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Rezension: Antiimperialismus konkret: Ami go home!

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Von Noel Bamen

Wilhelm Langthaler / Werner Pirker: Ami go home. Zwölf gute Gründe für einen Antiamerikanismus, Wien: Promedia 2003. 159 Seiten.

Auf dem Zenit der Macht

Vor 20 Jahren erschien im Wiener Promedia-Verlag das Buch „Ami go home“, gemeinsam verfasst von Wilhelm Langthaler und Werner Pirker (1947-2014). Letzterer war zwischen 1975 und 1991 Redakteur der Wiener Volksstimme, anschließend als Korrespondent in Moskau tätig und in den Jahren 1997-2000 stellvertretender Chefredakteur der jungen Welt. Danach arbeitete er als freier Journalist in Wien. Willi Langthaler, aus dem trotzkistischen Spektrum stammend, war um die Jahrtausendwende herum vor allem aktiv gegen die Zerstörung Jugoslawiens durch die NATO, gegen die US-Invasion im Irak und in der Palästina-Solidarität. Später engagierte er sich u. a. für den Euro-Exit und in der Donbas-Solidarität. Als Vertreter der Antiimperialistischen Koordination (AIK) wird er an unserem Kommunismus Kongress auf dem Podium zur antiimperialistischen Strategie und dem Verhältnis zwischen Antiimperialismus und Kampf für den Sozialismus sitzen.

Das Buch erschien im Hochsommer 2003, ein halbes Jahr nachdem die US-Imperialisten und ihre Verbündeten in den Irak einmarschiert waren und knapp zwei Jahre nachdem die NATO in Afghanistan eingefallen war. Vier Jahre zuvor hatte der Westen Jugoslawien endgültig den Rest gegeben und seit drei Jahren wurden die Palästinenser, die sich zur Zweiten Intifada erhoben hatten, von den Zionisten wieder reihenweise abgeschlachtet. Putin, seit vier Jahren an der Macht, versuchte noch, Russland auf Augenhöhe in den Westen zu integrieren, und China galt weithin als verlängerte Werkbank Europas und als Zulieferer von Billigprodukten. Moskau wie Peking nahmen die Kriege des Westens in Südosteuropa und im Nahen und Mittleren Osten hin, arrangierten sich sogar mit ihnen. Mit anderen Worten: Die USA und der Westen waren auf dem Zenit ihrer Macht und konnten tun und lassen, was sie wollten, ohne auf zwischenstaatlicher Ebene auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

Antiamerikanismus gleich Antisemitismus?

Diese mit Gewalt abgesicherte globale Vorherrschaft war im Westen selbst durch ideologische Hegemonie auf dem Gebiet der sog. Zivilgesellschaft gegen ihre zahlenmäßig immer geringeren Kritiker gerüstet: „Antiamerikanismus“ lautete jener Kampfbegriff, den transatlantisch ausgerichtete (Neo-)Konservative, (Links-)Liberale und „Antideutsche“ gegen „Globalisierungskritiker“, Antiimperialisten und Friedensaktivisten in Stellung brachten. Er galt (und gilt vielfach noch bis heute) als „Amoklauf der Irrationalität und des dumpfen Ressentiments“, wie die Autoren einleitend festhalten. Und noch schlimmer: „Damit ist seine Geistesverwandtschaft mit dem Antisemitismus quasi per Definition belegt.“ (S. 7)

So abstrakt und absurd dieser Zusammenhang erscheint: Wer sich je in die Schusslinie der Transatlantiker begeben hat, weiß, dass diese Brücke tatsächlich ganz konkret geschlagen wird. Die ideologischen Wurzeln für diese Behauptung liegen wohl darin, dass Israel (fälschlicherweise) mit dem Judentum gleichgesetzt und die USA und ihre Vorherrschaft in der Welt (korrekterweise) als Garant für die Existenz des zionistischen Regimes angesehen wird. Wenn dann noch mit einer völlig verqueren Brille auf die Tatsache geschaut wird, dass ganz allgemein der Aufstieg des liberalen Bürgertums im Westen die Emanzipation der Juden vorangetrieben hat, dass in den USA der Rassismus gegen Juden angesichts anderer, dominierender Feindbilder (Schwarze, Latinos, Asiaten, Iren, Italiener, Katholiken, …) nie so stark war wie in Europa und daher viele Juden dort Schutz suchten, und dass es in der Folge in der herrschenden Klasse der USA vergleichsweise viele Personen mit jüdischem Background gibt, dann kommt man schnell zu dem im Grunde antisemitischen, allerdings philosemitisch gewendeten Bild, wonach die USA und der Kapitalismus mit dem Judentum gleichzusetzen seien. Dann ist Occupy Wall Street die Wiederholung des Judenboykotts der Nazis, die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon sind „antisemitische Pogrome“ und jeder Protest gegen die Kriege von Washington (und Tel Aviv sowieso) ist die Wiederholung der Appeasement-Politik der Westmächte gegenüber dem faschistischen Deutschland. Von derlei Propaganda konnten die Autoren wohl schon damals ein Liedchen singen: beide wurden selber wiederholt als „Antisemiten“ beschimpft. 

Amerikanismus“ als realexistierender Imperialismus

Mit dem Büchlein stellten sie dem Anti-Antiamerikanismus eine Sammlung von Fakten entgegen. Dabei betonen sie: „Der Antiamerikanismus, den wir meinen, ist nicht gegen das amerikanische Volk gerichtet. (…) Einer der Gründe, die wir für den Antiamerikanismus anführen, ist die innere Repression, die sich gegen Amerikaner richtet.“ (Ebd.) Was der „Amerikanismus“, gegen den sich die Autoren richten, im ideologischen Sinne aus ihrer Sicht ist, versuchen sie im letzten Kapitel zu fassen: eine „direkte Demagogie des Kapitalismus“ (S. 134), zwar durchaus mit allerlei religiösem (konkret protestantischem) und patriotischem Firlefanz geschminkt und mit Rassismus und Chauvinismus abgesichert, aber im Gegensatz etwa zu Faschismus oder Sozialdemokratie ohne soziale oder völkische Demagogie verschleiert und verleugnet. Dafür jedoch mit einem von Grund auf universalistischen Anspruch, der die Rolle der Herrschenden in den USA als Weltpolizei legitimiert. Im Vorwort heißt es mit Blick auf die politische Manifestation dieser Amerikanismus-Ideologie in den letzten Jahrzehnten: „Zwar sind die USA mit dem System des neoliberalen Globalismus nicht identisch, doch sie sind sein Hegemon, gewalttätiger Vollstrecker und Hauptnutznießer.“ (S. 7) An diese Aussage ließe sich indes folgende, erst kürzlich von Willi Langthaler geäußerte Einschätzung bezüglich der Frage, ob China und Russland imperialistische Konkurrenten der USA seien, anschließen: „Der Kapitalismus-Imperialismus ist um die USA organisiert. Keine Macht ist nur annähernd dazu fähig, Washington zu ersetzen.“i

Was der hier noch sehr allgemein bzw. auf ideologischer Ebene gefasste „Amerikanismus“ ganz real für hunderte Millionen weltweit bedeutet, beleuchten die Kapitel 1 bis 11 des Buchs. Dabei wird der Bogen von der durch die siedlerkolonialistische, auf Rassismus, Genozid und Sklaverei beruhende Geschichte der USA bedingte Kultur der Gewalt, die strukturellen Mängel der US-Demokratie und die hemmungslose Ausbeutung von Mensch und Natur über die Dollarhegemonie und die gezielte Zerstörung und Unterwerfung anderer Nationalökonomien mittels IWF und Weltbank bis hin zur zügellosen Kriegspolitik geschlagen. Die Kapitel 7 bis 10 sind gleichsam eine Chronik der Übernahme der Weltherrschaft durch die USA: angefangen bei der Konterrevolution in der Sowjetunion, bei der die USA ihre Finger im Spiel hatten, über die Zerstörung Jugoslawiens, bei der sich die Westeuropäer und vor allem Deutschland laut den Autoren wie „Zauberlehrlinge“ verhielten, die schließlich den „Meister“ (die USA) riefen, (S. 78) um das von ihnen verursachte Chaos wieder zu ordnen (natürlich nicht in Form eines Bundes-, sondern vieler Kleinstaaten), bis hin zu den Invasionen in Afghanistan und Irak.

Im elften Kapitel werfen die Autoren eine in der kommunistischen Bewegung und der antiimperialistischen Linken hoch umstrittenen Frage auf: Sind Deutschland und die EU ein Vasall der USA oder Konkurrenten? Ihr Antwort lautet, dass sich künftige Entwicklungen zwar kaum vorhersagen ließen, die bisherige Geschichte seit 1945 aber klar die Unterordnung Westeuropas unter die USA belege. „Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es nur zwei größere Versuche einer von den USA unabhängigen Politik in Europa: de Gaulles Frankreich in den 1960er Jahren und das wiedervereinigte Deutschland Anfang der 1990er Jahre. (…) Beide Versuche scheiterten, beide erwiesen sich als zu schwach.“ (S. 116) Dabei werden diese Versuche von den Autoren durchaus nicht als automatisch positiv dargestellt. So betonen sie etwa, dass Deutschland unter Kohl die Aggressionen gegen Jugoslawien vom Zaun gebrochen hat. Es handelt sich also erst einmal um eine simple Feststellung. Die halbherzige Opposition Deutschlands und Frankreichs gegen den Irak-Krieg 2003 wird ebenfalls in diese Reihe gestellt. Daher schlussfolgern sie: „Der Irakkrieg hat bewiesen: Die Europäische Union ist entweder proamerikanisch oder sie kann nicht als politische Einheit funktionieren.“ (S. 116 f.)

Aktualisierungsbedürftig, aber lesenswert

Das Büchlein ist durchaus noch heute spannend: Gerade für frisch politisierte Menschen oder Personen, die sich noch nicht besonders mit dem US-Imperialismus auseinandergesetzt haben, gibt es viele Impulse und nennt Fakten, die heutzutage noch unbekannter sein dürften als noch vor 20 Jahren. Allerdings wären mehr Belege und Literaturverweise, bevorzugt in Fußnotenform, hilfreicher als die wenigen verstreuten Hinweise, die in Oxford-Manier in Klammern im Fließtext versteckt sind.

In seinen Entstehungskontext eingebettet kann die Schrift zudem als interessante zeitgenössische Quelle gelesen werden, die Einblick in die damaligen Debatten gibt. Den Jugoslawien-Krieg beispielsweise haben die meisten jüngeren Genossen gar nicht mehr miterlebt und es gibt leider wenig aktuelle Literatur, die dieses für die Weltpolitik, aber gerade auch für die deutsche Friedensbewegung wichtige Kapitel aus einer antiimperialistischen Perspektive mit größerem Abstand und für Einsteiger leicht verständlich aufbereitet. Dieser Krieg steckte den Autoren jedoch erkennbar noch tief in den Knochen. Auch der Irak-Krieg scheint nach Syrien und dem Aufstieg und Niedergang des IS ein abgeschlossenes Kapitel, das jedoch ebenfalls den meisten Jüngeren wenig bekannt sein dürfte. Und das, obwohl die Wurzeln des IS doch genau in diesem Krieg liegen. Die Zweite Intifada ist heute ebenfalls halb vergessen, obwohl es gerade angesichts der aktuell laufenden Dritten Intifada so wichtig wäre, sich mit ihr zu beschäftigen. Zu all diesen Themen findet man Informationen und Einschätzungen in diesem Buch, wenn auch nur jeweils wenige Seiten. Sie sollten zum weiteren Lesen anregen.

Dieser zeitgenössische Charakter ist zugleich die offensichtlichste — und natürlich unumgängliche — „Schwäche“, wenn man dieses Buch heute liest. Vieles müsste aktualisiert werden. So beispielsweise die angehängte Liste der Einrichtungen der US-Streitkräfte im Ausland, die damals weit über 700 Standorte umfasste. Erfreulicherweise darf man heute die vier ersten auf der nach Ländern in alphabetischer Reihenfolge gelisteten Aufzählung, nämlich die in Bagram, Kandahar, Khost und Mazar-e-Sharif, wegstreichen. Auch einige der US-Army-Stützpunkte in Deutschland, die damals noch ganze sechs von insgesamt 14 Seiten füllten, mit dem Verweis, dass es 73 weitere gebe, die aber nicht öffentlich benannt würden, wurden mittlerweile dicht gemacht. 2005 beschloss der Oberste Gerichtshof in den USA zudem endlich, dass die Hinrichtung von Minderjährigen, auf die das Buch in Kapitel 4 eingeht, verfassungswidrig sei. Noch immer gültig ist hingegen der 2001 beschlossene American Service-Members’ Protection Act. Dieses Gesetz befähigt die jeweilige US-Regierung, ihre Soldaten, Politiker und sonstigen Handlanger mit militärischer Gewalt aus Den Haag zu befreien, sollten sie jemals dort wegen Kriegsverbrechen vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden.

Es wäre zudem spannend, zu erfahren, wie zumindest der noch lebende Autor die auf das Jahr 2003 folgenden Jahre verarbeiten würde. Der Irak-Krieg beispielsweise hatte, wie gesagt, eben erst begonnen, als das Buch erschien. Die irakische Armee hatte bereits kapituliert. Der Widerstand der sunnitischen irakischen Bevölkerung, den vor allem die AIK später politisch und auch finanziell unterstützte, stand dagegen noch an seinem Anfang. Zwar diskutierten die Autoren schon damals, dass es auch im schiitischen Klerus „radikale antiamerikanische Anführer“ gäbe, (S. 96) der Name Muqtada as-Sadr schien damals jedoch noch nicht so geläufig, dass er hier schon genannt würde. Trotzdem wird der irakische Widerstand bereits als eine Intifada charakterisiert, „die dem Amerikanismus als globales Gegenmodell zu erwachsen“ drohe. (S. 98) Vor dem Hintergrund, dass sowohl der Widerstand im Irak als auch die Zweite Intifada letztlich niedergeschlagen bzw. „befriedet“ wurden, dass es 2011 in verschiedenen arabischen Länder zu Aufständen kam, die teilweise Errungenschaften brachten, teilweise die Region in Chaos stürzten (Libyen und Syrien), und dass es in Palästina derzeit zu einer neuen Intifada kommt, die gewisse Parallelen, aber auch große Unterschiede zu 2000-06 aufweist, wäre eine Fortschreibung hier besonders spannend. Aber auch mit Blick auf Russland und den Ukraine-Krieg: Schließlich erhofften sich die Autoren vom Widerstand im Irak und in Palästina damals, dass diese zum Katalysator für den Verfall der US-Welthegemonie würden. Eine Hoffnung, die nun viele mit dem Krieg zwischen Russland und der NATO in der Ukraine verbinden.

i https://kommunistische-organisation.de/kommunismus-kongress/vom-antiimperialismus-zum-sozialismus-internationale-strategien-der-arbeiterklasse/

Letzte Infos zum Kongress: Streams, Programm, Tagestickets

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Diesen Freitag (06.10.) beginnt der Kommunismus Kongress in Berlin.

Die Livestreams zu den drei Podien und der Eröffnungsveranstaltung am Freitagabend findet ihr auf unserem YouTube-Kanal, bzw. am Ende dieser Seite.

Am Freitagabend gibt es eine kleine Änderung des Programms – hier der aktuelle Stand: Wir starten mit dem Vortrag von Vashna Jagarnath um 18:30 Uhr. Der Eröffnungsvortrag der KO folgt direkt im Anschluss um 20:00 Uhr. Das aktuelle Programm findet ihr weiterhin hier.

Wir möchten euch hier außerdem mitteilen, dass ihr das ganze Wochenende über Tagestickets zum Kongress zu untenstehenden Preisen kaufen könnt. Kommt also gerne spontan vorbei, auch wenn ihr euch noch nicht angemeldet habt:

Freitag: 5€
Samstag: 20€
Sonntag: 10€

Wir sehen uns am Wochenende!


Podcast #40 – Tings Chak on the development and contradictions of China

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We talked with Tings Chak, internationalist activist, writer, and artist about the development of China, especially the eleviation of poverty. She is the co-founding editor of ⁠“Dongsheng News“⁠, a collective of international researchers interested in Chinese politics and society. We asked her why China is not just another rising capitalist country and about the role of China in the fight for national liberation and sovereignty in the global South. We also talked about the contradictions linked with the politic of opening and reform.

Deutschland der Zeitenwende

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Wir spiegeln hier die Kurzbeiträge der Teilnehmer des Podiums III des Kommunismus-Kongresses 2023, die in der Zeitung zum Kongress veröffentlicht wurden.


Podium III: Sonntag 08.10.23, 13:00 Uhr

Harri Grünberg, Klaus Hartmann, Susann Witt-Stahl, Rainer Perschewski

Wir haben den Teilnehmern des Podiums III folgende Fragen gestellt. Erstens: Was zeichnet das „Deutschland der Zeitenwende“ eigentlich aus? Wo stehen die Friedensbewegung und die (außer-)parlamentarische Linke? Zweitens: Was sind die wichtigsten Ansatzpunkte vor diesem Hintergrund, um in der aktuellen Situation Schritte vorwärts zu machen?


Deutsche Ambitionen

Harri Grünberg war bis 2021 im Parteivorstand der Partei die LINKE, aus der er 2022 austrat. Heute ist er im Bundesvorstand von „Aufstehen“ und wirbt für eine „Wagenknecht-Partei“.

Über ein Jahr tobt bereits der NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine. Wenn wir Friedenskräfte dazu beitragen wollen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, müssen wir auch über die Verantwortung des Westens sprechen, über die Vorgeschichte und die größeren geopolitischen Zusammenhänge. Die Weigerung, die russischen Sicherheitsinteressen anzuerkennen, hat die Lage zugespitzt, die zum Kriegsausbruch führte. Eine Friedensbewegung, die dies nicht mitdenkt, wird niemals ihrer Aufgabe gerecht werden, sondern Sprachrohr der herrschenden Interessen, gefiltert durch die Politik von SPD und Grünen, teils auch der Partei DIE LINKE sein. Die Friedensbewegung wurde von jenen Parteien gespalten, die sich selbstgerecht als Fortschrittsblock verstehen, sich aber im Wesentlichen auf die Seite der NATO gestellt haben.

Die in Russland herrschende Staats-Bürokratie im Bündnis mit dem entstandenen kapitalistischen Sektor vertritt weder die Interessen der russischen Arbeiterklasse noch die des russischen Volkes. Dennoch ist es falsch von einem imperialistischen Russland zu reden und Russland als klassisch kapitalistisch zu bezeichnen ist nur bedingt tauglich. Wir sagen weder Putin noch die NATO. Dennoch müssen wir trotz unserer Kritik an Putin deutlich sagen, dass die NATO diesen Krieg niemals gewinnen darf, denn ein Sieg der NATO heißt finstere Zeiten für den globalen Süden, für Russland und China. Dieser im Wesentlichen antiimperalistische Aspekt ist den meisten sich links nennenden Teilen der Friedensbewegung, vor allem innerhalb der Partei DIE LINKE, verloren gegangen.

Das Deutschland der Zeitenwende und die EU handeln als treue Vasallen der USA. Sie gefährden mit ihrem Kriegskurs die Existenz unserer Länder und Europas insgesamt. Deutschland will an der Seite der USA zur Führungsmacht in Europa aufsteigen und riskiert dabei unter anderem den Konflikt mit Frankreich. Aber vor allem richtet sich Deutschland auf einen langen Konflikt mit Russland ein. Es geht um die geopolitische Herrschaft des deutschen Imperialismus im euroasiatischen Raum als Juniorpartner der USA. Die Ukraine ist der Schlüssel dazu. Folge des Krieges ist auch der wirtschaftliche Abstieg der imperialistischen Mittelmacht Deutschland. Deutschland deindustrialisiert sich zugunsten einer Stärkung des US-Imperialismus. Die sich bereits abzeichnende Krise des Kapitalismus wird durch den Krieg verschärft und damit der Generalangriff auf die über Jahrzehnte erkämpften Errungenschaften der Arbeiterklasse in Europa beschleunigt. Überall in Europa verschlechtert der Krieg die Lebenssituation der Arbeiterklasse und der populären Schichten. Soziales weicht zugunsten der Kriegsausgaben. Das Gesundheitswesen wird demontiert, Rentner werden ärmer, die Bildung für die Volksschichten wird schlechter und die Inflation, auch Folge des entfesselten Krieges, frisst die Löhne auf. Der Reallohn der populären Schichten Europas sinkt. Die Bevölkerung trägt die Kosten für Inflation sowie hohe Lebensmittel- und Energiepreise. Die Gewerkschaften sind kaum in der Lage und willens, den Reallohnverlust zu stoppen. Nicht nur der Krieg, sondern auch der Wirtschaftskrieg müssen beendet werden. Sie schaden der europäischen Industrie und damit auch der Arbeiterklasse in Europa.

Heizung Brot und Frieden sind untrennbar miteinander verknüpft. SPD, Grüne, die Gewerkschaften und auch die sich linksliberal entwickelnde Partei DIE LINKE weigern sich, die soziale Frage mit der Kriegsfrage zu verknüpfen. Wir brauchen aber eine breite Friedensbewegung, die beide Fragen miteinander verknüpft. Die Breite dieser Bewegung muss sich über linke, bürgerlich humanistische Kräfte und alle Menschen, die guten Willens sind und die keinen Krieg und sozialen Krieg wollen, erstrecken. Das schließt organisierte rechte Kräfte aus. Wir brauchen, um einen historischen Vergleich heranzuziehen, eine Volksfront mit antikapitalistischer, antimonopolistischer Ausrichtung. Um den Krieg zu beenden und den Sozialstaat zu verteidigen.

Ein Deutschland der Zeitenwende?

Klaus Hartmann ist Bundesvorsitzender des deutschen Freidenker Verbandes und aktiv in der Friedens- und Antikriegsbewegung. Er arbeitet inhaltlich u.A. zur „Zeitenwende“ in der deutschen Außenpolitik.

igentlich kommt die „Wende“ alle paar Jahre wieder. Bundeskanzler Helmut Kohl verhieß in den 1980er Jahren eine „geistig-moralische Wende“, das meinte den Abbau des Sozialen, die Jugend sollte sich nicht mehr „politisieren“, also sich nicht mehr um gesellschaftliche Probleme kümmern, sondern ihr Glück in der Individualisierung finden. Die nächste „Wende“ kam 1989, so wurde die Konterrevolution in der DDR genannt. Mit ihr wurde der erste und einzige deutsche Friedensstaat begraben. Und zuletzt hat Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Regierungserklärung am 27. Februar 2022 „eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents“ ausgerufen. Den alten und neuen Kalten Kriegern wurde warm ums Herz, den Anhängern der Entspannungspolitik eines Willy Brandt fuhr der Schreck in die Glieder, und den meisten verschlug es bis heute die Sprache.

Doch wir sollten uns hüten, die Scholz’sche Zeitenwende nur aus der bundesdeutschen Froschperspektive zu betrachten. Der Freidenker-Vorsitzende Sebastian Bahlo sieht das so: „Als Zeitenwende muß man es in der Tat ansehen, daß die Russische Föderation nach dreißigjähriger fortschreitender geographischer Einkreisung, wirtschaftspolitischer Eindämmung, militärischen Provokationen einschließlich des acht Jahre währenden Abschlachtens der russischstämmigen Bevölkerung im Donezbecken die militärische Beantwortung der NATO-Aggression aufgenommen hat. Wir wissen, daß dieser Zeitenwende eine historische Notwendigkeit innewohnt. Die imperialistischen Räuber, deren Weltbeherrschung auf der jahrhundertelangen Ausplünderung der Menschheit beruht, müssen einer neuen Weltordnung weichen, die auf der souveränen Gleichheit aller Völker beruht.“

Wo steht die Friedensbewegung?

Von solcher Einsicht ist die Mehrheit der Friedensbewegung und auch der tatsächlichen oder vermeintlichen „Linken“ leider weit entfernt. In vielen Texten ist weiterhin vom „völkerrechtswidrigen“ oder „verbrecherischen Angriffskrieg Russlands“ und von einem „unprovozierten Überfall“ die Rede. Wer so redet, hat entweder die NATO-Propaganda total verinnerlicht, oder meint aus Opportunismus an die Kriegstreiber in der SPD und der Grünen Partei „anschlussfähig“ bleiben zu müssen. Oder um das viel ge- und missbrauchte Wort noch einmal ins Spiel zu bringen: Die sind tatsächlich „rechtsoffen“. Denn geht es „noch rechter“, als den NATO-Krieg gegen Russland mit immer neuen Waffen zu befeuern? Wir werden weiterhin mit allen zusammenarbeiten und demonstrieren, die den Standpunkt „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ vertreten.

Selbstverständlich halten wir das Vermächtnis „Die Waffen nieder!“ der Freidenkerin und ersten Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner in Ehren. Doch das ist kein abstraktes moralisches Postulat, das über der konkreten geschichtlichen Realität schwebt. Wir wären niemals auf die Idee gekommen, „Die Waffen nieder!“ den Verteidigern von Leningrad oder den Sowjetsoldaten in der Schlacht um Stalingrad zuzurufen, weil dies nichts weniger als eine Sabotage des antifaschistischen Befreiungskampfes bedeutet hätte. Gleichermaßen waren wir solidarisch mit dem Vietcong im Kampf gegen die US-Invasoren, mit den Kämpfern gegen die NATO-Aggression gegen Jugoslawien, dem palästinensischen und dem irakischen Widerstand und mit den Verteidigern des freien Syriens. Deshalb sind wir auch solidarisch mit Russland in seinem Kampf gegen den Faschismus und die NATO, gegen das Bestreben des Imperialismus, die ganze Welt zu dominieren.

Was zeichnet das Deutschland der Zeitenwende eigentlich aus?

Susann Witt-Stahl arbeitet als freie Journalistin (Junge Welt u.A.), ist Buchautorin und Chefredakteurin des Kulturmagazins „Melodie & Rhythmus“.

Die Zeitenwende markiert einen historischen Zielpunkt der bereits in der Endphase des Zweiten Weltkriegs eingeleiteten deutschen Normalisierung. Seit ihrer Ausrufung am 27. Februar 2022 kann und muss der deutsche Imperialismus, der sich seit der Beteiligung an dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien 1999 wieder bellizistisch entfaltet, als erfolgreich und vollständig restauriert betrachtet werden. Und so kann auch offen der deutsche Führungsmachtanspruch formuliert werden, was der Kanzlerparteichef auch vor mehr als einem Jahr getan hat. Der Weg ist jetzt frei, imperiale Langzeitprojekte, wie sie Zbigniew Brzeziński in seiner Abhandlung Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft skizziert hat, umzusetzen. Das etwa geschieht derzeit in der Ukraine, die Hauptkampffeld der NATO-Ostexpansion gegen Russland ist. Die Propagierung des „Holodomor“-Narrativs (der Versuch, der von Hitlerdeutschland überfallenen Sowjetunion nachträglich ein Genozid anzulasten), die Enttabuisierung von nationalistischem Heldenkult und Nazi-Symbolik (wie sie zum Beispiel in der euphemistischen Medienberichterstattung über das Asow-Regiment zu beobachten ist) und das aggressive Marketing für Militainment zeigen: Auf der ideologischen Ebene gehört zu dem unter Hochdruck vorangetriebenen Prozess der vollständigen „Erlösung“ des Täterlands von der auferlegten Bürde der „deutschen Zurückhaltung“ die Exkulpierung durch Geschichtsrevisionismus und Projektion deutscher Schuld auf den neuen alten Todfeind Russland, ebenso die Rehabilitierung des Faschismus und die mit kulturindustriellen Mitteln realisierte Ästhetisierung von Militarismus und Krieg.

Wo steht die Friedensbewegung und die (außer-)parlamentarische Linke?

Die hegemoniale deutsche Linke hat kapituliert und ist weitgehend im NATO-Korporatismus aufgegangen. Karriereorientierte Akteure – vor allem in der Partei Die Linke, des auf Ampelregierungskurs gebrachten Antifa- und Gewerkschaftsestablishments –, die an die Erfolgsstrategie der neokonservativen Grünen-Partei anknüpfen wollen, liefern sogar bereitwillig die Legitimationsideologie für Waffenlieferungen und die Eskalation des Ukraine-Kriegs. Immer häufiger sorgen sie auch für die Weißwaschung und Verharmlosung von im Dienst der NATO stehenden Faschisten. Nicht wenige arbeiten daran, dass nach der Aufspaltung des welthistorischen Imperativs „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ und Suspendierung seines ersten Teils, wie in den 1990er-Jahren geschehen, nun auch der zweite Teil entsorgt wird. Zum affirmativen Einschwenken dieser mittlerweile zu Funktionslinken verkommenen Kräfte auf die deutsche Normalisierung gehört die Bekämpfung der ohnehin von Medien und Politik mit Trommelfeuer belegte und stark geschwächte Friedensbewegung und der Antifaschisten, die noch an den – heute wie damals unverzichtbaren – Erkenntnissen der marxistischen Faschismustheorien festhalten.

»Unser Hauptkampf gilt den Großgrundbesitzern und dem Monopolkapital in Indien«

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Beitrag aus der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023


Im Juli führten wir ein Interview mit dem Genossen Arun Kumar, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch) und unter anderem zuständig für internationale Fragen.

Das vollständige Interview kann ab sofort auch hier gelesen werden.

Wie beurteilen Sie die Entscheidung Indiens, die militärische Intervention Russlands in der Ukraine nicht zu verurteilen? Nimmt die indische Politik unter Modi eine anti-amerikanische und somit antiimperialistische Position ein?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir den Charakter des indischen Staates verstehen. Das Verständnis der Kommunistischen Partei Indiens [CPIM] über den indischen Kapitalismus ging von jeher davon aus, dass die Großbourgeoisie und die Landbesitzerklasse gelernt haben, ihre Widersprüche durch Kompromisse zu überbrücken. Zur Durchsetzung ihrer Interessen arbeiten die konkurrierenden Fraktionen der Ausbeuterklasse regelmäßig zusammen. Diese Position haben wir seit Gründung der CPIM vertreten; daran hat sich nichts geändert.

Die indische Politik agiert seit der Unabhängigkeit ambivalent. Indien verblieb im Commonwealth und das britische Kapital wurde nicht enteignet. Zuerst wollte Indien seinen wirtschaftlichen Aufbau über die westlichen, kapitalistischen Staaten finanzieren. Als das vom Westen abgelehnt worden war, bat Indien die sozialistischen Länder um Unterstützung und erhielt von dort bereitwillig die gewünschte Hilfe. Die IITs, die Indian Institutes of Technology, sind ein Beispiel dafür, wie die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und die DDR Indien geholfen haben, eine technologische Souveränität zu erlangen. Für vier von fünf IITs kam die Hilfe von den sozialistischen Ländern. Als die Imperialisten das sahen, kamen sie und haben das fünfte unterstützt. Indiens Blockfreiheit war die perfekte Maske, um von beiden Seiten Hilfe zu erhalten, die eine gegen die andere Seite auszuspielen und die eigenen Interessen durchsetzen zu können.

Indiens Positionierung zum Ukraine-Krieg ist Ergebnis dieser Strategie. Diesen Hintergrund müssen wir berücksichtigen, wenn wir den Charakter der indischen Politik erklären wollen. Nein, Indien ist nicht als antiimperialistisch zu bezeichnen. Indiens Bourgeoisie verfolgt einzig seine eigenen Interessen.

Wenn Indien russisches Öl kauft, verhandelt es anschließend mit dem Westen über bessere Handelskonditionen. Für neue Abkommen erhält der Westen dann die indische Loyalität.

Warum hat der Westen Indien nicht bei seinem ersten Fünfjahresplan unterstützt?

Der Imperialismus verhindert notwendigerweise die Entwicklung der Produktivkräfte in Ländern, deren Märkte er dominieren will. Die Kolonialmächte haben von Anfang an dafür gesorgt, dass die ehemaligen Kolonien weiterhin von ihnen abhängig bleiben. Dazu mussten sie vor allem die Entwicklung der Produktivkräfte verhindern. So produziert Lateinamerika heute immer noch hauptsächlich Rohstoffe für den Konsum in den hochentwickelten Ländern. Genau dasselbe trifft auch auf Afrika und Asien zu. Die wenigen Industrien in diesen Teilen der Welt haben keinerlei Bedeutung für den Westen, für den Weltmarkt sind sie überflüssig.

Wie war die Beziehung zwischen der indischen Bourgeoisie und den westlichen Imperialisten in den vergangenen siebzig Jahren?

Wie bereits erwähnt, die indische Bourgeoisie verfolgte ihre eigenen Interessen und spielte die kapitalistischen Länder gegen die sozialistischen Länder und umgekehrt aus. Z.B. 1961, im Krieg zwischen Indien und China, waren die USA der Helfer. 1971, im Krieg gegen Pakistan, half die Sowjetunion Indien, weil die USA damals Pakistan militärisch unterstützten. Erst in den 1990er Jahren, als dieses Doppelspiel nicht mehr möglich war, konnte sich Indien nur an die USA wenden – und tat dies vollumfänglich. Aus diesem Grund hatte es keine Probleme, die vom IWF und der Weltbank vorangetriebenen neoliberalen Reformen umzusetzen. Im Jahr 2008 schloss Indien dann ein Atomabkommen mit den USA ab, und zum ersten Mal wurde der Dienstleistungssektor, zu dem Bildung, Finanzdienstleistungen, Gesundheit usw. gehören, für die imperialistische Durchdringung geöffnet. Die Finanzkrise von 2008 spielte eine wichtige Rolle, da die Imperialisten gezwungen waren, sich nach neuen Finanzsektoren umzusehen, in die sie investieren konnten.

Was waren die Ursachen für die Gründung der staatlichen Unternehmen in den wirtschaftlichen Kernbereichen Indiens?

Aus Sicht der Bourgeoisie war das eine Notwendigkeit, weil für solche Investitionen einfach nicht genügend Kapital und technisches Know-how vorhanden waren. Also musste der Staat einspringen und den öffentlichen Sektor finanzieren: die Energieversorgung, die Stahlproduktion, den Bergbau, den Verkehr, die Banken usw. Die indischen Kapitalisten nutzten anfänglich die staatlichen Ressourcen für ihre eigene Entwicklung, bis sie selbst diese Bereiche übernehmen konnten.

Auch hinsichtlich Ernährungssicherheit versuchte Indien, sich unabhängig zu machen.

Hungersnöte waren in Indien keine Seltenheit und die Not nahm von Jahr zu Jahr zu. Ein öffentliches Verteilungssystem (Public Distribution System – PDS), bei dem der Staat die Nahrungsmittel direkt von den Landwirten aufkaufte, wurde eingerichtet. Es gab Mindestpreisgarantien für die Ernten. Das PDS verteilte die Nahrungsmittel zu sehr geringen Preisen an die Armen des Landes. Das bedeutete ein gewisses Maß an Ernährungssicherheit für die Mehrheit der Bevölkerung. Und schützte die Landwirte vor den Preisschwankungen auf dem Weltmarkt. Heute wird dieses System demontiert. Die Bauern und die Verbraucher sind wieder der Willkür des Weltmarktes ausgesetzt.

Trotz des kapitalistischen Charakters des indischen Staates hat er dennoch eine Politik betrieben, die die indischen Massen vor dem Weltmarkt schützte.

Das geschah nicht trotz, sondern wegen der herrschenden Klassen. Zudem: wer hat von der grünen Revolution profitiert? Die reichen Großgrundbesitzer! Eben jene, die über das Kapital und das Land verfügten und nicht die große Mehrheit der landlosen Bauern. Dem revolutionären, antikolonialen Kampf versuchte man mit einer internationalen Wohlfahrtspolitik zu begegnen. Indien war da keine Ausnahme.

Was war die Ursache, dass Indien 1991 die LPG-Reformen (Liberalisierung, Privatisierung und Globalisierung) durchführte?

Neben der Stärkung des Imperialismus im globalen Kräfteverhältnis war eine Zahlungsbilanzkrise entstanden; die Kaufkraft der indischen Bevölkerung hatte sich nahezu aufgelöst. Das imperialistische Finanzkapital nutzte diese Krise und erzwang die Öffnung der indischen Märkte. Die indische Währung wurde abgewertet, Staatsbetriebe wurden verkauft und es wurde dem Privatkapital erlaubt, in den indischen Markt einzudringen. Zudem wurden Einfuhrbeschränkungen aufgehoben. Ausländische Produkte wie Kokosnüsse, Gewürze, Baumwolle usw. wurden in Indien zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen. Dadurch wurden die indischen Landwirte ruiniert, was vermehrt zu Selbstmorden unter den Bauern führte. Die Banken gaben vermehrt Kredite an Großkapitalisten statt an Bauern und Kleinhändler.

Wo steht die indische kommunistische Bewegung heute?

Der Großteil der Mitglieder der CPIM kommt aus der Arbeiterklasse, der armen Bauernschaft und den Landarbeitern. Die Basisklassen sind also heute bei uns. Das ist gut so. Aber die indische kommunistische Bewegung steht auch vor einer Menge Schwierigkeiten. Wir sind nicht in der Lage, mit der Jugend des Landes in Kontakt zu treten, die im Zeitalter des Neoliberalismus geboren wurde. Deshalb müssen wir an unseren Kommunikationsstrategien arbeiten. Außerdem sind die Massen enttäuscht darüber, dass es keine Vorteile bringt zu kämpfen. All dem müssen wir entgegentreten.

Werden die Widersprüche zwischen dem Imperialismus und der indischen Bourgeoisie durch die intensivere Kooperation geringer?

Das ist ein Missverständnis über die Stärke der indischen Bourgeoisie. Sie hat immer versucht, ihre Interessen zu wahren. So wurde beispielsweise der jüngste Bauernkampf in Indien nicht nur von der Opposition, sondern auch von verschiedenen Fraktionen der Regierungspartei unterstützt. Das ist Ausdruck des Bestrebens der gesamten Bourgeoisie, ihre Unabhängigkeit zu bewahren.

Wir können also nicht einfach sagen, dass die Widersprüche zwischen der indischen Bourgeoisie und dem Imperialismus aufgehört haben zu existieren. Diese Widersprüche existieren auch heute noch. Wenn sie zum Ausdruck kommen, dann auf verschiedene Weise – und das müssen wir ausnutzen. Wenn wir es nicht verstehen, diese Widersprüche zu erkennen, werden wir uns im Kampf gegen den Imperialismus isolieren. Aber wir wollen uns nicht isolieren. Wir müssen für unseren Kampf gegen den Imperialismus so viel Unterstützung wie möglich mobilisieren.

Gibt es Fälle der Interessenüberschneidung zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie in Indien?

Nein. Die Interessen der Arbeiterklasse stimmen nicht mit den Interessen der indischen Bourgeoisie überein. Wenn die Bourgeoisie den Kampf der Arbeiterklasse gegen das ausländische Kapital unterstützt, begrüßen wir diese Unterstützung. Aber das ist etwas anderes als eine Angleichung. Gleichschaltung bedeutet, dass wir der Bourgeoisie die Führungsrolle überlassen. Nein, das wollen wir nicht. Wir haben während des indischen Freiheitskampfes gesehen, dass die indische Bourgeoisie den Kampf anführte, ohne ihn zu Ende zu führen.

Was meinen Sie damit, dass der Kampf nicht zu seinem logischen Ende geführt wurde?

Im eigentlichen Sinne hat Indien keine nationale Souveränität erlangt. Wenn die herrschende Klasse ihre Interessen formuliert, vertritt sie nicht die Interessen der Massen. Sie hat sich zudem mit dem Imperialismus verbündet. Wir als CPIM haben die indische Nationalbewegung (den Freiheitskampf) als die erste Etappe unserer Revolution bezeichnet, weil wir sagten, dass es ein Kampf gegen den Kolonialismus und die Kolonialherren war. In dieser Phase des Kampfes waren alle Klassen beteiligt, die Bourgeoisie, die Arbeiterklasse und die Bauernschaft. Aber unsere Losung ist, dass wir jetzt, da die Kolonialmächte verschwunden sind, gegen die Großbourgeoisie kämpfen müssen, gegen den Landbesitzerstaat, der mit dem Imperialismus kompromissbereit kollaboriert. Die zweite Phase unserer Strategie bezeichnet den Kampf gegen den Imperialismus, die Großbourgeoisie und die Gutsherrn.

Wer wird die Kämpfe gegen diese Kräfte anführen?

Die Arbeiterklasse zusammen mit den Landarbeitern und den armen Bauern werden die Führer sein. Dies wird der Kern sein und wir erwarten, dass sich die Mittelschichten aufgrund der Stärke der Kämpfe dieser Klassen um diese Sektion scharen werden. Denn die Interessen der Mittelschichten sind meistens mit diesen Sektionen verbündet, denen sie sich anschließen werden. Mit dieser erweiterten Front wollen wir die reiche Bauernschaft neutralisieren. Wir wollen nicht, dass sich die reiche Bauernschaft den Grundbesitzern und der Bourgeoisie anschließt, wir wollen sie neutralisieren. Diese Strategiebezeichnen wir als die volksdemokratische Phase der Revolution.

In dieser Phase ist der Kampf nicht gegen die gesamte Bourgeoisie und die gesamte reiche Bauernschaft gerichtet. Unser Kampf richtet sich auch nicht gegen das gesamte Privateigentum, denn auch die Bauernschaft besitzt Privateigentum. Unser Hauptkampf ist auf verbreiterter Front gegen die Großgrundbesitzer und das Monopolkapital gerichtet. Dabei werden wir keinen Großgrundbesitz zulassen. Eine wichtige Rolle wird der Staat spielen, der das Kapital verstaatlichen wird. Das verstaatlichte Eigentum des Staates wird von den Arbeitern verwaltet. Das ist unsere Vorstellung von der demokratischen Volksrevolution. Davon ausgehend wollen wir zum Sozialismus übergehen, in dem es kein Privateigentum mehr geben wird. Das ist die logische Schlussfolgerung.

Indien nimmt heute geopolitisch eine kritische Position ein. Was bedeutet das für die CPIM in ihrem Kampf gegen den Imperialismus?

Wir sagen ganz bescheiden, dass wir die größte kommunistische Partei in Indien sind. Aber insgesamt sind wir immer noch eine kleine Kraft und wir wollen in diesem Land wachsen. Indien hat heute in der globalen Arena eine strategische Bedeutung. Wir denken, dass, wenn die kommunistische Bewegung in Indien gestärkt wird, als logische Folge davon auch die antiimperialistischen Gefühle im indischen Volk gestärkt werden. Das wird ein wichtiger Beitrag der indischen Kommunisten im weltweiten Kampf gegen den Imperialismus sein.

Die demokratische Revolution des Volkes in Indien – The People’s Democratic Revolution in India

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Vollständiges Gespräch mit Genosse Arun Kumar, Vollzeit-Mitglied der Kommunistischen Partei Indiens – Marxistisch (CPIM) seit 30 Jahren über den Klassenkampf in Indien. Arun Kumar ist Mitglied des Zentralkomitees der CPIM mit Amt in der Außenpolitikabteilung. Das Gespräch wurde im Juli 2023 geführt. Eine gekürzte Version wurde in der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023 veröffentlicht.

Inhalt des Interviews

Teil 1: Der Charakter des indischen Staates, die Imperialisten und die globale Position Indiens

Teil 2: Entwicklungen in Indien nach der Unabhängigkeit

Teil 3: Die indische kommunistische Bewegung und der Kampf für nationale Souveränität


Teil 1: Der Charakter des indischen Staates, die Imperialisten und die globale Position Indiens

Was halten Sie von der Entscheidung Indiens, die militärische Intervention Russlands in der Ukraine nicht zu verurteilen? Hat Indien unter Modi eine anti-amerikanische/ antiimperialistische Haltung eingenommen?

Um diese Frage zu beantworten und Indiens Position in der Welt zu verstehen, ist es sehr wichtig, den Charakter des indischen Staates zu verstehen und seine historische Entwicklung zu betrachten. Die CPIM hat Indien immer als einen Staat charakterisiert, der von der Großbourgeoisie und der Grundbesitzerklasse geführt wird und in dem diese beiden mit den Imperialisten zusammenarbeiten und Kompromisse schließen. Das war immer unser Verständnis und das ist auch heute noch unser Verständnis. 

Wenn wir also in diesem Zusammenhang von Indiens Position zu Russland, seiner blockfreien Politik oder seiner „unabhängigen“ Außenpolitik sprechen, sollten wir dies mit gewissen Vorbehalten tun. Das ist aus verschiedenen Gründen sehr wichtig.

1. Indien entschied sich nach der Unabhängigkeit, im britischen Commonwealth zu bleiben, und war nicht bereit, das britische Kapital im Land zu verstaatlichen. Und in der Tat versuchte es zunächst, die Briten und die Amerikaner um Unterstützung für seinen ersten Fünfjahresplan zur Industrialisierung des Landes zu bitten. Aber nachdem die imperialistischen Länder sich weigerten, die für den Aufbau der Schwerindustrie in unserem Land notwendige Technologie zur Verfügung zu stellen, wandte sich die indische Regierung an die Sowjetunion und die anderen osteuropäischen sozialistischen Länder. Und diese Länder erklärten sich bereit, Indien bei seiner industriellen Entwicklung zu unterstützen.

2. Und obwohl das neu befreite Indien immer seine Gefühle mit anderen kolonisierten Ländern hatte und immer seine Solidarität mit den anderen antikolonialen Kämpfen, einschließlich des Kampfes für die palästinensische Sache, zum Ausdruck gebracht hatte, war seine Entscheidung, sich dem Block der Blockfreien anzuschließen, das Ergebnis der indischen herrschenden Klassen. Diese verfolgten ihre eigenen Interessen, nachdem sie erkannt hatten, dass die imperialistischen Länder nicht bereit waren, eine unabhängige Entwicklung der indischen Bourgeoisie zuzulassen. Daher wandte sie sich an die Sowjetunion und andere sozialistische Staaten, die Indien gerne unterstützen wollten. In der Tat sind die IITs, die Indian Institute of Technology, die dem Land aufgrund des technologischen Fortschritts und der Beiträge, die diese Institute für die indische Gesellschaft geleistet haben, so viel Ansehen eingebracht haben, ein Beispiel dafür, wie die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und die DDR Indien in seinem Streben nach technologischer Souveränität geholfen haben. Ursprünglich gab es fünf IITs, in Delhi, Mumbai, Chennai, Kanpur und Kharagpur. Von diesen fünf IITs wurden vier durch den sozialistischen Block unterstützt. Als die Briten und Amerikaner das sahen, kamen sie und unterstützten das fünfte. Die indische herrschende Klasse verstand, dass es nicht ratsam ist, sich völlig von einer Seite abhängig zu machen. So wurde die Außenpolitik als nicht auf einen der Blöcke ausgerichtet erklärt.

Auf diese Weise schloss sich Indien der Bewegung der Blockfreien an. Und dann gibt es noch die anderen blockfreien Länder wie Ägypten usw., die alle erst kürzlich befreit wurden. Sie alle waren der Meinung, dass es für sie besser ist, sich keinem Block anzuschließen, weil sie ihre eigenen Interessen verfolgen. Heute ist die Entscheidung Indiens, weiterhin russisches Öl zu kaufen und Russland nicht zu verurteilen, die Fortsetzung einer Außenpolitik, die ausschließlich die Interessen der indischen herrschenden Klassen verfolgt. All diese Dinge müssen berücksichtigt werden, bevor wir zu dem Schluss kommen können, dass Indien heute aufgrund seiner Haltung zum Ukraine-Krieg antiimperialistisch geworden ist. Nein, das ist es nicht. Es verfolgt ausschließlich seine eigenen Interessen.

Können Sie einen kurzen Überblick darüber geben, wie sich diese „unabhängige“ Außenpolitik in den letzten sieben Jahrzehnten entwickelt hat?

Die indische herrschende Klasse hat in Verfolgung ihrer eigenen Interessen immer versucht, einen Block gegen den anderen auszuspielen. So hat Indien 1962 im Krieg zwischen Indien und China sofort die USA um Hilfe gebeten und um Lieferungen in Form von Munition, schweren Waffen usw. gebeten. Selbst nachdem es sich für die Blockfreiheit und die Unabhängigkeit der kolonisierten Länder eingesetzt hatte, war es also immer bereit, die imperialistischen Mächte um Hilfe zu bitten. Doch als die USA 1971 im Krieg mit Pakistan zur Befreiung Bangladeschs ihre Flugzeugträger zur Unterstützung Pakistans in den Golf von Bengalen schickten, wandte sich Indien erst an die Sowjetunion, die daraufhin ihre eigene Flotte entsandte, um den US-Streitkräften entgegenzutreten. So hat Indien immer gespielt.

Und dann, zu Beginn der 1990er Jahre, als der gesamte Sowjetblock und die osteuropäischen sozialistischen Staaten einen Rückschlag erlitten und zusammenbrachen, zu diesem Zeitpunkt verschob sich, wie die CPIM es nennt, das Gleichgewicht der Kräfte in Richtung Imperialismus. Daher gab es für die indischen herrschenden Klassen natürlich keine andere Möglichkeit, als sich vollständig von der US-geführten imperialistischen Ordnung abhängig zu machen. Aber auch hier ist es sehr wichtig zu bedenken, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein hohes Maß an Integration zwischen Indien und der Sowjetunion in den Bereichen des Verteidigungssektors und der technologischen Unterstützung für Schwerindustrien wie Stahl, dem Bau von Staudämmen usw. stattgefunden hatte. Aufgrund dieser Abhängigkeiten ist es für die indische herrschende Klasse heute nicht einfach, die Beziehungen zu Russland zu kappen. Diese Beziehungen spielten und spielen immer noch eine Rolle für Indiens Position im Ukraine-Krieg.

Da sich jedoch das Kräfteverhältnis insgesamt zugunsten des Imperialismus verschob, hatten die indischen herrschenden Klassen 1991 keine Probleme, die neoliberalen Reformen, die auf Geheiß der Weltbank und des IWF vorangetrieben wurden, sofort in Angriff zu nehmen. Die natürliche Entwicklung ab 1992 ist also, dass sich die indischen herrschenden Klassen immer mehr den USA und den imperialistischen Mächten annähern. Zum Beispiel hatten wir bis 1992 keine Beziehungen zu Israel, aber nach diesen Reformen nahm Indien Beziehungen zu Israel auf. Jetzt ist die Situation so weit, dass Modi der erste indische Premierminister ist, der nicht einmal nach Ramallah gefahren ist, als er nach Israel reiste. Dies ist ein wichtiger Wandel in der indischen Außenpolitik.

Die andere wichtige Entwicklung fand 2008 statt, als Indien beschloss, das Atomabkommen mit den USA fortzusetzen. Wir als CPIM waren dagegen, nicht nur wegen des Atomabkommens an sich, sondern weil es viele andere Bedingungen enthielt, die Indien mit Sicherheit in die Arme der USA treiben würden.

Wie lauteten diese Bedingungen?

Der Atomdeal zwischen Indien und den USA enthielt Bestimmungen für engere Verteidigungsbeziehungen und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Indien und den USA in der Landwirtschaft und bei der Öffnung des Dienstleistungssektors. Obwohl Indien 1992 mit der Liberalisierung und Öffnung seiner Wirtschaft begonnen, wurde der Dienstleistungssektor, zu dem Bildung, Gesundheit und Finanzdienstleistungen gehören, bis 2008 nicht für das Kapital geöffnet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der indische Staat zwar verschiedene Verträge mit den Imperialisten geschlossen und verschiedene Sektoren geöffnet, aber wir haben uns immer geweigert, eine Liberalisierung des Dienstleistungssektors zuzulassen. Wir waren auch nicht bereit, dem Druck der Imperialisten zur Änderung des Patentgesetzes nachzugeben und unseren Bankensektor vor allem für das internationale Finanzkapital zu öffnen. Diese Schritte, die gewissermaßen als Puffer für die indische Wirtschaft dienten, halfen Indien, die Finanzkrise von 2008 zu überstehen, die die ganze Welt getroffen hatte.

Es ist wichtig, das Atomabkommen von 2008 im Zusammenhang mit der Finanzkrise von 2008 zu sehen. Im Jahr 2008 war der Kapitalismus in eine tiefe Krise geraten. Anstatt die produzierten Güter herzustellen und zu exportieren, wurden immer mehr wirtschaftliche Aktivitäten in die Finanzspekulation verlagert. Für das internationale Finanzkapital war es von entscheidender Bedeutung, neue Märkte zu erschließen und in Bereiche vorzudringen, die es bisher noch nicht erreicht hatte. Indien war bis dahin ein Markt für Industriegüter, aber die indischen Märkte für Industriegüter reichten nicht aus und der Atomdeal wurde genutzt, um Druck zur Öffnung des Finanzsektors auszuüben.

Das war der Zeitpunkt, als im Versicherungssektor, der bis dahin zu 100 % unter staatlicher Kontrolle stand, langsam die Deregulierung und Privatisierung begann. Bis dahin gab es keine privaten Versicherungsunternehmen, doch dann schloss sich TATA (ein indisches Unternehmen) mit der amerikanischen Versicherungsgesellschaft AIG zusammen, und so kam die Maruti-Suzuki-Versicherung ins Spiel. Suzuki und Maruti schlossen sich nicht nur zusammen, um Autos zu produzieren, sondern auch, um in den Finanzsektor einzusteigen. Die Bajaj-Alliance-Versicherung ist ein weiteres Beispiel für das Vordringen des imperialistischen Finanzkapitals, das mit der indischen Bourgeoisie zusammenarbeitete. All diese Entwicklungen haben sich also nach 2008 verstärkt.

Seit dieser Phase der Öffnung haben wir auch eine wachsende Zahl privater Universitäten erlebt. Obwohl in den späten 1990er Jahren Versuche unternommen wurden, private Universitäten zu gründen, konnte dies nicht vollständig umgesetzt werden. In mehreren indischen Bundesstaaten hat man es versucht, aber die Projekte sind gescheitert. Doch jetzt sieht man entlang der großen Autobahnen, die aus Delhi herausführen, viele verschiedene private Universitäten. Jede neue Universität im privaten Sektor wurde in dieser Zeit gegründet. Bis dahin wurde Bildung immer als etwas angesehen, das in den Zuständigkeitsbereich des Staates fällt, da es sich dabei um regulierende Sektoren handelt. Der Staat entschied und regelte die Lehrpläne und Fächer und bewertete die Bildungspolitik. Außerdem betrug der Wert des indischen Bildungssektors im Jahr 2008 mehr als 1 Milliarde Dollar, und heute dürfte er noch höher sein. Bildung war also ein wichtiger Markt, in den man eindringen konnte, sowohl für die indische Bourgeoisie als auch für die Imperialisten.

Bis zu diesem Zeitpunkt ging nur eine Handvoll indischer Studenten zum Studium an ausländische Universitäten. Dies war nur für den begrenzten Teil der Inder möglich, die finanziell gut gestellt waren. Doch stattdessen wollten die Imperialisten nach Indien kommen und in Indien Universitäten gründen. Sie waren sich sicher, dass sie mit dem Wert ihrer „Marke“ des Westens, den sie allein aufgrund der Tatsache besitzen, dass sie aus einem entwickelten Land kommen, weiterhin viele weitere Studenten aus Indien locken würden. Das Eindringen der Imperialisten in den Bildungssektor erfolgt auf zweierlei Weise. Erstens: Zusammenarbeit zwischen einer indischen und einer ausländischen Universität, was zu Studentenaustauschprogrammen zwischen diesen beiden Universitäten führt. Zweitens: Die Imperialisten kommen direkt hierher und gründen ihre Niederlassung in Indien. Die Öffnung des Bildungssektors ist also dem Atomabkommen zu verdanken, das die indische Regierung unter Druck gesetzt hatte, ihren Dienstleistungssektor zu öffnen.

Auch im Agrarsektor werden die Landverhältnisse zugunsten der indischen Bourgeoisie und der Imperialisten aufgelöst. Dieser Wandel in der Agrarpolitik bedroht Indiens Selbstversorgung im Lebensmittelbereich und macht das Land abhängig von Importen der Imperialisten, um seine Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Dasselbe gilt für den Verteidigungssektor. Obwohl ein Großteil der indischen Rüstungsbeschaffung heute immer noch aus Russland stammt, baut Indien seine Rüstungsbeziehungen zu den Imperialisten aus.

Wenn man sich Indiens Position zum Ukraine-Krieg ansieht, könnte man dann behaupten, dass die indische herrschende Klasse sich gar nicht vollständig von Russland lösen will, weil es im Interesse Indiens ist, immer zwei Blöcke zu haben, die es gegeneinander ausspielen kann?

Ja, aber es ist wichtig zu verstehen, dass Russland über einen gewissen Zeitraum hinweg nicht Teil eines Blocks war. Insbesondere während der Jelzin-Periode und in den ersten Jahren von Putin. Russland wurde sogar eingeladen, der G7 beizutreten und sie zur G8 zu entwickeln. Russland war mit diesem Arrangement zufrieden. Aber erst als Russland begann, sich zu behaupten und wirtschaftlich zu wachsen, wurde es für den Westen zum Problem. Deshalb findet Indien es jetzt problematisch, seine Beziehungen zu Russland fortzusetzen. Solange Russland mit den USA zusammen war, hatten die USA auch keine Probleme damit, dass Indien seine Beziehungen zu Russland aufrechterhielt. Aber jetzt, da sich ihre Beziehungen verschlechtert haben, wollen sie, dass auch die indischen Beziehungen abgebrochen werden. Aber es ist nicht so einfach für Indien, seine Beziehungen abzubrechen, weil sich über all die Jahre Abhängigkeiten entwickelt haben. Deshalb muss Indien jetzt sicherstellen, dass es seine Beziehungen zu Russland aufrechterhält. Aber auch hier gilt, dass Indien einerseits seine Beziehungen zu Russland aufrechterhalten muss, andererseits aber auch den USA beweisen will, dass es sich nicht auf Kosten der USA oder des Westens von Russland abwendet oder mit ihm zusammenarbeitet. Deshalb findet jedes Mal, wenn ein Dialog zwischen Indien und Russland stattfindet, sofort ein QUAD-Treffen statt, ein 2+2-Dialog mit den USA – oder ihr Außenminister kommt hierher, oder unser Verteidigungsminister reist dorthin, oder der Premierminister reist in den Westen, und sie kommen zu einer neuen Vereinbarung, um die USA zu beruhigen, indem sie sagen, wir sind bei euch. Deshalb wurde Indien auch zum G7-Gipfel in Hiroshima eingeladen, als dieser stattfand. Wie ich bereits sagte, ist Indien nicht antiimperialistisch geworden, sondern verfolgt ausschließlich die Interessen der herrschenden Klassen.

Außerdem kauft Indien Öl aus Russland, aber der größte Teil davon wird hier verarbeitet und an die Europäische Union und die USA verkauft. Das ist ein doppelter Vorteil für indische Unternehmen. Und auch die USA und die EU profitieren davon, denn obwohl sie Sanktionen verhängt haben, benötigen sie russische Energie, um sich selbst zu versorgen. Sie finden einen einfachen Weg, die von ihnen selbst verhängten Sanktionen zu umgehen, und Indien hilft ihnen auch dabei. Schauen Sie sich auch die Position Indiens zu China an, es ist Teil von QUAD, es ist Teil von I2U2 (Indien-Israel-USA-UAE), das westliche QUAD, das sie aufbauen wollen. Indien ist in all diese imperialistischen Spielpläne eingebunden. Die großspurigen Erklärungen, die Modi abgibt, zum Beispiel, dass „dies keine Ära des Krieges ist“, und all diese Dinge, in Wirklichkeit tut er nicht viel, er kann nicht viel tun. Jaishankar, der indische Außenminister, geht auch nach Europa und sagt, dass man nicht alles aus europäischer Sicht sehen sollte, wir haben auch unsere eigenen Interessen, all das ist nur Gerede, Lärm, aber es steckt keine Substanz hinter diesem Lärm.

Sie sagen, dass die Herrschaft über Indien in die Hände der Großbourgeoisie und des Großgrundbesitzers gelangte, die gleich darauf ein Bündnis mit dem Imperialismus eingingen. Sie hat zum Beispiel auch das britische Kapital, das in Indien vorhanden war, nicht verstaatlicht, auch für ihren ersten Fünfjahresplan der Industriepolitik hat sie sich zuerst an die Imperialisten gewandt und ihnen wurde die Hilfe verweigert. Das ist eine sehr interessante Sache – wäre es dann richtig zu sagen, dass die Imperialisten die Entwicklung der Produktivkräfte in den Ländern, in denen sie präsent sind, nicht zulassen?

Das ist absolut richtig, aber ich muss eine wichtige Korrektur vornehmen, und diese Korrektur ist Teil einer sehr wichtigen Debatte, die es in der indischen kommunistischen Bewegung gibt. Sie haben gesagt, dass die indische herrschende Klasse im Bündnis mit den Imperialisten steht. Sie ist nicht im Bündnis mit den Imperialisten, sie kollaboriert nur mit den Imperialisten und geht Kompromisse mit ihnen ein. Denn wenn sie ein Verbündeter wäre, dann wäre sie nie in die Sowjetunion gegangen. Sie kollaboriert nur, sie verfolgt vorrangig ihre Eigeninteressen, sie war damals eine aufstrebende Bourgeoisie und wollte sich etablieren, sie wollte den indischen Markt erobern und will das immer noch tun. Sie will Unterstützung für diese Expansionen, die sie allein nicht bewältigen kann. Aber sie will nicht die zweite Geige gegenüber den Imperialisten spielen. Das war der ganze Grund, warum sie sich überhaupt am Freiheitskampf gegen den britischen Kolonialismus beteiligt hat. Und nachdem sie den Kampf gegen die Kolonialisten gewonnen hat, kann sie das Projekt nicht wieder in die Hände der Imperialisten fallen lassen, indem sie ein Verbündeter der Imperialisten ist. Das ist sehr wichtig. Sie ist kein Verbündeter. Die Herrschaft des indischen Staates nach der Unabhängigkeit fiel in die Hände der Großbourgeoisie und der Grundbesitzerklasse, die mit den Imperialisten kollaborieren und Kompromisse eingehen.

Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Sie haben völlig recht. Sehen Sie, wo auch immer die Kolonialmächte herrschten, sei es in Afrika, Lateinamerika oder Asien, sorgten sie dafür, dass sie immer noch von diesen Kolonialmächten abhängig bleiben. Das ist der Grund, warum sie alle immer noch unterentwickelt sind, warum ihre Produktivkräfte immer noch nicht fortgeschritten sind, außer in den Ländern, die diese bürgerlich-kapitalistische Phase durchbrochen haben und sich auf den Weg zum Sozialismus gemacht haben. Die osteuropäischen Länder, das heutige China und Vietnam sind diejenigen, die in der Entwicklung ihrer Produktivkräfte vorangekommen sind. Der Imperialismus hingegen würde ihnen niemals erlauben, sich zu entwickeln. Sehen Sie sich ganz Lateinamerika an, das immer noch Rohstoffe für den Verbrauch der entwickelten Länder produziert. Afrika ist in einer ähnlichen Situation, Asien ist in einer ähnlichen Situation, und was auch immer wir in diesen Teilen der Welt an Industrien haben, ist für die Imperialisten bereits überflüssig. Das ist richtig.

Teil 2: Entwicklungen in Indien nach der Unabhängigkeit

Gehen wir etwas tiefer auf die Entwicklungen in Indien ein. Die indische herrschende Klasse ist Kompromisse eingegangen und hat mit den Imperialisten kollaboriert, aber in den ersten Jahrzehnten hat Indien eine bestimmte Politik verfolgt, indem es zum Beispiel im Kernsektor öffentliche Unternehmen gegründet hat. Können Sie darüber sprechen?

Nach dem Verständnis der CPIM ist der öffentliche Sektor eine Notwendigkeit, die von der Bourgeoisie empfunden wurde, weil es sich um eine aufstrebende Bourgeoisie handelte, die nicht in der Lage war, so viel Kapital zu investieren, und die nicht die Fähigkeit besaß, eine so lange Reifezeit abzuwarten, bevor die Gewinne realisiert werden konnten, sie hatte diese Fähigkeit nicht. Es handelte sich also um eine Eselsarbeit, die nur von der öffentlichen Hand geleistet werden kann. Außerdem fehlte es der indischen Bourgeoisie nicht nur an Kapital, sondern auch an technologischem Know-how. In beiderlei Hinsicht war sie nicht bereit, in diese Sektoren zu investieren. Daher wurde beschlossen, dass der Staat in bestimmte Sektoren investieren sollte. Für den Staat ist es einfacher, als Bürge aufzutreten, der ins Ausland gehen kann, um sich technologisches Know-how zu beschaffen oder sich um Kapitalfragen zu kümmern. So entstanden in dieser Zeit in allen Kernsektoren der Wirtschaft wie Energie, Stahl, Bergbau, Verkehr, Banken usw. staatliche Unternehmen. Das Ziel der indischen Bourgeoisie war es, diese Plattform für ihre eigene Entwicklung zu nutzen, bis sie in diese Sektoren eintreten und sich durchsetzen konnte.

Zur gleichen Zeit leitete Indien die „grüne Revolution“ ein, mit der der indische Staat versuchte, sich selbst mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Was waren die Gründe dafür und welches System wurde eingeführt?

Dafür gab es mehrere Gründe. Als Indien die Unabhängigkeit erlangte, kam es in mehreren Regionen zu großen Hungersnöten. Darüber hinaus wurden während der Teilung viele Gebiete, die die wichtigsten Erzeuger von Nahrungsmittelgetreide waren, an Pakistan abgetreten.

Zur gleichen Zeit nahm der Hunger zu, und die hungernden Menschen konnten nicht darauf warten, dass Indien technologische Autarkie erlangte. Man musste die Menschen jeden Tag ernähren. Tatsächlich wurde der erste indische Premierminister dafür kritisiert, dass er der grünen Revolution vor der industriellen Revolution hätte Vorrang einräumen sollen. Aber erst im zweiten Fünfjahres-Plan wurde der Landwirtschaft Vorrang eingeräumt. Das lag daran, dass der Landwirtschaft vor der industriellen Revolution kein Vorrang eingeräumt werden konnte, ohne dass die Infrastruktur wie Bewässerungsanlagen, Technologie für Dämme, Düngemittel usw. vorhanden war. Ohne dieses technologische Know-how und die vorhandene Infrastruktur hätte der Staat die grüne Revolution nicht ohne weiteres vorantreiben können. Andererseits stieg die Lebenserwartung der Menschen in Indien aufgrund der geringen Entwicklung, die dort stattfand, und damit auch der allgemeine Nahrungsmittelbedarf. 

Außerdem sah sich die indische Regierung unter der Herrschaft des Kongresses mit einer Abelhnung konfrontiert, weil sie es nicht schaffte, die Bedürfnisse des Volkes zu erfüllen. Im Jahr 1967 verlor die Kongresspartei zum ersten Mal Wahlen in sieben bis neun Bundesstaaten. Auch intern hatte der Kongress mit Schwierigkeiten zu kämpfen, da Nehru (der erste Premierminister) gestorben war und sich die Frage stellte, ob sich seine Nachfolgerin Indira Gandhi als starke Führungspersönlichkeit etablieren könnte.

Aufgrund verschiedener Faktoren, darunter die Ablehnung der Regierung und die Tatsache, dass die herrschenden Klassen die Kolonisatoren nicht mehr für die miserablen Bedingungen der Massen verantwortlich machen konnten, musste die indische Regierung bestimmte politische Maßnahmen ergreifen, um bestimmte Grundbedürfnisse der Menschen zu gewährleisten. Dies war der Hintergrund der grünen Revolution. Und als Ergebnis dieser Revolution wurde ein gewisses „Public Distribution System“ (PDS) eingeführt, bei dem der Staat die Nahrungsmittelkörner direkt von den Landwirten aufkaufte, wobei er einen Mindestpreis für die Ernte garantierte, und sie direkt an die große Mehrheit der armen Bevölkerung des Landes zu einem sehr niedrigen Preis verkaufte. Dadurch wurde ein gewisser Grad an Selbstversorgung in Bezug auf die Ernährungssicherheit gewährleistet.

Trotz des bürgerlichen Charakters des Landes hat die herrschende Klasse einige Maßnahmen ergriffen, darunter die Einrichtung von Industrien im öffentlichen Sektor und die grüne Revolution, wodurch der Staat für die Bevölkerung des Landes eine Art Puffer gegenüber dem Weltmarkt darstellte. Würden Sie sagen, dass Indien durch diese Maßnahmen ein gewisses Maß an nationaler Souveränität erlangt hat?

Wissen Sie, die Frage der Souveränität ist viel größer, aber es ist nicht trotz der herrschenden Klassen, sondern WEIL die herrschenden Klassen Indien auf diesen Weg der Industrialisierung gebracht haben. Und zweitens, wer hat von der grünen Revolution profitiert? Es sind nicht die armen Kleinbauern, die von der Revolution profitiert haben, sondern es sind die reichen Bauern, die von der grünen Revolution profitiert haben. Natürlich gab es einen kleinen Spillover-Effekt für einige wenige Randbauern, die ebenfalls profitierten. Aber es waren immer die reichen Grundbesitzer, die in erster Linie profitierten. Denn obwohl der Staat die Betriebsmittel subventionierte, war es nur diese Klasse von Landwirten, die über das Kapital verfügte, um Düngemittel zu kaufen und die Betriebsmittelkosten zu decken, um in die Landwirtschaft investieren zu können.

Außerdem, wer hatte überhaupt Land für die Landwirtschaft? Indien ist das Land einer großen Mehrheit von Landarbeitern, die kein Land besitzen. Diese „Revolution“ kam wiederum den reicheren Teilen der herrschenden Klasse in der indischen Bauernschaft zugute. Die wirkliche demokratische „grüne“ Revolution wäre die gewesen, bei der das Land unter den Massen verteilt worden wäre, aber die Großgrundbesitzer wollten ihr Land nicht abtreten, sie wollten sich nicht von ihrem Land trennen, sie wollten ihr Land und vor allem wollten sie das Land nutzen, um die landlosen Bauern zu kontrollieren. Landverteilung war nicht ihre Vorstellung von Reformen, und auch die besagte grüne Revolution diente dazu, die reichste Schicht zu begünstigen. Der Staat hat also auch hier nicht trotz, sondern wegen der herrschenden Klassen als Puffer fungiert.

Darüber hinaus war sie gezwungen, als Puffer zu fungieren, da international auch eine Phase der Wohlfahrtspolitik im Gange war. Warum? Zwei Gründe: Erstens erwies sich die frühere Laissez-faire-Politik als nicht ausreichend, um den Fortschritt der Produktivkräfte zu ermöglichen. Zweitens gab es jetzt auch einen sozialistischen Block, der sich als Alternative darstellte. Um das kapitalistische System in anderen Ländern zu schützen und sicherzustellen, dass die Befreiungskämpfe und die Kolonialstaaten, die zu diesem Zeitpunkt ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, nicht den Weg der sozialistischen Revolution einschlugen, wurde diese Wohlfahrtspolitik weltweit betrieben. Und der indische Staat bildete bei diesem internationalen Phänomen keine Ausnahme.

All diese Maßnahmen, einschließlich der öffentlichen Unternehmen und der grünen Revolution, wurden im Interesse der herrschenden Klasse ergriffen. Die große Wende in der indischen Politik kam 1991, als weitreichende Privatisierungen und Liberalisierungen durchgeführt wurden. Aber schon vorher hatte die Liberalisierung in bestimmten Wirtschaftssektoren begonnen. Was waren die Gründe dafür?

In den 1980er Jahren erlebte Indien seine erste Wirtschaftskrise. Infolge verschiedener Entwicklungen im internationalen Finanzsektor sah sich Indien in den 1980er Jahren mit einer Zahlungsbilanzkrise konfrontiert, in der die indische Bevölkerung die Kaufkraft verloren hatte, um Waren zur Befriedigung ihrer Mindestbedürfnisse zu kaufen. Daher nahm Indien 1980-82 unter Premierministerin Indira Gandhi zum ersten Mal ein Darlehen des IWF in Anspruch. Dieser Kredit war an bestimmte Bedingungen geknüpft, die akzeptiert werden mussten. Nach dem Tod von Indira Gandhi im Jahr 1984 wollte ihr Nachfolger Rajiv Gandhi Reformen durchführen, insbesondere im Bildungsbereich, um Indien ins 21. Jahrhundert zu bringen. In dieser Zeit begann Indien auch mit der Einfuhr von Computern in das Land. Dies stieß auf den Widerstand der Gewerkschaften, da sie die Computer nicht als etwas ansahen, das den Arbeitnehmern bei ihrer Arbeit helfen würde, sondern als etwas, das ihre Beschäftigungsmöglichkeiten aufzehren würde. So begann also die Öffnung des Landes.

An welche Bedingungen war das IWF-Darlehen von 1982 geknüpft?

Es wurden verschiedene Bedingungen gestellt, z.B. wurde uns gesagt, dass der öffentliche Sektor nicht in allen Bereichen präsent sein kann. Es war auch die Zeit, als Indien 1982 die Asienspiele ausrichtete, für die der indische Staat Hotels in Delhi gebaut hatte. Es war auch die Zeit, in der wir Gastgeber der internationalen Gipfeltreffen waren. Für all diese Veranstaltungen brauchten wir Infrastruktur. Und so tätigte der Staat Ausgaben in diesen Bereichen. Als wir uns an den IWF wandten, sagte der IWF der indischen Regierung, dass der Staat das Geld des IWF nicht für unnötige Ausgaben in diesem Bereich verwenden dürfe, und forderte den indischen Staat auf, dies dem Privatsektor zu überlassen.

Darüber hinaus wurden gemäß den Leitlinien des IWF Änderungen im indischen Gesellschaftsrecht vorgenommen, in deren Rahmen bestimmte Einfuhrbeschränkungen aufgehoben wurden. In diese Zeit fällt auch der Aufstieg des indischen Industriellen Dhirubhai Ambani, dessen erste Investition in die Textilindustrie erfolgte.

1991 ist der Zeitraum, in dem Indien offiziell eine groß angelegte LPG-Politik einleitete – Liberalisierung, Privatisierung und Globalisierung. Können Sie uns etwas über die Krise, die dazu führte, und die ergriffenen Maßnahmen erzählen?

Das war eine Zahlungsbilanzkrise, weil die indische Bevölkerung keine Kaufkraft hatte. Andererseits nahm die Abhängigkeit Indiens von Importen stetig zu, da diese Politik der indischen Bourgeoisie entgegenkam. Der indische Markt und die indische Produktion waren jedoch noch nicht bereit, sich in den internationalen Handel einzugliedern.

Um sicherzustellen, dass Indien Teil des internationalen Marktes wird, wurde diese Zahlungsbilanzkrise von der internationalen Finanzwelt als Gelegenheit genutzt, um Druck auf Indien auszuüben, sich zu öffnen. Das erste, was sie von Indien verlangten, war eine Abwertung der Währung. Sie verlangten sogar ein vollständiges Floaten der Währung auf dem Weltmarkt, dem die Regierung glücklicherweise nicht zustimmte, sondern sie erheblich abwertete. Das Argument war, dass dies die Ausfuhr indischer Waren auf den Weltmarkt erleichtern würde, was Indien Devisen einbringen würde, mit denen wir unsere Schulden bezahlen und unsere Importe bezahlen könnten. Unter diesem Vorwand forderten sie uns auf, bestimmte Bedingungen zu erfüllen. Eine davon war die Abwertung der Rupie. Dann verlangten sie auch die Öffnung bestimmter öffentlicher Sektoren, und so begannen wir mit dem Verkauf einiger öffentlicher Unternehmen. Wir haben auch damit begonnen, privates Kapital in verschiedenen Segmenten zuzulassen, in die der private Sektor nicht vorgedrungen war. Dann gestatteten wir diesen privaten Sektoren auch verschiedene Zugeständnisse bei der Einfuhr von Waren aus anderen Ländern und förderten den Export auf dem internationalen Wettbewerbsmarkt, wozu die indische Bourgeoisie zu diesem Zeitpunkt bereit war.

So sah die Anfangsphase der Privatisierung aus. Wir begannen mit dem GATT-Abkommen und verschiedenen anderen internationalen Abkommen, darunter auch Abkommen über die Landwirtschaft. In dieser Zeit wurden zum Beispiel bestimmte Sektoren der Landwirtschaft geöffnet. Wir begannen zum Beispiel, Kokosnüsse aus Indonesien und Malaysia zu importieren, obwohl wir in Indien Kokosnüsse anbauen. Dies wirkte sich vor allem auf den Süden des Landes aus, da diese Staaten die größten Kokosnussproduzenten waren. Die Kokosnüsse wurden aus Malaysia und Indonesien zu Dumpingpreisen nach Indien eingeführt, sodass die Kokosnussproduzenten in Kerala, Tamil Nadu und Andhra Pradesh Verluste erlitten. Gewürze durften eingeführt werden und die Beschränkungen für Sri Lanka, Malaysia und Indonesien wurden aufgehoben, was wiederum die indischen Gewürzproduzenten ruinierte. Als nächstes war die Baumwolle an der Reihe. Die Kommerzialisierung der indischen Landwirtschaft ruinierte die indischen Landwirte, weshalb es in dieser Zeit zu den ersten Selbstmorden von Landwirten kam.

In der Industrie erlebten die großen Unternehmen wie Ambani, Tatas, Goodridge usw. in dieser Zeit ein starkes Wachstum. Außerdem wurden ihnen Erleichterungen bei der Kreditvergabe gewährt. Bis dahin war es für die Banken vorrangig, einen Kredit an jemanden in dem Gebiet zu vergeben, in dem die Bank tätig war. Die meisten Banken befanden sich in ländlichen Gebieten. Dies wurde als vorrangige Kreditvergabe an die Landwirtschaft bezeichnet, da diese Banken im ländlichen Bereich tätig waren. Die Bedingung der vorrangigen Kreditvergabe der Banken wurde zwar dem Namen nach beibehalten, aber von Amts wegen abgeschafft. So begannen die meisten Banken, statt Kredite an Landwirte, Kleingewerbetreibende und andere zu vergeben, die Bedürfnisse all dieser Industrien und Großkapitalisten zu befriedigen.

Danach wurden, wie bereits erwähnt, ab 2008 auch die Dienstleistungssektoren geöffnet.

Die Reformen von 1991 werden manchmal als „wirtschaftlicher Staatsstreich“ bezeichnet. Würden Sie dem zustimmen?

Die Reformen von 1991 so zu sehen, würde bedeuten, dass wir wieder in das Verständnis verfallen, dass die indische Bourgeoisie kein Rückgrat oder einen eigenen Verstand hat, was wiederum bedeutet, dass sie ein Verbündeter des Imperialismus geworden ist. Das ist die indische Bourgeoisie aber nicht. Die indische Bourgeoisie war ursprünglich eine aufstrebende Bourgeoisie, jetzt ist sie eine wachsende Bourgeoisie. Sie wollte den Markt übernehmen, aber sie hatte noch nicht die Fähigkeit, den Markt selbst zu übernehmen. Warum hat sie die Öffnung zugelassen? Diese Öffnung geschah, weil sie diese Technologie wollte, sie wollte diese Zusammenarbeit zwischen ihr und dem internationalen imperialistischen Kapital. Damals schloss sich Maruti mit Suzuki zusammen, was dazu führte, dass die Autos von Maruti Suzuki die indischen Straßen in großem Stil eroberten. Es war auch die Zeit, als Hero mit Honda fusionierte. Honda durfte seine Fabriken in Indien nicht selbst gründen, sondern war gezwungen, sich mit einem indischen Unternehmen zusammenzuschließen und ein Kooperationsabkommen zu schließen. Wenn es sich um einen wirtschaftlichen Coup gehandelt hätte, dann hätte es vor Honda kapituliert, es hätte vor Suzuki kapituliert, und das war nicht die Absicht des indischen Kapitals. Die indische Bourgeoisie nutzte diese Kooperationen, um zu wachsen. Jetzt sehen wir, dass Hero Honda nur noch Hero ist. Honda stellt seine eigenen Fahrzeuge her. Aber jetzt ist Hero ein großer Akteur auf dem Zweiradmarkt geworden. Aber im Fall von Maruti Suzuki war das indische Unternehmen Maruti nicht in der Lage, seine Dominanz zu etablieren, weshalb jetzt nur noch Suzuki in Indien tätig ist.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, den Sie klarstellen, da bestimmte Teile der indischen kommunistischen Bewegung, insbesondere die Naxaliten-Bewegung, die indische Bourgeoisie als Kompradoren-Bourgeoisie bezeichnen. Allerdings wurde diese Politik auch auf Drängen der Imperialisten betrieben.

Ja, es gibt einen weiteren internationalen Kontext, den wir nicht vergessen sollten. 1991 war die Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Die Sowjetunion war nicht mehr da, um uns beim Wachstum zu helfen. Es gibt jetzt nicht mehr zwei Seiten, die man spielen kann, man muss nur eine Seite akzeptieren, wenn man wachsen will. Die indische herrschende Klasse muss sich also auf die Imperialisten verlassen. Infolgedessen wurde es für den Imperialismus einfach, die indische Bourgeoisie zu zwingen, bestimmte Bedingungen zu akzeptieren. Was hätte unsere wachsende Bourgeoisie zum Beispiel getan, wenn es die Sowjetunion noch gegeben hätte, und natürlich gibt es in der Geschichte kein Wenn und Aber. Sie hätte mit beiden Seiten verhandelt; sie hätte nicht allen Bedingungen zugestimmt, die die Imperialisten gestellt haben, und auch nicht den meisten von ihnen auferlegten Bedingungen. Sie hätte sie gegeneinander ausgespielt. Aber da die Sowjetunion nicht mehr existiert, ist sie nun gezwungen, dem imperialistischen Eindringen aus eigener Kraft zu widerstehen. Früher hatten sie die äußere Stärke der Sowjetunion, um dem Imperialismus zu widerstehen. Zumindest um sicherzustellen, dass ihre Interessen gewahrt werden. Aber jetzt leisten sie mit ihrer eigenen Kraft Widerstand. Aber sie sind diesem Druck nicht völlig erlegen, sie haben ihm widerstanden.

Wir werden etwas konkreter über die Liberalisierung sprechen, die derzeit in den Sektoren Landwirtschaft und Eisenbahn stattfindet. Diese beiden Sektoren bilden in verschiedener Hinsicht das Rückgrat der indischen Wirtschaft. Während der erste Sektor die Ernährungssicherheit gewährleistet, sorgt der zweite für die Mobilität der breiten Masse des Landes, was wiederum den Zugang zu grundlegenden Annehmlichkeiten sicherstellt. Darüber hinaus sind beide Sektoren die direkte Lebensgrundlage für eine große Zahl von Arbeitskräften in Indien. 

Im Agrarsektor versucht der indische Staat auf Geheiß der indischen Bourgeoisie und der Imperialisten, das öffentliche Verteilungssystem, von dem Sie vorhin sprachen, abzuschaffen. Er öffnet nun den indischen Agrarsektor für die Profitbedürfnisse der Imperialisten und der indischen Bourgeoisie. Sie versucht, Indien von der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln wegzubringen und will, dass die indischen Bauern kommerzielle Feldfrüchte produzieren, die auf dem Weltmarkt geschätzt werden. So werden die Landverhältnisse umgestaltet, wodurch die Bauern unter die direkte Kontrolle des internationalen Kapitals geraten und ihr Lebensunterhalt von den Schwankungen des Weltmarktes abhängt. Auf der anderen Seite sehen die Imperialisten Indien als Exportziel für die überschüssigen Nahrungsmittelgetreidebestände, die diese imperialistischen Länder produzieren. Sie wollen also, dass die indischen Verbraucher für ihre Konsumbedürfnisse importabhängig werden. Dies wäre wiederum von den Preisschwankungen auf dem Weltmarkt abhängig.

Ja. Die Food Corporation of India (FCI) verfügt über Lagerhallen, in denen wir stets Pufferbestände an Weizen gelagert haben, um für alle Eventualitäten wie Dürre, Überschwemmungen oder schwere Wirbelstürme gerüstet zu sein. Der Puffervorrat in diesen Lagerhallen wurde immer über das erforderliche Maß hinaus aufrechterhalten. Diese mit Nahrungsmittelkörnern gefüllten Lager sind Ausdruck der Selbstversorgung Indiens. Aber diese FCI-Godowns werden jetzt abgebaut.

Und mit den neuen Handelsabkommen wird das Beschaffungsverhältnis geändert und die Verteilung demontiert, anstatt die Nahrungsmittel direkt bei den Bauern zu beschaffen und sie an die hungernden indischen Massen zu verteilen. Man lässt die Nahrungsmittel einfach verrotten. Wir haben immer gesagt, dass die Menge an Nahrungsmittel, die von Mäusen, Ratten und Nagetieren in den FCI-Godowns gefressen wird, selbst wenn sie gerettet und an die Menschen im Land verteilt wird, den Hunger weitgehend beseitigen kann. Aber die Regierung ist dazu nicht bereit, sie will nur die Verteilung verhindern.

Wie haben sich die Landnutzungsbeziehungen in der Zeit der Neoliberalisierung entwickelt?

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich viele Veränderungen vollzogen. Indien befindet sich in einem raschen Wandel, das globale Finanzkapital hat sich ebenfalls verändert, und auch die indische Führungsschicht hat einen Wandel erlebt. Die grüne Revolution und die neuen Produktionstechnologien, die in der Landwirtschaft Einzug gehalten haben, haben ebenfalls zu Veränderungen geführt und die marktorientierte Landwirtschaftspolitik hat auch Auswirkungen auf die indischen Landwirte.

Früher produzierte ein Großteil der indischen Landwirtschaft zum Beispiel Nahrungsmittelgetreide. Doch das hat sich langsam geändert. Die Anbauflächen für Handelsgewächse wie Baumwolle, Zuckerrohr usw. haben sich zunehmend vergrößert. Auch die Gartenbauproduktion von Früchten wie Äpfeln usw., die auf dem internationalen Markt einen Handelswert haben, nimmt zu. Auch die Blumenzucht nimmt zu, wobei in Orten wie Bangalore riesige Farmen zu finden sind, die verschiedene Rosensorten für den Export in andere Länder produzieren. Insgesamt steigt also die Produktion von Nutzpflanzen in Indien.

Außerdem eignet sich kleiner Landbesitz nicht für den Anbau von Nutzpflanzen. Pepsi zum Beispiel kam in der Anfangsphase der Öffnung nach Indien. Doch Pepsi begann nicht nur mit der Produktion von Cola, sondern auch von Kartoffelchips. Das Unternehmen stellte jedoch fest, dass die indischen Kartoffeln für die Produktion nicht geeignet sind. Deshalb hat Pepsi immer wieder Druck auf die Regierung ausgeübt, damit sie ihm Hunderte von Hektar Land überlässt, auf denen es selbst Kartoffeln anbauen kann. Außerdem wurden private Anreize für den Kartoffelanbau geschaffen, um die indischen Landwirte in bestimmten Gebieten von der Getreideproduktion zum Kartoffelanbau zu bewegen. Auf diese Weise werden die Landverhältnisse in Indien schrittweise umgestaltet.

Im Jahr 2000 sind wir in eine Situation geraten, in der die kapitalistischen Verhältnisse zunehmend in die Landwirtschaft eingedrungen sind. Früher gab es Großgrundbesitzer und diejenigen, die Geld verliehen haben. Mit dem zusätzlichen Kapital, das diese Grundbesitzer durch die Produktion für den Weltmarkt erwirtschaftet haben, haben diese Grundbesitzer nun auch begonnen, Geld als Kredit an Kleinbauern zu vergeben. Früher gab es zwei verschiedene Berufe, jetzt werden sie langsam zu einem einzigen Beruf verschmolzen.

Früher wurde der kleine Kapitalüberschuss, der erwirtschaftet wurde, wieder in die Landwirtschaft investiert. Aber jetzt gibt es neue Investitionsmöglichkeiten für einen Grundbesitzer. Das überschüssige Kapital kann jetzt in eine Zuckerrohrmühle oder eine Reismühle investiert werden oder man kann ein Unterhaltungskino bauen. Sie haben also begonnen, in nicht-landwirtschaftliche Tätigkeiten zu investieren, was wiederum noch mehr Überschüsse generiert. Nicht-landwirtschaftliche Tätigkeiten werden zu einer wesentlichen Aktivität und langsam dringen diese kapitalistischen Beziehungen in die ländlichen Gebiete Indiens ein.

Das ist der eine Aspekt, den wir berücksichtigen müssen, der andere Aspekt ist der internationale. International stellen wir fest, dass die Häufigkeit der Krisen zugenommen hat. Früher waren es alle paar Jahrzehnte, dann alle zehn Jahre, und jetzt sind es nur noch alle zwei bis drei Jahre. Heute gerät man, bevor man aus einer Krise herauskommt, bereits in die nächste Krise. Daher hat das internationale Finanzkapital auch begonnen, sich nach neuen Sektoren umzusehen, in die es investieren kann. Die Industrie ist raus, die traditionellen Finanzsektoren sind auch raus, wie man beim Zusammenbruch von Lehman Brothers usw. gesehen hat. Der indische Immobilienmarkt hingegen ist ein Neuland, das noch nicht erschlossen wurde. Und dann ist da noch die indische Landwirtschaft, die noch nicht vollständig für ausländisches Kapital geöffnet ist.

Gleichzeitig wurden die drei Landwirtschaftsgesetze nicht nur für das imperialistische Kapital, sondern auch für das indische Kapital eingeführt, weil der indische Kapitalismus ebenfalls in einer Krise steckt. Denn das, was der indische Kapitalist produziert, wird von den indischen Massen nicht konsumiert, da sie nicht über die nötige Kaufkraft verfügen. Auf der anderen Seite sind sie nicht in der Lage, es auf dem internationalen Markt zu verkaufen, da der indische Kapitalist nicht in der Lage ist, mit den Produzenten auf anderen Märkten zu konkurrieren. Außerdem ist der Markt in anderen Ländern bereits gesättigt. So wurde es auch für die indischen Kapitalisten notwendig, dass der indische Staat die Landwirtschaft und den Boden für Investitionen öffnet, da die indischen Immobilien und die Landwirtschaft die beiden Bereiche sind, die sich als neu und lukrativ erwiesen haben, die für Investitionen unerschlossen sind und ein großes Expansionspotenzial haben.

Führt diese Expansion nicht zu Widersprüchen zwischen den Kapitalisten und den Grundbesitzern in Indien?

Ja, das ist der Punkt, auf den die Dinge hinauslaufen. Warum haben die reichen Bauern in Punjab und Haryana so massiv protestiert und waren bereit, sich jahrelang zu wehren? Weil es für die Großgrundbesitzer eine Frage des Überlebens ist. Aber warum ist der indische Staat andererseits so unnachgiebig, diese Reformen durchzuführen? Weil es für ihn um das Überleben des Kapitalismus geht. Daher waren die Großgrundbesitzer gezwungen zu protestieren, und aufgrund der Klassenzusammensetzung des indischen Staates war der Staat gezwungen, die Protestierenden nicht anzugreifen. Wann immer die Arbeiterklasse auf die Straße geht, wendet der Staat maximale Gewalt gegen die Arbeiterklasse an. Aber gegen die Bauern war der Staat nicht bereit, diese Art von Gewalt anzuwenden. Er erlaubte ihnen, ein Jahr lang an den Grenzen Delhis zu sitzen, weil sie auch als Freunde der herrschenden Klassen angesehen werden.

Im Streben nach maximalen Gewinnen werden also die gesamten Anbaumuster hier verändert. Das indische Volk wird für seine Ernährung von Getreideimporten aus anderen Ländern abhängig gemacht, in diese Abhängigkeit wollen sie Indien bringen. Die Kapitalisten, die in den indischen Landwirtschaftssektor einsteigen, wollen Nutzpflanzen produzieren, die auf dem internationalen Markt lukrativ sind. Es ist nicht die Notwendigkeit der Gesellschaft, die die Produktion bestimmt. Es ist die Höhe des Profits, den man erwirtschaftet, die bestimmt, welche Art von Produktion stattfindet.

Derzeit findet im Eisenbahnsektor ein massiver Privatisierungsprozess statt. Der Eisenbahnsektor hat bewiesen, dass er in der Lage ist, die gesamte Industrie selbst zu betreiben, sei es bei der Herstellung, Wartung, Reparatur usw. Er hat auch bewiesen, dass er in der Lage ist, neue Technologien zu übernehmen. Aber die Frage ist: Wenn der Staat die Fähigkeit hat, die gesamte Industrie selbst zu betreiben, warum geht dann bei der Privatisierung nicht die gesamte Kontrolle über die Eisenbahn in die Hände der indischen Bourgeoisie über? Warum kollaboriert die indische Bourgeoisie stattdessen mit den Imperialisten, wenn erstere einfach die ganze Sache übernehmen können? So hat sie z.B. General Motors, einem amerikanischen Unternehmen, den Auftrag erteilt, jedes Jahr etwa 100 Lokomotiven zu liefern. Wozu ist diese Zusammenarbeit nötig?

Die indische Eisenbahn ist immer noch ein riesiger öffentlicher Sektor und die Aufrechterhaltung dieses Ungetüms ist für die indische Bourgeoisie allein nicht möglich. Erstens, weil es sich um einen öffentlichen Sektor handelt, der seine Wurzeln in entlegene Teile des Landes ausgedehnt hat und wenn die indische Bourgeoisie ihn in Gänze übernimmt, werden diese Strecken völlig unrentabel und unproduktiv sein. Marx sagt, dass das Kapital, wenn es etwas nicht produktiv findet oder nicht in der Lage ist, die Produktionsverhältnisse zu ändern, bestimmte Produktivkräfte abtötet, um seine Hegemonie zu erhalten. Auf diese Weise wurden die COVID-Sperren in gewisser Weise für die Interessen des Kapitals eingesetzt, insbesondere bei den Eisenbahnen. Wie Sie sehen, wurde im Namen der Abriegelung der gesamte Eisenbahnverkehr für eine gewisse Zeit stillgelegt. Aber bis heute sind bestimmte Züge, die vor COVID verkehrten, noch nicht wieder in Betrieb genommen worden. Viele Züge wurden gestrichen, viele Stillstände wurden beseitigt und viele neue Züge werden eingeführt. Auf diese Weise wurde der Zeitraum des COVID-Notstands von etwa einem Jahr genutzt, um sicherzustellen, dass sich die Menschen langsam an solche Veränderungen gewöhnen. Heute gibt es keine neuen Personenzüge mehr. Was man sieht, ist die Einführung dieser sehr teuren Schnellzüge wie „Vande Bharat“ oder „Gatimaan Express“. Die Einführung dieser teuren Züge wird sich auf die Anbindung der ländlichen Gebiete auswirken.

Die neue Infrastruktur, die gebaut wird, ist auf die Bedürfnisse eines Teils der finanziell gut gestellten indischen Bevölkerung zugeschnitten. Um diesen Teil der Bevölkerung zu überzeugen, muss der Staat „moderne“ Lokomotiven einführen, die derzeit nur ausländische Unternehmen liefern können. Bei der Metro in Delhi beispielsweise stammt die gesamte Technologie aus Deutschland und Japan. Daher geht die indische Bourgeoisie derzeit eine Zusammenarbeit mit den Imperialisten ein.

Können Sie mehr darüber sagen, wie die Privatisierung der Eisenbahnen abläuft und welche Veränderungen sie für die Arbeiterklasse mit sich bringt?

Abgesehen von der Produktion neuer Lokomotiven, die in die Hände des Privatsektors übergehen, werden jetzt auch die Bahnhöfe privatisiert. Ich glaube, einige Bahnhöfe in Delhi sind bereits privatisiert worden. Wenn Sie den Bahnhof betreten wollen, müssen Sie jetzt eine Einfahrtsgebühr für Ihr Fahrzeug bezahlen. Das bedeutet, dass die Leute weit weg halten werden, aber wie sollen die Leute mit dem schweren Gepäck kommen, das sie mit sich führen? Langsam werden die Menschen von diesem Verkehrsmittel verdrängt. Nur bestimmte rentable Bahnhöfe und Segmente werden erhalten bleiben.

Die Privatisierung und die Umstellung auf eine profitorientierte Eisenbahninfrastruktur wirken sich auch auf die Arbeitsbedingungen aus. Wenn man zum Beispiel Züge in Superschnellzüge umwandelt, erhöht man die Geschwindigkeit von, sagen wir, 90 Kilometern pro Stunde auf 130 Kilometer pro Stunde. Daher passierte ein Zug früher in einer Stunde 90 Zugsignale, was bedeutet, dass man jede Minute ein Signal passiert. Mit der Erhöhung der Geschwindigkeit legen Sie nun eine längere Strecke zurück. So passieren Sie pro Stunde 130 Signale, was bedeutet, dass Sie etwa alle 40 Sekunden ein Signal passieren. Dies erfordert eine höhere Konzentration des Fahrers. Der Fahrer muss immer wach sein; er darf weder ein Handy noch eine andere Ablenkung im Fahrzeug haben. Auf der anderen Seite muss der Fahrer 8 Stunden ununterbrochen arbeiten. Früher konnte ein Fahrer in einer 8-Stunden-Schicht 6 Stunden arbeiten und 2 Stunden Pause machen, oder er konnte 4 Stunden arbeiten, eine Pause machen und dann den Rest der Schicht beenden. Die Zeit zum Entspannen fällt weg, was die Wahrscheinlichkeit von Unfällen erhöhen wird.

Um sicherzustellen, dass der Fahrer nicht zu erschöpft ist, gibt es ein Pedal, das in der Nähe des Fußes des Fahrers platziert wird, und der Fahrer muss jede Minute auf dieses Pedal drücken, was an einem zentralen Kontrollpunkt registriert wird, um sicherzustellen, dass er wach und konzentriert ist. Während der gesamten Schicht darf der Fahrer nicht sitzen, sondern muss die ganze Zeit stehen und das Pedal jede Minute betätigen. Wenn der Fahrer versehentlich vergisst, das Pedal zu betätigen, wird er bestraft.

Wenn sich jedoch Unfälle ereignen, was größtenteils auf eine bröckelnde Infrastruktur, fehlende Investitionen in Sicherheitsmechanismen und eine erhöhte Arbeitsbelastung der Fahrer zurückzuführen ist, wird der Fahrer für die Unfälle verantwortlich gemacht. Sie sehen also, dass wir bereits begonnen haben, fahrerlose Lokomotiven in den Metrosystemen einzuführen. Im Namen der Sicherheit werden Arbeitnehmer entlassen.

Heute ist die Eisenbahn in Indien immer noch der größte Arbeitgeber in allen Sektoren. Aber durch den Abbau von Personal wird der Eisenbahnsektor für die Übernahme durch den Kapitalismus lukrativ gemacht. Der Staat hat den privaten Akteuren bereits erlaubt, ihre eigenen Waggons zu betreiben, der Containertransport ist nahezu privatisiert, und die meisten Dienstleistungen in den nicht zum Kerngeschäft gehörenden Bereichen wie die Reinigung der Waggons und der Bahnsteige, die Versorgung mit Lebensmitteln und dergleichen sind jetzt alle privatisiert, und die meisten von ihnen werden unter Vertrag genommen bzw. Sub-Vertrag.

Diese Untervergabe von Arbeiten führt zu einem Anstieg der Praxis der Schuldknechtschaft. So fallen beispielsweise die Gleisinstandhaltungsarbeiten in den Bereich der Vertragsarbeit. Das spielt sich folgendermaßen ab: Angenommen, ich nehme den Auftrag zur Instandhaltung eines Gleises an. Ich hole mir meine eigenen Arbeiter aus Bihar (einem der rückständigsten Bundesstaaten Indiens) oder von irgendwo anders her. Ich verpflichte mich, dem Arbeiter 12.000 Rupien für zwei oder drei Monate Arbeit zu zahlen. Als Teil der Abmachung bin ich verpflichtet, dem Arbeiter, sagen wir, 133 Rupien pro Tag zu zahlen. Ich würde aber nur 111 Rupien pro Tag für den Zeitraum von drei Monaten zahlen. Anstatt die gesamten 12.000 Rupien zu zahlen, zahle ich dem Arbeiter also am Ende 10.000 Rupien. Nach Ablauf der besagten Arbeitsperiode schicke ich den Arbeiter mit 10.000 Rupien nach Hause und sage ihm, dass er den Rest der 2.000 Rupien erst bei seiner nächsten Rückkehr erhalten wird. Die 2.000 Rupien behalte ich als Kaution, um sicherzustellen, dass der Arbeiter zurückkehrt und nicht zu einem anderen Job flieht. Das sind einige der wenigen Entwicklungen, die durch die zunehmende Privatisierung eingetreten sind.

Können Sie kurz zusammenfassen, worüber wir bisher gesprochen haben?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Kapital heute auf der Suche nach neuen Bereichen für seinen Profit ist, weil es sich in einer Krise befindet. Grundstücke, Immobilien, Eisenbahnen oder die Landwirtschaft sind solche Bereiche, die es in Indien als lukrativ für seinen Einstieg empfindet. Der Dienstleistungssektor, und damit meine ich nicht nur Dienstleistungen wie die Lieferung von Lebensmitteln, ich spreche von Wasser, Elektrizität, Abfallentsorgung, Abwasserentsorgung, Bildung, Gesundheit, Versicherungen usw., das sind einige der Dienstleistungen, die jetzt für ihren Einstieg offen sind. Und diese Politik der Privatisierung und Öffnung solch wesentlicher Wirtschaftssektoren erweist sich als sehr nachteilig für die Menschen. Die Gesundheit zum Beispiel ist nach der Ernährung eine der wichtigsten Ausgaben für die Menschen. Wenn es keine öffentlichen Gesundheitseinrichtungen gibt, sind die Menschen gezwungen, in ein privates Krankenhaus zu gehen, auch wenn sie sich nicht sicher sind, ob sie dort eine gute Behandlung bekommen. Aber zumindest haben die Menschen dort die Gewissheit, dass sie einen Arzt oder eine Person finden, die sich um sie kümmern kann. Doch anstatt den öffentlichen Gesundheitssektor zu stärken, indem sie ihn mit einem ausreichenden Budget ausstattet, fördert die Regierung die Privatversicherung. Sie sagt, dass man sich in jedem privaten Krankenhaus behandeln lassen kann, das normalerweise hohe Gebühren verlangt, und dass die Behandlung von der privaten Versicherung übernommen wird.

Sowohl die privaten Versicherungen als auch die privaten Krankenhäuser profitieren auf Kosten der Bürger. Sie schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Der öffentliche Gesundheitssektor wird vollständig abgebaut, und der öffentliche Versicherungssektor wird zunehmend für alle privaten Akteure, sowohl indische als auch ausländische, geöffnet.

Teil 3: Die indische kommunistische Bewegung und der Kampf für nationale Souveränität.

Wo steht die indische kommunistische Bewegung heute?

Die indische kommunistische Bewegung hat heute leider mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Wir als Marxistische Kommunistische Partei Indiens haben selbstkritisch geprüft und prüfen weiterhin, welche Mittel und Methoden wir anwenden müssen, um unseren Einfluss zu vergrößern. Denn erstens ist die Zeit reif und die objektiven Bedingungen sind gegeben, weil die Menschen vielen Angriffen auf ihre Lebensgrundlage ausgesetzt sind. Aber die Unzufriedenheit, die dadurch entsteht, wird von den spaltenden Kräften mit allen möglichen sektiererischen Ideologien ausgenutzt. Daher ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Menschen kommen und sich gegen die Angriffe wehren und nach einer echten Alternative suchen, und wir als Kommunisten glauben, dass wir dazu voll und ganz in der Lage sind. In dieser Hinsicht wollen wir zunächst versuchen, unsere Basis unter den jungen Menschen in diesem Land zu vergrößern. Für uns als Partei kommt ein wesentlicher Teil unserer Mitglieder aus der Arbeiterklasse, der armen Landbevölkerung und den Landarbeitern. Von der Klasse her sind wir in einer guten Position, aber vom Alter her wollen wir die Zusammensetzung der Jugend in unserem Land verbessern. Deshalb müssen wir unsere Kommunikationsstrategien ausarbeiten, um die jungen Menschen anzusprechen.

Der zweite wichtige Aspekt, mit dem wir uns heute auseinandersetzen müssen, ist die Enttäuschung, die viele empfinden, nämlich, dass es keinen Sinn hat zu kämpfen, dass es keinen Gewinn in irgendeiner Art von Kampf gibt. Wir müssen uns dieser Enttäuschung stellen. Und die materielle Basis für diese Auseinandersetzung ist bereits vorhanden. Die Kämpfe, die die Bauernschaft vor kurzem geführt hat, haben beispielsweise die Pläne zur Deregulierung des Agrarsektors vereitelt. Auch die Kämpfe in bestimmten Sektoren der Arbeiterklasse wie der Elektrizitätswirtschaft waren erfolgreich, wo sich die Elektrizitätsarbeiter den Bestrebungen der Regierung widersetzt haben, den gesamten Prozess der Produktion und Verteilung von Elektrizität vollständig zu privatisieren. Auf diese Weise gibt es jetzt einige Beispiele, mit denen wir die Menschen inspirieren können. Außerdem stellen wir fest, dass die Menschen auch die Nase voll haben von spaltender Politik. Die Menschen haben sich eine gewisse Zeit lang mitreißen lassen. Aber wir sehen zum Beispiel in mehreren Bundesstaaten, darunter Delhi, Karnataka und einigen anderen Orten, dass die Menschen, wenn es eine echte Alternative gibt, diese auch wählen.

Aber wie gesagt, die Grundkurse sind bei der kommunistischen Bewegung, und das ist eine positive Sache, die wir weiter ausbauen müssen.

Sie haben vorhin erwähnt, dass die Frage der nationalen Souveränität ein großes Thema ist. Können Sie erläutern, was Sie damit meinen? Ist die nationale Souveränität bereits erreicht?  

Nationale Souveränität bedeutet, dass das Volk vollständig in die Entscheidung über sein Heute und Morgen eingebunden ist. Die Souveränität liegt beim Volk, sie ist kein abstraktes Konzept des Staates, sondern sie liegt beim Volk. Das Volk wird nur dann in der Lage sein, seine Souveränität auszuüben, wenn ihm bestimmte Mindestgrundlagen vermittelt werden, z. B. das Wissen, eine Situation mit Verstand zu beurteilen, zu analysieren und zu verstehen. Das wiederum bedeutet, dass Ihr Bildungssystem demokratisiert sein sollte, dass es für jeden zugänglich sein sollte, dass es wissenschaftlich genug ist und dass es eine sichere Zukunft garantiert. Das ist nicht das Bildungssystem, das wir heute haben und das wir nie hatten. Dann bedeutet es auch, dass wir als Volk mit anderen externen Mächten auf Augenhöhe umgehen, das ist nicht der Fall. Darüber hinaus wird das indische Volk nie an den Entscheidungen beteiligt, die die Regierung in seinem Namen trifft, wenn sie über diese Politiken entscheidet. Die indische Bevölkerung wurde von der Regierung nie konsultiert, als sie diese neoliberale Politik verfolgen wollte. Das Volk wurde von Nehru (dem ersten Premierminister) nie konsultiert, als er entscheiden wollte, welchem Fünfjahresplan und welchen Aspekten der Wirtschaft Vorrang eingeräumt werden sollte. All diese Dinge wurden im Namen des Volkes getan, aber das Volk wurde nie wirklich in all diese Entscheidungen einbezogen. In diesem Sinne können wir nicht sagen, dass wir die Souveränität erlangt haben. Wir waren dabei, als Land wirklich souverän zu werden, aber die Erlangung der Souveränität ist immer noch eine Reise, die wir fortsetzen müssen.

Kommen wir nun zu der konkreten Strategie und Taktik der CPIM. Wenn man sieht, wie sehr die Imperialisten und die indische Bourgeoisie bei ihren Versuchen, in jeden Sektor der indischen Wirtschaft vorzudringen, zusammenarbeiten, entsteht in der indischen kommunistischen Bewegung das Argument, dass der Kampf gegen den Imperialismus und der Kampf gegen unsere eigene Bourgeoisie zu ein und derselben Sache werden.

Wieder eine Missachtung der Stärke der indischen Bourgeoisie. Als der US-Botschafter sich zu den aktuellen Unruhen in Manipur äußerte, war es die Kongresspartei, die scharf darauf reagierte. Sie kritisierte, dass er kein Recht habe, sich in die inneren Angelegenheiten Indiens einzumischen. Dies ist nicht nur eine politische Äußerung, sondern auch eine Äußerung der gesamten Bourgeoisie, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Der Kongress hat sich zwar nicht aktiv gegen die Korporatisierung der indischen Landwirtschaft durch die drei von der Modi-Regierung eingebrachten Landwirtschaftsgesetze gewehrt, aber in Wirklichkeit war der Kongress dagegen. Dies ist ein wichtiger Punkt, den wir im Auge behalten müssen: Die Kongresspartei vertritt einen bestimmten Teil der indischen Bourgeoisie und der Grundbesitzerklasse, deren Interessen nicht mit denen der Imperialisten übereinstimmen.

Selbst innerhalb der BJP [Bharatiya Janata Party, dt. „Indische Volkspartei“. Aktuell seit 2014 Regierungspartei unter Premierminister Narendra Modi.] gibt es prominente Mitglieder, die sich gegen diese Landwirtschaftsgesetze ausgesprochen haben, denn die BJP vertritt auch jene Teile der herrschenden Klasse, die gegen die Veränderungen im Agrarsektor waren. Wir können also nicht einfach sagen, dass der Widerspruch zwischen Großgrundbesitzern und Kapitalismus in Indien nicht mehr existiert oder dass der Widerspruch zwischen der indischen Bourgeoisie und den USA/Imperialismus nicht mehr existiert. Diese Widersprüche existieren auch heute noch, sie kommen auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck, und wenn sie zum Ausdruck kommen, müssen wir sie nutzen. Wenn wir uns weigern, diese Widersprüche anzuerkennen, würde das bedeuten, dass wir uns im Kampf gegen den Imperialismus isolieren. Wir wollen uns nicht isolieren; wir wollen so viel Unterstützung wie möglich für unseren Kampf gegen den Imperialismus mobilisieren. Das heißt aber nicht, dass wir die Großbourgeoisie nicht durchschauen. Wir wissen, dass sie in ihrem Kampf nicht ehrlich sind und Kompromisse mit den Imperialisten eingehen werden. Wir müssen auch die Kleinbourgeoisie oder die Bourgeoisie mobilisieren, die aufgrund der imperialistischen Durchdringung in Indien den Kürzeren zieht. 

Seit COVID haben beispielsweise viele KKMU (Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen) aufgrund von Verlusten geschlossen, und die Regierung ist nicht bereit, sie zu unterstützen. Daher kämpfen diese Teile der Bourgeoisie gegen die Regierung und fordern von ihr Zugeständnisse. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die kleinere Bourgeoisie bereit ist, die Monopolbourgeoisie in Frage zu stellen und ihr entgegenzutreten. Es ist also unsere Aufgabe, sie in diesem Kampf zu mobilisieren.

Selbst für die Monopolbourgeoisie gibt es starke Widersprüche. So wird beispielsweise der Eintritt ausländischen Kapitals in den Versicherungssektor und andere Einzelhandelssektoren von der Monopolbourgeoisie nicht ohne weiteres akzeptiert. Warum haben wir hier in Indien keinen Walmart? Weil die Großbourgeoisie Walmart nicht in Indien haben will. Warum hat Amazon so viele Probleme mit dem indischen Staat? Weil Reliance (ein großer Konzern) mit der Existenz von Amazon nicht einverstanden ist. Reliance-Jio will den Online-Einzelhandelsmarkt erobern, in den Amazon einsteigen will. Es gibt also diese Widersprüche, die wir erkennen und akzeptieren müssen.

Würden Sie also sagen, dass es Momente gibt, in denen die Interessen der indischen Arbeiterklasse mit den Interessen der indischen Bourgeoisie übereinstimmen?

Nein, sie stehen nicht im Einklang mit den Interessen der indischen Bourgeoisie. Wenn sie sagen, dass sie den Kampf der Arbeiterklasse gegen den Eintritt des ausländischen Kapitals unterstützen wollen, begrüßen wir ihre Unterstützung. Das ist etwas anderes als eine Angleichung. Bündelung bedeutet, dass wir der Bourgeoisie die Führungsrolle überlassen, und wir beteiligen uns daran. Nein, das wollen wir nicht, denn wir haben während des indischen Freiheitskampfes gesehen, dass die indische Bourgeoisie, die den Kampf anführte, ihn nicht zu Ende geführt hat. Wir wollen heute nicht die Führung im Kampf gegen den Imperialismus abgeben. Der Kampf wird heute unter indischen Bedingungen von der Arbeiterklasse geführt werden, wir würden die Bourgeoisie begrüßen, wenn sie bereit ist, uns zu unterstützen.

Was meinen Sie damit, dass der Kampf nicht zu seinem logischen Ende geführt wird?

Wir als CPIM haben die indische Nationalbewegung (den Freiheitskampf) als die erste Etappe unserer Revolution bezeichnet, weil wir sagten, dass es sich um einen Kampf gegen den Kolonialismus und die Kolonialherren handelte, in dem es einen Widerspruch zwischen den Kolonialmächten und Indien gab. In dieser Phase des Kampfes waren die indische Bourgeoisie und alle anderen Klassen in Indien, einschließlich der Arbeiterklasse, der Bauernschaft und der Landarbeiter, alle beteiligt. Wir konkurrierten im Namen der Arbeiterklasse mit der Bourgeoisie um die Führung dieses Kampfes, aber die Bourgeoisie konnte die Führung übernehmen. Sie war in der Lage, die Partei zu werden, die die Unabhängigkeit errungen hatte. Aber unsere Idee ist, dass wir jetzt, da die Kolonialmächte verschwunden sind, gegen die Großbourgeoisie kämpfen müssen – gegen den Landbesitzerstaat, der mit dem Imperialismus Kompromisse eingeht oder kollaboriert. Dies ist die zweite Phase unserer Strategie, in der wir gegen den Imperialismus, die Großbourgeoisie und den Gutsherren kämpfen müssen.

Wer wird der Anführer im Kampf gegen diese Kräfte sein?

Die Anführer werden die Arbeiterklasse sein, zusammen mit den Landarbeitern und den armen Bauern. Dies wird der Kern sein, und wir erwarten, dass sich die Mittelklasse aufgrund der Stärke der Kämpfe dieser Klassen um diese Sektion scharen wird, da die Interessen der Mittelklasse meistens mit diesen Sektionen verbündet sind und sie sich ihnen anschließen werden. Mit dieser erweiterten Front wollen wir die reiche Bauernschaft neutralisieren, wir wollen nicht, dass sich die reiche Bauernschaft den Grundbesitzern und der Bourgeoisie anschließt, wir wollen sie neutralisieren. Wenn sie bereit sind, sich dem Kampf anzuschließen, sind sie willkommen, aber sie sollten neutral bleiben. Das ist die Strategie, die wir in dieser Phase, die wir die volksdemokratische Phase der Revolution nennen, verfolgen.

In dieser Phase richtet sich der Kampf nicht gegen die gesamte Bourgeoisie und die gesamte Bauernschaft. Unser Kampf richtet sich auch nicht gegen das gesamte Privateigentum, da die Bauernschaft Privateigentum besitzt. Mit der verbreiterten Front richtet sich unser Hauptkampf gegen die Großgrundbesitzer und das Monopolkapital. Dabei werden wir keinen Großgrundbesitz zulassen. Eine wichtige Rolle wird der Staat spielen, der das Kapital verstaatlichen wird, wobei das verstaatlichte Eigentum des Staates von den Arbeitern verwaltet werden wird. Das ist unsere Vorstellung von der demokratischen Volksrevolution. Davon ausgehend wollen wir zum Sozialismus übergehen, in dem es kein Privateigentum mehr geben wird. Das ist die logische Schlussfolgerung. Wir haben die erste Etappe der indischen Revolution abgeschlossen, zwei weitere Etappen liegen noch vor uns.

Indien nimmt heute geopolitisch eine kritische Position ein. Was bedeutet das für die CPIM in ihrem Kampf gegen den Imperialismus?

Für uns als Kommunisten in Indien können wir in aller Bescheidenheit sagen, dass wir die größte kommunistische Partei in Indien sind. Aber die Verantwortung, obwohl wir die größte Partei im Lande sind, ist enorm, denn gemessen an der Bevölkerung unseres Landes sind wir immer noch eine kleine Kraft. Wir wollen in diesem Land wachsen und das ist heute in unserem Land eine Notwendigkeit. Angesichts der strategischen Bedeutung, die Indien heute in der globalen Arena hat, wenn die kommunistische Bewegung in Indien gestärkt wird, denken wir, dass als logische Folge davon auch die antiimperialistischen Gefühle im indischen Volk gestärkt werden, was ein wichtiger Beitrag der indischen Kommunisten im weltweiten Kampf gegen den Imperialismus sein wird. Wir denken, dass dies gegenwärtig eine viel wichtigere Aufgabe für die indischen Kommunisten ist, die sie erfüllen müssen.

Wie ist die Stimmung der indischen Massen in Bezug auf den Kampf für nationale Souveränität oder den Kampf gegen den Imperialismus?

Wir sind der Meinung, dass trotz der Schwächen, in denen sich die Vereinigten Staaten heute befinden, sei es wirtschaftlich oder politisch, das Verhältnis der Klassenkräfte immer noch zugunsten des Imperialismus ist. Die antiimperialistische Stimmung, die das Erbe des Freiheitskampfes war, verblasst langsam, da wir die Generation, die diesen Kampf geführt hat, langsam verlieren. Die Zeitspanne beträgt nun 75 Jahre. Für die neue Generation gibt es keine Verbindung mehr zu der Generation, die gegen den Kolonialismus gekämpft hat und eine antiimperialistische Ideologie hatte. Jetzt ist es eine völlig neue Generation, die in einer neoliberalen Ordnung geboren und aufgewachsen ist. In der Amerika als ein engerer Verbündeter angesehen wird als jeder andere. In einer solchen Situation ist es eine wirklich schwierige Aufgabe für uns. Aber wir haben konkrete Schritte unternommen, um verschiedene Lücken zu schließen. Im Jahr 2015 haben wir drei Studiengruppen gebildet, um verschiedene Aspekte des Neoliberalismus zu untersuchen. Die erste Studiengruppe befasste sich mit den landwirtschaftlichen Verhältnissen auf dem Land, die zweite mit den Veränderungen am Arbeitsplatz. Und die dritte befasste sich mit der Urbanisierung und der städtischen Mittelschicht. So untersuchte die erste Gruppe die Bauernschaft, die zweite die Arbeiterklasse und die dritte die Mittelschicht.

Und als Ergebnis dieser Studien sind wir zu bestimmten Schlussfolgerungen darüber gekommen, welche Veränderungen stattfinden, wie sich die Art der Arbeit verändert und wie sich die Gewerkschaftsbewegung an diese Veränderungen anpassen muss. Aus diesem Grund versuchen wir jetzt, die Gig-Arbeiter zu organisieren, deren Arbeitsplatz nicht die traditionelle Fabrikhalle ist, sondern verstreut liegt. Wir arbeiten also daran, neue Ansätze für die Gewerkschaftsbewegung zu entwickeln, um sich an die neuen Umstände anzupassen.

In ähnlicher Weise, und das ist sehr wichtig, versuchen wir, der Jugend, die in einer völlig fremden Atmosphäre geboren und aufgewachsen ist, in der sie nichts mit dem Freiheitskampf zu tun hat, die Ideen des Freiheitskampfes zu vermitteln. Die Geschichte des indischen Freiheitskampfes ist das gesamte Terrain, auf dem die BJP heute kämpft. Die BJP will diesen Teil unserer Geschichte auslöschen, weil sie im Freiheitskampf keine Rolle gespielt hat. Wir hingegen wollen, dass der Freiheitskampf zu einem wichtigen Studienbereich der indischen Geschichte wird, denn hier können wir den Studenten von heute Antiimperialismus und Antikolonialismus beibringen und ihnen zeigen, wie eine frühere Generation von Menschen für eine bessere Gesellschaft gekämpft hat.

Können Sie von den Erfahrungen der kommunistischen Bewegung in Indien berichten, was ihre Bemühungen angeht, die Praxis der echten Souveränität zu vermitteln?

Zurzeit haben wir unsere Regierung in Kerala. Bevor wir über politische Maßnahmen entscheiden, versuchen wir, die Entscheidungsfindung so weit wie möglich zu dezentralisieren, soweit es die Verfassung zulässt. Wir versuchen, auf die Menschen zuzugehen und mit ihnen über die Probleme zu sprechen, mit denen sie konfrontiert sind, und darüber, wie die Regierung ihre Politik gestalten soll, um die von ihnen vorgebrachten Anliegen anzugehen. Seit wir in Kerala an der Macht sind, haben wir zum Beispiel mindestens dreimal alle Häuser dort besucht, mit den Menschen gesprochen, sie nach ihren Problemen gefragt und versucht, sie auf diese Weise an der Regierung zu beteiligen. Die kommunistische Bewegung in Indien versucht, sich an solchen Entscheidungsprozessen zu beteiligen, um den indischen Massen die wahre Bedeutung von Souveränität und Demokratie zu vermitteln.

Dann haben wir das Beispiel des Kampfes der Bauern. Wie wurden die Entscheidungen während des Kampfes getroffen? Die Entscheidungen wurden nicht von der Führung getroffen, sondern auf den Versammlungen der Menschen, die an den Grenzen versammelt waren und über die Diskussionen mit der Regierung informiert wurden. Die Meinungen der Menschen wurden aufgenommen und angehört, und dann setzte sich die Führung zusammen und formulierte die Vorschläge, zu denen die Menschen erneut befragt wurden. Erst dann wurde eine bestimmte Entscheidung an die Regierung weitergeleitet. Dies ist wiederum ein Ausdruck der Souveränität der Menschen durch demokratische Beteiligung.

Das ist etwas, das wir in die Art und Weise, wie unsere Organisationen Kämpfe führen, besser einbeziehen wollen. Derzeit führen wir viele Studien durch, wir haben Ausschüsse, die sich treffen und nach Konsultationen Entscheidungen treffen. Aber wir wollen diese Prozesse weiter verbessern, so dass die Arbeiter auch das Gefühl haben, dass sie Teil der Entscheidungsfindung sind. So sind sie nicht nur Ausführende der Entscheidungen, sondern werden auch Teil der Entscheidungen, die von allen umgesetzt werden. Wir glauben, dass diese Ausbildung nützlich sein wird, wenn wir die Regierung mit verschiedenen Themen konfrontieren, damit wir sagen können, dass wir uns auf der Grundlage des demokratischen Prozesses gegen eine bestimmte Politik wenden.

Dann haben wir ein entferntes Beispiel, zum Beispiel in Kuba. Kuba hat vor kurzem ein Familiengesetz verabschiedet, zu dem mehr als eine Million Menschen der Regierung schriftlich ihre Vorschläge unterbreitet haben. Viele weitere Millionen nahmen an den Diskussionen teil, die in den Stadtvierteln und über verschiedene Plattformen geführt wurden. Auf der Grundlage dieser Vorschläge wurde von der Regierung zunächst ein Entwurf ausgearbeitet und erneut an die Bevölkerung gesandt. Auf der Grundlage dieses Entwurfs wurde dann eine weitere Diskussion geführt, und auf der Grundlage dieser Diskussion setzte sich das Parlament erneut zusammen, formulierte ein Gesetz und brachte dieses Gesetz zur Volksabstimmung ein.

Das ist ein Beispiel, das wir hier verwenden, wenn wir über Demokratie und Souveränität sprechen und darüber, wie sie funktionieren sollte. Aber so etwas ist nur in einem sozialistischen System möglich. Deshalb versuchen wir, das Bewusstsein der Menschen in diesen Fragen zu schärfen, eine nach der anderen.

»Die weißen Herrscher wurden gegen schwarze Herrscher getauscht«

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Beitrag aus der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023


Anfang Mai sprachen wir mit Booker Omole, dem Vizepräsidenten der Kommunistischen Partei Kenias über die Geschichte des (Neo-) Kolonialismus in Kenia, die nationale Entwicklung und Machtkämpfe zwischen USA und Großbritannien, sowie die Rolle Chinas im Land. Ein kleiner Ausschnitt des Interviews ist hier übersetzt.

Könntest du uns erklären, wie sich das neokoloniale System bzw. die Unabhängigkeit in Kenia entwickelt hat?

Ich würde sagen, dass der neokoloniale Staat seine Angriffe in den letzten Jahren nur perfektioniert hat, aber seit der Unabhängigkeit 1963 existiert. Die Taktik vieler politischer Kräfte in Afrika hat sich kaum verändert. Aus Perspektive der Kommunistischen Partei Kenias (CPK) ordnen wir unser Land nicht als unabhängig ein. Die CPK hat deshalb drei Säulen ihrer Arbeit: Die erste ist, für eine vollständige Unabhängigkeit und Souveränität zu kämpfen. Zweitens, die Bewahrung des Vermächtnisses von Befreiungshelden wie Dedan Kimathi, der kein Kommunist, sondern ein progressiver Nationalist war. Und schließlich der Kampf für den Sozialismus. Das sind also die drei wesentlichen Elemente unserer Partei.

Die Briten wollten Kenia nicht mit einer Demütigung und Niederlage verlassen. Also wollten sie die Unabhängigkeit aushandeln, um die Interessen der weißen Minderheit, der Großgrundbesitzer, zu wahren. Das war der zentrale Grund, warum sie damals verhandelten. Man muss bedenken, dass der Kampf 1963 bereits bipolar war, es gab Leute, die bereits mit der UdSSR verbündet waren. […]

Die progressiven Nationalisten weigerten sich, sich an die Briten zu verkaufen. Sie sagten, die Briten müssten weg. Das Land muss der Mehrheit des Volkes gehören, denn im Zentrum des Kampfes stand die Frage von Land und Arbeit. Dedan Kimathi weigerte sich, selbst als ihm die Möglichkeit der Führung und eine Amnestie angeboten wurden. Er blieb dabei, dass die Briten das gesamte Land, das sie dem kenianischen Volk geraubt hatten, abtreten müssten. Also töteten sie ihn. […]

Was sind die Taktiken des Neokolonialismus? Die neokoloniale Regierung ist nur eine Fortsetzung der kolonialen Regierung und ihrer Instrumente. Zuerst gab es eine Diskussion, die Taktik zu ändern. Aber dann wurden die weißen Herrscher gegen schwarze Herrscher getauscht und sie anhand von Stammeszugehörigkeiten gespalten. Es gab die Fehlannahme, dass wir den weißen Mann angreifen, weil er weiß ist, aber das war nie das Thema. […]

Aber der neokoloniale Staat als Fortsetzung der politischen Herrschaft hatte auch einen wirtschaftlichen Charakter, denn das Wichtigste war, Reichtum aus Afrika, Reichtum aus Kenia zu gewinnen. Alles andere in diesem Überbau, was die Politik und den Rassismus anbelangt, war also nur etwas, um eine noch gefährlichere wirtschaftliche Unterdrückung zu verbergen, die sich noch verstärken sollte. Traurigerweise gibt es immer noch weiße britische Großgrundbesitzer, die sich seit der Unabhängigkeit verstecken und ihr gestohlenes Land behalten. Und der größte von ihnen tötet weiterhin Arbeiter in unserem Land und heißt Finlay. Er ist der größte Exporteur von Tee, Kaffee und Blumen und betreibt das, was die CPK als moderne Sklaverei bezeichnet. Das ist typisch für ein neokoloniales System: Die Wirtschaft des eigenen Landes wird reduziert und in den Dienst der Länder der Metropole gestellt. Das wurde getan, denn alle unwürdigen Arbeiten werden in Kenia erledigt, und alle würdigen Arbeiten werden im Ausland erledigt. […]

In diesen Plantagenunternehmen gibt es keine lokalen Regelungen, die sicherstellen, dass die Verarbeitung oder Wertschöpfung im eigenen Land erfolgt. Das bedeutet, dass die gesamte kenianische Wirtschaft und das Plantagensegment auf einen Rohstoffexporteur reduziert wurde. Das kann die Industrialisierung nicht aufrechterhalten. Auch wenn Schwarze an der Macht sind, wird sichergestellt, dass alle Industrien, die ihre Materialien verarbeiten im Westen liegen. Hauptsächlich bei den Briten zu dieser Zeit. Sogar im Dienstleistungssektor, wie dem Tourismus, der hauptsächlich für die britische, privilegierte Klasse gemacht wurde, fanden sie einen Weg, sicherzugehen, dass alle Tourunternehmen im Westen operieren und all die Zahlungen der Touristen dort gemacht werden. Die Touristen kamen nur noch mit Trinkgeld für die Fahrer, alles andere wurde im Ausland bezahlt. […]

Vielleicht kann ich kurz den Aspekt des Wettbewerbs zwischen den USA und den Briten hervorheben, denn es gab einen Moment, in dem die britische Vorherrschaft in unserem Land bedroht war. Erinnern Sie sich: Jomo Kenyatta wurde von den Briten von Herzen unterstützt. Das britische Empire hatte sogar das, was wir Batuk nennen, die britische Armee, geschaffen, um sich gegen die Mau Mau oder andere Kommunisten zu schützen, die sie zu jener Zeit stürzen wollten. Damals finanzierten die Vereinigten Staaten bereits eine Offensive, um auch in Kenia den Durchbruch zu schaffen. Und dafür wollten sie den Kenianern Demokratie verkaufen. Sie kamen nach Kenia und sagten, dass die Briten eine Einparteiendiktatur unterstützten. Und jetzt braucht Kenia die Demokratie. Wir wollen Kenia demokratisieren. Das geschah in den frühen achtziger Jahren. Was im Grunde genommen geschah, war der Kampf der Briten für die „Demokratie“ in Kenia. Sie hatten so viele Oppositionsführer, die dies als Gelegenheit sahen, ihre politischen Parteien zu gründen. Aber dieser Kampf für die Demokratie in Kenia war kein Kampf für die Demokratie. Es war ein Kampf für die Demokratie unter den kapitalistischen politischen Parteien, denn sie sorgten dafür, dass Kommunismus weiterhin illegal war. Es war also nur Demokratie, solange keine kommunistische Organisation zugelassen wurde. Auf diese Weise wurde die Einparteiendiktatur besiegt und die Mehrparteiendemokratie wieder eingeführt, für die kapitalistischen politischen Parteien. Die USA gewannen den Krieg um die Vorherrschaft in der kenianischen Politik vor allem 1982 bis 1990. Es gibt eine wirtschaftliche Entsprechung dazu. Das war der Eintritt des IWF und der Weltbank, und das war auch der Höhepunkt dieses Angriffs, der damals das so genannte Experiment der Weltbank war, nämlich die SAPs (social adjustment programmes). Was geschah, war, dass sie uns durch die Politik Washingtons dazu zwangen, alle unsere Industrien zu schließen und sie in den Dienst des Kapitals zu stellen. Und das war die Politik der Privatisierung. So überlebten nur einige britische Unternehmen, aber auch die einheimischen Unternehmen wurden aufgekauft, und die amerikanischen multinationalen Konzerne kamen in unser Land, und die Strukturanpassungspläne sind uns noch gut in Erinnerung. Wenn sich die Vereinigten Staaten fragen, wieso sie in Kenia verhasst sind, das ist der Grund. Vor allem bei Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, die Menschen, die ihre Eltern verloren haben. Unser Gesundheitssystem ist wegen der Privatisierung völlig zusammengebrochen. Auch die illegalen Schulden begannen sich zu dieser Zeit anzuhäufen. Das ging also bis 1990 so weiter. […]

Sie können sehen, wie viele Reisen der Präsident seit seiner Wahl nach Washington unternommen hat. Und jetzt spricht er über das, was er die Wiedereröffnung nennt, Obama hat es auch in unserem Land versucht: Das AGOA-Programm. Dabei werden Sonderwirtschaftszonen geschaffen, in die amerikanische multinationale Unternehmen kommen und Dinge produzieren, und sie verhandeln über subventionierten Strom. Sie bekommen subventioniertes Wasser, sie bekommen Steuererleichterungen für 30 Jahre und mehr. Sie setzen alle Arbeitsrechte aus, im Namen der Schaffung von Arbeitsplätzen für die Menschen. Aber in Wirklichkeit ist es die totale Sklaverei. Jetzt haben wir eine Rückkehr dieser Politik erlebt, weil Präsident Ruto den armen Menschen versprochen hat, dass er Arbeitsplätze schaffen will. Eines der Dinge, die er mit seinen amerikanischen Brüdern plant, ist die Vermehrung dieser Arbeitslager, um die kenianische Wirtschaft weiter auszusaugen. Auf diese Weise beherrscht uns das neokoloniale System auch heute noch. […]

Kannst du etwas darüber sagen, inwiefern sich eine nationale Bourgeoisie in Abgrenzung zur Kompradorenbourgeoisie entwickelt hat, wie die Kräfteverhältnisse und Abhängigkeit zu den alten Kolonialmächten und der USA sind?

Der Widerspruch zwischen der nationalen Bourgeoisie und der internationalen Bourgeoisie ist in der neokolonialen Umgebung noch schärfer. Denn die internationalen Budgets, das sind vor allem die multinationalen Konzerne, die von ihren Regierungen unterstützt werden, wollen nicht, dass überhaupt etwas produziert wird. Für sie muss jede Produktion, jede Herstellung außerhalb des Landes stattfinden, in dem die Rohstoffe gewonnen werden. Das ist ein starker Widerspruch, der zwischen der nationalen Bourgeoisie und der internationalen Bourgeoisie besteht. Die nationale Bourgeoisie hat in Kenia um ihre Entwicklung gekämpft. Die Angriffe auf sie sind sogar noch aggressiver geworden. Manchmal haben wir gemeinsam gekämpft. Vor allem aufgrund unserer Idee, dass wir die Industrie vor Ort entwickeln müssen. Während der Mwai Kibaki Regierung gab es eine große Kampagne unter dem Dach der nationalen Bourgeoisie „Kauf kenianisch, baue kenianisch“. Sie zwangen die damalige Kibaki Regierung, eine Politik zur Sicherung der Produktion in Kenia zu schaffen. Kibaki war Wirtschaftswissenschaftler und die Regierung war eine Zeit lang sehr am Aufbau des Landes interessiert, denn sogar Kibaki selbst war damals Teil der nationalen Bourgeoisie. Sogar die Ölimporteure und die Ölvermarkter waren in Schwierigkeiten, weil sie gezwungen waren, Öl von der nationalen Ölraffinerie zu kaufen. Auch die Leute, die Zucker importieren, bekamen Probleme, weil sie sagten, die Zuckerindustrie sei teuer. Sie wollten importieren aber das war die Kompradorenbourgeoisie mit der internationalen Bourgeoisie, die billigen Zucker einführen wollten, statt ihn zu produzieren. Das hat es also gegeben. Aber für den Moment glaube ich, dass sie den Krieg verloren haben und beschlossen haben, dass sie ihre Unternehmen öffnen werden, um teilweise von der internationalen Bourgeoisie durch ihre Kompradorenklasse in Kenia aufgekauft zu werden. Die größte nationale Bourgeoisie, die wir je in unserem Land hatten, war asiatischen Ursprungs, es war der Managementbereich. Ein Teil dieser Unternehmen wurde an multinationale Konzerne verkauft, und das hauptsächlich, um zu überleben, weil die lokalen Unternehmen durch die Aktien den Charakter der internationalen Unternehmen annahmen. Das war also der Kampf zwischen der nationalen Bourgeoisie und der Kompradorenklasse, die wir haben. Leider ist es der nationalen Bourgeoisie in der Geschichte unseres Kampfes nur ein einziges Mal gelungen, die Macht zu übernehmen, und zwar 2002 unter Mwai Kibaki. Die ganze Zeit über war die Kompradorenklasse diejenige, die die kenianische Wirtschaft verwaltet hat, auch jetzt noch.

Seit Anfang der 2000er wurde China ein wichtigerer Handelspartner für China. Es gibt große Debatten in der kommunistischen und linken Bewegung über Chinas Rolle in der Welt, wie ist die Perspektive der CPK?

Die Ankunft des chinesischen Kapitals in Afrika wurde sowohl von den Progressiven als auch von den Reaktionären begrüßt. Sie verspürten ein Gefühl der Freiheit. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnten sie mit der Weltbank verhandeln und ihr sagen, sie solle zur Hölle fahren. Zum ersten Mal werden sie dem IWF sagen: Wir wollen nicht, dass ihr euch in unsere Innenpolitik einmischt. Und sie werden nach China gehen, und China wird Geld in die Entwicklung der Infrastruktur investieren. In den letzten zehn Jahren, besonders in Nairobi hat sich die Infrastruktur extrem verbessert. Was ist mit den Verträgen, die vor 30, 40 Jahren mit amerikanischen multinationalen Unternehmen unterzeichnet wurden? Die machen immer noch Machbarkeitsstudien. Kein Stein steht nach vierzig Jahren. Und jetzt sehen wir, wie chinesisches Geld in Afrika Menschen aus extremer Armut befreit. Ich erinnere mich, dass 1999, als Kenia sich in einer schwierigen Situation befand, die politischen Führer versuchten, mit der Weltbank über unsere Kreditbedingungen zu verhandeln. Man hat ihnen nicht zugehört. Sie wurden verspottet und man sagte ihnen, ihr könnt eure Wirtschaft nicht führen. Wir haben gesehen, dass die chinesische Regierung gegenüber Afrika eine Politik der Freundschaft verfolgt.

Vom Antiimperialismus zum Sozialismus? Internationale Strategien der Arbeiterklasse

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Wir spiegeln hier die Kurzbeiträge der Teilnehmer des Podiums II des Kommunismus-Kongresses 2023, die in der Zeitung zum Kongress veröffentlicht wurden.


Podium II: Samstag 07.10.23, 18:30 Uhr

Joti Brar, Pawel Wargan, Renate Koppe, Willi Langthaler

Auf dem Podium wollen wir darüber diskutieren, wo in einer Zeit, in der alles auf einen erneuten großen Krieg hindeutet, die Linien unseres Kampfes liegen, d.h. wie wir Gegner und potenzielle Bündniskräfte bestimmen und wie wir unter diesen Bedingungen einen Kampf für den Sozialismus führen können. Wir haben Kurzbeiträge von unseren vier Referenten zu folgenden Fragen erbeten:

Welche Bedeutung hat der aktive Kampf um nationale Souveränität vieler Länder der sogenannten Dritten Welt für den Kampf um den Sozialismus in der gegenwärtigen Kampfetappe der weltweiten Arbeiterklasse? Wie kann der Kampf gegen die imperialistische Ordnung der USA in einen Kampf für den Sozialismus geführt werden und welche Rolle können Russland und China dabei spielen?


»Der Kapitalismus-Imperialismus ist um die USA organisiert«

Willi Langthaler ist Sprecher der Antiimperialistischen Koordination (AIK) in Österreich und Autor: „Ami go home“ (2004), „Befreiung weltweit“ (2010), „Europa zerbricht am Euro“ (2016).

Das siegreiche US-Empire hat die Form der Globalisierung angenommen; teils weil seine Dominanz so überwältigend war, dass sie niemanden zu fürchten hatten; teils zum Zweck der Integration der ehemaligen Gegner, überwiegend auf der Basis des Linksliberalismus.

Der antiimperialistische Widerstand flutete zwar zurück, kam aber nie zum Erliegen.

Es ist kein Zufall, dass die Palästinenser (auch symbolisch) dessen Speerspitze bildeten. Denn der Zionismus setzte den alten Nationalismus ungebrochen fort und zeigte sich auch zu keinerlei integrativer Tarnung bereit (siehe Oslo).

Die Globalisierung versuchte jegliche dem westlichen Kapital gesetzte Schranken niederzureißen, insbesondere jene der gegen den Kolonialismus erkämpften Nationalstaaten, die bei aller Verselbständigung der Eliten dennoch auch die Interessen der Volksmassen reflektieren mussten. Daher bleibt die nationale Souveränität gegen den Imperialismus insbesondere im globalen Süden ein entscheidendes Ziel und Werkzeug des Widerstands und Voraussetzung der Befreiung und Entwicklung.

Doch selbst im Westen erlangt die nationale Souveränität zunehmend an Bedeutung. Hatte der Klassenkompromiss nach dem Zweiten Weltkrieg auch die relative nationale Souveränität zumal kleiner Völker bedeutet, so hat die EU eine supranationale Diktatur des Kapitals mit dem Ziel der Zerstörung der sozialen und politischen Errungenschaften unter Führung der USA (manchmal loser, zuletzt im Krieg gegen Russland ganz eng) etabliert.

Die Befreiung Griechenlands vom Joch des Neoliberalismus wäre nur mit dem Bruch mit Brüssel möglich gewesen. Die Herstellung der nationalen Souveränität hätte unmittelbar darauf protosozialistische Maßnahmen erfordert.

Österreich wiederum ist einer der Kleinstaaten, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch den gewährten Spielraum (vor allem die Neutralität) zur vollen Nation wurden. Mit dem Beitritt zur EU wurde der Neoliberalismus einzementiert und die sozialen Errungenschaften demontiert. Die Eliten, die Teil der globalen Herrschaft sind, versuchen uns möglichst weit an die NATO heranzuführen und in den Krieg gegen Russland hineinzuzwingen. Ein demokratisches, neutrales, selbstbestimmtes Österreich ist das Gebot der Stunde.

Aber selbst für das imperialistische Kernland BRD ist die Forderung nach Austritt aus der NATO/EU, der engen gleichberechtigten Kooperation mit Russland und China und einem neutralen Status, so wie ihn die UdSSR seinerzeit vorgeschlagen hatte, eine progressive Forderung.

Russland und China hatten versucht, sich im Rahmen der kapitalistischen Globalisierung zu entwickeln. Russland ist daran gescheitert, weil Washington dem Kreml nicht traute. China ist in sensationeller Weise gelungen, was das ganze 20. Jahrhundert gescheitert war, nämlich periphere Entwicklung durch Kapitalismus (natürlich nur unter Missachtung der neoliberalen Gebote). Doch jetzt ist Schluss mit lustig. Das US-Reich verlangt vollständige Unterordnung und wird dafür alle Mittel einsetzen.

Die Rede von den innerimperialistischen Widersprüchen ist irreführend. Der Kapitalismus-Imperialismus ist um die USA organisiert. Keine Macht ist nur annähernd dazu fähig, Washington zu ersetzen. Das ist auch kein gradueller Prozess. Um das Zentrum zu besiegen, wird es die Beteiligung der Volksmassen brauchen – was man ex negativo auch im Krieg um die Ukraine sieht. Die Schwächung der USA, eine multipolare Ordnung, ist keineswegs gleichbedeutend mit Gerechtigkeit oder gar Sozialismus. Sie eröffnet aber qualitativ mehr Spielräume. Nicht nur für den Widerstand, sondern auch für das Projekt der Emanzipation.

Vom Sozialismus sind wir gegenwärtig weit entfernt und noch ist die Niederlage nicht aufgearbeitet, auch nicht intellektuell. Doch die neosozialistische Aufgabenstellung wird schneller kommen als wir denken, denn mit dem Niedergang des US-Empires werden die Kämpfe der unteren Klassen und unterdrückten Nationen einen enormen Aufschwung finden. Dass sie sich nicht gegeneinander richten (siehe zuletzt Irak), ist eine der antiimperialistischen Aufgaben, die auch den Weg zum Sozialismus bereiten.

Befreiung von neokolonialer Abhängigkeit ist Voraussetzung für sozialistische Veränderung

Renate Koppe ist internationale Sekretärin der DKP, nimmt am Internationalen Treffen der Kommunistischen und Arbeiterparteien teil (IMCWP) und war vor kurzem mit einer weltweiten Delegation in China.

Kampf um nationale Souveränität hat für neokolonial (oder auch kolonial) vom Imperialismus abhängige Länder eine große Bedeutung. Der Klassenkampf läuft zu einem entscheidenden Teil im nationalen Rahmen ab. Die Veränderung von Kräfteverhältnissen und die Durchsetzung fortschrittlicher, antikapitalistischer bis hin zu sozialistischen Veränderungen erfordert Möglichkeiten zu deren Umsetzung innerhalb des jeweiligen Landes, d.h. eine Befreiung von neokolonialer Abhängigkeit  – vom Imperialismus. Dies zeigt sich an einem Land wie Kuba, dass schon sozialistische Veränderungen erkämpft hat, zu deren Erhalt es aber auf den Erhalt seiner nationalen Souveränität angewiesen ist (wobei den Kämpfen um sozialistische Veränderungen die um die nationale Souveränität vorausgegangen sind). Es zeigt sich auch im Fall von Ländern wie Nicaragua, wo der weitere Kampf nur dann geführt werden kann, wenn die nationale Souveränität erhalten bleibt. Das zeigt sich auch in vielen Ländern Afrikas, wo erste Schritte zur Befreiung von neokolonialer Abhängigkeit gegangen werden können, auch wenn die weitere Entwicklung noch offen ist. Hinzu kommt, dass der Kampf um nationale Souveränität nur gegen den Imperialismus geführt werden kann, was die Bedingungen für konsequent antiimperialistische – d.h. antikapitalistische – Kräfte verbessert.

Im imperialistischen Stadium gibt es für den Kapitalismus keine Möglichkeiten der Weiterentwicklung mehr, jedenfalls nicht langfristig und perspektivisch. Der Kampf gegen den Imperialismus kann für die Arbeiterklasse und die übrigen Werktätigen nur in Richtung Sozialismus gehen, wenn sie ihre Lebensbedingungen dauerhaft verbessern wollen. Dieser Kampf kann dann am erfolgreichsten geführt werden, wenn die Spielräume für Veränderungen in den einzelnen Ländern größer werden, wenn es leichter für sie wird, ihre nationale Souveränität zu erreichen (oder zu erhalten) und nicht mehr unter dem Diktat des Imperialismus zu stehen. China, das seit 1949 die mit der Revolution erlangte Souveränität verteidigt und einen sozialistischen Entwicklungsweg fortsetzt und seine Produktivkräfte aufbaut, ist durch seine erfolgreiche Entwicklung zu einer Systemalternative zum Imperialismus geworden, die tatsächlich geopolitisch ein Gegengewicht bildet. Seine Außenpolitik ist auf friedliche Koexistenz und eine multipolare Weltordnung gerichtet und es betreibt langfristige Projekte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, gerade auch mit neokolonial abhängigen Ländern, die dadurch die Möglichkeit erhalten, einen vom Imperialismus unabhängigen Entwicklungsweg einzuschlagen und ihre Infrastruktur aufzubauen, ohne einem politischen Diktat des Westens zu unterliegen. Ob und wie diese Möglichkeiten genutzt werden, hängt vom Klassenkampf innerhalb dieser Länder ab.

Das kapitalistische Russland kämpft derzeit einen Kampf gegen imperialistische Aggression um seine nationale Souveränität, gegen seine nach der Konterrevolution vorgesehene Aufteilung durch den Imperialismus. Dies verbessert die Möglichkeiten des Klassenkampfes für die Arbeiterklasse in Russland und leistet gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Einschränkung der imperialistischen Hegemonie. Das Bündnis zwischen China und Russland spielt dabei eine wichtige Rolle, genauso wie die zunehmende wirtschaftliche Zusammenarbeit Russlands mit Ländern der sogenannten Dritten Welt.

Für uns, die wir den Kampf in einem imperialistischen Hauptland führen, heißt das vor allem, dass wir unsere Kräfte einsetzen müssen, um den aggressiven Kurs des Imperialismus zu stoppen. Eine wichtige Rolle kann dabei die Zusammenführung von sozialen und Antikriegsforderungen spielen.

Der Hauptwiderspruch in der Welt

Joti Brar ist stellvertretende Vorsitzende der Kommunistischen Partei Großbritanniens Marxistisch-Leninistisch (CPGB-ML) und internationale Sprecherin der „World Antiimperialist Platform“.

Für Sozialisten in imperialistischen Ländern ist es zentral zu verstehen, dass unser Kampf für den Sozialismus niemals erfolgreich sein kann, wenn er nicht mit dem Kampf der unterdrückten Massen für die nationale Befreiung verbunden ist.

Lenin hat schon vor langer Zeit aufgedeckt, wie ein Teil der imperialistischen Superprofite aus den Kolonien (heute sind die meisten Neokolonien, aber sie werden weiterhin finanziell und politisch vom Imperialismus beherrscht) dazu verwendet wird, die Arbeiter im eigenen Land zu bestechen und so den sozialen Frieden zu erkaufen.

Dies hat dazu geführt, dass ein Teil der Arbeiterklasse den Eindruck hat, dass sie am System beteiligt ist und dass eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung unmöglich, unnötig und unerwünscht wäre. Der Begriff Sozialismus wird von vielen führenden Vertretern der Arbeiterklasse als „Kapitalismus mit freundlicheren Zügen“ verstanden. Die Revolution ist von ihrer Agenda verschwunden.

Die Unterstützung, die Kommunisten den nationalen Befreiungsbewegungen bieten, geschieht nicht aus Nächstenliebe oder Mitleid. Sie basiert vielmehr auf ihrem tiefen und wissenschaftlichen Verständnis. Sie erkennen, dass, wenn die Fähigkeit der Imperialisten, im Ausland zu plündern, geschwächt wird, dies auch ihre Fähigkeit beeinträchtigt, sozialen Frieden im eigenen Land zu bewahren.

Aus dieser Feststellung folgt, dass es unsere Aufgabe ist, jegliche Bewegung zu unterstützen, die objektiv daran arbeitet, die Position der Imperialisten im Ausland zu schwächen. Dies hängt nicht von den subjektiven Beweggründen der Führungen dieser Bewegungen ab. Die reaktionärsten Führungen können einen objektiven historischen Fortschritt bewirken – wie Stalin 1924 in seinem Werk Grundlagen des Leninismus betonte und wie Marx, Engels und Lenin in ihren Schriften immer wieder betont haben.

Der Widerspruch zwischen den imperialistischen und den nichtimperialistischen Ländern ist der Hauptwiderspruch in der Welt seit dem Entstehen des ersten sozialistischen Staates 1917. Es ist nun klar, dass der Weltkrieg, in den uns ein destabilisiertes und stark geschwächtes imperialistisches System stürzt, zwischen diesen beiden Lagern stattfinden wird. In diesem Fall ist es die Aufgabe der Marxisten, den Charakter des Konflikts deutlich zu machen und den Massen zu erklären, dass wir verpflichtet sind, an der Seite des antiimperialistischen Lagers zu kämpfen.

Wenn die Arbeiterklasse auf dem Weg zum Sozialismus vorankommen will, muss sie darauf hinarbeiten, die Niederlage der Imperialisten zu beschleunigen und zu erzwingen, indem sie sich weigert, mit ihnen zusammenzuarbeiten – ja, indem sie ihre Fähigkeit, aggressive imperialistische Kriege zu führen, aktiv sabotiert.

Die Imperialisten versuchen, uns in dieser wichtigsten Frage unserer Zeit Sand in die Augen zu streuen, indem sie pseudo-marxistische Propaganda über den „russischen Imperialismus“, den „chinesischen Imperialismus“ usw. verbreiten. Einige so genannte Marxisten treiben dies auf absurde Weise auf die Spitze und erklären jedes große Land mit einer wachsenden Wirtschaft in der unterdrückten oder unabhängigen Welt für „imperialistisch“. Solche Lügen lassen sich mit ein wenig ernsthaftem Studium und einer umfassenden Betrachtung der Frage leicht widerlegen.

Es gibt keine Daten, die belegen, dass Russland oder China von den Extraprofiten leben, die durch den Export von Finanzkapital erzielt werden. Diese Länder verfügen nicht über große Kohorten von hoch bestechlichen Funktionären, die ihre Maschinerie des Kapitalexports bedienen, wie wir sie in der Londoner City oder an der Wall Street sehen. Ihre Volkswirtschaften sind nicht auf diese Ausplünderungsmaschinerie zugeschnitten. Sie setzen ihre finanzielle Macht nicht ein, um andere Länder zu erpressen, oder führen Angriffskriege, um den Willen ihrer allmächtigen Monopolisten durchzusetzen und ihre Vorherrschaft zu festigen.

Die starken militärischen, technischen, wissenschaftlichen und landwirtschaftlichen Grundlagen Russlands und Chinas wurden als Ergebnis der sozialistischen Revolution aufgebaut – im Interesse des Menschen und zur Verteidigung der Revolution. Die Übernahme der Sowjetunion durch die Kapitalisten ändert nichts an der Art und Weise, wie Russlands Stärke zustande gekommen ist, und es gibt keine Beweise für die These, dass sich Russland auf der Weltbühne wie ein Imperialist verhält – selbst wenn es die finanziellen Möglichkeiten dazu hätte, was nicht der Fall ist.

Es ist natürlich, dass die Imperialisten versuchen, die Tatsachen zu verdrehen, aber es ist ein schwerer Verrat, wenn führende Vertreter der kommunistischen Bewegung dies ebenfalls tun.

»Es ist eine Zeit gewaltiger Möglichkeiten«

Pawel Wargan ist Koordinator des Internationalen Sekretariats der „Progressive International“ und hat zuletzt Delegationsreisen in die Westsahara und nach Palästina durchgeführt.

Der so genannte Kalte Krieg hat uns gelehrt, dass es ungeheuer schwierig ist, den Sozialismus angesichts der unerbittlichen Gewalt des Imperialismus aufzubauen. Die imperialistischen Mächte, die versucht haben, das Streben der Menschheit nach einer demokratischen, souveränen und sozialistischen Zukunft zu vernichten, haben im Laufe des 20. Jahrhunderts zig Millionen von Menschen das Leben genommen. Wo sie gegen die Aufbrüche in die Unabhängigkeit intervenierten, machten sie auch die umfassende soziale Neuordnung unmöglich, die für den Aufbau einer würdigen, sozialistischen Gesellschaft erforderlich war. Diese Epoche der Revolution und Konterrevolution hat die fragile Gegenwart geprägt.

Die Lehren aus dieser Zeit sind für uns heute nicht verloren. Die imperialistischen Staaten haben ihre Macht inzwischen weitgehend in dem gebündelt, was Samir Amin die Triade nennt – die von Deutschland geführte Europäische Union (plus ihr früheres Mitglied, das Vereinigte Königreich), Japan und, in der Hauptrolle, die Vereinigten Staaten. Diese Mächte zehren weiterhin von der Ausplünderung und Ausbeutung der großen globalen Mehrheit. Sie verwandeln souveräne Nationen in Exportmärkte, Quellen für billige Ressourcen und Arbeitskräfte sowie in Investitionsstandorte. Auf diese Weise entziehen die imperialistischen Staaten der Menschheit eine Fülle von Reichtümern und zwingen die Völker in einen Zustand permanenter Unterentwicklung.

Dieses neokoloniale System wird durch die einzigartige Fähigkeit des Westens durchgesetzt, denen, die sich seinem Diktat nicht beugen wollen, wirtschaftliche und militärische Gewalt aufzuzwingen. Nahezu ein Drittel der Menschheit erstickt unter dem Druck der US-Sanktionen. Diese sind, wie das US-Außenministerium im Falle der Kuba-Blockade ausdrücklich einräumte, darauf ausgerichtet, „die monetären und realen Löhne zu senken, Hunger, Verzweiflung und den Sturz der Regierung herbeizuführen“.

Für das Projekt der Hegemonie ist kein menschlicher Preis zu hoch. Weder die 500 000 irakischen Kinder, die unter den US-Sanktionen verhungerten – ein Preis, von dem US-Außenministerin Madeleine Albright sagte, er sei „es wert“ –, noch die Million Iraker, die später im US-Krieg getötet wurden. Ein Holocaust nach dem anderen wurde verübt, um das krebsartige Fortschreiten der imperialistischen Globalisierung zu sichern. Mit der Niederlage der Sowjetunion hat dieses Projekt die totale Herrschaft ins Visier genommen – mit Russland und China als seine letzten Stationen. Die Gefahr, der wir heute ausgesetzt sind, ist größer als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Aber es ist auch eine Zeit gewaltiger Möglichkeiten. Die wachsende Forderung nach nationaler Souveränität durch die Nationen und Völker der Welt stellt eine enorme Bedrohung für die fortgesetzte Hegemonie der imperialistischen Mächte dar. Sie hat das Potenzial, die Arterien der imperialistischen Ausbeutung, die sie stützen und es ihnen ermöglichen, sich die Komplizenschaft ihrer arbeitenden Klassen zu erkaufen, endgültig zu durchtrennen. Der Untergang des Imperialismus wiederum kann Möglichkeiten für grundlegendere soziale, kulturelle und politische Veränderungen in den Nationen eröffnen, die mit den Hinterlassenschaften einer anhaltenden Unterentwicklung zu kämpfen haben.

Diese Hinterlassenschaften mit ihrer Spur der Zerstörung bedeuten, dass wir uns unsere antiimperialistischen Kräfte nicht aussuchen können – oder unsere Solidarität auf der Grundlage von Reinheitskriterien bestimmen können. In Ländern, die sich im Fadenkreuz des Imperialismus befinden, kann politische und sogar wirtschaftliche Souveränität erlangt werden, ohne die Handels- und Finanzinfrastrukturen in Frage zu stellen, die eine einheimische Bourgeoisie stützen. Vielerorts ist diese Bourgeoisie selbst ein Produkt des Imperialismus, der die Entwicklung des Industriekapitalismus zugunsten eines exportorientierten Handelskapitalismus aufgehalten hat. Mit anderen Worten, die Grundlage einer Bewegung für Souveränität kann, zumindest anfangs, durchaus nicht-sozialistisch sein.

Was bedeutet das für Kommunisten und Sozialisten, die sich in den imperialistischen Ländern organisieren? Es bedeutet, dass wir nicht nur die Staaten unterstützen müssen, die gegenwärtig den Sozialismus aufbauen, sondern auch diejenigen, die sich dem Vormarsch des Imperialismus widersetzen. Es könnte nicht mehr auf dem Spiel stehen. Wird sich das Projekt der Souveränität durchsetzen und den jahrhundertealten Würgegriff der imperialistischen Mächte gegenüber der großen Mehrheit der Weltbevölkerung brechen und zumindest die Möglichkeit eines anderen Weges eröffnen? Oder werden die Kräfte des Imperialismus uns weiterhin auf einen Weg des Krieges und der Umweltzerstörung treiben? Die Antwort hängt von unserem festen und entschlossenen Einsatz für den antiimperialistischen Internationalismus ab.

»Die NATO ist das Hauptproblem in unserer Region.«

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Beitrag aus der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023


Ende Juli sprachen wir mit Aleksandar Djenic, Exekutivsekretär der „Neuen Kommunistischen Partei Jugoslawiens“ über die Rolle der NATO auf dem Balkan.

Hallo Aleksandar. Wie ist die aktuelle Situation der serbischen Arbeiterklasse? Worin liegen die zentralen Konflikte und Probleme in den ehemaligen Republiken Jugoslawiens?

Das Hauptproblem in unserer Region stellt die Präsenz der NATO dar. Wir können schlecht über soziale Gerechtigkeit reden, ohne die Besatzung zu thematisieren. Diese zu bekämpfen, stellt momentan die oberste Priorität dar. Dabei sind zwar Serbien und Bosnien-Herzegowina als einzige Staaten nicht Teil der NATO, aber insbesondere in Bosnien übt sie auch durch internationale Missionen und „Peace building“-Programme Einfluss aus. Der südliche Teil Serbiens – Kosovo und Metochien – ist darüber hinaus durch die NATO besetzt. Dort befindet sich die größte NATO-Militärbasis auf dem Balkan.

Somit stehen alle Länder des ehemaligen Jugoslawiens unter der Kontrolle der NATO. Die westlichen Staaten sagen zwar, sie würden unsere Region entwickeln wollen, aber praktisch beuten sie unsere Ressourcen aus. Für die arbeitende Bevölkerung bedeutet dies Verarmung und ein großer Teil emigriert nach Westeuropa, um dort zu arbeiten. In unseren Ländern haben wir somit zu wenige arbeitsfähige Menschen. Auch höher Qualifizierte verlassen nach ihren Abschlüssen häufig unsere Länder. Die imperialistischen Staaten wollen somit unsere Region in einer Art „Entwicklungsstadium“ halten. Früher war Serbien der verbliebende „Rumpf Jugoslawiens“,  heute sind wir Teil des „westlichen Balkans“. Derartige Toponyme erinnern mich an die Sprache der Nazis. Es erinnert mich an einen Klassiker, welcher den Klassenkampf auch als Klassenkampf der Begrifflichkeiten verstand. Die Besatzung unserer Länder geht darüber hinaus auch einher mit der Entwicklung von klientelistischen staatlichen Strukturen. So wenden die bestochenen Regierungen häufig „Gangster-Methoden“ an und es ist in diesen Umständen äußerst schwer, beispielsweise Gewerkschaften zu gründen. Es gibt jedoch auch viele Gewerkschaften, welche selbst mit der herrschenden Klasse eng verbunden ist. In Serbien übernahm unter anderem die größte Gewerkschaft große Teile der ehemals sozialistischen Infrastruktur und ist selbst Teil der Bourgeoisie. Darüber hinaus ist unser politisches System seit der zweiten Konterrevolution Anfang der 2000er Jahre sehr undemokratisch. Damit eine Partei an Wahlen teilnehmen kann, müssen seitdem in ungefähr zwei Wochen 10.000 Menschen bei den Behörden ihre Unterstützung für diese melden. Die damals an die Macht gekommene, prowestliche Opposition wollte sich durch solche Reformen kontinuierlichen politischen Einfluss sichern und seitdem haben wir nur liberale, prowestliche Regierungen gehabt. Unsere herrschende Klasse konnte so ungestört durch Privatisierungen unsere gesamte Wirtschaft und Finanzsektoren zerstören. In den 90er Jahren konnten unsere Industrie und Wirtschaft noch das Sanktionsregime des Westens überleben, heute ist von den früheren sozialistischen Strukturen nichts mehr übrig. Länder wie Rumänien oder Bulgarien sind in einer ähnlichen Lage, aber im Unterschied zu Serbien auch Mitgliedsstaaten der NATO. Wir verfügen somit noch vergleichsweise über ein gewisses Maß an Souveränität. Unsere Regierung kann noch Beziehungen führen mit Kuba, Venezuela und anderen sozialistischen bzw. progressiven Staaten. Dies führt jedoch auch dazu, dass die imperialistischen Staaten weiterhin Druck auf unser recht kleines Land ausüben. Unsere Regierung möchte eigentlich einen prowestlichen Kurs fahren, aber die Bevölkerung ist mehrheitlich dagegen. Im Juni ergab eine Meinungsumfrage, dass 70 Prozent der serbischen Bevölkerung gegen Sanktionen gegen Russland sind und 47 Prozent einen Beitritt Serbiens in die EU kategorisch ablehnen. Bei einer Anerkennung des Kosovos als Bedingung wären gar 70 Prozent gegen einen Beitritt und 86 Prozent sprechen sich gegen einen potentiellen NATO-Beitritt aus. Unsere Regierung muss also stets die Balance zwischen den Interessen des westlichen Imperialismus und der serbischen Bevölkerung halten. Die NATO droht jedoch mit Eskalationen der Konflikte in der Region, wenn die serbische Regierung sich nicht an ihre Vorgaben hält. Die NATO ist somit das Hauptproblem in unserer Region und wir versuchen sämtliche progressive Kräfte zu vereinen, um ihre Präsenz zu beenden. Dies stellt auch die Grundbedingung dafür dar, um eine sozialistische Revolution erkämpfen zu können, wobei wir natürlich auch momentan für die soziale Gerechtigkeit im alltäglichen Leben kämpfen.

Kannst du uns vielleicht ebenso erläutern, was aktuell im Kosovo und der Republik Srpska vor sich geht?

Beide Fälle sind anschauliche Beispiele für die Auswirkungen der NATO-Besatzung auf dem Balkan. Bei dem „Dayton-Abkommen“ entschieden die Imperialisten, was mit Bosnien-Herzegowina geschehen sollte. Heute wollen sie die damals erschaffene Republika Srpska zerstören, da sie gemeinsam mit Serbien gute Beziehungen zu Russland haben. Sie nehmen die Region als eine Art potenzielles „Trojanisches Pferd“ auf dem Balkan wahr. Es soll sowohl dort als auch im Kosovo Druck auf die serbische Regierung ausgeübt werden. Personen wie der sogenannte Premierminister des Kosovo Albin Kurti sind nicht das Problem in den Fällen. Er kann selbst ohne die Erlaubnis der USA und Europäischen Union keine Entscheidungen treffen. Unsere Bourgeoisie will uns aber weiß machen, die Albaner oder Kurti seien das Problem. Niemand von ihnen benennt die NATO als das Problem. Ich sehe die letzten Konflikte in Kosovo und der Republika Srpska in erster Linie als Folge der Enthaltung der serbischen Regierung bei der Sanktionierung der Russischen Föderation. Die westlichen Imperialisten haben die Konflikte dabei angezettelt, um Druck auszuüben. Die Türkei und andere Regierungen verkauften Waffen an die Terroristen oder sogenannte „Befreiungsarmee“ des Kosovos. Dabei sind die westlichen Imperialisten momentan zu eingespannt, um in Europa einen zweiten Krieg gegen Serbien führen zu können. Die NATO- Militärbasen in Kosovo, Bosnien und andernorts auf dem Balkan dienen somit momentan lediglich der Entfachung kleinerer Konflikte. Unsere Regierung nutzt diese wiederrum zur Legitimierung der Kooperation mit den westlichen Staaten. Nach ihrer Logik sollen so weitere Eskalationen verhindert werden. Der Kosovo ist wiederum dank des westlichen Imperialismus heute komplett von Mafia-artigen Regierungsstrukturen bestimmt. Die Regierung kontrolliert fast alles in der Region. Obwohl es dort ein Wasserkraftwerk gibt, welche ganz Serbien versorgen könnte, ist die örtliche Stromversorgung unzureichend, da der produzierte Strom hauptsächlich an andere Staaten verkauft wird. Außerdem gibt es große Probleme mit dem Handel von Drogen und ähnlichen Dingen.

Kannst du bitte noch mehr Hintergründe bezüglich der Konflikte in den 90ern geben? Was sieht du als die entscheidenden Dynamiken, welche dazu führten und wie ist die NATO damals genau vorgegangen?

Zu Zeiten der Konterrevolution in den 90ern in Jugoslawien sollte das Land endgültig zerstört werden. Ein Hauptgrund für das Handeln der NATO stellte wohl die militärische Stärke des unabhängigen Landes mitten in Europa dar. Unser sozialistisches Projekt hatte einige Fehler, war aber dennoch für den Großteil der Menschen besser als Konterrevolution und Kapitalismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierten viele Nazikollaborateure und andere antikommunistische Kräfte in den Westen. Verschiedene Geheimdienste wie der BND und die CIA organisierten im Verbund mit diesen nationalistischen Kräften viele Terroranschläge in Jugoslawien. Als dann in den 90er Jahren konterrevolutionäre Proteste begannen, kehrten viele dieser sogenannten „politischen Emigranten“ zurück nach Jugoslawien. Mit westlicher Hilfe gelang es diesen dann, großen Einfluss auf die Bevölkerung auszuüben und diese zu radikalisieren. Während beispielsweise im September 1990 noch 86 Prozent der Bevölkerung Kroatiens gegen die Unabhängigkeit der Republik von Jugoslawien waren, unterstützen bereits im Mai 1991 86 Prozent die Loslösung. Serbische Nationalisten hatten in dem gesamten Prozess ein Interesse an einem weiteren Bestehen Jugoslawiens, in welchem die serbische Nation weiterhin vereint sein werden könne. Der erste kroatische Präsident Franjo Tuđman entfernte dann die seit der Begründung Jugoslawiens bestehende Anerkennung der Serben als Teil Kroatiens aus der Verfassung. Nicht nur dieses Vorgehen weckte Erinnerungen an das Vorgehen kroatischer Nationalisten im Zweiten Weltkrieg. Es tauchten im öffentlichen Leben auch erneut die Symbole der „Ustascha“ und Monarchisten auf. Der erste Krieg in Slowenien dauerte nur vier Tage an, da die jugoslawische Führung durch die immense Präsenz der NATO zur Anerkennung der Sezession Sloweniens gezwungen wurde. Slowenien, Kroatien und Mazedonien wurden so alle zu NATO-Mitgliedstaaten. Zuerst intervenierte die NATO mit der Erklärung den Bürgerkrieg beenden zu müssen und heute ist sie noch immer in der Region, mit der Legitimation, die „wilden Stämme“ voneinander fernhalten und Friedensprozesse initiieren zu müssen. Serbien und Montenegro bildeten zunächst, Mitte der 90er Jahre, eine Art „Atomkern“ zur bezweckten Reintegration Jugoslawiens. Das war jedoch in der Wahrnehmung der Imperialisten nicht das einzige Problem. Unsere Regierung schloss ebenso keine Abkommen mit demInternationalen Währungsfond und der Weltbank ab, da sie nicht bereit war, ihren Finanzsektor zu privatisieren. Zu Zeiten des „Neoliberalen Triumph“ konnte es nicht geduldet werden, dass Jugoslawien 1996 und 1997 ein Wirtschaftswachstum von 7 Prozent verzeichnen konnte und somit eine Alternative zu damals vorherrschenden Paradigmen darstellte. Es folgten die NATO-Intervention in 1999 und eine neue Welle der Konterrevolution Anfang der 2000er Jahre.

Wie müssen wir uns als Kommunisten hinsichtlich der aktuellen NATO-Aggression gegen Russland positionieren?

Wir erachten es als zentral für den antiimperialistischen Kampf gegen die NATO, dass Russland die NATO in der Ukraine besiegt. Dass bedeutet nicht, dass wir Putins Regime in Russland grundsätzlich unterstützen. Ein Sieg Russlands in der Ukraine wäre nicht gleichbedeutend mit einer Auflösung der globalen Widersprüche, aber in diesem Kontext ist es sehr wichtig, dass sämtliche Kommunisten und progressive Kräfte Russland unterstützen. Eine Niederlage der NATO in der Ukraine wäre gleichbedeutend mit einer Schwächung der US-Hegemonie. Der Konflikt in der Ukraine sagt zudem viel über Dynamiken der Konterrevolutionen in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion aus. Das Vorgehen des „Teilen & Herrschen“ in diesen Regionen erinnert mich sehr an die Vorgänge in unseren Regionen. In der Ukraine wurden mit der Konterrevolution kontinuierlich faschistische Kräfte durch die westlichen Imperialisten gestärkt. Heute ist es offensichtlich, dass der Krieg für die Ukraine nicht zu gewinnen ist. Besonders die diesjährige „Gegenoffensive“ dient offensichtlich nur den Interessen der westlichen Imperialisten einer Schwächung Russlands.

Was sind die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine auf die Arbeit eurer Partei?

Für progressive Kräfte in unserem Land hat der aktuelle Konflikt positive Auswirkungen. Die antiimperialistische Bewegung wächst und auch für die antifaschistische Bewegung ist dies sehr wichtig. Früher hatten wir unter anderem Probleme mit rechtsextremen Hooligan-Gruppierungen, aber seit dem Beginn der Militäroperation der Russischen Föderation, unter dem Label der „Denazifizierung“, sind diese Bewegungen im öffentlichen Leben verschwunden. Inszenierungen als Faschist und damit einhergehende Praktiken wie die Zerstörungen von Partisanen-Denkmälern sind in unserer Gesellschaft sehr unpopulär geworden. Wer sich heute zu Nazikollaborateuren bekennt, kann eher lächerlich gemacht werden, nach dem Motto „Ah, du unterstützt also Zelenskiy, welcher Kinder umbringen lässt?“

»Jeder Aspekt der ghanaischen Wirtschaft wird von ausländischem Kapital beherrscht.«

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Beitrag aus der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023


Im Juli haben wir Kyeretwie Opoku vom „Socialist Movement of Ghana (SMG)“ interviewt. Mit ihm sprachen wir über die aktuelle politische Situation in Ghana und Westafrika. Darüber hinaus gab er uns wichtige Einblicke in die Rolle des US-Imperialismus und der VR China in der Region, wie auch in die konkreten Vorstellungen von Strategie und Taktik der SMG im Hinblick auf die antiimperialistischen Kämpfe der ghanaischen und afrikanischen Arbeiterklasse. Wir drucken hier auf Deutsch übersetzte Auszüge aus unserem Interview mit ihm ab.

Könnten Sie uns zunächst einen Überblick über die derzeitige politische Situation in Ghana geben? Welchen Kurs verfolgt die Regierung um Nana Akufo-Addo? Was sind die entscheidenden Kämpfe und welche Rolle spielt die SMG in diesen Kämpfen?

Ich denke, es ist zunächst wichtig, hervorzuheben, dass Ghana eine intensiv ausgebeutete Neokolonie des von den USA dominierten westlichen Kapitalismus ist. Das muss klar sein. Die wichtigsten Sektoren unserer Wirtschaft werden von ausländischem Kapital dominiert. Ganz gleich, ob es sich um natürliche Ressourcen, Finanzen, Infrastruktur oder andere Dienstleistungssektoren handelt, die den Export natürlicher Ressourcen erleichtern, ob es sich um Energie oder das Baugewerbe handelt. Selbst wenn wir über die Landwirtschaft sprechen. Es gibt oft den Mythos, dass die Landwirtschaft ein Sektor ist, der unter einheimischer Kontrolle bleibt, weil das Land in Ghana nicht in ausländischer Hand ist.

Die Wahrheit ist, ja, wir haben ein Landbesitzsystem, was bedeutet, dass der formale Rechtsanspruch in den ghanaischen Gemeinden verbleibt. Aber die Handelsbedingungen sind so, dass sowohl die Märkte, auf denen wir verkaufen, als auch die Märkte, auf denen wir kaufen, vollständig vom Kapital beherrscht werden. Es handelt sich also nicht um einen Austausch auf Augenhöhe. Noch wichtiger ist, dass im Laufe der Jahre seit der Kolonialzeit der Aufbau der Landwirtschaft gestört wurde, da die Gemeinden gezwungen waren, sich immer weiter von der Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen, die wir im Lande verbrauchten, wegzubewegen und stattdessen Exportprodukte zu produzieren, die an Fabriken in Europa und Amerika, Japan usw. geliefert werden. Jeder Aspekt der ghanaischen Wirtschaft wird also von ausländischem Kapital beherrscht. […]

Nun zur nationalen Politik. Sie wird von einer Kompradoren-Elite beherrscht. Sie wird von Leuten beherrscht, deren persönliches Vermögen und deren soziales Ansehen vollständig von der Unterwerfung unter den Imperialismus abhängt. Und das sind Leute, die sich wirklich keine andere Welt, keine andere Art der Organisation der Gesellschaft vorstellen können. Und das gilt selbst für die liberale Linke, die ein Lippenbekenntnis zu Fragen der nationalen Unabhängigkeit, ein Lippenbekenntnis zum Panafrikanismus und ein Lippenbekenntnis zur Eigenständigkeit ablegt. Das Wirtschaftsmanagement und die wirtschaftspolitische Ausrichtung sind also keine wirkliche Trennlinie in der ghanaischen Wahlkampfpolitik. Es gibt zwei große Parteien, die beide die neoliberale Demontage des ghanaischen Staates unterstützen und das Eindringen des Kapitals in alle verschiedenen Sektoren unserer Wirtschaft, sowohl im kommerziellen als auch im sozialen Bereich, befördern. Beide großen Parteien, eigentlich alle großen Parteien, unterstützen die Unterordnung der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung unter das, was sie die internationalen Märkte nennen, oder unter die Institutionen, die die Wertentwicklung auf diesen internationalen Märkten kontrollieren. Auf die Art und Weise wie der IWF die Finanzmärkte kontrolliert, sorgen sie beispielsweise dafür, dass einige Länder der Rückzahlung von privaten Schulden Vorrang vor der Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Bürger geben. Das gesamte politische Establishment ist in seiner Einstellung und in seinen Praktiken liberal.

Welchen Einfluss hatte der Kolonialismus auf die Bevölkerung in Ghana und wie konnte unter diesen Umständen die Unabhängigkeit unter Nkrumah erreicht werden? Auch im Hinblick auf die Probleme und Herausforderungen, mit denen Nkrumah und die Convention People‘s Party (CPP) in den 60er Jahren konfrontiert waren, was ihre Vision von afrikanischer Einheit und dem Erreichen echter Souveränität anstelle einer „Flaggensouveränität“ angeht.

Die Erfahrung in Ghana und in vielen anderen Teilen Afrikas war, dass die Mobilisierung für die nationale Unabhängigkeit, die Mobilisierung für die Rückeroberung unseres Landes aus fremden Händen usw. in gewisser Weise viel einfacher war als die Mobilisierung gegen die Imperialisten und die neokolonialen Strukturen der Wirtschaft. In diesem Fall haben Sie es mit Menschen zu tun, die wie Sie aussehen, die Ihre Sprache sprechen und so weiter, und die Tatsache, dass sie jetzt an Ihrer Ausbeutung und Unterdrückung beteiligt sind, ist nicht immer offensichtlich, insbesondere in den Ländern Afrikas, in denen so wenig investiert wurde. Die Briten haben an der Goldküste [Anm. d. Red.: Goldküste war der Name einer britischen Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Ghana] sehr wenig in die Bildung investiert – über viele, viele Jahre. Sie hatten also eine große analphabetische Bevölkerung und eine sehr kleine koloniale Elite. Die meisten dieser Eliten waren Kompradoren, und selbst die Nationalisten und linksgerichteten Eliten hatten keine Vorstellung davon, was ein antiimperialistischer Kampf bedeutete und wie weit er über die Unabhängigkeitserklärung hinausging. Dieser Kampf würde weitergehen müssen. Daher befand sich Nkrumah an vielen Punkten des Kampfes, insbesondere ab 1960, in einer schwierigen Lage. […] Er versuchte, den Panafrikanismus aufzubauen und eine neue afrikanische Kolonie zu stabilisieren, er versuchte, auf der globalen Bühne zu intervenieren. Zum Beispiel seine Beteiligung an den Kämpfen in Vietnam und seine Friedensmissionen nach Hanoi und seine Beteiligung am Aufbau einer blockfreien Bewegung und so weiter. Die Forderungen des Internationalismus führten zwangsläufig dazu, dass er einige Probleme in seiner Heimat aus den Augen verlor, und das schuf Raum für seine Feinde, von denen einige nicht einmal wussten, dass sie seine Feinde waren, um sich einzumischen.

Heute ist das Afrika-Kommando des US-Militärs (AFRICOM) immer noch auf dem gesamten Kontinent präsent – speziell in Westafrika. Zudem fand kürzlich die Militäroperation Flintlock in Ghana und Cote d‘Ivoire statt. Konnten die USA nach Nkrumahs Sturz ihre massive militärische Präsenz in der Region aufbauen und wie gestalten sich demnach die Verhältnisse in Westafrika?

Es gibt Ereignisse wie die Operation Flintlock, die, wie ich denke, die größte gemeinsame imperialistische Militäroperation auf afrikanischem Boden in der Geschichte ist. Alle Europäer, die Amerikaner und sogar die Japaner waren vor Ort und führten Marine-, Luftwaffen- und Landoperationen durch. Und sie tun dies in aller Öffentlichkeit, fahren in ihren Uniformen durch die Stadt usw. Was Sie also sehen, ist, wie wir es manchmal analysieren: das koloniale Unternehmen. Es hat sich nie geändert, nie verloren. Es ist eine gewalttätige verdeckte Unternehmung und manchmal eine offene. Und das ist, was passiert ist: Das Versagen von US-Untergebenen wie Frankreich, ihre kolonialen Besitztümer zu verwalten, hat zu einer Situation geführt, in der der Imperialismus das Potenzial einer direkten Wiederaufnahme der kolonialen, direkten politischen Herrschaft über alle unsere Länder in Betracht zieht und erforscht.

Ich weiß, es klingt weit hergeholt, aber die Realität ist, dass Truppen in unserem Land operieren und diese Truppen nicht unserem Recht unterworfen sind. Ich meine, unser Vertrag mit der US-Regierung besagt, dass Straftaten, die von US-Militärangehörigen in Ghana begangen werden, nicht von unserer Polizei untersucht und nicht von unseren Gerichten verfolgt werden können. Wenn also ein US-Soldat morgen ein Schulkind erschießt, können unsere Behörden es nur dem US-Militär übergeben, das es dann mitnimmt, und Sie würden wahrscheinlich nie erfahren, was passiert ist. Wenn sie Eigentum zerstören, wenn sie Gebäude, Brücken usw. in die Luft jagen, können sie dafür nicht haftbar gemacht werden. Das ist eine Negation der Souveränität. Das ist die Situation, in der man sich in die Kolonialzeit zurückversetzt sieht. Der Imperialismus in Form der Regierung der USA übt Rechte aus, die selbst die Briten während der früheren Kolonialzeit nicht zu nutzen wagten.

Wie sehen Sie die Rolle Chinas in Ghana und Afrika? Sowohl in unserer Presse als auch in der linken Bewegung wird der Volksrepublik oft eine Art Wiederholung der altbekannten kolonialen Schuldenfalle vorgeworfen und das Agieren Chinas als Mechanismus der Aufrechterhaltung kolonialer Abhängigkeiten angesehen.

Wenn wir bei der Rückzahlung von Krediten in Schwierigkeiten geraten, ist China immer bereit, sich zusammenzusetzen und zu verhandeln. Das ist keine Wohltätigkeit. Es handelt sich um geschäftliche Transaktionen, bei denen China auch andere Vorteile erwartet. China verschenkt nicht nur seine Ressourcen. Es versucht, fairen Handel und faire Investitionen zu schaffen. China steckt Geld in Dinge wie die Neue Seidenstraße. Diese Initiative leistet einen großen Beitrag dazu, die Infrastruktur der Welt zu vereinen und Transaktionen mit Afrika zu ermöglichen, die bisher nicht realisierbar waren. China spielt also eine konstruktive Rolle in Afrika. Es gibt eine Menge Propaganda, die suggeriert, dass China einfach nur Ressourcen abgibt und so weiter, und die Probleme, die es gibt, aufbläht. Und es gibt Probleme. Wie ich schon sagte, ist China ein Entwicklungsland, das meiner Meinung nach einen Weg einschlägt, der sowohl innovativ als auch klassisch sehr fundiert ist, was die Schriften der großen marxistischen Theoretiker, Marx selbst, Lenin und so weiter, angeht. China hat seinen eigenen Klassenkampf. In China gibt es eine große Kapitalistenklasse, die innerhalb seiner Grenzen operiert. Und das sind Kapitalisten, die kapitalistische Instinkte haben. Überall gibt es den gleichen Ansatz. Die gleichen Dinge, die einen Kapitalisten in Nordamerika antreiben, treiben auch einen Kapitalisten in China an. Sie mögen innovativer sein und so weiter, aber sie haben dieselben grundlegenden Instinkte, was die Akkumulation, den Wettbewerb usw. angeht. Es gibt also chinesische Unternehmen, die sich in Afrika danebenbenommen haben. Daran besteht kein Zweifel. In meinem eigenen Land gab es zum Beispiel chinesische Firmen, die in den illegalen Goldabbau verwickelt waren. Das waren nicht wenige. Das Problem ist aber übertrieben worden. Es wurde maßlos aufgeblasen. Aber das gibt es, und wir sollten das nicht leugnen. […] Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass es sich um einzelne private Akteure handelt. Es handelt sich nicht um die Kommunistische Partei Chinas. Es ist nicht der chinesische Staat, der sich an der Ausbeutung von Afrikanern beteiligt. Und es ist kompliziert, damit umzugehen. Es ist unsere Pflicht als Länder und als Menschen, diese Praktiken zu stoppen, egal ob es sich um Chinesen, Ghanaer, Nigerianer oder andere handelt.

Was ist aus der Perspektive der SMG die Strategie für den Klassenkampf heute? Wie ist der Kampf gegen die neokolonialen Strukturen mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden? Gibt es etwas fortschrittliches an den nationalen bürgerlichen Kräften, oder wer wird das Subjekt des sozialen Fortschritts in Ghana oder allgemeiner in Afrika sein?

Je nach dem Stand der Entwicklungen sind in den jeweiligen Ländern natürlich unterschiedliche Kräfte im Spiel. Und in vielen dieser Länder gibt es bedeutende nationale Bourgeoisien, nationale Kapitalisten, die sich mit uns verbünden würden – im Rahmen des Wettbewerbs mit globalen Versicherern, weil ihre eigenen Bestrebungen als aufstrebende Kapitalisten durch die Operationen der globalen transnationalen Unternehmen eingeengt und erdrückt werden. Der globale Kapitalismus ist, was er ist. Er expandiert, er verschlingt, er vernichtet, er formatiert sich neu. Es gibt also kaum eine Chance für afrikanische kapitalistische Formationen zu überleben, ohne einen direkten Konflikt mit den imperialistischen Kräften einzugehen. Also gibt es Bündnisse, die hierauf basieren. Das müssen wir fördern. Diese Bündnisse müssen wir aufbauen. Und wir arbeiten daran. Sowohl innerhalb der sozialen Bewegungen der direkten Opfer des Kapitalismus als auch unter den Konkurrenten des Kapitalismus, die mehr auf ein nationalistisches Bestreben ausgerichtet sind. Dieses gehört nicht zu unseren vordergründigen Zielen, aber jeder Kampf hat sein Gesicht und seine Taktik.

Eine Weltordnung im Wanken?

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Wir spiegeln hier die Kurzbeiträge der Teilnehmer des Podiums I des Kommunismus-Kongresses 2023, die in der Zeitung zum Kongress veröffentlicht wurden.


Podium I: Samstag 07.10.23, 13:00 Uhr

Arnold Schölzel, Jörg Kronauer, Dimitrios Patelis

Der Abstieg des US-Imperialismus sowie eine sich verändernde Weltordnung ist in der Debatte der Kommunistischen Bewegung ein konstantes Thema. In diesen Diskussionen geht es häufig um den Charakter der VR China und einer sich entwickelnden sogenannten „multipolaren Weltordnung“. Häufig scheint es dabei gesetzt zu sein, dass die USA absteigen, sich die Weltordnung bereits verändert oder dies in absehbarer Zeit tun wird. Mit Blick auf die Geschichte der USA und der amerikanischen Weltordnung fällt jedoch auf, dass es mindestens seit den 1970ern wiederkehrend eine Diskussion über einen Abstieg der US-Herrschaft gibt. Stichwörter sind der Vietnamkrieg, die Öl-Krise, die Asienkrise, die Weltfinanzkrise 2008/2009, die verlorenen Kriege in Irak und Afghanistan usw. In Reaktion darauf gab es Veränderungen im Herrschaftssystem der USA, wie die Ablösung des Bretton-Woods Abkommens, Verlagerungen von US-Truppen, Veränderungen beim IWF und anderen Finanzinstitutionen – die Vormachtstellung der USA an sich blieb jedoch unangetastet.

Es stellt sich also die Frage, ob heute etwas anders geworden ist. Können BRICS und andere internationale Bündnisse Gegenspieler sein, die die US-Herrschaft soweit herausfordern, dass die USA diese Herrschaft nicht mehr retten kann? Was würde dies für den Imperialismus insgesamt bedeuten und was lässt sich konkret über einen „Multipolarismus“ mitteilen? Was haben wir bezüglich kriegerischer Auseinandersetzungen zu erwarten? Auf dem ersten Podium unseres Kongresses wollen wir uns diesen Fragen widmen und konnten dafür drei spannende Referenten gewinnen. Durch kurze Einblicke in ihre Standpunkte zu den Themen des Podium möchten wir einen Vorausblick auf die Diskussion bieten.


Neue Sophismen

Arnold Schölzel war bis 2016 Chefredakteur der jungen Welt und ist Chefredakteur des RotFuchs. Der promovierte Philosoph ist langjähriges Mitglied der DKP und schreibt regelmäßig zur politischen Einschätzung des Ukrainekriegs.

Krieg ist nach Clausewitz und Lenin die Fortsetzung einer bestimmten Politik mit anderen Mitteln, nämlich denen des  Zwangs und der Gewalt. Lenin sah darin eine richtige, wissenschaftliche These, weil es in ihr um die Klassenkräfte geht, die eine jeweilige Politik bestimmen. Er wandte sich daher 1915 gegen die Auffassungen Plechanows und Kautskys, der Weltkrieg habe nichts mit der Politik der Vorkriegszeit zu tun, er sei gewissermaßen ein bedauerlicher Unfall der Geschichte, und warf ihnen vor, die materialistische Dialektik durch Sophistik zu ersetzen: „Die Dialektik verlangt die allseitige Erforschung einer gegebenen gesellschaftlichen Erscheinung in ihrer Entwicklung sowie die Zurückführung des Äußerlichen und Scheinbaren auf die grundlegenden Triebkräfte, auf die Entwicklung der Produktivkräfte und den Klassenkampf.“ (LW, Seite 211)

Lenin kritisierte aber 1916 auch den Mangel an Dialektik in Rosa Luxemburgs „Junius“-Broschüre. Er unterstützte sie bei der Zurückweisung der These von der „Vaterlandsverteidigung“, der fast alle Parteien der II. Internationale gefolgt waren. Er lehnte aber ihre Auffassung ab, deswegen nationale Befreiungskriege im Imperialismus für ein „Phantom“ und letztlich für unmöglich zu erklären. (LW 22, Seiten 314/315). Seine Gegenthese: Jeder imperialistische Krieg kann in einen nationalen, jeder nationale Krieg in einen imperialistischen umschlagen.

Seit dem Eingreifen Russlands in den Krieg der Nationalisten und Faschisten, die 2014 vom Imperialismus in Kiew an die Macht gebracht wurden, tauchen Sophismen der von Lenin genannten Art in der kommunistischen Bewegung erneut auf. Die von einigen Parteien vertretene Behauptung, es handele sich auf beiden Seiten um einen imperialistischen Krieg, ist ein solcher Sophismus. Die Analyse der KPRF oder der RKAP oder anderer Parteien stört dabei offenbar nicht. Mit Internationalismus hat das nichts zu tun, aber sehr viel mit Spaltung.

Die Tatsachen besagen Mitte 2023: Zahlreiche Länder des globalen Südens folgen mehr der konkreten Analyse. Sie treten für eine Verhandlungslösung ein, die der Imperialismus im Frühjahr 2022 vom Tisch gefegt hat. Es deutet sich die Bildung mindestens zweier politischer Lager an. Dazu gehören: Die Mehrheit der UN-Vollversammlung, die BRICS-Staaten, etwa 35 Länder der 55 Staaten umfassenden Afrikanischen Union, der Vatikan und große Teile der Bevölkerung in den imperialistischen Staaten. Deren Meinung kommt nur in Umfragen zum Ausdruck oder manifestiert sich auf Kundgebungen: 50 000 in Berlin am 25. Februar, Zehntausende bei den Ostermärschen.

Das andere Lager bilden rund 30 Mitgliedstaaten von EU und NATO plus etwa weitere 15 Länder. Sie verfolgen das Ziel, Russland dauerhaft zu schwächen und zu kolonisieren. Die Herausbildung des Friedenslagers wird zu Recht als Niederlage des Westens betrachtet. Russland hat sich mit seiner Aktion vom 24. Februar 2022 militärisch verkalkuliert, der Westen hat offenbar einen strategischen Fehler begangen – beginnend mit der NATO-Osterweiterung Mitte der 90er Jahre und der Aufrüstung der Ukraine zu einem antirussischen Vorposten. Die Fehlkalkulation ist mit der des deutschen Imperialismus in beiden Weltkriegen vergleichbar.

Der neue Schematismus ist ein Ausdruck des von Domenico Losurdo so bezeichneten „Westlichen Marxismus“. Unkenntnis und Missachtung der kolonialisierten Völker und ihrer Kämpfe ließen diesen um 1900 entstehen – mit der Ausnahme des „östlichen Marxismus“ Lenins. Aber mit der außerordentlichen, bis heute stattfindenden Entwicklung Chinas, so Losurdo zu recht, geht das „kolumbianische Zeitalter“ zu Ende, werden erstmals rechtlich gleiche Beziehungen für die Mehrheit der Staaten möglich. Und sie nutzen diese neuen Spielräume. Die Kommunisten sollten dieses Ende einer 500jährigen Geschichte nicht verpassen.

Der Krieg gegen die Hegemonie des euroatlantischen Machtblocks hat begonnen

Dimitrios Patelis ist Professor für Philosophie an der Technischen Universität Kreta, Mitglied der World Antiimperialist Platform und des griechischen „Kollektiv des Kampfes für die revolutionäre Vereinigung der Menschheit“.

Die traditionellen Hegemonialmächte – also Nordamerika unter Führung der USA, die Europäische Union unter Führung Deutschlands und das japanisch geführte fernöstliche Machtzentrum – greifen inzwischen zu immer gewaltförmigeren Mitteln der Umverteilung ihrer Einflusssphären, aber auch der Umverteilung ihrer Kontrollmöglichkeiten über unbotmäßige Staaten oder andere politische Akteure und Bündnisse. Durch hybride Beeinflussung oder direkte militärische Einmischung streben sie danach, die Entfaltung eines alternativen Entwicklungspols auf der Erde zu vereiteln, ja überhaupt beliebige Möglichkeiten alternativer Entwicklung zu verhindern. Sie sind bestrebt, mit aller Macht die Herausbildung von Subjekten jeglicher alternativer Varianten der wirtschaftlichen, politischen, militärischen, selbst kulturellen Tätigkeiten verschiedener Länder und Völker zu blockieren.

In meinen Augen handelt es sich also bei diesem Krieg nicht um einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine, nicht einmal zwischen Russland und der NATO, sondern um einen beginnenden Krieg gegen den Hegemonialanspruch des alten – noch starken, aber im Abstieg befindlichen – euroatlantischen imperialistischen Machtblocks, der insbesondere in den letzten 30 Jahren der Welt seine neoliberale Ordnung aufzuzwingen vermochte.

„Im Abstieg befindlich“ ist nicht im militärischen Sinne gemeint, denn da steht bekanntlich ein gigantisches Potenzial bereit, das bis zuletzt ausgereizt werden wird, worin die große Gefahr der aktuellen Konfrontation liegt. Es ist vielmehr gemeint im Sinne des Verlustes seiner wirtschaftlichen Position im globalen Kräfteverhältnis – gegenüber dem anderen, aufsteigenden Pol.

Hat der endgültige Abstieg der USA begonnen?

Jörg Kronauer ist Journalist, Mitherausgeber der Nachrichtenseite german-foreign-policy und Autor zahlreicher Bücher – u.a. zum Machtkampf zwischen USA, China und Russland.

Dieser Frage stellte sich Samuel Huntington, der Direktor des Center for International Affairs an der renommierten Harvard University, Ende 1988 in einem Beitrag für die US-Fachzeitschrift Foreign Affairs. Die Tatsache, dass die US-Wirtschaft schwächer werde, treibe zur Zeit viele um, stellte Huntington fest. Hieraus zögen nicht wenige den Schluss, dass mit dem ökonomischen auch der politische Einfluss der USA schrumpfen werde. Zudem werde darauf hingewiesen, dass die wirtschaftliche Schwäche aus einem übermäßigen Militärhaushalt resultiere, den die Vereinigten Staaten benötigten, um ihre globale Macht zu sichern – ein klassisches Zeichen „imperialer Überdehnung“. Traf das zu? Unfug, meinte Huntington. Es stimme, dass keine Macht auf Dauer die Weltpolitik dominieren könne. Manche Staaten schafften dies aber außerordentlich lange. Der Harvard-Professor war sich nach reiflicher Überlegung vollkommen sicher: Die USA zählten dazu.

Vorläufig hat Huntington mit seiner Prognose Recht behalten. Der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Ost- und Südosteuropa und vor allem der Zerfall der Sowjetunion haben es den Vereinigten Staaten ermöglicht, sich eine zeitlang zur global dominierenden Supermacht aufzuschwingen. Bis vor kurzem konnte den USA niemand wirklich Paroli bieten – nicht die deutsch dominierte EU, mit der die herrschende Klasse der Bundesrepublik so gern zur Weltmacht auf Augenhöhe mit den USA aufsteigen würde, und erst recht keine andere Macht. Inzwischen ändert sich das. Der Grund ist der Aufstieg Chinas. Dessen Wirtschaft ist, wenn man sie nach Kaufkraftparität misst, schon heute stärker als diejenige der USA; in absoluten Dollarwerten wird sie es wohl um das Jahr 2030 herum sein. Der Volksrepublik gelingt es zunehmend, auch technologisch mit den Vereinigten Staaten gleichzuziehen; sogar in einem Krieg, warnen US-Militärs, könnte sich Beijing mit einiger Wahrscheinlichkeit gegen Washington behaupten. Und: Auf lange Sicht haben 1,4 Milliarden Chinesen, sofern sie technologisch gleichziehen können, ein in jeder Hinsicht größeres Potenzial als 330 Millionen US-Amerikaner. Ihr Gewicht brachte noch kein Rivale der USA auf.

Hat also jetzt wirklich der endgültige Abstieg der Vereinigten Staaten begonnen, der schon des öfteren vorhergesagt wurde, aber nie eingetreten ist? Klar ist: Washington hat den Kampf dagegen aufgenommen. Es hat einen Wirtschaftskrieg gegen China gestartet; es versucht, die USA zu reindustrialisieren; es bringt sich militärisch offensiv gegen die Volksrepublik in Stellung; es sammelt Verbündete in Asien, und es dringt darauf, dass auch seine Verbündeten in Europa gegen Beijing die Reihen schließen. Die Spannungen eskalieren, und mit ihnen steigt die Kriegsgefahr.

Krieg tobt bereits jetzt in der Ukraine – faktisch zwischen Russland und dem Westen, der Kiew gegen Moskau mit allen Mitteln unterstützt. Nicht ohne Grund; denn gelänge es ihm, Russland zu besiegen, dann wäre ein anderer Rivale ausgeschaltet, und man müsste nicht mehr damit rechnen, dass er im großen Kampf gegen China Beijing unterstützt. Im Ukraine-Krieg ist nun aber das Unerwartete geschehen: Der Globale Süden unterstützt die westlichen Mächte nicht, beteiligt sich nicht an den Russland-Sanktionen, weigert sich, Moskau zu isolieren. Er wagt, wenn man so will, den politischen Aufstand gegen die bisherige westliche Dominanz. Für Washington verkompliziert das zusätzlich den Versuch, seinen Abstieg zu verhindern; er kommt näher.


Die Texte der Referenten wurden für diese Zeitung verfasst, nur der Text von Dimitrios Patelis ist ein Zitat aus: „Die ukrainische Phase eines dritten Weltkriegs? Interview mit Dimitrios Patelis“, in: Marxistische Blätter (4) 2022, S. 1-12.

Was kostet ein Kommunismus Kongress? Spendenaufruf aktuell! 

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Aktuell sammeln wir Spenden für die Durchführung des Kommunismus Kongresses 2023 in Berlin. Seit Mitte August ist bereits ein beachtlicher Betrag zusammengekommen, wofür wir uns herzlich bedanken möchten! Dieses Geld ermöglicht erst den diesjährigen Kommunismus Kongress, mit dem wir in Deutschland einen Beitrag leisten wollen zum Kampf gegen den Imperialismus und für den Sozialismus. Dafür haben wir ein vielseitiges Programm zusammengestellt, um zu diskutieren, zu lernen und Klarheit zu gewinnen. Wir freuen uns, mit euch allen Anfang Oktober in Berlin diskutieren zu können! Unsere Einnahmen decken aber leider bei weitem noch nicht unsere Ausgaben. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, um Experten, Aktivisten und Autoren aus aller Welt an einen Ort zu holen.  

Um euch zu zeigen, was die Durchführung eines Kongresses in dieser Form kostet, d. h. wofür Ticketeinnahmen und Spenden eingesetzt werden, haben wir hier eine kleine Aufstellung der Ausgaben für den Kongress für euch: 

Miete der Veranstaltungsräume: 6210 € 
Übersetzung vor Ort und Technik dafür: 2650 € 
Unterbringung und Reisekosten Referenten: 3361 € 
Druck der Zeitung zum Kommunismus-Kongress: 957 € 
Weitere Flyer und Werbung: ca. 2500 € 
Sonstige Kosten (Material vor Ort, Technik,…): 600 € 

Der Kongress kostet also ca. 16.278 €. Auf der Einnahmen-Seite stehen vor allem die Ticketeinnahmen – und eure Spenden!  

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Auf einen erfolgreichen Kongress! 

Solidarity with Zaid means fighting imperialism and the colonial asylum regime!

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The German authorities want to set an example of our comrade Zaid Abdulnasser, a member of the Palestinian prisoner solidarity network Samidoun. They have withdrawn the right of residence of the young Palestinian, who fled from Syria to Germany and has been waiting here for years for his naturalisation. He is defending himself legally and politically. We and many others are behind him.

Upswing of the Palestinian liberation struggle

The comrades of Samidoun have been the focus of state repression and anti-Palestinian agitation in Germany for a long time: again and again their demonstrations are banned and stopped by force, the media spread lies against them and in June this year the German-Israeli Society demanded the banning of the organization according to paragraph 129b (an „anti-Terror-Paragraph“). We see the main reason for these attacks in the fact that Samidoun, as a young organization with young activists who did not grow up in the West but mostly in the Arab Diaspora, most strongly embodies the Palestinians‘ and especially the younger generations‘ urge for unity of resistance and for uncompromising against Zionist colonialism.

This urge is also the Palestinians‘ greatest hope and is currently fuelling the struggle for liberation in Palestine to an extent that we have not seen since the Second Intifada: In Jenin, Nablus, Tulkarem and other places in the West Bank, cross-organisational and cross-currents of brigades have formed, which have taken up the armed struggle against the occupation regime and are carrying it out on a daily basis. In Gaza, too, the factions of the resistance are cooperating ever more closely. While the Gaza Strip has been a no-go area for the Zionists for a decade and a half, the West Bank has now also turned into a dangerous terrain for settlers and soldiers, and resistance actions are also taking place again and again in the 48 Areas, i.e. in Israel.

Imperialist asylum system

Even though the „postmodern“ bourgeois discourse likes to proclaim that migration is something „quite normal“ that has always existed: most people do not voluntarily leave their homes, families and friends, and many „migrants“ are refugees, whether they flee because of war, displacement, persecution or poverty. At the same time, the European asylum system was indeed a consequence of the Second World War and thus an achievement. But it was also a treaty between the colonial powers and the other imperialist states of Western Europe and North America, and therefore never intended for the colonized peoples of Africa, Asia and Latin America. Nevertheless, it is above all millions of people from the poor countries who have had to make use of the right to asylum and the right to stay in the last 75 years – and who have fought for it even against the will of the rulers! Hundreds of thousands have paid for this with their lives.

The reason why especially people from the South and East had to lay claim to this right is, of course, that the imperialist West covered and still covers their countries with war and (neo)colonial exploitation. In Palestine in particular, with the onset of the ongoing Nakba in 1947, a large part of the indigenous population was turned into refugees, who to this day live in camps inside and outside Palestine and have no citizenship.

These people from Asia, Africa and Latin America are pushing into the centers of global exploitation and oppression in Europe and North America to enjoy some of the wealth stolen from their countries and the relative peace based on that wealth. In doing so, they are rebelling, whether consciously or unconsciously, against the basic laws of imperialism, which are: The over-exploited have to stay in the periphery, except when they are called to the center as cheap labor. If these people then also speak out politically here, denounce the injustice of the imperialist world system, name the reasons for their flight and attack the imperialist state, they become the enemy that must be fought and smashed.

It is therefore no wonder that state repression in Germany hits migrant revolutionary organizations particularly hard. Palestine, as the last colony openly occupied by Europeans, where the indigenous people bitterly resist, where the imperialism of the West is most openly revealed, must seem particularly dangerous to the ruling class in this country. In addition, the pro-Zionist raison d’état is an enormously important part of the legitimisation of the ruling class in Germany. And finally: the Palestinians enjoy great sympathy among the peoples of the so-called Third World and especially the Muslim world. On the issue of Palestine, therefore, most migrant communities in Germany, which can otherwise unfortunately all too often be played off against each other according to the divide and rule principle, are united.

For the right to stay and the right to return!

The Zaid case impressively shows how the German authorities use migration and asylum law as a political weapon: They can apparently neither simply ban Samidoun nor prove that comrade Zaid has committed a concrete crime. Instead, they use his „status“ as a refugee, which is ultimately nothing more than a racist legal construct that deprives him of his basic rights. As with all repression, it is not about him alone, but above all about intimidating all of us. The message is clear: Palestinians are not allowed to express themselves politically in the FRG, they are not allowed to denounce colonialism in their home country and they are not allowed to fight against it. Those who do risk not only never being naturalized and thus being able to live here with equal rights, but even losing their asylum and being deported. We advocate that the Palestinians‘ struggle for their national liberation in all its forms can be openly supported and propagated in this country, that Palestinians not only get security and residence, but that they can fully exercise their political rights!

The political oppression of the Palestinians in Germany by means of criminal and migration law is the counterpart of their oppression and expulsion in their homeland, they are two edges of the same sword, that of the imperialists and colonial masters. Accordingly, both sides must also be fought by us: The struggle for the right to stay for Zaid and all other Palestinians and their right to naturalization in Germany does not contradict the struggle for the liberation of their homeland and the right of return of the Palestinians, but is rather its flip side! In both cases, it is about the very concrete rights of the Palestinians: the freedom to stay here and the freedom to return to Palestine. And in both cases, victory means a blow against imperialism, which wants the Palestinians neither there nor here.

At the same time, the attack on the democratic rights of the Palestinians is an attack on the democratic rights of all: all those who fight against oppression and occupation, against imperialism, exploitation and war are to be intimidated. Zaid is hit, but all those who fight for the liberation of Palestine, who fight against (neo)colonial oppression, against racism, are meant! They are using Zaid’s precarious legal situation to isolate and break him. Let’s show that he is not alone, not isolated. Let’s show that an attack on him is an attack on all of us! Solidarity is our strongest weapon against their repression, their racism, their terror!

Solidarity with Zaid! Fight state racism! Down with imperialism!

Solidarity with Samidoun! Freedom for Palestine – from the river to the sea!

Kein Berufsverbot für Luca! 

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Der angehende Lehrer Luca steht kurz vor seinem Referendariat. Nun soll aus politischen Gründen verhindert werden, dass er Lehrer wird. Was ist passiert? Auf der 1. Mai Demonstration 2021 in Frankfurt kam es zu Angriffen der Polizei auf die Demo. Mehrere Demonstranten wurden dabei schwer verletzt. Als ein Rauchtopf neben dem Kopf eines verletzten Demoteilnehmers am Boden landete, hat Luca den Rauchtopf zur Seite geworfen, um diesen zu schützen. Jetzt steht er wegen des Vorwurfs des schweren Landfriedensbruchs und Körperverletzung vor dem Landgericht Frankfurt. Im ersten Urteil wurde Luca zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und vorbestraft. Die Staatsanwaltschaft legte unverzüglich Revision ein, um ein noch höheres Urteil zu erwirken. Die Unverhältnismäßigkeit dieses harten Urteils ist politisch motiviert, denn Luca soll wegen seiner Vorstrafe nun sein Referendariat nicht mehr antreten dürfen. 

Wir fordern die sofortige Einstellung des Verfahrens und Freispruch für Luca!

Luca soll Lehrer werden!

Unterschreibt die Petition auf change.org

Kommt zur Soli-Kundgebung beim Gericht in Frankfurt/Main!

Am 27.09. um 9 Uhr findet vor dem Landgericht Frankfurt der nächste Gerichtstermin und eine Soli-Kundgebung mit Luca statt. 

Solidarität mit Luca! Gemeinsam gegen ihre Repression! 

Hier der Link zur Petition: https://chng.it/7LLKWKkxSG

Mehr Infos zum Fall: https://www.unsere-zeit.de/kein-berufsverbot-fuer-luca-4783675/

Solidarität mit Zaid heißt Kampf dem Imperialismus und dem kolonialen Asylregime!

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An unserem Genossen Zaid Abdulnasser, Mitglied des palästinensischen Gefangenen-Solidaritätsnetzwerks Samidoun, soll ein Exempel statuiert werden: Die deutschen Behörden haben dem jungen Palästinenser, der aus Syrien nach Deutschland geflohen ist und hier seit Jahren auf seine Einbürgerung wartet, das Aufenthaltsrecht entzogen. Er setzt sich juristisch und politisch zur WehrWir und viele andere stehen hinter ihm.

Aufschwung des palästinensischen Befreiungskampfs

Die Genossen von Samidoun stehen schon länger im Fokus der staatlichen Repression und der anti-palästinensischen Hetze in Deutschland: Immer wieder werden ihre Demos verboten und mit Gewalt unterbunden, Medien verbreiten Lügen gegen sie und im Juni diesen Jahres forderte die Deutsch-Israelische Gesellschaft das Verbot der Organisation nach Paragraph 129 b. Wir sehen diese Angriffe vor allem darin begründet, dass Samidoun als junge Organisation mit jungen Aktivisten, die nicht im Westen, sondern größtenteils in der arabischen Diaspora aufgewachsen sind, den Drang der Palästinenser und besonders der jüngeren Generationen nach Einheit des Widerstands und nach Kompromisslosigkeit gegenüber dem zionistischen Kolonialismus am stärksten verkörpert

Dieser Drang ist zugleich die größte Hoffnung der Palästinenser und befeuert den Befreiungskampf in Palästina derzeit in einem Maße, wie wir es seit der Zweiten Intifada nicht mehr erleben konnten: In Jenin, Nablus, Tulkarem und anderen Orten in der Westbank haben sich organisations- und strömungsübergreifende Brigaden gebildet, die den bewaffneten Kampf gegen das Besatzungsregime aufgenommen haben und tagtäglich austragen. Auch in Gaza kooperieren die Fraktionen des Widerstand immer enger. Während der Gaza-Streifen für die Zionisten schon seit anderthalb Jahrzehnten eine No Go-Area ist, hat sich auch die Westbank mittlerweile in ein gefährliches Terrain für Siedler und Soldaten verwandelt, und auch in den 48er Gebieten, also in Israel, kommt es immer wieder zu Widerstandsaktionen.

Imperialistisches Asyl-System

Auch wenn der „postmoderne“ bürgerliche Diskurs so gerne verkündet, dass Migration etwas „ganz normales“ ist, das es schon immer gab: Die meisten Menschen verlassen nicht freiwillig ihre Heimat, ihre Familien und Freunde und viele „Migranten“ sind Geflüchtete, ob sie nun wegen Krieg, Vertreibung, Verfolgung oder Armut fliehen. Zugleich war das europäische Asylsystem zwar eine Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg und somit eine Errungenschaft. Aber es war auch ein Vertrag zwischen den Kolonialmächten und den anderen imperialistischen Staaten Westeuropas und Nordamerikas, und daher nie gedacht für die kolonisierten Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Trotzdem sind es vor allem Millionen Menschen aus den Ländern des Trikonts, die das Recht auf Asyl und Bleiberecht in den letzten rund 75 Jahren in Anspruch nehmen mussten – und die es sich auch gegen den Willen der Herrschenden erkämpft haben! Dafür haben Hunderttausende mit ihrem Leben bezahlt.

Der Grund, warum vor allem Menschen aus dem Süden und Osten Anspruch auf dieses Recht erheben mussten, liegt natürlich darin, dass der imperialistische Westen ihre Länder mit Krieg und (neo)kolonialer Ausbeutung überzogen hat und noch immer überzieht. Gerade in Palästina wurde mit Beginn der anhaltenden Nakba 1947 ein Großteil der einheimischen Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht, die bis heute in Lagern innerhalb und außerhalb Palästinas leben und keine Staatsangehörigkeit haben. Diese Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika drängen in die Zentren der globalen Ausbeutung und Unterdrückung in Europa und Nordamerika, um hier in den Genuss eines Teils der Reichtümer zu kommen, die aus ihren Ländern geraubt wurden, und des relativen Friedens, der auf diesem Reichtum basiert. Damit rebellieren sie, ob bewusst oder unbewusst, gegen die grundlegenden Gesetze des Imperialismus, die lauten: Die Überausgebeuteten haben in der Peripherie zu bleiben, außer wenn sie als billige Arbeitskräfte ins Zentrum gerufen werden. Wenn sich diese Menschen hier dann auch noch politisch zu Wort melden, die Ungerechtigkeit des imperialistischen Weltsystem anprangern, die Gründe für ihre Flucht benennen und den imperialistischen Staat attackieren, werden sie zum Feind, der bekämpft und zerschlagen werden muss.

Daher ist es kein Wunder, dass die staatliche Repression in Deutschland migrantische revolutionäre Organisationen besonders hart trifft. Palästina, als letzte offen von Europäern besetzte Kolonie, wo die Indigenen erbittert Widerstand leisten, wo der Imperialismus des Westens am offensten zutage tritt, muss den Herrschenden hierzulande als besonders gefährlich erscheinen. Hinzu kommt, dass die pro-zionistische Staatsräson ein enorm wichtiger Bestandteil der Legitimierung der herrschenden Klasse in Deutschland ist. Und schließlich: Die Palästinenser genießen große Sympathie unter den Völkern der sogenannten Dritten und vor allem der muslimischen Welt. In Sachen Palästina sind daher die meisten migrantischen Communities in der BRD, die sonst leider allzu häufig nach dem Prinzip teile und herrsche gegeneinander ausgespielt werden können, einig.

Für Bleiberecht und Rückkehrrecht!

Der Fall Zaid zeigt eindrücklich, wie die deutschen Behörden das Migrations- und Asylrecht als politische Waffe einsetzen: Sie können offenbar weder Samidoun einfach verbieten, noch dem Genossen Zaid eine konkrete Straftat nachweisen. Stattdessen nutzen sie seinen „Status“ als Flüchtling, der letztlich nichts anderes ist, als ein rassistisches juristisches Konstrukt, das ihm seine Grundrechte vorenthält. Wie bei jeder Repression geht es nicht um ihn allein, sondern vor allem auch darum, andere einzuschüchtern. Die Ansage ist klar: Palästinenser dürfen sich in der BRD nicht politisch äußern, sie dürfen den Kolonialismus in ihrem Heimatland nicht anprangern und nicht dagegen ankämpfen. Wer es doch tut, riskiert nicht nur, niemals eingebürgert zu werden und so gleichberechtigt hier leben zu können, sondern sogar sein Asyl zu verlieren und deportiert zu werden. Wir treten dafür ein, dass der Kampf der Palästinenser für ihre nationale Befreiung in all seinen Formen hierzulande  offen unterstützt und propagiert werden kann, dass Palästinenser nicht nur Sicherheit und Aufenthalt bekommen, sondern dass sie ihre politischen Rechte voll und ganz ausüben können!

Die politische Unterdrückung der Palästinenser in Deutschland mittels Straf- und Migrationsrecht ist das Gegenstück zu ihrer Unterdrückung und Vertreibung in ihrer Heimat, es sind zwei Schneiden ein- und desselben Schwertes, dem der Imperialisten und Kolonialherren. Entsprechend müssen auch beide Seiten von uns bekämpft werden: Der Kampf für das Bleiberecht für Zaid und alle anderen Palästinenser und ihr Recht auf Einbürgerung in Deutschland steht nicht im Widerspruch zum Kampf für die Befreiung ihrer Heimat und das Rückkehrrecht der Palästinenser, sondern ist vielmehr dessen Kehrseite! In beiden Fällen geht es um die ganz konkreten Rechte der Palästinenser: die Freiheit hier zu bleiben und die Freiheit nach Palästina zurückzukehren. Und in beiden Fällen bedeutet ein Sieg einen Schlag gegen den Imperialismus, der die Palästinenser weder dort noch hier haben will.

Zugleich ist der Angriff auf die demokratischen Rechte der Palästinenser ist ein Angriff auf die demokratischen Rechte aller: Alle, die gegen Unterdrückung und Besatzung, gegen Imperialismus, Ausbeutung und Krieg kämpfen, sollen eingeschüchtert werden. Zaid ist getroffen, aber alle die für die Befreiung Palästinas kämpfen, die gegen (neo)koloniale Unterdrückung, gegen Rassismus kämpfen, sind gemeint! Sie nutzen die prekäre rechtliche Lage von Zaid, um ihn zu isolieren und zu brechen. Zeigen wir, dass er nicht allein, nicht isoliert ist. Zeigen wir, dass ein Angriff auf ihn, ein Angriff auf uns alle ist! Solidarität ist unsere stärkste Waffe gegen ihre Repression, ihren Rassismus, ihren Terror!

Solidarität mit Zaid! Kampf dem staatlichen Rassismus! Nieder mit dem Imperialismus!

Solidarität mit Samidoun! Freiheit für Palästina – vom Fluss bis zum Meer!

Stoppt die Sanktionen gegen Niger – panafrikanische Resolution

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Redaktionsnotiz: Wir veröffentlichen hier die Übersetzung der „Erklärung der revolutionären, panafrikanischen Organisationen zu den unrechtmäßigen und unmenschlichen Sanktionen, die die ECOWAS gegen Niger verhängt hat“. Sie wurde zuerst am 26. August 2023 von drei westafrikanischen Organisationen veröffentlicht. Am 7. September wurde sie vom „Thomas Sankara Center“ erneut veröffentlicht mit mittlerweile 55 unterzeichnenden Organisationen. Wir unterstützen die Forderungen der panafrikanistischen und revolutionären Organisationen nach dem sofortigen Ende der Sanktionen durch ECOWAS und das Ende der (neo)kolonialen Unterwerfung der Völker Westafrikas.

Zuletzt wurde berichtet, dass auch die EU Sanktionen gegen Niger plant. Dagegen gilt es zu protestieren! Wir waren in verschiedenen Städten bereits auf der Straße und werden den Protest gegen den Neokolonialismus unserer Regierung und für die Solidarität mit den Völkern Westafrikas fortsetzen. Während Deutschland, Frankreich und die USA so tun, als würde es um das Wohl der Bevölkerung gehen, zeigen ihre Taten, dass es offensichtlich nicht so ist: Hilfslieferungen wurden direkt nach dem Putsch eingestellt und nun wird über weitere Sanktionen beraten. Sanktionen sind ein besonders perfides Mittel der Kriegsführung, unter dem die lokale Bevölkerung leidet und das oft nicht als solches benannt wird, wie wir bereits in Bezug auf Syrien darstellten.

Baerbock, von der Leyen und Co. sind diejenigen, die Hunger als Waffe einsetzen! Eine militärische Intervention, die Frankreich und die ECOWAS bereits planen, wäre fatal für die Region. Hände weg von Niger!

Kameraden im Kampf, Kämpfer für die Befreiung Afrikas, Freunde der afrikanischen Völker

Wir, die revolutionären panafrikanischen Organisationen, erheben unsere Stimme mit unerschütterlicher Entschlossenheit, um die unmenschlichen und illegitimen Sanktionen anzuprangern, die von der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) und der Währungsunion Westafrikanischer Staaten (UEMOA) gegen Niger verhängt und von den imperialistischen und ausbeuterischen Ländern, die unseren Kontinent weiterhin ausbluten lassen, sklavisch inszeniert wurden.

Nach dem Militärputsch in Niger beschloss die ECOWAS am Ende der Konferenz der Staatsoberhäupter in Abuja am 30. Juli, demütigende und illegitime Sanktionen gegen Niger zu verhängen. Diese Sanktionen führten schnell zu steigenden Lebensmittelpreisen im Land, einer verringerten Stromversorgung und der Unzugänglichkeit Arzneimittel, Schwierigkeiten bei Bankgeschäften, Einschränkungen des Waren- und Personenverkehrs usw. Diese unmenschliche Situation verschlimmert die Lage der Bevölkerung, die bereits unter der Regierungskrise unserer neokolonialen Staaten leidet.

Die ECOWAS, die sich in der Vergangenheit als Bollwerk afrikanischer Solidarität verkleidet hat, hat die Massen verraten, indem sie behauptete, im Namen der regionalen Stabilität zu handeln. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Instrument im Dienst kapitalistischer Interessen, denen das Leid des nigrischen Volkes egal ist. Diese ungerechten Sanktionen zielen lediglich darauf ab, den Widerstand zu ersticken und die Ausbeuter auf Kosten der Unterdrückten zu schützen.

Der barbarische Imperialismus hat unsere Institutionen infiltriert und die Führer korrumpiert, die die Zukunft unserer Brüder und Schwestern für eine Handvoll Münzen verkaufen. Wir sagen laut und deutlich, dass es an der Zeit ist, die Ketten dieser wirtschaftlichen Tyrannei zu sprengen. Die imperialistischen Länder werden nicht über unser Schicksal entscheiden, denn unser Schicksal liegt in unseren eigenen Händen, in denen eines stolzen und vereinten Afrikas.

Wir starten einen lautstarken Aufruf zum Widerstand und Ungehorsam gegenüber den Diktaten derer, die sich von unserem Elend ernähren. Wir werden die Machtspiele, die unserem Kontinent seines Reichtums und seines Rechts auf Selbstbestimmung berauben, nicht länger hinnehmen. Die Ausbeuter werden vor der kollektiven Stärke des afrikanischen Volkes erzittern.

Dies ist für uns als engagierte panafrikanische Organisationen eine Gelegenheit, die aktive Solidarität der algerischen, burkinabeischen, guineischen und malischen Behörden mit der kämpfenden Bevölkerung Nigers zu begrüßen. Wir laden die Völker Afrikas ein, sich im Kampf für die völlige Befreiung und Vereinigung Afrikas durch Massenbildung zusammenzuschließen.

An die ECOWAS fordern wir die Aufgabe der Absicht einer militärischen Intervention und die sofortige Aufhebung der gegen Niger verhängten Sanktionen sowie die kategorische Ablehnung ausländischer Einmischung in unsere Angelegenheiten. Unser Kampf wird nicht durch die hinterhältigen Taktiken der Neokolonialisten erstickt. Wir erklären unsere unerschütterliche Unterstützung für die Menschen in Niger, die sich mutig der Unterdrückung widersetzen.

Als Hüter des Erbes vergangener Kämpfe verpflichten wir uns, eine bessere Zukunft für unseren Kontinent aufzubauen. Wir verkünden unser Bekenntnis zur panafrikanischen Solidarität und zum Kampf gegen alle Formen der Ausbeutung und Unterdrückung. Wir sind die würdigen Erben der afrikanischen Freiheitskämpfer und wir werden unsere heilige Pflicht nicht vernachlässigen.

Wir rufen unsere Brüder und Schwestern, Jung und Alt, Bauern und Arbeiter, Studenten und Intellektuelle auf, aufzustehen und Unterdrückung in all ihren Formen abzulehnen. Unsere Revolution ist nicht verhandelbar. Wir fordern die völlige Befreiung Afrikas von der imperialistischen Herrschaft!

Ouagadougou

7. September 2023

Thomas Sankara Zentrum für afrikanische Befreiung und Einheit (Burkina Faso)

For revolutionary Pan-African organizations

Burkina Faso

  • Le Cadre deux heure pour nous, deux heures pour Kamita
  • Collectif Burkim-Bii Pour le Renouveau Démocratique 
  • Union des jeunes pour une nouvelle vision
  • Convergence nationale pour la renaissance

Niger

  • Fédération syndicale mondiale du Niger
  • L’Union des syndicats libres des travailleurs du Niger
  • Tous Pour La République

Mali

  • Forum des Organisations de la Société Civile du Mali
  • Mouvement des Sans Voix

Nigeria

  • Movement for African Emancipation
  • Amilcar Cabral Ideological School Movement

Ghana

  • Economic Fighters League
  • Pro-Nkrumah Unity Movement, West Afrika

Senegal

  • Front pour une Révolution Anti-impérialiste Populaire et Panafricaine

Benin

  • Conseil Général de la Jeunesse Patriotique
  • Union de la Jeunesse Communiste du Bénin

Gambia

  • Gom Sa Bopa Movement

Guinea-Bissau

  • Associação de Jovens Pan-Africanistas e Revolucionários

Democratic Republic of the Congo

  • Mouvement Citoyen BISO PEUPLE
  • Cercle des Pan Africanistes congolais
  • Congo Ubuntu
  • Mouvement des PanAfricanistes pour la libération du Congo et de l’Afrique
  • le populaire de citoyen et du Pan Africanisme
  • Quatrième voie

Kenya

  • Githurai Social Justice Center
  • African Stream

Azania

  • Black House Kollective Soweto

The Americas

  • Left Alliance for National Democracy and Socialism- LANDS (Jamaica) 
  • Troïka Collective (The Americas)
  • Firoze Manji – Daraja Press (Canada)
  • United African Diaspora (Canada)
  • United for Change (Canada) 
  • African Pride Club (US)
  • Lowcountry Action Committee (US) 
  • Black Alliance for Peace- BAP (US)
  • Mass Emphasis Children’s History & Theatre Company (US)

Europe

  • Assata Bibliothèque Activiste (Norway) 
  • ARISE (Norway)
  • Black Liberation Alliance (UK)
  • Aya Afrikan Learning (UK)
  • Stop the Maangamizi: We Charge Genocide/Ecocide Campaign- SMWECGEC (UK)
  • Pan-Afrikan Reparations Youth Forum- PARYF (UK) 
  • Black Power Frankfurt (Germany)
  • Africa United Sports Club (Germany)
  • Migrantifa Mainz (Germany) 
  • Migrantifa NRW(Germany) 
  • l’Association NOUS (France)

International

  • La Ligue Panafricaine – UMOJA
  • Parti révolutionnaire de tous les peuples africains- PRTPA/ All-African People’s Revolutionary Party- A-APRP
  • MAATUBUNTUBUSUAFO-PAGNOCOR, Pan-Afrikan Grassroots Network of
  • Communities of Resistance
  • Mwamko
  • Coalition for the Elimination of Imperialism in Africa

Quelle: https://hoodcommunist.org/2023/09/07/55-pan-african-organzations-oppose-sanctions-on-niger/

Unterstützt die Solidaritätskampagne für den Genossen Zaid Abdulnasser!

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Samidoun Deutschland-Koordinator Zaid Abdulnasser und Mitglied der alternativen revolutionären palästinensischen Pfadbewegung wird vom deutschen Staat bedroht, dass ihm als in Syrien geborenem palästinensischen Flüchtling aufgrund seines politischen Engagements bei Samidoun und Masar Badil die Aufenthaltsgenehmigung entzogen wird.

Angesichts dieses Angriffs haben mehr als 130 internationale Organisationen, Gewerkschaften und politische Parteien ihre absolute Ablehnung der zunehmenden repressiven Maßnahmen Deutschlands gegen palästinensische Flüchtlinge und der Versuche ihres fundamentalen Rechts, für ihre Befreiung und Rückkehr zu kämpfen, zum Ausdruck gebracht.

Wir rufen alle Organisationen dazu auf, sich uns anzuschließen und die Erklärung unter dem folgenden Link zu unterzeichnen:

https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSffcsikMQR1lwvPqukzYCQpCzSZwLy28RXY8tYdGNxzlgugOA/viewform

Um die juristische Verteidigung von Zaid und anderen Palästinensern in Deutschland, die für ihre Palästina-Arbeit unter den repressiven Maßnahmen des Staates leiden, finanziell zu unterstützen, können Sie eine Spende auf das folgende Konto einzahlen:

Name: Rote Hilfe e.V.
IBAN: DE55 4306 0967 4007 2383 17
BIC: GENODEM1GLS
Hinweis: Palaestina gegen Repression

Wir, im Samidoun Palestinian Prisoners Solidarity Network, erklären, dass alle Angriffe gegen uns durch die zionistische Besatzung, ihre Organisationen im Ausland und durch westliche Länder und Medien nichts an unserer absoluten Verpflichtung zur Verteidigung und Unterstützung der palästinensischen Gefangenenbewegung und zum Kampf für die Befreiung Palästinas vom Fluss bis zum Meer geändert haben und ändern können.

Es folgt die Erklärung, die von mehr als 130 Organisationen weltweit unterzeichnet wurde:

Internationale Kampagne gegen anti-palästinensische Repression in Deutschland

Wir, die unterzeichnenden Organisationen, erklären unsere Ablehnung und Empörung über die Repression des deutschen Staates gegen Palästinenser und palästinensische Organisierung in Deutschland, angefangen beim Verbot von Demonstrationen zum Nakba-Tag in den Jahren 2022 und 2023, dem Verbot von Demonstrationen zum Internationalen Tag der palästinensischen Gefangenen im Jahr 2023, der Verfolgung von Journalisten, Jugendlichen und Studenten wegen ihrer pro-palästinensischen Ansichten und ihres Aktivismus bis hin zum jüngsten Versuch, dem Koordinator von Samidoun Deutschland, Zaid Abdulnasser, einem in Syrien geborenen palästinensischen Flüchtling, die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen.

Diese Aggression zielt auf alle palästinensischen Flüchtlinge mit dem Versuch, sie ihres Rechts zu berauben, für ihre Befreiung zu kämpfen, indem man das Rechtssystem als Hebel gegen ihre prekäre Situation nutzt, um sie zum Schweigen zu bringen. Dies ist nicht nur ein Angriff auf die palästinensische und arabische Gemeinschaft und die Unterstützer Palästinas in Deutschland, sondern auch auf unser kollektives Recht auf politische Organisierung. Dies ist auch ein Angriff auf die palästinensischen Gefangenenbewegung, indem die internationale Solidarität mit den Gefangenen ins Visier genommen wird.

Durch die Förderung intensiver Verleumdungskampagnen gegen Palästinenser und pro-palästinensische Organisationen und die Nutzung dieser Verleumdungen zur Rechtfertigung der wiederholten Verbote von Veranstaltungen und zur Dämonisierung vonPalästinensern und Arabern in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen – der Heimat der größten palästinensischen und arabischen Gemeinschaft in Europa – versucht der deutsche Staat verzweifelt, Palästinenser daran zu hindern, sich zu organisieren und für ihre Rechte auf die Straße zu gehen.

Der Staat erklärte, dass Zaids Engagement in Samidoun Netzwerk für Solidarität mit palästinensischen Gefangenen und in der alternativen revolutionären palästinensischen Pfad-Bewegung ein Grund für den Entzug seiner Aufenthaltsgenehmigung zum “Schutz des öffentlichen Interesses” sei. Dies verdeutlicht die unverschämten Versuche Deutschlands, die wachsende Unterstützung für Palästina in Deutschland zu unterdrücken, wo sich immer mehr Menschen der Verbrechen der israelischen Besatzung bewusst werden und darüber entsetzt sind, wie wir bei den Massendemonstrationen im Mai 2021 gesehen haben, als hunderttausende Menschen in Deutschland auf die Straße gingen und ihre klare Unterstützung für Palästina zum Ausdruck brachten.

Wir betrachten dies in erster Linie als einen Angriff auf die palästinensische Gemeinschaft in Deutschland und als Ausdruck der staatlich geförderten antipalästinensischen Rhetorik und der vollen Identifizierung mit der israelischen Kolonisierung des besetzten Palästina. Dies ist besonders wichtig, da die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Gemeinschaft in Berlin Flüchtlinge sind, denen das Recht auf Rückkehr in ihre Städte und Dörfer seit 1948 verweigert wird. Ihr Engagement für die Befreiung ihres Landes und die Rückkehr in ihre Häuser ist ihr natürliches Recht, und der Versuch des Staates, sie zu unterdrücken, wird scheitern, so wie er in den letzten 100 Jahren des unnachgiebigen palästinensischen Kampfes gescheitert ist.

Wir weisen diese Angriffe zurück und erklären, dass unsere Stimmen nicht zum Schweigen gebracht werden können. Wir stehen fest hinter den palästinensischen Flüchtlingen in Deutschland und ihrem Recht, sich zu organisieren und zu kämpfen, und erklären unsere Unterstützung für alle palästinensischen Gefangenen hinter israelischen Gittern und für die Befreiung Palästinas, vom Fluss bis zum Meer. Und wir erklären klar und deutlich, dass es dieser Form der staatlichen Repression nicht gelingen wird, unsere Unterstützung für das palästinensische Volk, seinen Widerstand und den Kampf der Gefangenenbewegung zur Beendigung des Kolonialismus zum Schweigen zu bringen.

Freiheit für alle palästinensischen Gefangenen!
Nieder mit der staatlichen Repression!
Hoch die internationale Solidarität!
Palästina wird frei sein, vom Fluss bis zum Meer!

Weder Verrat noch Utopismus, sondern nationale Befreiung! Zur Debatte um die Ein- und Zweistaatenlösung für Palästina

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Von Noel Bamen

Gliederung:

Teil 1 – Die Zweistaatendoktrin: ein Verrat an den Palästinensern

Fatah und PLO: Von der palästinensischen Revolution zum Verrat

Der negative Einfluss der Kommunisten

Die Zweistaatendoktrin ist tot

Teil 2 – Richtige und falsche Einstaatlösungen

Zionistische vs. antikoloniale Einstaatkonzepte

Die Angst vor einem islamischen Staat

Siedlerkolonialismus überwinden ohne Entkolonisierung und Entsiedlung?

Nationale Befreiung statt Utopismus!

Gemeinsam diskutieren und falsche Positionen überwinden!

Teil 1 – Die Zweistaatendoktrin: ein Verrat an den Palästinensern

Vor 30 Jahren, am 13. September 1993, wurde in Washington die sog. „Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung“ zwischen der PLO und Israel unterzeichnet, besser bekannt als Oslo I-Abkommen. Dieses Abkommen war das Ergebnis von Geheimverhandlungen zwischen dem zionistischen Regime und der PLO unter Vermittlung der USA und leitete ein, was verklärend als „Osloer Friedensprozess“ bezeichnet wird. Das Abkommen sah den schrittweisen Rückzug der israelischen Okkupationstruppen (IOF) aus den 1967 besetzten Gebieten und die Einrichtung einer „Palästinensischen Autorität“ bzw. „Autonomiebehörde“ (PA) vor. Dabei wurden zentrale Fragen, wie die nach den zu dem Zeitpunkt mehr als 115.000 in der Westbank und dem Gazastreifen ansässigen zionistischen Siedlern genauso ausgeklammert wie die nach dem Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge. Ergänzt wurde das ganze 1995 durch das sog. Oslo II-Abkommen, das die 67er-Gebiete in drei Zonen aufteilte: In Zone A (18% des Westbank und 60% des Gazastreifens) erhielt die PA (offiziell) vollständige Kontrolle, in Zone B (22% der Westbank) erhielt sie die zivile Kontrolle, während die IOF weiterhin für die „Sicherheit“ zuständig sind, und in Zone C (62% der Westbank und 40% Gazas) behielt Israel allein das Sagen.

Das zionistische Regime erhielt mit Oslo die offizielle Anerkennung durch die palästinensische Befreiungsbewegung – ein politischer Durchbruch für Tel Aviv, der zugleich Tür und Tor für jegliche „Normalisierungen“ mit den anderen arabischen Ländern öffnete. Im Gegenzug bekamen die Palästinenser nichts, außer einer „Behörde“, die sich bald als lupenreines Marionettenregime entpuppte: Die PA ist politisch, wirtschaftlich und militärisch komplett von Israel und vom Westen abhängig; die Grenzen der 67er-Gebiete werden von Tel Aviv kontrolliert, die IOF haben faktisch in der gesamten Westbank das Sagen und die Sicherheitskräfte der PA sind von den USA ausgebildete Hilfstruppen der IOF; die Westbank ist ein monopolisierter Absatzmarkt für Waren aus Israel und liefert dorthin zugleich billige Arbeitskräfte und Produkte, während sie zudem am Tropf der UNO und westlicher NGOs hängt. Parallel zur Etablierung dieses Pseudostaats gingen der Siedlungsbau und der Landraub in der Westbank ungebremst weiter: Heute leben etwa 450.000 Zionisten im Westjordanland, ihre Zahl hat sich also seit 1993 vervierfacht; weitere 220.000 siedeln in Ostjerusalem. Lediglich der Gazastreifen wurde 2005 geräumt; er war von den Palästinensern zu dicht besiedelt, sodass man es in Tel Aviv vorzog, ihn nicht zu annektieren, sondern in ein Reservat für die Eingeborenen zu verwandeln. Damit war Oslo einerseits der praktische Beweis, dass eine sog. Zweistaatenlösung weder von Israel gewollt, noch praktisch umsetzbar ist. Zum anderen war Oslo die größte politische Niederlage der Palästinenser seit der Nakba 1948.

Fatah und PLO: Von der palästinensischen Revolution zum Verrat


Die Fatah kann mit Recht für sich in Anspruch nehmen, als erste einen eigenständigen Weg der palästinensischen Nationalbewegung beschritten zu haben: Alle palästinensischen Akteure zuvor steckten ihre Ziele entweder in lokalen oder aber in pan-islamischen bzw. pan-arabischen Rahmen ab; letztere banden sich bis 1967 in der Regel an Abdel Nasser in Ägypten oder an eine der Baath-Parteien. Die Fatah dagegen machte die Befreiung Palästinas nicht von den arabischen Ländern abhängig, sondern setzte auf die Kraft der Palästinenser selbst. Zugleich erhob sie 1964 als erste den Guerilla- und Volkskrieg nach algerischem, chinesischem, kubanischem und vietnamesischem Vorbild zum strategischen Primat. Mit der Übernahme der PLO-Führung 1968/69 durch die Fatah erreichte der palästinensische Befreiungskampf für das nächste Jahrzehnt seinen vorläufigen Höhepunkt. Dies drückte sich nicht zuletzt in der Palästinensischen Nationalcharta, dem politischen Grundsatzprogramm der PLO, von 1968 aus, die jegliche Anerkennung Israels ablehnt, die Befreiung ganz Palästinas zum Ziel erhebt und den bewaffneten Kampf als „einzigen Weg“ der palästinensischen „Volksrevolution“ benennt.i

Doch bereits Mitte der 1970er vollzog sich ein programmatischer Kurswechsel, dem zwei zentrale Ereignisse vorausgingen:

Zum einen waren die PLO-Guerillas in Jordanien im Zuge des sog. Schwarzen September 1970 von der dortigen Armee angegriffen und schließlich vertrieben worden; 20.000 Palästinenser wurden dabei vom Hussayn-Regime ermordet. Zugleich erhob Jordanien, das 1948 die Westbank annektiert hatte, nach wie vor Anspruch auf dieses 1967 von Israel eroberte Gebiet. 1972 legte König Hussayn dazu den sog. Hussayn-Plan vor, der die „Rückgabe“ der Westbank an Jordanien forderte – damit wäre der von der PLO angestrebte unabhängige und demokratische Staat Palästina zugunsten der zionistischen Siedlerkolonie einerseits und eines Großjordanischen Königreichs andererseits liquidiert und zugleich der Weg für eine „Normalisierung“ der Beziehungen der Araber zu Israel geebnet worden. Die PLO, die ihre Basis vor allem in den Flüchtlingslagern in Jordanien, Syrien und Libanon hatte, reagierte, indem sie sich der Bevölkerung in den 67er-Gebieten wieder mehr zuwandte. Das drückte sich u. a. in ihrem im Januar 1973 beschlossenen politischen Programm aus, in dem von einer „Koordination zwischen bewaffneten und Massen-Aktionen“ (letztere in den 67er-Gebieten) die Rede war.ii

Zum anderen hatte Ägypten im Oktober 1973 die von Tel Aviv besetzte Sinai-Halbinsel militärisch befreit. Es handelte sich nicht nur um die erste Befreiung von Israel besetzter Territorien allein durch reguläre arabische Armeen,iii sondern zugleich um den ersten wirklich großen militärischen Sieg gegen die Zionisten überhaupt. Trotzdem hatte Kairo es nicht geschafft (bzw. kein Interesse daran gehabt), Israel gänzlich zu besiegen und Palästina zu befreien. Daher wuchs in der PLO der Zweifel, ob es den palästinensischen Guerillas gelingen würde, alleine zu vollbringen, woran die arabischen Armeen bereits drei Mal (1948/49, 1956 und 1967) gescheitert waren.

Schon im PLO-Programm vom Februar 1971 (unmittelbar nach dem Schwarzen September) war der bewaffnete Kampf, anders als in der Nationalcharta von 1968, nicht mehr als strategisch „einzige“, sondern „nur“ noch als „Hauptform“ bezeichnet worden.iv 1973 waren, wie oben angeführt, die „Massen-Aktionen“ als zentrales Kampfmittel hinzugekommen. Das Ziel, die Befreiung ganz Palästinas, war jedoch unangetastet geblieben. Das änderte sich auch bis Oslo offiziell nicht. Jedoch wurde im Juni 1974 das sog. 10-Punkte- oder auch Etappen-Programm der PLO angenommen. Darin hieß es einleitend, dass es sowohl von der Nationalcharta von 1968 als auch dem Programm von 1973 ausgehe und man zudem auf das Recht auf Rückkehr und auf Selbstbestimmung im „gesamten nationalen Territorium“ bestehe. Auch wurde dem bewaffneten Kampf in Artikel zwei eine Vorrangstellung eingeräumt. Zugleich heißt es in demselben Artikel allerdings auch, man wolle „in allen Teilen des palästinensischen Territoriums, die befreit werden“, die „Errichtung einer autonomen kämpferischen nationalen Macht des Volkes“, mit anderen Worten: einen (Teil-)Staat errichten. Das Programm ist zugleich eine klare Kampfansage an König Hussayn: In Artikel 5 wird eine gemeinsame jordanisch-palästinensische Front zur „Errichtung einer nationaldemokratischen Macht in Jordanien“, sprich dem Sturz der Haschemiten-Dynastie, propagiert; in Artikel 6 ist von einer „Aktionseinheit“ zwischen Jordaniern und Palästinensern die Rede.v

Das Programm muss also in seinem historischen Kontext betrachtet werden: Es war zunächst vor allem eine strategische Orientierung zur Mobilisierung der Palästinenser in den 67er-Gebieten und eine Absage an die Territorialansprüche und den politischen Kurs des jordanischen Regimes.vi Doch es war eben auch der erste Schritt hin zu einem politischen Kurs, der die Errichtung eines palästinensischen Teil- bzw. Mini-Staates anstrebte. Das war den politischen Kräften damals bereits durchaus klar: Das Programm wurde von der Fatah-Führung mit Unterstützung von DFLP und Saiqa (dem syrischen Baath-Ableger) gegen Widerstände vor allem von der PFLP, aber auch aus den Reihen der Fatah selbst durchgesetzt und letztlich fast einstimmig (183 von 187 Stimmen) angenommen. Kurz darauf jedoch scherten PFLP, PFLP-GC, die Popular Struggle Front und die Arabische Befreiungsfront (der irakische Baath-Ableger) aus und bildeten die sog. Verweigerungs– oder Ablehnungsfront; die PFLP trat aus dem Exekutivkomitee der PLO aus und kehrte erst 1981 zurück.vii Die folgenden Jahre schienen dem Kurs der PLO allerdings recht zu geben: Einerseits errang sie auf internationaler Bühne diplomatische Erfolge (1974 wurde die PLO von den arabischen Ländern und von der UNO als einzige legitime Vertreterin der Palästinenser anerkannt, Arafat trat vor der UN-Vollversammlung auf und die PLO erhielt Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen; 1975 verurteilte die UNO den Zionismus als Form des Rassismus und setzte Israel in eine Reihe mit den Apartheidregimen im südlichen Afrika). Andererseits hielt die PLO am bewaffneten Kampf fest und führte ihn vom Libanon aus fort, wo man ein Bündnis mit linken und nationalistischen Kräften geschmiedet hatte.

Der durch Israel erzwungene Abzug der PLO aus dem Libanon 1982 leitete jedoch schließlich den politischen Niedergang der Fatah ein: Während PFLP, DFLP und die meisten anderen, kleineren PLO-Mitgliedsorganisationen nach Syrien umzogen, ging die Fatah ins Exil nach Tunesien. Von dort aus, weit weg vom Geschehen vor Ort, konnte sie den bewaffneten Widerstand nicht fortsetzen. Stattdessen setzte sie verstärkt auf Diplomatie und begann u. a., sich mit Jordanien und Ägypten gut zu stellen, den beiden größten Verrätern an der palästinensischen Sache, die es damals unter den arabischen Ländern gab.viii In den folgenden Jahren tat sich eine Kluft zwischen der Fatah einerseits und den meisten anderen PLO-Organisationen andererseits auf; die Fatah nutzte ihre Zweidrittelmehrheit innerhalb der PLO, um die in der Nationalcharta festgehaltenen Positionen durch verschiedene Resolutionen, Erklärungen und diplomatische Schritte aufzuweichen.

Mit dem Beginn der Ersten Intifada 1987 legte sich der Fokus der PLO endgültig auf die seit 1967 unter israelischer Besatzung lebende palästinensische Bevölkerung. Anders als die Flüchtlinge im Exil, die auf ihre Rückkehr in sämtlichen Teilen Palästinas drängten, waren diese Menschen primär an einem Ende der militärischen Besatzung interessiert. Sie versprachen sich von einer palästinensischen Selbstverwaltung auch dann konkrete Verbesserungen, wenn diese nicht ganz Palästina umfasste, sondern (zunächst) nur die 1967 besetzten Gebiete. Tatsächlich waren die ersten palästinensischen Vertreter einer Zweistaatenlösung konservative Intellektuelle aus der Westbank.ix Und so wurde die Intifada, die ein großartiger Widerstandsakt, ein regelrecht revolutionärer Volksaufstand war, zugleich zum Katalysator für die neue Linie innerhalb der PLO: Zum einen trat nun der nicht-militärische Massenaufstand an die Stelle des bewaffneten Kampfs. Zum anderen entsprachen die Forderungen der Intifada nach a) Rückzug der IOF aus den 67er-Gebieten und b) der Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates unter Führung der PLO in diesen Gebieten letztlich dem Zweistaatenkonzept, das nun offenbar eine lautstarke und massenhafte Unterstützung von der Basis erhielt. Darauf gestützt konnte die Fatah letztlich auch die Anerkennung Israels legitimieren. Zugleich spielte sie erstmals Feuerwehr für Tel Aviv: Die Unterzeichnung von Oslo I markierte nämlich auch das Ende der Ersten Intifada, deren Ziele ja nun vorgeblich erreicht wurden.x

Die PLO wandelte sich mit Oslo von einer „Terrororganisation“ zum Verhandlungspartner Israels. Dieser Schritt war insofern scheinbar notwendig, als sich die weltpolitische Lage Anfang der 1990er Jahre bekanntlich drastisch geändert hatte: Mit der Konterrevolution im und dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers ab Ende der 80er Jahre bis 1991 verloren nicht nur die kommunistischen und linken Kräfte weltweit an Bedeutung, das palästinensische Volk als Ganzes verlor auch seine wichtigste Schutzmacht. Die Hilfe der Sowjetunion, der DDR und der anderen sozialistischen Länder für den palästinensischen Befreiungskampf können kaum überschätzt werden: politische Rückendeckung, Gelder, Waffen, politische, technische, medizinische, berufliche und militärische Ausbildung – all das erhielten die PLO und ihre Mitgliedsorganisationen vom Ostblock. Ähnliches galt für jene Staaten, die auf die eine oder andere Art als Alliierte des palästinensischen Widerstands fungierten: Syrien, Irak sowie Libyen; und natürlich auch für die linken Kräfte in den arabischen Ländern, die, wie etwa im Libanon, wichtige Unterstützer der palästinensischen Sache waren. All das brach nun plötzlich weg. Daneben verlor auch die Bewegung der Blockfreien, die die palästinensische Sache ebenfalls unterstützt hatte, mit dem Untergang des Realsozialismus nicht nur an politischer Rückendeckung und Relevanz, sondern mit dem ab 1991 durch die NATO zunehmend zerstückelten Jugoslawien auch eine ihrer wichtigsten Führungskräfte. Hinzu kam, dass die USA gerade im Nahen Osten damit begannen, ihre unipolare Weltordnung mit aller Gewalt durchzusetzen: Ebenfalls 1991 griffen sie den Irak an, unterwarfen das Land einem mörderischen Embargo und errichteten de facto ein Protektorat im mehrheitlich kurdischen Norden. Arafat stellte sich damals praktisch als einziger hochrangiger arabischer Politiker auf die Seite Saddam Hussayns – ein Schritt, den er angesichts der neuen Weltordnung in Form internationaler Isolation büßen musste.xi

Der negative Einfluss der Kommunisten

Die Unterstützung des sozialistischen Lagers und der kommunistischen Weltbewegung für den palästinensischen Befreiungskampf war, wie bereits angeführt, immens, und ihr Verlust trug mit Sicherheit enorm dazu bei, dass der Verrat von Oslo zustande kommen konnte. Zugleich aber nahmen (und nehmen) die Kommunisten seit 1947 mehrheitlich widersprüchliche und in wichtigen Punkten sogar fatale Positionen in der Palästina-Frage ein, die entsprechend auch ihrer Einflussnahme einen höchst widersprüchlichen Charakter verleiht. Dieser Einfluss dürfte ebenfalls eine Rolle in der Vorgeschichte von Oslo gespielt haben.

Komintern, UdSSR und die KPen Palästinas

Zunächst wären da die Komintern und die Sowjetunion zu nennen: Die KI hielt die KP Palästinas zwar von Anfang an dazu an, sich klar antizionistisch zu positionieren und sich vor allem auf die arabischen Massen zu fokussieren. Allerdings betrachtete sie den Zionismus primär als ein Instrument des britischen Imperialismus und unterschätzte dabei die dem zionistischen Siedlerkolonialismus selbst innewohnende destruktive Kraft. Da die zionistische Bewegung ihre Macht tatsächlich weitgehend dem britischen und später dem US-amerikanischen Imperialismus verdankt, sie bis zum Zweiten Weltkrieg entsprechend kaum unabhängig von London agiert und weil der Zionismus vor dem Holocaust kaum Einfluss auf die absolute Mehrheit der europäischen und nordamerikanischen Juden nahm, ist dieser Mangel verständlich und verzeihlich. Doch wurde er weder im Zuge der Nakba, noch in den folgenden Jahrzehnten von Moskau und seinen Verbündeten berichtigt. Stattdessen trug er zu der fatalen Fehleinschätzung bei, den (hegemonialen „Links-“)Zionismus in eine antiimperialistische Richtung lenken zu können – wo der Kampf der Zionisten gegen die Briten in den Jahren zwischen 1945 und 1947 doch in Wahrheit nichts anderes war, als die pubertären Wutausbrüche einer Siedlerkolonie gegen die anhaltende Bevormundung durch ihren imperialistischen Ziehvater. Und so machte sich das sozialistische Lager der politischen und sogar militärischen Mitverantwortung an der Nakba schuldig.xii

Zu den zwischenzeitlich guten Beziehungen zwischen Zionisten und Kommunisten in den Jahren nach 1945 dürften zahlreiche, auch widersprüchliche Faktoren beigetragen haben: von echter Sympathie angesichts der (vermeintlich) gemeinsamen Erfahrungen mit Faschismus und Weltkrieg über Verirrungen und Verwirrungen bezüglich Ideologie, Strategie und Taktik bis hin zu Unterwanderung und Agententum; zugleich ist die tatsächliche Rolle der Sowjetunion und der Stalin’schen KPdSU-Führung, was die direkte Zusammenarbeit mit den Zionisten und der militärischen Unterstützung für die zionistischen Truppen während der Nakba angeht, noch immer umstritten.xiii Unbestreitbar ist dagegen die Tatsache, dass die Sowjetunion 1947 für den UN-Teilungsplan gestimmt hat. Richtig ist, dass sie damals einen gemeinsamen Staat in ganz Palästina für all seine Bewohner bevorzugte. Allerdings zeigen die Reden, die der sowjetische Vertreter Gromyko 1947 vor der UNO hielt, dass die sowjetische Spitze damals offenbar von grundfalschen Annahmen in der Palästina-Frage ausging: So sprach er etwa von einem „jüdischen Volk“, das nicht nur die Errichtung eines eigenen Staates anstrebe, sondern auch das „Recht“ auf einen solchen Staat habe.xiv Zum einen waren es nach wie vor in erster Linie die Zionisten, die einen solchen jüdischen Staat anstrebten – nun, da sie dank der Vertreibungspolitik der Faschisten und der Abschiebepolitik der Westmächte erstmals einige Zehntausend Juden als Verhandlungsmasse in Palästina hatten, mit Nachdruck und Gewalt –, und nicht „die Juden“. Zum anderen sprach Gromyko hier vom „jüdischen Volk“ nicht nur so allgemein, als meinte er damit die Juden weltweit, womit er eindeutig eines der zentralsten zionistischen Narrative nachplapperte, wonach die Anhänger des jüdischen Glaubens und die Menschen jüdischer Abstammung weltweit einem irgendwie gearteten gemeinsamen Volk angehörten.xv Er benutzt das Wort „Volk“ hier auch offenbar als Synonym für „Nation“, denn andernfalls hätte er ihnen gemäß marxistisch-leninistischer Grundsätze in Sachen nationale Frage nicht das Recht auf einen eigenen Staat zuerkennen können. Doch genau dieser von Stalin entworfenen und von Lenin gebilligten Theorie und Definition einer Nation entsprachen die jüdischen Massen, die damals in Palästina lebten, in keinster Weise. Bei Stalin heißt es: „Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“xvi Die aus ganz Europa nach Palästina geflüchteten bzw. deportierten Juden hatten weder eine gemeinsame Sprache, noch eine gemeinsame Kultur, noch eine gemeinsame Wirtschaftsweise, noch ein gemeinsames Territorium; sie waren eine bunt zusammengewürfelte „Schicksalsgemeinschaft“, die durch den Horror sechsjähriger rassistischer Verfolgung und Massenmords sicherlich in gewisser Weise miteinander verbunden war, aber keine „historisch entstandene stabile Gemeinschaft“. Der Zionismus freilich wollte all das ändern: Dafür schuf er das künstliche Hebräisch, erfand und klaute sich eine gemeinsame Geschichte und eine gemeinsame Kultur und vor allem natürlich raubte er sich das Territorium, auf dessen Grundlage auch erst eine gemeinsame Wirtschaftsweise möglich sein kann. Somit legitimierte und unterstützte Moskau 1947 entgegen den eigenen ideologischen Grundsätzen ein imperialistisches Kolonialprojekt, dessen Ziel die nur durch massenhafte Gewalt, Vertreibung und Enteignung zu realisierende Erschaffung einer künstlichen Nation war.

Auch dieser Kurs wurde leider nie grundsätzlich korrigiert. Zwar ging Moskau bereits während der Nakba wieder auf Distanz zu den Zionisten und ab 1956 schloss das sozialistische Lager eine strategische Allianz mit dem arabischen Nationalismus. Doch das „Existenzrecht“ Israels wurde stets verteidigt und die Existenz einer „jüdischen/israelischen Nation“ nie infrage gestellt. Die logische Folge war, dass die Sowjetunion, die anderen sozialistischen Länder und die kommunistische Bewegung stets für „Frieden“ und „Ausgleich“ zwischen Israel und den arabischen Ländern bzw. den Palästinensern eintraten, und dass sie stets mäßigend auf die fortschrittlichen Kräfte in der Region einwirkten, gerade was deren Konsequenz in Sachen Antizionismus anging. Das galt auch weitgehend für die Kommunisten in den arabischen Ländern und vor allem in Palästina selbst. Besonders die DFLP, aber auch die KPen Palästinas spielten hier eine sehr negative Rolle: Sowohl die KP Israels als auch die 1982 offiziell neugegründete Palästinensische Kommunistische Partei (PKP)xvii vertraten stets das Konzept einer Zweistaatenlösung, gemäß der UN-Resolution von 1947. Die palästinensische KP gewann entsprechend in der Westbank eine gewisse Popularität, während die KP Israels weitgehend die Rolle einer Bürgerrechtspartei für die sog. 48er, die Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit, einnahm und zugleich die einzige Partei in Israel war, die für eine Zweistaatenlösung eintrat; unter den Palästinensern im Exil spielten die Kommunisten dagegen nie eine Rolle. Die Erste Intifada war die Hochphase der PKP, die gemeinsam mit DFLP und PFLP zu den treibenden Kräften gehörte – doch wie bereits beschrieben, spielte dieser Volksaufstand zugleich eine Schlüsselrolle bei der Durchsetzung der Zweistaatendoktrin innerhalb der palästinensischen Befreiungsbewegung. Die Geschichte und der zwischenzeitliche Erfolg der palästinensischen Kommunisten ist also eng mit diesem Prozess verbunden. Mehr noch: Im Zuge der Intifada einerseits und der Durchsetzung der Zweistaatendoktrin innerhalb der Fatah andererseits stieg die PKP innerhalb der PLO auf und spielte gar „eine Hauptrolle bei den anschließenden politischen Entwicklungen, die schließlich zu israelisch-palästinensischen Verhandlungen in Madridxviii und dem Abschluss eines Übergangsfriedensabkommens in Oslo im Jahr 1993 führte“; „trotz ihrer zahlreichen Vorbehalte in Bezug auf den Verhandlungsprozess und die Details des Abkommens“ war sie für die PLO-Spitze dennoch „ein Partner im Verhandlungsprozess“; denn die PKP zählte damals aufgrund ihrer Positionen zu Arafats „natürlichen Verbündeten in seinen Bemühungen, die pragmatischen Schritte durchzuführen, die es ihm ermöglichen würden, die amerikanische und später die israelische Anerkennung“ zu gewinnen.xix

Die DFLP

Dasselbe galt für die DFLP. Dass sie 1974 federführend an der Durchsetzung des sog. Etappen-Programms innerhalb der PLO beteiligt war, wurde oben bereits erwähnt. Tatsächlich aber war dieses Programm letztlich identisch mit den wichtigsten Punkten des Programms der DFLP zu der Zeit. Von 1971 an wurde eine solche Etappenstrategie in der Demokratischen Front diskutiert und 1973 schließlich beschlossen.xx Vermutlich nutzte Arafat das Vorpreschen der DFLP sogar, um die Akzeptanz für einen palästinensischen Staat in Westbank und Gaza unter den Palästinensern auszutesten.xxi Zweierlei sollte hier erwähnt werden, um die historische Genese und Durchsetzung dieser falschen Positionen der DFLP zu verstehen und daraus zu lernen:

1. Die DFLP verstand ihr Etappen-Programm damals als ein „Kampfprogramm gegen Israel, das die palästinensischen Massen mobilisieren sollte, und nicht als ein Verhandlungsprogramm oder ein Projekt für eine friedliche Beilegung des Konfliktes mit Israel.“xxii Die Idee, einen palästinensischen Teilstaat neben der zionistischen Entität zu errichten, war nicht als Zweistaatenlösung konzipiert, sondern eben als Übergangsetappe hin zu einem Staat in ganz Palästina für alle seine Bewohner – und so wurde das Konzept auch im Etappen-Programm von 1974 in die PLO eingeführt. Dies entsprach nicht der Vorstellung Moskaus. Trotzdem diente die DFLP durchaus „in bestimmten Fragen (Forderung nach einem israelischen Rückzug aus den 1967 besetzten Gebieten, Zustimmung zu UNO-Resolutionen und Flexibilität in Sachen (…) Anerkennung Israels) als Verfechter sowjetischer Positionen innerhalb der PLO“.xxiii Zudem kritisierte der DFLP-Generalsekretär Hawatmeh 1974, dass die damalige palästinensische Führung die „Chance“ vertan habe, einen Staat gemäß der UNO-Resolution von 1947 zu bilden.xxivIm September 1994, nahm die DFLP schließlich das Zweistaatenkonzept als finale Lösung des Palästina-„Konflikts“ an,xxv also mitten im sog. Oslo-Prozess und genau ein Jahr, nachdem sich die Fatah– bzw. PLO-Spitze endgültig zur Anerkennung Israels, zur Umsetzung der Zweistaatendoktrin in der Praxis und damit zur Unterwerfung unter Tel Aviv (und Washington) durchgerungen hatte.

2. Der Weg verlief nicht geradlinig vom Etappen-Programm der DFLP nach Oslo. So ging die Demokratische Front etwa im Laufe der 1970er Jahre zwischenzeitlich auf Distanz zur Fatah und näherte sich der Verweigerungsfront an.xxvi Auch die Fatah– und PLO-Spitzen visierten nicht bereits 1974 an, zu den Marionetten Israels zu werden, die sie heute sind. Und doch sind die historischen und logischen Stränge klar zurückzuverfolgen und die negative Rolle, die die DFLP dabei gespielt hat, ist zu benennen und zu kritisieren.

3. In diesem Zusammenhang ist auch klarzustellen, dass die DFLP-Führung sich immer gegen die konkrete Realisierung der von ihr mit vorangetriebenen Konzepte (Anerkennung Israels und Etablierung einer palästinensischen Autorität in Teilen Palästinas) stellte: Sie lehnte sowohl das Camp David-Abkommen (1979) als auch die Madrider Konferenz (1991) als auch die Oslo-Abkommen (1993 und 1995) entschieden ab. Die DFLP vertritt bis heute die Forderung nach einer „echten“, für die Palästinenser „gerechten“ Zweistaatenlösung und kritisiert Oslo mit einer entsprechenden Argumentation. In der Praxis lavierte die sie seither immer wieder zwischen Zusammenarbeit mit der Fatah– und der PLO-Spitze einerseits und Zusammengehen mit den anderen Teilen des Widerstands (PFLP, HamasJihad etc.) und vertritt meiner Meinung nach sehr widersprüchliche Positionen, was die Einschätzung und Anerkennung der zionistischen Entität angeht.xxvii Allerdings ist sie aufgrund ihrer Opposition zu Oslo und ihrem Bekenntnis zum und ihrer Beteiligung am Widerstand nach wie vor eindeutig als Teil der palästinensischen Befreiungsbewegung anzuerkennen, ganz anders als das von Fatah-Kreisen dominierte Kompradoren-Netzwerk um Mahmoud Abbas.

PFLP und Palästinensische Kommunistische Partei

Wie bereits angeführt, war und ist die PFLP dagegen bis heute eine entschiedene Gegnerin jeglicher Zweistaatenkonzepte.xxviii Während ihr aufgrund ihrer kompromisslosen Haltung gegenüber Israel lange Dogmatismus, rechter oder linker Radikalismus oder „naiv-revolutionäre Tendenzen“xxix vorgeworfen wurden, zeugen ihre Warnungen rückblickend von Scharfsichtigkeit: Sie „befürchtete schon damals“, also 1974, „daß das Stufenprogramm allmählich verabsolutiert werde: Seine Endstufe drohe vom Endziel zum Traum und schließlich zum einfachen Wunsch transformiert zu werden. Damit verlöre die PLO das ursprüngliche Ziel langsam aber sicher aus den Augen“.xxx

Auch die Palästinensische Kommunistische Partei ist mittlerweile zu der Einsicht gelangt, dass eine Zweistaatenlösung unmöglich ist und dass sie daher für die Befreiung ganz Palästinas kämpfen muss. Mehr noch: Sie leistete Selbstkritik und erklärte „gegenüber allen Kommunisten und Freunden auf der Welt“, dass sie die Unterstützung der Kommunisten für den UN-Teilungsplan,xxxi die UN-Resolution 242 von 1967xxxii und auch die eigene Rolle in Bezug auf Oslo gleichsam als historische Fehler betrachte, die zur Schwächung der eigenen Reihen im Kampf gegen Israel und den Imperialismus sowie zum Vertrauensverlust der palästinensischen Massen in die Kommunistische Partei geführt haben. Diese Selbstkritik kommt sehr spät, wie die Genossen selbst erklären.xxxiiiDoch sie kam, und das muss die kommunistische Bewegung international endlich zur Kenntnis und auch ernst nehmen.xxxiv

Die Zweistaatendoktrin ist tot

Dass die PKP recht hat, wenn sie schreibt, dass das Zweistaatenkonzept den Kampf der Palästinenser geschwächt hat, ist offensichtlich. Dasselbe gilt für ihre Einschätzung, die Kommunisten hätten sich mit ihrer Forderung nach einer Zweistaatenlösung von den palästinensischen Massen distanziert: Natürlich haben die Palästinenser weder eine einheitliche Meinung, noch sind sie absolut fest in ihren Ansichten. Die Zustimmung zum Zweistaatenkonzept hat genauso konjunkturelle Schwankungen durchlebt wie die zum bewaffneten Kampf. Daher sind entsprechende Umfragen immer nur bedingt aussagekräftig. Trotzdem sollte man sie beachten: Derzeit liegt die Zustimmung der Palästinenser in den 67er-Gebieten nur noch bei bei 33%.xxxv Bei Umfragen in der Westbank 2011 war das Ergebnis nahezu identisch; zudem sprachen sich bei einer Befragung 2007 70% der Palästinenser für eine Einstaatlösung mit gleichen Rechten für Juden, Christen und Muslime aus.xxxvi Dabei war gerade die Westbank stets das Gebiet, in dem die Zweistaatenlösung, wenn überhaupt, mehrheitsfähig war. Die Flüchtlinge in der Diaspora, die rund die Hälfte der Palästinenser ausmachen, aber auch in Gaza, wo sie drei Viertel der Bevölkerung stellen, waren von je her stärker an der Befreiung ganz Palästinas interessiert. Aber auch die Palästinenser in Israel (12% der Palästinenser), die dort Bürger dritter Klasse ohne Perspektive auf Besserung ihrer Lage sind, gelten als wichtige Anhängerschaft für die Einstaatlösung.xxxvii

Natürlich kann auch eine Idee zum materiellen Faktor werden, eben „wenn sie die Massen ergreift“.xxxviii Doch sind die Argumente gegen die Zweistaatendoktrin und für eine Einstaatlösung objektiver Natur und unabhängig von der aktuellen Meinungskonjunktur unter den Palästinensern:

1. Da ist zunächst die Tatsache, dass die zionistische Bewegung nie bereit war, auch nur auf ein Stück Palästinas dauerhaft zu verzichten: Im Gegenteil strebten und streben die Zionisten perspektivisch danach, über Palästina hinaus arabischen Boden in Besitz zu nehmen (was sie mit den 1967 besetzten und 1981 de jure annektierten syrischen Golanhöhen auch bereits getan haben). Die Zustimmung der Zionisten zu den verschiedenen Teilungsplänen in der Geschichte waren stets rein taktischer Natur. Tatsächlich kamen die ersten Teilungspläne von den Zionisten selbst, sie haben sich immer wieder für Teilungen ausgesprochen und sogar den UN-Teilungsplan von 1947 mit initiiert.xxxix Wie Ilan Pappé betont, sind Teilungen im kolonialen Kontext immer Mittel der Kolonialisten. „Demgegenüber gibt es keinerlei Grund, warum eine Ursprungsbevölkerung einer Siedlerbewegung freiwillig eine Teilung ihres Heimatlandes anbieten sollte.“xl Dass die zionistische Bewegung danach strebt, ganz Palästina zu erobern, ist zum einen ideologisch begründet, liegt aber zum anderen und vor allem auch in der Natur des siedlerkolonialistischen Charakters Israels selbst, und ist damit strukturell bedingt: Die Zionisten müssen, um ihr Nationalstaatsprojekt dauerhaft zu erhalten, einerseits die dafür benötigte Nation (immer noch) erst erschaffen, und zwar durch den Zuzug von immer neuen Juden (bevorzugt weißen, aus dem Westen), denen wiederum etwas geboten werden muss (Luxus, Sicherheiten, Freiheiten, ein religiöser oder nationale Auftrag etc.); andererseits müssen sie sich auch noch das Territorium, auf dem sie ihren Staat errichten und das sie ihrer Siedlerbevölkerung anbieten können, zusammenraffen und behaupten. Erschwerend kommt hinzu, dass Palästina kleiner als das Bundesland Brandenburg und rund die Hälfte der Fläche von Wüste bedeckt ist. Daher sind die fruchtbaren Böden, die Küstengebiete und der Jordangraben besonders wertvoll und wichtig. Dabei geraten die Zionisten zwangsläufig an allen Ecken und Enden in Konflikt mit der einheimischen Bevölkerung, die es zu verdrängen oder zu vernichten gilt, da sie zum einen ja auf dem begehrten Land sitzt, und zum anderen nicht in das Staatsvolk „integrierbar“ ist, weil sie die Mehrheit der Bevölkerung vor Ort ausmacht. Und so wurde (und wird jeden Tag aufs Neue) der Kampf um Boden zum „Kampf auf Leben und Tod“xli zwischen den Kolonialsiedlern und den Indigenen. Dieser Kampf kann nur beendet werden, indem die Siedler gewinnen und die Indigenen soweit dezimiert haben, dass sie ihre Überreste „integrieren“ können (wie in Nordamerika oder Australien) oder aber indem das siedlerkolonialistische Projekt gestoppt und zerschlagen wird (wie in Algerien, Angola, Kenia, Libyen, Mosambik und im südlichen Afrika). Hier kommt wieder der subjektive Faktor ins Spiel: die Palästinenser und ihr Widerstand. Solange sie nicht aufgeben und Israel sie nicht endgültig vernichten kann, bleibt der Kolonisierungsprozess in Palästina in jener Phase stecken, die man in der Forschung als „Frontier-Phase“ bezeichnet und die von extremer Gewalt und Instabilität geprägt ist.xlii

2. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Zweistaatenlösung heute noch unrealistischer ist als noch vor 30 oder 100 Jahren. Denn das zionistische Siedlerprojekt hat sich mittlerweile de facto über 90% Palästinas angeeignet. Die A- und B-Zonen, in denen die PA mehr oder weniger das Sagen hat, und der Gazastreifen, der seit 2007 dem Einfluss des Abbas-Regimes entzogen ist und unter Kontrolle des Widerstands steht, machen zusammen etwa 9% Palästinas aus. Gaza und Westjordanland sind ohnehin durch israelisches Staatsterritorium voneinander getrennt und die A- und B-Gebiete in der Westbank bestehen aus unzähligen voneinander isolierten Einheiten. Diese Landflecken wiederum sind nicht nur durch die IOF und die C-Zonen, sondern auch durch mittlerweile rund 250 Siedlungen, in denen etwa eine halbe Million Zionisten leben, umzingelt. Das wenige, was es an palästinensischer Wirtschaft gibt, ist größten Teils auf Israel ausgerichtet; die restlichen Gelder kommen vor allem als „Spenden“ aus dem Westen oder aus mit ihm verbündeten Ländern. Damit ist ein palästinensischer Staat weder politisch noch ökonomisch überlebensfähig. Eine „Entflechtung“, das heißt der Abzug der Siedler aus der Westbank, wird nur unter brutaler Gewalt ablaufen – selbst wenn sie, wie 2005 im Fall des Gazastreifens, von Tel Aviv befohlen würde, was absolut unrealistisch ist. Schon vor 20 Jahren, als „nur“ etwa 290.000 Siedler in der Westbank lebten, ging man in Israel davon aus, dass ein Abzug der Siedler zum Bürgerkrieg führen würde. Diese Gefahr ist seither noch gestiegen, wie die sich immer weiter zuspitzende Krise des zionistischen Regimes beweist; zudem haben jene Kräfte, die die Siedler bedingungslos unterstützen, mittlerweile eindeutig die Macht in Israel übernommen. Kurz gesagt: Palästina ist mittlerweile derart vom Kolonialismus durchdrungen, dass es kein Gebiet mehr gibt, das neben diesem Kolonialregime auch nur annähernd als Staat bestehen könnte. Zugleich ist der Kampf um die Befreiung der Westbank nur (noch) als Krieg gegen den zionistischen Siedlerkolonialismus und die zionistische Entität in Palästina an sich zu führen; die Kolonialherrschaft im Westjordanland ist in keiner Weise vom zionistisch besetzten Kernland (also von „Israel“) zu trennen. Strukturell bzw. der „Logik“ nach war das schon immer so; es ist aber eben auch längst ganz konkrete Realität geworden.

Im Übrigen würde selbst eine „endgültige“ Zweistaatenlösung eine Vertreibung der restlichen 48er-Palästinenser aus Westpalästina bedeuten. Denn aus israelischer Sicht macht eine Zweistaatenlösung nur Sinn, wenn der zionistische Staat danach „rein“ von den Palästinensern ist, die immerhin 20% der Bevölkerung ausmachen. Entsprechende Vertreibungsszenarien haben IOF und die israelische Polizei bereits in der Vergangenheit geprobt.xliii

Teil 2 – Richtige und falsche Einstaatlösungen

Wie im ersten Teil dargelegt, ist die Zweistaatendoktrin nichts anderes als eine durch und durch kolonialistische und/oder defätistische Position in der Palästina-Frage. Die richtige Antwort auf sie lautet also konsequente Dekolonialisierung ganz Palästinas bzw. eine Einstaatlösung.

Zionistische vs. antikoloniale Einstaatkonzepte

Doch nicht jede Einstaatlösung bedeutet automatisch Befreiung vom Kolonialismus: Es gab schon in den 1930er Jahren zionistische Einstaatkonzepte, die eine (Kon-)Föderation zwischen einem jüdischen und einem arabischen (Bundes-)Staat vorsahen. Diese Konzepte waren „Lightversionen“ des Zionismus, denn auch sie basierten zum einen auf der Annahme, dass es eine „jüdische Nation“ in Palästina gäbe, und zum anderen sollte auch hier schon Land „judaisiert“, also von den Indigenen geraubt werden.xliv Eine weitere, allerdings alles andere als „light-zionistische“ Version der Einstaatlösung ist die Annexion ganz Palästinas durch Israel; dabei stellt sich für die Zionisten allerdings stets die Frage, was man mit den auf dem Land lebenden Palästinensern machen soll. Wenn man seinen jüdisch-zionistischen Charakter nicht verlieren will, bleibt nichts anderes als Vertreibung, Verweigerung der Staatsbürgerschaft und/oder Massenmord. Weil alles drei nicht in großem Stil bzw. auf einen Schlag möglich ist, konnte sich in den 1990er Jahren zwischenzeitlich das Zweistaatenkonzept in der israelischen Politik durchsetzen, das in Form von Oslo einen genialen Schachzug darstellte, um den palästinensischen Widerstand eine Zeit lang weitgehend zu paralysieren und bis heute nachhaltig zu schwächen, während Landraub und Vertreibung ungebremst weiterliefen.

Fortschrittliche, d. h. antikoloniale Einstaatkonzepte dagegen kamen und kommen ausschließlich von der palästinensischen Befreiungsbewegung und von (jüdischen) Antizionisten: Bereits bei der frühen Nationalbewegung, die gegen die britische Kolonialherrschaft und den zionistischen Kolonialismus kämpfte, finden sich derartige Forderungen nach einem demokratischen Staat in ganz Palästina mit gleichen Rechten für all seine Bewohner, ungeachtet ihrer Religion.xlv Die Fatah formulierte daran anknüpfend Ende der 1960er Jahre öffentlich, wie ein künftiger Staat Palästina aussehen sollte: Sie trat für einen „demokratischen, progressiven, säkularen (…) Staat, in dem Juden, Christen und Muslime miteinander in Frieden und mit gleichen Rechten leben“, ein.xlvi Schon damals war dieses Konzept zugleich ein ausgestreckter Arm in Richtung der gesamten jüdischen Bevölkerung. Abu Iyaf, einer der Mitbegründer der Fatah und bis zu seiner Ermordung 1991 einer ihrer ranghöchsten Mitglieder, erklärte 1968: „In diesem Prozeß eröffnen sich vor den Juden Palästinas drastisch neue Alternativen: anstatt der Alternative „Festung Israel“ oder „ins Meer geworfen werden“ bietet die Revolution die Alternative „Unsicherheit in einem rassistisch-exklusiven Israel“ oder „ein offenes, sicheres und tolerantes Palästina für alle“.“xlvii Diese Bereitschaft zur Aussöhnung hielt die Fatah nie davon ab, radikal, konsequent und mit „extremen“ Mitteln gegen das zionistische Regime zu kämpfen und dabei auch die gesamte Siedlerbevölkerung zur Verantwortung zu ziehen, d. h. sie als legitime Ziele zu betrachten. Das gilt übrigens bis heute für alle Widerstandsorganisationen, einschließlich PFLP und, wie in Fußnote xxvii ausgeführt, auch DFLP.

Wie oben dargelegt nahmen Fatah, DFLP und mit ihnen auch die PLO bald schrittweise Abstand von diesem Konzept einer Einstaatlösung. Allein die PFLP hielt daran fest und heute erkennt auch die Palästinensische Kommunistische Partei die Notwendigkeit der Befreiung ganz Palästinas an. Unmittelbar nach Oslo entstanden zudem verschiedene Initiativen, die Konzepte für eine Einstaatlösung erarbeiteten bzw. propagierten; auch der prominente Intellektuelle Edward Said, der lange für eine Zweistaatenlösung eingetreten war, argumentierte ab 1999 für eine Einstaatlösung. Ab Mitte der 2000er Jahre begann man, die bis dahin verstreuten Initiativen und Debatten zusammenzuführen. Auf jüdischer Seite wird diese neue „Einstaatbewegung“, die einen demokratischen und säkularen Staat in ganz Palästina anstrebt, u. a. von Ilan Pappé und auf palästinensischer Seite etwa von der PFLP, aber auch von (z. T. hochrangigen) Fatah-Mitgliedern aktiv mitgetragen.xlviii

Sowohl Hamas als auch Jihad treten dagegen nicht für einen säkularen, sondern für einen islamischen Staat ein. Darüber, wie ein solcher Staat genau auszusehen hat und inwiefern er mit „demokratischen Prinzipien“ in Einklang zu bringen ist, zu denen sich beide ebenfalls schon lange bekennen, erfährt man allerdings wenig Konkretes bzw. viel Widersprüchliches. Das ist sehr typisch für islamische Kräfte vom Schlage der Hamas und des Jihad, die in sich ideologisch sehr heterogen, politisch häufig wandelbar und in der Praxis äußerst pragmatisch sind; ihr Ziel ist jedenfalls in aller erster Linie die Befreiung Palästinas.xlix In ähnlicher Weise war auch lange unklar, welche Position die Hamas gegenüber dem Verbleib der jüdischen Bevölkerung in Palästina vertritt. Zwar charakterisierte sie den Kampf um Palästina in ihrer berüchtigten (und von ihren Kritikern, Gegnern und Feinden in ihrer Bedeutung weit übertriebenen) Charta von 1988 als einen religiösen Konflikt zwischen Muslimen und (dem westlichen Kolonialismus zugerechneten) Juden. Doch vermutlich teilte sie von Beginn an den unter den Palästinensern weit verbreiteten Konsens, wonach palästinensische Juden in jedem Fall ein Recht hätten, in Palästina zu leben, während die eingewanderten Siedler in ihre Herkunftsländer zurückzukehren hätten.l Ende der 2000er Jahre übernahm die Hamas dann das Konzept einer Aussöhnung mit der gesamten jüdischen Bevölkerung, also inklusive der Siedler, im Rahmen einer Einstaatlösung.li In ihrem neuen Grundsatzpapier von 2017 unterschied sie denn auch konsequent zwischen Judentum und Zionismus und erklärte: „Es sind die Zionisten, die das Judentum und die Juden ständig mit ihrem eigenen kolonialen Projekt und ihrer illegalen Entität identifizieren.“lii Während es in dem Dokument zum Charakter des zu errichtenden palästinensischen Staates heißt, dieser solle „auf der Grundlage von Pluralismus, Demokratie, nationaler Partnerschaft, Akzeptanz des anderen und der Annahme des Dialogs“ basieren, wird zugleich der Schritt hin zur Etappen-Strategie vollzogen: Zwar lehne die Hamas weiterhin „jede Alternative zur vollständigen und umfassenden Befreiung Palästinas vom Fluss bis zum Meer ab.“ Doch wird die „Errichtung eines völlig souveränen und unabhängigen palästinensischen Staates mit Jerusalem als Hauptstadt in den Grenzen des 4. Juni 1967“ als dem damaligen „nationalen Konsens“ entsprechend anerkannt.liii

Für den Jihad gilt im Allgemeinen ähnliches: Anders als die Hamas betrachtete er den Kampf um Palästina von Anfang an als einen zwar religiös legitimierten antikolonialen Kampf gegen den westlichen Imperialismus, jedoch nicht als einen Konflikt zwischen Muslimen und Juden.liv Die Organisation ist ein Kind der iranischen Revolution und die „revolutionäre Shia“ war (und ist) bekanntlich stark von (gerade auch linken) antikolonialen und antiimperialistischen ideologischen Einschlägen geprägt. (Der Jihad geriet auch während der Ersten Intifada, anders als die Hamas, nicht mit PFLP, DFLP und PKP aneinander, sondern arbeitete im Gegenteil schon damals mit ihnen – und auch der Fatah – im Rahmen der Vereinigten Führung der Intifada zusammen.lv) Entsprechend hieß es vonseiten des Jihad schon vor Jahrzehnten, dass die Befreiung Palästinas (in einen islamischen Staat) die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander von Juden und Muslimen sei und dass erstere zudem, wie schon in der Zeit vor der zionistischen Kolonisierung, in einem solchen Staat sicherer seien als in Europa.lvi

Alle zentralen palästinensischen Parteien bekennen sich also nicht nur zum Bleiberecht der ursprünglichen palästinensischen Juden, sie sind mittlerweile auch (mehr oder weniger offen) bereit, die dauerhafte Anwesenheit der Siedlerbevölkerung in Palästina zu akzeptieren. Hier muss einmal betont werden, dass diese Position einer Einstaatlösung für alle seine Bewohner ein Kompromiss ist, ein ungeheuer großzügiges Angebot der Palästinenser (wie auch schon der Südafrikaner zuvor) an ihre Unterdrücker, an diejenigen, die in ihr Land kamen, es geraubt, ihre Eltern und Großeltern vertrieben, ihre Geschwister eingesperrt und ihre Kinder ermordet haben. Die einzige Bedingung ist, dass die Siedler ihre Privilegien aufgeben und dass die Palästinenser entschädigt werden. Dieser Kompromiss ist nicht selbstverständlich und die Siedler haben kein „Recht“ darauf. Er ist vor allem deshalb gut und zu unterstützen, weil die Palästinenser dadurch an ihr Recht kommen und zugleich die Gewalt und das Leid unmittelbar nach der Befreiung Palästinas beendet werden kann. Dass antizionistische jüdische Israelis und Juden weltweit für eine Dekolonialisierung und Dezionisierung als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben in Palästina eintreten, ist natürlich richtig und zu unterstützen, sogar unabhängig davon, ob sie es aus ideologischen bzw. moralischen Gründen tun oder aus purem Eigeninteresse, weil sie in Palästina bleiben wollen, aber einsehen, dass dies nur durch die Überwindung des Zionismus und eine Einstaatlösung zu machen ist. Trotzdem muss klar sein: Das revolutionäre Subjekt, die Kraft, die den Hauptwiderspruch in Palästina, den zwischen der dort lebenden Nation auf der einen und der Kolonialmacht und dem westlichen Imperialismus auf der anderen Seite, auflösen wird, ist die palästinensische Nation. Die Befreiung Palästinas bedeutet die Befreiung der Palästinenser, nicht der jüdischen Israelis. Schaffen letztere es selbst, den Zionismus zu überwinden, umso besser. Die Perspektive dafür ist aber äußerst düster. Die Palästinenser können darauf weder bauen noch warten, und so dürfen auch wir als Solidaritätsbewegung nicht darauf bestehen.

Die Angst vor einem islamischen Staat

Trotz der Tatsache also, dass alle großen palästinensischen Parteien für diesen eben beschriebenen großherzigen Kompromiss sind, wird von den Zionisten (natürlich) – wie schon in den 1960/70er Jahren mit Blick auf Fatah und PLO – die Angst geschürt, eine Befreiung Palästinas sei gleichbedeutend damit, dass „die Juden ins Meer getrieben“ würden. Das wäre völlig irrelevant, wenn diese Propaganda nicht auch bei Teilen der palästinasolidarischen Linken, und sogar solchen Teilen, die für eine Einstaatlösung sind, verfangen würde. Denn bezüglich Kräften wie Hamas und Jihad sind auch in diesen Kreisen weiterhin Vorurteile und Unwissenheit weit verbreitet,lvii ganz zu schweigen von einer gehörigen Portion chauvinistischer Islam- und Religionsfeindlichkeit. Dem wirkt natürlich am besten die konkrete Auseinandersetzung mit den entsprechenden Organisationen, ihren Positionen und auch ihrem Verhältnis zum restlichen Widerstand entgegen.lviii Eine derartige Aufklärung kann hier nicht geleistet werden, deshalb muss es an dieser Stelle bei einem Appell an die Leser bleiben, die sich angesprochen fühlen (sollten).

Wofür hier allerdings noch einmal klar argumentiert werden soll, ist ein marxistisches Verständnis von Fortschritt in Bezug auf nationale Befreiung. Ich habe bereits an anderer Stelle die Position vertreten, dass auch ein islamischer Staat in Palästina ein Schritt nach vorn ist.lix Einige Reaktionen darauf haben mich veranlasst, hier noch einmal Argument für Argument auf diesen Punkt einzugehen: Meine Position bedeutet selbstverständlich nicht, dass ich einen islamischen Staat an sich für erstrebenswert halte oder gar favorisiere. Wir müssen uns aber als Kommunisten die Frage stellen: Wieso sind wir eigentlich für nationale Befreiung? (Schließlich ist auch der Nationalismus als Ideologie etwas, das wir ablehnen, und Nationen sind etwas, das wir historisch überwinden wollen.) Das liegt daran, dass wir Nationen und Nationalstaaten für ein natürliches Element der modernen, das heißt kapitalistischen (und übrigens auch für eine längere Phase in der Zeit einer sozialistischen) Welt halten: Aus feudalen und vorfeudalen sozialen Zusammenhängen entstehen Nationen (ob nun sprachlich und kulturell relativ homogen oder aber aufgrund historischer Spezifika in Form von Vielvölkernationen), die sich Nationalstaaten schaffen, in deren Rahmen sie Wirtschaft treiben, die Produktionsverhältnisse entwicklen und natürlich als Klassen gegeneinander kämpfen. Völker, die es nicht zur Nation schaffen, werden in aller Regel entweder integriert, assimiliert oder aber ausgegrenzt oder sogar vernichtet. Ähnliches gilt für Nationen, die keinen eigenen Nationalstaat bilden; sie kämpfen aber in der Regel gegen ihre Vernichtung, ihre Ausgrenzung und auch gegen ihre Assimilierung an. Wir unterstützen die freie Entfaltung der Nationen, weil sie die (relativ) freie Entfaltung der Menschen, ihres kulturellen Schaffens und nicht zuletzt ihrer Produktivkräfte ermöglicht. Zusammenschlüsse von Nationen sind dann zu begrüßen, wenn sie auf freiwilliger Basis passieren und nicht eine imperialistische Unterordnung bedeuten. Wird eine Nation, wie im Falle Palästinas, unterdrückt, ist ihre Befreiung in einen eigenen, souveränen Nationalstaat notwendig und ein Fortschritt. Ein Fortschritt deshalb, weil erst dadurch eine eigenständige Ökonomie aufgebaut werden kann, die Klassen sich entfalten und formieren können und der Grundwiderspruch (zwischen Kapital und Arbeit) zum Hauptwiderspruch (den es als nächstes strategisch zu überwinden gilt) werden kann. 

Natürlich ist es auch möglich, dass eine nationale Befreiungsrevolution unter kommunistische Führung gelangt und dass sie innerhalb relativ kurzer Zeit in eine sozialistische Revolution hinüberwächst (wie etwa in China, Vietnam oder Kuba). Und natürlich ist dieses Szenario das weitaus beste. Dieser Fortschritt besteht aber eben auch dann, wenn in diesem erkämpften Staat zunächst die Bourgeoisie die Macht übernimmt, wenn reaktionäre oder autoritäre Kräfte das Ruder an sich reißen – und auch dann, wenn es islamische Kräfte tun, die keinen säkularen oder liberalen bürgerlichen Staat errichten, sondern einen theokratischen. Jeder Einzelfall muss konkret bewertet werden. Entscheidend ist dabei für Kommunisten zunächst die Frage, ob dieser Staat politisch und möglichst auch ökonomisch souverän ist, ob er die Produktivkräfte entfalten kann, die Arbeiterklasse anwachsen lässt, den Lebensstandard der Volksmassen, die unter der nationalen Unterdrückung in aller Regel extrem leiden, verbessert. Das sind die harten, materiellen Kriterien, anhand derer wir Fortschritt bemessen. „Weichere“ Kriterien, solche des Überbaus, wie Meinungsfreiheit oder etwa ein Recht, Alkohol zu trinken, anhand derer die westlichen Liberalen so gerne feststellen, ob ein Land „frei“ und „demokratisch“ oder aber eine „Diktatur“ ist, sind für Materialisten selbstverständlich zweitrangig. Wie absurd das ganze ist, soll hier einmal versinnbildlicht werden: In Palästina werden täglich Kinder ohne Anklage auf unbestimmte Zeit eingekerkert oder direkt erschossen. Das ist nur möglich, weil die Zionisten die Palästinenser als Nation kollektiv unterdrücken. In welchem Verhältnis steht dazu die Möglichkeit, dass eine Hamas-Regierung es verbietet, Shisha zu rauchen oder Frauen drängt, ein Stück Stoff auf dem Kopf zu tragen (was sie übrigens beides in Gaza kurz versucht und dann aufgegeben hat)? Man hat teilweise den Eindruck, wenn es um den Islam geht, werden knallharte Kommunisten, hartgesottene Geopolitiker und durch und durch rational denkende Materialisten zu hedonistischen Liberalos und Individualisten, denen Alkoholkonsum und Parties wichtiger sind als die Verteidigung gegen ausländische Besatzer oder die Überwindung totaler Armut und Verelendung der Massen.

Siedlerkolonialismus überwinden ohne Entkolonisierung und Entsiedlung?

Neben latenter Islamfeindlichkeit und weitreichender Ignoranz gegenüber den realen Positionen des islamischen Widerstands drückt sich in den oben dargelegten Ängsten vor einer drohenden „Vernichtung“ der Juden in oder ihrer „Vertreibung“ aus Palästina in palästina-solidarischen Kreisen meinem Eindruck nach noch etwas anderes aus: Und zwar eine diffuse Empathie für oder sogar Identifizierung mit den Siedlern. Ich will hier nicht herumpsychologisieren. Angesichts der Realität in Palästina, in der das Leben von Millionen von Palästinensern buchstäblich nichts wert ist, in der die Menschen dort tagtäglich massakriert werden – gerade die jungen Männer sterben wie Fliegen; nahezu jede der heldenhaften Widerstandsaktionen gegen den übermächtigen Feind gerät zur Märtyrermission –, muss man sich allerdings einmal ernsthaft fragen, was Linke in Deutschland dazu treibt, sich derartige Sorgen um die Zukunft der Unterdrücker zu machen!

Trotzdem versuche ich auch diesen Punkt einmal ernst zu nehmen und darauf einzugehen: Dass es einem nicht behagt, jemanden, der in einem Land geboren ist, wofür er natürlich nichts kann, eine feste Rolle zuzuschreiben, etwa die desjenigen, der sein Geburtsland eben verlassen muss, weil er ins „falsche Lager“ hineingeboren wurde, ist schließlich grundsätzlich nachvollziehbar. Nun ist es ja aber zunächst so, dass wir als Marxisten Menschen durchaus kategorisieren, und zwar nach objektiven Kriterien: Arbeiter sind nicht revolutionär, weil sie klüger, edler oder radikaler sind, und erst recht nicht jeder einzelne von ihnen, sondern sie sind es als Klasse in erster Linie aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess. Und Kapitalisten beurteilen wir auch nicht nach ihrem persönlichen Charakter. In sozialistischen Revolutionen wurden (und werden auch künftig) Kapitalisten (wie auch Großgrundbesitzer und Adelige) in „Sippenhaft“ genommen: Ihnen wurde nach Möglichkeit alles weggenommen, ihre Familien wurden in aller Regel ins Exil getrieben oder interniert, die, die vor Ort in Freiheit blieben, verloren generationenübergreifend ihr Wahlrecht und ihre Kinder wurden dem proletarischen Nachwuchs gegenüber, dessen Nachteile es auszugleichen und den es zum neuen Führungspersonal zu machen galt, benachteiligt. Auch all das war nicht schön. Es war aber notwendig und daher legitim (und wird es wohl auch künftig wieder sein).

Ein anderes, näher am Thema liegendes Beispiel: Auch die BDS-Bewegung handelt letztlich nach dem Prinzip der „Sippenhaft“ bzw. der kollektiven Inverantwortungnahme, denn schließlich ruft die Bewegung zu Sanktionen auf, etwas das wir in der Regel als gegen die Völker gerichtete Kriegspolitik ablehnen; werden diese Sanktionen aber von unten gegen den Willen der Herrschenden erzwungen, etwa gegen das Apartheidregime in Südafrika oder eben das in Palästina, ist der Charakter von Sanktionen ein völlig anderer. Zudem ruft die Bewegung zum kulturellen und akademischen Boykott auf. Dabei werden israelische Künstler und Akademiker mit zur Verantwortung gezogen. Anfang August etwa wurde ein israelisches Modell aus einem ägyptischen Hotel geschmissen. Natürlich war das eine „diskriminierende“ Maßnahme. Sie war aber genau richtig, denn die Siedlerbevölkerung ist eben unmittelbar mitverantwortlich – und angesichts der Tatsache, dass Ägypten zu den Vorreitern in Sachen „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Ländern ist, war dieser Rauswurf umso mehr zu begrüßen und kann als Akt der „Zivilcourage“ gelten. Zudem: Was ist schon das Unbehagen und eine schlaflose Nacht einer Person, die in „ihrem“ Land als „Herrenmensch“ lebt, gegen das Leid der Palästinenser? Trotzdem würde niemand außer knallharten Zionisten behaupten, BDS oder dieser Rausschmiss des israelischen Modells sei antisemitisch.

Was nun die Frage der „Vertreibung“ angeht (für alle, die nicht mehr ganz mitkommen: ja, wir reden hier über eine rein hypothetische, in der Zukunft liegende Vertreibung der Zionisten, nicht die reale und seit Jahrzehnten anhaltende Vertreibung der Palästinenser…): Es geht nicht darum, dass alle Siedler systematisch aus ganze Palästina vertrieben werden sollen oder dass dies auf jeden Fall passieren wird. Wie oben beschrieben, verfolgt keine der wichtigsten Widerstandskräfte ein solches Ziel. Wir müssen aber damit rechnen, dass es zu Fluchtbewegungen kommt, wenn Palästina endlich befreit wird. Zum einen wird es sich um Fluchtbewegungen und ja, auch um Vertreibungen aus der Westbank handeln – diese würde es im Übrigen auch im Zuge einer Zweistaatenlösung in den Grenzen von 1967 geben, wie sie von ihren linken Vertretern gefordert wird, während zugleich, wie oben dargelegt, das 1948 besetzte Palästina endgültig ethnisch gereinigt würde. Aber es wird im Zuge der vollständigen – also der meiner Meinung nach einzigen möglichen – Befreiung Palästinas auch dazu kommen, dass Siedler das Land vollständig verlassen. Dies wird vermutlich weniger mit Vertreibungen zusammenhängen, als viel mehr mit der tiefsitzenden Angst und dem enormen Hass, den jede Siedlerbevölkerung gegenüber den von ihr beraubten, vertriebenen und unterdrückten, als „rassisch“ und kulturell minderwertig angesehenen Indigenen verspürt. Sie fürchten nachvollziehbarer Weise, das ihnen ihre Verbrechen heimgezahlt werden; sie halten die Kolonisierten zudem für wilde Tiere. Und: Sie wollen sie nicht in ihrer Nachbarschaft, im Supermarkt, oder an ihrem Arbeitsplatz haben; sie wollen nicht mit ihnen rechtlich gleichgestellt sein, sie wollen ihnen gegenüber keine Minderheit sein und sie wollen keine von dieser Mehrheit gewählte Regierung über sich haben. Aus Algerien etwa flohen nach der Befreiung fast alle Siedler innerhalb kürzester Zeit, ohne dass es zu nennenswerten Racheakten gegen sie gekommen wäre. Schon jetzt verlassen mehr Israelis Palästina als zuziehen. Und die, die gehen, sind noch die vernünftigeren; die die zurückbleiben sind mittlerweile in der großen Mehrheit Faschisten und/oder religiöse Fundamentalisten. Wir müssen aber auch einsehen, dass Vertreibungen nicht nur menschlich nachvollziehbar, sondern vor allem auch legitim sind, wenn es nämlich um die Rückeroberung des geraubten Bodens geht. Wie sonst soll sich die rechtmäßige Bevölkerung Palästinas ihr Recht und ihr Heim zurückholen, wenn sie es nicht in Besitz nimmt? Die Enteignung der Enteignerlx ist schließlich ein Kernprinzip kommunistischer Politik: Wenn die Stunde des Siedlerkolonialismus schlägt, werden die Landräuber das Land verlieren. Klar ist: In der Realität werden viele Palästinenser ihr Recht auf Rückkehr nicht wahrnehmen, so dass den (vermutlich nicht allzu vielen) Siedlern, die bleiben wollen, genug Platz bleibt und sie vielleicht auch gar nicht enteignet werden, sondern lediglich eine Entschädigung fällig wird.

Nationale Befreiung statt Utopismus!

Das alles hängt selbstverständlich von den konkreten Bedingungen und den Kräfteverhältnissen ab, unter denen die Befreiung Palästinas sich vollziehen wird. Klar ist natürlich, dass diese Befreiung in der Realität auf sehr verschiedene Arten ablaufen kann: Es kann zu einer Befreiung ganz Palästinas in kürzester Zeit kommen oder aber über die Etappe eines Ministaates in den 67er-Gebieten; durch einen Volkskrieg, durch einen konventionellen Krieg, durch einen Bürgerkrieg unter den Siedlern, durch revolutionäre Umbrüche in der Region oder in anderen Teilen der Welt, die den westlichen Imperialismus im Nahen Osten implodieren lassen, oder durch internationalen Druck auf Israel; die Befreiung selbst kann extrem blutig ablaufen oder relativ friedlich und durch Verhandlungen; sie kann in einem Jahr erfolgen oder in 100 Jahren; sie kann direkt in den Bürgerkrieg, in verschiedene Formen bürgerlicher Staaten oder in den Sozialismus führen. Einerseits ist es müßig, eine Prognose zu wagen. Andererseits ist es mit Blick auf die Strategie vor Ort natürlich nicht unwichtig, entsprechende Diskussionen zu führen. Am sinnvollsten erscheint, dass sich die Palästinenser in erster Linie auf ihre eigene Kraft verlassen, denn schon früher wurden sie verraten oder enttäuscht, und das zu Zeiten, in denen es mächtige antikoloniale und sozialistische Bewegungen in der Region und weltweit gab; heute ist die Lage ungleich ungünstiger. Aus genau diesem Grund erscheinen mir Positionen, die davon ausgehen, Palästina könne realistisch erst im Zuge einer revolutionären Umwälzung in der gesamten Region befreit werden, wie es etwa von Marx21 vertreten wird,lxigefährlich, weil sie die Befreiung Palästinas auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben drohen.

Das gilt umso mehr für Positionen, die die nationale Befreiung Palästinas an eine sozialistische Revolution in Palästina (manchmal sogar in der gesamten arabischen Welt) knüpfen. Dabei wird meist argumentiert, dass ein gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen Israelis/Juden und Palästinensern nur im Sozialismus möglich sei. So argumentieren u. a. die Bolshevik Tendency (BT),lxii Klasse gegen Klasse (KgK)lxiii oder der Kommunistische Aufbau (KA),lxiv aber auch die MLPD. Der Unterschied zwischen KgK und BT einerseits und MLPD andererseits besteht darin, dass letztere immerhin so realistisch ist, diese Perspektive in naher Zukunft für eher unwahrscheinlich zu halten; ihre Konsequenz ist aber letztlich der Verrat am palästinensischen Volk, indem sie die sog. Zweistaatenlösung als „realpolitische“ Alternative anpreist.lxv Der KA scheint sich in dieser Frage nicht festlegen zu wollen.lxvi Dass ein gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen den Religions- und Volksgruppen nur im Sozialismus möglich sei, ist indes nichts anderes als eine unbelegte, dafür aber mit revolutionären Phrasen vernebelte Behauptung. Wie dargelegt, steht dem Zusammenleben in Palästina von indigener Seite nichts im Weg (genau wie früher in Südafrika, Algerien usw.) Es liegt am Ende an den Siedlern, ob sie dazu bereit sind. Das scheint bei den aller meisten nicht der Fall zu sein. Rücksicht muss man darauf nicht nehmen – außer natürlich man hängt einem unmarxistischen Moralismus oder aber dem Irrglauben an, es handle sich bei dieser Kolonialbesatzung um eine Nation.

An dieser falschen Annahme krankt übrigens auch die Forderung nach einem „binationalen“ Staat, dann jedenfalls wenn damit tatsächlich die Meinung verknüpft ist, es gäbe (mittlerweile) eine israelische oder hebräische Nation,lxviiwie etwa von BT behauptet.lxviii Die Siedler mögen heute (nach mehreren Generationen, die in Palästina geboren wurden, durch das viele zusammengeraubte Land und ein gewisses kulturelles Zusammenwachsen) der historischen Gesellschaftsstufe einer Nation näher sein als noch 1948. Trotzdem ist diese Entwicklung, wie oben dargelegt, nicht abgeschlossen und sie wird nicht abzuschließen sein, außer durch den vollendeten Genozid an den bzw. die endgültige Vertreibung der Palästinenser.

Gemeinsam diskutieren und falsche Positionen überwinden!

Ein Großteil der kommunistischen Bewegung, sowohl in Deutschland als auch international, steht noch vor dem notwendigen Schritt, endlich die falsche Doktrin von der „Zweistaatenlösung“ zu überwinden. Das heißt konkret, Israels „Existenzrecht“ endlich klar und deutlich zu verneinen, stattdessen die Befreiung ganz Palästinas zu fordern und sich so auf eine konsequent antikoloniale Position zu stellen. Dieser Schritt ist nach bald 150 Jahren zionistischer Kolonisierung, 75 Jahren anhaltender Nakba und 30 Jahren Betrug von Oslo überfällig! In Deutschland steht hier vor allem die DKP als größte und relevanteste Kraft der kommunistischen Bewegung in der Verantwortung. Aber auch MLPD, Gegen die Strömung und andere sich als kommunistisch verstehende Organisationen sollten ihre falschen Positionen endlich verwerfen. Dafür muss man sich aber überhaupt erst einmal konkret mit dem Thema beschäftigen. Meinem Eindruck nach gibt es eine solche Beschäftigung bei der DKP oder auch der KPD, die sich bislang kaum zum Thema geäußert hat, so gut wie gar nicht, zumindest gibt es kaum entsprechende Veröffentlichungen. Die Voraussetzung für die Einsicht in diese Notwendigkeit liegt natürlich überhaupt erst einmal in der Erkenntnis, dass das Thema Palästina eine hohe politische Relevanz hat, gerade hier in Deutschland.lxix KA oder auch Young Struggle äußern sich dagegen häufiger zu Palästina – aber sie beziehen meines Wissens keine klare Haltung bezüglich der Zweistaatendoktrin. Nicht zuletzt deshalb ist ihre nach außen präsentierte palästina-solidarische Haltung inhaltlich letztlich doch schwer greifbar.

Aber auch jene Genossen, die offen für eine Einstaatlösung eintreten, müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern ihre Vorstellung von diesem künftigen Staat den strategischen Notwendigkeiten einerseits und den politischen Möglichkeiten andererseits entspricht. Oftmals scheint es sich nämlich viel mehr um eine Projektion zu handeln, bei der etwa die nationale Befreiung an Träumereien vom Sozialismus gekettet und so ad absurdum geführt wird. Die Palästinenser in ihrer absoluten Mehrheit kämpfen nicht für eine Utopie, sondern weil sie müssen, weil es für sie ein Kampf auf Leben und Tod ist, der ihnen von den Zionisten und vom westlichen Imperialismus aufgezwungen wird. Wollen wir, dass die Utopie, die wir als Kommunisten miteinander teilen, Realität wird, müssen wir uns vom Utopismus verabschieden, stattdessen die objektiven Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten erkennen, und im Rahmen dieser den Interessen der Arbeiterklasse und der Völker dienen! Das heißt es, so meine ich, Kommunist zu sein und für den Sozialismus zu kämpfen.

i Die Palästinensische Nationalcharta vom 17. Juli 1968, https://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/plo_charta.html.

ii Zitiert nach Azmy Bischara: Zur Entwicklung der politischen Doktrin der PLO, in: Neuhaus / Sterzing (Hrsg.): Die PLO und der Staat Palästina. Analysen und Dokumente zur Entwicklung der PLO, Frankfurt am Main: Haag + Herchen 1991, S. 28.

iii 1956 hatten sich Israel, Frankreich und Großbritannien vor allem aufgrund US-amerikanischen und sowjetischen Drucks aus Ägypten zurückziehen müssen, auch wenn sich das ägyptische Volk zugleich heldenhaft gegen die Dreieraggression zur Wehr setzte.

iv Ebenda S. 27. Hervorhebung N. B.

v 10-Punkte-Programm, 12. Sitzungsperiode des Palästinensischen Nationalrates (1.-8. Juni 1974), https://www.yumpu.com/de/document/read/25120021/10-punkte-programm-1974-vom-1.

vi Tatsächlich zwang die Erste Intifada, also die massenhafte politische Mobilisierung in der Westbank, 1988 Amman dazu, endlich von seinen Ansprüchen auf das Westjordanland abzulassen.

vii Helga Baumgarten: Palästina. Befreiung in den Staat. Die palästinensische Nationalbewegung seit 1948, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 246 f.

viii Ägypten hatte 1978/79 als erstes arabisches Land Frieden mit Israel geschlossen und das zionistische Regime damit offiziell anerkannt.

ix Gerrit Hoekmann: Zwischen Ölzweig und Kalaschnikow. Geschichte und Politik der palästinensischen Linken, Münster: Unrast 1999, S. 175.

x Ein weiterer Punkt ist der, dass die Intifada sich zwar stets zur PLO bekannte, sie als einzig legitime Vertretung der Palästinenser akzeptierte und politisch von den PLO-Mitgliedsorganisationen bzw. der PLO geführt wurde. Sie war aber zugleich auch ein Aufstand von unten, der spontan begann und in dem sich die Massen mit den Volkskomitees eigene (Macht-)Strukturen schufen, die sich zwar in erster Linie gegen die israelische Besatzung und ihre Kollaborateure richteten, aber eben auch das Potential hatten, die PLO-Elite in Bedrängnis zu bringen.

xi Die Golfstaaten reduzierten ihre finanzielle Hilfe für die PLO drastisch und wiesen zudem hunderttausende palästinensische Arbeitsmigranten aus, die zu den wichtigsten Verdienern der Palästinenser gehörten. 

Zusätzlich zur neuen unipolaren Weltordnung, in der die USA nun allein bestimmen konnten, wer gut und wer böse war, und in der ihre regionalen Alliierten an Macht gewannen, kam noch erschwerend hinzu, dass der Irak es sich auch mit den anderen anti-westlich ausgerichteten Regimen in der Region, nämlich Syrien und Iran, verscherzt hatte: 1980, unmittelbar nach der dortigen Revolution, hatte der Irak das Nachbarland Iran angegriffen und so einen achtjährigen, äußerst blutigen Krieg vom Zaun gebrochen. Die beiden im Irak und in Syrien herrschenden Baath-Parteien indes waren seit den 1960er Jahren verfeindet; Syrien unterstützte daher nicht nur den Iran ab 1980, sondern auch den Westen 1991 gegen den Irak.

xii Leon Wystrychowski: Zwischen Kolonialismus, nationaler Befreiung und Klassenkampf: Die palästinensische und israelische Linke. Ein historischer Überblick, Berlin: AphorismA 2023, S. 13.

xiii Eine Beurteilung ist auch deshalb so schwer, weil die bürgerliche Literatur Stalin bzw. der Sowjetunion sowohl Antisemitismus als auch Araber-Feindlichkeit anlastet und die gesamte sowjetische Außenpolitik aus geo- und machtpolitischen Interessen herleitet, während Stalin-Apologeten wiederum das Verhalten der UdSSR entweder einfach rechtfertigen (so etwa die MLPD und in absolut ekelhaftester Weise die Gruppe Gegen die Strömung) oder aber die Mitverantwortung der Sowjetunion für die Nakba herunterspielen; letzteres gilt auch für die DDR-Literatur. (Wystrychowski, S. 13.) Dass die Tschechoslowakei damals (gemeinsam mit Ungarn und Jugoslawien) Waffen an die Zionisten lieferte und sogar zionistische Kampfpiloten ausbildete, dürfte unumstritten sein. Die Vermutung, dass sie dafür grünes Licht aus Moskau bekamen, liegt zwar nahe, stützt sich meines Wissens aber lediglich auf Vermutungen, nicht auf Quellen. Eine umfassende, faktenbasierte und schonungslos selbstkritische Auseinandersetzung aus marxistisch-leninistischer Perspektive steht jedenfalls noch aus. Dafür bedürfte es allerdings nicht zuletzt der Forschung in sowjetischen Archiven.

xiv Rede des sowjetischen Delegierten der sozialistischen Sowjetunion vor der UNO, 14.5.1947 (77. Plenarsitzung), in: Der UN-Teilungsplan für Palästina und die Gründung des Staates Israel (1947/48), Offenbach: Olga Benario und Herbert Baum 2002, S. 111.

xv In derselben Rede behauptete Gromyko, sowohl die Araber als auch das „jüdische Volk“ hätten gleichsam „historische Wurzeln in Palästina“. (Ebenda, S. 112.) Im November desselben Jahres erklärte er erneut, „beide“ könnten „tiefverwurzelte historische Bindungen zu diesem Land aufweisen.“ (Der Repräsentant der Sowjetunion vor der UNO am 26. November 1947. Aus dem Sitzungsprotokoll der 125. Plenartagung der UNO, 26.11.1947, in: ebenda, S. 112.) Dies konnte in Wahrheit aber nur für die palästinensischen Juden gelten, nicht für die europäischen Siedler. Gromyko folgte damit einem weiteren zionistischen Mythos, nämlich dem, dass die Juden in Europa tatsächlich die in der „Diaspora“ lebenden Nachkommen der Hebräer waren, die im Zeitraum vor etwa 2000-2500 Jahren in Palästina lebten, und nicht mehrheitlich zum Judentum konvertierte Europäer. Davon abgesehen, dass ein Anspruch auf eine „Rückkehr“ nach 2000 Jahren absurd ist, könnten sämtliche Christen der Welt auf genau dieselben „historischen Wurzeln in Palästina“ verweisen, niemand würde daraus folgern, dass sie ein „Recht“ auf Palästina hätten.

xvi Josef Stalin: Marxismus und nationale Frage, https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1913/natfrage/kap1.htm.

xvii Ebenfalls 1982 gründete sich eine Palästinensische Revolutionäre Kommunistische Partei in Ablehnung der Linie der PKP. Sie bestand allerdings nur aus wenigen Leuten und wurde nicht von Moskau anerkannt. Ihr Primat lag auf dem bewaffneten Kampf gegen Israel und sie gehörte zu den entschiedenen Gegnern von Oslo. 2015 starb ihr Vorsitzender Arabi Awwad.

xviii Diese Konferenz wurde 1991 von den USA und Israel vorangetrieben und sollte einen „Frieden“ zwischen Israel und den arabischen Ländern herstellen. Wie von Israel diktiert, war die PLO nicht zugelassen, nahm aber inoffiziell teil, was zu scharfer Kritik an der PLO-Führung von palästinensischer Seite führte. Die Gorbatschow’sche Sowjetunion spielte die zweite Geige, gehörte aber neben Spanien und den USA zu den offiziellen Initiatoren.

xix Musa Budeiri: Class and nation. Arab and Jewish communists in Palestine, in: Feliu / Izquierdo-Brichs (Hrsg.): Communist Parties in the Middle East. 100 Years of History, London/New. York: Routledge 2019, S. 144.

xx Der Hintergrund für die Überarbeitung des Programms war, dass PFLP und DFLP durch ihre Strategie, die den Sturz der jordanischen Monarchie auf die Tagesordnung setzte, den Schwarzen September im Herbst 1970 (zumindest mit) provoziert hatten. Unmittelbar danach begannen in der DFLP Diskussionen über die daraus zu ziehenden Konsequenzen. (Naser Khalil: Nayef Hawatmeh (DFLP). Wegbereiter und Kritiker einer friedlichen Beilegung des Palästinakonflikts, Magisterarbeit an der Uni Freiburg (WS 2009/2010), S. 65-70.) Wie oben erläutert, waren auch das Etappen-Programm und die im Zusammenhang damit eingeführten taktischen und schließlich strategischen Änderungen bei der PLO zunächst stark von der Notwendigkeit getrieben, den jordanischen Ansprüchen auf die Westbank zu begegnen.

xxi Vgl. Baumgarten S. 245.

xxii Khalil, S. 66 f.

xxiii John Bunzl: Die Sowjetunion und der Nahe Osten. Elemente einer Analyse, in: Bunzl / Flores / Rasoul: Falscher Alarm? Studien zur sowjetischen Nahostpolitik, Wien: Wilhelm Braumüller 1985, S. 74. Dabei ist zwar auffällig, dass die Durchsetzung der Etappen-Theorie innerhalb der DFLP zeitgleich mit der Annäherung an die Sowjetunion erfolgte, ein Zusammenhang, etwa dahingehend, dass die UdSSR auf das Programm der DFLP Einfluss nahm, wird meines Wissens nach aber weder in der Fachliteratur noch von Seiten der DFLP selbst aufgemacht.

xxiv Martin Robbe: Scheidewege in Nahost. Der Nahostkonflikt in der Vergangenheit und Gegenwart, Berlin: Militärverlag der DDR 1987, S. 315.

xxv Hoekmann, S. 119 f.

xxvi Khalil, S. 75 f.

xxvii So legitimiert sie etwa bis heute Angriffe auf die Siedlerbevölkerung auch in Israel. Derlei Gewalt gegen die „Zivilbevölkerung“ ist aber eigentlich nur zu rechtfertigen, wenn man die zionistische Entität eben nicht als Nationalstaat anerkennt, sondern als Besatzungsregime und deren nicht-palästinensische „Bürger“ als Teil dieser Besatzungsmacht versteht. Andernfalls würde es sich tatsächlich um Terrorismus bzw. um Kriegsverbrechen handeln, diese Menschen ins Visier zu nehmen. 

xxviii In den späten 80ern kämpfte sie innerhalb der PLO für einen „kämpferischen Etappismus“, trat dann aber erneut aus dem PLO-Exekutivkomitee aus, als klar wurde, dass die Fatah– und PLO-Führung mehrheitlich für eine Zweistaaten-Kapitulation eintraten. (Hoekmann, S. 201.) 

xxix Baumgarten, S. 246.

xxx Bischara, S. 30.

xxxi Hierzu heißt es sowohl auf dem Cover als auch der ersten Innenseite des Programms: „Die damalige Zustimmung unserer Partei zum Teilungsbeschluss von 1948 mag taktisch und vorübergehend richtig gewesen sein, aber die Fakten, die uns heute vorliegen, beweisen, dass sie strategisch und historisch falsch war.“ (The Political Program of the Palestinian Communist Party (3. Auflage vom September 2018).)

xxxii Die einstimmig, d. h. auch von der Sowjetunion, im UN-Sicherheitsrat angenommene Resolution forderte einerseits den Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten und andererseits den Friedensschluss mit und die Anerkennung von Israel durch die arabischen Länder. (Resolution 242 (1967) vom 22. November 1967, https://www.un.org/depts/german/sr/sr_67/sr242-67.pdf.)

xxxiii Political Program, S. 4.

xxxiv Neben der PKP gibt es noch die Palestinian People’s Party (PPP). Sie entstand im Oktober 1991 aus einer Mehrheit in der KP, die sich vom Marxismus lossagte und zu einer sozialdemokratischen Partei umwandelte. Trotzdem ist auch die PPP bis heute eine Schwesterorganisation der DKP und Teil von Solidnet. Sie hält an der Zweistaatendoktrin fest.

xxxv Historic Drop in Support for Two-State Solution among Palestinians, Israelis, https://www.palestinechronicle.com/historic-drop-in-support-for-two-state-solution-among-palestinians-israelis/.

xxxvi Petra Wild: Die Krise des Zionismus und die Ein-Staat-Lösung. Zur Zukunft eines demokratischen Palästinas, Wien: Promedia 2015, S. 141.

xxxvii Ebd. S. 191.

xxxviii Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm.

xxxix Ilan Pappé: Was ist los mit Israel? Die zehn Hauptmythen des Zionismus, Neu Isenburg³: Cosmics 2017, S. 57 f.

xl Ebd. S. 105.

xli Petra Wild: Siedlerkolonialismus und Apartheid in Palästina, http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24091.

xlii Ebd.

xliii Wild: Krise des Zionismus, S. 137.

xliv Ebd. S. 153 f.

xlv Ebd. S. 154.

xlvi Beschluss der 3. Fatah-Konferenz von 1971, zitiert nach Baumgarten, S. 239.

xlvii Zitiert nach ebd.

xlviii Wild: Krise des Zionismus, S. 131-35, 142 f.

xlix Die Kräfte in der Hamas, die die nationale Befreiung Palästinas und die dafür notwendigen guten Beziehungen zur Achse Teheran-Damaskus-Beirut auch über ihre traditionelle internationale Einbindung in das Netzwerk der Muslimbruderschaft, aus der die Hamas ja stammt, stellen, geben (erfreulicherweise) gerade in die letzten Jahren verstärkt den Ton an. (The Radle: ‚Regime change‘ in Hamas and a return to Syria, https://new.thecradle.co/articles/regime-change-in-hamas-and-a-return-to-syria.)

l Khaled Hroub: Hamas. Die islamische Bewegung in Palästina, Heidelberg: Palmyra 2010, S. 71.

li Wild: Krise des Zionismus, S. 154.

lii Hamas: A Document of General Principles and Policies (1. Mai 2017), https://hamas.ps/en/post/678/A-Document-of-General-Principles-and-Policies.

liii Ebd.

liv Erik Skare: A History of Palestinian Islamic Jihad. Faith, Awareness, and Revolution in the Middle East, Cambridge: Cambridge University Press 2021, S. 39 f. Die Hamas dagegen beschrieb den Konflikt zunächst sowohl als einen kolonialen als auch einen inter-religiösen.

lv Hoekmann, S. 45.

lvi Meir Hatina: Islam and salvation in Palestine. The Islamic Jihad Movement, Tel Aviv: Moshe Dayan Center for Middle Eastern and African studies, S. 52.

lvii So hält sich etwa das Gerücht, die Hamas sei von Israel aufgebaut worden. Dafür gibt es aber keinerlei Belege. Wahr ist, dass die Zionisten möglicherweise die Muslimbruderschaft (MB), die in Palästina in den 1950-80er Jahren eine weitgehend quietistische, d. h. apolitische und passive Haltung einnahm, Geld zum Bau von Moscheen gab. Sie erhofften sich davon eine Schwächung der nationalen Befreiungsbewegung. Sowohl Helga Baumgarten als auch Jean-Pierre Filiu gegen nicht von einer direkten Unterstützung der MB durch Israel aus. (Helga Baumgarten: Kampf um Palästina. Was wollen Hamas und Fatah?, Freiburg im Breisgau: Herder 2013, S. 56-66, 202 Fußnote 59.) Für Gerüchte, wonach die Hamas die PFLP in den 2000er Jahren physisch angegriffen habe, habe ich bis heute keine Belege gesehen.

lviii Zu letzterem haben wir als KO in unseren letzten Stellungnahmen schon ein wenig geschrieben: KO: Intifada bis zum Sieg!, KO: 75 Jahre Nakba – 75 Jahre zionistische Kolonisation Palästinas. Außerdem bin ich in meinem letzten Diskussionsbeitrag ebenfalls ein wenig darauf eingegangen: Noel Bamen: Mit palästina-solidarischen Vorsätzen in die zionistische Hölle: Eine Kritik an den „Grundlinien“ der MLPD zum palästinensischen Befreiungskampf.

lix Bamen, MLPD. Und: Noel Bamen: Thesen zu Afghanistan.

lx Karl Marx: Das Kapital Band 1, http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_741.htm#Kap_24_7.

lxi Marx21: https://www.marx21.de/faq-wie-steht-marx21-zur-befreiung-palaestinas/; Ramsy Kilani: https://youtu.be/CSrpwYVTZjc?t=2851.

lxii BT: Permanente Revolution und Palästina. Vom nationalen Volkskrieg zum internationalen Klassenkampf, https://bolsheviktendency.org/2021/09/05/permanente-revolution-und-palastina/; BT: Israels Angriff auf Pazifisten, https://bolsheviktendency.org/2019/03/10/israels-angriff-auf-pazifisten/.

lxiii Im Absolutheitsgrad etwas unterschiedlich: Benny: Ist das Existenzrecht Israels unverhandelbar?,https://www.klassegegenklasse.org/ist-das-existenzrecht-israels-unverhandelbar/; Achmed Zmero: Nakba: 75 Jahre israelische Gewalt gegen Palästina, https://www.klassegegenklasse.org/nakba-75-jahre-israelische-gewalt-gegen-palaestina/; Nathaniel Flakin / Thaddeus Greene: Es gibt keine Demokratie in der Apartheid, https://www.klassegegenklasse.org/es-gibt-keine-demokratie-in-der-apartheid/.

lxiv KA: 75 Jahre Nakba: Internationale Solidarität für Freiheit und Frieden in Palästina!, https://komaufbau.org/75-jahre-nakba-internationale-solidaritaet-fuer-freiheit-und-frieden-in-palaestina/

lxv Auf die Positionen der MLPD bin ich bereits an anderer Stelle eingegangen. (Bamen, MLPD.) Im Nachhinein schien es nicht klug, die MLPD in der Überschrift und im Titelbild so hervorzuheben, da viele den Text nicht lesen wollten, weil sie die MLPD für „irrelevant“ halten. Zum einen ist es aber so, dass die MLPD nur stellvertretend kritisiert wird; ihre Positionen sind in der linken und kommunistischen Bewegung weit verbreitet. Zum anderen kann ich die allermeisten Kritiken an der MLPD zwar voll und ganz nachvollziehen. Allerdings tritt die MLPD mit ihrer Palästina-Solidarität für deutsche Verhältnisse relativ offensiv auf (anders als etwa die DKP), hat dafür in der Vergangenheit auch bereits Repression erfahren und ist daher für einige Palästinenser ein relevanter Akteur. Darüber einfach hinwegzugehen, halte ich für überheblich.

Im Übrigen hat die MLPD mittlerweile auf meine Kritik an ihren Palästina-Positionen mit einer Antwort reagiert. (Reinhard Funk: Die Sackgasse des kleinbürgerlichen Nationalismus eines Noel Bamen, https://kommunistische-organisation.de/artikel/reinhard-funk-mlpd-die-sackgasse-des-kleinbuergerlichen-nationalismus-eines-noel-bamen/.) Der vorliegende Text von mir war allerdings schon fertig, als diese Antwort bei uns eingereicht wurde und nimmt daher keinen direkten Bezug auf sie, auch wenn ich hier einige der dort angeführten Behauptungen meine, zu widerlegen.

lxvi So schon mein Eindruck im Frühjahr 2023. (Bamen, MLPD.)

lxvii Das Konzept einer solchen „hebräischen Nation“ entstand Ende der 1950er Jahre in „linkszionistischen“ und kommunistischen Kreisen in Israel; es war der Versuch, die jüdische Siedlergesellschaft vom Judentum zu lösen und nach säkularen kulturnationalistischen Kriterien umzudefinieren. Dieses Konzept wurde später auch von der trotzkistisch geprägten antizionistischen Matzpen übernommen. (Lutz Fiedler: Matzpen. Eine andere israelische Geschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017, S. 183-89.)

lxviii BT, Permanente Revolution und Palästina.

lxix Dazu wird hoffentlich bald ebenfalls ein Text bei uns erscheinen.

Podcast #39 – Wolfram Elsner: Die USA auf dem absteigenden Ast und die Rolle Chinas

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Im Juli hatten wir Wolfram Elsner zu Gast. Er spricht mit uns über die gegenwärtigen Veränderungen in der Welt. Stehen die USA noch an der Spitze der Weltordnung? Was ist die Bedeutung und Rolle der Volksrepublik China? In den Blick genommen werden dabei Veränderungen der letzten Jahre im Bereich der Wirtschaft, Politik, und auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet. Zunehmend drängt sich die Frage eines nächsten großen Krieges auf.

Spaltung und Selbstzensur: Der Antikriegstag 2023

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Rund um den diesjährigen Antikriegstag waren wir in BerlinBremenChemnitzDresden, Duisburg, DüsseldorfErfurtEssenFrankfurt am MainLeipzigMannheim und Neuss auf der Straße. Wir traten mit kämpferischen Positionen gegen die NATO auf, warben für den anstehenden Kommunismus Kongress, verteilten unsere Kongress-Zeitung und unsere diesjährige Stellungnahme zum Weltfriedenstag, hielten Reden, trugen das Grußwort des ukrainischen Genossen Alexej Albu von Borotba vor und führten Diskussionen. Außerdem organisierten wir an diesem Wochenende mehrere Veranstaltungen zu den Themen Antiimperialismus und nationaler Befreiung in Bezug auf Westafrika, die Ukraine und das BRICS-Bündnis sowie zu unserem Vorhaben eines kommunistischen Klärungsprozesses.

Zwischen NATO-Sprech und Selbstzensur 

Wie schon im letzten Jahr und zuletzt bei vielen Ostermärschen war auch auf den allermeisten Kundgebungen zum diesjährigen Antikriegstag die Rede vom „russischen Angriffskrieg“. Zudem wurde häufig eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Ukrainekrieg eher vermieden, um stattdessen auf die sozialen Folgen der Aufrüstung und des Wirtschaftskriegs für Deutschland zu sprechen zu kommen. Interessanter- und umso bedauerlicherweise waren dafür nicht nur Kräfte verantwortlich, die selbst eine äquidistante Position vertreten, sondern auch solche, die eigentlich eine starke Anti-NATO-Haltung an den Tag legen. Derlei Selbstzensur wurde meist damit begründet, man „müsse die Leute da abholen, wo sie stehen“. Wir halten Selbstzensur und die Wiederholung von NATO-Floskeln allerdings nicht für die korrekte Anwendung dieser grundsätzlich richtigen Devise. In verschiedenen Städten hatten wir zudem den Eindruck, dass die Teilnehmer und das Publikum der Proteste durch diese Politik eher enttäuscht und gelangweilt wurden und mit der Zeit abgeschreckt werden.

Es gab jedoch auch Veranstaltungen, die explizit eine äquidistante Position vertraten und die somit in der Konsequenz den antirussischen Kurs der Bundesregierung von ‚links‘ aus mit vermeintlich friedenspolitischen Positionen legitimieren. So etwa in BerlinFrankfurt am Main und Leipzig. Das Hauptanliegen dieser Veranstaltungen bestand in der Gegnerschaft zum „russischen Angriffskrieg“. Die Forderung an die Bundesregierung zum Stopp der Waffenlieferung muss vor diesem Hintergrund notwendig widersprüchlich ausfallen, auf jeden Fall verhallt sie.

Linkspartei: vor der Spaltung oder der Zersplitterung?

Die Rolle und die bevorstehende Spaltung der Partei Die Linke (PdL) begegnete uns in mehreren Städten. In Berlin etwa nahmen führende Persönlichkeiten der PdL eine zentrale Rolle bei einer Demonstration ein, die sich dezidiert mit ihrer äquidistanten Positionierung als Alternative zur traditionellen Antikriegstags-Kundgebung inszenierte. In anderen Städten, wie etwa Bremen oder Neuss, traten mit Amira Mohamed Ali und Andrej Hunko dagegen PdL-Vertreter als zentrale Redner auf, die dem sog. Wagenknecht-Lager zugerechnet werden. Teile der Friedensbewegung scheinen auf die Kräfte dieses „Lagers“ zu hoffen. Doch wie wir bereits an anderer Stelle kritisierten, kommen auch von Wagenknecht und Co. vor allem pazifistische Phrasen, während man den Ukrainekrieg und seine politische Bedeutung selbst weitgehend ausklammert, um sich auf soziale Fragen zu fokussieren.

Angesichts der Gerüchte um die Auflösung von Marx21i scheint es mit Blick auf die PdL richtiger zu sein, von einer Zersplitterung denn von einer Spaltung zu sprechen, die sich aktuell anbahnt: Neben den beiden großen Lagern, auf die auch die bürgerlichen Medien schauen, gibt es in der Linkspartei zahlreiche kleinere, meist linksradikale und trotzkistische Zusammenhänge, die in der Auseinandersetzung zwischen dem sog. Wagenknecht- und den sog. linksliberalen Lager sozusagen zwischen den Stühlen stehen. Das Zerfallen der PdL wird wahrscheinlich einige Kräfte freisetzen, die bisher in dieser Partei gebunden waren. Dennoch zeigt die Tatsache, dass Teile von Marx21 offenbar mit Parolen über einen „nationalen Befreiungskampf“ der Ukraine gegen Russland kokettieren, dass es sich nicht zwangsläufig um die fortschrittlicheren oder linkeren Kräfte innerhalb der Partei handelt.

Berichte aus einzelnen Städten

In Berlin trat die Spaltung der Friedenskräfte in diesem Jahr ganz offensichtlich zu Tage. Neben der Kundgebung zum 1. September, die traditionell von der Friedenskoordination Berlin (FriKo) ausgerichtet wird, organisierten Kreise aus der Linkspartei (PdL), der Interventionistischen Linken (iL), der Antifa Nord-Ost (NEA) und weiterer Organisationenii eine Demonstration am 2. September, die sich explizit politisch von der Veranstaltung der FriKo abgrenzte. Neben Janine Wissler und Gesine Lötzsch trat u. a. auch Christine Buchholz (alle drei PdL) mit einer Rede vor Ort auf. Sie brachte den politisch diffusen und gefährlichen Kurs der Versammlung in einem Tweet auf den Punkt: „Weder Putin noch NATO. Solidarität mit dem Widerstand gegen den Krieg in Russland, der Ukraine und anderswo.iii Zuvor hatte sie auch in der jungen Welt erklärt, das Bündnis positioniere „sich unmissverständlich gegen den russischen Krieg in der Ukraine (…) und genauso unmissverständlich gegen die Eskalation seitens der NATO und der Bundesregierung“.iv Die Kundgebung zog im Unterschied zur Kundgebung der FriKo wahrnehmbar mehr junges Publikum an, vorrangig aus dem Umfeld linksradikaler Kräfte aus Berlin und „roter Gruppen“. Überschneidungen zur Kundgebung der FriKo tags zuvor bildeten lediglich Einzelpersonen. Zahlenmäßig waren beide Veranstaltungen mit etwa 700 Teilnehmern etwa gleich stark.

Als KO traten wir sichtbar mit Transparent und unserer KoKo-Zeitung auf der FriKo-Kundgebung auf. Von vielen Teilnehmern gab es Zuspruch zu unserer sehr klaren Losung „Stoppt den Krieg gegen Russland!“ und Interesse am Kommunismus Kongress. Auch hier wurde in den Reden deutlich, dass es zur Einschätzung des Krieges und der Rolle Russlands weiterhin große Unklarheiten und verschiedene Sichtweisen gibt. Es ist eine gemeinsame Aufgabe, diesen Dissens anzupacken, um den Krieg, die damit zusammenhängenden weltweiten Entwicklungen und die Rolle Deutschlands darin besser zu verstehen. Das Hauptanliegen der FriKo-Kundgebung, gegen Aufrüstung in der BRD und Waffenlieferungen in die Ukraine mobil zu machen, wurde dennoch sehr deutlich und wurde übereinstimmend geteilt.

In Bremen nahmen wir mit etwa 300 weiteren Demonstranten an der Kundgebung des Friedensforums unter dem Titel „Alle Kriege beenden“ teil. Auf Schildern trugen wir die Forderungen „Stoppt den Krieg gegen Russland!“ und „NATO raus aus der Ukraine!“ auf die Straße.

Obwohl relevante Teile des Friedensforums eine klare Anti-NATO Position vertreten, wurde diese nicht klar nach außen vertreten. Teilnehmer, die sich eine konsequente Kritik an der NATO wünschten, versuchte man, mit Verweisen auf „die Vorgeschichte“ des Ukrainekriegs abzuspeisen. So war die Veranstaltung leider von linksradikaler Äquidistanz einerseits und hohlem Pazifismus andererseits geprägt. Durch beides war das gesamte Auftreten weitgehend entpolitisiert: Die Linksradikalen boten ihre revolutionär klingenden Phrasen feil, die Pazifisten warnten vor einer eher abstrakten Weltkriegsgefahr, hatten aber keine konkreteren Vorschläge als die Parole „Frieden jetzt!“ anzubieten.

In Chemnitz führten wir gemeinsam mit der Chemnitzer Friedensinitiative und der DKP eine Kundgebung in der Innenstadt durch. In den Reden wurde immer wieder auf die Kriegstreiberei der NATO-Staaten hingewiesen, wie auch auf die sozialen Verschlechterungen in Deutschland. Auch diesmal kamen unsere klaren Positionen gegen die NATO und den Kriegskurs der Bundesregierung bei der Mehrheit der Teilnehmer sehr gut an. 

In Dresden versammelten wir uns gemeinsam mit DKP, SDAJ und einer lokalen Friedensinitiative am 1. September vor der Frauenkirche, um unsere Positionen gegen die deutsche Kriegspolitik und die weltweite NATO-Aggression an die Bevölkerung heranzutragen. Während NATO-Apologeten unter den Passanten sich nur selten auf Gespräche einließen, konnten wir viele spannende Diskussionen rund um die Rolle des Westens in der Welt führen. Auch die Bedeutung rechter Kräfte für die sächsische Friedensbewegung wurde häufig zum Thema. Eine Diskussion um die Rolle Russlands in der Ukraine am Ende der Veranstaltung zeigte allerdings noch einmal deutlich die Notwendigkeit von vertiefter Klärung unter uns Kommunisten zugunsten einheitlicher und kämpferischer Positionen.

Anschließend haben wir an einer Versammlung der Linkspartei zum Weltfriedenstag teilgenommen. Nicht wenige Redner blieben sehr allgemein und wichen damit den kontroversen Themen aus – oder aber sie verschafften sich mit einer Verurteilung des „russischen Angriffskrieges“ eine Eintrittskarte in den herrschenden Pro-NATO-Diskurs. Da dies absehbar war, fokussierten wir uns in unserem Redebeitrag inhaltlich auf Niger und die Notwendigkeit internationaler Solidarität mit den Kämpfen der Völker gegen den Neokolonialismus und die westliche Vorherrschaft. Die Reaktionen auf die Rede waren sehr positiv und einige Teilnehmer kamen danach auf uns zu und drückten ihre Zustimmung zu unserem Beitrag und zu unseren klaren Anti-NATO-Positionen aus, die im Kontrast zur Mehrheit der teilnehmenden Organisationen standen.

Am 2. September stellten wir bei einer Veranstaltung zahlreichen Teilnehmern, die tags zuvor die Kundgebungen besucht hatten, sowie Genossen aus der kommunistischen- und Friedensbewegung unseren Klärungsprozess vor und diskutierten auf einem Podium die nationale und koloniale Frage vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs und der Ereignisse in Westafrika.

In Duisburg fand am 1. September eine Kundgebung des lokalen Bündnisses Heizung, Brot und Frieden statt, an der sich etwa 40 Leute beteiligten. Die Aktiven im Bündnis vertreten klare Anti-NATO-Positionen, auch im Ukrainekrieg. Allerdings lag der Fokus der Kundgebung eher allgemein auf der postulierten „Weltkriegsgefahr“, der Verantwortung Deutschlands und des Westens für Kriege in der ganzen Welt, auf dem Zusammenhang zwischen Krieg, Aufrüstung und Sozialabbau oder auch auf dem Befreiungskampf der Palästinenser. In den Redebeiträgen von Vertretern der Linkspartei, dem Friedensforum und von ATIF war die Rede vom „russischen Angriffskrieg“. Dagegen setzte das Grußwort von Alexej Albu, das einer unserer Genossen vortrug, andere Akzente: „Russland hat uns, die Menschen im Donbass, vor der ukrainischen Armee gerettet.“ Das Grußwort des Genossen zog die Teilnehmer sichtlich in Bann und erntete lauten Applaus. 

In Frankfurt beteiligten wir uns an der Kundgebung zum Antikriegstag, zu der der DGB, die Naturfreunde, die Friedens- und Zukunftswerkstatt sowie weiteren Organisationen aufgerufen hatten. Die Kundgebung mit etwa 200 Teilnehmern war geprägt von pazifistischen Redebeiträgen, die Krieg im Allgemeinen verurteilten und das Leid der betroffenen Menschen beklagten. Der Demo-Aufruf ist ein Ausdruck für den anhaltenden, wohl aber seit Februar 2022 beschleunigten Niedergang der deutschen Friedensbewegung. Er fordert als erstes Russland auf, alle Truppen zurückzuziehen, und bekräftigt das „Selbstverteidigungsrecht“ der Ukraine. Damit ist jede Frage nach der Rolle der NATO vom Tisch, keine Rede davon, welche Gründe es für den Krieg gibt und erst recht keine Verurteilung der NATO als Aggressor. Konsequenterweise werden Waffenlieferungen nicht abgelehnt. Es wurde zwar beklagt, dass in den Medien „wahllos nach immer mehr Waffen“ gerufen werde, aber zugleich gelte es auch, „alte Gewissheiten immer wieder zu überprüfen, um nicht in Dogmen zu verharren: wir müssen Fakten, Argumente und Überzeugungen abwägen, ausgewogen argumentieren und solidarisch diskutieren.“v Das ist in der Konsequenz nichts anderes als eine Rechtfertigung für Waffenlieferungen. „Solidarisch diskutieren“ heißt hier, in der Friedensbewegung Positionen durchzusetzen, die Waffen an die NATO-Marionetten befürworten!

Die Friedens- und Zukunftswerkstatt veröffentlichte einen eigenen Aufruf, in dem sie zumindest eindeutig die Ablehnung von Waffenlieferungen betonten.vi Es ist anzunehmen, dass sie sich mit dieser Forderung im gemeinsamen Aufruf mit dem DGB und anderen Organisationen nicht durchsetzen konnten, weshalb sie einen eigenen Aufruf formulierten.

Der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD hatte ebenfalls einen Aufruf veröffentlicht und eine eigene Demo organisiert. Dieser Aufruf bringt es fertig, kein einziges Wort zum aktuellen Krieg in der Ukraine zu verlieren, und nur allgemeine Phrasen zu dreschen. Entsprechend fehlen hier auch Positionen gegen Waffenlieferungen oder gegen die NATO-Aggression gegen Russland.vii

Nach der zentralen Kundgebung gab es eine kleinere Demo der Föderation klassenkämpferischer Organisationen, einer Sammlung von Vorfeldstrukturen des Kommunistischen Aufbaus, an der sich u. a. auch Young Strugglebeteiligte. Der Aufruf stellt NATO und Russland bzw. China gleich. Er wendet sich zwar gegen Aufrüstung und die Etablierung einer Kriegswirtschaft und die NATO-Staaten Türkei, Deutschland und USA werden für „blutige Angriffskriege“ kritisiert. Zu einer eindeutigen Position gegen die NATO-Aggression gegen Russland und gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine kann er sich jedoch nicht durchringen.viii

Politisch war dieser 1. September in Frankfurt ein Ausdruck der Misere der Friedensbewegung, die nicht einmal in der Lage dazu ist, sich klar und eindeutig gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine zu stellen. Grund dafür ist, dass die herrschende Propaganda, die Ukraine und die NATO verteidigten sich, weitgehend übernommen wurde und kaum auf Widerspruch gestoßen ist. 

Dabei ergänzen sich einerseits pazifistische Positionen, die Kriege generell ablehnen und dabei nicht explizit die NATO als Aggressor benennen, sowie andererseits äquidistante bzw. linksradikale Parolen, die allgemein gegen Kriege aufrufen und betonen, die Arbeiterklasse sollte sich nicht instrumentalisieren lassen. Jedoch unterlassen sie es, die konkrete Aggression seitens des deutschen Imperialismus und der NATO klar anzusprechen.

Unsere Genossen vor Ort haben Flyer und KoKo-Zeitungen verteilt und viele Gespräche geführt. Dabei fiel auch hier auf, dass viele mit dem Zustand der Friedensbewegung unzufrieden sind und ebenso viele der Meinung sind, dass die NATO verantwortlich für den Ukrainekrieg ist. Wie wir erfahren haben, gibt es mittlerweile auch einige eher informelle Diskussionszirkel und Austauschrunden, in denen versucht wird, sich ein wirkliches Bild über die Lage zu machen. Ansätze für eine konsequente Anti-NATO-Bewegung gibt es also, wenn auch vermutlich noch eher sehr kleine.

In Leipzig organisiert seit mehr als 15 Jahren der Personenkreis rund um das Bündnis Leipzig gegen Krieg (LgK) die zentrale Kundgebung zum Weltfriedenstag. Auch wir nahmen an der diesjährigen Veranstaltung teil und gestalteten sie aktiv mit. In diesem Jahr meldeten jedoch Vertreter der PdL schon weit im Voraus eine eigene Veranstaltung an dem Ort an, der üblicherweise auch von LgK genutzt wird. Wohlwissend, dass Leipzig gegen Krieg bereits mit den Vorbereitungen begonnen hatte, hielten es die Vertreter der PdL nicht für nötig, ihre Veranstaltung gemeinsam mit dem Bündnis zu organisieren bzw. sich – wie auch in den Jahren zuvor – im Rahmen des Bündnisses in die gemeinsamen Vorbereitungen des Weltfriedenstages einzubringen. Stattdessen lud die PdL das Bündnis ein, sich an ihrer Veranstaltung zu beteiligen – vorausgesetzt natürlich, man stimme der Verurteilung Russlands als „Hauptkriegstreiber“ zu. Denn in ihrem Aufruf hatten die Initiatoren den wichtigsten Störfaktor für den Weltfrieden schnell ausgemacht, wo es einleitend heißt: „Der aktuelle 1. September wird überschattet vom Angriffskrieg Russlands in der Ukraine“.ix Unterstützung erhielt die PdL von ihrem Studierendenverband, dem SDS, aber auch vom Kommunistischen Aufbau und dessen Vorfeldorganisationen sowie von der ehemaligen Fraktion der KO (von uns als „KO-ML“ bezeichnet). 

Vor dem Hintergrund dieses unsolidarischen Verhaltens und der Gefahr, sich auf der Kundgebung der PdL in der Redefreiheit einschränken zu müssen, zog es das Bündnis vor, eine eigene Kundgebung anzumelden und ein klares Zeichen gegen die Aggression der NATO und des deutschen Imperialismus zu setzen. Mit dabei waren die DKP, die SDAJ, einige Vertreter der DFG-VK, AufstehenFriedenswende 2023 und der MLPD sowie zahlreiche Einzelpersonen, die im Bündnis aktiv sind. Trotz Regens kamen etwa 150 Leute zusammen. In unserer Rede betonten wir die Gefahren, die von der NATO und dem deutschen Imperialismus für die Völker der Welt ausgehen und stellten heraus, dass der Krieg nur eines der Mittel der westlichen Imperialisten ist, die Massen zu unterwerfen, während hunderttausende den Folgen von Sanktionen zum Opfer fallen. In anderen Redebeiträgen wurde der Kriegskurs der Bundesregierung kritisiert, die Einschnitte in die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und die Rolle der NATO als gefährliche Kriegstreiberin herausgestellt. Lediglich die MLPD warnte vor dem „imperialistischen Kriegskurs Russlands und Chinas“.

Am Rande der Demonstration, welche im Anschluss an die Kundgebung durch die Leipziger Innenstadt zog, kam es zu verbalen Auseinandersetzungen mit zum Teil organisierten Rechten. Vorfälle wie diese zeigen, dass die Auseinandersetzung mit rechten Kräften in der Friedensbewegung, die im Windschatten linker Forderungen Agitationsfläche suchen, sehr wichtig ist.

Unsere Kongress-Zeitung stieß auf großes Interesse und in Gesprächen wurden immer wieder interessierte Fragen zu unserem bevorstehenden Kommunismus-Kongress und unseren Positionen zum Ukraine-Krieg und den Kämpfen in Afrika gestellt. Einzelne Mitglieder der Linkspartei äußerten sich darüber hinaus verärgert über den Kurs ihrer Partei in der Kriegsfrage und deren unsolidarische Gegenveranstaltung.

Am 2. September veranstalteten wir eine Diskussion zum Thema BRICS. Bis in den späten Samstagabend wurde in einem gut gefüllten Saal über die Chancen, aber auch über die Grenzen des BRICS-Bündnisses im Kampf der internationalen Arbeiterklasse für Sozialismus und nationale Befreiung diskutiert. Insbesondere die BRICS-Bank als ein Gegenmodell zur Herrschaft des westlichen Finanzkapitals wurde immer wieder als Beispiel für den unterschiedlichen Charakter zwischen dem trikontinentalen Staatenbündnis und den G7 hervorgehoben. Trotzdem wurde in vielen Redebeiträgen deutlich, dass die von den BRICS erreichten Fortschritte nur ein kleiner, wenn auch wichtiger, Beitrag für den Kampf der Arbeiterklasse sein können, deren Befreiung selbstverständlich nur ihr eigenes Werk sein kann.

An der Kundgebung in Neuss beteiligten sich lediglich 18 Leute, was angesichts der Tatsache, dass das Friedensbündnis NRW, das die Veranstaltung beworben hatte, sonst regelmäßig deutlich mehr Leute nach Düsseldorf mobilisiert, verwundert. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass das Bündnis sonst Personen aus der Region anzieht, die am 1. September lokal eingebunden waren. Vor Ort traten die Linkspartei, DKP, DFG-VK und die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) erkennbar auf. 

Hauptredner war Andrej Hunko (Die Linke). Er kritisierte in erster Linie die Bundesregierung für die Waffenlieferungen an die Ukraine, den Wirtschaftskrieg gegen Russland und das Fehlen von Verhandlungsbereitschaft. Über die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs wurde so gut wie gar nicht gesprochen und auch die Kriegsziele der beiden Seiten wurden nicht thematisiert. Dies würde erfordern, die Frage nach der Schuld und der Verantwortung für den Krieg in Ukraine und nach dem wahren Aggressor zu beantworten, etwas, wovor die Friedensbewegung zurückschreckt und was bekanntlich in Deutschland mittlerweile schnell juristisch geahndet wird. 

i https://www.klassegegenklasse.org/marx21-vor-der-spaltung/

ii Unterzeichner des Aufrufs: „Rheinmetall Entwaffnen Berlin, DIE LINKE, AG Krieg und Frieden der IL Berlin, Naturfreunde Berlin, Internationale der Kriegsdienstgegner:innen, Internationalistische Jugendkommune Berlin, Revolutionäre Perspektive Berlin, North East Antifa [NEA], solid Berlin, Internationale Jugend Berlin, Internationalistischer Abend Berlin, Informationsstelle Militarisierung e.V., Solinetzwerk Berlin, Hände weg vom Wedding, SDS Berlin“.

iii https://twitter.com/ch_buchholz/status/1697999181216899481?s=20

iv https://www.jungewelt.de/artikel/458104.krieg-und-frieden-machtkampf-zwischen-nato-und-russland.html

v https://frankfurter-info.org/news/frankfurter-aufruf-zum-antikriegstag-2023

vi https://frankfurter-info.org/news/antikriegstag-es-darf-kein-vergessen-geben

vii https://frankfurter-info.org/news/krieg-dem-krieg

viii https://föderation-klassenkampf.org/antikriegstag-am-1-september-kein-frieden-mit-dem-kapitalismus/

ix https://www.die-linke-in-leipzig.de/home/home/aktuell/detail/fuer-frieden-und-solidaritaet-2/

Ende vom Ende der Geschichte

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Leitartikel der Zeitung zum Kommunismus Kongress 2023.

Angst vorm Dschungel 

Joe Biden, Olaf Scholz, Emmanuel Macron, Richi Sunak, Ursula von der Leyen und die weiteren Vertreter der G7 sehen die „internationale regelbasierte Ordnung“ in Gefahr. „Autoritäre Staaten“, allen voran Russland und China, würden die Regeln und Werte dieser liberal-demokratischen Ordnung mit Gewalt angreifen. NATO und EU treten an sie zu verteidigen. So geht ihre Erzählung. Josep Borrell, hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, spitze dieses Bild im Oktober 2022 bereits in völlig absurder Weise metaphorisch zu: 

„Europa ist ein Garten […] alles funktioniert. Es ist die beste Kombination aus politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt, die die Menschheit je aufbauen konnte. […] Der größte Teil der übrigen Welt ist ein Dschungel. Und der Dschungel könnte in den Garten einfallen. Und die Gärtner sollten sich darum kümmern.“ 

In der Tat, die NATO-Länder rüsten ihre militärischen Kapazitäten so massiv auf wie nie zuvor und breiten sich mit der Aufnahme von Finnland und Schweden weiter aus. In Europa stiegen die Ausgaben für Kriegsgerät 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent. Die USA haben – mit politischer Rückendeckung ihrer europäischen Partner – Streubomben in die Ukraine geschickt. Ein großer Krieg scheint gefährlich nah. Die „regelbasierte Ordnung“ von der die Vertreter der führenden imperialistischen Länder fabulieren, hat den Faschismus in der Ukraine massiv aufgebaut. Nach über 80 Jahren schießen deutsche Panzer wieder gegen Russland und versetzen damit über Jahre lauernde deutsche Großmachtstrategen, wie den SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil, in Hochstimmung: 

„Nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung hat Deutschland heute eine neue Rolle im internationalen Koordinatensystem. […] Als Führungsmacht muss Deutschland ein souveränes Europa massiv vorantreiben. Deutschland kann nur stark sein, wenn Europa stark ist.“ 

Anhaltender Kampf um Befreiung  

Ihre „regelbasierte Ordnung“ ist nichts anderes als die Herrschaft des amerikanischen und europäischen Finanzkapitals, die bereits blut- und schweißtriefend zur Welt kam: 

„Die unbeschreibliche Unterjochung, die unmenschliche Versklavung und Zwangsarbeit, die einfache Ausrottung ganzer Völker und Stämme, so, daß nicht einmal ihr Name übrigblieb, war notwendig, um das stolze Gebäude zunächst des europäischen und dann auch des europäisch-amerikanischen Kapitalismus und seiner ganzen so sehr von sich eingenommenen materiellen und geistigen Zivilisation zu erbauen.“ 

So geschrieben und verabschiedet im Manifest der Gründungskonferenz, der maßgeblich von der Komintern mitinitiierten Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit 1927 in Brüssel. Die Vereinnahmung und Kontrolle der geistig-materiellen Welt durch die imperialistischen Räuber konnte sich in den fast 100 Jahren seitdem und insbesondere mit der Niederlage des sozialistischen Lagers, steigern und perfektionieren.  

Schuldenabhängigkeit, Strukturanpassungsprogramme, subversive NGO-Tätigkeit, Farbrevolutionen, gekaufte Wahlen, Militärputsche, Kontrolle über Medien und Öffentlichkeit usw. – ein buntes Arsenal politischer, wirtschaftlicher, informationeller und militärischer Waffen. Das, was Marx und Engels im Kommunistischen Manifest über die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise sagen, beschreibt vergleichbar den grundsätzlichen Mechanismus zur Durchsetzung imperialistischer Dominanz: 

„Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“ 

Der Kampf um staatliche und wirtschaftliche Souveränität, gegen koloniale und neokoloniale Unterdrückung und Abhängigkeit musste in Widerspruch zur Herrschaft des westeuropäisch und amerikanischen Finanzkapitals geraten. Die objektive Ausgangslage der nationalen Befreiungsbewegung des 20. Jahrhunderts brachte sie in eine grundsätzliche Gegnerschaft zum Imperialismus. Herausragende Revolutionäre aus Asien, Afrika und Lateinamerika wie Walter Rodney oder Amílcar Cabral (die vielfach in unserer kommunistischen Debatte fehlen) erkannten und wiesen nach, dass die Entwicklung Europas und Nordamerikas untrennbar verbunden war mit der anhaltenden Unterentwicklung der „dritten Welt“. Eine eigene und unabhängige Entwicklung musste gegen ebendiese Kräfte erkämpft werden, die die Blutspur ihrer kolonialen Verbrechen als „zivilisatorische“ Mission verklärten.  

Über Jahrzehnte bildete das sozialistische Lager unter Führung der Sowjetunion den Kern des Widerstands gegen den Imperialismus und stellte eine konkrete Perspektive für seine historische Aufhebung dar. Ihre wirtschaftliche Potenz und politische Macht schuf Handlungsspielräume für antikoloniale Kämpfe und junge Nationalstaaten. Ihre ideologische Gegnerschaft zum Imperialismus schuf Raum für eine offene und scharfe Entlarvung (neo-) kolonialer Verbrechen und die Verbreitung revolutionärer Positionen. Die Kommunistische Internationale erkannte Anfang des 20. Jahrhunderts in den nationalen Befreiungsbewegungen ihre natürlichen Verbündeten, im Kampf gegen den Imperialismus, obgleich sie um den meist (klein-)bürgerlichen Klassenhintergrund ihrer Führer wusste und ihre Widersprüchlichkeit und relative Beschränktheit erkannte. Der Kampf um nationale Befreiung wurde als zentraler Teil des international geführten Klassenkampfes begriffen. 

Neue Spielräume – neue Perspektiven? 

Mit der Niederlage des sozialistischen Lagers gewann die Dominanz der führenden imperialistischen Staaten an Boden. Führende Strategen des US-Imperialismus sahen eine Zeit der USA zur alleinigen Supermacht gekommen. Es sollte sichergestellt werden, dass sich weder in Westeuropa oder Asien noch auf dem ehemaligen Gebiet der Sowjetunion ein Rivale herausbilden könne. 

Was bedeutet es also, wenn Emmanuel Macron auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz sagte, er sei „schockiert darüber, wie sehr wir im globalen Süden an Glaubwürdigkeit verlieren“; wenn nur rund 40 Länder weltweit die Sanktionspolitik des Westens gegenüber Russland unterstützen; wenn fast 20 Länder einen offiziellen Aufnahmeantrag für die BRICS stellen; oder wenn Saudi-Arabien das System des Petrodollars offen in Frage stellt? Der Krieg der NATO gegen Russland wirkt wie ein Brandbeschleuniger einer dynamischen Strukturveränderung der nach dem zweiten Weltkrieg etablierten US-geführten imperialistischen Ordnung. Protektionismus und Entkopplung statt internationalem Freihandel? Die internationale Arbeitsteilung, Handelsrouten und Produktionsketten werden umgebaut. 

Eine veränderte Stimmung und ein gewachsener Spielraum scheinen in den sogenannten Entwicklungsländern Einzug erhalten zu haben. Stärker werden eigene Interessen artikuliert und auf die blutige Geschichte kolonialer und neokolonialer Unterdrückung verwiesen. Die aufstrebende ökonomische Potenz Chinas ist ein wesentlicher Faktor, der den wirtschafts- und handelspolitischen Handlungsspielraum vieler Länder erweitert. Politiker der G7-Länder haben das erkannt und erhöhen ihre diplomatischen Bemühungen, um die Länder des „globalen Südens“ in ihrem Einflussbereich zu halten. Was hat das mit dem Sozialismus zu tun? 

Die Debatte und den Klassenkampf international führen 

Nun handelt es sich bei den Ländern, die sich mal mehr mal weniger offen in Gegnerschaft zur neokolonialen Politik des „Westens“ bringen, längst nicht um sozialistische Kräfte (die Debatte zur Einschätzung Chinas sei ausgeklammert). Im Gegenteil, vertreten Regierungen wie die unter dem indischen Modi oder dem südafrikanischen Ramaphosa eine teils reaktionäre, volksfeindliche Politik. Antikommunismus spielt keine geringe Rolle. Was kann also überhaupt die reale Wirkung einer solchen Entwicklung sein? Während ein Teil der Kommunisten vor Illusionen in eine friedlichere multipolare Welt warnen, heben andere hervor, dass im Zurückdrängen der vom Westen geführten imperialistischen Ordnung und  der NATO die Hauptaufgabe fortschrittlicher Kräfte liegt. Beides schließt sich nicht aus. Wie verlaufen Bündnislinien in einer sich anbahnenden Phase von imperialistischen Kriegen, revolutionären und konterrevolutionären Entwicklungen?  Welchen Platz nehmen Kämpfe gegen den Imperialismus im globalen Klassenkampf ein? Die internationale kommunistische Bewegung ist in diesen Fragen zerstritten, oftmals schwach und von der Arbeiterbewegung isoliert. Gewerkschaften und werktätige Schichten sind, insbesondere innerhalb der führenden imperialistischen Länder fest integriert in die globale Kriegs- und Raubpolitik der Monopolbourgeoisie.  

Die Situation verlangt mit Nachdruck die Internationalisierung unserer Debatte und Kämpfe. Wir wollen die Komplexitäten und Widersprüche unserer Zeit konfrontieren, scheuen keine schwierigen Fragen und scharfen Auseinandersetzungen und schließen uns dem historischen Optimismus des Manifests der Liga gegen Imperialismus (1927) an, in dem es heißt: 

„Nur Dummköpfe und jämmerliche Philister und Routiniers können glauben, daß die heutige Zivilisation und die ganze Zukunft der Welt auf Europa und auf die Vereinigten Staaten Amerikas beschränkt bleiben. Die nationale Freiheitsbewegung der asiatischen, afrikanischen und amerikanischen Völker ist ihrem Umfange nach eine Welterscheinung. Und nur sie wird – organisch verbunden und verwachsen mit dem Freiheitskampf des Proletariats der alten kapitalistischen Gesellschaft – unseren Planeten in eine ganz zivilisierte Welt verwandeln, nur sie wird durch die Befreiung der Welt ein neues Kapitel der Weltgeschichte beginnen, die zum ersten Mal wirklich Weltgeschichte, die Geschichte der Menschheit der ganzen Welt sein wird.“