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»Die NATO ist das Hauptproblem in unserer Region.«

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Beitrag aus der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023


Ende Juli sprachen wir mit Aleksandar Djenic, Exekutivsekretär der „Neuen Kommunistischen Partei Jugoslawiens“ über die Rolle der NATO auf dem Balkan.

Hallo Aleksandar. Wie ist die aktuelle Situation der serbischen Arbeiterklasse? Worin liegen die zentralen Konflikte und Probleme in den ehemaligen Republiken Jugoslawiens?

Das Hauptproblem in unserer Region stellt die Präsenz der NATO dar. Wir können schlecht über soziale Gerechtigkeit reden, ohne die Besatzung zu thematisieren. Diese zu bekämpfen, stellt momentan die oberste Priorität dar. Dabei sind zwar Serbien und Bosnien-Herzegowina als einzige Staaten nicht Teil der NATO, aber insbesondere in Bosnien übt sie auch durch internationale Missionen und „Peace building“-Programme Einfluss aus. Der südliche Teil Serbiens – Kosovo und Metochien – ist darüber hinaus durch die NATO besetzt. Dort befindet sich die größte NATO-Militärbasis auf dem Balkan.

Somit stehen alle Länder des ehemaligen Jugoslawiens unter der Kontrolle der NATO. Die westlichen Staaten sagen zwar, sie würden unsere Region entwickeln wollen, aber praktisch beuten sie unsere Ressourcen aus. Für die arbeitende Bevölkerung bedeutet dies Verarmung und ein großer Teil emigriert nach Westeuropa, um dort zu arbeiten. In unseren Ländern haben wir somit zu wenige arbeitsfähige Menschen. Auch höher Qualifizierte verlassen nach ihren Abschlüssen häufig unsere Länder. Die imperialistischen Staaten wollen somit unsere Region in einer Art „Entwicklungsstadium“ halten. Früher war Serbien der verbliebende „Rumpf Jugoslawiens“,  heute sind wir Teil des „westlichen Balkans“. Derartige Toponyme erinnern mich an die Sprache der Nazis. Es erinnert mich an einen Klassiker, welcher den Klassenkampf auch als Klassenkampf der Begrifflichkeiten verstand. Die Besatzung unserer Länder geht darüber hinaus auch einher mit der Entwicklung von klientelistischen staatlichen Strukturen. So wenden die bestochenen Regierungen häufig „Gangster-Methoden“ an und es ist in diesen Umständen äußerst schwer, beispielsweise Gewerkschaften zu gründen. Es gibt jedoch auch viele Gewerkschaften, welche selbst mit der herrschenden Klasse eng verbunden ist. In Serbien übernahm unter anderem die größte Gewerkschaft große Teile der ehemals sozialistischen Infrastruktur und ist selbst Teil der Bourgeoisie. Darüber hinaus ist unser politisches System seit der zweiten Konterrevolution Anfang der 2000er Jahre sehr undemokratisch. Damit eine Partei an Wahlen teilnehmen kann, müssen seitdem in ungefähr zwei Wochen 10.000 Menschen bei den Behörden ihre Unterstützung für diese melden. Die damals an die Macht gekommene, prowestliche Opposition wollte sich durch solche Reformen kontinuierlichen politischen Einfluss sichern und seitdem haben wir nur liberale, prowestliche Regierungen gehabt. Unsere herrschende Klasse konnte so ungestört durch Privatisierungen unsere gesamte Wirtschaft und Finanzsektoren zerstören. In den 90er Jahren konnten unsere Industrie und Wirtschaft noch das Sanktionsregime des Westens überleben, heute ist von den früheren sozialistischen Strukturen nichts mehr übrig. Länder wie Rumänien oder Bulgarien sind in einer ähnlichen Lage, aber im Unterschied zu Serbien auch Mitgliedsstaaten der NATO. Wir verfügen somit noch vergleichsweise über ein gewisses Maß an Souveränität. Unsere Regierung kann noch Beziehungen führen mit Kuba, Venezuela und anderen sozialistischen bzw. progressiven Staaten. Dies führt jedoch auch dazu, dass die imperialistischen Staaten weiterhin Druck auf unser recht kleines Land ausüben. Unsere Regierung möchte eigentlich einen prowestlichen Kurs fahren, aber die Bevölkerung ist mehrheitlich dagegen. Im Juni ergab eine Meinungsumfrage, dass 70 Prozent der serbischen Bevölkerung gegen Sanktionen gegen Russland sind und 47 Prozent einen Beitritt Serbiens in die EU kategorisch ablehnen. Bei einer Anerkennung des Kosovos als Bedingung wären gar 70 Prozent gegen einen Beitritt und 86 Prozent sprechen sich gegen einen potentiellen NATO-Beitritt aus. Unsere Regierung muss also stets die Balance zwischen den Interessen des westlichen Imperialismus und der serbischen Bevölkerung halten. Die NATO droht jedoch mit Eskalationen der Konflikte in der Region, wenn die serbische Regierung sich nicht an ihre Vorgaben hält. Die NATO ist somit das Hauptproblem in unserer Region und wir versuchen sämtliche progressive Kräfte zu vereinen, um ihre Präsenz zu beenden. Dies stellt auch die Grundbedingung dafür dar, um eine sozialistische Revolution erkämpfen zu können, wobei wir natürlich auch momentan für die soziale Gerechtigkeit im alltäglichen Leben kämpfen.

Kannst du uns vielleicht ebenso erläutern, was aktuell im Kosovo und der Republik Srpska vor sich geht?

Beide Fälle sind anschauliche Beispiele für die Auswirkungen der NATO-Besatzung auf dem Balkan. Bei dem „Dayton-Abkommen“ entschieden die Imperialisten, was mit Bosnien-Herzegowina geschehen sollte. Heute wollen sie die damals erschaffene Republika Srpska zerstören, da sie gemeinsam mit Serbien gute Beziehungen zu Russland haben. Sie nehmen die Region als eine Art potenzielles „Trojanisches Pferd“ auf dem Balkan wahr. Es soll sowohl dort als auch im Kosovo Druck auf die serbische Regierung ausgeübt werden. Personen wie der sogenannte Premierminister des Kosovo Albin Kurti sind nicht das Problem in den Fällen. Er kann selbst ohne die Erlaubnis der USA und Europäischen Union keine Entscheidungen treffen. Unsere Bourgeoisie will uns aber weiß machen, die Albaner oder Kurti seien das Problem. Niemand von ihnen benennt die NATO als das Problem. Ich sehe die letzten Konflikte in Kosovo und der Republika Srpska in erster Linie als Folge der Enthaltung der serbischen Regierung bei der Sanktionierung der Russischen Föderation. Die westlichen Imperialisten haben die Konflikte dabei angezettelt, um Druck auszuüben. Die Türkei und andere Regierungen verkauften Waffen an die Terroristen oder sogenannte „Befreiungsarmee“ des Kosovos. Dabei sind die westlichen Imperialisten momentan zu eingespannt, um in Europa einen zweiten Krieg gegen Serbien führen zu können. Die NATO- Militärbasen in Kosovo, Bosnien und andernorts auf dem Balkan dienen somit momentan lediglich der Entfachung kleinerer Konflikte. Unsere Regierung nutzt diese wiederrum zur Legitimierung der Kooperation mit den westlichen Staaten. Nach ihrer Logik sollen so weitere Eskalationen verhindert werden. Der Kosovo ist wiederum dank des westlichen Imperialismus heute komplett von Mafia-artigen Regierungsstrukturen bestimmt. Die Regierung kontrolliert fast alles in der Region. Obwohl es dort ein Wasserkraftwerk gibt, welche ganz Serbien versorgen könnte, ist die örtliche Stromversorgung unzureichend, da der produzierte Strom hauptsächlich an andere Staaten verkauft wird. Außerdem gibt es große Probleme mit dem Handel von Drogen und ähnlichen Dingen.

Kannst du bitte noch mehr Hintergründe bezüglich der Konflikte in den 90ern geben? Was sieht du als die entscheidenden Dynamiken, welche dazu führten und wie ist die NATO damals genau vorgegangen?

Zu Zeiten der Konterrevolution in den 90ern in Jugoslawien sollte das Land endgültig zerstört werden. Ein Hauptgrund für das Handeln der NATO stellte wohl die militärische Stärke des unabhängigen Landes mitten in Europa dar. Unser sozialistisches Projekt hatte einige Fehler, war aber dennoch für den Großteil der Menschen besser als Konterrevolution und Kapitalismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierten viele Nazikollaborateure und andere antikommunistische Kräfte in den Westen. Verschiedene Geheimdienste wie der BND und die CIA organisierten im Verbund mit diesen nationalistischen Kräften viele Terroranschläge in Jugoslawien. Als dann in den 90er Jahren konterrevolutionäre Proteste begannen, kehrten viele dieser sogenannten „politischen Emigranten“ zurück nach Jugoslawien. Mit westlicher Hilfe gelang es diesen dann, großen Einfluss auf die Bevölkerung auszuüben und diese zu radikalisieren. Während beispielsweise im September 1990 noch 86 Prozent der Bevölkerung Kroatiens gegen die Unabhängigkeit der Republik von Jugoslawien waren, unterstützen bereits im Mai 1991 86 Prozent die Loslösung. Serbische Nationalisten hatten in dem gesamten Prozess ein Interesse an einem weiteren Bestehen Jugoslawiens, in welchem die serbische Nation weiterhin vereint sein werden könne. Der erste kroatische Präsident Franjo Tuđman entfernte dann die seit der Begründung Jugoslawiens bestehende Anerkennung der Serben als Teil Kroatiens aus der Verfassung. Nicht nur dieses Vorgehen weckte Erinnerungen an das Vorgehen kroatischer Nationalisten im Zweiten Weltkrieg. Es tauchten im öffentlichen Leben auch erneut die Symbole der „Ustascha“ und Monarchisten auf. Der erste Krieg in Slowenien dauerte nur vier Tage an, da die jugoslawische Führung durch die immense Präsenz der NATO zur Anerkennung der Sezession Sloweniens gezwungen wurde. Slowenien, Kroatien und Mazedonien wurden so alle zu NATO-Mitgliedstaaten. Zuerst intervenierte die NATO mit der Erklärung den Bürgerkrieg beenden zu müssen und heute ist sie noch immer in der Region, mit der Legitimation, die „wilden Stämme“ voneinander fernhalten und Friedensprozesse initiieren zu müssen. Serbien und Montenegro bildeten zunächst, Mitte der 90er Jahre, eine Art „Atomkern“ zur bezweckten Reintegration Jugoslawiens. Das war jedoch in der Wahrnehmung der Imperialisten nicht das einzige Problem. Unsere Regierung schloss ebenso keine Abkommen mit demInternationalen Währungsfond und der Weltbank ab, da sie nicht bereit war, ihren Finanzsektor zu privatisieren. Zu Zeiten des „Neoliberalen Triumph“ konnte es nicht geduldet werden, dass Jugoslawien 1996 und 1997 ein Wirtschaftswachstum von 7 Prozent verzeichnen konnte und somit eine Alternative zu damals vorherrschenden Paradigmen darstellte. Es folgten die NATO-Intervention in 1999 und eine neue Welle der Konterrevolution Anfang der 2000er Jahre.

Wie müssen wir uns als Kommunisten hinsichtlich der aktuellen NATO-Aggression gegen Russland positionieren?

Wir erachten es als zentral für den antiimperialistischen Kampf gegen die NATO, dass Russland die NATO in der Ukraine besiegt. Dass bedeutet nicht, dass wir Putins Regime in Russland grundsätzlich unterstützen. Ein Sieg Russlands in der Ukraine wäre nicht gleichbedeutend mit einer Auflösung der globalen Widersprüche, aber in diesem Kontext ist es sehr wichtig, dass sämtliche Kommunisten und progressive Kräfte Russland unterstützen. Eine Niederlage der NATO in der Ukraine wäre gleichbedeutend mit einer Schwächung der US-Hegemonie. Der Konflikt in der Ukraine sagt zudem viel über Dynamiken der Konterrevolutionen in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion aus. Das Vorgehen des „Teilen & Herrschen“ in diesen Regionen erinnert mich sehr an die Vorgänge in unseren Regionen. In der Ukraine wurden mit der Konterrevolution kontinuierlich faschistische Kräfte durch die westlichen Imperialisten gestärkt. Heute ist es offensichtlich, dass der Krieg für die Ukraine nicht zu gewinnen ist. Besonders die diesjährige „Gegenoffensive“ dient offensichtlich nur den Interessen der westlichen Imperialisten einer Schwächung Russlands.

Was sind die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine auf die Arbeit eurer Partei?

Für progressive Kräfte in unserem Land hat der aktuelle Konflikt positive Auswirkungen. Die antiimperialistische Bewegung wächst und auch für die antifaschistische Bewegung ist dies sehr wichtig. Früher hatten wir unter anderem Probleme mit rechtsextremen Hooligan-Gruppierungen, aber seit dem Beginn der Militäroperation der Russischen Föderation, unter dem Label der „Denazifizierung“, sind diese Bewegungen im öffentlichen Leben verschwunden. Inszenierungen als Faschist und damit einhergehende Praktiken wie die Zerstörungen von Partisanen-Denkmälern sind in unserer Gesellschaft sehr unpopulär geworden. Wer sich heute zu Nazikollaborateuren bekennt, kann eher lächerlich gemacht werden, nach dem Motto „Ah, du unterstützt also Zelenskiy, welcher Kinder umbringen lässt?“

»Jeder Aspekt der ghanaischen Wirtschaft wird von ausländischem Kapital beherrscht.«

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Beitrag aus der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023


Im Juli haben wir Kyeretwie Opoku vom „Socialist Movement of Ghana (SMG)“ interviewt. Mit ihm sprachen wir über die aktuelle politische Situation in Ghana und Westafrika. Darüber hinaus gab er uns wichtige Einblicke in die Rolle des US-Imperialismus und der VR China in der Region, wie auch in die konkreten Vorstellungen von Strategie und Taktik der SMG im Hinblick auf die antiimperialistischen Kämpfe der ghanaischen und afrikanischen Arbeiterklasse. Wir drucken hier auf Deutsch übersetzte Auszüge aus unserem Interview mit ihm ab.

Könnten Sie uns zunächst einen Überblick über die derzeitige politische Situation in Ghana geben? Welchen Kurs verfolgt die Regierung um Nana Akufo-Addo? Was sind die entscheidenden Kämpfe und welche Rolle spielt die SMG in diesen Kämpfen?

Ich denke, es ist zunächst wichtig, hervorzuheben, dass Ghana eine intensiv ausgebeutete Neokolonie des von den USA dominierten westlichen Kapitalismus ist. Das muss klar sein. Die wichtigsten Sektoren unserer Wirtschaft werden von ausländischem Kapital dominiert. Ganz gleich, ob es sich um natürliche Ressourcen, Finanzen, Infrastruktur oder andere Dienstleistungssektoren handelt, die den Export natürlicher Ressourcen erleichtern, ob es sich um Energie oder das Baugewerbe handelt. Selbst wenn wir über die Landwirtschaft sprechen. Es gibt oft den Mythos, dass die Landwirtschaft ein Sektor ist, der unter einheimischer Kontrolle bleibt, weil das Land in Ghana nicht in ausländischer Hand ist.

Die Wahrheit ist, ja, wir haben ein Landbesitzsystem, was bedeutet, dass der formale Rechtsanspruch in den ghanaischen Gemeinden verbleibt. Aber die Handelsbedingungen sind so, dass sowohl die Märkte, auf denen wir verkaufen, als auch die Märkte, auf denen wir kaufen, vollständig vom Kapital beherrscht werden. Es handelt sich also nicht um einen Austausch auf Augenhöhe. Noch wichtiger ist, dass im Laufe der Jahre seit der Kolonialzeit der Aufbau der Landwirtschaft gestört wurde, da die Gemeinden gezwungen waren, sich immer weiter von der Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen, die wir im Lande verbrauchten, wegzubewegen und stattdessen Exportprodukte zu produzieren, die an Fabriken in Europa und Amerika, Japan usw. geliefert werden. Jeder Aspekt der ghanaischen Wirtschaft wird also von ausländischem Kapital beherrscht. […]

Nun zur nationalen Politik. Sie wird von einer Kompradoren-Elite beherrscht. Sie wird von Leuten beherrscht, deren persönliches Vermögen und deren soziales Ansehen vollständig von der Unterwerfung unter den Imperialismus abhängt. Und das sind Leute, die sich wirklich keine andere Welt, keine andere Art der Organisation der Gesellschaft vorstellen können. Und das gilt selbst für die liberale Linke, die ein Lippenbekenntnis zu Fragen der nationalen Unabhängigkeit, ein Lippenbekenntnis zum Panafrikanismus und ein Lippenbekenntnis zur Eigenständigkeit ablegt. Das Wirtschaftsmanagement und die wirtschaftspolitische Ausrichtung sind also keine wirkliche Trennlinie in der ghanaischen Wahlkampfpolitik. Es gibt zwei große Parteien, die beide die neoliberale Demontage des ghanaischen Staates unterstützen und das Eindringen des Kapitals in alle verschiedenen Sektoren unserer Wirtschaft, sowohl im kommerziellen als auch im sozialen Bereich, befördern. Beide großen Parteien, eigentlich alle großen Parteien, unterstützen die Unterordnung der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung unter das, was sie die internationalen Märkte nennen, oder unter die Institutionen, die die Wertentwicklung auf diesen internationalen Märkten kontrollieren. Auf die Art und Weise wie der IWF die Finanzmärkte kontrolliert, sorgen sie beispielsweise dafür, dass einige Länder der Rückzahlung von privaten Schulden Vorrang vor der Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Bürger geben. Das gesamte politische Establishment ist in seiner Einstellung und in seinen Praktiken liberal.

Welchen Einfluss hatte der Kolonialismus auf die Bevölkerung in Ghana und wie konnte unter diesen Umständen die Unabhängigkeit unter Nkrumah erreicht werden? Auch im Hinblick auf die Probleme und Herausforderungen, mit denen Nkrumah und die Convention People‘s Party (CPP) in den 60er Jahren konfrontiert waren, was ihre Vision von afrikanischer Einheit und dem Erreichen echter Souveränität anstelle einer „Flaggensouveränität“ angeht.

Die Erfahrung in Ghana und in vielen anderen Teilen Afrikas war, dass die Mobilisierung für die nationale Unabhängigkeit, die Mobilisierung für die Rückeroberung unseres Landes aus fremden Händen usw. in gewisser Weise viel einfacher war als die Mobilisierung gegen die Imperialisten und die neokolonialen Strukturen der Wirtschaft. In diesem Fall haben Sie es mit Menschen zu tun, die wie Sie aussehen, die Ihre Sprache sprechen und so weiter, und die Tatsache, dass sie jetzt an Ihrer Ausbeutung und Unterdrückung beteiligt sind, ist nicht immer offensichtlich, insbesondere in den Ländern Afrikas, in denen so wenig investiert wurde. Die Briten haben an der Goldküste [Anm. d. Red.: Goldküste war der Name einer britischen Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Ghana] sehr wenig in die Bildung investiert – über viele, viele Jahre. Sie hatten also eine große analphabetische Bevölkerung und eine sehr kleine koloniale Elite. Die meisten dieser Eliten waren Kompradoren, und selbst die Nationalisten und linksgerichteten Eliten hatten keine Vorstellung davon, was ein antiimperialistischer Kampf bedeutete und wie weit er über die Unabhängigkeitserklärung hinausging. Dieser Kampf würde weitergehen müssen. Daher befand sich Nkrumah an vielen Punkten des Kampfes, insbesondere ab 1960, in einer schwierigen Lage. […] Er versuchte, den Panafrikanismus aufzubauen und eine neue afrikanische Kolonie zu stabilisieren, er versuchte, auf der globalen Bühne zu intervenieren. Zum Beispiel seine Beteiligung an den Kämpfen in Vietnam und seine Friedensmissionen nach Hanoi und seine Beteiligung am Aufbau einer blockfreien Bewegung und so weiter. Die Forderungen des Internationalismus führten zwangsläufig dazu, dass er einige Probleme in seiner Heimat aus den Augen verlor, und das schuf Raum für seine Feinde, von denen einige nicht einmal wussten, dass sie seine Feinde waren, um sich einzumischen.

Heute ist das Afrika-Kommando des US-Militärs (AFRICOM) immer noch auf dem gesamten Kontinent präsent – speziell in Westafrika. Zudem fand kürzlich die Militäroperation Flintlock in Ghana und Cote d‘Ivoire statt. Konnten die USA nach Nkrumahs Sturz ihre massive militärische Präsenz in der Region aufbauen und wie gestalten sich demnach die Verhältnisse in Westafrika?

Es gibt Ereignisse wie die Operation Flintlock, die, wie ich denke, die größte gemeinsame imperialistische Militäroperation auf afrikanischem Boden in der Geschichte ist. Alle Europäer, die Amerikaner und sogar die Japaner waren vor Ort und führten Marine-, Luftwaffen- und Landoperationen durch. Und sie tun dies in aller Öffentlichkeit, fahren in ihren Uniformen durch die Stadt usw. Was Sie also sehen, ist, wie wir es manchmal analysieren: das koloniale Unternehmen. Es hat sich nie geändert, nie verloren. Es ist eine gewalttätige verdeckte Unternehmung und manchmal eine offene. Und das ist, was passiert ist: Das Versagen von US-Untergebenen wie Frankreich, ihre kolonialen Besitztümer zu verwalten, hat zu einer Situation geführt, in der der Imperialismus das Potenzial einer direkten Wiederaufnahme der kolonialen, direkten politischen Herrschaft über alle unsere Länder in Betracht zieht und erforscht.

Ich weiß, es klingt weit hergeholt, aber die Realität ist, dass Truppen in unserem Land operieren und diese Truppen nicht unserem Recht unterworfen sind. Ich meine, unser Vertrag mit der US-Regierung besagt, dass Straftaten, die von US-Militärangehörigen in Ghana begangen werden, nicht von unserer Polizei untersucht und nicht von unseren Gerichten verfolgt werden können. Wenn also ein US-Soldat morgen ein Schulkind erschießt, können unsere Behörden es nur dem US-Militär übergeben, das es dann mitnimmt, und Sie würden wahrscheinlich nie erfahren, was passiert ist. Wenn sie Eigentum zerstören, wenn sie Gebäude, Brücken usw. in die Luft jagen, können sie dafür nicht haftbar gemacht werden. Das ist eine Negation der Souveränität. Das ist die Situation, in der man sich in die Kolonialzeit zurückversetzt sieht. Der Imperialismus in Form der Regierung der USA übt Rechte aus, die selbst die Briten während der früheren Kolonialzeit nicht zu nutzen wagten.

Wie sehen Sie die Rolle Chinas in Ghana und Afrika? Sowohl in unserer Presse als auch in der linken Bewegung wird der Volksrepublik oft eine Art Wiederholung der altbekannten kolonialen Schuldenfalle vorgeworfen und das Agieren Chinas als Mechanismus der Aufrechterhaltung kolonialer Abhängigkeiten angesehen.

Wenn wir bei der Rückzahlung von Krediten in Schwierigkeiten geraten, ist China immer bereit, sich zusammenzusetzen und zu verhandeln. Das ist keine Wohltätigkeit. Es handelt sich um geschäftliche Transaktionen, bei denen China auch andere Vorteile erwartet. China verschenkt nicht nur seine Ressourcen. Es versucht, fairen Handel und faire Investitionen zu schaffen. China steckt Geld in Dinge wie die Neue Seidenstraße. Diese Initiative leistet einen großen Beitrag dazu, die Infrastruktur der Welt zu vereinen und Transaktionen mit Afrika zu ermöglichen, die bisher nicht realisierbar waren. China spielt also eine konstruktive Rolle in Afrika. Es gibt eine Menge Propaganda, die suggeriert, dass China einfach nur Ressourcen abgibt und so weiter, und die Probleme, die es gibt, aufbläht. Und es gibt Probleme. Wie ich schon sagte, ist China ein Entwicklungsland, das meiner Meinung nach einen Weg einschlägt, der sowohl innovativ als auch klassisch sehr fundiert ist, was die Schriften der großen marxistischen Theoretiker, Marx selbst, Lenin und so weiter, angeht. China hat seinen eigenen Klassenkampf. In China gibt es eine große Kapitalistenklasse, die innerhalb seiner Grenzen operiert. Und das sind Kapitalisten, die kapitalistische Instinkte haben. Überall gibt es den gleichen Ansatz. Die gleichen Dinge, die einen Kapitalisten in Nordamerika antreiben, treiben auch einen Kapitalisten in China an. Sie mögen innovativer sein und so weiter, aber sie haben dieselben grundlegenden Instinkte, was die Akkumulation, den Wettbewerb usw. angeht. Es gibt also chinesische Unternehmen, die sich in Afrika danebenbenommen haben. Daran besteht kein Zweifel. In meinem eigenen Land gab es zum Beispiel chinesische Firmen, die in den illegalen Goldabbau verwickelt waren. Das waren nicht wenige. Das Problem ist aber übertrieben worden. Es wurde maßlos aufgeblasen. Aber das gibt es, und wir sollten das nicht leugnen. […] Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass es sich um einzelne private Akteure handelt. Es handelt sich nicht um die Kommunistische Partei Chinas. Es ist nicht der chinesische Staat, der sich an der Ausbeutung von Afrikanern beteiligt. Und es ist kompliziert, damit umzugehen. Es ist unsere Pflicht als Länder und als Menschen, diese Praktiken zu stoppen, egal ob es sich um Chinesen, Ghanaer, Nigerianer oder andere handelt.

Was ist aus der Perspektive der SMG die Strategie für den Klassenkampf heute? Wie ist der Kampf gegen die neokolonialen Strukturen mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden? Gibt es etwas fortschrittliches an den nationalen bürgerlichen Kräften, oder wer wird das Subjekt des sozialen Fortschritts in Ghana oder allgemeiner in Afrika sein?

Je nach dem Stand der Entwicklungen sind in den jeweiligen Ländern natürlich unterschiedliche Kräfte im Spiel. Und in vielen dieser Länder gibt es bedeutende nationale Bourgeoisien, nationale Kapitalisten, die sich mit uns verbünden würden – im Rahmen des Wettbewerbs mit globalen Versicherern, weil ihre eigenen Bestrebungen als aufstrebende Kapitalisten durch die Operationen der globalen transnationalen Unternehmen eingeengt und erdrückt werden. Der globale Kapitalismus ist, was er ist. Er expandiert, er verschlingt, er vernichtet, er formatiert sich neu. Es gibt also kaum eine Chance für afrikanische kapitalistische Formationen zu überleben, ohne einen direkten Konflikt mit den imperialistischen Kräften einzugehen. Also gibt es Bündnisse, die hierauf basieren. Das müssen wir fördern. Diese Bündnisse müssen wir aufbauen. Und wir arbeiten daran. Sowohl innerhalb der sozialen Bewegungen der direkten Opfer des Kapitalismus als auch unter den Konkurrenten des Kapitalismus, die mehr auf ein nationalistisches Bestreben ausgerichtet sind. Dieses gehört nicht zu unseren vordergründigen Zielen, aber jeder Kampf hat sein Gesicht und seine Taktik.

Eine Weltordnung im Wanken?

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Wir spiegeln hier die Kurzbeiträge der Teilnehmer des Podiums I des Kommunismus-Kongresses 2023, die in der Zeitung zum Kongress veröffentlicht wurden.


Podium I: Samstag 07.10.23, 13:00 Uhr

Arnold Schölzel, Jörg Kronauer, Dimitrios Patelis

Der Abstieg des US-Imperialismus sowie eine sich verändernde Weltordnung ist in der Debatte der Kommunistischen Bewegung ein konstantes Thema. In diesen Diskussionen geht es häufig um den Charakter der VR China und einer sich entwickelnden sogenannten „multipolaren Weltordnung“. Häufig scheint es dabei gesetzt zu sein, dass die USA absteigen, sich die Weltordnung bereits verändert oder dies in absehbarer Zeit tun wird. Mit Blick auf die Geschichte der USA und der amerikanischen Weltordnung fällt jedoch auf, dass es mindestens seit den 1970ern wiederkehrend eine Diskussion über einen Abstieg der US-Herrschaft gibt. Stichwörter sind der Vietnamkrieg, die Öl-Krise, die Asienkrise, die Weltfinanzkrise 2008/2009, die verlorenen Kriege in Irak und Afghanistan usw. In Reaktion darauf gab es Veränderungen im Herrschaftssystem der USA, wie die Ablösung des Bretton-Woods Abkommens, Verlagerungen von US-Truppen, Veränderungen beim IWF und anderen Finanzinstitutionen – die Vormachtstellung der USA an sich blieb jedoch unangetastet.

Es stellt sich also die Frage, ob heute etwas anders geworden ist. Können BRICS und andere internationale Bündnisse Gegenspieler sein, die die US-Herrschaft soweit herausfordern, dass die USA diese Herrschaft nicht mehr retten kann? Was würde dies für den Imperialismus insgesamt bedeuten und was lässt sich konkret über einen „Multipolarismus“ mitteilen? Was haben wir bezüglich kriegerischer Auseinandersetzungen zu erwarten? Auf dem ersten Podium unseres Kongresses wollen wir uns diesen Fragen widmen und konnten dafür drei spannende Referenten gewinnen. Durch kurze Einblicke in ihre Standpunkte zu den Themen des Podium möchten wir einen Vorausblick auf die Diskussion bieten.


Neue Sophismen

Arnold Schölzel war bis 2016 Chefredakteur der jungen Welt und ist Chefredakteur des RotFuchs. Der promovierte Philosoph ist langjähriges Mitglied der DKP und schreibt regelmäßig zur politischen Einschätzung des Ukrainekriegs.

Krieg ist nach Clausewitz und Lenin die Fortsetzung einer bestimmten Politik mit anderen Mitteln, nämlich denen des  Zwangs und der Gewalt. Lenin sah darin eine richtige, wissenschaftliche These, weil es in ihr um die Klassenkräfte geht, die eine jeweilige Politik bestimmen. Er wandte sich daher 1915 gegen die Auffassungen Plechanows und Kautskys, der Weltkrieg habe nichts mit der Politik der Vorkriegszeit zu tun, er sei gewissermaßen ein bedauerlicher Unfall der Geschichte, und warf ihnen vor, die materialistische Dialektik durch Sophistik zu ersetzen: „Die Dialektik verlangt die allseitige Erforschung einer gegebenen gesellschaftlichen Erscheinung in ihrer Entwicklung sowie die Zurückführung des Äußerlichen und Scheinbaren auf die grundlegenden Triebkräfte, auf die Entwicklung der Produktivkräfte und den Klassenkampf.“ (LW, Seite 211)

Lenin kritisierte aber 1916 auch den Mangel an Dialektik in Rosa Luxemburgs „Junius“-Broschüre. Er unterstützte sie bei der Zurückweisung der These von der „Vaterlandsverteidigung“, der fast alle Parteien der II. Internationale gefolgt waren. Er lehnte aber ihre Auffassung ab, deswegen nationale Befreiungskriege im Imperialismus für ein „Phantom“ und letztlich für unmöglich zu erklären. (LW 22, Seiten 314/315). Seine Gegenthese: Jeder imperialistische Krieg kann in einen nationalen, jeder nationale Krieg in einen imperialistischen umschlagen.

Seit dem Eingreifen Russlands in den Krieg der Nationalisten und Faschisten, die 2014 vom Imperialismus in Kiew an die Macht gebracht wurden, tauchen Sophismen der von Lenin genannten Art in der kommunistischen Bewegung erneut auf. Die von einigen Parteien vertretene Behauptung, es handele sich auf beiden Seiten um einen imperialistischen Krieg, ist ein solcher Sophismus. Die Analyse der KPRF oder der RKAP oder anderer Parteien stört dabei offenbar nicht. Mit Internationalismus hat das nichts zu tun, aber sehr viel mit Spaltung.

Die Tatsachen besagen Mitte 2023: Zahlreiche Länder des globalen Südens folgen mehr der konkreten Analyse. Sie treten für eine Verhandlungslösung ein, die der Imperialismus im Frühjahr 2022 vom Tisch gefegt hat. Es deutet sich die Bildung mindestens zweier politischer Lager an. Dazu gehören: Die Mehrheit der UN-Vollversammlung, die BRICS-Staaten, etwa 35 Länder der 55 Staaten umfassenden Afrikanischen Union, der Vatikan und große Teile der Bevölkerung in den imperialistischen Staaten. Deren Meinung kommt nur in Umfragen zum Ausdruck oder manifestiert sich auf Kundgebungen: 50 000 in Berlin am 25. Februar, Zehntausende bei den Ostermärschen.

Das andere Lager bilden rund 30 Mitgliedstaaten von EU und NATO plus etwa weitere 15 Länder. Sie verfolgen das Ziel, Russland dauerhaft zu schwächen und zu kolonisieren. Die Herausbildung des Friedenslagers wird zu Recht als Niederlage des Westens betrachtet. Russland hat sich mit seiner Aktion vom 24. Februar 2022 militärisch verkalkuliert, der Westen hat offenbar einen strategischen Fehler begangen – beginnend mit der NATO-Osterweiterung Mitte der 90er Jahre und der Aufrüstung der Ukraine zu einem antirussischen Vorposten. Die Fehlkalkulation ist mit der des deutschen Imperialismus in beiden Weltkriegen vergleichbar.

Der neue Schematismus ist ein Ausdruck des von Domenico Losurdo so bezeichneten „Westlichen Marxismus“. Unkenntnis und Missachtung der kolonialisierten Völker und ihrer Kämpfe ließen diesen um 1900 entstehen – mit der Ausnahme des „östlichen Marxismus“ Lenins. Aber mit der außerordentlichen, bis heute stattfindenden Entwicklung Chinas, so Losurdo zu recht, geht das „kolumbianische Zeitalter“ zu Ende, werden erstmals rechtlich gleiche Beziehungen für die Mehrheit der Staaten möglich. Und sie nutzen diese neuen Spielräume. Die Kommunisten sollten dieses Ende einer 500jährigen Geschichte nicht verpassen.

Der Krieg gegen die Hegemonie des euroatlantischen Machtblocks hat begonnen

Dimitrios Patelis ist Professor für Philosophie an der Technischen Universität Kreta, Mitglied der World Antiimperialist Platform und des griechischen „Kollektiv des Kampfes für die revolutionäre Vereinigung der Menschheit“.

Die traditionellen Hegemonialmächte – also Nordamerika unter Führung der USA, die Europäische Union unter Führung Deutschlands und das japanisch geführte fernöstliche Machtzentrum – greifen inzwischen zu immer gewaltförmigeren Mitteln der Umverteilung ihrer Einflusssphären, aber auch der Umverteilung ihrer Kontrollmöglichkeiten über unbotmäßige Staaten oder andere politische Akteure und Bündnisse. Durch hybride Beeinflussung oder direkte militärische Einmischung streben sie danach, die Entfaltung eines alternativen Entwicklungspols auf der Erde zu vereiteln, ja überhaupt beliebige Möglichkeiten alternativer Entwicklung zu verhindern. Sie sind bestrebt, mit aller Macht die Herausbildung von Subjekten jeglicher alternativer Varianten der wirtschaftlichen, politischen, militärischen, selbst kulturellen Tätigkeiten verschiedener Länder und Völker zu blockieren.

In meinen Augen handelt es sich also bei diesem Krieg nicht um einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine, nicht einmal zwischen Russland und der NATO, sondern um einen beginnenden Krieg gegen den Hegemonialanspruch des alten – noch starken, aber im Abstieg befindlichen – euroatlantischen imperialistischen Machtblocks, der insbesondere in den letzten 30 Jahren der Welt seine neoliberale Ordnung aufzuzwingen vermochte.

„Im Abstieg befindlich“ ist nicht im militärischen Sinne gemeint, denn da steht bekanntlich ein gigantisches Potenzial bereit, das bis zuletzt ausgereizt werden wird, worin die große Gefahr der aktuellen Konfrontation liegt. Es ist vielmehr gemeint im Sinne des Verlustes seiner wirtschaftlichen Position im globalen Kräfteverhältnis – gegenüber dem anderen, aufsteigenden Pol.

Hat der endgültige Abstieg der USA begonnen?

Jörg Kronauer ist Journalist, Mitherausgeber der Nachrichtenseite german-foreign-policy und Autor zahlreicher Bücher – u.a. zum Machtkampf zwischen USA, China und Russland.

Dieser Frage stellte sich Samuel Huntington, der Direktor des Center for International Affairs an der renommierten Harvard University, Ende 1988 in einem Beitrag für die US-Fachzeitschrift Foreign Affairs. Die Tatsache, dass die US-Wirtschaft schwächer werde, treibe zur Zeit viele um, stellte Huntington fest. Hieraus zögen nicht wenige den Schluss, dass mit dem ökonomischen auch der politische Einfluss der USA schrumpfen werde. Zudem werde darauf hingewiesen, dass die wirtschaftliche Schwäche aus einem übermäßigen Militärhaushalt resultiere, den die Vereinigten Staaten benötigten, um ihre globale Macht zu sichern – ein klassisches Zeichen „imperialer Überdehnung“. Traf das zu? Unfug, meinte Huntington. Es stimme, dass keine Macht auf Dauer die Weltpolitik dominieren könne. Manche Staaten schafften dies aber außerordentlich lange. Der Harvard-Professor war sich nach reiflicher Überlegung vollkommen sicher: Die USA zählten dazu.

Vorläufig hat Huntington mit seiner Prognose Recht behalten. Der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Ost- und Südosteuropa und vor allem der Zerfall der Sowjetunion haben es den Vereinigten Staaten ermöglicht, sich eine zeitlang zur global dominierenden Supermacht aufzuschwingen. Bis vor kurzem konnte den USA niemand wirklich Paroli bieten – nicht die deutsch dominierte EU, mit der die herrschende Klasse der Bundesrepublik so gern zur Weltmacht auf Augenhöhe mit den USA aufsteigen würde, und erst recht keine andere Macht. Inzwischen ändert sich das. Der Grund ist der Aufstieg Chinas. Dessen Wirtschaft ist, wenn man sie nach Kaufkraftparität misst, schon heute stärker als diejenige der USA; in absoluten Dollarwerten wird sie es wohl um das Jahr 2030 herum sein. Der Volksrepublik gelingt es zunehmend, auch technologisch mit den Vereinigten Staaten gleichzuziehen; sogar in einem Krieg, warnen US-Militärs, könnte sich Beijing mit einiger Wahrscheinlichkeit gegen Washington behaupten. Und: Auf lange Sicht haben 1,4 Milliarden Chinesen, sofern sie technologisch gleichziehen können, ein in jeder Hinsicht größeres Potenzial als 330 Millionen US-Amerikaner. Ihr Gewicht brachte noch kein Rivale der USA auf.

Hat also jetzt wirklich der endgültige Abstieg der Vereinigten Staaten begonnen, der schon des öfteren vorhergesagt wurde, aber nie eingetreten ist? Klar ist: Washington hat den Kampf dagegen aufgenommen. Es hat einen Wirtschaftskrieg gegen China gestartet; es versucht, die USA zu reindustrialisieren; es bringt sich militärisch offensiv gegen die Volksrepublik in Stellung; es sammelt Verbündete in Asien, und es dringt darauf, dass auch seine Verbündeten in Europa gegen Beijing die Reihen schließen. Die Spannungen eskalieren, und mit ihnen steigt die Kriegsgefahr.

Krieg tobt bereits jetzt in der Ukraine – faktisch zwischen Russland und dem Westen, der Kiew gegen Moskau mit allen Mitteln unterstützt. Nicht ohne Grund; denn gelänge es ihm, Russland zu besiegen, dann wäre ein anderer Rivale ausgeschaltet, und man müsste nicht mehr damit rechnen, dass er im großen Kampf gegen China Beijing unterstützt. Im Ukraine-Krieg ist nun aber das Unerwartete geschehen: Der Globale Süden unterstützt die westlichen Mächte nicht, beteiligt sich nicht an den Russland-Sanktionen, weigert sich, Moskau zu isolieren. Er wagt, wenn man so will, den politischen Aufstand gegen die bisherige westliche Dominanz. Für Washington verkompliziert das zusätzlich den Versuch, seinen Abstieg zu verhindern; er kommt näher.


Die Texte der Referenten wurden für diese Zeitung verfasst, nur der Text von Dimitrios Patelis ist ein Zitat aus: „Die ukrainische Phase eines dritten Weltkriegs? Interview mit Dimitrios Patelis“, in: Marxistische Blätter (4) 2022, S. 1-12.

Was kostet ein Kommunismus Kongress? Spendenaufruf aktuell! 

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Aktuell sammeln wir Spenden für die Durchführung des Kommunismus Kongresses 2023 in Berlin. Seit Mitte August ist bereits ein beachtlicher Betrag zusammengekommen, wofür wir uns herzlich bedanken möchten! Dieses Geld ermöglicht erst den diesjährigen Kommunismus Kongress, mit dem wir in Deutschland einen Beitrag leisten wollen zum Kampf gegen den Imperialismus und für den Sozialismus. Dafür haben wir ein vielseitiges Programm zusammengestellt, um zu diskutieren, zu lernen und Klarheit zu gewinnen. Wir freuen uns, mit euch allen Anfang Oktober in Berlin diskutieren zu können! Unsere Einnahmen decken aber leider bei weitem noch nicht unsere Ausgaben. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, um Experten, Aktivisten und Autoren aus aller Welt an einen Ort zu holen.  

Um euch zu zeigen, was die Durchführung eines Kongresses in dieser Form kostet, d. h. wofür Ticketeinnahmen und Spenden eingesetzt werden, haben wir hier eine kleine Aufstellung der Ausgaben für den Kongress für euch: 

Miete der Veranstaltungsräume: 6210 € 
Übersetzung vor Ort und Technik dafür: 2650 € 
Unterbringung und Reisekosten Referenten: 3361 € 
Druck der Zeitung zum Kommunismus-Kongress: 957 € 
Weitere Flyer und Werbung: ca. 2500 € 
Sonstige Kosten (Material vor Ort, Technik,…): 600 € 

Der Kongress kostet also ca. 16.278 €. Auf der Einnahmen-Seite stehen vor allem die Ticketeinnahmen – und eure Spenden!  

Kauft jetzt euer Ticket, wenn ihr es noch nicht getan habt und spendet auf folgendes Konto, um die Durchführung des Kongresses zu ermöglichen – auch kleine Beträge helfen! 

Kontoinhaber: Verein für internationale Bildung und Solidarität 
IBAN: DE88 8605 5592 1090 3249 91 
BIC: WELADE8LXXX 
Verwendungszweck: Spende Kongress 

Oder via Paypal an kongress2023@gmx.de 

Auf einen erfolgreichen Kongress! 

Solidarity with Zaid means fighting imperialism and the colonial asylum regime!

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The German authorities want to set an example of our comrade Zaid Abdulnasser, a member of the Palestinian prisoner solidarity network Samidoun. They have withdrawn the right of residence of the young Palestinian, who fled from Syria to Germany and has been waiting here for years for his naturalisation. He is defending himself legally and politically. We and many others are behind him.

Upswing of the Palestinian liberation struggle

The comrades of Samidoun have been the focus of state repression and anti-Palestinian agitation in Germany for a long time: again and again their demonstrations are banned and stopped by force, the media spread lies against them and in June this year the German-Israeli Society demanded the banning of the organization according to paragraph 129b (an „anti-Terror-Paragraph“). We see the main reason for these attacks in the fact that Samidoun, as a young organization with young activists who did not grow up in the West but mostly in the Arab Diaspora, most strongly embodies the Palestinians‘ and especially the younger generations‘ urge for unity of resistance and for uncompromising against Zionist colonialism.

This urge is also the Palestinians‘ greatest hope and is currently fuelling the struggle for liberation in Palestine to an extent that we have not seen since the Second Intifada: In Jenin, Nablus, Tulkarem and other places in the West Bank, cross-organisational and cross-currents of brigades have formed, which have taken up the armed struggle against the occupation regime and are carrying it out on a daily basis. In Gaza, too, the factions of the resistance are cooperating ever more closely. While the Gaza Strip has been a no-go area for the Zionists for a decade and a half, the West Bank has now also turned into a dangerous terrain for settlers and soldiers, and resistance actions are also taking place again and again in the 48 Areas, i.e. in Israel.

Imperialist asylum system

Even though the „postmodern“ bourgeois discourse likes to proclaim that migration is something „quite normal“ that has always existed: most people do not voluntarily leave their homes, families and friends, and many „migrants“ are refugees, whether they flee because of war, displacement, persecution or poverty. At the same time, the European asylum system was indeed a consequence of the Second World War and thus an achievement. But it was also a treaty between the colonial powers and the other imperialist states of Western Europe and North America, and therefore never intended for the colonized peoples of Africa, Asia and Latin America. Nevertheless, it is above all millions of people from the poor countries who have had to make use of the right to asylum and the right to stay in the last 75 years – and who have fought for it even against the will of the rulers! Hundreds of thousands have paid for this with their lives.

The reason why especially people from the South and East had to lay claim to this right is, of course, that the imperialist West covered and still covers their countries with war and (neo)colonial exploitation. In Palestine in particular, with the onset of the ongoing Nakba in 1947, a large part of the indigenous population was turned into refugees, who to this day live in camps inside and outside Palestine and have no citizenship.

These people from Asia, Africa and Latin America are pushing into the centers of global exploitation and oppression in Europe and North America to enjoy some of the wealth stolen from their countries and the relative peace based on that wealth. In doing so, they are rebelling, whether consciously or unconsciously, against the basic laws of imperialism, which are: The over-exploited have to stay in the periphery, except when they are called to the center as cheap labor. If these people then also speak out politically here, denounce the injustice of the imperialist world system, name the reasons for their flight and attack the imperialist state, they become the enemy that must be fought and smashed.

It is therefore no wonder that state repression in Germany hits migrant revolutionary organizations particularly hard. Palestine, as the last colony openly occupied by Europeans, where the indigenous people bitterly resist, where the imperialism of the West is most openly revealed, must seem particularly dangerous to the ruling class in this country. In addition, the pro-Zionist raison d’état is an enormously important part of the legitimisation of the ruling class in Germany. And finally: the Palestinians enjoy great sympathy among the peoples of the so-called Third World and especially the Muslim world. On the issue of Palestine, therefore, most migrant communities in Germany, which can otherwise unfortunately all too often be played off against each other according to the divide and rule principle, are united.

For the right to stay and the right to return!

The Zaid case impressively shows how the German authorities use migration and asylum law as a political weapon: They can apparently neither simply ban Samidoun nor prove that comrade Zaid has committed a concrete crime. Instead, they use his „status“ as a refugee, which is ultimately nothing more than a racist legal construct that deprives him of his basic rights. As with all repression, it is not about him alone, but above all about intimidating all of us. The message is clear: Palestinians are not allowed to express themselves politically in the FRG, they are not allowed to denounce colonialism in their home country and they are not allowed to fight against it. Those who do risk not only never being naturalized and thus being able to live here with equal rights, but even losing their asylum and being deported. We advocate that the Palestinians‘ struggle for their national liberation in all its forms can be openly supported and propagated in this country, that Palestinians not only get security and residence, but that they can fully exercise their political rights!

The political oppression of the Palestinians in Germany by means of criminal and migration law is the counterpart of their oppression and expulsion in their homeland, they are two edges of the same sword, that of the imperialists and colonial masters. Accordingly, both sides must also be fought by us: The struggle for the right to stay for Zaid and all other Palestinians and their right to naturalization in Germany does not contradict the struggle for the liberation of their homeland and the right of return of the Palestinians, but is rather its flip side! In both cases, it is about the very concrete rights of the Palestinians: the freedom to stay here and the freedom to return to Palestine. And in both cases, victory means a blow against imperialism, which wants the Palestinians neither there nor here.

At the same time, the attack on the democratic rights of the Palestinians is an attack on the democratic rights of all: all those who fight against oppression and occupation, against imperialism, exploitation and war are to be intimidated. Zaid is hit, but all those who fight for the liberation of Palestine, who fight against (neo)colonial oppression, against racism, are meant! They are using Zaid’s precarious legal situation to isolate and break him. Let’s show that he is not alone, not isolated. Let’s show that an attack on him is an attack on all of us! Solidarity is our strongest weapon against their repression, their racism, their terror!

Solidarity with Zaid! Fight state racism! Down with imperialism!

Solidarity with Samidoun! Freedom for Palestine – from the river to the sea!

Kein Berufsverbot für Luca! 

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Der angehende Lehrer Luca steht kurz vor seinem Referendariat. Nun soll aus politischen Gründen verhindert werden, dass er Lehrer wird. Was ist passiert? Auf der 1. Mai Demonstration 2021 in Frankfurt kam es zu Angriffen der Polizei auf die Demo. Mehrere Demonstranten wurden dabei schwer verletzt. Als ein Rauchtopf neben dem Kopf eines verletzten Demoteilnehmers am Boden landete, hat Luca den Rauchtopf zur Seite geworfen, um diesen zu schützen. Jetzt steht er wegen des Vorwurfs des schweren Landfriedensbruchs und Körperverletzung vor dem Landgericht Frankfurt. Im ersten Urteil wurde Luca zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und vorbestraft. Die Staatsanwaltschaft legte unverzüglich Revision ein, um ein noch höheres Urteil zu erwirken. Die Unverhältnismäßigkeit dieses harten Urteils ist politisch motiviert, denn Luca soll wegen seiner Vorstrafe nun sein Referendariat nicht mehr antreten dürfen. 

Wir fordern die sofortige Einstellung des Verfahrens und Freispruch für Luca!

Luca soll Lehrer werden!

Unterschreibt die Petition auf change.org

Kommt zur Soli-Kundgebung beim Gericht in Frankfurt/Main!

Am 27.09. um 9 Uhr findet vor dem Landgericht Frankfurt der nächste Gerichtstermin und eine Soli-Kundgebung mit Luca statt. 

Solidarität mit Luca! Gemeinsam gegen ihre Repression! 

Hier der Link zur Petition: https://chng.it/7LLKWKkxSG

Mehr Infos zum Fall: https://www.unsere-zeit.de/kein-berufsverbot-fuer-luca-4783675/

Solidarität mit Zaid heißt Kampf dem Imperialismus und dem kolonialen Asylregime!

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An unserem Genossen Zaid Abdulnasser, Mitglied des palästinensischen Gefangenen-Solidaritätsnetzwerks Samidoun, soll ein Exempel statuiert werden: Die deutschen Behörden haben dem jungen Palästinenser, der aus Syrien nach Deutschland geflohen ist und hier seit Jahren auf seine Einbürgerung wartet, das Aufenthaltsrecht entzogen. Er setzt sich juristisch und politisch zur WehrWir und viele andere stehen hinter ihm.

Aufschwung des palästinensischen Befreiungskampfs

Die Genossen von Samidoun stehen schon länger im Fokus der staatlichen Repression und der anti-palästinensischen Hetze in Deutschland: Immer wieder werden ihre Demos verboten und mit Gewalt unterbunden, Medien verbreiten Lügen gegen sie und im Juni diesen Jahres forderte die Deutsch-Israelische Gesellschaft das Verbot der Organisation nach Paragraph 129 b. Wir sehen diese Angriffe vor allem darin begründet, dass Samidoun als junge Organisation mit jungen Aktivisten, die nicht im Westen, sondern größtenteils in der arabischen Diaspora aufgewachsen sind, den Drang der Palästinenser und besonders der jüngeren Generationen nach Einheit des Widerstands und nach Kompromisslosigkeit gegenüber dem zionistischen Kolonialismus am stärksten verkörpert

Dieser Drang ist zugleich die größte Hoffnung der Palästinenser und befeuert den Befreiungskampf in Palästina derzeit in einem Maße, wie wir es seit der Zweiten Intifada nicht mehr erleben konnten: In Jenin, Nablus, Tulkarem und anderen Orten in der Westbank haben sich organisations- und strömungsübergreifende Brigaden gebildet, die den bewaffneten Kampf gegen das Besatzungsregime aufgenommen haben und tagtäglich austragen. Auch in Gaza kooperieren die Fraktionen des Widerstand immer enger. Während der Gaza-Streifen für die Zionisten schon seit anderthalb Jahrzehnten eine No Go-Area ist, hat sich auch die Westbank mittlerweile in ein gefährliches Terrain für Siedler und Soldaten verwandelt, und auch in den 48er Gebieten, also in Israel, kommt es immer wieder zu Widerstandsaktionen.

Imperialistisches Asyl-System

Auch wenn der „postmoderne“ bürgerliche Diskurs so gerne verkündet, dass Migration etwas „ganz normales“ ist, das es schon immer gab: Die meisten Menschen verlassen nicht freiwillig ihre Heimat, ihre Familien und Freunde und viele „Migranten“ sind Geflüchtete, ob sie nun wegen Krieg, Vertreibung, Verfolgung oder Armut fliehen. Zugleich war das europäische Asylsystem zwar eine Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg und somit eine Errungenschaft. Aber es war auch ein Vertrag zwischen den Kolonialmächten und den anderen imperialistischen Staaten Westeuropas und Nordamerikas, und daher nie gedacht für die kolonisierten Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Trotzdem sind es vor allem Millionen Menschen aus den Ländern des Trikonts, die das Recht auf Asyl und Bleiberecht in den letzten rund 75 Jahren in Anspruch nehmen mussten – und die es sich auch gegen den Willen der Herrschenden erkämpft haben! Dafür haben Hunderttausende mit ihrem Leben bezahlt.

Der Grund, warum vor allem Menschen aus dem Süden und Osten Anspruch auf dieses Recht erheben mussten, liegt natürlich darin, dass der imperialistische Westen ihre Länder mit Krieg und (neo)kolonialer Ausbeutung überzogen hat und noch immer überzieht. Gerade in Palästina wurde mit Beginn der anhaltenden Nakba 1947 ein Großteil der einheimischen Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht, die bis heute in Lagern innerhalb und außerhalb Palästinas leben und keine Staatsangehörigkeit haben. Diese Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika drängen in die Zentren der globalen Ausbeutung und Unterdrückung in Europa und Nordamerika, um hier in den Genuss eines Teils der Reichtümer zu kommen, die aus ihren Ländern geraubt wurden, und des relativen Friedens, der auf diesem Reichtum basiert. Damit rebellieren sie, ob bewusst oder unbewusst, gegen die grundlegenden Gesetze des Imperialismus, die lauten: Die Überausgebeuteten haben in der Peripherie zu bleiben, außer wenn sie als billige Arbeitskräfte ins Zentrum gerufen werden. Wenn sich diese Menschen hier dann auch noch politisch zu Wort melden, die Ungerechtigkeit des imperialistischen Weltsystem anprangern, die Gründe für ihre Flucht benennen und den imperialistischen Staat attackieren, werden sie zum Feind, der bekämpft und zerschlagen werden muss.

Daher ist es kein Wunder, dass die staatliche Repression in Deutschland migrantische revolutionäre Organisationen besonders hart trifft. Palästina, als letzte offen von Europäern besetzte Kolonie, wo die Indigenen erbittert Widerstand leisten, wo der Imperialismus des Westens am offensten zutage tritt, muss den Herrschenden hierzulande als besonders gefährlich erscheinen. Hinzu kommt, dass die pro-zionistische Staatsräson ein enorm wichtiger Bestandteil der Legitimierung der herrschenden Klasse in Deutschland ist. Und schließlich: Die Palästinenser genießen große Sympathie unter den Völkern der sogenannten Dritten und vor allem der muslimischen Welt. In Sachen Palästina sind daher die meisten migrantischen Communities in der BRD, die sonst leider allzu häufig nach dem Prinzip teile und herrsche gegeneinander ausgespielt werden können, einig.

Für Bleiberecht und Rückkehrrecht!

Der Fall Zaid zeigt eindrücklich, wie die deutschen Behörden das Migrations- und Asylrecht als politische Waffe einsetzen: Sie können offenbar weder Samidoun einfach verbieten, noch dem Genossen Zaid eine konkrete Straftat nachweisen. Stattdessen nutzen sie seinen „Status“ als Flüchtling, der letztlich nichts anderes ist, als ein rassistisches juristisches Konstrukt, das ihm seine Grundrechte vorenthält. Wie bei jeder Repression geht es nicht um ihn allein, sondern vor allem auch darum, andere einzuschüchtern. Die Ansage ist klar: Palästinenser dürfen sich in der BRD nicht politisch äußern, sie dürfen den Kolonialismus in ihrem Heimatland nicht anprangern und nicht dagegen ankämpfen. Wer es doch tut, riskiert nicht nur, niemals eingebürgert zu werden und so gleichberechtigt hier leben zu können, sondern sogar sein Asyl zu verlieren und deportiert zu werden. Wir treten dafür ein, dass der Kampf der Palästinenser für ihre nationale Befreiung in all seinen Formen hierzulande  offen unterstützt und propagiert werden kann, dass Palästinenser nicht nur Sicherheit und Aufenthalt bekommen, sondern dass sie ihre politischen Rechte voll und ganz ausüben können!

Die politische Unterdrückung der Palästinenser in Deutschland mittels Straf- und Migrationsrecht ist das Gegenstück zu ihrer Unterdrückung und Vertreibung in ihrer Heimat, es sind zwei Schneiden ein- und desselben Schwertes, dem der Imperialisten und Kolonialherren. Entsprechend müssen auch beide Seiten von uns bekämpft werden: Der Kampf für das Bleiberecht für Zaid und alle anderen Palästinenser und ihr Recht auf Einbürgerung in Deutschland steht nicht im Widerspruch zum Kampf für die Befreiung ihrer Heimat und das Rückkehrrecht der Palästinenser, sondern ist vielmehr dessen Kehrseite! In beiden Fällen geht es um die ganz konkreten Rechte der Palästinenser: die Freiheit hier zu bleiben und die Freiheit nach Palästina zurückzukehren. Und in beiden Fällen bedeutet ein Sieg einen Schlag gegen den Imperialismus, der die Palästinenser weder dort noch hier haben will.

Zugleich ist der Angriff auf die demokratischen Rechte der Palästinenser ist ein Angriff auf die demokratischen Rechte aller: Alle, die gegen Unterdrückung und Besatzung, gegen Imperialismus, Ausbeutung und Krieg kämpfen, sollen eingeschüchtert werden. Zaid ist getroffen, aber alle die für die Befreiung Palästinas kämpfen, die gegen (neo)koloniale Unterdrückung, gegen Rassismus kämpfen, sind gemeint! Sie nutzen die prekäre rechtliche Lage von Zaid, um ihn zu isolieren und zu brechen. Zeigen wir, dass er nicht allein, nicht isoliert ist. Zeigen wir, dass ein Angriff auf ihn, ein Angriff auf uns alle ist! Solidarität ist unsere stärkste Waffe gegen ihre Repression, ihren Rassismus, ihren Terror!

Solidarität mit Zaid! Kampf dem staatlichen Rassismus! Nieder mit dem Imperialismus!

Solidarität mit Samidoun! Freiheit für Palästina – vom Fluss bis zum Meer!

Stoppt die Sanktionen gegen Niger – panafrikanische Resolution

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Redaktionsnotiz: Wir veröffentlichen hier die Übersetzung der „Erklärung der revolutionären, panafrikanischen Organisationen zu den unrechtmäßigen und unmenschlichen Sanktionen, die die ECOWAS gegen Niger verhängt hat“. Sie wurde zuerst am 26. August 2023 von drei westafrikanischen Organisationen veröffentlicht. Am 7. September wurde sie vom „Thomas Sankara Center“ erneut veröffentlicht mit mittlerweile 55 unterzeichnenden Organisationen. Wir unterstützen die Forderungen der panafrikanistischen und revolutionären Organisationen nach dem sofortigen Ende der Sanktionen durch ECOWAS und das Ende der (neo)kolonialen Unterwerfung der Völker Westafrikas.

Zuletzt wurde berichtet, dass auch die EU Sanktionen gegen Niger plant. Dagegen gilt es zu protestieren! Wir waren in verschiedenen Städten bereits auf der Straße und werden den Protest gegen den Neokolonialismus unserer Regierung und für die Solidarität mit den Völkern Westafrikas fortsetzen. Während Deutschland, Frankreich und die USA so tun, als würde es um das Wohl der Bevölkerung gehen, zeigen ihre Taten, dass es offensichtlich nicht so ist: Hilfslieferungen wurden direkt nach dem Putsch eingestellt und nun wird über weitere Sanktionen beraten. Sanktionen sind ein besonders perfides Mittel der Kriegsführung, unter dem die lokale Bevölkerung leidet und das oft nicht als solches benannt wird, wie wir bereits in Bezug auf Syrien darstellten.

Baerbock, von der Leyen und Co. sind diejenigen, die Hunger als Waffe einsetzen! Eine militärische Intervention, die Frankreich und die ECOWAS bereits planen, wäre fatal für die Region. Hände weg von Niger!

Kameraden im Kampf, Kämpfer für die Befreiung Afrikas, Freunde der afrikanischen Völker

Wir, die revolutionären panafrikanischen Organisationen, erheben unsere Stimme mit unerschütterlicher Entschlossenheit, um die unmenschlichen und illegitimen Sanktionen anzuprangern, die von der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) und der Währungsunion Westafrikanischer Staaten (UEMOA) gegen Niger verhängt und von den imperialistischen und ausbeuterischen Ländern, die unseren Kontinent weiterhin ausbluten lassen, sklavisch inszeniert wurden.

Nach dem Militärputsch in Niger beschloss die ECOWAS am Ende der Konferenz der Staatsoberhäupter in Abuja am 30. Juli, demütigende und illegitime Sanktionen gegen Niger zu verhängen. Diese Sanktionen führten schnell zu steigenden Lebensmittelpreisen im Land, einer verringerten Stromversorgung und der Unzugänglichkeit Arzneimittel, Schwierigkeiten bei Bankgeschäften, Einschränkungen des Waren- und Personenverkehrs usw. Diese unmenschliche Situation verschlimmert die Lage der Bevölkerung, die bereits unter der Regierungskrise unserer neokolonialen Staaten leidet.

Die ECOWAS, die sich in der Vergangenheit als Bollwerk afrikanischer Solidarität verkleidet hat, hat die Massen verraten, indem sie behauptete, im Namen der regionalen Stabilität zu handeln. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Instrument im Dienst kapitalistischer Interessen, denen das Leid des nigrischen Volkes egal ist. Diese ungerechten Sanktionen zielen lediglich darauf ab, den Widerstand zu ersticken und die Ausbeuter auf Kosten der Unterdrückten zu schützen.

Der barbarische Imperialismus hat unsere Institutionen infiltriert und die Führer korrumpiert, die die Zukunft unserer Brüder und Schwestern für eine Handvoll Münzen verkaufen. Wir sagen laut und deutlich, dass es an der Zeit ist, die Ketten dieser wirtschaftlichen Tyrannei zu sprengen. Die imperialistischen Länder werden nicht über unser Schicksal entscheiden, denn unser Schicksal liegt in unseren eigenen Händen, in denen eines stolzen und vereinten Afrikas.

Wir starten einen lautstarken Aufruf zum Widerstand und Ungehorsam gegenüber den Diktaten derer, die sich von unserem Elend ernähren. Wir werden die Machtspiele, die unserem Kontinent seines Reichtums und seines Rechts auf Selbstbestimmung berauben, nicht länger hinnehmen. Die Ausbeuter werden vor der kollektiven Stärke des afrikanischen Volkes erzittern.

Dies ist für uns als engagierte panafrikanische Organisationen eine Gelegenheit, die aktive Solidarität der algerischen, burkinabeischen, guineischen und malischen Behörden mit der kämpfenden Bevölkerung Nigers zu begrüßen. Wir laden die Völker Afrikas ein, sich im Kampf für die völlige Befreiung und Vereinigung Afrikas durch Massenbildung zusammenzuschließen.

An die ECOWAS fordern wir die Aufgabe der Absicht einer militärischen Intervention und die sofortige Aufhebung der gegen Niger verhängten Sanktionen sowie die kategorische Ablehnung ausländischer Einmischung in unsere Angelegenheiten. Unser Kampf wird nicht durch die hinterhältigen Taktiken der Neokolonialisten erstickt. Wir erklären unsere unerschütterliche Unterstützung für die Menschen in Niger, die sich mutig der Unterdrückung widersetzen.

Als Hüter des Erbes vergangener Kämpfe verpflichten wir uns, eine bessere Zukunft für unseren Kontinent aufzubauen. Wir verkünden unser Bekenntnis zur panafrikanischen Solidarität und zum Kampf gegen alle Formen der Ausbeutung und Unterdrückung. Wir sind die würdigen Erben der afrikanischen Freiheitskämpfer und wir werden unsere heilige Pflicht nicht vernachlässigen.

Wir rufen unsere Brüder und Schwestern, Jung und Alt, Bauern und Arbeiter, Studenten und Intellektuelle auf, aufzustehen und Unterdrückung in all ihren Formen abzulehnen. Unsere Revolution ist nicht verhandelbar. Wir fordern die völlige Befreiung Afrikas von der imperialistischen Herrschaft!

Ouagadougou

7. September 2023

Thomas Sankara Zentrum für afrikanische Befreiung und Einheit (Burkina Faso)

For revolutionary Pan-African organizations

Burkina Faso

  • Le Cadre deux heure pour nous, deux heures pour Kamita
  • Collectif Burkim-Bii Pour le Renouveau Démocratique 
  • Union des jeunes pour une nouvelle vision
  • Convergence nationale pour la renaissance

Niger

  • Fédération syndicale mondiale du Niger
  • L’Union des syndicats libres des travailleurs du Niger
  • Tous Pour La République

Mali

  • Forum des Organisations de la Société Civile du Mali
  • Mouvement des Sans Voix

Nigeria

  • Movement for African Emancipation
  • Amilcar Cabral Ideological School Movement

Ghana

  • Economic Fighters League
  • Pro-Nkrumah Unity Movement, West Afrika

Senegal

  • Front pour une Révolution Anti-impérialiste Populaire et Panafricaine

Benin

  • Conseil Général de la Jeunesse Patriotique
  • Union de la Jeunesse Communiste du Bénin

Gambia

  • Gom Sa Bopa Movement

Guinea-Bissau

  • Associação de Jovens Pan-Africanistas e Revolucionários

Democratic Republic of the Congo

  • Mouvement Citoyen BISO PEUPLE
  • Cercle des Pan Africanistes congolais
  • Congo Ubuntu
  • Mouvement des PanAfricanistes pour la libération du Congo et de l’Afrique
  • le populaire de citoyen et du Pan Africanisme
  • Quatrième voie

Kenya

  • Githurai Social Justice Center
  • African Stream

Azania

  • Black House Kollective Soweto

The Americas

  • Left Alliance for National Democracy and Socialism- LANDS (Jamaica) 
  • Troïka Collective (The Americas)
  • Firoze Manji – Daraja Press (Canada)
  • United African Diaspora (Canada)
  • United for Change (Canada) 
  • African Pride Club (US)
  • Lowcountry Action Committee (US) 
  • Black Alliance for Peace- BAP (US)
  • Mass Emphasis Children’s History & Theatre Company (US)

Europe

  • Assata Bibliothèque Activiste (Norway) 
  • ARISE (Norway)
  • Black Liberation Alliance (UK)
  • Aya Afrikan Learning (UK)
  • Stop the Maangamizi: We Charge Genocide/Ecocide Campaign- SMWECGEC (UK)
  • Pan-Afrikan Reparations Youth Forum- PARYF (UK) 
  • Black Power Frankfurt (Germany)
  • Africa United Sports Club (Germany)
  • Migrantifa Mainz (Germany) 
  • Migrantifa NRW(Germany) 
  • l’Association NOUS (France)

International

  • La Ligue Panafricaine – UMOJA
  • Parti révolutionnaire de tous les peuples africains- PRTPA/ All-African People’s Revolutionary Party- A-APRP
  • MAATUBUNTUBUSUAFO-PAGNOCOR, Pan-Afrikan Grassroots Network of
  • Communities of Resistance
  • Mwamko
  • Coalition for the Elimination of Imperialism in Africa

Quelle: https://hoodcommunist.org/2023/09/07/55-pan-african-organzations-oppose-sanctions-on-niger/

Unterstützt die Solidaritätskampagne für den Genossen Zaid Abdulnasser!

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Samidoun Deutschland-Koordinator Zaid Abdulnasser und Mitglied der alternativen revolutionären palästinensischen Pfadbewegung wird vom deutschen Staat bedroht, dass ihm als in Syrien geborenem palästinensischen Flüchtling aufgrund seines politischen Engagements bei Samidoun und Masar Badil die Aufenthaltsgenehmigung entzogen wird.

Angesichts dieses Angriffs haben mehr als 130 internationale Organisationen, Gewerkschaften und politische Parteien ihre absolute Ablehnung der zunehmenden repressiven Maßnahmen Deutschlands gegen palästinensische Flüchtlinge und der Versuche ihres fundamentalen Rechts, für ihre Befreiung und Rückkehr zu kämpfen, zum Ausdruck gebracht.

Wir rufen alle Organisationen dazu auf, sich uns anzuschließen und die Erklärung unter dem folgenden Link zu unterzeichnen:

https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSffcsikMQR1lwvPqukzYCQpCzSZwLy28RXY8tYdGNxzlgugOA/viewform

Um die juristische Verteidigung von Zaid und anderen Palästinensern in Deutschland, die für ihre Palästina-Arbeit unter den repressiven Maßnahmen des Staates leiden, finanziell zu unterstützen, können Sie eine Spende auf das folgende Konto einzahlen:

Name: Rote Hilfe e.V.
IBAN: DE55 4306 0967 4007 2383 17
BIC: GENODEM1GLS
Hinweis: Palaestina gegen Repression

Wir, im Samidoun Palestinian Prisoners Solidarity Network, erklären, dass alle Angriffe gegen uns durch die zionistische Besatzung, ihre Organisationen im Ausland und durch westliche Länder und Medien nichts an unserer absoluten Verpflichtung zur Verteidigung und Unterstützung der palästinensischen Gefangenenbewegung und zum Kampf für die Befreiung Palästinas vom Fluss bis zum Meer geändert haben und ändern können.

Es folgt die Erklärung, die von mehr als 130 Organisationen weltweit unterzeichnet wurde:

Internationale Kampagne gegen anti-palästinensische Repression in Deutschland

Wir, die unterzeichnenden Organisationen, erklären unsere Ablehnung und Empörung über die Repression des deutschen Staates gegen Palästinenser und palästinensische Organisierung in Deutschland, angefangen beim Verbot von Demonstrationen zum Nakba-Tag in den Jahren 2022 und 2023, dem Verbot von Demonstrationen zum Internationalen Tag der palästinensischen Gefangenen im Jahr 2023, der Verfolgung von Journalisten, Jugendlichen und Studenten wegen ihrer pro-palästinensischen Ansichten und ihres Aktivismus bis hin zum jüngsten Versuch, dem Koordinator von Samidoun Deutschland, Zaid Abdulnasser, einem in Syrien geborenen palästinensischen Flüchtling, die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen.

Diese Aggression zielt auf alle palästinensischen Flüchtlinge mit dem Versuch, sie ihres Rechts zu berauben, für ihre Befreiung zu kämpfen, indem man das Rechtssystem als Hebel gegen ihre prekäre Situation nutzt, um sie zum Schweigen zu bringen. Dies ist nicht nur ein Angriff auf die palästinensische und arabische Gemeinschaft und die Unterstützer Palästinas in Deutschland, sondern auch auf unser kollektives Recht auf politische Organisierung. Dies ist auch ein Angriff auf die palästinensischen Gefangenenbewegung, indem die internationale Solidarität mit den Gefangenen ins Visier genommen wird.

Durch die Förderung intensiver Verleumdungskampagnen gegen Palästinenser und pro-palästinensische Organisationen und die Nutzung dieser Verleumdungen zur Rechtfertigung der wiederholten Verbote von Veranstaltungen und zur Dämonisierung vonPalästinensern und Arabern in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen – der Heimat der größten palästinensischen und arabischen Gemeinschaft in Europa – versucht der deutsche Staat verzweifelt, Palästinenser daran zu hindern, sich zu organisieren und für ihre Rechte auf die Straße zu gehen.

Der Staat erklärte, dass Zaids Engagement in Samidoun Netzwerk für Solidarität mit palästinensischen Gefangenen und in der alternativen revolutionären palästinensischen Pfad-Bewegung ein Grund für den Entzug seiner Aufenthaltsgenehmigung zum “Schutz des öffentlichen Interesses” sei. Dies verdeutlicht die unverschämten Versuche Deutschlands, die wachsende Unterstützung für Palästina in Deutschland zu unterdrücken, wo sich immer mehr Menschen der Verbrechen der israelischen Besatzung bewusst werden und darüber entsetzt sind, wie wir bei den Massendemonstrationen im Mai 2021 gesehen haben, als hunderttausende Menschen in Deutschland auf die Straße gingen und ihre klare Unterstützung für Palästina zum Ausdruck brachten.

Wir betrachten dies in erster Linie als einen Angriff auf die palästinensische Gemeinschaft in Deutschland und als Ausdruck der staatlich geförderten antipalästinensischen Rhetorik und der vollen Identifizierung mit der israelischen Kolonisierung des besetzten Palästina. Dies ist besonders wichtig, da die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Gemeinschaft in Berlin Flüchtlinge sind, denen das Recht auf Rückkehr in ihre Städte und Dörfer seit 1948 verweigert wird. Ihr Engagement für die Befreiung ihres Landes und die Rückkehr in ihre Häuser ist ihr natürliches Recht, und der Versuch des Staates, sie zu unterdrücken, wird scheitern, so wie er in den letzten 100 Jahren des unnachgiebigen palästinensischen Kampfes gescheitert ist.

Wir weisen diese Angriffe zurück und erklären, dass unsere Stimmen nicht zum Schweigen gebracht werden können. Wir stehen fest hinter den palästinensischen Flüchtlingen in Deutschland und ihrem Recht, sich zu organisieren und zu kämpfen, und erklären unsere Unterstützung für alle palästinensischen Gefangenen hinter israelischen Gittern und für die Befreiung Palästinas, vom Fluss bis zum Meer. Und wir erklären klar und deutlich, dass es dieser Form der staatlichen Repression nicht gelingen wird, unsere Unterstützung für das palästinensische Volk, seinen Widerstand und den Kampf der Gefangenenbewegung zur Beendigung des Kolonialismus zum Schweigen zu bringen.

Freiheit für alle palästinensischen Gefangenen!
Nieder mit der staatlichen Repression!
Hoch die internationale Solidarität!
Palästina wird frei sein, vom Fluss bis zum Meer!

Weder Verrat noch Utopismus, sondern nationale Befreiung! Zur Debatte um die Ein- und Zweistaatenlösung für Palästina

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Von Noel Bamen

Gliederung:

Teil 1 – Die Zweistaatendoktrin: ein Verrat an den Palästinensern

Fatah und PLO: Von der palästinensischen Revolution zum Verrat

Der negative Einfluss der Kommunisten

Die Zweistaatendoktrin ist tot

Teil 2 – Richtige und falsche Einstaatlösungen

Zionistische vs. antikoloniale Einstaatkonzepte

Die Angst vor einem islamischen Staat

Siedlerkolonialismus überwinden ohne Entkolonisierung und Entsiedlung?

Nationale Befreiung statt Utopismus!

Gemeinsam diskutieren und falsche Positionen überwinden!

Teil 1 – Die Zweistaatendoktrin: ein Verrat an den Palästinensern

Vor 30 Jahren, am 13. September 1993, wurde in Washington die sog. „Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung“ zwischen der PLO und Israel unterzeichnet, besser bekannt als Oslo I-Abkommen. Dieses Abkommen war das Ergebnis von Geheimverhandlungen zwischen dem zionistischen Regime und der PLO unter Vermittlung der USA und leitete ein, was verklärend als „Osloer Friedensprozess“ bezeichnet wird. Das Abkommen sah den schrittweisen Rückzug der israelischen Okkupationstruppen (IOF) aus den 1967 besetzten Gebieten und die Einrichtung einer „Palästinensischen Autorität“ bzw. „Autonomiebehörde“ (PA) vor. Dabei wurden zentrale Fragen, wie die nach den zu dem Zeitpunkt mehr als 115.000 in der Westbank und dem Gazastreifen ansässigen zionistischen Siedlern genauso ausgeklammert wie die nach dem Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge. Ergänzt wurde das ganze 1995 durch das sog. Oslo II-Abkommen, das die 67er-Gebiete in drei Zonen aufteilte: In Zone A (18% des Westbank und 60% des Gazastreifens) erhielt die PA (offiziell) vollständige Kontrolle, in Zone B (22% der Westbank) erhielt sie die zivile Kontrolle, während die IOF weiterhin für die „Sicherheit“ zuständig sind, und in Zone C (62% der Westbank und 40% Gazas) behielt Israel allein das Sagen.

Das zionistische Regime erhielt mit Oslo die offizielle Anerkennung durch die palästinensische Befreiungsbewegung – ein politischer Durchbruch für Tel Aviv, der zugleich Tür und Tor für jegliche „Normalisierungen“ mit den anderen arabischen Ländern öffnete. Im Gegenzug bekamen die Palästinenser nichts, außer einer „Behörde“, die sich bald als lupenreines Marionettenregime entpuppte: Die PA ist politisch, wirtschaftlich und militärisch komplett von Israel und vom Westen abhängig; die Grenzen der 67er-Gebiete werden von Tel Aviv kontrolliert, die IOF haben faktisch in der gesamten Westbank das Sagen und die Sicherheitskräfte der PA sind von den USA ausgebildete Hilfstruppen der IOF; die Westbank ist ein monopolisierter Absatzmarkt für Waren aus Israel und liefert dorthin zugleich billige Arbeitskräfte und Produkte, während sie zudem am Tropf der UNO und westlicher NGOs hängt. Parallel zur Etablierung dieses Pseudostaats gingen der Siedlungsbau und der Landraub in der Westbank ungebremst weiter: Heute leben etwa 450.000 Zionisten im Westjordanland, ihre Zahl hat sich also seit 1993 vervierfacht; weitere 220.000 siedeln in Ostjerusalem. Lediglich der Gazastreifen wurde 2005 geräumt; er war von den Palästinensern zu dicht besiedelt, sodass man es in Tel Aviv vorzog, ihn nicht zu annektieren, sondern in ein Reservat für die Eingeborenen zu verwandeln. Damit war Oslo einerseits der praktische Beweis, dass eine sog. Zweistaatenlösung weder von Israel gewollt, noch praktisch umsetzbar ist. Zum anderen war Oslo die größte politische Niederlage der Palästinenser seit der Nakba 1948.

Fatah und PLO: Von der palästinensischen Revolution zum Verrat


Die Fatah kann mit Recht für sich in Anspruch nehmen, als erste einen eigenständigen Weg der palästinensischen Nationalbewegung beschritten zu haben: Alle palästinensischen Akteure zuvor steckten ihre Ziele entweder in lokalen oder aber in pan-islamischen bzw. pan-arabischen Rahmen ab; letztere banden sich bis 1967 in der Regel an Abdel Nasser in Ägypten oder an eine der Baath-Parteien. Die Fatah dagegen machte die Befreiung Palästinas nicht von den arabischen Ländern abhängig, sondern setzte auf die Kraft der Palästinenser selbst. Zugleich erhob sie 1964 als erste den Guerilla- und Volkskrieg nach algerischem, chinesischem, kubanischem und vietnamesischem Vorbild zum strategischen Primat. Mit der Übernahme der PLO-Führung 1968/69 durch die Fatah erreichte der palästinensische Befreiungskampf für das nächste Jahrzehnt seinen vorläufigen Höhepunkt. Dies drückte sich nicht zuletzt in der Palästinensischen Nationalcharta, dem politischen Grundsatzprogramm der PLO, von 1968 aus, die jegliche Anerkennung Israels ablehnt, die Befreiung ganz Palästinas zum Ziel erhebt und den bewaffneten Kampf als „einzigen Weg“ der palästinensischen „Volksrevolution“ benennt.i

Doch bereits Mitte der 1970er vollzog sich ein programmatischer Kurswechsel, dem zwei zentrale Ereignisse vorausgingen:

Zum einen waren die PLO-Guerillas in Jordanien im Zuge des sog. Schwarzen September 1970 von der dortigen Armee angegriffen und schließlich vertrieben worden; 20.000 Palästinenser wurden dabei vom Hussayn-Regime ermordet. Zugleich erhob Jordanien, das 1948 die Westbank annektiert hatte, nach wie vor Anspruch auf dieses 1967 von Israel eroberte Gebiet. 1972 legte König Hussayn dazu den sog. Hussayn-Plan vor, der die „Rückgabe“ der Westbank an Jordanien forderte – damit wäre der von der PLO angestrebte unabhängige und demokratische Staat Palästina zugunsten der zionistischen Siedlerkolonie einerseits und eines Großjordanischen Königreichs andererseits liquidiert und zugleich der Weg für eine „Normalisierung“ der Beziehungen der Araber zu Israel geebnet worden. Die PLO, die ihre Basis vor allem in den Flüchtlingslagern in Jordanien, Syrien und Libanon hatte, reagierte, indem sie sich der Bevölkerung in den 67er-Gebieten wieder mehr zuwandte. Das drückte sich u. a. in ihrem im Januar 1973 beschlossenen politischen Programm aus, in dem von einer „Koordination zwischen bewaffneten und Massen-Aktionen“ (letztere in den 67er-Gebieten) die Rede war.ii

Zum anderen hatte Ägypten im Oktober 1973 die von Tel Aviv besetzte Sinai-Halbinsel militärisch befreit. Es handelte sich nicht nur um die erste Befreiung von Israel besetzter Territorien allein durch reguläre arabische Armeen,iii sondern zugleich um den ersten wirklich großen militärischen Sieg gegen die Zionisten überhaupt. Trotzdem hatte Kairo es nicht geschafft (bzw. kein Interesse daran gehabt), Israel gänzlich zu besiegen und Palästina zu befreien. Daher wuchs in der PLO der Zweifel, ob es den palästinensischen Guerillas gelingen würde, alleine zu vollbringen, woran die arabischen Armeen bereits drei Mal (1948/49, 1956 und 1967) gescheitert waren.

Schon im PLO-Programm vom Februar 1971 (unmittelbar nach dem Schwarzen September) war der bewaffnete Kampf, anders als in der Nationalcharta von 1968, nicht mehr als strategisch „einzige“, sondern „nur“ noch als „Hauptform“ bezeichnet worden.iv 1973 waren, wie oben angeführt, die „Massen-Aktionen“ als zentrales Kampfmittel hinzugekommen. Das Ziel, die Befreiung ganz Palästinas, war jedoch unangetastet geblieben. Das änderte sich auch bis Oslo offiziell nicht. Jedoch wurde im Juni 1974 das sog. 10-Punkte- oder auch Etappen-Programm der PLO angenommen. Darin hieß es einleitend, dass es sowohl von der Nationalcharta von 1968 als auch dem Programm von 1973 ausgehe und man zudem auf das Recht auf Rückkehr und auf Selbstbestimmung im „gesamten nationalen Territorium“ bestehe. Auch wurde dem bewaffneten Kampf in Artikel zwei eine Vorrangstellung eingeräumt. Zugleich heißt es in demselben Artikel allerdings auch, man wolle „in allen Teilen des palästinensischen Territoriums, die befreit werden“, die „Errichtung einer autonomen kämpferischen nationalen Macht des Volkes“, mit anderen Worten: einen (Teil-)Staat errichten. Das Programm ist zugleich eine klare Kampfansage an König Hussayn: In Artikel 5 wird eine gemeinsame jordanisch-palästinensische Front zur „Errichtung einer nationaldemokratischen Macht in Jordanien“, sprich dem Sturz der Haschemiten-Dynastie, propagiert; in Artikel 6 ist von einer „Aktionseinheit“ zwischen Jordaniern und Palästinensern die Rede.v

Das Programm muss also in seinem historischen Kontext betrachtet werden: Es war zunächst vor allem eine strategische Orientierung zur Mobilisierung der Palästinenser in den 67er-Gebieten und eine Absage an die Territorialansprüche und den politischen Kurs des jordanischen Regimes.vi Doch es war eben auch der erste Schritt hin zu einem politischen Kurs, der die Errichtung eines palästinensischen Teil- bzw. Mini-Staates anstrebte. Das war den politischen Kräften damals bereits durchaus klar: Das Programm wurde von der Fatah-Führung mit Unterstützung von DFLP und Saiqa (dem syrischen Baath-Ableger) gegen Widerstände vor allem von der PFLP, aber auch aus den Reihen der Fatah selbst durchgesetzt und letztlich fast einstimmig (183 von 187 Stimmen) angenommen. Kurz darauf jedoch scherten PFLP, PFLP-GC, die Popular Struggle Front und die Arabische Befreiungsfront (der irakische Baath-Ableger) aus und bildeten die sog. Verweigerungs– oder Ablehnungsfront; die PFLP trat aus dem Exekutivkomitee der PLO aus und kehrte erst 1981 zurück.vii Die folgenden Jahre schienen dem Kurs der PLO allerdings recht zu geben: Einerseits errang sie auf internationaler Bühne diplomatische Erfolge (1974 wurde die PLO von den arabischen Ländern und von der UNO als einzige legitime Vertreterin der Palästinenser anerkannt, Arafat trat vor der UN-Vollversammlung auf und die PLO erhielt Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen; 1975 verurteilte die UNO den Zionismus als Form des Rassismus und setzte Israel in eine Reihe mit den Apartheidregimen im südlichen Afrika). Andererseits hielt die PLO am bewaffneten Kampf fest und führte ihn vom Libanon aus fort, wo man ein Bündnis mit linken und nationalistischen Kräften geschmiedet hatte.

Der durch Israel erzwungene Abzug der PLO aus dem Libanon 1982 leitete jedoch schließlich den politischen Niedergang der Fatah ein: Während PFLP, DFLP und die meisten anderen, kleineren PLO-Mitgliedsorganisationen nach Syrien umzogen, ging die Fatah ins Exil nach Tunesien. Von dort aus, weit weg vom Geschehen vor Ort, konnte sie den bewaffneten Widerstand nicht fortsetzen. Stattdessen setzte sie verstärkt auf Diplomatie und begann u. a., sich mit Jordanien und Ägypten gut zu stellen, den beiden größten Verrätern an der palästinensischen Sache, die es damals unter den arabischen Ländern gab.viii In den folgenden Jahren tat sich eine Kluft zwischen der Fatah einerseits und den meisten anderen PLO-Organisationen andererseits auf; die Fatah nutzte ihre Zweidrittelmehrheit innerhalb der PLO, um die in der Nationalcharta festgehaltenen Positionen durch verschiedene Resolutionen, Erklärungen und diplomatische Schritte aufzuweichen.

Mit dem Beginn der Ersten Intifada 1987 legte sich der Fokus der PLO endgültig auf die seit 1967 unter israelischer Besatzung lebende palästinensische Bevölkerung. Anders als die Flüchtlinge im Exil, die auf ihre Rückkehr in sämtlichen Teilen Palästinas drängten, waren diese Menschen primär an einem Ende der militärischen Besatzung interessiert. Sie versprachen sich von einer palästinensischen Selbstverwaltung auch dann konkrete Verbesserungen, wenn diese nicht ganz Palästina umfasste, sondern (zunächst) nur die 1967 besetzten Gebiete. Tatsächlich waren die ersten palästinensischen Vertreter einer Zweistaatenlösung konservative Intellektuelle aus der Westbank.ix Und so wurde die Intifada, die ein großartiger Widerstandsakt, ein regelrecht revolutionärer Volksaufstand war, zugleich zum Katalysator für die neue Linie innerhalb der PLO: Zum einen trat nun der nicht-militärische Massenaufstand an die Stelle des bewaffneten Kampfs. Zum anderen entsprachen die Forderungen der Intifada nach a) Rückzug der IOF aus den 67er-Gebieten und b) der Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates unter Führung der PLO in diesen Gebieten letztlich dem Zweistaatenkonzept, das nun offenbar eine lautstarke und massenhafte Unterstützung von der Basis erhielt. Darauf gestützt konnte die Fatah letztlich auch die Anerkennung Israels legitimieren. Zugleich spielte sie erstmals Feuerwehr für Tel Aviv: Die Unterzeichnung von Oslo I markierte nämlich auch das Ende der Ersten Intifada, deren Ziele ja nun vorgeblich erreicht wurden.x

Die PLO wandelte sich mit Oslo von einer „Terrororganisation“ zum Verhandlungspartner Israels. Dieser Schritt war insofern scheinbar notwendig, als sich die weltpolitische Lage Anfang der 1990er Jahre bekanntlich drastisch geändert hatte: Mit der Konterrevolution im und dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers ab Ende der 80er Jahre bis 1991 verloren nicht nur die kommunistischen und linken Kräfte weltweit an Bedeutung, das palästinensische Volk als Ganzes verlor auch seine wichtigste Schutzmacht. Die Hilfe der Sowjetunion, der DDR und der anderen sozialistischen Länder für den palästinensischen Befreiungskampf können kaum überschätzt werden: politische Rückendeckung, Gelder, Waffen, politische, technische, medizinische, berufliche und militärische Ausbildung – all das erhielten die PLO und ihre Mitgliedsorganisationen vom Ostblock. Ähnliches galt für jene Staaten, die auf die eine oder andere Art als Alliierte des palästinensischen Widerstands fungierten: Syrien, Irak sowie Libyen; und natürlich auch für die linken Kräfte in den arabischen Ländern, die, wie etwa im Libanon, wichtige Unterstützer der palästinensischen Sache waren. All das brach nun plötzlich weg. Daneben verlor auch die Bewegung der Blockfreien, die die palästinensische Sache ebenfalls unterstützt hatte, mit dem Untergang des Realsozialismus nicht nur an politischer Rückendeckung und Relevanz, sondern mit dem ab 1991 durch die NATO zunehmend zerstückelten Jugoslawien auch eine ihrer wichtigsten Führungskräfte. Hinzu kam, dass die USA gerade im Nahen Osten damit begannen, ihre unipolare Weltordnung mit aller Gewalt durchzusetzen: Ebenfalls 1991 griffen sie den Irak an, unterwarfen das Land einem mörderischen Embargo und errichteten de facto ein Protektorat im mehrheitlich kurdischen Norden. Arafat stellte sich damals praktisch als einziger hochrangiger arabischer Politiker auf die Seite Saddam Hussayns – ein Schritt, den er angesichts der neuen Weltordnung in Form internationaler Isolation büßen musste.xi

Der negative Einfluss der Kommunisten

Die Unterstützung des sozialistischen Lagers und der kommunistischen Weltbewegung für den palästinensischen Befreiungskampf war, wie bereits angeführt, immens, und ihr Verlust trug mit Sicherheit enorm dazu bei, dass der Verrat von Oslo zustande kommen konnte. Zugleich aber nahmen (und nehmen) die Kommunisten seit 1947 mehrheitlich widersprüchliche und in wichtigen Punkten sogar fatale Positionen in der Palästina-Frage ein, die entsprechend auch ihrer Einflussnahme einen höchst widersprüchlichen Charakter verleiht. Dieser Einfluss dürfte ebenfalls eine Rolle in der Vorgeschichte von Oslo gespielt haben.

Komintern, UdSSR und die KPen Palästinas

Zunächst wären da die Komintern und die Sowjetunion zu nennen: Die KI hielt die KP Palästinas zwar von Anfang an dazu an, sich klar antizionistisch zu positionieren und sich vor allem auf die arabischen Massen zu fokussieren. Allerdings betrachtete sie den Zionismus primär als ein Instrument des britischen Imperialismus und unterschätzte dabei die dem zionistischen Siedlerkolonialismus selbst innewohnende destruktive Kraft. Da die zionistische Bewegung ihre Macht tatsächlich weitgehend dem britischen und später dem US-amerikanischen Imperialismus verdankt, sie bis zum Zweiten Weltkrieg entsprechend kaum unabhängig von London agiert und weil der Zionismus vor dem Holocaust kaum Einfluss auf die absolute Mehrheit der europäischen und nordamerikanischen Juden nahm, ist dieser Mangel verständlich und verzeihlich. Doch wurde er weder im Zuge der Nakba, noch in den folgenden Jahrzehnten von Moskau und seinen Verbündeten berichtigt. Stattdessen trug er zu der fatalen Fehleinschätzung bei, den (hegemonialen „Links-“)Zionismus in eine antiimperialistische Richtung lenken zu können – wo der Kampf der Zionisten gegen die Briten in den Jahren zwischen 1945 und 1947 doch in Wahrheit nichts anderes war, als die pubertären Wutausbrüche einer Siedlerkolonie gegen die anhaltende Bevormundung durch ihren imperialistischen Ziehvater. Und so machte sich das sozialistische Lager der politischen und sogar militärischen Mitverantwortung an der Nakba schuldig.xii

Zu den zwischenzeitlich guten Beziehungen zwischen Zionisten und Kommunisten in den Jahren nach 1945 dürften zahlreiche, auch widersprüchliche Faktoren beigetragen haben: von echter Sympathie angesichts der (vermeintlich) gemeinsamen Erfahrungen mit Faschismus und Weltkrieg über Verirrungen und Verwirrungen bezüglich Ideologie, Strategie und Taktik bis hin zu Unterwanderung und Agententum; zugleich ist die tatsächliche Rolle der Sowjetunion und der Stalin’schen KPdSU-Führung, was die direkte Zusammenarbeit mit den Zionisten und der militärischen Unterstützung für die zionistischen Truppen während der Nakba angeht, noch immer umstritten.xiii Unbestreitbar ist dagegen die Tatsache, dass die Sowjetunion 1947 für den UN-Teilungsplan gestimmt hat. Richtig ist, dass sie damals einen gemeinsamen Staat in ganz Palästina für all seine Bewohner bevorzugte. Allerdings zeigen die Reden, die der sowjetische Vertreter Gromyko 1947 vor der UNO hielt, dass die sowjetische Spitze damals offenbar von grundfalschen Annahmen in der Palästina-Frage ausging: So sprach er etwa von einem „jüdischen Volk“, das nicht nur die Errichtung eines eigenen Staates anstrebe, sondern auch das „Recht“ auf einen solchen Staat habe.xiv Zum einen waren es nach wie vor in erster Linie die Zionisten, die einen solchen jüdischen Staat anstrebten – nun, da sie dank der Vertreibungspolitik der Faschisten und der Abschiebepolitik der Westmächte erstmals einige Zehntausend Juden als Verhandlungsmasse in Palästina hatten, mit Nachdruck und Gewalt –, und nicht „die Juden“. Zum anderen sprach Gromyko hier vom „jüdischen Volk“ nicht nur so allgemein, als meinte er damit die Juden weltweit, womit er eindeutig eines der zentralsten zionistischen Narrative nachplapperte, wonach die Anhänger des jüdischen Glaubens und die Menschen jüdischer Abstammung weltweit einem irgendwie gearteten gemeinsamen Volk angehörten.xv Er benutzt das Wort „Volk“ hier auch offenbar als Synonym für „Nation“, denn andernfalls hätte er ihnen gemäß marxistisch-leninistischer Grundsätze in Sachen nationale Frage nicht das Recht auf einen eigenen Staat zuerkennen können. Doch genau dieser von Stalin entworfenen und von Lenin gebilligten Theorie und Definition einer Nation entsprachen die jüdischen Massen, die damals in Palästina lebten, in keinster Weise. Bei Stalin heißt es: „Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“xvi Die aus ganz Europa nach Palästina geflüchteten bzw. deportierten Juden hatten weder eine gemeinsame Sprache, noch eine gemeinsame Kultur, noch eine gemeinsame Wirtschaftsweise, noch ein gemeinsames Territorium; sie waren eine bunt zusammengewürfelte „Schicksalsgemeinschaft“, die durch den Horror sechsjähriger rassistischer Verfolgung und Massenmords sicherlich in gewisser Weise miteinander verbunden war, aber keine „historisch entstandene stabile Gemeinschaft“. Der Zionismus freilich wollte all das ändern: Dafür schuf er das künstliche Hebräisch, erfand und klaute sich eine gemeinsame Geschichte und eine gemeinsame Kultur und vor allem natürlich raubte er sich das Territorium, auf dessen Grundlage auch erst eine gemeinsame Wirtschaftsweise möglich sein kann. Somit legitimierte und unterstützte Moskau 1947 entgegen den eigenen ideologischen Grundsätzen ein imperialistisches Kolonialprojekt, dessen Ziel die nur durch massenhafte Gewalt, Vertreibung und Enteignung zu realisierende Erschaffung einer künstlichen Nation war.

Auch dieser Kurs wurde leider nie grundsätzlich korrigiert. Zwar ging Moskau bereits während der Nakba wieder auf Distanz zu den Zionisten und ab 1956 schloss das sozialistische Lager eine strategische Allianz mit dem arabischen Nationalismus. Doch das „Existenzrecht“ Israels wurde stets verteidigt und die Existenz einer „jüdischen/israelischen Nation“ nie infrage gestellt. Die logische Folge war, dass die Sowjetunion, die anderen sozialistischen Länder und die kommunistische Bewegung stets für „Frieden“ und „Ausgleich“ zwischen Israel und den arabischen Ländern bzw. den Palästinensern eintraten, und dass sie stets mäßigend auf die fortschrittlichen Kräfte in der Region einwirkten, gerade was deren Konsequenz in Sachen Antizionismus anging. Das galt auch weitgehend für die Kommunisten in den arabischen Ländern und vor allem in Palästina selbst. Besonders die DFLP, aber auch die KPen Palästinas spielten hier eine sehr negative Rolle: Sowohl die KP Israels als auch die 1982 offiziell neugegründete Palästinensische Kommunistische Partei (PKP)xvii vertraten stets das Konzept einer Zweistaatenlösung, gemäß der UN-Resolution von 1947. Die palästinensische KP gewann entsprechend in der Westbank eine gewisse Popularität, während die KP Israels weitgehend die Rolle einer Bürgerrechtspartei für die sog. 48er, die Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit, einnahm und zugleich die einzige Partei in Israel war, die für eine Zweistaatenlösung eintrat; unter den Palästinensern im Exil spielten die Kommunisten dagegen nie eine Rolle. Die Erste Intifada war die Hochphase der PKP, die gemeinsam mit DFLP und PFLP zu den treibenden Kräften gehörte – doch wie bereits beschrieben, spielte dieser Volksaufstand zugleich eine Schlüsselrolle bei der Durchsetzung der Zweistaatendoktrin innerhalb der palästinensischen Befreiungsbewegung. Die Geschichte und der zwischenzeitliche Erfolg der palästinensischen Kommunisten ist also eng mit diesem Prozess verbunden. Mehr noch: Im Zuge der Intifada einerseits und der Durchsetzung der Zweistaatendoktrin innerhalb der Fatah andererseits stieg die PKP innerhalb der PLO auf und spielte gar „eine Hauptrolle bei den anschließenden politischen Entwicklungen, die schließlich zu israelisch-palästinensischen Verhandlungen in Madridxviii und dem Abschluss eines Übergangsfriedensabkommens in Oslo im Jahr 1993 führte“; „trotz ihrer zahlreichen Vorbehalte in Bezug auf den Verhandlungsprozess und die Details des Abkommens“ war sie für die PLO-Spitze dennoch „ein Partner im Verhandlungsprozess“; denn die PKP zählte damals aufgrund ihrer Positionen zu Arafats „natürlichen Verbündeten in seinen Bemühungen, die pragmatischen Schritte durchzuführen, die es ihm ermöglichen würden, die amerikanische und später die israelische Anerkennung“ zu gewinnen.xix

Die DFLP

Dasselbe galt für die DFLP. Dass sie 1974 federführend an der Durchsetzung des sog. Etappen-Programms innerhalb der PLO beteiligt war, wurde oben bereits erwähnt. Tatsächlich aber war dieses Programm letztlich identisch mit den wichtigsten Punkten des Programms der DFLP zu der Zeit. Von 1971 an wurde eine solche Etappenstrategie in der Demokratischen Front diskutiert und 1973 schließlich beschlossen.xx Vermutlich nutzte Arafat das Vorpreschen der DFLP sogar, um die Akzeptanz für einen palästinensischen Staat in Westbank und Gaza unter den Palästinensern auszutesten.xxi Zweierlei sollte hier erwähnt werden, um die historische Genese und Durchsetzung dieser falschen Positionen der DFLP zu verstehen und daraus zu lernen:

1. Die DFLP verstand ihr Etappen-Programm damals als ein „Kampfprogramm gegen Israel, das die palästinensischen Massen mobilisieren sollte, und nicht als ein Verhandlungsprogramm oder ein Projekt für eine friedliche Beilegung des Konfliktes mit Israel.“xxii Die Idee, einen palästinensischen Teilstaat neben der zionistischen Entität zu errichten, war nicht als Zweistaatenlösung konzipiert, sondern eben als Übergangsetappe hin zu einem Staat in ganz Palästina für alle seine Bewohner – und so wurde das Konzept auch im Etappen-Programm von 1974 in die PLO eingeführt. Dies entsprach nicht der Vorstellung Moskaus. Trotzdem diente die DFLP durchaus „in bestimmten Fragen (Forderung nach einem israelischen Rückzug aus den 1967 besetzten Gebieten, Zustimmung zu UNO-Resolutionen und Flexibilität in Sachen (…) Anerkennung Israels) als Verfechter sowjetischer Positionen innerhalb der PLO“.xxiii Zudem kritisierte der DFLP-Generalsekretär Hawatmeh 1974, dass die damalige palästinensische Führung die „Chance“ vertan habe, einen Staat gemäß der UNO-Resolution von 1947 zu bilden.xxivIm September 1994, nahm die DFLP schließlich das Zweistaatenkonzept als finale Lösung des Palästina-„Konflikts“ an,xxv also mitten im sog. Oslo-Prozess und genau ein Jahr, nachdem sich die Fatah– bzw. PLO-Spitze endgültig zur Anerkennung Israels, zur Umsetzung der Zweistaatendoktrin in der Praxis und damit zur Unterwerfung unter Tel Aviv (und Washington) durchgerungen hatte.

2. Der Weg verlief nicht geradlinig vom Etappen-Programm der DFLP nach Oslo. So ging die Demokratische Front etwa im Laufe der 1970er Jahre zwischenzeitlich auf Distanz zur Fatah und näherte sich der Verweigerungsfront an.xxvi Auch die Fatah– und PLO-Spitzen visierten nicht bereits 1974 an, zu den Marionetten Israels zu werden, die sie heute sind. Und doch sind die historischen und logischen Stränge klar zurückzuverfolgen und die negative Rolle, die die DFLP dabei gespielt hat, ist zu benennen und zu kritisieren.

3. In diesem Zusammenhang ist auch klarzustellen, dass die DFLP-Führung sich immer gegen die konkrete Realisierung der von ihr mit vorangetriebenen Konzepte (Anerkennung Israels und Etablierung einer palästinensischen Autorität in Teilen Palästinas) stellte: Sie lehnte sowohl das Camp David-Abkommen (1979) als auch die Madrider Konferenz (1991) als auch die Oslo-Abkommen (1993 und 1995) entschieden ab. Die DFLP vertritt bis heute die Forderung nach einer „echten“, für die Palästinenser „gerechten“ Zweistaatenlösung und kritisiert Oslo mit einer entsprechenden Argumentation. In der Praxis lavierte die sie seither immer wieder zwischen Zusammenarbeit mit der Fatah– und der PLO-Spitze einerseits und Zusammengehen mit den anderen Teilen des Widerstands (PFLP, HamasJihad etc.) und vertritt meiner Meinung nach sehr widersprüchliche Positionen, was die Einschätzung und Anerkennung der zionistischen Entität angeht.xxvii Allerdings ist sie aufgrund ihrer Opposition zu Oslo und ihrem Bekenntnis zum und ihrer Beteiligung am Widerstand nach wie vor eindeutig als Teil der palästinensischen Befreiungsbewegung anzuerkennen, ganz anders als das von Fatah-Kreisen dominierte Kompradoren-Netzwerk um Mahmoud Abbas.

PFLP und Palästinensische Kommunistische Partei

Wie bereits angeführt, war und ist die PFLP dagegen bis heute eine entschiedene Gegnerin jeglicher Zweistaatenkonzepte.xxviii Während ihr aufgrund ihrer kompromisslosen Haltung gegenüber Israel lange Dogmatismus, rechter oder linker Radikalismus oder „naiv-revolutionäre Tendenzen“xxix vorgeworfen wurden, zeugen ihre Warnungen rückblickend von Scharfsichtigkeit: Sie „befürchtete schon damals“, also 1974, „daß das Stufenprogramm allmählich verabsolutiert werde: Seine Endstufe drohe vom Endziel zum Traum und schließlich zum einfachen Wunsch transformiert zu werden. Damit verlöre die PLO das ursprüngliche Ziel langsam aber sicher aus den Augen“.xxx

Auch die Palästinensische Kommunistische Partei ist mittlerweile zu der Einsicht gelangt, dass eine Zweistaatenlösung unmöglich ist und dass sie daher für die Befreiung ganz Palästinas kämpfen muss. Mehr noch: Sie leistete Selbstkritik und erklärte „gegenüber allen Kommunisten und Freunden auf der Welt“, dass sie die Unterstützung der Kommunisten für den UN-Teilungsplan,xxxi die UN-Resolution 242 von 1967xxxii und auch die eigene Rolle in Bezug auf Oslo gleichsam als historische Fehler betrachte, die zur Schwächung der eigenen Reihen im Kampf gegen Israel und den Imperialismus sowie zum Vertrauensverlust der palästinensischen Massen in die Kommunistische Partei geführt haben. Diese Selbstkritik kommt sehr spät, wie die Genossen selbst erklären.xxxiiiDoch sie kam, und das muss die kommunistische Bewegung international endlich zur Kenntnis und auch ernst nehmen.xxxiv

Die Zweistaatendoktrin ist tot

Dass die PKP recht hat, wenn sie schreibt, dass das Zweistaatenkonzept den Kampf der Palästinenser geschwächt hat, ist offensichtlich. Dasselbe gilt für ihre Einschätzung, die Kommunisten hätten sich mit ihrer Forderung nach einer Zweistaatenlösung von den palästinensischen Massen distanziert: Natürlich haben die Palästinenser weder eine einheitliche Meinung, noch sind sie absolut fest in ihren Ansichten. Die Zustimmung zum Zweistaatenkonzept hat genauso konjunkturelle Schwankungen durchlebt wie die zum bewaffneten Kampf. Daher sind entsprechende Umfragen immer nur bedingt aussagekräftig. Trotzdem sollte man sie beachten: Derzeit liegt die Zustimmung der Palästinenser in den 67er-Gebieten nur noch bei bei 33%.xxxv Bei Umfragen in der Westbank 2011 war das Ergebnis nahezu identisch; zudem sprachen sich bei einer Befragung 2007 70% der Palästinenser für eine Einstaatlösung mit gleichen Rechten für Juden, Christen und Muslime aus.xxxvi Dabei war gerade die Westbank stets das Gebiet, in dem die Zweistaatenlösung, wenn überhaupt, mehrheitsfähig war. Die Flüchtlinge in der Diaspora, die rund die Hälfte der Palästinenser ausmachen, aber auch in Gaza, wo sie drei Viertel der Bevölkerung stellen, waren von je her stärker an der Befreiung ganz Palästinas interessiert. Aber auch die Palästinenser in Israel (12% der Palästinenser), die dort Bürger dritter Klasse ohne Perspektive auf Besserung ihrer Lage sind, gelten als wichtige Anhängerschaft für die Einstaatlösung.xxxvii

Natürlich kann auch eine Idee zum materiellen Faktor werden, eben „wenn sie die Massen ergreift“.xxxviii Doch sind die Argumente gegen die Zweistaatendoktrin und für eine Einstaatlösung objektiver Natur und unabhängig von der aktuellen Meinungskonjunktur unter den Palästinensern:

1. Da ist zunächst die Tatsache, dass die zionistische Bewegung nie bereit war, auch nur auf ein Stück Palästinas dauerhaft zu verzichten: Im Gegenteil strebten und streben die Zionisten perspektivisch danach, über Palästina hinaus arabischen Boden in Besitz zu nehmen (was sie mit den 1967 besetzten und 1981 de jure annektierten syrischen Golanhöhen auch bereits getan haben). Die Zustimmung der Zionisten zu den verschiedenen Teilungsplänen in der Geschichte waren stets rein taktischer Natur. Tatsächlich kamen die ersten Teilungspläne von den Zionisten selbst, sie haben sich immer wieder für Teilungen ausgesprochen und sogar den UN-Teilungsplan von 1947 mit initiiert.xxxix Wie Ilan Pappé betont, sind Teilungen im kolonialen Kontext immer Mittel der Kolonialisten. „Demgegenüber gibt es keinerlei Grund, warum eine Ursprungsbevölkerung einer Siedlerbewegung freiwillig eine Teilung ihres Heimatlandes anbieten sollte.“xl Dass die zionistische Bewegung danach strebt, ganz Palästina zu erobern, ist zum einen ideologisch begründet, liegt aber zum anderen und vor allem auch in der Natur des siedlerkolonialistischen Charakters Israels selbst, und ist damit strukturell bedingt: Die Zionisten müssen, um ihr Nationalstaatsprojekt dauerhaft zu erhalten, einerseits die dafür benötigte Nation (immer noch) erst erschaffen, und zwar durch den Zuzug von immer neuen Juden (bevorzugt weißen, aus dem Westen), denen wiederum etwas geboten werden muss (Luxus, Sicherheiten, Freiheiten, ein religiöser oder nationale Auftrag etc.); andererseits müssen sie sich auch noch das Territorium, auf dem sie ihren Staat errichten und das sie ihrer Siedlerbevölkerung anbieten können, zusammenraffen und behaupten. Erschwerend kommt hinzu, dass Palästina kleiner als das Bundesland Brandenburg und rund die Hälfte der Fläche von Wüste bedeckt ist. Daher sind die fruchtbaren Böden, die Küstengebiete und der Jordangraben besonders wertvoll und wichtig. Dabei geraten die Zionisten zwangsläufig an allen Ecken und Enden in Konflikt mit der einheimischen Bevölkerung, die es zu verdrängen oder zu vernichten gilt, da sie zum einen ja auf dem begehrten Land sitzt, und zum anderen nicht in das Staatsvolk „integrierbar“ ist, weil sie die Mehrheit der Bevölkerung vor Ort ausmacht. Und so wurde (und wird jeden Tag aufs Neue) der Kampf um Boden zum „Kampf auf Leben und Tod“xli zwischen den Kolonialsiedlern und den Indigenen. Dieser Kampf kann nur beendet werden, indem die Siedler gewinnen und die Indigenen soweit dezimiert haben, dass sie ihre Überreste „integrieren“ können (wie in Nordamerika oder Australien) oder aber indem das siedlerkolonialistische Projekt gestoppt und zerschlagen wird (wie in Algerien, Angola, Kenia, Libyen, Mosambik und im südlichen Afrika). Hier kommt wieder der subjektive Faktor ins Spiel: die Palästinenser und ihr Widerstand. Solange sie nicht aufgeben und Israel sie nicht endgültig vernichten kann, bleibt der Kolonisierungsprozess in Palästina in jener Phase stecken, die man in der Forschung als „Frontier-Phase“ bezeichnet und die von extremer Gewalt und Instabilität geprägt ist.xlii

2. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Zweistaatenlösung heute noch unrealistischer ist als noch vor 30 oder 100 Jahren. Denn das zionistische Siedlerprojekt hat sich mittlerweile de facto über 90% Palästinas angeeignet. Die A- und B-Zonen, in denen die PA mehr oder weniger das Sagen hat, und der Gazastreifen, der seit 2007 dem Einfluss des Abbas-Regimes entzogen ist und unter Kontrolle des Widerstands steht, machen zusammen etwa 9% Palästinas aus. Gaza und Westjordanland sind ohnehin durch israelisches Staatsterritorium voneinander getrennt und die A- und B-Gebiete in der Westbank bestehen aus unzähligen voneinander isolierten Einheiten. Diese Landflecken wiederum sind nicht nur durch die IOF und die C-Zonen, sondern auch durch mittlerweile rund 250 Siedlungen, in denen etwa eine halbe Million Zionisten leben, umzingelt. Das wenige, was es an palästinensischer Wirtschaft gibt, ist größten Teils auf Israel ausgerichtet; die restlichen Gelder kommen vor allem als „Spenden“ aus dem Westen oder aus mit ihm verbündeten Ländern. Damit ist ein palästinensischer Staat weder politisch noch ökonomisch überlebensfähig. Eine „Entflechtung“, das heißt der Abzug der Siedler aus der Westbank, wird nur unter brutaler Gewalt ablaufen – selbst wenn sie, wie 2005 im Fall des Gazastreifens, von Tel Aviv befohlen würde, was absolut unrealistisch ist. Schon vor 20 Jahren, als „nur“ etwa 290.000 Siedler in der Westbank lebten, ging man in Israel davon aus, dass ein Abzug der Siedler zum Bürgerkrieg führen würde. Diese Gefahr ist seither noch gestiegen, wie die sich immer weiter zuspitzende Krise des zionistischen Regimes beweist; zudem haben jene Kräfte, die die Siedler bedingungslos unterstützen, mittlerweile eindeutig die Macht in Israel übernommen. Kurz gesagt: Palästina ist mittlerweile derart vom Kolonialismus durchdrungen, dass es kein Gebiet mehr gibt, das neben diesem Kolonialregime auch nur annähernd als Staat bestehen könnte. Zugleich ist der Kampf um die Befreiung der Westbank nur (noch) als Krieg gegen den zionistischen Siedlerkolonialismus und die zionistische Entität in Palästina an sich zu führen; die Kolonialherrschaft im Westjordanland ist in keiner Weise vom zionistisch besetzten Kernland (also von „Israel“) zu trennen. Strukturell bzw. der „Logik“ nach war das schon immer so; es ist aber eben auch längst ganz konkrete Realität geworden.

Im Übrigen würde selbst eine „endgültige“ Zweistaatenlösung eine Vertreibung der restlichen 48er-Palästinenser aus Westpalästina bedeuten. Denn aus israelischer Sicht macht eine Zweistaatenlösung nur Sinn, wenn der zionistische Staat danach „rein“ von den Palästinensern ist, die immerhin 20% der Bevölkerung ausmachen. Entsprechende Vertreibungsszenarien haben IOF und die israelische Polizei bereits in der Vergangenheit geprobt.xliii

Teil 2 – Richtige und falsche Einstaatlösungen

Wie im ersten Teil dargelegt, ist die Zweistaatendoktrin nichts anderes als eine durch und durch kolonialistische und/oder defätistische Position in der Palästina-Frage. Die richtige Antwort auf sie lautet also konsequente Dekolonialisierung ganz Palästinas bzw. eine Einstaatlösung.

Zionistische vs. antikoloniale Einstaatkonzepte

Doch nicht jede Einstaatlösung bedeutet automatisch Befreiung vom Kolonialismus: Es gab schon in den 1930er Jahren zionistische Einstaatkonzepte, die eine (Kon-)Föderation zwischen einem jüdischen und einem arabischen (Bundes-)Staat vorsahen. Diese Konzepte waren „Lightversionen“ des Zionismus, denn auch sie basierten zum einen auf der Annahme, dass es eine „jüdische Nation“ in Palästina gäbe, und zum anderen sollte auch hier schon Land „judaisiert“, also von den Indigenen geraubt werden.xliv Eine weitere, allerdings alles andere als „light-zionistische“ Version der Einstaatlösung ist die Annexion ganz Palästinas durch Israel; dabei stellt sich für die Zionisten allerdings stets die Frage, was man mit den auf dem Land lebenden Palästinensern machen soll. Wenn man seinen jüdisch-zionistischen Charakter nicht verlieren will, bleibt nichts anderes als Vertreibung, Verweigerung der Staatsbürgerschaft und/oder Massenmord. Weil alles drei nicht in großem Stil bzw. auf einen Schlag möglich ist, konnte sich in den 1990er Jahren zwischenzeitlich das Zweistaatenkonzept in der israelischen Politik durchsetzen, das in Form von Oslo einen genialen Schachzug darstellte, um den palästinensischen Widerstand eine Zeit lang weitgehend zu paralysieren und bis heute nachhaltig zu schwächen, während Landraub und Vertreibung ungebremst weiterliefen.

Fortschrittliche, d. h. antikoloniale Einstaatkonzepte dagegen kamen und kommen ausschließlich von der palästinensischen Befreiungsbewegung und von (jüdischen) Antizionisten: Bereits bei der frühen Nationalbewegung, die gegen die britische Kolonialherrschaft und den zionistischen Kolonialismus kämpfte, finden sich derartige Forderungen nach einem demokratischen Staat in ganz Palästina mit gleichen Rechten für all seine Bewohner, ungeachtet ihrer Religion.xlv Die Fatah formulierte daran anknüpfend Ende der 1960er Jahre öffentlich, wie ein künftiger Staat Palästina aussehen sollte: Sie trat für einen „demokratischen, progressiven, säkularen (…) Staat, in dem Juden, Christen und Muslime miteinander in Frieden und mit gleichen Rechten leben“, ein.xlvi Schon damals war dieses Konzept zugleich ein ausgestreckter Arm in Richtung der gesamten jüdischen Bevölkerung. Abu Iyaf, einer der Mitbegründer der Fatah und bis zu seiner Ermordung 1991 einer ihrer ranghöchsten Mitglieder, erklärte 1968: „In diesem Prozeß eröffnen sich vor den Juden Palästinas drastisch neue Alternativen: anstatt der Alternative „Festung Israel“ oder „ins Meer geworfen werden“ bietet die Revolution die Alternative „Unsicherheit in einem rassistisch-exklusiven Israel“ oder „ein offenes, sicheres und tolerantes Palästina für alle“.“xlvii Diese Bereitschaft zur Aussöhnung hielt die Fatah nie davon ab, radikal, konsequent und mit „extremen“ Mitteln gegen das zionistische Regime zu kämpfen und dabei auch die gesamte Siedlerbevölkerung zur Verantwortung zu ziehen, d. h. sie als legitime Ziele zu betrachten. Das gilt übrigens bis heute für alle Widerstandsorganisationen, einschließlich PFLP und, wie in Fußnote xxvii ausgeführt, auch DFLP.

Wie oben dargelegt nahmen Fatah, DFLP und mit ihnen auch die PLO bald schrittweise Abstand von diesem Konzept einer Einstaatlösung. Allein die PFLP hielt daran fest und heute erkennt auch die Palästinensische Kommunistische Partei die Notwendigkeit der Befreiung ganz Palästinas an. Unmittelbar nach Oslo entstanden zudem verschiedene Initiativen, die Konzepte für eine Einstaatlösung erarbeiteten bzw. propagierten; auch der prominente Intellektuelle Edward Said, der lange für eine Zweistaatenlösung eingetreten war, argumentierte ab 1999 für eine Einstaatlösung. Ab Mitte der 2000er Jahre begann man, die bis dahin verstreuten Initiativen und Debatten zusammenzuführen. Auf jüdischer Seite wird diese neue „Einstaatbewegung“, die einen demokratischen und säkularen Staat in ganz Palästina anstrebt, u. a. von Ilan Pappé und auf palästinensischer Seite etwa von der PFLP, aber auch von (z. T. hochrangigen) Fatah-Mitgliedern aktiv mitgetragen.xlviii

Sowohl Hamas als auch Jihad treten dagegen nicht für einen säkularen, sondern für einen islamischen Staat ein. Darüber, wie ein solcher Staat genau auszusehen hat und inwiefern er mit „demokratischen Prinzipien“ in Einklang zu bringen ist, zu denen sich beide ebenfalls schon lange bekennen, erfährt man allerdings wenig Konkretes bzw. viel Widersprüchliches. Das ist sehr typisch für islamische Kräfte vom Schlage der Hamas und des Jihad, die in sich ideologisch sehr heterogen, politisch häufig wandelbar und in der Praxis äußerst pragmatisch sind; ihr Ziel ist jedenfalls in aller erster Linie die Befreiung Palästinas.xlix In ähnlicher Weise war auch lange unklar, welche Position die Hamas gegenüber dem Verbleib der jüdischen Bevölkerung in Palästina vertritt. Zwar charakterisierte sie den Kampf um Palästina in ihrer berüchtigten (und von ihren Kritikern, Gegnern und Feinden in ihrer Bedeutung weit übertriebenen) Charta von 1988 als einen religiösen Konflikt zwischen Muslimen und (dem westlichen Kolonialismus zugerechneten) Juden. Doch vermutlich teilte sie von Beginn an den unter den Palästinensern weit verbreiteten Konsens, wonach palästinensische Juden in jedem Fall ein Recht hätten, in Palästina zu leben, während die eingewanderten Siedler in ihre Herkunftsländer zurückzukehren hätten.l Ende der 2000er Jahre übernahm die Hamas dann das Konzept einer Aussöhnung mit der gesamten jüdischen Bevölkerung, also inklusive der Siedler, im Rahmen einer Einstaatlösung.li In ihrem neuen Grundsatzpapier von 2017 unterschied sie denn auch konsequent zwischen Judentum und Zionismus und erklärte: „Es sind die Zionisten, die das Judentum und die Juden ständig mit ihrem eigenen kolonialen Projekt und ihrer illegalen Entität identifizieren.“lii Während es in dem Dokument zum Charakter des zu errichtenden palästinensischen Staates heißt, dieser solle „auf der Grundlage von Pluralismus, Demokratie, nationaler Partnerschaft, Akzeptanz des anderen und der Annahme des Dialogs“ basieren, wird zugleich der Schritt hin zur Etappen-Strategie vollzogen: Zwar lehne die Hamas weiterhin „jede Alternative zur vollständigen und umfassenden Befreiung Palästinas vom Fluss bis zum Meer ab.“ Doch wird die „Errichtung eines völlig souveränen und unabhängigen palästinensischen Staates mit Jerusalem als Hauptstadt in den Grenzen des 4. Juni 1967“ als dem damaligen „nationalen Konsens“ entsprechend anerkannt.liii

Für den Jihad gilt im Allgemeinen ähnliches: Anders als die Hamas betrachtete er den Kampf um Palästina von Anfang an als einen zwar religiös legitimierten antikolonialen Kampf gegen den westlichen Imperialismus, jedoch nicht als einen Konflikt zwischen Muslimen und Juden.liv Die Organisation ist ein Kind der iranischen Revolution und die „revolutionäre Shia“ war (und ist) bekanntlich stark von (gerade auch linken) antikolonialen und antiimperialistischen ideologischen Einschlägen geprägt. (Der Jihad geriet auch während der Ersten Intifada, anders als die Hamas, nicht mit PFLP, DFLP und PKP aneinander, sondern arbeitete im Gegenteil schon damals mit ihnen – und auch der Fatah – im Rahmen der Vereinigten Führung der Intifada zusammen.lv) Entsprechend hieß es vonseiten des Jihad schon vor Jahrzehnten, dass die Befreiung Palästinas (in einen islamischen Staat) die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander von Juden und Muslimen sei und dass erstere zudem, wie schon in der Zeit vor der zionistischen Kolonisierung, in einem solchen Staat sicherer seien als in Europa.lvi

Alle zentralen palästinensischen Parteien bekennen sich also nicht nur zum Bleiberecht der ursprünglichen palästinensischen Juden, sie sind mittlerweile auch (mehr oder weniger offen) bereit, die dauerhafte Anwesenheit der Siedlerbevölkerung in Palästina zu akzeptieren. Hier muss einmal betont werden, dass diese Position einer Einstaatlösung für alle seine Bewohner ein Kompromiss ist, ein ungeheuer großzügiges Angebot der Palästinenser (wie auch schon der Südafrikaner zuvor) an ihre Unterdrücker, an diejenigen, die in ihr Land kamen, es geraubt, ihre Eltern und Großeltern vertrieben, ihre Geschwister eingesperrt und ihre Kinder ermordet haben. Die einzige Bedingung ist, dass die Siedler ihre Privilegien aufgeben und dass die Palästinenser entschädigt werden. Dieser Kompromiss ist nicht selbstverständlich und die Siedler haben kein „Recht“ darauf. Er ist vor allem deshalb gut und zu unterstützen, weil die Palästinenser dadurch an ihr Recht kommen und zugleich die Gewalt und das Leid unmittelbar nach der Befreiung Palästinas beendet werden kann. Dass antizionistische jüdische Israelis und Juden weltweit für eine Dekolonialisierung und Dezionisierung als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben in Palästina eintreten, ist natürlich richtig und zu unterstützen, sogar unabhängig davon, ob sie es aus ideologischen bzw. moralischen Gründen tun oder aus purem Eigeninteresse, weil sie in Palästina bleiben wollen, aber einsehen, dass dies nur durch die Überwindung des Zionismus und eine Einstaatlösung zu machen ist. Trotzdem muss klar sein: Das revolutionäre Subjekt, die Kraft, die den Hauptwiderspruch in Palästina, den zwischen der dort lebenden Nation auf der einen und der Kolonialmacht und dem westlichen Imperialismus auf der anderen Seite, auflösen wird, ist die palästinensische Nation. Die Befreiung Palästinas bedeutet die Befreiung der Palästinenser, nicht der jüdischen Israelis. Schaffen letztere es selbst, den Zionismus zu überwinden, umso besser. Die Perspektive dafür ist aber äußerst düster. Die Palästinenser können darauf weder bauen noch warten, und so dürfen auch wir als Solidaritätsbewegung nicht darauf bestehen.

Die Angst vor einem islamischen Staat

Trotz der Tatsache also, dass alle großen palästinensischen Parteien für diesen eben beschriebenen großherzigen Kompromiss sind, wird von den Zionisten (natürlich) – wie schon in den 1960/70er Jahren mit Blick auf Fatah und PLO – die Angst geschürt, eine Befreiung Palästinas sei gleichbedeutend damit, dass „die Juden ins Meer getrieben“ würden. Das wäre völlig irrelevant, wenn diese Propaganda nicht auch bei Teilen der palästinasolidarischen Linken, und sogar solchen Teilen, die für eine Einstaatlösung sind, verfangen würde. Denn bezüglich Kräften wie Hamas und Jihad sind auch in diesen Kreisen weiterhin Vorurteile und Unwissenheit weit verbreitet,lvii ganz zu schweigen von einer gehörigen Portion chauvinistischer Islam- und Religionsfeindlichkeit. Dem wirkt natürlich am besten die konkrete Auseinandersetzung mit den entsprechenden Organisationen, ihren Positionen und auch ihrem Verhältnis zum restlichen Widerstand entgegen.lviii Eine derartige Aufklärung kann hier nicht geleistet werden, deshalb muss es an dieser Stelle bei einem Appell an die Leser bleiben, die sich angesprochen fühlen (sollten).

Wofür hier allerdings noch einmal klar argumentiert werden soll, ist ein marxistisches Verständnis von Fortschritt in Bezug auf nationale Befreiung. Ich habe bereits an anderer Stelle die Position vertreten, dass auch ein islamischer Staat in Palästina ein Schritt nach vorn ist.lix Einige Reaktionen darauf haben mich veranlasst, hier noch einmal Argument für Argument auf diesen Punkt einzugehen: Meine Position bedeutet selbstverständlich nicht, dass ich einen islamischen Staat an sich für erstrebenswert halte oder gar favorisiere. Wir müssen uns aber als Kommunisten die Frage stellen: Wieso sind wir eigentlich für nationale Befreiung? (Schließlich ist auch der Nationalismus als Ideologie etwas, das wir ablehnen, und Nationen sind etwas, das wir historisch überwinden wollen.) Das liegt daran, dass wir Nationen und Nationalstaaten für ein natürliches Element der modernen, das heißt kapitalistischen (und übrigens auch für eine längere Phase in der Zeit einer sozialistischen) Welt halten: Aus feudalen und vorfeudalen sozialen Zusammenhängen entstehen Nationen (ob nun sprachlich und kulturell relativ homogen oder aber aufgrund historischer Spezifika in Form von Vielvölkernationen), die sich Nationalstaaten schaffen, in deren Rahmen sie Wirtschaft treiben, die Produktionsverhältnisse entwicklen und natürlich als Klassen gegeneinander kämpfen. Völker, die es nicht zur Nation schaffen, werden in aller Regel entweder integriert, assimiliert oder aber ausgegrenzt oder sogar vernichtet. Ähnliches gilt für Nationen, die keinen eigenen Nationalstaat bilden; sie kämpfen aber in der Regel gegen ihre Vernichtung, ihre Ausgrenzung und auch gegen ihre Assimilierung an. Wir unterstützen die freie Entfaltung der Nationen, weil sie die (relativ) freie Entfaltung der Menschen, ihres kulturellen Schaffens und nicht zuletzt ihrer Produktivkräfte ermöglicht. Zusammenschlüsse von Nationen sind dann zu begrüßen, wenn sie auf freiwilliger Basis passieren und nicht eine imperialistische Unterordnung bedeuten. Wird eine Nation, wie im Falle Palästinas, unterdrückt, ist ihre Befreiung in einen eigenen, souveränen Nationalstaat notwendig und ein Fortschritt. Ein Fortschritt deshalb, weil erst dadurch eine eigenständige Ökonomie aufgebaut werden kann, die Klassen sich entfalten und formieren können und der Grundwiderspruch (zwischen Kapital und Arbeit) zum Hauptwiderspruch (den es als nächstes strategisch zu überwinden gilt) werden kann. 

Natürlich ist es auch möglich, dass eine nationale Befreiungsrevolution unter kommunistische Führung gelangt und dass sie innerhalb relativ kurzer Zeit in eine sozialistische Revolution hinüberwächst (wie etwa in China, Vietnam oder Kuba). Und natürlich ist dieses Szenario das weitaus beste. Dieser Fortschritt besteht aber eben auch dann, wenn in diesem erkämpften Staat zunächst die Bourgeoisie die Macht übernimmt, wenn reaktionäre oder autoritäre Kräfte das Ruder an sich reißen – und auch dann, wenn es islamische Kräfte tun, die keinen säkularen oder liberalen bürgerlichen Staat errichten, sondern einen theokratischen. Jeder Einzelfall muss konkret bewertet werden. Entscheidend ist dabei für Kommunisten zunächst die Frage, ob dieser Staat politisch und möglichst auch ökonomisch souverän ist, ob er die Produktivkräfte entfalten kann, die Arbeiterklasse anwachsen lässt, den Lebensstandard der Volksmassen, die unter der nationalen Unterdrückung in aller Regel extrem leiden, verbessert. Das sind die harten, materiellen Kriterien, anhand derer wir Fortschritt bemessen. „Weichere“ Kriterien, solche des Überbaus, wie Meinungsfreiheit oder etwa ein Recht, Alkohol zu trinken, anhand derer die westlichen Liberalen so gerne feststellen, ob ein Land „frei“ und „demokratisch“ oder aber eine „Diktatur“ ist, sind für Materialisten selbstverständlich zweitrangig. Wie absurd das ganze ist, soll hier einmal versinnbildlicht werden: In Palästina werden täglich Kinder ohne Anklage auf unbestimmte Zeit eingekerkert oder direkt erschossen. Das ist nur möglich, weil die Zionisten die Palästinenser als Nation kollektiv unterdrücken. In welchem Verhältnis steht dazu die Möglichkeit, dass eine Hamas-Regierung es verbietet, Shisha zu rauchen oder Frauen drängt, ein Stück Stoff auf dem Kopf zu tragen (was sie übrigens beides in Gaza kurz versucht und dann aufgegeben hat)? Man hat teilweise den Eindruck, wenn es um den Islam geht, werden knallharte Kommunisten, hartgesottene Geopolitiker und durch und durch rational denkende Materialisten zu hedonistischen Liberalos und Individualisten, denen Alkoholkonsum und Parties wichtiger sind als die Verteidigung gegen ausländische Besatzer oder die Überwindung totaler Armut und Verelendung der Massen.

Siedlerkolonialismus überwinden ohne Entkolonisierung und Entsiedlung?

Neben latenter Islamfeindlichkeit und weitreichender Ignoranz gegenüber den realen Positionen des islamischen Widerstands drückt sich in den oben dargelegten Ängsten vor einer drohenden „Vernichtung“ der Juden in oder ihrer „Vertreibung“ aus Palästina in palästina-solidarischen Kreisen meinem Eindruck nach noch etwas anderes aus: Und zwar eine diffuse Empathie für oder sogar Identifizierung mit den Siedlern. Ich will hier nicht herumpsychologisieren. Angesichts der Realität in Palästina, in der das Leben von Millionen von Palästinensern buchstäblich nichts wert ist, in der die Menschen dort tagtäglich massakriert werden – gerade die jungen Männer sterben wie Fliegen; nahezu jede der heldenhaften Widerstandsaktionen gegen den übermächtigen Feind gerät zur Märtyrermission –, muss man sich allerdings einmal ernsthaft fragen, was Linke in Deutschland dazu treibt, sich derartige Sorgen um die Zukunft der Unterdrücker zu machen!

Trotzdem versuche ich auch diesen Punkt einmal ernst zu nehmen und darauf einzugehen: Dass es einem nicht behagt, jemanden, der in einem Land geboren ist, wofür er natürlich nichts kann, eine feste Rolle zuzuschreiben, etwa die desjenigen, der sein Geburtsland eben verlassen muss, weil er ins „falsche Lager“ hineingeboren wurde, ist schließlich grundsätzlich nachvollziehbar. Nun ist es ja aber zunächst so, dass wir als Marxisten Menschen durchaus kategorisieren, und zwar nach objektiven Kriterien: Arbeiter sind nicht revolutionär, weil sie klüger, edler oder radikaler sind, und erst recht nicht jeder einzelne von ihnen, sondern sie sind es als Klasse in erster Linie aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess. Und Kapitalisten beurteilen wir auch nicht nach ihrem persönlichen Charakter. In sozialistischen Revolutionen wurden (und werden auch künftig) Kapitalisten (wie auch Großgrundbesitzer und Adelige) in „Sippenhaft“ genommen: Ihnen wurde nach Möglichkeit alles weggenommen, ihre Familien wurden in aller Regel ins Exil getrieben oder interniert, die, die vor Ort in Freiheit blieben, verloren generationenübergreifend ihr Wahlrecht und ihre Kinder wurden dem proletarischen Nachwuchs gegenüber, dessen Nachteile es auszugleichen und den es zum neuen Führungspersonal zu machen galt, benachteiligt. Auch all das war nicht schön. Es war aber notwendig und daher legitim (und wird es wohl auch künftig wieder sein).

Ein anderes, näher am Thema liegendes Beispiel: Auch die BDS-Bewegung handelt letztlich nach dem Prinzip der „Sippenhaft“ bzw. der kollektiven Inverantwortungnahme, denn schließlich ruft die Bewegung zu Sanktionen auf, etwas das wir in der Regel als gegen die Völker gerichtete Kriegspolitik ablehnen; werden diese Sanktionen aber von unten gegen den Willen der Herrschenden erzwungen, etwa gegen das Apartheidregime in Südafrika oder eben das in Palästina, ist der Charakter von Sanktionen ein völlig anderer. Zudem ruft die Bewegung zum kulturellen und akademischen Boykott auf. Dabei werden israelische Künstler und Akademiker mit zur Verantwortung gezogen. Anfang August etwa wurde ein israelisches Modell aus einem ägyptischen Hotel geschmissen. Natürlich war das eine „diskriminierende“ Maßnahme. Sie war aber genau richtig, denn die Siedlerbevölkerung ist eben unmittelbar mitverantwortlich – und angesichts der Tatsache, dass Ägypten zu den Vorreitern in Sachen „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Ländern ist, war dieser Rauswurf umso mehr zu begrüßen und kann als Akt der „Zivilcourage“ gelten. Zudem: Was ist schon das Unbehagen und eine schlaflose Nacht einer Person, die in „ihrem“ Land als „Herrenmensch“ lebt, gegen das Leid der Palästinenser? Trotzdem würde niemand außer knallharten Zionisten behaupten, BDS oder dieser Rausschmiss des israelischen Modells sei antisemitisch.

Was nun die Frage der „Vertreibung“ angeht (für alle, die nicht mehr ganz mitkommen: ja, wir reden hier über eine rein hypothetische, in der Zukunft liegende Vertreibung der Zionisten, nicht die reale und seit Jahrzehnten anhaltende Vertreibung der Palästinenser…): Es geht nicht darum, dass alle Siedler systematisch aus ganze Palästina vertrieben werden sollen oder dass dies auf jeden Fall passieren wird. Wie oben beschrieben, verfolgt keine der wichtigsten Widerstandskräfte ein solches Ziel. Wir müssen aber damit rechnen, dass es zu Fluchtbewegungen kommt, wenn Palästina endlich befreit wird. Zum einen wird es sich um Fluchtbewegungen und ja, auch um Vertreibungen aus der Westbank handeln – diese würde es im Übrigen auch im Zuge einer Zweistaatenlösung in den Grenzen von 1967 geben, wie sie von ihren linken Vertretern gefordert wird, während zugleich, wie oben dargelegt, das 1948 besetzte Palästina endgültig ethnisch gereinigt würde. Aber es wird im Zuge der vollständigen – also der meiner Meinung nach einzigen möglichen – Befreiung Palästinas auch dazu kommen, dass Siedler das Land vollständig verlassen. Dies wird vermutlich weniger mit Vertreibungen zusammenhängen, als viel mehr mit der tiefsitzenden Angst und dem enormen Hass, den jede Siedlerbevölkerung gegenüber den von ihr beraubten, vertriebenen und unterdrückten, als „rassisch“ und kulturell minderwertig angesehenen Indigenen verspürt. Sie fürchten nachvollziehbarer Weise, das ihnen ihre Verbrechen heimgezahlt werden; sie halten die Kolonisierten zudem für wilde Tiere. Und: Sie wollen sie nicht in ihrer Nachbarschaft, im Supermarkt, oder an ihrem Arbeitsplatz haben; sie wollen nicht mit ihnen rechtlich gleichgestellt sein, sie wollen ihnen gegenüber keine Minderheit sein und sie wollen keine von dieser Mehrheit gewählte Regierung über sich haben. Aus Algerien etwa flohen nach der Befreiung fast alle Siedler innerhalb kürzester Zeit, ohne dass es zu nennenswerten Racheakten gegen sie gekommen wäre. Schon jetzt verlassen mehr Israelis Palästina als zuziehen. Und die, die gehen, sind noch die vernünftigeren; die die zurückbleiben sind mittlerweile in der großen Mehrheit Faschisten und/oder religiöse Fundamentalisten. Wir müssen aber auch einsehen, dass Vertreibungen nicht nur menschlich nachvollziehbar, sondern vor allem auch legitim sind, wenn es nämlich um die Rückeroberung des geraubten Bodens geht. Wie sonst soll sich die rechtmäßige Bevölkerung Palästinas ihr Recht und ihr Heim zurückholen, wenn sie es nicht in Besitz nimmt? Die Enteignung der Enteignerlx ist schließlich ein Kernprinzip kommunistischer Politik: Wenn die Stunde des Siedlerkolonialismus schlägt, werden die Landräuber das Land verlieren. Klar ist: In der Realität werden viele Palästinenser ihr Recht auf Rückkehr nicht wahrnehmen, so dass den (vermutlich nicht allzu vielen) Siedlern, die bleiben wollen, genug Platz bleibt und sie vielleicht auch gar nicht enteignet werden, sondern lediglich eine Entschädigung fällig wird.

Nationale Befreiung statt Utopismus!

Das alles hängt selbstverständlich von den konkreten Bedingungen und den Kräfteverhältnissen ab, unter denen die Befreiung Palästinas sich vollziehen wird. Klar ist natürlich, dass diese Befreiung in der Realität auf sehr verschiedene Arten ablaufen kann: Es kann zu einer Befreiung ganz Palästinas in kürzester Zeit kommen oder aber über die Etappe eines Ministaates in den 67er-Gebieten; durch einen Volkskrieg, durch einen konventionellen Krieg, durch einen Bürgerkrieg unter den Siedlern, durch revolutionäre Umbrüche in der Region oder in anderen Teilen der Welt, die den westlichen Imperialismus im Nahen Osten implodieren lassen, oder durch internationalen Druck auf Israel; die Befreiung selbst kann extrem blutig ablaufen oder relativ friedlich und durch Verhandlungen; sie kann in einem Jahr erfolgen oder in 100 Jahren; sie kann direkt in den Bürgerkrieg, in verschiedene Formen bürgerlicher Staaten oder in den Sozialismus führen. Einerseits ist es müßig, eine Prognose zu wagen. Andererseits ist es mit Blick auf die Strategie vor Ort natürlich nicht unwichtig, entsprechende Diskussionen zu führen. Am sinnvollsten erscheint, dass sich die Palästinenser in erster Linie auf ihre eigene Kraft verlassen, denn schon früher wurden sie verraten oder enttäuscht, und das zu Zeiten, in denen es mächtige antikoloniale und sozialistische Bewegungen in der Region und weltweit gab; heute ist die Lage ungleich ungünstiger. Aus genau diesem Grund erscheinen mir Positionen, die davon ausgehen, Palästina könne realistisch erst im Zuge einer revolutionären Umwälzung in der gesamten Region befreit werden, wie es etwa von Marx21 vertreten wird,lxigefährlich, weil sie die Befreiung Palästinas auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben drohen.

Das gilt umso mehr für Positionen, die die nationale Befreiung Palästinas an eine sozialistische Revolution in Palästina (manchmal sogar in der gesamten arabischen Welt) knüpfen. Dabei wird meist argumentiert, dass ein gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen Israelis/Juden und Palästinensern nur im Sozialismus möglich sei. So argumentieren u. a. die Bolshevik Tendency (BT),lxii Klasse gegen Klasse (KgK)lxiii oder der Kommunistische Aufbau (KA),lxiv aber auch die MLPD. Der Unterschied zwischen KgK und BT einerseits und MLPD andererseits besteht darin, dass letztere immerhin so realistisch ist, diese Perspektive in naher Zukunft für eher unwahrscheinlich zu halten; ihre Konsequenz ist aber letztlich der Verrat am palästinensischen Volk, indem sie die sog. Zweistaatenlösung als „realpolitische“ Alternative anpreist.lxv Der KA scheint sich in dieser Frage nicht festlegen zu wollen.lxvi Dass ein gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen den Religions- und Volksgruppen nur im Sozialismus möglich sei, ist indes nichts anderes als eine unbelegte, dafür aber mit revolutionären Phrasen vernebelte Behauptung. Wie dargelegt, steht dem Zusammenleben in Palästina von indigener Seite nichts im Weg (genau wie früher in Südafrika, Algerien usw.) Es liegt am Ende an den Siedlern, ob sie dazu bereit sind. Das scheint bei den aller meisten nicht der Fall zu sein. Rücksicht muss man darauf nicht nehmen – außer natürlich man hängt einem unmarxistischen Moralismus oder aber dem Irrglauben an, es handle sich bei dieser Kolonialbesatzung um eine Nation.

An dieser falschen Annahme krankt übrigens auch die Forderung nach einem „binationalen“ Staat, dann jedenfalls wenn damit tatsächlich die Meinung verknüpft ist, es gäbe (mittlerweile) eine israelische oder hebräische Nation,lxviiwie etwa von BT behauptet.lxviii Die Siedler mögen heute (nach mehreren Generationen, die in Palästina geboren wurden, durch das viele zusammengeraubte Land und ein gewisses kulturelles Zusammenwachsen) der historischen Gesellschaftsstufe einer Nation näher sein als noch 1948. Trotzdem ist diese Entwicklung, wie oben dargelegt, nicht abgeschlossen und sie wird nicht abzuschließen sein, außer durch den vollendeten Genozid an den bzw. die endgültige Vertreibung der Palästinenser.

Gemeinsam diskutieren und falsche Positionen überwinden!

Ein Großteil der kommunistischen Bewegung, sowohl in Deutschland als auch international, steht noch vor dem notwendigen Schritt, endlich die falsche Doktrin von der „Zweistaatenlösung“ zu überwinden. Das heißt konkret, Israels „Existenzrecht“ endlich klar und deutlich zu verneinen, stattdessen die Befreiung ganz Palästinas zu fordern und sich so auf eine konsequent antikoloniale Position zu stellen. Dieser Schritt ist nach bald 150 Jahren zionistischer Kolonisierung, 75 Jahren anhaltender Nakba und 30 Jahren Betrug von Oslo überfällig! In Deutschland steht hier vor allem die DKP als größte und relevanteste Kraft der kommunistischen Bewegung in der Verantwortung. Aber auch MLPD, Gegen die Strömung und andere sich als kommunistisch verstehende Organisationen sollten ihre falschen Positionen endlich verwerfen. Dafür muss man sich aber überhaupt erst einmal konkret mit dem Thema beschäftigen. Meinem Eindruck nach gibt es eine solche Beschäftigung bei der DKP oder auch der KPD, die sich bislang kaum zum Thema geäußert hat, so gut wie gar nicht, zumindest gibt es kaum entsprechende Veröffentlichungen. Die Voraussetzung für die Einsicht in diese Notwendigkeit liegt natürlich überhaupt erst einmal in der Erkenntnis, dass das Thema Palästina eine hohe politische Relevanz hat, gerade hier in Deutschland.lxix KA oder auch Young Struggle äußern sich dagegen häufiger zu Palästina – aber sie beziehen meines Wissens keine klare Haltung bezüglich der Zweistaatendoktrin. Nicht zuletzt deshalb ist ihre nach außen präsentierte palästina-solidarische Haltung inhaltlich letztlich doch schwer greifbar.

Aber auch jene Genossen, die offen für eine Einstaatlösung eintreten, müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern ihre Vorstellung von diesem künftigen Staat den strategischen Notwendigkeiten einerseits und den politischen Möglichkeiten andererseits entspricht. Oftmals scheint es sich nämlich viel mehr um eine Projektion zu handeln, bei der etwa die nationale Befreiung an Träumereien vom Sozialismus gekettet und so ad absurdum geführt wird. Die Palästinenser in ihrer absoluten Mehrheit kämpfen nicht für eine Utopie, sondern weil sie müssen, weil es für sie ein Kampf auf Leben und Tod ist, der ihnen von den Zionisten und vom westlichen Imperialismus aufgezwungen wird. Wollen wir, dass die Utopie, die wir als Kommunisten miteinander teilen, Realität wird, müssen wir uns vom Utopismus verabschieden, stattdessen die objektiven Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten erkennen, und im Rahmen dieser den Interessen der Arbeiterklasse und der Völker dienen! Das heißt es, so meine ich, Kommunist zu sein und für den Sozialismus zu kämpfen.

i Die Palästinensische Nationalcharta vom 17. Juli 1968, https://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/plo_charta.html.

ii Zitiert nach Azmy Bischara: Zur Entwicklung der politischen Doktrin der PLO, in: Neuhaus / Sterzing (Hrsg.): Die PLO und der Staat Palästina. Analysen und Dokumente zur Entwicklung der PLO, Frankfurt am Main: Haag + Herchen 1991, S. 28.

iii 1956 hatten sich Israel, Frankreich und Großbritannien vor allem aufgrund US-amerikanischen und sowjetischen Drucks aus Ägypten zurückziehen müssen, auch wenn sich das ägyptische Volk zugleich heldenhaft gegen die Dreieraggression zur Wehr setzte.

iv Ebenda S. 27. Hervorhebung N. B.

v 10-Punkte-Programm, 12. Sitzungsperiode des Palästinensischen Nationalrates (1.-8. Juni 1974), https://www.yumpu.com/de/document/read/25120021/10-punkte-programm-1974-vom-1.

vi Tatsächlich zwang die Erste Intifada, also die massenhafte politische Mobilisierung in der Westbank, 1988 Amman dazu, endlich von seinen Ansprüchen auf das Westjordanland abzulassen.

vii Helga Baumgarten: Palästina. Befreiung in den Staat. Die palästinensische Nationalbewegung seit 1948, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 246 f.

viii Ägypten hatte 1978/79 als erstes arabisches Land Frieden mit Israel geschlossen und das zionistische Regime damit offiziell anerkannt.

ix Gerrit Hoekmann: Zwischen Ölzweig und Kalaschnikow. Geschichte und Politik der palästinensischen Linken, Münster: Unrast 1999, S. 175.

x Ein weiterer Punkt ist der, dass die Intifada sich zwar stets zur PLO bekannte, sie als einzig legitime Vertretung der Palästinenser akzeptierte und politisch von den PLO-Mitgliedsorganisationen bzw. der PLO geführt wurde. Sie war aber zugleich auch ein Aufstand von unten, der spontan begann und in dem sich die Massen mit den Volkskomitees eigene (Macht-)Strukturen schufen, die sich zwar in erster Linie gegen die israelische Besatzung und ihre Kollaborateure richteten, aber eben auch das Potential hatten, die PLO-Elite in Bedrängnis zu bringen.

xi Die Golfstaaten reduzierten ihre finanzielle Hilfe für die PLO drastisch und wiesen zudem hunderttausende palästinensische Arbeitsmigranten aus, die zu den wichtigsten Verdienern der Palästinenser gehörten. 

Zusätzlich zur neuen unipolaren Weltordnung, in der die USA nun allein bestimmen konnten, wer gut und wer böse war, und in der ihre regionalen Alliierten an Macht gewannen, kam noch erschwerend hinzu, dass der Irak es sich auch mit den anderen anti-westlich ausgerichteten Regimen in der Region, nämlich Syrien und Iran, verscherzt hatte: 1980, unmittelbar nach der dortigen Revolution, hatte der Irak das Nachbarland Iran angegriffen und so einen achtjährigen, äußerst blutigen Krieg vom Zaun gebrochen. Die beiden im Irak und in Syrien herrschenden Baath-Parteien indes waren seit den 1960er Jahren verfeindet; Syrien unterstützte daher nicht nur den Iran ab 1980, sondern auch den Westen 1991 gegen den Irak.

xii Leon Wystrychowski: Zwischen Kolonialismus, nationaler Befreiung und Klassenkampf: Die palästinensische und israelische Linke. Ein historischer Überblick, Berlin: AphorismA 2023, S. 13.

xiii Eine Beurteilung ist auch deshalb so schwer, weil die bürgerliche Literatur Stalin bzw. der Sowjetunion sowohl Antisemitismus als auch Araber-Feindlichkeit anlastet und die gesamte sowjetische Außenpolitik aus geo- und machtpolitischen Interessen herleitet, während Stalin-Apologeten wiederum das Verhalten der UdSSR entweder einfach rechtfertigen (so etwa die MLPD und in absolut ekelhaftester Weise die Gruppe Gegen die Strömung) oder aber die Mitverantwortung der Sowjetunion für die Nakba herunterspielen; letzteres gilt auch für die DDR-Literatur. (Wystrychowski, S. 13.) Dass die Tschechoslowakei damals (gemeinsam mit Ungarn und Jugoslawien) Waffen an die Zionisten lieferte und sogar zionistische Kampfpiloten ausbildete, dürfte unumstritten sein. Die Vermutung, dass sie dafür grünes Licht aus Moskau bekamen, liegt zwar nahe, stützt sich meines Wissens aber lediglich auf Vermutungen, nicht auf Quellen. Eine umfassende, faktenbasierte und schonungslos selbstkritische Auseinandersetzung aus marxistisch-leninistischer Perspektive steht jedenfalls noch aus. Dafür bedürfte es allerdings nicht zuletzt der Forschung in sowjetischen Archiven.

xiv Rede des sowjetischen Delegierten der sozialistischen Sowjetunion vor der UNO, 14.5.1947 (77. Plenarsitzung), in: Der UN-Teilungsplan für Palästina und die Gründung des Staates Israel (1947/48), Offenbach: Olga Benario und Herbert Baum 2002, S. 111.

xv In derselben Rede behauptete Gromyko, sowohl die Araber als auch das „jüdische Volk“ hätten gleichsam „historische Wurzeln in Palästina“. (Ebenda, S. 112.) Im November desselben Jahres erklärte er erneut, „beide“ könnten „tiefverwurzelte historische Bindungen zu diesem Land aufweisen.“ (Der Repräsentant der Sowjetunion vor der UNO am 26. November 1947. Aus dem Sitzungsprotokoll der 125. Plenartagung der UNO, 26.11.1947, in: ebenda, S. 112.) Dies konnte in Wahrheit aber nur für die palästinensischen Juden gelten, nicht für die europäischen Siedler. Gromyko folgte damit einem weiteren zionistischen Mythos, nämlich dem, dass die Juden in Europa tatsächlich die in der „Diaspora“ lebenden Nachkommen der Hebräer waren, die im Zeitraum vor etwa 2000-2500 Jahren in Palästina lebten, und nicht mehrheitlich zum Judentum konvertierte Europäer. Davon abgesehen, dass ein Anspruch auf eine „Rückkehr“ nach 2000 Jahren absurd ist, könnten sämtliche Christen der Welt auf genau dieselben „historischen Wurzeln in Palästina“ verweisen, niemand würde daraus folgern, dass sie ein „Recht“ auf Palästina hätten.

xvi Josef Stalin: Marxismus und nationale Frage, https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1913/natfrage/kap1.htm.

xvii Ebenfalls 1982 gründete sich eine Palästinensische Revolutionäre Kommunistische Partei in Ablehnung der Linie der PKP. Sie bestand allerdings nur aus wenigen Leuten und wurde nicht von Moskau anerkannt. Ihr Primat lag auf dem bewaffneten Kampf gegen Israel und sie gehörte zu den entschiedenen Gegnern von Oslo. 2015 starb ihr Vorsitzender Arabi Awwad.

xviii Diese Konferenz wurde 1991 von den USA und Israel vorangetrieben und sollte einen „Frieden“ zwischen Israel und den arabischen Ländern herstellen. Wie von Israel diktiert, war die PLO nicht zugelassen, nahm aber inoffiziell teil, was zu scharfer Kritik an der PLO-Führung von palästinensischer Seite führte. Die Gorbatschow’sche Sowjetunion spielte die zweite Geige, gehörte aber neben Spanien und den USA zu den offiziellen Initiatoren.

xix Musa Budeiri: Class and nation. Arab and Jewish communists in Palestine, in: Feliu / Izquierdo-Brichs (Hrsg.): Communist Parties in the Middle East. 100 Years of History, London/New. York: Routledge 2019, S. 144.

xx Der Hintergrund für die Überarbeitung des Programms war, dass PFLP und DFLP durch ihre Strategie, die den Sturz der jordanischen Monarchie auf die Tagesordnung setzte, den Schwarzen September im Herbst 1970 (zumindest mit) provoziert hatten. Unmittelbar danach begannen in der DFLP Diskussionen über die daraus zu ziehenden Konsequenzen. (Naser Khalil: Nayef Hawatmeh (DFLP). Wegbereiter und Kritiker einer friedlichen Beilegung des Palästinakonflikts, Magisterarbeit an der Uni Freiburg (WS 2009/2010), S. 65-70.) Wie oben erläutert, waren auch das Etappen-Programm und die im Zusammenhang damit eingeführten taktischen und schließlich strategischen Änderungen bei der PLO zunächst stark von der Notwendigkeit getrieben, den jordanischen Ansprüchen auf die Westbank zu begegnen.

xxi Vgl. Baumgarten S. 245.

xxii Khalil, S. 66 f.

xxiii John Bunzl: Die Sowjetunion und der Nahe Osten. Elemente einer Analyse, in: Bunzl / Flores / Rasoul: Falscher Alarm? Studien zur sowjetischen Nahostpolitik, Wien: Wilhelm Braumüller 1985, S. 74. Dabei ist zwar auffällig, dass die Durchsetzung der Etappen-Theorie innerhalb der DFLP zeitgleich mit der Annäherung an die Sowjetunion erfolgte, ein Zusammenhang, etwa dahingehend, dass die UdSSR auf das Programm der DFLP Einfluss nahm, wird meines Wissens nach aber weder in der Fachliteratur noch von Seiten der DFLP selbst aufgemacht.

xxiv Martin Robbe: Scheidewege in Nahost. Der Nahostkonflikt in der Vergangenheit und Gegenwart, Berlin: Militärverlag der DDR 1987, S. 315.

xxv Hoekmann, S. 119 f.

xxvi Khalil, S. 75 f.

xxvii So legitimiert sie etwa bis heute Angriffe auf die Siedlerbevölkerung auch in Israel. Derlei Gewalt gegen die „Zivilbevölkerung“ ist aber eigentlich nur zu rechtfertigen, wenn man die zionistische Entität eben nicht als Nationalstaat anerkennt, sondern als Besatzungsregime und deren nicht-palästinensische „Bürger“ als Teil dieser Besatzungsmacht versteht. Andernfalls würde es sich tatsächlich um Terrorismus bzw. um Kriegsverbrechen handeln, diese Menschen ins Visier zu nehmen. 

xxviii In den späten 80ern kämpfte sie innerhalb der PLO für einen „kämpferischen Etappismus“, trat dann aber erneut aus dem PLO-Exekutivkomitee aus, als klar wurde, dass die Fatah– und PLO-Führung mehrheitlich für eine Zweistaaten-Kapitulation eintraten. (Hoekmann, S. 201.) 

xxix Baumgarten, S. 246.

xxx Bischara, S. 30.

xxxi Hierzu heißt es sowohl auf dem Cover als auch der ersten Innenseite des Programms: „Die damalige Zustimmung unserer Partei zum Teilungsbeschluss von 1948 mag taktisch und vorübergehend richtig gewesen sein, aber die Fakten, die uns heute vorliegen, beweisen, dass sie strategisch und historisch falsch war.“ (The Political Program of the Palestinian Communist Party (3. Auflage vom September 2018).)

xxxii Die einstimmig, d. h. auch von der Sowjetunion, im UN-Sicherheitsrat angenommene Resolution forderte einerseits den Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten und andererseits den Friedensschluss mit und die Anerkennung von Israel durch die arabischen Länder. (Resolution 242 (1967) vom 22. November 1967, https://www.un.org/depts/german/sr/sr_67/sr242-67.pdf.)

xxxiii Political Program, S. 4.

xxxiv Neben der PKP gibt es noch die Palestinian People’s Party (PPP). Sie entstand im Oktober 1991 aus einer Mehrheit in der KP, die sich vom Marxismus lossagte und zu einer sozialdemokratischen Partei umwandelte. Trotzdem ist auch die PPP bis heute eine Schwesterorganisation der DKP und Teil von Solidnet. Sie hält an der Zweistaatendoktrin fest.

xxxv Historic Drop in Support for Two-State Solution among Palestinians, Israelis, https://www.palestinechronicle.com/historic-drop-in-support-for-two-state-solution-among-palestinians-israelis/.

xxxvi Petra Wild: Die Krise des Zionismus und die Ein-Staat-Lösung. Zur Zukunft eines demokratischen Palästinas, Wien: Promedia 2015, S. 141.

xxxvii Ebd. S. 191.

xxxviii Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm.

xxxix Ilan Pappé: Was ist los mit Israel? Die zehn Hauptmythen des Zionismus, Neu Isenburg³: Cosmics 2017, S. 57 f.

xl Ebd. S. 105.

xli Petra Wild: Siedlerkolonialismus und Apartheid in Palästina, http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24091.

xlii Ebd.

xliii Wild: Krise des Zionismus, S. 137.

xliv Ebd. S. 153 f.

xlv Ebd. S. 154.

xlvi Beschluss der 3. Fatah-Konferenz von 1971, zitiert nach Baumgarten, S. 239.

xlvii Zitiert nach ebd.

xlviii Wild: Krise des Zionismus, S. 131-35, 142 f.

xlix Die Kräfte in der Hamas, die die nationale Befreiung Palästinas und die dafür notwendigen guten Beziehungen zur Achse Teheran-Damaskus-Beirut auch über ihre traditionelle internationale Einbindung in das Netzwerk der Muslimbruderschaft, aus der die Hamas ja stammt, stellen, geben (erfreulicherweise) gerade in die letzten Jahren verstärkt den Ton an. (The Radle: ‚Regime change‘ in Hamas and a return to Syria, https://new.thecradle.co/articles/regime-change-in-hamas-and-a-return-to-syria.)

l Khaled Hroub: Hamas. Die islamische Bewegung in Palästina, Heidelberg: Palmyra 2010, S. 71.

li Wild: Krise des Zionismus, S. 154.

lii Hamas: A Document of General Principles and Policies (1. Mai 2017), https://hamas.ps/en/post/678/A-Document-of-General-Principles-and-Policies.

liii Ebd.

liv Erik Skare: A History of Palestinian Islamic Jihad. Faith, Awareness, and Revolution in the Middle East, Cambridge: Cambridge University Press 2021, S. 39 f. Die Hamas dagegen beschrieb den Konflikt zunächst sowohl als einen kolonialen als auch einen inter-religiösen.

lv Hoekmann, S. 45.

lvi Meir Hatina: Islam and salvation in Palestine. The Islamic Jihad Movement, Tel Aviv: Moshe Dayan Center for Middle Eastern and African studies, S. 52.

lvii So hält sich etwa das Gerücht, die Hamas sei von Israel aufgebaut worden. Dafür gibt es aber keinerlei Belege. Wahr ist, dass die Zionisten möglicherweise die Muslimbruderschaft (MB), die in Palästina in den 1950-80er Jahren eine weitgehend quietistische, d. h. apolitische und passive Haltung einnahm, Geld zum Bau von Moscheen gab. Sie erhofften sich davon eine Schwächung der nationalen Befreiungsbewegung. Sowohl Helga Baumgarten als auch Jean-Pierre Filiu gegen nicht von einer direkten Unterstützung der MB durch Israel aus. (Helga Baumgarten: Kampf um Palästina. Was wollen Hamas und Fatah?, Freiburg im Breisgau: Herder 2013, S. 56-66, 202 Fußnote 59.) Für Gerüchte, wonach die Hamas die PFLP in den 2000er Jahren physisch angegriffen habe, habe ich bis heute keine Belege gesehen.

lviii Zu letzterem haben wir als KO in unseren letzten Stellungnahmen schon ein wenig geschrieben: KO: Intifada bis zum Sieg!, KO: 75 Jahre Nakba – 75 Jahre zionistische Kolonisation Palästinas. Außerdem bin ich in meinem letzten Diskussionsbeitrag ebenfalls ein wenig darauf eingegangen: Noel Bamen: Mit palästina-solidarischen Vorsätzen in die zionistische Hölle: Eine Kritik an den „Grundlinien“ der MLPD zum palästinensischen Befreiungskampf.

lix Bamen, MLPD. Und: Noel Bamen: Thesen zu Afghanistan.

lx Karl Marx: Das Kapital Band 1, http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_741.htm#Kap_24_7.

lxi Marx21: https://www.marx21.de/faq-wie-steht-marx21-zur-befreiung-palaestinas/; Ramsy Kilani: https://youtu.be/CSrpwYVTZjc?t=2851.

lxii BT: Permanente Revolution und Palästina. Vom nationalen Volkskrieg zum internationalen Klassenkampf, https://bolsheviktendency.org/2021/09/05/permanente-revolution-und-palastina/; BT: Israels Angriff auf Pazifisten, https://bolsheviktendency.org/2019/03/10/israels-angriff-auf-pazifisten/.

lxiii Im Absolutheitsgrad etwas unterschiedlich: Benny: Ist das Existenzrecht Israels unverhandelbar?,https://www.klassegegenklasse.org/ist-das-existenzrecht-israels-unverhandelbar/; Achmed Zmero: Nakba: 75 Jahre israelische Gewalt gegen Palästina, https://www.klassegegenklasse.org/nakba-75-jahre-israelische-gewalt-gegen-palaestina/; Nathaniel Flakin / Thaddeus Greene: Es gibt keine Demokratie in der Apartheid, https://www.klassegegenklasse.org/es-gibt-keine-demokratie-in-der-apartheid/.

lxiv KA: 75 Jahre Nakba: Internationale Solidarität für Freiheit und Frieden in Palästina!, https://komaufbau.org/75-jahre-nakba-internationale-solidaritaet-fuer-freiheit-und-frieden-in-palaestina/

lxv Auf die Positionen der MLPD bin ich bereits an anderer Stelle eingegangen. (Bamen, MLPD.) Im Nachhinein schien es nicht klug, die MLPD in der Überschrift und im Titelbild so hervorzuheben, da viele den Text nicht lesen wollten, weil sie die MLPD für „irrelevant“ halten. Zum einen ist es aber so, dass die MLPD nur stellvertretend kritisiert wird; ihre Positionen sind in der linken und kommunistischen Bewegung weit verbreitet. Zum anderen kann ich die allermeisten Kritiken an der MLPD zwar voll und ganz nachvollziehen. Allerdings tritt die MLPD mit ihrer Palästina-Solidarität für deutsche Verhältnisse relativ offensiv auf (anders als etwa die DKP), hat dafür in der Vergangenheit auch bereits Repression erfahren und ist daher für einige Palästinenser ein relevanter Akteur. Darüber einfach hinwegzugehen, halte ich für überheblich.

Im Übrigen hat die MLPD mittlerweile auf meine Kritik an ihren Palästina-Positionen mit einer Antwort reagiert. (Reinhard Funk: Die Sackgasse des kleinbürgerlichen Nationalismus eines Noel Bamen, https://kommunistische-organisation.de/artikel/reinhard-funk-mlpd-die-sackgasse-des-kleinbuergerlichen-nationalismus-eines-noel-bamen/.) Der vorliegende Text von mir war allerdings schon fertig, als diese Antwort bei uns eingereicht wurde und nimmt daher keinen direkten Bezug auf sie, auch wenn ich hier einige der dort angeführten Behauptungen meine, zu widerlegen.

lxvi So schon mein Eindruck im Frühjahr 2023. (Bamen, MLPD.)

lxvii Das Konzept einer solchen „hebräischen Nation“ entstand Ende der 1950er Jahre in „linkszionistischen“ und kommunistischen Kreisen in Israel; es war der Versuch, die jüdische Siedlergesellschaft vom Judentum zu lösen und nach säkularen kulturnationalistischen Kriterien umzudefinieren. Dieses Konzept wurde später auch von der trotzkistisch geprägten antizionistischen Matzpen übernommen. (Lutz Fiedler: Matzpen. Eine andere israelische Geschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017, S. 183-89.)

lxviii BT, Permanente Revolution und Palästina.

lxix Dazu wird hoffentlich bald ebenfalls ein Text bei uns erscheinen.

Podcast #39 – Wolfram Elsner: Die USA auf dem absteigenden Ast und die Rolle Chinas

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Im Juli hatten wir Wolfram Elsner zu Gast. Er spricht mit uns über die gegenwärtigen Veränderungen in der Welt. Stehen die USA noch an der Spitze der Weltordnung? Was ist die Bedeutung und Rolle der Volksrepublik China? In den Blick genommen werden dabei Veränderungen der letzten Jahre im Bereich der Wirtschaft, Politik, und auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet. Zunehmend drängt sich die Frage eines nächsten großen Krieges auf.

Spaltung und Selbstzensur: Der Antikriegstag 2023

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Rund um den diesjährigen Antikriegstag waren wir in BerlinBremenChemnitzDresden, Duisburg, DüsseldorfErfurtEssenFrankfurt am MainLeipzigMannheim und Neuss auf der Straße. Wir traten mit kämpferischen Positionen gegen die NATO auf, warben für den anstehenden Kommunismus Kongress, verteilten unsere Kongress-Zeitung und unsere diesjährige Stellungnahme zum Weltfriedenstag, hielten Reden, trugen das Grußwort des ukrainischen Genossen Alexej Albu von Borotba vor und führten Diskussionen. Außerdem organisierten wir an diesem Wochenende mehrere Veranstaltungen zu den Themen Antiimperialismus und nationaler Befreiung in Bezug auf Westafrika, die Ukraine und das BRICS-Bündnis sowie zu unserem Vorhaben eines kommunistischen Klärungsprozesses.

Zwischen NATO-Sprech und Selbstzensur 

Wie schon im letzten Jahr und zuletzt bei vielen Ostermärschen war auch auf den allermeisten Kundgebungen zum diesjährigen Antikriegstag die Rede vom „russischen Angriffskrieg“. Zudem wurde häufig eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Ukrainekrieg eher vermieden, um stattdessen auf die sozialen Folgen der Aufrüstung und des Wirtschaftskriegs für Deutschland zu sprechen zu kommen. Interessanter- und umso bedauerlicherweise waren dafür nicht nur Kräfte verantwortlich, die selbst eine äquidistante Position vertreten, sondern auch solche, die eigentlich eine starke Anti-NATO-Haltung an den Tag legen. Derlei Selbstzensur wurde meist damit begründet, man „müsse die Leute da abholen, wo sie stehen“. Wir halten Selbstzensur und die Wiederholung von NATO-Floskeln allerdings nicht für die korrekte Anwendung dieser grundsätzlich richtigen Devise. In verschiedenen Städten hatten wir zudem den Eindruck, dass die Teilnehmer und das Publikum der Proteste durch diese Politik eher enttäuscht und gelangweilt wurden und mit der Zeit abgeschreckt werden.

Es gab jedoch auch Veranstaltungen, die explizit eine äquidistante Position vertraten und die somit in der Konsequenz den antirussischen Kurs der Bundesregierung von ‚links‘ aus mit vermeintlich friedenspolitischen Positionen legitimieren. So etwa in BerlinFrankfurt am Main und Leipzig. Das Hauptanliegen dieser Veranstaltungen bestand in der Gegnerschaft zum „russischen Angriffskrieg“. Die Forderung an die Bundesregierung zum Stopp der Waffenlieferung muss vor diesem Hintergrund notwendig widersprüchlich ausfallen, auf jeden Fall verhallt sie.

Linkspartei: vor der Spaltung oder der Zersplitterung?

Die Rolle und die bevorstehende Spaltung der Partei Die Linke (PdL) begegnete uns in mehreren Städten. In Berlin etwa nahmen führende Persönlichkeiten der PdL eine zentrale Rolle bei einer Demonstration ein, die sich dezidiert mit ihrer äquidistanten Positionierung als Alternative zur traditionellen Antikriegstags-Kundgebung inszenierte. In anderen Städten, wie etwa Bremen oder Neuss, traten mit Amira Mohamed Ali und Andrej Hunko dagegen PdL-Vertreter als zentrale Redner auf, die dem sog. Wagenknecht-Lager zugerechnet werden. Teile der Friedensbewegung scheinen auf die Kräfte dieses „Lagers“ zu hoffen. Doch wie wir bereits an anderer Stelle kritisierten, kommen auch von Wagenknecht und Co. vor allem pazifistische Phrasen, während man den Ukrainekrieg und seine politische Bedeutung selbst weitgehend ausklammert, um sich auf soziale Fragen zu fokussieren.

Angesichts der Gerüchte um die Auflösung von Marx21i scheint es mit Blick auf die PdL richtiger zu sein, von einer Zersplitterung denn von einer Spaltung zu sprechen, die sich aktuell anbahnt: Neben den beiden großen Lagern, auf die auch die bürgerlichen Medien schauen, gibt es in der Linkspartei zahlreiche kleinere, meist linksradikale und trotzkistische Zusammenhänge, die in der Auseinandersetzung zwischen dem sog. Wagenknecht- und den sog. linksliberalen Lager sozusagen zwischen den Stühlen stehen. Das Zerfallen der PdL wird wahrscheinlich einige Kräfte freisetzen, die bisher in dieser Partei gebunden waren. Dennoch zeigt die Tatsache, dass Teile von Marx21 offenbar mit Parolen über einen „nationalen Befreiungskampf“ der Ukraine gegen Russland kokettieren, dass es sich nicht zwangsläufig um die fortschrittlicheren oder linkeren Kräfte innerhalb der Partei handelt.

Berichte aus einzelnen Städten

In Berlin trat die Spaltung der Friedenskräfte in diesem Jahr ganz offensichtlich zu Tage. Neben der Kundgebung zum 1. September, die traditionell von der Friedenskoordination Berlin (FriKo) ausgerichtet wird, organisierten Kreise aus der Linkspartei (PdL), der Interventionistischen Linken (iL), der Antifa Nord-Ost (NEA) und weiterer Organisationenii eine Demonstration am 2. September, die sich explizit politisch von der Veranstaltung der FriKo abgrenzte. Neben Janine Wissler und Gesine Lötzsch trat u. a. auch Christine Buchholz (alle drei PdL) mit einer Rede vor Ort auf. Sie brachte den politisch diffusen und gefährlichen Kurs der Versammlung in einem Tweet auf den Punkt: „Weder Putin noch NATO. Solidarität mit dem Widerstand gegen den Krieg in Russland, der Ukraine und anderswo.iii Zuvor hatte sie auch in der jungen Welt erklärt, das Bündnis positioniere „sich unmissverständlich gegen den russischen Krieg in der Ukraine (…) und genauso unmissverständlich gegen die Eskalation seitens der NATO und der Bundesregierung“.iv Die Kundgebung zog im Unterschied zur Kundgebung der FriKo wahrnehmbar mehr junges Publikum an, vorrangig aus dem Umfeld linksradikaler Kräfte aus Berlin und „roter Gruppen“. Überschneidungen zur Kundgebung der FriKo tags zuvor bildeten lediglich Einzelpersonen. Zahlenmäßig waren beide Veranstaltungen mit etwa 700 Teilnehmern etwa gleich stark.

Als KO traten wir sichtbar mit Transparent und unserer KoKo-Zeitung auf der FriKo-Kundgebung auf. Von vielen Teilnehmern gab es Zuspruch zu unserer sehr klaren Losung „Stoppt den Krieg gegen Russland!“ und Interesse am Kommunismus Kongress. Auch hier wurde in den Reden deutlich, dass es zur Einschätzung des Krieges und der Rolle Russlands weiterhin große Unklarheiten und verschiedene Sichtweisen gibt. Es ist eine gemeinsame Aufgabe, diesen Dissens anzupacken, um den Krieg, die damit zusammenhängenden weltweiten Entwicklungen und die Rolle Deutschlands darin besser zu verstehen. Das Hauptanliegen der FriKo-Kundgebung, gegen Aufrüstung in der BRD und Waffenlieferungen in die Ukraine mobil zu machen, wurde dennoch sehr deutlich und wurde übereinstimmend geteilt.

In Bremen nahmen wir mit etwa 300 weiteren Demonstranten an der Kundgebung des Friedensforums unter dem Titel „Alle Kriege beenden“ teil. Auf Schildern trugen wir die Forderungen „Stoppt den Krieg gegen Russland!“ und „NATO raus aus der Ukraine!“ auf die Straße.

Obwohl relevante Teile des Friedensforums eine klare Anti-NATO Position vertreten, wurde diese nicht klar nach außen vertreten. Teilnehmer, die sich eine konsequente Kritik an der NATO wünschten, versuchte man, mit Verweisen auf „die Vorgeschichte“ des Ukrainekriegs abzuspeisen. So war die Veranstaltung leider von linksradikaler Äquidistanz einerseits und hohlem Pazifismus andererseits geprägt. Durch beides war das gesamte Auftreten weitgehend entpolitisiert: Die Linksradikalen boten ihre revolutionär klingenden Phrasen feil, die Pazifisten warnten vor einer eher abstrakten Weltkriegsgefahr, hatten aber keine konkreteren Vorschläge als die Parole „Frieden jetzt!“ anzubieten.

In Chemnitz führten wir gemeinsam mit der Chemnitzer Friedensinitiative und der DKP eine Kundgebung in der Innenstadt durch. In den Reden wurde immer wieder auf die Kriegstreiberei der NATO-Staaten hingewiesen, wie auch auf die sozialen Verschlechterungen in Deutschland. Auch diesmal kamen unsere klaren Positionen gegen die NATO und den Kriegskurs der Bundesregierung bei der Mehrheit der Teilnehmer sehr gut an. 

In Dresden versammelten wir uns gemeinsam mit DKP, SDAJ und einer lokalen Friedensinitiative am 1. September vor der Frauenkirche, um unsere Positionen gegen die deutsche Kriegspolitik und die weltweite NATO-Aggression an die Bevölkerung heranzutragen. Während NATO-Apologeten unter den Passanten sich nur selten auf Gespräche einließen, konnten wir viele spannende Diskussionen rund um die Rolle des Westens in der Welt führen. Auch die Bedeutung rechter Kräfte für die sächsische Friedensbewegung wurde häufig zum Thema. Eine Diskussion um die Rolle Russlands in der Ukraine am Ende der Veranstaltung zeigte allerdings noch einmal deutlich die Notwendigkeit von vertiefter Klärung unter uns Kommunisten zugunsten einheitlicher und kämpferischer Positionen.

Anschließend haben wir an einer Versammlung der Linkspartei zum Weltfriedenstag teilgenommen. Nicht wenige Redner blieben sehr allgemein und wichen damit den kontroversen Themen aus – oder aber sie verschafften sich mit einer Verurteilung des „russischen Angriffskrieges“ eine Eintrittskarte in den herrschenden Pro-NATO-Diskurs. Da dies absehbar war, fokussierten wir uns in unserem Redebeitrag inhaltlich auf Niger und die Notwendigkeit internationaler Solidarität mit den Kämpfen der Völker gegen den Neokolonialismus und die westliche Vorherrschaft. Die Reaktionen auf die Rede waren sehr positiv und einige Teilnehmer kamen danach auf uns zu und drückten ihre Zustimmung zu unserem Beitrag und zu unseren klaren Anti-NATO-Positionen aus, die im Kontrast zur Mehrheit der teilnehmenden Organisationen standen.

Am 2. September stellten wir bei einer Veranstaltung zahlreichen Teilnehmern, die tags zuvor die Kundgebungen besucht hatten, sowie Genossen aus der kommunistischen- und Friedensbewegung unseren Klärungsprozess vor und diskutierten auf einem Podium die nationale und koloniale Frage vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs und der Ereignisse in Westafrika.

In Duisburg fand am 1. September eine Kundgebung des lokalen Bündnisses Heizung, Brot und Frieden statt, an der sich etwa 40 Leute beteiligten. Die Aktiven im Bündnis vertreten klare Anti-NATO-Positionen, auch im Ukrainekrieg. Allerdings lag der Fokus der Kundgebung eher allgemein auf der postulierten „Weltkriegsgefahr“, der Verantwortung Deutschlands und des Westens für Kriege in der ganzen Welt, auf dem Zusammenhang zwischen Krieg, Aufrüstung und Sozialabbau oder auch auf dem Befreiungskampf der Palästinenser. In den Redebeiträgen von Vertretern der Linkspartei, dem Friedensforum und von ATIF war die Rede vom „russischen Angriffskrieg“. Dagegen setzte das Grußwort von Alexej Albu, das einer unserer Genossen vortrug, andere Akzente: „Russland hat uns, die Menschen im Donbass, vor der ukrainischen Armee gerettet.“ Das Grußwort des Genossen zog die Teilnehmer sichtlich in Bann und erntete lauten Applaus. 

In Frankfurt beteiligten wir uns an der Kundgebung zum Antikriegstag, zu der der DGB, die Naturfreunde, die Friedens- und Zukunftswerkstatt sowie weiteren Organisationen aufgerufen hatten. Die Kundgebung mit etwa 200 Teilnehmern war geprägt von pazifistischen Redebeiträgen, die Krieg im Allgemeinen verurteilten und das Leid der betroffenen Menschen beklagten. Der Demo-Aufruf ist ein Ausdruck für den anhaltenden, wohl aber seit Februar 2022 beschleunigten Niedergang der deutschen Friedensbewegung. Er fordert als erstes Russland auf, alle Truppen zurückzuziehen, und bekräftigt das „Selbstverteidigungsrecht“ der Ukraine. Damit ist jede Frage nach der Rolle der NATO vom Tisch, keine Rede davon, welche Gründe es für den Krieg gibt und erst recht keine Verurteilung der NATO als Aggressor. Konsequenterweise werden Waffenlieferungen nicht abgelehnt. Es wurde zwar beklagt, dass in den Medien „wahllos nach immer mehr Waffen“ gerufen werde, aber zugleich gelte es auch, „alte Gewissheiten immer wieder zu überprüfen, um nicht in Dogmen zu verharren: wir müssen Fakten, Argumente und Überzeugungen abwägen, ausgewogen argumentieren und solidarisch diskutieren.“v Das ist in der Konsequenz nichts anderes als eine Rechtfertigung für Waffenlieferungen. „Solidarisch diskutieren“ heißt hier, in der Friedensbewegung Positionen durchzusetzen, die Waffen an die NATO-Marionetten befürworten!

Die Friedens- und Zukunftswerkstatt veröffentlichte einen eigenen Aufruf, in dem sie zumindest eindeutig die Ablehnung von Waffenlieferungen betonten.vi Es ist anzunehmen, dass sie sich mit dieser Forderung im gemeinsamen Aufruf mit dem DGB und anderen Organisationen nicht durchsetzen konnten, weshalb sie einen eigenen Aufruf formulierten.

Der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD hatte ebenfalls einen Aufruf veröffentlicht und eine eigene Demo organisiert. Dieser Aufruf bringt es fertig, kein einziges Wort zum aktuellen Krieg in der Ukraine zu verlieren, und nur allgemeine Phrasen zu dreschen. Entsprechend fehlen hier auch Positionen gegen Waffenlieferungen oder gegen die NATO-Aggression gegen Russland.vii

Nach der zentralen Kundgebung gab es eine kleinere Demo der Föderation klassenkämpferischer Organisationen, einer Sammlung von Vorfeldstrukturen des Kommunistischen Aufbaus, an der sich u. a. auch Young Strugglebeteiligte. Der Aufruf stellt NATO und Russland bzw. China gleich. Er wendet sich zwar gegen Aufrüstung und die Etablierung einer Kriegswirtschaft und die NATO-Staaten Türkei, Deutschland und USA werden für „blutige Angriffskriege“ kritisiert. Zu einer eindeutigen Position gegen die NATO-Aggression gegen Russland und gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine kann er sich jedoch nicht durchringen.viii

Politisch war dieser 1. September in Frankfurt ein Ausdruck der Misere der Friedensbewegung, die nicht einmal in der Lage dazu ist, sich klar und eindeutig gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine zu stellen. Grund dafür ist, dass die herrschende Propaganda, die Ukraine und die NATO verteidigten sich, weitgehend übernommen wurde und kaum auf Widerspruch gestoßen ist. 

Dabei ergänzen sich einerseits pazifistische Positionen, die Kriege generell ablehnen und dabei nicht explizit die NATO als Aggressor benennen, sowie andererseits äquidistante bzw. linksradikale Parolen, die allgemein gegen Kriege aufrufen und betonen, die Arbeiterklasse sollte sich nicht instrumentalisieren lassen. Jedoch unterlassen sie es, die konkrete Aggression seitens des deutschen Imperialismus und der NATO klar anzusprechen.

Unsere Genossen vor Ort haben Flyer und KoKo-Zeitungen verteilt und viele Gespräche geführt. Dabei fiel auch hier auf, dass viele mit dem Zustand der Friedensbewegung unzufrieden sind und ebenso viele der Meinung sind, dass die NATO verantwortlich für den Ukrainekrieg ist. Wie wir erfahren haben, gibt es mittlerweile auch einige eher informelle Diskussionszirkel und Austauschrunden, in denen versucht wird, sich ein wirkliches Bild über die Lage zu machen. Ansätze für eine konsequente Anti-NATO-Bewegung gibt es also, wenn auch vermutlich noch eher sehr kleine.

In Leipzig organisiert seit mehr als 15 Jahren der Personenkreis rund um das Bündnis Leipzig gegen Krieg (LgK) die zentrale Kundgebung zum Weltfriedenstag. Auch wir nahmen an der diesjährigen Veranstaltung teil und gestalteten sie aktiv mit. In diesem Jahr meldeten jedoch Vertreter der PdL schon weit im Voraus eine eigene Veranstaltung an dem Ort an, der üblicherweise auch von LgK genutzt wird. Wohlwissend, dass Leipzig gegen Krieg bereits mit den Vorbereitungen begonnen hatte, hielten es die Vertreter der PdL nicht für nötig, ihre Veranstaltung gemeinsam mit dem Bündnis zu organisieren bzw. sich – wie auch in den Jahren zuvor – im Rahmen des Bündnisses in die gemeinsamen Vorbereitungen des Weltfriedenstages einzubringen. Stattdessen lud die PdL das Bündnis ein, sich an ihrer Veranstaltung zu beteiligen – vorausgesetzt natürlich, man stimme der Verurteilung Russlands als „Hauptkriegstreiber“ zu. Denn in ihrem Aufruf hatten die Initiatoren den wichtigsten Störfaktor für den Weltfrieden schnell ausgemacht, wo es einleitend heißt: „Der aktuelle 1. September wird überschattet vom Angriffskrieg Russlands in der Ukraine“.ix Unterstützung erhielt die PdL von ihrem Studierendenverband, dem SDS, aber auch vom Kommunistischen Aufbau und dessen Vorfeldorganisationen sowie von der ehemaligen Fraktion der KO (von uns als „KO-ML“ bezeichnet). 

Vor dem Hintergrund dieses unsolidarischen Verhaltens und der Gefahr, sich auf der Kundgebung der PdL in der Redefreiheit einschränken zu müssen, zog es das Bündnis vor, eine eigene Kundgebung anzumelden und ein klares Zeichen gegen die Aggression der NATO und des deutschen Imperialismus zu setzen. Mit dabei waren die DKP, die SDAJ, einige Vertreter der DFG-VK, AufstehenFriedenswende 2023 und der MLPD sowie zahlreiche Einzelpersonen, die im Bündnis aktiv sind. Trotz Regens kamen etwa 150 Leute zusammen. In unserer Rede betonten wir die Gefahren, die von der NATO und dem deutschen Imperialismus für die Völker der Welt ausgehen und stellten heraus, dass der Krieg nur eines der Mittel der westlichen Imperialisten ist, die Massen zu unterwerfen, während hunderttausende den Folgen von Sanktionen zum Opfer fallen. In anderen Redebeiträgen wurde der Kriegskurs der Bundesregierung kritisiert, die Einschnitte in die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und die Rolle der NATO als gefährliche Kriegstreiberin herausgestellt. Lediglich die MLPD warnte vor dem „imperialistischen Kriegskurs Russlands und Chinas“.

Am Rande der Demonstration, welche im Anschluss an die Kundgebung durch die Leipziger Innenstadt zog, kam es zu verbalen Auseinandersetzungen mit zum Teil organisierten Rechten. Vorfälle wie diese zeigen, dass die Auseinandersetzung mit rechten Kräften in der Friedensbewegung, die im Windschatten linker Forderungen Agitationsfläche suchen, sehr wichtig ist.

Unsere Kongress-Zeitung stieß auf großes Interesse und in Gesprächen wurden immer wieder interessierte Fragen zu unserem bevorstehenden Kommunismus-Kongress und unseren Positionen zum Ukraine-Krieg und den Kämpfen in Afrika gestellt. Einzelne Mitglieder der Linkspartei äußerten sich darüber hinaus verärgert über den Kurs ihrer Partei in der Kriegsfrage und deren unsolidarische Gegenveranstaltung.

Am 2. September veranstalteten wir eine Diskussion zum Thema BRICS. Bis in den späten Samstagabend wurde in einem gut gefüllten Saal über die Chancen, aber auch über die Grenzen des BRICS-Bündnisses im Kampf der internationalen Arbeiterklasse für Sozialismus und nationale Befreiung diskutiert. Insbesondere die BRICS-Bank als ein Gegenmodell zur Herrschaft des westlichen Finanzkapitals wurde immer wieder als Beispiel für den unterschiedlichen Charakter zwischen dem trikontinentalen Staatenbündnis und den G7 hervorgehoben. Trotzdem wurde in vielen Redebeiträgen deutlich, dass die von den BRICS erreichten Fortschritte nur ein kleiner, wenn auch wichtiger, Beitrag für den Kampf der Arbeiterklasse sein können, deren Befreiung selbstverständlich nur ihr eigenes Werk sein kann.

An der Kundgebung in Neuss beteiligten sich lediglich 18 Leute, was angesichts der Tatsache, dass das Friedensbündnis NRW, das die Veranstaltung beworben hatte, sonst regelmäßig deutlich mehr Leute nach Düsseldorf mobilisiert, verwundert. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass das Bündnis sonst Personen aus der Region anzieht, die am 1. September lokal eingebunden waren. Vor Ort traten die Linkspartei, DKP, DFG-VK und die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) erkennbar auf. 

Hauptredner war Andrej Hunko (Die Linke). Er kritisierte in erster Linie die Bundesregierung für die Waffenlieferungen an die Ukraine, den Wirtschaftskrieg gegen Russland und das Fehlen von Verhandlungsbereitschaft. Über die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs wurde so gut wie gar nicht gesprochen und auch die Kriegsziele der beiden Seiten wurden nicht thematisiert. Dies würde erfordern, die Frage nach der Schuld und der Verantwortung für den Krieg in Ukraine und nach dem wahren Aggressor zu beantworten, etwas, wovor die Friedensbewegung zurückschreckt und was bekanntlich in Deutschland mittlerweile schnell juristisch geahndet wird. 

i https://www.klassegegenklasse.org/marx21-vor-der-spaltung/

ii Unterzeichner des Aufrufs: „Rheinmetall Entwaffnen Berlin, DIE LINKE, AG Krieg und Frieden der IL Berlin, Naturfreunde Berlin, Internationale der Kriegsdienstgegner:innen, Internationalistische Jugendkommune Berlin, Revolutionäre Perspektive Berlin, North East Antifa [NEA], solid Berlin, Internationale Jugend Berlin, Internationalistischer Abend Berlin, Informationsstelle Militarisierung e.V., Solinetzwerk Berlin, Hände weg vom Wedding, SDS Berlin“.

iii https://twitter.com/ch_buchholz/status/1697999181216899481?s=20

iv https://www.jungewelt.de/artikel/458104.krieg-und-frieden-machtkampf-zwischen-nato-und-russland.html

v https://frankfurter-info.org/news/frankfurter-aufruf-zum-antikriegstag-2023

vi https://frankfurter-info.org/news/antikriegstag-es-darf-kein-vergessen-geben

vii https://frankfurter-info.org/news/krieg-dem-krieg

viii https://föderation-klassenkampf.org/antikriegstag-am-1-september-kein-frieden-mit-dem-kapitalismus/

ix https://www.die-linke-in-leipzig.de/home/home/aktuell/detail/fuer-frieden-und-solidaritaet-2/

Ende vom Ende der Geschichte

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Leitartikel der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023.

Angst vorm Dschungel 

Joe Biden, Olaf Scholz, Emmanuel Macron, Richi Sunak, Ursula von der Leyen und die weiteren Vertreter der G7 sehen die „internationale regelbasierte Ordnung“ in Gefahr. „Autoritäre Staaten“, allen voran Russland und China, würden die Regeln und Werte dieser liberal-demokratischen Ordnung mit Gewalt angreifen. NATO und EU treten an sie zu verteidigen. So geht ihre Erzählung. Josep Borrell, hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, spitze dieses Bild im Oktober 2022 bereits in völlig absurder Weise metaphorisch zu: 

„Europa ist ein Garten […] alles funktioniert. Es ist die beste Kombination aus politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt, die die Menschheit je aufbauen konnte. […] Der größte Teil der übrigen Welt ist ein Dschungel. Und der Dschungel könnte in den Garten einfallen. Und die Gärtner sollten sich darum kümmern.“ 

In der Tat, die NATO-Länder rüsten ihre militärischen Kapazitäten so massiv auf wie nie zuvor und breiten sich mit der Aufnahme von Finnland und Schweden weiter aus. In Europa stiegen die Ausgaben für Kriegsgerät 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent. Die USA haben – mit politischer Rückendeckung ihrer europäischen Partner – Streubomben in die Ukraine geschickt. Ein großer Krieg scheint gefährlich nah. Die „regelbasierte Ordnung“ von der die Vertreter der führenden imperialistischen Länder fabulieren, hat den Faschismus in der Ukraine massiv aufgebaut. Nach über 80 Jahren schießen deutsche Panzer wieder gegen Russland und versetzen damit über Jahre lauernde deutsche Großmachtstrategen, wie den SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil, in Hochstimmung: 

„Nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung hat Deutschland heute eine neue Rolle im internationalen Koordinatensystem. […] Als Führungsmacht muss Deutschland ein souveränes Europa massiv vorantreiben. Deutschland kann nur stark sein, wenn Europa stark ist.“ 

Anhaltender Kampf um Befreiung  

Ihre „regelbasierte Ordnung“ ist nichts anderes als die Herrschaft des amerikanischen und europäischen Finanzkapitals, die bereits blut- und schweißtriefend zur Welt kam: 

„Die unbeschreibliche Unterjochung, die unmenschliche Versklavung und Zwangsarbeit, die einfache Ausrottung ganzer Völker und Stämme, so, daß nicht einmal ihr Name übrigblieb, war notwendig, um das stolze Gebäude zunächst des europäischen und dann auch des europäisch-amerikanischen Kapitalismus und seiner ganzen so sehr von sich eingenommenen materiellen und geistigen Zivilisation zu erbauen.“ 

So geschrieben und verabschiedet im Manifest der Gründungskonferenz, der maßgeblich von der Komintern mitinitiierten Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit 1927 in Brüssel. Die Vereinnahmung und Kontrolle der geistig-materiellen Welt durch die imperialistischen Räuber konnte sich in den fast 100 Jahren seitdem und insbesondere mit der Niederlage des sozialistischen Lagers, steigern und perfektionieren.  

Schuldenabhängigkeit, Strukturanpassungsprogramme, subversive NGO-Tätigkeit, Farbrevolutionen, gekaufte Wahlen, Militärputsche, Kontrolle über Medien und Öffentlichkeit usw. – ein buntes Arsenal politischer, wirtschaftlicher, informationeller und militärischer Waffen. Das, was Marx und Engels im Kommunistischen Manifest über die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise sagen, beschreibt vergleichbar den grundsätzlichen Mechanismus zur Durchsetzung imperialistischer Dominanz: 

„Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“ 

Der Kampf um staatliche und wirtschaftliche Souveränität, gegen koloniale und neokoloniale Unterdrückung und Abhängigkeit musste in Widerspruch zur Herrschaft des westeuropäisch und amerikanischen Finanzkapitals geraten. Die objektive Ausgangslage der nationalen Befreiungsbewegung des 20. Jahrhunderts brachte sie in eine grundsätzliche Gegnerschaft zum Imperialismus. Herausragende Revolutionäre aus Asien, Afrika und Lateinamerika wie Walter Rodney oder Amílcar Cabral (die vielfach in unserer kommunistischen Debatte fehlen) erkannten und wiesen nach, dass die Entwicklung Europas und Nordamerikas untrennbar verbunden war mit der anhaltenden Unterentwicklung der „dritten Welt“. Eine eigene und unabhängige Entwicklung musste gegen ebendiese Kräfte erkämpft werden, die die Blutspur ihrer kolonialen Verbrechen als „zivilisatorische“ Mission verklärten.  

Über Jahrzehnte bildete das sozialistische Lager unter Führung der Sowjetunion den Kern des Widerstands gegen den Imperialismus und stellte eine konkrete Perspektive für seine historische Aufhebung dar. Ihre wirtschaftliche Potenz und politische Macht schuf Handlungsspielräume für antikoloniale Kämpfe und junge Nationalstaaten. Ihre ideologische Gegnerschaft zum Imperialismus schuf Raum für eine offene und scharfe Entlarvung (neo-) kolonialer Verbrechen und die Verbreitung revolutionärer Positionen. Die Kommunistische Internationale erkannte Anfang des 20. Jahrhunderts in den nationalen Befreiungsbewegungen ihre natürlichen Verbündeten, im Kampf gegen den Imperialismus, obgleich sie um den meist (klein-)bürgerlichen Klassenhintergrund ihrer Führer wusste und ihre Widersprüchlichkeit und relative Beschränktheit erkannte. Der Kampf um nationale Befreiung wurde als zentraler Teil des international geführten Klassenkampfes begriffen. 

Neue Spielräume – neue Perspektiven? 

Mit der Niederlage des sozialistischen Lagers gewann die Dominanz der führenden imperialistischen Staaten an Boden. Führende Strategen des US-Imperialismus sahen eine Zeit der USA zur alleinigen Supermacht gekommen. Es sollte sichergestellt werden, dass sich weder in Westeuropa oder Asien noch auf dem ehemaligen Gebiet der Sowjetunion ein Rivale herausbilden könne. 

Was bedeutet es also, wenn Emmanuel Macron auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz sagte, er sei „schockiert darüber, wie sehr wir im globalen Süden an Glaubwürdigkeit verlieren“; wenn nur rund 40 Länder weltweit die Sanktionspolitik des Westens gegenüber Russland unterstützen; wenn fast 20 Länder einen offiziellen Aufnahmeantrag für die BRICS stellen; oder wenn Saudi-Arabien das System des Petrodollars offen in Frage stellt? Der Krieg der NATO gegen Russland wirkt wie ein Brandbeschleuniger einer dynamischen Strukturveränderung der nach dem zweiten Weltkrieg etablierten US-geführten imperialistischen Ordnung. Protektionismus und Entkopplung statt internationalem Freihandel? Die internationale Arbeitsteilung, Handelsrouten und Produktionsketten werden umgebaut. 

Eine veränderte Stimmung und ein gewachsener Spielraum scheinen in den sogenannten Entwicklungsländern Einzug erhalten zu haben. Stärker werden eigene Interessen artikuliert und auf die blutige Geschichte kolonialer und neokolonialer Unterdrückung verwiesen. Die aufstrebende ökonomische Potenz Chinas ist ein wesentlicher Faktor, der den wirtschafts- und handelspolitischen Handlungsspielraum vieler Länder erweitert. Politiker der G7-Länder haben das erkannt und erhöhen ihre diplomatischen Bemühungen, um die Länder des „globalen Südens“ in ihrem Einflussbereich zu halten. Was hat das mit dem Sozialismus zu tun? 

Die Debatte und den Klassenkampf international führen 

Nun handelt es sich bei den Ländern, die sich mal mehr mal weniger offen in Gegnerschaft zur neokolonialen Politik des „Westens“ bringen, längst nicht um sozialistische Kräfte (die Debatte zur Einschätzung Chinas sei ausgeklammert). Im Gegenteil, vertreten Regierungen wie die unter dem indischen Modi oder dem südafrikanischen Ramaphosa eine teils reaktionäre, volksfeindliche Politik. Antikommunismus spielt keine geringe Rolle. Was kann also überhaupt die reale Wirkung einer solchen Entwicklung sein? Während ein Teil der Kommunisten vor Illusionen in eine friedlichere multipolare Welt warnen, heben andere hervor, dass im Zurückdrängen der vom Westen geführten imperialistischen Ordnung und  der NATO die Hauptaufgabe fortschrittlicher Kräfte liegt. Beides schließt sich nicht aus. Wie verlaufen Bündnislinien in einer sich anbahnenden Phase von imperialistischen Kriegen, revolutionären und konterrevolutionären Entwicklungen?  Welchen Platz nehmen Kämpfe gegen den Imperialismus im globalen Klassenkampf ein? Die internationale kommunistische Bewegung ist in diesen Fragen zerstritten, oftmals schwach und von der Arbeiterbewegung isoliert. Gewerkschaften und werktätige Schichten sind, insbesondere innerhalb der führenden imperialistischen Länder fest integriert in die globale Kriegs- und Raubpolitik der Monopolbourgeoisie.  

Die Situation verlangt mit Nachdruck die Internationalisierung unserer Debatte und Kämpfe. Wir wollen die Komplexitäten und Widersprüche unserer Zeit konfrontieren, scheuen keine schwierigen Fragen und scharfen Auseinandersetzungen und schließen uns dem historischen Optimismus des Manifests der Liga gegen Imperialismus (1927) an, in dem es heißt: 

„Nur Dummköpfe und jämmerliche Philister und Routiniers können glauben, daß die heutige Zivilisation und die ganze Zukunft der Welt auf Europa und auf die Vereinigten Staaten Amerikas beschränkt bleiben. Die nationale Freiheitsbewegung der asiatischen, afrikanischen und amerikanischen Völker ist ihrem Umfange nach eine Welterscheinung. Und nur sie wird – organisch verbunden und verwachsen mit dem Freiheitskampf des Proletariats der alten kapitalistischen Gesellschaft – unseren Planeten in eine ganz zivilisierte Welt verwandeln, nur sie wird durch die Befreiung der Welt ein neues Kapitel der Weltgeschichte beginnen, die zum ersten Mal wirklich Weltgeschichte, die Geschichte der Menschheit der ganzen Welt sein wird.“ 

Reinhard Funk (MLPD): Die Sackgasse des kleinbürgerlichen Nationalismus eines Noel Bamen

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Redaktionelle Einleitung:  Im März diesen Jahres hat der Genosse Noel Bamen eine Kritik an den „Grundlinien der Positionierung zum palästinensischen Befreiungskampf“ der MLPD formuliert. Dabei ging es ihm nicht allein um die MLPD, sondern um falsche Positionen, die in der deutschen Linken und der kommunistischen Bewegung weit verbreitet sind. Nun hat Reinhard Funk von der MLPD eine Antwort verfasst.

Zunächst einmal folgt Funk in seinem Text den Positionen der MLPD konsequent und legt so offen, wohin sie letztlich führen: der Großteil des palästinensischen Widerstands wird genau wie der Iran als „faschistisch“ diffamiert; wer in diesen Kräften auch nur ansatzweise etwas Positives oder Progressives erkennt,  propagiert Funk zufolge eine „reaktionäre arabische Querfront-Politik“. Diese letzte Wortschöpfung kannten wir bislang vor allem von den sog. „Antideutschen“, genauso wie den ebenfalls von Funk erhobenen Vorwurf, der Genosse Noel würde den Holocaust „ignorieren“. Davon abgesehen vertritt die MLPD allerdings viele falsche Positionen, die in der kommunistischen und linken Palästina-Solidaritätsbewegung weit verbreitet sind. Sie liefert damit unfreiwillig ein praktisches Beispiel, wie diese nur allzu schnell dazu führen, die Palästinasolidarität ad absurdum zu führen – und sie bestätigt damit letztlich die von Noel in seinem Debattenbeitrag ausgesprochene Warnung.

Bedauerlicher Weise ist Funk offenbar nicht Willens, auf viele wichtige Punkte von Noel einzugehen. Es geht nicht darum, dass er die Positionen seiner Partei nicht auch argumentativ verteidigen kann. Allerdings pickt er sich lediglich einzelne Argumente von Noel heraus, um diese dann wortstark zu attackieren. Zudem verkürzt er dabei auch einige Aussagen. So wird etwa angedeutet, Noel leugne, dass es in Israel verschiedene Klassen gäbe, und es wird darüber hinweggegangen, dass er auf die systemischen Besonderheiten von Siedlerkolonien gegenüber (anderen) imperialistischen Zentren eingeht. Derlei Pappkameraden behindern die Debatte, statt sie voranzubringen. Wir können daher nur allen Lesern nahelegen, sich den Diskussionsbeitrag des Genossen Noel selbst durchzulesen und sich diesbezüglich nicht auf die Aussagen von Reinhard Funk und die von ihm angeführten Zitate zu verlassen.

Einen sehr zentralen Punkt, den Funk komplett umschifft, ist die Frage nach den linken Kräften in der palästinensischen Befreiungsbewegung: Noel fragt in seinem Text, wie die MLPD die bewaffneten Widerstandsformen der Palästinenser und vor allem von Kräften wie der Hamas und dem Islamischen Jihad als „faschistisch“ und „antisemitisch“ einstufen kann, wenn doch die linken Organisationen PFLP und DFLP auf dieselbe Art Widerstand leisten und zudem mit dem islamischen Widerstand zusammenarbeiten. Dass Funk die Antwort auf diese Frage schuldig bleibt, ist sehr bedauerlich, aber wohl kein Zufall.

Zuletzt: Es mag einige Leser verwundern, dass wir einen Text veröffentlichen, der derart voll von Beschimpfungen gegen den Genossen Noel und implizit auch gegen die KO ist. Wir kennen diese Ausfälle von der MLPD zur Genüge und halten sie für destruktiv.

Wir hoffen, dass die Antwort von Funk und der MLPD auch andere Akteure in der Bewegung animiert, sich einzubringen und die Debatte um die richtigen Positionen zur Palästinafrage aktiv, konstruktiv und solidarisch, aber auch scharf und zielorientiert voranzubringen.

Redaktion der Kommunistischen Organisation 

Diskussionsbeitrag von Reinhard Funk

Die MLPD veröffentlichte im November 2022 ihre „Grundlinien der Positionierung zum palästinensischen Befreiungskampf“.[i] Das Online-Magazin der neorevisionistischen Kommunistischen Organisation[ii] veröffentlichte dazu einen Beitrag von Noel Bamen unter der Überschrift: „Mit palästina-solidarischen Vorsätzen in die zionistische Hölle: Eine Kritik an den „Grundlinien“ der MLPD zum palästinensischen Befreiungskampf“. Dieser bezieht durchgängig konträre Position zu den Grundlinien des proletarischen Internationalismus, wie sie von Marx und Lenin entwickelt wurden und von der MLPD in ihrer Positionierung angewendet werden, attackiert diese und endet damit, sich mit faschistischen und faschistoiden Kräfte auszusöhnen und sich in die Hölle einer gefährlichen reaktionären arabischen Querfront-Politik zu begeben.

Ignoranz der konkreten geschichtlichen Entwicklung

Für Noel Bamen schließt sich die Anerkennung des Existenzrechts Israels und die Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf aus. In einer völligen Ignoranz der Geschichte im Verlauf des 20. Jahrhunderts versteigt er sich, die Haltung der MLPD zum Existenzrecht Israels demagogisch mit der Propaganda des Zionismus gleichzusetzen: „Wer vom ‚Existenzrecht‘ Israels spricht, hat sich die Hälfte der zionistischen Agenda bereits zu eigen gemacht.“[iii] Das ist – natürlich ohne jeden Nachweis – an den Haaren herbeigezogen. Jeder, der die MLPD auch nur einigermaßen kennt, weiß, dass sie den Zionismus mit seiner rassistischen Theorie von den Juden als auserwähltes Volk wie jeden anderen Rassismus auf der Welt seit jeher und grundsätzlich bekämpft.

Noel Bamen zieht dazu eine unhistorische, gerade Linie von den zionistischen Bemühungen zur Eroberung und Besetzung Palästinas in den 1920er/1930er Jahren auf Grundlage der Balfour-Deklaration zu heute. Er bringt es fertig, die Tatsache des Völkermords an den Juden durch den Hitlerfaschismus weitgehend zu ignorieren – und welche Folgen das hatte. So behauptet er auch: „Das Judentum ist keine Nation; diese Behauptung ist nur ein völkischer Mythos der Antisemiten und der Zionisten“. Es grenzt schon an Geschichtsklitterung, wenn Noel Bamen in dem ganzen Kontext zur Gründung des Staates Israel den Zusammenhang zum Hitlerfaschismus mit seinem Massenmord an Juden, dem Terror in den Konzentrationslagern und Pogromen und die massenhaften Vertreibungen nicht einmal erwähnt, geschweige denn berücksichtigt. Und dass dies auch auf das ‚Schicksal‘ und Nationalbewusstsein der Juden stark einwirkte.

Dazu wird im Buch „Die UdSSR und der Nahe Osten“ aus einer anderen Quelle Molotow folgendermaßen zitiert: „Außer uns waren alle dagegen (gemeint sind die übrigen Staaten in der Palästina-Frage, Verf.). Außer Stalin und mir. Es haben mich einige gefragt: Warum habt ihr das unterstützt? Wir sind Advokaten internationaler Freiheit. … In unserer Zeit, das ist richtig, waren und blieben die Bolschewiki gegen den Zionismus eingestellt. … Aber eine Sache ist es, gegen den Zionismus zu sein, (…) eine andere, gegen das jüdische Volk zu sein.“ (S. 114)[iv]

Mit der durchgängigen Bezeichnung von Israel als Siedlerkolonie und des Großteils der Israelis als Siedler und Zionisten werden von Noel Bamen die unterschiedlichen Klassen und Kräfte in Israel über einen Kamm geschoren, über die einschneidende Rolle des Holocaust hinweg gegangen und dazu der heutige Charakter Israels als imperialistischer Staat verkannt.

Die Juden waren noch nie und sind auch heute in Israel keine homogene Klasse, es gab in den verschiedenen Ländern immer Juden in der herrschenden Klasse ebenso wie Juden in der Arbeiterklasse. Nach dem Holocaust kamen Juden aus den unterschiedlichen Ländern und aus unterschiedlichen Klassen nach Israel, mit unterschiedlichen Weltanschauungen und Sprachen. Ein nicht geringer Teil waren Arbeiter, darunter auch Kommunisten. Die Zionisten waren eine Minderheit, Millionen Juden antizionistisch eingestellt. Dass die Zionisten, unterstützt von den USA, die Staatsführung in die Hand bekamen, ändert nichts daran, dass sich nach dem 2. Weltkrieg „insbesondere in Palästina ein jüdisches Volk herangebildet hatte, dessen Rechte nach dem Völkermord der Hitlerfaschisten entsprechend geschützt werden mussten. Insbesondere waren die dort lebenden Juden nicht mehr voneinander getrennt, nicht wirtschaftlich isoliert, standen in kulturellem Austausch untereinander, während sich eine gemeinsame Sprache erst herausbildete.

Diese zutreffenden Ansichten haben doch nichts mit einem „völkischen Mythos“ zu tun, wie Noel behauptet. Es gehört schon ein starker Dogmatismus, eine Abgebrühtheit gegenüber dem faschistischen Terror an Millionen Juden und eine große Abgehobenheit dazu, dies nicht wahrhaben zu wollen. 1947 in der UNO ging es nicht um abstrakte Auseinandersetzungen über den allgemeinen Charakter der jüdischen Nation und des jüdischen Volkes. Es ging um die Lösung eines konkreten äußerst komplizierten Problems in einem konkreten historischen Zusammenhang. Das wurde damals ausgehend von der damals noch sozialistischen Sowjetunion hervorragend gemacht.

Das Existenzrecht Israels anzuerkennen, bedeutet keinesfalls, die faschistoide Politik des imperialistischen israelischen Staates oder gar die israelische Besatzung anzuerkennen. Es bedeutet auch nicht den konkreten Status Israels mit den besetzten Gebieten und die in den Osloer Verträgen von der PLO-Führung unterzeichneten Abkommen anzuerkennen, weil dies die Anerkennung der völkerrechtswidrig geschaffenen Fakten und die israelische Besatzung anerkennt. Wir sind entschiedene Gegner der menschenverachtenden Politik des zionistischen, imperialistischen Staates Israel, die Millionen Palästinenser aus ihrem Land vertrieb und völkerrechtswidrig das Westjordanland einschließlich Ostjerusalem und dem Gazastreifen (sowie die Golanhöhen) besetzt hält. Die die palästinensische Bevölkerung brutal aus ihrem Land vertreibt, die Natur zerstört, den Menschen die Lebens- und Arbeitsgrundlagen entzieht, führende Repräsentanten des berechtigten Widerstands ermordet, ungeachtet zahlreicher ziviler Opfer und den berechtigten Kampf des palästinensischen Volkes staatsterroristisch mit brutaler Gewalt niederschlägt. Wir sind mit dem Kampf des palästinensischen Volkes um nationale und soziale Befreiung uneingeschränkt solidarisch. Aber man kann an die Frage des Existenzrechts Israels auch nicht so eklektizistisch herangehen und sie ignorant aus ihrem historischen Zusammenhang reißen.

Die Mär von der Kollektivschuld

Noel Bamen lässt sich pauschal über die israelischen Massen aus: „Diese Massen … sind, seit sie in Palästina sind, an der Besetzung, der Unterdrückung, der Ausbeutung und der Vertreibung der Palästinenser beteiligt. Ohne Ausnahme. Jeder Israeli lebt auf geraubten Land. Jeder Israeli muss Militärdienst leisten; … Bestenfalls schauen die „israelischen Massen“ dem Abschlachten der Palästinenser seit bald 100 Jahren gemütlich zu und profitieren davon;“ Das gipfelt in seiner Losung „Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf – nicht mit der ‚israelischen Arbeiterklasse‘ “.

Das macht deutlich, wie Noel vollständig den proletarischen Klassenstandpunkt verlässt, der aber auch ein grundlegender Ausgangspunkt in der Beurteilung der nationalen Frage sein muss. Selbstverständlich gibt es eine starke nationale Unterdrückung der Palästinenser und eine besondere Ausbeutung und Unterdrückung der palästinensischen Arbeiter; werden zehntausende Arbeiter aus den palästinensischen Gebieten gezwungen, zu miserablen Bedingungen in Israel zu arbeiten.

Nur: Man muss schon große Scheuklappen haben, um die Klassenunterschiede auch in Israel und seinen imperialistischen Charakter zu übersehen. Die Armut wächst stark bei den arabischen Massen und der großen Anzahl von Migranten aus anderen Ländern, die in Israel leben und arbeiten, aber umfasst auch wachsende Teile der jüdischen Bevölkerung. Nach einer Studie (der Organisation Latet)[v] leiden über ein Viertel der Bevölkerung, 2,6 Millionen Israelis, unter Ernährungsunsicherheit und leben in ärmlichen Verhältnissen. 75,6 % der Senioren leben demnach de facto in Armut, während Forbes allein 2020 schon 17 Milliardäre zählte und allein das Vermögen der 10 reichsten Israelis 2023 auf 47,6 Milliarden anstieg.

Noels Betrachtung nimmt die herrschende Schicht in Israel aus der Schusslinie und dass die Macht in Israel beim allein herrschenden internationalen Finanzkapital liegt. So ist es doch ein schlechter Scherz, jeden zwangsrekrutierten Soldaten mit den imperialistischen zionistischen Drahtziehern der palästinensischen Unterdrückung in einen Topf zu werfen. Es ist auch nur schwer zu übersehen, dass es auch in Israel immer Menschen gab und gibt, die sich engagieren, kämpfen und selbst von Unterdrückung betroffen sind.

Mit der selben Logik könnte jeder Einwohner der USA als Profiteur der imperialistischen Politik der herrschenden Kreise der USA bezeichnet werden, der von der neokolonialen Ausbeutung anderer Ländern profitiert. Egal, ob er z.B. als Arbeiter ein Vielfaches an Werten schafft, als er als Lohn bekommt, also selbst ausgebeutet wird. Statt an dem Zusammenschluss der Arbeiterklasse in den imperialistischen Ländern mit dem Kampf der unterdrückten Massen in den neokolonialen Ländern zu arbeiten, werden so die Ausgebeuteten und Unterdrückten der Welt gegeneinander aufgebracht. Lenin schrieb dazu treffend: „Die Interessen der Arbeiterklasse erfordern die Verschmelzung der Arbeiter sämtlicher Nationalitäten eines Staates in einheitlichen proletarischen – politischen, gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen, kulturellen usw. Organisationen. Nur eine solche Verschmelzung der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten in einheitlichen Organisationen gibt dem Proletariat die Möglichkeit, einen siegreichen Kampf zu führen gegen das internationale Kapital und gegen die Reaktion und ebenso auch gegen die Agitation und die Bestrebungen der Gutsbesitzer, Pfaffen und bürgerlichen Nationalisten aller Nationen, die ihre antiproletarischen Bestrebungen gewöhnlich unter der Flagge der „nationalen Kultur“ durchsetzen.“[vi]

Die kleinbürgerlich-nationalistische Sichtweise verkennt vor allem völlig, was das eigentlich zu lösende Problem unter den Massen auch in Israel ist. So hat die jahrzehntelange zionistische systematische Beeinflussung und Hetze sicherlich tiefe Spuren in der israelischen Arbeiterschaft und den Massen hinterlassen. Diese hat eine materielle Seite in der bewusst betriebenen Spaltung durch die herrschende zionistische Kreise mit der besseren Bezahlung und Bevorzugung von jüdischen gegenüber den arabischen Menschen und Migranten. Vor allem aber gibt es ein umfassendes ausgeklügeltes System der bürgerlichen Meinungsmanipulation.

Für den klassenbewussten Arbeiter und erst recht für jeden, der sich Kommunist nennen will, ist dies kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen und und davor zu kapitulieren, sondern alles daran zu setzen, dass die Massen damit fertig werden, die Kräfteverhältnisse zu verändern und für die internationale Arbeitereinheit einzutreten. Aktuell sind Hunderttausende bei den größten Massenproteste gegen die weitere Rechtsentwicklung in Israel auf den Straßen. Das hat eine gesamtgesellschaftliche Krise und einen regelrechter Machtkampf hervorgebracht. Noel Bamen bringt es fertig, kein Wort zu diesen Massenprotesten zu verlieren, obwohl diese seit Anfang des Jahres 2023 anhalten. Ist es nicht überheblich, ihren Kampf gegen den Faschismus so abzutun? Natürlich sind unter diesen Protestierenden auch bürgerliche und reaktionäre Kräfte der bürgerlichen Opposition, die einen Teil der Monopole in Israel vertreten, die wir nicht unterstützen.

Aber vom subjektiven Standpunkt eines wesentlichen Teils der Massen hat diese Bewegung fortschrittlichen Charakter. Auch wenn bisher nur ein kleinerer Teil in den Protesten sich offen gegen die ankündigte bzw. eingesetzte neue Stufe der gewaltsamen Vorgehens gegen die Palästinenser richtet (Palästinian lives Matter), sollte es für jeden fortschrittlichen Menschen selbstverständlich sein, den demokratisch-antifaschistischen Kampf der Massen in Israel zu unterstützen und dabei dafür einzutreten, dass sich dieser zum Kampf gegen die Unterdrückung des palästinensischen Volkes erweitert und dass die perspektivische Lösung der Probleme im Kampf für den Sozialismus liegt.

Auch in Deutschland kennen wir die Losung von der „Kollektivschuld“, um von den wahren Verursachern abzulenken. Die MLPD schrieb dazu in dem Buch „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“: „Unter der heuchlerischen Flagge der ›Wiedergutmachung‹ der Verbrechen, die deutsche Faschisten am jüdischen Volk verübt haben, missbrauchen die Herrschenden heute die berechtigte Ablehnung des Antisemitismus, um die imperialistische Politik des Staates Israel zu rechtfertigen. Zynisch soll so der Völkermord an den Juden die brutale Unterdrückung des palästinensischen Volks rechtfertigen … Auch wenn die Kommunisten durch ihre Mitverantwortung für das Scheitern der antifaschistischen Einheitsfront gegen den Hitler-Faschismus nicht von Schuld freizusprechen sind, ist die bürgerliche Theorie der »Kollektivschuld« entschieden abzulehnen. Diese setzt Täter und Opfer gleich, nimmt das Finanzkapital als Drahtzieher des Hitler-Faschismus aus dem Schussfeld und verleugnet und diffamiert den mutigen und opferreichen Widerstand zahlloser Kommunisten, Sozialdemokraten und Christen“. (S. 249)

Fortschritt an der Seite des Irans? Ist der Kampf gegen Faschismus eine Spaltung des Widerstands?

Unter der Losung „Gegen die Spaltung und Diffamierung des palästinensischen Widerstands“ greift Noel Bamen die antifaschistische Haltung der MLPD und der Mehrheit der Solidaritätsbewegung mit dem palästinensischen Befreiungskampf an. Er warnt: „Wenn sich in Deutschland große Teile, wenn nicht gar die Mehrheit der Solidaritätsbewegung von Hamas und Jihad distanzieren, betreiben sie letztlich nichts anders als eine Spaltungspolitik. Damit spielen sie Israel und und dem deutschen Imperialismus … in die Hände. Man reibt sich die Augen: seit wann geht es faschistischen Kräften wie dem Jihad, die eng mit dem Iran verbunden ist, um die Befreiung des Volkes und gar gesellschaftlichen Fortschritt? In seiner Verblendung, Hauptsache gegen Israel – egal mit wem – geht Noel Bamen sogar so weit, einen „islamischen Staat“ ausdrücklich als Fortschritt zu bezeichnen. Dabei kann man im Iran sehen, wozu solche faschistischen Kräfte fähig sind und welche Folgen solch eine Fehleinschätzung haben kann.

Als der Schah und seine Getreuen 1979 angesichts der akut revolutionären Situation aus dem Land flüchteten, wurde Khomeini unterstützt von der französischen Regierung eingeflogen. Er täuschte die Massen mit religiösen Phrasen, griff soziale Forderungen zum Schein auf, sprach von Revolution und der „islamischen Republik der Armen“. Besonders wetterte er gegen den verhassten US-Imperialismus und verwirrte dadurch auch Revolutionäre und Linke, die ihn für einen Antiimperialisten hielten. Die revisionistische Tudeh-Partei rief sogar zur einer Volksabstimmung am 30. März 1979, zum „Ja zu einer islamischen Republik“ auf. Verschiedene marxistisch-leninistische Organisationen waren von der, von den neuen Machthabern in China nach dem Tod Mao Zedongs verkündeten, konterrevolutionären Strategie der „3 Welten-Theorie“[vii] beeinflusst und unterstützten Khomeini. Machten diese zu Beginn noch Zugeständnisse, um Zeit zu gewinnen, ihre Macht zu konsolidieren und ein faschistisches Regime zu errichten, so schlugen sie dann mit brutaler Gewalt zu. Genossen der marxistisch-leninistischen Organisation Ranjbaran berichten: „Die Übernahme der 3-Welten-Theorie hatte verheerende Folgen: Nach zwei Jahren war fast die gesamte Organisation, der größte Teil aller Genossen liquidiert. Insgesamt kamen 40.000 Menschen unter der blutigen Diktatur Khomeinis, oft grausamst unter Folter um, ein großer Teil davon Revolutionäre und Marxisten-Leninisten.“

Soweit zum fortschrittlichen Charakter einer faschistischen „islamischen Republik“. Inzwischen hat sich der Iran zu einem neuimperialistischen Land entwickelt, das aggressiv in Konkurrenz zum imperialistischen Israel und anderen neuimperialistischen Länder wie Saudi-Arbeiten oder die Türkei um eine Vormachtstellung in der Region kämpft, Kriege in anderen Länder führt, Aufstände und Arbeiterkämpfe im eigenen Land und alle oppositionellen Kräfte brutal unterdrückt.

Ungeachtet davon bezeichnet Noel Bamen „Teheran und seine Alliierten in der Region“ als „wichtigsten Verbündeten der Palästinenser“. “Ohne die Waffen und das Geld von dort wäre der militärische Widerstand, vor allem in Gaza, längst am Ende. Natürlich muss die Rolle der … Abhängigkeiten des palästinensischen Widerstands von ihm kritisch gesehen werden. Trotzdem nimmt der Iran derzeit die – unterm Strich positive – Rolle eines unverzichtbaren Verbündeten des palästinensischen Widerstands ein. Darüber hinaus ist es nicht der Ort, um auf die plumpe Charakterisierung der islamischen Republik als „faschistisch“ einzugehen“.[viii]

Es ist also nicht angebracht, auf den Charakter und die Beweggründe des Regimes im Iran einzugehen, Hauptsache es fließt Geld und Waffen? Glaubt Noel Bamen ernsthaft, das Regime im Iran mache dies aus reiner Humanität, für den menschlichen Fortschritt? Soll die Arbeiter-, die revolutionäre- und Befreiungsbewegung erneut ihre Erfahrungen mit der Errichtung einer „islamischen Republik“ machen, den zehntausende Revolutionäre und Demokraten mit Folter und ihrem Tod bezahlen, ungeachtet aller historischen Erfahrungen? Und was die besten oder anscheinend ansonsten fehlenden Verbündeten betrifft, wie wäre es mit dem genauen Gegenteil? So gibt es im Iran seit Monaten einen Aufschwung und anhaltende Arbeiter-, Frauen- und Volksproteste gegen das Regime. Auch in anderen Ländern der Region gibt es aufflammende Volks- und Arbeiterkämpfe. Wie wäre es mit dem Schulterschluss über Ländergrenzen hinweg? Ein erfolgreicher Kampf und Sturz des faschistischen Regimes im Iran wäre wiederum ein wichtiger Erfolg und Ermutigung und Bestärkung des Kampfs für die Befreiung aller anderen Völker und der Arbeiterklasse in der Region.

Was von Noel Bamen unter der Losung „Hauptsache gegen Israel“ dagegen propagiert wird, ist eine Abwandlung der faschistischen Querfrontpolitik, die faschistische Kräfte gefährlich verharmlost, sie sogar als fortschrittlich bezeichnet und ihnen den Boden bereitet, statt sie entschieden als Todfeind jedes Kampfs um nationale wie soziale Befreiung entschieden zu bekämpfen und auf den Schulterschluss der Arbeiter und Volkskämpfe über Ländergrenzen hinweg zu setzen.

Gegen sozialchauvinistische Spaltung – Vorwärts zum Kampf für die vereinigten sozialistischen Staaten der Welt

Für Noel Bamen gibt es keine positive Perspektive einer Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung, in der es auch keine Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse mehr gibt. Für ihn besteht die Lösung in einer „Entkolonialisierung“ Palästinas, indem die jüdische Bevölkerung in ihre ehemaligen Länder, aus denen sie gekommen sind, zurückgeschickt werden. Er meint, das Rad der Geschichte einfach zurückdrehen zu können.

Der von Noel Bamen vertretene revisionistische Standpunkt ist kleinbürgerlich-nationalistisch und verstellt den Blick, wie der Kampf um Befreiung heute erfolgreich geführt werden kann:

  • der Kampf um nationale und soziale Befreiung des palästinensischen Volkes gestützt auf die Solidarität der Arbeiterklasse und der breiten Massen weltweit. Aufbau einer starken antiimperialistischen und antifaschistischen Einheitsfront
  • geduldig den Kampf um die Arbeitereinheit zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern und den Volksmassen führen. Dabei in einer Überzeugungs- und Bündnisarbeit die Leitlinie der Arbeiterbewegung seit Marx und Engels verankern: „Ein Volk, das andere unterdrückt, kann selbst nicht frei sein
  • die faschistische Gefahr erkennen und ernst nehmen, auch wenn sie im neuen Gewand auftritt, um nicht vom Regen der faschistischen Unterdrückung der palästinensischen Massen durch die zionistische Regierung Israels in die Traufe einer anderen islamistisch begründete Art der faschistischen Unterdrückung zu geraten
  • starke marxistisch-leninistische Parteien in Israel und Palästina aufbauen, die die Veränderungen in der Entwicklung des Imperialismus analysieren und Schlussfolgerungen daraus und aus dem Verrat des Sozialismus in den ehemals sozialistischen Ländern 1956 für den revolutionären Klassenkampf des Proletariats und seiner Verbündeten ziehen
  • „Antiamerikanismus“ bzw. „Antiisraelismus“ ist keine fortschrittliche, antiimperialistische Politik; auch wenn taktisch Widersprüche ausgenutzt werden können. Der antiimperialistische Kampf muss sich gegen jeden Imperialismus richten und darf sich nicht für den Kampf an der Seite eines imperialistischen Räubers vereinnahmen lassen. Den Kampf um soziale wie nationale Befreiung darauf ausrichten, das imperialistische System zu überwinden und die vereinigten sozialistischen Staaten der Welt zu erkämpfen
  • dazu muss heute international koordiniert zusammengearbeitet und eine internationale sozialistische Revolution vorbereitet werden.

Noel Bamen erweist mit seiner vehementen Kritik an Positionen der MLPD der Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf einen Bärendienst. Ist die MLPD doch die Hauptkraft in Deutschland, die seit ihrer Gründung uneingeschränkt in Wort und Tat solidarisch mit dem palästinensischen Volk im Kampf um seine soziale und nationale Befreiung ist – im Kampf gegen eine üble Verunglimpfung als „Antisemiten“ oder offene Angriffe des deutschen Staates bis hin zu zionistisch beeinflussten Gruppen wie den „Antideutschen“. Und die als einzige eine klare sozialistische Perspektive aufzeigt. Dabei legt Noel Bamen in dankenswerter Offenheit dar, dass sich die KO „bis heute nicht systematisch mit dem Thema befasst“ hat. Da hätte man dann durchaus etwas Bescheidenheit erwarten können und dass sich eine Organisation, die sich kommunistisch nennt, sich erst mal mit den Grundlagen des Marxismus-Leninismus zu dieser Frage befasst und diese in ihrer Beurteilung zu Grunde legt. Das würde sicherlich helfen, nicht in der gefährlichen kleinbürgerlich-nationalistischen Sackgasse des Noel Bamen zu landen, die bis zur Verniedlichung und der Förderung der Zusammenarbeit mit faschistischen Kräften geht. Aber da sich die KO ja erst noch mit dem Thema systematisch befasst, hoffen wir, dass sie dessen Irrweg erkennt und zum Weg des proletarischen Internationalismus findet.


[i] https://www.mlpd.de/2022/11/grundlinien-der-positionierung-zum-palaestinensischen-befreiungskampf

[ii] Abspaltung 2018 aus der revisionistischen DKP bzw. SDAJ, ein Teil davon spaltete sich 2022 erneut ab

[iii] https://kommunistische-organisation.de/artikel/mit-palaestina-solidarischen-vorsaetzen-in-die-zionistische-hoelle-eine-kritik-an-den-grundlinien-der-mlpd-zum-palaestinensischen-befreiungskampf/

[iv] https://www.mlpd.de/theoretisches-organ-revolutionaerer-weg/briefwechsel-und-dokumente/briefwechsel-und-dokumente/briefwechsel-und-dokumente-von-stefan-engel-zum-system-revolutionaerer-weg#collapse120 Wer sich intensiver mit den Positionen der sozialistischen Sowjetunion unter Lenin und Stalin zur nationalen Frage und dem Judentum und den Positionen der MLPD dazu auseinandersetzen will, dem sei Artikel „Die MLPD steht in der Tradition der sozialistischen Länder“ empfohlen: https://www.mlpd.de/2014/kw32/palaestina-konflikt-die-mlpd-steht-in-der-tradition-der-sozialistischen-laender.

[v] https://www.fokus-jerusalem.tv/2022/12/13/jeder-vierte-israeli-unter-der-armutsgrenze/

[vi] https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/1913/wladimir-i-lenin-resolution-ueber-die-nationale-frage

[vii] Deng Xiaoping strickte aus Maos taktischem Vorschlag eine »Drei-Welten-Theorie« als strategische Konzeption. Er behauptete, die unterdrückten Völker der »Dritten Welt« »seien die revolutionäre Triebkraft, die das Rad der Weltgeschichte vorwärts dreht, ohne zwischen reaktionären und fortschrittlichen Regierungen, zwischen Ausbeuterklassen und den breiten Massen zu unterscheiden und ohne das revolutionäre Proletariat und seinen Klassenkampf zu berücksichtigen. Sie bedeutete in ihrem Kern Klassenversöhnung und Verrat an der internationalen proletarischen Revolution.

[viii] Fußnote xxi am Artikel

Podcast #38 – Ingo Höhmann zur Frage des russischen Militärs und dem Krieg in der Ukraine

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In diesem Podcast werfen wir einen Blick auf die Entwicklung des russischen Militärapparats und dem Krieg in der Ost- und Südostukraine seit 2014. Ingo Höhmann, ehemaliger Offizier der NVA, wird uns hier einige Erfahrungen und Einschätzung präsentieren. Das gegenwärtige Vorgehen der NATO und die Reaktion des russischen Militärs an aktuellen und vergangenen Frontabschnitten sind in diesem Podcast ebenfalls Thema. Im Zuge unserer Klärungsarbeit zum Krieg und Imperialismus hat sich eine Vertiefungsgruppe mit der russischen Kriegsführung in der Ukraine beschäftigt. Unser Genosse präsentiert hier eine formulierte Fragestellung bezogen auf eine Einteilung der militärischen Spezialoperation in drei bis vier wesentliche Phasen.

Grußwort von Alexej Albu (Borotba) zum Antikriegstag – Greeting by Alexey Albu (Borotba) for the International Day of Peace

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English version below

An die Genossen und die Friedensbewegung in Deutschland:

Die Neonazi-Bewegung in der Ukraine ist seit dem ersten Maidan im Jahre 2004 (der so genannten „Orangenen Revolution“) gewachsen, als Wiktor Juschtschenko, der Ehemann einer US-Staatsbürgerin mit engen Verbindungen zur CIA, Präsident der Ukraine wurde. Seine Politik stützte sich auf Rückhalt rechtsextremer Gruppen, die für ihre Aktivitäten finanzielle Mittel und Zugang zu den zentralen Medien erhalten. Ihre Anführer wurden Chefs der regionalen staatlichen Behörden und erhielten im Gegenzug Einblick in die Verwaltungsarbeit. 

In dieser Zeit wuchsen die Widersprüche zwischen dem westlichen und dem südöstlichen Teil der ukrainischen Gesellschaft sehr stark. Die Bürger der Westukraine wurden zu einer sozialen Basis für die rechtsextremen Organisationen und Gruppen, die dort bereits die Regionalräte kontrollierten.

Diese Umstände führten 2014 zum Staatsstreich (dem so genannten „Euromaidan“), bei dem der gewählte Präsident Wiktor Janukowitsch gestürzt wurde. Natürlich wollten die Menschen im Südosten dieses neue Regime nicht akzeptieren, dessen erstes Gesetz den Gebrauch ihrer russischen Muttersprache einschränkte. Aber wir dachten, dass wir unser Ziel der Föderalisierung auf friedliche Weise erreichen könnten.

Leider wurden unsere friedlichen Proteste in Blut ertränkt und im Feuer des Gewerkschaftshauses in Odessa verbrannt. Ich war Zeuge dieses Massakers. In diesem Moment wurde mir klar, dass der Faschismus in Europa wiederbelebt worden war. Jetzt lebe ich im Donbass, und ich sehe, dass meine Schlussfolgerung über den ukrainischen Faschismus leider richtig war.

In all diesen acht Jahren, von 2014 bis 2022, hat sich der Nazi-Staat Kiew auf einen großen Krieg vorbereitet. Sie glaubten, wenn sie den Donbass angreifen, würde die russische Führung zu viel Angst haben, um in diesen Konflikt verwickelt zu werden. Aber sie haben sich geirrt. Russland hat uns, die Menschen im Donbass, vor der ukrainischen Armee gerettet. 

Die derzeitige Situation ist schlecht, denn die ukrainische Führung will Rache nehmen. 

Wir haben unsere eigenen Ziele, zum Beispiel die Befreiung meiner Heimatstadt Odessa von der ukrainischen Besatzung. Das ukrainische Regime hat seine eigenen Ziele – den Donbass und die Krim zu besetzen. Aber wenn wir den Krieg beenden wollen, müssen wir uns gegenseitig Zugeständnisse machen. 

Wir wären bereit, diesen Krieg zu beenden, wenn die ukrainischen Streitkräfte dies auch sind. Aber sollte dies ein Trick sein, um Zeit zu gewinnen und die ukrainische Armee weiter aufzurüsten, würde das bedeuten, dass der Krieg später fortgesetzt würde, nur hätten sie dann eine deutlich bessere Ausgangsposition. Die einzige Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden, besteht also darin, die Militärlieferungen an die ukrainische Armee einzustellen.

Wenn die europäische Friedensbewegung dazu beitragen will, diesen Krieg zu beenden, muss sie Massenproteste gegen die Lieferung von Militärgerät an die ukrainische Armee organisieren. Es gibt keinen anderen Ausweg. 

Solange Europa und die USA die Ukraine unterstützen, wird auf beiden Seiten Blut vergossen werden. 

Liebe Genossen der Kommunistischen Organisation: Ich danke Euch und allen Genossen, die Eure Meinung teilen, für Eure Haltung zu diesem Krieg! 

Jeder Krieg hat ein Ende. Und es ist sehr wichtig, starke Bindungen aufzubauen, die auf Freundschaft, Respekt und Gleichheit beruhen.

Sie werden nicht siegen! ¡No pasarán!

To the Comrades and the Peace Movement in Germany:

The neo-Nazi movement in Ukraine has grown since the first Maidan in 2004 (the so called “Orange Revolution”), when Viktor Yushchenko, his wife a US citizen with close ties to the CIA, became president of Ukraine. His politics were built on support of the far-right groups that receive finances for their activities and access to the central media. Their leaders became chiefs of the regional state departments in exchange for getting knowledge of administrative work. 

In this period, contradictions that existed between the Western and Southeastern parts of Ukrainian society became really strong. Citizens of Western Ukraine became a social base for the far-right organizations and groups that already controlled regional councils there.

These circumstances lead to the coup d’état in 2014 (the so called “Euromaidan”), in which the elected president Viktor Yanukovych was overthrown. Of course, the people of the Southeast did not want to accept this new regime, the first law of which restricted the use of their native Russian language. But we thought that we could reach our goals of federalization in a peaceful way.

Unfortunately, our peaceful protests were drowned in blood and burned in the fire of the Trade Union House in Odessa. I was a witness of this massacre. In that moment, I realized that fascism in Europe had been revived. Now I’m living in Donbass, and I see that my conclusion about Ukrainian fascism was sadly correct.

All those eight years, from 2014 to 2022, the Nazi state of Kiev had been preparing for a big war. They believed that if they attacked Donbass, the Russian leadership would be too afraid to be involved in this conflict. But they were incorrect. Russia saved us, the people of the Donbass, from the Ukrainian army. 

The current situation is bad, because the Ukrainian leadership wants to take revenge. 

We have our own aims, for example the liberation of my native city Odessa from Ukrainian occupation. The Ukrainian regime has its own aims – to occupy Donbass and Crimea. But if we want to stop the war, we must make concessions to each other. 

We would agree to stop this war, if Ukrainian forces stopped. But if this would be a trick to buy time to make their army stronger, it would mean the war would be continued later, only they would be much better prepared. So the only way to end this war is to stop military supplies to the Ukrainian army. 

If the Peace Movement of Europe wants to help end this war, they need to organize mass protests against sending military supplies to the Ukrainian army. There is no other way out. 

As long as Europe and the USA support Ukraine, blood will be shed on both sides. 

Dear comrades of the Communist Organization: Thank you and all comrades who share your opinion, for your position concerning this war! 

Every war has an end. And it is very important to form strong bonds based on friendship, respect and equality.

They won’t win! ¡No pasarán!

Kampf für Frieden heißt: Für die Niederlage der NATO und des deutschen Imperialismus – weltweit!

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Stellungnahme der Kommunistischen Organisation zum Weltfriedenstag am 1. September 2023

In den Alldeutschen Blättern, Sprachrohr der industriellen Elite des Deutschen Reichs, war im Januar 1884 zu lesen: „Der alte Drang nach Osten soll wieder lebendig werden. Nach Osten und Südosten hin müssen wir Ellbogenraum gewinnen, um der germanischen Rasse diejenigen Lebensbedingungen zu sichern, deren sie zur vollen Entfaltung ihrer Kräfte bedarf, selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken, die das Nationalitätsprinzip anrufen, ihr für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten.“1Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 121 Für den Alldeutschen Verband und die deutsche Monopolbourgeoisie war klar: „Der Kompaß der Germanen zeigt nach Osten.“2Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich: Sprache, Rasse, Religion; Uwe Puschner 2001, S. 153 Mit dem ersten und zweiten Weltkrieg unternahm der deutsche Imperialismus zwei Anläufe diese Ziele zu verwirklichen – mit katastrophalen Folgen für die Völker der Welt.

Nach dem Sieg über das faschistische Deutschland wurde der 1. September in der DDR als Antikriegstag begangen, um für den Weltfrieden einzutreten und an die Verbrechen der Faschisten im zweiten Weltkrieg zu erinnern. Am 1. September 1939 begann der zweite Weltkrieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen. Dieser Krieg begann mit einer Lüge und kostete in seiner Folge Millionen von Menschen das Leben. Knapp zwei Jahre später folgte der Angriff auf die Sowjetunion – das eigentliche Expansionsziel des faschistischen Deutschlands.

Heute, ein Dreivierteljahrhundert später, stehen in der Ukraine erneut deutsche Panzer gegen Russland. Im Rahmen des von der NATO geführten Krieges gegen Russland unternimmt der deutsche Imperialismus einen weiteren Versuch, seine Ziele im Osten zu verwirklichen und sich militärisch in Stellung zu bringen. Das Streben des deutschen Imperialismus seinen Einfluss „von Bordeaux bis Odessa“3Carl Duisberg, Rede vom 24. März 1931. Carl Duisberg war Direktor von Bayer, Gründungsmitglied IG Farben und Geheimer Regierungsrat. (Carl Duisberg 1931), oder sogar von „Lissabon bis Wladiwostok“ (Angela Merkel 2015)4https://www.fr.de/politik/merkel-lockt-russland-11161152.html auszuweiten, besteht bis heute. Auch heute wird die Bevölkerung durch Lügen manipuliert, um Waffenlieferungen, Kriegseinsätze oder Wirtschaftskriege zu rechtfertigen, die dazu dienen, Macht- und Wirtschaftsinteressen durchzusetzen. Wer es dennoch wagt, den Kriegskurs der Bundesregierung anzugreifen und die Verschlechterungen der Lebensbedingungen zu kritisieren, riskiert mit Repressionen belegt zu werden – die Heimatfront muss stehen. Die aktuelle Kampagne und Verfassungsbeschwerde der DKP gegen den Paragraphen 130 ist dabei eine wichtige Initiative zum Kampf gegen die Kriegspolitik.5https://www.unsere-zeit.de/bangemachen-gilt-nicht-4783063/

Aber nicht nur in der Ukraine werden imperialistische Interessen mit militärischen Mitteln durchgesetzt. In vielen Teilen der Welt werden Kriege geführt, in denen NATO-Länder eine entscheidende Rolle spielen. Überall auf der Welt sind die Militärbasen der NATO-Staaten, insbesondere der USA verteilt. In Syrien und Jemen führt der Westen weiterhin Krieg und in Afghanistan wurden erst kürzlich – nach über 20 Jahren Krieg und Besatzung – die letzten NATO-Truppen abgezogen. Das Land wird seitdem durch Sanktionen und das Einfrieren von Geldern erdrosselt; große Teile der Bevölkerung leiden Hunger. Seit 1945 sind allein durch die Kriege der USA mehr als 20 Millionen Menschen in 37 Ländern getötet worden.6https://www.globalresearch.ca/us-has-killed-more-than-20-million-people-in-37-victim-nations-since-world-war-ii/5492051 Auch in Europa wurden nach Ende des zweiten Weltkriegs Ländergrenzen mit militärischer Gewalt verschoben – in einem blutigen Krieg der NATO gegen Jugoslawien, bei dem Deutschland eine führende Rolle einnahm. Doch die westlichen Großmächte setzen ihre Interessen nicht nur mit kriegerischen Mitteln durch, sondern greifen auf verschiedene Instrumente zurück, mit denen sie andere Länder erpressen und gefügig machen. Der finanziellen Erpressung, den Embargos und Sanktionen des Westens fallen tausende Menschen zum Opfer, ohne dass eine einzige Patrone verschossen werden muss.

Der Trikont wehrt sich – und wir stehen hinter ihm

Auf dem Afrikanischen Kontinent sieht man zurzeit eindrücklich, wie die alten Kolonialmächte und die USA um ihre ökonomische Vormachtstellung ringen. Nach Burkina Faso und Mali beginnt nun auch Niger sich gegen die neokoloniale Besatzung zu wehren. Das ist ein klarer Fortschritt für die Bevölkerung dieser Länder, der eine wichtige Grundlage für weitere Kämpfe der Arbeiterklasse darstellt. Auch wenn Frankreich bei der Niederhaltung dieser Bewegungen eine führende Rolle einnimmt und mit der Kolonialwährung CFA über weitreichende Druckmittel verfügt, profitiert die BRD maßgeblich von der westlichen Herrschaft über den Sahel und ist bestrebt, ihren Einfluss weiter auszubauen. So hat Deutschland mehrere Initiativen vorangetrieben, die das wirtschaftliche Engagement deutscher Unternehmen in afrikanischen Staaten voranbringen sollen, wie z.B. die G20-Initiative „Compact with Africa“ (CwA). Dabei wird heuchlerisch von „Partnerschaften auf Augenhöhe“ gesprochen. Aber diese Partnerschaften verfolgen das Ziel, deutsche Interessen in Afrika durchzusetzen. Dabei geht es um den raubhaften Abbau von Ressourcen, die für die Warenproduktion in den imperialistischen Staaten benötigt werden. Außerdem ist die Öffnung der afrikanischen Märkte für deutsche Investitionen ein wichtiger Faktor in der Strategie des deutschen Imperialismus. Dafür bedient man sich auch militärischer Mittel: In den UN-Missionen in der Sahelzone MINUSMA (Mali) und EUPM (Niger) geht es angeblich um Terrorbekämpfung, aber in ihren Leitlinien zur Afrikapolitik formuliert die Bundesregierung ganz unverblümt, dass Handelswege offengehalten werden sollen, während man gleichzeitig Migration begrenzen möchte. Ein wichtiger Erfolg des antiimperialistischen Kampfs war, dass die Regierung in Mali die Truppen Frankreichs und Deutschlands rausgeworfen hat!

In Niger, wo die neue Regierung mit breiter Unterstützung der Bevölkerung und mit Hilfe Russlands die westliche Einmischung zurückdrängt, wächst derzeit die Gefahr einer militärischen Intervention. Eine breite antikoloniale Vereinigung afrikanischer Staaten, wie sie zuletzt von der afrikanischen Union unter Führung Libyens forciert wurde, soll mit allen Mitteln verhindert werden. 2011 folgte auf den Versuch, einer solchen Einigung näherzukommen die brutale Zerschlagung Libyens durch den Westen und die Ermordung Muammar al-Gaddafis. Doch auch wenn es nicht zu einem direkten Militäreinsatz kommt, steht Niger vor großen Problemen. Abgeschnitten von finanziellen Mitteln und Elektrizität, drohen die westlichen Sanktionen zur Katastrophe für die Bevölkerung zu werden. Es befinden sich noch hunderte US-Soldaten im Land und die EU plant bereits den nächsten Einsatz in Ghana, Togo, Benin und der Elfenbeinküste.

Der grausame Kolonialismus, der in neuer Gestalt bis heute fortbesteht, die Unterstützung und der Aufbau faschistischer Diktaturen, Regime-Wechsel, wie diejenigen, die bis heute von den USA in Südamerika organisiert werden, militärische Interventionen, die unliebsame Regierungen beseitigen und ganze Länder ins Chaos stürzen, oder grausame Sanktionen, denen tausende Frauen und Kinder zum Opfer fallen – das sind die Stützpfeiler einer Weltordnung, die die Vorherrschaft der westlichen Großmächte absichert.

Gegen den normalen Kriegszustand

In der Nationalen Verteidigungsstrategie der USA aus dem Jahr 2018 stellt das Pentagon fest, dass diese Weltordnung „derzeit von Russland und China untergraben wird, die die Grundsätze und Regeln der internationalen Beziehungen verletzen“. Tatsächlich unterstützen Russland und China Bewegungen und Regierungen in Süd- und Mittelamerika, in Afrika, aber auch im nahen und mittleren Osten, die sich der westlichen Herrschaft nicht länger beugen wollen. Dabei werden nicht nur fortschrittliche oder sozialistische Kräfte unterstützt und selbstverständlich hört der Kampf der unterdrückten Klassen mit der Schwächung des westlichen Einflusses nicht auf. Doch bei allen Widersprüchen, die in diesen neuen Allianzen zum Ausdruck kommen, eröffnet die von Russland und China geleistete Unterstützung mitunter neue Spielräume in den Kämpfen für nationale Befreiung, Demokratisierung und Sozialismus. Doch diese Kämpfe gefährden die von den USA angeführte Weltordnung der imperialistischen Großmächte – darin liegt ein wichtiger Grund für den NATO–Krieg gegen Russland und die Kriegsvorbereitungen gegen China.

Aber nicht nur Joe Biden, sondern auch Annalena Baerbock und die gesamte Bundesregierung treten offen als Kriegstreiber auf und rüsten die BRD auf Kosten der Arbeiterklasse zur globalen Militärmacht auf. Denn um den Hunger der deutschen Monopolbourgeoisie auf Rohstoffe, Böden, Arbeitskräfte und Absatzmärkte zu stillen soll Russland ruiniert und gefügig gemacht werden.7https://www.rnd.de/politik/ukraine-krieg-baerbock-ueber-sanktionen-das-wird-russland-ruinieren-RZDYS2DEPRK5OST7ZGGRZ6UN4I.html Das für die Aufrüstung nötige Sondervermögen und die entsprechende Kriegserklärung ließen nicht lange auf sich warten.8https://www.sueddeutsche.de/politik/baerbock-shitstorm-russland-statements-krieg-1.5740445 Doch wenn diese Kriegstreiber Frieden fordern und zurück zum Normalzustand einer „friedlichen Weltordnung” wollen, dann meinen sie einen Normalzustand, in dem viele Völker der Welt dem aggressiven Kriegskurs der NATO schutzlos ausgesetzt sind und der für Millionen Menschen Krieg, Vertreibung, Hunger und Elend bedeutet. Sie meinen einen Frieden, der die Aufrechterhaltung der grausamen westlichen Weltordnung absichert und es den deutschen Imperialisten ermöglicht, jenen Weg weiterzugehen, den der „germanischen Kompaß“ ihnen anzeigt. Das ist der Frieden, den sich die Herrschenden in Deutschland, Frankreich oder den USA wünschen.

Der Kampf gegen diese Weltordnung ist ein gemeinsamer Kampf der unterdrückten Klassen der Welt. In Deutschland müssen wir uns dafür gegen unseren Hauptfeind stellen, den deutschen Imperialismus sowie die NATO – das aggressivste Militärbündnis der Welt. Doch dieser Konsens wird heute nicht nur von sozialdemokratischen Kräften, sondern auch von Teilen der Friedensbewegung infrage gestellt. Wir dürfen uns nicht von den Lügen der Herrschenden blenden lassen und müssen die Relativierung ihrer Verbrechen klar zurückweisen. Deshalb fordern wir:

Den deutschen Imperialismus entwaffnen: Rheinmetall und Co. enteignen!

Nieder mit der NATO – Deutschland raus aus der NATO, NATO raus aus Deutschland!

Solidarität mit den Bewegungen in Südamerika, Asien und Afrika, die sich der westlichen Herrschaft entgegenstellen.

Referenzen

Faschisten bekämpfen – auch „anti-autoritäre“: Solidarität mit Susann Witt-Stahl und der jungen Welt!

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Am 17. August versammelten sich eine Handvoll, sich selbst „anti-autoritär“ nennender Faschisten-Kollaborateure vor den Redaktionsräumen der jungen Welt (jW), sie protestierten gegen die linke Tageszeitung und im Besonderen gegen deren Autorin Susann Witt-Stahl[i]. Zuvor hatten sie bereits in sozialen Medien Susann Witt-Stahl und die jW massiv angegriffen und dazu aufgerufen, auch Verteiler der jungen Welt auf Demos anzugreifen.

Die beteiligten Gruppen wurden von Susann Witt-Stahl, die auch Referentin beim Kommunismus-Kongress Anfang Oktober sein wird, der Kollaboration mit Faschisten überführt: Sie führen mit diversen Nazis gemeinsam einen hasserfüllten Kampf gegen Russland[ii]. Ihre Behauptungen, sie seien Antifaschisten, sind reiner Hohn. Sie sind Teil der NATO-Banderisten-Front.

Ihre Rolle ist hierbei, Aggression und Druck auf Antifaschisten in Deutschland auszuüben, den Antifaschismus in den Dreck zu ziehen und widerwärtige Positionen in der politischen Linken hierzulande salonfähig zu machen. Sie wollen die Akzeptanz von offensichtlichen Faschisten durchsetzen und alle, die sich ihnen in den Weg stellen, einschüchtern.

Sie sind Ausdruck einer Entwicklung in der Linken, die sehr gefährlich ist. Dazu gehören innerhalb der Linkspartei vor allem offene Unterstützer von Waffenlieferungen an das Selenskij-Regime und Kräfte, die unverhohlen mit Asow-Faschisten kollaborieren, wie wir es mit Blick auf Leipzig bereits thematisiert haben.[iii] Die „demokratischen“ Parteien skandieren den Faschisten-Gruß „Slawa Ukrainji“, die AfD fordert mehr deutsche Rüstung und Kriegsfähigkeit und die Neonazis vom III. Weg kämpfen ebenso wie die „anti-autoritären“ Faschisten-Freunde auf Seiten der Ukraine und der Nato-Kamarilla. Sie alle eint der Kampf gegen Russland.

In der linksradikalen, „undogmatischen“ Szene kommt es seit Beginn der Militäroperation Russlands zu massiven reaktionären Entwicklungen: Unter der Parole „Decolonize Russia!“ wird ganz im Sinne der Aufteilungspläne des NATO-Imperialismus die Zerstückelung Russlands im angeblichen Interesse der „Selbstbestimmung“ der dort lebenden Völker gefordert. Netzwerke mit entsprechender Agenda werden seit Jahrzehnten in Europa und Russland aufgebaut, unterstützt und gelenkt.[iv]

Die Gefahr, die von dieser Entwicklung ausgeht, darf nicht unterschätzt werden. Die Regierungslosung, es gehe in der Ukraine um „Verteidigung“, findet eine gewisse Akzeptanz auch in der linken Bewegung, die dann auch Nazis einschließen kann, da diese eben „nur verteidigen“ würden. Diese Billigung von Faschisten drückt sich oft eher in stillschweigender Hinnahme oder Ignoranz denn in offenen Bekenntnissen und Solidarisierungen aus. Die Aggression der Faschisten-Kollaborateure wie der Gruppen Radical Aid Force oder Popular Front sowie der mit ihnen verbundenen Organisationen dürfen wir nicht weiter ignorieren. Wir sollen eingeschüchtert werden. Diese Kräfte wollen verhindern, dass wir klare und starke Positionen gegen die NATO und den deutschen Imperialismus beziehen.

Die Aushöhlung und Zersetzung antifaschistischer Bewegungen findet seit langem statt. Die sog. „Antideutsche“ und „Antinationalen“, die beide als pro-imperialistisch und in diesem Sinne als pro-deutsch zu bezeichnen sind, spielten dabei in den vergangenen Jahrzehnten eine zentrale Rolle. Diese Funktion wird nun von den Kräften übernommen, die jegliche Position angreifen, die sich konsequent gegen die NATO stellt. Es handelt sich somit nicht um ein neues Phänomen, sondern um die Fortsetzung einer schon langen anhaltenden, gefährlichen Entwicklung.

Die Durchsetzung der NATO-Ukraine-Front in Deutschland bedeutet das Zurückdrängen letzter antifaschistischer und antiimperialistischer Positionen in der politischen Linken. Jeder Angriff, jede Verleumdung und jede Einschüchterung müssen entschlossen zurückgewiesen werden!

Die junge Welt ist ein wichtiges Organ im Kampf gegen die NATO und deshalb ein Dorn im Auge aller pro-imperialistischen Kräfte. Die Recherchen von Susann Witt-Stahl sind ein wichtiger und wertvoller Beitrag im Kampf gegen den Faschismus. Sie müssten viel mehr verbreitet und in der Bewegung genutzt werden. Es müssten zudem viel mehr Auseinandersetzungen darum stattfinden, wie diese Rehabilitierung des Faschismus bekämpft werden kann!


[i] https://twitter.com/RadicalAidForce/status/1692282008712380800

[ii] https://www.jungewelt.de/artikel/456161.ukraine-krieg-wir-kämpfen-gegen-denselben-feind.html

[iii] https://kommunistische-organisation.de/bericht/kuscheln-mit-asow-in-leipzig/

[iv] https://www.akweb.de/gesellschaft/russland-dekolonisierung-ausstellung-berlin-bethanien/

Hände weg von Niger: Protestaktionen in Frankfurt und Düsseldorf

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In den letzten beiden Wochen haben unsere Genossen in Frankfurt am Main und Düsseldorf Protestaktionen gegen die drohende Militärinvasion in Niger organisiert. Die Aktionen fanden vor dem Hintergrund statt, dass nach Burkina Faso und Mali nun auch in Niger die pro-westliche Regierung durch das dortige Militär gestürzt wurden. Da dieser Umsturz nicht nur die westliche Militärpräsenz in der Sahel-Region, sondern die gesamte Vorherrschaft speziell Frankreichs in Westafrika zu beenden droht, reagierten vor allem Paris, aber auch Washington höchst aggressiv. Zuletzt drängten sie vor allem die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS), einen Stellvertreterkrieg in Niger zu führen und die Putschregierung zu stürzen. Nachdem zunächst der nigerianische Senat und zuletzt auch die Afrikanische Union (AU) einer solchen Invasion eine Absage erteilt haben, scheint diese Gefahr nun — zumindest vorerst — abgewendet. Ein politischer Sieg und ein weiteres Zeichen dafür, dass die westliche Hegemonie in Afrika geschwächt ist.

Sowohl in Düsseldorf als auch in Frankfurt zogen wir gemeinsam mit anderen Einzelpersonen aus der kommunistischen, der Friedensbewegung sowie afrikanischen Communities vor die jeweiligen französischen Konsulate. In Redebeiträgen, Parolen und auf Schildern in Deutsch, Englisch und Französisch wurden u. a. das Ende des Neokolonialismus und der westlichen Vorherrschaft in Afrika, der Abzug des französischen, US-amerikanischen und deutschen Militärs aus den Sahel-Ländern und der Stopp der Drohungen gegen Niger gefordert. In Düsseldorf zeigte einer unserer Genossen den Zusammenhang zwischen der Flüchtlingsfrage und der westlichen Afrika-Politik auf: Zum einen lösen die neokoloniale Ausbeutung und Kriege Fluchtbewegungen (auch, aber nicht nur nach Europa) aus, zum anderen werden afrikanische Länder, darunter auch Niger, von Brüssel, Berlin und Paris zum verlängerten Grenzregime der EU gegen Geflüchtete ausgebaut. Andrej Hunko von der Linkspartei ging auf die Rolle Deutschlands in Mali und Niger ein und einem Genossen von Samidoun betonte den gemeinsamen Kampf gegen Kolonialismus, und Imperialismus, den das palästinensische Volk und die Völkern Afrikas eint. In Frankfurt betonten Genossen aus Burkina Faso, Mali und Namibia in ihren Redebeiträgen u. a. die Notwendigkeit panafrikanischer Einheit im Kampf gegen den Neokolonialismus.

Düsseldorf

Obwohl für beide Kundgebungen erst sehr kurzfristig mobilisiert wurde — im Fall Düsseldorfs nur vier Stunden vor Beginn der Veranstaltung — konnten wir mehrere Leute aus verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und verschiedensten Städten erreichen. Trotzdem hat die gesamte Entwicklung rund um Niger deutlich Schwächen von uns wie auch von der gesamten kommunistischen und der Friedensbewegung aufgezeigt: Das offensichtlichste Manko ist die Tatsache, dass wir uns sehr schlecht in Afrika auskennen und den Kontinent lange kaum auf dem Schirm hatten — und das, obwohl seit dem Abzug der NATO aus Afghanistan in Mali der größte Auslandseinsatz der Bundeswehr stattfand bzw. noch immer stattfindet.

Frankfurt

Mit der Konterrevolution und spätestens seit dem Ende der Apartheid in Südafrika lösten sich die Verbindungen kommunistischer und internationalistischer Kräfte in Deutschland zu den Kämpfen in Afrika weitgehend auf. Jetzt drängt die Region wieder mit aller Wucht in unseren Fokus. Wir müssen begreifen, dass die Kämpfe der afrikanischen Völker und die Verschiebung der Kräfteverhältnisse, die wir aktuell im Sahel beobachten können, untrennbar mit den sich derzeit verändernden globalen Machtverhältnissen zusammenhängen. Der Sahel ist damit zu einem Hoffnungsträger und einem möglichen Vorkämpfer gegen die westliche Welthegemonie geworden! Zugleich droht er zum Brandherd zu werden, weil die Imperialisten ihre Macht natürlich nicht kampflos aufgeben wollen. Angesichts dessen dürfen die kommunistische und die Friedensbewegung sich nicht nur auf den einen Schauplatz konzentrieren, nur weil er direkt vor unserer Haustür liegt. 

Um diese Entwicklungen, die Potentiale und Gefahren, einschätzen zu können, müssen wir uns wieder aktiver und intensiver mit Afrika beschäftigen. Dazu gehören einerseits Fragen nach der Strategie des Imperialismus gegenüber den afrikanischen Ländern, der Konkurrenz etwa zwischen Frankreich/Françafrique und USA/AFRICOM und natürlich der Rolle Deutschlands auf dem Kontinent. Andererseits aber auch nach Strategien der Befreiung in Vergangenheit und Gegenwart: Welche Wege wurden im Kampf gegen Kolonialismus und Neokolonialismus im letzten Jahrhundert eingeschlagen? Welche Rolle spielten etwa panafrikanische Konzepte und wie sind sie aus marxistischer Sicht zu betrachten? Was hat sich seit der Konterrevolution verändert? Wie ist die kommunistische Bewegung in den verschiedenen Ländern heute aufgestellt, welche Vernetzungen gibt es dort, welche Debatten, welche Strategien? Wie drückt sich die Krise der internationalen kommunistischen Bewegung bei den dortigen Genossen aus? Und natürlich: Welche Rolle nehmen Russland und China im Ringen der afrikanischen Ländern im Kampf gegen die westliche Vorherrschaft ein?

Spendenaufruf zum Kommunismus Kongress 2023

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For English see below

Im Oktober richten wir den diesjährigen Kommunismus Kongress in Berlin aus. Wir haben dazu verschiedene Experten, Aktivisten und Autoren aus aller Welt eingeladen, um einen spannenden und umfangreichen Kongress zu veranstalten und so die Diskussionen, um den Imperialismus, Dynamiken und Veränderungen in der Weltordnung und antiimperialistische Gegenbewegungen gegen Unterdrückung und Krieg in der kommunistischen Bewegung  zu bereichern. Wir haben Redner aus verschiedenen Ländern eingeladen und werden zudem zweisprachige Podien veranstalten, wie ihr dem Programm entnehmen könnt. 

Um euch zu zeigen, was die Durchführung eines Kongresses in dieser Form kostet, d. h. wofür Ticketeinnahmen und Spenden eingesetzt werden, haben wir hier eine kleine Aufstellung der Ausgaben für den Kongress für euch: 

Miete der Veranstaltungsräume: 6210 € 
Übersetzung vor Ort und Technik dafür: 2650 € 
Unterbringung und Reisekosten Referenten: 3361 € 
Druck der Zeitung zum Kommunismus-Kongress: 957 € 
Weitere Flyer und Werbung: ca. 2500 € 
Sonstige Kosten (Material vor Ort, Technik,…): 600 € 

Der Kongress kostet also ca. 16.278 €. Auf der Einnahmen-Seite stehen vor allem die Ticketeinnahmen – und eure Spenden!  

Wir wollen einen bezahlbaren Kongress bieten. Deswegen sind wir auf eure Unterstützung angewiesen. Dies gilt umso mehr, nachdem uns im Zuge einer Fraktionierung und Abspaltung Ende letzten Jahres beinahe komplett unsere finanziellen Mittel gestohlen wurden. 

Wir bitten um Geldspenden auf folgendes Konto, um die Durchführung des Kongresses zu ermöglichen. Jeder Euro zählt!

Kontoinhaber: Verein für internationale Bildung und Solidarität
IBAN: DE88 8605 5592 1090 3249 91
BIC: WELADE8LXXX
Verwendungszweck: Spende Kongress

Oder via Paypal an kongress2023@gmx.de


Call for donations to the Communism Congress 2023

In October we are hosting this year’s Communism Congress in Berlin. We have invited various experts, activists and authors from all over the world to organize an exciting and comprehensive congress to enrich the discussions around imperialism, dynamics and shifts in the world order and anti-imperialist counter-movements against oppression and war in the communist movement. We have invited speakers from different countries and will also organize bilingual panels, as you can see from the program. 

Inevitably, we are facing high costs: the live translation that we have organized costs almost 3000€, moreover, costs for the space are much higher than last year with more than 6000€. Costs for advertising and material, as well as travel expenses and accommodation for the speakers are to be added. We want to offer an affordable congress. Therefore we are dependent on your support. This is even more true after our financial means were almost completely stolen in the course of a factioning and splitting off at the end of last year. 

We ask for donations to the following account to make the congress possible. Every Euro counts!

Account holder: Verein für internationale Bildung und Solidarität
 IBAN: DE88 8605 5592 1090 3249 91
 BIC: WELADE8LXXX
 reason for payment: donation congress

Or via Paypal to kongress2023@gmx.de

Aktionsbericht: Zusammen gegen die Ermordung der Brüder-Kononovich!

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Unsere Genossen in Berlin, Chemnitz, Frankfurt a.M. und Leipzig haben sich in den letzten Tagen und Wochen solidarisch mit den Brüdern Kononovich gezeigt und gemeinsam mit anderen Kräften der kommunistischen Bewegung einige Aktionen und Kundgebungen organisiert, angesichts ihrer drohenden Ermordung in Kiew.

Auf die akute Morddrohung gegen die Brüder und Antifaschisten Kononovich machte die Berliner Ortsgruppe zusammen mit Genossen der DKP und SDAJ lautstark aufmerksam. Trotz der kurzfristigen Mobilisierung waren knapp 50 Teilnehmer dem Aufruf »Freiheit für die Kononovich-Brüder! Stoppt ihre Ermordung« gefolgt und setzten mit einer Kundgebung am Rosa-Luxemburg-Platz ein deutliches Zeichen gegen den Schauprozess und gegen die Misshandlung der führenden Mitglieder der kommunistischen Jugend der Ukraine – und prangerten die Untätigkeit von Bundesregierung und europäischer Behörden für den Schutz der Geschwister an. Redebeiträge betonten den hierzulande in der Öffentlichkeit so gut wie vollständig verschwiegenen Fakt der systematischen politischen Verfolgung von Linken und Antifaschisten, Gewerkschaftern, Kommunisten und Russen in der Ukraine, die Tausende betrifft. Die Redner stellten heraus, dass dieses harte Vorgehen Teil der Kriegspolitik gegen Russland ist, die von der NATO und auch von der Bundesregierung vorangetrieben wird. Mit den Sprechchören »Nein zum Krieg heißt Nein zur NATO« und »Free free Kononovich« endete die Aktion in Berlin-Mitte, die bei Passanten spürbar Interesse weckte.

Am Freitag, dem 14.07.2023 kam die deutsche Außenministerin nach Chemnitz, begleitet
wurde sie dabei vom Bruder des Kiewer Bürgermeister Wladimir Klitschko. Zusammen machten wir mit den FreiDenkern und der DKP auf den deutschen Imperialismus und seinen Krieg gegen Russland aufmerksam und bezogen klare Position gegen die NATO. Man verwies in verschiedenen Redebeiträgen auf die drohende Ermordung der Brüder Kononovich und das Handeln der ukrainischen Regierung. Die Unterstützung Kiews vom deutschen Imperialismus und der Antikommunismus der Bundesregierung wurde hervorgehoben und in Gesprächen mit Passanten diskutiert.

Am 10.07. wurde eine Kundgebung vor dem ukrainischen Generalkonsulat in Frankfurt a.M. abgehalten. Es wurde gegen die drohende Ermordung der Brüder Kononovich protestiert und ihre sofortige Freilassung gefordert. Es wurde die bisherige Geschichte von Gefängnis, Folter und Hausarrest vorgetragen sowie der alarmierende Aufruf der beiden Antifaschisten. Es wurde außerdem auf die Rolle Deutschlands bei der faschistischen Entwicklung der Ukraine sowie die Verfolgung von Antifaschisten und Minderheiten wie der Sinti und Roma verwiesen. Das Ordnungsamt wollte die Veranstaltung zunächst auf einen abgelegenen Platz verlegen, was aber verhindert werden konnten. Es war soweit bekannt ist, die erste Kundgebung gegen die Verhältnisse in der Ukraine seit langer Zeit, vermutlich seit 2014.

In Leipzig wurde sich mit der DKP an zwei Aktionen gegen die Ermordung der Kononovich-Brüder beteiligt. Dabei verteilte man Flyer, die auf eine Petition zur Freilassung der Brüder hinweisen und ist mit Passanten und Besuchern des am 10.07. stattgefundenen Friedensgebets ins Gespräch gekommen. Bei der zweiten Aktion vor dem Leipziger Stadtbüro, einem Ort an dem die Bürger der Stadt ihre Anliegen vorbringen sollen, wurde ein offener Brief übergeben, adressiert an den Leipziger Bürgermeister, mit der Forderung sich gegen die Ermordung der beiden einzusetzen. Auch hat man in Gesprächen auf die besondere Verantwortung hingewiesen, die Leipzig als Partnerstadt von Kiew spielt, wo die beiden derzeit in Hausarrest verbleiben müssen.

Stoppt die Ermordung der Brüder Kononovich!
Kampf dem deutschen Imperialismus!
Hoch die internationale Solidarität!