite – all diese Faktoren führen dazu, dass die Arbeiterklasse der Ukraine in extremem Maße nationalistisch verhetzt und für faschistische politische Kräfte empfänglich wird. Auch die Arbeiterklasse Russlands, des Donbass und der Krim werden durch den Krieg und die russische Kriegspropaganda sowie den großrussischen Chauvinismus, beispielsweise die Leugnung der nationalen Identität der Ukraine, nationalistisch aufgehetzt. Auch sie werden für reaktionäre politische Kräfte empfänglicher gemacht – dass immer wieder Bilder russischer Panzer oder Kriegsbefürworter mit sowjetischen Symbolen die Runde machen, sollte nicht zu der Illusion führen, den reaktionären nationalistischen und staatstreuen Charakter der Pro-Kriegs-Bewegung in Russland zu unterschätzen. Die prinzipienlose, opportunistische Positionierung der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation an der Seite der Kriegstreiber hat bisher diese Partei eher Sympathien in der Bevölkerung gekostet: Ihre Umfrageergebnisse sind von ca 22% Ende 2021 auf 14% Anfang Mai 2022 gefallen[xliii]. Da die Unterstützung des Krieges in Russland eine nationalistische und staatstragende Position ist, ist es nicht verwunderlich, dass sich damit keine Werbung für sozialistische Politik machen lässt.

In der Ukraine und in Russland ist also eine Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach rechts zu beobachten, die große Teile der Arbeiterklasse betrifft und die Handlungsspielräume der Kommunisten und der Arbeiterbewegung weiter einschränken wird.

Interessant und bezeichnend ist aber auch, dass die angebliche Verbesserung der Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in der Diskussion von Seiten der Kriegsbefürworter bisher rein politisch begründet wird. Ist nicht die Entwicklung des ökonomischen Lebensstandards auch Teil der Lebens- und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse? Sind Kommunisten nicht auch die konsequentesten Verteidiger der unmittelbar ökonomischen und sozialen Lebensinteressen der Klasse, weil die Klasse sich nur in diesem Kampf zur „Klasse für sich“ formieren kann?

An den Auswirkungen des Krieges auf den Lebensstandard der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse kann kein Zweifel bestehen: Sie sind ausgesprochen negativ. In Russland treffen die westlichen Sanktionen vor allem die werktätige Bevölkerung: Mehl und Zucker wurden bereits Tage nach Beginn der Invasion knapp, die Preise auf viele importierte Nahrungsmittel und Güter des täglichen Gebrauchs explodierten. Lebenswichtige medizinische Güter wie Insulin sind ebenfalls Mangelware[xliv]. Hinzu kommen die hohen ökonomischen Kosten des Kriegseinsatzes selbst, die der russische Staat ebenfalls über Steuereinnahmen finanzieren muss, die an anderer Stelle fehlen werden.

Schlimmer sind die Folgen für die ukrainische Arbeiterklasse: In den Kriegsgebieten, d.h. im Donbass, Kramatorsk, Mariupol, in der Südukraine in den Oblasts Cherson und Saporischje, im Nordosten, in Charkiw/Charkow und im Kiewer Oblast sind die Zerstörungen auch jetzt schon gewaltig, obwohl die russische Armee sicherlich nicht, wie es in der westlichen Propaganda behauptet wird, absichtlich möglichst große Schäden an der zivilen Infrastruktur anrichtet.

Machen wir uns einmal in Zahlen deutlich, was der Krieg für das Leben der ukrainischen Arbeiterklasse bedeutet: Bereits nach drei Wochen schätzte die UNO ein, dass die Kriegsschäden an der Infrastruktur 100 Mrd. US$ ausmachten. Diese Zahl muss inzwischen sehr viel höher sein und vermutlich einige Hunderte Milliarden US$ betragen – bei einer Wirtschaftsleistung der Ukraine von jährlich um die 150 Mrd. US$. Die UN schätzte zudem, dass bis zu 90% der ukrainischen Bevölkerung durch den Krieg in die Armut absinken könnten und bereits drei Wochen nach Kriegsbeginn das unmittelbare Überleben von etwa 30% der Bevölkerung von humanitärer Hilfe abhängig gewesen sei[xlv]. Die Flüchtlingsagentur der UNO (UNHCR) gibt an, dass bis zum 9. Mai 2022 fast sechs Millionen Ukrainer aufgrund des Krieges zur Flucht aus ihrem Land gezwungen wurden. Diese bereits gewaltige Zahl schließt wohlgemerkt nicht die zweifellos ebenfalls hohe Zahl an Binnenflüchtlingen ein, die innerhalb der Ukraine aus ihrer Heimat geflohen sind. Ebenso wenig werden Flüchtlinge mit der Nationalität von Nachbarländern gezählt, die aufgrund des Krieges in ihre Heimat zurückkehren[xlvi].

Solche Zerstörungen und humanitären Tragödien sind bei einem Luft- und Landkrieg, der von russischer Seite vor allem mithilfe überlegener Feuerkraft gewonnen werden soll und zumindest in den ersten Wochen auch Versuche zur Eroberung von Großstädten einschloss, schlicht unvermeidlich. Die Ukraine wird auch nach dem Krieg unter Schäden in mehrhundertfacher Milliardenhöhe leiden. Eine schwer abschätzbare Zahl von Menschen wird ihre Wohnung verloren haben. Auch nach dem Krieg wird das Land von nicht explodierter Munition übersät sein, die auch Jahre nach dem Friedensschluss zivile Opfer fordern wird. Zahllose Ukrainer werden hoffnungslos und resigniert ihr Land verlassen, der „brain drain“ wird die Wirtschaft des Landes noch stärker belasten. Kurz gesagt: Auf absehbare Zeit wird die Ukraine noch viel stärker als bisher das Armenhaus Europas sein. Es besteht kein Zweifel daran, dass allen voran die Arbeiterklasse unter diesen Belastungen leiden wird.

Verbessern sich zumindest die Kampfbedingungen der Kommunisten durch den Krieg? Auch das darf getrost bezweifelt werden. Der Krieg verstärkt in der Ukraine in ungeheurem Ausmaß den bestehenden Nationalismus und Russenhass. Diejenigen der ukrainischen Kommunisten, die sich hinter die russische Invasion gestellt oder diese nicht klar abgelehnt haben, werden auf Dauer als Handlanger der Invasoren und Besatzer diskreditiert sein.

Wenn wir versuchen, die konkreten Auswirkungen des Krieges auf die Lebens- und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse einzuschätzen, müsste all dies zumindest in ein Verhältnis zu den vermeintlich positiven Effekten der „Entnazifizierung“ gestellt werden. Stattdessen argumentiert Nasrin einfach so: In dem Krieg werden Nazis liquidiert, Nazis sind schlecht für die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse, ergo ist der Krieg gut für diese Kampfbedingungen. Leider funktioniert die Gleichung aber nicht so einfach. Sicherlich gibt es keinen Kommunisten oder aufrechten Antifaschisten auf der Welt, der für einen Neonazi des Asow-Regiments, der in Mariupol von einer russischen Rakete getroffen wird, eine Träne vergießt. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass ein Land in Schutt und Asche gelegt, vermutlich territorial aufgespalten, seine Bevölkerung umgebracht und die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen der Ukraine und der Region über Jahrzehnte vergiftet werden. Dabei handelt es sich um eine massive und strukturelle Verschlechterung der Lebens- und Kampfbedingungen. Es besteht kein Zweifel daran, dass der politische ebenso wie der sozial-ökonomische Nettoeffekt des Krieges für die Arbeiterklasse extrem negativ ist, selbst wenn im Verlauf der Kampfhandlungen einige Hundert Faschisten das Zeitliche segnen. Das muss erst einmal festgehalten werden, bevor wir uns den Vorwand der „Entnazifizierung“ noch genauer ansehen werden.

Behauptung 4: „Der Krieg dient der Entnazifizierung der Ukraine“

Diese These wird vor allem in Nasrins Beitrag ausgearbeitet und begründet, aber auch andere Genossen stellen ähnliche Behauptungen auf. Nasrin schreibt: „Die Militärintervention öffnet nicht nur Handlungsspielräume für die Bevölkerung in den Volksrepubliken, sondern bedeutet für sie, sowie für alle antifaschistischen Kräfte in der Ukraine eine massive Verbesserung ihrer momentanen Kampfsituation. Gerade jetzt kann die Intervention auch von der russischen Arbeiterbewegung genutzt werden, um auch eine antifaschistische Offensive in Russland voranzutreiben, Druck auf die russische Regierung ausüben, die Forderung nach Denazifierung nicht auf die Ukraine zu beschränken, sondern z.B. Nazis in Russland in den Blick zu nehmen, usw.“

An diesen Ausführungen ist einiges bemerkenswert. Erstens die befremdliche und bereits widerlegte Behauptung, durch das militärische Vorgehen gegen einige faschistische Verbände in der ukrainischen Armee würde sich die Kampfsituation der Arbeiterklasse insgesamt verbessern.

Zweitens das Verständnis von Entnazifizierung, das hier deutlich wird. Während die KO bisher immer darauf gepocht hatte, dass ein Vorgehen gegen Faschisten letztlich nur dann wirksam ist, wenn es die gesellschaftlichen Grundlagen des Faschismus beseitigt, wird „Antifaschismus“ hier im Kern auf „Nazis töten“ reduziert. Was ist eigentlich aus unseren früheren Aussagen geworden, wonach in Nachkriegsdeutschland lediglich die SBZ bzw. DDR eine wirkliche Entnazifizierung durchgeführt haben, weil nur sie die Grundlagen des Nazismus wirklich beseitigten? Oder unserer Analyse, wonach eine Bekämpfung von Nazis, die nicht die gesellschaftlichen Grundlagen des Faschismus angreift oder überhaupt nur thematisiert, ineffektive Symptombekämpfung bleibt?

Drittens die Vorstellung, man könnte ausgerechnet im Kontext eines russischen Krieges, vor dem Hintergrund umfassender nationalistischer Mobilisierung und eines sehr viel repressiver werdenden politischen Klimas in Russland die Situation „taktisch ausnutzen“, um die russische Regierung zu einer Entnazifizierung Russlands zu drängen. Wie könnte das in der Realität aussehen? Anscheinend folgt Nasrin der Vorstellung, die Bevölkerung in Russland würde den Krieg tatsächlich primär aus antifaschistischen Motiven unterstützen, sodass es eine antifaschistische Mobilisierung gäbe, die man nun ausnutzen könnte. Selbst dann wäre es natürlich keine korrekte Position für Kommunisten, der irregeleiteten Stimmung der Massen zu folgen und einen Krieg reaktionären Charakters gutzuheißen. Aber wie sieht die Stimmung im russischen Volk tatsächlich aus? Es ist bekannt, dass bei Umfragen eine große Mehrheit der Russen ihre Unterstützung für den Krieg aussprechen: Nach einer Umfrage unterstützen 53% das Vorgehen der Streitkräfte eindeutig und 28% gaben an, dass sie es „eher“ unterstützen[xlvii]. Dabei ist es schwierig, zwischen einem irregeleiteten Antifaschismus einerseits, der wirklich an die „Entnazifizierungs“-Propaganda glaubt, und offenem Chauvinismus und Eroberungsphantasien andrerseits zu trennen. Ein großer Teil der russischen Bevölkerung ist offenbar so nationalistisch aufgehetzt und blind für geopolitische Realitäten, dass er eine dauerhafte Besetzung oder Annexion der Ukraine befürwortet oder zumindest für bedenkenswert hält. Bei einer Umfrage, die kurz vor Kriegsbeginn stattfand, waren nur 43% eindeutig dagegen, die Ukraine mit Waffengewalt an Russland anzuschließen, während 36% diese Option sogar klar befürworteten[xlviii]. Die Unterstützung eines Eroberungskrieges des russischen Imperialismus ist offensichtlich etwas ganz anderes als die berechtigte Sorge über den Faschismus in der Ukraine. Es ist daher völlig unklar, woher die Einschätzung kommt, es gebe aktuell ein fortschrittliches Klima, das man ausnutzen könnte. Sicherlich ist es positiv, dass ein großer Teil des russischen Volkes den Faschismus ablehnt und die Erinnerung an die Sowjetunion hochhält. Aber daran kann man nicht anknüpfen, indem man die verlogene Instrumentalisierung dieser Stimmungen für die Kriegsziele des russischen Imperialismus unterstützt, sondern ganz im Gegenteil nur dadurch, dass man den reaktionären Charakter der russischen Bourgeoisie und ihres Staates aufzeigt und die Verlogenheit ihrer Propaganda entlarvt.

Vor allem aber muss über den Charakter des russischen Staates und der Kräfte, die in seinem Auftrag kämpfen, gesprochen werden. Bei vielen Linken und Kommunisten scheint die irrige Vorstellung vorzuherrschen, das heutige, kapitalistische Russland hätte gewisse Eigenschaften der Sowjetunion nicht völlig aufgegeben und wäre irgendwie noch Repräsentant der antifaschistischen und antiimperialistischen Traditionen. Mit der Realität hat all das leider nichts zu tun. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Konterrevolution in ausnahmslos allen ehemaligen Sowjetrepubliken und Ländern des Warschauer Vertrags einem Vormarsch der schwärzesten Reaktion Bahn gebrochen hat. Die Rehabilitierung von Faschisten, die antikommunistische Verfälschung der Geschichte, der positive Bezug auf die reaktionärsten historischen Traditionen ist alles andere als ein Spezifikum der Ukraine – all das findet sich in der einen oder anderen Form auch in den baltischen Ländern, in Polen und Ungarn, den ehemaligen jugoslawischen Republiken, Rumänien, Zentralasien und eben auch in Russland. Die Russische Föderation war nach dem Ende der Sowjetunion bemüht, lediglich in solchen Punkten an die sowjetische Symbolik anzuknüpfen, wo man deren Gehalt in ein „patriotisches“ großrussisches Narrativ einordnen konnte. Vor allem die Armee als Rückgrat des russischen Großmachtstatus hat deshalb die revolutionären Symbole (wie den roten Stern, das jährliche Gedenken zum 9. Mai usw.) in Teilen beibehalten. Der Staat selbst zeigte aber recht deutlich, wo er seine historischen Anknüpfungspunkte sieht: Die rote Fahne mit Hammer und Sichel als Symbol der Arbeiter- und Bauernmacht wurde ersetzt durch die weiß-blau-rote Trikolore des Russischen Zarenreiches, die im Russischen Bürgerkrieg von der konterrevolutionären Weißen Armee und im Zweiten Weltkrieg teilweise auch von der sogenannten Wlassow-Armee, also russischen Kollaborateuren der Nazis, verwendet wurde. Das Staatswappen Russlands zeigt den Adler der Zaren mit der Zarenkrone und ein Bild des heiligen Georg, als Zeichen für die positive Anknüpfung an das Zarenreich und die Orthodoxe Kirche.

Die Geschichte der Sowjetunion wird in instrumenteller und äußerst selektiver Weise eingesetzt: Als Teil der Geschichte Russlands als Großmacht, obwohl die Sowjetunion sich explizit nicht als russischer Staat, sondern als Staat aller Nationalitäten auf seinem Territorium verstand. Die positiven Gefühle, die ein Großteil des russischen Volkes mit der UdSSR verbindet, werden auch im Ukrainekrieg ausgenutzt, etwa indem man russischen Soldaten gestattet, die rote Fahne auf ihren Fahrzeugen oder eingenommenen Gebäuden zu hissen. Dies hat offenbar auch einige westliche Linke verwirrt, die darin ein Zeichen für einen fortschrittlichen Charakter des Krieges zu sehen glauben. Sicherlich ist es eine richtige und wichtige Frage, wie die prosowjetische Stimmung in der Bevölkerung von Kommunisten genutzt werden kann – die Unterstützung eines reaktionären imperialistischen Krieges ist allerdings sicherlich nicht die Antwort.

Entsprechend der antikommunistischen Staatsräson der Russischen Föderation wird auch der Anspruch der russischen Staatsführung auf Einfluss in der Ukraine begründet. Die Ukraine sei „integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte, unserer Kultur, unseres geistigen Raums. (…) Die heutige Ukraine wurde voll und ganz und ohne jede Einschränkung von Russland geschaffen, genauer: vom bolschewistischen, kommunistischen Russland. Dieser Prozess begann im Grunde gleich nach der Revolution von 1917. Lenin und seine Mitstreiter gingen dabei äußerst rücksichtslos gegen Russland selbst vor, von dem Teile seiner eigenen historischen Gebiete abgetrennt und abgestoßen wurden“, so Putin drei Tage vor Beginn der russischen Invasion. Die Nationalitätenpolitik der Bolschewiki, den kleineren Nationen Selbstbestimmung und Autonomie zu verleihen, war nach Putin „nicht nur einfach ein Fehler, sie waren, sozusagen viel schlimmer als ein Fehler“. In einer Rede, in der es eigentlich um den Konflikt im Donbass und zwischen Russland und der Ukraine geht, verwendet Putin einen großen Teil seiner Redezeit, um die angebliche „künstliche“ Erschaffung von Nationalitäten wie der Ukraine durch die Bolschewiki anzuprangern, durch die verschiedene nationale Gruppen erst auf die Idee gekommen seien, sich vom russisch dominierten Staat zu trennen. Putins Schlussfolgerung kann daher nicht überraschen: „Eine Überwindung des Kommunismus wollt Ihr? Alles klar, vollkommen einverstanden. Aber dann bitte nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Wir zeigen euch gerne, was eine echte Überwindung des Kommunismus für die Ukraine bedeutet.“ [xlix]. Dass Putin neben der „Entnazifizierung“ auch die „Entkommunisierung“ der Ukraine als Ziel benannt hat, wurde in den westlichen Medien aus offensichtlichen Gründen verschwiegen. Sie ist jedoch sehr ernst zu nehmen: Aus dem Kontext von Putins Rede ergibt sich, dass es dabei nicht nur darum geht, die Erinnerung an den Kommunismus auszulöschen, was ja von den ukrainischen Autoritäten bereits betrieben wird, sondern darum, die Ergebnisse der Leninschen Nationalitätenpolitik, d.h. konkret die Existenz einer unabhängigen Ukraine, letzten Endes infrage zu stellen.

Ein Anfang April erschienener Artikel der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti treibt Putins Aussagen noch weiter auf die Spitze. Darin wird offen ausgesprochen, dass die vermeintliche „Entnazifizierung“ eine dauerhafte russische Besatzung sowie das Ende einer eigenständigen nationalen Identität der Ukrainer bedeute. „Die Entnazifizierung kann nur vom Sieger durchgeführt werden, was voraussetzt, dass er (1) die unbedingte Kontrolle über den Entnazifizierungsprozess hat und (2) die Macht, diese Kontrolle zu gewährleisten. In dieser Hinsicht kann das entnazifizierte Land nicht souverän sein“. Und: „Der Name ‚Ukraine‘ kann offensichtlich nicht als Bezeichnung für ein vollständig entnazifiziertes Staatsgebilde auf einem vom Naziregime befreiten Gebiet beibehalten werden. (…) Die Entnazifizierung wird unweigerlich eine Ent-Ukrainisierung sein – eine Absage an die von den sowjetischen Behörden eingeleitete künstliche Aufblähung der ethnischen Komponente der Selbstidentifikation der Bevölkerung“. Dann wird recht offen über eine territoriale Aufteilung der Ukraine gesprochen, wobei auch die Westukraine dauerhaft unter russischer Besatzung bleiben soll: „Eine Russland feindlich gesinnte, aber zwangsneutrale und entmilitarisierte Ukraine, in der der Nationalsozialismus formell verboten ist, wird dahinter zurückbleiben. Russlandhasser werden dorthin gehen. Eine Garantie dafür, dass diese Rest-Ukraine neutral bleibt, sollte die Androhung einer sofortigen Fortsetzung der Militäroperation sein, wenn die aufgeführten Anforderungen nicht erfüllt werden. Dies würde wahrscheinlich eine ständige russische Militärpräsenz auf dem Territorium des Landes erfordern“[l].

Während in Russland bereits die Vokabel „Krieg“ für den in der russischen Staatspropaganda als „militärische Spezialoperation“ verharmlosten Krieg verboten ist und Kritik an diesem in den Medien nicht vorkommt, bekommt ein rabiater, anti-ukrainischer Nationalismus darin ein Forum geboten und gehört damit zum zugelassenen Meinungsspektrum darüber, was mit der Ukraine zukünftig zu tun sei.

An dieser Stelle muss man sich bereits fragen: Kann ein Krieg, der mit offenem Nationalismus und Chauvinismus begründet wird, die „Entnazifizierung“ eines Landes bewerkstelligen? Bietet er einen günstigen Nährboden für eine „antifaschistische Offensive“, wie Genossin Nasrin behauptet, oder vielleicht vielmehr für die explosionsartige Ausbreitung nationalistischer Stimmungen in der Bevölkerung?

Angesichts der überwiegend reaktionären historischen Bezugspunkte der Russischen Föderation kann man bereits die Frage stellen, mit welcher Glaubwürdigkeit ein solcher Staat sich den Kampf gegen den Faschismus auf die Fahnen schreiben kann. Doch zum Verhältnis der Regierung Putins gegenüber dem Faschismus kann noch einiges mehr gesagt werden.

Bekannt sind die durchaus freundlichen Beziehungen Putins zu Ideologen der extremen Rechten wie Alexander Dugin und Alexander Solschenizyn. Solschenizyn, der im Westen wegen seiner hervorstechenden Rolle als antikommunistischer Geschichtsfälscher immer noch gefeiert wird, war ein Unterstützer der faschistischen Franco-Diktatur in Spanien[li]. Vor allem aber stellte er sich in den 2000er Jahren auf die Seite Putins, den er für den Schutz der russischen Staatlichkeit gegen westliche Unterwanderungsversuche lobte. Die russische Administration belohnte ihn mit der Verleihung eines Staatspreises und Präsident Putin besuchte den greisen Solschenizyn in dessen Wohnung, um ihm mitzuteilen, dass ihre Vorstellungen über den zukünftigen russischen Staat sich in Übereinstimmung befänden. Was damit gemeint war: Die geteilte Überzeugung, dass Belarus und die Ukraine wieder zum russischen Staat gehören müssten und die orthodoxe Kirche ein zentraler Pfeiler der russischen Kultur sei[lii].

Alexander Dugin gilt als persönlicher Freund und Berater Putins, dessen Denken erheblichen Einfluss auf die weltpolitische Konzeption der russischen Regierung hat. Dugin kann als der führende zeitgenössische Theoretiker der extremen Rechten Russlands bezeichnet werden. Sein zentrales Theorem ist die „eurasische Idee“, d.h. die Befürwortung eines von Russland dominierten Großraumes „Eurasien“, das sich kulturell vor allem im Gegensatz zur „westlichen Welt“, also zum Liberalismus und zur „Globalisierung“ sieht, die den Zusammenhalt der Nationen untergraben würden. Auch der Sozialismus wird selbstverständlich abgelehnt. Die ideologischen Bezugspunkte des „Eurasismus“ von Dugin sind u.a. Alain de Benoist, wichtigster Vorreiter der Neuen Rechten, der faschistische Rassentheoretiker und Mussolini-Sympathisant Julius Evola und der als „Kronjurist des Dritten Reiches“ bezeichnete Carl Schmitt[liii].

Zu den Ideologen, auf die Putin sich während der letzten 20 Jahre in seinen Reden häufig explizit berufen hat, gehört auch Iwan Iljin. Der Adlige Iljin war einer der führenden intellektuellen Unterstützer der „weißen“ Konterrevolution im Russischen Bürgerkrieg und später bekennender Faschist. In der Machtübertragung an Hitler sah er einen „Akt der Erlösung“. Allerdings orientierte er sich in den folgenden Jahren stärker an anderen faschistischen Diktatoren wie Mussolini und Salazar, deren enges Bündnis mit der Kirche ihm mehr zusagte. In Russland findet seit Jahren eine schleichende Rehabilitierung Iljins statt: Nachdem Iljins Schriften in der Sowjetunion jahrzehntelang verboten waren, wurden 2005 seine sterblichen Überreste gemeinsam mit denen des Oberkommandierenden der Weißen Armee Anton Denikin nach Russland überführt und in Moskau bestattet. Iljins zentrales Werk „Unsere Aufgaben“ wurde 2014 vor der Annexion der Krim an alle höheren Beamten und Regionalgouverneure der Russischen Föderation versandt und zur Lektüre empfohlen. Iljins Traum war der eines traditionalistischen Führerstaates in Russland, der sich offensiv gegen alle ausländischen Versuche zur Destabilisierung und Zerstückelung zur Wehr setzt. Darin liegt sein Wert für die heutigen russischen Kapitalisten und ihre Regierung[liv].

Die Regierung Putins nutzt Fragmente verschiedener Ideologien für ihre Ziele, wo sie diesen dienlich sind. Das Ziel ist die Konzeptualisierung eines starken imperialistischen Russlands, dessen im Inneren verbindende Ideologie sich im Wesentlichen auf die Bejahung eines „starken Staates“ und der russischen Identität stützt, die wiederum v.a. durch die orthodoxe Religion und das Slawentum definiert wird. Dafür werden auch positive Bezüge auf bestimmte Aspekte der sowjetischen Geschichte aufgenommen, bei gleichzeitig scharfer Ablehnung der sozialistischen Oktoberrevolution selbst, der die Destabilisierung des russischen Staates vorgeworfen wird (oft verbunden mit dem geschichtsrevisionistischen Narrativ, Lenin sei „deutscher Agent“ gewesen). Vor allem aber werden auch die Vordenker der weißen Konterrevolution, des russischen Faschismus und der „Neuen Rechten“ dafür herangezogen.

Auch zur Durchsetzung außenpolitischer Ziele nutzt der russische Staat seit Langem faschistische Kräfte. Bekannt geworden ist die „Wagner-Gruppe“, eine paramilitärische Organisation, die von dem Neonazi Dmitri Utkin gegründet wurde und seitdem in verschiedenen Konflikten die Interessen des russischen Staates vertreten hat. Beispielsweise hat die Wagner-Gruppe in der Zentralafrikanischen Republik im Bürgerkrieg interveniert und die dortige Regierung stark von Russland abhängig gemacht. In Syrien hat die Gruppe ebenfalls auf Seiten der Regierung operiert und sich ansonsten vor allem auch im Donbass einen Namen gemacht, wo seit Beginn russische Söldner mit faschistischer Gesinnung auf Seiten der „Volksrepubliken“ gekämpft haben. Utkin wurde für seine Dienste gegenüber dem russischen Staat mehrfach mit dem Tapferkeitsorden ausgezeichnet.

Doch nicht nur die Wagner-Gruppe beweist, dass die russische Regierung kein grundsätzliches Problem mit Faschisten hat, sondern lediglich ein Problem mit antirussischen Faschisten. Schließlich steht z.B. der russische Verbündete Kasachstan der Ukraine, was die Rehabilitierung des Faschismus angeht, kaum nach. Die dortigen Faschisten sind ebenso antirussisch wie die ukrainischen. Kasachische Faschisten unterdrücken die russische Minderheit im Land, u.a. mit „Sprachpatrouillen“, die sich gegen jeden richten, der in der Öffentlichkeit Russisch spricht. Auch in Kasachstan haben extreme Nationalisten und Faschisten hohe Staatsämter inne, beispielsweise Staatssekretär Jerlan Karin, ein Unterstützer der europäischen Neuen Rechten und der türkischen Grauen Wölfe. Die Regierung arbeitet seit Jahren daran, die Turkestan-Legion der Wehrmacht und die muslimischen Einheiten der SS zu rehabilitieren, die im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion im Vernichtungskrieg zur Partisanenbekämpfung eingesetzt wurden[lv]. In Kasachstan ist – ebenso wie in der Ukraine – die Kommunistische Partei verboten und wird massiv verfolgt, Gleiches gilt für die Sozialistische Bewegung Kasachstans. Auch die Gewerkschaften werden verfolgt und Arbeiterkämpfe mit blutigen Repressionen überzogen, wie beim Zhanaozen-Massaker 2011, wo viele Arbeiter von den Staatsorganen getötet und weitere verletzt worden. Beim Arbeiteraufstand vom Januar 2022 wurden über 200 Menschen getötet, zum großen Teil ebenfalls durch staatliche Repressionen.

Das kasachische Regime war somit (mindestens bis zum Beginn der russischen Invasion) eher noch repressiver gegen die Arbeiterbewegung und die Kommunisten und auch kaum weniger profaschistisch als das ukrainische. Trotzdem unterhielt die russische Führung mit dem Regime von Kassym-Jomart Tokajew gute Beziehungen im Rahmen der Organisation des Vertrages für Kollektive Sicherheit (OVKS). Sie startete keine „Militäroperation“ zur „Entnazifizierung“ in Kasachstan, vielmehr schickte sie auf Geheiß der kasachischen Regierung ihre Soldaten, um das Regime im Kampf gegen den Arbeiteraufstand zu stützen. Während die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) in der Ukraine den Kampf der russischen Streitkräfte gegen den Faschismus propagiert, hieß sie in Kasachstan den OVKS-Einsatz zur Stützung des reaktionären und arbeiterfeindlichen Regimes gut. Im ersten Fall wird der Krieg für notwendig erklärt, um eine arbeiterfeindliche Diktatur zu stürzen, während im anderen Fall eine arbeiterfeindliche Diktatur unterstützt wird, um einen (angeblich drohenden) Krieg zu verhindern. Daher liegt wohl der Verdacht nahe, dass es der KPRF in Wirklichkeit nicht um den Kampf gegen Nazis, sondern um die Stützung der eigenen Regierung und ihrer Außenpolitik geht, wobei je nach Situation die Vorwände ausgewechselt werden, wie es gerade passt.

Die Faschisierung der Gesellschaft in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und des Warschauer Vertrags bzw. RGW ist eine Folge der Dynamik der Konterrevolution, die, um den Kapitalismus restaurieren und eine rechtfertigende Ideologie für diesen bereitstellen zu können, den Kräften der äußersten rechten Reaktion die Bahn frei gemacht hat. Die Faschisierung wird in der Ukraine von der NATO vorangetrieben, aber wie Kasachstan und Russland zeigen, ist die Anbindung an die NATO dafür keine zwingend notwendige Voraussetzung. Der gesellschaftliche Ursprung des Faschismus in Osteuropa ist nicht die NATO, sondern die Konterrevolution. Und für diese steht Putin ebenso wie Selenskij.

Was Russland also in der Ukraine betreibt, ist keine „Entnazifizierung“, auch wenn im Verlauf der Kriegshandlungen Faschisten auf ukrainischer Seite sterben. Es ist ein imperialistischer Krieg zur Aufteilung der Ukraine, eine Spätfolge der Zerstörung der Sowjetunion. Mit jedem Haus, das zerstört, jedem ukrainischen Zivilisten, der getötet wird, wächst der Hass auf Russland und die Russen und ermöglicht es den Faschisten, sich als legitime Verteidiger der territorialen Integrität der Ukraine darzustellen. Durch die westlichen Waffenlieferungen, die seit Beginn der russischen Invasion um ein Vielfaches angeschwollen sind, sind die Faschisten in der ukrainischen Armee nun vermutlich besser ausgerüstet als jede andere faschistische bewaffnete Formation seit dem Zweiten Weltkrieg. Es kann nicht unterschlagen werden, dass die Faschisten, obwohl sie bereits vorher von den westlichen Imperialisten unterstützt wurden, erst durch den russischen Krieg in extremem Maße eine Aufwertung erfahren haben. Das zeigt sich auch darin, dass seitdem die kritischen Berichte, die es bis dahin auch im Westen immer wieder gab, so gut wie verstummt werden und der faschistische Charakter des Regiments Asow inzwischen in westlichen Medien in der Regel geleugnet wird, um eine immer offenere Unterstützung dieser Gruppierung möglich zu machen. Sich von einer solchen Entwicklung, die eindeutig eine Folge des russischen Krieges ist und nicht etwa seine Ursache, eine Beseitigung des Faschismus in der Ukraine oder auch nur seine nachhaltige Schwächung zu erwarten, ist offenkundig absurd. Die Vorstellung, dass eine Entnazifizierung von Reaktionären und von der Bourgeoisie vorangetrieben würde, ist eine zutiefst bürgerliche Auffassung, die sich auch und gerade im konkreten Fall Russlands an der Realität blamiert.

Behauptung 5: „Russland führt den Krieg vorrangig zur Verteidigung seiner Sicherheitsinteressen“

Wie gezeigt wurde, ist die Behauptung, dass Russland zu einem „Defensivschlag“ gezwungen war, um sein eigenes Überleben zu sichern, völlig haltlos. Aber weshalb hat die russische Führung den Krieg dann begonnen?

Ging es, wie einige Genossen behaupten, überhaupt vorrangig um „Sicherheitsinteressen“?

Sicherlich spielen Sicherheitsinteressen der Russischen Föderation auch eine Rolle. Die Verhinderung eines NATO-Beitritts der Ukraine ist eine wichtige Forderung in den Friedensverhandlungen. Doch das alleine reicht wohl kaum aus, um eine überzeugende Erklärung für den Krieg zu liefern. Denn ein NATO-Beitritt der Ukraine stand vor dem Beginn der Invasion überhaupt nicht auf der Tagesordnung. Dies hat vor allem auch die deutsche Regierung immer wieder klargemacht – zu groß wäre das Risiko für die deutsch-russischen Geschäftsbeziehungen gewesen[lvi]. Selenski selbst äußerte sich ernüchtert über die Hinhaltetaktik der NATO, die zwar von „offenen Türen“ spreche, „aber jetzt haben wir auch gehört, dass wir dort nicht eintreten dürfen, und das müssen wir einsehen“[lvii]. Auch dass andere benachbarte Länder nun ihre Aufrüstung und NATO-Präsenz verstärken würden, sowie dass Finnland und Schweden mit hoher Wahrscheinlichkeit der NATO beitreten würden, dürfte der russischen Führung bewusst gewesen sein. Es war daher von vornherein fraglich, inwiefern der Krieg überhaupt zu einem Gewinn an Sicherheit für Russland führen würde.

Den Krieg auf „Sicherheitsinteressen“ zu reduzieren, ist eine verkürzte Sichtweise, die dem Wesen des Konflikts nicht gerecht wird. Der Konflikt begann als ein Tauziehen zwischen Russland und der EU darum, zu welchem „Block“ die Ukraine zukünftig gehören würde: Zur EU-Nachbarschaft oder zur Eurasischen Wirtschaftsunion. Allgemein ging es um wirtschaftlichen und politischen Einfluss in einem wichtigen Schlüsselland in Osteuropa. Russland verlor diesen Kampf mit dem Putsch 2014, woraufhin es dazu überging, sich einen Rest-Einfluss auf dem Gebiet der Ukraine zu sichern, indem es die „Volksrepubliken“ im Donbass unterstützte und die Krim annektierte. Die Zustimmung der örtlichen Bevölkerungen lieferte den benötigten Vorwand dafür. Die Ambitionen des Regimes in Kiew, sich das Donbass zurückzuholen, und zwar ohne die im Minsk-II-Abkommen vereinbarten Autonomierechte zu gewähren, waren für Russland ein direkter Affront. Ein Affront allerdings nicht gegen seine „existenziellen Sicherheitsinteressen“, denn ob die Ukraine das Donbass kontrolliert oder nicht, ändert an Russlands allgemeiner Sicherheitslage relativ wenig. Vielmehr ging es darum, dass das Donbass erstens die wichtigste Verhandlungsmasse war, über die Moskau im Konflikt mit Kiew verfügte; und zweitens auch wirtschaftlich eine der wichtigsten Regionen der Ukraine. Eine gewaltsame Einverleibung des Donbass durch Kiew bedrohte also zwar nicht die Sicherheit Russlands, wohl aber seine machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen in der Region. Eine der unverhandelbaren Forderungen Russlands in den Verhandlungen ist darum auch die Anerkennung der Sezession des Donbass sowie der Annexion der Krim durch Kiew. Dies ist auch ein Aspekt hinter der strategischen Verlagerung der russischen Truppen aus dem Norden der Ukraine in den Osten – die „Befreiung“ der gesamten Ostukraine durch russische Truppen soll das gesamte von den „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk beanspruchte Territorium umfassen und im Südosten eine oder mehrere weitere „Volksrepubliken“ mit prorussischer Marionettenregierung installieren oder diese Gebiete möglicherweise direkt annektieren. Diese Zielsetzung ist inzwischen offiziell bestätigt. Mit Generalmajor Rustam Minnekajew hat ein hochrangiger russischer Militär die Kontrolle des gesamten Südens der Ukraine, also eine lückenlose Besetzung der ukrainischen Schwarzmeerküste und Herstellung einer Landbrücke vom Donbass zur Krim und von der Krim über Odessa bis nach Transnistrien (wo ebenfalls russische Truppen stationiert sind) als Kriegsziel formuliert[lviii]. Diese Eroberungsziele Russlands zeichneten sich bereits seit Wochen dadurch ab, dass in den eroberten Territorien der Südukraine eigene Verwaltungsstrukturen geschaffen, der Rubel als Währung eingeführt, der Anschluss der Regionen ans russische Strom-, Gas- und Eisenbahnnetz angekündigt, Ortsnamen geändert und russische Staatssymbole angebracht wurden. All dies sprach gegen eine nur vorübergehende Besetzung dieser Gebiete.

Russland will mit seinen Eroberungen sicherstellen, dass es nicht seinen Einfluss auf die gesamte Ukraine verliert, sondern das Land zwischen den rivalisierenden imperialistischen Blöcken aufgeteilt wird: In einen pro-westlichen und im Süden und Osten einen russischen bzw. pro-russischen Teil. Russland nutzt dafür auch aus, dass erhebliche russischsprachige Bevölkerungsteile mit historischer Verbundenheit zu Russland in diesen Regionen leben. Es nutzt in verlogener Art und Weise antifaschistische Parolen und Symbole, um an die Gefühle der dortigen (wie auch der eigenen) Bevölkerung zu appellieren. Ziel ist die dauerhafte Eroberung (durch Annexion oder Einsetzung abhängiger Regierungen) einiger der wertvollsten Gebiete der Ukraine: Der bedeutenden Industrieregion Donbass und der gesamten Nordküste des Schwarzen Meeres. Dadurch wird die wirtschaftliche Integration des Donbass mit Russland abgesichert, die russische Position als Handels- und Militärmacht im Schwarzen Meer weiter gestärkt und ein großer Teil der russischsprachigen Bevölkerung unter die Herrschaft des russischen Staates gebracht. Der berühmte Ausspruch von Zbigniew Brzezinski, einem der führenden Strategen des US-Imperialismus, wird von der russischen Führung ernst genommen: „Ohne die Ukraine hört Russland auf ein Imperium zu sein, aber mit der Beeinflussung und dann Unterordnung der Ukraine wird Russland automatisch zum Imperium[lix]. Sicherlich ist diese Aussage übertrieben – richtig ist jedoch, dass die Ukraine für das Streben Russlands nach der Weltmacht eine Schlüsselrolle spielt.

Zu guter Letzt ging es aus russischer Sicht sicherlich auch darum, mit der Invasion in der Ukraine gegenüber der NATO ein Zeichen zu setzen. Die russische Führung setzt damit einen außenpolitischen Kurs fort, der mit dem Krieg in Georgien 2008 einen ersten Höhepunkt erlebte, einen zweiten und dritten mit der Intervention in Syrien und der Annexion der Krim und nun mit einem voll ausgewachsenen Krieg gegen die Ukraine alles Bisherige übertrifft. Es geht also um eine Machtdemonstration: „Russland ist als Großmacht auf die Weltbühne zurückgekehrt. Die NATO muss russische Interessen in ihre Kalkulationen mit einbeziehen, sonst wird Russland nicht davor zurückschrecken, sie mit Gewalt zu sichern“.

Die russische Kriegsführung deutet darauf hin, dass man in Moskau mit schnellen militärischen Erfolgen und einem wahrscheinlichen Kollaps des ukrainischen Regimes rechnete bzw. mit schnellen Verhandlungen, in denen man Zugeständnisse erpressen können würde. Deshalb wurde Kiew bereits am ersten Tag mit Fallschirmjägern angegriffen und vieles deutet auf übereilte Vorstöße der russischen Verbände hin, die wohl nicht mit anhaltendem und organisiertem Widerstand rechneten. Der Erfolg eines russischen „Blitzkrieges“, von dem damals auch zahlreiche westliche Analysten ausgingen, hätte den russischen Machtanspruch untermauert und die Überlegenheit des russischen Militärs demonstriert. Als Nebeneffekt wäre der Krieg auch ein Testgelände gewesen, um neue russische Waffentechnik wie z.B. Hyperschallraketen in der Praxis zu erproben, was mit Raketen vom Typ Kinschal auch bereits geschehen ist.

All diese Kriegsmotive entsprechen dem typischen Verhalten imperialistischer Mächte, die bedenkenlos über Leichen gehen, um wirtschaftliche und geopolitische Ziele zu erreichen. Mit den Interessen der Arbeiterklasse und der betroffenen Völker hat all das nichts zu tun.

Fazit:

Der Charakter des Krieges als zwischenimperialistischer Krieg erfordert von Kommunisten eine eindeutige Positionierung gegen diesen Krieg. Trotzdem wurde in der Diskussion versucht, mit verschiedenen Argumenten diese Schlussfolgerung zu unterminieren: Russland habe keine Wahl gehabt, weil es sonst selbst angegriffen worden wäre; der Krieg diene der Entnazifizierung und verbessere die Lebenssituation der Arbeiterklasse usw. usf. Es wird eine angebliche „Überschneidung der Interessen der Arbeiterklasse mit der russischen Bourgeoisie“ behauptet. Wie gezeigt wurde, ist diese Überschneidung inexistent. Die ukrainische Arbeiterklasse hat in der Tat keineswegs ein Interesse daran, dass sie von russischen Bomben zerfetzt, ihre Häuser zerstört und ihr Land aufgeteilt wird. Entsprechend absurd sind auch historische Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg, wo beispielweise der Kriegseintritt der USA ebenfalls objektiv im Interesse der Arbeiterklasse gewesen sei. Die Ukraine ist nicht Nazideutschland, die NATO plante kein „Unternehmen Barbarossa“ gegen Russland, der aktuelle Krieg dient weder der Verteidigung des Sozialismus noch wird er die Kampfbedingungen der Kommunisten verbessern – ganz im Gegenteil.

Die Unterstützung des russischen Krieges ist also ein schwerer politischer Fehler. Dieser Irrtum wiegt nicht nur schwer, weil er einen Bruch mit dem proletarischen Internationalismus darstellt – er ist vor allem deshalb verheerend, weil seine Konsequenzen verheerend sind. In der Auseinandersetzung zwischen den imperialistischen Blöcken ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Kommunisten eine eigenständige Position unabhängig von und gegen alle kapitalistischen Mächte einnehmen. Die Kriege der Imperialisten werden immer mit Propaganda aller Art gerechtfertigt. Noch kein imperialistischer Krieg wurde vom Zaun gebrochen, ohne dass die Herrschenden schwülstige und verlogene Reden zu seiner Legitimierung geschwungen hätten. Noch keine Aggression hat im imperialistischen Stadium des Kapitalismus stattgefunden (und wohl auch wenige in den Zeiten davor), die nicht durch an den Haaren herbeigezogene Propagandalügen zu Friedensmissionen verdreht wurden. Für Kommunisten ist es entscheidend, diese Lügen der Herrschenden zu durchschauen und sie zu entlarven. Nur dann können sie ihre Aufgabe erfüllen, die darin besteht, die Arbeiterklasse über ihre Interessen und den Widerspruch zur Bourgeoisie aufzuklären. Je weiter Kommunisten sich in ihren Analysen von der Realität entfernen, desto unglaubwürdiger machen sie sich für die Masse der Bevölkerung. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn man einmal verstanden hat, wie man ins Reich des Absurden vordringen muss, um überhaupt einigermaßen überzeugende Rechtfertigungen für den Krieg produzieren zu können, dann beginnt man zu erahnen, wie falsch die Rechtfertigung des imperialistischen Krieges der Russischen Föderation ist.


[i]     Hier sei beispielhaft auf den Artikel „Zur Verteidigung der Programmatischen Thesen“ verwiesen, in dem versucht wird, die Imperialismusanalyse der Programmatischen Thesen auszuführen und zu begründen: https://kommunistische-organisation.de/diskussion-imperialismus/zur-verteidigung-der-programmatischen-thesen-der-ko/

[ii]     Jürgen Wagner 2022: NATO-Aggression und Russlands Reaktion, online: https://www.imi-online.de/2022/01/24/nato-aggression-und-russlands-reaktion, abgerufen 9.5.2022.

[iii]https://www.ukrinform.net/rubric-polytics/3214479-zelensky-enacts-strategy-for-deoccupation-and-reintegration-of-crimea.html

[iv] https://www.armscontrol.org/factsheets/Nuclearweaponswhohaswhat

[v] https://sgp.fas.org/crs/nuke/RL32572.pdf

[vi]

[vii]

[viii] https://www.reuters.com/article/us-raytheon-poland-patriot-idUSKBN1H417S

[ix] https://web.archive.org/web/20090415122817/http://www.fas.org/spp/starwars/congress/1992_h/h920407p.htm

[x] https://www.washingtonpost.com/world/2019/09/17/billions-spent-us-weapons-didnt-protect-saudi-arabias-most-critical-oil-sites-crippling-attack/

[xi] https://www.haaretz.com/opinion/.premium-reuven-pedatzur-does-iron-dome-really-work-1.5233223

[xii]

[xiii] https://www.armscontrol.org/act/2010-05/flawed-dangerous-us-missile-defense-plan

[xiv] https://www.spektrum.de/news/hyperschallwaffen-der-hype-um-den-hyperschall/1935553

[xv] https://www.science.org/content/article/national-pride-stake-russia-china-united-states-race-build-hypersonic-weapons

[xvi] https://slate.com/human-interest/2007/08/did-the-soviets-really-build-a-doomsday-machine.html

[xvii]      https://web.archive.org/web/20170821193850/https://de.sputniknews.com/technik/20170821317111742-tote-hand-moskaus-russland-zum-atomaren-gegenschlag-ausholen/

[xviii]      Frank Blackaby, Jozef Goldblat, Sverre Lodgaard. „No-First-Use of Nuclear Weapons“, 1984, Bulletin of Peace Proposals

[xix] https://sgp.fas.org/crs/nuke/RL32572.pdf

[xx] https://www.statista.com/statistics/264443/the-worlds-largest-armies-based-on-active-force-level/

[xxi] https://worldpopulationreview.com/country-rankings/largest-navies-in-the-world

[xxii] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten-militaerausgaben/

[xxiii]      http://english.scio.gov.cn/infographics/2018-06/05/content_51673238.htm

[xxiv]

[xxv] https://www.globalfirepower.com/active-military-manpower.php

[xxvi]      https://www.reuters.com/world/europe/where-nato-forces-are-deployed-2022-01-24/?msclkid=cfefe510be4111ecafcb032e95d4ab99 ; www.armedforces.eu

[xxvii] https://www.transportenvironment.org/discover/europes-dependence-on-russian-oil-puts-285m-a-day-in-putins-pocket/#:~:text=Europe%20is%20dependent%20on%20Russian%20oil%20for%20over,the%20bloc%20are%20via%20oil%20tankers%20and%20ports.?msclkid=d13f9e4bbe4311ec9b50fa82484c3db0

[xxviii]      https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8914

[xxix] https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-02/joe-biden-schickt-tausende-us-soldaten-nach-deutschland-und-osteuropa

[xxx]      ebenda

[xxxi] https://rp-online.de/politik/eu/ukraine-krieg-droht-der-dritte-weltkrieg-wie-begruendet-ist-die-angst_aid-66274863

[xxxii]      Joshua T. Christian. „An Examination of Force Ratios“, 2019, U.S. Army Command and General Staff College, USA

[xxxiii] https://www.tagesschau.de/ausland/finnland-nato-beitritt-eu-russland-ukraine-krieg-101.html

[xxxiv] https://www.lpb-bw.de/ukraine-eu-nato

[xxxv] https://www.dw.com/de/krisendiplomatie-olaf-scholz-sucht-seine-rolle/a-60705908

[xxxvi]      Klaus Törnudd. „Finnish Neutrality Policy During the Cold War“, 2005, The SAIS Review of International Affairs;       https://www.deutschlandfunk.de/verhaeltnis-zu-russland-finnland-zwischen-den-stuehlen-100.html

[xxxvii] https://www.laenderdaten.info/laendervergleich.php?country1=FIN&country2=UKR

[xxxviii] https://ukraine.un.org/sites/default/files/2022-05/Ukraine%20-%20civilian%20casualty%20update%20as%20of%2024.00%2015%20May%202022%20ENG.pdf

[xxxix]      Patrick Diekmann: Kein Sturz der ukrainischen Regierung? Putin hat sich den Realitäten in der Ukraine ergeben, t-online.de, 9.3.2022.

[xl]      http://www.solidnet.org/article/Urgent-Joint-Statement-of-Communist-and-Workers-Parties-No-to-the-imperialist-war-in-Ukraine/, abgerufen 15.4.2022.

[xli]      IDcommunism: Russian communist lawmakers condemn Ukraine war, 11.3.2022, online: http://www.idcommunism.com/2022/03/russian-communist-lawmakers-condemn-ukraine-war.html?fbclid=IwAR1dx5iHJZ6mE1KB5xyXwCpa–bBH2EGSezUDiz60NhrJ746OPzSB9jLdX0 ; Birger Schütz: Kommunisten für den Krieg, Neues Deutschland, 8.4.2022.

[xlii]            Wjatscheslaw Chripun: Warum Alexej Mosgowoj ermordet wurde, Ukraine Nachrichten, 29.5.2015, online: https://ukraine-nachrichten.de/warum-alexej-mosgowoj-ermordet-wurde_4262?msclkid=09790f7cbbf711ec850b8d62e4ef9f95 , abgerufen 15.4.2022.

[xliii]      https://politpro.eu/en/russia , abgerufen 7.5.2022.

[xliv]      Andrew Roth: ‚We’re going back to a USSR’: long queues return for Russian shoppers as sanctions bite, The Guardian, 23.3.2022.

[xlv]      UN News: Ukraine war: $100 billion in infrastructure damage, and counting, online: https://news.un.org/en/story/2022/03/1114022?msclkid=c3cead9cbca111ecb6d78d264acb9aa0 , abgerufen 15.4.2022.

[xlvi]      Ukraine refugees: UN map shows total nears 5.9 million, online: https://www.msn.com/en-ae/news/world/ukraine-refugees-un-map-shows-total-nears-5-9-million/ar-AAUFmVZ?ocid=uxbndlbing  , abgerufen 9.5.2022

[xlvii] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/russen-einstellung-ukraine-krieg-russland-100.html?msclkid=2d74d94bbe8411ecbfaa809c4d779aef

[xlviii] https://edition.cnn.com/interactive/2022/02/europe/russia-ukraine-crisis-poll-intl/index.html?msclkid=4d195201be8311ecb5ebc00f812ab5ee

[xlix] https://zeitschrift-osteuropa.de/blog/putin-rede-21.2.2022/

[l] https://ria.ru/20220403/ukraina-1781469605.html?fbclid=IwAR1vhwCvYc-iMassF8HdQT4-mlZZl5L0-CCDtTUN_TbUS8KLceg7iQPnU10

[li]      Solshenitsyn bids Spain use caution, New York Times, 22.3.1976, online: https://www.nytimes.com/1976/03/22/archives/solzhenitsyn-bids-spain-use-caution.html, abgerufen 9.5.2022.

[lii] https://www.nzz.ch/feuilleton/alexander-solschenizyn-ein-mahner-der-den-kreml-stoert-ld.1440031

[liii]             Micha Brumlik: Der Philosoph hinter Putin, Tageszeitung 4.3.2022,  https://taz.de/Der-russische-Faschist-Alexander-Dugin/!5836919/

[liv]        Sascha Buchbinder: Er hat’s erfunden, Die Zeit 17.3.2022; NZZ: Rückkehr General Denikins in die russische Heimat, 4.10.2005.

[lv]             Aynur Kurmanov: The process of rehabilitation of Nazi accomplices in Kazakhstan continues!, online: https://peloantimperialismo.wordpress.com/2022/04/12/the-process-of-rehabilitation-of-nazi-accomplices-in-kazakhstan-continues/?fbclid=IwAR0M_9OhwHtrm6Spfk4YTjKRBuHqam5Ne7Tg_xRn1ZUEtulXsp6ClUCPN1w

[lvi] https://www.rnd.de/politik/ukraine-und-nato-beitritt-hintergruende-und-aussichten-nach-russlands-invasion-PHYTMCJBHZCLZHKESEYDN3J25I.html?msclkid=8363049fbe7e11ecbae6f25f0c43e010

[lvii] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-nato-105.html?msclkid=83633782be7e11ec80ce96ea9c1a2f37

[lviii]      Matt Murphy: Ukraine war. Russia aiming for full control of south, commander says, https://www.bbc.com/news/world-europe-61188943

[lix]      William Tyler: Ukraine: Past Present Future, online: https://www.talkhistorian.com/post/ukraine-past-present-future, abgerufen 9.5.2022.

Aktionen zum Tag der Nakba 2022

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Köln

In Köln nahmen wir, gemeinsam  mit etwa 150 weiteren Personen,  an einer Demo Teil, zu der das Palästinensische Gefangenensolidaritätsnetzwerk – Samidoun aufgerufen hatte. Bei der Auftaktkundgebung verlas eine Genossin unsere Stellungnahme zum Nakba-Tag und wir verteilten Flyer. Der Text stieß auf großes Interesse – einige Teilnehmer freuten sich besonders über die Arabisch-Übersetzung. Anschließend zog der Demonstrationszug mit zahlreichen Palästina-Fahnen und Schildern durch die Kölner Innenstadt. Dabei wurden  deutsche, englische und arabischen Parolen gerufen. Sowohl am Anfang als auch am Ende versuchten zwei „antideutsche“ Zionisten mit USA-Fahnen zu provozieren – was ihnen aber nicht gelang.

Berlin

Nachdem in Berlin alle Veranstaltungen und Demonstrationen im Vorfeld von Polizei und Gerichten verboten worden waren, machten unsere Genossen, gemeinsam mit vielen anderen Personen der palästinensischen Solidaritätsbewegung, auf einer Umweltdemonstration auf die massive und seit Jahrzehnten andauernde Gewalt gegen das palästinensische Volk aufmerksam. Wir wandten uns entschlossen gegen die haltlose Verbotspolitik der Berliner Behörden und des Senats, die damit wiederholt ganz deutlich ihre Unterstützung der Besatzungs- und Apartheidspolitik Israels zeigen. Die Polizei setzte ihre Politik der Unterdrückung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit durch und löste die Demonstration auf. Sie nahm einzelne Teilnehmer fest, verteilte Platzverweise, nahm die Personalien aller Demonstrationsteilnehmer (!) auf und kündigte mögliche Anzeigen an. Die Repressionspolitik, die unter dem Rot-Grün-Roten Berliner Senat in den letzten Wochen eine neue Qualität erreicht hat, hat die Solidaritätsbewegung für Palästina in Berlin enger zusammengeführt. Ein breites Bündnis von Gruppen hat eine Erklärung zu den Ereignissen am Nakba-Tag verfasst und zeigt sich fest entschlossen, die gemeinsamen Aktivitäten mit der gewonnenen Einheit und Stärke fortzusetzen. Wir werden die andauernde Gewalt gegen das palästinensische Volk ebensowenig unwidersprochen hinnehmen wie die Angriffe und Verleumdungen der deutschen Politik und Medien.

Stuttgart

Die Stuttgarter Ortsgruppe hat sich anlässlich des 74. Jahrestages der Nakba an zwei Kundgebungen beteiligt. Der eine Teil der Ortsgruppe nahm an der Kundgebung des Palästinakomitees Stuttgart auf dem Schlossplatz teil. Neben dem kulturellen Programm und einer Fotoausstellung in Erinnerung an die Jahre 1947 bis 1949 wurden verschiedene Redebeiträge gehalten. Diese gingen darauf ein, dass die Nakba bis heute andauert und der palästinensische Widerstand systematisch unterdrückt wird. Viele Gruppierungen sprachen sich gegen die in Berlin ausgesprochenen Verbote von Demonstrationen und Kundgebungen aus. Auch eine Vertreterin der Partei die Linke sprach sich auf der Kundgebung gegen diese Verbote aus, obwohl ihre Partei als Teil der amtierenden Regierung Berlins die Durchsetzung eben dieser Beschlüsse mitzuverantworten hat. Ferner solidarisierte sie sich mit dem palästinensischen Widerstand, obwohl die Partei die Linke in ihren Stellungnahmen immer wieder eine Gleichsetzung des Widerstandes der Hamas im Gazastreifen mit den Angriffen des israelischen Militärs vornimmt.

Anknüpfend an unsere Stellungnahme, sprachen wir uns in unserer Rede gegen die Spaltung des palästinensischen Widerstandes, für die Errichtung eines demokratischen Staates und die konsequente Umsetzung des Rückkehrrechts für die Palästinenser aus.

Der andere Teil unserer Ortsgruppe besuchte die Kundgebung von Palästina spricht am Rotebühlplatz. Gemeinsam wurde dort der ermordeten Journalistin Shireen Abu Akleh gedacht, die am 11. Mai 2022 vom israelischen Militär während einer Berichterstattung erschossen wurde.

Tübingen

In Tübingen unterstützen wir eine Demonstration, die von der Gruppe WATTAN – Palästina Solidarität Tübingen organisiert wurde und verteilten dort unsere Stellungnahme. Durch die Tübinger Altstadt zog ein lauter und entschlossener Demonstrationszug  mit ca. 100 Personen, größtenteils Palästinenserinnen und Palästinenser. Die Redebeiträge, die alle auf Arabisch und Deutsch gehalten wurden, behandelten zum einen die anhaltende Nakba, die dem palästinensischen Volk durch die Kolonialmacht bis heute angetan wird und zum anderen das Recht auf Rückkehr, das den Betroffenen verweigert wird und den Rassismus von dem Palästinenser in Deutschland betroffen sind. Auch die Notwendigkeit des bewaffneten Widerstands wurde thematisiert. Immer wieder wurden Updates zur Lage in Berlin durchgegeben und die Solidarität mit den dort von Repression Betroffenen ausgedrückt.

Leipzig

In Leipzig wurden am Samstag von Genossen und Genossinnen der KO auf einer Demonstration gegen die Nakba Stellungnahmen verteilt. Die ca. 200 teilnehmenden Personen liefen eine Route über den Leipziger Osten in die Innenstadt.

Auf der Eisenbahnstraße versuchten eine Handvoll „Antideutscher“, geschützt von einer Reihe Polizisten, die Demonstration mit zwei Israelfahnen zu stören. Es ließ sich niemand provozieren und ihnen wurde mit lautstarken free-palestine-Rufen entgegengetreten. Eine geplante Gegenkundgebung der „Antideutschen“ wurde von ihnen selbst spontan wieder abgesagt, da sie keine Leute mobilisieren konnten.

Während der Demonstration wurden Redebeiträge von der Initiative Handala und der Gruppe Jüdisch-israelischer Dissens Leipzig (JID) gehalten. Als die Demonstration ihren Abschluss auf dem Leipziger Markplatz fand, wurde von der internationalen Jugend eine spontane Rede gehalten.

Chemnitz

In Chemnitz nutzten wir den Tag um an drei Punkten in der Stadt Plakatwände aufzustellen, die sich mit Palästina auseinandersetzen. Dafür nutzten wir unsere Stellungnahmen von diesem und letztem Jahr sowie verschiedene Infografiken.

Mannheim

Wir haben mit einigen Genossen an der Kundgebung und Demo von der Gruppe Free Palestine Mannheim teilgenommen, wo sich ca. 180 Leute versammelt hatten, die Stimmung war ausgelassen und kämpferisch. Es wurden mehrere Redebeiträge gehalten, unter anderem von der Nahost-Initiative Mannheim und ein Erfahrungsbericht einer Palästinenserin aus ihrer Zeit in Gaza. Die Polizei konnte es nicht lassen, die Menschen zu schikanieren: So wurden eine Anzeige gegen einen Teilnehmer ausgesprochen und sein Schild konfisziert, auf dem er durch den Spruch „From the river to the sea – Palestine will be free“ die Hoffnung auf ein freies und geeintes Palästina bekräftigen wollte, in dem alle Menschen in Frieden und Sicherheit leben können. Eine andere Person wurde ebenfalls von der Polizei rausgezogen, da sie angeblich eine Fahne der PFLP (Palästinensische Befreiungsfront) – die in Deutschland kriminalisiert wird – bei sich trug. Die Teilnehmer und Veranstalter machten auf die Schikane aufmerksam und bekräftigten ihre Solidarität mit den Betroffenen. Zeitgleich organisierten Zionisten rund um die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) eine Kundgebung in provokativer Näher zur palästinasolidarischen Demo. Wir ließen uns aber nicht provozieren und brachten unsere Inhalte kämpferisch zum Ausdruck.

Gedenkdemo zum 70. Jahrestag der Ermordung Philipp Müllers

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Am 14. Mai beteiligten wir uns am Gedenken für den 1952 von der Polizei ermordeten jungen Kommunisten Philipp Müller. Dieser hatte wie Zehntausende damals an einem Protestmarsch gegen die Wiederbewaffnung der BRD in Essen teilgenommen und war dafür von der westdeutschen Staatsmacht erschossen worden. Gemeinsam mit etwa 120 weiteren Demonstrierenden zogen wir vom Essener Hauptbahnhof bis in den Stadtteil Rüttenscheid, wo der Genosse Philipp Müller getötet wurde.

Kampf gegen Militarismus und Spaltung

Nach dem Sieg der Sowjetunion und ihrer Westalliierten und der endgültigen Befreiung Europas vom Faschismus im Mai 1945 wurde das besetzte Deutschland Schritt für Schritt von den Westmächten auseinandergerissen. Während die UdSSR einen geeinten, neutralen, entnazifizierten und demilitarisierten deutschen Staat als Puffer zwischen dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten anstrebte, tat man vor allem in Washington und Bonn alles, um in Westdeutschland einen Frontstaat gegen das sozialistische Lager aufzubauen. Der sogenannten Währungsreform (Einführung der D-Mark im Westen) 1948 folgte die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949. Die Gründung dieses federführend von »ehemaligen« Nazis aufgebauten Staates ging einher mit einer wirtschaftlichen, politischen und militärischen »Westintegration« sowie vor allem einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands. Zugleich wurden die letzten verzweifelten Bemühungen der Sowjetunion um ein geeintes und friedliches Deutschland (sog. »Stalinnoten« vom März, April und Mai 1952) vom Tisch gewischt.

Doch dieser Kurs der Westmächte und der BRD stieß auf Widerstand nicht nur in der Sowjetunion und der DDR, sondern auch unter der Bevölkerung Westdeutschlands, für die nach zwei Weltkriegen die Parole »Nie wieder Krieg!« zum höchsten Anliegen geworden war. Gegen den anstehenden Beitritt der Bundesrepublik zur »Europäischen Verteidigungsgemeinschaft«, deren Ziel der Aufbau einer westeuropäischen Armee war, rief das Westdeutsche Treffen der Jungen Generation aus Kommunisten, Sozialdemokraten und christlichen Friedensbewegten zum Protest auf. So kamen am 11. Mai bis zu 30.000 Menschen nach Essen, trotz des tags zuvor durch den NRW-Innenminister Arnold (CDU) verhängten Demonstrationsverbots. Unter ihnen war auch der gerade 21 Jahre alt gewordene Philipp Müller, Familienvater und Mitglied in KPD und FDJ.

Vertuschen und Gedenken

Auf einen ausdrücklichen Schießbefehl hin begannen die Polizisten an jenem 11. Mai 1952 plötzlich in die Menge zu schießen, um die gegen den Militarismus aufbegehrenden Massen auseinander zu treiben. Philipp Müller wurde von zwei Kugeln getroffen, eine ging direkt ins Herz. Ebenfalls schwer verletzt wurden der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze und der Gewerkschafter Albert Bretthauer.

Zum Begräbnis des Genossen Philipp in München versammelten sich 3.000 Menschen. Auch in der DDR wurde ihm gebührlich gedacht, indem u.a. eine Medaille der FDJ sowie Straßen, Schulen und Stadien nach ihm benannt wurden. In der BRD dagegen wurde sein Andenken unter Lügen und Verleumdung begraben: So wurde im Nachhinein der Schießbefehl verleugnet, vielmehr behaupteten die Beamten, die Demonstranten hätten das Feuer eröffnet. Diese Lüge wurde dadurch enttarnt, dass nie auch nur eine Waffe bei einem Demonstranten gefunden wurde. Trotzdem sprach die Klassenjustiz der BRD von »Notwehr« und die Mörder frei. Stattdessen wurden zahlreiche junge Demonstranten verhaftet und zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Diese von Revanchismus und Antikommunismus genährte Repressionswut der Altnazis erreichte mit den Verboten von FDJ (1954) und KPD (1956) ihren damaligen Höhepunkt. Doch auch nach der Konterrevolution und der Annexion der DDR spuckten die Herrschenden der BRD erneut auf das Andenken Philipp Müllers, indem sie die nach ihm benannten Straßen und Einrichtungen in Ostdeutschland umbenannten.

Mit unserem diesjährigen Gedenken stellten wir uns einmal mehr in diese großartige Tradition des besseren, weil friedlichen und sozialistischen Deutschland: der DDR. Und wir stellen uns in die Tradition des Genossen Philipp Müller, der KPD und der FDJ. In Zeiten, in denen der westliche Imperialismus wieder Front gegen Russland macht, in denen der Faschismus rehabilitiert wird und die Bundesregierung das größte Rüstungspaket seit dem Zweiten Weltkrieg schnürt, gilt es, an die Kämpfe der deutschen Arbeiterklasse und der Volksmassen gegen Militarismus und Revanchismus anzuknüpfen!

Entsprechend stellten wir uns mit unserem Transparent und Parolen wie »Philipp Müller wusste es schon: Kampf für den Frieden heißt Revolution!« in die Tradition der historischen KPD, forderten den Kampf gegen unseren Hauptfeind – den deutschen Imperialismus – und stellten den Sozialismus als strategisches Ziel und als einziges Mittel, Imperialismus und Krieg nachhaltig zu überwinden, heraus. Denn damals wie heute gilt:

Die Kommunistische Partei aufbauen!

Den deutschen Imperialismus angreifen!

Den Sozialismus erkämpfen!

Gemeinsam gegen Repression – Gemeinsam für Freiheit und Gerechtigkeit

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Der 15. Mai ist der Tag der Nakba – ein Tag der Erinnerung an die Vertreibung der Palästinenser*innen, ein Tag des Kampfes gegen den anhaltenden zionistischen Siedlungskolonialismus, ein Tag des ungebrochenen palästinensischen Widerstandes und ein Tag der internationalen Solidarität.

In Berlin kommt es derzeit, wie schon im vergangenen Jahr, zu massiver Repression gegen palästinensische Gruppen und Demonstrationen. Die Behörden wollen mit allen Mitteln verhindern, dass in der Hauptstadt und dem Ort der größten palästinensischen Gemeinde in Europa, Tausende auf die Straßen strömen. Deshalb wurden zahlreiche Demonstrationen verschiedener Gruppen, die für den Tag der Nakba an diesem Sonntag geplant waren, verboten! 

Dieser ungeheuerliche Angriff auf das palästinensische Gedenken und das palästinensische Leben ist ein rassistischer Akt der Diskriminierung. In den Begründungen der Demonstrationsverbote erklärt die Berliner Polizei wiederholt, dass die Palästinenser aufgrund der Ermordung ihres Volkes und der Beschlagnahmung ihres Landes „emotional“ seien. Die Bezeichnung der legitimen palästinensischen Wut und des Strebens nach Gerechtigkeit im Angesicht von über 100 Jahren Kolonialismus als „Bedrohung der öffentlichen Sicherheit“ ist ein abscheulicher Akt der Zensur.

Als fadenscheinigen Grund für die Verbote unterstellen die Behörden außerdem den gesamten Demonstrationszügen, gar der gesamten Palästina-Bewegung pauschal Antisemitismus. Deutlich zeigt sich in diesen Maßnahmen das Gesicht des deutschen Repressionsapparates: Mit allen Mitteln soll verhindert werden, dass sich die Solidarität Bahn bricht. Denn der Staat fürchtet eine breite anti-imperialistische Bewegung, die über die Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf hinaus die Mittätersschaft Deutschlands und seine imperialistischen Interessen in den Mittelpunkt rückt.

Wir nehmen diese Verbote nicht hin! Der Nakba-Tag ist unser Tag des Kampfes und wir treten der Repression entschlossen entgegen. Während der deutsche Staat und Medien versuchen, uns zu verunglimpfen und zu spalten, vereinen wir unsere Kräfte und verteidigen unser gemeinsames Recht, von den Straßen Berlins aus ein starkes Zeichen zu unseren Geschwistern in Palästina und auf der ganzen Welt zu senden: Unser Kampf um die Freiheit ist ein gerechter Kampf! Unser Kampf gegen den Imperialismus ist ein gerechter Kampf! Wir rufen alle mit Palästina solidarischen Gruppen und alle, die gegen den Imperialismus auf der ganzen Welt kämpfen auf, sich uns anzuschließen und der Repression die Stirn zu bieten.

Hoch die internationale Solidarität!

Unterzeichnende Gruppen:

  • Samidoun Netzwerk
  • F.O.R. Palestine
  • Kommunistischer Aufbau
  • Young Struggle
  • Revolutionärer Jugendbund
  • Migrantifa – Berlin
  • Linksjugend Solid Nord-Berlin
  • SDAJ – Berlin
  • Rot feministische Jugend
  • Palästina Antikolonial
  • Free Palestine FFM
  • Palästina Spricht
  • Klasse gegen Klasse
  • Gruppe Arbeiter:innenmacht
  • Acciones Berlin
  • Revolution
  • Kommunistische Organisation
  • Solidaritätsnetzwerk
  • Internationale Jugend Berlin
  • FACQ
  • Palästinakomitee Stuttgart
  • Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen
  • ATIK (Konföderation der Arbeiter*innen aus der Türkei in Europa)
  • YDG (Neuer Demokratische Jugend)
  • Yeni Kadin (Neuer Frau)
  • BDS Deutschland
  • Kampagne Rise Up 4 Rojava

Internationale Unterstützer

Europa

  • Alkarama(Movimiento de mujeres palestinas)
  • Collectif Palestine Vaincra
  • Secours Rouge Toulouse
  • International Jewish Antizionist Network IJAN
  • Jewish Voice for Labour (UK)
  • Jewish Network for Palestine
  • Jeunes pour la Palestine – Nantes
  • CAPJPO-Europalestine
  • Classe Contre Classe
  • Secours Rouge
  • Palestinian Youth Movement Sweden
  • Europe Network for Justice and Peace in the Philippines
  • April 28 Coalition for Migrants and Refugees Rights and Welfare
  • Union Juive Française pour la Paix
  • Plate-forme Charleroi-Palestine
  • Revolution Permanente
  • Dutch Scholars for Palestine
  • Revolutionaire Eenheid
  • Friends of the Filipino People in Struggle
  • Al Yudur – Juventud Palestina
  • Col·lectiu Intifada
  • Jeunes Communistes 13

Brasilien

  • Juventude palestina – Sanaúd
  • CSP-Conlutas
  • Frente Palestina Livre
  • Centro cultural palestino Aljaniah
  • Partido Comunista Brasileiro – PCB
  • Partido Socialista dos Trabalhadores Unificado – PSTU
  • Partido Socialismo e Liberdade / Movimento Esquerda Socialista
  • União da Juventude Comunista – UJC
  • Liga de Parlamentarios por Al-Quds
  • Unidade Popular pelo Socialismo – UP
  • Monitor do Oriente
  • Amigos de Palestina
  • Fórum Latino Palestino
  • Articulação Internacional Julho Negro
  • Iniciativa Direito à Memória e Justiça Racial
  • Comitês Islâmicos de Solidariedade
  • Instituto de Estudos e Solidariedade para Palestina – Razan Al Najjar
  • Movimento pela Libertação da Palestina – Ghassan Kanafani

Libanon

  • Palestinian Chess Forum – Shatila camp
  • Palestinian Cultural Club – Beirut
  • Palestinian Arab Cultural Club
  • The Naqab Center for Youth Activities – Burj Al-Barajneh Camp

Nord Amerika

  • Socialist Action / Ligue pour l’Action socialiste
  • Within Our Lifetime — United for Palestine
  • Just Peace Advocates
  • GPM – GTA Palestine Movement
  • Freedom Road Socialist Organization
  • Canada Palestine Association
  • Al-Awda, the Palestine Right to Return Coalition
  • Committee of Anti-Imperialists in Solidarity with Iran
  • International League of Peoples‘ Struggle
  • Friends of the Filipino People in Struggle – Coast Salish Territories
  • Oakville Palestinian Rights Association
  • Palestinian Youth Movement
  • Jews for Palestinian Right of Return
  • April 28 Coalition for Migrants and Refugees Rights and Welfare
  • Canadian BDS Coalition
  • National Lawyers Guild International
  • Association of Palestinian Arab Canadians
  • Canada Philippines Solidarity for Human Rights
  • Gabriela BC
  • Sulong UBC
  • Human Rights 4 All Saskatchewan
  • Palestine Solidarity Network Edmonton
  • Edmonton Small Press Association
  • Friends of Sabeel North America
  • Migrante BC
  • Palestinian and Jewish Unity – Montreal
  • Peace Alliance Winnipeg
  • Justice for Palestinians, Calgary
  • Coalition Against Israeli Apartheid Victoria Canada
  • Niagara Coalition for Justice
  • US Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel
  • Labor for Palestine
  • Greater Toronto 4 BDS

٧٤ عاما من مقاومة النكبة المستمرة

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الخامس عشر من أيار هو اليوم الذي يحيي فيه الشعب الفلسطيني ذكرى النكبة التاريخية التي لحقت بهم على أيدي القوة الاستعمارية الصهيونية وحلفائها ، والتي لا تزال مستمرة حتى يومنا هذا. حتى قبل قيام دولة إسرائيل في 15 مايو 1948 ، قررت القيادة الصهيونية التطهير العرقي الممنهج لفلسطين. في الأشهر التي تلت ذلك ، طُرد أكثر من نصف سكان فلسطين الأصليين ودُمرت أكثر من 500 قرية. لم يكن التطهير العرقي لفلسطين ضررًا جانبيًا للحرب ، ولكن تم التخطيط له وكان نتيجة منطقية للاستعمار الاستيطاني الصهيوني: لم يكن إنشاء إسرائيل „كدولة يهودية“ ممكنًا إلا على أساس طرد بعيد المدى للسكان الأصليين ، ومعظمهم من غير اليهود. لذلك ، عندما يُطلب اليوم الالتزام بـ „حق إسرائيل في الوجود“ ، يمكن أن يكون جوابنا فقط: هذا „الحق في الوجود“ يعني الطرد والقمع. محاربته واجبنا

النكبة لم تنته بعد

النكبة مستمرة ، ليس فقط لأن الذين نزحوا عام 1948 ما زالوا محرومين من حقهم في العودة. إن تاريخ الشعب الفلسطيني هو تاريخ سلب مستمر. يُطرد المزارعون قسراً من أراضيهم وبذلك يتحوّلون لعمال يومية محرومين من حقوقهم في أراضيهم. إنها أيدي العمال الفلسطينيين الذين يبنون البيوت التي يعيش فيها المحتلون لأنه ليس لديهم وسيلة أخرى لإعالة أنفسهم وعائلاتهم. وبشكل غير قانوني وبمعرفة وموافقة القوة الاستعمارية ، يعبر عشرات الآلاف من العمال الفلسطينيين من الضفة الغربية الحواجز كل ليلة لبيع قوة عملهم في مناطق ال 48 – أي المناطق التي اعتُبرت أراضي دولة إسرائيلية منذ عام 1948. دون أي حماية يعمل العامل الفلسطيني كجيش احتياطي صناعي لاقتصاد الاحتلال

في نفس الوقت يستمر الإرهاب الصهيوني ضد كل ما هو فلسطيني حتى يومنا هذا. وفقًا للمنطق العنصري للاستعمار الاستيطاني ، فإن التهديد الأساسي لإسرائيل باعتبارها „دولة يهودية“ هو ما يسمى „بالمعضلة الديمغرافية“. إن كل طفل فلسطيني حديث الولادة ، بمجرد وجوده ، يدعو إلى التشكيك في الطابع اليهودي للدولة. وبالتالي لا يوجد مكان يكون الفلسطينيون فيه بمأمن من عنف القوى الاستعمارية. التكتيك العسكري الإسرائيلي هو „جعل الوجود محسوسًا“ – أي جعل الفلسطينيين يشعرون يوميا بوجود الاحتلال. وهذا الذي يحصل. يشعر الفلسطينيون بالاحتلال عندما يستيقظون بطلقات نارية ليلا لأن الجيش يحاصر المخيم مرة أخرى. عندما يرون ابنائهم مقيدين ومعصوبي الاعين مُختطفين من الجيش الصهيوني ومن ثم يختفون في سجون الاحتلال. يشعرون بوجود الاحتلال عندما يطلق القناصة الإسرائيليون النار على المتظاهرين والصحفيين في رؤوسهم. عندما يقفون على أنقاض منازلهم ، التي كانت نتيجة سنوات من الشقاء والتعب ومن ثم أصبحت ذكرى من ذكريات. يأتي جيش من الجنود والجرافات والطائرات. ولا يتركون ورائهم سوى الفراغ والضياع والغضب

ليس من النادر أن يخدم تصعيد العنف أغراضًا سياسية داخلية. لم تتميز الأسابيع القليلة الماضية فقط بأزمة حكومية إسرائيلية تفاقمت مؤخرًا مرة أخرى ، بل وقد ازدادت وحشية الاحتلال بشكل ملحوظ. أُقتحمَ المسجد الأقصى عدة مرات. وأغلقت المخارج وأطلق الغاز المسيل للدموع والرصاص المطاطي على الحشد المكتظ داخل المسجد. ونتيجة لذلك أصيب مئات الأشخاص واعتقلوا. تعرض قطاع غزة ، أحد أكثر المناطق كثافة سكانية في العالم ، للقصف ، وتم إطلاق النار على الصيادين الذين حاولوا صيدهم على الرغم من الحصار. بلغ عدد الاعتقالات دون تهمة (المعروف أيضًا باسم „الاعتقال الإداري“) أعلى مستوى له منذ أكثر من 5 سنوات في الشهر الماضي . وبحلول 15 أبريل / نيسان 2022 ، قتلت قوات الاحتلال الإسرائيلي خمسة أضعاف الفلسطينيين مقارنة بنفس الفترة. الفترة من العام الماضي

التضامن مع نضال الحرية للشعب الفلسطيني

يوم النكبة هو أيضًا يوم نضال ، ينظر فيه الشعب الفلسطيني بفخر إلى مقاومته التي لا تنتهي للاستعمار والقمع على الرغم من كل القمع. في مايو من العام الماضي ، نزل عدد أكبر من الناس إلى الشوارع في العديد من المدن حول العالم ، بما في ذلك ألمانيا ، من أجل فلسطين حرة، يأملون ويحلمون بفلسطين موحدة ممتدة من غزة جنوبا إلى رأس الناقورة شمالا مرورا بالضفة والقدس. هذه الجماهير التي تدعم المقاومة بكافة أشكالها: مقاطعة ، مظاهرات ، إضرابات ومقاومة مسلحة. وبغض النظر عن التوجهات السياسية المختلفة ، فإن المقاومة الفلسطينية الموحدة موجهة ضد عدو مشترك: الاحتلال الإسرائيلي. إن تضامننا ينتمي إلى هذه المقاومة ككل. اليوم ، بعد 30 عامًا على ما يسمى „باتفاقات أوسلو للسلام“ ، أصبح هدف الوحدة أكثر أهمية من أي وقت مضى. مع الوعد بالحكم الذاتي الجزئي ، تم كسر المقاومة الشعبية الواسعة للانتفاضة الأولى وخانتها القيادة السياسية في البلاد. مع السلطة الفلسطينية ، تم تأسيس برجوازية كومبرادورية بشكل مؤسساتي ، والتي ، باعتبارها متعاونة مع الاحتلال ، تنظم إدارة الاحتلال بحجة „الحكم الذاتي“ وتفرض تدابير عنيفة ضد سكانها في إطار ذلك. – ما يسمى بـ „الاتفاقات الأمنية“. وسنرى يوما ما الشعب الفلسطيني موحدا بعد أن تخلص من هياكل السلطة الفلسطينية هذه التي باعت الشعب الفلسطيني منذ يوم تأسيسيها الأول

إذا كنا جادين في تضامننا ، فلا يجب أن يقتصر على يوم واحد في السنة. يدور القتال من أجل فلسطين الحرة كل يوم ، وليس فقط عندما تتساقط القنابل على غزة مرة أخرى. من المهم تنظيم القوة التي ظهرت في المظاهرات هنا في ألمانيا وبناء هياكل عمل مستمرة. إن التضامن مع فلسطين في ألمانيا لا يكتسب قوة بمحاولة تغيير الخطاب السائد ، وإنما من خلال تنظيم الجماهير الفلسطينية المقيمة في ألمانيا. بالنسبة للجماهير الفلسطينية ، كان هناك دائمًا مبدآن ثابتان واضحان. أولاً ، حق العودة الغير قابل للتفاوض. وثانياً: فلسطين الحرة تعني كل فلسطين ، من نهر الأردن شرقا حتى البحر الأبيض المتوسط غربا. يجب أن نستمع إليهم. العمل في فلسطين يعني دائمًا تعلم القتال. إنها مهمة يجب التعامل معها بشكل ملموس للتواصل مع الفلسطينيين من الطبقة العاملة في ألمانيا على الأرض. بدلاً من الضياع في نقاشات زائفة لا نهاية لها حول ما إذا كانت المطالبة بفلسطين حرة معادية للسامية ، من المهم إجراء مناقشات داخلية حول الحركة التضامنية مع فلسطين . كيف نفهم بشكل ملموس حق العودة؟ ما هو دور الشتات الفلسطيني في النضال من أجل تحرير فلسطين؟ كيف يمكن الجمع بين عملنا السياسي في ألمانيا والمقاومة في فلسطين؟ ما هو الدور الذي تلعبه الصهيونية للإمبريالية الألمانية؟

التعاون الاقتصادي والعقائدي والعسكري بين جمهورية ألمانيا الاتحادية وقوة الاحتلال

بالنسبة لنا كشيوعيين تحديدًا ، لا تزال مهمة اختراق المصالح الملموسة التي تربط الإمبريالية الألمانية بمشروع الاستيطان الصهيوني مهمة مفتوحة. هناك شيء واحد مؤكد: هذه الدولة لا تدع مجالاً للشك في أي جانب هي من حيث السياسة الداخلية والخارجية. الاتحاد الأوروبي ، الذي تلعب فيه ألمانيا دورًا رائدًا ، هو أكبر شريك تجاري لإسرائيل. ألمانيا هي واحدة من أهم الدول المانحة ، التي تتحمل التكاليف الإنجابية للطبقة العاملة الفلسطينية ، وبالتالي استقرار ودعم الاحتلال. تشارك برلين أيضًا في تدريب الأجهزة القمعية التي تنتمي لسلطات الحكم الذاتي . قطاع غزة أصبح عبارة عن معمل اختبار كبير لأنظمة الأسلحة الإسرائيلية ، والتي يتم شراؤها أيضا من قِبل الدولة الألمانية, كالطائرات بدون طيّار مثلا والتي تصنعها شركة Elbit Systems

من الناحية الإيديولوجية ، يعمل دعم الاستعمار الاستيطاني الصهيوني محليًا كإيديولوجيا إضفاء الشرعية: إن الدعم غير المشروط للاحتلال الإسرائيلي كسبب يحل محل أي مواجهة جدية ضد الفاشية الألمانية الرأسمالية ، والتي لا يمكن هزيمتها أخيرًا إلا بالاشتراكية . يتم قمع أي إشارة إلى الطابع العنصري والاستعماري لدولة إسرائيل ووظيفتها كمركز أمامي للإمبريالية الغربية تحت ستار النضال المزعوم ضد معاداة السامية. الأشخاص الذين يفرون من الحرب والدمار الذي تسببت فيه الدول الإمبريالية في وطنهم والذين يعيشون هنا في وضع إقامة غير مؤكد معرضون للخطر بشكل خاص. الأشخاص ذوو الجذور الفلسطينية يتعرضون للافتراء علناً ويخشون على وظائفهم ، المنظمات الوطنية مهددة بالحظر ، والحق بالإقامة يتم مصادرته ، وقطع الدعم ، ورفض الغرف ، وتجريم التظاهرات أو حتى حظرها تمامًا ، كما حدث مؤخرًا في برلين

ومع ذلك ، فإن مدى هذا الاستخدام المبالغ فيه لمعاداة السامية يُظهر بوضوح في الوقت الحالي بشكل واضح أن نفس القادة يعملون على إعادة تأهيل النازيين الجدد الأوكرانيين ومغازلتهم ودعمهم بالأسلحة والمال. إنّ الحديث عن „معاداة السامية المستوردة“ ما هي إلا محاولة للتستر على العنصرية ضد العرب والمسلمين الذين يُتهمون كذبا وبهتانا بالعنف ضد النساء وبالبربرية. وهذه هي الأكاذيب ذاتها التي تم من خلال تبرير وشرعنة الحرب ضد العراق وأفغانستان. كل هذا لا يمنع أجزاء من اليسار الألماني المُعلِن من تلقاء نفسه على موافقته على ترحيل أولئك الذين يشاركون في المظاهرات الفلسطينية. تسير الأيديولوجية المؤيدة للصهيونية جنبًا إلى جنب مع نزع شرعية مبادئ اليسار الأخرى: أي تحليل لا يركز فقط على „نظام“ مجرّد ولكنه يصر على تسمية ملموسة للمصالح الطبقية توصف بأنها „معادية للسامية من الناحية الهيكلية“. دعونا نطلق على هذه القوى ما هي عليه: عنصرية ورجعية

ومن هنا يجب أن يبدأ نضالنا ضد اضطهاد الشعب الفلسطيني. هذا الشعب الذي يشكل لنا اليوم نموذجًا للشجاعة الثورية والصمود في نضاله ضد الاضطهاد الاستعماري. وسيستمر هذا النضال حتى التحرير والعودة. إن آخر يوم للاحتلال هو اليوم الأول للسلام

تحيا المقاومة! فلسطين سوف تكون حرة! فليحيا التضامن الدولي

معلومات مربعشركة Elbit Systems Germany – جوهرة الإمبريالية الألمانية

Elbit Systems هي أكبر شركة لتصنيع الأسلحة الخاصة في إسرائيل . منذ ٢٠٠٧ يوجد في ألمانيا شركة تابعة لشركة Elbit Systems والتي تنشط في مدينة أولم

انبثقت شركة Elbit من شركة Telefunken والتي تصف نفسها وبكل فخر ب ”جوهرة الصناعة“. وتبعا لأوامر القيصر ويلهم عام ١٩٠٣ أنشأت هذه الشركة البنى التحتية للدولة. لعبت تكنولوجيا Telefunken دورا كبيرا في هزيمة المقاومة في ناميبا وفي المجزرة ضد القبائل في ناميبا في القرن العشرين. وفي الحقبة النازية دعمت الشركة

البروباغاندا النازية وسوقت نفسها كشركة ألمانية رائدة في مجال تصنيع الاتصالات. تصنّع هذه الشركة اليوم طائرات بدون طيار وتشارك في المجازر التي تُرتكب في قطاع غزة. الطائرات بدون طيار يتم تسويقها على أنها ”جُرّبت في الميدان